Читать книгу: «Der letzte Stein»

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Widmung 3

Die Geburt 4

Die Operation 5

Der Unfall 8

Sprachverwirrung 11

Omas Geschichten 14

Das Feuer 16

Das Mosaik 19

Der Film 22

Die Russen 26

Der verpatzte Bub 29

Das Blut 31

Die Panzer 33

Die Wörter 36

Eine richtige Frau 41

Die Liebe 43

Der Kuss 49

Geschlechtsverkehr 51

Die Mauer 54

Bla, bla, bla 59

Der Schuss 62

Jonathan 67

Der Griff nach den Sternen 69

Pierre 74

Wie ein Regenbogen 78

Indien 81

Zeitvertreib 85

Der Gau 89

Vater und die Mauer 91

Der Freitod 94

Tereses Besuch 97

Paul 98

Die Reise 107

Der Absturz 112

Der Aufstieg 117

Die Welle 122

Die Städte 125

Der Psychopath 129

Die Glocken 130

Das Krankenhaus 133

Die Wahrheit 140

Der letzte Stein 142

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-706-0

ISBN e-book: 978-3-99107-707-7

Lektorat: Sylvana Kovacs-Pfefferkorn

Umschlagfoto: Maxim Tupikov | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

für

Gertrud

Stefanie

Lili

Die Geburt

Dora war eine Minute alt,

als sie zwei Jahre nach dem großen Krieg das grelle Weltlicht erblickte.

Ein riesiges verschwommenes Weiß sah sie, sonst nichts. Nur weiß. Ein weißes, unscharfes Licht.

Sie war im Frühling geboren. Ihre Mutter versicherte allen:

„Es war eine leichte Geburt“.

Versprach eine leichte Geburt auch einen leichten Tod?

Dora kam also auf die Welt. Woher kam sie? Und wohin würde sie danach gehen?

Noch war sie ahnungslos, besinnungslos.

Die Operation

Dora war drei,

als Mama sie verließ.

Sie hatte Schmerzen im Oberschenkel. Ihre Mama nahm die Sache sorgfältig unter die Lupe.

„Ich glaube, das ist etwas fürs Spital“, meinte sie.

Dora ist zu klein, um sich später daran erinnern zu können.

Alles, was sie in Zukunft, nach neun oder zehn Jahren, von ihrer Mutter darüber erfahren wird, das ist jetzt, mit den Schmerzen im Schenkel, ihre Gegenwart. Sie wird all das aber nicht mehr wissen, später.

Sie fuhren ins Spital. Papa und ein Onkel, der ein Auto besaß. Dora war in eine rosa Decke gehüllt, lag auf der Rückbank des Autos, hatte hohes Fieber. Mama musste daheimbleiben. Doras große Schwester Terese war noch nicht alt genug, um allein zu Hause zu warten. Also ließ Mama die dreijährige kranke kleine Tochter im Stich, übergab sie Papa und dem Onkel. Dora, verlassen von Mama, zum ersten Mal, ohne Vorwarnung, ohne Absicht. Nur die beiden Männer kümmerten sich um sie, das war zu wenig. Sie weinte nicht einmal. Dafür war der Schock zu groß. Ohne Mama.

Das Letzte, was Dora vor der Operation sah, war ein grün maskiertes Gesicht. Die Ärzte operierten Dora – das wird ihr ihre Mutter später einmal erzählen – an der Innenseite des Oberschenkels. Ein Schlauch musste durch zwei Öffnungen in Doras Fleisch eingezogen werden, damit der Eiter abfließen konnte.

Nach überstandener Nacht – der Eingriff war vorbei – war sie allein, mutterseelenallein. Kein Papa, keine Mama, nur die weißen Krankenschwestern um sie herum. Dora erstarrte und sprach nicht mehr. Sie war für immer verlassen worden, dessen war sie sich ganz sicher.

„Du hast einfach nicht mehr gesprochen, und dein Gesicht war todernst, so oft ich dich besucht habe.“

Das wird Mama ihr später, in zehn Jahren, schildern.

„Verzweifelt war ich. Und ich habe gedacht, dich hat jemand ausgetauscht. Daheim hast du immer geredet, ziemlich viel geredet. Eine Plaudertasche.

Weißt du, früher mussten die Kinder im Spital allein bleiben, also auch du. Die Eltern durften nur kurz auf Besuch kommen. Heutzutage ist das schon ein wenig anders.“

Ein paar Stunden nach der Operation, einer Ewigkeit, kam Mama ins Spital. Sie sah ihre Tochter an und erschrak. Dora musterte die Mutter mit weit aufgerissenen, erschrockenen Augen und begann dann zu schreien. Und sie schrie, bis Mama wieder weg war.

An den Spielen der anderen kranken Kinder beteiligte sie sich nicht. Sie schwieg einfach.

Wenn Mama kam, schrie sie.

Wenn Mama wegging, hörte sie auf zu schreien und verstummte.

Das wiederholte sich unzählige Male. Doras Mutter wurde beinahe verrückt vor Sorge.

Dora war allein im Krankenhaus, von der ganzen Familie verlassen. Sie lebte im Glauben, es wäre für ihr ganzes Leben. Ein Leben lang allein. Mit Bitternis und Entsetzen verbrachte sie die Zeit im Spital.

Eine schreckliche Zeit, für immer in sie gemeißelt.

Später wird ihre Mutter ihr alles erzählen, und sie wird das alles zu verstehen versuchen. Aber es wird nicht viel zu verstehen geben. Sie war verlassen worden, das wird sich nicht wegreden lassen. Auch wenn ihre Mutter glauben wird, all das sei vorbei.

Dora durfte heim. Die Wunde verheilte, die Operation war gut verlaufen.

Gut?

Der Unfall

Dora war vier,

als sie das Wort ‚Unfall‘ lernte.

Es war abends, Dora schon im Bett. Die Oma, Mamas Mutter, auf Besuch. Die Gute-Nacht-Geschichte, heute vorgelesen von Oma, das war der Plan, ließ noch auf sich warten. Solange dieses Märchen nicht gelesen wurde, schlief Dora sicher nicht.

Mama war ohne Papa zu Hause. Der arbeitete wieder einmal ‚beim Film‘.

Im Vorzimmer klingelte das Telefon, es klang bedrohlich. Doras Mutter hob ab und horchte offensichtlich schweigend auf das, was man ihr sagte. Nur eine Frage konnte Dora hören:

„Wo?“

Danach kam Mama aufgeregt ins Kinderzimmer, hatte blasse Wangen, sprudelte die Worte in Kaskaden heraus.

„Oma“, sagte sie zu ihrer Mutter.

„Die Anni hat einen Unfall gehabt, eben erst!“

Anni, das war Omas zweite Tochter, Doras Tante.

„Was ist passiert?“

„Sie und Hans hatten mit dem Motorrad einen Unfall, ganz in der Nähe, vor dem Konsum, keine zwei Minuten von hier. Die Polizei hat mich angerufen, die Rettung ist unterwegs.“

Doras Mutter achtete nicht auf ihre erschrockene Tochter, sagte nur zu Oma:

„Ich lauf da hin, du bist ja ohnehin bei den Kindern. Gut?“

Und schon war sie verschwunden, ohne ein Wort zu Dora. Oma war nicht gesprächig, las auch keine Geschichte vor. Sie saß nur stumm und schaute ins Leere.

„Was ist ein ‚Unfall‘?“

„Ach, nichts Besonderes, Kind. Wahrscheinlich sind deine Tante und dein Onkel Hans mit dem Motorrad umgefallen, das passiert manchmal.“

Omas Beruhigungsversuche waren nicht glaubwürdig, Dora sprach ihre Oma besser nicht mehr an. Sie dachte allein über den ‚Unfall‘ nach. ‚Vielleicht hieß es Umfall, nicht Unfall. Oma hatte doch so etwas angedeutet. Und wieso war von ‚Fall‘ die Rede?‘ Dora kannte einen Wasserfall, einen Überfall, sogar einen Todesfall, aber einen Motorradfall, den kannte sie nicht. Es war der erste Motorradfall in ihrem kurzen Leben, und sie war verwirrt, kannte sich nicht aus, hatte Angst um ihre verunglückte Tante, aber vor allem sorgte sie sich um ihre Mutter.

‚Ohne mich anzusehen, ist Mama fortgerannt, keinen Blick hat sie auf mich geworfen‘, dachte Dora entsetzt, und sie hatte eine Heidenangst, dass Mama nicht mehr wiederkommen würde. Warum sie befürchtete, dass dieser schreckliche Fall eintreten könnte, wusste sie nicht. Ihre Angst war riesengroß und füllte ihren Kopf vollständig aus.

Von Mama verlassen zu werden, das hatte Dora schon einmal erlebt, vor zwei Jahren, aber sie erinnerte sich nicht, sie war zu klein gewesen.

Dora litt Höllenqualen. Tante Anni und ihr Motorrad waren ihr auf einmal gleichgültig, aber ihre Mutter, ihre Mama, musste wiederkommen! Ansonsten würde sie sterben, ganz bestimmt. Auch wenn sie noch nicht so recht wusste, was ‚sterben‘ bedeutete. Dass Leute, die gestorben waren, nicht mehr da waren, plötzlich unsichtbar waren, das hatte sie schon erlebt. Aber das eigene Sterben?

Gut eine Stunde war Mama weg gewesen, aber nicht gestorben. Auch Dora nicht. Sie lebte noch.

Die Mutter beruhigte ihr Kind und auch Oma. Schließlich war es Omas Tochter, die da einen ‚Unfall‘ gehabt hatte.

„Es ist nicht so schlimm, Oma“, beschwichtige Mama die Großmutter.

„Anni hat einen gebrochenen Fuß und Abschürfungen, aber sie wird in ein gutes Spital geführt. Sie hat mir sogar durch die vielen Schaulustigen hindurch ein schwaches Lächeln gezeigt. Also keine Angst. Du kannst sie morgen besuchen.“

Keine Angst. Die Angst Doras um ihre Mama, die Angst vor dem schrecklichen Fall des Verlassenwerdens war verschwunden. Sie war erleichtert.

Später wird sie sich auch daran nicht erinnern.

Oma las auf Doras Bitten hin noch eine Gute-Nacht-Geschichte, war aber nicht ganz bei der Sache.

Dora schlief beruhigt ein und beschloss davor noch, nie mit einem Motorrad zu fahren. Ein Umfall konnte dabei ja offenbar leicht geschehen.

Sprachverwirrung

Dora war fünf,

als sie nichts verstand.

In einem heißen Sommer, zwei Jahre später, fuhren Dora und ihre Familie an einen kleinen See im südlichen Kärnten. Sie campierten dort. Ein neues Wort, Camping, hatte sich in den Sprachgebrauch der Leute eingeschlichen.

Man campierte also.

Für Dora war so ein Urlaub paradiesisch. Sie durfte baden, wann sie wollte, schwimmen konnte sie schon. Sie konnte essen, wann sie gerade Hunger hatte, ihre Mutter nahm das nicht so genau. Mama genoss selbst die Freiheit des Campingurlaubs, ungebunden, von keinen Regeln eingezwängt.

Das Einkaufen im nächsten Ort übernahm Papa. Dora, ihre Schwester Terese und Papa fuhren mit dem alten Wehrmachtsauto, das der Vater nach dem Krieg fahrtüchtig gemacht hatte, in diesen Ort. Jeden zweiten Tag.

Diesmal war alles ein bisschen anders. Papa beschloss, das Gemüse, das sie brauchten, 1 Kilo Paradeiser, diesmal beim kleinen Gemüseladen gegenüber zu kaufen und nicht in dem großen Geschäft, das sie sonst aufsuchten.

Er traf, wie in jedem Urlaub, einen Berufskollegen vom Film. Dora machte sich keine Gedanken über den Ausdruck ‚beim Film‘, auch wenn sie nicht wirklich verstand, was er bedeutete. Sie wusste nur, dass Papa ‚beim Film‘ arbeitete. Ohne recht nachzudenken.

Vor dem Gemüseladen traf Vater also einen Kollegen. Man tratschte, man lachte, den beiden Mädchen wurde es langweilig. Da meinte der Vater, dass seine Mädchen allein in den Laden gehen sollten, um die Paradeiser zu kaufen.

„Einfach so? Allein?“

Die ältere Schwester war ein wenig schüchtern und wollte den Laden nicht betreten. Dora aber öffnete mit beherztem Schwung die Ladentür, betrat den Raum und stellte sich hinten an der Warteschlange an. Ihre Schwester würde draußen auf sie warten, hatte sie gesagt. Das Geld hatte sie Dora mitgegeben.

‚Natürlich kann ich schon allein einkaufen, das ist klar‘, dachte sie, aber das mulmige Gefühl im Magen verriet ihr, dass sie ein wenig aufgeregt war. Ihr Herz klopfte etwas schneller.

Dann geschah Beunruhigendes.

Die Leute in der Warteschlange vor ihr sprachen miteinander, aber ihre Worte waren für Dora unverständlich. Sogar die Verkäuferinnen, die Paprika und Erdäpfel einpackten, redeten eine fremde Sprache. Dora wurde blass, ihr Puls stieg. Sie hatte noch nie mit Ausländern gesprochen, sie wusste nicht, wie das klang. Außerdem war doch hier nicht Ausland. Hier war Kärnten! Ausland, das war weit weg, Amerika, Afrika vielleicht.

Verstört scherte sie aus der Warteschlange aus, rannte zum Ausgang zurück, flüchtete zu ihrer Schwester.

„Die verstehen mich nicht da drinnen!“, rief sie verzweifelt.

Sie weinte haltlos. Sie verstanden sie nicht in diesem Laden, glaubte sie zumindest. Es musste furchtbar sein, in einem sogenannten Ausland zu sein und nichts zu verstehen und nicht verstanden zu werden! Schrecklich musste das sein.

Die Mädchen liefen zum tratschenden Vater, erklärten ihm das Unglück und warteten auf Erklärung. Papa lachte nur.

„Das sind Slowenen, die hier wohnen. Keine Angst, die verstehen dich, Dora. Sie sprechen slowenisch, das ist alles.“

Dora war auf der Rückfahrt sehr still. Papa hatte sie ausgelacht, das war kränkend. Eines aber hatte dieses Missgeschick bewirkt. Dora begann, über Sprache und Wörter nachzudenken, aber sie verschob die genaue Auseinandersetzung auf später, wenn sie größer sein würde.

Omas Geschichten

Dora war sechs,

als sie Oma lauschte.

Einmal im Monat besuchte Doras Familie die Großmutter, Vaters Mutter. Auch der Großvater war meistens dabei. Er war Dora fremd.

Was Oma auszeichnete, war ihre unglaubliche Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, selbst erfundene Märchen, von Riesen, Zwergen, Palästen. Wenn Dora sie bat, eine Geschichte zum Wort ‚Katzengold‘ zu erfinden, dann wusste Oma sofort, dass die Kratergräben auf der Marsoberfläche eigentlich Katzengoldadern waren, die sich alle 700 Jahre verbreitern und auseinanderbrechen, und dann quellen da alle möglichen Gestalten hervor: Feen in Organza, Zwerge in Samt, mit verzauberten langen Nasen, Elevinnen in türkisfarbenen Tutus. Und dann tanzten in Omas Geschichten diese Gestalten zu Flöten- und Gambenmusik.

Dora befand sich mitten in diesem Tanz. Sie tanzte mit den Feen, mit den Zwergen. Besonders die Elevinnen in ihren schimmernden, hellgrünen Kleidern hatten es ihr angetan. Sie hatte selbst ja solch ein Kleid daheim, mit Rüschen und hellgrünen Volants. In diesem Kleid wollte sie doch schon so oft vom Balkon aus in die Weite fliegen, bis zur Sonne oder bis zum Mars mit seinen Katzengoldadern, vielleicht bis zum Neptun, dem Meeresgott. Dora kannte sich aus in der griechischen und römischen Sagenwelt. Da machte ihr niemand etwas vor.

Die besten Geschichten waren die, in denen silberne Paläste mit goldenen Fensterrahmen vorkamen. Und manchmal auch Prinzen, die in diesen Palästen wohnten, mit goldenen Haaren, farblich verwandt mit den Fensterrahmen. Alles funkelte, auch die Gesichter der edlen Prinzen.

Natürlich wusste Dora ganz genau, dass Oma diese Geschichten nicht gelesen hatte, sondern sie allesamt erfand. Nichts war real, das wusste sie, und obwohl sie schon sechs war, also nach Mamas Ansicht ein großes Mädchen, mochte sie diese Spiele mit der Großmutter. Ihre Schwester war wohl schon zu alt für solche Märchen. Sie saß mit Opa und den anderen im getäfelten Esszimmer der alten Villa und hörte dem realen Tratsch des letzten Monats zu.

Dora aber saß mit Oma im Nebenzimmer und lauschte den wunderbaren Erzählungen über türkisfarbene Tutus und goldhaarige Prinzen. In ihrem Kopf vermischte sich das von Oma Geschilderte mit ihrer eigenen Phantasiewelt. Sie vergaß, dass sie mit ihrer Familie nur auf Besuch hier war, und sie vergaß die Zeit. Die Zeit existierte nicht mehr. Es war wunderbar.

Dora genoss diese kostbaren Stunden mit der Märchenoma.

Ihrer großen Schwester konnte sie von all dem nichts erzählen, die würde sie auslachen und sagen: ‚Kinderkram‘.

Daheim hatte Dora eine alte Holzkiste voller Glitzerzeug und Tüllkleidern. Masken, Federboas, goldene Reifen und Perlenketten aus Glas besaß sie. Mit all diesen Dingen verkleidete sie sich immer wieder, und dann spielte sie Theater. Es war eine Vorbereitung auf die geplante Laufbahn als Schauspielerin, dessen war Dora sich sicher. Und wenn sie spielte, dann machte die Welt rundherum einem riesengroßen Zauber Platz. Sie war Zirkusprinzessin, Seiltänzerin und Filmdiva in einem.

Und immer wieder spielte sie die Geschichten ihrer Großmutter nach. Sorgfältig darauf bedacht, die Erzählungen nicht nur zu wiederholen, sondern sie zu ergänzen und auszuweiten.

Das Feuer

Dora war sechs,

als sie Feuer kennenlernte.

Es war Winter und schon dunkel. Dora, ihre Schwester Terese und ihre Mutter waren bei Oma gewesen. Der Heimweg war nicht lang, es war kalt. Schneeflocken schwebten in der Luft.

Da sah Dora über den Häusern, in denen sie ihre geräumige Wohnung hatten, Rauch in den schwarzen Himmel steigen. Ein helleres Grau, das sich vom Nachtschwarz deutlich abhob. Es ballte sich, formte Figuren, Fetzen aus noch mehr Rauch.

„Es brennt bei uns!“, schrie Dora.

Die Mutter glaubte es nicht, versuchte zu beruhigen.

„Nein, keine Angst, das ist die Dampflok des Kurzzugs.“

Der Kurzzug fuhr den ganzen Tag zwischen der Stadt und dem Stadtrand, wo sie wohnten, hin und her, einmal elektrisch, einmal mit der Dampflok. Dora kam nicht dahinter, wann er sich elektrisch fortbewegte, also saubere Luft hinterließ, und wann er mit Dampf und Rauch alles vernebelte.

„Der Zug fährt heute elektrisch, das weiß ich!“, behauptete Dora. Und sie hatte Recht. Der Rauch musste irgendwo aus einem Haus aufsteigen und nicht vom Zug. Und er wurde immer dichter, qualmte in den Himmel, ein reißendes Tier.

Sie gingen schneller. Wurden immer stiller. Alle drei.

Als sie in die Nähe des mehrstöckigen Hauses kamen, in dem sie ganz oben wohnten, waren da schon Feuerwehren, Schaulustige, ängstliche Leute aus dem Nachbarhaus. Ein Geschrei, ein Durcheinander empfing sie.

Die Mutter überlegte und handelte schnell. Sie schickte die Töchter zurück zu Oma. Dort waren sie sicher. Sie selbst blieb zwischen all den Menschen und versuchte zu erfahren, wo Doras Vater war.

„Der ist oben im Dach, über dem dritten Stock, und hilft löschen.“

Dora und ihre Schwester gingen, nein, liefen zu Oma zurück, die zunächst nicht glaubte, was ihre Enkelinnen atemlos erzählten. Aber dann begriff sie. Die Wohnung der Kinder und der Eltern war in Gefahr. Es könnte sein, dass das Feuer alles zerstörte, vielleicht sogar das ganze Haus. Vielleicht sogar ein Leben.

So gut es ging, bewahrte Oma Ruhe, schon der Mädchen wegen.

Dora konnte nicht einschlafen an diesem Abend bei Oma. Sie hatte Angst um das Klavier, auf dem sie immer wieder üben durfte, auch wenn es eher ein Klimpern war. Und sie hatte ungeheure Angst um den Goldhamster, der nicht sterben durfte. Ihre Gedanken kreisten um das alte Klavier, ein Pianino, in dem sich der Hamster ein Nest für seine Vorräte gebaut hatte. Sie sah, wie das Klavier voller Flammen in sich zusammenkrachte, wie der Hamster in diese Flammen lief, um sein Futter zu retten, sah, wie das Haus einknickte und fiel, das Klavier und das Tier unter den Trümmern begrub.

Oma redete ruhig auf Dora ein. Dora hörte zwar die Worte, aber nicht deren Bedeutung. Ihr war kalt, sie zitterte.

Endlich kam ihre Mutter, spät in der Nacht. Alles sei in Ordnung, nur der Plafond im Wohnzimmer sei etwas feucht vom Löschwasser. Und Vati war zum Helden geworden. Er hatte den Feuerwehrleuten am Anfang derart geholfen, dass alle ihn danach bejubelten. Vati ein Held, das Klavier intakt, der Hamster quietschlebendig.

Alles war gut gegangen, aber die Angst vor dem Feuer blieb. In Doras Kopf prasselten und züngelten die feurigen Fontänen. Es zischte und knisterte, der Funkenflug kreiselte in der Luft und verlor sich in der Nacht. Und manchmal träumte Dora von toten Hamstern, verkohlt bis auf die Knochen.

Es dauerte lange, bis ihre Angst vor Feuer verschwunden war.

Das Mosaik

Dora war sieben,

als sie das Mosaik entdeckte.

Die Stunde der Kostbarkeiten, in denen die Großmutter beim monatlichen Besuch im Nebenzimmer Erfundenes erzählte, war wieder einmal fast zu Ende. Opa unterhielt sich inzwischen gut mit Mama, Papa und Terese.

Dora aber hatte seit kurzem das Gefühl, den glitzernden Geschichten eigentlich entwachsen zu sein, aber sie sagte nichts. Sie war nur nicht ganz bei der Sache.

Da meinte die Großmutter, sie hätte noch etwas für Dora. Auf dem Dachboden hätte sie es gefunden.

„Und was?“

„Ach, es ist nur eine Schachtel“, Oma lächelte verschmitzt.

„Und was ist drinnen in der Schachtel?“

Oma machte es spannend. Sie stieg mit Dora die Stufen zum Dachboden hinauf, wo ihnen stickige Luft aus dunklen Ecken entgegenkam.

„Hier ist es, mein Kind. Wir tragen es hinunter.“

Sie nahm die Schachtel, stützte sich ein wenig auf Doras Schultern und stieg ab Richtung Familie.

Auf dem großen Tisch im Nebenzimmer öffnete Dora die Schachtel. Staub und der Geruch nach vergilbten Büchern und alten Kellern gelangten in ihre Nase. Trotzdem blieb ihr Blick am Inhalt der Schachtel haften.

„Was ist das, Oma?“

„Schau es dir genauer an. Es sind kleine Mosaiksteine aus der Zeit vor dem ersten großen Krieg, von meinen Großeltern.“

„Aber woraus sind diese kleinen Steine gemacht? Sie sind rau und leicht.“

„Aus Sandstein, denke ich.“

Ab diesem Sonntag verzichtete Dora bei jedem Oma-Besuch auf das Geschichtenerzählen. Sie saß über den Steinen und bewunderte deren dumpfe, verblasste Farben und raue Oberflächen. Rostrot, Graugrün, verwaschenes Blau und mattes Beige gab es da. Die Großmutter gab ihr ein altes, kleines Heftchen, dessen einzelne vergilbte Blätter fast zerfielen. In diesem Heft waren Anleitungen zum Setzen der Steine und Beispiele für Bilder, die man mit ihnen legen konnte. Eine Vorlage also. Dora konnte noch nicht sehr gut lesen, aber das machte nichts. Die Bilder in diesem kleinen Heft waren ohnehin das Wichtigste.

Bei den kommenden Besuchen fischte Dora sich jeweils eines der Bilder heraus und legte die mattfarbigen Steine nach dieser Vorlage. Es waren meist symmetrische Figuren, die da entstehen sollten. Sechsecke wie Schneeflocken oder Bienenwaben. Oder auch Achtecke wie im Stammbuch ihrer Freundin. Dora fiel ihr Kaleidoskop daheim ein. Man musste die kleine Röhre vors Auge halten und drehen, dann entstanden ähnliche Bilder, wie die bei ihren Mosaikvorlagen.

Sie perfektionierte dieses Nachbauen aus den alten Heften. Bis sie es sich anders überlegte.

Sie beschloss, neue Steinbilder ohne Vorlagen zu legen. Und so kam es, dass sie die Bilder von jenen Palästen aus ihrem Kopf holte, von denen Oma ihr so oft erzählt hatte. Nach diesen Vorstelllungen formte sie Abbilder aus mindestens dreihundert Einzelsteinen. Das Gold der Paläste und die Haare der Prinzen legte sie aus den fahlbeigen Steinen, für die Kleider der Prinzessinnen die ziegelroten, für die exotischen Blumen und Sträucher die grünen, für den Himmel und die Seen die verwaschenen blauen.

Terese interessierte sich nicht für die Tätigkeit ihrer kleinen Schwester während der Familienbesuche, was Dora gerade recht war.

Es gab nur eine Situation, die sie ärgerte. Wenn fast alle Mosaiksteinchen ausgelegt waren, nur mehr der obere Abschluss des selbst ausgedachten Bildes fehlte, dann kam es vor, dass genau ein Stein fehlte, um das Bild zu vollenden. Dieser letzte Stein machte Dora öfter Kopfzerbrechen, doch mit der Zeit entstand diese Lücke immer seltener. Sie bekam Übung. Trotzdem passierte es manchmal.

Nach einem halben Jahr meinte Oma, Dora solle sich das Spiel mit nach Hause nehmen. Das tat sie.

Etwas Seltsames geschah. Seitdem sie die fahlbunten Mosaiksteine daheim hatte, rührte sie sie nicht mehr an. Entweder war es so, dass Dora langsam erwachsen wurde, oder die Schachtel samt Inhalt gehörte einfach zu Oma und ihrem alten verwunschenen Haus.

Dora verstaute alles im elterlichen Keller und wusste, dass das Spiel noch lange nicht zu Ende war.

Sie musste an den letzten Stein denken, der immer wieder einmal fehlte.

Der Film

Dora war sieben,

als sie zum Film kam.

‚Endlich einmal mit Papa was Besonderes erleben!‘ Dora zertrümmerte vor Freude eine Fensterscheibe. Niemand schimpfte.

Es war ein kühler Samstagnachmittag im September, als ihre Schwester und sie mit hinaus zu den Rosenhügelstudios fahren durften. Papa arbeitete nämlich ‚beim Film‘. Doras Schwester, die älter und gescheiter war, protzte mit dem Wissen, dass Papa Filmtonmeister war. Darunter konnte sich Dora nichts vorstellen. Ton, den kannte sie nur aus der Schule, wenn sie Tierfiguren und kleine Vasen aus Ton zu formen versuchten. Film, da wusste sie Bescheid. Sie hatte vor einiger Zeit eine Kindervorstellung besucht, ‚Bergkristall‘. Stellenweise war die Sache sehr traurig gewesen, und Dora hatte insgeheim gedacht, so ein Film sei nichts für Kinder. Sie war schockiert, zeigte das aber nicht.

Die Zusammensetzung der Worte ‚Film‘ und ‚Ton‘ hatte Dora noch nie gehört. Dass Papa ‚Filmtonmeister‘ war, nahm sie einfach zur Kenntnis, obwohl sie ganz genau wusste, dass ihr Vater doch eigentlich Automechaniker war. Schließlich lag er oft, meist am Wochenende, unter dem Familienauto und reparierte Unsichtbares. Also Automechaniker. Filmtonmeister, das musste sein Hobby sein.

An diesem Nachmittag fuhren sie also zu dritt mit dem Auto zu den Filmstudios. Dora, ihre Schwester Terese und ihr Vater. Was Dora vom familieneigenen Auto hielt, wusste sie selbst nicht so genau. Der umgebaute, ehemalige Wehrmachtswagen erregte oft die Aufmerksamkeit der Leute auf den Straßen. Hellgrünes Wellblech, das Reserverad vorne schräg aufgepackt, hölzerne Türen, ein Cabrio mit grauem Stoffdach. Auf alten Fotos aus dem Krieg hatte sie solche Autos gesehen. Sie wusste nichts anzufangen damit. ‚Aus dem Krieg? Welchem Krieg?‘ Manchmal schämte Dora sich wegen dieses auffallenden Gefährts, aber meist war sie stolz darauf, dass ihr Vater so ein ungewöhnliches Auto aus dem Krieg gerettet hatte – was immer das hieß.

Sie fuhren also zum Rosenhügel.

Drinnen in einer großen Halle waren Leute mit Kabeln, Scheinwerfern und sonstigem Undurchschaubaren beschäftigt. Auf einer Seite der Halle war ein altes Taxi auf einem Podest aufgebaut, mit dem ‚Gesicht‘ zum Publikum. Die Vorderfront des Wagens war abmontiert, wie weggerissen. Dora war erschüttert, dass man ein Auto so entzweigeschnitten hatte. Es war ein unangenehmer Anblick. In der hinteren Front des Wagens war ein Fenster eingelassen. Dora wusste nicht so recht, wozu das alles dienen sollte. Dass hier ein Film in Arbeit war, das hatte ihr Vater schon gesagt, aber mehr nicht.

Dann kamen die Schauspieler. Ein Mann, eine Frau, sonst niemand, und sie waren gekleidet wie in Doras Märchenbuch. Die Dame in einem langen, hellen, glitzernden Kleid, gespickt mit Edelsteinen. Dora war sich sicher, dass dieses Kleid unendlich kostbar war. Ein ausladender, weißer Hut und eine goldene Federboa ergänzten das Bild einer reichen Lady.

Der Herr, der neben der Dame die Szene betrat, trug einen Stresemann und einen Zylinder. Dass es sich um einen Stresemann handelte, wusste Dora. So ein Kleidungsstück hatte ihr die Lehrerin auf einem Bild gezeigt.

Die zwei Schauspieler setzten sich auf die hintere Sitzbank des zerrissenen Taxis, sahen nach vorne zum Kameramann und zu den nicht vorhandenen Zuschauern. Die Lady und der Herr lächelten und begannen zu reden. Das alles auf Befehl eines Mannes, der auf einem Klappstuhl saß, den Schauspielern zusah und in diesem ganzen Geschehen sehr wichtig war, das war Dora klar. Nach den Worten ‚Uuuund bitte‘ unterhielten sich die Lady und der Herr angeregt. Hinter dem Rückfenster waren bewegte Straßenbilder, Bäume, andere Autos zu sehen. Doras Vater erklärte mit einem gewissen Stolz:

„Diese Bilder werden auf die Rückwand hinter dem Taxi projiziert, so dass der Zuschauer glaubt, die beiden fahren durch Straßen und Alleen. Verstehst du, Dora?“

Dora verstand nicht, bejahte aber eilig. Was ‚projiziert‘ bedeutete, wusste sie nicht, aber es musste eine Art Zauber sein. Unglaublicher Zauber. Zu der phantastischen Szene kam zu guter Letzt noch dazu, dass das Taxi, oder was von ihm übrig war, durch eine geheime, unsichtbare Maschinerie bewegt und gerüttelt wurde.

Vater deutete auf den Mann mit einer Art Fotoapparat vor dem Gesicht, der vor der Szene stand.

„Siehst du, der Kameramann fängt die Bilder ein, bannt sie auf Zelluloid, und daraus wird dann ein Film, den alle Leute in den Kinos sehen können.“

Was Dora sich nicht vorstellen konnte, war, wie die Bilder in die Kinos gelangen sollten. ‚Flogen sie durch die Luft? Wurden sie in Koffern hingetragen?‘ Es war ein Rätsel, aber sie getraute sich nicht zu fragen.

Irgendein Zauber musste hinter der ganzen Sache stecken und Dora war begeistert, dass ihr Vater in diese Abläufe eingebunden war. In diesem Moment bewunderte sie ihn.

Dora war nun überzeugt, dass Filme herstellen eine unglaublich wunderbare Sache sei. Sie schwieg, schaute zu, vergaß zu reden. Wollte, dass niemals aufhörte, was sie sah.

Daheim sagte ihr Vater:

„Jetzt habt ihr einmal hinter die Kulissen geschaut. Jetzt wisst ihr, wie viel Arbeit es ist, einen Film zu drehen.“

Dora wusste nicht, wieso es ‚drehen‘ hieß, aber das war ihr egal. Ihre Wangen glühten, ihre Augen funkelten, als sie ihrem Vater verriet:

„Ich will einmal zum Film!“

„Sag das ja nicht deiner Mutter“, war seine warnende Antwort.

Also beschloss Dora, zunächst einmal die Schule zu beenden und dann Filmschauspielerin zu werden. Das sagte sie aber nicht Mutti und auch sonst niemandem. Sie würde eines Tages auch auf diesem Rosenhügel vor der Kamera sitzen, stehen, tanzen, lachen. Ein prächtiges Kleid würde sie tragen, aus Brokat, aus Seide, mit Goldschmuck. Und ein unsichtbarer Geist würde die Bilder hoch über der Stadt in die Kinos wehen.

In der Nacht träumte sie, sie selbst wäre die edelsteinbesetzte Lady, die sie heute gesehen hatte. Ihre Schwester musste als der sie begleitende Gentleman herhalten. Zumindest im Traum.

Die Russen

Dora war acht,

als die Russen abzogen.

Vor ein, zwei Jahren war sie sich noch sicher gewesen. Die Russen, das waren in Salzwasser eingelegte Heringe mit viel Zwiebeln. Bis sie erfahren hatte, dass es Männer aus dem Osten waren, die das Land besetzten. Wenn sie das tun, die Russen, dann darf sich kein anderer dorthin setzen. Also gut, es waren Männer aus dem Osten, meist in grauen Uniformen.

Als fünf- oder sechsjährige hatte sie gedacht, dass ihre um vier Jahre ältere Schwester etwas Besonderes sein musste, denn die russischen Besatzungssoldaten lächelten das blondzopfige Mädel wohlwollend an. Es war besser für Dora, die statt Zöpfen nur braune Borsten hatte, in der Nähe der Schwester zu bleiben. Die Russen mochten Kinder, hieß es, aber sie vergewaltigten auch Frauen. Dora wusste nicht, was das Wort ‚Vergewaltigung‘ bedeutete, und auf ihre Fragen hörte sie nur:

„Das verstehst du nicht.“

Es musste etwas Bedrohliches, Gefährliches sein, das las Dora in den Mienen der Erwachsenen.

Mit ihrer Schwester fühlte sie sich sicher, Dora war ja erst acht.

An einem Sonntag im Mai saß Dora auf Papas Schultern und überragte die dichte brodelnde Menschenmenge auf dem Wiener Rathausplatz. Viele schwenkten kleine Fähnchen in der Hand. Rot – Weiß – Rot. Dora hatte eine recht gute Aussicht da oben auf Papas Schultern, und sie fühlte sich wohl, trotz der Menschenmenge.

„Vorne ist das Rathaus“, erklärte Vati ihr.

Es war Mai 1955, und die Menschen feierten ‚Staatsvertrag‘, was immer das war. Sie verstand es nicht. ‚Wieder so ein Wort …‘, dachte Dora. Dass auch die Russen jetzt abzogen, hatte sie irgendwo aufgeschnappt.

Sie verstand nicht, warum die Russen jetzt Wien verließen, sie waren doch immer nett zu ihr und ihrer Schwester gewesen. ‚Warum also?‘ Aber die Menschen neben und unter ihr schienen den Tag zu genießen. Viele weinten, Dora hätte sie gerne getröstet, bis sie begriff, dass es Freudentränen waren.

Später, vor dem Einschlafen im Bett, musste Dora an Maria denken. Maria war wie sie selbst acht Jahre alt und wohnte in einem der Nachbarhäuser. Ihr Gesicht war fürchterlich entstellt, denn ihre Mutter hatte versucht, den Fötus mit einer Stricknadel abzutreiben. Ein Russenkind, entstanden aus einer Vergewaltigung, lebte jetzt mit entstelltem Gesicht in einem der Nachbarhäuser. ‚Ich verstehe so vieles noch nicht‘, dachte Dora. ‚Vergewaltigung‘, ‚Fötus‘, ‚abtreiben‘ – alles Worte, mit denen sie nichts anzufangen wusste. Also dachte sie lieber an die vielen Glücklichen auf dem Rathausplatz und an die Musiker, die den Donauwalzer spielten. Mit Musik kannte Dora sich schon ein wenig aus, aber mit anderen Dingen …? Sie konnte schon Sonatinen von Haydn spielen, aber ‚abtreiben‘, das konnte sie nicht.

Als sie an diesem Freudentag eingeschlafen war, träumte sie von einem Mann in grauer Uniform, in der einen Hand eine Stricknadel, in der anderen ein Fähnchen mit den rot-weiß-roten Farbstreifen, wie sie sie am Rathausplatz gesehen hatte. Der Uniformmann lächelte Dora in ihrem Traum ruhig zu, aber von seiner Stricknadel tropfte Blut. Und er hatte hinter seinem Lächeln schwarze Zähne.

Dora schrie in dieser Nacht. Mama kam zu ihr, um sie zu beruhigen. „So ein schöner Tag“, sagte sie, „… und du schreist. Lach doch lieber, Kind, lach doch!“

Der 15. Mai 1955 war vorbei. ‚Gut so‘, dachte Dora.

Der verpatzte Bub

Dora war acht,

als sie eigentlich ein Bub war.

Da sie draufgängerisch und wagemutig handelte, erklärte Mama immer wieder jedem, mit dem sie über Dora redete:

„Sie ist ein verpatzter Bub.“

In ihrer Stimme war so etwas wie leiser Stolz zu hören.

Ein Mädchen war also ein verpatzter Bub. Dora dachte nach.

‚Wieso ist nicht ein Bub ein verpatztes Mädchen?‘

Sie wusste es nicht und streunte weiter mit ihren Freundinnen durch den dicht bewaldeten Stadtrand. Natürlich waren ihre Streifzüge örtlich begrenzt, sie waren ja erst acht, aber ein Ausflug zur versteckten Wiese – so nannten sie den großen Grasflecken oberhalb des kleinen Berges in Omas riesigem Garten – kam ihr und ihren Freundinnen vor wie eine weite, gefährliche Reise.

Wenn die Mädchen zu weit hinauf in den Wald gegangen waren und Mutter das erfuhr, sagte sie streng:

„Wenn ihr so weiter macht, wird euch einmal der schwarze Mann holen.“

‚Schwarzer Mann? Rauchfangkehrer? Neger? Dora wusste es nicht und durchstreifte weiter Wiesen und Wälder.

Um ihrem Ruf als Bub, ob verpatzt oder nicht, gerecht zu werden, kletterte sie auf jeden halbwegs mit Ästen bestückten Baum und rannte mit den Buben um die Wette. Dass sie dabei einmal stürzte und sich ihre Knie zerschürfte, störte sie nicht.

Als sie schon in die dritte Klasse, die 3b, ging, rutschte sie im Winter auf ihrer ledernen Schultasche einen steilen, vom Eis glatten Hang hinunter. Auf diese Weise zeigte sie den mitrutschenden Buben etliche Male, dass sie zu ihnen gehörte. Ein wahrer Bub unter verpatzten Mädchen, das war sie.

Peter, ein Bub aus ihrer Klasse, wartete jeden Morgen bei der Kreuzung auf Dora. Sie gingen dann gemeinsam zur Schule. Peter wurde von seinen Schulkollegen gehänselt, weil er mit einem Mädchen ging.

„Du mit einem Mädel! Waschlappen!“, riefen sie.

Dora merkte, dass es besser war, ein Bub zu sein. Und es war wohl auch besser, später ein Mann zu werden statt ein Fräulein.

Auch einen Unfall mit ihrem Rad nahm Dora tapfer in Kauf. Sie wurde anerkannt von den etwas fremden Wesen, die noch Kinder waren, aber einmal Männer werden sollten.

Alles hatte seine Richtigkeit, nur ihre Mutter sah dem Treiben besorgt zu. Ihr wäre lieber gewesen, Dora hätte sich mit einem hübschen Kleidchen ins Kinderzimmer begeben und hätte dort mit Puppen gespielt.

Dass ihre Tochter ‚auf Bub komm raus‘ am liebsten abgewetzte Hosen trug und sich beim Friseur die Haare kurz schneiden ließ, irritierte sie, aber sie ließ sich nichts anmerken.

‚Es wird vorüber gehen‘, tröstete sie sich selbst.

Und irgendwie war da auch Stolz dabei.

Das Blut

Dora war neun,

als das mit Lisa passierte.

Lisa war nicht nur Kusine, auch Freundin. Und sie riss sich beim Hinfallen auf der großen Wiese, auf der sie beide ohne Aufsicht spielten, den Oberschenkel an einem Stacheldraht auf. Sehr tief.‚Warum ist Blut rot und nicht blau oder grün?‘, dachte Dora.

‚Warum ist die Wunde ihrer Kusine so groß und so tief?

Warum sieht man in dieser Wunde weißes Muskelfleisch, das wie Grießpudding aussieht?

Und warum sang die Frau in dem alten Haus neben der Wiese, auf der sie spielten, immer wieder zuerst Opernarien und als Abschluss ‚Deutschland, Deutschland über alles‘? Bei offenem Fenster.

Obwohl doch Deutschland früher sehr böse war. Das sagte Mama.

Und warum waren die Augen von diesem Herrn Hitler, den Oma manchmal zornig erwähnte, braun und nicht rosa?‘

Wo man singt, da lass dich nicht gleich nieder,

auch böse Menschen haben ihre Lieder.

Das hatte Oma sie gelehrt. ‚Vielleicht hatten die bösen Deutschen früher böse Lieder, und die Sängerin in dem alten Haus neben der Wiese konnte das nicht vergessen … Sie sang schön, wie ein Engel.‘

Lisas Blut.

Doras Kusine Lisa saß mit gepunktetem Rock, aber grießpuddingähnlichem blutigem Muskelfleisch auf einem Baumstamm und war bleich im Gesicht. Das rote Blut – nicht blau, nicht grün, nein, rot war es – schoss plötzlich wie aus einem leicht verstopften Springbrunnen aus ihrem Oberschenkel.

Doras Augen starrten auf die Verletzung.

‚Warum sind Augen niemals rosa oder lila?‘

Lisas Blut.

Dora rannte zu dem alten Haus mit der Sängerin, um Hilfe zu holen. Sie rannte nicht nach Hause, nein. Sie hetzte zur Sängerin. Wie ein Blitz die Stufen hinauf, und schon war sie im Sängerinnenzimmer. Die Frau, die oft Opernarien und danach das Deutschlandlied sang, rief die Rettung an. Gott sei Dank hatte sie Telefon, Doras Eltern hatten keines. ‚Warum nicht?‘

Dora dachte an ihren Papa, der selbst keine Opernarien sang, sondern solchen Gesängen nur lauschte. Mit Kopfhörern und geschlossenen Augen. Ansprechbar war er nicht, wenn er dies tat, und Dora hasste diesen Rückzug ihres Vaters in die Arienwelt.

Gut, dass die Kusine jetzt in guten Händen war. Dora schaute zu den Wolken hinauf, die heute weiß waren. ‚Warum sind Wolken weiß oder grau und nicht kariert?‘

Und sie sah, wie aus den Wolken über ihr eine grießbreiähnliche Masse floss und einen blutroten Regen ankündigte.

‚Warum ist Blut rot?‘, fragte sie sich wieder und wieder.

Die Panzer

Dora war neun,

als die Panzer walzten.

Ihre Eltern verfolgten seit kurzem oft die Nachrichten im Radio. Und sie sahen immer besorgter drein. Dora getraute sich nicht zu fragen, was los war. Bis ihr Vater die Mutter entsetzt ansah und sagte:

„Jetzt sind die russischen Panzer in Ungarn. Die walzen alles nieder!“

Dora verstand wenig, nur ‚russisch‘, das kannte sie. Und auch, dass die Russen seit einem Jahr nicht mehr da waren. ‚Wieso jetzt Ungarn? Was sind Panzer?‘ Dora kannte keine russischen Panzer, aber sie erinnerte sich an die freundlichen Soldaten, die Kinder mochten, vor allem blondzopfige.

‚Was war in Ungarn passiert?‘ Es schien sehr ernst zu sein. Vater versuchte zu erklären. Dass die Ungarn einen Volksaufstand gemacht hatten gegen die russische Besatzung, dass die russischen Politiker das nicht duldeten, und dass sie in Ungarn einmarschiert sind und mit Panzern alles niederwalzten.

‚Wie können Panzer walzen?‘ Dora kannte nur Straßenwalzen, die den heißen Asphalt platt machten‚ aber wieso machten in Ungarn Panzer alles platt?

„Viele Flüchtlinge werden kommen, das ist sicher“,

meinte Mutter, und Dora fragte sich, was Flüchtlinge eigentlich waren. Sie hatte erst wenig von Flucht gehört. Der nächste Fasching fiel ihr ein. Sie wollte nicht aussehen wie alle anderen. Sie wollte weder als Cowboy noch als Prinzessin noch als Matrose verkleidet sein.

„Darf ich im nächsten Fasching als Flüchtling gehen, Mama?“

„Auf keinen Fall, Kind. Flüchtlinge, das sind arme Leute, denen man die Heimat genommen hat, die aus ihren Häusern vertrieben worden sind oder die vor Krieg oder sonst was Fürchterlichem fliehen mussten. Damit spaßt man nicht. Und niemand sollte sich im Fasching als Flüchtling verkleiden. Das wäre sehr dumm und geschmacklos.“

Also was Heimat bedeutete, dass hatten sie in der Schule gerade durchgenommen. Damit kannte Dora sich aus, und sie hatte auch schon begriffen, dass es schlimm war, die Heimat zu verlieren. Diese Heimatlosen meinte also ihre Mutter, wenn sie sagte, dass viele Flüchtlinge kommen würden. Und dass sie aus Ungarn kommen würden, war Dora klar.

„Wie viele werden da kommen, Mama?“

„Ich glaube, sehr viele.“

„Wie viele?“

„Vielleicht Hunderte oder Tausende oder zweihunderttausend.“

Dora verstand diese Zahl nicht ganz.

„Was denn nun? Zwei oder hundert oder tausend?“

Mutter erklärte ihr diese große Zahl, und dann fiel Dora ein, dass im Rechenunterricht und auch in Geografie solche Zahlen seit neuestem vorkamen. Unvorstellbare Zahlen.

„Das sind ja so viele wie in einer sehr großen Stadt wohnen!“

„Ja.“

Drei Tage später fuhren ihre Mutter, ihre Schwester und sie mit einem Onkel zur österreichisch-ungarischen Grenze. Österreich-Ungarn, das kannte sie aus dem Geschichtsunterricht. Aber dieses eigenartige Kaiserreich gab es schon lange nicht mehr. Also wieso fuhren sie jetzt zu dieser Grenze? Dora dachte nicht mehr weiter nach. Es würde sich alles zeigen.

An der Grenze schienen ihr alle ziellos durcheinander zu laufen. Mutter meinte, das seien Flüchtlinge, Helfer, Rotkreuzmitarbeiter. Alle rannten geschäftig herum. Dora hatte Angst, verloren zu gehen. Wieso waren sie überhaupt hierhergefahren? Ach ja, Mutter hatte etwas von Decken und Kleidung gesagt. Und die lieferten sie jetzt ab, bei einer Rotkreuzstelle. Acht alte, aber gute Decken, und einen Berg voll warmer Kleider, die daheim niemand mehr trug, weil sie zu klein geworden waren oder nicht mehr gefielen. Auch Dora verschenkte etwas. Ihren alten braunen Teddybären. Damit die ungarischen Kinder damit spielen konnten, wenn sie schon flüchten mussten. Der Rotkreuzmann bedankte sich, und Dora und ihre Familie fuhren wieder zurück nach Hause. Nicht die ganze Familie. Vater fehlte. Er hatte wieder einmal beruflich ins Ausland fahren müssen, wie so oft. Er war ja ‚beim Film‘.

Dora beschloss, aus Ärger über seine Abwesenheit, Papa einfach nichts von ihrer Rettungsaktion zu erzählen. Die Flüchtlinge hatten jetzt acht Decken und eine Menge Kleider von ihnen bekommen, auch ohne Papa.

In der folgenden Woche saß plötzlich ein Flüchtlingskind, ein Mädchen, in ihrer Klasse, der 3b. Auch dieses Mädchen war neun Jahre alt, wie Dora. Die Lehrerin bat alle, sie gut zu behandeln. Sie spreche kein Deutsch, sagte Frau Stober, und das sei für sie nicht einfach.

„Stellt euch vor, ganz allein mit vielen anderen zusammen zu sein und kein Wort zu verstehen, das ist hart. Helft ihr, wo ihr könnt, gut?“

Ilona, so hieß die Neue, saß im Klassenzimmer ganz in Doras Nähe. Das fand Dora aufregend. Das Flüchtlingsmädchen sah zwar aus wie eine von ihnen, aber sie war Ungarin! Ein schweigendes Mädchen, das während des Unterrichts nichts tat als Vögel aus Papier zu falten. Als Ilona Dora einen solchen Papiervogel schenkte, war Dora fast glücklich.

Von diesem Tag an waren sie Freundinnen, Ilona und sie. Sie lernte, Papiervögel zu falten, und sie schwiegen beide, wenn sie zusammen waren, aber das war Dora ganz recht. Es war angenehmer, als ständig zu reden. Sie hatte nun also ein Flüchtlingskind als Freundin. Und sie war stolz darauf.

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130 стр. 1 иллюстрация
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9783991077077
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