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Irene Dorfner
ENDSTATION
Leo Schwartz ... und das Blutgeld
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
VORWORT
ANMERKUNG:
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Liebe Leser!
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Von der Autorin sind bisher folgende Bücher erschienen:
Über die Autorin Irene Dorfner:
Impressum neobooks
Impressum
Copyright © 2017 – Irene Dorfner
Copyright überarbeitete 2. Auflage 2021 –
© Irene Dorfner, Postfach 1128, 84495Altötting
www.irene-dorfner.com
All rights reserved
Lektorat: Felicitas Bernhart, Engelsberg;
Earl und Marlies Heidmann, Spalt
VORWORT
„Es gibt keinen größeren Köder als Verlangen, keinen größeren Fluch als Unzufriedenheit, kein größeres Missgeschick als Habgier.
Wer weiß, dass genug genug ist, wird immer genug haben.“
(Laotse, Philosoph)
Ich wünsche ganz viel Spaß beim Lesen des 21. Falles mit Leo Schwartz & Co.!!
Liebe Grüße aus Altötting
Irene Dorfner
ANMERKUNG:
Die Personen und Namen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Der Inhalt des Buches ist reine Fantasie der Autorin. Auch hier sind Ähnlichkeiten rein zufällig. Die Örtlichkeiten wurden den Handlungen angepasst.
…und jetzt geht es auch schon los:
1.
Leo Schwartz parkte seinen Wagen vor dem Gebäude der Polizeiinspektion im bayerischen Mühldorf am Inn. Er hatte Kopfschmerzen, die aber heute nicht vom übermäßigen Rotweinkonsum verursacht wurden, von dem er in letzter Zeit viel zu viel trank. Heute war der Grund einfach nur Föhnwetter, auf das er empfindlich reagierte. Wie in den vergangenen Wochen auch, hatte er dazu abermals schlecht geschlafen. Der Umstand, dass seine Exfreundin und frühere Chefin Viktoria Untermaier die Vertretung der erkrankten Kollegin Tatjana Struck übernommen hatte, gefiel ihm überhaupt nicht. Viktoria hatte ihn wegen eines vermeintlich guten Jobs verlassen und er hatte sehr darunter gelitten. Gerade als er anfing, darüber hinwegzukommen und eine Frau kennenlernte, die ihm gut gefiel, tauchte sie plötzlich wieder auf. Was sollte der Scheiß? Was wollte sie damit bezwecken? Die andere Frau konnte er vergessen, die hatte kein Interesse mehr an ihm. Warum hatte er sie auch einfach stehen lassen, als Viktoria wie aus dem Nichts vor ihm stand? Bis er klar denken und reagieren konnte, war die andere Frau weg.
Leo ging Viktoria aus dem Weg, er hatte keine Lust auf irgendwelche Erklärungen. Er hatte auch kein Interesse daran, alles Geschehene einfach unter den Teppich zu kehren und einen auf gute Kollegen zu machen. Seit Viktoria zurück war, hatte er so oft wie möglich Urlaub genommen. Jeder Tag, an dem er ihr nicht begegnete, war ein guter Tag. Viktoria war inzwischen fast drei Monate hier. Wie lange denn noch? Konnte sie nicht einfach wieder gehen? Spürte sie nicht, dass er unter ihrer Anwesenheit litt und ihm die Arbeit keinen Spaß mehr machte? Er hatte sich sogar dabei ertappt, dass er ernsthaft darüber nachdachte, einfach krankzufeiern, nachdem ihm weiterer Urlaub verweigert wurde. Aber das hatte er schnell wieder verworfen, das entsprach nicht seinem Charakter.
Als er aus dem Wagen vor der Polizeiinspektion Mühldorf stieg, atmete er die frische Frühlingsluft tief ein. Endlich war der in seinen Augen viel zu kalte Winter vorbei. Normalerweise liebte er es, wenn die Vögel wieder sangen und es von Tag zu Tag heller und wärmer wurde. Dieses Jahr war ihm das gleichgültig. Vom Parkplatz aus sah er Viktoria. Sie war bereits hier und stand am Fenster des gemeinsamen Büros der Mordkommission. Ja, er hatte sie gesehen und ihm wurde schlecht. Wie lange musste er sie noch ertragen?
Hans Hieblers Wagen fuhr auf den Parkplatz und Leo wollte auf ihn warten. Der Freund und Kollege stieg aus. Danach fuhr ein Wagen im hohen Tempo auf den Parkplatz und hielt direkt neben Hans. Eine Frau stieg aus, ließ den Motor laufen und die Wagentür offenstehen. Sie lief auf Hans zu. Es war offensichtlich, dass der Kollege die Frau nicht kannte, sonst hätte er anders reagiert. Die Frau klammerte sich an ihn, sie schien verzweifelt. Was war da los?
Hans Hiebler hatte Leo gesehen. Er war genervt, denn auch heute hatte Leo wieder eine Fresse auf, die er überhaupt nicht leiden konnte. Seit Viktoria hier war, benahm sich Leo wie ein geknüppelter Hund. Er ging ihr nicht nur aus dem Weg, sondern zog sich völlig zurück. Längst hatte er aufgehört, Leo dazu zu überreden, mit ihm auszugehen oder einfach nur gemeinsam abzuhängen. Hans hatte sich gefreut, als Viktoria vor ihm stand und er begriffen hatte, dass sie die Vertretung war. Er war sogar einige Male mit ihr ausgegangen. Aber auch darauf hatte er keine Lust mehr, denn Viktoria sprach nur von Leo und das Thema war ausgereizt. Was sollte er auch dazu sagen? Er verstand sie, aber auch Leo, der sehr unter ihrem Weggang gelitten hatte. Seit sie hier war, verkroch sich Leo und trank viel zu viel. Wann hörte das endlich auf? Hans hatte sich vorgenommen, endlich mit Leo zu sprechen. Wie oft er das in den vergangenen Wochen schon vorgehabt hatte, konnte er nicht mehr zählen. Ständig kam etwas dazwischen oder Leo hatte keine Lust auf ein Gespräch. Aber heute musste er ihn sich vornehmen, die Gelegenheit war günstig. Ja, er hatte auch gesehen, dass Viktoria am Fenster stand. Sollte sie doch, es war ihm egal.
Dann hielt plötzlich der Wagen neben ihm und eine ihm völlig fremde Frau klammerte sich an ihn. Wer war sie? Und was wollte sie von ihm? Sie stammelte unzusammenhängende Worte, deren Sinn er nicht verstand.
„Bitte beruhigen Sie sich. Was kann ich für Sie tun?“ Die Frau war etwa fünfzig Jahre alt. Sie machte auf ihn einen verwirrten Eindruck. Der Wagen war neu und teuer. Der dezente Schmuck, den sie trug, war echt, dafür hatte Hans ein Auge.
„Sie müssen helfen“, stammelte sie, wobei sie viele Worte verschluckte. „Mein Mann…Eichendorffstraße... Bitte…“ – mehr verstand Hans nicht.
Leo stand jetzt neben Hans und der Frau. Er sah seinen Kollegen an, auch er verstand kein Wort. Da Hans nicht reagierte, klammerte sich die Frau an Leo und sah ihn flehend an. Leo war völlig überfordert und wusste nicht, was er tun sollte.
Dann ging alles ganz schnell. Während die Frau versuchte, sich zu konzentrieren und die Worte klarer auszusprechen, fiel ein Schuss. Die Frau sah Leo in die Augen. Sie schien, wie er, nicht zu begreifen, was eben geschah. Dann folgte ein weiterer Schuss und sie sank in Leos Armen zusammen. Sie hatte ihm nach dem ersten Schuss etwas in die Tasche seiner alten Lederjacke gesteckt, was er jedoch nicht bemerkt hatte. Leo war erschrocken und konnte nur untätig zusehen, wie die Frau in seinen Armen starb. Es dauerte nur wenige Sekunden, die Leo wie eine Ewigkeit vorkamen. Instinktiv fühlte Leo den Puls der Frau, sah Hans an und schüttelte den Kopf. Hans hatte sofort nach dem ersten Schuss Deckung genommen und registrierte erleichtert, dass Leo in Ordnung war. Da dieser ihn nur anstarrte und keine Anstalten machte, ebenfalls in Deckung zu gehen, zog Hans seinen Freund und Kollegen unsanft zur Seite.
„Die Schüsse kamen von dort“, rief Hans und zog seine Waffe. Leo tat es ihm gleich.
„Ich sehe nichts“, rief Leo.
Sekundenlang war es totenstill. Dann hörten sie einen Motor aufheulen und einen Wagen, der mit quietschenden Reifen davonfuhr.
Viktoria hatte alles mit angesehen. Sie kapierte nur langsam, was direkt vor ihren Augen geschah. Sie hatte die Schüsse gehört und sah das Blut auf dem Rücken der Frau, die in Leos Armen zusammensackte. Sie war erleichtert, dass Leo nicht getroffen war. Sie griff zu ihrer Waffe und rannte zum Ausgang. Allen Kollegen, denen sie begegnete, rief sie zu: „Schusswechsel auf dem Parkplatz!“
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Es dauerte nicht lange, und der Parkplatz wimmelte von Polizisten. Viktoria löcherte Hans und Leo mit Fragen, aber die hatten keine Antwort darauf.
„Was hat die Frau gesagt? Ich habe gesehen, dass sie mit euch gesprochen hat“, drängelte sie weiter und weiter.
„Wir wissen nicht mehr. Wir vertrödeln hier nur unsere Zeit, verstehst du das nicht?“, blaffte Leo sie an. „Die Frau faselte etwas von ihrem Mann, wir müssen nach ihm sehen.“
Leo stieg zu Hans in den Wagen.
„Wo wollt ihr hin?“
„Eichendorffstraße.“
Viktoria sah den beiden hinterher. Was sollte das? Sie war vertretungsweise die Leiterin der Mordkommission und wurde hier vor allen wie ein dummes, kleines Kind behandelt. Durfte sie sich das gefallen lassen? Sie war wütend, vor allem auf Leo.
„Was ist hier los?“, wollte Rudolf Krohmer, der Chef der Polizeiinspektion Mühldorf wissen. Er war eben erst gekommen und fand dieses Chaos vor seiner Polizeistation vor. Viktoria unterrichtete ihn. Zumindest über das Wenige, das ihr bekannt war.
„Wer ist die Frau?“ Krohmer zeigte auf die Tote, deren Gesicht von ihm abgewandt war. Der Chef vermied es, wenn möglich, sich Opfer anzusehen. Vor allem so kurz nach dem Frühstück konnte er gerne darauf verzichten.
„Keine Ahnung. Sie hatte keine Papiere bei sich. Die Kollegen checken gerade das Kfz-Kennzeichen. Hiebler und Schwartz sind auf dem Weg zur Eichendorffstraße.“
„In Mühldorf gibt es keine Eichendorffstraße. Von welchem Ort sprechen wir? Was wollen die Kollegen dort?“
„Keine Ahnung. Was weiß ich denn schon? Mir sagt doch keiner was!“
Viktoria ließ den Chef stehen und ging wieder an die Arbeit. Krohmer sah ihr hinterher. Es war längst klar, dass es keine gute Idee gewesen war, die Kollegin Untermaier für die Vertretung der Kollegin Struck an Bord zu holen. Was immer auch zwischen ihr und dem Kollegen Schwartz ablief – er musste sich darum kümmern, dass endlich wieder Ruhe und Frieden einkehrte.
Viktoria war stinksauer. Am liebsten wäre sie weggefahren. Vor drei Wochen hatte sie einen Antrag auf Rückführung gestellt, der jedoch prompt abgelehnt wurde. Wie lange konnte sie die Situation noch ertragen? Als die Anfrage von Krohmer auf ihrem Tisch landete, hatte sie spontan zugesagt. Der Job in Berlin war nicht schlecht, aber sie fühlte sich einsam. Die dortigen Kollegen waren höflich und nett – mehr aber auch nicht. Man vermied privaten Kontakt, was sie mehr und mehr in die Einsamkeit drängte. Anfangs war sie noch euphorisch und war sich sicher, wenigstens zu ihren Nachbarn ein gutes Verhältnis aufbauen zu können. Aber man begegnete ihr mit Misstrauen und Ablehnung, was sie stark an ihre Anfänge seinerzeit in Mühldorf erinnerte. Im bayerischen Mühldorf am Inn wurde sie auch nicht mit offenen Armen empfangen, aber das hatte sich nach einigen Wochen gelegt und sie hatte Freunde gefunden, sehr gute Freunde. Die Situation in Berlin allerdings wurde nicht besser, auch wenn sie sich noch so sehr bemühte, Kontakte auch außerhalb des Jobs zu Kollegen und Nachbarn zu knüpfen. Es wurde ihr klar, dass alle nur ihre Ruhe haben wollten, und sie gab auf. In ihrer Freizeit saß sie allein zuhause und grübelte. Wenn sie ausging - und das kam immer seltener vor - dann ebenfalls nur allein. Sie hatte sich sogar schon überlegt, sich an eine Dating-Agentur zu wenden, verwarf den Gedanken aber schnell wieder. Wie verzweifelt war das denn? Als sie in Mühldorf eintraf, war sie euphorisch gewesen. Jetzt war sie nicht mehr allein. Hier hatte sie Freunde, die sie mochten und auf die sie sich früher immer hatte verlassen können. Hans Hiebler hatte sie mit offenen Armen empfangen, auch Werner Grössert strahlte, als er sie sah. Sogar Tante Gerda, Leos Vermieterin und Ersatzmutter, nahm sie in die Arme und hieß sie herzlich willkommen. Nur Leo war kalt und abweisend. Seitdem sie hier war, hatten sie kaum ein privates Wort gewechselt. So sehr sie sich auch bemühte, Leo ging ihr aus dem Weg. Er war während ihrer Zusammenarbeit nicht unhöflich, das konnte sie ihm nicht vorwerfen. Aber er konzentrierte sich auf das Wesentliche und sprach mit ihr nur über die Arbeit. Mehr nicht. Hatte sie ihn so sehr verletzt, als sie gegangen war? Würde er ihr jemals verzeihen? Sie wischte den Gedanken beiseite. Leo hatte die Chance gehabt, sie nach Berlin zu begleiten. Sie hätten dort gemeinsam ein neues Leben anfangen können, was für ihn aber nicht in Frage gekommen war. Es wäre für Leo kein Problem gewesen, in der Bundeshauptstadt einen Job zu finden. Aber er wollte nicht. Er zog es lieber vor, hier in der Provinz zu bleiben. Er hatte sich hier ein neues Leben aufgebaut und das wollte er nicht aufgeben. Sie musste zugeben, dass sie ihn irgendwie verstand. Auch deshalb hatte sie vorgeschlagen, die Beziehung trotz der großen Distanz weiterzuführen. Warum auch nicht? Vielen Paaren gelang das, warum also nicht auch ihnen? Aber Leo wollte das nicht, in dem Punkt blieb er stur. Er wollte seine Partnerin in seiner Nähe haben und hatte deshalb die Beziehung beendet. War es nicht auch an ihr, beleidigt und verletzt zu sein?
Leo waren Viktorias Befindlichkeiten gleichgültig. Er war von dem, was eben auf dem Parkplatz direkt vor seinen Augen geschehen war, noch völlig durcheinander. Er bemühte sich, gedanklich die Abläufe zu ordnen. Hans ging es ähnlich. Die beiden schwiegen während der Fahrt.
„Wo fährst du eigentlich hin?“
„In die Eichendorffstraße. Ich habe das Navi gespeist. Es gibt in Mühldorf keine Straße mit diesem Namen, das war mir klar, dafür aber in Töging.“
„Hat die Frau etwas von Töging gesagt?“
„Nein. Aber irgendwo müssen wir ansetzen. Bis wir die Identität der Toten haben, fahren wir nach Töging.“
Leos Handy klingelte, es war Viktoria. Warum rief sie ihn an und nicht Hans?
„Ja?“ Leo bemerkte selbst, dass sein Ton sehr unfreundlich klang. War das nicht verständlich? Schließlich war kürzlich eine Frau in seinen Armen getötet worden.
„Der Wagen der Toten läuft auf einen Uwe Esterbauer, Mühldorf, Klingenbergstraße 12. Die Tote ist dessen Frau Heiderose.“
„Wie kannst du dir da so sicher sein?“
„Weil ich ihr Bild vor mir auf dem Bildschirm habe. Denkst du, ich bin blöd? Wir sehen uns in der Klingenbergstraße.“
„Das ist nicht die Adresse, die die Frau Hans gegenüber erwähnt hat. Moment - sagtest du Esterbauer? Ist das nicht dieser Politiker der neuen Partei, dessen Gesicht man auf allen Wahlplakaten sieht?“
Viktoria ging nicht auf die Frage ein. Ihr sagte der Name nichts und sie wusste auch nicht, worauf Leo hinauswollte. Sie war politisch seit vielen Jahren festgelegt und interessierte sich deshalb nicht für Werbeplakate anderer Parteien.
„Fahrt bitte zu Esterbauer“, wiederholte sie nur.
Leo nahm das Handy vom Ohr, sprach mit Hans und erklärte ihm, worum es ging.
„Ich für meinen Teil würde lieber erst in die Eichendorffstraße fahren. Die Frau hat sicher nicht umsonst darum gebeten. Was meinst du?“
„Ich würde dir zustimmen. Allerdings ist Viktoria der Boss und sie bestimmt.“ Hans war gespannt, wie Leo reagieren würde. Der nahm das Handy wieder ans Ohr.
„Wir fahren erst in die Eichendorffstraße nach Töging. Wir sehen uns später.“ Leo beendete das Gespräch, er hatte genug gesagt.
Viktoria war sauer. Was fiel Leo ein? Sie hatte eine klare Anweisung gegeben, die ihn nicht zu interessieren schien. Sollte sie zum Chef gehen und sich beschweren? Noch nicht, das Maß war noch nicht voll.
„Das wird Viktoria nicht gefallen“, sagte Hans.
„Ich weiß“, war Leos knappe Antwort.
Hans schüttelte den Kopf. Was die beiden machten, war schlimmer als jeder Kindergarten. Warum konnten sie ihre Differenzen nicht einfach aus dem Weg räumen? Er musste dringend mit Leo sprechen. Aber nicht jetzt.
Die Eichendorffstraße in Töging war eine beschauliche Straße mit schönen, gepflegten Häusern. Es gab hier eine Zahnarztpraxis, einen kleinen Supermarkt und eine noch kleinere Bankfiliale. Vorn am Eck war sogar ein Imbiss, der um die Zeit bereits geöffnet hatte. Die wenigen Fahrzeuge in der Straße parkten ordentlich. Hans fuhr mehrmals die übersichtliche Straße auf und ab. Alles schien in völliger Ordnung zu sein.
„Was schlägst du vor? Sollen wir uns durchfragen?“ Hans hatte Bedenken, schließlich wartete Viktoria in Mühldorf. Aber die letzten Worte der Toten ließen ihm auch keine Ruhe.
„Wo wir schon mal hier sind, bietet sich das an. Zumindest kann es nicht schaden“, antwortete Leo und Hans war erleichtert. Was war mit dieser Eichendorffstraße? Waren sie hier in Töging überhaupt richtig?
Leo und Hans befragten die Anwohner, die zuhause waren, sowie alle Personen, die ihnen auf der Straße begegneten. Keiner hatte etwas Ungewöhnliches gesehen oder bemerkt.
„Bist du dir sicher, dass du Eichendorffstraße verstanden hast?“
„Ganz sicher.“ Hans nahm sein Handy und fluchte, nachdem er hektisch über den Bildschirm wischte. „Es gibt sehr viele Straßen mit diesem Namen. Zum Beispiel in Waldkraiburg, Neumarkt St. Veit, Altötting, Traunreut, und so weiter. Wie sollen wir da die richtige Straße finden?“
„Beruhige dich. Es ist nicht deine Schuld, dass die Frau nur den Straßennamen verraten hat. Lass uns nach Mühldorf fahren. Vielleicht finden wir den Gatten dort gesund und munter.“
Schon von Weitem sahen Leo und Hans, dass Viktoria stinksauer war. Sie wippte mit dem linken Fuß und sah immer wieder auf die Uhr, was kein gutes Zeichen war.
„Ich halt mich raus“, sagte Hans, als er den Wagen abstellte. „Du hast sie verärgert, nicht ich.“
„Was soll sie machen? Mir den Kopf abreißen?“
„Schau sie dir an! Das traue ich ihr zu!“
Leo bekam eine Strafpredigt, die sich gewaschen hatte. Viktoria überhäufte ihn mit Vorwürfen, wobei sie keine Rücksicht darauf nahm, dass alle zuhörten, die sich in ihrer Nähe aufhielten. Und das waren viele, denn mittlerweile wimmelte es hier vor Kollegen und Schaulustigen.
Leo blieb unbeeindruckt. Alles, was Viktoria sagte, prallte an ihm ab. Er hörte ihr nicht zu, sondern hatte immer nur das Bild vor Augen, als sie ihn damals verlassen hatte und sich mit ihrem Wagen entfernte. Viktoria merkte irgendwann, dass Leo kein Wort von dem registrierte, was sie ihm vorwarf. Er schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein. Viktoria wurde nervös und unterbrach ihren Redeschwall. Erst jetzt bemerkte sie an den Gesichtern der Kollegen und Schaulustigen, dass sie zu laut sprach und alle ihre Vorwürfe hörten, die nicht nur beruflichen Charakter hatten. Sie hatte sich hinreißen lassen und ärgerte sich jetzt darüber.
„Habt ihr nichts zu tun?“, blaffte sie einige Kollegen an, die sich daraufhin sofort wieder an die Arbeit machten.
„Die Eichendorffstraße in Töging war kalt. Was gibt es hier? Warum der Aufwand?“, fragte Leo, als wenn es den Einlauf eben nicht gegeben hätte.
„Im Haus hat ein Kampf stattgefunden. Und es gibt Blutspuren.“
„Du bist einfach in das Haus rein?“
„Die Tür stand offen. Ich wäre aber auch reingegangen, wenn sie zu gewesen wäre. Ein Mord an der Frau des Hauses rechtfertigt einen gewaltsamen Zugriff allemal.“ Viktoria ließ Leo stehen und machte sich wieder an die Arbeit. Sie war immer noch sehr aufgewühlt, außerdem schämte sie sich.
Leo ging ins Haus und sah sich im Wohnzimmer um, wo er den Leiter der Spurensicherung Friedrich Fuchs und drei seiner Mitarbeiter vorfand. Zum Glück war Fuchs hier schon fertig, sonst hätte der ihm den Zutritt sicher verwehrt. In diesem Zimmer musste ein heftiger Kampf stattgefunden haben, die Spuren waren eindeutig. Die Küche und das Esszimmer des Erdgeschosses machten einen ordentlichen Eindruck, aber das angrenzende Büro sah ebenfalls chaotisch aus. Das Büro und das Wohnzimmer waren durchwühlt worden. Warum nur diese beiden Zimmer? Viktoria hatte richtig entschieden. Wenn er das Chaos hier vorgefunden hätte, hätte er genauso gehandelt. Außerdem hätte auch er das volle Programm durchgezogen.
„Was haben Sie für mich, Herr Fuchs?“, sprach Leo den Leiter der Spurensicherung an.
„Das wird alles in meinem Bericht stehen“, murmelte dieser unfreundlich. Er mochte es nicht, wenn er gehetzt wurde. Aber noch mehr hasste er es, wenn man sich in seine Arbeit einmischte.
„Ich möchte jetzt keinen vollständigen Bericht von Ihnen hören“, sagte Leo und lächelte. In den drei Jahren, in denen er bei der Polizei Mühldorf war, hatte er es gelernt, mit Fuchs und seinen Marotten umzugehen.
„Dass hier ein Kampf stattgefunden haben muss und in diesem Zimmer, sowie im angrenzenden Büro, alles durchwühlt wurde, sehen Sie selbst“, sagte Fuchs. „Die anderen Räume sind alle sauber. Wir haben hier und hier Blut gefunden. Wenn Sie genau hinsehen würden, könnten Sie das selbst erkennen.“
„Blut von Uwe Esterbauer?“
„Woher soll ich das wissen? Bin ich Hellseher?“
„Genug Blut, um auf ein Verbrechen schließen zu können?“
Fuchs zögerte.
„Raus mit der Sprache, Kollege Fuchs. Mit wie vielen Tatorten haben Sie bisher zu tun gehabt? Sie sind kein Anfänger, sondern einer der Besten, das brauche ich Ihnen nicht sagen. Sie können sehr gut einschätzen, mit was wir es zu tun haben“, forderte Leo Fuchs auf.
Fuchs war nicht anfällig für Schmeicheleien, aber sehr wohl für die Wahrheit. Ja, er gehörte zu den Besten, das wusste er selbst. Und ja, er hatte schon sehr viele Tatorte untersucht, um eine vorsichtige Schätzung abgeben zu können, obwohl er das nicht besonders mochte. Er war ein Freund von Tatsachen und Beweisen, und nicht von Mutmaßungen.
„Für mich deutet die Menge an Blut auf ein Verbrechen hin. In welchem Ausmaß, wage ich nicht zu vermuten. Hier vor dem Sessel gibt es die größte Menge an Blut, dort und dort gibt es nur Spuren davon. Hier ist eine große Blutlache, ebenso hier. Das Blut wurde von den schweren, dunklen Teppichen aufgesogen. Ich kann noch nicht beurteilen, von welcher Menge Blut wir auf den Teppichen sprechen, aber ich bin davon überzeugt, dass das sehr viel weniger ist, als das Blut vor dem Sessel. Wenn Sie mir bitte folgen? Die Blutspuren sind hier, hier und hier, gehen durch die Eingangstür und enden auf dem Gehweg.“
„Ein Auto?“
„Das vermute ich, ja.“
„Führen die Blutspuren von innen nach außen, oder umgekehrt?“
„Eine sehr gute Frage, Herr Schwartz.“ Fuchs lief hektisch auf und ab. „Nein, für mich sieht es so aus, als gingen die Spuren von innen nach außen. Um alle Zweifel aus dem Weg zu räumen, werde ich mir das nochmals genauer ansehen.“
„Nehmen wir an, dass das Opfer hier im Wohnzimmer vor dem Sessel verletzt wurde. Der Menge des Blutes zufolge muss die Verletzung recht groß sein. Nehmen wir weiter an, dass der Mann das Haus aus eigener Kraft verlassen hat. Müsste es in diesem Fall nicht sehr viel mehr Blutspuren geben, als das Wenige, das ich mit bloßem Auge gesehen habe? Die Spuren hier und hier sind noch recht groß, aber hier hören sie fast gänzlich auf. Die wenigen Tropfen und Spritzer bis zur Straße sind kaum der Rede wert.“
„Das sehe ich auch so. Gehen wir von einer sehr stark blutenden Verletzung aus. Wenn das Opfer sich notdürftig versorgt hat, wären die Spuren plausibel.“ Dann machte Fuchs eine Pause und sah sich hektisch um. „Wenn das Opfer aber so stark verletzt war, dass er sich nicht selbst helfen konnte oder sogar bereits tot war, suchen wir nach einer Möglichkeit, wie das Opfer aus dem Haus gebracht wurde.“ Fuchs war ganz in seinem Element. „Wir machen uns sofort an die Arbeit. Sorgen Sie dafür, dass alle das Haus verlassen, damit wir in Ruhe arbeiten können. Suchen Sie nach Personen, die sich im Haus auskennen. Nur die könnten bestätigen, ob etwas fehlt, falls wir nichts finden sollten.“
„Dazu bräuchte ich Unterlagen.“
„Die hat Ihre Kollegin Untermaier doch schon längst. Reden Sie nicht miteinander?“
„Du willst wieder alles genau wissen, oder? Warum gibst du dich nicht damit zufrieden, dass Esterbauer Opfer einer Gewalttat geworden ist, die im Wohnzimmer stattgefunden hat, nachdem er seinen Peiniger ins Haus gelassen hat?“ Viktoria hatte sich Leos Argumente angehört und heftig mit ihm diskutiert.
„Das ist mein Job. An jedem Tatort stelle ich mir vor, dass ich anstelle des Opfers sei. Und in dem Fall würde ich wollen, dass alles akribisch untersucht wird. Was spricht dagegen?“
„Nichts.“
„Wenn Esterbauer verletzt das Haus verlassen konnte, muss er sich versorgt haben. In diesem Fall muss er Verbandsmaterial in greifbarer Nähe gehabt haben. Ich für meinen Teil habe Verbandsmaterial im Badezimmer, so wie die Esterbauers, das habe ich kontrolliert. Zum Badezimmer führen keine Blutspuren, das können wir also ausschließen. Allein kann sich Esterbauer nicht versorgt haben. Sollte er aber tot sein, muss die Leiche irgendwie aus dem Haus geschafft worden sein. Aber wie? Ein erwachsener Mann von der Größe und Statur Esterbauers ist nicht leicht. Ob tot oder lebendig: Esterbauer muss irgendwie das Haus verlassen haben.“ Leo sah sich um. „Wir sollten uns bei den wenigen Nachbarn umhören, vielleicht hat jemand etwas gesehen.“
„Das übernehme ich“, sagte Hans. „Die wenigen Häuser schaffe ich alleine.“ Leos Ausführungen bestätigten seine Vermutung. Auch er hatte die wenigen Blutspuren gesehen, die an der Straße enden. Für sein Empfinden kamen diese Spuren nicht von einem Toten. Er war überzeugt davon, dass Esterbauer das Haus lebend verlassen hatte. Auch die Kollegen waren dieser Annahme. Denn für alle galt: Solange keine Leiche gefunden wurde, war der Mann lediglich verletzt.
Viktoria übergab Leo kommentarlos den Karton mit den Aktenordnern. Auch weil sie wusste, dass er recht hatte. Leo nahm sich den Ordner mit den Überweisungen vor, der Kollege Werner Grössert half ihm dabei. Schnell fanden sie heraus, dass es außer einer fest angestellten Haushaltshilfe noch einen Gärtner gab, der sich regelmäßig um den riesigen Garten kümmerte, was man diesem auch ansah. Außerdem hat Esterbauer einen persönlichen Sekretär. Als Leo dessen Gehaltszahlung las, pfiff er anerkennend.
„Der verdient so viel wie wir beide zusammen.“
„Das ist bei unseren mickrigen Gehältern kein Kunststück.“, sagte der einundvierzigjährige Werner, der auch heute wieder mit einem modernen, sicher sündhaft teuren Anzug aussah wie aus dem Ei gepellt. Werner entstammte einer reichen Familie, was er aber niemals raushängen ließ. Leo sah wie immer aus: Lederjacke, Jeans, alte Cowboystiefel und ein T-Shirt mit dem Konterfei eines Revoluzzers aus längst vergangenen Tagen, den niemand zu erkennen schien. Sonst waren auf seinen oft viel zu bunten T-Shirts Rockbands oder Sänger aufgedruckt, die auch selten erkannt wurden. Banausen!
Werner bestellte die Haushaltshilfe Grete Hofer sowie den Gärtner Franz Lobmann ein. Der Sekretär Tobias Mohr hatte einen Termin in München und versprach, so schnell wie möglich nach Mühldorf zu kommen. Da die Telefonverbindung sehr schlecht war, konnte Werner nicht erklären, worum es ging. Mohr hatte allerdings auch nicht danach gefragt. Sehr merkwürdig.
„Hier hat niemand etwas gesehen oder gehört.“, sagte Hans, der mit den Befragungen der Nachbarn tatsächlich sehr schnell durch war.
„Schade, das wäre auch zu schön gewesen.“
Franz Lobmann war zuerst vor Ort. Der einunddreißigjährige, große, muskulöse und sehr gutaussehende, dunkelhaarige Mann musste warten, bis Fuchs endlich den vermeintlichen Tatort freigab.
„Was soll ich in dem Haus? Ich war nur wenige Male drin und könnte frei Schnauze nicht einmal beschreiben, wie es da aussieht.“ Lobmann war genervt. Esterbauer war nicht sein einziger Kunde, auch wenn er der größte war. Gerade jetzt im Frühjahr hatte er jede Menge zu tun und hatte für so einen Mist hier überhaupt keine Zeit.
„Wie war Esterbauer als Chef?“
„Ganz normal. Ich habe meine Arbeit gemacht und er hat mich bezahlt. Wie lange dauert das hier noch?“
„Der Tod Esterbauers scheint Sie nicht sehr zu berühren“, bemerkte Leo, der den Mann nicht mochte.
„Warum sollte es? Menschen sterben nun mal, das ist der Lauf des Lebens. Esterbauer ist nicht der erste Kunde, den ich verliere.“
„Sie verlieren einen gewichtigen Kunden. Soweit wir das aus den Unterlagen ersehen, waren Sie mindestens die Hälfte der Woche hier beschäftigt, wenn nicht sogar mehr.“
„Und wenn schon. Ich habe sehr viele Aufträge, die ich nicht alle erfüllen kann. Ich bin sehr gut in meinem Job, die Leute reißen sich um mich. Wenn Esterbauer wegfällt, freuen sich andere.“
Die Kriminalbeamten waren schockiert über die Kaltschnäuzigkeit des Gärtners, der neben seiner ruppigen Art auch eine Arroganz ausstrahlte, die so gar nicht zu einem Gärtner passte. Oder hatten sie alle ein falsches Bild von diesem Beruf?
Fuchs gab endlich sein Okay, dass das Haus betreten werden durfte. Als er Leo ansah, schüttelte er den Kopf. Die Spurensicherung hatte also nichts gefunden. Lobmann betrat das Wohnzimmer, danach das Büro. Das Chaos schien ihn nicht zu beeindrucken. Er ging kommentarlos weiter und sah sich im ganzen Haus um. Als er fertig war, sah er Leo an.
„Ich kann Ihnen nicht sagen, ob etwas fehlt. Das habe ich Ihnen doch gleich gesagt.“
„Danke, Sie können gehen. Halten Sie sich zu unserer Verfügung, falls weitere Fragen auftauchen.“
„Was für ein Kotzbrocken!“, sagte Hans, als die Kriminalbeamten dem Gärtner hinterher sahen, wie der mit seinem Lieferwagen davonfuhr. „Wo bleibt die Haushaltshilfe? Müsste die nicht schon längst hier sein?“
Fuchs und seine Mitarbeiter waren längst weg. Die Kriminalbeamten warteten ungeduldig vor dem Haus.
„Wir müssen doch nicht alle hier blöd rumstehen“, maulte Werner. „Ich fahre ins Büro und fange mit der Durchsicht der Unterlagen an. Ist das in Ordnung?“
„Ich begleite dich!“, rief Hans schnell. Das würde eine der wenigen Gelegenheiten sein, in denen Viktoria und Leo allein sein konnten. Vielleicht hatte er Glück und sie würden ihre Differenzen endlich aus dem Weg räumen. Außerdem ließ ihn diese Eichendorffstraße nicht in Ruhe. Er musste dringend eine Liste mit gleichnamigen Straßen erstellen. Hatte er überhaupt richtig verstanden? Schließlich war heute Morgen alles sehr schnell gegangen. Er nahm sich vor, auch über ähnlich klingende Straßen eine Liste zu erstellen.
Leo war sauer. Er war nicht schnell genug gewesen und musste nun allein mit Viktoria hier warten. Musste das sein?
Auch Viktoria war nicht scharf darauf und stöhnte genervt. Als sie allein waren, ging sie die Straße auf und ab. Die Schaulustigen hatten sich längst verzogen, es gab hier nichts mehr zu sehen. Sollte sie mit Leo sprechen? War das jetzt der richtige Zeitpunkt? Leo war die Situation genauso unangenehm wie ihr, das konnte sie an seinem Gesichtsausdruck erkennen. Er versuchte ununterbrochen, Frau Hofer zu erreichen, bekam aber immer nur die Mailbox. Er fluchte leise.
„Wir müssen miteinander reden.“, fasste sich Viktoria ein Herz. „So kann das nicht weitergehen. Wir sind doch erwachsen. Ich habe mich sehr darauf gefreut, dich wiederzusehen. Deine kalte, abweisende Art schockiert mich. Warum sprichst du nicht mit mir? Können wir das, was zwischen uns steht, nicht endlich aus der Welt schaffen? Du kannst mir doch nicht ewig aus dem Weg gehen. Komm schon, sprich endlich mit mir!“ Ihr Herz klopfte, als sie direkt vor Leo stand, der ihrem Blick auswich.
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Ich verhalte mich ganz normal.“ Während er sprach, merkte er selbst, was er für einen Blödsinn von sich gab. Natürlich war er nicht normal, sondern hatte eine Stinkwut auf seine frühere Lebensgefährtin. Seit sie zurück war, ging es ihm schlecht und natürlich gab er ihr die Schuld. Wem sonst?
Viktoria wollte etwas darauf erwidern, kam aber nicht dazu. Eine junge Radfahrerin hielt direkt neben ihnen.
„Sorry, dass ich so spät komme. Ich hatte einen Arzttermin und konnte nicht früher weg. Können wir?“ Grete Hofer war Anfang dreißig und voller Temperament. Sie stellte ihr Fahrrad ab und strahlte die Kriminalbeamten an. Leo musste schmunzeln, er mochte fröhliche Frauen. Vor allem aber kam die Frau genau zum richtigen Zeitpunkt, sonst hätte er sich noch mit Viktoria privat unterhalten müssen und das wollte er auf keinen Fall.
Grete Hofer wusste bereits, weshalb sie hier war, und sah sich im ganzen Haus um. Das Chaos erschreckte sie zunächst, aber sie gewöhnte sich schnell daran.
„Der Teppich im Gästezimmer fehlt. Er ist dunkelblau mit roten Akzenten. Sehr schwer, sehr wertvoll und potthässlich. Frau Esterbauer hatte ihn vor einem Jahr von einer alten Tante geerbt und brachte es nicht übers Herz, ihn zu verkaufen oder zu verschenken. Also landete er im Gästezimmer.“
„Sie sind sich sicher?“
„Klar. Ich arbeite hier seit zwei Jahren und kenne jedes einzelne Stück. Wenn ich sage, dass der Teppich fehlt, dann ist das so.“
„Was können Sie uns über das Ehepaar Esterbauer sagen? Wie war deren Ehe? Gab es Streit?“
„Es gab sicher Streit, wie überall. Ob die beiden eine glückliche Ehe führten, kann ich nicht beurteilen und das steht mir auch nicht zu. Ich habe meine Arbeit gemacht und wurde anständig und pünktlich bezahlt. Frau Esterbauer war zu mir persönlich immer freundlich, aber distanziert. Zwischen uns gab es nur sehr wenige private Worte. Wenn ich meine Arbeit machte, war sie entweder beim Einkaufen oder hatte sonstige Termine. War sie zuhause, saß sie meist mit einem Buch im Wintergarten. Herrn Esterbauer habe ich nur sehr selten gesehen. Wenn er zuhause war, hat er sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen und die Tür geschlossen. Herr Esterbauer und ich haben uns nie unterhalten, das hat sich nicht ergeben. Aber er grüßte immer freundlich, wenn wir uns doch zufällig begegneten.“
„Sie haben verstanden, dass Frau Esterbauer ermordet wurde und dass wir nach Herrn Esterbauer suchen?“
„Sicher. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Das ist alles sehr schrecklich, keine Frage. Aber ich kannte die beiden nicht näher, habe kaum ein persönliches Wort mit ihnen gewechselt. Ich habe meine Arbeit gemacht und die beiden gingen mir aus dem Weg. Außerdem hätte ich meinen Job nach der gewonnenen Wahl sowieso verloren.“
„Warum das denn?“
„Esterbauer wäre als Minister des Bundes beruflich einen riesigen Schritt nach vorn gekommen. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Esterbauers nach der gewonnenen Wahl nach Berlin umgezogen wären. Bei einer verlorenen Wahl wären sie wieder nach München gezogen. Herrn Esterbauers Eltern sind nicht mehr die Jüngsten und er als Sohn wollte in deren Nähe sein, was ich verstehen kann. Ich habe mitbekommen, dass das Haus hier verkauft werden sollte.“
„Wenn die beiden hiergeblieben wären, hätten sie ihren sicheren Job behalten können.“
„Früher oder später wäre ich für einen Mann in Esterbauers Position nicht die Richtige in seinem Umfeld gewesen, das wurde mir schon lange durch die Blume mitgeteilt. Ja, ich bin nicht die Klügste und kann auch nicht behaupten, dass ich von Ehrgeiz zerfressen bin. Als alleinerziehende Mutter eines kleinen Jungen hätte ich mich als Vorzeigeobjekt bestens geeignet. Allerdings gibt es zwei dunkle Flecke in meiner Vergangenheit, die sich für einen Saubermann in der Politik nicht gut machen. Sie finden es sowieso heraus, deshalb beichte ich lieber gleich, dass ich zwei Vorstrafen kassiert habe.“ Grete Hofer blickte in fragende Gesichter. „Drogendelikte in jungen Jahren, auf die ich als Mutter heute nicht stolz bin. Aber was soll ich machen? Ich kann die Vergangenheit nicht mehr ändern.“ Sie lachte. Es war offensichtlich, dass sie sich längst damit abgefunden hatte und nicht mehr darüber nachdachte.
„Der Verlust Ihres Jobs hätte Ihnen also tatsächlich nicht viel ausgemacht?“, fragte Viktoria.
„Nein. Jobs in Haushalten gibt es wie Sand am Meer. Ich bin sauber, ordentlich und zuverlässig. Leute wie ich werden gesucht, glauben Sie mir. Außerdem hätte ich sowieso in naher Zukunft gekündigt, denn ich bin echt nicht scharf darauf, ständig von irgendwelchen Security-Leuten überprüft zu werden oder mein Gesicht in Klatschzeitungen zu finden. Nein, danke, darauf kann ich gerne verzichten. Meine wilden Jahre sind längst vorbei, heute mag ich es eher ruhig.“
„Ist Ihnen in letzter Zeit irgendetwas Außergewöhnliches aufgefallen? Gab es Streit, waren Fremde im Haus, verdächtige Post oder dergleichen?“
„Nein, nicht, dass ich wüsste. Aber das heißt nichts. Ich interessiere mich nicht für meine Arbeitgeber, ich habe mit meinem eigenen Leben genug zu tun. Ich will einfach nur arbeiten und meine Kohle pünktlich kassieren, mehr nicht.“ Grete Hofer sah auf die Uhr. „Sind wir fertig? In zwei Stunden kommt mein Sohn nach Hause, und der möchte gerne sein Mittagessen pünktlich auf dem Tisch haben.“
„Eine Frage habe ich noch.“, sagte Leo, der von der herzerfrischenden Art der Frau begeistert war. „Nach den Unterlagen werden Sie fünf Tage die Woche beschäftigt. Warum waren Sie heute nicht hier?“
„Frau Esterbauer hat mir freigegeben.“
„Warum?“
„Ich habe nicht nach dem Grund gefragt, sondern habe den freien Tag gerne genommen.“
„Kam das oft vor?“
„Nein, eigentlich nicht. War es das jetzt? Ich muss los, das Essen macht sich nicht von allein.“
Leo und Viktoria sahen der jungen Frau hinterher.
„Das mit dem freien Tag ist sehr interessant.“, sagte Leo.
„Stimmt. Hast du gesehen, dass sie ein relativ neues E-Bike fährt?“
„Selbstverständlich. Diese Fahrräder kosten ein Vermögen. Wir sollten uns näher mit Grete Hofer beschäftigen, auch wenn ich einen guten Eindruck von ihr habe. Sie geht mit dem Tod ihrer Arbeitgeberin für meine Begriffe zu teilnahmslos um. Und der Gärtner gefällt mir auch nicht. Den scheint das Schicksal seiner Kunden auch wenig zu interessieren. Lass uns ins Präsidium fahren, vielleicht ist der Herr Sekretär schon eingetroffen.“
„Ich befürchte, dass wir zuerst mit Krohmer sprechen müssen. Er hat sicher schon mitbekommen, um wen es sich bei der Toten handelt.“
2.
Rudolf Krohmer war geschockt, als er von Hiebler und Grössert die Identität der Toten erfuhr. Selbstverständlich sagte ihm der Name Uwe Esterbauer etwas, er kannte ihn sogar persönlich. Dessen Frau kannte er zwar nur vom Sehen, trotzdem traf ihn deren Tod. Der ehrgeizige Politiker Esterbauer war nicht sein Favorit bei den bevorstehenden Wahlen, aber er bewunderte dessen Eifer und den Einsatz für die noch recht junge Partei. Esterbauer zog erst vor zwei Jahren von München nach Mühldorf und pendelte davor ein Jahr zwischen den beiden Städten täglich hin und her. Als er im letzten Jahr Spitzenkandidat der Bürgerpartei Bayern wurde, kündigte er seinen Job und setzte für die Partei alles auf eine Karte. Jetzt schien er kurz vor dem Ziel zu sein, denn die Wahlprognosen standen nicht schlecht.
Heiderose Esterbauer war also tot, ermordet direkt vor seiner Polizeistation. Das war schrecklich und löste mit Sicherheit einen Skandal aus. Er konnte die Vorwürfe der Presse bereits hören. Aber das war nicht wichtig. Uwe Esterbauer war verschwunden. In seinem Haus wurden Blutspuren gefunden. Was war da los? Krohmer brauchte mehr Informationen, Grössert und Hiebler wussten allerdings auch nichts. Wo blieben Untermaier und Schwartz? Er sah immer wieder nervös aus dem Fenster. Auf das ununterbrochene Klingeln des Telefons reagierte er nicht mehr. Frau Esterbauers Tod hatte sich herumgesprochen, das war klar. Irgendjemand hatte wieder mal nicht den Mund halten können! Krohmer hatte den Bürgermeister und den Parteivorsitzenden der Bürgerpartei Bayern, Kilian Martlmüller, informiert, das musste vorerst reichen. Das ständige Läuten des Telefons machte Krohmer wütend. Warum hatte er gerade in dieser Woche seiner Sekretärin Urlaub gegeben? Er konnte sie nicht zurückbeordern, sie befand sich seit gestern auf einem Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer. Wie sollte er die bevorstehende Arbeit ohne Hilfe bewältigen? Bis er vom Innenministerium eine Hilfe bewilligt und zugewiesen bekäme, würde er unnötig Zeit verlieren. Und wenn er daran dachte, dass diese auch noch eingearbeitet werden musste, war seine Sekretärin längst aus dem Urlaub zurück. Während er wartend am Fenster stand, zermarterte er sich den Kopf, wie er dieses Problem aus der Welt schaffen konnte. Dann hatte er endlich die zündende Idee: Was war mit seiner alten Sekretärin Hilde Gutbrod? Sie kannte sich aus und er vertraute ihr, obwohl sie mit ihrer Neugier oft übers Ziel hinausgeschossen war. Hatte sie trotz ihres Pflegekindes überhaupt Zeit? Er musste diese Möglichkeit zumindest versuchen.
Die vierundsechzigjährige Hilde Gutbrod erkannte die Telefonnummer auf ihrem Display sofort.
„Hallo, Chef. Wo brennt’s?“, begrüßte sie ihn.
„Ich mache es kurz. Wir haben einen Mordfall, der eventuell mit einer Entführung zusammenhängt. Ich habe im Moment keine Sekretärin. Sie ist im Urlaub und kommt erst in zwei Wochen zurück. Sie können sich sicher vorstellen, dass hier die Hölle los ist. Also: Hätten Sie Zeit und Interesse, den Job kurzfristig zu übernehmen?“
„Ich bin gerührt, Chef. Selbstverständlich können Sie auf mich zählen, ich bin quasi unterwegs.“
„Was ist mit Martin?“
„Der ist seit einigen Wochen in einer Ausbildungsstätte untergebracht und kommt nur übers Wochenende nach Hause. Martin macht eine Ausbildung zum Feinmechaniker, er ist sehr geschickt darin und die Arbeit macht ihm Spaß. – Geht es um den Mord an Frau Esterbauer?“
„Woher wissen Sie das denn schon wieder?“, lachte Krohmer. Wie früher auch entging der Frau nichts.
„Ich habe meine Quellen. Bis gleich, Chef.“
Hilde Gutbrod langweilte sich nicht wirklich. Sie hatte ein Pflegekind, um das sie sich rührend kümmerte. Aber Martin war unter der Woche in der Schule, jetzt machte er sogar schon eine Ausbildung. Wie schnell doch die Zeit verging. Nicht mehr lange, und Martin brauchte sie überhaupt nicht mehr, aber daran wollte sie nicht denken. Seit Frau Gutbrod pensioniert war, hatte sie Frauen und Männer unterschiedlichen Alters kennengelernt, mit denen sie Sport machte und sich gelegentlich auf ein Glas Sekt traf. Darüber hinaus hatte sie genug mit ihrer Nichte Karin zu tun, die trotz der vielen Verkupplungsversuche immer noch keinen Mann gefunden hatte. Die Zeit drängte, denn Karin war nicht mehr die Jüngste, die biologische Uhr tickte schon sehr, sehr laut. Heute Nachmittag war sie mit ihrer Nichte verabredet, aber jetzt musste sie ihr leider absagen. Das Telefonat war tränenreich, denn Karin hatte wieder einmal Liebeskummer. Nachdem Frau Gutbrod mehrmals versuchte, ihr zu erklären, warum sie nicht kommen konnte, legte sie einfach auf. Krohmer und die ehemaligen Kollegen warteten bestimmt schon auf sie. Von der toten Frau Esterbauer hatte sie bereits von ihrer Nachbarin erfahren, von der geschwätzigen Else, die stets erstaunlich gut informiert war. Aber von welcher Entführung sprach Krohmer? Davon hatte Else kein einziges Wort erwähnt.
Die Fahrt ins Büro war für Leo und auch für Viktoria ätzend. Niemand wollte mit dem anderen sprechen, also fuhren sie schweigend.
Krohmer kam den beiden entgegen. Er war gespannt darauf, ob es neue Erkenntnisse gab. Als Krohmer noch im Flur der Polizeiinspektion von dem fehlenden Teppich erfuhr, wurde ihm schlecht. Das deutete darauf hin, dass Esterbauer vermutlich nicht mehr am Leben war. Das wäre eine Katastrophe! Im Besprechungszimmer wiederholten Viktoria und Leo das Gespräch mit der Haushälterin.
„Gut, nehmen Sie die Frau und den Gärtner auseinander. Noch etwas?“
„In Esterbauers Unterlagen habe ich bisher nichts Auffälliges gefunden“, sagte Werner mit Blick auf Hans. „Wenn ich Hilfe gehabt hätte, wären wir vielleicht schon zur Hälfte durch.“
„Entschuldige mal!“, protestierte Hans. „Ich habe zwei Listen mit den Straßennamen erstellt. Das sind alle Eichendorffstraßen in unserem Einzugsgebiet“, sagte er und legte die Kürzere der Listen vor. „Und das hier sind Straßennamen, die ähnlich klingen.“
Krohmer ging nicht auf das Geplänkel ein. Ihn interessierten nur Fakten. Für ihn war der Hinweis auf die Straße zwar nicht unwichtig, stand aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht im Fokus der Ermittlungen. Wo hätten sie ansetzen sollen? Sollten sie jede der Straßen und damit jedes einzelne Haus durchsuchen? Mit welcher Begründung? Und mit welchem Personal?
„Wie steht es um die Finanzen des Ehepaars?“ Schon lange interessierte sich Krohmer dafür, wovon der Mann eigentlich lebte. Das Haus war riesig und es war allgemein bekannt, dass das Ehepaar Esterbauer auf großem Fuß lebte.
„Frau Esterbauer hat vor Jahren ein beträchtliches Vermögen geerbt, sie stammte aus sehr gutem Hause. Das Haus der beiden in Mühldorf ist abbezahlt und auf den Konten liegt genug Geld für die nächsten Jahre. Allerdings bezieht Esterbauer auch ein monatliches Gehalt von der Partei, das sehr ordentlich ist.“
„Wie hoch?“
„Achttausendfünfhundert Euro.“
„So viel? Seit wann?“
„Seit April letzten Jahres. Bis dahin arbeitete Esterbauer in einer Münchner Immobilienfirma, in der er auch nicht schlecht verdiente. Die Kontoauszüge weisen Beträge zwischen sechs- und zwölftausend Euro auf; monatlich, versteht sich.“
„Wenn ich mir überlege, dass diese Partei noch recht klein ist, möchte ich nicht wissen, was man dann in etablierten Parteien verdienen kann.“, sagte Hans.
„Nicht zu vergessen sind ein dreizehntes Monatsgehalt und Spesen, die nicht unerheblich sind.“ Selbst Werner war erstaunt über die Höhe dieser Zahlen, die auf Esterbauers Konto auftauchten. Konnte das wirklich sein?
„Achttausendfünfhundert Euro“, wiederholte Krohmer und schüttelte den Kopf. „Ist das normal? Wie kann sich die Partei dieses üppige Gehalt leisten?“
„Um das beurteilen zu können, bräuchte ich Einblick in die Buchhaltung der Partei.“, sagte Werner.
„Vergessen Sie das, das kriegen wir niemals durch.“ Krohmer konnte diese hohe Gehaltszahlung nicht fassen. Die Bürgerpartei Bayern war noch sehr jung und auf ganz Deutschland umgerechnet auch sehr, sehr klein. Er konnte sich nicht erklären, wie das funktionieren sollte. Aber das war nicht sein Problem, das ging ihn eigentlich nichts an. Oder doch?
Friedrich Fuchs sah ständig auf die Uhr. Wann war er endlich mit seinen Ausführungen dran? Er hatte nicht die Zeit, hier sinnlos herumzusitzen. Wer was und wie viel verdiente, interessierte ihn absolut nicht, Geld interessierte ihn grundsätzlich nicht. Außerdem war er auf nichts und niemanden neidisch, das Gefühl war ihm fremd. Wieder sah er auf die Uhr. Auf ihn wartete sehr viel Arbeit. Gerade, als er ansetzen wollte, kam ihm der Kollege Grössert schon wieder dazwischen.
„Augenscheinlich hatten die Esterbauers außer den Parteifreunden keine weiteren Freunde oder Bekannten. Wir müssen uns trotzdem das Privatleben der beiden genauer vornehmen.“
„Die Esterbauers hatten keine Freunde? Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagte Krohmer. „Die beiden wurden seit Monaten von allen möglichen Leuten eingeladen. Es gab kaum eine Veranstaltung, bei denen ich sie nicht gesehen habe.“
„Der Festnetzanschluss zeigt momentan dieses Bild. Es könnte allerdings möglich sein, dass beide mit Freunden oder Bekannten Kontakt über ihre Handys oder per Email hielten. Die Einzelverbindungsnachweise sind angefordert, der Laptop ist noch nicht ausgewertet.“
„Was ist mit den Handys? Konnten sie geortet werden?“
Endlich war Fuchs dran, denn das persönliche Umfeld des Ehepaars Esterbauer interessierte ihn ebenfalls nicht.
„Die fraglichen Handys können beide nicht geortet werden, kein Signal. Die letzten Funkzellen beider Handys sagen aus, dass sie sich im Stadtbereich Mühldorf aufgehalten haben. Von der Gerichtsmedizin München kam die Information, dass die Waffe, mit der Frau Esterbauer getötet wurde, bisher nicht erfasst wurde. Es handelt sich um das Kaliber 9mm Parabellum. Die Auswertungen des Hauses Esterbauer stehen noch aus.“ Fuchs war mit seinen Ausführungen so weit fertig. Sollte er einfach aufstehen und gehen? Der Chef hatte schlechte Laune, da war es besser, ihn nicht weiter zu reizen.
Hans war über die Aussage Fuchs‘ bezüglich der letzten Funkzellen enttäuscht, er hatte sich mehr davon versprochen, besonders bezüglich der Eichendorffstraße.
„Wann können wir mit der Auswertung des Laptops rechnen?“
„Daran arbeiten meine Kollegen bereits. Wir kommen eben vom Tatort zurück, Sie müssen Geduld haben, Chef.“, beruhigte Werner. Schon seit Tagen sah Krohmer sehr schlecht aus. „Geht es Ihnen nicht gut?“ Krohmer winkte nur ab.
„Ich habe zuhause einen pubertierenden Dreizehnjährigen, der mir tierisch auf die Nerven geht. Bei jeder noch so kleinen Gelegenheit geraten Mason und ich aneinander. Momentan hat er keine Lust auf Schule, letzte Woche hat er den Klavierunterricht geschmissen. Ständig kommt er mit etwas Neuem daher, das macht mich wahnsinnig!“ Es war sonst nicht Krohmers Art, Privates auszuplaudern. Er ließ sich dazu hinreißen und bereute sofort seinen Gefühlsausbruch.
Alle kannten Mason und alle mochten ihn. Die Umstände, wie das Kind zu den Krohmers kam, hatten sie hautnah mitbekommen.
„So schlimm ist Mason bestimmt nicht“, beschwichtigte Hans, der ein ganz besonderes Verhältnis zu dem Jungen hatte und immer wieder etwas mit ihm unternahm, wenn es seine Zeit erlaubte und wenn Mason Lust dazu hatte. „Er ist in einem schwierigen Alter, das wissen wir alle aus eigener Erfahrung. Der beruhigt sich irgendwann schon wieder.“
„Denselben Mist muss ich mir täglich von meiner Frau anhören“, maulte Krohmer und bereute seinen Ausspruch sofort. Er murmelte eine fast unverständliche Entschuldigung, die Hans mit einem Kopfnicken quittierte.
Von Viktoria und Werner folgten kluge Ratschläge, auf die Krohmer gerne verzichtet hätte. Leo hielt sich raus. Er hatte keine Ahnung von Kindern, er kam ja kaum mit Erwachsenen zurecht. Und Fuchs interessierte auch dieses Thema nicht. Warum brachten die Kollegen und auch der Chef, immer ihre privaten Probleme mit zur Arbeit, wo sie nichts zu suchen hatten? Er entschied, jetzt zu gehen. Dann ging die Tür auf und Frau Gutbrod trat ein. Alle Blicke waren sofort auf sie gerichtet. Krohmer war froh über ihren übertriebenen Auftritt, den sie sicher geplant hatte, denn dadurch wurde vom Thema seines längst amtlichen Adoptivsohnes abgelenkt.
Frau Gutbrod wurde von allen Seiten begrüßt, obwohl keinem klar war, was sie hier eigentlich wollte. Fuchs nutzte die Gelegenheit und ging einfach. Erleichtert schloss er die Tür hinter sich. Ob Frau Gutbrod hier war und warum, ging ihn nichts an. Der Chef hatte sie gerufen und er hatte sicher seine Gründe dafür.
„Frau Gutbrod ist so lieb, mir als Sekretärin auszuhelfen.“, erklärte Krohmer den Kriminalbeamten. „Sie können sich sicher vorstellen, was momentan bei mir los ist. Besonders die Pressemeute stürzt sich wie die Aasgeier auf den Mordfall Esterbauer. Alle möchten Informationen dazu haben oder erkundigen sich über den Stand der Ermittlungen. Ohne Hilfe bin ich aufgeschmissen“, erklärte Krohmer. Hoffentlich hielt sich Frau Gutbrod mit ihrer Neugier zurück. Er musste später unbedingt mit ihr sprechen und ihr ins Gewissen reden. Der Fall Esterbauer war sehr speziell, dabei bedurfte es sehr viel Fingerspitzengefühl, das Frau Gutbrod definitiv nicht hatte. Sollte er sie überhaupt über den aktuellen Stand der Ermittlungen informieren? Eigentlich ging sie das nichts an, sie war lediglich hier, um ihm zur Hand zu gehen. Andererseits hatte es in der Vergangenheit, als sie für viele Jahre seine Sekretärin war, immer Probleme gegeben, wenn sie nicht informiert wurde. Überall hatte sie ihre Nase drin und wusste sehr gut, an wen sie sich wenden musste, um an Informationen zu kommen. Es kam sogar vor, dass sie sich an Zeugen gewandt und eigene Ermittlungen angestellt hatte. Nein, es war besser, sie zu informieren und sie dann um Stillschweigen zu bitten.
„Das ist der momentane Stand der Ermittlungen.“, sagte er daher und schob ihr die Unterlagen zu. Frau Gutbrod setzte sich und blätterte begeistert darin. Je mehr sie las, desto schockierter war sie. Uwe Esterbauer war verschwunden und man vermutete ein Verbrechen, mehrere Blutspuren deuteten darauf hin. Er war entführt worden? Frau Gutbrod kannte Uwe Esterbauer und dessen Frau. Nicht persönlich, aber aus diversen Zeitungen und Zeitschriften, natürlich auch von den Plakaten. Ihr war der Mann sehr sympathisch, ihre Stimme hätte er bekommen. Der Name Lobmann kam ihr bekannt vor. War das nicht der Gärtner, von dem ihre Nachbarin Else so schwärmte? Der Hinweis darauf, dass er Witwer war, war sehr interessant. Dann las sie das Geburtsdatum: 1985. Schade, der Mann war für ihre Nichte Karin viel zu jung.
Als Krohmer seine Mitarbeiter verabschiedete, redete er Frau Gutbrod ins Gewissen.
„Kein einziges Wort über die Sache, zu niemandem. Haben Sie mich verstanden?“
„Selbstverständlich. Ich bin doch keine Tratschtante!“ Frau Gutbrod war beleidigt. Was dachte der Chef über sie? Ja, sie war interessiert, das gab sie zu. Aber nicht neugierig! Außerdem lag es ihr fern, Insiderwissen auszuplaudern.
Natürlich war die Information über den gewaltsamen Tod Frau Esterbauers und das Verschwinden des vielversprechenden Politikers Uwe Esterbauers in den Reihen der Bürgerpartei Bayern längst verbreitet worden; irgendjemand hatte mal wieder seinen Mund nicht halten können. Krohmer war verärgert, denn er vermutete den Informanten bei der Polizei. Wer sonst hätte darüber Bescheid gewusst?
Bei der Bürgerpartei waren alle sehr betroffen, viele weinten sogar. Esterbauer war ihre große Hoffnung, endlich auch auf Bundesebene ein Wort mitreden zu können und somit die politische Richtung Deutschlands mit zu beeinflussen. Alle beschäftigte die Frage, wie es nun weiterging.
Als Dieter Marbach davon erfuhr, war er erleichtert, auch wenn er öffentlich seine Betroffenheit zum Ausdruck brachte. Endlich war der Schleimbeutel und Querulant Esterbauer weg! Dieter Marbach war bis zum Erscheinen Esterbauers das große Zugpferd der Partei gewesen. Er war zwar kein Gründungsmitglied der Bürgerpartei Bayern, lebte aber fast ausschließlich nur für sie. Rund um die Uhr hatte er sich neben seinem Beruf als Sachbearbeiter einer Importfirma für die Partei aufgeopfert, worunter auch sein Privatleben sehr gelitten hatte. Seine Frau Klara wollte sich mehrmals von ihm trennen, was er zum Glück immer abwenden konnte. Wie würde er denn als geschiedener Mann dastehen? Nein, das ging überhaupt nicht und hätte ihn viele Stimmen gekostet. Er war kurz davor gewesen, als Kandidat aufgestellt zu werden. Und dann wurde von der Parteispitze Esterbauer als Spitzenkandidat nominiert, obwohl der erst seit einem Jahr dabei gewesen war. Dieser ekelhafte, überhebliche Kotzbrocken hatte ihm den Posten vor der Nase weggeschnappt, wobei dieser nicht einmal ein schlechtes Gewissen hatte. Seit Esterbauer bei der Bürgerpartei aufgetaucht war, hatte er sich in den Vordergrund gedrängt und war bei jeder noch so kleinen Gelegenheit wortführend. Ja, er hatte viele Kontakte, die auch der Partei zugutekamen. Esterbauer war auch ein besserer Redner als er, das musste er ihm neidlos zugestehen. Er konnte die Mengen anheizen und fand immer die richtigen Worte, während Marbach selbst seine Reden von einem Profi ausarbeiten ließ und sie meist auswendig lernte, was für ihn sehr viel mehr Arbeit bedeutete und was niemand sah. Ja, er hatte stets die schriftliche Rede auf dem Pult liegen und las viele Passagen davon ab, aber das machten die großen Politiker auch und das war nicht verwerflich. Trotz Esterbauers Vorzügen befand Marbach, dass er selbst der bessere Mann gewesen wäre, besonders hier in der Provinz. Er war hier geboren und aufgewachsen, außerdem liebte er seine Heimat. Esterbauer hingegen war erst vor zwei Jahren aus München gekommen und war keiner von hier, auch wenn er immer den Anschein erweckte und sich große Mühe gab, sich als Landei darzustellen. Alle wussten, dass Esterbauer aus München stammte, trotzdem applaudierten sie, wenn er sich besonders für die Belange der Landbevölkerung stark machte. Widerlich, dieses schleimige Anbiedern.
Marbach konnte sich noch gut an letztes Jahr erinnern, als ihm mitgeteilt wurde, dass man sich für Esterbauer als Kandidat entschieden hatte. Es klang wie Hohn, als man ihm schulterklopfend erklärte, dass die Entscheidung nur im Sinne der Partei gefällt wurde und man nichts gegen ihn persönlich hätte. Man bedankte sich bei ihm für seine aufopfernde Arbeit und überreichte ihm eine teure Flasche Wein, die er aus Trotz in den nächstbesten Mülleimer warf. Niemand wusste, dass er bereits seine Kündigung in der Firma vorgelegt hatte, die er aufgrund der Absage wieder zurücknehmen musste. Das war einer der peinlichsten Momente seines Lebens gewesen, den er nur Esterbauer und der Parteiführung zu verdanken hatte.
Marbach lehnte sich zufrieden zurück, das Blatt hatte sich jetzt augenscheinlich zu seinen Gunsten gewendet. Sein Konkurrent und das strahlende Licht der Partei war verschwunden, dessen Frau wurde ermordet. Hinter vorgehaltener Hand wurde sogar schon mit Esterbauers Tod gerechnet. War der Typ wirklich tot? Ganz sicher. Esterbauer wurde vom Scheinwerferlicht geradezu angezogen, der würde doch niemals freiwillig untertauchen. Nein, Esterbauer war auch tot, wie dessen Frau. Warum und wie interessierte Marbach nicht. Für ihn war nur wichtig, dass Esterbauer weg war. Dadurch war der Platz des Spitzenkandidaten frei geworden, und das so kurz vor der Wahl. Wie lange würde es dauern, bis die Parteiführung bei ihm auf der Matte stand und ihn bat, die Kandidatur zu übernehmen? Das würde nur eine Frage von Stunden sein. Er hatte munkeln hören, dass die Parteiführung bereits eine Krisensitzung einberufen hatte, wozu außer den dreien niemand geladen war. Ein sicheres Zeichen dafür, dass die aktuelle Situation und somit die Zukunft der Partei, neu besprochen wurde. Spitzenkandidat! Das Wort war wunderschön. Nicht mehr lange und Marbach hatte diese Position inne und er würde endlich da sein, wo er hingehörte. Wollte er das überhaupt nach allem noch annehmen? Und ober er das wollte! Es gab für ihn nichts Erstrebenswerteres, als in der ganz großen Politik mitzumischen. Gut, dazu müssten noch einige Hürden geschafft werden, aber das war für Marbach nur eine reine Formalität. Schließlich kannte er die Umfrageergebnisse, die er selbst in Auftrag gegeben hatte und von denen er wusste, dass sie nicht verfälscht worden waren. Für ihn stand außer Frage, dass sein Weg jetzt frei war. Wie gerne würde er vor allen wichtigen Politikern stehen und denen seine Ansichten und deren Fehler und Misswirtschaft um die Ohren hauen. Bald waren das keine Träume mehr, sondern Realität. Wie wohl seine Klara auf die Neuigkeit reagieren würde?
Marbach sah auf die Uhr. Es war zwar erst kurz nach elf, aber mit diesen guten Aussichten machte er Schluss für den Moment. Er rief seine Frau an und verabredete sich mit ihr zum Mittagessen.
Klara Marbach war überrascht über die plötzliche Einladung. Ihr Mann hatte fröhlich geklungen und sie war neugierig, was das zu bedeuten hatte.
3.
Die Parteispitze, bestehend aus drei Personen, traf sich hinter verschlossenen Türen. Niemand durfte sie stören. Das war zum einen der Mühldorfer Kilian Martlmüller, die Brigitte Dickmann ebenfalls wohnhaft in Mühldorf, und der Münchner Xaver Thiel. Martlmüller leitete drei Pflegeheime, Thiel war Seniorchef einer Anlagefirma und Brigitte Dickmann war Anwältin mit eigener Kanzlei in Trostberg, auch wenn sie in Mühldorf lebte. Die drei lenkten von Anfang an die Geschicke der noch sehr jungen bayerischen Partei, die erst vor sechs Jahren gegründet worden war und deren Parteibüros sich bereits über das ganze Bundesland Bayern ausbreiteten. München, Mühldorf und Regensburg hatten den größten Anteil der neugewonnenen Mitglieder verzeichnen können, was nicht zuletzt an der blendenden Organisation und den sehr aktiven Politikern lag. Das aggressive Parteiprogramm schlug nicht nur damals, sondern auch noch heute hohe Wellen und traf den Nerv der Zeit. Als Hauptanliegen schrieb man sich die Interessen Bayerns auf die Fahnen. Der Länderfinanzausgleich, von dem auch Bayern einen großen Anteil zu bestreiten hatte, wurde stets zuerst genannt. Man befand es als ungerecht, dass mühsam erwirtschaftete Einnahmen auf andere Bundesländer verteilt würden. Die Vorschläge, was man mit diesem Geld in Bayern machen könnte, füllten mehrere Broschüren. Weitere, wichtige Punkte des Parteiprogramms war der Schutz bayerischer, mittelständischer Betriebe und deren Unterstützung sowohl im Steuer-, als auch im Erbrecht, der Bildungspolitik, sowie dem bayerischen Brauchtum. Die Mitgliederzahl wuchs und wuchs. Und mit Esterbauer als brillantem Redner hätten sie auf Bundesebene eine Chance gehabt, nicht nur gehört, sondern auch respektiert zu werden. Noch immer verspottete man die südlichen Bundesländer und machte sich über die Dialekte lustig, obwohl der Süden Deutschlands wirtschaftlich und finanziell am besten von allen dastand.
Die drei Parteiführer waren bestürzt über den Tod von Esterbauers Frau, aber noch mehr über dessen eigenes Schicksal. Als Thiel informiert wurde, war er sofort von München losgefahren, um sich mit Martlmüller und Dickmann zu treffen, für die nach diesen schlechten Neuigkeiten nun ebenfalls die Belange der Partei im Vordergrund standen. Die bevorstehende Wahl war ohne einen Spitzenkandidaten in Gefahr und das durfte nicht sein, sonst wären die letzten Jahre voller harter Arbeit und Entbehrungen doch völlig umsonst gewesen.
Verstand Martlmüller richtig? Hatte Brigitte Dickmann gerade mehrfach betont, dass sie auch nicht wisse, wo Esterbauer war? Er beobachtete sie genau. Sie vermied jeglichen Blickkontakt. War das Taktik, damit Thiel nichts mitbekam?
„Keiner weiß, wo Uwe ist. Ich habe heute mit dem Chef der Mühldorfer Kripo gesprochen. Die tappen noch völlig im Dunkeln.“ Martlmüller startete einen letzten Versuch, von Brigitte Dickmann einen eindeutigen Hinweis zu bekommen. Endlich sah sie ihn an und schüttelte mit dem Kopf. Sie wusste es tatsächlich nicht! Konnte das wahr sein? Was war schiefgelaufen?
„Mich wundert das nicht. Diese Provinz-Polizisten sind mit einem solchen Fall doch völlig überfordert.“, sagte Xaver Thiel. „Wir sollten München einschalten.“
„Das liegt nicht in unserem Entscheidungsbereich. Ich vertraue auf die hiesige Polizei“, sagte Martlmüller, der keine Sekunde an die Fähigkeiten der Provinzler glaubte. Er kannte Krohmer aus Kindertagen und mochte ihn nicht. Mit ihm an der Spitze konnte die Mühldorfer Polizei nichts sein. In Martlmüllers Augen machten die sowieso nur Dienst nach Vorschrift und hinkten bei allem hinterher. Nein, die Ermittlungen waren bei den Mühldorfern genau richtig aufgehoben. Eine übereifrige Polizei, die überall ihre Nase reinsteckte, konnte er nicht brauchen.
„Wir brauchen Esterbauer, ohne ihn sind wir aufgeschmissen.“
Eine heftige Diskussion entbrannte, in der vor allem Thiel seinen Frust abließ. Bis zu den Wahlen war nicht mehr viel Zeit. Wie sollte es weitergehen? Sollten sie darauf warten, ob Esterbauer doch noch auftauchte und alles auf eine Karte setzen? Brigitte Dickmann betonte erneut, dass sie nicht an eine Rückkehr Esterbauers glaubte. Sie brauchten eine neue Strategie.
„Wir müssen schnell handeln. Wir brauchen einen neuen Kandidaten und eine noch aggressivere Werbung, sonst haben wir nicht den Hauch einer Chance. Allein mit unserem Parteiprogramm kommen wir nicht weit. In Bayern haben wir viele Anhänger gewinnen können, auf Bundesebene wird das ungleich schwieriger. Wir brauchen ein charismatisches Zugpferd, der für unsere Partei brennt. Wen schlagt ihr vor?“ Brigitte Dickmann drängelte. Sie hatte wegen dieser Besprechung Termine verschieben müssen. Den Termin heute Nachmittag um 16.00 Uhr in ihrer Kanzlei musste sie unbedingt einhalten.
„Wir haben nur einen einzigen Mann, der dafür geeignet ist und auch zur Verfügung steht: Dieter Marbach.“
Brigitte Dickmann und Xaver Thiel verdrehten die Augen.
„Ja, ich weiß. Marbach ist kein begnadeter Redner. Mir gehen seine dummen Witze und das ständige Räuspern auch auf die Nerven. Hierin könnten wir ihn sicher noch verbessern, wenn wir ihm Profis zur Seite stellen, die ihn dabei unterstützen. Wir haben keinen anderen Mann, wir müssen ihn nehmen.“ Kilian Martlmüller kannte Marbach schon seit vielen Jahren. Sie schätzten sich, mochten sich aber nicht besonders. Das war innerhalb einer Partei auch nicht wichtig. Hier galt es, gemeinsame Ziele zu verfolgen und nicht, Freundschaften zu schließen.
„Willst du das nicht doch übernehmen, Kilian? Du bist ein Mühldorfer und jeder kennt und mag dich.“, versuchte es Thiel erneut. Schon seit Jahren bekniete er Martlmüller, diesen Job zu übernehmen.
„Das kommt überhaupt nicht in Frage, das weißt du doch. Nein, ich bin der Falsche dafür. Dieter Marbach ist unser Mann.“
„Ist der nicht sauer, dass wir ihn übergangen haben?“
„Sicher ist er das. Wenn wir auf ihn zugehen, wird er zunächst ablehnen und den Beleidigten spielen. Wir alle kennen Marbach. Der Mann ist von Ehrgeiz zerfressen und wird letzten Endes annehmen.“, stöhnte Thiel, der keine Lust auf den Mann und seinen Marotten hatte. Aber außer Kilian Martlmüller, der sich vehement weigerte, stand neben Marbach kein adäquater Kandidat zur Verfügung, sie mussten wohl oder übel in den sauren Apfel beißen. Dass er oder die Dickmann den Job übernahmen, stand außer Frage. Sie waren politisch interessiert und waren Feuer und Flamme für ihre Ziele, aber keiner wollte an die Front, ebenso wenig wie Martlmüller. Für diesen Job musste man sehr viel mehr mitbringen, dafür war keiner von ihnen geeignet oder bereit.
„Lasst uns das Gespräch mit Marbach hinter uns bringen. Je eher wir mit der Umstrukturierung beginnen können, desto besser.“, entschied Thiel und rief Marbach an. Das Gespräch dauerte nicht sehr lange. Thiel hatte den Eindruck, als hätte Marbach auf den Anruf gewartet.
„Wusste ich’s doch“, schmunzelte Marbach, als er aufgelegt hatte. Er saß immer noch mit seiner Frau beim Mittagessen. Er wusste ja, dass die Krisensitzung der Chefs stattfand – und er musste nur warten. Mehrfach hatte seine Frau Klara ihn auf den Grund des Essens angesprochen, aber er hatte nicht darauf geantwortet. Warum sollte er sich den Spaß nehmen lassen, ihr die Neuigkeit zu präsentieren, wenn er darum gebeten wurde? Noch lag alles in der Schwebe, noch hatte ihn die Parteispitze nicht auf den Posten angesprochen.
Klara Marbach wurde immer ungehaltener. Sie waren längst mit dem Essen fertig und sie drängte darauf, endlich zu gehen. Sie hatte keine Lust mehr, in der bürgerlichen Gaststätte, die ihr Mann ausgesucht hatte, ihre Zeit zu vergeuden. Sie fühlte sich deplatziert zwischen den anderen Gästen, die nicht ihrem Niveau entsprachen. Klara spürte, dass ihr Mann irgendetwas vorhatte. Seine Laune war heute ausgesprochen gut, aber ihren Fragen wich er ständig aus. Was war los mit ihm? Als sie das Telefonat verfolgte, verstand sie endlich: Ihr Mann war wieder im Rennen! Er hatte es doch noch geschafft, als Spitzenkandidat auf Bundesebene antreten zu dürfen. Klar lag das hauptsächlich an dem Verschwinden Esterbauers, von dem ihr Mann vorhin als Erstes gesprochen hatte und das sie schockierte. Auch der Tod seiner Frau traf sie sehr, denn sie kannten sich, auch wenn sie sich nicht mochten. Warum die Frau getötet wurde, war Sache der Polizei und ging sie nichts an. Der Grund, warum ihr Mann jetzt wieder ganz vorne mitspielte, war ihr völlig gleichgültig. Nachdem ihr Mann im letzten Jahr dem neuen Spitzenkandidaten unterlegen war, war sie enttäuscht gewesen. Die vielen Entbehrungen und Mühen waren alle umsonst gewesen. Aber jetzt hatte sich der Wind gedreht und ihr Mann war jetzt am Ruder. Sie sah ihn mit anderen Augen an und lächelte. Wenn er die erforderliche Hürde schaffen würde, und davon war sie überzeugt, dann waren ihre Tage in Mühldorf gezählt, dann stand dem Umzug nach Berlin nichts mehr im Weg. Endlich raus aus dem Muff der Kleinstadt in die große, weite Welt. Sie musste einkaufen gehen, denn für die bevorstehenden Auftritte und Empfänge hatte sie nicht genug zum Anziehen. Wem sie wohl in Zukunft alles begegnen würde?
„Klara? Träumst du?“ Dieter Marbach hatte mehrfach versucht, mit seiner Frau zu sprechen, aber sie hörte ihm nicht zu. Er wurde wütend, denn die Neuigkeit, die er zu berichten hatte, war immens wichtig.
„Ja, mein Lieber, ich träume. Von Berlin und den vielen Auftritten, die ich mit dir gemeinsam haben werde“, strahlte sie.
Marbach musste lachen. Klara hatte bereits verstanden, worum es in dem Telefonat ging. Was hatte er nur für eine schlaue Frau an seiner Seite! Klaras Leben würde sich jetzt schlagartig ändern und das schien sie ebenfalls zu wissen. Er hatte sie schon lange nicht mehr so glücklich gesehen. Ja, sie war klug, hübsch und sehr gebildet. Außerdem sprach sie mehrere Sprachen. Ein Talent, das er nicht hatte. Mit ihr an seiner Seite hatte er einen fetten Pluspunkt, den Esterbauer mit seiner blassen, nichtssagenden Frau nicht gehabt hatte. Gedanklich wischte er seinen Kontrahenten beiseite, der war Geschichte. Marbach freute sich auf eine rosige Zukunft mit der klugen, hübschen Frau an seiner Seite.
Als Thiel zum vereinbarten Treffpunkt mit Marbach davonfuhr, stieg Martlmüller aus seinem Wagen und setzte sich zu Brigitte Dickmann in deren Wagen, der weitaus größer und protziger war, als seiner.
„Du sagst mir jetzt auf der Stelle, was los ist. Wo ist Esterbauer?“
„Habe ich nicht oft genug betont, dass ich es nicht weiß? Das Ganze ist komplett aus dem Ruder gelaufen. So sollte das alles nicht ablaufen. Esterbauer und seine Frau sollten nur verschwinden, ich habe niemals von Mord gesprochen.“ Brigitte Dickmann schlug mit der Hand aufs Lenkrad.
„Was ist passiert?“
„Das weiß ich nicht. Ich bekam heute Morgen lediglich einen Anruf, dass die Esterbauer erledigt wäre und Uwe verschwunden ist. Mehr erfahre ich heute Nachmittag um 16:00 Uhr.“
„Sind die Unterlagen wenigstens in Sicherheit?“
„Das weiß ich nicht, das erfahre ich auch heute Nachmittag. Ich habe Angst, Kilian. Wir hätten das nicht tun dürfen. Wir tragen Mitschuld am Tod der Frau.“
„Wir mussten handeln, Esterbauer ließ uns keine andere Wahl. Er wollte nicht nur uns beide vernichten, sondern auch der Partei schaden, und das konnten wir nicht zulassen. Heideroses Tod haben wir nicht zu verantworten. Er hätte nur das Geld annehmen und den Mund halten müssen, mehr nicht.“
„Verstehst du das denn nicht? Wir haben jemanden damit beauftragt, Esterbauer und seine Frau verschwinden zu lassen. Jetzt ist die Frau tot. Und ich habe keine Ahnung, was mit Uwe geschehen ist. Wir sind schuld an dem Ganzen, wir haben die Lawine losgetreten!“
„Das sehe ich anders. Wir wollten lediglich, dass die beiden bis nach der Wahl verschwinden, mehr nicht. Ich habe nie von Mord gesprochen. Du etwa?“
„Natürlich nicht! Niemals! Nach der Wahl wäre das Ausmaß des Skandals nicht mehr so wichtig gewesen, kaum jemand hätte sich dafür interessiert. Wir hätten bis dahin genug Zeit gehabt, Spuren zu vernichten und die Gelder in Kanäle verschwinden zu lassen, die so leicht keiner findet. Dafür habe ich einen Computerfreak engagiert, der aber dafür sicher noch mindestens eine Woche oder ein paar Tage länger braucht.“ Brigitte Dickmann machte eine Pause. „Vielleicht hätten wir Uwe doch noch dazu bringen können, von seinem Vorhaben abzulassen. Wenn wir wenigstens die Unterlagen hätten. Die Gefahr ist noch nicht vorüber, Kilian. Sollte Uwe doch noch auftauchen, ist alles vorbei.“
„Dann darf er nicht mehr auftauchen. Mach das heute Nachmittag deutlich, Geld spielt keine Rolle. Uwe muss weg. Wenn er erledigt ist, brauchen wir keine Angst mehr vor einer Enthüllung zu haben. Lass uns fahren, bevor Thiel Verdacht schöpft.“
Brigitte Dickmann zitterte. Was verlangte Kilian von ihr? Sie musste diese Anweisung heute Nachmittag weitergeben. Kilian hatte Recht. Ja, Uwe durfte nicht mehr auftauchen, sonst konnte sie ihre Kanzlei schließen und auch Kilian wäre ruiniert. Warum war Uwe so neugierig gewesen? Warum wollte er ihr, Kilian und auch der Partei schaden?
Xaver Thiel wartete ungeduldig vor dem Restaurant in Altötting, in dem sie sich in Ruhe mit Marbach unterhalten wollten. Wo blieben Brigitte und Kilian? Die beiden benahmen sich heute sehr merkwürdig. Er hatte die kurzen, vielsagenden Blickkontakte zwischen ihnen sehr wohl bemerkt. Was lief zwischen den beiden? Hatten sie etwas mit dem Verschwinden Esterbauers und dem Mord an dessen Frau zu tun? Er wischte die Gedanken beiseite und lächelte. Er hätte den Krimi gestern Abend nicht mehr ansehen sollen.
Die Unterredung mit Dieter Marbach hatte nicht lange gedauert. Anfangs wollte er sich zieren und den Beleidigten geben, aber das gelang ihm nicht wirklich. Zu sehr freute er sich über die neue Situation. Ohne lange zu überlegen sagte er spontan zu. Selbstverständlich übernahm er die Kandidatur.
„Steht Ihre Frau hinter Ihnen? Die nächsten Monate bis zur Wahl müssen ohne Probleme verlaufen.“
„Von meiner Seite aus wird es keine Probleme geben, Sie können sich darauf verlassen. Klara steht voll und ganz hinter mir.“
„Sehr gut. Es ist wichtig, dass sich Ihre Frau regelmäßig sehen lässt. Heiderose wollte das nicht und in Uwes Fall war das auch nicht nötig gewesen. Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, wenn ich sage, dass Uwe sehr viel mehr Charisma hatte und ein begnadeter Redner war. Sie haben hier einige Defizite, die wir hoffentlich mit Hilfe von Profis beseitigen können, Herr Marbach. Oder darf ich Dieter sagen?“
„Selbstverständlich!“ Marbach grinste breit, denn auch Martlmüller und die Dickmann boten ihm das Du an. Er war jetzt mit der Parteispitze auf Du und Du.
„Deine Frau wird dich also begleiten und dich auch unterstützen? Bis zur Wahl ist nicht mehr viel Zeit, deshalb müssen wir alle Register ziehen.“
„Klara freut sich auf die neue Aufgabe, die sie zu eurer vollsten Zufriedenheit erledigen wird.“
Dann musste alles sehr schnell gehen. Der Fotograf der Werbeagentur war bald darauf vor Ort und Marbach musste Fotos in unterschiedlichen Posen und mehreren Outfits von sich machen lassen. Als die am Ende des Tages fertig waren, war er glücklich, aber auch völlig erschöpft.
4.
Die Mitteilung von Fuchs, dass auf dem Laptop nichts Fallrelevantes gefunden wurde, war für alle enttäuschend. Die darauf enthaltenen Daten waren nur rein beruflicher Natur, Privates gab es überhaupt nichts. Konnte das möglich sein? In einer Zeit, in der jeder noch so kleine Mist über Laptops und Smartphone lief, gab es hier nicht den kleinsten Hinweis.
Viktoria und Werner nahmen sich den Gärtner Lobmann vor, Hans und Leo Grete Hofer.
„Gegen Lobmann liegt nichts vor, er ist noch nie auffällig geworden. Seine Firma steht auf einigermaßen soliden Füßen. Es ist zwar nicht so, dass er mit seiner Arbeit ein Vermögen macht, aber er scheint über die Runden zu kommen. Er ist verwitwet und hat einen achtjährigen Sohn, der in einem Internat lebt.“
„In einem Internat? Kostet das nicht ein Vermögen?“ Für Leo lag es auf der Hand, dass dort nur Kinder aus reichem Hause untergebracht waren.
„Nach dem Tod seiner Frau hat er eine stattliche Summe aus einer Lebensversicherung kassiert, die allerdings langsam aufgebraucht sein dürfte. Wenn ich mir die Unterlagen ansehe, dürfte er sich den Luxus des Internats nicht mehr lange leisten können.“
Leo machte sich eifrig Notizen. Das war einer der Hauptpunkte, zu denen er Lobmann befragen wollte.
„Sonst nichts?“ Leo war enttäuscht. Da sie bei Grete Hofer auch nicht fündig geworden waren, hoffte er auf Lobmann.
„Nichts, was uns zu weiteren Recherchen veranlassen würde. Lobmann wuchs in einem Münchner Kinderheim auf. Er wurde im Alter von neun Jahren von einem Mühldorfer Ehepaar adoptiert, die beide bei einem Unfall im Jahr 2007 verstorben sind. Sonst gibt es nichts über Lobmann, was uns weiterhelfen könnte. Was gibt es über die Hofer?“
„Da sieht es leider ähnlich aus. Bis auf die beiden Drogendelikte aus ihrer Jugend, die sie bereits gebeichtet hat, gibt es nichts Auffälliges. Sie kam nach der Wende 1990 aus der ehemaligen DDR und wurde von Verwandten in Bayreuth aufgenommen. Sie wuchs ebenfalls in einem Heim auf. Wer die leiblichen Eltern sind, konnte nicht ermittelt werden. Das Heim bei Halle wurde 1992 aufgegeben und wurde vor fünf Jahren abgerissen. Wo die Unterlagen verblieben sind, habe ich noch nicht herausgefunden. Seit 2003 lebt Grete Hofer in Mühldorf, wo sie auch eine Ausbildung zur Verkäuferin begonnen und nur wenige Monate später abgebrochen hat.“
„Weshalb der Umzug nach Mühldorf?“
„Keine Ahnung, das geben die Informationen nicht her. Hierzu müssen wir sie befragen.“
„Grete Hofer ist auch ein Heimkind? Wie Lobmann? Ist das ein Zufall?“ Viktoria wurde hellhörig.
Leo blätterte in den Unterlagen. Konnte das sein, dass es noch eine Gemeinsamkeit gab? Hier stand es, schwarz auf weiß.
„Die beiden sind gleich alt, sie sind sogar im selben Monat geboren, aber nicht am selben Tag. Aber das ist noch nicht alles. Auch Grete Hofer hat einen achtjährigen Sohn.“
„So viele Zufälle gibt es doch nicht!“, rief Hans, der sich verarscht vorkam. „Zwei Leute arbeiten für ein- und dieselbe Familie. Beide sind als Heimkind aufgewachsen und beide sind fast genau gleich alt. Und dazu haben beide einen achtjährigen Sohn. Ihr könnt mir doch nicht erzählen, dass das nicht stinkt.“
Leo, Hans und Viktoria waren sich einig und diskutierten heftig. Nur Werner hielt sich raus. Er hatte den Ausführungen zugehört und blätterte in seinen Unterlagen.
„Haltet mich für bescheuert“, unterbrach Werner die Diskussion, „aber es gibt noch etwas, das euch nicht gefallen wird. Esterbauers Sekretär Tobias Mohr ist im selben Jahr geboren wie Franz Lobmann und Grete Hofer.“
„Bitte? Das gibt es doch nicht!“
„Warum sollte es das nicht geben? Es gibt nichts, was es nicht gibt,“ sagte Werner unbeeindruckt. Er selbst kannte viele, die nicht nur im selben Jahr, sondern sogar am selben Tag wie er geboren wurden. Deshalb waren für ihn diese Gemeinsamkeiten zunächst nur eine Tatsache, mehr nicht.“
„Wie sieht es mit der Vita von Mohr aus?“
„Du weißt doch, dass wir erst nachforschen dürfen, wenn ein begründeter Verdacht vorliegt. Bei Lobmann und Hofer war das vom Chef abgesegnet worden, aber bei Mohr nicht. Warten wir, bis er hier ist, dann können wir ihn befragen. Es dürfte nicht mehr allzu lange dauern, bis wir mit ihm sprechen können. Sollten wir nach dem Gespräch Zweifel haben, werden wir ihn unter die Lupe nehmen.“ Viktoria hatte Recht mit ihrer Aussage. Es war nicht so, wie den Leuten durchs Fernsehen weisgemacht wurde, dass man sämtliche Informationen über Bürger einfach so sammeln durfte. Es gab auch für die Polizei das Datenschutzgesetz, das nur mit Genehmigung vom Chef oder des Staatsanwaltes umgangen werden konnte.
Brigitte Dickmann wartete ungeduldig am Fenster ihres Büros. Ihre Sekretärin war längst weg, sie hatte ihr für den Rest des Tages freigegeben, denn Zeugen konnte sie für das Treffen nicht brauchen. Endlich fuhr ein Wagen vor. Als sie das Gesicht des Mannes erkannte, wurde ihr schlecht. Auf was hatte sie sich da eingelassen? Sie öffnete dem Mann, der sich ihr nur als Josef vorgestellt hatte, die Tür der Kanzlei und verschloss sie sofort wieder. Niemand sollte auch nur ein Wort des Gesprächs mitbekommen oder ihren Gast zu Gesicht bekommen. Jetzt war sie mit dem Typen allein und bekam es mit der Angst zu tun. Der Mann hatte mit eigenen Händen heute eine Frau erschossen. Trotzdem hatte er sich seit dem letzten Besuch nicht verändert. Was hatte sie erwartet? Dass man ihm den Mord irgendwie ansah?
Sie war unsicher. Sollte sie einem Killer einen Kaffee anbieten? War das angemessen?
Josef setzte sich. Der Typ hieß nie und nimmer Josef, dafür sah er zu südländisch aus, das fiel ihr schon bei ihrem letzten und bisher einzigen Gespräch auf. Aber der Name war ihr gleichgültig. Sie bot ihm einen Platz weit genug von ihr entfernt an und er setzte sich. Auch heute war sie von dem unscheinbaren Äußeren des Mannes verblüfft. Wenn sie dem auf der Straße begegnen würde, würde sie niemals annehmen, dass er kaltblütig Menschen umbrachte. Wie viele Menschen er wohl schon auf dem Gewissen hatte?
Josef hatte noch kein einziges Wort gesagt. Er saß ihr direkt gegenüber und sah sie mit seinen dunklen Augen an. Die Stille versetzte sie in noch größere Angst. Wenn dieser Josef sie jetzt umbrächte, würde die Polizei nie im Leben auf den Mörder kommen. Mit einer Handbewegung wischte sie die Gedanken beiseite. Sie musste sich zusammenreißen und Josef gegenüber souverän und bestimmt auftreten. Sie verzichtete darauf, ihm ein Getränk anzubieten, das hier war schließlich keine gemütliche Plauderstunde.
„Was ist schiefgelaufen? Warum ist Heiderose Esterbauer tot?“ Brigittes Hände zitterten, was Josef sehr wohl bemerkte.
„Ein Kollateralschaden, der leider nicht zu verhindern war. Die Frau lief direkt zur Polizei und wollte plaudern. Ich denke, dass das nicht in Ihrem Sinne gewesen wäre. Ich habe Sie soweit verstanden, dass die Unterlagen unter keinen Umständen in fremde Hände gelangen sollen, schon gar nicht in die der Polizei.“
„Aber gleich erschießen? Hätte man das nicht anders regeln können?“
„Wie stellen Sie sich das vor, Gnädigste? Hätte ich zu ihr gehen und gemeinsam mit ihr und den Bullen diskutieren sollen? Die Frau sprach bereits mit einem Polizisten der Kriminalpolizei. Ich musste schnell handeln.“
„Wo ist Uwe? Was haben Sie mit ihm gemacht?“
„Ich erzähle Ihnen alles, von Anfang an, schließlich bezahlen Sie mich und haben Anspruch darauf. Ich hatte für das Ehepaar Esterbauer eine perfekte Unterkunft besorgt, in der die beiden bis nach der Wahl verbleiben sollten. Ich rief Esterbauer an und versprach ihm mehr Informationen über Martlmüller. Ich bat um ein Gespräch nur mit dem Ehepaar Esterbauer – genau so, wie wir beide es vereinbart hatten, Frau Dickmann.“ Josef sprach sehr langsam und deutlich, was Brigitte Dickmann fast wahnsinnig machte. Sie war eher von hektischer Natur und mochte es, wenn man schnell auf den Punkt kam. Aber sie unterbrach den Mann nicht. „Esterbauer war sofort interessiert und bat mich, zu ihm nach Hause zu kommen. Als ich dort ankam, wartete das Ehepaar bereits auf mich. Man sah den beiden an, dass sie sehr neugierig auf die vermeintlichen Informationen waren. Ich zog meine Waffe und forderte zuerst die Unterlagen, danach wollte ich mit dem Ehepaar untertauchen. Aber die Frau ist plötzlich völlig ausgetickt. Sie griff nach einer Statue und schlug mir die Waffe aus der Hand, dann lief sie einfach davon. Der Mann wollte auf mich losgehen. Ich zog mein Messer und verletzte ihn am Oberarm. Esterbauer hat heftig geblutet, die Wunde sah nicht gut aus. Ich konnte mich nicht um ihn kümmern, ich musste die Frau zurückholen. Ich drohte Esterbauer, seine Frau umzubringen, falls er die Polizei oder irgendjemand anderen rufen sollte. Ich hatte den Eindruck, dass der Mann mich verstand, die Angst in seinen Augen war deutlich zu sehen. Ich bin der Frau hinterher – den Rest kennen Sie bereits. Als ich zurückkam, war Esterbauer verschwunden. Trotz meiner eindringlichen Warnung ist der Mann abgehauen. Offenbar liegt ihm nicht viel an seiner Frau, jeder andere wäre geblieben. Esterbauer hat es vorgezogen, sich selbst in Sicherheit zu bringen.“
„Esterbauer ist weg? Und wenn er zur Polizei geht?,“ rief Brigitte erschrocken.
„Das glaube ich nicht. Wenn er das vorgehabt hätte, wäre die Polizei längst hier. Ich bin mir sicher, dass die Polizei noch völlig im Dunkeln tappt, noch sind wir auf der sicheren Seite. Allerdings muss ich zugeben, dass die Zeit drängt. Ich muss Esterbauer so schnell wie möglich finden.“
„Wenn Uwe erfährt, dass seine Frau tot ist, rennt er zur Polizei. Begreifen Sie das eigentlich? Die Medien stürzen sich auf den Mord, spätestens morgen weiß es jeder. Und wenn Uwe das weiß, hindert ihn nichts mehr daran, zur Polizei zu gehen.“
„Dann muss ich schnell sein. Bleiben Sie ruhig, ich regle das. Noch ist nichts passiert. Wie gesagt, wäre die Polizei längst hier, wenn Esterbauer geplaudert hätte. Ich vermute, dass er untergetaucht ist. Der Mann hatte so viel Schiss, dass er sich erstmal in eine Ecke zurückzieht. Meine Aufgabe ist es, ihn und die Unterlagen zu finden. Ich mach das schon, kommen Sie wieder runter und behalten Sie die Nerven.“
„Als ob ich Ihnen das glauben könnte! Das ist ein Desaster! Hätte Uwe trotz seiner Verletzung ohne Hilfe abhauen können?“
„Schwer zu sagen. Kann sein.“
„Keine Spur von den Unterlagen?“
„Leider nein. Ich habe alles durchsucht, habe aber nichts gefunden.“
Brigitte stöhnte auf und wurde wütend.
„Wofür habe ich Ihnen das viele Geld bezahlt? Ihr Auftrag war es, die Unterlagen zu besorgen, die mich und auch Martlmüller belasten. Außerdem sollten sie dafür sorgen, dass die Esterbauers von der Bildfläche verschwinden und erst nach der Wahl wieder auftauchen. Ich hatte niemals von Mord gesprochen. Jetzt haben wir eine tote Frau und Uwe ist weg. Außerdem sind die Unterlagen immer noch verschwunden. Das ist eine Katastrophe!“ Brigitte Dickmann war wütend.
„Beruhigen Sie sich und behalten Sie die Nerven. Jetzt auszuflippen und kopflos zu reagieren bringt nichts. Ich pflege meine Aufträge auszuführen, bisher waren meine Auftraggeber immer zufrieden mit mir. Manchmal laufen Aufträge nicht reibungslos ab, man muss immer mit Komplikationen rechnen. Ich kümmere mich um alles, machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe bereits eine Vermutung, wer über Esterbauers Aufenthalt oder sogar über den Verbleib der Unterlagen Informationen liefern könnte. Überlassen Sie mir die Drecksarbeit, dafür bezahlen Sie mich. Nicht mehr lange, und alles ist erledigt.“ Josef stand auf und wollte gehen.
„Ich möchte nicht, dass Uwe nochmals auftaucht. Sie haben mich verstanden?“ Während sie sprach, zitterte ihre Stimme. Hatte sie das gerade tatsächlich gesagt?
Josef blieb stehen und drehte sich um. Hatte er richtig verstanden?
„Sind Sie sicher? Sie wollen wirklich, dass ich ihn töte?“
„Ja.“
„Wie Sie wollen, Sie sind der Boss. Ihnen ist klar, dass das extra kostet?“
„Geld spielt keine Rolle.“ Sie griff in die Schublade und überreichte ihm einen dicken Umschlag, den sie sofort nach ihrer Rückkehr sorgfältig vorbereitet hatte. „Das ist eine weitere Anzahlung. Wenn der Auftrag erledigt ist, rechnen wir ab. Wie kann ich Sie erreichen?“
„Ich werde Sie anrufen.“ Josef steckte den Umschlag, ohne nachzusehen, ein.
Brigitte stand auf, öffnete ihm die Tür und sperrte sofort wieder zu. Josef war verschwunden und Brigitte blieb zurück. Sie sah aus dem Fenster und beobachtete, wie der Mann wegfuhr. Sie war völlig durcheinander und goss sich mit zitternden Händen ein großes Glas Whiskey ein, den sie eigentlich für besondere Kunden parat hielt. Dann griff sie zum Telefon und wählte die Nummer eines Mandanten, der ihr zu großem Dank verpflichtet war: Vincent Neuberger.
„Wie zuverlässig ist Josef?“
„Was ist passiert?“ Neuberger spürte sofort, dass etwas geschehen sein musste. Die Stimme seiner Anwältin sprach Bände.
„Die Sache läuft völlig aus dem Ruder. Josef hat versprochen, sich um mein Problem zu kümmern. Sie haben mir den Mann empfohlen und scheinen ihn gut zu kennen. Wie zuverlässig ist er?“
„Bleiben Sie ruhig, Frau Anwältin. Wenn Josef sagt, dass er das erledigt, dann ist das so. Ich habe ihn nicht umsonst wärmstens empfohlen.“ Neuberger legte auf. Was war da los?
Brigitte trank nach dem Telefonat einen weiteren Whiskey. Sie nahm das Diktiergerät aus der Schublade und schaltete es ein. Dann wählte sie Martlmüllers Nummer, schaltete den Lautsprecher ein und erklärte ihm alles.
„Du weißt, was das heißt? Uwe könnte jeden Augenblick auftauchen und unser beider Leben vernichten. Hast du gesagt, dass es besser wäre, wenn Uwe nicht mehr auftaucht? Hast du ihm klargemacht, dass er ihn töten muss?“
„Ja, ich habe ihm gesagt, was du von mir verlangt hast. Ich habe ihm eine größere Summe gegeben. Dir ist klar, dass du dich daran beteiligen musst?“
„Das versteht sich von selbst. Ich bin dir sehr dankbar und werde mich über die Beteiligung hinaus für deine Arbeit erkenntlich zeigen, Brigitte. Vielen Dank.“
„Das hoffe ich sehr.“ Brigitte legte wütend auf. Sie war sauer auf Kilian, der nur meckerte und Ansprüche stellte, während sie sich um einen zwielichtigen Typen und auch um den Computerspezialisten namens Sven kümmern musste.
Brigitte Dickmann schaltete das Diktiergerät aus. Das war ihre Absicherung, falls Martlmüller irgendwann kalte Füße bekäme. Wenn er auch nur andeuten sollte, dass das alles nur auf ihrem Mist gewachsen sei, würde die Aufnahme umgehend der Polizei übergeben werden. Sie steckte das Gerät in einen Luftpolsterumschlag und schrieb ein paar Zeilen dazu. Dann rief sie eine Kollegin in Frankfurt an, die zusammen mit ihr studiert hatte und mit der sie sich die Studentenbude geteilt hatte. Conny Mahnstein war eine der wenigen Personen, denen sie blind vertraute.
„Ich schicke dir einen Umschlag zu, den du bitte sicher verwahrst. Bitte sieh nicht hinein. Kann ich mich auf dich verlassen, Conny?“
„Selbstverständlich, du kennst mich doch. Bist du in Schwierigkeiten?“
„Das weiß ich noch nicht. Wenn ich dich darum bitte, schickst du mir den Umschlag einfach wieder zu. Sollte mir etwas zustoßen, übergibst du den Umschlag der Polizei. Machst du das für mich?“
„Klar. Muss ich mir Sorgen machen?“
„Nein. Ich möchte mich nur absichern. Vielen Dank, Conny.“
„Gerne. Tue mir den Gefallen und pass bitte auf dich auf.“ Conny Mahnstein lehnte sich mit einem Seufzer zurück. Auf was hatte sich ihre alte Freundin Brigitte eingelassen?
Nach einem weiteren Glas Whiskey brachte Brigitte Dickmann den Umschlag persönlich zur Post. Jetzt ging es ihr besser. Kilian konnte sich in der Sache nicht mehr aus der Affäre ziehen. Sollte ihnen die Polizei auf die Spur kommen, würde sie nicht allein alles auf sich nehmen. Dass die ganze Geschichte völlig schief lief, war ihr nach dem Gespräch mit Josef klargeworden. Inständig hoffte sie darauf, dass doch noch alles gutgehen würde. Warum auch nicht? Bis jetzt war sie immer mit Glück gesegnet gewesen und sie hoffte weiterhin darauf.
„Wo bleibt dieser Sekretär?“, maulte Hans, der immer wieder aus dem Fenster sah. Er hatte für heute Abend eine Verabredung und dachte überhaupt nicht daran, diese sausen zu lassen.
„Keine Ahnung. Er hätte schon vor Stunden hier sein müssen“, murmelte Viktoria, die sich nach anfänglichem Ärger langsam Sorgen machte.
„Ich habe auch noch ein Privatleben. Wenn ihr erlaubt, würde ich mich gerne für heute verabschieden.“
Viktoria lehnte ab, worüber Hans sauer war. Er rief seine Verabredung an und vertröstete sie auf später. Vielleicht tauchte dieser Mohr doch noch auf. Werner war längst nach Hause gegangen. Er war der Einzige mit Familie und wurde zuhause gebraucht. Außerdem mussten sie nicht alle wegen Tobias Mohr Überstunden machen.
Das Klingeln des Telefons durchbrach die eingetretene Stille. Leo ging ran. Das, was ihm mitgeteilt wurde, verschlug ihm die Sprache. Erschrocken legte er auf und sah seine Kollegen an.
„Das war München. Tobias Mohr wurde in seinem Wagen tot aufgefunden. Er wurde erschossen.“
5.
Hans hatte darauf verzichtet, zum Tatort nach München zu fahren. Zwischen ihm und Leo gab es deshalb einen erbitterten Streit, denn der wollte ebenfalls nicht. Nicht, weil es ihn nicht interessierte, ganz im Gegenteil, sondern weil er dann schon wieder mit Viktoria allein wäre. Hans war das gleichgültig.
„Das ist kein Wunschkonzert und kein Kindergarten.“, maulte Hans und nahm seine Jacke. „Bereinigt endlich eure Unstimmigkeiten.“, sagte er an beide gerichtet. „Solltet ihr das nicht zeitnah hinbekommen, werde ich mich versetzen lassen. Seit Wochen macht es mir keinen Spaß mehr, zur Arbeit zu gehen, weil ihr beide das Klima versaut.“
„Jetzt übertreib bitte nicht“, beschwichtigte Viktoria, die Hans noch nie so wütend gesehen hatte.
„Ich übertreibe? Frag doch Werner und alle anderen Kollegen. Uns geht euer Verhalten tierisch auf die Nerven. Klärt das endlich wie Erwachsene!“ Hans nahm seine Jacke und ging einfach. Ob die Standpauke etwas nützte? Er glaubte nicht daran, denn Viktoria und Leo hatten beide einen fürchterlichen Dickschädel.
Minutenlang war es still im Büro. Viktoria wusste nicht, was sie sagen sollte. Leo ging es ähnlich. Aber keiner von ihnen wollte nachgeben.
Schließlich nahm Leo die Ermittlungsunterlagen.
„Gehen wir?“
Viktoria nickte und stöhnte auf. Es war ihr klar, dass die bevorstehende Fahrt schrecklich werden würde.
Erst im Wagen bemerkte Leo, dass er seine Jacke vergessen hatte. Sollte er nochmals zurückgehen? Nein, das hätte er Viktoria erklären müssen und darauf hatte er keine Lust. Auch heute war es wieder sehr warm gewesen, was alle nach dem furchtbar langen und kalten Winter sehr genossen. Leo verzichtete großzügig auf seine Jacke, im Wagen brauchte er sowieso keine. Schweigend fuhren die beiden nach München. Irgendwann schaltete Leo das Radio an und drehte den Lautstärkeregler hoch. So war die Fahrt einigermaßen zu ertragen – für beide. In München musste Leo das Radio leiser drehen, sonst hätte er das Navi nicht verstanden. In dem Gewusel der Innenstadt, in der auch zu der späten Stunde immer noch sehr viel Verkehr herrschte, fand er sich bald nicht mehr zurecht. Er wurde nervös und fuhr lieber langsam, was andere Verkehrsteilnehmer nervte. Sie begannen zu hupen, was Leo nur noch unruhiger machte. Natürlich bemerkte Viktoria seine Unsicherheit, was ihn kräftig wurmte. Dann standen sie plötzlich vor dem kleinen Parkplatz in der Marienstraße. Leo wunderte sich. Wie hatte er das geschafft? Als er ausstieg, schlug ihm die Kälte entgegen. Die Sonne war längst weg und jetzt war es, nur mit einem T-Shirt bekleidet, empfindlich kalt. Leo konnte daran nun auch nichts mehr ändern und riss sich zusammen. Vor Viktoria durfte er keine Schwäche zeigen.
Mehrere Einsatzfahrzeuge der Polizei parkten kreuz und quer, der Tatort war weiträumig abgesperrt. Leo stellte seinen Wagen einfach dazu. Sie wiesen sich aus und gelangten schließlich bis zur Leiche von Tobias Mohr, die immer noch im Wagen lag. Keiner hatte es für nötig erachtet, die Leiche abzudecken. Der komplette Parkplatz war hell ausgeleuchtet, was den Toten noch schrecklicher aussehen ließ.
„Mein Name ist Wattenberger, Kripo München“, kam ein Mann auf sie zu. „Sie sind die Kollegen aus Mühldorf?“
„Richtig. Mein Name ist Untermaier, das ist der Kollege Schwartz.“
„Wir haben auf Sie gewartet und alles so belassen, damit Sie einen persönlichen Eindruck bekommen. Der Schuss wurde aus unmittelbarer Nähe abgefeuert, das Geschoss ist ausgetreten und landete in der Türverkleidung der Beifahrertür. Die Ballistiker sind bereits dabei, es zu untersuchen. Es gibt keine Zeugen und nicht den kleinsten Hinweis auf den Täter oder die Täterin. Wir haben die Nachbarn und alle greifbaren Passanten bereits befragt.“
Viktoria hielt die Ermittlungsakte Esterbauer in Händen und wollte den Kollegen Wattenberger informieren. Der aber lehnte dankend ab.
„Sie sind dafür zuständig, die Leiche und der Fall gehören Ihnen. Ich bin nicht böse darüber, einen Fall weniger bearbeiten zu dürfen. Wir sind krankheitsbedingt unterbesetzt und ersticken in Arbeit.“, fügte er erklärend hinzu. Dass er von Fällen, die auch nur im Entferntesten mit Politik zu tun hatten, lieber die Finger ließ, behielt er für sich. Solche Fälle brachten nur unnötigen Ärger mit sich, auf den er gerne verzichten konnte.
„Darf ich?“, fragte Leo und zeigte auf den Wagen des Toten.
„Bitte gern, die Spurensicherung ist fertig.“
Obwohl sich Leo vor der Leiche grauste, riss er sich zusammen und durchsuchte den Wagen. Natürlich nicht, ohne vorher Handschuhe angezogen zu haben. Peinlich genau sah er in jeden Winkel des Mittelklassewagens. Dann ging er wieder zu Wattenberger.
„Hatte der Tote etwas Persönliches bei sich? Handy? Geldbeutel? Aktentasche? Laptop?“
Wattenberger hielt ihm einen Beutel vor die Nase.
„Handy und Geldbeutel hatte er in der inneren Brusttasche seines Jacketts, den Schlüsselbund fanden wir im Fußraum der Beifahrerseite. Eine Aktentasche oder einen Laptop haben wir nicht gefunden. Vielleicht ist beides noch bei ihm zuhause? Laut dem Personalausweis ist er in Mühldorf gemeldet.“
„Das wissen wir. Trotzdem ist es seltsam, dass er keine Unterlagen oder eine Tasche bei sich hatte. Er war beruflich in München.“
„Vielleicht ist der Tote einer, der alles in seinem Handy speichert.“ Wattenberger drängte darauf, dass Leo den Beutel an sich nahm. Für ihn war der Fall hiermit abgegeben und er hatte endlich Feierabend. „Den Bericht der Ballistik schicke ich Ihnen zu. Ich habe veranlasst, dass die Leiche in die Pathologie gebracht wird. Es ist hinterlegt, dass Sie für den Fall verantwortlich sind. Ich wünsche Ihnen viel Glück.“
Viktoria und Leo sahen dem Mann hinterher. Als er davonfuhr, wurde die Leiche abtransportiert und der Wagen sichergestellt. Einer der Polizisten drückte Leo einen Lieferschein in die Hand.
„Sie finden den Wagen an dieser Adresse“, sagte er und verschwand.
Es dauerte nicht lange, und nur noch Leo und Viktoria waren vor Ort, alle anderen waren verschwunden, auch die Schaulustigen. Leo hatte immer noch Handschuhe an und nahm den Personalausweis des Toten aus der Brieftasche.
„Und? Wo ist er geboren?“
„München. Durch Mohrs Tod haben wir jetzt wenigstens die Erlaubnis, in seinem Leben wühlen zu dürfen. Ich bin gespannt, was wir finden werden.“ Leo zitterte, er fror entsetzlich. Inzwischen hatte er es längst bereut, seine Jacke doch nicht mitgenommen zu haben.
„Fahren wir nach Mühldorf zurück. Wenn du erlaubst, möchte ich für heute Schluss machen. Mohrs Leben können wir auch morgen noch zerpflücken.“, sagte Viktoria und stieg in den Wagen. Sie konnte es kaum erwarten, ihren Kollegen endlich loszuwerden. Die Polizei war darüber informiert, dass Mohr unverheiratet war. Zumindest wurde ihnen wenigstens die Überbringung der Todesnachricht erspart.
Leo stimmte sofort zu und startete den Wagen. Er war sehr froh darüber, als die Heizung ansprang und die wohlige Wärme sich langsam ausbreitete. Viktoria zog irgendwann demonstrativ ihre Jacke aus, aber das war ihm egal. Hauptsache, ihm war nicht mehr kalt.
Die Kripobeamten waren bei ihrer Arbeit aus sicherer Entfernung beobachtet worden. Josef hatte nach Mohr gesucht, den entscheidenden Hinweis bekam er von einer geschwätzigen Mitarbeiterin des Mühldorfer Parteibüros. Sie hatte ausgeplaudert, wo Mohr einen Termin hatte. Er fuhr zu der genannten Adresse und brauchte nur zu warten. Als Mohr auftauchte, ging der schnurstracks zu seinem Wagen, den er hier geparkt hatte. Mohr war stur geblieben und hatte sich geweigert, auch nur ein einziges Wort über seinen Arbeitgeber Esterbauer oder die Unterlagen zu sagen. Er wiederholte ständig, dass er von nichts wusste, aber Josef sah ihm an, dass er log. Ja, der Mann wusste Bescheid, er konnte ihm nichts vormachen. Die Situation geriet völlig außer Kontrolle. Es gab ein kurzes Handgemenge, bei dem sich ein Schuss löste. Das war nicht beabsichtigt gewesen, denn tot nutzte ihm der Mann nichts. Aber an dieser Situation konnte man nichts mehr ändern. Mohr war tot und er hatte keine Ahnung, wo er nach Esterbauer und den Unterlagen suchen sollte. Josef nahm die Aktentasche an sich. Dann platzierte er den Toten auf dem Fahrersitz. Den Schlüsselbund, der auf den Boden gefallen war, warf er achtlos in den Wagen. Gerade, als er den Wagen durchsuchen wollte, tauchten schwatzende Passanten auf. Er zog sich zurück und wartete. Es dauerte nicht lange, bis die Leiche entdeckt wurde. Verdammt! Er hätte sich zu gerne den Wagen noch vorgenommen. Dafür war es zu spät, die Polizei tauchte nach wenigen Minuten auf. So ein verdammter Mist!
Während die Polizei vor Ort war, durchsuchte er die Aktentasche des Toten. Hierin war nichts, was ihm nutzte. Einen Laptop fand er nicht, auch von einem Handy war nichts zu sehen. Verdammter Mist! Er hätte mehr Zeit gebraucht. Ihm blieb nur, sich in Mohrs Privaträumen und in den Büros von Esterbauer und Mohr umzusehen. Seine Auftraggeberin hatte bereits in deren Schreibtische danach gesucht und versichert, dass dort nichts zu finden sei, aber er wollte sich lieber persönlich davon überzeugen. Es stand einfach zu viel auf dem Spiel. Er hatte von Frau Dickmann zwar eine stattliche Summe kassiert, aber die war für seinen Lebensstil einfach zu gering. Er war auf die Restzahlung nach Auftragsabschluss angewiesen.
Er beobachtete aus sicherer Entfernung und im Schutze der Schaulustigen die Arbeit der Polizei. Wer würde den Fall übernehmen? Er war überrascht, als er die Kripo-Beamten der Mühldorfer Polizei erkannte. Der lange, dünne war derjenige, in dessen Armen die Esterbauer starb. Sie haben sich also des Falls angenommen, auch wenn der Mord in München geschah - interessant. Das war für Josef geradezu ideal, denn er hielt nicht viel von der Mühldorfer Polizei, da diese in seinen Augen nicht viel taugte. Seit einigen Jahren wurde nach ihm gesucht und doch lebte und arbeitete er direkt vor deren Nase völlig unbehelligt.
Die Mühldorfer Kripobeamten fuhren los, nachdem sich die Münchner Kollegen schon längst verabschiedet hatten. Josef zögerte. Sollte er sofort nach Mühldorf fahren und sich dort umsehen? Nein, dafür war noch die ganze Nacht Zeit. Er wartete, bis die Mühldorfer Polizisten außer Sichtweite waren, und folgte dem Lastwagen, auf dem Mohrs Wagen aufgeladen wurde. Vielleicht gab es doch noch eine Möglichkeit, sich darin in Ruhe umzusehen.
Josef fluchte, als er sah, dass der Wagen in die Halle einer Polizeistation gebracht wurde, in der auch zu dieser Stunde noch jede Menge Betrieb herrschte. Verdammt! Den Wagen konnte er vergessen. Er gab Gas und fuhr nach Mühldorf.
Als Viktoria nach einer abermals schweigsamen Rückfahrt endlich erleichtert vor ihrem Wagen auf dem Parkplatz der Polizeiinspektion stand, dachte sie nicht daran, in ihre Pension zu fahren, wo sie während ihres Aufenthalts in Mühldorf untergekommen war. Sie fuhr zu Mohrs Adresse und wollte sich dort in Ruhe umsehen. Vielleicht fand sie etwas aus seinem Vorleben oder einen Hinweis auf seinen Mörder.
Viktoria kannte das Haus, in dem Mohr gewohnt hatte. Eine hübsche Wohngegend, in der die Polizei nicht viel zu tun hatte. Sie blickte an dem viergeschossigen Gebäude nach oben. Dort oben links musste Mohrs Wohnung sein. Sie lag im Dunkeln, wie die anderen Wohnungen auch. Das war insofern nicht verwunderlich, weil es schon weit nach Mitternacht war. Leo hatte den Hausschlüssel, also musste sie sich irgendwie Zugang zum Haus und zur Wohnung verschaffen. Die Haustür war eine Kleinigkeit, die hatte sie mit Hilfe einer ihrer vielen Rabattkarten rasch auf. Die Wohnungstür war ein anderes Kaliber, hierzu brauchte sie einen Dietrich und viel Zeit. Die Beleuchtung des Treppenhauses schaltete sehr kurz, was zusätzlich Zeit kostete. Endlich war die Wohnungstür offen. Noch während sie eintrat, hoffte sie darauf, dass Mohr alleine lebte. Sie wusste, dass er unverheiratet war, aber nicht, ob er in einer Partnerschaft lebte. Sie musste vorsichtig sein, denn sie konnte nicht wissen, was sie erwartete. Jetzt bereute sie es, dass sie ohne Begleitung hergekommen war. Mit einem Partner an ihrer Seite hätte sie sich sehr viel sicherer gefühlt. Aber was sollte schon passieren? Sie war schließlich bewaffnet.
Mit der Taschenlampe und ihrer Waffe in der Hand durchsuchte sie die Zweiraumwohnung, die sehr geschmackvoll eingerichtet war. Die Wohnung war sauber, hier war niemand. Sie steckte ihre Waffe wieder ein und schaltete das Licht ein. Sie stand im Wohnzimmer – und bekam einen heftigen Schlag auf den Kopf.
6.
Ganz langsam kam Viktoria zu sich. Sie blickte Leo direkt in die Augen, der ihr mit dem Gesicht sehr nahe gekommen war. Sie lächelte. War das nur ein Traum? Dann spürte sie den feuchten, kalten Lappen im Gesicht und es wurde immer klarer um sie herum. Ihr Kopf tat schrecklich weh.
„Was ist passiert?“, murmelte sie immer noch benommen.
„Du wurdest niedergeschlagen. Als ich kam, stand die Wohnungstür offen. Mitten in dem Chaos habe ich dich gefunden. Bleib liegen, der Krankenwagen ist unterwegs.“
Täuschte sie sich, oder sprach Leo gerade nicht ganz so abweisend wie sonst mit ihr? Hatte er sich etwa Sorgen gemacht?
„Warum bist du hier?“, fragte sie ihn und versuchte entgegen seinem Rat, sich langsam aufzusetzen.
„Dasselbe könnte ich dich fragen. Wolltest du nicht Feierabend machen? Stattdessen brichst du hier ein – allein. Das ist unverantwortlich!“
„Du kannst mich mal! Du bist doch auch alleine hier, oder täusche ich mich?“
Der Notarzt war endlich vor Ort und unterbrach den sich anbahnenden Streit. Leo tat so, als würde er sich umsehen, hatte dabei den Notarzt immer im Blick. Er war erleichtert, als der grünes Licht gab. Viktorias Verletzung war zum Glück nicht so schwer, was vorhin, als er sie fand, ganz anders aussah. Als er Viktorias Wagen vor der Polizeiinspektion hinterher sah, hatte er beschlossen, doch noch seine Jacke zu holen. Bei der Gelegenheit konnte er Mohrs persönliche Dinge in seinen Schreibtisch legen. Der Chef sah es ohnehin nicht gerne, wenn Beweismaterial mit nach Hause genommen wurde. Als er den Wohnungsschlüssel des Opfers in Händen hielt, zögerte er. Konnte er es wagen? Warum nicht! Er wollte sich in dessen Wohnung nur einen Überblick verschaffen, mehr nicht. Die Neugier war einfach zu groß. Außerdem war er nicht müde, sein Bett konnte noch warten. Also fuhr er zu dem Haus, in dem Mohr eine Wohnung gemietet hatte. Vor dem Haus sah er, dass Licht in der Wohnung brannte. Er hatte sich fast zu Tode erschreckt, als er Viktoria fand, deren Wagen er vor dem Haus nicht bemerkt hatte. Für einen kurzen Moment hatte er Angst bekommen, denn so wie sie dalag, vermutete er das Schlimmste. Zum Glück kam sie rasch zu sich. Täuschte er sich, oder lächelte sie ihn an?
„Mir fehlt nichts.“, hörte Leo Viktoria sagen. „Sie können gehen, Doc. Danke für Ihre Hilfe.“
Dann waren der Notarzt und sein Kollege verschwunden. Die Kriminalbeamten waren wieder allein.
„Diese Unordnung war vorhin noch nicht“, sagte Viktoria, die sich wegen der Kopfschmerzen zusammenreißen musste. Sie rappelte sich auf und begann, sich in der Wohnung umzusehen, während ihr Kopf zu platzen drohte. Sie war kurz davor, sich zu übergeben, was Leo sehr wohl bemerkte.
„Setz dich“, sagte er deshalb.
„Mir geht es gut.“
„Du sollst dich setzen! Spiel hier nicht die Heldin! So, wie du aussiehst, wirst du dich gleich übergeben. Fuchs und seine Leute sind unterwegs. Wie willst du denen dein Erbrochenes erklären?“
„Mir geht es gut!“, protestierte Viktoria erneut und setzte sich dennoch. Leo hatte Recht. Wie sah es aus, wenn sie sich hier übergeben würde? Das würde bei den Kollegen schnell die Runde machen. Sie lehnte sich zurück und war sauer, dass sie sich so stümperhaft übertölpeln lassen hatte. Sie hatte ihren Angreifer nicht bemerkt, sie war einfach zu unvorsichtig gewesen.
„Hast du niemanden gesehen?“, fragte sie Leo, der ununterbrochen auf und ab ging und Viktoria damit fast wahnsinnig machte.
„Nein“, war die knappe Antwort. Leo hatte tatsächlich niemanden gesehen und das ärgerte ihn. Wäre er nur einige Minuten schneller gewesen, hätte er den Täter sicher geschnappt.
Leo durchsuchte die Wohnung nur oberflächlich. Er fand spontan nichts, was auf Mohrs Vergangenheit hindeutete. Er hätte sich gerne genauer umgesehen, aber Fuchs würde darauf nicht erfreut reagieren. Er würde sich von ihm eine Standpauke anhören müssen, auf die er nicht scharf war. Ungeduldig wartete er auf Fuchs, während er immer wieder aus dem Fenster sah. Was hätte er sonst tun sollen? Sich neben Viktoria setzen? Auf keinen Fall!
„Weißt du, was mich stört? Derjenige, der mich niederschlug, muss von Mohrs Tod gewusst haben. Meinst du, das war Mohrs Mörder?“ Viktoria nahm noch zwei von den Tabletten, die der Notarzt ihr überlassen hatte.
„Mag sein“, antwortete Leo, der bei dem Gedanken eine Gänsehaut bekam. Wenn das so wäre, dann war Viktoria nur knapp davongekommen. Warum belastete ihn das so sehr?
Josef war überrascht gewesen, als er beim Betreten von Mohrs Wohnung die Polizistin vorfand. Aber noch überraschter war er, dass sie allein hier war. Wie unvorsichtig war das denn! Warum die Polizistin so vorging, war ihm gleichgültig, ihm kam das zugute. Mit einem heftigen Schlag setzte er die Frau außer Gefecht, noch bevor sie realisieren konnte, was geschah. Ob er zu fest zugeschlagen hatte und wie es ihr ging, war ihm egal. Polizisten kannten schließlich das Risiko, dem sie täglich ausgesetzt waren. Josef durchwühlte die Wohnung, aber von den Unterlagen, auf die seine Auftraggeberin scharf war, war weit und breit nichts zu finden. Verdammt! Er war sich sicher gewesen, dass er hier genau richtig war. Warum sonst hatte ihn Mohr so komisch angesehen, als er ihn nach den Unterlagen fragte? Josef suchte weiter. Er fand in einem der Aktenordner eine Spur, der er unbedingt nachgehen musste und die recht vielversprechend aussah. Den Ordner nahm er mit. Aber bevor er dieser Spur nachging, musste er sich die Büros Esterbauers und Mohrs vornehmen. Josef beschloss, wieder zu gehen. Dass die Polizistin sich nicht ein einziges Mal bewegt hatte, war gut für ihn.
Im Treppenhaus vernahm Josef Geräusche. Gerade noch rechtzeitig, bevor er nach unten ging. Er blieb für einen kurzen Moment stehen. Dann ging die Treppenbeleuchtung an. Schnell ging er so leise wie möglich die Treppe nach oben, wobei er vorsichtshalber die Waffe in der Hand hielt. Sollte jemand vor ihm auftauchen, musste er sofort schießen, er durfte kein Risiko eingehen.
Die Sekunden vergingen sehr langsam. Was würde jetzt geschehen? Josef hielt den Griff der Waffe fest umklammert. Die Schritte kamen näher. Vorsichtig streckte Josef den Kopf übers Geländer und beobachtete, wie ein Mann die Wohnung von Mohr betrat und dabei ebenfalls eine Waffe in der Hand hielt. War das nicht der Polizist, der auch schon in München war? War nicht auch er es, an den sich die verblödete Esterbauer klammerte, bevor er sie erschießen musste? Wenn er es nicht besser wüsste, würde er annehmen, dass es außer diesem großen, dünnen Bullen keine anderen gab. Josef hörte, wie der Polizist den Namen Viktoria rief. Das war der richtige Moment für ihn, abzuhauen. So schnell wie möglich rannte er die Treppe nach unten, wobei er darauf bedacht war, so wenig Lärm wie möglich zu machen. Rasch stieg er in seinen Wagen und fuhr davon. Ob ihn jemand gesehen hatte? Nein, dafür ging alles viel zu schnell.
Nach der nächsten Kurve verlangsamte sich sein Puls wieder, er hatte es geschafft. Was jetzt? Die Polizei war ihm noch nie so nah gekommen wie eben. Sollte er nicht besser sofort abhauen? Sicherer wäre es, die Spur Mohrs zu verfolgen, die ihn wieder zurück nach München führte. Sollte er die Büros in Mühldorf sausen lassen? Nein. Frau Dickmann würde nicht begeistert sein, wenn dort die Unterlagen doch noch auftauchen würden. Er musste sich selbst überzeugen und fuhr direkt zu den Büros der Bürgerpartei, die ihm persönlich völlig egal war. Für Politik und so einen Mist hatte er nichts übrig. Das waren in seinen Augen alles nur Profilneurotiker, die sich wichtig machten. Politiker war eigentlich kein schlechter Job. Nur den ganzen Tag labern, wobei es völlig egal zu sein schien, was man von sich gab. Er hatte oft beobachtet, wie schnell Politiker ihre Meinung von einem auf den anderen Tag änderten; nach dem Motto: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ Und dafür kassierten die Damen und Herren ordentliche Gehälter, die die dummen Steuerzahler fleißig bezahlten. Obendrein gab es Sondervergünstigungen und Vorteile, in deren Genuss ein Normalsterblicher niemals kommen würde. Darüber regte sich niemand auf. Josef zählte sich nicht zu den Normalbürgern. Erstens hatte er sich schon immer nur für sich selbst und sein eigenes Schicksal interessiert. Und zweitens bezahlte er schon seit vielen Jahren keine Steuern mehr und musste sich somit auch nicht über Steuerverschwendungen und unnötige Ausgaben, zu denen er auch die völlig überhöhen Gehälter der Politiker zählte, aufregen. Seine eigenen Einnahmen waren alles Nettoeinnahmen, von denen außer seinen Auftraggebern niemand wusste und die ihm ein sehr angenehmes Leben ermöglichten.
Josef war an dem Gebäude angekommen, in dem die Partei ihre Büros angemietet hatte. Er sah auf die Uhr und musste warten. Erst, wenn der Wachdienst seine Kontrolle durchgeführt hatte, konnte er dort einbrechen, diese Angaben hatte er von seiner Auftraggeberin bekommen. Ob sich die Frau Anwältin inzwischen wieder beruhigt hatte? Er hatte ihr schon bei der ersten Begegnung angesehen, dass sie keine starken Nerven hatte. Sie war eine biedere Frau in den Fünfzigern, die äußerlich nicht besonders auffiel. Normalerweise mochte er keine Frauen als Auftraggeber, mit denen gab es oft Ärger. Aber sein Mittelsmann Neuberger hatte ihm den Auftrag zugeschanzt und ihm hatte er viel zu verdanken. Natürlich hieß er nicht Josef, diesen Namen hatte er sich nur für die Anwältin zugelegt. Für jeden Auftrag gab es einen neuen Namen. Niemand brauchte wissen, dass er Peter Farkas war, der schon seit Jahren auf den Fahndungslisten der Polizei ganz oben stand. Auf ihn war sogar ein sehr hohes Kopfgeld ausgesetzt, worüber er sich sehr gefreut hatte. Die Polizei würde ihm niemals auf die Spur kommen. Seit über vier Jahren lebte er sogar in Mühldorf am Inn, nur wenige hundert Meter von der Polizeiinspektion entfernt. Wenn er besonders gute Laune hatte, fuhr er direkt an der Polizei vorbei und grüßte die Uniformierten stets freundlich. Keiner der Trottel hatte ihn jemals erkannt.
Es dauerte über eine Stunde, bis es endlich so weit war. Lächelnd musste Josef zusehen, dass der Wachdienst lediglich an der Tür rüttelte und dann an zweien der Fester mit einer Taschenlampe reinleuchtete. Das war alles. Was für eine Stümperarbeit!
Die Tür war ein Kinderspiel, die brach er mit roher Gewalt und mit Hilfe eines Brecheisens auf. Er hatte bereits genug Zeit vertrödelt. Außerdem würde ihn niemand in den umliegenden Gebäuden hören, denn das Haus befand sich mitten in einem Industriegebiet, in dem um diese Zeit nichts los war. Er zog sich eine Maske über, schließlich könnten überall Überwachungskameras hängen, darüber konnte Frau Dickmann keine Aussage machen.
Während Josef die beiden Büros durchwühlte, waren Fuchs und seine Leute in Mohrs Wohnung angekommen, was mitten in der Nacht nun auch von den anderen Bewohnern nach und nach bemerkt wurde. Sie waren über das Großaufgebot der Polizei erschrocken und antworteten bereitwillig auf die Fragen der Polizei.
Fuchs und seine Leute sicherten alle Spuren und brauchten dafür Stunden. Was fehlte? Konnten sie das überhaupt beurteilen? Leo hatte weder einen Laptop noch eine Aktentasche gesehen. Auch Fuchs nicht. Ging es dem oder den Tätern darum? Hatten sie gefunden, wonach sie suchten?
Leo fuhr Viktoria in ihre Pension, schließlich konnte sie in ihrem Zustand nicht mehr selbst fahren. Er wollte sie zu ihrem Zimmer begleiten, aber Viktoria lehnte dankend ab. So weit käme es noch, dass sie sich von ihm wie ein kleines Kind behandeln lassen musste. Ja, sie hatte schreckliche Kopfschmerzen und sie war auch wacklig auf den Beinen. Aber sollte sie das Leo gegenüber zugeben? Nie und nimmer!
Leo wusste über ihren Zustand Bescheid, schließlich hatte er jedes Wort, das zwischen Viktoria und dem Notarzt gewechselt wurde, mitbekommen. Dieses sture Weib! Nachdem sie seine Hilfe - in seinen Augen viel zu schroff - abgewiesen hatte, fuhr er wütend nach Hause. Ob er jetzt endlich müde genug war, um ein paar Stunden am Stück schlafen zu können? Er glaubte nicht daran, verzichtete heute aber auf den Rotwein, denn davon hatte er in letzter Zeit viel zu viel getrunken. In der Küche fand er auf dem Herd einen Topf vor, den Tante Gerda, seine Vermieterin und Ersatzmutter, dort hingestellt hatte. Er lupfte den Deckel und roch daran. Gulasch mit Kartoffeln – herrlich. Noch während er das Gulasch erhitzte, löffelte er immer wieder daraus, er hatte tierischen Kohldampf. Was war Tante Gerda doch für ein Engel!
Dass sich Tante Gerda große Sorgen um ihn machte, wusste er nicht. Schweren Herzens musste sie beobachten, wie Leo immer dünner wurde und viel zu viel trank. Er war traurig und quälte sich, das sah sie ihm an. Und das tat ihr sehr weh. Sie mochte Leo wie einen eigenen Sohn und wünschte ihm nur das Beste. Ja, Viktoria hatte sich im letzten Jahr für ihre Karriere entschieden und war nach Berlin gezogen, was sie ihr nicht übelnahm. Jeder musste für sich entscheiden, was gut für ihn war. Leo hatte sehr gelitten und war endlich über sie hinweg, als sie jetzt plötzlich wieder hier aufgekreuzt war. Warum kam sie zurück? Das Mädl sah unglücklich aus, das sah ihr Tante Gerda sofort an. Ob sie ihre letztjährige Entscheidung bereute? Um Viktoria machte sie sich keine Sorgen, das Mädl war stark und kam zurecht. Aber Leo nicht. Wenn sich die beiden nicht endlich aussprachen, würde das noch ein schlimmes Ende nehmen. Eigentlich wollte sie sich aus den Privatangelegenheiten der beiden raushalten, schließlich mochte sie es selbst nicht, wenn sich jemand in ihr Leben einmischte. Aber damit war jetzt Schluss. Tante Gerda nahm sich vor, in den nächsten Tagen mit Viktoria und Leo zu sprechen. Sie konnte dem Elend nicht länger zusehen.
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