Читать книгу: «"Halt's Maul, jetzt kommt der Segen…"»

Шрифт:


Da ich in sieben Jahren meist gleichzeitig an drei Stuttgarter Schulen in allen Klassenstufen unterrichtet habe, ist die Anonymität der Kinder gewahrt.

In fast allen Gruppen waren evangelische und katholische Schüler und Schülerinnen zusammengefasst.

Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme

Hermann, Inger:

Halt’s Maul, jetzt kommt der Segen:

Kinder auf der Schattenseite des Lebens fragen nach Gott / Inger Hermann. – Stuttgart: Calwer Verl., 1999

eBook-ISBN 978-3-7668-4239-8

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

10. Auflage 2011

© 1999 by Calwer Verlag Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten.

Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlags.

Umschlaggestaltung: ES Typo-Graphic, Stuttgart

Satz: Karin Klopfer, Calwer Verlag

Druck und Verarbeitung: AZ Druck und Datentechnik, Kempten

E-mail: info@calwer.com

Internet: www.calwer.com

Für Almuth-Liesabell

Inhalt

Geleitwort

Vorüberlegungen

Da ist doch Krieg in meinem Land: Entwurzelte Kinder

Moses in der Tiefgarage

Wir Menschen können alles: Scheiß und Liebe

Eigentlich sind wir doch keine Dummenschule

Halt’s Maul, jetzt kommt der Segen

Von guten Mädchen und Kondomen

An Gott glaub’ ich nur in Portugal

Ich hab’ niemand so lieb wie mein’ Hasen

Leichen im Fluss – das ist besser

Klosterbruder im Kampfanzug

Kennt Ihr Gott eigentlich auch Ausländer?

Glücklich sein – das geht doch nicht

Die Gitarre und das Sündenböckchen

Reflexionen

Misshandelt und missbraucht

Gott ist bestimmt sauer auf mich

Nutte! – Na und?

Mitten im Matsch – die Blume

Miteinander schlafen – so’ne Sauerei

Manchmal denke ich, die Mama mag mich doch

Ich bin traurig – weil ich jetzt nicht mehr Jungfrau bin

Dann haben sie ihn verkauft

Da kommt ja unser Erzengel – verpiss dich

Wenn ich von meinem Bruder schwanger werde, dann schlägt sie mich tot

Reflexionen

Ich hab doch Angst

Aufschlitzen – das bringt Spaß

Das Chaos und der Segen

Ich hab gebetet – und bin trotzdem ein Versager

Der Engel im T-Shirt

Toll, der geile Satz von Martin Luther King

Ich bin Niemand

Was ich vom neuen Jahr erwarte? Scheiße

Null Bock auf so’n beschissnes Leben

Rambo sucht Gott

Sarah, das Stinktier

Dann verreck’ ich eben auch

Ich weine, weil sie sich früher mal geliebt haben

Lieber tot sein – als Angst haben

Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht sehe

Sei froh, dass du nur mit der Bratpfanne geschlagen wirst

Meine Mutter – eine Hure

Interessiert Gott Sie denn auch in der Freizeit?

»… bis uns endlich die Polizei erwischt hat«

Reflexionen

Dem Tod begegnet – und allein gelassen

Gestorben? – Verreckt ist der!

Der hat das Leben wenigstens hinter sich

Mein Vater – das Gespenst

Von der Ecke hinter dem Papierkorb

Nicht gestorben – aufgehängt hat er sich

Reflexionen

Dumme Kinder – weise Kinder

Gott umgibt mich – auch wenn die Bierflaschen fliegen

Komisch, jetzt gerade habe ich keine Angst

Ich sehe, weil ich nicht sehe

Das Kind von meiner Cousine – ein Gotteskind

Markus liest. Ein Gottesbeweis?

Warum lächelt der Mann?

Wozu hat man einen Namen?

Nietzsche und Rilke – aber doch nicht mit diesen Schülern

Reflexionen

Schlussüberlegung: »Die gottgedachte Spur, die sich erhalten … « (Goethe)

Nachwort zur dritten Auflage

Geleitwort

»Ich denke, Gott mag mich nun mal, ob ich Scheiß bau oder nicht, weil Gott, der kann doch gar nicht anders als lieben. Stimmt’s nicht? Nur wir Menschen können noch viel anderes, töten und so.« Das sagt Otto im Religionsunterricht (7. Schuljahr) einer Förderschule in einer süddeutschen Großstadt. Inger Hermann stellt in diesem Buch Gesprächssequenzen aus ihrem Unterricht vor. Sie versteht es meisterhaft, die Frage nach dem, »was uns unbedingt angeht« (Paul Tillich) mit diesen »entwurzelten, geschundenen und gedemütigten Großstadtkindern« zu bedenken.

Zum Stichwort Kinderphilosophie sind in den letzten Jahren einige Bücher entstanden, die staunen lassen, wie Schülerinnen und Schüler der Grundschule schwierigste philosophische Fragestellungen erörtern. In den Schülerbeiträgen dieses Buches kommt eine Kindertheologie zur Sprache, die nicht nur durch hohes Reflexionsniveau, sondern vor allem auch durch existentielle Tiefe überzeugt. Es ist faszinierend zu sehen, wie sehr gerade klassisch theologische Themen wie die Gottesfrage im Lebenshorizont der Kinder Bedeutung haben. Dies kann Mut machen, diesen Themen mehr zuzutrauen als es oft geschieht, und ihnen im Religionsunterricht einen gebührenden Platz einzuräumen.

Manche Leserin und manchen Leser mag die unverblümte Sprache der Kinder erschrecken. Doch die Erkenntnis stellt sich schnell ein: Nur so können sie sich äußern. Nur so können sie ihr schreckliches Leid und die tiefen Verletzungen aussprechen.

Mir ist es beim Lesen so ergangen: Einmal begonnen konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Die Unterrichtsgespräche sind geradezu eine Aufforderung, sich im Religionsunterricht viel stärker als bisher auf das einzulassen, was die Schülerinnen und Schüler an Fragen, Problemen und Erkenntnissen einbringen.

Jörg Thierfelder

Vorüberlegungen

»Vater unser, der du bist im Himmel … «

»Wo ist der Himmel?«

»Der Himmel? Überall. Gott ist überall.«

»Ist er dann auch im Drei-Farben-Haus?«

»Drei-Farben-Haus? Was ist denn das?«

»Naja, wo die Nutten … Sie wissen schon. Wo die Männer immer reingehen. Ich will nur wissen, ist Gott auch da drin?«

Und ich antworte: »Ja.«

Ich kann von Gott nur sprechen, kann nur Religionsunterricht halten, wenn ich ihm zumute, überall zu sein. Der Gott, der in Klöstern und Kirchen beheimatet ist, an den ich mich in Gebet und Meditation wende, den ich unter dem Sternenhimmel erfahren kann, diesem Gott sind meine Schüler nie begegnet.

Verschiedene Wege mag es geben, religiöse Erfahrungen zu vermitteln. Mit diesen Kindern – Großstadtkindern, entwurzelt, geschunden, gedemütigt – bleibt für mich nur der eine: mit ihnen in die Tiefe auch ihrer dunkelsten Alltagserfahrungen hineinzugehen und zu vertrauen: »Der Name dieser unauslotbaren Tiefe ist Gott« (Tillich).

Wenn eine Frage und damit oft ein Abgrund sich auftut, bereit sein, mich abzuseilen in ihre Dunkelheit, das heißt für mich Religionsunterricht.

Manchmal scheint mir, dass diese Schüler mehr noch als behütete Gleichaltrige, nur an wirklich existentiellen Fragen interessiert sind: Wo ist Gott, wenn ich geschlagen werde? Oder: Wenn mein Vater säuft, mag ihn Gott dann immer noch? – Warum reden wir von Gott, wenn es ihn doch gar nicht gibt, gar nicht geben kann, in so einer beschissenen Welt?

Wie kann Christus Herr der Religionslosen werden? Was bedeutet »religionsloses Christentum«? Diese Frage Bonhoeffers wird zur zentralen Frage. Dass die meisten heutigen Stadtkinder »Religionslose« in der ganzen Tragweite dieses Wortes sind, dass sie in einer religionslosen Gesellschaft leben und in eine religionslose Zukunft hineinwachsen, dessen sind wir uns eher zu wenig bewusst. Zugleich gilt für jedes dieser Kinder, ob sie nun getauft sind oder nicht: »Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein«. Und – so erstaunlich es klingen mag – dieses unbewusste Wissen um ihre Gotteskindschaft ist nicht verschüttet; verschüttet vielleicht, und unbewusst bestimmt, aber doch ein Funken, der sich entfachen lässt.

Viele Kinder und Jugendliche erleben sich als unerwünscht und überflüssig auf dieser Welt: den Eltern, den Wohnungsnachbarn, der Gesellschaft eher lästig. Diese Wunde ihres Unerwünschtseins lässt sie in ihrem Menschsein verkümmern. Sie fühlen sich ungeborgen auf der Dunkelseite einer Wegschau-Gesellschaft, die sich ihre Nöte, ihre Fragen und Herzschmerzen nicht zumuten will.

»Dein Ort ist, wo Augen dich ansehen.

Wo sich die Augen treffen, entstehst du …

Du fielest, aber du fällst nicht.

Augen fangen dich auf.« (Hilde Domin)

Damit fängt für mich Religionsunterricht an: Mit den Augen fang ich dich auf. Ich nehme dich wahr. Deine Wahrheit ist unser Ausgangspunkt, nicht meine.

Dass mit diesem problem- und beziehungsorientierten Religionsunterricht der Übergang zur Seelsorge fließend geworden ist, nehme ich nicht nur in Kauf, sondern sehe gerade darin eine Chance.

Es bedeutet, dass Glaubensinformationen – ob es sich um biblische Texte, Gebete und Psalmen oder kirchliche Traditionen handelt – nicht um ihrer selbst willen unterrichtet werden, sondern nur soweit sie durchlässig werden für heilende Erfahrung. Kinder dort abzuholen, wo sie sich nicht befinden, außerhalb ihrer Ängste und Probleme, ist Zeitverschwendung. Solange ich die oft grausige Wirklichkeit ihres Alltags vor der Schultüre lasse, bedroht sie uns wie ein wütender Köter. Erst wenn ich sie mit ins Klassenzimmer hereinnehme, lässt sie sich zähmen.

Zwei Voraussetzungen gibt es für heilsamen Religionsunterricht: Die Wahrheit des Kindes und die Wahrhaftigkeit des Lehrers. Der oft erschreckenden Realität des Alltags halte ich nur stand, wenn ich ihr mit meiner Realität, das heißt, mit meinem ganzen Menschsein begegne. Authentizität als Notwendigkeit. Jede religiöse Floskel fällt ab. Nur was ich selber glauben kann, was als Erfahrung in mir lebt, ist wichtig.

Dazu gehört auch, dass ich oft keine Antwort habe, sondern ihnen vermittle: nicht im Antworten bin ich euch voraus, aber im Suchen. Wenn es dann gelingt, dass wir uns gemeinsam auf die Suche machen, weil unsere Angst, Fragen zu stellen, allmählich abfällt, dann wird Religionsunterricht wesentlich und macht oft sogar Spaß.

Inzwischen vergeude ich auch keine Zeit mehr damit, die Kinder sprachlich umzuerziehen. Ihre Sprache ist nicht prüde. Meine sprachliche Schock- und Schmerzgrenze wurde anfangs ständig überschritten, bis ich erkannte, dass hinter den unflätigsten Formulierungen entweder besonders schlimme Leiderfahrung oder tiefe existentielle Fragen stecken. Danach konnte ich darauf verzichten, auf gepflegter Ausdrucksweise zu bestehen und mit dieser Überforderung manch gequälte Frage zum Verstummen zu bringen. So interessiert mich jetzt nur noch der Aufschrei, die Not, die sich darin ausdrücken will.

Das heißt nicht, dass es keine verbindlichen Formen gibt. Ich verstehe sie auch als »Geborgenheitsrituale«. Zum festen Rahmen gehört das gemeinsame Sprechen von Gebet oder Psalm am Anfang und der Segen am Schluss der Stunde.

Kinder, deren Familienleben von pädagogischer Beliebigkeit und einem durchsäkularisierten Alltag geprägt ist, spüren, dass es zum Beispiel im Segen nicht nur um bestimmte Worte, sondern wirklich um die Nähe Gottes geht. In den ängstigenden Abgrund von Orientierungslosigkeit und fehlendem Urvertrauen scheint für Sekunden ein heilender Strahl.

Während alle Schüler, die Kleinen und die Großen, meist schnell spüren, dass sich bei Segen und Gebet Faxen und Störungen von selbst verbieten, bleibt dazwischen genug Raum für Grobheiten und Rempeleien, bis hin zu verbaler und körperlicher Gewalt. Diese manchmal gemeine Rohheit gegeneinander macht mich ratloser als alle kleineren oder größeren Schweinigeleien.

Fragte ich mich anfangs, warum diese oft selbst so verletzten Kinder und Jugendlichen kaum Hemmungen haben, andere zu verletzen, so weiß ich inzwischen nur zu gut, dass sie prügeln, eben weil sie Geprügelte sind. Schlagende Kinder sind geschlagene Kinder. Im eigenen Leiden ist ihnen die Fähigkeit zum Mitleid verloren gegangen. Ein Kind, das in seinem Fühlen jahrelang ignoriert oder beschämt wurde, kann nicht mehr mitfühlen.

»In jeder Faust steckt ein wimmerndes Herz«. Dieser Satz kann zum Schlüssel werden. Kann Religionsunterricht die Gewaltbereitschaft der Kinder verändern? Das ist eine immer wiederkehrende Frage. Ich bin überzeugt, dass wir das Problem der Fäuste nur lösen können, wenn wir uns den wimmernden Herzen zuwenden. Denn der Satz gilt auch in seiner Umkehrung: Jedes wimmernde Herz kann zur Faust werden, wenn wir es nicht hören.

Wenden wir uns also den wimmernden Herzen zu – das scheint mir der wichtigste Auftrag heutigen Religionsunterrichts. Hier gibt es den Raum, über schmerzliche Erfahrungen, Ängste und Hoffnungslosigkeit zu sprechen.

Kann man mit diesen Beziehungsinvaliden, vollverkabelt und spracharm, wie sie sind, überhaupt ins Gespräch kommen? Ja: Über die Wahrnehmung ihrer seelischen Verstümmelung. Und hier schließt sich der Kreis. Wenn es mir gelingt, auch und gerade das gewalttätige Kind achtsam und – wenn ich die Kraft aufbringe – liebevoll wahrzunehmen, kann Erstaunliches entstehen.

Ich kann eine Prügelei unterbrechen und versuchen, die Schuldfrage zu klären, von der Tugend der Gewaltlosigkeit und Fairness sprechen – wenn ich mir von der Rolle des moralischen Dompteurs Erfolg verspreche. Ich kann aber auch den Oberprügler herausziehen und in den Arm nehmen, seine Schultern, den Nacken oder die Boxhand streicheln. Oft weicht die Aggressivität sofort und spürbar aus dem Raum. Bei größeren Schülern ist das so äußerlich nicht möglich, aber auch bei ihnen kann ich durch ein sanftes Berühren, durch eine Frage herausfinden: Was macht dich so kaputt, was tut so weh, dass du jemand anderen verletzen musst? »Es sind die Schwachen, die grausam sind; Güte kann man nur von den Starken erwarten« (Leo Rosten).

Wenn festgestellt wird, dass den christlichen Kirchen der Wind ins Gesicht blase, und dies auf eine zunehmende Entkoppelung von kirchlichem Christentum und gesellschaftlichen Werten zurückzuführen sei (Wolfgang Huber), dann wirkt sich das bis in den Religionsunterricht aus. Die Rahmenbedingungen – etwa durch die Stellung des Faches im Stundenplan, die Zusammenlegung von Gruppen u. a. – sind die eine Seite der Sache. Schwerer noch wiegt die Entwertung durch die Eltern. Wenn eine Schülerin traurig erzählt, der Papa habe gesagt Reli zählt nicht und ihr für die Eins keine Mark geschenkt hat, die gäbe es nur für wichtige Fächer wie Mathe, dann wird mir auch als Lehrerin klar, dass ich mit diesem Fach auf einer anderen Werteskala angesiedelt bin.

Ich kann die zunehmende Säkularisierung betrauern oder meine Antennen ausfahren, um gerade in dieser materialistischen und konsumorientierten Zeit die ebenfalls zunehmende Sehnsucht nach religiöser Erfahrung aufzuspüren. Damit komme ich um den »Zeugnischarakter« des Religionsunterrichts nicht herum. Diese unbehausten jungen Menschen erleben sich in einer Zeit des Niedergangs, und die angstvolle Vorwegnahme einer bedrohlichen Zukunft nimmt ihnen oft den Atem zum Leben und Lernen.

Und was setze ich dagegen? Eine Glaubensgewissheit? Einen Wertekanon, der doch auch brüchig genug ist?

In allen Klassen lernen wir den 23. Psalm: »… und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab trösten mich.« Keine Zusage, dass das finstere Tal erhellt oder man ihm enthoben werde: »Du bist bei mir.« Das ist alles, was ich ihnen – stellvertretend sozusagen – anbiete, jede Stunde neu: Ich bin bereit, mit dir in deine dunklen Erfahrungen zu gehen, ich halte die Hilflosigkeit aus, auch wenn ich nicht helfen kann. Ich wende den Blick nicht vom Entsetzlichen ab, auch wenn es mich entsetzt. Neben dein fehlendes Urvertrauen setze ich mein Vertrauen in deine Einmaligkeit und Kostbarkeit. Neben die Realität deiner Verzweiflung halte ich die Realität von Gottes Liebe. Ich weiß, das erklärt gar nichts, das nützt dir gar nichts – aber spürst du, dass sich etwas verändert, in dir, in mir, in uns? Ich weiß auch keinen Namen dafür. Wir wollen es namenlos lassen. Das unergründbare Geheimnis, das nicht hilft und doch verändert. »Kommunikation von Hoffnung« (W. Huber) – könnte die so aussehen?

Theologen mögen verzeihen, dass ich mich häufig auf theologisch ungesichertem Terrain befinde. Selten ist die Möglichkeit nachzuschlagen oder nachzufragen. Die Theologie aus dem Herzen mag manchmal anfechtbar sein, aber sie ist wirksamer und wärmender als manch abgesicherte Lehrmeinung.

Wenn ich einmal glaubte, der Weg ginge über Wissensvermittlung zur Erziehung und nur ausnahmsweise zur Beziehung mit den Schülern, so sehe ich den Weg des heutigen Religionsunterrichtes eher umgekehrt: Von der Beziehung allmählich zur Erziehung und dann durchaus auch zur Wissensvermittlung. Heilsgeschichte ohne Heilung geht völlig an den Bedürfnissen der Kinder und damit auch der Schule und der Gesellschaft vorbei.

In diesem Religionsunterricht geht es um die Beheimatung des Heiligen im Groben, in der Weihnachtszeit würde ich formulieren: Es geht um die Geburt Gottes im Stall.

Höchstes Gebot

Hab Achtung vor dem Menschenbild,

Und denke, dass, wie auch verborgen,

Darin für irgend einen Morgen

Der Keim zu allem Höchsten schwillt.

Hab Achtung vor dem Menschenbild,

Und denke, dass, wie tief er sinke,

Ein Hauch des Lebens, der ihn wecke,

Vielleicht aus deiner Seele quillt!

(F. Hebbel)

Da ist doch Krieg in meinem Land: Entwurzelte Kinder

Moses in der Tiefgarage

Medine sitzt vor ihrem Klassenzimmer am Boden. Ich habe eine Hohlstunde und gehe schnell etwas kopieren. Als ich zurückkomme, sitzt sie immer noch da, in der gleichen Haltung, das Gesicht weiß, fast starr. Ich frage: »Du, was ist denn?« Medine, die mich sonst mit stürmischer Umarmung begrüßt, verzieht keine Miene. Ich hocke mich zu ihr hin, bin erschrocken von ihrem Ausdruck: Hass, Wut und Trauer, eingemeißelt in ein Kindergesicht. Meine Hand auf ihrer Schulter schüttelt sie weg. »Lehrer sind eine Scheiße« zischt sie böse. »Schule ist eine Scheiße. Alles ist Scheiße.« Medine ist eine eifrige kleine Schülerin, ihr Schmerz reicht ganz offensichtlich tiefer als der Ärger mit dem Klassenlehrer. »War deine Mama heute böse mit dir?« frage ich. Medine nickt stumm. »Gehauen?« Medine schweigt.

Dann leise: »Sie hat geschlagt und mit Fuß getreten und Haare gereißt und geschreit und geschreit.«

»Warum ist die Mama so böse mit dir?«

»Ich weiß es nicht. Sie schreit, ich bin eine Hure.«

Mir wird irgendwie flau. »Und dein Papa«, frage ich trotzdem, »haut er dich auch?« Sie schüttelt den Kopf. »Der ist immer lieb zu mir.«

»Und wenn Mama dich haut?«

»Dann ist er schon bei der Arbeit.«

Es läutet. Religionsstunde. Medine kommt gleich mit rauf. Peter und Sabine sind auch schon da. Olli, der Klassenwinzling, kommt gerannt, schmeißt den Schulranzen hin, geht zur Tafel und schmiert sie blitzschnell voll mit wilden Linien, Knäueln und Pfeilen. Ach Olli, denke ich, wie hältst du dein Kinderleben aus, wie kommt’s, dass du immer noch lachst, Spaß hast am Spielen, manchmal – ganz selten – auch einer Geschichte zuhören kannst?

Eine Kollegin hatte mich angerufen, vor einer Woche, als Ollis Mutter im Alkohol-Koma gestorben war. Sein Vater, betrunken, ist aus dem Fenster gestürzt und liegt mit vielen Brüchen im Krankenhaus. Noch am gleichen Tag kamen die vier Kinder ins Heim.

»Olli schmiert die ganze Tafel voll«, kreischt Vera anklagend, »darf er das?«

»Ja, er darf.«

Inzwischen sind alle acht Schüler oben im Religionszimmer.

»Mir ist heiß.«

»Ich mag heute kein Religion.«

»Ich bin müde.«

»Ich will trinken.«

»Ich hab auch Hunger.«

Sechste Stunde! Unerträglich heiß ist es auch noch. Wie werde ich mit diesen Rahmenbedingungen auch nur einen Funken Interesse für Moses Schicksal losschlagen können? Melanie weint.

»Was ist los?« frage ich, inzwischen auch genervt.

»Ich habe so Hunger. Ich hab noch gar nichts gegessen.«

Eigentlich reicht es mir. Am liebsten würde ich sie alle heimschicken. Das geht nicht. Da fällt mir ein, ich habe unten im Auto eine Schachtel Knäckebrot.

Eine Minute später schleichen wir auf Zehenspitzen durch das Treppenhaus, mäuschenstill. Ich schließe die Tür zum Parkhaus auf.

»Kein Licht anmachen, wir wollen im Dunkeln runtergehen«, schlägt eines der Kinder vor.

»Gut«, sage ich. Zwar geht es zwei Treppen tief, aber sie werden schon nicht fallen. Immer dunkler wird’s und schön kühl. Sie sind ganz still, zwei haben mich an der Hand genommen. Jetzt ist es wirklich stockfinster. Plötzlich fängt einer an zu kreischen – einfach so, nichts passiert – und jetzt kreischen, brüllen und schreien sie alle. Ohrenbetäubend. Gellender Schmerz und wilde Freude, beides. Urgeschrei. – Dann drücke ich den Schalter. Licht. Sie hören sofort auf. Olli möchte die schwere Tür zum Parkdeck aufschließen.

»Welches ist Ihr Auto?« Sie stürmen los.

Ich könnte jetzt das Knäckebrot nehmen und damit nach oben gehen. Aber hier ist es kühl und still. Ja, sie wollen es versuchen, ohne schubsen und treten – dann passen wir alle neun ins Auto. Es geht wirklich, ganz eng und ganz gemütlich. Ich verteile das Brot, jedem zwei Scheiben. Das Licht in der Tiefgarage ist inzwischen ausgegangen. Wir sitzen im Dunkeln und essen. Dies ist mehr als ein Auto in der Tiefgarage: Urhöhle von Geborgenheit. Und noch anderes wird gestillt als nur der Mittagshunger.

Es reicht nochmal für jedes Kind eine Brotscheibe. Von Moses hatte ich heute erzählen wollen, von der Not der Mutter mit dem Befehl des Pharao, die Knaben zu töten, von der Sorge, ihn im Körbchen dem Fluss zu überlassen, von dieser gefährdeten und zugleich von Gott selbst behüteten Kindheit. – Und so beginne ich zu erzählen, im Dunkeln, fast flüsternd – und sie hören zu, entspannt und aufmerksam, wie im ganzen Schuljahr noch nicht. Ich bin zu Ende. »So, und jetzt gehen wir rauf, ihr holt eure Schulranzen und dürft nach Hause.«

»Und der Segen?« fragt Tonio.

»Du hast recht.« Sie falten die Hände: »Gott segne uns und behüte uns … und gib uns deinen Frieden.«

Sie quellen aus der Autoenge, laufen übers Parkdeck. Mein Gott, denke ich, einmal eine gute Religionsstunde. Du hast uns von Deinem Frieden gegeben, danke.

»Kein Licht machen!« Sie wollen im Treppenhaus wieder im Dunkeln sein. Meinetwegen. Lachen und Quietschen. Da geht das Licht an und innerhalb einer Sekunde fallen sie schlagend, tretend, boxend über Diego her. Er hat den Lichtschalter gedrückt. Jetzt liegt er mit entsetzensweiten Augen auf dem Boden: »Feiger Hund, Spielverderber.« Sie treten ihn. Mit zwei Sätzen springe ich die Stufen zurück, schiebe, schleudre sie auf die Seite: »Schluss!« »Der ist ein feiger Hund, ein Feigling ist der! Hat Angst im Dunkeln. So’n Baby. Feigling.« Johlen und Höhnen. Jetzt bin ich wütend, verletzt. Diese Horde kleiner Bestien. Was haben sie mit dem Frieden gemacht, den wir eben noch hatten und an dem ich mich so gerne noch ein Weilchen gelabt hätte?

Ich ziehe Diego vom Boden hoch. Diego ist noch nicht lange bei uns. Ein ganz ungewöhnlich begabter Zeichner, aber seine Stummheit ist mir manchmal fast unheimlich.

»Diego ist nicht feige, er ist klug. Er weiß, dass im Dunkeln Schlimmes passieren kann,« donnere ich die Kinder an, ohne mir zu überlegen, ob es Sinn macht, was ich sage. Seine Nase blutet, er hält mein Taschentuch davor. Wir gehen den anderen voran die Treppe hinauf.

»Sag mal Diego, was passiert denn Schlimmes, wenn es dunkel ist?« frage ich ihn.

»In der Nacht – dann kommen Männer – die machen die Leute tot – manchmal auch Kinder.« Er stottert. Diego kommt aus Lateinamerika. Ob etwas darüber in seiner Akte steht?

Im Schulhaus kommt uns der Schulleiter entgegen. »Wo kommt ihr denn her?« fragt er, »Religionsstunde in der Tiefgarage?«

»Ja, ganz toll«, gibt Melanie Auskunft.

»Und was habt ihr da gelernt?« erkundigt er sich weiter.

»Dass der böse Pharao-König auch keine Ausländer leiden kann. Nur weil Moses nicht sein Volk ist: Sogar getötet hat er die Ausländer!«

Tonio gehört sicher zu den wachsten Kindern der Klasse. Von »Ausländern« hatte ich nichts gesagt, aber was Fremdenhass bedeutet, das weiß Tonio offenbar schon sehr genau.

Alle haben ihre Ranzen geholt und sind nach Hause gegangen. Ich kann auch gehen. Ich bin erschöpft. Wann werde ich lernen, dass Gelungenes sich nicht halten und horten lässt wie ein Schatz? Geborgenheit und Frieden im Auto in der Tiefgarage, wir haben es erfahren – hört es deshalb auf, heilende Erfahrung zu sein, weil der Alltag mit Gewalt und Angst wieder über uns zusammenschlägt? Und die schlimme Erfahrung, als die kleinen Bestien Diego zusammenschlugen – ist sie nur schlimm? Hat er nicht zum ersten Mal über seine Angst sprechen können?

Unsere Bewertung: gut und schlecht, heilsam und heillos – der Religionsunterricht mit diesen Kindern gibt ganz neue Antworten. Jede Stunde andere. Zeilen von Rilke fallen mir in die Hand:

»Die Menschen schauen immer von Gott fort. Sie suchen ihn im Licht, … oben. – Und Gott wartet anderswo – wartet – ganz am Grund von Allem. Tief. Wo Wurzeln sind. Wo es warm ist und dunkel.« Ob Rilke Tiefgaragen kannte?

Wir Menschen können alles: Scheiß und Liebe

Heute ist Sportfest. Ich habe nur die drei Nicht-Turner in der Religionsstunde. Wir sind noch dabei, die Stühle von den Tischen zu räumen, da kommt Sven hereingeschossen. Sporttasche und Schirmmütze lässt er gleich an der Tür fallen.

»Frau Hermann, können Sie schnell den Segen sagen?«

»Ich denke, du gehörst zu den Turnern?«

»Ja, gerade! Ein Segen davor kann doch nicht schaden. Oder?«

Noch während des ›Amen‹ schnappt er sich seine Sachen und rennt den anderen nach.

Der dicke Otto schüttelt den Kopf über so viel Hektik. Er beißt nochmal vom Brötchen unter seiner Bank ab und fragt dann – mit vollen Kinderbacken, aber den Augen eines Weisen:

»Nützt denn das überhaupt, das Beten und so?«

Wir überlegen – Kann man denn Gott beeinflussen? Tut Gott denn nicht sowieso, was er will?

»Ich glaube, der Teufel tut, was er will und Gott kann sowieso nichts machen. Das sieht man doch im Fernsehen«, sagt Dragomir, ein leidenschaftlicher Kroate.

»Und wenn die Menschen so Teufelskram machen, andere umbringen und so – ich meine die Verbrecher und solche Leute – die Verbrecher, liebt Gott die immer noch?« will Mario wissen.

Otto: »Klar, sind doch Gottes Kinder.«

Mario: »Und wenn sie Scheiß bauen?«

Otto kauend: »Meine Mutter liebt mich, auch wenn ich Scheiß bau.«

Mario: »Idiot. Gott ist doch keine Mutter.«

Dragomir: »Dann eben Vater. Mein Vater haut mir manchmal eine runter. Aber er liebt mich trotzdem. Sogar im Gefängnis würde der mich noch besuchen, hat er gesagt.«

Otto hat inzwischen – ich habe hinter seiner vorgehaltenen Hand natürlich nichts gesehen – sein Brötchen fertiggemampft:

»Ich denke halt, Gott mag mich immer noch, ob ich Scheiß bau oder nicht, weil Gott, der kann doch gar nichts anderes als lieben. Stimmt’s nicht? Nur wir Menschen können noch viel anderes, töten und so.« Otto bricht ab und versinkt in philosophisches Sinnieren.

Dragomir (der ›Klassenbeste‹ – warum ist er überhaupt in dieser Schule?) fasst zusammen:

»Der Teufel kann Scheiß bauen, Gott kann nur lieben, nur Menschen können alles: Scheiß und Liebe.«

Da behaupte noch einer, Sonderschüler seien dämlich!

Eigentlich sind wir doch keine Dummenschule

Großes Durcheinander. Die Klassenlehrerin ist noch sichtlich erschöpft von ihrem eigenen Donnerwetter, dessen Ausläufer bis auf den Flur zu hören waren.

»Viel Spaß mit den Chaoten«, wünscht sie mir müde lächelnd. Heute morgen war die Polizei da: Robbi hatte mit einer Gaspistole herumgeschossen, zwei Schüler sind im Krankenhaus.

Ich wäre lieber in ein Tropengewitter hinausgetreten, als in diese aufgebrachte Klasse hinein. (Noch kenne ich kaum die Namen!)

Veronika wedelt mit einem schwarzen Buch herum:

»Wollen sie sehen? Meine Sprache und Ihre Sprache in einem Buch. Alles von Gott in beiden Sprachen.«

Sie hat von ihrem Pfarrer in Stuttgart ein Büchlein bekommen mit dem Ablauf der katholischen Messe und einigen Texten und Liedern, links italienisch, rechts deutsch.

»Lies uns mal was vor.«

Ich schlage zufällig die Zehn Gebote auf. Veronika, sonst eher stockend im Ausdruck, rattert wie eine Nähmaschine. Die andern Schüler drehen sich erstaunt um: »Was soll denn das?«

Diese Windstille gilt es zu nutzen.

»Schreib doch mal ein Gebot an die Tafel. Das fünfte … « (weil es sprachlich das einfachste ist).

Veronica schreibt. »No uccidere.«

Ich weiß das auf spanisch, meldet sich Maria: »No mates«

Und ich auf jugoslawisch. »Ti nesmies ubiti.«

»Das ist kroatisch« sagt Aleks, »darf ich es auf slowenisch schreiben?«

»Und ich polnisch!« Milena kommt nach vorne.

Ganz unten ist noch Platz für »Do not kill«, und oben: »Du sollst nicht töten.«

Wir zählen: sieben Sprachen.

»Eigentlich sind wir doch keine Dummenschule, wenn wir das fünfte Gebot in so vielen Sprachen zusammenbringen«, stellt Jochen fest (dessen sehnlichster Wunsch es ist, wieder zurückgeschult zu werden).

Das finde ich auch.

Eifrig und friedlich übertragen sie den gemeinsamen Tafelanschrieb ins Heft. So war aus dem Chaos Ordnung geworden.

Halt’s Maul, jetzt kommt der Segen

Bäume sind ganz offensichtlich nicht dazu da, in den Himmel zu wachsen.

Noch mit dem guten Gefühl von der letzen Stunde komme ich ins Klassenzimmer. (Etwas abgehetzt zwar und fast zehn Minuten zu spät. Verkehrsstau Schwabtunnel. Diese Fahrerei zwischen den Schulen ist zermürbend.)

Wieder ist es Veronika:

»Kommen Sie mal. Was hier im Schrank drin ist.«

Sie hat eine dicke Papierrolle herausgenommen und rollt sie auf dem Boden aus: auf etwa zwölf fast lebensgroßen Photos ist die Entwicklung des Menschen vom Baby bis zum Erwachsenen dargestellt, nackt natürlich, männlich und weiblich. Im Nu hat sich fast jeder ein solches Poster geschnappt und jetzt geht es los:

»Das ist Patrick – Du Idiot, der hat einen viel größeren – der Halil in der Neunten. – Die Georgia müsstest du mal sehen … «

Sie sind so aufgeregt, durcheinander. Sie gebrauchen eine so derbe Sprache mit mir bisher unbekanntem Vokabelreichtum – es ist wie ein Dschungel und Steppenbrand zugleich. Ich kann eigentlich nicht mehr. Mein Rücken schmerzt, das Herz krampft. »Fluchtimpuls« ist ein lahmes Wort für mein Bedürfnis: nur weg von diesen Kindern. – Ich setze mich auf den Stuhl und tue nichts. Nach einer Weile merken sie, dass von mir nichts kommt. Verwundert fragt Paula:

»Finden Sie das gar nicht schweinisch?«

»Nein« sage ich, und weil es gerade halbwegs still ist, füge ich phantasielos hinzu. »So, und nun ordnet sie nach der Größe.«

Sie sind so verblüfft, dass sie gleich beginnen, Bänke auseinander zu schieben, Stühle aufzustapeln, damit genug Platz ist für die Galerie der Nackedeis. – Da klopft es.

Eine Kollegin: »Entschuldigen Sie, wenn ich störe« – ein verdutzter Blick. »Was heute im Religionsunterricht alles möglich ist«, scheint sie zu denken und verlässt uns wieder. Es ist fast Zeit zum Schlusssegen – der ihnen, wie sie inzwischen wissen, nie erspart bleibt. Die zwölf Nackten werden wieder eingerollt und in den Schrank verschlossen. In der Klasse herrscht eine Art friedlicher Erschöpfungszustand.

Veronika meldet sich: »Wahrscheinlich will die Klassenlehrerin uns mit den Postern Aufklärungsunterricht geben. Aber eigentlich brauchen wir keinen. Ich denke, wir könnten Ihnen noch was beibringen. Glauben Sie nicht?«

Doch, davon bin ich überzeugt. Es läutet. Gianni dreht sich zu Veronika um:

»Halt’s Maul, jetzt kommt der Segen! Ich will in die Pause.« Alle sprechen mit: Der Herr segne uns, und behüte uns … und gebe uns seinen Frieden.

Von guten Mädchen und Kondomen

Daniela (zwölf Jahre) und Kerstin (dreizehn Jahre) prügeln sich keuchend, als ich hereinkomme. Als sie mich sieht, springt Melanie hoch und schreit:

»Gucken Sie mal, was die für Saukram in der Tasche hat.«

»Was hast Du denn in der Tasche, Daniela?

»Kondome«, kommt es trotzig, »aber das ist doch kein Saukram, oder?«

»Nein. Nicht, wenn man sie braucht. Aber wozu brauchst du sie?«

»Ich hab’ mit einer Freundin gewettet, wer am meisten zusammenkriegt. Ich hab’ schon zweiundfünfzig.«

»Und woher kriegst du die?«

»Die? Och, die krieg ich von meinem Bruder.«

»Lügnerin, Lügnerin!« schreit Melanie dazwischen, »Hast ja gar keinen Bruder!«

»Ich wollte sagen, mein Vater«, verteidigt sich Daniela. »Manchmal kauf ich auch welche. Woll’n Sie mal sehn, Frau Hermann? Die riechen ganz gut. Manche nach Schokolade oder Zitrone.«

»Hast du sie denn aufgemacht?«

»Nee, die riechen durch’s Papier durch.«

Bereitwillig hält sie mir eine Handvoll unter die Nase – aber ich halte die Zeit für gekommen, mit dem Unterricht zu beginnen.

Wir beten: »Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarte ich getrost, was kommen mag … «

Noch während des Amen meldet sich Dragomir.

»Warum können wir nicht ein richtiges Gebet sagen, von Gott oder Maria – mehr was Heiliges?«

»Warum ist denn dies kein richtiges Gebet?« frage ich erstaunt.

»Von guten Mädchen wunderbar geboren – so komische Sachen haben wir in Sarajewo nie gebetet.«

An Gott glaub’ ich nur in Portugal

Mit Paula ist es wirklich schwierig. Meist döst sie transusig vor sich hin, und wenn ich sie auffordere, doch auch ihr Heft herauszunehmen oder einen Satz zu lesen, wird das große Mädchen bockig wie eine Dreijährige. Sie will nicht, sie kann nicht, nein – und überhaupt …

Dann, unvermittelt, ein Sturzbach von Tränen.

Anfangs hat mich das erschreckt. Was war denn so schlimm? Ich setzte mich auf ihren Tisch, legte die Hand auf ihre Schulter und unterrichtete – während sie geradezu behaglich vor sich hinschluchzte – einfach weiter. Ich brauchte eine Weile, um das Muster zu erkennen: Trotzen – Weinen – Trösten, und auch, dass Paula es geradezu darauf anzulegen schien. Na gut, ich werde nicht mehr mitspielen.

Ich fordere sie also zu nichts mehr auf, beachte ihr Verweigern nicht mehr. Zwei bis drei Stunden geht das so. Plötzlich knallt der Stuhl neben ihr auf den Boden. In der Stunde darauf fliegt das Buch gegen die Tür. »Bist du eigentlich bei Troste?« herrsche ich sie an, und prompt plärrt sie los – hat mich da, wo sie mich haben will.

»Ach, lassen Sie sie doch einfach flennen« raten die Mitschüler. »Paula ist einfach eine Heulsuse.« Wahrscheinlich haben sie recht.

Trotzdem will ich noch etwas anderes versuchen. Paula legt es ja offensichtlich auf meine Trost-Gesten an. Und wenn ich sie nun »trösten« würde, bevor es zum Eklat kommt?

»Zuwendungszufutter« nenne ich das für mich, und schreibe es mir jeweils mit Rot ins Vorbereitungsheft hinein.

Schon vor dem Unterricht halte ich nach ihr Ausschau, bitte sie, mir mit den Büchern zu helfen, finde ihren Haarreif schön, beim Erzählen stelle ich mich zwischendurch fast auf Tuchfühlung neben sie, verabschiede mich nach jeder Stunde mit Handschlag und – alle Bockereien, alles Kleinkindergeheul ist wie weggepustet.

Das klingt nach Erfolgsbericht, aber es ist nur Auftakt zu einer sehr traurigen Geschichte.

Paula begleitet mich jetzt oft bis zum Schultor. Einmal nimmt sie ihre dichten schwarzen Haare beiseite, so dass ich die tiefroten Kratzspuren am Hals sehe; ein andermal schiebt sie das T-Shirt hoch: lange, blaugrüne Striemen.

»Die Mama hasst mich einfach – sie schlägt mich jeden Tag. Und ich hasse sie auch.«

Ich gehe zum Schulleiter, zum Vertrauenslehrer. Was können wir tun? Vom Jugendamt war schon mal jemand dort. Ich spreche mit Paula. Sie ist entsetzt. »Niemanden schicken! Bitte, niemanden schicken! Das macht alles viel schlimmer! Als das letzte Mal eine Frau vom Jugendamt da war, hat die Mama mit so einer komischen hohen Stimme geredet und kaum war sie die Treppen hinunter, hat sie mich geschlagen wie nie. Ich dachte, sie will mich totschlagen.«

Aber so kann es doch nicht weitergehen. Geht es auch nicht. Paula ist abgehauen, zu ihrem geschiedenen Papa. Sie kommt zwei Wochen lang pünktlich zur Schule und starrt nicht so glasig vor sich hin. Dann holt die Mutter sie zurück.

Es ist die erste Mittwochstunde und unter der Überschrift »Gott sagt Ja zu mir« beten wir eine moderne Fassung des 139. Psalms: »Herr, du durchschaust mich, du kennst mich durch und durch … «. Da kommt Paula, zwanzig Minuten zu spät, sackt auf ihren Platz. Kopf auf den Tisch. Das Schülergespräch geht weiter.

»Sagt Gott denn zu allen Menschen Ja? – Wenn Babys getauft werden – der Pfarrer hat gesagt, das ist Gottes Ja. Stimmt das?«

»Ist doch alles Quatsch. Gott gibt’s nicht. Basta!« wütend hat es Paula herausgezischt.

»Ich finde, Paula hat recht«, stimmt Fabio zu. »Ich glaub auch an kein’ Gott.«

»Ich auch nicht«, »ich auch nicht« höre ich aus verschiedenen Ecken.

Das Interesse an Gottes Ja ist zu einem traurig-trotzigen Nein zu Gott umgeschwenkt.

Paula hat sich aufgesetzt, das Kinn in beiden Händen. Sie ist ein schönes Mädchen mit den großen dunklen Augen und dem vollen schwarzen Haar; aber der Zug Hoffnungslosigkeit lässt sie alt, fast lebensmüde erscheinen.

»Also das ist so. In Portugal, da glaube ich an Gott. Aber in Deutschland, in Deutschland kann ich nicht an Gott glauben.«

Dann erzählt sie, dass sie erst vor drei Jahren nach Deutschland gekommen ist, davor hat sie bei der Oma in Portugal gelebt, die hat ihr oft von Gott erzählt, sie mit in die Kirche genommen und – »die Oma war immer lieb«. Aber dann hat die Mutter sie hergeholt. »Die ist nur unzufrieden, nein, von Gott sprechen oder beten, das tut sie bestimmt nicht, das passt nicht zu ihr und nicht zu Deutschland und darum glaube ich auch nicht an Gott – in Deutschland.«

Gestern war der letzte Schultag vor den Sommerferien. Mein Arbeitszimmer ist erfüllt vom Duft einer einzigen Rose, eine große herrliche Blüte auf einem kurzen Stengelchen. Paula hat sie mir zum Abschied geschenkt. Sie fährt in den Ferien nach Portugal – vielleicht darf sie ja bei der Oma bleiben. »Bei der Oma und Gott«, sage ich. Wir lachen beide.

»Sag’ mal, wo hast du denn diese wunderschöne Rose her? frage ich noch. »Ach« sagt sie, »ist doch eigentlich egal, oder?«

»Ja Paula, ist egal. Ich danke dir für deine Rose.«

Sie begleitet mich zum Schultor, wie so oft im letzten Jahr.

Wie gut wäre es, wenn Paula in ihrem Land bleiben könnte, wo nicht Fremdsein, Verzweiflung, Hass und Schläge ihr jede Erfahrung von Gott unmöglich machen.

»Nur in Portugal glaube ich an Gott«, hat sie gesagt.

Die Rose duftet – auch geklaute Rosen duften, denke ich und freue mich.

Ich hab’ niemand so lieb wie mein’ Hasen

Mit Marion wird es immer schlimmer. Dass sie täglich zu spät komme, im Unterricht nicht mitarbeite, daran habe man sich inzwischen gewöhnt. »Aber wenn sie jetzt auch noch das Stehlen anfängt, dann ist irgendwo Schluss.« Der Kollege ist sichtlich erschöpft, das Maß an Problemen übervoll.

Marion ist nicht in die Pause gegangen, drückt sich im Klassenzimmer herum. Schön ist sie nicht, klug ist sie nicht, auch nicht fleißig oder ordentlich. Trotz allem, ich mag sie. Darum gehe ich es direkt an.

»Du sag mal, was ist denn das mit der Klauerei?«

Sie wird rot, bis an die Haarwurzeln, senkt den Kopf; stumm.

»Du brauchst Geld. Brauchst du denn soviel Geld?«

»Ja«, haucht sie, »es ist wegen meinem Hasen.«

»Wegen deinem Hasen?«

»Ja, mein Hase, der ist doch mein einziger Freund. Ich habe niemand so lieb wie mein’ Hasen. Ich mach mir Sorgen um ihn, wenn er stirbt, hab ich niemand mehr; dann will ich auch sterben.«

»Warum denkst du, dass dein Hase sterben könnte?«

»Weil er immer so quietscht und nicht mehr frisst. Mein Cousin hat ihn getreten.«

»Den Hasen getreten?«

»Und an den Ohren durch die Küche geschmissen. Ich habe geschrien, aber er hat ihn wieder geschmissen. Als Strafe.«

»Strafe? Wofür?«

»Weil – weil ich nicht mehr mit ihm schlafen will.«

»Nicht mehr?« – Marion ist vierzehn.

»Ja. Bei uns ist doch Krieg. Und darum ist mein Cousin auch nach Deutschland gekommen. Und mein Vater hat gesagt, er muss in meinem Zimmer schlafen, weil – wir haben nur zwei Zimmer – und so hat es angefangen.«

»Und jetzt willst du nicht mehr?«

»Ich weiß nicht. Aber als es meine Mutter mitgekriegt hat, hat sie mich halb tot geschlagen. Wenn ich schwanger werde, bringt sie mich um, hat sie gesagt. Darum. Und jetzt quält der Drago meinen Hasen.«

»Und darum brauchst du das Geld?«

»Ja. Weil der Tierarzt, der kostet fünfzig Mark. Und es geht dem Hasen so schlecht. Sein Ohr ist ganz blutig.«

Sie fängt an zu weinen. Es läutet. Die Pause ist zu Ende.

»Aber niemandem erzählen! – Ich gehe noch schnell zur Toilette.«

Ihrem verweinten Gesicht kann waschen nicht schaden. Trotzdem halte ich sie zurück.

»Magst du mir den Namen von dem Tierarzt sagen. Dann telefonier ich mal mit ihm. Du kannst dann ohne Geld mit dem Hasen hingehen.«

»Wirklich? Sie denken das geht?«

»Ja. Und dann brauchst du auch nicht mehr klauen.«

»Nee. Wozu auch?«

Wie mit Licht übergossen steht sie da. Überstrahlt ihr Schniefgesicht, die Zottelhaare, das krumpelige T-Shirt. Sie ist doch ein schönes Mädchen – warum habe ich das bisher nie gesehen?

»Marion hat sich anscheinend wieder gefangen«, meint der Kollege einige Tage später. Ja, den Eindruck habe ich auch.

Dann stirbt der Hase. Trotz Tierarzt. Und alles fängt von vorne an.

Gott in der Tiefe suchen – wie oft denke, sage ich mir selber diesen Satz. Aber wenn Tiefe auf Tiefe folgt? Wenn Tiefe so tief ist, dass kaum Licht und Luft bleibt zum Atmen für ein Kind wie Marion? Ich habe nichts dagegen, immer wieder mit in die Tiefen, die Schweinereien, Gemeinheiten, Ausweglosigkeiten ihres Lebens zu steigen, aber wenn er sich nicht finden lässt? Wenn der Saum, der Hauch seiner Nähe uns entgleitet, um uns noch hilfloser zurück zu lassen?

Ich hadere mit diesem Gott, der nicht mal einen Hasen retten kann.

Leichen im Fluss – das ist besser

Er ist einen Kopf größer als die anderen Viertklässler und fast ständig dabei, seine Fäuste zu gebrauchen, oder – mit größter Willensanstrengung – sie für wenige Minuten nicht zu gebrauchen.

Niemand weiß genau, wie alt er wirklich ist. Santos, aus Mosambik. Wenn er mit Erwachsenen spricht, versteckt er seine Hände, wie gefährliche Instrumente, am liebsten in den Taschen, steht da, wie ein junger Stier, unmittelbar vor dem Angriff.

Hatte ich zunächst geglaubt, er sei überhaupt nicht zu unterrichten, so fand ich bald heraus, dass es zwei Situationen gibt, die seine wilden Aggressionen förmlich aufsaugen. Spannendes, dichtes Erzählen – durchaus auch biblische Geschichten – plastische Bilder von Gefahr und Seelennot absorbieren ihn ganz. Dann sind seine Augen – in denen das Weiß der Augäpfel fast unnatürlich mit der sehr dunklen Haut kontrastiert – groß und aufmerksam nach vorn gerichtet, Schultern und Hände entspannt, weder in Aktion noch in der Hosentasche. Ähnlich ist es beim Malen und Zeichnen. Da kann er aufgehen im Farbenrausch; wilde und bizarre Formen, leuchtende Bilder.

Wehe, wenn Santos darin gestört wird. Dann entlädt sich die geballte Energie in Sekundenschnelle über den Störenfried. Die Faust im Bauch, im Gesicht oder ein Tritt ans Schienbein sind das mindeste.

Die Geschichte von Moses in Ägypten bietet genügend Gewalt und Qual, um Santos zu absorbieren.

»Ägypten ist Afrika?« Er spricht oder fragt sonst selten.

»Ja. Ägypten ist auch Afrika, im Norden, Mosambik mehr im Süden.«

»Weiter!« sagt er nur.

Die zehn Plagen, die der Herr über das Volk des Pharaos schickt, faszinieren Santos geradezu. Heuschreckenplage, Moskitoschwärme, verendende Rinder – das alles kennt er aus seinem Afrika. Blutiges Flusswasser. Es ist etwas Atemloses in seinem Zuhören.

»Aber wie kann denn ein Fluss blutiges Wasser haben?« wundert sich Kathrin.

»Klappe!« schnauzt Santos.

»Das geht doch gar nicht«, beharrt sie weiter.

»Verdammt. Und ob das geht. Musst nur genug Leichen reinschmeißen.«

»Was reinschmeißen?«

»Leichen, Blödkopf. Erzählen Sie weiter!«

»Sag Santos, hast du das gesehen, im Fernsehen oder in Wirklichkeit?« frage ich.

»In echt. In meinem Land ist doch Krieg. Meistens. Fluss ist jedenfalls besser als verbrennen.«

»Und warum?«

»Verbrennen stinkt so, und es dauert lange. Aber erzählen Sie jetzt weiter von Moses.«

Ich versuche es, aber es gelingt mir nicht mehr. Sie können malen.

Endlich ist die Stunde zu Ende.

»Schenk ich Ihnen«, Santos hält mir sein Bild hin, eine Orgie in schwarz und rot.

»Denkst du oft daran?« frage ich ihn.

»Manchmal. – Der Arm von meinem Onkel ist nicht mitverbrannt. Ich bin noch mal hin. Am nächsten Tag. Lag der immer noch da. Dann bin ich weggerannt.«

»Und jetzt bist du mit deinen Eltern und deiner Schwester in Deutschland?«

»Das sind nicht meine Eltern. Maria ist auch nicht meine Schwester. Verwandte. Die haben mich mitgenommen.«

»Und deine Eltern?«

»Weiß nicht. Weiß keiner. Bei uns ist doch Krieg.«

Er schnappt seinen Schulranzen, wirft dabei achtlos einen Stuhl um. Ich sage nichts.

»Tschüs bis nächste Woche.«

»Tschüs.«

»Erzählen Sie dann weiter?«

»Ja. Ich erzähle weiter. Und danke für dein Bild.«

Klosterbruder im Kampfanzug

Unterrichtseinheit zur Bibel, ihre Geschichte, ihr Aufbau.

Bernd bockt mal wieder: »So’n Schwachsinn: ›Buch der Bücher‹! Das wär das letzte Buch, was ich mir anschaffen tät.«

Die anderen malen hingebungsvoll von der Tafel ab, den ersten Satz des Alten Testaments in hebräischer Schrift: »Im Anfang schuf Gott … «

Danach den letzten Satz im Neuen Testament in griechischen Buchstaben: »Die Gnade des Herrn sei mit euch allen.«

Bernd bockt weiter: »Ich hab einfach keine Lust, das schwachsinnige Gekrakel abzuschreiben!«

»Und wozu hast du Lust?«

»Panzer fahren. Tschetniks plattwalzen.«

»Du glaubst, das bringt etwas?«

»Weiß nicht. Spaß jedenfalls.«

Herausfordernd schaut er mich an. Offenbar ist ihm mal wieder nach einem Machtkampf zumute. Mir nicht. Aber wie komme ich drum herum? Schon der Tarnanzug, den er häufig trägt, nervt mich.

Nora meldet sich, sie ist ein geradezu massiges, wildgelocktes, temperamentvolles Sintimädchen. Obwohl Kollegen sie als grob und gewalttätig schildern, mag ich ihre Urviechigkeit.

»Sie haben doch mal gesagt, die Starken sollen den Schwachen helfen. Stimmt’s?«

»Stimmt.«

»Ich bin stärker als der Bernd. Ich hab ihn gestern verhauen!«

»So. Hast du. Und was soll das jetzt?«

Ich drehe mich um und schreibe weiter an die Tafel, die Übersetzung der griechischen Schrift: »Die Gnade des Herrn sei mit euch allen … «

Gnade hin oder her. Mir reicht es. Dieses ständige Ringen gegen Unlust und Grobheit. Ich zeichne eine Pergamentrolle, Urform des Heiligen Buches. Da tippt mir Nora auf die Schulter und hält mir zwei Hefte hin, ihres und das von Bernd und sagt im breitesten Schwäbisch: »Da hen’ Se Ihre heiligen Regenwürmer. Ich hab’s ihm gemalt. Und jetzt brauchen Se gar net mit dem Bernd händeln!«

»Und warum soll ich nicht mit dem Bernd händeln?«

»Weil’s net passt zu Ihne!«

Bernd grinst zufrieden.

Nächste Stunde. Alle Schüler haben im Kochunterricht Lebkuchen gebacken. Sie dürfen die heftgroßen Stücke mit nach Hause nehmen. Der ganze Raum duftet nach Honig und Gewürzen.

So erzähle ich ihnen, wie diese Weihnachtsbäckerei ursprünglich in den Klöstern entstanden ist; wie der Honig sozusagen als Nebenprodukt bei der Kerzenherstellung übrig war, und die Gewürze zunächst als Heilmittel aus dem Orient kamen. Auch die Kreuzritter mögen eine Rolle gespielt haben.

»Kreuzritter?« Bernd wird hellhörig. »Was sind denn das für Ritter? Von denen können Sie uns ruhig mehr erzählen.«

Ich erzähle von den Kreuzrittern.

Als es läutet, ist er trotzdem wieder als erster an der Tür. Keiner hat es so eilig hinauszukommen wie Bernd. Plötzlich dreht er sich um, kommt zurück, bricht seinen Lebkuchen in der Mitte durch, hält mir eine Hälfte hin: »Da, für Sie.«

»Für mich? Wolltest du’s nicht mit heimnehmen?«

»Eigentlich schon. Aber ich kann ja noch mehr backen. Das kann ich jetzt genauso gut wie Ihre Klosterbrüder!«

Bernd, mein Klosterbruder im Kampfanzug.

Kennt Ihr Gott eigentlich auch Ausländer?

Mirella sieht blass und verweint aus.

»Wenn meine Mutter auch noch ihre Arbeit verliert, müssen wir zurück. Wovon sollen wir hier leben – da hilft alles Beten nichts!«

»Und du willst nicht zurück nach Slowenien?«

»Was soll ich denn da? Ich kenn’ mich da gar nicht aus. Ich bin doch hier geboren. Was sind denn überhaupt Ausländer? In Slowenien lachen sie, wenn ich nur den Mund aufmache.«

Tränen laufen ihr übers Gesicht.

Es gibt nichts Tröstliches zu sagen.

Plötzlich wirft sie den Kopf zurück und faucht mich an: »Kennt Ihr Gott eigentlich auch Ausländer?«

Andere Schüler kommen dazu, unterbrechen uns – aber ich habe sowieso keine Antwort auf ihre Frage gewusst.

Wir arbeiten weiter am Thema der gestrigen Stunde: »Menschen fragen nach Gott«. Die meisten langweilt es. Nur Mirella ist ganz beteiligt.

»Ich wünschte, es gäbe Gott – aber es gibt ihn nicht. Leider.«

»Das weißt du so genau?« frage ich.

»An den Teufel, an den glaube ich. Ich kann gar nicht anders. Dass es den gibt, das weiß ich einfach – der ist in mir drin, in meinen Träumen, in meiner Angst – überall. Aber Gott – ich weiß nicht, wo Gott ist.«

Mirella, zwei Wochen später. Gefragt nach ihrer größten Hoffnung, ihrem heißesten Wunsch, antwortet sie: »Dass meine Mutter mal wieder kocht, so wie früher.«

»Kocht sie denn nicht mehr?«

Mirella antwortet stockend, als buchstabiere sie einen dunklen Text.

»Seit der Vater arbeitslos ist – schon ziemlich lange – seither geht die Mutter putzen – in einer Kantine. Ja, der Vater ist meistens zu Hause. – Was er tut? Saufen, natürlich. Was sonst? – Ich gehe nicht mehr gern heim nach der Schule – früher, da hat es mittags nach Essen gerochen – jetzt nach Bier und Zigaretten. – Wenn die Mutter heimkommt, dann ist sie kaputt. Manchmal bringt sie Reste aus der Kantine mit, aber das Zeug – so kalt und glibberig – das mag ich nicht. Dann gibt sie mir zwei oder drei Mark – davon kaufe ich mir was Süßes.«

Das hübsche und lebhafte Mädchen von letztem Jahr ist träge und übellaunig geworden.

Ihre größte Hoffnung, dass die Mutter mal wieder gekocht hat, wenn sie heimkommt – der Gott, der ihr dies nicht erfüllen kann, an den kann sie nicht glauben.

Glücklich sein – das geht doch nicht

»Alle wollen glücklich sein«, so heißt die Überschrift im Buch.

»Das ist ja wohl klar«, meint Fred, »ich bin sowieso glücklich.«

»Meine Schwester ist glücklich, ich nur manchmal«, sagt Peter.

»Und du?« wende ich mich an die schweigsame Dragana.

»Ich? Glücklich sein? Das geht doch nicht.«

Das klingt so dunkel, so endgültig, dass mir jede aufmunternde Bemerkung schal erschiene.

Das Klassengespräch geht weiter. Dann teile ich Blätter aus, sie sollen aufschreiben, was für sie wichtig ist.

»Kann man auch malen?« fragt Dragana.

»Ja. Du kannst auch malen. Willst du Buntstifte?«

»Brauch keine. Schwarz reicht.«

Alle sind beschäftigt. Das war eine gute Idee mit dem Malen. Da braucht sie sich nicht mit der deutschen Sprache und der schwierigen Rechtschreibung zu plagen.

Dragana ist vor zwei oder drei Jahren mit ihrer Mutter aus Kroatien gekommen. Sie leben in einer winzigen Anderthalb-Zimmerwohnung an einer lauten Straße. Sie ist ein schönes Mädchen, aber wie in sich selbst verkrümmt, gebückt unter einer dunklen Last.

Ich sammle die Blätter ein. Die Kinder gehen in die Pause. Draganas Blatt liegt obenauf. Sie ist in der Tür, als ich sie noch mal zurückrufe.

»Magst du mir etwas zu deinem Bild sagen?«

Sie zuckt die Achseln.

»Ein großes Haus. Ich wünschte mir, wir hätten ein großes Haus mit einem Garten drumrum.«

»Ja. Dein Haus ist prächtig, die vielen Fenster, der vornehme Eingang. Aber es sieht aus, als wohne niemand darin.«

»Wohnt auch niemand. Die Erwachsenen sind alle im Krieg.«

»Aber im Garten sind viele Kinder.«

»Stimmt. Alle Kinder spielen im Garten.«

»Und was spielen die?«

»Krieg, natürlich.«

»Warum spielen die Krieg?«

»Weil, links, das sind die Kinder von Serben, das sind mehr, und auf der anderen Seite sind unsere Kinder. Wir sind weniger und haben nicht so viel Waffen wie die Tschetniks.«

»Du nennst sie Tschetniks?«

»Früher nicht, als wir noch richtig gespielt haben. Da hatten wir immer ihre Namen gesagt. Aber dann haben sie uns Ustascha geschimpft. Darum.«

»Und du? Bist du auch auf dem Bild?«

»Ja. Nein. Man kann mich nicht sehen. Weil – ich hab mich im Keller versteckt.«

»Im Keller?«

Sie nickt.

»Weil ich immer Angst habe.«

»Und im Keller fühlst du dich sicher?«

»Nein. Das Haus geht sowieso auch kaputt.«

Sie zeigt auf die Raketen, die über dem Haus ihre Bomben abwerfen. Eine hat das Dach durchschlagen.

»Und die schwarzen Blitze und die vielen dünnen Fäden, die überall hinreichen, auch bis zu den Kindern?«

»Das sind gefährliche Strahlen.«

»Gefährliche Strahlen? Was ist denn das?«

»Weiß nicht genau. Halt, dass es gefährlich ist. Wegen Krieg und Angst – und alle hassen sich.«

»Sprichst du manchmal mit deiner Mutter darüber?«

»Nein. Dann weint sie nur. Sowieso wegen Papa. Vielleicht ist er schon tot. Sie hört immer kroatische Nachrichten.«

»Und was tut sie sonst?«

»Nichts. Vor sich hinglotzen. Immer an eine Stelle. Sie spricht nicht. Fast nichts. Sie will nach Hause. Egal, wenn Krieg ist.«

»Und du? Willst du auch zurück?«

»Ich hab Angst.«

»Du hast die ganze Zeit Angst?«

»Nicht immer. Wenn ich in der Schule bin, habe ich keine Angst. Darum mag ich am liebsten hier in der Schule sein.«

Die Gitarre und das Sündenböckchen

»Heute haben Sie es einfach«, empfängt mich die Sekretärin, »nur drei Sündenböcke aus der vierten Klasse. Die dürfen nicht mit zu den Bundesjugendspielen.«

Die drei »Böckchen« sitzen auf den Tischen und baumeln lustlos mit den Beinen.

»Wir wollen keine Religion heute«, maulen sie mir entgegen.

Das kann ich in ihrer Situation verstehen.

»Gut. Kommt wir machen ein Spiel.«

»Spiele sind doof. Kein Spiel.«

»Dann erzähle ich euch von einem gefangenen Gemsbock in Afrika.«

»Was geht mich der Gemsbock an. Afrika interessiert mich nicht.«

»Was interessiert dich denn, Peter?«

»Mich? Och. Nischt.«

»Was würdest du denn gern tun, wenn die Schule schon aus wäre?«

»Nichts Besonderes. Video gucken.«

»Und wenn du groß bist – und du dürftest dir etwas wünschen, was würdest du dir dann wünschen?«

»Dass ich ein Gangster bin und alle Menschen Angst vor mir haben. Am meisten die Tschetniks.«

Seine kleinen Augen schauen mich hasserfüllt an. Was haben diese Kinderaugen schon alles gesehen, was hat diese Seele, dieses kümmerliche Körperchen in neun Jahren schon alles erfahren?

»Weißt du was … «, fange ich neu an und lege meine Hand auf seine Schulter.

»Fass mich nicht an!« schnaubt er und springt vom Tisch.

In der Ecke steht eine Gitarre. Er nimmt sie und zupft rauh und wild an den Saiten.

»Gib mal her, ich stimm sie dir, dann tut’s nicht mehr so schauerlich.«

Wir sitzen jetzt nebeneinander auf dem Boden, beinah einträchtig.

»Weißt du wie die Saiten heißen?« frage ich während des Stimmens.

»Ist doch wurscht.«

»Ein Alter Donkey Ging Hering Essen.«

»Was reden Sie da?«

»Vom alten Esel, der Hering isst.«

»Aber das ist doch Quatsch!«

»Praktischer Quatsch. So kannst du dir leicht die Saiten merken.«

»Kann ich sie jetzt haben?«

Peter nimmt die Gitarre wieder auf den Schoß. Das Schrummeln klingt schon besser. Jetzt zupft er einzelne Saiten, hingebungsvoll.

Ebenso hingebungsvoll bekritzeln Juan und Markus die Tafel mit Ferkeleien. Endlich mal ungestört; die ganze Tafel und alle Farben stehen ihnen zur Verfügung. Peinlich, empörend, so hätte ich noch vor kurzem gedacht. Prachtvoll, das sollten sie häufiger dürfen, denke ich heute.

Ich bleibe neben Peter am Boden sitzen. Seine Fahrigkeit, seine giftige Gereiztheit ist abgefallen. Konzentriert sucht er einzelne Töne.

»Warum lernen wir nicht Gitarre?« Es klingt fast bittend.

»Wenn du so gerne Gitarre spielen möchtest, vielleicht kannst du ja deine Eltern … «

»Gibt’s nicht!«

»Was gibt’s nicht?«

»Eltern.«

»Ach so. Du hast keinen Papa mehr.«

»Nie einen gehabt. Weil er ein Schwein ist.«

Ich sage nichts. Greife die Bünde der Saiten, die er streicht. Es klingt beinah schön.

»Verdammte Tschetniks!« Peter stößt die Gitarre vom Schoß.

»Tschetniks. Wer?«

»Na, mein Vater. Serben-Schweine! Er ist schuld, dass mein Opa – sie haben ihn totgeschlagen.«

»Wer sagt das?«

»Die Mama. Wir sind Kroaten. – Wenn ich sechzehn bin, hau ich ab und bring sie alle um.«

»Wen?«

»Die Serben-Schweine natürlich!«

»Aber dein Vater … «

»Der ist nicht mein Vater! Der ist ein Tschetnik!«

Seine Augen sind Schlitze. Hass. Oder Sehnsucht? Beides: »Hass ist hungernde Liebe.« Nie habe ich das deutlicher gesehen.

»Es klingelt gleich. Wir müssen jetzt den Segen sagen«, ruft Juan herüber.

»Ich brauch keinen Scheiß-Segen«, kreischt Peter, versetzt der Gitarre einen Tritt und rast aus dem Klassenzimmer. Juan und Markus sehen mich fragend an.

»Kommt. Wir sagen den Segen für Peter mit.«

»Weil der sich benimmt wie ein Arschloch, sollen wir ihn auch noch segnen?« Markus ist empört.

»Weil er traurig ist, schlimmer als man’s aushalten kann, darum.«

»Na, meinetwegen.«

Gott, segne uns, und behüte uns … und gib uns deinen Frieden.

Reflexionen

Schuljahresanfang. Ich teile farbige Blätter aus, darauf sollen die Kinder ihren Namen schreiben und etwas, was sie gerne tun.

Petra: Babysitten; Giovanni: Fußball, lese ich da zum Beispiel. Und dann, auf einem Blatt, im Querformat: »Mich kent man Nicht. Was ich gerne tu: nix.«

»Das ist wahrscheinlich Dragomir, so ein blasser, mickriger. Der ist noch nicht sehr lange in Deutschland«, erklärt ein Kollege später.

In der nächsten Stunde begrüße ich ihn: »Hallo, Dragomir!« Er dreht den Kopf weg. »So heißt du doch?«

»Heiß ich nicht!«

»Wie nennen dich denn deine Eltern?«

»Nennen mich nicht.«

»Und wenn dein Vater dich ruft?«

Бесплатный фрагмент закончился.

1 201,45 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
171 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783766842398
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги