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Howard Chance
Swingerclub Anekdoten
Der Kondomsammler
und andere skurrile Geschichten

www.Elysion-Books.com
Der Autor:
Howard Chance ist das Pseudonym eines deutschen Autors, der u. a. für diverse Erotik- und Lifestyle-Magazine tätig ist und sich im Metier der Erotik und Sinnlichkeit bewegt.
Neben seinen zahlreichen Veröffentlichungen kann Chance auf einen bunten und erfahrungsreichen Lebenslauf zurückblicken. Zurzeit ist er Marketing-Direktor eines großen deutschen Swingerclubs.
Howard Chance
Swingerclub
Anekdoten
Der Kondomsammler
und andere skurrile Geschichten


ELYSION-BOOKS TASCHENBUCH
1. Auflage: Februar 2013
VOLLSTÄNDIGE TASCHENBUCHAUSGABE
ORIGINALAUSGABE
© 2013 BY ELYSION BOOKS GMBH, GELSENKIRCHEN
ALL RIGHTS RESERVED
UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleinert
http://adorna.bplaced.net/
FOTO (Swingerclub-Anekdoten): © Fotolia/ Andrew Buckin
ISBN 978-3-942602-90-7
eISBN 978-3-942602-40-2
www.Elysion-Books.com
Inhalt
1. Die »geilen« Putzfrauen … im Kittel in den Club!
2. Das Schwein! - Der Fussmatten-Terrorist
3. Swinger-Thilo auf Tour
4. Grabscher Kurt oder »Rette sich, wer kann«
5. Der Frauen-Verkauf … Sklavin abzugeben. Koffer inklusive
6. Personal gesucht … Schau mal, wer da klingelt
7. »Swinger-Club« … Wo geht es zu Glen Miller & Co?
8. Traumjobs: Gangbang-Wart, Matten-Cleaner, Kondom-Auffüller
9. Das Orgasmus-Telefon … was man nicht hören will!
10. Der Kondom-Sammler
11. Der defekte Vibrator … Stories aus dem Shop
12. »Die Mädels kommen gleich«
13. Mandy … Hollywood und AIDS
14. Die polnische Fetisch-Unterhose
15. Tommy … Der Klosett-Spüler
16. Britta … ein Leben zwischen Herdplatte und Baum
17. Showprogramm »SM-Hasen« aus Finnland
18. Der WC-Sklave … spülen nicht erforderlich
19. Gummi-Puppen-Leasing
20. Fetische … was es da so alles gibt!!!
21. Erst kicken … dann ficken … Das Swinger-Fußball-Turnier
22. Mit Gleichgesinnten ins Mittelmeer … Schiff ahoi!
23. Die »Squirting«-Queen … Wasser marsch!
24. Die Viagra-Falle … Einsatz für 112
25. Hurra … die neue Fickmaschine … Der Tuning-Report
26. Damen legen flach … notfalls mit Gewalt!
27. Dossier »Käse-Fuß« … Mauken für zwei harte Jungs
28. Mehmet freut sich ein Ohr ab
29. Waldpilz meets Monster-Schwanz … sind wir denn hier im Zoo?!
30. Swingerküche bizarr … Erbsensuppe
31. Der Potenz-Schnaps … und die Folgen
32. Gestrandet im SM-Käfig - die Feuerwehr muss ran
33. SM-Impressionen mit Süd-Europäern
34. Die unheimliche Blasbox
35. Diebstahl & Nepp … wer ist wohl der Depp?
36. Escort & ähnliches
37. Pfui - Der Koks-Penis
38. Ohnmacht … einmal anders
39. Sandra L’Amour … eine Debütantin läßt es krachen
40. Erotikmesse mit Hindernissen … die Schweiz gibt zu denken!
41. Howard … Du hast einen Knall!
43. Stiller die Glocken nie klingen … Karfreitag im Swingerclub
»Snesch« gewidmet, die mich durch die
vergangenen Jahre meines Lebens
mit ihrem Liebreiz begleitet hat!
1. Die »geilen« Putzfrauen … im Kittel in den Club!
Ein ganz normaler Nachmittag. Mittwoch. Ein Mittwoch Nachmittag, der sich in keinster Weise von den letzten 200 Mittwoch Nachmittagen abhebt. So lange arbeite ich hier schon. In einem aufregenden Job in einem heißen, angesagten Swingerclub. Ein Traumjob, oder?
Was soll ich sagen? Nach 200 Mittwochen wird es langweilig? Das wäre gelogen. Aber man rechnet mit mehr Skurrilitäten, das Portfolio der Fantasie hat sich erweitert und die Überraschungstoleranz ist inzwischen deutlich höher geworden.
Außerdem ist das meiste an dem Job eben genau das: Arbeit. Ein letztes Mal gehe ich die dringlicheren Papiere durch. Büroarbeit. Papiere abheften, Rechnungen kontrollieren, Steuerunterlagen fertig machen, all diese »normalen« Sachen gehören genauso dazu, wie Veranstaltungen zu planen, Türdienst, Thekenkontrolle oder das ein oder andere Schwätzchen mit den Gästen. Alles inklusive. Manchmal acht Stunden am Tag, aber an Wochenenden oder zu besonderen Events auch manchmal sechzehn Stunden.
So ein Tag ist heute zum Glück nicht. Heute ist ein ganz normaler Mittwoch. Ein Umstand, den ich gar nicht oft genug betonen kann, denn ganz normale Tage in einem Swingerclub unserer Größe sind eigentlich so selten, dass sie schon wieder etwas Besonderes sind.
Relaxed und gut gelaunt verlasse ich mein Büro und mache ich mich auf den Weg nach unten. Der Club ist noch sehr leer, sehr sauber und die Musik eher gedämpft. Der Geruch nach Essen – heute gibt es Rindergulasch in Rotweinsauce, Putenragout und Frikadellen in Champignonrahm, dazu Knödel, Spätzle und Kroketten – macht mir mehr Appetit, als ich mir eingestehen will.
Mein Magen knurrte laut und vernehmlich, als ich meine Kollegin am Empfang erreiche und sie kommentiert das Geräusch mit einem ebenso lauten Lachen.
»Hunger?« - »Ne, Werwolf gefressen.« Ich schenke ihr einen gespielt giftigen Blick, der sie wieder zum Lachen bringt. »Du siehst übrigens zum Anbeißen aus.«
»Danke!« Sie knickst leicht und bietet mir so einen noch etwas besseren Blick in ihr hinreißendes Dekolleté. Einer der angenehmen Nebeneffekte des Jobs: Man arbeitet mit netten Damen zusammen, die meistens sehr schicke Unterwäsche, sprich Dessous tragen. Heute ist es ein schwarzes Outfit aus Lack und Spitze, das der Fantasie sehr viel Spielraum lässt, aber dank der vielen freien Haut die Gedanken eindeutig zweideutig in die richtige Richtung lenkt.
Ich reiße meinen Blick von ihr los. Egal wie entzückend die restliche Belegschaft sein mag, wir arbeiten schon zu lange und zu eng zusammen, als das mich ein wenig Optik schon auf erotische Gedanken bringt.
»Wie viele haben wir schon?«
Mit der Linken greife ich an ihr vorbei und drehe die Gästeliste zu mir. Mit der Rechten verschiebe ich den Monitor, sodass ich die Zahlen kontrollieren kann.
»Wieso fragst du, wenn du dich gleich selbst auf die Unterlagen stürzt?« Leiser fügt sie ein »Kontrollfreak« hinzu, was ihr einen leichten Klaps auf den Hintern einbringt.
Nur weil ich ein Kontrollfreak bin, heißt das ja noch lange nicht, dass sie mich so nennen darf!
»Wir liegen im Soll.«
Im Soll war immer gut und der Blick auf die Uhr ließ hoffen. Jeder Tag über Soll war ein hervorragender Tag. Die Männer-Frauenquote lag an Wochentagen ohne Events bei drei zu eins. Die meisten Besucher waren Pärchen, die Solomänner suchten oder zumindest tolerierten. Denn in der Woche waren die oberen Spielwiesen – anders als an den Wochenenden – auch für die »Solos« geöffnet.
Ein Klingeln an der Tür unterbrach den Redefluss meiner Kollegin und veranlasste mich dazu, den Computer auf Monitor zu stellen. Sofort wurde mir ein Bild von den Neuankömmlingen gezeigt. Frauen. Prima.
Ich öffnete die Tür. »Immer herein, die Damen!«, grüßte ich und wunderte mich kurz über die Anzahl. Auf dem Bild hatte ich nur drei Grazien ausmachen können, doch hier standen sieben. Stirnrunzelnd trat ich hinter die Empfangstheke. Aber gut, jede Solodame war eine gute Solodame und ermöglichte es uns, mehr Soloherren einzulassen. Und Soloherren brachten viel Geld. Während Paare einen durchschnittlichen Kostendeckungsbeitrag abgaben, der an den meisten Tagen bei 40 Euro lag, mussten die einzelnen Herren über 100 Euro für einen Abend bei uns bezahlen. Ohne Anrecht auf Spaß und sexuelle Verlustigung selbstverständlich. Wir waren ja ein Swingerclub, kein Puff – alles kann, nichts muss. Ein etwas abgedroschenes Swingermotto, aber ein sehr zutreffendes.
Aber um Motto und Verlustigung zu modernisieren und in eine hohe Wahrscheinlichkeitsphäre zu heben, hatten Solodamen bei uns in der Woche freien Eintritt. Natürlich inklusive aller Getränke, des warmen Essens, des kaltes Buffets, der Suppen, Salatbar und des Nachtisch-Arrangements. Allein bei dem Gedanken lief mir das Wasser im Munde zusammen und mein Magen knurrte abermals. Dieses Mal leise.
»Guten Abend, die Damen. Heute zum ersten Mal hier?«, erkundigte sich meine Kollegin.
»Jau, wir schon. Aber ’ne Freundin war neulich mal hier.«
»Und dann hat sie uns gleich empfohlen?«
»Ja, das Essen soll super sein. Und die Location, die Getränke.« Die Sprecherin machte eine umfassende Geste.
»Dann brauche ich einmal die Namen, dann bekommt jede der Damen einen Schlüssel für die Schränke im Umkleideraum. In den Schrank können Sie Ihre Sachen packen und sicher verschließen.«
»Ne ne, brauchen wir net. Wir bleiben wie wir sind.«
Ich wollte eben protestieren, da fiel mir auf, dass alle sieben in Putzkitteln vor uns standen. Nicht unbedingt erotisch und nicht unbedingt jedermanns Sache, aber eindeutig eine Art von Fetischbekleidung.
»In Ordnung«, meinte ich. Fetischbekleidung war immer gut und gleich sieben Frauen in gleicher Montur. Wow. Dafür bezahlten andere Clubs gutes Geld.
»Prima!« Die Sprecherin drehte sich zu ihrer kleinen Gruppe um. Jede Wette, dass in Wirklichkeit sie diejenige welche war, die uns schon einmal mit ihrer Anwesenheit beglückt hatte. Dachte ich noch, da blaffte sie ihren Schlachtruf: »Auf zum Buffet!«
»Mögen die Damen nicht erst einen Rundgang mit Führung?« Die Worte meiner Arbeitskollegin spiegelten meine eigene Überraschung und Verwirrung. Beides stieg sogar noch an, da die Frauen inzwischen an uns vorbei gezogen waren und nur die Letzte den Anstand hatte, schüchtern den Kopf zu senken. Keine Antwort war manchmal eben doch eine Antwort.
»Du, das sind gar keine Leute mit einem gemeinsamen Fetisch«, flüsterte meine Kollegin und starrte auf den Zettel, den ich immer noch in der Hand hielt. Wahrscheinlich überlegte sie, ob die Putzfrauen trotzdem als »Solofrauen« in der offiziellen Zählung durchgingen.
»Was du nicht sagst«, blaffte ich. Wenn ich eins nicht ausstehen konnte, dann war es das Gefühl, ausgetrickst und überrumpelt worden zu sein. Außerdem hatte ich Hunger. Verflixte Hacke!
Tatsächlich waren die Damen mehr als zielstrebig zum Buffet durchgegangen und hatten dabei Umkleide, Bar und Spielwiesen völlig ignoriert! Sie bedienten sich gerade an den warmen Hauptspeisen und kommentierten die kalten Frikadellen und verschiedenen panierten Schnitzelchen, als ich um die Ecke bog.
Die Blicke der anderen – normalen – Gäste waren durchweg neugierig und belustigt und einen Moment lang fand ich die ganze Aktion auch gar nicht so dramatisch. Dann setzte mein klarer Verstand wieder ein. Wo kämen wir denn dahin, wenn jede Frau von der Straße einfach hier rein marschiert käme und dann über Essen und Getränke herfiel? Nur Heuschrecken wären schlimmer.
Ich seufzte leise, als meine Überlegungen an dieser Stelle ankamen. Natürlich hatte ich keine Handhabe gegen die Damen. Sie benahmen sich, trugen vermeintlich Fetisch- Outfit und unsere Eintrittsreglung war eindeutig. Damen zahlen nicht. Basta.
Missmutig schaufelte ich mir Spätzle und Rindergulasch auf meinen Teller, fügte Tomaten-Mozarella und einen Löffel Sahne-Gurken-Salat hinzu und setzte mich in eine Ecke. Von dort behielt ich den seltsamen Damenausflug im Auge.
Während ich aß, überlegte ich, wie ich die Situation meinem Chef schildern konnte und ob sich mein schlechtes Gefühl nicht doch irrte. Schließlich könnte es sich bei der Ansammlung skurriler Gestalten um einen einmaliger Kegelausflug handeln, eine Mutprobe oder einen Junggesellinnenabschied.
Kurz darauf wurde mir klar, dass das schlechte Gefühl seine Berechtigung gehabt hatte: Die Damen zogen weiter. Zur Theke in der Disko. Dort entspannte sich die Gruppe bei netten und kostspieligen Getränken. Keine Blicke, Flirts oder andere Kommunikationsversuche. Die schon erwähnten »normalen« Gäste wurden gänzlich ignoriert und man hörte anregende Gespräche über Urlaub auf Malle, Tante Trudchens Geburtstag und die Pilz-Kur von Onkel Eduard. Ganz, wie man sich Erotik vorstellt. Ätzend! - Eine halbe Stunde später war der Spuk vorbei, die Heuschrecken brachen hastig auf und verschwanden genauso, wie sie gekommen waren.
»Immerhin eine einmalige Aktion«, kommentierte meine Kollegin von der Tür.
Ich nickte stumm.
»Apropos einmalige Aktion: Jemand hat ein Zelt auf unserem Parkplatz aufgestellt und steht nackt davor.«
»Nackt?«
»Ja, wie unbekleidet.«
»Bin schon unterwegs!«
Vor der Tür ignorierte ich die wartenden Frauen, die immer noch in ihrem Fetisch-Outfit unterwegs waren, und wandte mich zu dem Zelt. Tatsächlich. Ein unbekleideter Mann.
Er drehte sich um und strahlte mich an. »’nabend, Howard.«
»Kumpel Thilo. Was machst du denn hier?«
Mein Blick wanderte zwischen Zelt, Campingbus und Thilo hin und her und ich versuchte einen tieferen Sinn in den vorhandenen Fakten zu finden. Doch nein, der Freund meines Chefs blieb nackt und sein Zelt stand planlos auf unserem Gästeparkplatz.
»Wonach sieht es aus?«
»Nackt zelten.«
»Genau.«
»Warum?«
»Macht mich einfach geil.«
»Okaaayyy.« Ich zuckte mit den Achseln. War ja ein freies Land und warum sollte ich es mir mit einem netten Stammgast und guten Kunden versauen, nur weil er wochentags einen meiner ohnehin nicht allzu besetzten Parkplatz-Stellplätze blockierte?
»Und wer sind die reizenden Solodamen dort?«
»Ein einmaliger Ausflug«, hoffte ich und wandte meinen Blick zum zweiten Problem des Abends. Die sieben Putzzwerge stiegen gerade in ein Fahrzeug, auf dem gut sichtbar das Logo einer lokalen Reinigungsfirma zu erkennen war.
»Das ist doch gar kein Fetischoutfit. Das sind dickärschige Atta-Girls.«
»Sehe ich auch so.« Ich kam mir mehr denn je verarscht vor.
»Du, putzen die nicht das große Büroobjekt am Ende der Straße?«
»Ja, einmal die Woche«, grummelte ich – und freute mich auf nächsten Mittwoch.
Von Stunde an erhöhten wir den Eintritt für Solodamen in der Woche symbolisch auf 10 Euro – und die munteren Putzzwerge wurden zum Glück nie wieder bei uns gesehen.
2. Das Schwein! - Der Fussmatten-Terrorist
Müde starrte ich auf den Bildschirm und ging die Liste im Geiste noch einmal durch. Hatten wir alles, was für eine Ausstellung auf einer großen überregionalen Erotikmesse notwendig war?
Mobiler Messestand – vorhanden
Flyer – vorhanden
Nette Damen, die sie verteilen – vorhanden
Eintrittsgutscheine für interessierte Paare – vorhanden
Getränke,
Knabberkram und Plastikbehälter für beides – vorhanden
Prima, dachte ich. Schließlich hatten wir es uns zur Aufgabe gemacht, neue Swinger anzuwerben und generell den Swingerclubs etwas von dem faden oder gruseligen Touch zu nehmen, der von einigen halbdokumentarischen Fernsehformaten geprägt worden ist. Das ging am besten mit Ehrlichkeit, Offenheit und indem man an die Orte geht, an die auch sexuell neugierige und erotisch offene Menschen gehen.
Dementsprechend machte ich mich auf, die tragbaren Plakatwände, die die wichtigsten Fakten über unseren Club zusammenfassten und einen visuellen Eindruck von unserer Einrichtung und dem Klientel bieten sollten, einzurollen und sicher zu verstauen. Als ich ungefähr die Hälfte sicher und stramm gerollt hatte, klingelte das Telefon.
»Verflixt!«
Kurz erwog ich, es einfach läuten zu lassen. Aber da auch das andere Büro nicht besetzt war, gewann mein Gewissen.
»Schönen guten Tag, Swingerclub X, Howard Chance am Apparat.«
»Hallo, ich war eben bei euch.«
»Schön für dich und wer bist du?«
»Das Schwein.«
Ich blinzelte. Das Schwein? Das hatte ich doch irgendwo schon einmal gehört. Aber wo? Vorsichtiger geworden erkundigte ich mich: »Und was macht das Schwein?«
»Scheißt auf Fußmatten.«
»Vollidiot!« Ich legte auf, stürmte nach unten und riss die Vordertür auf. Tatsächlich.
Da lag, mitten auf unserer Fußmatte, ein ansehnliches Häufchen menschlicher Notdurft und stank zum Himmel. Ich schloss die Tür, in der Hoffnung, beim nächsten Öffnen würde sich alles als böser Traum entpuppen. Passierte natürlich nicht. Der Haufen blieb rustikal und massig wo er war und entfaltete mehr und mehr muffige Aromen.
Jetzt erinnerte ich mich auch. Das Schwein. Natürlich. Der Mann mit der Schweinemaske trieb in allen Bundesländern Schindluder und hatte inzwischen den meisten großen Clubs in Deutschland einen eindeutigen Besuch abgestattet. Erst kacken, dann anrufen, war sein Motto. Und wir brauchten nun dringend eine neue Fußmatte.
Das Schwein wurde übrigens wenige Monate später von einer Club-Kollegin aus einer benachbarten Stadt, die ihn »beim Geschäft« aus dem Fenster gesehen hatte, erfolgreich gestellt. Auf der Polizeiwache konnte er nicht genau erklären, was ihn getrieben hatte oder warum er in ganz Deutschland Fußmatten diverser Swingerclubs besudelt hatte. Es habe ihn eben irgendwie erregt.
Von einem wirklichen Verbrechen ist die vorsätzliche Fußmatten-Besudelung nun weit entfernt, es ist schwer jemanden einzusperren, nur weil er in die Ecke scheißt. Die Polizei wollte mit all diesem Blödsinn nichts zu tun haben und schickte das Ferkel in psychiatrische Begutachtung, wo er seine frühkindliche anale Phase hoffentlich inzwischen aufgearbeitet und überwunden hat.
3. Swinger-Thilo auf Tour
Freitag, früher Abend. Ich stand an der Bar und wunderte mich über einen Mann, der nun schon zum dritten Mal innerhalb einer halben Stunde an mir vorüber rauschte und dabei einen großen Kreis durch unser Erdgeschoss zog, wobei er immer wieder den Bogen an den Toiletten vorbei machte. Gerade als er zum vierten Mal an mir vorbei ging und ich mir vornahm, ihn beim fünften Mal zu fragen, was er denn da eigentlich macht (man ist schließlich neugierig), wurde ich von der Seite angetippt.
»Telefon für dich.«
»Für mich?« Ich starrte auf den Hörer, der mir entgegengehalten wurde, nahm ihn aber schließlich entgegen. Wer konnte einer charmanten Frau in Unterwäsche widerstehen, auch wenn man keinen Anruf gebrauchen konnte und eigentlich auch in zwanzig Minuten frei hatte?
»Howard Chance«, meldete ich mich deswegen ein wenig schroff.
»Hallo, Polizei Köln, Kommisar Bäumer am Apparat.«
Polizei? Adrenalin schlug über mir zusammen. Was war passiert? Und was hatte dieses etwas mit mir zu tun?
»Wir haben hier einen Mann, Thilo Jäger. Er hat sie als Kontaktperson angegeben. Da er jetzt wieder nüchtern ist, können Sie ihn bei uns abholen kommen. Stolkgasse!«
»Grundgütiger!«
Soviel zu in zwanzig Minuten frei.

Tatsächlich stand ich eine Stunde später auf der Kölner Altstadt-Wache. Dort erfuhr ich die ganze Geschichte:
Am frühen Nachmittag war Thilo im Brunnen vor dem Hohen Dom zu Köln nahe der Domplatte planschen gegangen. Nackt. Hunderte von Touristen und Shoppern, wie sie in Köln zu dieser Jahreszeit an diesem Ort üblich sind, hatten ihn nicht gestört. Die toleranten Kölner sind Kummer gewohnt und die auswärtigen Gäste dachten sicher, dass alles seine Richtigkeit haben würde. Lediglich der Dom-Aufsicht unter Dienstherr Joachim Kardinal Meissner war die Sache eindeutig zu bunt und so hatte man nach Erscheinen der Ordnungsmacht verlangt, um dem sakralen Platz die Würde zurück zu geben. Wie Thilo in den Brunnen gekommen war, konnte nicht geklärt werden, denn seine Kleidung war nirgendwo zu finden.
Die alarmierte Polizei lief dementsprechend hilflos um den Brunnen herum und verlangte, der nackte Badende, solle herauskommen. Der weigerte sich mit dem Verweis, er sei ja nackt und würde sich gewaltig fürchten. Schließlich würde er sich nicht umsonst im Wasser verstecken. Nachdem die Polizei ihn nach einer guten halben Stunde mit vier Einsatzkräften mehr oder weniger gewaltsam herausgezogen hatte, sprach er von einem brutalen Überfall. Man habe ihm die Anziehsachen geklaut, und weil er sich so geschämt habe, hätte er sich eben im Brunnen versteckt.
Für jemanden wie Thilo eine gute Erklärung. Leider hatte er diese mit seinen sachdienlichen Angaben zu den Tätern wieder kaputt gemacht.
»Leicht lallend hat er zu Protokoll gegeben, die zwei Leute, die ihn überfallen hätten, wären mindestens zwei Meter groß gewesen, vollbärtig, vermutlich libanesische Transen und wären mit der Diebesbeute direkt in den Dom gelaufen«, meinte der Beamte und sah mich so strafend an, als sei es meine hanebüchene Geschichte, die er zum Besten gab.
»Dann sind wir mit ihm auf die Wache gefahren, haben die Angaben zu seiner Person überprüft, ihm Anziehsachen aus der Kleiderkammer besorgt und ihn wieder gehen lassen.«
»Unglaublich«, kommentierte ich.
»Aber es ist noch nicht zu Ende«, erwiderte der Kriminale.
Ich grinste und sah aus dem Fenster.
»Nein, natürlich nicht. Aber, Herr Kommisar, ich habe magische Fähigkeiten: Thilo ist noch einmal ausgeraubt und entkleidet worden und sie haben ihn wieder in dem Brunnen gefunden? Diesmal waren es vermutlich albanische Zuhälter auf der Durchreise?«
Der Beamte starrte mich mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Entsetzen an. Die Erkenntnis, die sich schließlich in seiner Mine abzeichnete, als ich meinen extremen Freund in Empfang nahm, gefiel mir kein bisschen, sie sagte: Manche Leute verdienen einander.
4. Grabscher Kurt oder »Rette sich, wer kann«
Die Worte drangen nur rudimentär in meine Gedanken, endeten aber eindeutig mit Howard.
»Entschuldigung«, meinte ich und sah von den neuen Flyern auf. »Nochmal bitte!«
»Hast du überhaupt zugehört?«
»Ja!«, behauptete ich – und gleichzeitig hatte ich die neuen Flugzettel auf Fehler kontrolliert – sprach aber die andere Hälfte der Wahrheit nicht aus.
»Da ist jemand auf Parkplatz, der macht irgend nen Scheiß«, fasste meine Kollegin das Gespräch zwischen ihr und der jungen, empörten Frau zusammen, die vor ihr stand.
»Schon wieder der Thilo?«
Ich verdrehte die Augen.
»Tanzt er auf der Strasse nackig Lambada oder grillt er sein Würstchen?«
»Der war es nicht – Thilo kenne ich!«, echauffierte sich unser weiblicher Gast. »Ich bin kaum aus dem Auto raus und schon habe ich zwei Grabschpfoten an den Titten. Keine Frage, keine Anmache, einfach nur ein Griff von hinten aus dem Hinterhalt.«
»Haben sie erkennen können, wie der Grabscher ausgesehen hat?«
»Nein, es war total dunkel. Ich habe mich einfach erschrocken, bin sofort losgelaufen und zu euch gekommen.«
»Ich gehe gucken!«, gab ich zu Protokoll und machte mich – mit Handy und Taschenlampe bewaffnet – auf den Weg. Obwohl unser Parkplatz erleuchtet war und sich direkt an einer Bushaltestelle befand, gab es dunkle Ecken und vielleicht …
»Hei, Howard. Was machst du denn hier draußen?«
Eine dunkel gekleidete Gestalt, die sich nur durch die leuchtende Warnweste von den Schatten abhob, winkte mir gut gelaunt zu.
»’Nabend, Kurt«, grüßte ich unseren Einparkwart. »Wie lange bist du schon hier?«
»Vielleicht fünf Minuten, vielleicht kürzer.« Interessiert sah er mich an.
»Verflixt!«, fluchte ich leise. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn er jemanden gesehen hätte. Aber Kurt begann erst mit seiner Einwinkaufgabe, wenn es bei uns wirklich losging. Also genau »jetzt«, wie ein Blick auf meine Uhr bewies.
«Hast du irgendetwas gesehen? Ein Mann, der sich auffällig verhalten hat, einen Solomann, der im Auto lauert?«
»Nein, wieso?«
»Jemand hat auf unserem Parkplatz eine junge Frau angegrabscht.«
»Werde auf Auffälliges achten.«
»Super. Lieben Dank!«
Ich stapfte zurück. Jetzt, wo Kurt da war, war nicht nur für eine geordnete Parkplatznutzung gesorgt, sondern auch indirekt für die Sicherheit der weiblichen Gäste.

»Gut, dass du wieder da bist«, begrüßte mich die Kollegin, und deutete auf eine junge Frau. »Wir haben hier eine Erstbesucherin. Also eine Führung bitte.«
»Aber klar!« Mit einem Lächeln wandte ich mich zu unserem Gast. »Howard«, stellte ich mich vor.
»Ich bin die Beate und ganz furchtbar aufgeregt.«
»Ah… nicht nur bei uns das erste Mal, sondern generell?«, riet ich.
»Jawoll! Sozusagen meine Entjungferung.«
»Prima! Da hast du dir den richtigen Club ausgesucht.« Ich schnappte mir Beates Spindschlüssel und hielt ihr meinen Arm hin. Sie hakte sich ein, sichtlich dankbar über die Unterstützung.
»Hier vorne haben wir deinen Spind, keine Sorge, ich bringe dich hinterher wieder hierher zurück.« Sie musterte den Raum kurz mit verhaltenem Interesse. »Sehr sauber.«
»Natürlich.« Ich zuckte mit den Achseln.
»Ein bisschen wie im Schwimmbad.«
»Das ist so ziemlich das Einzige, womit wir nicht aufwarten können.«
»Deswegen bin ich ja auch nicht hier.« Sie lachte leise und trotz ihrer Schüchternheit wurde mir klar, dass hier tatsächlich einmal eine Erstbesucherin sehr genau wusste, was sie wollte. Selten und ziemlich sexy.
»Hier ist die Disco. Wenn du dich hier hinsetzt, nimm bitte eines der Handtücher und leg es dir unter.«
»Darf man hier auch spielen?«
»Ja, der einzige Raum, wo wir davon bitten abzusehen, ist tatsächlich der Essensraum. Ansonsten kann hier überall erotisch zur Sache gegangen werden.«
Mit einem breiten Grinsen im Gesicht ließ sich Beate die Räume zeigen, die Dunkelkammer, den Pranger, die Lustschaukel, unsere Fickmaschine, die sie minutenlang allein durch den Anblick zum Lachen brachte, den Gyn-Stuhl, aber auch das Buffet und die Duschen.
Gerade als ich sie wieder bei ihrem Spind ablieferte, hörte ich meinen Namen. Ich entschuldigte mich, erntete ein »Klar, man sieht sich.« und ging zur Theke.
»Howard, ein Mädel hat sich beschwert, dass sie im Sexos beim Sex angegrabscht worden ist.«
»Äähhh?« Die Verwirrung musste mir im Gesicht gestanden haben, denn meine Kollegin schüttelte den Kopf.
»Nein, nicht von dem Mann, mit dem sie gerade zugange war.«
»Uuunnnddd?«
Eine Hand auf der Schulter war durchaus als erste Kontaktaufnahme üblich – im Sexos, unserer Dunkelkammer, konnte besagte Hand schon einmal auf einem anderen Körperteil landen – beabsichtigt oder unbeabsichtigt lasse ich einfach einmal dahingestellt.
»Angegrabscht, wie von hinten mit beiden Händen an die Brüste gefasst und aus dem Hinterhalt heraus massiert.«
»Wer war es?«
»Wenn ich das wüsste, hätten sich die Jungs von der Sicherheit schon darum gekümmert.«
Ja, für solch einen Fehltritt war definitiv eine Verwarnung angesagt. Nur weil Frau im Swingerclub war, war sie ja noch lange kein Freiwild und musste jeden Mann an sich herumfummeln lassen. Vorsichtiges Herantasten war erwünscht, Grabschen unerhört. Und manchen Männern musste der Unterschied in einem kleinen, energischen Gespräch nähergebracht werden. Die meisten kapierten es beim ersten Mal, manche beim zweiten und die anderen durften gehen – bis sie die Spielregeln beherrschten.
Aber ehrlich? Manche kapierten es einfach nie. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es sich dieses Mal um genauso jemanden handelte. Unauffällig prüfte ich das Erdgeschoss und hielt nach verdächtig wirkenden Männern Ausschau. Nichts. Im ersten Obergeschoss ebenfalls … nichts. Nur die üblichen Pärchen, die sich miteinander, übereinander und durcheinander vergnügten.
Auf dem Weg zum Buffet kam mir eine Frau entgegen, die mitgenommen wirkte und sich die Wange hielt.
»Alles in Ordnung?«
»Ja«, nuschelte sie und ein kleiner Blutfaden lief ihr über die Lippe.
»Aber du blutest doch.«
»Deswegen ist ja alles in Ordnung«, sie lächelte mich an. Es kam von Herzen.
»Ist dir irgendetwas Merkwürdiges aufgefallen?«, fragte ich und hätte mich im nächsten Moment am liebsten geohrfeigt. Hatte ich gerade echt eine Frau, die sich über ihr eigenes Blut freute, gefragt, ob sie etwas Merkwürdiges gesehen hatte?
Aber sie überraschte mich positiv. »Ja, so ein Spanner hat eben über meine Toilettentür geschaut, als ich auf dem Pott saß.«
»Und der hat dich gehauen?«
»Nein, nein. Den habe ich gehauen.« Sie klang sehr selbstsicher. Vor allem, wenn man das Blut auf ihrer aufgeplatzten Lippe bedachte. »Eine saftige Ohrfeige.«
»Gut gemacht!«, meinte ich und ging an ihr vorbei Richtung Toilette. Ein Mann mit einem Handabdruck auf der Wange sollte nicht so schwer zu finden sein.
»Ich würde ihn auch wiedererkennen!«, rief die hilfsbereite Frau mir hinterher und ich nickte grimmig. Dazu würden wir sicher gleich kommen.
Ein Schrei ließ mich schneller werden. Er kam eindeutig von einer legendären Transe, die scheinbar große Qualen litt. Drei Gänge weiter traf ich auf den Ursprung des infernalen Lautes. TV Gustl, ein langjähriger Stammgast, lag auf einer eindeutig benutzten Lustwiese, eine hysterisch wirkende Frau stand direkt neben ihr. Beate. Meine Erstbesucherin. Aber etwas stimmte nicht an dem Gesamtbild.
Nach einigen Sekunden kam ich drauf: Gustl hielt sich den Fuß, nicht die Wange, trotz des schummrigen Lichts war Blut zu sehen. Beate wich langsam zurück.
»Was ist passiert?« Ich gab mir Mühe, meine Stimme ruhig zu halten, was angesichts der Situation nicht leicht war.
»Die dumme Kuh hat mir fast den Zeh abgebissen. Sie hat mich mit der Zunge an allen erdenklichen Körperstellen verwöhnt, wollte mir einen blasen und, ja, hat mir zum krönenden Abschluß in den Fuß gebissen«, jammerte Gustl.
Die »dumme Kuh« sagte gar nichts, sondern starrte unsere Premium-Transe mit großen Augen an. Was auch immer hier gelaufen war, es hatte definitiv nichts mit meinem Grabscher zu tun. Und es war wirklich viel Blut. Ich kniete mich neben Gustl nieder und prüfte den Fuß. »Der Zeh ist noch dran.«
»Entschuldigung«, murmelte Beate. »Das war keine Absicht.«
Gustl schimpfte los, es klang hysterisch. Schließlich prustete sie, ein wenig ehrfürchtig: »Was für ein Orgasmus!«
»Oh«, machte ich. »Beate, Du hast Gustl gebissen, als Du gekommen bist?«
»Ja?!«
Beate sah zweifelnd aus, als könne sie sich selbst nicht erklären, was eben vorgefallen war. Aber die Sache war wohl eindeutig. Kontrollverlust beim Sex.
»Lauf mal schnell los und hol den Erste-Hilfe-Koffer vom Eingang!«, befahl ich.
Dankbar sah mich Beate an und war so schnell weg, dass sie einen Rekord damit hätte brechen können. Zum Glück war sie genauso schnell wieder zurück. Gustl hatte derweil die ganze Spielwiese vollgeblutet und jedwede Erotik auf der Etage zum Erliegen gebracht. Sogar eine kleine Menge Schaulustiger hatte sich vor uns versammelt.
»Lass mich mal.« Die Frau mit der blutenden Lippe nahm mir den Koffer ab und legte innerhalb einer halben Minute einen perfekten Verband an. Sie hatte eindeutig Übung!
»Danke.«
»Gerne.« Sie zwinkerte mir zu und half der Verletzten auf die Beine. Offensichtlich war ich hier überflüssig geworden. Also zurück zu meinem Grabscher und der Suche nach ihm.
Auf dem Weg zur Theke lief ich meinem Chef über den Weg und berichtete kurz von allen Geschehnissen. Von Grabscher, Zehenbeißer und der hilfsbereiten Frau mit der blutigen Lippe.
»Ah, du meinst Britta.« Mein Chef strahlte.
»Du kennst sie?«
»Ja, wer hat ihr denn wohl eine geknallt?« Das Strahlen wurde intensiver.
»Du hast …«
»War schließlich ihr Geburtstagswunsch.« Er zuckte nonchalant mit den Schultern und ging Richtung Hintereingang.
Ich sah ihm nach. Manche Leute musste man nicht verstehen und manche SMler einfach so nehmen, wie sie waren. Aber ein Warnschild wäre schon nett gewesen.
Aber der Weg meines Chefs hatte mich immerhin auf eine Idee gebracht. Ich schlich durch den Hintereingang und nach draußen. Inzwischen war der Parkplatz so voll, dass dort niemand mehr parken konnte und sich die Fahrzeuge mit dem Straßenrand begnügen mussten. Kurt lungerte ein wenig gelangweilt mit leidender Mine auf seinem Stuhl herum.
»Alles in Ordnung mit dir.«
»Nein.« Unwillkürlich griff er sich an die Wange.
»Zahnschmerzen?«, fragte ich und verkniff mir ein fieses Grinsen.
»Die hatte einen ganz schönen Schmackes im Schlag!«, klagte Kurt.
»Voll verdient, oder?«
Der Parkplatzwächter nuschelte etwas Unverständliches.
»Muss ich dich abmahnen, oder hast du das Nein und die Regeln verstanden?«
»Verstanden!«, behauptete er.
Natürlich hatte Kurt rein gar nichts verstanden.
Zwei Stunden später musste ich ihn nicht nur abmahnen, sondern kündigen, weil er abermals einigen Frauen ohne Erlaubnis an den Busen gegangen war. So jemand hatte in einem Swingerclub nichts zu suchen – erst recht nicht als bezahlter Angestellter.
5. Der Frauen-Verkauf … Sklavin abzugeben. Koffer inklusive.
Anrufe zu meinem Bürozeiten sind nichts Besonderes. Die meisten riefen an, um kurz zu checken, ob ihr Outfit geeignet ist, weil sie Fragen zum abendlichen Programm hatten oder zum laufenden Betrieb.
Solos, Paare, Neulinge, Fetischfreunde. Die meisten waren schon bei dem ersten »Hallo« vorhersehbar. Und da heute SM auf unserer Veranstaltungsliste stand, waren die Lack- und Lederfragen nahezu vorprogrammiert.
»’Nabend«, krähte ein Mann mit Ernie-Stimme ins Telefon, kaum dass ich abgehoben und meine Begrüßungsformel heruntergeleiert hatte.
»Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Ich rüfe aus Erfurt an«, erklärte der Mann und brachte mit dieser Aussage Licht in die Ernie-Stimme. Die musste so!
»Ich hätte da ne Sklavin abzugeben, aber das fällt mir schon ganz schön schwer. So im Herzen, wissen ’Se?«
»Warum wollen ’Se se denn abgeben?« Ohne es zu wollen, verfiel ich in denselben Dialekt. Es war beinahe wie ein Selbstschutzreflex. Hilfe, die Sachsen (Anhalter) kommen.
»Ich kann dat nisch mehr. Dat wird mir zu deuer. De isst zu viel und trinkt zu viel. Und rauchen tut so ooch und ich läbe von Hartz 4. Der Mann hat sie ja immer verprüüjelt.«
»Ja und dann will’ste die Alte abgeben. Wie bist du jetzt auf uns gekommen?«
»Ihr habt doch immer sohne SM so schöne am Donnerstag. Da hab ich gedacht, ich komm mal vorbei und da gebe ich se euch ab. Ich will auch nix für se haben, aber da weiß ich is se jut undergebracht.«
»Du kennst uns doch gar nicht.«
»Des wird schon de Richtigkeit haben, die is ja ooch devot. Die könnt ihr auch mit drei Männern ins Bett oder auf en Strich schicken, da verdient se sogar noch Geld für euch.«
»Warum machst du das denn nicht?«
»Ne, det kann isch nisch. Die kennen mir ja hier alle. In Erfurt«
»Dann hättest du sie doch in irgendeinen Puff stecken können, wenn die so drauf ist.«
»Die wes doch noch gar nüscht davon.«
Ich schwankte zwischen Unglaube, Hohn und Lachen. Wieder so ein Freak, der meinte, mir einen vom Pferd erzählen zu müssen. Wahrscheinlich nahm er an, dass ich nur auf seinen Anruf gewartet hatte, und mir sonst langweilig wäre. Vermutlich holte er sich bei dem Gedanken an meine Erwartungshaltung und mein »Ich will die Alte haben« kräftisch einen runter, der Zonen-Frieder.
Bemüht neutral meinte ich: »Das klingt aber alles hochinteressant. Ob wir da ins Geschäft kommen, das kann ich dir aber so nicht versprechen.«
»Wichtisch ist nur, de Alte muss weck.«
»Hmhm«, machte ich und kämpfte wieder gegen ein Lachen an. Solche Leute musste man einfach auflaufen lassen.
»… die könnte ja ooch einen Unfall haben …«, fuhr mein Gesprächspartner fort. Es klang verdammt ernst.
Ich verschluckte mich beinahe an meinem letzten Lach-Ton und protestierte jetzt doch. »Moment mal!«
»Wie gesagt, so ren ämotionol find ich ’se ja nett, aber ’se kostet zu viel Schodder. De Alte muss also weck. Egol wie.«
Ich entschloss mich mitzuspielen. Für komplett ausgedacht war mir die Geschichte zu abgedreht. »Ist die denn SM-mäßig drauf?«
»Wat wes isch, aber die hat doch sowieso immer auf de Fresse gekriecht. Und wenn die jetze noch Jeld dafür kriech, wäre alles klar.«
»Dafür?«, murmelte ich leise und verdrehte die Augen. Nett, wirklich eine ganz ausgesprochen reizende Person. »Und du hast mit deiner Freundin gesprochen?«
»Jaja, habe ich schon. Ich habe auch schon enen Vertrag mit ihr gemacht. Einen Kaufvertrag von der Sklavenzentrale. Bringen wir dann ooch mit.«
Jetzt platzte mir endgültig der Kragen. Entweder war ich gerade live im Radio oder der Typ war blöder, als die Polizei erlaubt. Wie konnte man gleichzeitig so involviert sein, so mit Sklavenvertrag und allem Drum und Dran und dann doch so dämlich, bei einem Swingerclub anzurufen, weil man angeblich seine Alte loswerden wollte. Was war ich? Eine Verwahrstelle für ungewollte Frauen, Seelentröster oder der Live-Depp von Verstehen Sie Spaß?
»Willst du mir wirklich so einen Scheiß erzählen? Lass mich einfach in Ruhe! – Frohes Fest!« Energisch legte ich auf und hoffte, dass all meine nicht ausgesprochenen Flüche trotzdem beim Empfänger ankamen.

Kurz bevor wir einige Stunden später offiziell unsere Pforte für die Gäste öffneten, klingelte es an der Tür. Mein erster Verdacht fiel auf Thilo, der zweite auf Britta und der dritte auf meinen Chef, der wieder einmal seinen Schlüssel irgendwo vergessen hatte.
Aber die Realität war noch besser als meine Fantasie.
Vor der Tür standen zwei reale Trantüten. Ein Mann und eine Frau, so richtig im Ossi-Design, als wäre die Wende nie vollzogen worden und sie direkt einem Vorurteilskatalog entsprungen. Innerhalb weniger Sekunden nahm mein Gehirn die Erich-Honecker-Gedächtnisbrille und die VEB-Karojacke wahr. Ob das seltsame Pärchen vierzig, fünfzig, oder gar sechzig Jahre alt war, konnte ich unmöglich feststellen, die Mimik der beiden schien festgefroren zu sein, die Gesichtsfarbe rangierte irgendwo zwischen grau und graubraun und die Frau wirkte unglücklich, müde und alt. Verhärmt. Als sei der Papp-Koffer, an den sie sich klammerte, das Einzige was sie noch aufrecht hielt.
Ach du Scheiße!
Plötzlich wusste ich ganz genau, wer vor mir stand. Und mindestens einer von beiden meinte das hier verdammt todernst.
»Kommt doch erst einmal herein«, bat ich und manövrierte die beiden ungebetenen Gäste in mein Büro.
»Gudrun, setzt dich hinn, hald de Fresse!«, befahl der Ossi, dann wandte er sich zu mir.
»Hier sind die Papiere.«
Er reichte mir einige Dokumente und sah mich erwartungsvoll an. Ich überflog die Seiten. Es war tatsächlich ein Sklavenvertrag. Waschecht und komplett ausgefüllt. Analstute Gudrun wurde uns darin zur vollständigen Verfügung gestellt. Inklusive von »Verprügelungen aller Art«, »sexueller Handlungen« etc. pp.
Gruselig!
Auf der letzten Seite sollte ich den Erhalt und den ordentlichen Zustand der Ware bestätigen.
Die Ware.
»Und was hält Gudrun davon?«, erkundigte ich mich. Ich sah sie an. »Weißt du, was hier passiert?«
»Der hat mich verkooft«, jammerte sie in einem angemessen weinerlichen Tonfall. »Das ist sowieso ein ganz großer Tunichtgut.«
»Sei nett anständig hier, sonst wirste verprieschelt!«, warnte Gudruns Möchtegern-Dom.
Ich meinte ein wenig pikiert: »Ja, hier werden ständig alle Frauen verprügelt und danach selbstverständlich zum Sex gezwungen.«
Der Ossi strahlte mich an. Offensichtlich hatte er weder meinen Sarkasmus erkannt, noch verstanden, dass SM im Grunde nur ein Spiel ist. Ein intimes, sinnliches Spiel, bei dem es um Erotik geht, um Lustschmerz und vor allem darum, dass BEIDE Spaß an der Sache haben.
»Wissen ’Se«, fuhr der Verkäufer fort. »Se macht ja nicht viel Unrath un so. Und stubenrein ist se och… aber se isst enfach zu viel. Beim bümsen isse aber glasse.«
Ich schüttelte den Kopf über so viel Dummheit und Naivität.
»Okay, lass uns mal Tacheles reden: Du kannst doch Deine Freundin nicht einfach so hier abgeben. Wenn Du sie nicht mehr willst und die Frau nicht auf eigenen Füßen stehen kann, dafür gibt es Frauenhäuser, Caritas, Diakonie.«
»Aber da kriesch ich ja ken Geld dafür«, protestierte der geschäftigstüchtige Verkäufer. »Und mir ist auch egal, wozu Se se benutzen und ich stelle och kene Fragen!«
»Meine Güte!« Ich fasste mir an den Kopf. Konnte der wirklich echt sein? »Ihr hättet ja auch an einen Perversen aus dem Internet geraten können. Jemanden, der wirklich auf Extremspiele steht … und hier steht ihr ganz unschuldig vor mir, kennt mich gar nicht und wisst auch gar nicht, was ich mit der Gudrun machen würde.«
»Das wird schon alles sene Richtischket haben. Schließlich führen Sie hier einen schönen, großen Club un so …«
»Im Grunde sagst Du doch: Gibt mir Geld. Wenn sie hinterher verschwunden ist, ich sag nichts!«, appellierte ich an das Gewissen des Mannes.
Der strahlte mich ungerührt an. »Genau! Ich nüm ene kleene Abschlagzahlung und kann dann auch nach Hause fahren.«
»Moment mal …« So langsam ging mir ein Kronleuchter auf. »Erst dann kannst Du nach Hause fahren?«
»Ja, klor. Benzin is deuer.«
»Also ich gebe Dir eine Kleinigkeit für die Gudrun, damit Du Benzingeld hast und tanken kannst?«
»Ja!«
»Aber ehrlich? Ich will die Gudrun gar nicht kaufen. So etwas machen wir nicht. Wir kaufen und verkaufen keine Menschen. Auch keine Sklaven.«
Auch keine mit Dachschaden, dachte ich, sprach es aber nicht laut aus. Schließlich hatten auch Sklaven mit Dachschaden Gefühle. Wenn auch nicht unbedingt welche von der nachvollziehbaren Art.
»Wieso? Es war doch schon alles klar?!« Der Ossi sprang auf und sah mich verzweifelt an. »Wenn et an der Abschlagzahlung liescht. Ich will wirklich nur genug, um nach Hause zu kommen.« Langsam setzte er sich wieder. »Vielleicht könnde ich auch einfach das Geld nehmen, dass die Alde heude im Club verdient?«
»Die Gudrun verdient aber nichts in unserem Club. Wir nehmen Eintritt und verkaufen keine Frauen!«
»Aber …« Er sah Gudrun an, als sei die gesamte Situation ihre persönliche Schuld. »Ich dachte, Se begutachten de Ware und wenn die kenen Schaden hat, nehmen Se se. De Tidden sind doch gut. Ken Schaden.«
Hat sie aber. Genau wie der Verkäufer. Mega-Dachschaden.
Ich schüttelte abermals den Kopf. »Das ist eine Frau, ein Mensch, keine Ware.«
»Ja, was soll isch denn jetze machen?«
»Weißt Du was? Ich gebe Dir fünfzig Euro und Du bringst die Gudrun in das nächste Frauenhaus.«
Zweifelnd sah mich das seltsame Pärchen an, fügte sich aber meinem Willen. Die ostdeutsche Jammer-Prozession nebst Koffer zog – der Herr sei gepreisen - ihres Weges.

Kaum waren die beiden gegangen, bekam ich ein schlechtes Gewissen. Was, wenn der Typ die Gudrun NICHT in ein Frauenhaus brachte. Was, wenn er tatsächlich an einen irren, sadistischen Freak aus dem Internet geriet und dem die arme Frau verkaufte. Auf das sie nie wieder gesehen wurde?
Verdammt!
Ich griff zum Telefon.

Als »mein« Ossi von der Polizei aufgegriffen wurde, war von Gudrun weit und breit keine Spur.
Der Verhörte gab zu Protokoll, dass er mit DIESEN SMlern nix am Hut habe, aber DIESER Club wollte seine Alte unbedingt kaufen … Jetzt wäre man sich aber nicht handelseinig geworden. Der Typ (ich) hätte Papiere haben wollen, und jetzt doch nicht und bei der Alten hätte er (ich) es sich ja anders überlegt. Total unzuverlässig. Scheiss Wessies!
Die Gudrun habe er irgendwo in der Pampa ausgesetzt, mit Papp-Koffer natürlich. Zum Glück wurde sie kurz darauf von der Polizei in einer Bahnhofskneipe aufgegriffen und in die Obhut des zuständigen Landeskrankenhauses übergeben.
»Mein« undankbarer Ossi schaffte es auf diesem Weg ebenfalls problemlos bis in die Psychiatrie und ich war um eine seltsame, denkwürdige Geschichte reicher.
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