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Inga Berg
Wo Anders
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Esther
Drei Kieselsteine
Das Kummertier
Wenn Rotze schwimmt
Schatten der Wahrheit
Großer, dummer, dicker Maikevogel
Tristan und Esther
Wenn Freundschaft stirbt
Carla oder wie fühlt sich der Tod an
Esther kommt zurück
Fräulein Anneliese Rosalind
Die Wirklichkeit des Vaters
Die Flucht
Spaghetti im Bett
Auch nur ein Traum
Wenn sich Steine auflösen
Impressum neobooks
Esther
Erste Auflage 2012
© Inga Berg, 2012
inga-berg@t-online.de
„Wo Anders“
ISBN 978-300-037709-9
Wo Anders
Lautlos tanzte der Wind durch die Äste des alten Baumes, der direkt vor meinem Fenster stand, und malte damit ein bewegtes Bild aus Licht und Schatten auf die Wand meines Kinderzimmers. Das dramatische Schauspiel fand ein jähes Ende, als sich eine Wolke vor den hellen Mond schob und den Raum in völlige Dunkelheit tauchte.
Angestrengt lauschte ich in die Stille, suchte nach Stimmen, Geräuschen oder wenigstens nach einem Rauschen, einem Flüstern, nach einem auf leisen Sohlen schleichenden Schritt. Meine Ohren schienen wie hochsensible Antennen ausgefahren und auf das kleinste Geräusch reagierend. Doch da war nichts.
Langsam setzte ich mich auf, immer noch mit weit geöffneten Sinnen. Vorsichtig schob ich meine nackten Füße unter der Decke hervor, um sie geräuschlos auf den kalten Dielenboden zu setzen. Bedächtig verlagerte ich mein Gewicht von der Bettkante auf meine Beine, als ich plötzlich zusammenzuckte. Noch konzentrierter nahm ich die Stille in mir auf, sog sie tief in mein Bewusstsein. Eingehüllt in Schweigen lag mein Zimmer vor mir. Nur die Schatten der Nacht tanzten erneut an den Wänden. Langsam löste ich mich aus meiner stummen Starre und sah mich um. Meinem Bett gegenüber stand ein großer Eichenschrank. Auch über seine Ornamente und Schnitzereien sprangen die Geschöpfe der Phantasie und brachten ihn damit zum Leben, setzten seine ganz eigenen Wesen in Szene.
Beinahe hätte ich mit all diesen Elfen, Gnomen, Fabelwesen und Märchengestalten mitgetanzt, mich davontragen lassen in ihre ihnen eigene Welt. Wäre selbst einer von ihnen geworden. Doch ich war nicht einer von diesen traumgleichen Fantasiegestalten, ich war Maike von Hochfelden, gerade neun Jahre alt und viel zu groß für mein Alter. Mutter versuchte mich zuweilen damit zu trösten, dass ich bei so einem stattlichen Mann, der mein Vater nun einmal sei, eben nicht klein und zierlich sein könnte. Aber ich war doch kein Mann und wollte auch keiner sein. Hätte ich doch ihre zierliche Gestalt geerbt, aber auch die war längst nicht mehr so schlank wie auf dem Hochzeitsfoto. Und da gab es noch etwas, worauf ich liebend gerne bei der Verteilung der Erbanlagen verzichtet hätte.
Meinen Jähzorn, sagte meine Mutter, hätte ich ebenfalls von seiner Seite der Familie mitbekommen. Ich hasste ihn dafür. Diese unbeherrschbare Wut, die von tief innen aufstieg, sich im ganzen Körper ausbreitete und einem jeden Gedanken vergiftete, einem die Luft zum Atmen nahm und sich früher oder später in einem blinden Anfall von unbändiger, türkisgrüner Gewalt Luft verschaffte. Nein, ich war nicht zart und vergänglich!
Inzwischen hatte ich mich, vorbei an achtlos hingeworfenen Kleidern, Schuhen und Spielsachen, zum Fenster geschlichen. Der alte Baum zwang sein Nachtschattenvolk zurück in seine Äste. Und sie gehorchten. Je heller der Himmel wurde, je mehr sich das schweigende Dunkelblau durch beinahe schon silbergleißendes Licht verdrängen ließ, umso schwächer wurden meine Besucher, bis sie sich ganz in die von schwarz auf immer grüner werdenden Zweige zurückzogen.
Ein leichter Schauer lief mir den Rücken herunter. Diese Nacht konnte einfach noch nicht zu Ende sein. Ich schloss meine Augen, ballte meine Hände zu Fäusten, so fest, dass meine Nägel schmerzhafte Spuren in meinen Handflächen verursachten und wünschte mich zurück in das Dunkel.
Doch die Zeit ließ sich nicht aufhalten. Mein Wecker surrte leise, um dann in einem ohrenbetäubenden immer wiederkehrenden Piepton die friedliche Stille zu zerreißen. Intensivmedizin und Herzstillstand schoss es mir durch den Kopf. Blitzartig war ich zurück an meinem Nachttisch und tötete dieses kreischende Ding. Ich zog den Stecker, brachte ihn zum Schweigen. Doch es war zu spät. Nebenan, im elterlichen Schlafzimmer, hörte man das erste Gähnen des Morgens, das erste Knatschen der Bodendielen, wenn sie unter menschlichem Gewicht leicht nachgaben und die Steife der Nacht wegraunten. Die Holzbohlen sprachen miteinander, drehten und dehnten sich, machten sich bereit. Ich war wieder unter meiner Bettdecke verschwunden, kniff die Augen zusammen und harrte der Dinge, die nun unweigerlich ihren Lauf nahmen. Mutters Schritte hallten durch mein Bewusstsein. Ihr süßes Parfum legte sich um meine Sinne. Zielstrebig ging sie zum anderen Ende des Raumes, zog die Gardinen zurück und öffnete die Fenster. Ein leiser Lufthauch streichelte mein Gesicht. Das Leben mit all seiner Beharrlichkeit und Aufdringlichkeit wogte in mein Zimmer. Die Luft war erfüllt von Vogelstimmen, die man Zug um Zug geradezu einzuatmen schien. Und mit jedem Atemzug kam ich dem Tag näher als dem Traum.
„Maike, aufstehen!“ hörte ich meine Mutter zum wiederholten Male sagen. Immer gleich freundlich. Wie die nette Stimme aus dem Lautsprecher des Supermarktes um die Ecke, die jeden Tag ein neues Sonderangebot offerierte.
Und da war es schon wieder „Maike komm, du musst aufstehen, sonst verpassen wir den Bus“. Den Bus? Plötzlich war ich hellwach. Der Bus! Heute war der Tag meiner Abschiebung. Doch noch bevor ich mir einen Schlachtplan ausdenken konnte, irgendeine furchteregende, ansteckende Krankheit oder eine Strategie, die den Zeitplan meiner Mutter durcheinander bringen würde, kam sie auch schon in mein Zimmer. Zustimmend lächelte sie mich an und öffnete meinen Kleiderschrank. Vorsichtig blinzelte ich in die aufgehende Sonne die mein Zimmer orangerot durchflutete. Mutters Schatten schob sich vor mein Gesicht. Schnell hatte sie mein kirschrotes Lieblings-T-Shirt und eine alte, zerschlissene Jeans mit bunten Flicken auf den Knien und roter Bordüre am Ende der Hosenbeine herausgeholt. Letztere war neu und diente der optischen Verlängerung der Hochwasserhose. Kopfschüttelnd betrachtete sie mich. „Du wächst einfach zu schnell“ sagte sie mehr zu sich selbst und wandte sich wieder meinem Kleiderschrank zu. Wohlgefüllt mit den schönsten und teuersten Kinderkleidern, zog sie doch geschickt das älteste Sweatshirt aus der geordneten Fülle und streckte es mir entgegen.
„Nein“ schrie es in mir auf „nicht dieser olle Pullover und außerdem, es ist Sommer!“
Aber, als ob sie meine Gedanken gelesen hätte, hielt sie mir dieses Ding mit Nachdruck und einer Unerbittlichkeit in ihrem Blick entgegen, der jedem Widerspruch den Boden nahm. Ich zog ihn an. Türkisgrün blitzte es in mir auf. Ich wollte diese Hose nicht, nicht diesen hässlichen, hellblauen Pullover und schon gar nicht ins Sommerzeltlager. Ich spürte, wie es mir die Kehle zuzog, wie Tränen meinen Blick verschleierten und ich kämpfte - kämpfte um einen klaren Verstand, um Ideen, diesen Weg nicht gehen zu müssen. Ich wusste, dass meine Mutter in meiner Abschiebung nur die Anweisung meines Vaters befolgte, aber genauso gut wusste ich, dass ich meiner Mutter nicht kampflos nachgeben würde. Ohne Eile nahm ich meiner Mutter den dargebotenen Pullover aus der Hand und legte ihn neben mich aufs Bett. Meine Gedanken rasten. Dann nahm ich auch die Hose entgegen, die gleich darauf freundlich bestimmt angereicht wurde. Ich platzte beinahe vor Wut. Der grobe Stoff glitt durch meine Hände. Der Knopf am Bund saß bedenklich locker. Mit einem Ruck in einem unbeobachteten Moment und er war ab. Meinen Jubel wohlweißlich verbergend und mit einem unschuldigen Blick, gab ich meiner Mutter die marode Hose wieder zurück. Skeptisch musterte sie zuerst den Hosenbund und dann mich. Den Knopf hatte ich immer noch in der Hand. Langsam und unauffällig ließ ich meine geschlossene Faust unter der Bettdecke verschwinden. „Was hast du da in deiner Hand?!“ schnitt die Stimme meiner Mutter scharf in meine Engelsmiene.
„Nichts!“ beteuerte ich und ließ den Knopf los.
Ohne zu zögern griff sie nach meiner Daunendecke und warf diese zurück. Und da lag er, rund, verräterisch, roter Hosenknopf auf weißem Bettlacken. Wortlos ging meine Mutter zurück zum Schrank, holte eine zweite, genauso zerschlissene und geflickte Hose heraus, legte sie neben meinen Pullover und ging, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen aus dem Raum. Voller Wut nahm ich den Knopf und schoss ihn einmal quer durch mein Zimmer, an die gegenüberliegende Wand. Dann, noch immer in türkisgrün flackernder Ohnmacht, schlüpfte ich in meine mir vorgelegten Kleider. Doch in ihrem vermeidlichen Triumph hatte meine Mutter etwas Entscheidendes übersehen. Weder Schuhe noch Strümpfe zierten meine Füße als ich mein Zimmer verließ, schließlich hatte meine Mutter sie mir nicht hingelegt. Und jetzt lagen sie gut versteckt unter meinem Bett zwischen meinen Buntstiften und meinem Steifflöwen, hinter meiner mit Lehm verschmieren Latzhose und zwei Kartons mit allerlei Schulheften und selbst kreierten Kunstwerken, dessen Wert außer mir, keiner wirklich zu schätzen wusste. Bis ich die wieder finden würde, ich war ja so verträumt und unkonzentriert, würde es mindestens eine Ewigkeit dauern, wenn nicht sogar zwei!
Siegessicher schritt ich die alte, knarrende Holztreppe, die mit schwerem, dunkelroten Teppich ausgelegt war, hinunter in den Wohnbereich der Jugendstilvilla. Als meine nackten Füße den kalten, schwarz-weiß gefliesten Boden am Ende der Treppe berührten, lief mir ein leichtes Frösteln durch den Körper. Es war für Mitte Juli doch noch ziemlich frisch und unser Haus lag, von Bäumen umgeben, auch im Sommer immer im Schatten. Wie jeden Morgen schenkte ich dem kalten Steinboden nur kurze Beachtung und ging, das Wohnzimmer mit seiner hohen stuckverzierten Decke und seinen breiten, weißen Flügeltüren rechts neben mir lassend, in die Küche. Die Küche selbst war nicht ganz so groß, wie man es in diesem Haus erwartet hätte, verfügte jedoch über genug Platz einem massiven Eichentisch in der Mitte des Raumes Platz zu bieten. Mein allmorgendliches Marmeladenbrot und das tägliche Glas Milch waren bereits aufgetragen. Heute musste ich zum Glück nicht diesen braunen, schleimigen Saft trinken, der mir angeblich zu mehr Konzentration und damit zu besseren Noten verhelfen sollte, es waren ja Ferien und meine Denkleistung war nicht gefragt. Nur mein Gehorsam wurde heute vorausgesetzt. Den gab es aber nicht um sonst! Mit dem traurigsten und bedauernswertesten Blick, den ich mimen konnte, setzte ich mich an den Frühstückstisch. Wenn es die Situation verlangte, würde ich auch weinen. Doch zunächst würde ich mich auf schweigend leiden beschränken, so wie sie, wenn ich nicht tat, was sie wollte. Ich würde nie mehr auch nur ein Wort mit ihr wechseln, wenn sie es tatsächlich schaffte, mich in diesen unseligen Bus zu setzen.
Gerade als ich zu schauspielerischer Hochform auflief, betrat mein Vater die Küche. Seine Persönlichkeit füllte das gesamte Hier und Jetzt. Nichts neben ihm hatte Bedeutung oder war auch nur einen kurzen Moment der Aufmerksamkeit wert. Sofort lag eine fast greifbare Spannung im Raum. Meine Mutter, die bis eben gedankenverloren ein kleines Vesper für mich gerichtet hatte und mit dem Rücken zur Tür stand, drehte sich um und sah ihn an.
Mit einem geringschätzigen Ausdruck in seinem braungebrannten, fast jugendlichen Gesicht musterte er sie. Sein imposantes Auftreten duldete keinen Widerspruch. Einen Moment lang sah sie ihm direkt in die Augen, kämpfte ihr Stolz in ihr gegen die Demütigung, doch sie war ihm um 25 Jahre Lebenserfahrung und Selbstbewusstsein unterlegen. Beschämt senkte sie den Blick.
„Der Bus fährt erst um halb zehn“ sagte sie leise, ohne aufzuschauen.
Es war so ungewöhnlich, meinen Vater hier in der Küche zu sehen, dass ich mich zwingen musste, ihn nicht anzustarren. Langsam kauend konzentrierte ich mich auf den süßen, fruchtigen Geschmack, der sich in meinem Mund ausbreitete, mich erfüllte, meinen Vater aus meinen Gedanken löschte. Wärme und dumpfe, watteweiche Dunkelheit stiegen in mir auf. Fast konnte ich wieder die Elfen tanzen sehen, als mich ein unsanfter Stoß aus meinem Zuckerrausch riss. Vorsichtig sah ich mich um. Er war weg und der Raum hatte seine gewohnte Vertrautheit wieder. Blass und nervös sah meine Mutter mich an.
„Träume nicht“, drängte sie verzweifelt „Komm lieber in die Puschen!“
Erst jetzt entdeckte sie meine bloßen Füße, die munter unter dem Tisch hin und her schaukelten. Entsetzt zog sie mich vom Stuhl und schob mich Richtung Foyer. Genau dahin, wo mein Vater vor wenigen Minuten entlang gegangen war. Unvermittelt standen wir uns gegenüber. Ich spürte seinen Blick auf mir. Spürte, wie der schwarz-weiß geflieste Boden seine zuverlässige Stabilität und Kälte verlor, direkt unter meinen nackten Füßen zu brennen begann.
„Auf, auf!“ vernahm ich die betont fröhliche Stimme meiner Mutter. Sie stand direkt hinter mir und schob mich an. Meine Rettung.
Ohne aufzuschauen huschte ich geschickt an ihm vorbei. Ich spürte, wie er mir abwartend und drohend hinterher sah, wie er mich in Gedanken verfolgte. Er wartete, das wusste ich. Er stand in der Eingangshalle und wartete. Sogar durch die Wand meines Zimmers spürte ich seine Aufmerksamkeit, seine Gegenwart. Vergessen war alle Rebellion. So schnell ich konnte, hatte ich meine Schuhe unter dem Bett hervorgeholt, Strümpfe aus der Schublade meiner Kommode am Fußende meines Bettes gekramt und angezogen. Dann hielt ich inne. Mein Herz raste, schlug mir bis zum Hals. Meine Knie wurden weich. Gleich würde er kommen, mich anschreien, mir seine Ablehnung ins Gesicht schleudern und ich würde mich auflösen, wie ein Windhauch durchs Zimmer schweben, um dann genau wie alle anderen Luftgestalten in den Zweigen des großen Baumes verloren zu gehen.
Statt meines Vaters kam meine Mutter. Sie drängte mich, schob mich, zupfte mich und zog mich, bis wir endlich zur vereinbarten Sammelstelle für ungewollte Kinder kamen.
Ein fröhliches Gewirr aus dutzenden Kinderstimmen umgab mich. Erstickte mich. Über den gesamten Platz verteilt standen kleine Grüppchen mit plaudernden Müttern inmitten ungeachtet abgelegter Taschen und Rucksäcke. Ein ganzes Volk quiekender Kinder in alten Hosen und unempfindlicher Oberbekleidung gaben dem Chaos Raum. Alle Spuren des Wohlstandes und der Herkunft wurden geschickt getarnt. Nur hier und da lugte an Hosen mit geflickten Knien und T-Shirts mit verblichenen Mustern ein Markenschild hervor.
Und bei genauerem Hinsehen gab es auch hier deutlich gezogene Grenzen. So standen Oshkosh- und Pre Natal-Mütter bei Gucci-Handtaschen- und Mercedesschlüssel-Trägerinnen und beäugten kritisch die Woolworth - Kinder, die sich ungeachtet dieser doch durchaus wichtigen Merkmale mit ihren Kindern vermischten.
An der Hand meiner Mutter, die die Meine fest umfasste, wurde ich durch die kreischende, brodelnde Schar gezogen, direkt auf eine Gruppe Mütter zu, etwas abseits des gemeinen Volkes. Ihren Luxuskarossenschlüssel brauchte meine Mutter, die Frau des erfolgreichen Scheidungsanwaltes Dr. Victor von Hochfelden, zur Identifikation nicht zu zücken. Man kannte sich. Und noch bevor ich es richtig begriff, waren Information und Kind kurzerhand ausgetauscht. Keine Szene, kein stumme Diskussion. Ein flüchtiger Kuss auf die Stirn, ein fahriges Streichen durch die schweren, dunklen Locken und schon hing ich an der Hand einer anderen Frau.
Noch spürte ich den Druck ihrer Finger, roch das schwere Parfüm, empfand den flüchtigen Kuss auf meiner Stirn. Doch sie war weg, war in der Menge verschwunden und hatte mich zurückgelassen. Verzweiflung stieg in mir auf, trieb mir Tränen in die Augen. Ich hatte ihr gar nicht sagen können, wie lieb ich sie eigentlich habe, dass ich Angst hatte um sie, um mich und überhaupt. Was würde geschehen, wenn ich nicht bei ihr war. Sie würde mich brauchen und ich war unter all diesen Kindern, die keine Ahnung hatten von mir, meiner Mutter, meiner Welt - der Welt.
Der Griff, der mich gefangen hielt, lockerte sich, wurde nachlässig - vergaß. Meine Chance!
Schnell wand ich mich aus der Bemächtigung der für mich fremden Frau. Doch diese, als geübte Mutter durchaus auf solche Attacken vorbereitet, festigte erneut ihren Griff und sah abschätzig zu mir herunter. Wut stieg in mir auf - türkisgrüne Wut. Sie betäubte mich, ergriff mich, zog mich in ein giftgrünes Gefühlschaos. Niemals würde ich zulassen, dass mich irgendjemand festhielt, niemals. Ich mobilisierte all meinen Mut und meine Kraft. Meine Oberschenkel zuckten, mein Fuß hob sich. Blitzartig und für meine Peinigerin völlig überraschend trat ich ihr an das in kostbaren Stoff gekleidete Schienbein. Damit hatte die zweifache Mutter wohlerzogener Jungs nicht gerechnet. Unvermittelt ließ sie mich los und griff mit beiden Händen an die Stelle, wo ich sie mit voller Wucht getroffen hatte. Meiner plötzlichen Freiheit gehorchend, setzte ich mich in Bewegung. Schnell, immer schneller rannte ich, geschickt um die Kinder und Muttis zirkelnd, in Richtung nach Hause. Ich musste sie retten, musste bei ihr sein, wenn er erneut zuschlug.
Noch einmal drehte ich mich um, ohne auch nur geringfügig das Tempo zu drosseln, in dem ich über den Platz rannte. Die genauestens festgelegten Gruppen mit ihrer scheinbaren Vornehmheit und Arroganz lösten sich auf in gemeinschaftlichen Tumult. Hier taumelte ein Kind, das ich in meiner wilden Flucht angestoßen hatte, dort rief eine Mutter, die mich gesichtet haben wollte. Hände griffen nach mir, ich wand mich und entkam. Manch Eine stellte sich mir siegessicher in den Weg - und doch - ich flog. Erst ihnen allen davon, dann auf die Nase.
Ich hatte einen dieser „ach wie putzigen“ Kinderrucksäcke mit netten kleinen Marienkäfern darauf übersehen und mich der Länge nach auf dem harten Asphalt ausgestreckt. Noch einmal spürte ich den starken Willen zu entkommen, der alles in mir beherrschte, doch es war zu spät. Ehe ich es mich versah, waren meine Verfolger um mich versammelt. Hart wurde ich am Oberarm gefasst und in die Höhe gezogen. Ein kurzer, musternder Blick. Kein Blut! Keine Schrammen! Alles gut! Unsanft brachte man mich zurück in die Gefangenschaft.
„So ein unerzogenes, undankbares Geschöpf“ wisperte und tuschelte es hinter mir und wie sehr man doch meine arme Mutter bedauern müsse. Wieder stiegen Angst und Verzweiflung in mir auf. Er würde sie töten!
Tränen schossen mir in die Augen, ich schrie. Doch Keiner sah meine Tränen, Keiner hört mein Schreien, keiner spürte meine Angst. Es war in mir - unsichtbar und besser so. Einen zweiten Fluchtversuch gab es nicht. Der Kreis um mich wurde enger gezogen und für ein Kind, sei es noch so einfallsreich und wehrhaft, nicht zu durchbrechen.
Als der Bus auf den Platz auffuhr, war alles wieder in seiner gewohnten Einvernehmlichkeit und scheinbaren Ordnung. Grob wurde ich in das Gefährt geschoben, der an beiden Ausgängen von übereifrigen Muttis bewacht wurde, die einen erneuten Ausbruchversuch meinerseits fürchteten. Keine Chance für kleine Mädchen. Missmutig setzte ich mich, dicht gedrängt an eines der Fenster. Trotzig, wurde später gesagt -trotzig hätte ich mich in die Ecke verzogen. In kürzester Zeit war der Fahrgastraum gefüllt mit all denjenigen und dem, was noch kurz zuvor den gesamten Kirchplatz eingenommen hatte. Der Rest konzentrierte sich rund um das Gefährt, reckte und streckte sich hinauf zu den Fenstern. Eltern drängten sich noch einmal hinein, Kinder noch einmal hinaus. Es wurde umarmt, geküsst, verabschiedet, als gäbe es kein nächstes Mal. Ich beugte mich unter den Fensterrand. Verbarg mein erhitztes Gesicht hinter meinen Locken. Das Gefühl der Liebkosung auf meiner Stirn war einem schmerzhaften Pochen meines rechten Oberarmes gewichen, an dem ich kurz zuvor zurück in den Gehorsam gezogen worden war. Mein Kopf dröhnte, meine Gedanken rasten. Ein heftiges Zittern durchfuhr den Bus, meinen Körper, ein Rucken nach vorne und die Welt da draußen löste sich auf, blieb einfach dort, wo sie war, zurück. Ich versank noch tiefer hinter der eiskalten Glasscheibe des Busses, die meine Stirn angenehm kühlte. Langsam, ganz langsam wich das Giftgrün meiner Seele dem sanften, stillen Dunkel meiner Phantasie. Die so quälend fröhlichen Stimmen, das so aufdringliche Gelächter, Getuschel und Geschwatze schien mit jedem Meter, den der Bus sich durch den Wald hinauf auf den Königstuhl arbeitete, leiser zu werden. Blieb zurück, dort wo alles ist. Meine aufgewühlte Seele kam zur Ruhe, zu tiefschwarzer Ruhe. Vorsichtig hob ich den Blick. Ich hatte mich aufgelöst. Glitt mit dem Schatten meines Reisegefährtes über steile Böschungen, durch graues Laub, das wild aufgestöbert durch die Luft tanzte und gleißendes Sonnenlicht, das ab und zu seinen Weg durch das dichte Sommerblätterdach auf den kühlen Waldboden fand. Ein unsanfter Stoß in die Rippen brachte mich zurück. Wie ein Schlag ins Gesicht trafen mich die Stimmen. Einen Moment lang gab mein Körper dem plötzlichen Geschwindigkeitsabfall des schweren Wagens in einer der 180 Grad - Wendung nach, um dann kurz darauf wieder in den Sitz gedrückt zu werden. Immer steiler und kurvenreicher wurde die Straße hinauf zum Bierhelderhof, unserem Ziel. Empört wandte ich mich in die Richtung, aus der der Angriff kam und sah in zwei lustig funkelnde, blaue Augen, die mich neugierig anschauten. Rotblonde Haare umrahmten das sommersprossige Gesicht. Und die kleine, leicht sonnengerötete Stupsnase zeigte direkt gen Himmel, in diesem Fall gen Bushimmel.
Fröhlich wippte sie auf dem Platz neben mir auf und ab und musterte mich dabei neugierig.
Als offensichtlich unwichtig erkannt, drehte ich mich wieder ab, um erneut in meine Tagträume zu flüchten. Doch auch diesmal ließ sie mir keine Chance, zog mich am Ärmel und sah mich unverwandt an. Wieder sah ich in dieses freundliche, lustige Gesicht und konnte mir ein Lächeln nur schwer verkneifen. Irgendwie hatte sie wohl das Zucken um meine Mundwinkel bemerkt und grinste mich nun mit einem Lächeln an, das mich mit der Welt und meinem Schicksal versöhnte.
Gut, ich war gefangen in diesem Bus mit all seinen gut gelaunten, fröhlichen Kindern. Jedes in seiner Abteilung, genau festgelegt nach sozialer Herkunft. Und ja, ich wurde abgeschoben in ein Sommerferienauffanglager für ungewollte Kinder, aber da gab es jemanden, der mich so herrlich anlachte, als gäbe es nichts Schöneres auf dieser Welt, als neben mir in diesem Zeltlagertransport zu sitzen. Plötzlich wurde alles ganz leicht, ganz klar und einfach.
Der Bus fuhr aus dem Wald heraus auf einen kleinen Parkplatz, wo bereits drei weitere Busse hielten. Aus dessen Türen strömten unablässig Kinder. Hüpfend, lachend, plappernd zog sich ein Strom von buntem, lebendigem Dasein am Waldrand entlang zu einem etwas erhöht liegenden Haus am Ende eines Maisfeldes. Auch unser Bus schob unter Stöhnen die Glastüren auseinander und entließ uns in den Strom von Sommer, Sonne, heißem Asphalt und kühlem Wald. Esther, meine neue kleine Begleiterin, und ich verschmolzen mit dem bunten Treiben und flossen mit all den anderen in die Gefangenschaft des Freizeitgeländes. Sicher eingezäunt, dass auch ja keines verloren geht. Wir mussten wohl so ziemlich die Letzten der zu erwartenden Kinder gewesen sein, denn wie von Geisterhand schlossen sich die großen eisernen Flügeltüren hinter uns und machten ein Entkommen endgültig zu Nichte.
Panik durchfuhr mich erneut. „Er wird sie töten“ schoss es mir durch den Kopf.
Instinktiv suchte ich nach einer Fluchmöglichkeit, einer Lücke im Zaun, einer flachen Stelle in der Mauer, die es durchaus zu überwinden ging. Mein Blick durchforstete die große Wiese mit den riesigen, weißen Zelten, die dort extra für die Dauer der Ferien aufgeschlagen worden waren. Wanderte entlang des Zaunes zu dem Spielplatz auf der anderen Seite, auf dem eine ausgediente Dampflok, kindgerecht ungefährlich gemacht, stand. All das wirkte wie ein Traum. So unwirklich wie ich, hier mitten in dieser Schar kreischender, von Ferienlaune erfüllter Kinder. Als hätte Esther meine Gedanken und Gefühle gespürt, schob sie ihre Hand in die Meine.
Ich schloss meine Augen, spürte die Wärme und das Leben, das aus ihrer Hand in die meine zu fließen schien und mich völlig erfüllte. Die Welt um mich herum tauchte auf in farbenfrohem, warmem Licht. Zuerst konnte ich mich gegen ein Lächeln nicht mehr wehren, dann wurde aus dem Lächeln ein Grinsen und zu guter Letzt kam das, was sich da unkontrolliert in mir regte sturmflutartig nach außen. Schaffte sich Platz und Raum in Zeit und Gegenwart. Überflutete mich, riss mich mit, entließ mich in eine andere Realität. Ich wurde eins mit all der mich umgebenden Freude, der Sommersonnenlaune, dem Ferienzeltlagergefühl. Endlich gab mein Sein dem kindlichen Impuls nach, wurde meine Seele frei. Nach einer schier nicht enden wollenden Ansprache des Obererlebnispädagogen wurden wir namentlich aufgerufen und in die Zelte verteilt. Jede dieser Behausungen als Schutz gegen Regen und anderer Unannehmlichkeiten, war bestückt mit fünfzehn Feldbetten. Eines davon war für mich gedacht. Mein neues Privatdomizil für die nächsten sechs Wochen. Esthers Residenz lag neben der Meinen, gleich neben dem Zelteingang und gegenüber unserem Zeltwebel, denn jedem Zelt stand ein Untererlebnispädagoge vor. Die anderen dreizehn Insassen hatten schnell ihre Wohnsitze bezogen und mit einzigartigen, ganz individuellen Accessoires ausgestattet. Sie thronten zwischen neuen lilablassblaukarierten, mit Goldbeschlägen verzierten Rucksäcken und eleganten Picknicksets, zum stilvollen Aufnehmen der Mahlzeiten. Zwei der Mädchen, eine der Beiden war Katharina, die Tochter unseres Nachbarn und zwei Jahre älter als ich, hatten sogar Decken mitgebracht, obwohl jedes der Chaiselongues mit einer Militäratmosphäre verbreitenden, mausgrauen Decke ausgestattet war. Passend zu der grauweißen Leinenbespannung der Feldbetten auf hellgrauem Planenboden unter weißem PVC-Dach.
Neid und Wut brach in mir auf, meine wiederentdeckte Kindheit zu unterdrücken. Warum hatte ich keine cremeweiße, flauschige Wolldecke dabei. Wo waren mein mit Blumendekor verzierter Teller und mein silberfarbenes Besteck? Sogar Servietten hatte sie in ihrem „Ich nehme mein Mittagessen stilecht ein“ – Care-Packet. Ohne den Blick von ihr zu wenden, angelte ich nach meinem „Ich gehöre dazu“ - Rucksack. Doch ich griff ins Leere. Wiederholt schwenkten meine Hände Richtung Zeltplanenboden, doch da war nichts.
Als sie zu mir herüberblickte nahm ich demonstrativ meine kratzige, schmutziggraue Zeltlagereigentumwohlfühlausstattung in den Arm. Gespielt abgestoßen wandte sie sich ab.
Das war ja so gemein! Sie sollte es nicht besser haben als ich. Ihr Vater war nur ein seltsamer, schrulliger Mann, niemand wusste so genau, was er den ganzen Tag machte und manchmal war er wochenlang nicht zu sehen. Und das Haus, in dem sie lebten, war auch nur gemietet, betonte meine Mutter immer. Mein Vater dagegen war Dr. Victor von Hochfelden. Ein bedeutender Rechtsanwalt in Sachen Scheidungs- und Familienrecht mit zweifachem Scheidungsselbstversuch. Wobei Letzteres von meiner Mutter nur ungern zur Sprache gebracht wurde. Auf jeden Fall war mein Vater viel bedeutender und somit hatte ich das Recht auf weißen Plüschträumen gebettet zu werden und nicht die schöne Katharina. Aber wo war, verdammt noch mal, mein Rucksack. Fluchen durfte ich nicht, genau deswegen tat ich es.
Wieder und wieder griff ich ins Nichts. Unter das Bett war er nicht gerutscht, auf dem Bett lag er nicht, auch die Decke hatte ihn nicht verborgen. Langsam beschlich mich ein ungutes Gefühl, das immer mehr zur Gewissheit wurde; ich hatte ihn im Tumult des auf dem Kirchplatz stattgefundenen Homerun einfach vergessen. Diese blöden übereifrigen Muttis hatten zwar mich siegestrunken in den Bus verfrachtet, aber mein „ich hab dich lieb Gedanke“ meiner Mutter war zurückgeblieben. War mir einfach verloren gegangen. Vielleicht hatte sie mir auch eine kuschelweiche Schmusedecke eingepackt und meinen orangefarbenen Lieblingspicknickbecher. Noch einmal sah ich fieberhaft überall nach. Drehte das Unterste zu oberst und das Oberste zu unterst. Schließlich hing ich mit den Beinen in der Luft, Kopf unter von der Kante meines Feldlagers, das zu kippen drohte. Doch mein Stück eigenes zu Hause war und blieb verschwunden. Resigniert setzte ich mich wieder auf.
Tränen kämpften sich in mir hoch. Schnell schloss ich meine Augen, um der Schwäche nach außen keinen Raum zu geben, doch zu spät, heiß lief mir eine Träne die Wange herunter und hinterließ eine brennende Spur der Scham auf meinem Gesicht. Noch bevor ich sie mit meinem Ärmel erwischte, tropfte sie auf meinen Schoß. Höhnisches Gelächter drang in mein Bewusstsein, dröhnte durch meinen Kopf. Ich sah auf und wusste genau, dass ich auch diesmal nicht wirklich Jemanden sehen würde, der mich auslachte, und doch war es da, dieses Lachen, dieses nicht hörbare erniedrigende Lachen. Es war kein neues Gefühl, mir wohl vertraut und folgte mir wie ein Schatten. War immer da, wo ich schwach wurde, wo meine Gefühle nach außen traten und sei es nur in Form einer kleinen Träne.
Esther, die mich die ganze Zeit beobachtet hatte, setzte sich neben mich auf die Bettkante und hielt mir ein blütenweißes Leinentaschentuch vor die Nase. Sie lachte mich nicht aus oder sah verschämt weg, sie kam nicht, um mir irgendetwas Aufmunterndes zu sagen wie, stell dich nicht so an, ist doch nur eine Tasche. Sie saß da, sah mich an mit ihrem sanften Sommersonnenhimmelblau und hielt mir einen Hauch von Trost entgegen, zart mit feinen Blümchen bestickt. Nachdem ich das Taschentuch genommen und meine zweite, verräterische Träne aufgefangen hatte, stand sie auf, ging zu ihrem Platz, holte ihren Rucksack und begann, zu meinen Füssen sitzend, auszupacken. Neugierig setzte mich zu ihr auf den Boden.
Ich spürte die Feuchtigkeit des unter dem Planenboden befindlichen Grases, das nun langsam zu verrotten begann und den typischen Zeltgeruch freisetzte. Zusammen mit Esther war ich zwischen den Betten unsichtbar geworden. Kinder, Bewohner dieser seltsamen, grauweißen Zeltwelt gingen ein und aus, fröhlich schwatzend, hochgradig beschäftigt oder ziellos schlendernd, aber wir, zwischen den Bettenburgen im Schutz der Deckenmauern blieben unentdeckt, unbeachtet. Esther breitete ihre Schätze vor mir aus, brachte sie mir dar. Das Wenige, das sie hatte, war sie bereit, mit mir zu teilen.
Da war ein kleines Taschenmesser, dessen Holzgriffe schon den Glanz und die blaue Lackierung verloren hatten. Es war das Taschenmesser ihres Bruders, der es ihr für die Dauer des Zeltlageraufenthaltes geliehen hatte.
Ich hatte keinen Bruder, nur einen quälenden Neffen, zwei Jahre jünger als ich und quasi Dauergast in unserem Haus. Auch jetzt war er wahrscheinlich bei uns und ließ sich von meiner Mutter bedienen. Stöberte durch mein Zimmer und suchte nach Dingen, die er „gut gebrauchen“ könne. Es war doch alles ersetzbar und wenn er etwas fand, bekam er es und ich etwas Neues.
Tristan war der Sohn meiner Halbschwester Carla, aus erster Ehe meines Vaters.
Sie und meine Mutter waren zusammen in die Hauswirtschaftsschule gegangen, waren beste Freundinnen gewesen, hatten alles miteinander geteilt. Auch meinen Vater, nur auf völlig andere Art. Carla hasste mich!
Das Zweite, was Esther auspackte, war eine halbe Tafel Schokolade, die hatte ihr ihre Schwester aus ihrem Süßigkeitendepot abgerungen. Gerne wäre auch sie mit in das Feriendomizil ihrer kleinen Esther gegangen, aber das konnte sich die Familie nicht leisten. Warum gerade sie hier oben auf dem Königstuhl Ferien machen durfte, vergaß ich zu fragen.
Ein Stück von Esthers Schokolade zerschmolz in meinem Mund, legte sich um meine Sinne, verdunkelte meine Wahrnehmung. Ich floss wie das cremige Süß auseinander. Löste mich auf in Traum und Phantasie. Dann war er weg, der herrliche Geschmack nach anders sein, wo anders sein.
Wieder gab mir Esther ein Stück ihrer zarten Versuchung und wieder zog es mich in eine andere Realität. Blieben Schwestern und Brüder zurück und auch Mütter und Väter verloren an Gewicht und Bedeutung. Noch bevor ein Stück Köstlichkeit richtig geschmolzen war, schob mir meine Verführerin schon das Nächste hin und ich nahm es willig. Nun reicht eine halbe Tafel Schokolade nicht für die Ewigkeit und ich wurde schneller als ich wollte wieder in die Zeltlagerwirklichkeit entlassen.
Ich hatte die gesamte Schwesternliebe in mich hinein gestopft, verschlungen und der wahren kleinen Schwester weggenommen. Diese Liebe war nicht für mich gedacht und doch lächelte mich Esther zufrieden und glücklich an. Wie konnte sie nur? Warum war sie nicht sauer auf mich?
Sie hatte keine Süßigkeit mehr und auch kein Geld, sich neue zu kaufen, und trotzdem war sie noch hier bei mir zwischen den Betten und sah so glücklich aus, als hätte sie selbst jede Menge allerfeinste Schokolade im Bauch. Dann griff sie nach dem kleinen buntbestickten Leinentaschentuch, das sie mir vor wenigen Minuten, oder waren es bereits Stunden(?), zugeschoben hatte, um meine Gefühle zu verstecken. Von ihrer Oma, sagte sie stolz, handbestickt und extra für sie. Meine Großmütter lebten nicht mehr, tot. Das war alles, was ich wusste und wissen musste, befand meine Mutter.
Und sowieso, bei uns gab es Papiertaschentücher, hygienisch zum wegwerfen und keine Omas, die sie verzierten. Nur mein Vater besaß Stofftaschentücher. Einstecktücher aus feinster Seide, passend zur Krawatte und nicht zum Trösten oder Besticken gedacht und schon gar nicht zum Gebrauch in Kinderhände.
Nachdem sie mir ihre Schätze dargebracht hatte schaute sie mir direkt in die Augen. Die unbeschwerte Fröhlichkeit in ihren Augen war einem ernsten mustern gewichen. Erst zögernd, der Wichtigkeit diese Augenblickes Geltung verschaffend, dann bestimmt zog sie aus einem einfachen Leinenbeutel drei unscheinbare, graue Kieselsteine. Nein, an und für sich waren sie nichts Auffälliges, nichts was man nicht an jedem Bachlauf finden könnte, doch diese Steine hatten eine besondere Geschichte.
Drei Kieselsteine
„Als mein Vater auf Geschäftsreise war“, begann Esther ihre Geschichte, „es war ein heißer Junitag im Jahre 1966 und meine Mutter hochschwanger mit mir, hatte er eine Panne mit seinem Auto mitten auf einer Landstraße im Schwarzwald. Er hatte es gerade noch zu einer kleinen Haltebucht rechts der schmalen Straße geschafft, bevor der Motor ausgegangen war. Da stand er nun, keinen Kontakt nach Hause, nicht ahnend, dass seine kleine Tochter, nämlich ich“, sagte Esther stolz, „bald zur Welt kommen würde…
Die Sonne stand hoch und der Motor dampfte und zischte. Er war einfach zu heiß gelaufen und das Kühlerwasser übergekocht. Verzweifelt sah sich mein Vater nach allen Richtungen um, in der Hoffnung ein Haus, einen Brunnen oder irgendetwas dergleichen zu entdecken. Doch alles was er fand, war ein kleiner Pfad rechts der Straße, der direkt in den Wald führte. Noch zögerte er, ließ seinen Blick wiederholt die Straße hinauf und hinunter wandern, doch diese lag heiß flimmernd vor ihm, keine Bewegung, kein Leben, kein Auto, das kam, um ihn mitzunehmen. So entschied er, dem kleinen Weg in den Wald zu folgen, in der Hoffnung, eine Quelle oder einen Bachlauf zu finden. Als er eine kurze Strecke des Weges hinter sich gebracht hatte, wurde dieser immer ungemütlicher. Die dunklen, blaugrünen Tannen ließen kaum Licht durch und der Weg wurde immer mehr zum Trampelpfad. Dichter schlossen sich die Bäume um ihn. Es schien, als wolle der Wald ihn abwehren, wolle ihn nicht weiter lassen, verschloss sich vor ihm. Aber auch ein Zurück war nicht möglich. Der Weg hinter ihm löste sich im Dunkel auf war, sobald er den nächsten Schritt nach vorne wagte, hinter ihm einfach verschwunden. So ging er weiter. Bis er sich schließlich vor den Ästen, die ihm wütend ins Gesicht schlugen, mit Händen und Armen schützte. Bald kämpfte er sich einer Urwaldexpedition gleich durch das Unterholz. Immer wieder sah er seine Frau vor sich, das ungeborene Leben unter ihrem Herzen deutlich sichtbar, sein Kind. Das machte ihn stark. Ließ ihn unermüdlich weitergehen. Irgendwo würde er schon rauskommen.
Und tatsächlich, nach schier unendlichem Kampf, wurde der Urwald wieder zu einem Trampelpfad und der Trampelpfad wieder zu einem kleinen Weg. Die Tannen mischten sich mit uralten Laubbäumen. Sonnenstrahlen tanzten durch das lichte Grün der Bäume, malten ein wildromantisches Bild aus Schatten und Licht auf den Waldboden und in seine Seele. Der Gedanke an seine Familie hielt ihn in Bewegung, bis er unerwartet stoppte. Direkt vor ihm gabelte sich der Weg. Rechts von ihm führte er hinaus aus dem Tann. Versprach menschliche Siedlungen, einen Bauernhof oder ein verschwiegenes schwarzwälder Dörfchen mitten im Nichts. Aber auch unerträgliche Hitze. Ein staubiger Weg durch gnadenlose Sommersonne.
Der Weg links von ihm versprach angenehme Temperaturen und vielleicht doch die Quelle oder den Bachlauf, den er zu finden hoffte. Doch auch hier könnte es zu einem Irrweg werden, wie er ihn bereits hinter sich hatte. Verzweifelt stand er da. Wusste nicht, welchen Weg er nun gehen sollte. Tausend Argumente für und wider. Immer wieder abwägen. Wahrscheinlichkeiten erwägen. Keine Gewissheit finden. Hin und her gerissen gab er schließlich auf. Er fand keine Entscheidung. Erschöpft kniete er nieder, schloss die Augen, faltete die Hände und betete. Regungslos hockte er so da. Wortlos flehte er zu Gott. Da erschien vor seinem inneren Auge seine Frau. Sie lag unter Tränen auf einem Bett. Steril und kalt war alles um sie herum. Immer wieder bäumte sie sich unter Schmerzen, die sie in regelmäßigem Intervall zu zerreißen drohten, auf. Ihr Gesicht jedoch strahlte einen tiefen Frieden aus. Sie war völlig einverstanden mit dem, was da gerade mit ihr geschah. Und dann sah sie ihn an. Erfüllt von Liebe und so zärtlich, wie er sie noch nie gesehen hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben war er bei der Geburt eines seiner Kinder direkt dabei, und sie wusste es. Sah ihn an, bis sie von der nächste Wehe überrollt wurde. Schreiend bäumte sie sich ein letztes Mal auf. Sie kämpfte, schrie. Dann war alles ruhig. Es wurde dunkel um ihn. Er verlor sie. Eine Träne verlor sich durch seine geschlossenen Augen, rann über sein heißes Gesicht. Zog eine Spur der Verzweiflung. Da brach es aus ihm heraus. Laut, mit all seiner Kraft schrie er, hier mitten im Wald, an einer alles entscheidenden Kreuzung, zu seinem Schöpfer. Als er innerlich wieder zur Ruhe kam, sein Schreien verebbte, sich im Wald verlor, wurde es wieder still. Das Schweigen war erdrückend. Selbst die Vögel hatten ihren Gesang unterbrochen, als würden sie gespannt auf seine Entscheidung warten. Doch noch immer wusste er nicht, welchen Weg er gehen musste. Er wusste es einfach nicht. Da traf ihn, durch die geschlossenen Lider ein seltsamer Glanz. Tanzte durch seine Gedanken, nahm ihn gefangen und ließ ihn neugierig die Augen öffnen. Geblendet hielt er sich zum Schutz die Hände vor. Langsam, ganz langsam gewöhnte er sich an das Licht. Immer noch trieb der tanzende Lichtreflex sein Spiel mit seinen Sinnen. Instinktiv wandte er sich in die Richtung, aus der das Licht kam.
Ein leichter Windhauch liebkoste sein erhitztes Gemüt. Der Himmel war nicht mehr so himmelblau und strahlend hell. Es zogen Schatten spendende, bauschige Wolkengebilde ihre Bahn über das Sommerhimmelblau. Plusterten sich auf, zerfielen, um dann wieder aus dem Nichts zu entstehen. Er suchte nach der Quelle des Lichts und fand schließlich drei Kieselsteine, die immer, wenn eine Wolke den Weg zum Himmel frei gab, in der Sonne funkelten und mit den Lichtstrahlen spielten wie der Wind mit den Wolken. Sie lagen am Rand des Weges, der aufs offene Land führte, sich durch goldgelbe Weizenfelder wand, um sich dann auf buntgetupften Wiesen zu verlieren.
War das die Antwort auf sein Gebet? Lag hier der Grundstein seines Vertrauens, seines Glaubens?
Ein wirklich gläubiger Mensch war er nicht! Ja schon, er hatte oft von Gott gehört und gelesen. War in einer streng katholischen Familie erzogen worden. Doch so wirklich, richtig konnte er nie glauben. Immer war Gott sein Richter gewesen. Er war nach dem Tod seines Vaters bei seinem Onkel aufgewachsen. Der, der schmerzhafte Prügelstrafen ausgeführt hatte, im Namen Gottes und all der Heiligen; Jeder Hieb ein Heiliger. Und die katholische Kirche hat viele davon. Wurde nicht sogar im Namen Gottes getötet? Seine Frau?! Ja, die glaubte.
Anders, so frei und einfach wie ein Kind, das die Hand des Vaters sucht, wenn es droht, verloren zu gehen. Voller Vertrauen auf eine bessere Welt, erfüllt von Wärme und Güte. Immer wieder betete sie. Hatte eine Verbindung zu ihrem Vater, wie sie Gott auch zärtlich nannte, die ihn manchmal richtig eifersüchtig machte. Geh mir weg mit diesem Gott, hatte er ihr oft an den Kopf geworfen, wenn sie wieder mit ihren Bekehrungsversuchen kam. Sollte er ihr Unrecht getan haben?
Wie auch immer. Da lagen nun diese drei Kieselsteine, direkt nach seinem Notruf, und forderten ihn auf, den rechten Weg zu gehen. Wie im Traum folgte er seinem Lauf, der sich langsam zu einem breiten Feldweg öffnete, um am Ende zu einem großen Gehöft zu führen.
Der Hof lag einsam, umrahmt von saftigen, grünen Wiesen und alten Obstbäumen, unter denen Kühe zufrieden grasten. Die Eine oder Andere hatte sich satt am Fuße der knorrigen Obstbäume niedergelassen, um dem Ende des Tages entgegenzudösen.
Die Sonne stand inzwischen tief am Himmel und tauchte die Welt in ein tiefrotes, glühendes Licht. Die Hitze des Tages wich dem kühlen Lufthauch, der die kommende Nacht ankündigte. Die Natur atmete auf, sog die klare Luft tief auf, um sie in Vogelgezwitscher und Blätterrauschen aus dem nahen Wald wiederzugeben. Auch seine Gedanken wurden mit jedem Schritt, den er auf das tief gegen das Sonnenlicht der untergehenden Sonne gebeugte Haus zuging, immer klarer.
Die Hitze seiner innerlichen Kämpfe wich der Kühle seiner Handlung. Waren seine Schritte am Anfang noch zögerlich und unsicher auf dem schmalen Schotterweg, so wurden sie nun zunehmend zielgerichteter und auch seine Gedanken hatten nur noch ein Ziel: Nach Hause!
Als er schließlich den unregelmäßig gepflasterten Innenbereich des Hofes betrat, sah man ihm seinen Kampf durch dichtes Unterholz und ihm ins Gesicht schlagende Hoffnungslosigkeit nicht mehr an. Nicht einen Kratzer hatte er davon getragen, nicht einen blauen Fleck.
In der Mitte der u-förmig angereihten Gebäude stand eine riesige alte Kastanie, unter der ein Brunnen munter gurgelnd unermüdlich Wasser in eine längliche, aus Sandstein gehauene Tränke ergoss. Einladend funkelte das Wasser in der Abendsonne. Erst jetzt spürte er das trockene Brennen in seiner Kehle und das Schwindelgefühl in seinem Kopf.
Wasser, endlich. Keine Quelle, kein Bach, eine Viehtränke unter einem sich weit ausladenden, weiß blühenden Kastanienbaum. Tief tauchte er seine Hände in das klare kalte Wasser, führte es zum Mund und ließ es seine Kehle hinunterlaufen. Kühle Frische durchflutete ihn, nahm die Mühsal und die flirrenden Bilder aus seinem Kopf, die Trägheit aus seinen Gliedern. Noch einmal ergoss sich ein Strom der Befreiung durch seinen erhitzten Körper, bevor er sich dem Brunnen abwandte, um sich vorsichtig umzusehen.
Direkt vor dem herrschaftlichen Wohnhaus mit seinem mächtigen, strohgedeckten Dach saß ein altes Mütterlein und beobachtete ihn still. Ihre dunklen Augen glänzten im Abendrot, während ihre flinken, faltigen Hände ein sich windendes Schilfrohr geschickt um ein dagegenstehendes Gerüst flocht. Der Boden und die darauf entstehenden Wände eines Korbes waren schon jetzt gut erkennbar und gewannen unter der schnellen und sicheren Hand der alten Frau immer mehr an Gestalt. Doch bei all der Arbeit ließ sie ihn nicht aus den Augen, sah ihn freundlich an.
Er hatte sie beim Eintreten in den schattigen Innenhof nicht bemerkt. Hatte nur dem mächtigen Baum und dem darunter auffordernd plätschernden Wasser seine Aufmerksamkeit geschenkt und hätte schwören können, dass da niemand gewesen ist. Keine alte Frau, keine Körbe, die rings um sie wild durcheinander lagen und Zeugen eines langen Tages waren.
Eigentlich verfügte er über eine gute Beobachtungsgabe, entging ihm sonst keine Regung um ihn herum und schon gar keine Körbe flechtende Frau, die ihn noch dazu so gerade heraus beobachtete! Erklären konnte er sich das nicht, aber was war an diesem Tag schon normal und verstandesgemäß?
Die Dinge nicht zu ernst zu nehmen entschloss er sich, der freundlichen Aufforderung der Alten zu folgen und sich zu ihr zu gesellen. Nein, gesprochen hatte sie noch kein Wort, aber es schien, als hätte sie direkten Zugang zu seinen Gedanken. Ihre Blicke sprangen durch seine Gedanken, formten sich zu verständlichen Worten. Er wusste, nein hörte geradezu, wie sie zu ihm sprach. Plötzlich tauchte vor ihm wie aus einem grauen Nebel wieder seine Frau auf. Diesmal lag sie in einem strahlend weißen Bett. Sie war umgeben von gleißender Helligkeit, gerade so als schwebe sie, von Licht getragen. Die Lehne ihres Lagers war leicht aufgerichtet und wieder sah sie ihn direkt an. Ihre blonden Haare umrahmten dünn und strähnig ihr von Anstrengung gezeichnetes, blasses Gesicht.
Ein Strom aus Liebe und Wärme ergriff ihn und zog ihn noch näher an ihr Bett heran. Völlig unerwartet regte sich etwas unter ihrer Decke. Ein leichtes Wimmern war zu hören und vorsichtig schob er das dicke, weiße Daunenbett beiseite. Und da lag es. Klein und zerknautscht, eingehüllt in feines Linnen, lag da ein neugeborenes Kind in den Armen seiner geliebten Frau. Ein Gefühl der übervollen Freude brach in ihm auf. Er breitete seine Arme aus, um seine Frau zu umarmen, an sich zu drücken, ihr und dem Kind nahe zu sein, doch da verschwand das Bild und er sah in ein von Jahren gezeichnetes und zerfurchtes, freundliches Gesicht.
Immer noch sah ihn die Korbflechterin unverwandt an. Doch seine Gedanken waren nicht weiter in den ihren gefangen. Alles, was er nun sah und hörte, war Ursprung seiner ureigensten Empfindungen.
„Es ist ein Mädchen“ drang die Stimme der Bäuerin an sein Ohr „und Mutter und Kind sind wohl auf!“.
Erschrocken und doch nicht wirklich überrascht sah er sie an. Diese nickte nur sanft lächelnd, erhob sich von der in die Jahre gekommenen, aschfahlen Holzbank und verschwand im Haus, noch bevor er irgendetwas sagen konnte. Kurze Zeit darauf erschien ein stämmiger Mann in grober Leinenhose und zerschlissenem Flanellhemd, in der Eingangstür. Der Bauer, wie sich herausstellte. Was er wolle und wer er sei, fragte der Hofbesitzer den unerwarteten Gast.
Kurz und die vielen seltsamen Begegnungen und Ereignisse auslassend, schilderte der Gestrandete seine Not und bat um die Hilfe, derentwegen er vor einem ganzen Leben, so schien es, aufgebrochen war.
Schnell war ein Kanister mit Wasser gefüllt und ein tuckernder, grasgrüner Traktor schnaubend und polternd auf der Landstraße Richtung defektem Auto unterwegs. Die Schatten der Tannen hatten nun auch das letzte bisschen purpurrote Sonne auf den Wegen vertrieben, doch die hellen Scheinwerfer des landwirtschaftlichen Fahrzeuges beleuchteten sicher die Straße und fanden ohne Probleme den liegen gebliebenen PKW.
Wäre er doch einfach der Straße gefolgt! Wie einfach wäre das gewesen. Was um Himmels Willen hatte ihn dazu gebracht, diesen kleinen Weg, der nun gänzlich im Dunkel lag, zu nehmen? Doch nun galt es, den Wagen wieder flott zu machen. Mit einem Trichter, den der vorsorgliche Landwirt mitgenommen hatte, wurde das frische Wasser in den Kühler des Wagens gegossen und so wie ihn dieses herrliche Nass wieder belebt hatte, vermochte es auch dem Motor wieder neue Kraft und Bewegung zu verleihen.
Ohne Probleme sprang der Wagen an. Vielleicht auch, weil er so lange gestanden hatte und abgekühlt war oder auch weil es nun einfach Zeit war, weiter zu fahren, wer wusste das schon so genau! Mit einem freundlichen Gruß verabschiedete sich der Bauer, schwang sich auf sein grünes Gefährt und tuckerte davon. Noch lange hörte man den rumpelnden Motor und sah ab und zu den Lichtkegel seiner Scheinwerfer zwischen dem dichten Tann aufblitzen, bis er dann endgültig in der Dunkelheit verschwand.
Nachdenklich blieb er zurück. Stand neben seinem, wie ein Kätzchen schnurrenden Wagen und starrte abwechselnd in die Richtung, in die der Traktor verschwunden war und die, in der der kleine Weg, den er heute Mittag erst genommen hatte, nur noch zu erahnen war.
Hatte er all das nur geträumt?
Gedankenverloren ließ er seine Hand in seine Hosentasche gleiten und hielt abrupt in der Bewegung inne. Hatte er sie mitgenommen? Vorsichtig, als könnten sie jederzeit zu Staub zerfallen, denn was war schon an diesem Tag unmöglich, zog er einen nach dem anderen aus seiner Hosentasche. Vor ihm lagen die drei Kieselsteine. Die drei Kieselsteine, die ihn geblendet hatten und ihm schließlich Wegweiser gewesen waren in seiner größten Not.
Spät in dieser Nacht kam er endlich nach Hause und zum ersten Mal in seinem Leben schlug er die Bibel als Suchender auf. Das Buch Esther stand da in großen Lettern.
Und so kam ich zu meinem Namen“, schloss Esther ihre Geschichte. „Jahre nach meiner Geburt“, fügte sie noch geheimnisvoll hinzu, „fuhr mein Vater erneut beruflich in den Schwarzwald und kam an die Stelle, an der er damals seine Panne hatte. Er hielt an derselben kleinen Haltebucht und fand auch nach einigem Suchen den inzwischen völlig überwucherten Pfad in den Wald. Dann folgte er der Straße weiter und war sich sicher, genau den Weg zu fahren, den damals der Traktor genommen hatte. Er kam auch bald aus dem Wald heraus und vor ihm öffnete sich eine sanft hügelige, in Wiesen und Felder eingebettete Landschaft.
Doch einen Hof fand er nicht. Da aber ein Gehöft von so beachtlicher Größe wie dieser damals nicht einfach verschwinden konnte, gab mein Vater nicht auf und wurde letztendlich fündig.
Schon von weitem sah man den uralten Kastanienbaum. Schnell lenkte er sein Fahrzeug von der geteerten Straße auf eine Schotterpiste, die genau auf den Hof zuhielt. Doch je näher er den Gebäuden kam, je unwegsamer wurde der Weg und schließlich war er nicht mehr zu befahren. Mein Vater stieg aus und ging das letzte Stück zu Fuß, was er dann aber sah, wagte er nicht zu glauben. Außer dem alten Baum war das ehemals stattliche Gehöft nur noch zu erahnen. Die Gebäude waren teilweise bis auf die Grundmauern abgetragen oder zerfallen. Das Dach des Haupthauses streckte sich in nacktem Gerippe gen Himmel und die Stallungen bzw. was davon übrig war, war von Brombeeren überwuchert.
Als er später zurück auf der Landstraße an einem kleinen Souvenirgeschäft anhielt und den Mann hinter der Ladentheke nach eben diesem Hof fragte, wurde dieser sehr nachdenklich, zog sein ohnehin schon faltiges Gesicht in Runzeln und sah meinen Vater gedankenverloren an. Der Hof sei im Krieg völlig abgebrannt und die gesamte Familie, bei dem Versuch noch etwas zu retten, in den Flammen umgekommen. „Seitdem spukt es dort“, sagte der Ladenbetreiber ehrfürchtig.
So manch ein verirrter Wanderer habe dort Menschen angetroffen und seltsame Dinge erlebt aber nie ist ihnen irgendetwas zugestoßen, immer wurden sie dort freundlich aufgenommen und wieder auf den Weg gebracht.
Mein Vater schwieg. Zurück im Auto umfasste er die drei Kieselsteine, die er seit jenem Tag immer bei sich trug, nur um sicherzugehen, dass sie wirklich existierten, und wendete den Wagen. Noch einmal sah er den riesigen, alten Baum, der sich gegen den in Abendrot getauchten Himmel dunkel abhob, und erkannte nun deutlich das verkohlte Gebälk des ehemals herrschaftlichen Hauses mit seinem mächtigen strohgedeckten Dach. Und da war es ihm, als sehe er einen Lichtkegel zwischen den alten Obstbäumen auf und ab tanzen, so als wenn ein Traktor sich seinen Weg über holprige Feldwege bahnen würde. Er hielt den Wagen an, suchte nach dem Gefährt, das auf den Hof zugehalten hatte, doch da war nichts mehr. Alles lag still und verlassen vor ihm in der untergehenden Sonne. Nur die drei Kieselsteine in seiner Hand waren Zeugen seiner merkwürdigen Begegnung und Beweis dafür, dass er nicht geträumt hatte.“
Mit offenem Mund und gespitzten Ohren hatte ich Esthers Erzählung gelauscht. Jedes Wort hatte ich tief in mir aufgenommen und alles beinahe selbst erlebt. Und nun hielt sie mir die Steine hin. So unbedeutend sie auch aussehen mochten, waren sie doch etwas ganz Besonderes. Sie waren greifbar gewordene Vaterliebe, denn Esthers Vater hatte sie ihr für die Dauer des Zeltlagers anvertraut, zum Schutz – aus Liebe. „ Damit ich auf dem richtigen Weg bleibe!“ hallten ihre Worte in mir nach. So also sah Liebe aus. Vaterliebe.
Vertrauensvoll und mit wichtiger Miene ließ meine kleine Freundin die drei grauglitzernden Steine aus ihrer Hand in die Meine gleiten. Kühl fühlten sie sich an und doch brannten sie auf meiner Hand. Kaum traute ich mich, mich zu bewegen oder gar meine Finger um das kostbare Gut zu schließen, und noch ehe ich es mich versah, griff Esther wieder nach ihrem Schatz und verstaute ihn sicher in dem unscheinbaren Beutel.
Plötzlich kam Bewegung ins Zelt. Wellen des Aufbruchs schlugen bis zu uns in unsere Bettenburg und in der Ferne war ein eindringliches Läuten, eine Art Scheppern, so etwas wie eine verrostete, kleine Glocke zu hören.
Aus andächtiger Starre gelöst sammelte Esther hastig all ihre Kostbarkeiten zusammen und verstaute sie wieder in ihrem Rucksack. Auch ihre Steine wurde sorgfältig wieder zurückgeschoben.
Wie willenlose Schafe folgten wir dem Strom der Kinder aus den Zelten und allen Winkeln und Ecken des großzügig angelegten Feriengeländes zu dem einstöckigen, lang gestreckten Haupthaus, vor dem wir uns am morgen schon einmal alle versammelt hatten. Kühle und gedämpftes Licht umgaben mich, als ich aus dem warmen, gleißenden Sonnenlicht direkt in den mit kaltem Stein gefliesten Hauptraum trat. Überall klapperten Teller, plauderten Kinder und hallten unzählige Schritte wider. Der Geruch von Nudeln, Brühe und Pfefferminztee erfasste mich, hüllte mich ein, zog mich in den dunklen Raum. Sehen konnte ich für einen Moment nichts. Stand einfach nur da und ließ mich in diese Welt aus hallendem Getose und deftigem Geruch ziehen. Langsam, ganz langsam gewöhnten sich meine Augen an das dämmrige Licht des fensterlosen Raumes, dessen einzige Lichtquelle aus den weit geöffneten Flügeltüren bestand, die direkt wieder auf den gepflasterten Vorhof und die Wiese mit den Zelten führten. Am Pfosten einer jeden Tür stand ein großer silberfarbener Milchkübel, an dessen Außenseite eine verbeulte Kelle hing. Der Kübel selbst war bis zum Rand mit Tee, mal war es Pfefferminztee mal Früchtetee, gefüllt. Kinder standen in Reih und Glied vor den Kübeln und schöpften unermüdlich kühle Flüssigkeit in ihre Becher. Andere standen an der am Ende des Raumes befindlichen Kantine an, in der eine rundliche Frau, mit von Hitze errötetem und glänzendem Gesicht eifrig die ihr hingehaltenen Teller füllte.
Für mich gab es nichts. Keinen Becher - keinen Tee, keinen Teller - keine Nudelsuppe, keinen Rucksack - keine weiße Plüschdecke, keine Kieselsteine - keine Vaterliebe. Selbst Esther war nicht mehr da.
Im einfallenden Sonnenlicht der geöffneten Türen tanzten tausende von kleinen Staubkörnchen. Und jedes von ihnen entsprang einem Gedanken, einem Impuls und einer sich daraus entwickelnden Bewegung. Sie kamen nie zur Ruhe. Wirbelten um mich herum, in mich hinein, durch mich hindurch. Lösten mich auf und trugen mich mit sich hinaus in das helle Sonnenlicht.
Wieder hörte ich dieses höhnische Lachen, das durch mein Ich tobte. Aufbrausend, erniedrigend, demütigend. Mich wollte hier keiner. Ich gehörte einfach nicht dazu. Die Welt war in Ordnung. Alle zufrieden mit sich und dem, was geschah, warum sollte mich da irgendjemand beachten. Ich wurde nicht gebraucht. Vielleicht war es auch besser so. Wieder brach ein tosender Kampf zwischen türkisgrüner Wut und der dunklen, bewegungslosen Resignation in mir aus. Ich schrie, ich tobte, ich brach zusammen und heulte bitterlich – unsichtbar.
Noch immer stand ich in einem der Rundbögen neben einem der Tee-Kübel und anscheinend den durstigen Mit-Zeltlager-Bewohnern im Weg. Unsanft wurde ich in Richtung Essenstische, in Richtung Tellergeklapper und Löffelgeschöpfe, in Richtung wildes Geschnatter und fröhliches Miteinander geschubst. Und ehe ich es mich versah, stand ich neben Esther, die mir einen Platz an ihrer Seite frei gehalten hatte. Erwartungsfroh sah sie mich an und ich… kämpfte nicht mehr, setzte mich.
Da schob sie mir ihren Becher, vollgefüllt mit kaltem Pfefferminztee, hin und bot mir auch ihren Teller mit köstlich duftender Nudelsuppe an. Mein Magen krampfte sich zusammen und meine Kehle fühlte sich rau und trocken an. Wie gerne hätte ich den Tee angenommen, egal ob mein Becher oder ihrer, und den salzig, würzigen Geschmack der Suppe hatte ich bereits auf der Zunge, als ich mich dabei beobachtete, wie ich den Becher zurückschob und den mir hingehaltenen Löffel abwies. Wut stieg in mir auf. Was sollte das alles hier?
Ich wollte nicht hier sein, wollte keine Freundin haben, wozu auch?
Sollte Esther sich doch eigene Freunde suchen unter ihresgleichen und mich in Ruhe lassen mit ihrer ewigen Freundlichkeit und ihren drei Kieselsteinen. Ich jedenfalls wollte nicht ihre Freundin sein. Ich hatte meinen eigenen Teller, meinen eigenen Becher und sogar eine noch viel schönere Kuscheldecke als die schöne Katharina. Nur eben nicht hier.
Und das war es überhaupt. Esther war auf meine Sachen scharf. Meine Mutter hasste es, wenn ich so sprach, aber sie war ja nicht da!
„So eine Scheiße“ fauchte ich Esther an „behalt doch dein Essen für dich, ich bin nicht scharf darauf, diesen Fraß in mich `rein zu quälen“ - stand auf und ließ eine völlig verdutzte Esther zurück.
Ich spürte, wie sich mir während meines Temperamentausbruches sämtliche Blicke zugewandt hatten. Augenblicklich waren die Gespräche an den Tischen verstummt. Sogar Katharina vergaß einen Moment lang, wie wichtig sie war und schenkte mir ihre Aufmerksamkeit und ein bisschen Bewunderung lag in ihrem Blick!
Ich triumphierte und marschierte hoch erhobenen Hauptes hinaus in das helle Sonnenlicht!
Meine Würde war wieder hergestellt. Mein Status hervorgehoben. Ich war nicht käuflich.
So schnell, wie ich das Interesse aller auf mich gelenkt hatte, so schnell ging mein Stern auch wieder unter. Jedes der vielen Augenpaare, die mich gerade noch voller Neugier beobachtet hatten, wendete sich nun wieder ihrer vorherigen Aktivität zu. Aber mein Abgang war spektakulär gewesen, das musste man mir schon lassen.
Als die Geräuschkulisse im Speisesaal wieder anschwoll und ich mir gewiss war, dass mir keinerlei Beachtung mehr geschenkt wurde, drehte ich mich vorsichtig um.
Esther saß immer noch regungslos da und starrte mich an. Voller Unverständnis und tief getroffen, aber in keinster Weise anklagend oder gar zornig. Sie saß einfach nur da und sah mich an. Ja, ich hatte meine Stellung klar gemacht und mir die Anerkennung der Meinen zurückgeholt, aber anstatt zufrieden zu sein, fühlte ich mich elend und jetzt noch einsamer als auf dem Kirchplatz heute morgen. Jede Faser meines Seins zog mich zurück in den kühlen Raum, in dem Esther saß und mich noch immer erwartungsvoll ansah. Doch es gab kein Zurück. Wie würde das denn aussehen, wenn ich jetzt zurückging und sie um Verzeihung bitten würde? - Nein, so etwas war einer Maike von Hochfelden, Tochter eines in der Gesellschaft hoch angesehenen Rechtsanwaltes, nicht würdig! Und nötig hatte ich es sowieso nicht. Schließlich hatte sie mir ja ihren angelutschten Löffel hingehalten und ihren halbvollen Becher Tee, aus dem sie bereits getrunken hatte. Sie hatte das alles provoziert und selber Schuld. Und doch, mein Herz krampfte sich zusammen, wenn ich sie so sah. Es tat mir so leid, ich war so dumm gewesen und hatte die einzige Verbündete, die ich hier hatte, so derart vor den Kopf gestoßen. Aber warum war sie auch so nett zu mir gewesen? Was hatte sie damit bezweckt? Wusste sie denn nicht, dass die Welt anders funktionierte?
Trotzig wandte ich mich ab. Der Fall Esther war für mich abgeschlossen.
Mit einer Leere im Kopf, die allmählich hinunter zu meinem knurrenden Magen wanderte, ihn zum Schweigen brachte und sich bis zu meinen zwiespältigen Emotionen ausbreitete, um mich in meine wohlvertraute, alles erstickende Dunkelheit zu hüllen, ging ich in Richtung Zwangsheimat - Zelt, als ich hartnäckig am Arm gezogen wurde.
Instinktiv wehrte ich mich gegen das Gefühl, festgehalten zu werden, riss mich aus dem unfreiwilligen Körperkontakt und ging weiter. Doch erneut wurde ich am Handgelenk umfasst und in meiner Bewegung aufgehalten. Kampfbereit drehte ich mich um.
„Ich mag den Fraß und den Tee auch nicht, “ mit einer abfälligen Handbewegung strahlte sie mich an, „den Tee…den können die selber trinken“. Unwillkürlich schlich sich eine Träne, schmerzhaft in meinen Blick. Schied wie ein dunkler Schatten aus meinen Gefühlen und lief mir über mein Gesicht. Durchdrungen von Sommersonnenhimmelblau löste sich das Schwarz in meiner Seele auf.
Was war das nur? Sie schien einen direkten Zugang zu meinem Sein zu haben. Konnte mich mit einem Blick in ihre Wirklichkeit aus unbeschwerter Kindheit führen. Und ich ging mit, folgte ihr in den hellen Sommertag einer heilen Welt. Den Rest des Tages verbrachten wir damit, im Schutz einer uralten Linde im warmen Gras zu sitzen und uns Geschichten von tanzenden Schatten, die in alten Bäumen wohnen, und seltsamen Nachbarn mit hübschen Töchtern zu erzählen.
Noch stand die Sonne golden am Himmel, als durch das ganze Lager eine Welle des Aufbruchs rollte. Dem trägen Dahindösen des Nachmittags folgte aufgeregte Bewegung. Hier und da wurden Rucksäcke gepackt, Decken zusammengelegt, Kostbarkeiten eingesammelt. Bis sich schließlich alle Kinder erneut vor dem steinernen Haupthaus versammelt hatten, um dann in genau dem bunten, lebendigen Strom aus den Toren hinaus zu den Bussen zu strömen wie sie am Morgen auf das Ferienfreizeitgelände geschwappt waren. Esther und ich mitten unter ihnen. Fröhlich schwatzend, hüpfend und lachend ging es zurück ins Tal. Und genau wie am morgen standen sie wieder da, die Mütter in ihren geordneten Verhältnissen zueinander. Ihre Sprösslinge erwartend. Wieder öffneten sich die Glastüren des Busses und wieder strömten die Zeltlagerentlassenen hinaus, um den Platz vor der Kirche mit tausend Stimmen und Lachen zu füllen. Schon bei der Auffahrt des Busses auf den mit erwartungsfrohen Eltern gefüllten Platz begannen die Gesichter um mich herum zu glänzen. Der Geräuschpegel wurde nahezu unerträglich und auch Esther neben mir hatte wohl einen ihrer Eltern entdeckt, denn sie begann, unvermittelt zu winken und auf ihrem Sitz hin- und herzuhüpfen.
Ich tauchte ab in den Hintergrund. Ich wusste, dass es für mich Niemanden gab, der auf mich wartete, der mich ungeduldig in Empfang nahm.
Als sich die Türen öffneten, gab es kein Halten mehr. Esther und auch all die anderen schienen geradezu aus dem Bus direkt in die Arme ihrer Lieben zu fliegen. Manch einer ein bisschen verhaltener, aber doch voller Ungeduld und voller Erlebnisse, die es auf der Stelle mitzuteilen galt.
Meine Erlebnisse wollte keiner wissen. Ich war gesund und kam so aus dem Transportgefährt, wie man mich am morgen hinein geschoben hatte. Sogar meinen Rucksack hatte ich wieder. Der Busfahrer hatte ihn mir auf der Rückfahrt gegeben. Man hatte ihn ihm gegeben und auf mich gedeutet. Er jedoch hatte mich und den superschicken, neuen Rucksack in dem ganzen Durcheinander völlig vergessen.
„Na auch egal, wirst schon nicht verhungert sein“ hatte er noch gebrummt. Nein, ich war nicht verhungert und so aussehen tat ich auch nicht. Groß, kräftig, in zu kurzer bunter Hose und hässlichem Pullover unter dem Arm stieg ich mit vollem Rucksack aus dem Bus und hielt Ausschau nach jemandem, der die Verantwortung, mich nach Hause zu bringen, übernommen hatte. Es gab mit Sicherheit jemanden, denn einem Dr. von Hochfelden und seiner reizenden, jungen Frau machte man doch gerne einen Gefallen. Auch wenn es darum ging, dieses verwöhnte Gör nach Hause zu bringen. Das nahm man gerne in Kauf für die Ehre einer Würdigung von Seiten meines Vaters. Aber darauf warteten die meisten vergeblich. Er war ja nie da. Aber vielleicht käme ihm ja zu Ohren, wie großzügig man gewesen war. Also immer schön lächeln und die Kleine nach Hause gebracht.
Diesmal war es die Bürohilfe meines Vaters, Silvia. Sie hatte bereits Feierabend und da ich auf dem Weg lag, na ja nicht so wirklich, aber für ihren Chef halt, fuhr sie mich in ihrem knatternden R4 auf die andere Neckarseite zu unserer Villa. Vor dem Gartentürchen entließ sie mich in den kühlen Schatten meines Geisterbaumes, der mich mit einem Raunen begrüßte. Als das Knarren des R4 schon längst nicht mehr zu hören war, stieg ich die weiße Freitreppe vor unserem Eingang empor und drückte die runde, mit zahlreichen Blumenornamenten verzierte, angelaufene Messingklingel. Ein sanftes Dreiklangläuten erfüllte daraufhin das Foyer des Hauses und verebbte unbeachtet. Noch einmal betätigte ich die Hausglocke, doch ich wusste, auch diesmal würde sie unbeantwortet bleiben. Es war niemand zu Hause. Ich wurde nicht erwartet. Das war nicht neu für mich und so setzte ich mich auf die Treppe vor unserem Haus und packte neugierig und hungrig die Dinge aus meiner Tasche, die ich so schmerzlich im Lager vermisst hatte.
Neben meinem Lieblingspicknickbecher, ich wusste doch, sie hatte ihn mir eingepackt, und dem dazugehörigen Teller, waren noch mein blassrotes Plüschkissen, eine Packung Tempo, natürlich die Originale, zwei Dosen Cola und eine große Tüte Gummibärchen darin zu finden. Wer brauchte schon eine halbe Tafel Schokolade und so ein blödes, besticktes Taschentuch, wenn man eine ganze Tüte Gummibärchen ganz für sich alleine haben konnte.
Ganz zu unterst fand ich dann noch zwei Marmeladenbrote. Hastig befreite ich sie von dem etwas angeweichten Butterbrotpapier und schob sie mir gierig in den Mund. Süß und verführerisch breitete sich die fruchtige Marmelade in meinem Mund aus. Ergoss einen warmen Strom aus tiefem Wohlbefinden durch mein Innerstes.
Schnell waren beide Brote verspeist, mein Magen aber noch lange nicht zur Ruhe gebracht. Im Gegenteil, wachgefüttert fing er jetzt erst recht an zu rebellieren, forderte sein Recht auf Befriedigung lautstark ein. Dem Marmeladenbrot folgten die beiden Coladosen. Und um mich dem sinneraubenden Traum aus watteweicher Verführung endgültig hinzugeben, zelebrierte ich das Gummibärchenköpfen mit ungeahntem Wohlgenuss.
Bemerkt hatte ich das Kommen meiner Mutter nicht. Plötzlich stand sie vor mir, schüttelte den Kopf und schalt mich der Träumerei. Schön und elegant, aufrecht und stolz ging sie an mir vorbei, schloss die Tür auf und trat ein. Sie sah mich nicht mehr, lies den Eingang einen Spalt weit offen, in der Gewissheit, ich würde folgen.
Hastig packte ich Butterbrotpapier, leere Dosen und halbleere Gummibärchentüte zusammen und stopfte sie in meinen Rucksack. Nahm diesen an einem der Träger auf und erhob mich. Zu meinem Unglück hatte ich den zweiten Träger nicht im Blick. Dieser hatte sich in der Eile des Zusammenpackens um mein rechtes Bein geschlungen und just in dem Augenblick, als ich mich aufrichtete und in einer der Haustür zugewandten Drehung den ersten Schritt nach vorne antrat, riss er mich aus meiner Balance und warf mich gefährlich nah an die Treppe zurück. Ich fiel schwer auf mein linkes Knie. Mein Gesicht kam dem Treppenabsatz bedrohlich nahe. Beinahe wäre ich, Kopf voran, die Stufen zum Vorgarten hinuntergefallen, hätte ich nicht instinktiv meine Hände nach vorn gestreckt und so den Sturz gerade noch abgefangen.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals und mein Knie schmerzte unerträglich. Tränen schossen mir in die Augen und meine Arme zitterten, als ich versuchte, mich auf sie zu stützen, um aufzustehen. Und dann stand er vor mir. Stand einen Moment lang da, sah mich geringschätzig an und wartete. Wartete, bis ich mich wieder auf meinen Beinen befand. Tränen gab es nicht mehr. Sie waren einfach versiegt. Schmerzen? Oh ja, die gab es schon, stechend und pochend signalisierten sie mir, dass mein Knie schwer in Mitleidenschaft gezogen worden war. Aber das durfte jetzt nicht sein.
„Ich bin stark, ich bin stark!“ toste es durch meinen Kopf. Und so stand ich vor meinem Vater. Mit gesenktem Haupt erwartete ich den Tadel, den ich verdient hatte. Ich hätte besser aufpassen müssen, war immer so ungeschickt und dumm. Hätte ich nicht wie eine wohlerzogene, sittsame Tochter hübsch ordentlich im Eingang stehend auf meine Mutter warten können? Stattdessen hatte ich mich auf die Treppe gelümmelt und in aller Öffentlichkeit gierig Brot und Süßigkeiten verschlungen.
Das gehört sich für ein Mädchen mit deiner Herkunft nicht, hörte ich ihn in Gedanken schon sagen. Doch als ich aufblickte, war er nicht mehr da. War genauso unvermittelt verschwunden, wie er gekommen war. Keine Reaktion, keine Beachtung, keine drei Kieselsteine und vielleicht auch besser so!
Jetzt begann auch wieder mein Knie zu schmerzen, nur meine Tränen, die blieben weg.
Humpelnd folgte ich dem Beispiel meiner Eltern und betrat das Foyer unseres Hauses. Besorgt kam mir meine Mutter entgegen, nahm mir meine verhängnisvolle Tasche ab und brachte mich an einem Arm stützend in die Küche. In der Küche angekommen hob sie mich unter Stöhnen auf den Tisch.
Die Gummibärchen waren schuld. Hätte ich nur nicht so viele Gummibärchen und Marmeladenbrote gegessen, dann müsste meine Mutter jetzt nicht so schwer an mir heben. Aber Moment mal, da war ja auch noch die Schokolade von Esthers Schwester gewesen. Esther war Schuld und ich nur ein bisschen! Jäh wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als meine Mutter das inzwischen freigelegte Knie mit einem in Jod getränktem Wattebausch bearbeitete. Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Körper, ließ mich aufheulen und reflexartig stieß ich die verursachende Hand beiseite. Streng umfasste mich diese am Handgelenk und wieder wurde der Wattebausch auf die blutende Wunde gedrückt. Ich wehrte mich nun mit Händen und Füssen, zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen und ließ meiner Mutter keine Chance. Ich musste hier weg, runter vom Tisch, doch in dem Moment, als ich vom Tisch sprang, zwang mich ein erneuter Schmerz in die Knie. In das Knie. Ich knickte weg, direkt in die Arme meiner Mutter und ins Blickfeld meines Vaters, der, durch den Tumult aufmerksam geworden, die Küche betreten hatte. Schnell wurde ich wieder auf den Tisch gesetzt und weiter verarztet. Immer unter den kritischen Blicken des Mannes, den ich so sehr fürchtete.
Diesmal machte ich keinen Mucks, hielt ganz still, auch wenn es mich innerlich fast zerriss. Auch meine Mutter schien hochkonzentriert bei der Sache, doch ihr leichtes Zittern und ihre kalten Hände verrieten ihre Unsicherheit. Mit desinfizierter Wunde und sauberem Verband wurde ich, vorbei an meinem Vater aus der Küche hinausgeschoben.
Das Kummertier
„Das Kind wird zu dick“, hörte ich meinen Vater noch sagen, bevor ich in meinem Zimmer verschwand. Also doch, ich war zu dick. Ich war zu groß, zu verträumt, zu dumm, und bestätigter Weise, zu dick.
Mit angezogenen Beinen setzte ich mich auf mein Bett, das linke eben soweit es ging. Fest schloss ich mein Kummertier, einen kleinen Stoffesel mit treuen, großen, schwarzen Augen in die Arme und begann in sein graues, weiches Fell zu weinen. An manchen Stellen war sein Fell schon ganz verklebt von den Tränen, die er im Laufe seiner Zeit bei mir schon hatte auffangen müssen. Aber gerade dafür liebte ich ihn. Er war der Einzige, der mich wirklich weinen sah. Langsam glitten meine Hände über sein sich warm anfühlendes Plüschfell. Doch was war das? Er fühlte sich gleichmäßig und neu an. Sein Geruch war so künstlich, nach Plastik und Spielzeugladen. Erschrocken und skeptisch hielt ich ihn von mir weg, betrachtete ihn aufmerksam, untersuchte ihn gründlich und fand, was ich bereits ahnte. Die Waschanleitung an seinem linken Hinterlauf. Die hatte ich meinem Kummertier, schon längst entfernt, weil sie so kratzig gewesen war und mich gestört hatte. Dieser Esel aber hatte sie noch. Er sah genauso aus wie meiner, genauso grau, genauso groß, genauso weich, aber es war nicht meiner. Dieser hier war neu und kannte mich nicht. Er wusste nicht, wie es mir wirklich ging, kannte meine Geheimnisse nicht und noch dazu grinste er mich unverschämt an. Es schien, als lache er mich aus. Voller Wut schleuderte ich das Stofftier in die Ecke. Dunkle Ahnung beschlich mich. Mein Esel war entführt worden und ich wusste auch von wem. Ich würde ihn nie wieder sehen, ihn nie wieder in meine Arme schließen können, mich niemandem mehr anvertrauen können.
Meinem ersten Impuls folgend sprang ich auf und wurde sofort wieder an mein schmerzendes Knie erinnert. Im Schwung gebremst, jedoch wild entschlossen ging ich hinunter in die Küche. Ich würde sie zur Rede stellen, ihr keine Chance lassen. Ich würde mein Stofftier zurückfordern. Diesmal war sie einfach zu weit gegangen.
Schon oft hatte sie Spielsachen und Plüschtiere an meinen Neffen Tristan verschenkt. Oft kam er nach der Schule mit zu uns, damit Carla in Ruhe arbeiten konnte, was auch immer es in diesem Fall heißen mochte, denn eigentlich war sie den ganzen Tag zu Hause und machte sich nur für wohltätige Zwecke und nur in aller Öffentlichkeit die Finger schmutzig. Ihr Mann, ein etablierter Kinderarzt, holte ihr die Sterne vom Himmel und eine Putzfrau nebst Haushälterin ins Haus. Tristan jedoch wuchs nahezu bei uns auf, das war der Wunsch meines Vaters und was er wünschte, wurde gemacht. Dass er bei uns kein eigenes Zimmer hatte, lag an der Tatsache, dass mein Vater mich für zu verwöhnt hielt und der Meinung war, dass teilen mir gut täte. Und so teilte ich. Meine Spielsachen, die ständig durch Neue ersetzt wurden, mein Zimmer, das ich abends immer wieder aufräumen musste, eigentlich.
Meinen Esel wollte ich nicht teilen! Also ging ich sicheren Mutes aus der Küche, nachdem ich dort meine Mutter nicht gefunden hatte, und steuerte das Wohnzimmer an. Gerade als ich eine der beiden Türen öffnen wollte, erstarrte ich mitten in der Bewegung, hielt die Luft an und wünschte mich unsichtbar. Regungslos harrte ich aus und lauschte auf die Stimmen, die durch die geschlossene Flügeltür an mein Ohr drangen. Der Fernseher lief, wurde jedoch von der tiefen, sonoren Stimme meines Vaters übertönt. All mein Mut war einer Art Panik gewichen, hatte sich aufgelöst in Schuldgefühl und Hilflosigkeit. Es ging um mich, meinen Esel. Meine Mutter hatte ihn tatsächlich an Tristan verschenkt und war dann losgefahren, mir einen Neuen zu kaufen. Das sei nicht Sinn der Sache, brüllte mein Vater.
„Hätte ich ihr Stofftier ohne Ersatz weggeben sollen“, widersprach meine Mutter.
„Sie hat alles, was sie braucht, das Kind ist zu verwöhnt“, konterte mein Vater. „Sie muss lernen zu verzichten“, fuhr er in immer aufdringlicherem und unerbittlichem Ton fort.
„Wir hatten damals im Krieg auch nichts, nicht einmal genug zu Essen war da. Ich weiß, was es heißt zu hungern, das bisschen Magenknurren, das ihr als Hunger bezeichnet, ist weit davon entfernt von dem, was wir durchmachen mussten!“
Sag jetzt nichts, sag einfach nichts mehr, schrie es in mir auf, flehte es in mir, doch meine Mutter hörte meine Gedanken nicht. Tapfer gab sie Kontra, verteidigte ihr Handeln, verteidigte mich. Lauter, immer lauter wurde mein Vater, schrie, brüllte, bis sich seine Stimme überschlug. Dann war es schlagartig still. „Er hat sie umgebracht!“ hämmerte es durch meine Starre.
Schritte näherten sich der Tür. Mein Magen krampfte sich zusammen. Mir wurde übel und schwindlig. Ich schloss die Augen, wollte nicht sehen, was sich vor meinem inneren Auge abbildete, was ich erwartete. Die Türen zum Salon wurden geöffnet. Immer noch hatte ich meine Augen fest geschlossen, kniff sie so stark zusammen, bis ich anfing, Sternchen zu sehen, die blitzartig aufleuchteten und durch Lichtimpulse im Takt meines Herzschlages, der wild und rasend durch meinen Kopf tobte, ersetzt wurden.
„Was soll das“ raunte mich mein Vater an und wankte an mir vorbei.
„Was machst du da?“ hörte ich die entsetzte Stimme meiner Mutter.
„Sie lebt!“, die Faust, die sich fest um meinen Magen geschlossen hatte, löste sich, der Boden unter meinen Füssen schwankte nicht mehr und die Blitze im Kopf hörten auf. Nur mein Puls raste ungebremst durch meinen angespannten Körper. Langsam öffnete ich die Augen und sah meine Mutter vor mir. Mit hochrotem Gesicht stand sie vor mir, sah mich erschrocken und besorgt an und wartete geduldig, bis ich mich aus meiner Starre gelöst hatte. Erleichterung, warme, alles überflutende Erlösung ergriff von mir Besitz.
„Ich hab dich ja so lieb“ heulte ich in ihren Armen und nahm mir in diesem Moment vor, sie nie mehr los zu lassen. Sollte doch Tristan meinen Esel behalten, ich würde ihn nicht wieder haben wollen. Und der Neue, der würde einen Ehrenplatz zwischen dem ausgetauschten MonChhichi, dem meine Mutter einen dunkelgrünen Pullover gestrickt hatte, und meiner Schlümpfesammlung, in meinem Regal bekommen, schließlich war meine Mutter für ihn gestorben, beinahe.
Nach einer kleinen Ewigkeit, die ich meine Mutter so umklammert hielt, schob sie mich vorsichtig von sich und sah mich an. Ihre Augen waren rot und in ihrem linken Augenwinkel blitzte eine Träne auf. Sie hatte geweint, sie hatte wegen mir geweint. Nur weil ich mein Kummertier so sehr geliebt hatte und sie für mich um es gekämpft hatte. Langsam löste sie sich aus meiner Umarmung und deutete auf die große Standuhr am Fuße der Treppe. Gerade setzte sie ihr mächtiges Schlagwerk in Gang. Das ganze Haus wurde mit ihrem schwingenden Wohlklang erfüllte.
„Es ist höchste Zeit“, sagte sie leise und drückte mich die erste Stufe der Treppe hinauf. „Morgen wird wieder ein langer Tag“.
Bedacht strich sie mir über meine wilde, lockenschwere Mähne, nahm mein Gesicht in ihre Hände und küsste mich sanft auf die Stirn. Dann schickte mich endgültig in mein Zimmer. Ja, morgen würde wieder kommen und wieder und wieder, so war das nun mal, aber zuerst kam die Nacht und mit ihr meine luftigen Freunde.
Als ich endlich mein Zimmer betrat, lag es in dunkelstes Rot getaucht vor mir. Schemenhaft hoben sich Möbel und Spielsachen gegen die einfallende Dunkelheit ab. Ohne den Lichtschalter zu betätigen, steuerte ich auf mein Bett zu, das sich bereits in Nachtblau gewandet hatte. Vor diesem stehend befreite ich mich mit geübter Bewegung nahezu gleichzeitig aus T-Shirt, Hose, Socken und Sandalen. Alles sank vor mir zu einem Häufchen Irgendetwas auf dem Boden zusammen, wurde abgestreift wie der Tag, mit all seiner Aufregung, fand Befreiung in der sich ankündigenden Nacht.
Zielsicher fuhr ich mit der rechten Hand unter meine Bettdecke, die ordentlich doppelt gelegt darauf wartete, aufgeschlagen zu werden. Schnell hatte ich mein Apfelnachthemd, ein langes Baumwollhemd rundum bedruckt mit in Rottönen gehaltenen Äpfeln, hervorgezogen, zog es an und schlüpfte unter meine Apfelbettdecke. Zwar waren die Äpfel auf meinem Bettbezug grün, doch wer sah das schon, wenn es dunkel war. Apfel war Apfel und ich mitten darin. Verschmolzen mit roten und grünen Früchten, unsichtbar.
Kühl umfing mich das duftige Weich meines aus Federn gemachten Nestes, hüllte mich ein, entführte mich in eine schwere, mysteriöse Welt aus bunten Bildern und wirren Gefühlen. Den Sand zwischen meinen Zehen spürte ich nur kurz, zu kurz, als dass er mich noch stören konnte, bevor ich das Portal zu meiner Traumwelt durchschritt.
Sie traten vor mich, tanzten um mich herum, verhöhnten mich. Ab und zu bekamen sie graue steinerne Gesichter, grinsten mich an und verschmolzen wieder mit dem kalten Grau des Steines, aus denen sie gemacht waren. Kieselsteine, überall Kieselsteine. Polternd setzten sie sich in Bewegung, kamen direkt auf mich zu, drohten mich zu überrollen, mich unter sich zu begraben. Erschrocken wachte ich auf, doch das Rumpeln war immer noch hörbar. War ich wirklich wach oder schlief ich noch? Was für ein Traum, ging es mir noch durch den Kopf, bevor ich endgültig meine Augen öffnete und erschrocken zusammenfuhr. Ein grelles Licht erhellte einen kurzen Augenblick mein Zimmer, bevor es wieder stockdunkel wurde. Und da war es wieder, dieses tiefe gewaltige Grollen, weit weg und doch bedrohlich nah. Nein, keine Kieselsteine, die mir nach dem Leben trachteten.
Die schwülwarme Sommernachtsluft stand in meinem Zimmer, erstickte mich geradezu. Nichts war zu hören, kein Zirpen der Grillen, die, so schien es gerade nachts, wenn keiner hinsah, besonders inbrünstig auf Partnersuche gingen. Keine tanzenden Schatten, die mich in ihre luftig leichte Welt mitnahmen, nur ein bizarres, eisblaues Aufzucken langer Schatten in heißer Nacht, gefolgt von tiefem, mächtigem Grollen voller Wut und Gewalt, Naturgewalt.
Plötzlich ein Raunen, ein Rauschen, das an Intensität schnell zunahm. Blitze zuckten und beleuchteten den sich windenden und sich beugenden mächtigen Baum. Irgendwo schlug eine Tür zu, fiel etwas scheppernd um. Und immer wieder kurze Momente der unerträglichen Helligkeit. Der Donnerhall wurde lauter, die Blitze kamen nun in immer kürzeren Abständen. Regen setzte ein, trommelte auf meine Fensterbank, verschmolz mit dem Rauschen des Windes, verstärkte ihn gar. In den kurzen Augenblicken der lichtdurchzerrten Dunkelheit sah ich meine Vorhänge verzweifelt gegen den aufbrausenden Wind kämpfen. Immer wieder wurden sie durch das offene Fenster hinausgezogen, um kurz darauf zurückgeworfen zu werden. Regen und Wind griffen nach dem feinen, durchsichtigen Stoff, warfen ihn hin und her, trieben ihr Spiel mit ihm, bis er nass und erschöpft an der Hauswand kleben blieb. Das Gewitter war inzwischen genau über uns. Entlud sich mit all seiner Herrschaft. Weit entfernt durch das Dunkel der Nacht und das Toben der Natur drang ein mutloses und klagendes Martinshorn in mein Zimmer, sprang kurz durch meine Gedanken und ließ mich dann wieder los, allein unter meiner Bettdecke und in meiner Angst.
Da war niemand, der mich schützen würde, mich retten kam, wenn unser Haus in Flammen aufging. Hier in meinem Zimmer, unter meiner Bettdecke würde ich dem sicheren Tod ins Auge blicken. Nein ich würde nicht schreien, den Gefallen würde ich ihnen nicht tun. Sie würden meine verkohlte Leiche Tage später erst unter den Trümmern finden. Und Tristan müsste all meine Spielsachen in mein Grab legen, mein Kummertier ganz zu oberst!
Wieder so ein grelles Blenden und kurz darauf ein übermächtiges Donnern. Ein drohender, hallender Schlag gegen die Feste der Himmel. Ein zweites Mal war ein Martinshorn zu hören, das durch den Regen schoss, um irgendwo einem Unglück den Schrecken zu nehmen, Hoffnung zu geben und zu retten, was zu retten war.
„Ich will nicht sterben“, schrie es in mir, und noch in diesem Gedanken, zwischen Blitz und Donner war ich unter meiner Decke hervor und aus meinem Bett aufgesprungen. Schnell war ich an der Zimmertür, als ich erneut einen Donnerschlag meinen Körper, meine Gedanken, meinen Mut durchfahren spürte.
„Ich will nicht sterben!“, noch einmal schrie ich gegen meine Angst an, dann wurde es still. Zusammengekauert, klein und elend saß ich vor meiner Zimmertür mit Blick auf das offene Fenster. Angestrengt sah ich in das Dunkel des Raumes und immer wieder durch das Fenster direkt auf meinen Baum. Die Straßenlaternen waren wieder an und mein großer Freund bewegte sanft seine majestätischen Äste in der abgekühlten, regennassen Luft.
In der Weite, der sich dem Ende zuneigenden Nacht war noch ein tiefes, inniges Grummeln zu hören, nichts, wovor man sich zu fürchten brauchte. Ein letztes Aufzucken, ein letztes Grollen und zurück blieb ein sanftes, melodisches Trippeln und helles Singen der übrig gebliebenen Regentropfen, wenn sie von der Regenrinne in das darunter liegende Regenfass fielen. Gehört hatte mich auch diesmal keiner und selbst wenn sie mich gehört hätten, gekommen wären sie nicht und ich hätte nicht zu ihnen gelangen können. Das Schlafzimmer meiner Eltern war nachts immer abgeschlossen, keiner kam hinein, keiner kam hinaus. Maikefreie Zone. Ich war dort nicht erwünscht, nicht einmal bei Lebensgefahr.
„Das Kind ist alt genug und kann mit seinen Ängsten alleine fertig werden“, hörte ich meinen Vater herrschaftlich durch meinen Gedanken schreiten.
Langsam stellte ich mich auf meine immer noch wackeligen Knie und kam bei dem Versuch des ersten Schrittes zurück zu meinem Bett ins Straucheln. Ein dumpfer, pochender Schmerz zwang mich zum inne halten und instinktiv fuhr ich mit der Hand an das lädierte Knie. Das Gewitter hatte den Schmerz übertönt, doch nun, da es wieder still war und altbekannte Gestalten und luftige Wesen ihren Schabernack mit meinen Sinnen trieben und lustig durch mein Zimmer sprangen, jetzt, wo alles wieder so war wie immer, jetzt zwang mich mein Knie zurück in das Wirkliche, in das Körperliche, in das Hier.
Vorsichtig tasteten meine Finger die dick geschwollene Körperstelle an meinem Bein ab. Heiß fühlte es sich an und krustig verklebt. An Belastung oder gar laufen war nicht zu denken. Jede Bewegung wurde mit einem pulsierenden Brennen quittiert. So schleppte ich mich humpelnd gerade noch zu meinem auf Rollen gelagerten Schreibtischstuhl. Ein leiser Windhauch strich über meinen in ein dünnes Nachthemd gekleideten Körper und verursachte eine Gänsehaut, die über meine Kopfhaut meinen Rücken bis hinunter zu den Fußspitzen lief.
Vorsichtig zog ich mich, immer noch auf meinem Rollstuhl sitzend, an das offene Fenster. Leise, ganz leise zog der Morgen herauf und erfüllte die Luft mit Vogelgezwitscher, während die Welt noch in tiefer Ruhe verharrte. Der Gehweg war übersät mit heruntergefallenen, gewaltsam entrissenen, nassen Blättern. Dunkelgrünen Edelsteinen gleich schillerten sie, mit den sich in den Bäumen verirrten Regentropfen, in der aufgehenden Sonne um die Wette. Wieder versprach es ein herrlicher Sommertag zu werden und auch schon in wenigen Stunden wären dunkelgrüne Blattedelsteine und diamanten schillernde Baumspitzen der flirrenden Hitze des Tages gewichen. „Was machst du da?!“, hörte ich die empörte Stimme meiner Mutter. Erschrocken fuhr ich auf und plumpste unsanft zwischen Schreibtisch und Stuhl auf den harten Parkettboden. Ich hatte sie nicht kommen hören, hatte das Tönen meines allmorgendlich aufschreienden Weckers nicht wahrgenommen. Vorsichtig und noch etwas benommen lugte ich unter meinem Schreibtisch hervor.
„Komm da raus!“ forderte mich meine Mutter ungeduldig auf. Willig folgte ich ihrem Befehl, doch bei dem Versuch, mich auf meinen rechten Arm aufzustützen, um über mein schmerzendes Knie hinweg auf die Füße zu kommen, gab dieser nach, als ob er keinerlei Knochen und Muskeln hätte. Wieder wurde ich dem Boden meines Kinderzimmers gefährlich nahe gebracht, vor allem meine Nase entging nur knapp einer verhängnisvollen Berührung. „Nun komm da endlich vor!“ die Stimme meiner Mutter klang nichts Gutes verheißend.
Vorsichtig setzte ich mich auf. Rieb meinen Arm, der nun scheußlich zu kribbeln anfing. Er war eingeschlafen, genau wie ich. Durch die lustig schimmernden Lichtreflexe und die sanft einschläfernde Tropfenmelodie hatte ich mich dem bleiernen Gefühl der aufkommenden Müdigkeit nicht mehr widersetzen können und war, auf die Fensterbank gelehnt, einfach eingeschlafen. Mein Arm, auf dem ich gelegen haben musste, hatte mir das übel genommen und rächte sich nun an mir, indem er mir den Dienst versagte. Ich kroch unter dem wuchtigen, kirschbaumfarbenen Schreibtisch hervor und richtete mich vor meiner mit dem Fuß wippenden Mutter auf. Diese hielt in ihrer nervösen Bewegung inne und starrte mich an. Nein, sie hielt ihren Blick nicht gebannt auf mein Gesicht oder meinen tauben Arm. Mein Knie lag im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Langsam folgte ich ihrem erstarrten, erschrockenen Blick hinunter zu dem pulsierenden, blau unterlaufenen Etwas, das da zwischen Ober - und Unterschenkel dick angeschwollen war.
„Ach du meine Güte“, rief meine Mutter entsetzt aus, schob mich vorsichtig zu meinem Bett und verschwand so plötzlich wie sie gekommen war. Alle Spannung aus meinem Körper weichend ließ ich mich auf mein Bett fallen. Aufgefangen von weichen Kissen und einer federleichten Zudecke wollte ich mich gerade der Schwere meiner Gedanken hingeben, als sie erneut vor mir stand. Diesmal mit einem ganzen Arsenal an Verbandmull, Salben und Pflastern. Immer mehr seltsamfarbene Cremes und Tinkturen holte sie wie aus dem Nichts hervor und schmierte sie mir auf mein Knie, das nun zu dem dumpfen Schmerz auch noch anfing zu brennen. Dann begann sie die alte, meiner Meinung nach gute Verkrustung mit irgendeinem Wässerchen zu lösen, um die jetzt wieder blutende Wunde mit Jod zu versorgen, wie sie ankündigte. Kaum gesagt, rückte sie mir auch schon mit dem rostorangenen Wattebausch zu Leibe.
„Das tut weh“, schrie ich sie an und zog im gleichen Atemzug mein Bein zur Seite. Zu meinem Unglück auf die Seite, auf der die aus braunem Glas gearbeitete und bis zum Rand mit Jodtinktur gefüllte Flasche stand – gestanden hatte! Mit einem dumpfen Schlag fiel die Flasche um und ergoss glucksend und gurgelnd ihren Inhalt über Mutters neue Designer-Pumps und gab dem sorgfältig restaurierten Dielenboden vor meinem Bett eine neue Färbung.
Entsetzt sprang meine Mutter auf, immer noch den mit Desinfektionsmittel getränkten Tupfer in der Hand. Ohne darüber nachzudenken, begann sie ihre schicken Schuhe mit dem Wattestück zu bearbeiten und machte damit die Sauerei komplett. Schweigend sah ich ihr zu, wie sie die zur Desinfektion gedachte Flüssigkeit immer heftiger in das ehemals weiße Leder einarbeitete. Endlich schien sie zu registrieren, was sie da eigentlich tat, hielt augenblicklich in ihrer Bewegung inne, sah erst mich, dann das von ihr geschaffene Malheur und dann wieder mich an und begann aus tiefster Seele und vollem Herzen zu lachen. Noch ungläubig ob der Geschehnisse sah ich sie eine kurze Weile an, bis auch ich nicht mehr an mich halten konnte und in ihr Lachen mit einstimmte. Erschöpft, aber hoch amüsiert ließ sie sich neben mir aufs Bett fallen.
„So eine Scheiße“, meinte sie, sah mich an und zwinkerte mir zu.
„So eine Mäusescheiße“, konterte ich und sah sie herausfordernd an. Wieder begann sie zu lachen und schloss mich fest in ihre Arme. Wärme und ein Gefühl des Gewolltseins durchströmten mich, ergriffen mich und ließen mich die Angst und Einsamkeit der vergangenen Nacht vergessen. Sie drückte alles einfach weg und ich wünschte, für immer so in ihren Armen liegen zu können. Hier war mein Platz. Genau hier und nicht in irgendeiner Abenteuer heischenden Zeltstatt mit qualifizierten Erlebnispädagogen. Ich wollte da nicht mehr hin. Zu den Kindern mit ihren Rucksäcken voller kleiner Liebkosungen und überlebenswichtigen Utensilien. Hier hatte ich alles, was ich brauchte und war auf Angriffe und Besitzansprüche von Seiten des Feindes bestens vorbereitet. Ich konnte, ja durfte meine Stellung nicht noch einmal verlassen, zu groß waren bereits die Verluste, wenn man nur einmal an das jüngst Opfer dachte: Mein Kummertier.
Doch irgendetwas war plötzlich anders, irgendwie veränderte sich die Umarmung, in der ich mich plötzlich gefangen fühlte. Enger immer enger schloss sich ihr Körper um den meinen, erdrückte mich und mit jedem ihrer Schluchzer, die einem ruckartigen Arythmus folgten, starb ein Teil meines kindlichen Verlangens, ihr nahe zu sein. Wut, unbändige Wut stieg in mir auf. Ich wurde bestohlen, betrogen und missbraucht. Jetzt war ich diejenige, die umarmte, aber ich wollte nicht umarmen, ich wollte umarmt werden. Entschlossen befreite ich mich aus ihrem Zugriff und sah ihr direkt ins Gesicht. Zusammengesunken und gar nicht mehr unbeschwert saß sie vor mir. Ihr Blick ging ins Leere, sie wirkte fremd und unerreichbar. In die Spannung hinein ertönte das mächtige Schlagwerk der alten Standuhr Brachte uns zurück, jede aus ihrer eigenen Gefühlswelt, jede aus seiner ihr ganz eigenen Erleben. Ihr Körper spannte sich, der graue Vorhang vor ihrem Blick zerriss und sie sah mir direkt in die Augen. In meine wütend funkelnde Augen.
„Oh, nein“ deutete sie mein Türkisgrün falsch, „du gehst ins Feriencamp. Ohne Widerrede!“
Schlagartig war es weg, dieses Gefühl, das einem im Bauch tanzt, einen davonträgt in einen rosaroten Tag. – gekippt, erstickt, verschlungen im Ticken der Uhr. Zeit fraß Glück! Diese unselige Maßeinheit, in der wir gnadenlos gefangen waren, lebte von Glück.
„Ich will auch gar nicht hier bleiben“, fauchte ich sie an, zog mich, sie links liegen lassend und ohne ein weiteres Wort vor an meine Bettkante, stand auf und ging ins Bad. Humpeln vergaß ich aber nicht und ein bisschen echt war es ja auch.
Wenn Rotze schwimmt
Natürlich musste ich trotz meines verletzten Knies ins Zeltlager. Auch noch so heftiges Humpeln und schmerzverzerrte Gesichtsausdrücke, die ich im Bad vor dem Spiegel geübt hatte und die mir, wie ich fand, ganz gut gelangen, konnten meine Mutter nicht davon abbringen, mich wie am Tag zuvor zu jenem verhängnisvollen Sammelplatz für störende Kinder zu bringen. Kurz darauf saß ich wieder im Bus neben Esther, fuhr wieder die durch Wald und Lichtungen gewundene Straße hinauf zur Endstation der in Würde Abgeschobenen vor dem Ehrenfriedhof des Heidelberger Königstuhls und wurde an der selben Stelle wie am morgen zuvor aus dem Transporter gespieen und mit der Kinderflut, gut bewacht und examiniert betreut, zwischen Maisfeld und Waldrand, Richtung Bierhelderhof gespült, Esther immer treu an meiner Seite.
Diesmal hatte ich nicht gekämpft, war nicht geflogen und war nicht verladen worden wie störrisches Vieh.
Diesmal war ich schön brav eingestiegen und hatte meinen Rucksack bei mir.
Diesmal hatte ich niemanden getreten und gestoßen.
Diesmal war meine Mutter sogar bis zur Abfahrt des Busses dabei geblieben.
Ich hatte sie angeschrieen, mich aus ihrer Umarmung gelöst, sie von mir gestoßen, und sie hatte seitdem kein Wort mehr mit mir gesprochen. Ja sie hatte mir Frühstück gemacht, so wie jeden morgen. Ja sie hatte mir meinen Rucksack gepackt, so wie es sein sollte, doch sie hatte geschwiegen. Ich hatte sie verletzt und sie schwieg.
Als wir uns an jenem Morgen vor dem Langhaus versammelten und unsere Blicke über das Gelände schweifen ließen, bot sich uns ein Bild der Verwüstung. Eines der Zelte hatte der Sturm, der die vergangene Nacht hier getobt haben musste, aus seiner Verankerung gerissen und es wütend gegen die alte Linde geschleudert. Ein Anderes lag an ein oder zwei Stellen festgehalten in sich zusammengesunken auf dem nassen Rasen und wieder ein Anderes lag in einzelne Fragmente zerrissen, verteilt über das gesamte Gelände. Nur unser Zelt, geschützt durch drei Tannen, zwischen denen es errichtet worden war, stand völlig unbehelligt da.
Und schon eroberten die Ersten die vor Standhaftigkeit strotzende Behausung, während andere, die nicht so viel Glück gehabt hatten, sich erst einmal zur Krisensitzung vor und in dem steinernen Haus in ihre Gruppen aufteilten.
Als eine der Letzten betrat ich unser Zelt. Mein Knie schmerzte und die dämpfige Luft der aufkommenden Sommerhitze und des schweren nassen Rasens in nahezu luftdichtem Zelt machte mich ganz benommen. Schatten huschten durch mein Bewusstsein, blendeten zeitweise die Geräusche und Geschehnisse um mich herum aus, um mir Lärm und Aktion der Mitbewohner kurze Zeit darauf gnadenlos ins Gesicht zu schleudern.
Obwohl meine Pritsche, die am Einlass unserer Unterkunft stand, noch tropfnass war, ließ ich mich schwer auf ihr nieder. Ich spürte, wie die Feuchtigkeit durch meine Hose drang und ein angenehm kühles Gefühl auf der Unterseite meines Oberschenkels verursachte. Doch das störte mich nicht. Immer mehr ging ich im Rausch der schwülen, drückenden Atmosphäre verloren.
„Ich hatte sie nicht trösten können, war so egoistisch gewesen und hatte sie nicht einmal gefragt, warum sie so traurig war. Bestimmt hatte er es wieder getan, wie schon so oft, und ich hatte mich ihr entzogen, obwohl sie mich gebraucht hatte.“ Und dann wurde es dunkel. „Maike?“ eine mir vertraute, glockenklare Stimme drang an mein Ohr,
„Maike?“ noch einmal derselbe wohlige Klang, nur intensiver. Langsam öffnete ich meine Augen und sah direkt in ein von watteweißen Wolken durchzogenes Himmelblau. Ich bin gestorben, schoss es mir durch den Kopf, ich bin einfach umgefallen, weil meine Zeit zu Ende war.
Vor geraumer Zeit hatte ich einmal einen Film gesehen, in dem ein junger Mann in die Unterwelt gestiegen war, um das Leben seiner Liebsten zu retten, die todkrank zu Hause auf ihn wartete. Auf seine Suche kam er in eine riesige Höhle, in der tausende von Kerzen brannten, und die seltsam bucklige und düstere Gestalt, die ihn begleitete, erklärte ihm, dass dies die Lebenslichter eines jeden Menschen, der auf dieser Erde wandle, seien. Dann zeigte der gruselige Alte ihm das Licht seiner Angebeteten, das bereits bis auf einen kleinen Stumpf abgebrannt war. Es war klar, sie würde sterben. Wie die Geschichte ausgegangen war, vermochte ich nicht mehr nachzuvollziehen, aber vielleicht gab es diese Höhle ja wirklich und das Gewitter heute Nacht hatte meine Kerze einfach ausgeblasen.
Aber warum war ich dann nicht gleich gestorben? Dafür konnte es nur eine Erklärung geben! Die Zeit. Schließlich lag eine ganze Menge davon zwischen der Epoche, in der die Geschichte spielte - dort gab es noch Pferde als geläufiges Transportmittel und eben Kerzen zur Beleuchtung - und dem Heute mit Kinder transportierenden Riesenautos und Elektrizität. Und diese Verzögerung, bis der erlöschende Schein meiner Kerze zu mir in mein kleines Leben vorgedrungen war, war schon erheblich. Aber was war mit dem Fortschritt in der Kerzengruft? Vielleicht war auch dort die Glühbirne längst eine Selbstverständlichkeit. Schließlich musste man gerade im Sommer immer mal wieder mit Gewittern rechnen und es konnte doch danach nicht jedes Mal einer umfallen. Ich entschloss mich nicht gestorben zu sein und richtete mich langsam auf dem mir bereiteten Lager auf.
„Sie ist wieder da“ rief unser Zeltvorstand aufgewühlt, soviel Erlebnis war dann doch nicht in ihrer Pädagogik vorgesehen. Schnell kam jemand mit einer Flasche Mineralwasser, absoluter Luxus hier oben, und einem nassen, weißen Frotteelappen zu uns gelaufen. Peinlich berührt, sah ich mich um. Direkt neben mir an meinem Kopfende saß Esther. Daneben unsere persönliche Zeltlagervertraute und Ansprechpartnerin in schweren Zeiten, in sofern man dann noch reden kann. Sie hielt mir die Flasche mit klarem, kaltem, sprudelndem Wasser hin, aus der ich einen kräftigen Schluck nahm. Das kühle Nass rann meine Kehle hinunter und trieb mir die Tränen in die Augen, so dass ich einen Moment die vielen kreischenden und neugierig herankommenden Zeltwaisen nur als einen einzigen, bunten, verschwommenen Mob sah. Das Rudelverhalten musste ein Instinkt und kein erlerntes Verhalten des Menschen sein, wenn schon Kinder in diesem Alter eine so intensive Ausprägung davon zeigen.
„Die Show ist zu Ende, ihr könnt alle wieder an eure Arbeit gehen“, meinte meine persönliche Erlebniskrankenschwester Susi in die Runde. Und tatsächlich, der Haufen bunt schwatzender Kinder floss in die unterschiedlichsten Richtungen zu den verschiedensten Aktivitäten auseinander. Langsam und bedacht stand ich von meinem Sterbebett auf und humpelte davon.
Esther, immer noch darauf gefasst, mich gleich auffangen zu müssen, folgte mir zu unserem Zelt. Mein Lager war inzwischen durch ein trockenes ersetzt worden und mein Rucksack darauf deponiert…. Mein Rucksack, ….meine Mutter! Wieder stieg das Gefühl von Hilflosigkeit in mir auf. Esther griff instinktiv nach meinen Händen und in dem Moment der Berührung beruhigten sich meine wundgescheuerten Emotionen. Das schrille Trillern einer Pfeife zerriss die Stille und lenkte alle Aufmerksamkeit auf sich. Der anschließenden Aufforderung zur allgemeinen Versammlung vor unserem Mensahaus folgten wir dann auch mehr oder weniger willig.
„Es wurde beschlossen“, so begann der Oberpädagoge Werner, inzwischen hatten sich alle mit Vornamen bei uns vorgestellt, „dass wir, in Anbetracht der Tatsache, dass nur ein Zelt den Sturm heil überstanden hatte, den für morgen geplanten Abenteuerausflug in den Wald und die Umgebung auf heute zu verschieben. Wir hoffen, ihr habt gute Schuhe an. Wer nicht mitkommen kann, melde sich bitte bei der Monika. Sie wird die Sache prüfen und dann mit euch hier bleiben!“
Einen Ausflug, na prima und das mit meinem Knie, aber hier bleiben kam für mich nicht in die Tüte, ich würde einfach so tun, als könnte ich perfekt laufen, kein Humpeln, kein Stolpern. Die Zähne zusammenbeißen und durch, hieß es jetzt. Niemand könnte mich dazu zwingen mit „der“ Monika hier zu bleiben und auch noch ohne Esther.
Monika war keine Pädagogin, sie war qualifizierte Krankenschwester und eigentlich nur per Zufall zu diesem Camp gekommen, der Oberpädagoge sprach von Behörden und Vorschriften, als er sie uns vorstellte. Ihre blonden, dünnen Haare hatte sie zu einem Knoten auf ihrem Hinterkopf zusammengebunden, was ihre leicht abstehenden Ohren und ihre orientalische, große Nase nur noch betonte. Eine Brille trug sie nicht, hätte aber zu gut zu ihr gepasst. „So eine dicke, schwarze Hornbrille“ lästerten Esther und ich. Aber sie trug keine, auch nicht um den Hals an einer Kette aus irgendwelchen bunten Bändern.
Sie war den ganzen Tag damit beschäftigt, irgendwelche kleineren Schrammen oder aufgeschlagene Knie in ihrem Behandlungszimmer neben dem Speisesaal zu verarzten. Auch Bienen und sonstige Insektenbisse wusste sie geschickt zu versorgen und ihnen den Schrecken zu nehmen. Dabei schaute sie immer ganz ernst und wichtig und bevor sie jemanden entließ, gab sie noch detaillierte Gesundheitsratschläge mit auf den Weg.
Ich hatte sie noch nie lachen sehen, obwohl die Stimmung auch unter den Erwachsenen recht ausgelassen schien. Immer stand sie ein bisschen abseits und wartete auf ihr nächstes Opfer, das sie dann mit ihrer Fürsorge und ihren weisen Sprüchen überschütten durfte.
Nein, einen ganzen Vormittag mit Schwester Monika - ohne mich.
„Geh langsam zum Zelt“ raunte ich Esther zu, die direkt vor mir stand „Frag nicht und dreh dich nicht um“ flüsterte ich bedeutungsschwanger, bevor wir uns in Bewegung setzten.
So unauffällig wie möglich folgte ich meiner kleinen Freundin, die aufrecht und schon beinahe schleichend vor mir her lief. Aber selbst dieser extrem bedachte und langsame Schritt war für mich zu schnell. Bei jedem Schritt, den ich mit zusammengebissenen Zähnen so rund und flüssig wie möglich setzte, durchfuhr mich ein stechender Schmerz bis hinauf in meine mir auferlegte Disziplin und ließ mich unwillkürlich ruckartig das Bein wieder in eine schmerzfreie Position bringen. Ich humpelte, ob ich wollte oder nicht.
„Mäusescheiße“ brach es aus mir heraus, als wir uns endlich im Schutz der weißen Plane unserer Lagerheimat befanden „Es tut einfach zu weh!“
„Und genau aus diesem Grund bleibst du hier“. Esther und ich, die wir beide mit dem Rücken zum Eingang gestanden hatten, fuhren blitzartig herum und sahen einer streng dreinschauenden Monika direkt in ihre kleinen Augen. Ihre Blicke duldeten keine Widerrede. Es gab kein Entkommen, ich war ihr nächstes Führsorge-Opfer. Hilfesuchend sah ich mich nach meinem Fels in der Brandung um, suchte das sommersprossige Gesicht, das „Alles wird gut“ verhieß und direkt in mein aufgewühltes Ich sprach. Doch als ich mich zu Esther umsah, erschrak ich. Zum ersten Mal sah ich sie wirklich.
Nicht das tröstende Himmelblau oder die lustigen Sommersprossen, die um ihre Nase schaukelten, wenn sich ihr Mund zu einem schelmischen Lächeln verzog, nicht die rot schimmernden Haare, die wie ein Schleier um ihr Gesicht wogten, wenn sie ging.
Ich sah, wie blass sie war, wie zerbrechlich, und erst jetzt fiel mir auf, wie müde sie in unbeobachteten Momenten in diese Welt sah. Wie sich ein trüber, grauer Schleier über ihr strahlendes Gesicht zog und ihrem rosigen Teint ein erschrockenes Aussehen verlieh.
Hier ging es nicht mehr um mich. In erster Linie war Monika Esthers wegen hier. Mein Humpeln hatte sie nur nebenbei bemerkt.
Ich schämte mich, hatte ich doch an die Bedeutung meiner Person gedacht und nicht damit gerechnet, ja überhaupt in Betracht gezogen, dass ein Anderer wichtiger war als ich. Mein schmerzendes Knie schien nur eine Bagatelle gegenüber dem, was Esther da tief in sich verborgen hielt. Monika sah Esther ernst an, tat sie eigentlich immer, ernst gucken, aber diesmal war es wirklich bedeutend und Esther verstand, denn gerade als die besorgte strohblonde Amazone beherzt auf meine kleine Freundin zukommen wollte mit einem stillen Vorwurf im Blick und einer Ermahnung auf den Lippen, riss das Mädchen ihre blauen Augen bedrohlich weit auf und schüttelte entschlossen ihren Kopf, so dass ihre roten Haare leicht zu schwingen begannen. Monika stockte, zögerte einen Moment lang und ließ dann von ihrem Vorhaben ab. Was immer sie auch tun wollte, sie tat es nicht. Irgendwie gab es da ein stilles Abkommen zwischen der großen Frau und dem zierlichen Mädchen, dem sich beide beugten. Ein Versprechen, an das beide gebunden waren.
Im Hinausgehen murmelte sie noch so etwas wie, wenn alle weg sind komm ich wieder, und verschwand so unerwartet, wie sie hinter uns aufgetaucht war.
Zurück blieben ein ziemlich erschöpftes, kleines Wesen, das zusammengesunken auf ihrem Feldbett kauerte, und ich.
Der Boden unter meinen Füßen schwankte und tausend Gedanken schwirrten durch meinen Kopf, zogen mich immer weiter hinein in die Höhle aus kaltem Stein, hell erleuchtet mit Kerzen, unterschiedlich groß, unterschiedlich hell, unterschiedlich gruppiert. Mal ganz dicht beieinander, mal einzeln und versteckt in einem Felsspalt. Flackernd und züngelnd tauchte der Feuerschein das steinerne Grab in einen Ort von unheimlicher Würde. Irgendwo aus einer Nische sprang ein Schatten, der sogleich im Schein der Kerzen wieder verging. Stimmen raunten und doch war es totenstill. Schritte in ungleichem Rhythmus kamen näher und verhallten in der Weite der Kathedrale aus Fels. Eine der Kerzen war besonders lebhaft, tanzte auf und ab und drohte bei dem kleinsten Windhauch zu verglühen. Ich hielt den Atem an und wusste, irgendwo in dieser Welt kämpfte ein Mensch um sein Leben. Esther!
Ein Schauer jagte mir über den Rücken und ich spürte, wie meine Füße bereits mit dem felsigen Untergrund verwachsen waren, ja selber zu Stein geworden waren. Ich kam hier nicht mehr weg, konnte ihr nicht helfen, war auf immer dazu verdammt, dem Schein der Kerzen zu gehorchen und mit ihnen im leichten Windhauch, der das steinerne Gefängnis durchzog, auf - und abzuschwelen und zuzusehen, wie ihre Kerze erlosch.
„Nein“ schrie ich und war augenblicklich wieder umgeben von weißer Zeltplane und sog die schwül-warme, stickige Luft bis tief in mein Bewusstsein.
Erschrocken blickten zwei sehr lebendige himmelblaue Augenpaare von unten zu mir herauf. Ich war wieder da, stand immer noch an der gleichen Stelle wie vor meinem Ausflug in die Unterwelt und Esther saß vor mir auf ihrem Lager aus Tuch und Holz.
„Ist doch gar nicht so schlimm hier zu bleiben, so ganz ohne Aufseher“ versuchte sie meine aufgewühlten Emotionen zu beruhigen.
Benommen lauschte ich ihrer glockenklaren Stimme, die mich heute schon zu zweiten Mal von irgendwo, nirgendwo wieder zurückbrachte in diese Welt mit ihrer harten, festgelegten Realität.
„Und wenn alle weg sind, müssen wir nur noch die Oberschwester los werden“ setzte sie noch hinzu und begann verschwörerisch zu grinsen.
„Ja, sicher“ konnte ich mich sagen hören.
„Was ist denn mit dir los?“ besorgt zog Esther mich zu ihr auf die Pritsche und sah mich aufmerksam an, gedankenverloren erzählte ich ihr von dem seltsamen Tagtraum, den ich gehabt hatte.
„So eine Mäusescheiße“ prustete Esther heraus. „Seh’ ich etwa so aus, als ob ich gerade sterben würde?“ ihre blauen Augen funkelten mich provokativ an, du bist doch diejenige, die heute Morgen umgefallen ist“.
„Stimmt“ pflichtete ich ihr bei und schob den unangenehmen Gedanken weit von mir. Quietschvergnügt schmiedeten wir Pläne, wie wir uns der Aufsicht durch Schwester Monika entziehen konnten. Doch das war gar nicht nötig. Sie tauchte noch einmal kurz in unserem Zelt-Zuhause auf, als alle Anderen lautstark im angrenzenden Wald verschwunden waren. Wies uns kurz darauf hin, wie sich gut erzogene Mädchen verhalten müssten und wo sie im Notfall zu finden sei, dann war sie wieder weg und wir unbeobachtet.
„Kannst du rotzen?“ spitzbübisch belauerte mich offenbar kerngesunde Vertraute. Fragend starrte ich sie an.
„So richtig von tief hinten den Schleim vorholen und ihn dann mit Karacho ausspucken“ erklärte sie.
Ungläubig, dass aus so einem zarten Wesen etwas eindeutig Ordinäres herauskam, schüttelte ich dem Kopf. Entschlossen stand Esther auf, nahm mich an die Hand und führte mich, durch eine Lücke in der Mauer zu dem kleinen Bachlauf, der sich an der Grundstücksgrenze zwischen ehrwürdigen Baumriesen und rotbraunen Sandsteinbrocken munter plätschernd hindurch wandte.
Wir fanden eine seichte Stelle, an der sich Esther, ohne nur einen Moment lang zu zögern, breitbeinig aufstellte und grunzend einen saftigen Schleimbrocken aus ihrem Rachen in den Mundraum zog, dann lehnte sie sich, als wolle sie Schwung holen und damit die vorhergesehene Fluggeschwindigkeit des Riesenpopels noch erhöhen, weit zurück, formte ihre Lippen zu einem O und schoss den Schleimklumpen in die Freiheit.
Stolz auf das Vollbrachte drehte sie sich anspornend zu mir um.
Einen Moment lang sah ich meine Mutter vor mir, ernst und böse, mit erhobenem Zeigefinger „Bedenke, wo du herkommst“ hörte ich ihre ermahnende Stimme. So wie damals, als sie mich beim Pfeifen lernen hinter unserem Gartenhäuschen erwischt hatte. „Das gehört sich nicht für ein Mädchen aus unseren Kreisen!“ sagte sie und zog mich aus meinem Versteck hervor.
Heute konnte ich laut und schrill auf zwei Fingern pfeifen wie der Junge in meiner Klasse von der anderen Seite des Neckars. Er war viel älter als ich, aber immer noch in der dritten Klasse. Mit ihm hatte ich mich heimlich an dem Fahrradschuppen unserer Schule getroffen. Küssen wolle er mich, hatte er gemeint, und dafür würde er mir das Pfeifen auf zwei Fingern beibringen und nicht dieses Mädchenpfeifen durch den zum „O“ geformten Mund, das ich seit der Entdeckung durch meine Mutter und deren empörten Reaktion tüchtig geübt hatte.
Mit zusammengekniffenen Augen und gespitztem Mund erwartete ich so meinen ersten Kuss. Nass und heftig trafen sich unsere Lippen. Ein unangenehmes Kribbeln zog sich durch meinen Körper, ließ mich instinktiv die Arme, die ich hinter meinem Rücken verschränkt gehalten hatte, nach vorne und gegen ihn stoßen, um ihn vor weiteren Übergriffen abzuhalten.
Und jetzt das Pfeifen, forderte ich meinen Teil der Abmachung ein. Und er tat es. Eine Woche lang jeden Nachmittag. Erst der Kuss, den ich irgendwann einfach über mich ergehen ließ und dann Pfeifen. Herrlich unanständiges, lautes Pfeifen mit den Fingern im Mund.
Und nun das, ich würde das Rotzen lernen. Ohne Kuss, einfach so. Das war noch viel besser!
So trat ich nun neben meine Lehrerin, die sich ein zweites Mal laut grunzend Schleim aus ihrem Rachen in den Mund sog und mit hohlem Mund, das rotzige Etwas hütend wie einen Schatz, betonte „Das wird ein Grüner“ bevor sie sich wieder zurücklehnte, um ihn zwischen den Lippen hindurch hinauszukatapultieren. Und wirklich, er war grün.
Angeekelt und doch fasziniert sah ich dem Schleim zu, wie er über den getroffenen Stein langsam und immer länger werdend hinab ins Wasser glitt, um dann auf der munter gurgelnden Oberfläche des Baches davon getragen zu werden.
„Wusstest du, dass Rotz schwimmt?“ fragte mich Esther erstaunt. Nein, wusste ich nicht, aber egal, jetzt wollte auch ich ein Glibberboot produzieren.
Meine Bereitschaft erkennend stellte sich auch Esther wieder in Position und gab mir nun genaue Anweisung. Zum ersten Mal wurde mir der zähe Fluss hinten in meiner Kehle bewusst, konnte ich ihn gezielt hinunterschlucken, wobei das im Moment nicht gefragt war. In den Mund musste ich ihn ziehen. Grunzend und würgend brachte ich endlich einen Teil der wabbeligen, warmen Masse in meinen Mund. Mit der Zunge ertastend spuckte ich sie schließlich angewidert aus.
„Nein“ korrigierte mich meine Meisterin im Weitspucken. „Mit Druck, du musst die Zunge zu einer Art Rohr um den Schleim schließen, dann Luft sammeln und wie durch einen Gewehrlauf dem Schlabber freien Lauf lassen“.
Ok, noch einmal fühlte ich in meinen Rachen, holte, schon ein bisschen gekonnter, „den Grünen“ hervor und…da flog er, wurde durch die Luft geschleudert und landete, eine kleinen Plopp verursachend, auf der Wasseroberfläche. Ich hatte es geschafft, nun fehlte mir die Übung. Eine Weile standen wir so an dem kleinen Bach mit nackten Füßen und hochgekrempelten Hosenbeinen und zogen die Nasen hoch, bis uns ganz schwindlig wurde.
Wir schienen diesem Leben mit all seiner Grausamkeit, seiner Brutalität entkommen zu sein. Hatten ein Stück heile Welt gefunden, ein Stück Glück. Der Tag schwoll an zu praller Lebensmitte, brachte die Sommerhitze zur Vollendung. Aus dem nahen Wald trug der Wind tausende von Kinderstimmen in unseren gefundenen Frieden. Sie kamen zurück. Das Zeltlagervolk kehrte heim, hungrig, müde, lautstark.
Erschrocken tauchten wir auf aus Traum und Zeitlosigkeit, auch wir kamen zurück, kamen zu uns. Schnell suchten wir unsere gedankenlos abgestreiften Schuhe zusammen und liefen barfuss und in einem Tempo, das für mein Knie einigermaßen verträglich war, zurück zu unserer weißen Behausung. Gerade noch rechtzeitig. Schnaubend und nach Luft japsend saßen wir, jeder für sich, auf ihrem Feldbett, als Oberfeldschwester Monika die Bühne des Schauspiels betrat. Für sie war das ihre Realität. Die nett und ordentlich aufgeräumten Kinder, die still den Tag verdösten und ihr keine Arbeit machten. Ihre Art des Glücks - obwohl wirklich erfreut sah sie nicht aus. Misstrauisch beäugte sie uns, die wir sie engelsgleich anlächelten. Und um uns ihre Macht zu demonstrieren, holte sie unter dem Bett unserer Zeltaufsicht einen Erste-Hilfe-Koffer hervor und wendete sich zielgerichtet mir zu. Ich hielt die Luft an, spürte die Jodtinktur meiner Mutter, noch lebhaft in Erinnerung, schmerzhaft auf offener Wunde brennen. Gedanken rasten, Muskeln zuckten, es musste einen Ausweg geben, eine Fluchtmöglichkeit. Zeit, ich musste Zeit gewinnen. Irgendwie musste ich sie hinhalten, sie davon überzeugen, dass es nicht notwendig sei, mein wundes Gelenk zu untersuchen. Doch mit einem unerbittlichen, fast schon befriedigten Grinsen in ihrem farblosen Gesicht kam sie immer näher.
Die Stimmen im Lager schwollen an, wurden lauter und deutlicher, und dann meine Rettung. Die Glocke vom Vortag, das vertraute, rostige Scheppern erklang, wie ein klares, munteres Läuten. Zerriss die Spannung, brachte ab von Erwartetem. Ruckartig und in ihrem Vorhaben gestört drehte Monika ihren Kopf zum Ausgang des Zeltes, richtete ihren Blick zum Speisesaal, wo sich nach und nach alle Kinder und Erzieher einfanden.
Susi, unser Zeltvorstand, kam schnellen Schrittes quer über den Rasen auf unsere Behausung zu. Meine Behinderung vergessend sprang ich auf und schlüpfte zwischen Zeltplane und lebender Wegsperrung hindurch so unerwartet und schnell, dass meine Peinigerin nur noch zusehen konnte, wie ich in den Machtbereich von Susi überlief.
Meinen Rucksack, Mäusescheiße, ich hatte meinen Rucksack vergessen, aber noch ehe ich reagieren konnte, lief auch Esther über mit unseren beiden Rucksäcken, der Engel.
Pädagogin Susi sah nun keinen Grund mehr, ihren Weg zum Zelt fortzusetzen und ging mit uns zurück zum Versammlungsplatz.
Im Schutz von Susi sah ich mich noch einmal zu Monika um. Allein und mit hängendem Kopf packte sie ihre Folterinstrumente wieder zurück in den Koffer, aus dem sie sie geholt hatte. Beinahe hätte ich ihre Trauer mitempfunden, wäre es da nicht um mich als Opfer gegangen. Esther, die meinen Blicken gefolgt war und nun hüpfend neben mit herlief, zwinkerte mir versöhnlich zu und drückte mir meine kunterbunte Kindertasche in die Hand.
Der deftige Geruch von herzhafter Hackfleischsoße und würzigem Käse schlug uns entgegen, als wir den kühlen Raum betraten, in dem zahlreiche Teller mit dampfendem Inhalt und Tassen mit kaltem Tee auf den Holztischen platziert und Stühle geräuschvoll über den Steinboden geschoben wurden. Auch ich reihte mich in der Warteschlange der Hungrigen ein, zwei Teller, meinen und Esthers in der Hand, während meine Tischnachbarin uns Tee aus der alten Milchkanne am Eingang schöpfte.
Beinahe gleichzeitig trafen wir uns an dem Platz, an dem wir schon gestern gesessen hatten. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass ein einmal gewählter Platz einem verbindlich bis zum Ende der Ferien zugeteilt war. Ich saß bei den Woolworths und es störte mich nicht weiter, schließlich konnte ich jetzt spucken wie ein Kamel und auf zwei Fingern pfeifen. Außerdem saß ich neben Esther und das war wirklich wichtig.
Ich überragte sie um fast einen ganzen Kopf und doch fühlte ich mich ihr manchmal unterlegen. Sie war so selbstbewusst in allem, was sie tat, zögerte nie und hatte die tollsten Ideen. Sie verstand es, einen an der Hand zu fassen und mitzunehmen in eine Welt aus Blumen, Sonnenschein und Sommersonnenhimmelblau.
So saßen wir an jenem Julitag unbeschwert beisammen, munter durcheinander schwatzend, um uns dann wieder verschwörerisch anzugrinsen, und verschlangen irgendwie dazwischen gierig die Spaghetti Bolognese. Ich hatte vergessen, wer ich war, hatte mich aufgelöst im Hier und Jetzt und trieb mit den Geschehnissen, die um mich herum stattfanden hinaus in den Tag, wurde ein Teil davon.
Das Eis, das uns zum Nachtisch gereicht wurde, nahmen wir mit nach draußen und leckten es genussvoll im Schatten unserer Linde, die felsenfest dem nächtlichen Sturm getrotzt hatte.
Noch immer war das Gras dort, wo die Sonne den Boden nur schwer erreichte, feucht, doch das störte uns nicht, denn kaum hatten wir unsere kalte, kleine Köstlichkeit schlürfend geschmaust, riefen die Herdenoberhäupter zu neuen Abenteuern.
Da die Zelte noch immer nicht wieder standen, obwohl den ganzen Vormittag, während unseres persönlichen Erlebnisses am Bach, eine Herde Gemeindearbeiter in blauen Overalls und schwerer Gerätschaft den Kampf mit störrischen Zeltplanen und sperrigem Gestänge aufgenommen hatten, gebot es die Abenteuerversprechung zum Anfang des Camps, ein entsprechendes Programm zu bieten.
Wettspiele hieß das Zauberwort. Aktives, kräftezehrendes, gegenseitiges bekämpfen und besiegen. Beschimpfen, diskriminieren, erniedrigen. Alles war erlaubt, auch und gerade von der eigenen Mannschaft. Schließlich würde dadurch das Selbstvertrauen geschult, und fördere die Entwicklung von Ehrgeiz, so unsere Zeltpädagogen.
Ich hatte, was derart schweißtreibende Veranstaltungen anging, ein mir eigenes, negatives Selbstbewusstsein, ich war dick, unsportlich und in keinster Weise geschickt genug, um Hindernisse zu überspringen, geschweige denn darunter durchzukriechen. Auch meine Kurvenlage war eher die einer trägen Flüssigkeit, dem Gesetz der Physik folgend darauf bedacht, Richtung und Geschwindigkeit möglichst keinen großen Veränderungen auszusetzen.
Ich war diejenige, die ausgelacht, beschimpft und gedemütigt wurde. Ich war diejenige, die keiner in seiner Mannschaft haben wollte, die beim Auszählen immer zuletzt gewählt wurde und das auch nur mit Widerwillen und einem getuschelten, „mit der können wir gleich einpacken“.
Selbst der dicke Anton aus unserer Klasse wurde noch eher akzeptiert als ich. Der konnte wenigstens alle umrennen. Ein bleiernes Zusammenkrampfen in meiner Magengrube machte sich bemerkbar. Ich kannte hier kaum jemanden und die schöne Katharina würde keinen Moment zögern, zu meinem schlimmsten Feind zu werden, schließlich war ich auf die falsche Seite der Gesellschaft übergelaufen, aß und trank mit dem niederen Volk und hatte sogar deutlich sichtbar mehr Spaß als sie. Das schrie nach Ahndung durch besonders fiese Attacken.
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