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Ida Bindschedler

Die Leuenhofer

Erzählungen

Für Knaben und Mädchen von 8 – 14 Jahren

7. und 8. Tausend

Saga

Die LeuenhoferCoverbild/Illustration: Pixabay (child-1423514). Copyright © 1919, 2020 Ida Bindschedler und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726614886

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Das verlorene Büblein.

Herr Schwarzbeck stand bei der Wandtafel und sah zu, wie Gustav Brenner den Fehrenbach zeichnete, der unterhalb des Städtchens in die Illig floss.

,,Nicht so, Gustav“, wehrte Herr Schwarzbeck. „Nicht grad wie ein Peitschenstiel. Dem Fehrenbach pressiert es gar nicht so, aus seinem netten Tälchen herauszukommen. Ihr habt ja gestern selber gesehen, wie er Umwege macht. Sieh, da etwa ist die Breit-Wiese . . .“

„Wo wir den Baldrian und die Vergissmeinnicht gefunden haben“, riefen die Kinder . . . ,,Da macht er doch einen Bogen, wie wenn er sich besinnen würde, ob er nicht noch einmal zurück wolle zum Wald anstatt hinunter zur Sägemühle, wo er das Rad treiben muss.“

Die Knaben und Mädchen in den Bänken horchten auf. Wie Herr Schwarzbeck so sprach, war es, als ob man noch einmal den hübschen Spaziergang durch das Fehrenbachtälchen mache. Dann fuhren sie fort auf ihre Blätter zu zeichnen. Also recht geschlängelt: Und die Sägemühle nicht vergessen; es waren vier Häuser da. Wenn man gut gezeichnet hatte, durfte man das Blatt mit der farbigen Kreide ausmalen, den Bach blau, die Wiese hellgrün, den Riedenwald dunkel und die Häuser von Ried und von der Sägemühle rotbraun. Dann sah es aus wie eine Landschaft, die man von einem hohen Kirchturm herab betrachtet.

Die Fenster des Schulzimmers standen alle offen, und die Sonne schien auf den alten Holunderbusch am Haus. Es war eigentlich kein Schulhaus. Man hatte nur vor Jahren eine Stube eingerichtet für die zwei Klassen von Herrn Schwarzbeck, weil im Schulhaus drinnen im Städtchen kein Platz mehr war. Man sprach immer davon, dass ein neues Schulhaus gebaut werden müsse. Aber Herr Schwarzbeck sagte oft, seinetwegen brauche man sich nicht zu beeilen. Da draussen im Leuenhof sei es schön und gemütlich. Und die Knaben und Mädchen waren der gleichen Meinung.

Der Leuenhof war früher ein Kloster gewesen. Jedesmal, wenn im Frühjahr eine neue fünfte Klasse eintrat, wurde ihr diese merkwürdige Tatsache mitgeteilt:

„Also seht“, erklärten die Sechstklässler; „dort, wo das Holzgitter ist, war auch ein langes Stück Haus und rechts eins und links. Das gab ein Viereck; ringsherum war ein Gang; der hiess Kreuzgang, und da spazierten die Mönche und dachten an ernste Sachen. – Ja – und manchmal haben sie aber auch Brot gebacken und Käse gemacht und Bäume gepflanzt und gemalt und geschreinert und gesungen. Und dann auf einmal in einer Nacht ist das Kloster verbrannt, und nur die Seite, wo wir unser Schulzimmer haben, ist stehen geblieben.“ –

Die Fünftklässler sahen einander an. Das war fein, in einer Schule zu sein, wo es einmal gebrannt hatte und wo Mönche gemalt und gesungen und Brot und Käse gemacht hatten. Mitten auf dem grünen Platz, der früher der Klosterhof gewesen war, stand eine dicke niedrige Säule und auf ihr sass ein seltsames steinernes Tier. Nach ihm hiess das Haus der Leuenhof. Denn das Tier war ein Löwe. Man hatte einige Mühe, das zu erkennen. Der dicke Kopf war verwittert, und über der Nase waren ein paar Rinnen. Wenn das Rotschwänzchen vom Holzverschlag herüberflog und sich auf den dicken Kopf setzte, sah es aus, als ob der Leu nach oben blinzle und sich ärgern, dass er den Vogel nicht abschütteln könne.

,,Er sollte eine Mähne haben“, sagte einer der Fünftklässler, als er mit den andern in der ersten Pause des neuen Schuljahres vor dem Löwen stand.

„Ja eben“, erwiderten die Grossen.

„Er sieht eigentlich bloss aus wie eine recht grosse Katze“, sagte die vorwitzige kleine Sara Wiebold und zog kichernd die Achseln in die Höhe.

„Ja, wir haben es auch schon gedacht; aber hört“ – und ein paar von den Grossen stellten sich vor die Fünftklässler „das sagt man nicht! Oder wollt ihr vielleicht, dass man euch „Katzenhofer“ heisst, statt „Leuenhofer?“

„Nein – Katzenhofer! Nein!“ rief die ganze Klasse, und alle versprachen sich, man wollte es nie ausbringen, dass der Leu eigentlich wie eine dicke Katze aussehe.

Seit Herr Schwarzbeck seine zwei Klassen da draussen hatte, hiessen diese jeweilen im Städtchen die Leuenhofer und waren stolz auf den Namen.

,,Die Leuenhofer kommen“, sagten die alten Frauen vom Spital beim Wendeltor, wenn das Trüpplein Buben und Mädchen nach 11 Uhr lachend und schwatzend daherzog. „Jetzt geht es fast noch eine Stunde bis zum Mittagessen.“

„Es wird doch nicht schon über vier Uhr sein! Da sind ja schon die Leuenhofer“, sagte der Schneider Gutknecht am Nachmittag und zog rascher die weissen Fäden aus dem halbfertigen Überrock. Er war sehr fleissig; drum ging ihm die Zeit immer zu rasch vorbei, während sie den alten Spitalleutchen, die nicht mehr arbeiten konnten, immer zu lang vorkam.

War es nun, weil die Leuenhofer den gemeinsamen Namen trugen, oder weil sie da draussen weit weg von den andern Buben und Mädchen des Städtchens ihr Schulzimmer hatten – sie hielten besonders fest zusammen. Sie trafen sich am Abend und an freien Nachmittagen vor dem Wendeltor auf der Grabenwiese und spielten da. Streiten taten sie manchmal auch; wenn’s so arg wurde, dass Herr Schwarzbeck es am andern Morgen noch in der Schule merkte, so nahm er den ärgsten Streithahn vor und gab ihm wieder einmal den Denkspruch zu schreiben. Er war aus der Bibel und hiess: „Siehe wie fein und lieblich ist es, wenn Schwestern und Brüder einträchtig beieinander wohnen.“

„So! Auf morgen! Und damit du ein wenig länger über den Spruch nachdenkst, schreibe ihn nah zusammen und mach ein artiges Kränzlein drum herum! Die andern sehen das Blatt dann um so lieber an; es tut ihnen auch gut!“

Der Spruch wurde für ein paar Tage an die Wand der Schulstube gehängt und kam dann in Herrn Schwarzbecks Pult, wo sich im Lauf des Jahres eine schöne Zahl solch artiger Strafzettel ansammelte.

Schlimm wurde aber der Streit der Leuenhofer Kinder nie. Sie waren eine im ganzen gutmütige muntere Schar, in den Schulstunden ziemlich fleissig, daneben immer zu Streichen aufgelegt, immer froh, wenn etwas begegnete, worüber man lachen und sich wundern konnte oder gar etwas, wobei man mitrennen und helfen musste.

Wie es so ist in jeder Schulklasse: ein paar waren bei allem die Anführer, hatten das erste Wort und machten von sich reden. Die andern liefen so mit, ohne dass man von ihnen viel Aufhebens machte.

Also an dem Nachmittag hatten die Leuenhofer Kinder Heimatkunde und zeichneten das Fehrental, beide Klassen zusammen; nur erwartete Herr Schwarzbeck natürlich, dass die Sechstklässler die Sache besser machten als die Fünftklässler.

Da klopft es an die Türe. Alle Buben und Mädchen hoben die Köpfe. Herr Schwarzbeck hatte gar nicht Zeit zur Türe zu gehen; sie wurde rasch aufgemacht und eine Frau trat herein. Ein paar Kinder kannten sie. Es war Frau Müggler von der Sonnengasse. Sie sah hastig nach allen Seiten:

„Nichts für ungut, Herr Schwarzbeck“, sagte sie, „aber ich laufe schon den ganzen Nachmittag herum in einer Angst – ist es nicht da? – Da auch nicht? – O Herr Jesus, mein Büblein.“ Sie fing an zu schluchzen. Ich habe gedacht, ich finde es vielleicht hier. Er ist vorgestern und gestern hinter ein paar von Ihren Schulkindern dreingelaufen, bis vors Wendeltor hinaus.

„Wisst ihr etwas von einem Büblein?“ fragte Herr Schwarzbeck die Kinder. – „Wie sieht es denn aus? Wie alt ist es?“ – „Im Januar ist es zwei Jahre alt gewesen; reden tut es noch nicht; aber laufen kann es schon fast wie unsereins. Man hat vom Morgen bis zum Abend seine Not.“

„Ist es blond?“ fragte Herr Schwarzbeck.

„Nein, nein, braun. Mein Gott, wenn die Grossmutter es wüsste; – wo soll ich es doch noch suchen? Die Nachbarsleute meinen, es sei vielleicht in den Schättenwald hinausgelaufen, wo wir am Sonntag mit ihm waren oder zu meiner alten Base an der unteren Mauer; aber wie soll ich an alle Orte zugleich hinlaufen! O du lieber Gott“, weinte sie von neuem auf.

Die Buben und Mädchen in den Bänken hörten mit grösstem Interesse zu und fingen, da Herr Schwarzbeck nicht wehrte, laut an, über die Sache zu reden.

,,Ein Büblein verloren gegangen“, ging es durch die Mädchenbänke. „Unser Klärli ist letzthin auch fortgelaufen!“ „Ja und mich hat man einmal lang suchen müssen, als ich klein war. Man hat schon gemeint, ich sei zur Illig hinuntergelaufen und ertrunken.“ – Die Mädchen hielten inne und sahen nach der Frau.

„Ein Büblein verloren gegangen“, ging es auch bei den Buben hin und her. Im Schättenwald sei es vielleicht – der ist furchtbar gross. „In Grumikon haben sie einmal anderthalb Tage lang ein Kind gesucht in der Gemeinde herum. Da ist die ganze Sekundarschule ausgezogen; mein Vetter war dabei. Sie hatten ein Horn und mussten sich immer wieder sammeln.“ In alle Buben kam plötzlich ein Gedanke.

„Herr Schwarzbeck, Herr Schwarzbeck“, riefen sie und legten sich über die Bänke mit hochgestreckten Zeigefingern.

Herr Schwarzbeck hatte versucht, die Frau zu trösten und sich sagen lassen, wo sie überall gesucht habe.

,,Herr Schwarzbeck – dürfen wir in den Schättenwald; wir finden es gewiss. Felix Kleinhans hätte eine Trompete.“ –

Herr Schwarzbeck winkte ab. Nicht so ungestüm. Die Frau Müggler aber sah Herrn Schwarzbeck flehentlich an.

,,Ja, wenn die Buben alle im Schättenwald suchen würden. Ich stehe solch eine Angst aus“, schluchzte sie in ihr Taschentuch. Es hat eine grüneingefasste Wachstuchschürze und graue Höslein und also braune Härlein und Augen und rote Bäcklein hats.“

Herr Schwarzbeck zog die Uhr heraus; es war in zehn Minuten vier Uhr; einen Augenblick überlegte er.

„Wollt ihr versprechen, vernünftig zu sein und genau zu tun, was ich euch sage?“ –

„Ja, ja“, riefen die Buben.

,,Wir auch, Herr Schwarzbeck“, riefen nun von der andern Seite die Mädchen; „wir möchten auch mit in den Schättenwald.“ –

Unter den Buben entstand ein Gebrumm.

„Wir können so gut suchen wie ihr“, riefen die Mädchen hinüber, „und mit einem kleinen Büblein können wir doch besser umgehen, nicht wahr, Herr Schwarzbeck. Vor so lauter Buben fürchtet er sich vielleicht.“ –

„Ssst“, mahnte Herr Schwarzbeck.

„In keinem Falle stürmen mir alle 37 miteinander zum Schättenwald hinaus. Die sechste Klasse, Buben und Mädchen, übernehmen das“ –

„Seht ihr!“ riefen triumphierend die Mädchen der drei hinteren Bänke.

,,Die Buben der fünften Klasse suchen mit mir in der Riedau.“ –

„Sie sind ein Guter, Herr Schwarzbeck“, schluchzte die Frau. –

„Und die Mädchen der fünften Klasse gehen heim und sagen im Städtchen, warum die andern noch nicht heimkommen. Verteilt die Botengänge selber unter euch.“

Die Fünftklässlerinnen waren nun zuerst etwas enttäuscht; aber überall, wo man es noch nicht wusste, von dem verlorenen Büblein erzählen, dass man es im Schättenwald und in der Riedau suche, war auch etwas. –

Herr Schwarzbeck sagte der sechsten Klasse, wie sie vorgehen solle im Schättenwald. „Ihr braucht einen Anführer – Ernst Hutter kennt den Schättenwald, glaub ich, am besten und übernimmt die Oberaufsicht.

Teilt euch in drei oder vier Gruppen, sucht immer wieder einen Platz ab und sammelt euch wieder, wenn Ernst euch das Zeichen gibt; weit kann das Büblein ja nicht gekommen sein. – Walter Kienast, du hast eine Uhr; nun ja, Felix, hol deine Trompete im Vorbeiweg. Nach längstens anderthalb Stunden kommt ihr zurück in die Mahlergasse, hörst du, Ernst, auch wenn ihr das Kind nicht findet. Ich hoffe immer noch, dass es irgendwo in der Nähe steckt. Wer weiss, es ist vielleicht schon jetzt wieder zu Hause. Geht durch die Sonnengasse zur Sicherheit.“

Die Frau Müggler war schon vorangeeilt in ihrer Unruhe und auch in der leisen Hoffnung, ihr Hermännli vielleicht vor ihrer Türe zu finden.

Aber als sie gegen ihre Wohnung in die Sonnengasse kam, standen da bloss ein paar Frauen.

„Ach herrjeh, sie bringt es nicht! Sie hat es nicht gefunden“, jammerten sie. „Wo kann es nur auch sein? Jetzt muss man denn bald an etwas Schlimmes denken.“

,,Also vorwärts!“ sagte Ernst Hutter, der mit seiner Schar hinter der Frau hergekommen war.

Vom Ende der Sonnengasse führte eine gerade lange Strasse zum Schättenwald.

„Eigentlich wäre es fast schade gewesen, wenn man das Büblein schon gefunden hätte. Dann könnten wir nicht in den Schättenwald“, sagte Netti Tobel, die eifrig neben den andern Mädchen herschritt.

„Aber Netti, Netti, du bist doch grässlich“, riefen die Freundinnen empört. „Wo die Frau so eine Angst hat.“ –

Netti schämte sich ein wenig. „Ich meine nur, es ist dann so nett, wenn wir das Büblein finden und in die Sonnengasse bringen können.“

„Ja“, rief Ernst Hutter von hinten hervor. „Dann muss man sich aber auch Mühe geben und suchen – nicht nur so gradauslaufen.“ Er hielt suchend still an einem Seitenweg, an dem links und rechts ein paar Häuser standen.

„Natürlich“, sagte Eva Imbach, die von den Mädchen als ihr Oberhaupt angesehen wurde, weil sie klug und entschlossen war und meistens das beste Zeugnis hatte, „natürlich, wir müssen da nachsehen. Das Büblein könnte wohl in so ein Haus gelaufen sein.“

Die Buben gingen ins Haus rechts, die Mädchen in das links. Sie kamen in einen kleinen Hof. Schon schrien alle acht Mädchen auf, als sie in einer Ecke ein kleines Kind mit einer Wachstuchschürze entdeckten, das sie aus einem verschmierten Gesichtchen erstaunt ansah.

Aber da erhob sich eine alte Frau; sie hatte vor sich einen Wagen stehen, in dem zwei ganz kleine Kinder lagen.

„Wir suchen ein Büblein“ sagten die Mädchen, ,,ein Büblein, das sich verlaufen hat.“

„So so, ein Büblein“, sagte die Frau. „Könnt ihr kein Maitelein brauchen? Wart, Mareili, wenn du nicht brav bist und die Grossmutter den ganzen Tag plagst, so nehmen dich die Kinder da mit und tun dich in den Wald hinauf, in den dunkeln.“

Das Mareili machte grosse Augen und schien fast Lust zu haben, die Strafe anzutreten. Aber die Mädchen lachten; sie wollten im Walde ein Kind holen, keines hinaufbringen. Sie liefen hinaus zu den Buben, die auch zurückkamen.

Es ging weiter. Die meisten eilten in den Wald zu kommen. Aber Ernst Hutter und Eva Imbach bestanden darauf, dass man hinter allen Büschen nachsehe. Im Felde bewegte sich etwas; als die Buben drauf los wollten, war es eine weiss und schwarze Katze, die den Mäusen nachging.

Von einem Büblein war nichts zu entdecken. Auch im Walde nicht, wo Ernst Hutter nun anordnete, wie gesucht werden müsse und unter welchem Baume Felix Kleinhans mit seiner Trompete von Zeit zu Zeit das Signal zum Sammeln zu geben habe. Es war etwas schwierig, Ordnung zu halten.

Die Mannschaft wurde übermütig. Hans Kündig war auf einmal oben auf einer jungen Eiche und behauptete, als Ernst Hutter ihn herunterrief, er könne weit herumsehen; es sei sehr nützlich, wenn er da oben bleibe.

Den Mädchen musste Ernst Hutter verbieten, Blumen zu pflücken. Er schickte sie den Waldrand entlang, während er selbst mit seinen drei oder vier andern Genossen einen Tannbestand absuchen wollte.

Plötzlich sah man die Mädchen, Eva Imbach voran, einen Rain hinunterrennen.

,,Was tun sie denn?“ sagte Ernst und runzelte die Stirne, wie ein Hauptmann, dessen Soldaten seine Befehle nicht richtig ausführen. Er rief und befahl dann ein Zeichen mit der Trompete zu geben. Aber die Mädchen waren hinter den Büschen eines Hohlweges verschwunden.

„Man hat doch gesagt, man suche zuerst den Wald ab. Eva hat immer einen eigensinnigen Kopf, und die andern laufen ihr nach.“

Ernst Hutter befahl dreien von seinen Leuten, dass sie die Mädchen heraufholen. Aber schon wurden diese wieder sichtbar, dicht zusammengedrängt; aber man konnte nicht erkennen, was sie hatten; man hörte sie laut durcheinanderrufen. Als sie näher kamen, sah man, dass Netti, umringt von den andern, ein kleines Kind trug. Das Kind schrie mörderlich.

„Wir haben es; wir haben es!“ riefen die Mädchen den Buben zu, die ihnen entgegenliefen. Wir haben gedacht, es könne etwa in das Haus da unten gelaufen sein und sind hinuntergerannt. Und da auf einmal sahen wir es am Wegrand unter einem Busch ganz allein, das arme Büblein.

,,So, du armes Trütscheli“, sagte Netti zärtlich. „Jetzt sei nur still. Jetzt bringen wir dich deiner Mutter. Gelt du, zur Mutter.“ Die Knaben kamer alle herbei und betrachteten den Fund.

Es war ein dicker, kleiner Bub mit kurzgeschornem Haar.

,,Das ist jetzt erst noch die Frage, ob es der Frau Müggler ihr Hermännli ist“, sagte Walter Kienast. „Habt ihr ihn gefragt, wie er heisse?“

„Er gibt keine Antwort; er schreit nur. Frau Müggler hat ja gesagt, er rede noch nicht viel. Man sieht aber doch an den grauen Höslein, dass er es ist und an der schwarzen Wachstuchschürze da, grüneingefasst.“

,,Wegen dem!“ erwiderte Walter. „Es haben viele kleine Buben solche Wachstuchschürzen und graue Höslein.“

„Aber du siehst doch vielleicht, dass er rote Backen hat und braune Haare, und ganz allein ist er da unten gewesen und hat geweint.“

Die Buben waren jetzt überzeugt. Lieber wäre es ihnen gewesen, sie hätten statt der Mädchen den Kleinen gefunden; aber es war doch wenigstens die sechste Klasse; es waren doch die Leuenhofer, die das verlorene Kind ins Städtchen zurückbrachten.

Das Büblein hatte einen Augenblick zu weinen aufgehört und den grünen Buchenzweig in die Hand genommen, den eines der Mädchen ihm hingehalten hatte. Jetzt fing es aufs neue jämmerlich an zu schreien, warf den Zweig hin und strampelte so auf Nettis Arm, dass sie es kaum mehr halten konnte.

„Stell es nur hin“, sagte Walter Kienast. „Es könne ja so gut laufen, hat seine Mutter gesagt.“ Netti wollte das Büblein auf den Boden stellen, und mehr als ein Dutzend Hände streckten sich, um es zu führen. Aber es setzte sich auf den Boden. „Nei, nei“, schrie es aus allen Kräften. ,,Dodi, Mem, Mem.“

„Dodi, das heisst gewiss Grossmutter“, erklärte Ottilie Eggenberg, „unser kleines Schwesterchen sagt auch immer so.“

„Also, dann müssen wir es halt doch tragen“, entschied Ernst Hutter und wollte es aufnehmen.

„Nein, halt, nicht!“ riefen die Mädchen; „wir haben es gefunden; wir dürfen es tragen.“

„Das ist noch nicht ausgemacht“, entgegneten die Buben. „Uns ist es eingefallen, dass wir das Büblein suchen könnten. Uns hat es Herr Schwarzbeck erlaubt. Ihr habt nur so mitdürfen!“

Die Mädchen aber standen wie ein Wall um den Kleinen und wehrten die Buben ab.

„Komm, komm“, versuchte Ottilie Eggenberg den Kleinen zu trösten und aufzunehmen. ,,Komm! Gelt, du willst lieber mit uns gehen als mit den Buben, gelt?“

Zu gleicher Zeit war aber auch Hedwig Bühler hingekauert.

„Lass es doch mich tragen! Ottilie! ich möchte es auch ein wenig haben.“

Ottilie liess nicht los und hielt das Büblein oben, während Hedwig an den dicken Beinchen zog.

„So –! reisst es jetzt noch auseinander“, sagte Walter Kienast. „Jetzt nimmt mich doch wunder, ob es bei uns noch lauter brüllen würde als bei euch!“

Schliesslich wurde ausgemacht, dass Ottilie das Büblein bis zu dem Baum dort unten trage und von da an Hedwig Bühler und die andern Mädchen der Reihe nach. Ernst Hutter aber von den ersten Häusern bis zur Sonnengasse, damit man sehe, dass die Buben auch beteiligt waren bei der Sache.

Ins Haus sollte dann Eva das Büblein tragen.

So ging es die Schättenwaldstrasse hinunter. Abwechselnd suchten die Buben und Mädchen das Büblein zu unterhalten. Felix Kleinhans nahm ein Blatt vor den Mund und brachte wunderbare Töne zustande. Das Büblein horchte ein paar Augenblicke mit offenem Mäulchen; dann schnaufte es auf, als ob es sich besänne, dass es ja eigentlich zu schreien habe und hob von neuem an. Auch das süsse rote Zeltchen, das Netti Tobel ihm zwischen die Zähnchen steckte, hielt nicht lang.

„Nei, nei, Dodi, Mem!“ weinte der Kleine auf einmal wieder und spuckte das Zeltchen heraus.

So kam man ins Städtchen.

„Bsst, bsst“, suchte Eva Imbach, die nun an der Ecke der Sonnengasse den Kleinen übernahm, zu beschwichtigen. Nun sind wir gleich bei der Mamma, gleich, gleich.“

Vor den Häusern standen da und dort Leute. Die Kinder hielten sich nicht auf; aber sie hörten wie ein alter Mann sagte: „Aha, da bringen sie der Frau Müggler ihr Hermännli. Es sind die Leuenhofer.“

Ottilie Eggenberg zeigte das Haus der Frau Müggler. Die Buben und Mädchen schritten in geschlossenen Reihen dicht neben und hinter Eva Imbach her. Wie das fein war, nun der Frau Müggler ihr Bühlein zurückzubringen. Und dann nachher den Leuten, besonders Herrn Schwarzbeck zu erzählen, wie es gegangen war und wo man den Kleinen gefunden hatte, wenn Herr Schwarzbeck heraufkäme von der Riedau.

Ottilie trat voraus in den Hausgang und klopfte an die Türe.

„So“, sagte Eva zu dem Büblein, das um sich guckte und stellte es auf den Boden. „Gelt, wie gut, dass du jetzt bei der Mutter bist.“ –

Ottilie Eggenberg machte die Türe auf und schob den Kleinen vor sich her, und alle Buben und Mädchen drängten in die Stube hinein.

Aber welche Überraschung und Bestürzung! In der Stube, umringt von drei oder vier Frauen stand Frau Müggler und hatte – die Leuenhofer Buben und Mädchen trauten ihren Augen nicht – schon ein anderes Büblein auf dem Arm, auch mit einer grüneingefassten Wachstuchschürze und grauen Höslein, mit braunem Haar und roten Bäcklein. – Die Leuenhofer Buben und Mädchen standen starr

Die Frauen aber drehten sich zur Türe. „Ja, Kinder, was wollt ihr denn? – Wir haben das Hermännli schon lange. Es ist zu seiner Grossmutter gelaufen, und die ist nicht zu Hause gewesen, und da ist das Hermännli eingeschlafen im Gartenhäuslein unter der Bank. Aber was ist jetzt das für ein Kind – du mein Trost, wo habt ihr denn das her?“ –

Die Leuenhofer Buben und Mädchen wussten gar nicht wohin schauen vor Beschämung und Verlegenheit.

Nur mit Mühe brachten die Frauen aus ihnen heraus, wo sie das Büblein gefunden. ,,Der Ernst Hutter, der muss es sagen“, flüsterten die hintern; „der ist ja der Anführer, ja und die Eva, die Eva ist vorausgerannt, dort hinunter.“ –

Frau Müggler stellte ihr Büblein hin und nahm das andere, weinende auf den Arm. „Du armes Tröpflein“, sagte sie, „haben sie dich nur so fortgetragen –. Aber auch! Aber auch!“ Sie zog ihrem Hermännli das weisse Wollschäfchen aus der Hand und reichte es dem kleinen Fremden. Der hörte auf zu weinen; er fühlte sich besser da auf dem Arm von der Frau. Die Kinder, die hatten ihn so merkwürdig fest gepackt, gar nicht, wie er es gewohnt war.

Statt des fremden Bübleins erhob nun natürlich das Hermännli ein Zetergeschrei.

Frau Müggler gab ihm einen kleinen Klapps. „Sei du nur still, du kleiner Nichtsnutz, hast mir so eine Angst gemacht!“

Aber dann wandte sie sich zu den Leuenhofer Kindern, die verlegen sich an der Türe herumdrückten. „Jetzt nehmt halt den Weg noch einmal unter die Füsse so rasch ihr könnt und tragt das Büblein wieder hinauf zur Schättenhalde. Wenn ich denke, dass jetzt seine Mutter es überall sucht, wie ich meines. Herrjeh, Kinder, was habt ihr doch angestellt.“ –

Sie wollte das Büblein dem vor ihr stehenden Felix Kleinhans auf den Arm geben: „Da, du bist der grösste.“ Felix aber drehte sich um, zu den Hintenstehenden. „Es muss wieder der Reihe nachgehen wie vorher. Und da ist es noch nicht an mir; ich bin erst der 7. oder 8. gewesen.“ „Die Mädchen können es jetzt wieder nehmen“, neckte Walter Kienast; „sie haben es ja durchaus nicht hergeben wollen am Anfang, und sie haben es überhaupt ja gefunden.“ Aber die Mädchenarme streckten sich diesmal nicht so eifrig aus, und die kleinen dicken Beinchen kamen nicht in Gefahr. Es war doch wirklich zu arg, das Büblein jetzt wieder durch das ganze Städtchen zu tragen und sich von den Leuten auslachen zu lassen.

Da trat Ernst Hutter tapfer herzu und nahm das Büblein vom Arm der Frau.

„So“, dachten die andern erleichtert; „wir brauchen überhaupt gar nicht alle mitzugehen“, und vier oder fünf von der Schar machten Miene sich zurückzuziehen.

Aber Eva Imbach und ein paar andere stellten sich vor sie hin:

„Halt, so geht das nicht! Wir müssen alle mit, die ganze Klasse. Natürlich! und jedes kommt der Reihe nach dran. An der Ecke, beim Hecht nehme ich das Büblein wieder – das sind mir Schöne, die jetzt weglaufen wollen.“ –

Beschämt gaben die paar ihre Ausreissergedanken auf und schlossen sich Ernst Hutter an. Die Frauen traten auch unter die Türe, um dem kleinen Zug nachzusehen.

Aber er kam nicht weit. Von der Eiergasse herauf nahte ein Trupp Knaben. Es waren die Fünftklässler. Als sie Ernst Hutter mit einem Büblein auf dem Arm erblickten, erhoben sie ein Jubelgeschrei und rannten dann zurück zu Herrn Schwarzbeck, der hinter ihnen auftauchte. „Sie haben es!“ schrien sie. „Ernst Hutter trägt es auf dem Arm.“

Umsonst suchten die Sechstklässler sie abzuhalten: ,,Seid doch still; es ist ja ein falsches.“

Die Fünftklässler hörten nicht: „Sie haben es! sie haben es, Herr Schwarzbeck! hurra!“

Die Leute von der Eiergasse und von der Sonnenstrasse kamen heraus, und einer fragte den andern, was das Geschrei bedeute.

Die Sechstklässler hätten grad mögen in den Boden sinken; aber das holperige Pflaster der Eiergasse tat sich nicht auf, und Herr Schwarzbeck kam in raschem Schritt und freudigem Gesicht auf die Schar zu. Doch als ob die Lage der Sechstklässler noch nicht fatal genug wäre, eilte vom Ende der Mahlergasse eine Frau herzu mit weissem Kopftuch. Zwei junge Mädchen wiesen ihr den Weg: „Da hinunter sind sie mit ihm. Aber dort stehen sie ja!“

Die Frau lief herbei und riss Ernst Hutter das Büblein aus dem Arm. „Theodorli, mein Büblein! Gottlob, Gottlob!“ Sie drückte ihr Kind ein paarmal an sich und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Dann aber wandte sie sich zornig zu den Buben und Mädchen.

„Jetzt möchte ich aber doch wissen, was das für eine Art ist, aus lauter Übermut oder Bosheit oder was weiss ich, das Kind fortzutragen; ihr sollt aber noch etwas erfahren; ich will schon dafür sorgen, dass ihr gehörig gestraft werdet.“

,,He, aus Bosheit haben sie es nicht getan“, beschwichtigte eine der Frauen die Mutter und erklärte ihr den Irrtum der Kinder.

So leicht liess aber diese sich nicht beruhigen. ,,Man trägt doch so ein armes Kind nicht nur mir nichts dir nichts fort. Das Haus wäre nicht weit gewesen, wo ihr hättet fragen können. So dumme Kinder gibt es doch gewiss weit und breit nicht mehr.“

Die Sechstklässler senkten ihre Köpfe noch tiefer. Es war schrecklich, vor allen Leuten und vor den Fünftklässlern das anhören zu müssen.

„Ich wollte mit dem Theodorli auf unsern Kartoffelacker hinaus“, wandte sich die Mutter des Bübleins zu den Frauen. „Da sehe ich unterwegs, dass die Hacke gar nicht mehr ordentlich im Stiel hält und muss wieder zurück. Und weil das Büblein so langsam ist, setze ich es an den Wegrand. Es ist so ein braves und läuft nie fort. Gelt Dodi!“

Sie fasste das dicke Händchen, das auf ihrer Schulter lag.

,,Und wie ich mit der bessern Hacke am Garten vorbeigehe, sehe ich, dass die tausends Hühner wieder drin sind. Das hat mich ein wenig versäumt. Und grad in der Zeit muss es geschehen sein! Der Schrecken, den ich gehabt! Ich habe gar nicht gewusst, was denken, und was tun. Ringsum hab ich gesucht und gerufen. Da ist ein Mann gegen den Schättenwald heraufgekommen und der hat mir gesagt, er meine, er habe eine Schar Buben und Mädchen mit einem schreienden kleinen Kind gegen das Städtchen hinunter gehen sehen. Da bin ich dahergelaufen; aber auf dem Weg hab ich immer gedacht, es sei gewiss doch nicht meines. Das würde man doch nicht wegtragen. Kinder stehlen tun heutzutage doch nur noch Zigeuner. Nein, was hab ich für eine Angst ausgestanden! Und mein Theodorli auch. Nur so davonrennen mit so einem armen unschuldigen Kindli.“

Die Buben und Mädchen sahen schuldbewusst vor sich nieder. Es kam ihnen jetzt selber recht unsinnig vor, was sie getan. Und die Mädchen sahen nach dem Büblein, dessen Gesichtlein noch ganz verweint aussah – dem warmherzigen Netti und ihrer Freundin Ottilie liefen vor Reue und Mitleid ein paar Tränen über die Backen.

„Eine gehörige Strafe verdient ihr, dass ihr’s nur wisst!“ redete die Frau sich von neuem in den Zorn. Es wird am besten sein, ich gehe zu eurem Schullehrer, dass er erfährt, was ihr für Leute seid. Wie heisst er? Wo wohnt er? So redet!“

„Der ist leicht zu finden. Da steht er schon“, sagte Herr Schwarzbeck und trat vor die Frau. Er hatte zugehört, ohne etwas zu sagen. Er fand, seine Sechstklässler verdienten schon eine Strafpredigt. Und zur Abwechslung könne sie ja einmal statt seiner von jemand anderem gehalten werden.

,,Es tut mir leid, dass meine Leutchen Ihnen einen solchen Schrecken und solch eine Angst gemacht haben.

Euch tut es auch leid, nicht wahr?“

Er drehte sich nach den Kindern um.

„Ja, ja“, riefen diese schon etwas erleichtert, obgleich Herr Schwarzbeck ein ernstes Gesicht machte.

,,Was fängt man nur mit euch an, ihr Wettersbuben und Mädchen“, sagte der alte Buchbinder Häberlein, der dabei stand. Er machte die Hefte für die Leuenhofer und lieferte die Federn und Bleistifte. Da durfte er schon ein wenig mitreden. „Man sollte euch, weil die Frau so Zeit versäumt hat, morgen auf den Kartoffelacker schicken, jedes mit einer Hacke, zum Unkraut Austun, von vier bis sieben Uhr.

Alle Umstehenden lachten. Die Fünftklässler, die mit grossem Interesse der Verhandlung folgten, riefen vergnügt: „Dann dürfen wir aber auch mit, nicht wahr, Herr Schwarzbeck!“

Die Frau von der Schättenhalde – sie hiess Horber – aber wehrte: „Ja, noch gar, die ganze Schar! Das wäre mir etwas! Wenn sie das Jäten so gut verstehen wie das Kindersuchen, so hätten wir um sieben Uhr wahrscheinlich wohl noch Unkraut, aber keine Kartoffeln mehr.“

Wider Willen musste sie selber doch ein wenig lachen.

Diese bessere Stimmung benützte Frau Müggler und trat mit ihrem Hermännli näher zu ihr hin.

„Sehen Sie, jetzt verraucht der Zorn schon. Kinder sind halt Kinder. Man weiss ja, was für dummes Zeug man selber gemacht hat in der Jugend. Es ist ihnen arg genug. Man sieht es. Ein anderes Mal fahren sie gewiss nicht mehr so drein.

Und die Hauptsache ist doch, dass wir unsere Büblein wieder haben, Sie das Ihrige und ich das meine.“

„Und das ist wahr“, sagte eine von den Frauen, „gleichen tun sich erst noch die beiden merkwürdig, dieselben Härlein und rote Bäcklein! Man weiss nicht, welcher der nettere ist, das Hermännli oder – wie heisst es – das Theodorli.“

Der kleine Held von der Schättenhalde, der sich jetzt geborgen auf dem Arm seiner Mutter fühlte, sah mit seinen runden braunen Augen auf die Kinder herab. Netti tätschelte verstohlen sein Händlein. Da lachte das Büblein sie ganz freundlich an.

„Sehen Sie, Frau Horber, sehen Sie“, riefen die Frauen. „So müssen Sie es auch machen. Jetzt hat das Büblein schon vergessen, was die Kinder ihm angetan haben. Wie herzig es lacht.“

,,He, also dann“, sagte Frau Horber zögernd, ,,so will ich machen, dass ich wieder heimkomme; mein Mann wird so wie so nicht wissen, warum ich nicht in die Kartoffeln gekommen bin.“ „Da sag deinem Freund ade“, sagte Frau Müggler und hielt ihren Kleinen, der sein Schäfchen wieder erobert hatte, zu dem Schättenwalder Büblein empor, „und wenn du nicht so ein eigensinniger Schreihals wärst, so müsstest du ihm dein Schäfchen mitgeben, als Andenken an die Geschichte.“

„Ich hab ein Schäfchen zu Haus – ich bring es ihm herauf morgen nachmittag“, rief Netti. „Es hat auch so ein Glöcklein.“

„Und ich komme mit dir“, erklärte Eva. „Meine Mutter hat heut Anisstengel gemacht; da gibt sie mir ein paar für das Büblein.“

„Wir gehen auch mit, wir auch!“ riefen drei oder vier andere. „Ich schenk ihm meinen Gummiball und ich hab ein Pfeifchen für ihn.“ Die Leute lachten.

„Das gibt ja eine ganze Bescherung. Jetzt sehen Sie, Frau Horber, dass das keine Räuber sind. Statt Lösegeld für das geraubte Kind zu verlangen, bringen sie ihm Geschenke dar.“

Dann aber löste sich der Knäuel von grossen und kleinen Leuten, und Frau Horber nahm mit ihrem Büblein den Weg zum Tor hinaus. Die Mädchen, als sie sahen, dass das kecke Netti neben der Frau herging und plauderte, gaben auch noch ein Stück weit das Geleite und erzählten dem Büblein, was es morgen alles bekomme.

Die Buben aber gingen dem Marktplatz zu. Etwas kleinmütig hörten die Sechstklässler den Fünftklässlern zu, dass sie in der Riedau einen Fuchs gesehen hätten und zwei Männer in einem Schiff und ein Feuer, an dem ein paar Kesselflicker sassen und was alles an Merkwürdigkeiten.

In der Sonnengasse sprach man noch einige Zeit von der Geschichte, und die Buben und Mädchen wurden oft geneckt. Wenn ein kleines Kind recht unartig war, so sagte etwa seine Mutter im Spass zu ihm:

„Wart, wenn du nicht brav bist, so kommen die Leuenhofer und holen dich!“ –

Das Hochwasser.

Seit ein paar Tagen regnete es unaufhörlich. Die ganze Nacht hindurch goss und rauschte es fort, und die alten Leute, die nicht mehr so fest schliefen, horchten auf. Immer noch! Immer noch, dachten sie; es wird doch nicht etwa ein Hochwasser geben, wie damals, wo es die Brücke von Ferlikon weggerissen und das ganze Dorf überschwemmt hat. Mein Gott! Und die Leute, die drunten in der Riedau wohnen: Kann es denn gar nicht mehr aufhören!“

Die Kinder, wenn sie schnell einmal erwachten, hörten das Rauschen und Plätschern auch.

„Du“, rief Gustav Brenner von seinem Bett dem gegenüber schlafenden, ältern Bruder zu – „vor der Schule rennen wir noch zur Ecke beim Doktorsgarten. Dort sieht man die Mauer, wo man angestrichen hat, wie hoch allemal das Wasser gestiegen ist.

„Glaubst du, dass es so hoch wird, wie vor 15 Jahren? Ich wollte, ich wäre damals dabei gewesen!“

Und in einer andern Ecke des Städtchens war in ihrer Schlafstube Sara Wiebold auch einen Augenblick erwacht.

„Wie das tut! Die Josephine bei Metzgers hat gesagt, beim letzten Hochwasser habe man keine Schule gehabt zwei Tage lang!“ Sara wollte sich ausdenken, was man alles unternehmen könnte an einem schulfreien Vormittag; aber ehe sie sich’s versah, war sie wieder eingeschlafen.

Am andern Morgen, als die Brennerbuben und noch andere zum Doktorsgarten kamen und über die Mauer hinüber sahen, bemerkten sie, dass die Illig seit gestern abend stark gestiegen war. Gelbbraun wälzte sich das Wasser daher.

Die Männer, die auch dastanden, machten ernste Gesichter und sahen zum Himmel hinauf, der mit einförmigem Grau verhängt war, und von dem es heruntergoss wie gestern und vorgestern. Die Leuenhofer aber rannten durch das Städtchen zur Schule.

Von den Dächern plätscherte es herunter, und es war sehr lustig, wenn man den Schirm unter solch einen Wasserfall hielt; das trommelte prachtvoll.

In der Schule erzählten die Kinder, die vom untern Städtchen kamen, in der Riedau fingen die Leute an auszuziehen; im Keller vom Schuhmacher Burnlich stehe schon das Wasser.

Weil Herr Schwarzbeck merkte, dass die Gedanken seiner Buben und Mädchen alle nur bei dem steigenden Wasser waren, so fasste er sie an diesem Zipfel. Er sprach mit ihnen von den starken Sommerregen und von der Illig und wo sie herkam und wo sie hinging und was sie früher schon für Schaden angerichtet. Und die Kinder durften auch sagen, was sie wussten, und dann gab es einen Aufsatz über das Gesprochene. –

Am Nachmittag kamen die Kinder noch aufgeregter in die Schule: Am Fabrikweiher oben seien die Leute schon den ganzen Tag bei der Arbeit, weil man Angst habe, der Damm breche durch.

Ja, und am Seckelweg haben sie eine Menge abgehauene Tannen; die hängen sie an Ketten und Stricken ins Wasser – damit das Wasser nicht den Weg fortreisst.

Ja, und von Ferlikon ist eine Frau gekommen, die hat gesagt, man habe schwere Wagen mit Sand und Steinen auf die Ferlikoner Brücke gestellt – weil das Wasser immer noch steige.

Als letzter aber kam der pausbackige Fünftklässler Hermann Steininger hereingerannt.

„Im Keller von meiner Grossmutter steht das Wasser schon so hoch!“ meldete er triumphierend und streckte den Arm aus.

„O, das ist schlimm“, bedauerte Herr Schwarzbeck.

„Ja, die Grossmutter hat geweint, und wir haben ihr geholfen, den Keller auszuräumen; die grosse Waschgelte ist geschwommen.“

Hermanns rundes Gesicht strahlte vor Vergnügen. „Ich bin hineingestiegen und habe mit einem Stecken gerudert und gestachelt. Im ganzen Keller bin ich herumgefahren.“

„Oh, oh“, riefen die Kinder, aber nicht wie Herr Schwarzbeck im Ton des Bedauerns. So in einer Waschgelte zu fahren wie in einem Schiff, das musste fein sein!

Dann aber brachte Herr Schwarzbeck die Kinder doch dazu, den Ernst und den Schrecken einer wirklichen Ueberschwemmung zu begreifen.

Es erzählte ihnen von der tapfern Johanna Sebus, die ihre Mutter aus dem Wasser errettete und dann noch einmal durch das brausende, furchtbare Wasser watete, um auch die Nachbarin mit ihren drei kleinen Kindern zu holen.

Und dann schlug Herr Schwarzbeck sein Buch auf und las das Gedicht, in dem Goethe diese Heldentat geschildert hat. Das war schön.

„Du“, sagte Ottilie Eggenberg leise zu Eva, „das ist besonders schön, dass einmal ein Mädchen so tapfer war.“ Eva nickte; gespannt horchten sie weiter.

Wie das schaurig klang:

„Der Damm zerreisst, das Feld erbraust,

Die Fluten wühlen, die Fläche saust.“

Und dann, wie Johannas Mutter voll Angst frägt:

„Verwegen ins Tiefe willst du hinein?“

Und Johanna entschlossen antwortet:

„Sie sollen und müssen gerettet sein!“

Wie furchtbar aber ging das Gedicht weiter: Johanna Sebus konnte die Familie nicht mehr retten. Die Wellen waren zu gewaltig. Ein Kind hielt sich noch am Horn der Ziege; dann versanken sie alle in der wirbelnden, schäumenden Tiefe. Und Johanna Sebus selbst, die tapfere hochherzige Johanna Sebus, war auch verloren; auch sie wurde von den wilden Wassern weggerissen und wurde nicht mehr gesehen.

Wie traurig war das und zugleich wie prachtvoll; so mutig, so heldenhaft möchte man auch einmal sein!

Von drei bis vier war Zeichnenstunde.

,,Herr Schwarzbeck, könnten wir nicht Johanna Sebus mitten in dem Wasser und das Haus der armen Frau zeichnen?“ fragten die Sechstklässler.

„Wär’s nicht doch schade für das schöne Gedicht und die grosse Sache, wenn ihr mit eurer kleinen Kunst daran ginget?“ erwiderte Herr Schwarzbeck.

„Versucht die Brücke von Ferlikon zu zeichnen. . . . Die Brücke von Ferlikon kennt ihr doch alle? – Nun stellt ihr ein paar Wagen darauf.“

„Ja, und unten das Wasser“, riefen die Buben und Mädchen. „Oder wie das Wasser schon über die Brücke läuft! Mit dem blauen Farbstift das Wasser. Nein, natürlich mit einem graubraunen!“

Mit Eifer ging es an die Darstellung der beschwerten Ferlikonerbrücke. Nur Hermann Steininger durfte, weil er gar so gern mochte, den Keller seiner Grossmutter zeichnen und sich selbst als kühnen Schiffer in der grossen Wassergelte.

„Wenn es schön wird, so schenke ich es der Grossmutter zum Andenken an die Ueberschwemmung“, sagte er vor sich hin, während er versuchte, die Kellertreppe anzubringen und die Grossmutter darauf mit ängstlich erhobenen Händen.

Herr Schwarzbeck ging durch die Bänke und half hier und dort. Aber die meisten Blätter fand er gut.

Fast hätte es den Kindern leid getan, als es vier Uhr schlug. Aber es war nun doch sehr fein, dass man hinaus konnte, um das Hochwasser in Wirklichkeit zu sehen.

Wo wollte man zuerst hin?

Die Sechstklässler liefen nun, was sie konnten, zum Städtchen hinein und die Fischergasse, die zur Riedau führte, hinunter. Wie es da aussah! Die ganze Riedau ein See! Ganz fremd kam den Kindern die sonst so gut bekannte Gegend vor. Keinen Weg sah man mehr. Nur Buschwerk ragte hier und dort aus dem gurgelnden Wasser und die alten Weiden noch. Die Illig aber, die sonst so ruhig und klar dahin floss, rauschte und toste wie im Zorn und warf Wellen, von denen der Schaum aufspritzte.

Am Ende der Riedau wurde das Ufer höher und blieb über Wasser; dort konnte man die wild sich daher wälzenden Fluten ganz in der Nähe ansehen. Es waren Leute da, Frauen, Burschen und junge Mädchen aus der Spinnerei; sie versuchten allerlei Holzstücke, Pfähle und Baumäste, die das Wasser mitführte, herauszufischen.

„Holla!“ schrien die Burschen, „da kommt ein fester Brocken! Haltet gut!“

Sie hielten sich zu dritt oder viert an der Hand. Der Aeusserste stand bis zu den Knien im Wasser und beugte sich weit hinaus und packte mit kühnem Griff den Ast. Aber viel Holz schwamm vorbei.

,,Wie schade!“ sagten ein paar alte Frauen. „Das schöne Holz! Im Winter wäre man so froh darum. Man kann ja fast keines mehr kaufen, so teuer, wie es jetzt ist. Dort kommt wieder eines. Das täte es grad für einen Kaffee!“

Einige der Leuenhofer Buben hatten schon eine Kette gebildet, wie sie es bei den Burschen sahen und glücklich fasste Felix Kleinhans die Beute. Beinahe hätte statt seiner Ottilie Eggenberg das Holzstück erwischt. An einem überhängenden Busch hatte sie sich gehalten und sich keck über das Wasser hingebeugt.

„Geh da weg“, sagte Felix; „das ist nichts für Mädchen!“

„Jawohl! Das können wir auch“, erwiderte Ottilie; dann aber lief sie auf der schmalen Böschung flussabwärts.

Ottilie war ein kräftiges Mädchen mit dicken, braunen Zöpfen. In der Schule und im ganzen Städtchen hatte man Ottilie Eggenberg besonders gern. Sie war immer lustig, immer freundlich, und wenn eines ein mürrisches oder betrübtes Gesicht machte, gab sie nicht nach, bis sie es zum Lachen gebracht hatte. Etwas wild und übermütig war sie manchmal auch. –

Jetzt stand sie an dem brausenden Wasser und sah sich um. Ein altes Schiff war da angebunden. Mit jedem Anschlag der trüben Wellen wurde das Schiff so heftig an die Pfähle geworfen, dass man dachte, es gehe in Stücke. Aber das schreckte Ottilie nicht. Sie sprang hinein. Vom hintern Ende des Schiffes aus konnte man, was daherschwamm, erwischen. Das Wasser trieb das Holz gerade gegen diese kleine Bucht. Netti Tobel und die andern Mädchen waren Ottilie nachgelaufen, und zwei alte Frauen kamen auch hintendrein.

„Nein, wie die kühn ist!“ sagten sie, als Ottilie eben einen festen Ast herausschwang; sie reichte ihn Netti Tobel, die ihn einer der Frauen übergab. „Und geschickt wie ein Flösserknecht! Das Schiff wird doch gut angebunden sein! Gib acht! Es ist nicht gesagt, dass wir jedes Stück haben müssen.“

Aber Ottilie wurde immer eifriger und kecker. Es war, als ob alles dran hinge, dass sie sich nur keinen Ast entwischen liesse.

„So, das gibt wieder einen Kaffee“, sagte sie lustig und warf Netti einen neuen Ast zu. Sie troff von Nässe und stand im Wasser bis über die Knöchel. Aber lachend streifte sie ihre Haare zurück und sah nach weiterer Beute aus.

„Achtung! Dort kommt ein feines Brett. Das gibt eine Pfanne voll Erdäpfel, Frau Hunziker.“ Mit Anstrengung zog Ottilie das Brett herein.

„Hei, und dort kommt eine braune Mehlsuppe“, schrie sie im Uebermut.

Alle lachten, und die Frauen rühmten, wie das doch ein witziges Kind sei und ein gutherziges, dass es sich so mühe um das Holz. Es ist ja wahr, für jedes Stücklein ist man dankbar.

Aber die braune Mehlsuppe steuerte weit draussen vorbei.

„Wenn das Schiff nur nicht so nah an den Pfahl gebunden wäre! Ich sollte weiter hinauslangen können.“ –

Netti zog an dem Strick; aber schon war Ottilie dran und lockerte ihn. Das Schiff schwankte heftiger. Ottilie konnte sich kaum auf den Füssen halten.

„Komm lieber jetzt heraus“, rief Frau Hunziker. ,,Du wirst zu waghalsig. Es ist genug. Hörst du.“ –

Da – entsetzt schrien die Kinder auf – das Schiff riss sich los, drehte sich und wurde von den trüben Wellen erfasst.

Ottilie war im Schiff umgefallen und hielt sich am Rande: „Netti“, schrie sie, „Netti – Frau Hunziker!“

Aber die wilden, tosenden Wellen führten den Kahn weg.

Herzzerreissend ertönte das Angstgeschrei des Mädchens: „O, o – Vater – Mutter.“ –

Und herzzerreissend war das Jammergeschrei der Kinder und der Frauen.

„Ottilie, Ottilie – zu Hilfe, zu Hilfe!“ schrien und schluchzten die Kinder.

Das Schiff wurde von den Wellen hin- und hergeschleudert; aber unaufhaltsam ging es abwärts; man konnte nur noch undeutlich erkennen, dass Ottilie am Boden kauerte.

„ Vater – Mutter“, ertönte es noch von weitem her, dann schoss das Schiff um ein Buschwerk und verschwand.

„Um Gottes willen, um Gottes Barmherzigkeit willen! Lauft, lauft Kinder, ruft Leute her!“ –

Schon waren die Burschen und die Leuenhofer Kinder herbeigeeilt. Aber wohin sollte man laufen? Flussabwärts? Die Böschung hörte hier auf, und weithin war das Land wieder unter Wasser; nur auf einem grossen Umweg war der Flusslauf zu erreichen.

Aber ohne sich lange zu besinnen, rannten die Leuenhofer Buben und Mädchen in dieser Richtung. Voran Netti laut schluchzend:

„Ottilie, Ottilie, ich – ich hätte sollen fester halten – den Strick halten.“ –

Die Burschen überlegten einen Augenblick:

„Man muss hinüber und hinunter zum Kniebühl. Dort hat es das Schiff vielleicht ans Land geworfen. Alles treibt’s ja dort hinein. Wisst ihr noch vor drei Jahren – den Mann von Rumikon – dort hat man ihn gefunden.“ Die Burschen, die dem Städtchen zurannten, sahen einander an – ,,eben halt tot, ertrunken.“ –

Jammernd und immer von neuem die Hände zusammenschlagend, folgten die zwei alten Frauen. Das Holz liessen sie liegen. „Das Kind, Bott im Himmel, das Kind!“ jammerte Frau Hunziker. „Es war gar zu waghalsig! Ich bin nur froh, dass ich es gewarnt habe. Sie haben es gehört, Frau Kradolfer? Ach Bott, ach Gott.“ –

Keuchend kamen sie im Städtchen oben an; da hatte sich schon die Schreckensnachricht verbreitet.

Die Leute standen zusammen und redeten aufgeregt durcheinander: „Am Kniebühl, das ist noch zu hoffen. Aber weiter unten“ – die Männer schüttelten die Köpfe. Das Schifflein war alt und morsch. Es brauchte bloss ein paar mal an einer Mauer oder Baumwurzel anzuprallen. . . . „Und überhaupt, das Wasser wird gleich hineingeschlagen haben – die armen Eltern. Es ist das älteste, ein so nettes, strammes Mädchen war’s. . . .“

Ein alter Mann kam durch die Mahlergasse herzu und verkündete, dass das Wasser droben in Dübenberg nicht mehr steige und dass die Ferlikoner Brücke aushalte.

„Gottlob; für diesmal ist die Befahr vorbei.“

Aber dann verstummte er, als er die ernsten Gesichter sah und von dem Unglück hörte. Niemand konnte sich nun freuen über seinen Bericht.

Da kehrten zwei von den Burschen zurück. Weder Schiff, noch Kind waren am Kniebühl zu finden gewesen.

„Jetzt ist kaum mehr eine Hoffnung“, sagte der Spenglermeister Notz.

,,Wir wollen aber doch noch auf dem andern Ufer heruntersuchen bis nach Mergendorf; vielleicht weiss man dort etwas.“

„Man hat hinunter telephoniert und nach Woltersheim auch“, erwiderte der Spenglermeister; aber die Burschen waren schon davon und der Schlossermeister Gehring, der Küfer Kübler und der Jakob Wisli gingen nach. ,,Man muss etwas tun. Nur so dastehen kann man nicht.“

Auf der halb überschwemmten Mergendorfer Strasse kam ihnen das Trüpplein Leuenhofer Kinder entgegen. Die Kinder waren im Morast und Gestrüpp gewatet, bis sie nicht mehr aus und ein wussten. Keinen Menschen hatten sie getroffen, der etwas gewusst hätte; nur immer das schreckliche Wasser hatten sie gehört. Da waren sie still gestanden, und Sara Wiebold, die auch mitgelaufen war, sagte plötzlich:

„Am Ende haben sie das Schiff längst drüben gefunden, und Ottilie ist schon daheim!“

Ganz erleichtert kehrten die Leuenhofer Kinder um.

Aber als sie im Städtchen anlangten, sahen sie in lauter erschrockene, traurige Gesichter. Jedes der Kinder lief heim, um zu erzählen. Dann aber trieb die Unruhe sie wieder hinaus. Auf dem Marktplatz beim Brunnen fand sich die ganze Leuenhofer Klasse zusammen. Die Buben berieten, wie man es hätte machen sollen mit dem Schiff.

,,Wenn wir dabei gewesen wären, so wäre es nicht so gekommen“, sagten ein paar Sechstklässler, worauf Netti aufs neue zu schluchzen begann.

Sara aber und die andern Mädchen verteidigten sie: „Ottilie hat selber das Seil locker gemacht!“

„Netti ist nicht schuld! Sie hat gehalten, was sie konnte, fast wäre sie noch mitgerissen worden!“

Jedesmal, wenn wieder Leute den Seckelweg heraufkamen, liefen die Kinder und die Erwachsenen, die unter der Türe standen, hinzu; aber keiner wusste etwas. Nur das erfuhr man, dass Herr Schwarzbeck und der Vater von Ottilie auch gegen Woltersheim hinunter seien. Herr Eggenberg habe gezittert und kein Wort geredet. Er hatte eine grosse Bäckerei und war sonst ein aufrechter, fröhlicher Mann.

Endlich gegen acht Uhr verbreitete sich eine Schreckenskunde: Es sei ein Bub gekommen aus der Nähe vom Sperberwinkel. Man habe Ottilie gefunden, aber wahrscheinlich tot. Die Mädchen weinten laut auf. Die Buben sahen einander starr an. Man konnte es nicht fassen. Vor vier Stunden noch war sie vor der Klasse gestanden und hatte da mit ihrer frischen, hellen Stimme die Johanna Sebus noch einmal lesen dürfen:

„Der Damm zerreisst, das Feld erbraust,

Die Fluten wühlen, die Fläche saust.“

Und jetzt wusste man nicht gewiss, ob sie noch lebe. Es trieb die Leuenhofer in die Mahlergasse, wo der Eggenbergische Bäckerladen war. Keines redete, nicht einmal Sara. Sie spähten durch die halboffene Türe. Es waren viele Leute im Laden. Sie sprachen halblaut mit Luise, der Magd. Ottiliens Mutter war nicht da. Die Kinder hörten einzelne Sätze heraus:

,, . . . Hinten in der Stube . . . Und wenn sie nur weinen würde . . . Aber ganz starr sieht sie vor sich hin und sagt nur von Zeit zu Zeit: Ottilie . . . Ottilie . . .“

Da entstand eine Bewegung auf der Strasse. Herr Eggenberg und Herr Schwarzbeck kamen daher mit ein paar Männern, die eine leere Bahre trugen. Scheu wichen die Leute, die sich angesammelt hatten, aus.

Die Leuenhoferkinder aber drängten sich zu Herrn Schwarzbeck. Er gab allen schweigend die Hand. Dann schien es, als ob er etwas überlege. Er trat zu den Männern und sprach ein paar Worte mit ihnen; hierauf winkte er seine Schüler herbei.

„Wir wollen“ – man sah, dass er Mühe hatte zu sprechen – „wir wollen zusammen unsere Ottilie holen.“

Er übersah seine Leute und erwählte acht von den Sechstklässlern. Netti aber sah ihn mit verweinten Augen flehentlich an.

,,Herr Schwarzbeck darf – darf ich auch mit?“

Herr Schwarzbeck strich Netti über den Kopf. „Also dann Netti, Eva Imbach und Hedwig Bühler. Ihr seid ja Ottiliens Freundinnen.“

Die Mädchen nickten still. Vier von den Buben aber fassten die Bahre, und der kleine Zug ging die Riedauer Stalden hinunter. Hintendrein Herr Schwarzbeck und Ottiliens Vater.

Kein Wort sprachen die beiden Männer. Nur wenn die Leuenhoferkinder sich umwandten, sahen sie, dass Herr Schwarzbeck die Hand manchmal auf Herrn Eggenbergs Schulter legte.

Gustav Brenner aber erzählte mit leiser Stimme den andern. Seine Schwester hätte es von dem Buben aus dem Sperberwinkel gehört: Die Botenfrau habe Ottilie gefunden; sie wohne in einem einsamen Häuslein im Rappenfeld. Sie habe auch Holz aus dem Wasser gefangen, und wie sie so weiter gekommen sei, habe sie auf einmal in dem halbüberschwemmten Weidengestrüpp ein umgestürztes Schiff gesehen. Sie sei darauf zugegangen und habe das Kind gefunden. Es sei zwischen dem Schiff und einem alten Weidenstamm eingeklemmt gewesen und habe eine grosse Wunde am Kopf gehabt. Und wie die Botenfrau es hervorgezogen habe, da habe sie gemerkt, dass es kaum mehr atme. Er sei gerade das Rappenfeldersträsschen heraufgekommen und sie habe ihm gerufen, er solle nach Heimstetten laufen und sagen, was da für ein Unglück begegnet sei. Das Kind gehöre wahrscheinlich nach Heimstetten.

Schweigend hörten die Leuenhofer Buben und Mädchen zu. Es war nun fast völlig dunkel geworden. Am Himmel zogen schwarze, seltsame Wolkenfetzen dahin, und rechts unten hörte man die Illig brausen. Der Weg war schlecht; jeden Augenblick trat eines der Kinder in eine Lache, dass das Wasser hochaufspritzte. Wie hätte man sonst darüber gelacht und geschrien; aber jetzt war alles so traurig, so unheimlich.

Endlich kam man zu dem kleinen Haus der Botenfrau, das ganz einsam im Rappenfeld lag. Ein schwaches Licht schimmerte vom Fenster. Herr Schwarzbeck drückte auf die Klinke. Das Haus war nicht geschlossen. Still traten die beiden Männer in den dunkeln Raum ein bis zu einer Türe, aus der ein kleiner Lichtschein drang.

Herr Schwarzbeck sagte leise ein paar Worte zu Ottiliens Vater; dann klopfte er an.

„Herein!“ rief drinnen eine tiefe Stimme. Herr Schwarzbeck öffnete. Die Kinder, die die Bahre vor das Haus gestellt hatten, traten scheu hinter den zwei Männern in die Stube.

Eine grosse, starke Frau mit grauem Haar drehte sich um; sie war eben daran ein Tuch auszuwinden über einer Waschschüssel, die neben der Lampe auf dem Tisch stand. Und auf dem Bette lag Ottilie; ihr Gesicht war von der Lampe beleuchtet; ihre nassen Zöpfe lagen über dem blau und weissen Kopfkissen.

Beklommen sahen die Kinder hin – aber jetzt! Nein! war es möglich – sah man recht – jetzt schlug Ottilie die Augen auf und sah nach den Eintretenden.

Fast erschrocken schrien die Kinder auf: „Ottilie!“ Und „Ottilie!“ rief auch der Vater und stürzte gegen das Bett und kniete, um ganz nahe zu sein, nieder und streichelte sein Kind über das nasse Haar, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen, dem starken Mann, der gewiss seit seiner Kindheit nicht mehr geweint hatte.

Herr Schwarzbeck trat auch herzu: „Gott sei Lob und Dank! Kind, Kind“, sagte er, „welchen Schrecken haben wir um dich gehabt!“

Ottilie sah Herrn Schwarzbeck und versuchte zu lächeln. Dann aber ging ein schmerzliches Zucken über ihr Gesicht und sie schloss die Augen wieder.

„Ja“, sagte jetzt die Botenfrau „und wie bin ich erschrocken, als ich das Kind fand und es aufrichten wollte und es kein Lebenszeichen gab. Die Augen zu und ganz kalt! Da ist wohl keine Hilfe mehr, habe ich gedacht und als ich den Buben sah, hab ich ihn mit der Botschaft geschickt.“

Sie wechselte, während sie mit halblauter Stimme erzählte, das nasse Tuch auf Ottiliens Kopf. Da sah man die tiefe Wunde, die quer von der Schläfe nach vorn lief und aus der noch das Blut sickerte.

„O, o“, sagte Ottiliens Vater erschrocken. ,,Armes Kind! Aber ich hab dich wieder. Gott, o Gott! Ich hab dich wieder!“

Ottilie schien nicht zu hören, was gesprochen wurde; sie lag bewegungslos, wie im Schlaf.

„Ja“, fuhr die Botenfrau fort, „es ist mir leid. Sie haben etwas ausgestanden.“ Sie streckte Ottiliens Vater die Hand hin. „Es wäre besser gewesen, ich hätte den Buben nicht gleich geschickt; aber was tut man nicht im Schrecken. Erst, wie ich es in der Stube gehabt habe – Herrjeh, wie hing es mir doch so leblos über der Achsel beim Tragen – triefend und ganz kalt. Dann in der Stube merkte ich, dass das Herzlein doch noch schlug. Aber der Bub war schon weit und ich hatte niemand zum Schicken. Die längste Zeit kommt manchmal kein Mensch vorbei, und ich selber habe nicht wegkönnen. Es ist mir leid. Es wird auch eine Mutter haben, das Kind?“

„Ja, wahrhaftig“ sagte Herr Schwarzbeck, „die Mutter, und fast hätten wir sie vergessen ob der Freude und dem Staunen.“ Er winkte den Kindern. Sie folgten ihm alle hinaus. Und in dem dunklen Vorraum konnten sie nun endlich ihrer Freude und allem, was sie bewegte, Ausdruck geben.

,,Herr Schwarzbeck! Wie das gewesen ist, wie wir in die Stube gekommen sind und gemeint haben, Ottilie sei vielleicht tot und sie dann auf einmal uns angeschaut hat. Ganz erschrocken ist man! Wie in einer schönen Beschichte, war es! wie im Schneewittchen! – Kann jetzt Ottilie lange nicht in die Schule? – Haben Sie gesehen, Herr Schwarzbeck, die Haare waren ganz blutig! – Wenn die Botenfrau sie nicht gefunden hätte, Herr Schwarzbeck, wäre sie dann gestorben?“ –

Aber Herr Schwarzbeck antwortete nicht. „Hans Kündig und Felix Kleinhans – ihr habt die längsten Beine. Lauft und sagt bei Eggenbergs, dass Ottilie lebt. Stürmt nicht die Treppe hinauf, sondern sagt es unten im Laden.“

„Ja, der Magd, der Luise“ rief Hans Kündig, indem er den Hut auf seinem Kopf festdrückte. Mit ein paar grossen Sätzen sprang er durch die Pfützen, Felix Kleinhans nach. Beinahe hätten die beiden einen Mann umgerannt, der in der Dunkelheit daherkam.

„Geht’s da zur Botenfrau?“ fragte er.

„Ja, ja“, riefen die Buben weiterrennend zurück. Gleich hinter den Bäumen ist das Haus“ –

Der Herr ging ein paar Dutzend Schritte weiter. Dann zündete er seine Taschenlampe an. –

„Herr Schwarzbeck“ –

„Herr Doktor“ –

Der Herr Doktor war auf die Kunde von dem Unglück dahergeeilt.

Die Leuenhoferkinder umringten ihn. Alle kannten ihn. Ausserdem war er Evas Onkel.

„Herr Doktor, denken Sie“, „Onkel denk“, bestürmten sie ihn und alle riefen und redeten durcheinander. Aber das verstand der Herr Doktor doch, dass gottlob Ottilie nicht tot war, und das war die Hauptsache.

Rasch ging er mit Herrn Schwarzbeck in die Stube der. Botenfrau. Die Leuenhoferkinder blieben im Vorraum, der nur spärlich erhellt war durch eine kleine, alte Stallaterne. Die Buben und Mädchen fanden allerlei Sitzgelegenheiten: eine Bank, einen Schubkarren, einen Sack Kartoffeln und schwatzten da weiter von der so ganz wunderbaren Begebenheit und was sie gedacht und nicht gedacht hätten.

Netti Tobel aber, die sich wieder ganz erholt hatte von Schrecken und Tränen, hielt das Stillitzen nicht aus, sondern zündete mit der Laterne überall herum und machte eine Türe, die zu einem kleinen Stall führte, auf, wo sie zu ihrer Freude in einer Kiste Kaninchen entdeckte. Sie waren eng aneinander gekauert und blinzelten mit ihren roten Augen in das Licht, ängstlich und erstaunt; denn sie hatten schon geschlafen.

Dann kamen der Herr Doktor und der Herr Schwarzbeck heraus.

,,Kinder! wir dürfen Ottilie heimnehmen!“ rief Herr Schwarzbeck fröhlich. „Bringt die Bahre hier vor die Türe.“

Die Bahre! Ottilie auf der Bahre heimtragen, die wiedergefundene Ottilie! – Jeder wollte an der Bahre anpacken. Aber es fanden denn doch alle, dass man jetzt nicht hin und herstreite.

Der Herr Doktor trug Ottilie, die leise wimmerte; denn die Untersuchung der Wunde hatte weh getan. Hinter dem Herrn Doktor kam die Botenfrau mit Kissen und Decken.

„So, so“, sagte er, indem er behutsam Ottilie auf die Bahre bettete. „Noch ein Kissen und noch eins – Ganz weich und warm gebettet ist man jetzt, und wie eine Prinzessin mit grossem Gefolge kehrt man heim.“

„Ja, jetzt ist’s genau wie im Schneewittchen“, flüsterte Netti der Hedwig Bühler zu und schwenkte die Stallaterne, die die Botenfrau mitgab. Eva durfte Onkel Doktors Taschenlampe tragen. Die beiden Mädchen gingen mit ihrer Beleuchtung voran. Vier von den Buben trugen die Bahre behutsam und stolz. Die Botenfrau ging auch noch ein Stück neben Ottiliens Vater her. Sie wollte von Dank gar nichts wissen.

„Wenn Sie nur nicht bös sind, dass ich Ihnen so Angst gemacht habe“, sagte sie immer wieder.

Aber wie hätte Herr Eggenberg böse sein können, wo er so glücklich war!

„Nun so kommt jetzt gut heim!“ sagte sie an der Wegecke. „Und in den nächsten Tagen schaue ich dann, wie es geht. Es ist mir ganz ans Herz gewachsen, das Kind.“

Als man an die Stelle kam, wo der Weg etwas aufwärts und ziemlich nahe an der stark brausenden Illig vorbeiführte, horchte Ottilie auf.

„Vater, Vater, o“ – schrie sie auf. Aber der Vater nahm ihre Hand.

„Nein, nein, Ottilie, das Wasser tut dir nichts mehr. Jetzt sind wir bald bei der Mutter, – bald bei der Mutter.“ –

Ottilie legte den Kopf auf die Seite und versank wieder in ihren Halbschlaf.

So ging es durch Nacht und Nässe und am schwarzen Himmel zogen noch die zerfetzten Wolken wild über den Mond weg.

Nun sah man schon die Lichter des Städtchens; man kam zu den ersten Häusern.

„Sie kommen! sie bringen es!“ hörte man rufen.

Die Freudenkunde, die Hans Kündig und Felix Kleinhans gebracht, hatte sich schon verbreitet im Städtchen. Überall standen Gruppen von Leuten. Die Männer nahmen die Pfeifen aus dem Mund, und die Frauen schlugen die Hände zusammen. „Nein, nein! Was man auch erlebt!“ Und alles wollte herantreten. Aber der Herr Doktor wehrte ab.

„Halt da! Lasst unser Kind in Ruhe! Es will heim zu seiner Mutter und in sein Bett. Ihr könnt es dann die nächste Woche ansehen, wenn es hoffentlich wieder munter in die Schule läuft. Geht jetzt hinein und esst eure Suppe, sonst wird sie kalt.“

Die Leute lachten. Sie hatten ihren Doktor gern.

Der Zug ging weiter und wurde gegen den Marktplatz hin immer etwas grösser; ein bisschen hintendrein gehen durfte man ja schon; das schadete dem Kind nicht.

Und dann kam man vor der Bäckerei an. Der Vater hob seine Ottilie von der Bahre und trug sie die Treppe hinauf und dann hörte man den Freudenschrei der Mutter:

„Ottilie, Kind! Mein Gott, mein Bott!“ – Und nun war es ganz still trotz der vielen Leute vor der Bäckerei; und die Frauen wischten sich die Augen.

Die Leuenhofer standen bei der Bahre. Netti und Eva hielten noch immer ihre Laternen. Die Bahre und die Laterne, das war das Zeichen, dass man dabei gewesen war und mitgeholfen hatte. Und die Leute betrachteten die Kinder auch ganz respektvoll und liessen sich genau erzählen, was im Rappenfeld vorgefallen war, von dem dunkeln Weg durch die Wasserlachen bis zu den Kaninchen, die Netti aufgeweckt hatte.

„Das ist anders als damals, wo wir das falsche Büblein brachten und alles uns auslachte“, sagte Eva, und die Buben und Mädchen lachten in der Erinnerung.

Da trat die Bäckers Luise aus dem Laden, die Schürze voll von grossen, mürben Kümmelbretzeln, die nirgends so gut waren wie bei Eggenbergs.

„So, das ist für die braven Träger und Begleiter! Und jetzt sollt ihr aber heimgehen, lässt Herr Schwarzbeck euch sagen!“

Netti drückte die zwei Bretzel an ihr Stumpfräschen:

,,So, jetzt riecht es wieder lustig!“ lachte sie. Dann aber fiel allen durch den Geruch der frischen Bretzel auf einmal ein, dass sie einen furchtbaren Hunger hatten, und sie rannten davon, jedes nach einer andern Seite.

Die grossen Leute verzogen sich dann auch und es wurde endlich still in dem Städtchen, das heute so viel Sorge, Schrecken und Freude erlebt hatte.

Die Kriegselefanten.

An der Strasse, die vom Wendeltor zum Leuenhof führte, stand ein kleines, rötlich angestrichenes Haus mit einem sehr grossen Garten. Es gehörte dem alten Herrn Konzelmann, der mit seiner alten Köchin da wohnte.

Der alte Herr besass einen weissen Pudel, der offenbar auch ziemlich alt war und deshalb die Kälte nicht mehr gut ertrug. Im Herbst und Winter erschien er zur grössten Belustigung der Leuenhoferkinder in einer abgetragenen Weste von Herrn Konzelmann. Oben auf dem Rücken war sie zugeknöpft, und durch die Armlöcher gingen die Vorderbeine.

Die Leuenhofer hätten gerne Freundschaft geschlossen mit dem weissen Pudel, und wenn er in seiner wunderlichen Schabracke vor der Türe sass, standen sie oft am Gartengitter und lockten ihn her: ,,Du hast aber einen schönen Winterrock, Hektor, komm, zeig!“

Hektor machte sich aber nichts aus Kindern; er blieb sitzen, und wenn sie dann anfingen, ihn ein wenig zu necken: „Eh, du bist aber ein Verfrorener, heut ist’s doch gar nicht kalt! – Aha, ein Westentäschchen hat er auch – vielleicht ist eine Uhr darin – ist es schon halb 12 Uhr?“ Wenn sie so riefen, dann sah er auf die Seite und gähnte und lachte wahrscheinlich: Ach, wie sind doch so Kinder dumm!

Er selber war sehr klug. Arnold Zwickels Grossvater, der den Garten von Herrn Konzelmann besorgte, sagte es oft. –

Ausser dem Pudel besass Herr Konzelmann sieben Schildkröten; diese interessierten die Leuenhofer Buben und Mädchen fast noch mehr als der Pudel. Wenn man sie nur öfter hätte sehen können. Aber in den Garten hinein durfte man nicht. Nur manchmal machte Arnold Zwickel, wenn er bei seinem Grossvater war, das hintere Gartentürchen auf und dann konnte man die seltsamen Tiere betrachten, die langsam mit ihren schweren, schwarz und gelb gefleckten Schalen über den kurzgeschnittenen Rasen spazierten oder unbeweglich auf einem Fleck blieben und nur ihren kleinen, glatten Kopf hin und her bewegten, so dass der lange, faltige Hals sichtbar wurde.

Einmal aber, an einem Mittwoch Nachmittag, als fast die ganze fünfte Klasse – die sechste war in der Riedau unten – auf dem Spielplatz beim Wendeltor versammelt war, kam Arnold Zwickel gelaufen.“

„Hört; jetzt sag ich euch etwas Feines: Herr Konzelmann ist auf drei Tage verreist, und da hat mein Grossvater gesagt, wenn ihr manierlich seid, so dürft ihr in den Garten kommen zu den Schildkröten!“

Die Buben und Mädchen liefen und traten zum hintern Gartentörchen herein!

Da waren alle sieben Tiere beisammen auf dem Gartenwege und wurden alsbald umringt von den Kindern, die niederkauerten, um die merkwürdigen Geschöpfe recht in der Nähe zu betrachten.

Hektor, der Pudel, der in dieser warmen Jahreszeit ohne Weste ging, stand auch dabei.

Arnold Zwickel holte aus der Wiese ein paar Büschel Löwenzahnblätter und legte sie den Schildkröten vor die stumpfe Nase. Erst regten sie sich nicht. Dann fingen sie langsam an zu schnüffeln und packten auf einmal das Blatt, zogen es hin und her, bis sie es am rechten Zipfel hatten und bissen dann fest drein, so dass ein Blatt ziemlich bald verschluckt war.

,,Das ist zu nett, wie sie fressen“, riefen die Mädchen entzückt.

„Man darf sie schon aufnehmen“, sagte Arnold und bot eines von den Tieren seinem Freund Walter Adorf, der es behutsam anfasste. Nun gingen die Tiere von Hand zu Hand und wurden gedreht und gewendet. Unten waren sie ganz flach; und die Pfoten, wie die komisch aussahen!

Die Buben setzten eine hinter die andere wieder auf den Weg, und die Schildkröten machten ihnen das Vergnügen, ein wenig zu marschieren.

„Wie ein Zug von Elefanten“, sagte Martin Imbach.

„Ja, ja, wahrhaftig wie Elefanten!“

„Wenn wir Soldaten da hätten, dann könnten wir den Kriegszug von Pyrrhus darstellen“, sagte Martin.

„Den Kriegszug? – was für einen Zug?“ fragte Sara Wiebold, die zuvorderst am Boden sass und einer der Schildkröten zärtlich über die Nase strich, was das Tier aber nicht gerne hatte; denn es zog den Kopf in die Schale zurück.

„Den Kriegszug von Pyrrhus“, wiederholte Martin Imbach. „Pyrrhus war der König von Epirus.“

„Ja“, fiel Paul Grossberger ein, der das Geschichtsbuch des Martin Imbach besass und auch gelesen hatte; „der Pyrrhus kam mit einem grossen Heer und mit vielen Elefanten und wollte die Römer besiegen. – Imbach – wir holen unsere Soldaten – ich habe Russen und Japaner und du hast preussische Ulanen auf Pferden.“

„Und ich Franzosen und berittene Araber“, rief Walter Adorf – „das wird fein! Der Anführer ist auf einem Schimmel, Imbach! Der kann den Pyrrhus vorstellen –!“

„Ich bringe meine Bersaglieri, das sind Italiener, mit, die gehen im Laufschritt.“ „Und ich habe Zuaven“, riefen ein paar andere Buben und wollten schon davon rennen, als dem Paul Grossberger noch ein besonders feiner Bedanke kam: „Die Elefanten müssen Kriegstürme haben. Türme, auf denen Bewaffnete stehen und mit Pfeilen auf den Feind schiessen. Gritli Wegmann, lauf was du kannst. Dein grosser Bruder hat Knetmasse; er hat mir letzthin einen ganzen Klumpen gezeigt. Sag ihm, wir müssten Kriegstürme machen.“

„Famos! Famos!“ schrien die Buben und nun rannte fast alles dem Städtchen zu, voran Marie Hug in Begleitung von Sara Wiebold und von zwei andern Freundinnen. Nur einige Mädchen blieben zurück als Elefanten-Wärterinnen.

„Fortlaufen tun sie zwar nicht“, sagte Arnold Zwickel lachend; ,,sie sind viel zu träg dazu.“

Rasch waren die Buben mit ihren Russen, Japanern, Ulanen und Arabern wieder da, und auch die Mädchen erschienen im Laufschritt wie die Bersaglieri mit der Knetmasse.

Paul Grossberger und Martin Imbach hatten vier grosse Deckel von alten grauen Zeichnungsmappen mitgebracht. „Es muss doch ein Zug sein“, erklärten sie, „ein Zug, der vorwärts marschiert. Also wir stellen die Soldaten auf die vier Deckel und an den zwei vordern Ecken werden Löcher gebohrt und Schnüre festgemacht, damit man den Karton ziehen kann.“

„ Natürlich, damit man ziehen kann! Fein!“

Alsbald begannen die Buben ihre Soldaten aufzustellen, während Sara Wiebold und einige andere Mädchen unter Anleitung von Hermann Steininger die Kriegstürme herstellten. Sie wurden etwa handhoch und bekamen oben eine Plattform, auf der die Krieger Stellung zu nehmen hatten.

Es war nicht ganz leicht, den fertigen Turm auf den Schildkröten so anzubringen, dass er gerade stand. Zwar wehrten sich die Tiere nicht, sondern hielten geduldig still. Wenn schon es ihnen gewiss nicht angenehm war, dass man ihnen solch ein Zeug auf ihren Rücken klebte, und trotzdem ihnen Sara Wiebold, während sie die Brüstung der Plattform schön glatt drückte, erklärte, dass sie stolz sein könnten, nicht mehr nur Schildkröten zu sein, sondern Elefanten, „hört ihr, Kriegselefanten im Heere des Königs Pyrrhus.“

Am wenigsten einverstanden mit dem Unternehmen war der Pudel Hektor. Gespannt sah er zu, und als die Türme auf den Schildkröten befestigt wurden, knurrte er leise, wie wenn er sagen wollte, was macht ihr denn für Dummheiten; überhaupt die Schildkröten da gehören dem Herrn Konzelmann; geht ihr eurer Wege. Er legte die Pfote auf eine der Schildkröten und versuchte mit der Schnauze den dummen Höcker zu entfernen. Aber die Kinder schoben ihn lachend weg und arbeiteten mit grossem Eifer weiter an der Mobilmachung des epirischen Heeres.

Als Arnolds Grossvater mit einem Korb voll Unkraut daher kam, rannte ihm Hektor entgegen und bellte heftig:

„Sieh einmal, was die Kinder anstellen; das ist doch nicht erlaubt!“

Aber der Gärtner hatte seinen Spass an den zum Feldzug ausgerüsteten Schildkröten.

„Das schadet denen nichts Hektor; die sollen nur auch einmal etwas tun; so bekommen sie einen guten Appetit auf den Abend“, sagte er und ging wieder an seine Arbeit.

Endlich war das ganze Heer marschbereit. Auf dem ersten Karton befand sich die Vorhut. Ihr folgte der Gewalthaufe, angeführt von Pyrrhus selbst, der, umgeben von Generälen, stolz auf seinem weissen Schimmel daherritt. Hinter dem Gewalthaufen aber kamen die sieben Elefanten mit den Kriegstürmen, auf die man in Ermanglung von Bogenschützen russische Infanterie gestellt hatte.

Es machte einige Schwierigkeit, die Elefanten in Bewegung zu bringen. Und als man sie mit kleinen Ruten antrieb, wollten sie die Marschordnung nicht begreifen, sondern lenkten bald links, bald rechts vom Wege ab.

Schliesslich aber kam die Sache doch in Bang!

Imposant bewegte sich die Armee der Epiroten auf dem Gartenweg vorwärts.

„Schade, dass die Sechstklässler das nicht sehen!“ sagten die Buben, während sie stolz und sorgfältig die Kartendeckel zogen.

Da hörte man ein Rufen. „Imbach! Grossberger! Was tut ihr denn dort drinnen? Kommt doch her!“ erscholl es lauter und näher. „Soldaten! Drei ganze Kompagnien! Und der Hauptmann und noch andere auf Pferden! Sie kommen die Landstrasse an dem Hackenberg herab. Wenn man fest die Langwiese hinauf und durch den Wald rennt, kommt man ihnen noch gut vor.“

Die Fünftklässler sahen einander an. Rechte Soldaten mit dem Hauptmann auf einem wirklichen Ross – was bedeutete dagegen das zinnerne Pyrrhus-Heer auf den Pappdeckeln und die Elefanten, die gar keine waren.

„Ja, wenn ihr nicht kommen wollt, uns ist’s gleich“, riefen die Sechstklässler und ihre Stimmen tönten schon weiter weg.

„Doch, doch, wir kommen! Wir kommen auch!“

Einer hinter dem andern rannten die Fünftklässlerbuben zum Tor hinaus. In ihren Köpfen steckte nichts mehr als der Gedanke an die wirklichen, lebendigen Soldaten. Es war eine grosse Seltenheit, dass man solche in Heimstetten sah.

„So und jetzt das Heer und die Elefanten“, sagte Gritli Wegmann und schob den zweiten Elefanten, der in der Buxeinfassung schnüffelte, in die Reihe zurück.

,,Hört!“ rief Sara Wiebold und schwenkte entschlossen die grüne Rute, die sie als Elefantenführerin gebraucht hatte, „wir rennen auch zur Hackenbergerstrasse hinunter. Ich will die Soldaten auch sehen. Wer kommt mit?“ Schon war Sara am Gartentor.

„Ich, ich! Ich auch!“ riefen die Mädchen und jagten nacheinander der Landstrasse zu.

Gritli Wegmann besann sich noch einen Augenblick. Ach was, sagte sie dann, die warten schon bis wir wiederkommen. Arnold Zwickel hat ja gesagt, sie seien viel zu faul, um fortzulaufen. Du kannst sie ja bewachen, Hektor! lachte sie den Pudel an, der neben ihr stand; dann setzte sie in grossen Sprüngen auf die Strasse hinaus.

Gerade noch recht kamen die Fünftklässler an die Hackenbergerlandstrasse. Schon hörte man den festen, gleichmässigen Schritt Die Buben und Mädchen kletterten an dem steilen Hang zu dem Gebüsch hinauf, wo die Sechstklässler standen, und da übersah man prächtig die Landstrasse und den herannahenden Zug. Voran der Lieutenant und hinter ihm die sonnverbrannten Männer mit dem Tschako, mit ihren Gewehren über der Schulter und dem schwerbepackten Tornister.

Endlos, endlos zogen sie daher; immer neue Reihen bogen um die Ecke vom Hackenberg.

Und zwischen hinein ritt stolz ein Hauptmann. An der Hackenbergerlandstrasse hielt er das braune Pferd am Zügel, die Hand in die Seite gestützt, mit erhobenem Haupt frei über seine Truppe wegsehend.

„Herrschaft“, dachten die Buben, „wenn man auch so daherreiten könnte!“ Sie waren ganz benommen. Plötzlich aber machten sie ihrer Erregung Luft:

,,Hurra, hurra!“ schrien die Leuenhofer zusammen, die Mädchen mit. „Die Soldaten sollen hochleben“, fügte Ernst Hutter noch hinzu, der immer am besten wusste, was sich schickte. „Hoch! Hoch!“ schrien die Kinder zu dem Hohlweg hinunter.

Die Soldaten sahen lachend auf. Der Hauptmann strich seinen kleinen Schnurrbart und lächelte auch. „Rrrrührt euch!“ kommandierte er. Und nun kam Bewegung in die müden, erhitzten Leute. Der eine schob sich den Tschako aus der schweissbedeckten Stirne; der andere hakte den Riemen des Tornisters locker; viele legten die Flinte auf die andere Schulter. Und alle nickten lustig zu den Kindern hinauf. Da warf Gritli Wegmann den kleinen Eichenzweig, den sie am Busch gepflückt hatte, zu den Soldaten hinunter. Geschickt fing ihn einer auf und steckte ihn an seinen Tschako. Das war nett! Und nun fingen die Buben und Mädchen an zu pflücken und zu werfen und zu rufen, und die Soldaten streckten die Hand aus nach dem grünen Schmucke. Und der Herr Hauptmann liess es geschehen; er war froh, dass seine Soldaten, die seit dem frühen Morgen auf staubiger Strasse gewandert waren, nun wieder so munter wurden. Vorn fing einer an zu singen: „Ich hatt’ einen Kameraden“ – die andern fielen ein und alsbald die Leuenhoferkinder auch. Es klang voll und schön in den klaren Sommerabend hinaus. Unten die kräftigen Männerstimmen und oben die hellen der Mädchen und Buben.

,,Drei Röselein, drei Lilien, die pflanzt mir auf mein Grab . . .“ huben ein paar Soldaten an.

,,Das können wir nicht!“ warfen die Kinder ein.

„Also was für eins könnt ihr denn noch?“ riefen die Soldaten.

,,Wo Berge sich erheben zum hohen Himmelszelt . . .“ schlugen die Leuenhofer vor. „Das geht so schön im Takt!“

„Wo Berge sich erheben“, ertönte es voll und mächtig. Einige Soldaten sangen die dritte Stimme. Das klang wie tiefe Orgeltöne. Die Leuenhofer marschierten auf dem schmalen Fussweg oben mit. Jetzt machte die Strasse eine Biegung. Man sah weit hinaus ins Land über die grünen Hügel hin. Links lag das freundliche Dörflein Reppenbach und weiter hinten Fusslingen, und hinter den grünen Hügeln erhoben sich die Schneeberge still und schimmernd im Glanz des klaren Juniabends. Der Hauptmann deutete hinüber und den Soldaten schlug das Herz. Das war die schöne Heimat, das teure Vaterland, für das man den schweren Soldatendienst tat, und für das man in Gefahr und Tod ginge. Und die Buben und Mädchen spürten auch, dass es eine Freude und ein Glück sei, ein so schönes Heimatland zu haben.

„Jetzt wollen wir dann das Sempacherlied anstimmen“, sagte Ernst Hutter zu seinem Freunde Gustav Brenner. „Weisst du, wo’s dann heisst: „Erhaltet mir Weib und Kind, die eurem Schutz empfohlen sind . . . Da durchschauert’s mich allemal ganz. Weisst du, wenn man so denkt, dass er die Spiesse in sich hineingestossen, um sein Land zu retten – so etwas möchte man auch einmal tun können – gelt?“

Brenner nickte ernsthaft und dann stimmten die beiden das alte, wilde Sempacherlied an. Und wieder sang alles begeistert mit. Ein Lied folgte dem anderen. Weit, weit zogen die Buben und Mädchen mit den Soldaten durch das grüne Tal hinaus. Und zwischen den Liedern ging es lustig hin und her mit Fragen und Schwatzen.

Dann aber an der Ecke, wo die Dorfstrasse nach Reppenbach abzweigte, wendete sich der Hauptmann zu den Kindern:

,,Ja hört, jetzt wird’s müssen genug sein; in alle Nacht hinein könnt ihr nicht mitlaufen. Es ist höchste Zeit für euch, heimzugehen. Achtung, linksum kehrt!“ kommandierte er.

„Linksum kehrt!“ Das kannten die Leuenhofer aus der Turnstunde. Lachend gehorchten sie. Aber zu schade war’s, dass man sich trennen musste.

„Wenn wir nur mitkönnten nach Rumikon! Ja! und dort auch im Heu übernachten“, riefen die Buben.

„Und euch helfen die Suppe kochen“, riefen die Mädchen. „Griesssuppe oder Erdäpfelsuppe!“ Aber während die Mädchen lachend ihre verschiedenen Suppen vorschlugen, zogen die Soldaten weiter. Grüssend winkten sie noch zurück und immer wieder riefen die Kinder:

„Ade, lebt wohl, gute Nacht, ade!“ Dann ging’s heimwärts über die Hackenbergerstrasse zurück und durch den schon dämmerigen Wald zur Langwiese.

Auf einmal blieb Martin Imbach stehen. „Paul! Unsere Soldaten – die Schildkröten –.“ Paul sah den Freund verdutzt an; dann wandte er sich zu Marie Hug und Sara zurück. ,,Ihr habt doch die Schildkröten nicht nur so stehen lassen? Ihr habt doch selber wollen Elefantenwärter sein!“

„Ja“, erwiderte Sara, „ja, ihr habt euren ,Pirmus‘ oder wie er heisst, auch stehen lassen mit dem ganzen Heer.“

„Was redet ihr denn da von Elefanten und von einem ,Pirmus‘?“ fragten die Sechstklässler. Aber schon rannten Martin Imbach, Paul Grossberger, Arnold Zwickel und die andern Fünftklässler in weiten Sätzen davon. Es war ihnen plötzlich Angst geworden. Hätte man doch, bevor man weglief, die Schildkröten wieder in ihren Verschlag getan!

„Glaubst du, sie seien auf dem Gartenweg geblieben, Arnold?“

Wohl ein duzendmal wurde die Frage an Arnold Zwickel gerichtet.

„Ja, ja, ich glaube schon!“ sagte er, während er weiter rannte. Aber man merkte, dass ihm nicht recht wohl zu mute war. Wenn man etwas anstellte, verstand der Grossvater keinen Spass und erst Herr Konzelmann –.

Die Buben und Mädchen langten am Gartentor an, rissen es auf, stürmten über den Kiesplatz zum Seitenweg. Da – auf den Pappdeckeln stand unentwegt noch die ganze epirotische Armee, Pyrrhus auf seinem Schimmel, umgeben vom Generalstab. Aber die Elefanten waren verschwunden. Nur einzelne Trümmer der Kriegstürmchen und ein paar Bogenschützen lagen zwischen den Armeeabteilungen.

Bestürzt standen die Kinder da.

„Wir müssen sie suchen!“ sagte Arnold Zwickel. „Wir finden sie schon, Sie laufen nie weit fort.“ Er fuhr mit den Händen in die Buxeinfassung, der den Kiesweg vom Rasen trennte. Imbach und Grossberger, Sara und Marie Hug machten sich daran, den Rasen links und rechts zu durchsuchen.

„Nun, sucht! Sucht doch auch!“ rief Sara den andern zu, die im Wege stehen geblieben waren.

„Ja – wir müssen eigentlich heim“, erwiderten die.

„Heim – jetzt kann niemand heim; jetzt müssen wir die Schildkröten suchen.“

„Der Imbach und der Grossberger und der Adorf sollen suchen. Sie haben das Spiel ausgedacht.“

„Aber mitgemacht habt ihr auch!“ rief Paul Grossberger aufgebracht herüber. „Das ist überhaupt fein, das, sich so herauszuziehen, wenn etwas begegnet.“

Es wäre jetzt der schönste Streit entstanden, wenn nicht der Grossvater Zwickel daher gekommen wäre mit seiner Hacke über der Schulter. Er hatte die ganze Zeit hinten im Gemüsegarten gearbeitet und wollte jetzt Feierabend machen. „Ja, seid ihr noch da!“ sagte er erstaunt. „Jetzt packt aber euer Soldatenzeug zusammen und tut die ,Elefanten‘ in ihren Stall. Und ihr dort, kommt mir aus dem Rasen heraus! Arnold!“

„Wir – wir suchen die Schildkröten“, stotterte Arnold und stieg langsam aus dem Rasen. „Wir waren – wir waren ein wenig fort, weil“ – er stockte bei jedem Wort und hob abwehrend den Ellbogen; der Grossvater hatte, wenn es darauf ankam, noch eine feste Hand.

„Ja, weil wir die Soldaten auch sehen wollten“ – nahm jetzt Sara das Wort – „die lebendigen! wissen Sie, Herr Zwickel; es waren gewiss tausend, und ein Hauptmann war dabei auf einem so netten braunen Rösslein; es war hellbraun.“

Arnold war erleichtert. Bei Sara Wiebold ging das Reden immer wie an einem Rädchen.

Aber der Grossvater Zwickel unterbrach Sara; es war ihm ganz gleich, ob das Rösslein des Hauptmanns hell oder dunkelbraun gewesen und dass die Blechschüsseln so lustig ausgesehen hätten auf den Tornistern und die Mäntel darüber zu einer Wurst gerollt. –

Er wollte nur wissen, wo die sieben Schildkröten des Herrn Konzelmann hingekommen seien und zankte die Kinder ganz gehörig wegen ihrer Gedankenlosigkeit. –

„Hätt ich euch nur nie hereingelassen. Vorwärts! Die Tiere müssen gefunden sein, bevor es dunkelt. Geh um’s Haus herum, Arnold, zu den Portulakbeeten. Oder vielleicht bei der Remise. Vielleicht sind sie gescheiter gewesen als ihr und haben selber ihren Verschlag gesucht?“ –

Alles suchte; der alte Zwickel am eifrigsten.

Aber weder im Portulak, noch in den Nelken, weder bei der Remise, noch beim Gartenhäuschen waren die Schildkröten zu finden. Hektor kam auch herzu; er wedelte mit dem Schwanz und sah den alten Zwickel mit seinen klugen Augen an.

„Die Schildkröten suchen wir“, sagte er zu Hektor. ,,Weisst du vielleicht etwas von den Schildkröten?“

Hektor sprang an dem alten Zwickel auf; aber reden konnte er halt nicht.

Man suchte und suchte. Ein über’s andere Mal musste Zwickel die Kinder mahnen, den Rasen nicht so zu zertreten.

Es fing an zu dämmern. Am Gartentor erschien der Bruder von Gritli Wegmann und die Schwester von Paul Grossberger.

Heimkommen sollen sie zum Nachtessen. Was sie denn so lang zu tun hätten.

„Ich muss auch heim, ich auch! Mein Vater wird immer bös, wenn man nicht beim Abendessen ist“, erklärten jetzt die andern Buben und Mädchen.

„So geht!“ sagte der alte Zwickel. Er war sehr ärgerlich. „Jetzt, wo’s dunkelt, finden wir sie nicht mehr! Ihr habt mir etwas Schönes angestellt. Wenn morgen abend der Herr Konzelmann heimkommt und die Schildkröten sind nicht da. Ich darf gar nicht daran denken; der kommt in einen Zorn! Er ist im stand und kündet mir den Dienst. Wie hat er vor zwei Jahren getan, als der Sturm die Treibhausfenster zerschlug. Geht jetzt! Geht! Ich wollte, ich hätt euch den ganzen Nachmittag nicht gesehn. Ich alter Narr!“

Die Buben packten verlegen ihre Soldaten zusammen und verliessen Herrn Konzelmanns Garten. Trotz eiligem Gehen wurde doch noch geschwatzt und beraten. Wo die Schildkröten nur hingekommen waren! So langsam wie sie marschierten. Hatte sie am Ende jemand gestohlen?

„Ja, das könnte wohl sein!“ meinte Sara; dann stand sie einen Augenblick still und klopfte mit der Faust in die Hand; „mir fällt etwas ein. Wie wir die Kriegstürme machten, stand vor dem Garten ein Bub, ein ganz fremder; mit schwarzen Augen. Gewiss hat der die Schildkröten genommen. In einem Buch von meiner Schwester steht, dass solche Buben – man heisst sie Savoyarden – mit Murmeltieren im Land herumziehen und dann gibt man ihnen Geld. Vielleicht wollte der Bub mit den Schildkröten herumreisen. Er hatte so schwarze Augen.“

Die andern lachten. Was Sara immer alles wusste! Aber gleich wurden sie wieder ernsthaft. Das war doch eine böse Sache. Und der alte Zwickel, der sonst ein so guter Mann war, tat ihnen leid. Sie hätten wirklich nicht weglaufen sollen.

Am andern Morgen sprangen alle Fünftklässler Arnold entgegen, der spät kam. Hat man sie gefunden? Sag! Sind sie wieder da?“

Aber Arnold schüttelte betrübt den Kopf. Die ganze Nacht, erzählte er, habe sein Grossvater nicht geschlafen, und vor fünf Uhr schon sei er hinaus in Herrn Konzelmanns Garten und habe gesucht und gesucht. Aber vergebens. Er habe auch in der Nachbarschaft gefragt. Aber niemand habe etwas von den Schildkröten gesehen.

Herr Schwarzbeck war sehr ungehalten, als er die Geschichte vernahm. Er machte während des ganzen Morgens ein strenges Gesicht.

Und jetzt waren die Sechstklässler auch böse über die Fünftklässler. Sie hätten noch recht viel von den Soldaten reden wollen und Herrn Schwarzbeck erzählen, und nun dachte alles nur an die dummen Schildkröten.

In der Pause berieten Martin Imbach, Paul Grossberger und Walter Adorf zusammen. „Es wäre doch schrecklich, wenn der alte Herr Zwickel seine Stelle verlieren würde wegen uns.“

„Wenn es nur nicht sieben wären“, sagte Walter. „Zwei wüsste ich. Sie gehören meinem Vetter in Amrikon. Wenn er mir sie gäbe gegen eines von meinen Kaninchen. – Am Sonntag könnte ich hingehen.“

Die drei Buben sahen sich an. Heute war erst Donnerstag. Und bloss zwei, statt sieben.

„Wenn wir Geld zusammenlegen würden – alle, die mitgemacht haben? – Ich könnte vierzig Rappen bringen. Und du, Imbach? Was kostet wohl eine Schildkröte?“

„Ja, und wo kann man sie kaufen? Imbach, vielleicht weiss dein Vater es.“

Eva und Martin Imbachs Vater war Direktor der Baumwollfabrik in Groppen. Er hatte früher grosse Reisen gemacht und wusste viel von fremden Völkern und Tieren. –

Man teilte Arnold den Plan mit, dass er beim Mittagessen mit seinem Grossvater davon rede. Aber als die Buben ihn vor zwei Uhr wieder beim Wendeltor trafen, erzählte er, der Grossvater habe nichts wissen wollen davon. Es nütze nichts. Der Herr Konzelmann kenne feine Schildkröten genau.

Er wisse gar nicht, wie er ihm unter die Augen dürfe heut abend. Um sieben Uhr komme er von der Bahn.

Die Nachmittagsschule verlief ebenso trübselig wie der Vormittag, und auf der Langwiese wollte am Abend unter den Fünftklässlern kein rechtes Spiel entstehen. „In einer Stunde kommt er“, sagte Walter Adorf, als es sechs Uhr schlug. Alle wussten, dass er Herrn Konzelmann meine und stellten sich vor, wie es jetzt dem Grossvater Zwickel immer ängstlicher zu mute werde. Und eigentlich waren sie schuld an der ganzen Sache. Es war doch fast unerträglich jetzt, so dazustehen, ohne etwas ändern zu können.

„Ich weiss schon, was wir eigentlich tun sollten“ – sagte Martin Imbach – „aber es wäre schrecklich widerwärtig. Wir müssten, bevor Herr Konzelmann Arnolds Grossvater sieht und bös werden kann, ihm die ganze Sache erzählen und abbitten.“ –

„Dann geht es aber über uns los“, entgegneten einige.

„Ja nun, dann müssten wir es halt haben.“

„Also, Imbach, dann mach du’s. Wir gehen alle mit dir zum Bahnhof. Und wenn Herr Konzelmann aus dem Zug steigt, so hältst du ihm eine Rede.“ –

Martin Imbach sah verlegen drein. Er war ein braver Bub und hätte gerne etwas getan für den Grossvater Zwickel. Aber so vor Herrn Konzelmann hintreten, den er gar nicht kannte –

„Wenn man Sara Wiebold, dazu nähme“ – schlug Walter Adorf vor.

„Ja, ja, Sara Wiebold“, rief alles. Und wenn sie nicht mehr weiter weiss, muss Marie Hug helfen. Die beiden können weitaus am besten schwatzen. Herr Schwarzbeck sagt es immer.“ –

Aber die beiden Mädchen fanden den Auftrag unheimlich. Sie schüttelten den Kopf:

„Nein! Auf den Bahnhof wollen wir schon mit. Aber reden muss einer von den Buben. Ihr sagt ja immer, Buben seien tapferer.“

Da ertönte vom Wendeltor her ein lautes Rufen.

„Juhu! Imbach! Grossberger! Sie sind wieder da! Juhu!“ Es war Arnold Zwickel, der in gestrecktem Galopp daherschoss.

Alle Kinder rannten ihm entgegen:

„Nein! Sag! Alle sieben! Wo sind sie denn gewesen? Wer hat sie gehabt? Saras fremder Bub mit den schwarzen Augen? Sind die Kriegstürme noch drauf?“

„Ja, alle sieben! Nein, nicht Saras fremder Bub – der Hektor“ – Arnold musste aufschnaufen.

Es war eine ganze Geschichte; die konnte man nicht so schnell erzählen. Und eigentlich musste Arnold gleich zum Grossvater zurück.

„Wir begleiten dich! Wir begleiten dich!“ riefen alle, im höchsten Grade gespannt und drängten sich alle um Arnold Zwickel, während er wieder den Weg zu Herrn Konzelmanns Haus nahm.

„Also die Geschichte war so: Der Grossvater hatte am Nachmittag zu suchen aufgehört; denn es war gar keine Aussicht mehr, die Schildkröten zu finden. Er rechte den Kies, damit doch Herr Konzelmann die Wege glatt finde. Da hörte er drunten beim Flurbachacker herauf den Hektor so sonderbar bellen. Der Hektor war schon den ganzen Vormittag so seltsam gewesen. Immer wieder stellte er sich vor den Grossvater Zwickel hin, schüttelte die langen Ohren und machte ein paar Sätze rückwärts, wie er es tat, wenn er wollte, dass man mit ihm gehe. Schliesslich habe er seinen Freund geholt, den Dachshund vom Gerbermeister Brassler. Er heisst Wackel und geht oft mit Hektor spazieren. Die beiden gingen dann etwa in den Hof vom Metzger Neufanger, wo es immer etwas zu riechen gab, oder in die Gerbe hinunter, wo jedesmal die fünf Gänse ihnen mit gestreckten Hälsen und zornigem Zischen entgegen kamen. Das machte den beiden Spass, und Wackel trieb sie allemal unter lebhaftem Gebell in die Flucht. Heut nachmittag aber hörte der Grossvater Zwickel die beiden Hunde immer unten beim Flurbachacker. Bald ertönte Wackels scharfes Gekläff, bald Hektors tiefe Stimme. Hektor bellte sehr selten.

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Дата выхода на Литрес:
05 мая 2025
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270 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788726614886
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