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ILSE TIELSCH
HEIMATSUCHEN
ROMAN

Meiner Mutter
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
1
Neben dem Bahndamm hielt Wundraschek sein Pferd an. Prrr, das hieß: bleib stehen. Alle Pferde Mährens verstanden diesen Zuruf, auch dieser magere Ackergaul, unter dessen schäbigem Fell sich die Rippen deutlich abzeichneten.
Wundraschek wußte natürlich, daß er mit diesem elenden Roß an keiner Schönheitskonkurrenz teilnehmen konnte, aber das lag ja auch nicht in seiner Absicht. Ein Pferd war Gold wert in diesen Zeiten, und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Es hatte ihn viel Mühe und Schlauheit gekostet, dieses hier über die letzten Monate des Krieges und dann noch über das Kriegsende mit allen seinen Folgen hinüberzuretten. Jetzt machte sich diese Mühe bezahlt. Für die Fahrt, die er eben, durch Anhalten seines klapprigen Wägelchens, beendet hatte, war er mit einer goldenen Armbanduhr, einem tadellosen Sonntagsanzug und noch mehreren anderen nützlichen und wertvollen Gegenständen belohnt worden, und es war nicht die erste derartige Fahrt gewesen und würde auch die letzte nicht sein. Die Deutschen mußten aus dem Land, das stand fest, das hatte er, Wundraschek, schon lange vor dem Ende dieses Krieges gewußt, alle Tschechen hatten es gewußt, nur die Deutschen hatten es, auch wenn man heimlich darüber geredet hatte, nicht geglaubt. Einige von denen, die zuletzt noch von den abziehenden Soldaten in ihren Militärautos mitgenommen worden waren, oder von jenen, die, noch ehe die Russen gekommen waren, mit Pferd und Wagen oder in überfüllten Zügen die Flucht ergriffen hatten, waren sogar, als sich die Lage einigermaßen beruhigt hatte, zurückgekommen und hatten ihr gesamtes Fluchtgepäck wieder mitgebracht. Er, Wundraschek, hatte nur den Kopf schütteln können über soviel Dummheit oder Naivität, das konnte man nennen, wie man wollte, er jedenfalls hatte es nicht verstanden.
Die meisten waren ohnedies dageblieben, in der Meinung, es würde schon nicht so schlimm werden, man würde die Besetzung durch die Russen in Kellern oder anderen Schlupfwinkeln abwarten, in den verzweigten unterirdischen Gängen etwa, die sich von der Kirche weg weit unter den Feldern und Weingärten hinzogen, man würde schon irgendwie überleben, und nachher würde alles wieder weitergehen, Tschechen und Deutsche in einem Land, wie das seit undenklichen Zeiten der Fall gewesen war.
Da haben sie sich getäuscht, dachte Wundraschek, das ist vorbei. Überall waren sie jetzt wohl unterwegs, der Grenze entgegen, jene jedenfalls, die man nicht in Lager gesperrt hatte, Frauen, Kinder, alte Leute, Mütter mit ihren Kleinkindern auf dem Rücken, die größeren an der Hand, von den jüngeren Männern waren die meisten gefallen, und jene, die noch lebten, waren wahrscheinlich irgendwo in Sibirien oder vielleicht auf dem Weg dorthin. Auf allen Straßen zogen die Deutschen dahin, einzeln oder in kleinen Gruppen oder in langen Zügen, man hatte ihm davon berichtet, aber Genaues wußte er nicht, wollte es auch nicht wissen. Was ging ihn das alles an? Er brachte diese hier zur Grenze, sie hatten ihn gut bezahlt, und er hatte dabei auch noch das Gefühl, ein gutes Werk zu tun. Wenn er sie nicht mit seinem Wagen bis hierher gebracht hätte, dann hätten sie immerhin etwa fünfundzwanzig Kilometer weit ihre Rucksäcke und Koffer selbst schleppen müssen, und das wäre ihnen, schon der Kinder wegen, nicht leichtgefallen. Die Kinder wenigstens hatten hin und wieder, wenn es nicht gerade steil bergauf gegangen war, auf dem Wagen sitzen dürfen. Wenn er dafür ein paar Wertgegenstände als Bezahlung genommen hatte, war das nur recht und billig. In außergewöhnlichen Zeiten waren für außergewöhnliche Leistungen immer noch besondere Preise berechnet worden. Er kannte die Leute von Kind an, vor allem die eine der beiden Frauen. Sein Vater hatte als Taglöhner auf dem Hof ihrer Eltern gearbeitet, später hatte sie den Doktor geheiratet und ein gutes Leben gehabt. Der Doktor war gekommen, wenn eines der Kinder krank gewesen war, auch nachts war er gekommen, wenn man ihn gerufen hatte, aber das war ja schließlich seine Pflicht gewesen, und es spielte jetzt keine Rolle mehr. Eine neue Zeit war angebrochen, nicht nur die Herrschaft der Deutschen war vorüber, auch die Herrschaft der Reichen, es würde keine Reichen und keine Armen mehr geben, keine Taglöhner und keine Knechte, keine Großbauern und keine Dienstboten, die für die Gnädigen die Wäsche wuschen. Von nun an würden alle gleich sein, gleich wohlhabend selbstverständlich, niemand würde mehr dienen müssen, niemand würde mehr arm sein. So jedenfalls stellte er, Wundraschek, sich die Zukunft vor. Wenn er jetzt, als Lohn für seine Fahrten, noch ein wenig zusätzlichen Reichtum sammelte, ein paar goldene Uhren, ein paar Ringe, Sonntagsanzüge, Halsketten für seine Frau, wen ging das schließlich etwas an?
(So oder ähnlich mag Wundraschek an jenem Vormittag im Juni 1945 gedacht haben. Viel später sollten jene Leute, die er nach und nach mit seinem klapprigen Wagen an die Grenze gebracht hatte, einander bei verschiedenen Anlässen wieder begegnen und erzählen, daß sich damals einer, der noch ein Pferd besessen habe, dazu bereit erklärt hätte, sie zur Grenze zu bringen. Sein Name würde genannt werden, und man würde auch den Fuhrlohn erwähnen. Er, Wundraschek, würde dadurch zu einer Art trauriger Berühmtheit gelangen, die er nicht beabsichtigt hatte.)
Prrrr, machte Wundraschek, und sein Pferd blieb stehen, im gleichen Augenblick von Fliegen umtanzt, die es durch Schlagen mit dem Schweif und durch unruhiges Stampfen mit den Beinen abzuwehren versuchte. Sein Herr klopfte ihm den mageren Hals, dann griff er nach den Gepäckstücken, die auf dem Wagen lagen, mehreren Rucksäcken und Koffern, und warf sie nacheinander auf den Grasstreifen neben der Straße. Er wußte, daß die fünf Erwachsenen, die dastanden und ihm zusahen, gehofft hatten, er würde sie vielleicht doch noch ein Stück weiter, bis zur nächsten, jenseits der Grenze gelegenen Ortschaft bringen, aber das wagte er nicht. Wer konnte schon sagen, ob nicht drüben, im Österreichischen, irgendein Posten lauerte, der nur darauf aus war, ihm sein Pferd wegzunehmen? Er hatte sie bis hierher gebracht, nun sollten sie sehen, wie sie weiterkamen, nach Österreich hinein oder weiter nach Deutschland, irgendwohin jedenfalls, von wo sie nicht mehr zurückkommen würden.
Dort, hinter dem Bahndamm, sagte er schließlich, sei der Bach, und dieser Bach bilde die Grenze, über ihn müßten sie hinüber, dann seien sie auf österreichischem Gebiet. Er müsse jetzt wieder fahren.
Ob er noch etwas von dem Sliwowitz bekommen könnte aus der kleinen Flasche, die er bei der Frau des Doktors gesehen habe?
Die Frau nahm die Flasche aus ihrer Handtasche, er setzte sie an die Lippen und trank, dann gab er sie wieder zurück, kletterte auf den Wagen und griff nach den Zügeln.
Hü! rief Wundraschek, und der Gaul, der diesen Zuruf verstand, wie ihn alle Pferde Mährens verstehen, zog an, das Gefährt entfernte sich auf dem Weg, auf dem sie gekommen waren.
Die fünf Erwachsenen und die beiden Kinder standen noch ein paar Augenblicke lang wie verloren auf der Straße, dann bückten sie sich nach den Gepäckstücken, halfen einander in die Schulterriemen der Rucksäcke, griffen nach den Koffern und setzten sich in Bewegung. Sie kletterten über den Bahndamm, erblickten den Bach, der sich zwischen Weidengestrüpp und Schilfbüscheln schlängelte, und gingen darauf zu.
Es scheint einfach, sich vorzustellen, wie damals alles gewesen ist, wenn man die Landschaft kennt, in der sich dies zugetragen hat, wenn man sich Wundraschek, sein mageres Roß, den kleinen hölzernen Wagen (STREIFWAGERL HAT MAN SO EIN FAHRZEUG GENANNT) bis in die kleinsten Einzelheiten ins Gedächtnis zurückrufen kann, wenn einem ähnliches immer wieder berichtet worden ist, wenn man weiß, daß es ein sonniger Junivormittag gewesen ist, das Getreide zu beiden Seiten der Straße noch grün, aber schon hoch. Die dunkelgrünen Blattbüschel der Zuckerrüben sind ebenso vorstellbar wie die langen Reihen der Maispflanzen auf den Feldern, der Weinstöcke auf den Hügeln, die eigene Erinnerung hat den Geruch von der Sonne beschienenen Unkrauts anzubieten, Wegerich, Zinnkraut, Kamille, Sauerampfer, auch gelber Steinklee ist dabei, Taubnesseln, Brennesseln, Löwenzahn, andere Kräuter, deren Namen nie genannt worden sind, das Rumpeln der eisenbeschlagenen Holzräder von Wundrascheks Wagen, das Schnauben des Pferdes, das Klatschen der Roßäpfel, das Rauschen des Pferdeurins, das Klappern der beschlagenen Hufe auf den Granitsteinen der schmalen Straßen, Bilder, Gerüche, Farben, die man sehr früh schon aufgenommen hat. Man sieht die Menschen vor dem Hintergrund dieser Bilder, man sieht die Landschaft, die Konturen der Hügel, die Farben der Felder, man weiß, was sich in jenen Wochen und Monaten zugetragen hat, es ist beinahe so, als wäre man selbst dabeigewesen.
Das mit dem Bahndamm stimmt nicht, sagt die altgewordene Mutter, da ist kein Bahndamm gewesen, der Wundraschek hat uns mit seinem Wagen bis an den Grenzbach gebracht. Dort hat er unsere Sachen ins Gras geworfen. Wir waren sehr müde und voll Staub von dem langen Weg, die Kinder haben vor Müdigkeit geweint.
Ich habe mir nicht vorstellen können, noch einen einzigen Schritt zu tun.
Ich habe den Rucksack fast nicht mehr heben können. R. hat die Kinder nacheinander über den Bach getragen, dann alle unsere Rucksäcke und Koffer, dann sind auch wir anderen durch den Bach und durch das Schilf gewatet. Dann haben wir uns unter den Weiden ins Gras gesetzt.
Man muß sich vorzustellen versuchen, wie sie auf dem Grasfleck sitzen, kauern, stumpf vor Müdigkeit, vor Erschöpfung, Schmerz, Trauer, Verzweiflung, all das wird erst später wiederkommen, das Bewußtwerden des Elends, in das sie nach all den durchlebten und überstandenen Schrecken gestürzt sind, wird nicht von einem Tag auf den anderen vor sich gehen, das Ausmaß des Verlustes und vor allem die Endgültigkeit dieses Verlustes werden sie nur nach und nach erfassen können, der Schmerz wird erst einmal zunehmen, anschwellen müssen, ehe er abklingen kann.
Wenn die altgewordene Mutter heute sagt, sie sei MÜDE gewesen, dann schließt dieses Wort beinahe alles ein, was sie damals, auf dem Grasfleck zwischen den Weidenbüschen kauernd, empfunden hat.
Ergänzend fügt sie hinzu, sie seien ALLE GLÜCKLICH GEWESEN, endlich auf österreichischem Gebiet zu sein.
(Von den rund 3 295 000 Deutschen Böhmens, Mährens und dem zum Gebiet der Tschechoslowakei gehörenden Teil Schlesiens sind nach einer später anhand statistischen Materials durchgeführten Berechnung 2 814 000 lebend über die Grenzen gekommen. Nach Abzug der 235 000 nach 1945 in den genannten Ländern verbliebenen Deutschen und etwa 5 000 Vermißten gelangt eine 1959 erstellte Statistik zu dem Ergebnis, daß im Jahr 1945 unter der deutschen Bevölkerung dieser Länder 241 000 Todesopfer zu beklagen sind.)
Dokumentationen, Berichte von Augenzeugen, halten fest, wie es gewesen ist. Wie man sie aus ihren Häusern und Wohnungen trieb, ihnen sagte: Ihr müßt fort. Packt eure Sachen, was ihr tragen könnt, dürft ihr mitnehmen (keinen Schmuck, keine Sparbücher, keine Grundbesitzbogen, keine Wertgegenstände), alles andere bleibt zurück.
Sie liefen, rannten, packten die unsinnigsten Dinge zusammen, rafften Wäsche aus Schubladen, schnürten sie zu Bündeln, ließen Wichtiges liegen, steckten Unwichtiges in Rucksäcke, Koffer, Handtaschen, dachten nicht daran, daß sie ein zweites Paar Schuhe, eine wärmere Jacke, ein Kopfkissen für die Kinder brauchen würden, waren verwirrt, fassungslos, zu Tode erschrokken, stopften Kochtöpfe in Kinderwagen, konnten es nicht fassen, nicht glauben, nicht begreifen, dachten, sie gingen nur für kurze Zeit, würden zurückkehren, einen Teil des Zurückgelassenen wiederfinden, versteckten Schmuckstücke hinter Dachsparren, wickelten Kleinkinder in Decken, banden ihnen Kopftücher um die kleinen Köpfe, fanden keine Zeit zu trösten, Tränen zu trocknen, standen auf der Straße, liefen wieder zurück, doch noch ein Schmuckstück, ein Dokument, ein Fläschchen Milch für das kleinste Kind zu holen, steckten ein Stück Brot in die Tasche, sperrten Häuser und Wohnungen ab oder ließen die Türen offenstehen. Manche von ihnen fing man auf der Straße ein, jagte sie zu den anderen, die man schon zusammengetrieben hatte, erlaubte ihnen nicht, noch einen Mantel, ein Tuch, eine warme Decke zu holen, nach ihren Angehörigen zu suchen.
Man trieb sie wie Vieh über die Straßen, der Grenze entgegen, die Alten und Schwachen brachen unterwegs zusammen, krepierten wie Tiere, wurden später verscharrt oder auf Haufen geworfen, mit Benzin übergossen, angezündet und verbrannt.
In den Dörfern setzte man Fremde in die Bauernhöfe, ließ die ehemaligen Besitzer die Arbeit von Knechten verrichten, solange man sie brauchte, steckte sie dann in Lager, pferchte sie in Ställe, man schleppte sie in Keller, folterte sie, quälte und erniedrigte sie auf jede nur denkbare Weise, man ließ sie auf den Knien über Glasscherben kriechen, man schlug sie wie Ungeziefer tot, ertränkte sie in Löschteichen, kennzeichnete jene, die am Leben bleiben durften, mit weißen Armbinden, auf die ein schwarzes N gedruckt war, N, das hieß NEMEC, also Deutscher, es war das Letzte, das Niedrigste, was man sein konnte.
Manchen gelang die Flucht aus Lagern, Gefängnissen, sie krochen wie Tiere über die Grenzen, manche nahmen sich das Leben, manche banden Alte und Kinder an sich fest und sprangen in Flüsse, das Wasser riß die Menschenbündel mit sich fort, spülte sie irgendwo an Land, wo sie liegenblieben, bis sich einer erbarmte und sie begrub. Andere brachte man später zu Bahnhöfen, stopfte sie in Güterwaggons oder in offene Kohlenwaggons, in denen sie aneinandergepfercht standen, schob sie über die Grenzen nach Österreich oder gleich nach Deutschland ab, HEIM INS REICH, sagte man ihnen, das hätten sie immer gewollt, dort gehörten sie hin.
Aber auch einzeln, in kleinen, elenden Gruppen, zogen sie über die Straßen, winzige Reste ihrer Habe in Bündeln, Rucksäcken, Koffern tragend, auf klapprigen Wägelchen hinter sich herziehend, in Kinderwagen gestopft. Manchen von ihnen hatte ein barmherziger Nachbar, ein Freund, zu gehen geraten, ehe die anderen, die vielen gingen, zum Gehen gezwungen würden. Oft war es eine gute Tat, ein Freundesdienst, eine Hilfe in der Not gewesen, die jetzt durch einen Rat, durch die heimliche Aufforderung zum raschen Weggehen vergolten wurde. Sie schleppten sich über die Grenzen, hockten, lagerten auf den Feldern, wußten nicht, wohin sie sich wenden sollten, sahen von weitem aus wie traurige Riesenvögel, zogen dann weiter, bettelten um Unterkünfte, um ein Nachtlager im Stroh, in einer Scheune, in einem leerstehenden Stall, in irgendwelchen Winkeln, die vor dem Regen, vor der Kälte der Nächte schützen konnten. Sie arbeiteten für einige Kartoffeln auf fremden Feldern, viele trugen ihre unterwegs verstorbenen Säuglinge, Kleinkinder mit, um sie auf fremden Dorffriedhöfen zu begraben, wo man ihre Namen auf kleinen Grabsteinen lesen kann, viele brachten ihre alten, halbtoten Eltern nur noch zum Sterben jenseits der Grenzen mit. Unzählige verreckten an Typhus, an der Ruhr, die sie dann auch in die Grenzgebiete einschleppten. Tragödien, wie sie sich im Lauf der Jahrhunderte immer wieder, in vielen grausamen Varianten, ereignet haben? Diesmal war es anders, diesmal war es mehr. Zwei Völker verschiedener Muttersprache hatten sehr lange Zeit hindurch in einem Land gelebt, das beiden HEIMAT gewesen war. Nun hatte ein Volk das andere aus dieser gemeinsamen Heimat verjagt, entschlossen, es für immer daraus zu verstoßen.
Diesmal bestand keine Möglichkeit mehr, nach überstandenen Kriegsgreueln, nach überwundenen Schrekken, gemeinsam mit- oder wenigstens nebeneinander das verwüstete Land in Ordnung zu bringen, die Häuser neu aufzubauen, die Toten zu begraben, eine neue Ordnung zu schaffen. Nur in wenigen Fällen wurde der Versuch unternommen, jene, die schuldig waren, von den Unschuldigen zu trennen, es wurden beinahe ausnahmslos alle bestraft. Aufschreibend, wie es gewesen ist, gedenke ich, Anna, jener Ungenannten, die damals nicht billigten, was geschah. Jener Bäuerin gedenke ich, die heimlich ein Stückchen Brot, wenigstens einen Schluck Wasser reichte, jenes Bauern, der nur eine einzige Kuh besaß, diese vor einen Wagen spannte, eine Familie mit kleinen Kindern zur Grenze brachte, dafür nur geringen Lohn verlangte, weil er wußte, wie wenig denen, die er da fuhr, geblieben war.
Jenes Unbekannten gedenke ich, der das im Prager Stadion unter freiem Himmel und unter kaum zu schildernden Umständen geborene Kind einer Mutter aus B. in ein Krankenhaus brachte, wo es gepflegt wurde und überlebte. Aller jener, die Hilfe und Schutz gewährten, die im entscheidenden Augenblick rieten, das Land zu verlassen, wie das im Fall Heinrichs und Valeries gewesen ist.
(Die Statistik gibt die Zahl der EINZELWANDERER, also jener Deutschen aus den Ländern Böhmen, Mähren und Schlesien, die einzeln oder in kleinen Gruppen über die Grenze gekommen sind, allein für das Land Bayern bis zum April 1946 mit 18 000 an. Jene, die einzeln die österreichische Grenze überschritten haben, zu denen Heinrich und seine Frau Valerie gehört haben, wurden nicht gezählt.)
Wir sind mit der Mutter zur Grenze gefahren, Bernhard und ich, wir wollten der Vergangenheit begegnen und uns selbst in dieser Vergangenheit, wir wollten die Zeit zurückdrehen, wiederfinden, was sich damals begeben hat.
Die Mutter erinnert sich an Einzelheiten, und doch ist alles schon so weit weg, als ob es in einem früheren Leben gewesen wäre. So lange ist es schon her, daß wir das Haus, in dem Vater und Mutter, Heinrich und Valerie, damals, als sie über die Grenze gekommen waren, die ersten Tage verbringen durften, erst nach längerem Suchen wiederfinden. Ein alter Mann, der im Schatten eines Nußbaums auf einer Bank sitzt, weist uns den Weg, trotzdem stehen wir erst einmal längere Zeit vor einem anderen Haus, das die Mutter wiederzuerkennen glaubt. Sie beschreibt das Zimmer, in dem sie geschlafen hat, zeigt auf ein Fenster, sagt, hier sei es gewesen, bis sich herausstellt, daß sie sich irrt, daß es sich um das viel kleinere, niedrigere Nachbarhaus gehandelt hat.
Das sind gute Menschen gewesen, sagt die Mutter.
Aber ein ganz bestimmter Feldweg existiert noch, hellbraun, mit einem Stich ins Graue, er verläuft zwischen Weizen- und Rübenfeldern, zwei Fahrspuren, rechts und links, zeichnen sich ab, in der Mitte eine weichere, mit Erdstaub bedeckte Rinne. Damals waren es Spuren von eisenbeschlagenen hölzernen Wagenrädern, jetzt sind es Traktorenräder, von denen die Erde festgefahren worden ist, man merkt den Unterschied kaum, frühsommerliche Hitze hat den Boden ausgetrocknet, die harte Kruste ist von Rissen und Sprüngen wie von einem Netz überzogen. Der Weg läuft ein langes Stück geradeaus, schlängelt sich gegen den Grenzbach hin, verliert sich dann zwischen Weidenbüschen, das jedenfalls nehmen wir anfangs an, erst als wir später näher an den Bach herankommen, merken wir, daß er knapp vor dem mit Schilfbüscheln bewachsenen Ufer scharf nach links abbiegt, den Bach entlang weiterverläuft.
Ja, sagt die Mutter, hier sind wir gegangen. Sie erinnert sich, ein Irrtum ist ausgeschlossen, damals hat es genauso ausgesehen, hier hat sich nichts verändert, nur man selbst ist älter geworden, man hat seither so vieles erlebt, man ist über so viele Wege gefahren und gegangen, jetzt sieht man alles mit anderen Augen. Die Mutter streicht mit der flachen Hand über die noch grünen Weizenähren, eine fast zärtliche Bewegung, sie berührt mit ihren Fingern die Rinde eines kleinen, ruppigen Apfelbaums am Rand eines alten Straßenstücks, in das, von der Seite her, schon das Gras wuchert und das sich schließlich in einem Kartoffelfeld verliert.
Ich hab’ es so gern, wenn die Lerchen singen, sagt sie, aber jetzt, in der Hitze des Junimittags, sind keine Lerchen zu hören, kein Mensch ist weit und breit zu sehen, kein Tier, kein Ackergerät.
Damals ist es auch so heiß gewesen wie jetzt, sagt die Mutter.
Es ist keine Bitterkeit in ihrer Stimme, obwohl ihr alles wieder gegenwärtig sein muß, was sie vor nun schon mehr als fünfunddreißig Jahren erlebt hat. Der Schmerz ist abgeklungen, das Leben ist weitergegangen. Damals, im Juni 1945, ist sie zweiundvierzig Jahre alt gewesen, jetzt wird sie bald achtundsiebzig sein, der Grenzbach mit den verschilften Ufern, den Weidenbüschen hat ihr Leben in zwei beinahe gleich große Hälften geteilt, auch die zweite Hälfte hat, nach Überwindung der ersten schwierigen Jahre, ihre erfreulichen Augenblicke, ihre Lichtpunkte gehabt. Dort drüben, jenseits der Grenze, liegen Kindheit, Jugend, liegen die ersten zwanzig Jahre ihrer Ehe mit Heinrich, dem Arzt, der aus Nordmähren in die kleine Landstadt im Süden gekommen war. Sie hat glückliche Jahre erlebt, Freude, aber auch Sorgen genug, zwei Weltkriege, Hungerjahre, zuletzt noch Schrecken und Todesangst. Nein, nicht nur freundlich sind die Erinnerungen an die erste Hälfte ihres Lebens, die mit dem Durchwaten des Grenzbachs im Juni fünfundvierzig abgeschlossen war, sie ist nüchtern genug, das zuzugeben, wehrt sich überhaupt gegen die Verzeichnung der Wirklichkeit, sieht Licht und Schatten in annähernd richtigem Verhältnis zueinander, ist dankbar für die guten Jahre, die sie, nach Überwindung der ersten Not, in der zweiten Hälfte ihres Lebens noch hatte.
Wie sie da steht, auf dem Weg zwischen Weizen und jungen Rüben, sieht die Mutter nicht so aus, als ob sie von furchtbaren Erinnerungen gequält würde. Man hat den Eindruck, daß sie diesen frühen Sommertag genießt, die Sonne, die warm auf die Haut scheint, den Geruch der Kräuter am Wegrand. Erst als Bernhard sich anschickt, auf dem Weg weiter bis zu der Tafel zu gehen, deren Schrift er aus der Entfernung nicht lesen kann, die jedoch offenbar anzeigt, daß hier die Staatsgrenze verläuft, wird sie unruhig, ruft ihm zu, er möge doch stehenbleiben, umkehren, zurückkommen. Ihre Stimme klingt ängstlich, schließlich fast böse, sie beruhigt sich erst wieder, als Bernhard tatsächlich umkehrt und wieder auf uns zukommt. Der Schmerz ist abgeklungen, Schrecken und Angst jedoch blieben unvergessen.
Auf der gefalteten, an der Unterseite mit Leinengewebe beklebten Landkarte, die mir ein alter Mann vererbt hat und auf der die deutschen Ortsnamen noch verzeichnet sind, finde ich, Anna F., die kleine Landstadt südlich von Brünn, die ich mit dem Buchstaben B. bezeichnet habe, um Abstand zum Schauplatz der Kindheit zu gewinnen, zu dem Ort, der auf diese Weise jedoch nicht verschiebbar, austauschbar wird, Distanz auch zu den Bewohnern und ihren Schicksalen.
Nur in diesem scheinbar imaginären Raum ist es mir möglich, mich frei zu bewegen, mich nicht an der Realität zu stoßen, zu verletzen. Ich muß mich, was diesen Ort betrifft, abheben können von der Realität, von der Trauer, von der verletzenden und verletzbaren Wirklichkeit.
B. also, dieser in früher Geschriebenem schon geschilderte Ort, noch einmal, ehe ich ihn für immer verlasse.
B., wie es damals, in jenem früheren Leben des Paares Heinrich und Valerie, gewesen ist, wie es heute nicht mehr existiert, wie es niemals mehr sein wird. B., das Valerie, ihren Eltern, Großeltern, Urgroßeltern HEIMAT gewesen ist, das auch Heinrich, der aus dem nördlichen Teil des Landes Zugewanderte, in sein Heimatbild einbezieht, das er später EINE VERTRÄUMTE KLEINE LANDSTADT nennen wird. B., wo die einzige Tochter des Paares, Anni, geboren worden ist.
Auf alten Postkarten schieben sich Hausdächer zu einem in einen Talkessel gedrängten Häuflein zusammen, Baumkronen füllen vorhandene Zwischenräume, ein spitzer, kupfergedeckter Kirchturm mit Turmknauf und Kreuz, gotisch gewölbten Fenstern und überdachtem Laubengang ragt hoch über dem gotischen Presbyterium und dem darangeschobenen niedrigeren Dach des Kirchenschiffes, das mit glasierten Ziegeln in bunter Musterung gedeckt ist, die hellen römischen Zahlen auf den schwarzen Zifferblättern der Uhr sind deutlich erkennbar. Gegen diesen Kirchturm wirkt der ihm gegenüberliegende Turm des neugotischen Rathauses zierlich und klein.
(Auf älteren Ansichten fehlt dieser Rathausturm, die Kirchturmspitze ragt hoch über ein zwiebelförmiges Dach empor.)
B., in einem nach Südosten geöffneten Tal, nur 193 Meter über dem Meer, von Hügeln mäßiger Höhe umgeben, freundliches Schachbrettmuster vielfarbiger Felder, Weingärten, Obstbaumkronen.
Die Erinnerung nennt einige der Hügel mit Namen, Sonnberg, Altenberg, Stroßberg, Wechselberg, Kreuzberg, fügt die seltsamen Namen BETTLER UND LAUSER hinzu, läßt die Hügel wellig auslaufen, hat noch einen Namen für das niedrige Gebirge bewahrt, das hier in sanften Erhebungen und Mulden endet, nennt diesen Namen: DER STEINITZER WALD. Der Steinitzer Wald gehört zum Massiv des Marsgebirges, das Marsgebirge zieht sich westlich der mährischen Karpaten hin und ist durch die Furche der March von diesem getrennt.
Ein träge strömender Bach durchfließt das Tal, die Stadt, schlängelt sich zwischen Getreide-, Mais- und Rübenfeldern dem bräunlichen Gewässer des Flusses Thaya entgegen, der sich wiederum, nachdem er bei dem Dorf Muschau die vereinigten Flüsse Schwarzach oder Schwarzawa, Zwittach oder Zwittawa, Česava und Iglawa oder Igel aufgenommen hat, in Höhe des österreichischen Städtchens Hohenau in die March ergießt. Es kommt vor, daß der unscheinbare, sonst kaum beachtete Bach, nach starken Gewittern oder Wolkenbrüchen, die in der Gegend häufig sind, anschwillt, den Graben, zwischen dessen Böschungen er an heißen Sommertagen beinahe gänzlich versickert, plötzlich ausfüllt, aus seinen Ufern tritt, die Stadt überschwemmt, Brücken vernichtet, geschichtetes Holz und Ackergerät wegspült, Schweine, Rinder, Pferde, ja sogar Menschen mitreißt, die dann in seinen Fluten umkommen, ertrinken, Keller unbenützbar macht, Weinfässer wegschwemmt, Haus- und Stallmauern unterwäscht und zum Einsturz bringt. Es ist vorgekommen, daß sich die Bewohner von B. vor den Wassermassen auf Hausdächer retten mußten, daß sie gezwungen waren, ihre hölzernen Waschtröge als Fortbewegungsmittel zu benutzen. 1935 ist der Bach zum letztenmal aus den Ufern getreten, Heinrichs Tochter Anni, damals sechs Jahre alt, hat es erlebt.
Nach Brünn, nach Göding, nach Lundenburg, weiter nach Wien führten die Straßen, die B. mit der restlichen Welt verbanden, nicht immer zum Vorteil der Bewohner, die sich vor Schweden, Türken, Ungarn, vor Mongolen und Tataren, vor Preußen und vor den Söldnern der eigenen Kaiser, Könige, Herzoge, aber auch vor furchtbar hausenden Räuberbanden innerhalb ihrer Stadtmauern verstecken mußten. Sie beschossen die verschiedensten Feinde aus den Schießscharten ihrer Wehrmauern, mußten dann aber doch in den meisten Fällen nachgeben und die Tore öffnen, wurden ausgeraubt, geplündert, vergewaltigt, in Sklaverei abgeführt, Männer, Frauen, Kinder, gleich welchen Alters und welchen Geschlechts, mußten zusehen, wie ihre Häuser niedergebrannt, ihre Felder zertrampelt, ihr Hab und Gut gestohlen, ihre Ställe und Scheunen geplündert wurden, konnten sich nur selten und unter größten Opfern loskaufen, vor dem Allerärgsten retten.
Prokop der Kahle mit seinen taboritischen Horden, ungarische Kumanen nach der Schlacht bei Dürnkrut und Jedenspeigen, die Anhänger des gegen Rudolf den Zweiten rebellierenden Stephan Boczkay unter einem Fürsten namens Patschowsky, die Truppen Kaiser Rudolfs und seines Nachfolgers Matthias, Bethlen von Gabors plündernde, mordende, brandschatzende Haufen, Kaiser Ferdinands spanische Söldner, nach deren Abzug es hieß, in Mähren sei »an etlichen Orten weder Hund noch Katz zu finden, es sei alles aufgefressen«, sie alle sind diese Straßen entlanggezogen. Dreimal überfielen die Schweden unter Torstenson die kleine Stadt B., nach ihnen die Türken unter ihrem Großwesir Achmed Kiuprili. Auch jener Postmeister von Brünn, Johann Georg von Metzburg, der sich, weil er der türkischen Sprache mächtig war, als Türke verkleidet, durch die feindlichen Lager schlich, um in Wien Hilfe für seine bedrängte Stadt zu erbitten, wird durch B. gekommen sein, auch die den Türken folgenden kaiserlichen Generäle mit ihren Truppen, die einen so üblen Ruf hatten, daß sich die Einwohner der Dörfer und Städte bei ihrem Herannahen in die Wälder verkrochen, aus denen sie sich lange nicht wieder hervorwagten und von wo aus sie jenen Kometen beobachten konnten, der zu Beginn des Jahres 1664 am Himmel erschien, »in Gestalt eines gehörnten Mondes, einen langen, dreygespitzten Schweif gegen Mitternacht, zwei kleinere gegen Mittag ausstrahlend«, worauf sie das Nahen des Antichrist und den Untergang der Welt erwarteten.
Wer hat behauptet, die Schrecken vergangener Jahrhunderte seien mit jenen unserer Zeit nicht zu vergleichen? In der sehr kleinen Stadt B. erschlugen allein die Soldaten des türkischen Großwesirs mit ihren Krummsäbeln zweihundertvierundsechzig Menschen. Dreihundert Männer, Frauen und Kinder wurden als Sklaven mitgenommen, unter ihnen sollen der Bürgermeister, der Richter, mehrere Ratsherren gewesen sein. Preußische Dragoner unter Friedrich dem Zweiten, österreichische Kürassiere, Spanier, Franzosen, Napoleon. Rote Husaren während der österreichisch-preußischen Kriege, von den 1866 in B. stationierten sechstausend Soldaten der preußischen Armee sollen die Rheinländer und die Westfalen die humansten, bescheidensten und freundlichsten gewesen sein, vor den Brandenburgern, den Pommern und den Schlesiern dagegen habe man sich, wie berichtet wird, zu hüten gehabt.
(Ein von der Obrigkeit ausgesandter Zeichner ist, wie der Chronist festhält, dem Zorn der Bürger von B. nur mit knapper Not entkommen. Er hatte seine Bitte, die Stadt ABREISSEN zu dürfen, auftragsgemäß vorgebracht und war in seiner Absicht mißverstanden worden. Die dennoch im Jahre 1727 angefertigte Zeichnung dürfte von einem der Hügel aus heimlich und ohne Zustimmung des Stadtrates entstanden sein. Sie stellt die von Mauern und Friedhof umgebene Pfarrkirche mit von einer großen und einer darübergesetzten kleineren Zwiebel gekröntem Turm, die große Zwiebel von vier Türmchen gesäumt, in den weiten, von Bürgerhäusern umrandeten Marktplatz hinein, umgibt den Kranz der Häuser mit Mauern, Türmen und Toren, setzt kleinere Häusergruppen vor die Mauern der Stadt in die Felder, zieht zwei Häuserreihen einen steil ansteigenden Hügel aufwärts, weist mit zierlicher Schrift darauf hin, man habe diese, außerhalb der Mauern gelegene Siedlung DAS BÖHMENDORF genannt.
Der Schluß liegt nahe, daß die Stadt selbst zu jener Zeit ausschließlich von Deutschen bewohnt gewesen ist.)
B., ein Ort, zu dem die Gedanken immer wieder zurückkehren, den sie umkreisen. Früher als in anderen Gegenden erntete man das Getreide, die Obstbäume blühten schon im April, auf den Südhängen reifte die Mandel, die Nachtigall schlug IN TAUSEND AKKORDEN.
Der Zwang, diesen Ort nachzuzeichnen, sein sich im Lauf der Jahrhunderte änderndes Bild anhand der Aufzeichnungen von Chronisten zu verfolgen, sich mit seiner Geschichte vertraut zu machen. Lange Vergangenes mit erlebter Gegenwart, die ebenfalls schon längst Vergangenheit geworden ist, in Verbindung zu bringen, ein Ganzes entstehen zu lassen, ein möglichst vollständiges Bild des Ortes zu malen, den man schon einmal verlassen hat, dem man sich noch einmal nähern will, um sich dann endlich für immer von ihm zu entfernen.
DIESE STADT IST ALT, DENN SIE WAR SCHON IM JAHR 893 EIN HALTBARER ORT, schreibt Franz Joseph Schwoy in seiner 1793 publizierten Topographie vom Markgrafthum Mähren, das VOR DEN HUNGARN FLÜCHTIGE HEER DES MÄHRISCHEN KÖNIGS SWATOPLUK habe sich in ihre Mauern gerettet.
Die Chronik hält die erste urkundliche Erwähnung in einem von König Wenzel I. 1240 gefertigten Schreiben fest, die Erhebung zur Stadt durch Kaiser Maximilian II. 1572, erwähnt in Verbindung mit diesem Ereignis das verliehene Recht, MIT ROTEM WACHS ZU SIEGELN, was anderen Städten gegenüber, denen nur MIT GRÜNEM WACHS ZU SIEGELN erlaubt war, eine Erhöhung des Ansehens bedeutet hat. Sie beschreibt, nach Kriegs- und Notzeiten, nach Pest und Cholera, einen aufblühenden, durch große Jahr- und Wochenmärkte, vor allem durch Viehmärkte weithin berühmten Ort, Umschlagplatz für allerlei in Gewerbe und schließlich sich entwickelnder Industrie gefertigte Waren, nennt als wesentlichsten Fehler, der weiterer günstiger Aufwärtsentwicklung hinderlich gewesen sei, den Beschluß, die 1839 von Wien nach Brünn gelegte Bahnlinie nicht durch die Stadt zu führen. Man habe, heißt es, eine Beeinträchtigung der Fuhrwerksunternehmen gefürchtet, kurzsichtig auf die Chance, einen Bahnhof an der Hauptbahnlinie zu besitzen, verzichtet, ein Schaden, der durch die später gebaute Lokalbahn nicht zu beheben gewesen ist.
Denkbar, daß damals, durch diesen Mangel an Weitblick, das Schicksal von B., zur VERTRÄUMTEN KLEINEN LANDSTADT abzusinken, besiegelt worden ist, denn obwohl es noch Höhepunkte in der Entwicklung gab, Zeiten, die zur Hoffnung berechtigten, obwohl B. zum Beispiel frühzeitig eine Poststation erhielt, vorübergehend Sitz eines Divisionskommandos war, sich sogar zur Bezirksstadt emporschwang, war der Abstieg zur Bedeutungslosigkeit der verschlafenen Kleinstadt nicht aufzuhalten. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Herbst 1938 und dem darauf folgenden Anschluß an Deutschland wurden alle wichtigen Ämter in eine Stadt verlegt, die einen Bahnhof im Stadtgebiet besaß.
Ich rufe mir schon Gesagtes ins Gedächtnis zurück, hole es herüber in diese von mir weiterzuerzählende Geschichte, erinnere an die Enttäuschung, die Heinrich, damals neunundzwanzigjährig, erfaßte, als er, aus Wien kommend, an einem vor Hitze flirrenden Junimittag des Jahres 1924, den vor dem gelb gestrichenen, einsam zwischen Mais-, Rüben- und Getreidefeldern träumenden Bahnhofsgebäude haltenden Zug verließ, endlich, nach längerem Zögern, den Wunsch, auf den aus Brünn kommenden Gegenzug zu warten und in die Großstadt zurückzukehren, unterdrückte, sein altes, im Gepäckwagen des Zuges mitgebrachtes Fahrrad bestieg, schließlich in B. eintraf. Ich erinnere daran, daß er, der von einem Leben in Wien geträumt hatte, sich unter dem Zwang der Not, dieser Hungerzeit zwischen den Kriegen, entschlossen hatte, die freigewordene Stelle eines Landarztes anzunehmen, daß ihn, als er auf seinem Fahrrad in die Stadt B. einfuhr, beinahe der Mut verließ, ja daß ihn, angesichts der sich dehnenden, vor allem der mit Rüben bewachsenen Felder, der menschenleeren Gassen, des ebenso leeren Marktplatzes mit Dreifaltigkeitssäule, Sparkasse, Pfarrkirche und neugotischem Rathaus, den gegen die Sonne mit Tüchern verhängten Schaufenstern einer Bata-Filiale eine in Worten schwer zu beschreibende Melancholie überkam. Der Ausspruch eines Mannes, der von ihm damals nach dem Weg gefragt worden ist, wurde von ihm später häufig wiederholt: HIER WERDEN SIE ES NICHT AUSHALTEN, HIER IST DAS ENDE DER WELT.
(Die Erinnerung hält jedoch fest, daß Heinrich in der zweiten Hälfte seines Lebens, die mit dem Durchwaten des Grenzbaches im Juni 1945 begann, der kleinen, in die Hügel gedrängten Stadt B. immer mit Zärtlichkeit, ja mit HEIMWEH gedachte.)
Eine große Anzahl von Fotografien, im Lauf der Jahrzehnte gesammelt, von Freunden, Verwandten, Bekannten geschenkt, überlassen, in Kopien zugeschickt, zeigen, nebeneinandergelegt, die kleine Landstadt B. mit allen wichtigen Gassen, Gebäuden, Wegen, Wegkreuzen, Kapellen, mit Pfarrkirche, Rathaus, Dreifaltigkeitssäule, mit dem Trinkwasserbrunnen im unteren Teil des großen, annähernd quadratischen Platzes. Ein steinerner Poseidon hält eine Amphore auf den Schultern, Wasser plätschert in dünnem Strahl in das steingefaßte Becken, Lindenbäume umgeben ein Steinkreuz neben der Kirche, Johannes von Nepomuk steht auf seinem Postament, die Sparkasse leuchtet mit blinkenden Scheiben, hohe Baumkronen umgeben die alte Schule, Brücken überwölben den Bach, zum kleinen Lokalbahnhof führt eine von hohen Akazien und Kastanienbäumen gesäumte Allee.
Zwischen den schönen Bürgerhäusern, auf den weißen Kopfsteinen aus den Pollauer Bergen, läuft das Kind Anni hin und her, es lehnt sich aus einem Fenster, sieht die Kette der Pollauer Berge sich bläulich vom Himmel abzeichnen, das Gipfelkreuz ist deutlich erkennbar, das Kind drängt sich auf dem in eine Budenstadt verwandelten Stadtplatz zwischen feilschenden Hausfrauen und Händlern durch, steht staunend, mit offenem Mund, vor den Buden mit den Puppen, Stofftieren, Trompeten, sieht ein Äffchen an der Leine tanzen, läuft eine lange Straße entlang, die zum Böhmendorf führt, betritt den Hof der Großeltern Josef und Anna durch ein breites hölzernes Tor. Schneeweiße Gänse schnattern, Milchkannen klappern, Pferde wiehern, die Großmutter, zierlich und klein, rührt im blau gekachelten Herd in großen Kasserollen, der Großvater putzt sein Jagdgewehr, hantiert beim Bienenhaus, das Kind sitzt auf seinem Lieblingsplatz unter dem Maulbeerbaum, hält ein Stückchen blaues Glas vor sein rechtes Auge, kneift das linke Auge zu, träumt, was Kinder aus wasserarmen Gegenden manchmal träumen: DAS MEER. Nur wenig von jenen immer stärker werdenden Spannungen, die damals sogar in der stillen kleinen Landstadt B. zwischen den Einwohnern verschiedener Muttersprache bestanden haben, ist dem Kind Anni zu Bewußtsein gekommen.
(Der Chronist berichtet, daß die vorwiegend deutsche Bevölkerung zu Anfang des Jahrhunderts mit einer tschechischen Minderheit so lange in Frieden zusammenlebte, bis EINIGE HITZKÖPFE PROVOZIEREND DAS FRIEDLICHE ZUSAMMENLEBEN STÖRTEN.
Es habe für die wenigen tschechischen Familien einen Volksrat, eine Sparkasse, ein Vereinshaus gegeben. Erst anläßlich der Eröffnung einer tschechischen Schule im Jahre 1909 sei es zu Reibereien gekommen. Die Regierung habe der Minderheit Schutz gewährt, den Ausnahmezustand verhängt und verstärkten Polizeischutz geboten. Fünfunddreißig Gendarmen hätten eine Art Besatzung gebildet. Die Lage habe sich jedoch in den folgenden Jahren IMMER MEHR ANGESPANNT. Im November 1918 sei B. von einer slowakischen Brigade mit zwei Maschinengewehren besetzt worden, die Besetzung habe sich jedoch IN ALLER RUHE vollzogen. Die Bezirkshauptmannschaft, die Post, die Eisenbahnstation und das Rathaus seien besetzt, das Verbot, andere Farben als die tschechischen zu tragen, sei erlassen worden. Zum erstenmal in der Geschichte der Stadt habe es nacheinander zwei tschechische Bürgermeister gegeben. Zahlreiche tschechische Beamte und Lehrer seien in die Stadt gekommen, die Zahl der Tschechen in der Stadt habe ständig zugenommen. Die deutschen Beamten seien ihrer Posten enthoben, durch tschechische Beamte ersetzt worden.
Wirtschaftlich habe sich die Abtrennung von den ehemaligen Absatzgebieten für landwirtschaftliche Produkte, aber auch für im Gewerbe und in der Industrie hergestellte Waren, bemerkbar gemacht. Die Ziegelwerke seien geschlossen worden. Die drei Mühlen hätten mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Die kleinen Handwerksbetriebe hätten sich zwar als Bedarfsträger des dichtbesiedelten bäuerlichen Umlandes schlecht und recht durchbringen können, die Konkurrenz sei jedoch groß und ungesund gewesen. Die für landwirtschaftliche Produkte gezahlten Preise hätten kaum noch das Notwendigste eingebracht. Ganz besonders hätte der Weinbau unter den herrschenden Verhältnissen gelitten, die Zahl der Weingärten habe sich ständig verringert. Allerdings hätten nicht nur die deutschen, sondern auch die tschechischen Bauern unter der herrschenden Not zu leiden gehabt, unter der furchtbaren Arbeitslosigkeit hätten in südmährischen Industriestädten tschechische und deutsche Einwohner in gleichem Maß gelitten.
Wegen der hohen Kosten habe man erst spät mit der Elektrifizierung der Stadt beginnen können, der Bau einer Wasserleitung stellte sich als finanziell untragbar heraus, an eine Kanalisation war nicht zu denken. Einzig das Baugewerbe blühte, Schulen und Häuser für die neuen tschechischen Beamten wurden gebaut. Für das neu errichtete tschechische Gymnasium habe es zu wenige Schüler gegeben, man habe die Schüler von weither holen müssen.
Die nationalen Spannungen hätten SIEDEHITZE erreicht. Die deutschen Truppen im Herbst 1938 seien deshalb mit Jubel empfangen worden.
Sei bis dahin, seit 1918, von tschechischer Seite eine falsche, die Deutschen benachteiligende Politik betrieben worden, habe in der folgenden Zeit Hitlers Politik, die IN JEDEM SLAWEN EINEN MENSCHEN ZWEITER KLASSE gesehen habe, alle Hoffnungen zunichte gemacht.)
Heinrich, der von einem Leben in der Musik- und Theaterstadt Wien geträumt hatte, blieb in B., eröffnete eine Praxis, nahm zwei Jahre später die Bauerntochter Valerie zur Frau. Er versah seinen Dienst als praktischer Arzt mit immer gleichbleibender Geduld, machte bei seinen Patienten keinen Unterschied, was Sprache oder Religion betraf. Über die Geburt der Tochter soll er sich gefreut haben. Söhne, soll er gesagt haben, seien immer und zu allen Zeiten KANONENFUTTER gewesen.
Am 15. April 1945 wurde die kleine, in die südmährischen Hügel gedrängte Stadt B. vom Krieg überrollt.
SEI FROH, DASS DU ES NICHT ERLEBT HAST, sagt die heute alt gewordene Mutter Valerie.
Sei froh, daß du nicht dabeigewesen bist, sagen Schulfreundinnen der Tochter Anni, die es erlebt haben. ES, DAS FURCHTBARE, DAS UNBESCHREIBLICHE, das auch heute, nach dreieinhalb Jahrzehnten, immer noch nicht erzählbar geworden ist.
Diesmal war die Not mit dem Ende des Krieges nicht vorüber, wie dies in früheren Jahrhunderten meist der Fall gewesen war.
Ich möchte den Weg genau kennen, den Heinrich und Valerie, Vater und Mutter, damals am 16. Juni 1945 hinter Wundrascheks klapprigem Wägelchen gegangen sind, bitte die Mutter, ihn mir zu beschreiben, lege die alte Landkarte auf den Tisch. Auf dieser Karte sind nicht nur die Straßen, es sind auch die allerkleinsten Wege, Feldwege, Hohlwege eingezeichnet, auch die Namen der Hügel, die Bäche, die Wegkreuze, die Obstbaumalleen. Es ist eine Karte, wie man sie heute nicht mehr bekommen kann.
Die Mutter hat eine alte Freundin eingeladen, weil sie nicht sicher ist, ob sie sich noch an Einzelheiten erinnert. Zwei Stunden nach Mitternacht sind sie damals aufgebrochen, der Vater und sie, im Hof ihres Elternhauses haben noch jene drei Erwachsenen und die zwei Kinder gewartet, von denen in diesem Zusammenhang schon die Rede gewesen ist, auf Wundrascheks Wagen sind schon Gepäckstücke gelegen, sie haben ihre beiden Rucksäcke und den Koffer dazugelegt.
(Mehr haben wir nicht mehr gehabt, sagt die Mutter, mehr hat uns nicht mehr gehört.)
Sie haben sich von Valeries Eltern, Josef und Anna, und von Hedwig verabschiedet, sie haben ABSCHIED GENOMMEN, es ist ihnen sehr schwer gefallen, denn, sagt die Mutter, sie haben ja nicht gewußt, ob sie einander noch einmal wiedersehen würden.
Dann sind sie losgezogen, auf jener Straße, über die Heinrich zwanzig Jahre vorher auf seinem alten Fahrrad gekommen war.
Ein Stück vor dem Bahnhof sind sie rechts auf die Straße, die nach dem Ort Tracht führt, abgebogen.
Ja, sagt die Freundin, das stimmt, nur so könnt ihr gegangen sein, verfolgt mit dem Finger den Weg auf der Landkarte, nennt weitere Ortsnamen: Unter-Wisternitz, Ober-Wisternitz, Bergen. Nein, sagt die Mutter, wir sind ÜBER DIE FELDER gegangen. IN TRACHT IST EIN POSTEN GEWESEN. (Vor diesem Posten hätten sie Angst gehabt.) Sei seien nicht bei Unter-Wisternitz über die Thaya gegangen, sie könne sich, sagt die Mutter, überhaupt nicht daran erinnern, die Thaya überquert zu haben.
Man muss über die Thaya, sagt die Freundin, ein längerer Wortwechsel folgt. IHR KÖNNT JA NICHT ÜBER DIE THAYA GESPRUNGEN SEIN! (Auf der Landkarte ist deutlich zu sehen, daß man den Fluß überqueren muß, wenn man zur Grenze will.)
DAS NEUE WIRTSHAUS haben wir nicht gesehen.
(Auch der Feldweg, der nach dem Dorf Unter-Tannowitz führt, ist auf der alten Karte eingezeichnet.)
Von dort weg ist Gertrud, die Arzttochter, die mit Anni das Gymnasium besucht hat, mit ihnen gegangen und hat ihnen den Weg zur Grenze gezeigt.
(Ob sie Angst gehabt hat? Nein, sagt Gertrud heute, damals sei so etwas selbstverständlich gewesen. Sie habe diesen Weg sehr gut gekannt, mehrfach Leute zur Grenze gebracht, auch Soldaten, die sich versteckt hatten. Sie habe Heinrich, Valerie und die anderen, so weit es nötig gewesen sei, begleitet, ihnen dann gezeigt, wo sie den Bahndamm zu überqueren hätten, sei dann wieder umgekehrt. HINTER DEM BAHNDAMM IST DER GRENZBACH GEWESEN.)
2
Hü! rief Wundraschek, und sein Pferd setzte sich in Bewegung.
Die fünf Erwachsenen und die beiden Kinder standen wie verloren neben den Gepäckstücken und blickten dem Wagen nach, der, eine Staubwolke hinter sich herziehend, langsam davonrumpelte, dann bückten sie sich nach ihren Rucksäcken und Koffern und kletterten über den Bahndamm und die Eisenbahnschienen.
Bis zum Bach waren es nur wenige Schritte. Sie durchwateten ihn, die Rucksäcke auf dem Rücken, einer der Männer, der von Valerie R. genannt worden ist, trug die Kinder und das restliche Gepäck ans andere Ufer, sie fanden eine trockene schattige Stelle zwischen den Weidenbüschen, fielen müde ins Gras, redeten nicht, die Kinder weinten leise vor sich hin.
Valerie war es, die sich schließlich bewegte, die Hand ausstreckte, nach Heinrichs Hand griff, nicht nur, weil sie das Gefühl seiner Nähe brauchte, das Gefühl, nicht allein zu sein mit all diesem Jammer, sondern auch, um ihm dieses Gefühl zu vermitteln. Wir leben, wollte sie ihm auf diese Weise sagen, wir sind davongekommen, wir sind nicht verlassen, solange wir einander haben.
Heinrich wandte ihr sein Gesicht zu, nickte zum Zeichen, daß er sie verstanden habe, und sagte leise: Ich habe heute Geburtstag.
Er war an diesem Tag genau fünfzig Jahre alt geworden.
Der Schmerz war beinahe erstickt gewesen von der Müdigkeit des Körpers, jetzt erwachte er, Valerie fühlte, wie er in ihr hochkroch, sie würgte, sie hatte das Gefühl, erbrechen zu müssen, aber es war ihr nicht möglich, aufzustehen, sich aufzuraffen, von diesem Krampf, der ihr den Hals zuschnürte, zu befreien. Sie ließ Heinrichs Hand los, drückte das Gesicht ins Gras, wartete auf das Nachlassen des Krampfes, auf das Abklingen der durch den wiedererwachten Schmerz hervorgerufenen Übelkeit, wartete auf Tränen, die nicht kamen. So muß sie längere Zeit gelegen sein, beinahe bewußtlos vor Erschöpfung, vielleicht sind es die Stimmen der Kinder gewesen, die sie schließlich zurückholten, vielleicht war es auch nur der Durst, den sie beim Nachlassen der Verkrampfung, des Ekels, zu spüren begann, der sie dazu brachte, sich aufzurichten. Sie griff nach ihrer Handtasche, holte die kleine Sliwowitzflasche hervor, die Wundraschek zur Hälfte leergetrunken hatte (sogar das bißchen Sliwowitz hat er uns weggetrunken), wandte sich an Heinrich und sagte leise: Gib mir den Becher.
Heinrich hatte seit seiner Gymnasialzeit eine Vorliebe für Becher gehabt, die man in der Tasche tragen konnte. Er griff in seine Rocktasche, holte eine kleine, flache Aluminiumschachtel hervor, Valerie öffnete sie, faßte von den darin konzentrisch ineinandergelegten Ringen aus dünnem Aluminium den größten, hob ihn aus der Schachtel, die übrigen, ineinanderpassenden Teile und der in der Mitte liegende kleine Boden formten sich zum Trinkgefäß. Sie ging damit zum Bach, füllte es zu zwei Dritteln mit Wasser, goß etwas von dem Schnaps hinein und trank. Dann füllte sie den Becher wieder, kam damit zu den auf dem Grasplatz Liegenden, reichte ihn der Frau.
Sie tranken alle von dem mit dem Schnaps gemischten Bachwasser, auch die Kinder tranken davon. (Wir sind nicht krank davon geworden, sagt die Mutter, es ist ein sehr starker Schnaps gewesen, er hat das Wasser wahrscheinlich desinfiziert.)
Nachdem sie getrunken hatten, kramten sie hervor, was sie an Eßbarem hatten. Ein Stück Brot, ein Stückchen Speck, dann suchte jeder für sich eine Stelle am Bach, wo er sich, ungesehen von den anderen seiner Kleidung entledigen und waschen konnte.
Dann saßen sie wieder unschlüssig im Gras, konnten sich nicht dazu aufraffen, aufzustehen und weiterzugehen. Während des ganzen, mehr als zwanzig Kilometer langen Fußmarsches hatten sie Angst gehabt. Es war eine Folge dieser Angst gewesen, daß sie, trotzdem sie Papiere mit der amtlichen Bewilligung zum Grenzübertritt in der Tasche trugen, nicht den offiziellen Grenzübergang gewählt, sondern heimlich den Grenzbach und seine sumpfigen Ufer durchwatet hatten. Jetzt, da sie die Landesgrenze im Rücken wußten, hätte es eigentlich keinen Grund mehr zur Furcht gegeben. Trotz dieser Gewißheit jedoch, trotz des befreienden Gefühls, ENDLICH AUF ÖSTERREICHISCHEM GEBIET zu sein, wurden sie diese Angst nicht los, sie hatten sich zu sehr an sie gewöhnt.
Dazu, sagt die Mutter, sei dieses schreckliche Gefühl gekommen, ZUM BETTLER geworden zu sein, von Haus zu Haus gehen, um ein vorübergehendes Obdach, um etwas Nahrung bitten zu müssen. Ihr Ziel sei ja Wien gewesen, dort hätte jeder von ihnen Verwandte, wenigstens Bekannte aus besseren Tagen gehabt.
Aber bis Wien sei es noch weit gewesen.
Schließlich habe sich ein Bauernwagen auf sie zubewegt, ein Bauer aus dem nächstgelegenen Dorf sei unterwegs gewesen, um Klee zu holen. Heinrich hat die Begegnung mit dem Bauern in einem Notizbuch beschrieben: ER ERKLÄRTE SICH DAZU BEREIT, UNS BEI SICH AUFZUNEHMEN, VORSICHT SEI ABER GEBOTEN, DA IM DORF DIE RUSSEN SEIEN. ER WÜRDE JETZT NACH HAUSE FAHREN, DEN KLEE ABLADEN UND NOCHMALS ZURÜCKKOMMEN. DANN SOLLTEN WIR UNSER GEPÄCK AUF DEN WAGEN GEBEN, ER WÜRDE KLEE DARÜBER BREITEN UND ZU SEINEM HOF FAHREN. WIR SOLLTEN IHM IN GRÖSSEREM ABSTAND FOLGEN. SO GESCHAH ES DANN AUCH.
Heinrich, an Wundrascheks Entlohnung denkend, bot dem Bauern das einzige Stück von einigem Wert an, das Valerie gewagt hatte, in ihrer Handtasche mitzunehmen, eine silberne Puderdose. Der Bauer wies die angebotene Gabe zurück, er wollte für seine Hilfe keinen Lohn. (Das werde ich nie vergessen, sagt die Mutter.)
Sie trotteten hinter dem Kleewagen nach, jenen Feldweg entlang, der sich, hellbraun, mit einem Stich ins Graue, zwei Fahrspuren, in der Mitte eine mit Erdstaub bedeckte Rinne, vom Grenzbach weg, zwischen Weizen- und Rübenfeldern, in Richtung des Dorfes Ottenthal im niederösterreichischen Weinviertel hinzog. (Es ist der gleiche Feldweg gewesen, den ich, Anna, auf der im Juni des Jahres 1981 entstandenen Farbfotografie wiederfinde.)
ES SIND GUTE LEUTE GEWESEN, sagt die Mutter.
Die Bäuerin schlug Eier in eine Pfanne, gab ihnen ein Stück Brot dazu. Die Männer durften in der Scheune schlafen, Frauen und Kindern wurden zwei aneinandergeschobene Betten als Nachtlager angewiesen. Ob es ihnen etwas ausmache, daß in dem Bettzeug die Russen geschlafen hätten? Nein, es machte ihnen nichts aus.
Sie blieben mehrere Tage, arbeiteten auf den Feldern, wurden dafür, soweit dies möglich war, mit Nahrung belohnt.
Heinrich operierte eine Frau, die einen Abszeß im Hals hatte, mit seinem Taschenmesser. Der für den Ort zuständige Arzt war vor der heranrückenden Front in den Westen geflüchtet.
Vielleicht hätten sie bleiben können, da der Ort ohne ärztliche Versorgung war, aber sie entschlossen sich weiterzuziehen. Ihr Gepäck ließen sie zurück. Sie gingen nach Mistelbach, übernachteten in einem Zimmer des Krankenhauses, wurden von dem für das Gebiet verantwortlichen ärztlichen Leiter nach Stronsdorf verwiesen.
Auf der Landkarte, die vor mir auf dem Schreibtisch liegt, sind die Entfernungen zwischen den an der Hauptstraße gelegenen Orten angegeben. Auch wenn ich die Möglichkeit von Abkürzungen über Feldwege in Erwägung ziehe, ist für den Weg von Ottenthal nach dem Städtchen Mistelbach eine Entfernung von rund dreißig Kilometern anzunehmen, von dort über Eichenbrunn nach Stronsdorf werden es wieder etwa fünfundzwanzig Kilometer gewesen sein. DAS ALLES ZU FUSS, sagt die Mutter.
Sie gingen hügelauf, hügelab, zwischen Feldern, an kleinen Wäldchen vorbei, an Obstbäumen, die vom Wind alle in die gleiche Richtung gezaust waren.
In Stronsdorf sei DER GANZE PLATZ VOLLER RUSSEN gewesen. Hier bleibe ich nicht, sagte Valerie.
(Der Marktplatz von Stronsdorf, auf dem die vielen russischen Soldaten gelagert haben, ist auf mehreren, im Juni 1981 entstandenen Fotografien zu sehen. Es ist ein großer, kahl wirkender, heute beinahe zur Gänze asphaltierter oder betonierter Platz, von niedrigen Häusern gesäumt, die eine Seite abgeschlossen durch einen Gasthof mit glatt verputzter Fassade, auf der anderen Seite eine Mariensäule, umgeben von Grün. Schwierig, sich vorzustellen, wie dieser heute friedlich wirkende Platz damals ausgesehen hat, nicht schwierig, die Angst nachzuempfinden, die Valerie beim Anblick der vielen russischen Soldaten überkam, ihre entschiedene Weigerung, in das heute noch unveränderte Arzthaus einzuziehen, obwohl ihr das angeboten worden ist.
Auch dieser Arzt war geflüchtet, auch die Bewohner von Stronsdorf waren ohne ärztliche Betreuung geblieben. Zwei alte Frauen, auf dem Weg zur Andacht in die wuchtige Pfarrkirche, zu der mehrere Steinstufen hinaufführen, erinnern sich: Ja, damals sei es furchtbar gewesen. Sie seien mit ihren Kindern alle UNTER DER KIRCHE gewesen. Nein, nicht möglich, das zu vergessen. Aber man habe es ja überstanden. Gott sei Dank.)
Heinrich und Valerie waren von dem ärztlichen Leiter des Mistelbacher Krankenhauses an eine bestimmte Adresse verwiesen worden, hatten das Haus gefunden, an die Tür geklopft, warteten. Endlich wurde die Tür einen Spaltbreit geöffnet, sie wurden nach ihren Wünschen gefragt. Heinrich nannte den Namen des Arztes in Mistelbach. Längeres Zögern, schließlich schob eine Hand die Sicherheitskette zurück, eine alte Frau öffnete die Tür, bat einzutreten, schloß sofort wieder ab, legte die Kette vor. (Man habe erkennen können, daß die Bewohner des Ortes in ständiger Angst gewesen seien.)
Sie wurden in ein Zimmer mit alten Möbeln geführt, mit Tee bewirtet, durften sich ausruhen, ein wenig schlafen, wurden dann an den Bürgermeister verwiesen, dort freundlich aufgenommen, zum Haus des Arztes gebracht. Obwohl das Haus zur Gänze eingerichtet, alles Notwendige vorhanden war, obwohl sie von der Frau des geflüchteten Arztes gebeten wurden, zu bleiben, beharrte Valerie auf ihrer Weigerung.
Hier bleibe sie nicht einen Tag länger, sagte sie.
Zurück nach Mistelbach, sagt die Mutter, sie seien an einer Schlucht vorbeigekommen, seien so erschöpft, so mutlos, traurig gewesen, daß sie nahe daran gewesen seien, in die Schlucht zu springen.
SPRINGEN WIR, soll der Vater gesagt haben. Da habe ihn Valerie an die Tochter Anni erinnert, die vielleicht noch am Leben sei. Daraufhin hätten sie einander an der Hand genommen und seien weitergegangen. Unterwegs habe ein russisches Lastauto angehalten, der Fahrer habe sie bis knapp vor Mistelbach mitgenommen. Das Lastauto habe junge Zwiebeln geladen gehabt, ihr Kleid und ihre Unterwäsche, sagt die Mutter, seien ganz grün von den Zwiebeln gewesen.
In Mistelbach habe man ihnen einen anderen Ort genannt, dessen Arzt ebenfalls geflüchtet war, sie gingen weiter bis dorthin, es waren nur wenige Kilometer, sie seien es schon so gewöhnt gewesen, zu gehen und zu gehen, im Traum, sagt die Mutter, habe sie noch ihre Füße bewegt.
Ich, Anna, suche das Dorf W. südlich von Mistelbach auf der Landkarte, in dem sie schließlich für längere Zeit geblieben sind. Die Frau eines Schusters nahm sie auf, sie lebte mit ihrer Schwiegermutter, Frau O., im gemeinsamen Haushalt, der Schuster war noch nicht wieder heimgekehrt, man hatte keine Nachricht von ihm, sein letzter Feldpostbrief war aus Rußland gekommen.
Man wies ihnen ein Zimmer zu, zwei Betten, ein kleiner Tisch, zwei Stühle, ein Heiligenbild.
Heinrich hatte sechs, mehrere Kilometer voneinander entfernt liegende Dörfer zu betreuen, er hat die Namen in seinem Notizbuch notiert.
Ich stelle mir vor, wie er, mager, mittelgroß und schwächlich, mit ständig schmerzenden Magengeschwüren, bei Tag und Nacht zu seinen Kranken unterwegs gewesen ist. Nicht einmal ein altes Fahrrad hatte er, wie er es damals am Anfang in B. besessen hatte, nur wenige Medikamente, die er aus dem Mistelbacher Krankenhaus bezog, kaum Instrumente. Mit unzureichenden Mitteln kämpfte er ununterbrochen gegen Seuchen, Infektionskrankheiten, Geschlechtskrankheiten an. STÄNDIG WAREN FLÜCHTLINGE, VERTRIEBENE AUF DEN STRASSEN UNTERWEGS!
(Flüchtlinge, Vertriebene überall, an den Straßenrändern kauernd, auf den Feldern liegend, ein Mann, der zu dieser Zeit nach Wien gegangen ist, beschreibt sie, WIE SCHAFE zusammengedrängt, oder WIE KRÄHEN auf abgemähten Getreidefeldern hockend, Hunderte, TAUSENDE Menschen, vor allem Frauen, alte Leute, Kinder, Tausende auch auf dem Überschwemmungsgebiet an der Donau bei Wien, schon im Stadtgebiet. Alte Frauen hätten sich, auf diesen Feldern und Wiesenflächen sitzend, ihre Röcke gegen den Regen über den Kopf gezogen, als wollten sie nichts mehr von all dem sehen, was um sie herum vorging, was sich ereignete. In Wien übernachteten sie in Hausfluren, irgendwo unter freiem Himmel, neunhundert Vertriebene aus der Gegend von Pilsen lagerten, nachdem sie über drei Wochen von Preßburg nach Wien zu Fuß gegangen waren, einen Tag und eine Nacht lang auf dem Wiener Heldenplatz.)
Im leerstehenden Haus des aus W. geflüchteten Arztes hatte man Vertriebene untergebracht, die an Ruhr erkrankt waren.
DU KANNST DIR DAS NICHT VORSTELLEN, sagt die Mutter, wie das ausgesehen hat, wie fürchterlich das gewesen ist. Die Kranken sind in den Zimmern auf dem Fußboden gelegen, der Kot ist über die Treppe heruntergeronnen. Viele sind gestorben. EIN WUNDER, DASS WIR NICHT KRANK GEWORDEN SIND.
An einem einzigen Tag dreißig an Typhus Erkrankte in den umliegenden Dörfern, Heinrich hat es in seinem Notizbuch aufgeschrieben. Er eilte, unterernährt, geschwächt, selbst von Schmerzen geplagt, ununterbrochen auf den Feldwegen zwischen den Dörfern hin und her. Man bezahlte ihn mit einem Löffel Schmalz, mit einem Mittagessen am Familientisch, mit einigen Kartoffeln, einem Ei.
Bilder: Ein russischer Lastwagen hält vor dem Haus des Schusters, der Lastwagen hat geschlachtete Kühe geladen, der Fahrer, ein Russe, steigt aus, klopft an die Haustür. Valerie will nicht öffnen, der Russe gibt nicht nach, klopft immer wieder, will den Doktor sprechen, verlangt ein bestimmtes Medikament.
Schließlich öffnet Valerie, sieht das Fleisch auf dem Lastwagen. Sie habe, sagt die Mutter, EINE IDEE GEHABT. Als der Russe seine Forderung nach dem Medikament wiederholt, zeigt Valerie auf den Wagen, erklärt, sie würde das Medikament geben, wenn sie dafür Fleisch bekäme.
Der Russe verlangt ein Beil, Valerie holt die große Holzhacke der Frau O., der Russe steigt auf den Wagen, hackt die Hälfte einer halben Kuh ab, wirft sie vom Wagen herunter, steigt ab, schleppt das Fleisch an Valerie vorbei in den Hausflur hinein, Valerie bezahlt mit dem gewünschten Medikament.
Sie hat Mut gehabt, immer schon, sie hat es mehrfach bewiesen.
Die alte Frau O. allerdings, sagt die Mutter, die eben, als dieser Handel vollzogen wurde, aus der Kirche kam, aus dem SEGEN, habe ihr Vorwürfe gemacht. MIT EINEM RUSSEN, habe sie gesagt, das Wort RUSSEN dabei betont, sie bringe ja das ganze Dorf in Verruf.
ABER DAS FLEISCH UND DIE SUPPE HABEN IHR GESCHMECKT, sagt die Mutter. Das Beil allerdings habe von dem Zerhacken der Knochen Scharten bekommen.
Ein andermal habe sie einem russischen Soldaten die Hand verbunden, ja, sie habe Angst gehabt, sie sei allein im Haus gewesen. Der Soldat habe sich bedankt, sei nach etwa einer Stunde wiedergekommen, habe ein seidenes, an den Enden zusammengeknotetes Tuch in der Hand getragen, ihr überreicht, das Tuch sei mit Kristallzucker gefüllt gewesen.
Die Russen im Weingebiet, sagt die Mutter, ein Kapitel, das noch niemand geschrieben hat, das von jemandem geschrieben werden muß, der es selbst erlebt hat, der dabeigewesen ist. Die Wahrheit wird in den Geschichtsbüchern zu nüchternen Zahlen schrumpfen, NIEMAND WIRD SICH DIE WAHRHEIT, WIE SIE GEWESEN IST, VORSTELLEN KÖNNEN.
Hin und wieder kann man davon erzählen hören, von den Einheimischen, die sich daran erinnern. Wie die Soldaten zum Beispiel in die Weinkeller eingedrungen sind, in die Fässer geschossen haben, dann bis zu den Knöcheln im Wein gestanden sind. Wie sie, berauscht von diesem Wein, alles, was Röcke getragen hat, aus Häusern, Kellern, Verstecken gezerrt haben. Wie sie nachts an die Haustore geschlagen, nach Frauen gerufen haben, wie die Frauen aus den Betten gesprungen, über die Höfe geschlichen, durch Zaunlücken geschlüpft sind, wie sie tagelang hinter Dachbalken gehockt sind, vor die man altes Gerümpel geschoben hatte, oder in leeren Selchkammern oder in Heuhaufen, manche sind von ihren Angehörigen sogar in Misthaufen vergraben worden, wie sie nicht zu atmen gewagt haben, wenn sie fremde Stimmen hörten, wenn sich etwas in ihrer Nähe bewegt hat. Wie nachts, heimlich, jemand von den Verwandten gekommen ist, Essen und Getränk gebracht, den Kübel ausgeleert hat. Das erzählen die Frauen manchmal, in kurzen, abgerissenen Sätzen, sie wollen nicht daran erinnert werden, nicht daran, wie sie zu den Ärzten und in die Spitäler gegangen sind, weil sie sich gefürchtet haben, angesteckt zu sein, was auch viele gewesen sind, wie sie ungewünschte Kinder abgetrieben haben, vor denen sie sich ekelten, die sie nicht zur Welt bringen wollten, wie sie NICHT MEHR WEITERLEBEN wollten, dann doch weitergelebt haben.
Wenn sie erzählen, schildern sie ihre Verstecke, berichten, was ihnen selbst widerfahren ist, in der dritten Person, versichern meist ungefragt, sie selbst seien von all dem nicht betroffen gewesen, ihnen sei nichts geschehen.
Uhren hätten sie gesammelt, die Russen, GANZ WILD seien sie auf Uhren gewesen. Manche hätten den ganzen Arm voller Uhren gehabt, vom Handgelenk bis zum Ellenbogen hinauf.
Zum Beispiel seien Russen einmal in ein Spital eingedrungen, hätten den Leuten die Uhren weggenommen, der letzte, ein ganz junger Bursche, der keine Uhr mehr erbeutet hatte, habe vor Zorn und Enttäuschung geweint. (Uhrenwitze werden erzählt: Wie ein Russe mit einem Wecker zu einem Uhrmacher kommt, ihn bittet, aus dem Wecker zwei kleinere Uhren zu machen.)
Und die Fahrräder, ja, wenn ein Russe jemanden mit einem Fahrrad auf der Straße gesehen habe, dann habe er es ihm sofort weggenommen. Obwohl sie angeblich meist gar nicht radfahren konnten. Defekte Räder hätten sie einfach weggeworfen. Überall an den Straßenrändern seien kaputte Fahrräder gelegen.
Man kann aber auch anderes hören, zum Beispiel, wie Russen plötzlich in einer Küche standen, der zitternden Hausfrau Hühner überreichten, sie aufforderten, Suppe zu kochen. Wie sie dann, wenn die Suppe fertig war, die Hausbewohner zum Mitessen aufforderten, die Hausfrau MAMA oder Mamitschka nannten, Kinder streichelten, von ihren eigenen Frauen, Müttern, Kindern erzählten, jedenfalls zu erzählen versuchten. Wie sie, wenn man ihnen einen kleinen Dienst erwies, etwa einen im Straßenkot festgefahrenen Wagen anschob, bereitwillig in die Hosentasche griffen, in Zeitungspapier gewickelten Tabak hervorholten, davon an die Männer verteilten. Wie sie ihre Lastwagen anhielten, wenn Fußgänger auf der Straße winkten, diese Fußgänger auf ihre Wagen aufsteigen ließen, dafür keinerlei Lohn verlangten, während die österreichischen Chauffeure meist Lebensmittel, Brot, Speck oder hohe Geldbeträge forderten. (Beschwerden dieser Art sind in Lokalblättern nachzulesen. So beklagt sich zum Beispiel ein Leser in einer Waldviertler Zeitung darüber, daß er IN DIESER ZEIT DER ZUGSBESCHRÄNKUNGEN gezwungen gewesen sei, auf der Landstraße Autos anzuhalten, um zu einer dringenden Konferenz nach Wien zu kommen. In St. Pölten sei ein russischer Posten gestanden, mit dem Auftrag, DEN VERKEHR DAHIN ZU REGELN, DASS AUTOS, DIE WENIGER BELADEN SIND, PASSAGIERE MITNEHMEN MÜSSEN.
Die Autofahrer, die sich auf diese Weise um den schon üblichen Fuhrlohn geprellt sahen, debattierten lange mit diesem Posten, dieser ließ sich jedoch nicht überreden, auch in seinem Fall, schreibt der Mann, sei es so gewesen, der Posten habe den Chauffeur eines Wagens gezwungen, ihn und noch andere Wartende auf seinen Lastwagen aufsteigen zu lassen. KURZ WAR ABER DIE FREUDE, DENN DER MANN SCHÜTTELTE UNS ALLE BEI KAPELLN AUF OFFENER LANDSTRASSE WIEDER AB. Er sei mit den anderen auf der Landstraße gestanden, auch Kinder seien dabeigewesen, ein Russenauto habe sie schließlich mitgenommen.)
Der Dechant von Poysdorf erzählt, wie in einer stürmischen Nacht im Spätfrühling 1945 an das Tor des Pfarrhauses geschlagen worden sei, wie er erschrokken gelaufen sei, um zu öffnen. (Poysdorf, der an der Grenze gelegene Weinort, sei mit Flüchtlingen überfüllt gewesen. Keine Kammer, kein Winkel, keine Scheune, die nicht mit Flüchtlingen VOLLGESTOPFT gewesen wären.) Draußen sei ein Russe gestanden, eine greise Frau auf dem Rücken. Etwa eine Stunde später sei er noch einmal gekommen, habe eine zweite alte Frau gebracht. Keuchend unter der Last sei er vor dem Tor des Pfarrhauses gestanden, habe nur abgewinkt, als man ihm danken wollte.
ER WAR EIN EINFACHER MANN, schreibt der Pfarrer, ER VERSTAND NICHT, DASS MAN IHM FÜR DIE HILFE DANKEN WOLLTE.
MAN MUSS IMMER DEN EINZELNEN MENSCHEN SEHEN, sagt die Mutter, immer und überall kommt es auf den einzelnen Menschen an.
Ein Eßlöffel Schmalz, ein paar Deka Mehl, ein seidenes Trachtentuch, das mit Zucker gefüllt war, einige Kartoffeln, die Heinrich heimbrachte. Wenn Valerie, nach langem Anstellen, jene Lebensmittel, die in den Zeitungen aufgerufen worden waren, ihre fünf Deka Kaffee-Ersatz, ihr Viertelkilo Brot, ihr winziges Stückchen Butter oder Fett in der Tasche hatte, wenn diese Butter nicht durch KERNFETT ersetzt worden war, dann bedeutete dies einen Anlaß zur Freude. Neunhundert Kalorien pro Tag und Normalverbraucher, das war zum Leben zuwenig, zum Sterben in manchen Fällen nicht zuviel. Kinder und alte Leute fielen auf den Straßen vor Schwäche um, eine ungewöhnlich starke Fliegenplage trug zur Verbreitung der Seuchen bei, in den Spitälern gab es zu wenige Betten, auch die als Notspitäler eingerichteten Baracken und Schulen reichten nicht aus, es gab zu wenige Krankenwagen, einige standen ohne Reifen in Schuppen, die Reifen waren gestohlen worden, neue Reifen waren nicht aufzutreiben. Am 22. August wurde die UNRRA-Hilfe für Österreich beschlossen. Untertänig und herzlich bedankte sich die österreichische Regierung. Schon in normalen Friedenszeiten, schrieben die Zeitungen, sei Österreich außerstande gewesen, sich selbst zu ernähren, geschweige denn nach den Zerstörungen und Verwüstungen des Krieges.
(Fast ein Jahr später, am 23. Juni 1946, würde sich der Bürgermeister der Stadt Wien trotzdem mit dem Hilferuf WIR KÖNNEN NICHT WEITER! an die UNRRA wenden müssen.)
Die Erinnerung hat festgehalten, daß in der kleinen Stadt B., die von Heinrich wiederholt EINE VERTRÄUMTE KLEINE LANDSTADT genannt worden ist, das trotz der vorgeschriebenen Ablieferung in großen Mengen vorhandene Obst, Kirschen, Marillen, Pfirsiche, an Besucher aus der nahen Stadt Wien verschenkt, in vielen Fällen jedoch auch verkauft worden ist. Was den Verkauf von Gänsen angeht, die es, vor allem in den umliegenden Dörfern, immer noch gab, hat die Erinnerung sogar Zahlen anzubieten: hundert bis hundertfünfzig Reichsmark für eine Gans, es kann auch mehr gewesen sein.
Jetzt galten andere Preise.
Ein paar Eier und ein halber Sack Kartoffeln für ein Klavier, sagt Bernhard, in einem burgenländischen Dorf, er sei selbst dabeigewesen, als der Handel vollzogen wurde. Ein STINGL-FLÜGEL, sagt er, und in der Familie des Bauern, der ihn eingehandelt hatte, hätte kein Familienmitglied jemals vorher die Tasten eines Klaviers AUCH NUR VON WEITEM gesehen.
Pelzmäntel für einen Sack Kartoffeln, glücklich, wer Stoffe, Pullover, Strickwesten anzubieten hatte, wem die Bomben während der allerletzten Kriegsmonate nicht noch die Kristallschüssel, die Teekanne aus Meißen, das kostbare Speiseservice zertrümmert hatten. Glücklich, wer noch besaß, was von einigem Wert war, Kleider, Schuhe, Seidenstrümpfe, den Sonntagsanzug des gefallenen Bruders, Ehemannes, die goldene Taschenuhr des Vaters, die eigene Firmungsuhr.
Strafandrohungen, Aufrufe an die Bevölkerung, sich diszipliniert zu verhalten, der Beschluß, Schieber und Schwarzhändler mit astronomischen Geldstrafen, sogar mit Gefängnisstrafen bis zu fünf Jahren zu ahnden, ihre Namen öffentlich in den Zeitungen zu nennen, anzuprangern, Straßenkontrollen. Gegen den furchtbaren, Gesundheit und Leben bedrohenden Hunger nützte dies alles nichts.
Bernhard erzählt Geschichten: Wie sie immer wieder ins Burgenland gefahren sind, der Vater und er, wie sie alles eintauschten, was tauschbar gewesen sei. Einmal sei auch seine Tante Gusti mitgefahren, sie hätten alles mitgenommen, was daheim an entbehrlichen Wollsachen zu finden gewesen sei, sie hätten dafür einen Korb Marillen, Kartoffeln, sogar zwei Gänse eingehandelt. Wie die Tante Gusti auf der Rückfahrt (hundert Kilometer hin, noch einmal hundert zurück!) vor Müdigkeit beinahe vom Fahrrad gefallen sei, wie sie, knapp vor der Stadtgrenze, von einer Polizeistreife angehalten worden seien, wie man ihnen alles wieder weggenommen habe. Die Tante habe nicht aufhören können, vor Zorn und Enttäuschung zu weinen.
Was man für Feuersteine alles bekommen hat.
Wie kostbar eine einzige Rasierklinge gewesen ist.
Und Salz habe es auch keines gegeben.
DER GOLDENE WESTEN, sagten die Leute, wenn sie von den amerikanisch besetzten Bundesländern, vor allem von Oberösterreich, sprachen. Dort gab es zum Beispiel Salz genug, lange Verhandlungen mit den Besatzungsmächten waren nötig, um die Bewilligung zu erhalten, in gewissen Abständen einen SALZZUG nach Wien bringen zu dürfen. Immer wieder wurden die Bauern ermahnt, die landwirtschaftlichen Produkte ordnungsgemäß abzuliefern.
JEDER LITER MILCH MUSS IN DIE MOLKEREI.
Selbst die Kaiserin Maria Theresia wurde zitiert: IN DER PFLICHTERFÜLLUNG LIEGT DAS GLÜCK!
SCHÖNE STARKE EICHEN SIND GEGEN SCHWEINDL EINZUTAUSCHEN, las Valerie in der Lokalzeitung, einem dünnen Blättchen, das in der Hauptsache aus Tauschanzeigen bestand, sie hoffte, unter den eingeschobenen Suchmeldungen den Namen eines ihrer vermißten Angehörigen zu entdecken. GEBE EHEBETTEN FÜR GUTE HERRENSTOFFHOSE, TAUSCHE SPRUNGEBER GEGEN STEIRERWAGERL.
Man bot Wein für Kleeheu, Kinderwagen für Hobelbänke, eine Melkkuh für ein Ackerpferd, das den Pflug über die verwüsteten Felder ziehen konnte. Die Gemeinde Pullendorf suchte ihre während der Kriegshandlungen abhanden gekommene Feuerspritze.
Valerie hatte nichts, was eintauschbar gewesen wäre, in zwei Rucksäcken und einem Koffer hat nichts Überflüssiges Platz, sie besaß keine Schweine oder Ackerpferde, sie brauchte kein Eichenholz. Aber wäre es nicht möglich gewesen, daß jemand, der über den Aufenthaltsort ihrer Tochter, ihres verschollenen Schwagers Richard, über den Fluchtweg anderer naher Verwandter, Bekannter, Freunde Bescheid geben konnte, auf dem Weg über den Annoncenteil einer Zeitung nach ihr und Heinrich suchte? In solchen Zeiten klammert man sich an Strohhalme, sagt die Mutter.
Zur Pflichterfüllung im Sinne Maria Theresias mußte Heinrich nicht ermahnt werden, er tat in jenen Monaten mehr, als seine Pflicht gewesen wäre. Ob das den Leuten, die er betreute, wenn sie ihn brauchten, aufgefallen ist?
Eines Tages gab es für die Bewohner von W. Sonderrationen an Zucker, irgendwo war ein Lagerraum entdeckt worden, man brach ihn auf, der Zucker wurde verteilt. Als Valerie sich auch etwas davon holen wollte, schickte man sie mit der Bemerkung weg, für Flüchtlinge gäbe es nichts. Valerie kam weinend nach Hause.
Ein andermal, als in einer Nachbargemeinde Kirtag gefeiert wurde, lud ein Patient den Doktor und seine Frau zum Essen ein, bewirtete sie und blies zum Dank für sie auf seiner Trompete. Heinrich schrieb in sein Notizbuch: DER HAUSHERR GAB FÜR UNS EIN TROMPETENKONZERT! Auch damals hat Valerie geweint.
Schwere Zeiten für alle, die es nicht verstanden, Kapital aus der Not zu schlagen. Sehr schwere Zeiten für Heinrich und Valerie.
IRGENDWIE HABEN WIR UNS DURCHGEBRACHT.
Ihr größter Kummer sei es gewesen, daß sie nicht wußten, ob ihr einziges Kind, die Tochter Anni, am Leben geblieben sei.
3
Es scheint notwendig, die Spur der knapp vor dem Ende des Krieges eben sechzehn Jahre alt gewordenen Anni zu verfolgen, die in B. bleiben, in einem Keller über die erste, turbulente Zeit des zu erwartenden Fronteinbruchs, des erhofften und zugleich gefürchteten Kriegsendes versteckt werden sollte, mit dieser Entscheidung ihrer Eltern einverstanden war, die dann aber doch, im April, in einen der allerletzten, mit Menschen vollgestopften, mit Menschen behangenen, nach Westen fahrenden Züge gepreßt, ins Ungewisse, das Rettung, aber auch Tod bedeuten konnte, davongefahren ist.
Christian, der Freund, zwei Jahre älter als Anni und schon Soldat, hatte darauf bestanden, daß man sie wegschickte. Die Erinnerung hat Bilder aus diesen Tagen bewahrt, sie stellt Christian wieder an die Tür, die in Heinrichs und Valeries Wohnzimmer führt, läßt aus dem Radioapparat Wehrmachtsberichte und Sondermeldungen tönen, läßt Christian aufgeregt auf Heinrich und Valerie einreden, die ihn ratlos anstarren. Sie läßt die blassen Lichtkreise zweier vorschriftsmäßig abgedunkelter Fahrradlampen sich auf dem Granitsteinpflaster der Straße berühren, überschneiden, wieder voneinander entfernen. Christian und Anni sind auf ihren Fahrrädern zum mehrere Kilometer weit außerhalb der Stadt entfernten Bahnhof unterwegs. Dieses Bild der beiden blassen Lichtkreise auf dem Straßenpflaster hat das Gedächtnis festgehalten, während es den eigentlichen Zweck dieser Fahrt nicht mehr preisgibt. Sicher ist, daß sie im Zusammenhang mit Annis nun beschlossener und bevorstehender Abreise unternommen worden ist.
Einzeln, wie Szenenausschnitte aus einem Theaterstück, lassen sich diese Bilder beschwören, wie übriggebliebene Teile eines zerrissenen Films, was dazwischen geschah, ist verlorengegangen.
Anni und Christian sitzen im Zug, sie fahren aus der Kreisstadt zurück nach B. oder vielmehr zum Hauptbahnhof von B., wo sie ihre Fahrräder wieder vorfinden und auf ihnen in die Stadt zurückkehren werden. Wahrscheinlich hat Anni bei einem der zuständigen Ämter gegen Vorweis einer von Heinrich besorgten Dringlichkeitsbescheinigung eine Fahrkarte, jedenfalls die Bewilligung, eine solche zu erwerben, abgeholt, Christian hat sie auf diesem Weg begleitet. Man weiß nicht, ob später gemeinsame Wege noch möglich sein werden, ob man einander lebend wiedersehen wird. (Immer noch rollten DIE RÄDER FÜR DEN SIEG, an den niemand mehr glaubte. Reisebewilligungen wurden nur gegen den Nachweis äußerster Dringlichkeit ausgegeben.)
Der Zug ist vorschriftsmäßig abgedunkelt, das Abteil ist voll besetzt, aber stockfinster. Am Himmel steht kein Mond, schwarze Papierrouleaus sind vor die Fenster gezogen.
Ein Volksgenosse tappt im Dunkeln nach Annis Knie, Anni schlägt mit der Faust auf die tappende Hand, der Schlag ist deutlich zu hören, der Mann gibt einen knurrenden Laut von sich. Anni berichtet Christian empört, was geschehen ist, jemand kichert schadenfroh, die anderen schweigen.
DIESES SCHWEIN, sagt Christian laut.
Bilder: Anni, am Abend vor der Abreise, packt Koffer und Rucksack, steckt rasch noch einen kleinen Teddybären ein, läßt die von der Mutter vorbereiteten Schulzeugnisse liegen, ordnet Bücher auf einem Regal, als würde das Zimmer ausgespart bleiben aus allem, was sich in den nächsten Tagen ereignen wird. Sie nimmt eine kleine Umhängetasche aus Trachtenstoff aus einer Lade, sucht Fotoalben hervor, reißt Fotos von den Seiten ab, steckt die Fotos in die Umhängetasche, sitzt dann noch spät mit den Eltern beim Radio, hört noch einmal das Lied LILI MARLEEN.
Der Abschied von den Freunden am nächsten Tag, Abschied von Christian, rascher Abschied von den Eltern am Bahnhof, es ist nicht die Zeit für langes Abschiednehmen, man ist bemüht, keine Gefühle zu zeigen, obwohl oder gerade deshalb, weil man weiß, was diese Abschiede bedeuten können. Es ist möglich, daß man mit dem Leben davonkommt, es kann aber auch sein, daß man einander niemals mehr wiedersehen wird. Die Tränen kommen später, als Anni, zwischen andere, Fremde gepfercht, auf der Toilette eines Eisenbahnwaggons steht. Ihren Koffer hat sie an die Wand der Toilette geschoben, den Rucksack hat sie zwischen den Beinen, die Umhängetasche hängt über ihrer Schulter. Auf der Klosettmuschel sitzt, auf einem über die Muschel gelegten Koffer, eine junge blonde Frau mit einem Säugling im Arm.
So steht Anni viele Stunden lang. Wie lange diese Fahrt, oder ihr erster Teil, gedauert hat, ist nicht mehr rekonstruierbar, der Film ist nur noch in winzigen Teilen vorhanden, Tage und Nächte fließen ineinander, nur Augenblicke sind geblieben, die sich aus dem Dunkel der vergangenen Jahre heraufholen lassen.
Soldaten sind im Waggon, junge Männer, die noch am Leben sind, es vielleicht nicht mehr lange sein werden. Irgendwann muß die Toilette geräumt, zur Benützung freigegeben werden, als dann die junge Frau mit dem Säugling wieder auf dem über die Muschel gelegten Koffer sitzt, wird Anni von einem der Soldaten aus der Toilette gezogen, auf einen Sitzplatz gedrückt. Koffer und Rucksack sind in der Toilette geblieben, die Umhängetasche hängt an einem Haken neben dem Fenster, es ist kalt im Waggon, der Soldat schlägt die eine Hälfte seines Uniformmantels um Anni, die andere um seine eigenen Schultern. Anni sitzt mit dem Soldaten unter einem Zelt aus grobem Uniformstoff, sie sitzt eng an den Soldaten gepreßt, sie spürt Wärme, sie ist todmüde, es ist ihr gleichgültig, wer das ist, der sie an sich drückt, seinen Körper an ihren preßt, wer das ist, der ihr Wärme gibt, weil er selbst Wärme nötig hat, sie ist fast bewußtlos vor Müdigkeit, fällt in traumlosen Schlaf, aus dem sie emporschreckt, als der Zug auf offener Strecke hält, alles aus dem Waggon drängt, über Gepäckstücke stolpert, aus den Fenstern springt, sich in Buschwerk flüchtet, in Gräben oder an die flache Erde drückt.
Anni liegt auf einem Acker, Hände und Gesicht auf die klebrige Erde gedrückt, Flugzeuge dröhnen über sie hinweg, Schüsse peitschen, Geschosse schlagen ein. Der Soldat, neben dem sie Minuten vorher gesessen ist, kommt nicht zurück in den Waggon, sein Militärmantel liegt zusammengeknüllt auf dem Sitzplatz, der jedoch nicht leerbleibt, sofort wieder besetzt wird. Die Lücke hat sich geschlossen, der fehlende Mann wird nicht vermißt, oder sein Fehlen wird schweigend zur Kenntnis genommen. Annis Umhängetasche hängt noch am Haken, wird ihr jedoch irgendwann während dieser Fahrt gestohlen werden.
Das nächste Bild, zu dem es keine Überleitung gibt, setzt Anni und die Frau mit dem Säugling auf je einen Küchenstuhl, am Herd dieser Küche steht eine Frau, hantiert mit Kochgerät, wärmt Milch für den Säugling auf, kein Satz, kein von der Frau gesprochenes Wort ist im Gedächtnis haftengeblieben, erst später wird Anni wissen, daß die Frau Tschechin gewesen ist. Die junge Mutter mit dem Säugling ist von einem SS-Mann begleitet worden, der SS-Mann steht, an das Fensterbrett gelehnt, spielt wie zufällig mit seiner Pistole, blickt dabei ununterbrochen nach der Frau beim Küchenherd hin.
Erinnerungssplitter: Der SS-Mann ist sehr jung, die Frau am Herd ist alt gewesen, die Szene hat sich in Budweis abgespielt. Wie Anni in diese Küche, wie sie von dort wieder zum Bahnhof gekommen ist, wann der Zug von diesem Bahnhof wieder abgefahren ist, kann heute niemand mehr sagen, es gibt keine noch lebenden Zeugen dafür, zu denen ich, Anna, Verbindung hätte.
Der Zug, von Budweis nach Süden fahrend, behängt, beladen mit Menschen, immer mehr Menschen haben sich an den Trittbrettern festgebunden, sitzen auf den Puffern zwischen den Waggons, liegen auf den Dächern, klammern sich am Rand dieser Dächer feststehen, sitzen, hocken aneinandergedrängt im Inneren der Wagen, halten sich an Gepäckstücken, aber auch aneinander an. Niemand steigt unterwegs aus, immer noch versuchen weitere Menschen mit Bündeln, Rucksäcken, Koffern, in diesen hoffnungslos überfüllten Zug hineinzukommen. Mütter heben ihre Kleinkinder zu den Fenstern hoch, niemand ist in der Lage, ihnen zu helfen. Irgendwann sind die Soldaten nicht mehr im Zug, es sind die einzigen Fahrgäste, die unterwegs verschwunden, irgendwo ausgestiegen, verlorengegangen sind. In Linz an der Donau ist dann die Fahrt zu Ende, der Zug spuckt die Menschenmassen mit ihren Bündeln und Koffern aus.
Ein Zettel ist erhalten geblieben, ein vielfach gefaltetes, schon vergilbtes Stückchen Papier, das die Sechzehnjährige in einem um den Hals gebundenen Beutel auf dieser Fahrt bei sich getragen hat. Auf diesen Zettel hat Heinrich eine größere Anzahl von Namen und Adressen geschrieben, Leute, die er irgendwann näher kennengelernt hat, mit denen er im Briefwechsel gestanden ist, Verwandte, Freunde, Gastwirte, bei denen er mit Valerie während der spärlichen Urlaubswochen gewohnt hat. Daß diese Anschriften über niederösterreichische Kleinstädte, die Orte Furthof und Hohenberg, von Leoben bis Bad Goisern, von Passau bis Wien reichten, daß sogar eine Pariser Adresse darunter war, beweist, wie unmöglich die Berechnung von Annis Reiseroute gewesen ist. Irgendwo würde sie ankommen, irgendwo würde sie hoffentlich bleiben dürfen, würde man die Tochter aufnehmen, eine Zeitlang behalten, so hofften Heinrich und Valerie. Sie hätten, wäre das Kind eines Freundes oder Bekannten in ähnlicher Situation zu ihnen gekommen, das gleiche getan.
In einem Ausschnitt des Erinnerungsfilms sitzt Anni auf ihrem Rucksack auf dem Bahnhof in Linz an der Donau, der noch nicht durch jenen allerletzten, schwersten Bombenangriff des Zweiten Weltkriegs auf diese Stadt zerstört worden ist. Sie studiert den vom Vater mitgegebenen Zettel, findet den nächstgelegenen möglichen Zufluchtsort auf der Strecke Linz-Liezen, beschließt, sich versuchsweise dorthin zu wenden.
Sie besteigt wieder einen überfüllten Zug, erreicht den auf der Liste des Vaters rot unterstrichenen Ort, verläßt den Zug mangels anderer Gelegenheit durch das Fenster, ihr Gepäck wird ihr, ebenfalls auf diesem Wege, nachgereicht. Ihre Entscheidung ist eine gute Entscheidung gewesen. Die Adresse bezeichnet einen einsam gelegenen Vierkanthof, die Bäuerin, Witwe nach einem Verwandten der Mutter Valerie, nimmt Anni bei sich auf.
Erinnerungsreste, aneinandergereiht, ergeben ein Filmstück, das, rasch ablaufend, das Wesentliche aus dem Leben von Heinrichs und Valeries Tochter während der folgenden Monate erkennen läßt.
Anni, auf der Flucht vor amerikanischen Besatzungssoldaten, die das Kriegsende feiern, bei der Arbeit auf den Hof umgebenden Wiesen, Heu wendend, Ochsen treibend, Milchkannen schleppend, am ganzen Körper, vor allem an den Händen und Füßen, von ständig eiternden Wunden bedeckt, deren Narben lange sichtbar bleiben werden. Anni, papierdünne Scheiben vom schmalen Segment eines Brotlaibs schneidend, das sie wöchentlich zugeteilt bekommt, mehlige, bitter schmeckende Mostbirnen sind zusätzliche Nahrung gewesen.
Dann kommt eine Stelle, an welcher der Film angehalten werden muß, oder an welcher er von selbst anhält, weil das Gedächtnis den Schrecken festgehalten hat, der mit dem aufgezeichneten Augenblick verbunden gewesen ist. Ein Mann nähert sich dem Hof, betritt das Wohnhaus, sitzt in der Wohnstube neben dem Kachelofen auf einer mit gestickten Polstern belegten Bank, sagt, er habe B. BRENNEN sehen, er sei dabeigewesen, wie Annis Vater, Heinrich, GEFALLEN sei. Auch ihre Mutter sei nicht mehr am Leben. Kaum jemandem von der Bevölkerung könne die Flucht aus der brennenden Stadt gelungen sein. Er selbst sei wie durch ein Wunder davongekommen, von den in der Stadt Gebliebenen habe vermutlich niemand überlebt. (Später wird sich niemand finden, der sagen kann, wer dieser Mann gewesen ist. Ein Sadist, ein Irrsinniger, einer, der geträumt hat, was er nun als Realität weitergab, einer, der von anderen gehört hatte, was diese von anderen gehört hatten, der dieses vielleicht von Mund zu Mund immer schrecklicher Weitererzählte, in immer grelleren Farben Gemalte nun als sein eigenes Erlebnis wiedergab? Einer, der beauftragt worden war, Heinrichs Tochter zu ängstigen, ein Gespenst? Wie und wann und vor allem von wem hat der Mann von Annis Aufenthalt auf dem einsam gelegenen oberösterreichischen Bauernhof erfahren, wenn Anni selbst erst auf dem Bahnhof in Linz an der Donau auf die Idee gekommen ist, dort um Unterkunft zu bitten? Züge verkehrten kaum, Post wurde nicht befördert, Zeitungen waren seit dem Ende des Krieges noch nicht gedruckt worden, Botschaften wurden weitergesagt, gingen von Mund zu Mund, bis sie, in besonders günstigen Fällen, endlich ihre Adresse erreichten. Eine Möglichkeit, zu überprüfen, was der Mann erzählt hatte, gab es nicht. Man hatte die Wahl: zu glauben oder nicht zu glauben. Aber welche Veranlassung hätte Anni gehabt, zu bezweifeln, daß sich tatsächlich ereignet hat, was ihr erzählt worden ist?)
Die Stube mit dem Tisch, den Stühlen, der Eckbank aus Lärchenholz, mit dem bemalten Bauernschrank neben der Kammertür, mit Heiligenbild, hölzernem Herrgott am hölzernen Kreuz, mit den auf einer holzgerahmten Fotografie pyramidenförmig übereinandergeschichteten Mitgliedern eines Turnvereins, die kleinen, durch Gitter gesicherten, nach außen sich verjüngenden Fensteröffnungen, der Sonnenfleck auf der weiß gekalkten Wand, die gestickten Sprüche auf den Polstern, der grünweiß geflammte Milchkrug auf dem Regal, das Reh- und das Hirschgeweih, all das mit den Augen Erfaßbare ist eingeflossen in jenen Moment des Schreckens, es taucht in der Erinnerung an ihn, mit ihm, wieder auf.
Der Mann, der auf der mit bestickten Polstern belegten Bank neben dem Kachelofen gesessen ist, war mittelgroß, glatzköpfig, untersetzt. Auch er läßt sich aus der Vergangenheit heraufholen, sein gedrungener Körper, sein Rundschädel, seine Arme und sogar seine kurzen, stämmigen Beine, aber nicht seine Stimme, auch nicht sein Gesicht. Wo sein Gesicht sein müßte, ist ein leerer Fleck, Augen, Nase, Mundform sind nicht einmal angedeutet.
Obwohl wahrscheinlich ein Name genannt worden ist, ist kein Name im Gedächtnis, auch nicht im Gedächtnis der anderen, die damals auf dem Hof gelebt haben, haften geblieben.
Anni hatte von diesem Augenblick an beim Heuwenden, bei allen anderen zu verrichtenden Arbeiten über ihre weitere Zukunft nachzudenken. Sie hatte zu überlegen, auf welche Weise sie ihren Unterhalt verdienen würde, ohne anderen eine Last zu sein, ohne betteln zu müssen, ohne Bauernmagd bleiben, in Zukunft weiterhin ausschließlich Hilfsarbeiten verrichten zu müssen. Für eine Sechzehnjährige in jenen Monaten eine nicht ungewöhnliche Situation, wenn man bedenkt, daß wenige Wochen vorher Zwölfjährige nicht zu jung gewesen sind, in einem längst verlorenen Krieg zu sterben, daß jetzt überall im Land elternlose Kinder und Jugendliche unterwegs waren, daß überall Obdachlose auf den Straßen dahinzogen, die kein Ziel hatten, die nicht wußten, wovon sie in nächster Zukunft ihren Unterhalt bestreiten würden. Trotzdem, oder gerade deshalb, eine schwierige Situation. Es waren zu viele, die unterwegs waren, zu viele, die keine Unterkunft, keine Mittel, keinen Besitz mehr hatten, zu viele, die ihre Angehörigen suchten, zu viele, die unterzubringen waren, für die zu sorgen gewesen wäre. Dazu kam, daß sie, Anni, zu jenen gehörte, die man in diesem Land, das nun wieder Österreich heißen durfte, keineswegs brauchte, auch nicht haben, behalten wollte. Man hatte genug Sorgen mit den eigenen Bürgern, mit jenen, die durch Geburt, Herkunft, Heirat ein RECHT darauf hatten, in diesem Land zu leben, man brauchte keine anderen, Fremden, die aus Ländern kamen, in denen man sie auch nicht mehr haben wollte, sie sollten weiterwandern, möglichst rasch, möglichst bald, nach Deutschland ziehen, dort, so fand man, gehörten sie hin.
Wer wußte schon, und wenn er es wußte, wen hätte es interessiert, daß Heinrichs Hauptstadt niemals Berlin, immer nur Wien geheißen hatte? Wer wußte, wollte wissen, wie sehnsüchtig er als junger Student gehofft hatte, in dieser Stadt leben zu dürfen? Wer kannte schon die Geschichte von Heinrichs Mutter Friederike aus Furthof bei Lilienfeld, deren Mutter, der Mürzhofener Gastwirtstochter Amalia, die wiederum Enkelin eines steirischen Hufschmieds gewesen war? Wer wußte, daß Friederike, deren Jugendtraum die Kaiserstadt Wien gewesen war, zeitlebens, wenn der Name des Kaisers, der Kaiserin in ihrer Gegenwart nur genannt worden ist, wenigstens innerlich in eine Art Hofknicks niedergesunken ist? Die Geschichte der Urgroßtante, die im Lainzer Tiergarten als Dreizehnjährige für den jungen Kaiser gekocht, während er auf der Jagd gewesen war, von diesem Kaiser Säbel und Tschako zur ganz persönlichen Aufbewahrung übernommen hat, hätte niemanden interessiert. Kein Mensch wollte noch einen Kaiser. Von dem Reich, das er regiert hatte, für das in den Krieg zu ziehen man Heinrich als jungen Studenten gezwungen hatte, war ein winziger Rest geblieben, ein kleines Land, für das man sich Freiheit, Unabhängigkeit und eine demokratische Verfassung erhoffte, obwohl von all dem im Augenblick noch nicht viel zu bemerken war. Heinrichs Heimkehr aus diesem Krieg war eine Heimkehr auf Abruf gewesen. Was in der Folge geschah, ist bekannt. IHR SUDETENDEUTSCHEN SEID SCHULD AM KRIEG, diesen Satz hatte Anni mehr als einmal zu hören bekommen. Nun gehörte sie zu einer Gruppe von Leuten, die Staatsbürger keines Landes mehr waren, die keine Papiere besaßen, durch die sie zum Überschreiten der Zonengrenzen berechtigt gewesen wären, die nichts von dem tun durften, was ausschließlich Staatsbürgern zu tun erlaubt war, die kein Recht hatten, länger als ausdrücklich gestattet in Österreich zu leben. Nicht einmal zu jenen Verschleppten, Verstoßenen durfte sie sich zählen, die man in der Folgezeit DISPLACED PERSONS genannt hat, Leute, die ihre Heimat ebenfalls verloren hatten, denen dieses Unglück jedoch noch unter der Herrschaft des Hitlerregimes widerfahren war. Eine Tageszeitung, die von der amerikanischen Militärregierung herausgegeben wurde, teilte auch diese Menschengruppe in zwei Teile: Die D.P. WERDEN IN ZWEI KATEGORIEN GETEILT, DEREN ERSTE, DIE ALS »FREUNDE« ANGESPROCHEN WERDEN, SICH FREIWILLIG, WENN SIE GESUND SIND, ZUR ARBEIT MELDEN KÖNNEN UND REGULÄRE LÖHNE SOWIE BEI SCHWERARBEIT AUSSER DER LAGERVERPFLEGUNG ZUSÄTZLICHE LEBENSMITTEL ERHALTEN. DIE ZWEITE KATEGORIE, DIE ALS »FEINDE« ANGESPROCHEN WERDEN, ZUM BEISPIEL DIE VOLKSDEUTSCHEN, SIND DER ARBEITSPFLICHT UNTERWORFEN. FALLS SIE DIE ARBEIT VERWEIGERN, WERDEN SIE MIT NIEDRIGEREN RATIONSSÄTZEN IN ANDERE LAGER GESCHICKT.
Anni war ein Nichts, ein Niemand, kein Freund und kein Feind, ein Mensch, der nirgends hingehörte, niemand würde ihr eine Lehrstelle geben, niemand würde sie für längere Zeit beschäftigen, niemand würde ihr eine Chance geben können, die von Dauer gewesen wäre. Eigentlich, wenn man genau darüber nachdenkt, gab es Anni überhaupt nicht. (Nur gut, daß sie die Tragweite all der Bestimmungen und Verbote, die ihre Person betrafen, damals gar nicht bedachte oder auch gar nicht verstand.)
Was also blieb Heinrichs Tochter übrig, was konnte, was durfte sie tun?
Vielleicht, dachte Anni, würde es möglich sein, wieder zur Schule zu gehen.
DEN ELTERN WÄRE ES RECHT GEWESEN, dachte sie und teilte ihren Entschluß, sich in einem Gymnasium um Aufnahme zu bewerben, der Bäuerin mit.
Die Bäuerin hatte Einwände. Sie brauche jetzt jede Arbeitskraft auf dem Hof, vor allem bei der Arbeit im Heu. Und womit Anni das alles, Schule, Wohnung, Essen, bezahlen würde?
(Anni hatte nicht nur an die vier oder fünf Goldmünzen gedacht, welche die Mutter in den Saum ihres Mantels eingenäht hatte. Heinrich hatte Jahre vorher auf einer oberösterreichischen Bank etwas Geld hinterlegt, Anni eine Bestätigung dieser Bank in beglaubigter Durchschrift mitgegeben, dazu eine Vollmacht, die sie berechtigte, bei Bedarf von seinem Guthaben abzuheben. Anni hoffte, daß man ihr bei Nachweis ihrer Bedürftigkeit einen Teil dieses Geldes ausfolgen würde, daß es ihr gelingen würde, damit eine Unterkunft zu bezahlen.)
Nachdem man die durch Kriegseinwirkungen entstandenen Schäden an Gleisanlagen, Weichen, Signalvorrichtungen auf den wichtigsten Eisenbahnstrecken notdürftig repariert, einen Teil der zerstörten Brücken durch Notbrücken ersetzt, das Allernotwendigste an Zugsgarnituren und Lokomotiven wiederhergestellt hatte, nachdem die Schuttberge im Bereich der Bahnhöfe so weit abgetragen worden waren, daß an die Wiedereinführung eines beschränkten Reiseverkehrs zu denken war, hatten die Behörden, mit Bewilligung der Besatzungsmacht, Reisen auf kurzen Strecken wieder gestattet.
Anni überhörte die Einwände der Bäuerin, bestieg Mitte August einen Zug und fuhr nach Linz.
Ist es wirklich nur einer jener Zufälle gewesen, die sich hin und wieder ereignen, war es das, was wir, geübt in der Verwendung von Ausweichworten, geschickten Umschreibungen uns unerklärbarer Zusammenhänge FÜGUNG nennen? Hat einer jener, unseren Augen nicht sichtbaren, jedoch zweifellos in einer uns nicht vorstellbaren Körperlosigkeit existierenden Schutzengel das, was wir FLÜGEL nennen, über Annis Schicksal gebreitet? Oder hat sie einfach nur – wie würde es Valerie genannt haben – GLÜCK GEHABT? Wer wollte sich herausnehmen, dies zu entscheiden?
Alles, was Heinrichs Tochter in der folgenden Zeit unternahm, gelang auf eine sie selbst überraschende Weise. Hilfe wurde ihr geboten, wo sie mit dieser Hilfe gar nicht gerechnet hatte. Schon im Zug ergab es sich, daß sie neben einer beinahe Gleichaltrigen saß, die sie nach ihrem Fahrtziel fragte, sich nach längerem Nachdenken an eine Familie erinnerte, die möglicherweise bereit sein würde, sie bei sich aufzunehmen, was dann auch tatsächlich geschah. Die Direktorin der Schule, in der Anni vorsprach, hörte sich die Geschichte der Sechzehnjährigen an, die nicht Hilfsarbeiterin oder Bauernmagd werden wollte, und beschloß, ihr trotz der fehlenden Staatsbürgerschaft den Schulbesuch zu gestatten. Da Schulzeugnisse nicht vorgelegt werden konnten, hatte Anni in absehbarer Zeit die Bestätigung eines Lehrers vorzulegen, der am Gymnasium der südmährischen Kreisstadt N. unterrichtet hatte und Anni den Abschluß der fünften Klasse bescheinigen konnte. (Was zunächst unmöglich zu sein schien, gelang, ein solcher Lehrer wurde gefunden.) Die Bank gewährte dem Mädchen, das ohne Angehörige war, eine monatliche Barabhebung von einhundertfünfzig Mark zur Bestreitung ihres Lebensunterhaltes.
Anni hatte ein Dach über dem Kopf, wenn auch nur für die nächste Zeit, sie hatte Geld, um Unterkunft und Lebensunterhalt zu bezahlen, sie mußte sich um die allernächste Zukunft keine Sorgen mehr machen. Auch die Erwachsenen wagten ja nicht, für längere Zeit zu planen, Prognosen für eine fernere Zukunft zu stellen. Der Krieg war vorbei, man lebte, ein gewisser Optimismus war angebracht, irgendwie würde sich alles fügen.
Anni fuhr aus Linz zurück auf den Bauernhof, um ihre Sachen abzuholen.
Ob und wieweit Heinrichs und Valeries Tochter durch das in der bäuerlichen Wohnstube laufende Radiogerät oder durch im Juli schon erscheinende Tageszeitungen oder nur durch die Gespräche und Berichte der Erwachsenen über bestimmte Zeitereignisse unterrichtet worden ist, wieweit sie von diesen Ereignissen überhaupt Kenntnis genommen hat, läßt sich heute nicht mehr sagen. In der Erinnerung zeichnet sich zwar die Nachricht vom Abwurf der BOMBEN auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 als alles verdunkelnder Schrecken ab, wann jedoch diese Nachricht Anni erreichte, in ihr Bewußtsein gedrungen ist, wann sie vom Ausmaß der Zerstörung, von der Anzahl der Toten, von all dem, was im Zusammenhang mit diesem Bombenwurf wahrscheinlich berichtet worden ist, erfahren hat, wann sie vor allem zum erstenmal Bilder der riesigen Rauchpilze zu sehen bekam, die vom Gedächtnis nur in Verbindung mit ANGST reproduziert werden können, ist vergessen. Es ist jedoch anzunehmen, daß über die bedingungslose Kapitulation Japans am 14. August und über die Ereignisse, die zu dieser Kapitulation geführt haben, sogar auf dem einsam gelegenen Bauernhof im oberösterreichischen Kremstal gesprochen worden ist.
Ebenso ist anzunehmen, daß der in den erwähnten Zeitungen am 27. Juli abgedruckte Erlaß der Militärregierung von den Bewohnern dieses Hofes zur Kenntnis genommen worden ist, der den Österreichern das Beflaggen ihrer Häuser an bestimmten Feiertagen wieder erlaubte: VOM TAGE DIESES BEFEHLS AN IST ES GESETZLICH ZULÄSSIG, DIE ÖSTERREICHISCHE FAHNE UND DIE ÖSTERREICH VERSINNBILDLICHENDEN FARBEN SO LANGE ZU HISSEN, ALS DIES MIT DEN HIERAUF ANWENDBAREN ÖSTERREICHISCHEN GESETZEN UND GEBRÄUCHEN ZULÄSSIG ERSCHEINT.
(Die Bäuerin zerschnitt ein Leintuch und nähte zwei weiße Streifen auf rotes Fahnentuch, je einen in der Mitte der vorderen und der rückwärtigen Fahnenseite. Rechts und links von diesen Streifen lugte das schmale Segment eines dunkler gefärbten Kreises hervor, der vorher mit dem bewußten weißen Stoffkreis abgedeckt, daher von Sonne und Wetter nicht gebleicht worden war.)
Am 28. Juli konnte man in der Zeitung lesen, daß die Stadt Wien in vier Besatzungszonen aufgeteilt worden war. Den ersten Gemeindebezirk mit ausgebranntem Stephansdom, zerstörter Staatsoper, ebenso zerstörtem Burgtheater, mit ausgebrannten Kirchen, zerbombten Straßenzügen, zahllosen Ruinen, mit Schuttbergen, aufgerissenen Straßen, defekten Wasserleitungen, abgebrannten Lindenbäumen am Ring, mit ruinierten Fassaden, geborstenen Fensterscheiben übernahm die aus Mitgliedern aller vier Besatzungsmächte bestehende Alliierte Kommission, er wurde zur Internationalen Zone erklärt.
Am 6. August gab es in der amerikanisch besetzten Zone wieder Telegramm- und Telefonverkehr, allerdings NUR FÜR MITGLIEDER DER BESATZUNGSMACHT, FÜR VON DIESER AUTORISIERTE VERTRETER WICHTIGER, VON DER MILITÄRREGIERUNG ZUGELASSENER INDUSTRIEUNTERNEHMEN UND FÜR AMTSPERSONEN.
Mit dem gleichen Datum begann der Eisenbahnverkehr mit Italien wieder zu funktionieren.
Am 12. August wurden die Salzburger Festspiele eröffnet. Vor einem Volksgericht in Wien begann der erste Kriegsverbrecherprozeß.
Am 30. August schreibt der Verfasser eines Zeitungsartikels zur Flüchtlingsfrage, es sei nicht gerecht, den Flüchtlingen nur halbe Lebensmittelkarten zu geben, da doch die normalen Rationen das Existenzminimum keineswegs überschritten. Außerdem sei es undemokratisch, verantwortungslos und vor allem gemütslos, wenn öffentliche Beamte den traurigen Mut besäßen, diesen Leuten ins Gesicht zu sagen, daß solche Maßnahmen nur aus einem Grunde getroffen würden: DEN FLÜCHTLINGEN DEN AUFENTHALT ZU VERLEIDEN.
(Diesen Zeitungsartikel hat Anni bestimmt nicht gelesen, er ist in einem Waldviertier Lokalblatt erschienen.)
Am 17. September begann in Linz an der Donau der Schulbetrieb. An die Bevölkerung war kurz vorher das Ersuchen gerichtet worden, an der Zustandebringung der während der ersten Tage nach dem Einmarsch der alliierten Truppen aus den Schulen geraubten Güter wie: Bilder, Bücher, Filmapparate, Schreibmaschinen und diverser Lehr- und Lernbehelfe, auch der verschwundenen Bücher aus den Schüler- und Lehrerbüchereien, mitzuarbeiten, da diese Gegenstände zur Wiederaufnahme des Schulbetriebs unbedingt notwendig seien. Grundsätzlich wurde erklärt, daß, da das Lehrziel im vergangenen Jahr in keiner Weise erreicht worden sei, alle Schüler dieses Jahr zu wiederholen hätten.
Als Anni nach Linz kam, ihren Rucksack auf dem Rükken, den Koffer in der einen, den Kasten mit der Ziehharmonika in der anderen Hand, waren die größten Bombentrichter im Bahnhofsviertel schon zugeschüttet worden, die geknickten, umgebrochenen Bäume weggebracht und zu Feuerholz zerschnitten, die höchsten Schuttberge entlang der Hauptstraßen hatte man abgetragen. Die Ruinen waren noch nicht beseitigt worden, die Aufschriften, die im letzten Kriegsjahr an die Häuserwände gemalt worden waren, DEIN OPFER UNSER SIEG oder NUN ERST RECHT, hatte man jedoch entfernt. Die Straßen und Plätze hatten ihre früheren Namen zurückbekommen, aus dem Adolf-Hitler-Platz war wieder ein Hauptplatz, aus den Hermann-Göring-Werken war die Österreichische Montan-Aktiengesellschaft geworden. Den Straßenbahnverkehr über die Donau hatte man wieder aufgenommen, die Überquerung der Brükke allerdings war jetzt nur mit Bewilligung der Behörde gestattet, da der jenseits der Donau liegende Stadtteil URFAHR von den Russen besetzt war.
Zum Kochen stand wieder Gas zur Verfügung, wenn es auch nicht viel zu kochen gab.
Salz jedenfalls gab es genug.
Anni bezog ein Bett in der Wohnung der Familie M., das frei geworden war, weil man den Ehemann der Frau M. in ein Lager für politische Gefangene abgeholt hatte. Auch der ältere der beiden Söhne war aus dem Krieg noch nicht zurückgekehrt. Sie ging in die Schule, machte Hausaufgaben, holte monatlich hundertfünfzig Mark von ihrer Bank, zahlte Miete und Kostgeld, behielt einen kleinen Teil des Geldes für sich, um Schulhefte, Straßenbahnfahrten und ähnliche kleine Ausgaben bestreiten zu können, was übrig blieb, sparte sie. Hin und wieder ging sie ins Kino, einmal ging sie ins Theater und sah die Operette DREIMÄDELHAUS, weinte dann in ihr Kopfkissen, weil Heinrich daheim Operettenmusik auf dem Klavier gespielt hatte, versprach sich selbst, eine gute Schülerin zu sein, weil sie sonst niemanden mehr hatte, dem sie es hätte versprechen können.
Auf diese Weise verging der Herbst. Es würde, hieß es, wahrscheinlich sehr kalt werden, die Menschen fürchteten sich vor dem Winter.
4
MAN DARF NICHT DARÜBER NACHDENKEN, sagt Valeries jüngere Schwester Hedwig. Lange bevor die Front B. überrollte, war ein Fluchtwagen bereitgestanden, Heinrich hatte Eisenstangen halbrund biegen lassen, man hatte diese Eisenstangen auf beiden Seiten des Wagens befestigt, mit PLACHEN überspannt, auf diese Weise eine Art Dach gebildet, das vor Wind und Regen schützen würde. Unter diesem Dach sollte die alte Großmutter mit den Kindern sitzen, Hedwig und ihr Vater würden abwechselnd auf dem Kutschbock sitzen oder neben den Pferden hergehen, der Wagen sollte die Familie in den Westen bringen. Im letzten Augenblick hatte sich Josef, der Großvater, geweigert wegzufahren.
ICH VERLASSE MEINE HEIMAT NICHT, sagte er.
Sie waren geblieben, Hedwig hatte Anfang April noch Zwillinge geboren, einer der Säuglinge war während der letzten Kriegstage gestorben, sie hatten ihn in dem an den Hof angrenzenden Obstgarten begraben müssen, ein Begräbnis auf dem Friedhof war nicht mehr möglich gewesen. Die beiden größeren Kinder waren fünf und sieben Jahre alt.
Sie blieben auch dann noch, als Heinrich und Valerie die Stadt verließen, so lange, bis eine tschechische Familie mit neun Kindern aus dem Inneren Böhmens kam, um Haus und Hof zu übernehmen. (GOLDGRÄBER HAT MAN DIESE LEUTE GENANNT!)
Die Leute, sagt Hedwig, seien allerdings erschrocken gewesen, die Besitzer des Hofes noch vorzufinden, man hatte ihnen gesagt, sie würden ein von seinen Bewohnern verlassenes Anwesen übernehmen. Die Frau habe sogar gefürchtet, es würde ihr UNGLÜCK BRINGEN, in diesem Haus zu leben. Trotzdem sind sie natürlich geblieben, sagt Hedwig. Da endlich sah Josef, der Bauer, ein, daß ein Bleiben nicht mehr möglich war. Er war zu diesem Zeitpunkt zweiundsiebzig, seine Frau Anna war siebenundsechzig Jahre alt, sie hatten fast ein halbes Jahrhundert auf diesem Hof gelebt, ihn durch ihre Arbeit und ihren Fleiß schuldenfrei gemacht, für Politik war in ihrem Leben kein Platz gewesen. Danach aber fragte jetzt niemand, es wurde nur nach ihrer Sprache gefragt.
WAS GESCHIEHT JETZT MIT UNS, sagte Josef zu dem Mann, der mit den Fremden gekommen war, um sie in das Haus einzuweisen, WOHIN SOLLEN WIR DENN GEHEN?
Ganz einfach, sagte der Mann, Sie gehen nach Bayern. DORT GEHÖREN SIE HIN.
Wiederum war es Wundraschek, der mit seinem mageren Roß und dem klapprigen Wägelchen kam, um diese Deutschen zur Grenze zu bringen, der eigene Fluchtwagen mußte Zurückbleiben, er wurde auf dem Hof zur Arbeit gebraucht und durfte nicht mitgenommen werden.
Diesmal wurde auch nicht mit einem Sonntagsanzug oder mit einer goldenen Uhr bezahlt, Josef hatte vier Doppelzentner Kleesamen auf einem Schüttboden, die Russen hatten diesen Schüttboden nicht aufgebrochen, Josef gab Wundraschek die Schlüssel mit der Bemerkung, wenn er von der Fahrt zur Grenze zurückkäme, solle er sich den Kleesamen holen.
DER WUNDRASCHEK HAT SICH ABER GLEICH, NOCH VOR DEM WEGFAHREN, DEN KLEESAMEN GEHOLT.
Sie packten einiges von dem, was sie unterwegs brauchen würden, auf den Wagen. Hatten sie die Hoffnung gehabt, wieder zurückkehren zu dürfen? Sie hätten zum Beispiel, sagt Hedwig, schöne neue Federpolster gehabt, die neuen Hausbewohner hätten ihnen auch erlaubt, diese mitzunehmen, aber ihre Mutter habe darauf bestanden, nur die alten, schon recht schäbigen Polster und Tuchenten einzupacken. (Sie hat sich dabei ähnlich verhalten wie Heinrich, der, als er wegging, seinen neuen Filzhut an den Haken zurückhängte und mit seinem alten, schon schäbigen Hut auf dem Kopf weggegangen ist.) Was sie noch mitgenommen hätten? Heidi, damals sieben Jahre alt, erinnert sich an ihre kleine Puppennähmaschine, die sie zu Weihnachten bekommen hatte und die ihr sehr lieb gewesen ist. Josef seien die Federbetten wichtig gewesen. Hedwig nahm vor allem mit, was für die Kinder unterwegs nötig sein würde, Anna brachte eine kleine Schmalztonne, sie hatte über das Schmalz gekochte Bohnen gegeben, das Schmalz auf diese Weise unter den Bohnen versteckt. (Auch einen Topf und eine große Kasserolle, EIN KASTROLL, sagt Hedwig heute noch, wie man damals in B. gesagt hat, hätten sie auf die gleiche Weise mit Schmalz und darübergegossenen Bohnen gefüllt.) Wäsche hatten sie nicht mehr viel, die hätten schon die Russen aus den Schränken genommen.
Der Wagen (es sei ja nur ein kleines STEIRERWAGERL gewesen) war mit den Federn, den Töpfen, dem bißchen Kleidung und mit den Kindern ohnedies schon fast überladen.
Hedwig zog Valeries Mantel mit dem Innenfell an, ihre Schwester hatte ihn bei ihr zurückgelassen und sie gebeten, ihn, wenn sie über die Grenze gingen, mitzubringen. In die eine Manteltasche steckte sie, was ihr heute merkwürdig erscheint, einen Wecker, in die andere das bißchen Schmuck, das ihr geblieben war. Dann gingen sie, wie schon viele vor ihnen gegangen waren, wie noch viele nach ihnen gehen sollten, die Straße entlang, von ihrem Hof weg, in die Richtung, in welcher der Bahnhof lag, passierten jedoch nicht heimlich den Grenzbach, wie Heinrich und Valerie es getan hatten, sondern gingen auf den offiziellen Grenzübergang in der Nähe der Stadt Nikolsburg zu. Es war Nacht gewesen, als sie weggingen, früh, als es schon hell war, kamen sie bei diesem Grenzübergang an.
Eigentlich, sagt Hedwig heute, haben sie uns nicht durchsucht, sie haben mir nur in die Manteltasche gegriffen und den Wecker herausgenommen, den Schmuck habe ich vorher in den Kleiderausschnitt gesteckt. Dann haben sie gefragt, was wir mit den vielen Bohnen wollen. Wir würden unterwegs nichts zu essen haben, sagte ich, deshalb hätten wir diese Bohnen mitgenommen. (Das Schmalz hätten sie nicht finden dürfen, sagt Hedwig, das hätten sie uns sicher weggenommen.) Dann, sagt Heidi, sei die Geschichte mit der Puppennähmaschine passiert.
Einer der Posten sei auf sie, die Siebenjährige, zugekommen und habe ihr die kleine Puppennähmaschine, die sie so gern gehabt habe, weggenommen.
Das werde ich nie vergessen, sagt Heidi. Ich sehe den Mann noch auf einer Treppe stehen, er ist mir dadurch noch schrecklicher vorgekommen, als er ohnehin gewesen ist, mit meiner kleinen Nähmaschine in der Hand.
Kleesamen war in jenen Tagen beinahe noch kostbarer, als es goldene Armbanduhren und Sonntagsanzüge gewesen sind. Wundraschek brachte die Familie bis auf die andere Seite der Grenze, wo die österreichischen Posten standen, half ihnen beim Abladen ihrer Bündel, warf ihr Gepäck ins Gras neben der Straße, wendete und entfernte sich auf dem gleichen Wege, auf dem sie gekommen waren. Die Kinder blieben mit Josef und Anna, den Großeltern, bei dem Gepäck zurück, Anna hockte auf einem der Bündel, eine in ihrer Traurigkeit, in ihrer Verlassenheit noch kleiner, noch zerbrechlicher wirkende Gestalt, hielt den Säugling im Arm und sah ihrer Tochter nach, die auf der Straße davonging, um eine Unterkunft für die Nacht zu suchen.
Als Hedwig an den ersten Häusern des nächstgelegenen Dorfes vorbeiging (nein, es sei nicht Ottenthal gewesen, wo Heinrich und Valerie die ersten Tage und Nächte verbrachten, das Dorf habe anders geheißen), kam ihr ein Mann entgegen.
Der Mann sei dick gewesen, der Typ eines Schiebers, sagt Hedwig, MAN HAT GLEICH GESEHEN, WAS DAS FÜR EINER GEWESEN IST. Die goldene Armbanduhr, die sie noch gehabt und ihm angeboten habe, als Lohn dafür, daß er vielleicht bereit sein würde, die Eltern und Kinder mit ihrem Gepäck mit einem Wagen abzuholen, ins Dorf zu bringen, untersuchte er gründlich, schüttelte sie, hielt sie ans Ohr. GEHT SIE? soll er gefragt haben.
Ja, sagte Hedwig bitter, sie geht.
Erst nachdem sich der Mann davon überzeugt hatte, daß die Uhr tatsächlich in Ordnung war, erklärte er sich dazu bereit, seinen Wagen zu holen.
Sie klopften an die Tür eines Hauses, in dem eine Familie lebte, die sie von früher her gut kannten, und baten um Aufnahme für eine einzige Nacht, wurden jedoch abgewiesen. Schließlich erlaubte ihnen ein Bauer, in seiner Scheune zu übernachten. Es war Herbst, und die Nächte waren schon kalt, durch die Fugen zwischen den Scheunenbrettern pfiff der Wind, Hedwig drückte das Kleine an sich, aber sie konnte es nicht gut genug vor der Zugluft schützen. Vor allem nachts, als sie selbst eingeschlafen war, wird das nicht der Fall gewesen sein.
Dort in der Scheune, sagt Hedwig heute, hat sich das Kind erkältet, dort hat es sich den Tod geholt.
(Auch dieses Kind, ein kleiner Junge, ist wenige Tage später gestorben, es wurde auf dem Friedhof des Dorfes W. begraben.)
Wer ihr gesagt habe, daß ihre Schwester und deren Mann sich in W. aufgehalten hätten?
Ich weiß es nicht mehr, sagt Hedwig. Sie haben jemandem, der auf dem Weg zur Grenze gewesen ist oder in die Nähe der Grenze gehen wollte, eine Nachricht für uns mitgegeben, dieser Mann oder diese Frau hat es jemand anderem gesagt, der hat es wieder weitergesagt, bis sich dann schließlich jemand gefunden hat, der nach B. gegangen ist, über die Grenze hinüber, der uns dann mitgeteilt hat, sie seien in diesem kleinen Ort in der Nähe von Mistelbach untergekommen und würden versuchen, für uns eine Unterkunft zu finden, wenn auch wir herüberkämen.
Das sind ja oft fast WUNDER gewesen, wie sich die Menschen wiedergefunden haben.
Man ist auf der Straße gegangen, auf einmal hat man jemanden getroffen, von dem man schon lange nichts mehr gewußt hat oder den man gesucht hat.
Man hat an jemanden gedacht, der verschwunden gewesen ist, plötzlich hat man aus dem Fenster eines Hauses geschaut, da ist er auf der Straße vorbeigegangen.
Das ist wahrscheinlich so gewesen, weil damals ALLE unterwegs gewesen sind, weil alle ohne dauernde Unterkunft waren, weil jeder irgendwelche Angehörige oder Freunde gesucht und vermißt hat.
Es war, sagt Hedwig, eine furchtbare Zeit, aber es haben sich gerade in dieser Zeit wirkliche Wunder ereignet. Manches jedenfalls hat man sich nicht anders erklären können. Ich weiß nicht, wer uns die Nachricht damals gebracht hat, sagt Hedwig heute, aber wir haben es jedenfalls gewußt, und der Mann, dem ich die Armbanduhr gegeben habe, hat uns am nächsten Tag noch mit seinem Wagen nach W. gebracht.
(Heinrichs Notizbuch: EINES TAGES STANDEN HEDWIG UND DIE SCHWIEGERELTERN MIT DEN KINDERN VOR UNSERER TÜR.)
Es gelang, sie im mittlerweile leerstehenden Arzthaus unterzubringen, jenem Haus, in welchem während des Sommers die an Ruhr erkrankten Flüchtlinge einquartiert waren.
Aus einem Fenster dieses Hauses blickend, habe sie, sagte Hedwig, eine ihr bekannte Familie aus B. mit ihren sieben Kindern vorbeiziehen sehen. Der Mann und die Frau hätten einen Handwagen gezogen, auf dem Handwagen seien die kleinsten der Kinder gesessen, die größeren hätten angeschoben. So seien diese armen Leute den ganzen Weg von zu Hause weg über die Grenze zu Fuß gegangen.
Sie, Hedwig, habe sie ins Haus geholt, sie seien aber nur über Nacht geblieben, am nächsten Tag wieder weitergezogen.
Niemand hat damals ein Ziel gehabt, sagt Hedwig, aber alle haben gedacht, weitergehen zu müssen, immer weiter, selbst im Elend, aber an allem anderen Elend vorbei, mit der Sehnsucht, irgendwo anzukommen, eine Unterkunft für längere Zeit zu finden, wenigstens vorübergehend, auf irgendeine Weise wieder zu Hause zu sein.
Und beinahe alle hätten die Hoffnung gehabt, daß sie nach nicht allzu langer Zeit wieder dorthin zurückkehren würden, woher sie gekommen waren.
NIEMAND HAT SICH VORSTELLEN KÖNNEN, DASS DIESES WEGGEHEN AUS DER HEIMAT EIN WEGGEHEN FÜR IMMER GEWESEN SEI.
Diesmal ist es Hedwigs Film, der abläuft, kleine Teilstücke eines Films, Erinnerungssplitter, die dazwischen fehlenden Teile sind nicht ergänzbar, Heidi ist damals zu klein gewesen, sie erinnert sich nur ungenau, ihr sind nur wenige Bilder und Eindrücke geblieben.
Sie hätten viel Hunger gehabt, ja, und dann hätte sie einmal das kleine Brüderchen, das im Bett des Großvaters lag, streicheln wollen, aber der Großvater habe ihre Hand zurückgezogen und gesagt, das Brüderchen könne sie nicht mehr streicheln, es sei schon tot.
An ihre erste Kommunion erinnert sie sich, die anderen Kinder seien alle Einheimische gewesen, sie die einzige, von der man wußte, daß daheim nichts, wirklich gar nichts zu diesem Fest an Besonderem auf den Tisch kommen konnte, da hätten die Mütter beschlossen, eine gemeinsame Tafel für alle Kinder in einem Gasthaus zu machen, so sei auch sie zu ihrem Stück Kuchen gekommen. Das hat sie nicht vergessen, sie ist dankbar dafür gewesen, ist es heute noch, sie wäre es damals auch gewesen, wenn ihre Mutter ihr nicht immer wieder gesagt hätte, sie seien jetzt so arm, daß niemand sie haben wolle, sie müßten für jede Freundlichkeit besonders dankbar sein.
Hedwigs Film zeigt den Umzug in das kleine Häuschen, das unbewohnt in einem der Nachbarorte stand. Die Tür hing schief in den Angeln, aber die Mauern waren trokken, es hatte ein Dach, einen Bretterboden.
Der Pfarrer, ein GROSSARTIGER MANN, sagt Hedwig, ein Mensch, der tatkräftige Hilfe geleistet hat, wo er nur konnte, besorgte Feldbetten, sie hatten eine Unterkunft für die nächste Zeit.
Dann der Besuch von Richards Schwester, die durch einen Brief Heinrichs über ihre Ankunft in W. informiert worden war und sich sofort auf den Weg machte, die Schwägerin aufzusuchen.
Sie sei, schreibt Richards Schwester in ihrem Tagebuch, zu Fuß mit einem Rucksack über Stammersdorf, Eibesbrunn, Wolkersdorf gegangen, am ersten Tag bis Gaweinstal, also etwa fünfunddreißig Kilometer weit. Unterwegs sei sie von Russenautos überholt worden, die Kartoffeln, Zucker, Mehl, aber auch Fahrräder und Einrichtungsgegenstände geladen hatten. Viele Menschen seien mit Rucksäcken, Handwagen, Kinderwagen unterwegs aus der Stadt zu den Bauern gewesen.
(Von Wolkersdorf bis Gaweinstal ging ich mit einem Wiener Arbeiter und seinem zehnjährigen Buben. Er geht alle vierzehn Tage, Samstag, Sonntag, Montag, hinaus und zurück, damit seine vier Kinder Erdäpfel haben.)
Die Felder zu beiden Seiten der Straße seien ausgedörrt und verwahrlost gewesen, von Bomben zerwühlt, überall seien verrostete Geschützteile und zertrümmerte Autos herumgelegen.
(Schützengräben entlang der Straße durch die Felder, die Obstbäume an den Straßenrändern mit abgebrochenen Ästen, umgefahren oder zerschossen. Von den Feldern in Straßennähe wird kein Bauer ernten. Die Russen lassen dort das Vieh weiden.)
Der Wirt in Gaweinstal habe sie nicht beherbergen wollen, er habe ihr nicht einmal erlaubt, auf einer Bank im Gastzimmer zu schlafen, er habe Russen im Haus gehabt und sich gefürchtet, eine Frau aufzunehmen, seine eigene Frau und seine Schwester, habe er ihr gesagt, müßten abends das Haus verlassen und sich verstecken.
Eine fremde Frau habe sie dann bei sich aufgenommen, ihr ein Nachtquartier gegeben.
(Als ich mich mit Dank verabschiedete, winkte sie nur ab und forderte mich auf, wiederzukommen. Ausgeruht wanderte ich bis Schrick, zusammen mit einem alten Mann, unterwegs begegnete mir ein Trupp vertriebener Landsleute aus Muschau, denen man an der Grenze alles, sogar die Kopfpolster und Tuchenten für die Kinder, weggenommen hat. In einem Handpäckchen und auf einem Schubkarren war ihr ganzer Besitz. Ich weinte mit ihnen.)
Bei Schrick sei ihr ein Treck begegnet, oder vielleicht der Rest eines Trecks, dreißig oder vierzig mit Schilf gedeckte Plachenwagen, es seien Siebenbürger Sachsen gewesen. (Ich sprach mit ihnen, sie waren elend, abgezehrt, viele traurig bis zum Stumpfsinn. Sie sagten, sie seien daheim freie Bauern gewesen, nun würden sie hier als Knechte arbeiten müssen. Sie seien schon lange unterwegs, zuletzt sind sie in Oberösterreich gewesen.)
An diesem zweiten Tag, schreibt Richards Schwester, sei sie von Gaweinstal etwa vierzehn Kilometer weit nach W. gegangen, habe dort Valerie daheim angetroffen, diese habe sie dann nach K. zu Hedwig und den Eltern begleitet. (Das erste Wiedersehen nach schwerer, banger Zeit war für uns alle voll Schmerz und doch voll Freude, da wir bis auf die beiden Kleinen leben und gesund sind.)
Hedwig sei sehr traurig gewesen, die beiden Kinder scheu, die alten Eltern gefaßt.
Ja, es seien gute, hilfsbereite Menschen im Dorf, vor allem der Pfarrer, der den anderen ein Beispiel gebe.
(In anderen Orten sieht man die Flüchtlinge nicht gerne, es sind zu viele für das ausgeraubte Land.)
Hedwigs Gedächtnis hat diesen ersten, unerwarteten Besuch ihrer Schwägerin als große Freude registriert.
Dann der Festtag, an dem es DAS GULASCH gegeben hat. Die Frau, die für Hedwig ein Stück Fleisch von einem Pferd schneidet, ihr das große Stück Pferdefleisch überreicht.
Josef, der Großvater, ging auf die Felder hinaus, in der Hoffnung, irgendwo ein paar von einem Wagen heruntergefallene Zwiebeln zu finden, er kam an ein Lauchfeld, begann, Lauch abzuschneiden, fand bei diesem Gang über das Feld einen schon halb verwesten toten Soldaten neben seinem ebenfalls schon verwesenden Pferd. (Damals, sagt Hedwig, sind überall die toten Soldaten und die toten Pferde gelegen, NICHTS WAR EINGEGRABEN.)
Josef erschrak, wendete sich ab, kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit an, zwang sich dazu, in anderer Richtung weiterzugehen, trotzdem noch etwas von dem Lauch abzuschneiden, brachte den Lauch nach Hause, erzählte nichts von seinem grausigen Fund, ging erst später ins Dorf, um die Stelle anzugeben, an der er den Toten und sein verendetes Pferd gefunden hatte. Irgendwann, später, hat man den Mann und das Tier dann begraben.
Aus dem Lauch und dem Fleisch kochte Hedwig das Gulasch, an das sie sich, weil es ein so besonderes, seltenes Festmahl gewesen ist, heute noch erinnert.
Sie seien alle um den Tisch gesessen, hätten gegessen. Es habe ihr so geschmeckt, daß sie vor Übermut mit den Füßen gescharrt und das Wiehern eines Pferdes nachgeahmt hätte. Ihr Vater habe sie zornig angeschaut, dann nur noch in den Teller geblickt. Die Mutter sei aufgestanden, hinausgegangen, habe sich vor Ekel übergeben müssen. Daheim auf dem Hof waren die Pferde nicht nur Helfer bei der Feldarbeit, nicht nur Zugtiere für Wagen, Schlitten, Kutschen gewesen, man hatte sie wie Freunde, wie nahestehende Menschen geliebt. Nie hätte man sich vorstellen können, von ihrem Fleisch zu essen. Jetzt war es anders, die Not und der Hunger waren zu groß, aber selbst jetzt konnte Annas Magen dieses Fleisch nicht behalten.
Nie mehr hat sie Pferdefleisch gegessen, außer dann, wenn es gelang, sie zu täuschen, ein Gericht, das aus Pferdefleisch gekocht war, so zuzubereiten, daß sie nicht am Geschmack erkannte, was sie da aß. Sie hätten, sagt Hedwig, einmal von einer Tante aus Wien zwei Dosen mit HORSE-FLEISCH bekommen, es hätte ihnen herrlich geschmeckt, aber die Mutter habe keinen Bissen davon angenommen.
Bilder, die man aneinanderreiht, die man aus der Vergangenheit heraufholt, die es möglich machen, einen Teil dieser Vergangenheit zu beschwören.
Hedwig, mit ihren beiden Kindern, den alten Eltern, dem Kindergrab auf dem Dorffriedhof, keine Nachricht von Richard, ihrem seit dem Winter in Rußland verschollenen Mann, mußte Arbeit finden, um bleiben zu dürfen, um nicht wieder weiterziehen zu müssen. Der Winter stand vor der Tür, es hieß, es würde ein strenger Winter werden, ihre Kinder brauchten ein Dach, das sie vor der Kälte schützen würde, sie brauchten die beiden winzigen Kammern, in denen sie nun hausten, auch wenn sie noch so elend waren, sie brauchten den eisernen Ofen, den man ihnen geschenkt hatte, um nicht zu erfrieren oder krank zu werden. Vor allem aber brauchten sie Lebensmittelkarten, wenn auch selten alles, was gegen Vorweis dieser Karten hätte zu bekommen sein müssen, wirklich zu bekommen war.
Wer im Besitz von Lebensmittelkarten war, bekam beinahe nichts, wer keine hatte, bekam überhaupt nichts, das war zwar kein sehr großer, aber doch ein wesentlicher Unterschied. Lebensmittelkarten bekam nur, wer im Besitz einer Aufenthaltsgenehmigung war, eine Aufenthaltsbewilligung erteilte man nur demjenigen, der Arbeit hatte. Es war ein Kreis, der sich in vielen Fällen nicht schließen ließ. In Hedwigs Fall, der kompliziert genug gewesen ist, hat er sich schließlich geschlossen, und daß dies geschah, verdankte sie jenen Soldaten der Roten Armee, die in den turbulenten Tagen rund um das Ende des Krieges nicht nur in Wohnhäusern und privaten Räumen Schranktüren eintraten, Schubladen aus Kommoden rissen, ihren Inhalt, soweit sie ihn nicht brauchen konnten, auf den Dorfstraßen verstreuten, sondern die dies auch in Fabriken, Bürohäusern und Werkstätten taten. In einem Bohrbetrieb jedenfalls, der drei Kilometer entfernt von Hedwigs neuem Wohnort lag, waren es unzählige Schrauben gewesen, HUNDERTTAUSENDE SCHRAUBEN, sagt Hedwig, die durcheinandergekommen und die nun wieder der Größe und Stärke nach zu sortieren waren, und man hatte ihr und noch einigen anderen Frauen erlaubt, diese Arbeit als bezahlte Hilfskräfte, dadurch zum Bezug von Lebensmittelkarten berechtigte Personen, zu verrichten.
Hedwig sortierte also Schrauben, bis in den Winter hinein, sie legte täglich zweimal den Weg von drei Kilometern zu Fuß zurück. (Wenn ich abends nach Hause kam, sagt sie, habe ich überall Schrauben gesehen, am Himmel, an den Häuserwänden, an der Zimmerdecke, wenn ich im Bett gelegen bin, sogar nachts habe ich von Schrauben geträumt.)
Josef und Anna hatten, solange auf den Feldern gearbeitet worden war, mitgeholfen, dafür immer wieder einige Kartoffeln, manchmal etwas Mehl oder sogar ein Stückchen Fleisch bekommen, Josef hatte in den umliegenden Wäldchen Klaubholz gesammelt, so daß ein kleiner Vorrat für den Winter zusammengekommen war. Verhungern, erfrieren würde man nicht.
Hedwig sah sich, nachdem alle Schrauben sortiert waren, nach einer neuen Beschäftigung um, hatte wiederum Glück, im Bohrbetrieb suchte man eine Köchin für die Werkskantine.
Was es bedeutet habe, für neunzig Männer zu kochen, wenn nichts zu kochen da war als zum Beispiel Wasser und Roggenmehl. Oder das Fleisch einer alten Kuh. Oder ein Haufen Knochen, die schon gestunken hätten. Oder ein Berg Krautköpfe, halb verfault.
Einmal habe sie so GENUG VON ALLEM gehabt, daß sie kündigen wollte. Aber die Männer hätten sie nicht gehen lassen, sie hätten keine andere Köchin gewollt.
Damals schien es, als würden sie bleiben, bis zu jenem Zeitpunkt jedenfalls, zu dem man ihnen erlauben würde, IN DIE HEIMAT zurückzukehren. Daß dies eines Tages der Fall sein würde, davon waren alle, vor allem die Eltern, fest überzeugt.
Wie sollten die da drüben jenseits der Grenze denn auf die Dauer ohne die Deutschen zurechtkommen, wer würde die Felder bebauen, die ihnen gehört hatten, wie würde man denn jene Dörfer besiedeln, in denen nur Deutsche gelebt hatten? Nein, eines Tages würde sich alles ändern, man würde zurückkehren, wieder miteinander leben, miteinander auskommen, sich wieder vertragen. Der amerikanische Präsident Truman hatte in einer Rede gesagt, man gehe EINER NEUEN UND BESSEREN WELT DES FRIEDENS UND DES INTERNATIONALEN GUTEN WILLENS ENTGEGEN.
Nur gut, daß man es, wenn zur Rückkehr aufgerufen würde, nicht so weit haben würde, NACH HAUSE. Gut, daß man in der Nähe der Grenze geblieben war.
Man lebte von einem Tag auf den anderen, man wartete auf ein Lebenszeichen derer, die verschollen waren. Richard zum Beispiel hatte im Sommer 1944 zum letztenmal Urlaub gehabt, war dann zu seiner Einheit zurückgekehrt, seither war kein Lebenszeichen von ihm gekommen. Er war VERMISST gemeldet, aber was hieß das schon. Er konnte in Gefangenschaft geraten, irgendwohin gebracht worden sein, wo eine Möglichkeit, sich zu melden, für ihn nicht bestand. Er konnte geflüchtet sein, desertiert, irgendwo untergetaucht, ein Versteck gefunden haben, die abenteuerlichsten Geschichten wurden erzählt. Er konnte verwundet worden sein, in einem Lazarett oder Krankenhaus, das von jeder Nachrichtenübermittlung abgeschlossen. abgeschnitten war, seiner Genesung entgegensehen. Es gab viele Möglichkeiten, die man sich ausmalte, vorstellte, einzureden versuchte. IN SOLCHEN ZEITEN KLAMMERT MAN SICH AN STROHHALME, sagt die Mutter. WENN RICHARD KOMMT, sagte Hedwig, und sie meinte damit: Dann würde es besser werden, dann würden sich die Verhältnisse normalisieren, dann würde jemand dasein, der in schwierigen Situationen Rat wußte, der sich zu helfen wußte, der ihnen allen helfen würde, dann würde das einen neuen Anfang bedeuten.
Um die Rückführung der Kriegsgefangenen zu beschleunigen oder zu ermöglichen, wurden Suchdienste eingerichtet. Hedwig schrieb ein Ansuchen, eine Suchmeldung nach der anderen. Richards Namen, sein Geburtsdatum, seinen Geburtsort, seinen militärischen Dienstgrad, seine letzte Anschrift und Feldpostnummer, das Datum des letzten Briefes, ihren eigenen Namen, ihren jetzigen Aufenthaltsort.
Sie schrieb an die Suchdienste der neu gegründeten Rundfunkanstalten, an das Rote Kreuz, sie bezahlte Einschaltungen in den Zeitungen: WER KANN AUSKUNFT GEBEN ÜBER MEINEN MANN, RICHARD S. …
Sie ging sogar mehrere Male nach Wien, immerhin eine Strecke von etwa vierzig Kilometern, um bei Suchstellen nachzufragen, bei dieser Gelegenheit Verwandte und Freunde aufzusuchen. Auf Briefe allein konnte und wollte sie sich nicht verlassen. Während das britische Postministerium erwog, Düsenflugzeuge zur Postbeförderung über den Atlantik einzusetzen, die bei einer Stundengeschwindigkeit von 740 Kilometern zwei Tonnen Postsendungen über eine Strekke von dreitausend Kilometern transportieren würden (diese Post würde New York in sechs, Kalkutta in zwölf, Johannesburg in vierzehn, Australien in vierundzwanzig Stunden erreichen), brauchte ein Brief von Mistelbach nach Wien im besten Falle zwei Wochen. Wenn so ein Brief dann auch tatsächlich ankam, trug er den runden Stempel der Zensurstelle. Man durfte nicht alles schreiben, was man gerne geschrieben hätte, man durfte nicht alles berichten, was man gerne berichtet hätte, man durfte nicht alles fragen, was man gerne gefragt hätte.
Vor allem teilte Hedwig allen Bekannten, Verwandten, allen, die Richard gekannt hatte und die ihn gekannt hatten, die Anschrift ihres neuen Aufenthaltsortes mit. WENN RICHARD KAM, mußte er, gleichgültig an wen er sich um Auskunft wandte, erfahren, wo seine Familie zu finden sei.
Richard kam nicht, aber andere kamen, standen plötzlich vor Haustüren, umarmten Frauen, die ihnen fremd geworden waren, küßten Kinder, die sie noch nie gesehen hatten. Die Kinder drückten sich verlegen in Zimmerecken, hielten sich ängstlich an den Röcken der Mütter fest. Die fremden Väter waren nach Hause gekommen, aber sie waren noch lange nicht zu Hause. Sie gingen wie verloren herum, nannten, wenn man sie fragte, manchmal einen Namen, ja, den oder jenen hätten sie noch vor Monaten irgendwo lebend gesehen, dann aus den Augen verloren, einer der noch Vermißten hatte ihnen aufgetragen, seinen Angehörigen mitzuteilen, in welchem Lager er sich befinde, daß er gesund sei, oder sie hatten diese Nachricht über Dritte zu übermitteln. Manchmal waren sie Todesboten, überbrachten Botschaften, die zu überbringen sie lieber unterlassen hätten, aber nicht unterlassen durften. Manchmal tauchte einer von ihnen kurz in einem Dorf auf, das er auf seiner Heimkehr zu durchwandern hatte, suchte nach einer bestimmten Familie, fand sie nicht gleich und ging weiter, weil es ihn dorthin zog, wo er zu Hause war. Dann konnte man Tage später in den Zeitungen lesen: JENER HEIMKEHRER, DER AM 12. OKTOBER DURCH X.; GEGANGEN IST UND NACH DER FAMILIE Y. GEFRAGT HAT, WIRD DRINGEND GEBETEN, SICH ZU MELDEN.
In den geplünderten, ausgeraubten Häusern fanden die Heimgekehrten in den wenigsten Fällen noch eines jener Kleidungsstücke vor, die sie getragen hatten, ehe man sie zu Soldaten machte. Ihre Frauen trugen dann die Uniformfetzen, die sie Jahre hindurch in Erdlöchern, Schützengräben, Unterständen, Tag und Nacht am Leib gehabt hatten, diese von Schweiß, von Nässe und Schmutz, manchmal auch von Blut verklebten, immer wieder mühsam gesäuberten Lumpen, von denen sie sich so gerne für immer getrennt hätten, in eine Färberei. Bestimmte Färbereibetriebe hatten sich ausschließlich auf das Umfärben von Soldatenuniformen spezialisiert, das Tragen von Kleidungsstücken, die als Uniformteile deutscher Soldaten erkennbar waren, hatten die Besatzungsmächte verboten.
Es kam auch vor, daß einer dieser unerwartet Heimgekommenen wieder fortging, wie jener Schneidermeister, dem ein Fremder die Tür öffnete, als er nach Hause kam. Nicht, daß der Schneider Angst vor Fremden gehabt hätte, aber dieser Fremde war nicht mehr fremd, er gehörte offensichtlich zum Haus und zu der in diesem Haus wohnenden Frau. Der Schneidermeister aus dem Dorf X., der bei minus vierzig Grad in russischen Winternächten, später auf dem Rückzug, später in einem Gefangenenlager, Gras und Blätter fressend wie ein Tier, um nicht zu verhungern, um HEIMKEHREN zu können, immer nur an dieses kleine Haus und an die in diesem Haus lebende Frau gedacht hatte, immer nur an diesen winzigen, auf keiner Landkarte auffindbaren Ort, der diese wenigen Quadratmeter ummauerten Raums gemeint hatte, wenn er das Wort HEIMAT aussprach oder dachte, dessen ganzes Denken auf diesen einen, einzigen Punkt fixiert gewesen war, sah sich um alles betrogen, was er für wiedersehenswert gehalten hatte. Er versuchte erst gar nicht, wenigstens einen Teil davon zurückzubekommen, was sein gutes Recht gewesen wäre, er war während der letzten Monate an Rückzug gewöhnt worden und setzte nun diesen Rückzug widerspruchslos fort.
Er ging nicht weit, nur bis zum nächsten Wäldchen, dort legte er seinen Tornister ins Gras, knüpfte einen Riemen an den Ast einer Akazie und erhängte sich.
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Niemand von den heute noch Lebenden, die ich, Anna, danach gefragt habe, erinnert sich daran, ob die Vorhersage des Salzburger Wetterforschers eingetroffen ist, der für den 10. September 1945 eine merkwürdige Himmelserscheinung prophezeit hatte: Der an diesem Tag in Sonnennähe weilende Merkur würde einen Vorgang bewirken, den die Anhänger der Welteislehre mit dem paradoxen Satz DIE SONNE SCHNEIT beschrieben hätten. Die Erklärung dafür: Bei einer kurzen vorhergehenden Erwärmung eines schwachen gewittrigen Niederschlags oder bei der einem Niederschlag folgenden Abkühlung kann ein Anflug von Höhenschnee eintreten. Dieses von der Sonne verursachte Phänomen könne jedoch nicht nur durch Zustrahlung von Feineis, sondern auch DURCH DIE IRDISCHE WETTERMASCHINE, die eine erhöhte Elektronenausstrahlung auszulösen imstande sei, erklärt werden.
Das Wetter im frühen Herbst, heißt es allgemein, sei verhältnismäßig schön und vor allem warm gewesen. Dies ist, weil es wichtig war, im Gedächtnis geblieben. Keine Unwetter, keine kotigen, aufgeweichten Straßen und Feldwege, keine vom Regen durchnäßten Schuhe und Kleider. Erst der Oktober brachte Kälte und Wind, erst jene, die zugleich mit Hedwig und ihrer Familie unterwegs gewesen sind, haben unter schlechtem Wetter zu leiden gehabt. Anfang September gab es noch Nächte, in denen man am Rand eines Wäldchens oder einfach auf freiem Feld schlafen konnte, ein Kleiderbündel unter dem Kopf, die Kinder mit einer Jacke oder einem Mantel zugedeckt, auf einem mit Klaubholz genährten Feuerchen konnte man eine Suppe wärmen, in der Glut konnten Kartoffeln gebraten werden. Daß die Wege trocken waren, daß die Sonne noch warm vom Himmel schien, war wichtig, sonst nichts.
Wer ein Dach über dem Kopf hatte, wer geborgen war, wer sich dafür interessierte, was in der Welt geschah, konnte nun schon aus Zeitungen erfahren, was jene auf den Straßen Dahinziehenden nicht interessierte: Daß etwa in den ersten Septembertagen in einem Nürnberger Keller die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches aufgefunden worden war; oder daß von offizieller Seite betont worden sei, die Vereinigten Staaten hätten beschlossen, DAS GEHEIMNIS DER ATOMBOMBE NICHT PREISZUGEBEN, es würde nie zu anderen Zwecken verwendet werden als zur Erhaltung des Weltfriedens; oder daß sich in der englischen Presse warnende Stimmen äußerten, es sei nicht ratsam, Korea unmittelbar nach seiner Befreiung aus der japanischen Sklaverei seine Unabhängigkeit zu garantieren, indem man dem Volk volle Autonomie gewähre. Vielleicht haben Heinrich und Valerie jene Meldung gelesen, in welcher berichtet wird, daß eine Abordnung englischer Kirchenfürsten bei Englands Premierminister Attlee vorgesprochen und um Milderung DES BEKLAGENSWERTEN LOSES DER DEUTSCHEN FLÜCHTLINGE AUS POLEN UND DER TSCHECHOSLOWAKEI gebeten hätten. Premierminister Attlee erklärte, daß sich die britische Regierung mit der Flüchtlingsfrage ernsthaft befasse. Sie tue ihr Möglichstes, um die Schwierigkeiten zu überwinden, denen Europa im kommenden Winter entgegenstehe. In der BERLINER KONFERENZ habe man sich bereits auf Maßnahmen geeinigt und bis zur Beschlußfassung durch den Alliierten Rat in Deutschland weitere Ausweisungen von Deutschen verhindert.
Auch die Erklärung des tschechischen Staatspräsidenten Benesch zur Frage der Ausweisung der Deutschen werden sie vielleicht zur Kenntnis genommen haben, daß es mit der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei NUR UNÜBERBRÜCKBARE KOMPLIKATIONEN BEI DER DURCHFÜHRUNG EINER GEORDNETEN STAATSFÜHRUNG geben würde. Dieses Problem müsse im Einvernehmen mit den Großmächten geregelt werden. Oder: Obwohl zwischen den Ländern Österreich und Tschechoslowakei keine offiziellen Beziehungen bestünden, seien die tschechischen Behörden doch bereit, den tschechischen Staatsbürger österreichischer Nationalität ANDERS ALS DEN DEUTSCHEN UND DEUTSCHSPRACHIGEN TSCHECHEN zu behandeln. Zum Unterschied zu den Deutschen würden die Österreicher DIE GLEICHEN LEBENSMITTELKARTEN WIE DIE TSCHECHEN erhalten.
(Besonders jene zuletzt zitierte Bemerkung, die darauf hinwies, daß die noch in der Tschechoslowakei lebenden Deutschen nur unzureichend mit Nahrungsmitteln versorgt würden, wird Heinrich mit großer Besorgnis erfüllt haben. Er hatte noch keinerlei Nachricht von seiner alten Mutter, die in Mährisch Trübau geblieben war.)
Am 12. September kam Heinrich von einem Krankenbesuch nach Hause und legte eine Zeitung auf den Tisch. Die Wiener Staatsoper, hieß es darin, das künstlerische Zentrum der Stadt Wien und damit ganz Österreichs, würde wieder aufgebaut werden.
Dem Baukomitee seien in den vergangenen Tagen von sowjetischer Seite zur Verfügung gestellt worden: zwei Millionen Schilling in bar, eineinhalb Millionen Ziegelsteine, dreihundert Tonnen Zement, dreißig Tonnen Dachblech, zweihundert Tonnen Stahlträger, vierhundertfünfzig Tonnen Stahl und Eisenarmaturen, zwanzig Tonnen Farbe und sieben Lastkraftwagen.
(Was der Wiederaufbau der rund dreißigtausend zerstörten oder schwer beschädigten Gebäude in Wien insgesamt kosten würde, konnte Anni in einer anderen, in Linz erscheinenden Zeitung lesen. Es würden etwa fünf Millionen Dollar zur Deckung der Kosten nötig sein. Man rechnete mit fünfundsiebzig bis achtzig Millionen Dachziegeln, ebensovielen Quadratfuß Glas, dreihundert Millionen Ziegelsteinen, dreihunderttausend Kubikmetern Holz, zwölftausend Tonnen Baustahl, zweihunderttausend Tonnen Zement. Außerdem würden achtzehntausend Kilogramm Leim und etwa neuntausend Tonnen Gips benötigt werden, der Wiederaufbau würde voraussichtlich sieben bis zehn Jahre in Anspruch nehmen.)
Es ist anzunehmen, daß die Meldung über den geplanten Wiederaufbau der Staatsoper Heinrich trotz (oder gerade wegen!) der alles andere als erfreulichen Situation, in der er sich zur Zeit befand, trotz (oder gerade wegen!) der Armut, in der er lebte, in besonderer Weise beschäftigt hat. Er wird durch diese Meldung in vielerlei Hinsicht an sein früheres Leben, an seine Jugend erinnert worden sein. Er wird an seine Studentenjahre in Wien gedacht haben, in denen er auch gehungert, trotzdem davon geträumt hatte, in der MUSIK- UND THEATERSTADT WIEN bleiben, dort leben zu dürfen. Der Wunsch wird in ihm wachgeworden sein, sich diesen Traum wenigstens jetzt, im zweiten Teil seines entzweigeschnittenen Lebens, zu erfüllen.
Schon Friederike, geboren im niederösterreichischen Furthof, Tochter des Feilenfabrikdirektors, der als Waisenkind in Prag Semmeln und Brot vor die Türen der Bürgerhäuser getragen hatte, schon Heinrichs Mutter also, hatte von Wien geträumt, später die viel kleinere Stadt Brünn des Theaters wegen als Ersatz hingenommen, Boskowitz, wohin ihr Ehemann versetzt worden war, gehaßt, Mährisch Trübau als eine Art Exil empfunden, in das man sie verbannt hatte, das sie angeblich niemals lieben konnte. (Später, wieder in Österreich lebend, hat sie immer Heimweh nach Mährisch Trübau gehabt!)
Schon Friederikes Mutter Amalia, Tochter des Mürzhofner Erbpostmeisters, hat in ihrem Tagebuch Wienbesuche als besondere Festtage eingetragen, schon Amalias Vater, vor dessen Gasthof die aus Wien kommenden Postkutschen hielten, reiste von Zeit zu Zeit gerne nach Wien, wie Amalia ihrer Tochter Friederike, diese wieder ihrem Sohn Heinrich berichtet hat.
In Heinrich erwachte der Wunsch seiner Jugendjahre nicht nur neu, er war stärker als zuvor. Aber nie war die Entfernung zwischen seinem Wohnsitz und dieser Stadt, in der er so gerne gelebt hätte, größer gewesen als jetzt, nie war die Aussicht auf eine mögliche Erfüllung seines Traumes geringer gewesen. Was für Anni galt, galt selbstverständlich auch für ihn, und es galt auch für Valerie. Er war ein Nichts, ein Niemand, ein Mensch, der nirgends mehr hingehörte. Wenn der Arzt, der vor der näherkommenden Front die Flucht ergriffen hatte, zurückkam, würde ihn auch hier im Dorf niemand mehr haben wollen, niemand mehr brauchen, er würde weiterziehen, das Land verlassen müssen. Das neue Gesetz sah die Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft nur in Fällen von besonderem Staatsinteresse vor.
Nach Wien willst du, sagte Valerie, die von seinem Wunschtraum wußte, in Wien wartet niemand auf dich.
Nein, niemand wartete darauf, daß Heinrich und seine Frau nach Wien kamen, niemand suchte nach ihnen, niemand gab Suchanzeigen auf, um zu erfahren, ob sie noch lebten. Die Verwandten und Freunde hatten zu dieser Zeit andere Sorgen, sie trugen, was sie an Wertgegenständen besaßen, auf den Schwarzen Markt. BLACK MARKET nannten diesen Markt die Engländer und Amerikaner, die Zeitungen nannten ihn TUMMELPLATZ DER ASOZIALEN.
Zwölfhundert Schilling (oder immer noch Mark) für ein Kilogramm Schweineschmalz, hundertfünfzig Schilling für ein Kilo Mehl, achthundert für einen Liter Öl, fünfzehnhundert für ein Kilo Bohnenkaffee. Hätte Anni in Wien gelebt, dann hätte sie die Wahl gehabt, für die ihr monatlich bewilligten einhundertfünfzig Schilling (oder Mark) entweder fünfzehn Eier oder ein halbes Kilo Zucker oder achtundachtzig Dekagramm Pferdefleisch zu erstehen. Sie hätte auch für diesen Betrag in Linz an der Donau genau einhundert amerikanische Zigaretten kaufen, damit unter gefährlichen Umständen die Demarkationslinie passieren, die Zigaretten in Wien zu fünf Schilling je Stück wieder verkaufen können. Dabei hätte sie einen Gewinn von dreihundertfünfzig Schilling erzielt, für die sie wiederum dreiundzwanzig Deka Bohnenkaffee oder eineinhalb Kilo Brot oder eineinhalb Paar Damenstrümpfe bekommen hätte. Das Unternehmen hätte sich nicht gelohnt, ganz abgesehen davon, daß die Bewilligung zu einer Fahrt über die Zonengrenze immer noch ausschließlich jenen Personen erteilt wurde, die im Besitz der österreichischen Staatsbürgerschaft waren, es lohnte sich nur in größerem Umfang. Ein Schleichhändler, den man festnahm, hatte in Linz zwanzigtausend Zigaretten gekauft und durch den Wiederverkauf in Wien bei einem einzigen Geschäft einen Verdienst von siebzigtausend Schilling gehabt.
WIR MÜSSEN GEWAPPNET SEIN, schrieb eine Linzer Tageszeitung im Oktober 1945, WENN BEI AUFHEBUNG DER DEMARKATIONSLINIEN SICH EINE FLUT VON SCHLEICHHÄNDLERN AUS DEM ÖSTLICHEN TEIL ÖSTERREICHS IN UNSER LAND ERGIESST. (Vorläufig konnte von einer Öffnung der Zonengrenzen allerdings keine Rede sein.)
Zurück in das Dorf W. bei Mistelbach im niederösterreichischen Weinviertel, wo die Verhältnisse für Leute, die nicht selbst einen Bauernhof besaßen, zwar nicht so trostlos wie in der Großstadt Wien, aber trostlos genug gewesen sind.
(Hedwig hat einmal auf dem Weg zur Arbeit eine Frau getroffen, die ihr erzählte, sie hätte jetzt mit ihrer Familie vierzehn Tage lang GANZ GUT gelebt, sie hätten EINEN HUND GEHABT.
So weit, sagte Hedwig, sind wir Gott sei Dank nicht gekommen.)
Zurück zu Heinrich, der Typhuskranke besucht, mutig und ohne die eigene Ansteckung zu fürchten, an ihren Betten sitzt, Geschlechtskranke mit unzureichenden Mitteln behandelt. (Das Penicillin war zwar erfunden, es stand jedoch in Österreich praktizierenden Ärzten kaum zur Verfügung.) Heinrich, der gegen Ruhrepidemien ankämpft, hochinfektiöse eiternde Hautausschläge, die rasch sich ausbreitende Krätze bekämpft, Eiterbeulen aufschneidet, Wunden verbindet, Gebärenden hilft, wenn es nötig ist, auch Zähne zieht, der eines Tages aus einem der Nachbardörfer heimkommt, sich auf einen der beiden hölzernen Sessel setzt, einen seiner Schuhe auszieht und feststellen muß, daß die durchlöcherte Sohle sich nun auch aus den Nähten gelöst hat, daß der total ruinierte Schuh nicht mehr reparierbar ist. (Ein Paar neuer Schuhe kostete auf dem Schwarzmarkt zu jener Zeit fünfzehnhundert bis zweitausend Schilling.)
Valerie, die, Tage vorher, im Nachbarhaus einen einzelnen Herrenschuh auf einer Truhe, Kommode, sonst einem Möbelstück von geringer Höhe stehen sah, diesen Schuh, den die Bäuerin behauptete, gefunden zu haben, den sie wegwerfen wollte, mitgenommen hat. Jetzt geht Valerie zum Schrank, nimmt diesen Schuh heraus, reicht ihn Heinrich, es ist ein linker Schuh, wie jener ruinierte, den Heinrich eben ausgezogen hat, er probiert den Schuh, er paßt. (Zu bemerken bleibt nur, daß dieser Schuh hellbraun gewesen ist, der andere, jetzt zerrissene Schuh dunkelbraun, daß auch die Form des einen Schuhes sich wesentlich von der des anderen unterschied.)
Ein Doktor, der mit zwei verschiedenfarbigen, verschieden gearbeiteten Schuhen zu seinen Patienten unterwegs ist? Zu jener Zeit und auf jenen Feldwegen, über die er bei jedem Wetter ging, ist das niemandem aufgefallen, und wenn es jemandem aufgefallen ist, hat es ihn nicht gestört. Nur Valerie konnte sich nicht damit abfinden, daß es, statt besser zu werden, immer noch abwärts ging.
(Welchen Kreisen haben die Damen angehört, die damals KLEIDER MIT BLUSIGEM RÜCKEN trugen, für den Nachmittag mit Valenciennes-Spitzen besetzt oder mit aufgenähten Stoffblumen verziert? Wer konnte sich jene Abendkleider leisten, die SPARSAMER ALS BISHER DIE REIZE SCHÖNER FRAUEN zeigten, die vorne hochgeschlossen, dafür am Rücken tief dekolletiert waren, BEVORZUGTE MATERIALIEN: BROKAT, TÜLL UND TAFT?
SEID GETROST, FRAUEN, schreibt der Verfasser des Modeartikels im WIENER KURIER, auch für euch wird bald die Zeit kommen, da ihr in beschränktem Ausmaß wieder einkaufen könnt!
Wer konnte die vielen aus Loden, aus Wolle, aus Seide und Brokat gefertigten Trachtenmodelle kaufen?
EINES STEHT FEST, hieß es, DIE RÖCKE WERDEN WEITER. Unter dieser Notiz, klein gedruckt, ein Hinweis: WIENER AUFGEPASST! ALLE VERBRAUCHER ÜBER 12 JAHRE ERHALTEN AUF ABSCHNITT M DER BROTKARTE 70 DEKA BROT!
Valerie besaß einen Rock, zwei Blusen, eine Strickjacke und ein vor Jahren in Bad Goisern von einem Schneider angefertigtes, jetzt an den Kanten schon abgewetztes Lodenkostüm. Andere allerdings hatten nicht einmal das. Heinrich hatte drei Hemden über die Grenze gebracht, es gab keine Waschmittel, Valerie hatte diese Hemden mit reinem Wasser auszuwaschen, ein bißchen Seife auf Kragen und Manschetten, dann hängte sie die Hemden im Hof zum Trocknen auf, zog sie zurecht, ein Bügeleisen hatte sie nicht.
Wir waren so arm, sagt die Mutter, daß sich das heute niemand mehr vorstellen kann.)
Der Tag, an dem Valerie zum zweitenmal das Nachbarhaus betrat, aus irgendeinem Grund, an den sie sich nicht mehr erinnert, nach der Bäuerin rief, keine Antwort erhielt, bis sie durch das Vorhaus weiterging, in den Hof. Valerie stand wie erstarrt, sie konnte nicht glauben, was sie da sah. Quer über den Hof waren, von einer Mauer zur anderen, Wäscheleinen gespannt. Aber an diesen Leinen waren nicht etwa Hemden, Socken oder Unterhosen des Bauern, der Bäuerin, ihrer Kinder, nein, da waren Herrenanzüge befestigt, sichtlich von guten Herrenschneidern gearbeitet, Damenkleider verschiedenster Machart, aus Wollstoff, aus Seide, ein Abendkleid, das keineswegs der kurzbeinigen Bäuerin gehören konnte, spitzenbesetzte Nachthemden hingen da und ein Morgenmantel aus Samt. Vor allem aber hingen, über die Wäscheleine geworfen, die Wäscheleine schwer belastend, eine Herausforderung für die Augen, zwei Damenpelzmäntel und ein Herrenwintermantel mit Innenfell.
Valerie stand bewegungslos, sie hätte sich gar nicht bewegen können, auch wenn sie die Absicht gehabt hätte. Sie sah die Bäuerin und eine Nachbarsfrau geschäftig hin- und herlaufen, weitere Wäschestücke, Kleider aus großen Kisten nehmen, über die Stricke werfen. So versunken waren die beiden in ihre Beschäftigung, so von ihr in Anspruch genommen, daß sie in ihrem Eifer die ungebetene Augenzeugin nicht bemerkten.
Valerie verfolgte ihre Bewegungen mit den Augen, registrierte: ein Sommerkleid, zweifarbig, mit Rüschen besetzt, ein roter Seidenrock, weiß getupft, eine Jacke aus Wollstoff, eine Seidenbluse. Wem immer dies alles gehören mochte, es war, nach immerhin siebenjähriger Kriegszeit mit Kleiderkarten und Bezugsscheinen, die man nur selten bekam, eine märchenhafte Garderobe.
Dann, endlich, blieben ihre Augen an einem braunledernen Gegenstand hängen, der in einer Ecke des Hofes auf dem Boden lag. Valerie stellte sofort aus der Entfernung fest, daß es sich nur um den zweiten, den fehlenden Schuh handeln konnte, ging hin, konstatierte, daß ihre Vermutung richtig gewesen war, hob den Schuh auf und hielt ihn noch in der Hand, als sich, in diesem Augenblick, die Bäuerin zu ihr umwandte.
Bilder, die unvergessen geblieben sind, die jetzt von der Mutter geschildert werden: das vor Schreck und Entsetzen verzerrte Gesicht der Bäuerin, ihre gestikulierenden Hände, mit denen sie Erklärungen zu unterstreichen versucht. Die mit hilflos herabhängenden Armen dabeistehende, ebenfalls erschrockene Nachbarsfrau. Die Wäschestücke, die im aufkommenden Herbstwind zu flattern beginnen, ein Wäschestück, das sich losreißt, von der Leine löst, in den Zweigen des breitästigen Nußbaumes hängenbleibt. Diese Sachen, erklärte die Bäuerin, fast schreiend vor schlechtem Gewissen, habe ihr jemand zur Aufbewahrung übergeben, sie seien im Hauskeller versteckt gewesen, hätten durch die Feuchtigkeit einen üblen Geruch bekommen, sie hätte das festgestellt und gefunden, daß man sie dringend lüften müsse.
Eine Pause entstand, gefährliches Schweigen hing in der blauen Herbstluft, Valerie stand immer noch unbeweglich, bis die Frau schließlich keifend erklärte, der Besitzer dieser Sachen käme sicherlich niemals wieder. Wenn er die Absicht gehabt hätte, wiederzukommen, oder vielmehr die Möglichkeit dazu, dann hätte er sich längst gemeldet, wenigstens seine Frau. Wahrscheinlich, fügte sie hinzu, seien die beiden längst tot.
Sie nannte den Namen des Mannes, der ihr die Kisten anvertraut hatte, und Valerie erstarrte zum zweitenmal. Sie hatte einen Namen gehört, den sie kannte. Sie drückte den Schuh an die Brust und verließ mit raschen Schritten das Haus.
Hier müssen familiäre Bezüge ins Gedächtnis gerufen werden.
Eine schon einmal in B. vom Vater auf ein Blatt Papier gezeichnete, im zweiten Teil seines Lebens mühsam rekonstruierte, aus rechteckigen Kästchen gefügte Pyramide muß aus der Schreibtischlade geholt, in den Lichtkreis der Lampe gebracht, betrachtet werden.
Annis Name im untersten Kästchen, rechts und links über ihrem Namen die Namen der Eltern, Heinrich und Valerie.
Schräg aufwärtsgezeichnete Linien führen zu Valeries Eltern Josef und Anna, zu Heinrichs Eltern Friederike und Adalbert, dann, darübergelagert, zum oberen Blattrand aufsteigend, sich verzweigend, in ungleich langen Ausläufern endend, der große, übrige Teil der Pyramide, Namen und Namen, die einmal zu Menschen gehörten, deren Gesichter nur noch vereinzelt auf alten Fotografien festgehalten, deren Schicksale nur noch zum Teil überliefert sind. Ihre Lebensläufe, ihr Glück und ihr Unglück, die Lichtpunkte und die tragischen Verkettungen, alles, was über sie in Erfahrung zu bringen war, ist schon einmal beschrieben worden. Trotzdem muß zurückgeblickt, angeknüpft werden, wo damals nicht fortgesetzt worden ist. Der Vater hat unter dem Namen seiner Mutter Friederike auch die Namen ihrer Geschwister eingetragen: Helene, Marie und Hermann. An Helenes Namen bleiben die Augen hängen. Sie war, nach kurzer Ehe mit einem Mann, der Postmeister und Stationsvorstand der Mariazellerbahn in einer kleinen niederösterreichischen Stadt bei Sankt Pölten gewesen ist, wieder geschieden worden, mußte den Sohn seinem Vater überlassen, zog nach Wien, der Sohn wurde vom Vater erzogen, ein wahrscheinlich nicht sehr glückliches Kind, in dessen Gegenwart der Name der Mutter nicht ausgesprochen worden ist, das die Mutter nicht sehen durfte, das, als es älter wurde, wahrscheinlich von jenem furchtbaren Verbrechen erfahren hat, welches die Mutter begangen hatte: Sie hatte sich, jung, schön, lebenslustig, von ihrem Mann vernachlässigt, in den Gemeindearzt verliebt. Ihr Sohn Hans war der erste der Blutsverwandten, den Heinrich damals in W. bei Mistelbach wiedergesehen hat.
Es ist anzunehmen, daß die Abneigung, welche die beiden Vettern füreinander empfanden, auf beiden Seiten gleich stark gewesen ist. Heinrich, schon als junger Mensch eher schwächlich, sensibel, musikalisch, Hans, dessen politische Karriere mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich begann, da war kein Raum für ein längeres Gespräch, da konnte man sich auch aus Gründen verwandtschaftlicher Beziehung nicht füreinander erwärmen. Kaum denkbar jedenfalls, daß sich Heinrich, wäre der andere in seiner Situation gewesen, ähnlich verhalten hätte, wie Hans sich verhielt.
Ich, Anna, versuche mir vorzustellen, wie die von der Mutter mehrfach geschilderte Begegnung der Vettern damals, im Herbst 1945, verlaufen ist.
Ein Wagen mit niederösterreichischer Nummer hielt vor dem Nachbarhaus, zwei Männer stiegen aus, Valerie, durch das Fenster auf die Straße blickend, konnte gerade noch beobachten, wie sie im Haus verschwanden. Kurz darauf Männer- und Frauenstimmen, die keifende Stimme der Nachbarsfrau, dann wurde nebenan die Haustür geöffnet und wieder zugeschlagen, dann öffnete sich die eigene Haustür, die Zimmertür.
Heinrich, der auf einem der beiden Sessel beim Tisch gesessen war, stand auf, ging einen Schritt auf den Vetter zu, blieb dann stehen, hob zaghaft die Hand, um sie dem Verwandten entgegenzustrecken, ließ die Hand wieder sinken, schien plötzlich noch kleiner, noch schmächtiger unter dem Blick des anderen, der sich von der Türschwelle nicht wegbewegte, ihn nicht grüßte, Valerie überhaupt nicht beachtete, nach einem Blick auf Heinrichs Füße nur einen einzigen Satz sprach: ZIEH SOFORT DIESE SCHUHE AUS!
Kein Zweifel, sagt die Mutter, daß die Nachbarsfrau Hans die Geschichte mit den Schuhen anders berichtet hat, als sie sich zugetragen hat. Kein Zweifel darüber, daß sie, um vielleicht von der eigenen Schuld abzulenken, darauf hingewiesen hat, daß im Nachbarhaus jemand wohne, der ein Paar Schuhe mitgenommen, sich angeeignet habe. Hans jedenfalls sei nur herübergekommen, um diese Schuhe abzuholen.
Die Vettern einander gegenüberstehend. Der eine, der, von einem bestimmten Zeitpunkt an, immer nur die Uniform seiner Partei getragen hatte, EIN VOLK, EIN REICH, EIN FÜHRER, der zu jenen gehört hatte, die an keiner Front gekämpft hatten, bis zuletzt noch Geschichten vom Endsieg erzählten, der auch dann, als seine Sprüche sich nicht erfüllt hatten, durch die Maschen geschlüpft war, vermutlich nach kurzer Haft wieder in Freiheit gesetzt worden war, der nun gekommen war, seine im richtigen Zeitpunkt verlagerten Sachen abzuholen. Der andere, der Uniformen gehaßt hatte, der nur auf zwei Fotografien uniformtragend zu sehen ist: einmal mit großen, erschrockenen Augen im vom Hunger und Malariafieber ausgezehrten, faltig geschrumpften Gesicht als Sanitäter der österreichischen Armee gegen Ende des Ersten Weltkriegs, das andere Mal als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr der jenseits der österreichischen Grenze im Südmährischen gelegenen Kleinstadt B. Heinrich, der schließlich zu seinem Sessel zurückkehrt, sich niedersetzt, mit Fingern, die immer ein wenig gezittert haben, Schuhbänder aufschnürt, die Schuhe auszieht, sie wortlos dem Vetter reicht. Hans, der die Schuhe in Empfang nimmt, sich umdreht, die Zimmertür zuschlägt, grußlos das Haus verläßt.
Heinrich und Valerie, die im Zimmer zurückbleiben, wortlos einander gegenübersitzend, die wenig später, nachdem im Nachbarhaus wiederum laute Stimmen zu hören gewesen sind, vernehmen, wie der Motor des vor dem Haus geparkten Wagens anspringt, wie der Wagen sich entfernt, die dem Motorgeräusch nachhorchen, das sich, immer leiser werdend, schließlich in der Ferne verliert.
Irgend jemand hat dem Doktor, der keine Schuhe hatte, ein Paar alte Gummistiefel gegeben. Sie waren um eine Nummer zu klein. Valerie tauschte sie in der SCHUHUMTAUSCHSTELLE DES FRAUENAKTIONSKOMITEES DER SOZIALISTISCHEN PARTEI MISTELBACHS gegen andere, ebenso alte, jedoch passende Gummistiefel um.
(Hans, sagt die Mutter, ist einer von denen gewesen, die es zu allen Zeiten gegeben hat, die es immer verstanden haben, sich einzurichten, die IMMER DAVONGEKOMMEN SIND. Ein anderer Verwandter Heinrichs, der nur einfaches Mitglied der Partei gewesen war wie viele andere, die gefürchtet hatten, sie würden, wenn sie sich weigerten, ihre berufliche Position, ihre Familie, ihre Kinder gefährden, hat sich, wenige Tage vor dem Ende des Krieges, zusammen mit seiner Frau und seinen fünf Kindern das Leben genommen. DIE KINDER HABEN SIE MITGENOMMEN, sagt die Mutter, sie meint: in den Tod.
Auch Heinrich trug gegen Ende des Krieges immer eine Dosis eines rasch wirkenden Giftes für sich und seine Familie bei sich, die Mutter hat das gewußt, Anni wußte es nicht.)
Oktober: Das ist der Monat, in dem sich das Weinlaub auf den Hügeln rot und gelb zu färben beginnt. Die ledrigen Blätter der Nußbäume trocknen von den Rändern her ein, in den Lindenbäumen leuchtet das erste Hellgelb, die gefiederten Blattrispen der Akazien weinen die ersten gelben Tränen. Die ganze kleine Stadt B. hatte um diese Zeit nach Maische gerochen, die ausgepreßten Traubenbälge waren in braunen Haufen neben den Kellern gelegen, der Most hatte sich milchig verfärbt. In den Hausgärten hatten die Dahlien geblüht. Über den seidenblauen Himmel hatte der Herbstwind in allen Farben leuchtende Wolken getrieben.
Erinnerst du dich, sagt die Mutter, wie schön es um diese Zeit zu Hause gewesen ist. Nun malt sie die Vergangenheit doch in sanften Farben, das Böse, Dunkle spart sie aus. Wie die Maiskolben zu großen Haufen geschichtet in den Vorhäusern der Bauernhöfe gelegen sind, erzählt die Mutter, wie sich die Alten und die Jungen an den Abenden versammelt haben, um die Kolben aus den Blättern zu schälen, wie man einander Geschichten erzählte, Lieder sang, die neuesten Liebesgeschichten besprach. WIE LUSTIG es damals gewesen sei. Die jungen Leute können heute gar nicht mehr richtig lachen, sagt die Mutter. Und sie singen auch nicht mehr. WAS WIR FÜR LIEDER GEKANNT HABEN. Wieso das heute so anders geworden ist?
Anfang Oktober 1945 hatte es in Wien eine Großkundgebung gegeben: GEBT DEN SÜDTIROLERN IHRE ÖSTERREICHISCHE HEIMAT WIEDER! Für alle Personen, die älter als sechs Jahre waren, gab es anstelle von Fleisch zweihundert Gramm Hülsenfrüchte, wobei das Wort GRAMM ausgeschrieben war. Das machen sie, weil es so nach mehr aussieht, sagte Valerie.
Dazu gab es achtzig Gramm Fett, anstelle von Hülsenfrüchten konnte Maisgrieß bezogen werden.
Am 9. Oktober sagte der tschechische Staatspräsident Benesch, er wünsche ENGSTE WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT MIT ÖSTERREICH. Die politische Zusammenarbeit mit diesem Land würde von VIELEN DINGEN abhängen, vor allem von der ANSICHT RUSSLANDS.
Die drei Millionen zählende deutsche Minderheit in der Tschechoslowakei müsse auf dreihunderttausend Personen reduziert werden. SEIT ICH IN DIE TSCHECHOSLOWAKEI ZURÜCKGEKEHRT BIN, MUSSTE ICH FESTSTELLEN, DASS DIE ANZAHL DER DEUTSCHEN, DEREN LOYALITÄT GEGENÜBER DER TSCHECHOSLOWAKEI, SICH BEWÄHRT HAT, VIEL GERINGER IST, ALS ICH IN LONDON ANGENOMMEN HATTE.
Am 10. Oktober erklärte der Generalstabschef der US-Armee, General George C. Marshall: WIR KÖNNEN SICHER SEIN, DASS DER NÄCHSTE KRIEG NOCH TOTALER GEFÜHRT WERDEN WIRD ALS DIESER!
Am 11. Oktober veröffentlichte die Zeitung WIENER KURIER ein Bild, das die Schauspieler des Theaters in der Josefstadt beim Wegräumen von Bombenschutt zeigt. Jane Tilden hält ihre Schaufel hoch und lacht fröhlich in die Kamera.
In derselben Zeitung eine Notiz: KEIN NAZI MEHR RICHTER IN ÖSTERREICH. (15. März 1938: Der Justizminister hat von Wien aus die sofortige Entlassung aller Gerichtsbeamten, die Juden oder Halbjuden sind, angeordnet und eine Aufnahmesperre für Juden in die Rechtsanwaltschaften und Notariate verfügt. März 1939: AUCH DIE BRÜNNER ADVOKATENKAMMER IST JETZT JUDENREIN!)
In diesem Oktober hatte die Wiener Theatersaison wieder begonnen.
Der dreiundachtzigjährige Gerhart Hauptmann sagte in Agnetendorf zu einem Besucher, er zweifle nicht daran, daß sich Deutschland in fünfzig Jahren wiedergefunden haben würde, aber es müßte dann ein ganz anderes Volk geworden sein als jenes, das blind in die Katastrophe gegangen sei. Der norwegische Dichter Knut Hamsun wurde zur Untersuchung seines Geisteszustandes in eine Nervenklinik in Oslo gebracht.
Am 14. Oktober, einem Sonntag, fand um elf Uhr vormittags in Mistelbach die Enthüllung des Bezirksdenkmals statt, das für die gefallenen Soldaten der Roten Armee errichtet worden war. Es trug in roten Buchstaben die Inschrift: EWIGEN RUHM DEN HELDEN, DIE IN DEN KÄMPFEN FÜR FREIHEIT UND UNABHÄNGIGKEIT UNSERER HEIMAT GEFALLEN SIND.
Es gab eine Ehrenwache, Militär, Schuljugend, Lehrpersonen, eine Tribüne für die Vertreter der Kommandantur, der Gemeinde und der Parteien. Eine größere Anzahl von Bürgern der Stadt war versammelt, Fahnen wehten, ein Prolog war verfaßt worden. DIE HÜLLE FÄLLT! SO IST ES DENN ENTSCHIEDEN, DASS MISTELBACH EIN DENKMAL SICH ERRICHTE!, die Schulkinder sangen, Ansprachen wurden gehalten, der Prolog wurde verlesen (oder von einem Schauspieler vorgetragen): WAS WIR ALS GEGENWART ERLEBT, ERLITTEN: IN GRAUEN UND QUAL UND UNNENNBAREM WEH, EIN ENDE DIESES SCHRECKENS ZU ERBITTEN, DAS BRACHTE UNS DIE ROTE SIEG’S-ARMEE!
Die Leute murrten, das Ende des Schreckens sei ein Ende mit Schrecken gewesen. Auch daran würde das Denkmal erinnern.
Befreit haben sie uns, ja, sie haben uns von ALLEM BEFREIT, sagte Frau O.
Valerie sagte: Die armen Teufel sind auch nicht freiwillig gestorben, die hat man genauso umgebracht wie unsere Soldaten.
Sie habe, sagt die Mutter, an Richard denken müssen, aber auch an die jungen Gesichter der Gefangenen, die man vor dem Kriegsende durch B. getrieben habe. Achtzehntausend gefangene deutsche Soldaten seien einmal eine Nacht lang in B. gelegen, alle Straßen und Gassen, der ganze Stadtplatz, alles sei SCHWARZ VON SOLDATEN gewesen.
DU KANNST DIR NICHT VORSTELLEN, WIE ARM SIE GEWESEN SIND.
MAN DARF NICHT DARAN DENKEN, sagt die Mutter, MAN DARF NICHT DARAN DENKEN, sie wiederholt den Satz, dreht das Gesicht weg, zum Fenster, fürchtet, man könnte bemerken, daß sie den Tränen nahe ist, die alten Bilder sind noch nicht gelöscht, sind nur verdrängt worden, werden wieder beschworen, wenn man davon spricht.
Seit damals, sagt die Mutter, kann ich keine traurigen Bücher mehr lesen und keine traurigen Filme mehr sehen. ES IST OHNEHIN ZUVIEL TRAURIGES IN DER WELT.
In Rußland gibt es auch Mütter, die jetzt weinen, sagte Valerie. Sie dachte: Hoffentlich kommt Richard zurück. Aber Richard war nicht der einzige, von dem man ein Lebenszeichen erhoffte, auch der Sohn von Heinrichs früh verstorbener Schwester, zu Kriegsende gerade einundzwanzig Jahre alt geworden, schwerkrank in einem Brünner Lazarett zurückgeblieben, war verschollen. Und Heinrichs alte Mutter hatte noch immer keine Nachricht gegeben. Von jenen Verwandten, die noch nicht über die Grenze gekommen waren, wußte man nicht, ob sie noch lebten, wo sie sich aufhielten, ob man sie noch einmal Wiedersehen würde.
Woran Valerie vor allem dachte, was sie Tag und Nacht beschäftigte, muß nicht gesagt werden.
Die Wahlaufrufe der provisorischen österreichischen Regierung las Heinrich mit Interesse, aber sie betrafen ihn nicht. Er durfte an der ersten allgemeinen freien Wahl nicht teilnehmen, er durfte nicht wählen, weil er kein Staatsbürger war. ER DURFTE NICHT ÜBER BESTAND UND ZUKUNFT EINES VOLKES MITENTSCHEIDEN, zu dem er einmal gehört hatte, zu dem man ihm jetzt nicht zu gehören erlaubte, er durfte sich nicht am Wahlkampf beteiligen wie andere MÄNNER, DIE, DER EIGENEN ÜBERZEUGUNG WOHL BEWUSST, ZUGLEICH DIE ÜBERZEUGUNG DES ANDEREN ACHTEN. ER WAR EIN LANDESFREMDES ELEMENT, die freie, unabhängige, demokratische Zukunft Österreichs ging ihn nichts an. Am Sonntag, dem 25. November, entschieden die Wähler für zwei Parteien, die Volkspartei und die Sozialistische Partei.
Das Zentralorgan der Kommunistischen Partei schrieb: ES IST UNS NICHT GELUNGEN, DAS VOLK AUFZURÜTTELN.
Was geschah sonst noch in diesem Herbst, wovon die Familie in besonderer Weise betroffen war?
Heidi, die siebenjährige Tochter Hedwigs, durfte zur Schule gehen. Weil sie so ausgezeichnet sprach, erlaubte man ihr, die erste Klasse zu überspringen und gleich in die zweite Klasse einzutreten. Hedwig sortierte Schrauben im Ölgebiet. Josef, der Bauer ohne Land, sammelte Fallholz in den umliegenden Wäldern, zerhackte es sauber in kleine Stücke und band es zu Bündeln. Anna und die Kinder hielten Nachlese auf den abgeernteten Kartoffelfeldern, wühlten noch ein Häufchen Kartoffeln aus der lehmigen Erde. Heinrich, von der heimlichen Sehnsucht erfüllt, eines Tages nach Wien gehen, dort leben zu dürfen, brachte ein Gesuch um Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft ein, das Gesuch war vom Bürgermeister des Dorfes AUS GRÜNDEN DES ÖFFENTLICHEN WOHLES, aber auch, weil man mit diesem Doktor die besten Erfahrungen gesammelt hatte, weil er sich IM INTERESSE DER GESUNDHEITLICHEN BETREUUNG DER BEVÖLKERUNG IN AUFOPFERNDER WEISE EINGESETZT HATTE, UND NICHT ZULETZT DESHALB, WEIL NOCH AUF JAHRE MIT EINEM ERHEBLICHEN ÄRZTEMANGEL AUF DEM LANDE ZU RECHNEN sein würde, wärmstens befürwortet worden.
Er war im Besitz einer auf ein Stückchen grobes Papier geschriebenen VORLÄUFIGEN AUFENTHALTSBEWILLIGUNG, die vom Bezirkshauptmann mit blauer Tinte, vom russischen Ortskommandanten mit rotem Stift unterschrieben worden war.
Von Anni, der Tochter, war noch kein Lebenszeichen gekommen.
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Ein erster Versuch, zu der immer noch Sechzehnjährigen zurückzufinden, die sich als Vollwaise fühlt, zur Schule geht, nachts, wenn sie in ihrem Bett liegt, über die Zukunft nachdenkt, ihr Leben zu planen versucht, scheitert. Anni entzieht sich, verschwindet immer wieder hinter einer Nebelwand, ein Schatten, kein Mädchen aus Fleisch und Blut, ihre Bewegungen, ihre Sprache sind nicht mehr rekonstruierbar, ihre Gedanken lassen sich nicht nachvollziehen. Obwohl sich denken läßt, daß sie Sorgen hatte, sind diese Sorgen nicht mehr wirklich vorstellbar, obwohl feststeht, daß sie Trauer empfunden hat, obwohl die Verwendung dieses Wortes TRAUER in bezug auf den Verlust der Eltern, besser, auf das durch diesen vermeintlichen Verlust hervorgerufene Gefühl, zweifellos richtig ist, bleibt es eben doch nur ein WORT, das man aufschreibt, ausspricht, in Verbindung mit dem Mädchen von damals aber nicht mehr nachempfinden kann. Zu vieles hat sich seither ereignet, zuviel ist geschehen, die Schatten von damals sind von anderen Schatten überdeckt, überlagert worden, die Freude von damals von späterer Freude.
Der Mensch von damals ist fremd geworden, eine Annäherung auf direktem Weg ist nicht möglich, man muß auf Umwegen versuchen, an ihn heranzukommen.
Über die Umgebung zum Beispiel, in der sich Anni aufgehalten hat, die Wohnung, in die man sie aufnahm (zweieinhalb kleine Zimmer, eine winzige Küche, Vorzimmer, Bad), die Inhaber dieser Wohnung, die sie, zu der sie keinerlei verwandtschaftliche Beziehung hatten, als zugehörig annahmen. Daß sie in der Lage gewesen ist, für das Bett, in dem sie schlafen durfte, für das Essen, das man ihr gab, zu bezahlen, ändert nichts daran, daß ich, Anna, dieser Leute heute noch mit Dankbarkeit gedenke.
Hier allerdings taucht schon eines jener Probleme auf, die Anni damals, zwischen Schulaufgaben, vielleicht auf dem Schulweg (der nur noch vage in Erinnerung geblieben ist, Straßennamen sind mittlerweile vergessen), vielleicht auch bei anderen Anlässen, beschäftigt haben müssen: Wohin würde sie gehen, wer würde sie aufnehmen, wenn das Oberhaupt ihrer Gastfamilie, ein Parteigenosse mit niedriger Mitgliedsnummer, der sich allerdings nur durch das Kassieren von Beiträgen hervorgetan hatte und der nun in einem Lager als politischer Gefangener auf seine Lossprechung wartete, entlassen und wieder nach Hause geschickt würde?
Sie schlief in seinem Bett, der Sohn Siegfried bewohnte das an das Wohnzimmer anschließende Kabinett, er teilte die darin stehende Couch mit seiner Freundin Edith, einer Wienerin, die auf einer erhalten gebliebenen kleinen Amateurfotografie zu sehen ist: ein schlankes Mädchen mit Puppengesicht und zu einer Innenrolle gedrehtem dunkelblondem Haar.
Das Lager, in dem Siegfrieds Vater sich damals vorübergehend und unfreiwillig aufgehalten hat, lag in der Nähe von Salzburg, Frau M., die Anni TANTE LIESI nennen durfte, fuhr von Zeit zu Zeit hin und lieferte Pakete ab. Aber nicht nur durch die erhoffte und ersehnte Rückkehr von Tante Liesis Mann Eduard wurde Annis Unterkunft bedroht. Auch wenn, was man sehnlichst erhoffte, Siegfrieds älterer Bruder Gunter eines Tages heimkehren würde, drohte ihr Obdachlosigkeit, bestenfalls eine Bettstelle in einem Flüchtlingslager, eine Vorstellung, die sie schreckte, auch wenn es sich nicht um eines jener Ausländerlager handeln würde, von denen man nur Unerfreuliches zu berichten hatte, in deren Umgebung Bauernhöfe überfallen und geplündert, Passanten ihrer Brieftaschen beraubt wurden, an denen nach Einbruch der Dunkelheit vorbeizugehen man nach Möglichkeit vermied. Es ist anzunehmen, daß Anni der Heimkehr des Mannes Eduard, aber auch der von Siegfried, vor allem von Frau M. sehnlich erwarteten Rückkehr des Sohnes Gunter, dessen Fotografie, schwarz gerahmt, auf dem Deckel des Pianinos stand, mit gemischten Gefühlen entgegengesehen hat. Dies jedoch genügt keineswegs, um sie aus ihrem vom Nebel der Vergangenheit umhüllten Schattendasein zu erlösen.
Ein Klavier also war vorhanden. Manchmal versuchte Anni darauf halbvergessene Etüden, mehrere Jahre vorher geübte Klavierstücke, Teile im Gedächtnis gebliebener Sonaten auswendig zu spielen. Es war Stümperei, die Reaktion Tante Liesis, vor allem Siegfrieds scheint verständlich: Sie wollten Melodiöseres hören. Siegfried, in Edith verliebt, wünschte Wienerlieder, aber auch anderes, Mitreißendes, Lieder, die vor nicht allzu langer Zeit gesungen worden waren. Dazu mußten die Fenster geschlossen werden. Tante Liesi verlangte nach gemütvolleren Melodien, Schlagern aus dem DEUTSCHEN VOLKSKONZERT, die ihr Liebling, Wilhelm Strienz, gesungen hatte. GLOCKEN DER HEIMAT zum Beispiel. Vor allem aber das unvergleichliche, Herz und Gemüt anrührende, sogar Tränen hervorlockende Lied von dem Mädchen Lili Marleen, das auch dann noch vor der Kaserne, vor dem großen Tor gestanden war, als im ganzen Land die Laternen längst ausgegangen waren, als überall strengste Verdunkelung angeordnet worden war.
Da stieg herauf, was überwunden sein sollte, der Landser in der Kaserne, im Schützengraben, in den weiten, eisigen Steppen Rußlands, aber auch im Norden, Westen und Süden, da war plötzlich alles wieder lebendig geworden, da kam der Schmerz, kamen die Tränen, vor allem bei der Textzeile UND SOLLTE MIR EIN LEID GESCHEHN. Wenn die Sänger, Siegfried und Tante Liesi, manchmal auch Edith, bei dieser Zeile angelangt waren, verließ Frau M. jedesmal das Zimmer, verlangte jedoch wenige Tage später wiederum nach demselben Lied, das Anni aber nicht mehr spielen wollte, nur aus Gründen des guten Einvernehmens dann doch noch einmal und noch einmal spielte.
Manchmal kam Frau Weißmaier zu Besuch, eine Frau, die in der Nachbarschaft lebte, deren Mann sich ebenfalls in dem Lager bei Salzburg befand. Die Erinnerung hat im Zusammenhang mit ihrem verwischten Bild Sätze festgehalten, wie: DER FÜHRER LEBT GANZ BESTIMMT. Nicht nur sie, Frau Weißmaier, sei dieser Überzeugung, es gäbe sehr viele, die so dachten. Es seien ja unzählige Nationalsozialisten in Spanien, Portugal, vielleicht sei es dem Führer gelungen, dorthin zu flüchten, sich zu verbergen, vielleicht hätten ihm einige seiner Getreuen die Flucht ermöglicht, hielten ihn jetzt versteckt.
Der Führer sei vielleicht in Argentinien.
Der Führer sei möglicherweise von den Russen gefangengenommen worden, werde jetzt gefangengehalten.
Der Führer sei in Sicherheit.
Nein, daß der Führer GEFALLEN sei, das sei nicht vorstellbar, sei ein Gerücht.
Zu Anni sagte Frau Weißmaier manchmal: Du wirst sehen, alles wird wieder gut, du wirst in deine Heimat zurückkehren, und das wird früher der Fall sein, als du denkst.
Die Zeit hat Frau Weißmaiers Gesicht zu einem blassen Fleck zerfließen lassen, in dem Mund, Augen, Nase fehlen, nur die von grauen Fäden durchzogene Zopfkrone auf dem Kopf ist erhalten geblieben, ein großer, knochiger Körper, auch, daß diese Frau gerne Dirndlkleider mit langärmeligen Leinenblusen trug.
Auch Frau Holzmann hat ihr Gesicht verloren, in das wirre Haarsträhnen fallen, sie ist ebenfalls groß, aber sehr mager, ihre Hände, die Anni immer nur eine Zigarette haltend gesehen hat, zittern, sie ist nur in dunkler Kleidung oder in großgeblümten Morgenröcken vorstellbar. Auch ihre Stimme ist dunkel, rauh von den vielen Zigaretten, die sie seit dem Kriegsende geraucht hat.
Die Frau Holzmann, sagte Tante Liesi, sei im KZ gewesen. Das war die andere Seite.
Erschrockenes Aufhorchen der Sechzehnjährigen, Erinnerung an graue Gestalten mit kahlgeschorenen Köpfen, die bald nach dem Ende des Krieges am Bauernhof vorbeigezogen waren, die man vereinzelt da und dort gesehen hatte, Erinnerung an die Erzählungen eines Mannes, der das Kriegsende in Ebensee erlebt hatte, wie man die Gefangenen freigelassen habe, wie der ganze Ort plötzlich von KZlern überschwemmt gewesen sei, DIE KZLER, NICHT DIE GEFANGENEN, Erinnerung an in Zeitungen Gelesenes, ehemalige Insassen der Konzentrationslager hatten ihre Erlebnisse beschrieben: JUNGE MENSCHEN, DIE DAS NICHT GLAUBEN WOLLEN, WEIL SIE ES NICHT GLAUBEN KÖNNEN, SEIEN DAVOR GEWARNT, IN DERARTIGEN SCHILDERUNGEN EINE GEHÄSSIGE PROPAGANDA ZU SEHEN! Hier war nun ein Mensch, der Jahre seines Lebens in jenem Dunkel zugebracht hatte, über dessen grauenvolle Details man erst jetzt, durch die Berichte anderer, die mit dem Leben davongekommen waren, Kenntnis erhielt.
Das ist alles gelogen, sagte Frau Weißmaier, zu so etwas sind deutsche Menschen niemals fähig gewesen.
DER DEUTSCHE MENSCH, die künstlich geschaffene Kolossalstatue, in die man einzugießen versucht hatte, was an Tugenden erstrebenswert schien, Heldenmut, Tapferkeit, Vaterlandsliebe, Sauberkeit, Mütterlichkeit, Güte, war von seinem Postament gestürzt, von furchtbaren Rissen und Sprüngen durchzogen, der Lack, mit dem man ihn übermalt hatte, blätterte ab. Plötzlich zerfiel, was deutsch gesprochen hatte, in Millionen von Einzelwesen, die gut und weniger gut, sauber und weniger sauber gewesen waren, man hatte sich damit abzufinden, daß es unter den deutschen Menschen brutale Gewaltverbrecher gegeben hatte, Massenmörder, Kindermörder und Henker.
ICH SEHE ES NICHT GERNE, WENN DU MIT DIESER ELSE VERKEHRST.
Hier gibt es trotzdem eine Brücke zu Anni, die mit Frau Holzmanns Tochter zusammen aus der Schule heimging, obwohl sie in einer anderen Klasse saß, die Else in ihrer Wohnung besuchte. Daß sie vor der Frau mit den braunen Nikotinfingern und den zitternden Händen, mit den wahrscheinlich grauenvollen Erinnerungen, über die sie selbst zu niemandem sprach, nach denen sich aber auch niemand zu fragen getraute, Scheu empfunden hat, ja daß sie ihr in gewisser Weise sogar unheimlich gewesen ist, läßt sich nicht leugnen.
WIR MÜSSEN DIE JUGEND ENTGIFTEN, stand in einer Zeitung, die damals in Linz von vielen gelesen worden ist. Die Frage erhebt sich, wie Anni mit all dem, was sie nun las und hörte, zurechtgekommen ist.
SIND SIE DEUTSCHBLÜTIG? stand Anfang Jänner 1946 noch hie und da in Antragsformularen, etwa in solchen, die von Bewerbern um Führerscheine auszufüllen waren, der Papiermangel wirkte sich auch im Hinblick auf Drucksorten aus.
Selbst dem deutschblütigen Autolenker hat man, so scheint es, was Fahrtüchtigkeit, Zuverlässigkeit, Gewissenhaftigkeit anging, eher als dem NICHTDEUTSCH-BLÜTIGEN vertraut.
Anni, aufgewachsen in der Kleinstadt B., hat von Kindheit an in Einzelwesen getrennt, was ihr als Kollektiv angeboten worden wäre, wenn die Atmosphäre der Kleinstadt nicht eine Kollektivierung verhindert hätte. Sie kannte Rabenmütter, Gewalttäter, Diebe, sogar Huren verschiedener Sprachen, sie hat tapfere, mütterliche, anständige Menschen verschiedener Sprache und Religion gekannt. Eine Kollektivsicht ist vor allem im Hause des Arztes nicht möglich gewesen. An Krankenbetten wird manches offenbar, was sich hinter den Fenstern der Häuser begibt, der Arzt wird geholt, wenn ein verwahrlostes Kind im Sterben liegt, von Raufbolden geschlagene Wunden werden von Ärzten vernäht, ehe die Abtreiberin verblutet, wird in letzter Minute doch nach dem Arzt gerufen. Vierzehnjährig hat Anni, an der Tür des Wohnzimmers (Herrenzimmers) horchend, die sie mit Entsetzen erfüllende Erzählung eines Verwandten in Bruchstücken mitangehört, eines Offiziers der deutschen Wehrmacht, dem man aufgetragen hatte, jüdische Männer, Frauen und Kinder, Mütter mit ihren Säuglingen im Arm, alte Leute, in russische Sümpfe zu treiben, der jedoch, im Einverständnis mit seinen Soldaten, diesen Befehl nicht ausführte, den zum Tode Verurteilten die Flucht möglich machte, sie davonlaufen ließ. Sie hat den Satz gehört, den sie niemals vergessen konnte: WEIT KÖNNEN SIE NICHT GEKOMMEN SEIN. Sie hat das graue, verfallene, vom Schrecken gezeichnete Gesicht des Offiziers gesehen, der diesen Satz ausgesprochen hat.
Sie hat jenen armen, halbverhungerten, kranken, NICHT DEUTSCHEN und NICHT ARISCHEN Menschen, die man zur Zwangsarbeit am Bahndamm verurteilt hatte und die dieser Arbeit in keiner Weise gewachsen waren, öfter als nur einmal die Tür geöffnet, sie eingelassen, beobachtet, wie die Mutter versuchte, ihre Bewacher zu einem Imbiß in die Küche zu locken, was ihr jedoch niemals gelungen ist. Sie hat mancherlei gesehen, mitangehört, was ihr in seiner ganzen, furchtbaren Bedeutung erst viel später bewußt geworden ist. Trotzdem muß ihre Verwirrung nach dem Ende des Krieges groß gewesen sein. Hat sie, was in den Zeitungen berichtet wurde, was die aus den Lagern Entlassenen erzählten, wirklich und gleich von allem Anfang an geglaubt? Die Erinnerung reiht sie eher zu jenen, die sich dagegen wehrten zu glauben, was sie nicht glauben konnten, deren Verstand es ablehnte, so Furchtbares für geschehen zu halten, die verstört waren, sich vergeblich damit abmühten, mit dem Gehörten, Gelesenen, Berichteten zurechtzukommen. Die eine Art Erleichterung empfanden, wenn Leute wie die Weißmaier sagten: Das ist alles gelogen, so etwas konnten deutsche Menschen nicht tun. Dann einer Frau wie Elses Mutter gegenüberzustehen, beim Tisch gegenüberzusitzen, sie nicht fragen zu können, wie all das, was sie erlebt hatte, WIRKLICH gewesen sei. Sie anzusehen, in der vagen Hoffnung, sie möge selbst zu sprechen beginnen, widerlegen, trösten, nein, so schlimm sei es wirklich nicht gewesen.
(Diesen Wunsch, diese unausgesprochene Bitte, diese Hoffnung hat das Gedächtnis festgehalten.)
Manchmal fand Anni, wenn sie Else besuchte, Frau Holzmann im abgedunkelten Zimmer, beim Tisch sitzend vor, mit dem Legen einer Patience beschäftigt, ein vertrautes Bild, auch ihre Mutter hatte an Winternachmittagen gerne Patiencen gelegt.
Else war es, die dieses Bild zerstörte, es wieder ins Dunkle verkehrte. Ihre Mutter sei imstande, aus den Karten die Zukunft zu lesen.
Bitte, Mama, sagte Else, schlag uns die Karten auf.
Frau Holzmann weigerte sich. Es genüge, sagte sie, über die Vergangenheit Bescheid zu wissen, die sei in vielen Fällen schrecklich genug gewesen. Was die Zukunft betreffe, sei es besser, sie nicht zu kennen. Sie sagte das mit ihrer ruhigen, brüchigen Stimme und schob dabei die Karten zu einem Stoß zusammen, Anni glaubte zu bemerken, daß ihre Hände noch stärker zitterten als sonst, das Gefühl des Mitleids, das sie überkam, aber auch das unbestimmte Gefühl der Furcht vor einer unbekannten, nicht berechenbaren Zukunft, die nicht nur Glück, sondern auch Unglück und Gefahr bedeuten konnte, deren möglichen Schrecken und Nöten man ausgeliefert sein würde, vor denen man sich nicht schützen konnte, weil man sie nicht kannte, nicht auf sie vorbereitet war, läßt sich heute noch, nach so vielen Jahren, die seither vergangen sind, nachempfinden.
DER SIEG IN DEN WIEGEN IST WICHTIG, sagte ein unabhängiges Parlamentsmitglied in England. Der vorherrschende Eindruck, den man in Deutschland empfange, sei der eines Volkes, das mit bewundernswerter Gründlichkeit alles tun wolle, was man ihm befehle, aber aus eigener Initiative täten die Leute wenig. NUR WENIGE MENSCHEN LESEN ZEITUNGEN, SIE HABEN KEINE ZEIT DAZU, WEIL SIE AUS DEM NÄCHSTEN WALD HOLZ HERANSCHAFFEN MÜSSEN. Nur wenige hätten ein Rundfunkgerät, die meisten hätten das ihre gegen Nahrungsmittel, Kohle oder Zigaretten eingetauscht. ES WIRD EINER SEHR INTENSIVEN UND LANGE DAUERNDEN PROPAGANDA BEDÜRFEN, UM SIE DAVON ZU ÜBERZEUGEN, DASS SIE LERNEN MÜSSEN, FÜR SICH SELBST ZU DENKEN. Der Mann, der diese Rede in London gehalten hatte, hatte Deutschland gemeint, aber auch in Österreich war das Heranschaffen von Nahrung, von Holz aus den Wäldern wichtiger geworden als das Lesen von Zeitungen und das Abhören von Meldungen aus dem Rundfunk, wenn man ein Radiogerät besaß.
Frau M. besaß einen kleinen Radioapparat, aber sie schaltete ihn meistens nur ein, wenn Suchmeldungen gesendet wurden.
Ungezählte Hoffnungen wurden damals über die Sender in den Äther geschickt, manche erfüllte sich, als die ersten Kriegsgefangenentransporte auf den Bahnhöfen der Städte eintrafen, als die ersten Briefe kamen.
Die Sendungen AMERIKA RUFT, STIMMEN DER ALLIIERTEN, DIE MILITÄRREGIERUNG VON OBERÖSTERREICH SPRICHT, ENGLAND RUFT, auch die Sendung WIR LERNEN DENKEN wurden von Frau M. nur sehr selten gehört.
Siegfried und Edith saßen nachts in der Küche und hörten, TANZMUSIK DES 328. AMERIKANISCHEN INFANTERIE-REGIMENTS.
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