Читать книгу: «Verdorbene Jugend»

Шрифт:

Horst Riemenschneider

Verdorbene Jugend

Februar 1940 bis November 1949

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Herausgeber: Edeltraud Radochla, geb. Riemenschneider

radochla verlag ruben 2016

Alle Rechte vorbehalten

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-938555-44-6

Noch eine Geschichte, Vati

So begannen die Sonntagmorgen, als wir noch in Ronneburg wohnten, Mutti bereits aufgestanden war, um das Frühstück zu bereiten, das Feuer in der Stube und in der Küche anzuheizen, den Tisch zu decken und dann zu rufen: Aufstehen, es wird Zeit!

An eine Kindheit mit so vielen Geschichten erinnere ich mich, so vielen Sonntagmorgengeschichten. Es war der Tag, an dem Vati ausschlafen konnte, und es war der Tag der Geschichten für mich. Es muss um 1958/​1959 gewesen sein. Für mich mit meinen sechs oder sieben Jahren waren das Abenteuer aus einer fernen Zeit, die Geschichten von den langen Bahnfahrten und dem vielen Kohldampf, von der Arbeit im Schacht und vom Mausen. Doch was anderes sollte der Vater der Tochter aus seiner Jugend erzählen, die der Krieg verdorben hatte? Erst im Laufe der Jahre konnte ich manches richtig verstehen. Dann gab es anderes zu tun.

Später, viel später besann sich Vati darauf, seine Geschichte aufzuschreiben. In den 1990er Jahren, schon von einem Schlaganfall und von Krankheit gezeichnet, nahm er diese große Bürde auf sich. Eine elektronische Schreibmaschine hat er sich angeschafft, von der wir dann per Diskette die Texte übernehmen und bearbeiten konnten. Seine letzte Überarbeitung erfolgte 2001, ein Jahr später erlag er seinem Leiden.

Seit 2002 liegen die Manuskripte nun als Nachlass bei mir. Zeit, um Abstand zu gewinnen und Nachsicht, Verständnis, Begreifen für die eine oder andere Sichtweise. Es bleiben Fragen: Hat diese verdorbene Jugend nachgewirkt? Haben sich Wertungen und Lebenseinstellungen aus dieser Zeit verfestigt? Sind Alternativen vielleicht ebenso extrem gesucht worden? Was macht das aus einem Menschen, wenn er in seiner Erinnerung an die Jugend beständig schreibt: „Wir mussten … “? Auch die Frage, ob ich den Text veröffentlichen soll, musste ich mir beantworten. Doch ich denke, dass angesichts zunehmender Interpretation von Geschichte das Wort von Zeitzeugen immer wichtiger wird.

Ich habe versucht, vorsichtig stilistische Straffungen vorzunehmen, ohne in die Intensionen des Autors einzugreifen. Namen und Orte erscheinen so, wie in der Erinnerung des Autors.

Edeltraud Radochla

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Noch eine Geschichte, Vati

Vorwort

Teil 1 Lehrjahre

Aufnahmeprüfung

Ein neuer Lebensabschnitt

Der erste Arbeitstag

Wie es weiter ging

Der erste Fliegeralarm

Eine Fahrradtour

Ein lustiges Ereignis

Das Geld

Die Appelle und die Arbeitszeit

Die Berufsschule im ersten Lehrjahr

Die Hauptsache

Eine ungute Einlage

Direktor Lange

Das Schulungslager

Wieder im Betrieb und im Heim

Endlich Vaters Unterschrift

Zum Wintersport

Zurück in die Lehrwerkstatt

Der neue Ausbildungsleiter

Die Zeit nach Haider

Der Lehrjahreswechsel

Eine neue Wohnstätte

Neue Seiten

Die Freizeit in Dietzhausen

Ein neuer Freund

Doppelflinten

Werkstattwechsel

Forellenfang

Kontakt im Dorf

Wanderungen

Das letzte Lehrjahr

Die Facharbeiterprüfung

Als Friedensstifter

Wehrertüchtigungslager

Böse Buben

Freispruch und neues Wirkungsfeld

Der Krieg kommt näher

Die letzten Wochen in Dietzhausen

Ein erster Blick zurück

Teil 2 Reichsarbeitsdienst

Sammelfahrt ins Ungewisse

Im Sondertrupp

Lagerwechsel

Wachhabender

Mit der Waffe und dem Spaten

Vereidigung

Die Fahrt zum Einsatz

Der Einsatz bei Istres

Freizeiten in Südfrankreich

Zur Flugabwehr

Zum Lehrgang

Der neue Standort bei Rotterdam

Warten auf Ziele

Noch ein Lehrgang

Weiter warten auf Ziele

Die Invasion in der Normandie

Tiefflieger

Kultur

Eine neue Besatzung

Wahnsinn

Nicht erkennbar

Ablösung

An der 8,8-Zentimeter-Kanone

Die Fahrt nach Rogasen

Teil 3 Wehrmacht und sowjetische Kriegsgefangenschaft

Zum Militär

Als Pferdekutscher

An die Ostfront

Halt, stehen bleiben

Unglaublich, aber wahr

Der große Marsch

Eine faule Zeit beginnt

Eine Bahnfahrt unter Kohldampf

In Focşani

Die Fahrt nach nicht in die Sowjetunion

Kriegsgefangenenlager Mordwes

Der erste Kolchoseinsatz

Der Winter 1945/46

Eine unreife und gefährliche Idee

Wieder eine Reise ins Ungewisse

Karaganda, Lager 99/15

In der Werkzeugzeche

Lageralltag

Die letzten Monate in Zeche Drei

Die neue Arbeit

Das Ergebnis der Meckerei

Nochmal ein Kolchoseinsatz

Zur Arbeit in den Schacht

Beim Aufbau in Karaganda

Die Heimfahrt

Schlussbetrachtungen

Vorwort

Die Schilderung über meine „verdorbene Jugend“ umfasst drei Teile: Die Lehrzeit, die Zeit im Reichsarbeitsdienst und meine kurze Militärzeit mit der sich anschließenden langen Kriegsgefangenschaft.

Ich habe nur das aufgeschrieben, was ich noch wusste. Ich wollte außerdem nur schildern, wie es war. Nicht mehr – und ein Roman sollte es schon gar nicht sein. Die eine oder andere Sache hätte ich noch besser ausschmücken können, doch ich hatte Angst, dass ich es nicht mehr schaffe. Mit 75 Jahren muss man mit dem Lebensabschluss schon eher rechnen, als wenn man jünger ist. Vorher hatte ich aber keine Zeit und keine Lust zum schreiben. Außerdem waren mir die technischen Voraussetzungen nicht gegeben. Ich hatte jedoch einige schriftliche Aufzeichnungen und meine Berichtshefte aus der Lehrzeit, die mir bestimmte Zeiten dokumentierten. Zeiten, die ich nicht mehr dokumentarisch belegen kann, habe ich nach meiner Erinnerung niedergeschrieben.

Horst Riemenschneider


Bürgel auf einer alten Ansichtskarte, Familiennachlass

Teil 1 – Lehrjahre

Aufnahmeprüfung

Es war an einem Februar Vormittag im Jahr 1940. Ich saß in den hinteren Bankreihen in der 8. Klasse der Volksschule im thüringischen Bürgel. Der Fußboden des Klassenraumes war erst vor wenigen Tagen vom Schuldiener Herrn Wilhelm geölt worden. Es roch noch stark nach diesem Öl. Besser gesagt, es „miefte“.

Ich kann nicht mehr sagen, in welcher Stunde es war, als jemand an die Klassenzimmertür klopfte. Der Lehrer und Schulleiter Dr. Langheinrich ging zur Tür und öffnete diese. Meine Mutter drängelte sich herein, um für mich die sofortige Freistellung zu erlangen, weil ich nach Suhl zur Aufnahmeprüfung für eine Lehrstelle müsste. Da gab es erst einen Disput, in dem der Lehrer behauptete, dass ich ohnehin diese Prüfung nicht bestehen würde und doch lieber die von ihm vorgeschlagene Lehrstelle im Kupfer-Schiefer-Bergbau im Mansfeld annehmen solle. Es gab einen kleinen Streit darum. Schließlich durfte ich mit meiner Mutter mitgehen.

Daheim konnte ich dann das Schreiben lesen, das von den „Wilhelm-Gustloff-Werken, Waffenwerk Suhl“ stammte. Darin stand, dass ich dort am folgenden Tag um 9.00 Uhr zur Aufnahmeprüfung vorsprechen soll. Warum ich nun heute schon von der Schule geholt wurde, erfuhr ich von der Mutter nicht, denn ich sollte ja erst am nächsten Morgen mit dem ersten Bus losfahren. Meine Großmutter erklärte mir, wie ich mich in Jena verhalten sollte, um schnell vom „Volkshaus“ zum Bahnhof Jena-West zu kommen. Ich müsse mich beeilen. Nun ging es noch darum, was ich anziehen soll. Schließlich war ich ausgestattet mit einer Jungenunterhose, einem gewöhnlichen Hemd, was ich nur unter einem Pullover tragen konnte, den Knickerbockerhosen von Onkel Hans, einer Joppe, die ich von Kaufmanns Jahn geschenkt bekam und ein Paar Schuhen von Onkel Fritz, sowie ein Paar Stümpfen, die aber meine eigenen waren. Eine Mütze hatte ich nicht. Besonders auf die Joppe war ich stolz, entsprach sie doch meiner Größe und hatte zum Aufhängen eine kleine silberne Kette. Die Knickerbockers waren mir deutlich zu groß, Sie fielen mir fast bis an die Ränder der hohen Schnürschuhe, die auch zu groß waren, aber das sah man nicht so.

Am nächsten Morgen lag etwas Schnee. Als der Bus in Jena am „Volkshaus“ ankam, ging ich schnell los. Ich hastete die Straße zum Westbahnhof hoch. Das kam mir recht komisch vor und ich wollte eigentlich vorsichtshalber noch mal nach dem Weg fragen, aber, es gab niemand, den ich fragen konnte. Ich kam natürlich am Bahnhof an, erspähte den Fahrkartenschalter und löste eine Fahrkarte nach Suhl. In der Bahnhofshalle war kein Mensch zu sehen. Da entdeckte ich den Eisenbahner an der Sperre. Ich ging gemütlich dahin und fragte, ob der Zug nach Weimar-Erfurt schon da sei. „Da steht er“, war die Antwort. Nun wurde ich aufgeregt. Ich gab meine Karte zum knipsen und im gleichen Moment pfiff etwas. „Pfuff“ hörte ich und gewahrte, dass der Zug begann abzufahren. Ich riss dem Mann die Karte aus den Händen und stürmte auf den nun bereits fahrenden Zug zu. „Zurückbleiben!“, hörte ich, aber mich konnte in dem Moment kaum etwas aufhalten. Ich hangelte nach einem der Griffe, machte die nächste Tür auf und verschwand im Abteil. Eine etwa 40-jährige Frau drohte mir mit dem Finger und sagte: „Das ist verboten.“ Das wusste ich natürlich auch. Hatten wir sogar der Schule gelernt.

In Jena hatte ich nichts mehr vom Schnee bemerkt. Erst als der Zug in höheres Gebiet in Richtung Groß-Schwabhausen kam, wurde die Umgegend wieder weiß und der Schnee höher und höher. Bis Oberweimar fuhr der Zug normal. Zu meinem Glück muss er wohl bereits in Jena-West verspätet abgefahren sein. Ab Oberweimar gab es viele Stehzeiten und ich ahnte, dass ich meinen Anschlusszug auf Bahnsteig fünf in Erfurt nicht mehr erwischen werde. Einige Fahrgäste maulten: „Ein bisschen Schnee und schon geht bei der Bahn nichts mehr. Von wegen, die Deutsche Reichsbahn ist schnell und zuverlässig.“ Diesen Spruch sollte ich in meinem Leben noch oft hören. Meine Voraussicht wurde bestätigt: Der Zug in Erfurt war längst abgefahren. Unsere Verspätung war zu groß. Zum Glück stand schon der nächste Zug nach Meiningen bereit. Aber dessen Abfahrt lag schon nach der Zeit, zu der ich in Suhl und im Betrieb sein sollte.

Ich begab mich in ein Abteil, in dem schon ein älterer Herr und eine junge Frau saßen. So hoffte ich, jemand zu haben, den ich fragen konnte, wann es Zeit für mich zum Aussteigen sei. Vorsichtig tastete ich mich vor. Ich wollte ergründen, wo sie hinfahren. Beide wollten nur bis Arnstadt. So saßen wir eine Weile bibbernd vor Kälte in dem Zug, den man wohl nicht zu heizen gedachte, obwohl draußen auf den Bahnsteigen die Nebelschwaden von den Heizanschlüssen nur so vom Wind vorbei getrieben wurden.

Endlich setzte sich der Zug in Bewegung. Warm wurde er nicht und Verspätung hatte er auch. In Neudietendorf stiegen weitere Fahrgäste zu. Bis Arnstadt hielt der Zug noch zweimal und dort wechselte das ganze Abteil, außer mir. Neue Fahrgäste stiegen zu und als ich wieder fragte, wie viel Stationen es bis Suhl seien, erhielt ich unterschiedliche Auskünfte, sodass ich unsicher wurde. Von Arnstadt dauerte es noch ein ganzes Stück, bevor man mit dem Personenzug dort ankam.

Schließlich war Suhl erreicht. Meine Großmutter Luise hatte mir eingeschärft, vom Bahnhof aus nach links zu gehen. Wenn man in Suhl aus dem Bahnhofsgebäude kam, konnte man nur nach links gehen. Dass aber gemeint war, vorn an den Bahnschranken nach links zu gehen, habe ich dann erst nach einer halben Stunde mitbekommen, als ich zurück laufen musste. Ich ging also los und gelangte in die Innenstadt von Suhl und hinter dem Marktplatz wagte ich nun doch eine Mann anzusprechen. „Ha, da biste verkehrt, mei Jung,“ sagte der und meinte ich müsste genau in die andere Richtung gehen. Weiter sagte er etwas von einer Stunde Weg. Nun spurtete ich aber los, nachdem ich mich kurz bedankte.

Als ich ein Stück hinter den Bahnschienen war, sah ich ein großes Betriebsgebäude, an dem ich so ein „G“ erkannte, wie es im Briefkopf zu sehen war. Ich ging heran und fragte, ob ich zur Abteilung Berufsausbildung hier käme. Doch ich erhielt die Auskunft, dass es bis dahin noch ziemlich eine Stunde Weg sei. Im Eilschritt und zeitweise im Laufschritt versuchte ich bald an mein Ziel zu gelangen. Auf meinem Weg sah ich schon einen großen Schornstein und vermutete zwar richtig, dass der zu dem Betrieb gehört, zu dem ich wollte, doch der Schornstein stand am oberen Ende des Betriebes und die Abteilung Berufsausbildung war am unteren Ende, was ich damals noch nicht wissen konnte. Endlich kam ich an einen großen Betriebseingang und hastete dahin. Wieder war ich verkehrt. Ich erhielt die Auskunft, dass nun noch weitere zehn Minuten Weg nötig seien. Ich hastete weiter und gelangte schließlich an einen weiteren großen und nun endlich den richtigen Betriebseingang.

„Zur Abteilung Berufsausbildung“, bat ich, nach dem ich ein klägliches „Heil Hitler“ stotterte. Mir war ganz schön die Luft knapp geworden. Ich gab dabei meinen Brief durch das geöffnete Schalterfenster, hinter dem einige Männer in graublauen Uniformen saßen. Einer von ihnen kam heraus und forderte mich auf, mitzukommen. Er hatte kurze rötliche Haare, trug eine Stahlrahmenbrille, die wie Gold glänzte. Die Gläser der Brille waren etwas oval. Im Gesicht und am Hals hatte der Mann viele Sommersprossen. Der Wachmann ging mit mir durch den großen Torgang, der nach der damaligen Bauweise sehr modern war. Danach ging es zweimal nach rechts und durch eine Doppeltür. Dort kam ein Treppenaufgang. Es ging drei Etagen hoch und nach links in einen breiten Gang. In der Mitte des Ganges hielt der Wachmann inne und klopfte an eine Tür.

Auf das „Herein“ von drinnen öffnete der Wachmann die Tür und wir gingen in einen für mich eigenartigen Klassenraum, der mich ganz schön einschüchterte. Es war der Physiksaal, wie ich später erfuhr. Er hatte stufenweise aufsteigende Sitzreihen und vor den Sitzreihen eine breite große Tafel. In etwa der Hälfte der Bänke saßen ebensolche Kandidaten wie ich. Vor ihnen ein streng aussehender, gut gekleideter Mann, der mich aufforderte, meine Joppe draußen auf dem Flur anzuhängen. Dann musste ich mich in der vordersten Reihe auf die Bank neben dem Mittelgang setzen. Von da aus konnte ich nun kurze Zeit verfolgen, was den letzten vor mir für Fragen gestellt wurden. Keine davon hätte ich lösen können.

Nachdem ich die Fragen nach meiner Verspätung beantwortet hatte, rief mich Herr Janz, wie er sich vorstellte, an die Tafel. Als ich bei ihm auf dem Tafelpodest stand, fragte er mich, welchen Beruf mein Vater hätte. Mit etwas Stolz sagte ich, dass er Schornsteinfegermeister sei. Daraufhin wurde ich gefragt, ob ich mir einen Schornstein vorstellen könne. Nachdem ich das bestätigte, gab er mir Maße an, mit denen ich das Volumen eines Schornsteins bestimmen sollte.

Ich begann zu rechnen. Bald war ich fertig und meiner Sache recht sicher. Er schaute sich das kurz an und sagte, dass das falsch wäre. Ich suchte einen Fehler und fand keinen, worauf ich entgegnete, dass nichts falsch sei. Er behauptete wieder, dass das falsch sei. Ich prüfte noch einmal und behauptete wieder, dass die Rechnung richtig sei. Dann sagte Herr Janz: „Du kannst doch nicht sagen, es sei richtig, wenn ich sage es ist falsch!“ „Dann haben Sie falsch gerechnet“, entgegnete ich. „Nun gut“, fing er wieder an, „aber wenn die hier alle sagen, es ist falsch?“ „Dann haben alle falsch gerechnet“, bestand ich weiter auf der Richtigkeit meiner Rechnung.


Firmenlogo des künftigen Lehrbetriebes

Ich durfte mich setzen. Herr Janz hielt eine kurze Ansprache und sagte abschließend, dass wir alle die Prüfung bestanden hätten. Ob wir eingestellt würden entscheide sich aber erst, wenn das Abschlusszeugnis der Schule im Betrieb vorliege.

Ich war erst einmal froh, dass Langheinrichs Voraussage nicht eingetroffen war. Was er mir ins Zeugnis schreiben würde, war dennoch ungewiss. Im Grunde genommen war ich ein ziemlich fauler Hund. Es gab Tage oder Stunden, da hatte ich einen ganz guten Durchblick. In der Note Faulheit hätte ich mir aber eine Eins verdient.

Zunächst hatte ich nun vor, meinen Onkel Hans und dessen Frau aufzusuchen, die in einer Suhler Siedlung ein Einfamilienhaus bezogen hatten. Diese Siedlung von zahlreichen Neubau-Einfamilien-Häusern nannte man „Lautenberg-Siedlung“ und wurde wohl vom „Gustloff-Werk“ in die Wege geleitet. Die Gustloff-Werke nannten sich zusätzlich „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ und von so einem Betrieb erwartete man derartige Maßnahmen.

Ich ging zurück nach Suhl und fragte mich durch. Kurz vorm Dunkel werden fand ich das Haus. So hatte ich auch eine Unterkunft für die Nacht. Am nächsten Tag fuhr ich nach Bürgel zurück. Ich hab mit der bestandenen Prüfung nicht geprahlt, aber etwas stolz war ich doch.

Ein neuer Lebensabschnitt

Endlich war die ersehnte Schulentlassung da. Das Abschlusszeugnis war auf den 20. März 1940 datiert. Die Entlassungsfeier fand in Bürgel in der „Schärbelschänke“ statt. Die Rede vom Schulleiter war vorbei und es war gegen 19.00 Uhr. Der Wirt, Herr Heller, stellte das Radio lauter, weil Nachrichten kommen sollten. Die Zeugnisse hatten wir schon erhalten. Jedenfalls kamen nun die Nachrichten vom Radio und wir erlebten eine große Enttäuschung. Hatten wir doch gedacht, dass für uns nun viele Dinge erlaubt sind, so wurde an diesem Tag ein neues Jugendgesetz verkündet, was uns große Einschränkungen auferlegte. Zum Beispiel wurden Tanzveranstaltungen verboten. Das begründete man damit, dass man in der Heimat nicht sorglos tanzen könne, während die Soldaten „im Felde“ stehen. Laut diesem Jugendgesetz durften wir uns nicht mehr ohne Erziehungsberechtigte nach 21.00 Uhr auf der Straße oder in Gaststätten aufhalten. Rauchen war auch verboten. Erst ab 18 Jahren war alles, außer Tanzen, gestattet. Alkohol brauchte man nicht zu verbieten, den gab es sowieso nicht. Nur besonders dünnes Bier.

Mit einem Zeugnis der miesen Mittelmäßigkeit wurde ich eingestellt. Das Warten darauf war fast wie eine Folter. Alle meine Schulkameraden traten ihre Lehrstelle an oder wussten, wann sie beginnen sollten. Erst am 1. April 1940 kam die Mitteilung, dass ich eingestellt werde und am 8. April die Lehrzeit begänne. Wenn ich im Lehrlingsheim wohnen möchte, sollte ich am 7. April anreisen und mich in Suhl, in der Hohenfeldstraße 68 melden. Mein Lehrvertrag lautete auf „Technischer Zeichner“.

In der Mitteilung stand auch, wie ich mich auszurüsten hätte, wenn ich im Lehrlingsheim wohnen möchte. Dort war es billiger, also, kam für mich nur das Lehrlingsheim infrage. Meine Ausstattung wurde ganz schön teuer: Drei Braunhemden, zwei kurze schwarze Hosen, eine lange Winterhose mit Winteruniformbluse der Hitlerjugend, sechs Paar graue Kniestrümpfe, ein Paar braune Halbschuhe, ein Paar schwarze hohe Schuhe und noch viele andere Sachen. Wir hatten kein Geld und unser Vater war im Krieg. So wurde alles gepumpt. Mit Ach und Weh hatte ich am Sonnabend vor meiner Abreise alle Sachen beisammen. Nun fehlte noch die Bestätigung, dass ich in der Hitlerjugend sei. Bei der Übernahme von den Pimpfen zur Hitlerjugend hatte ich mich gedrückt. Mit etwas Schiss in den Hosen ging ijoch zu Neuschäfer in die Villa am Bürgeler Südgraben. Das ging alles glatt. Und nun war ich reisebereit.

Am Sonntag, dem 7. April 1940 gegen sieben Uhr, fuhr der Zug. Meine Mutter brachte mich zum Bahnhof in Bürgel. Auf der Straße vorm Bahnhof gab sie mir noch einen Schmatz auf die Wange, als der Zug von Eisenberg kommend zu hören war. Das war das einzige Mal, dass ich so etwas von meiner Mutter bekam, seit ich mich erinnern konnte.

Am Nachmittag kam ich in Suhl an und fragte mich durch, wie ich zum Lehrlingsheim der „Gustloff-Werke“ komme. Dabei erfuhr ich, dass der Betrieb auch „BSW“ genannt wurde. Als ich in die „Hohe Feldstraße“ wollte, wurde ich mehrmals berichtigt, dass da kein Lehrlingsheim sei. Man schickte mich zu einer grünen Villa, wo aber niemand zu hören und zu sehen war. So fragte ich nur noch nach der „Hohen Feldstraße“. Endlich bekam ich den richtigen Hinweis. Das Lehrlingsheim war nämlich umgezogen. Nun fand ich die Straße und lief von Nr. 1 bis zur 68. Dort befand sich ein großes Tor, was gleichzeitig die ganze Straße versperrte. Es stand aber die richtige Nummer daran. Eine Tür stand offen, durch die das Sonnenlicht strahlte. Von weitem hörte ich Musik, erzeugt mit einer Schrammel oder wohl richtig Waldzither genannt. Je näher ich dem Tor kam, um so lauter wurde die Musik. Als ich durch die offene Tür trat, war rechts ein kleines Häuschen mit einem großen geöffneten Fenster. Hinter diesem saß ein Mann an einem Tisch, der dort auf der Zither spielte. Auch er hatte wieder so eine graublaue Uniform an, wie ich sie schon bei den Betriebswachen gesehen hatte.


Deckblatt einer Werbebroschüre aus dem Jahr 1942

Als er mich gewahrte, unterbrach er sein Spiel und forderte mich auf, ein Stück weiter die große und breite Treppe hinaufzugehen, wo mich „der Ehrhard“, der Heimleiter, schon erwarten werde. Ich ging über eine geschotterte Straße auf die Treppe zu. Etwas geblendet von der Sonne stieg ich die Stufen hinauf und stolperte an einem kleinem Pfahl, der vor den Brettern steckten, welche die Stufen bildeten. Mein Persil-Karton, in dem ich statt einem Koffer meine Habseligkeiten untergebracht hatte, kullerte die Stufen wieder hinunter. Gleichzeitig kam der Heimleiter in Hitlerjugend-Uniform einen schrägen Weg herunter, der hinter einem Schotterplatz nach links unter einer Baracke entlang führte. Verschämt holte ich meinen Persil-Karton zurück.

Der Heimleiter kam heran und sagte: „Du hast ja das Knie aufgeschlagen. Du gehst gleich mal zur Susi – das ist meine Frau – und lässt dich verbinden. Ich bin der Heimleiter und Gefolgschaftsführer und heiße Ehrhard Haider.“ Er nahm mir gleich meinen Persil-Karton ab und führte mich den schrägen Weg hoch, von wo ein Weg zu der in der Mitte stehenden Baracke abging. Ich sollte an die Tür klopfen, doch im gleichen Moment erschien eine schlanke, nette und hübsche Frau mit großen, blauen Augen. Das sah ich erst genauer, als ich dann bei ihr ankam. Der Heimleiter rief ihr zu, sie möge mich verbinden. Zu mir sagte er, ich möge dann hoch kommen zur Stube Eins. Dabei deutete er mir den Weg an, der zu einer seitlich, fast am Zaun entlang führenden Treppe führte. Die Treppe war ebenfalls aus Brettern und davor eingeschlagenen Pflöcken hergestellt, der Tritt der Stufen war mit dunkler Schlacke geebnet.

Während der Heimleiter mit meinem Persil-Karton weiterging, bog ich ab zur Susi. Die lotste mich in den Vorraum der Baracke, in dem es erst an einer Brüstung entlang ging. In dem Vorraum stand in einer Ecke ein Schemel, auf den ich mich setzen sollte. Susi besah sich mein Knie und sagte dann, dass das halb so schlimm sei. Sie betupfte die Wunde mit Jod, wobei ich bald durch die Decke der Baracke gefahren wäre, denn so brannte das. Aber vor so einer schönen Frau biss ich die Zähne fest zusammen. Während Susi mich versorgte, ein Mullstück auf die Wunde legte und über kreuz zwei Pflasterstreifen, sagte sie: „Du bist nicht der erste, dem das passiert. Sind ja auch verrückte Stufen.“ Dann durfte ich gehen.

Als ich die schon erwähnte Treppe hochgegangen war, ging es an einer langen Baracke entlang, in deren Mitte ein Turm stand, der ebenfalls, wie die Baracken, aus Holz war. An der anderen Seite der Baracke waren nummerierte Türen. In die Nummer Eins sollte ich eintreten. Als ich durch die Tür trat, kam ich erst in einem kleinen Vorraum. Dann kam eine weitere Tür. In der nächsten Stube befanden sich der Heimleiter und ein anderer junger Mann, der eine Hitlerjugend-Uniform trug. Er hieß Robert Kleingünter und erwies sich als Stubenältester. Er war im zweiten Lehrjahr. In der Stube standen zwei große Tische mit Bänken und an den Stirnseiten je ein Schemel. In der Mitte des Raumes befand sich ein Stützbalken und neben diesem ein großer Kanonenofen, dessen Rohr durch das Dach ging. Vorn neben dem Eingang stand ein großer Schuhschrank. Der Heimleiter und der Stubenälteste zeigten mir mein Bett und wie es herzurichten sei. Während sie gerade demonstrierten, wie der Bezug über die Decke zu ziehen sei, kam ein weiterer Bewohner. Es war Waldemar Hüsing aus Göttingen. Er bekam das Bett unter mir und den Spind neben meinen, der gleich neben dem Bett stand. Hüsing sagte zu den beiden Bettenbauern, dass sie gleich mit seinem Bett weitermachen könnten. Das taten sie aber nicht. Waldemar Hüsing war schon 18 Jahre alt und kein regelrechter Lehrling. Er hatte das Abitur abgelegt und wollte studieren. Vorher sollte er ein Jahr als Volontär im Werk arbeiten. Was das war, wusste ich damals nicht. Er musste sich jedenfalls so verhalten wie wir Lehrlinge.

Die Stube hatte an jeder Seite zwei Fenster. Der vordere Tisch stand an der Türseite quer vor den beiden Fenstern, während der andere Tisch mit einer Stirnseite vor den anderen beiden Fenstern stand. So stand er auch an den Fußenden der Doppelbetten, man hatte aber noch genügend Platz zum Sitzen am Tisch. Die Baracken gehörten zum ehemaligen Arbeitsdienstlager von Suhl.

Der Heimleiter kam später mit weiteren Neuankömmlingen, von denen nur einer zu uns hereingeschickt wurde. Es war Hans Syndermann aus Lüneburg. Robert Kleingünter, der Stubenälteste wies ihn ein. Gegen 19.00 Uhr ertönte draußen ein langer Pfiff mit einer Trillerpfeife und der Pfeifer rief: „Raustreten zum Abendessen!“, was dann noch einige Male wiederholt wurde.

Robert Kleingünter führte uns herunter zum Speisesaal. Zu ihm gelangte man durch eine Mitteltür oder eine Tür neben der Küche, die praktisch über dem Wachhäuschen lag. Von der Küche her wurden die Tische, die mindestens für 16 Mann Platz boten, nach den Stubennummern besetzt, wodurch wir als erste an der Küche sitzen konnten. Der letzte und zwölfte Tisch befand sich in der Nähe einer kleinen Bühne.

Der Heimleiter stellte uns die Köchin vor. Sie war eine stramme, große Frau mit blonden Haaren, hatte ein ovales Gesicht, war freundlich, aber bestimmt. Sie ließ nichts durchgehen, wie wir später feststellten. Gundula war ihr Name. Ihr zur Seite stand eine etwas ältere Frau aus Dresden. Während Gundula noch keine vierzig war, hatte ihre Küchenhilfe die Fünfzig schon überschritten. Sie bedauerte uns immer, wenn wir schwere Stunden zu überstehen hatten. Dafür hatte uns Gundula fest im Griff. Das Geschirr war derb und nicht so leicht zerbrechlich. Vor allem die Tassen waren recht stabil. Die ganze Küchenausrüstung entsprach der vom Reichsarbeitsdienst, wie auch alles andere im Heim vom Reichsarbeitsdienst stammte. Gundulas Kakao schmeckte uns und das Essen ebenso. Ich war zufrieden.

Nachdem wir abgeräumt hatten – es wurde auch gleich ein Tischdienst für jeden Tisch bis zur nächsten Woche eingeteilt –, erklärte uns der Heimleiter wie der weitere Ablauf unseres Wohnens im Heim vonstatten gehen sollte. Um 21.00 Uhr war Zapfenstreich. Jeder hat dann im Bett zu liegen. Der Stubenälteste hat dem „Führer vom Dienst“ bei dessen Erscheinen in der Stube eine Meldung zu machen, in der besondere Probleme wie Krankheiten oder das Fehlen einer Person, auch Schäden in der Stube, in die Meldung einzubeziehen waren. Die Meldung habe in Ausführung des „Deutschen Grußes“ zu erfolgen. Am Morgen würde gegen 4.30 Uhr geweckt. Daran anschließend erfolge in Turnhemd und Turnhose Frühsport. Nach dem Frühsport sei Waschen, Bettenbau und Stubendienst dran. Gegen 5.30 Uhr sei Frühstück, wozu jeder seine Brotbüchse für drei Doppelstullen mitbringen und füllen müsse. Fragen würden die Stubenältesten sicher beantworten können. Der Heimleiter wünschte uns eine gute Nacht und entließ uns auf die Stuben.

Kurz vor 21.00 Uhr ging Robert Kleingünter als Stubenältester an seinen Spind und holte ein Horn heraus, mit dem er zum Zapfenstreich blasen wollte. Wir betrachteten der Reihe nach das Horn und dann ging Robert los. Kurz darauf hörten wir ihn blasen. Er blies die Melodie vier mal hintereinander. In jede Himmelsrichtung ein mal. Bald darauf kam Robert wieder und scheuchte uns ins Bett. Für viele von uns war das neu, so hoch in einem Bett zu liegen und man fragte sich, ob man da nicht heraus und herunterfallen könne. Oben schliefen auf unserer Stube Hans Syndermann und ich. Unter mir lag Hüsing und unter Syndermann lag Franke. Die beiden voll belegten Betten standen an der Fensterwand, von wo man durch die Fenster noch besser als im Speisesaal ins Tal oder nach Suhl schauen konnte. Nun aber nicht mehr, denn die Fensterläden waren zugeklappt, weil verdunkelt werden musste. Das war der Schutz vor feindlichen Flugzeugen, die in der Nacht kommen könnten.

Der erste Arbeitstag

Wir bemerkten, wie Robert Kleingünter kurz vor halb fünf geweckt wurde. Nun ging der Ernst des Lebens los. Er tutete vier mal und kam dann zurück. Wir waren schon eifrig dabei, unsere Betten zu machen. Kurz nach Robert kam der „Führer vom Dienst“, der Heimleiter. Robert machte Meldung: „Stube eins alles auf und gesund. Keine besonderen Vorkommnisse.“ – „Danke“, entgegnete der Heimleiter und wünschte uns einen guten Morgen, was wir gemeinsam erwiderten. Kurze Zeit darauf ertönte ein Trillerpfiff und es wurde zum Frühsport herausgerufen. Trapp, trapp ging es los. Danach ging es zurück in die Stube und zum Waschraum. Viel Ruß wurde nicht gemacht. Im Laufschritt ging es zurück in die Stube.

Ich hatte gleich am ersten Tag und in der ersten Woche Stubendienst und musste mich ganz schön sputen, um bis zum Frühstück angezogen und fertig zu sein. Ich schaffte es, weil Hüsing mir zur Hand ging. Ich stellte den Besen gerade in die Ecke, da hieß es: „Raus treten!“ Wir strömten nach draußen und es ging in schnellen Schritten zum Speisesaal. Am Vorabend hatten wir die Order bekommen, die Hitlerjugend-Winteruniform anzuziehen. Dazu hatte ich nun sogar ein Mütze, eine Skimütze, wie sie zur Uniform getragen wurde.

Zum Frühstück gab es „Lorke“, das heißt Malzkaffee, und Marmeladenbrot. Nach dem Essen traten wir am Essenschalter an und nahmen die Frühstücksration in Empfang. Dann mussten wir die Treppen bis ins Tal überwinden. Im Tal angekommen, hatten wir in Marschkolonne anzutreten und los ging es. Kurz nach dem Abmarsch hieß es: „Ein Lied!“ – und vorn wurde angestimmt. Ich weiß nicht mehr, was wir damals sangen, aber ich weiß noch, dass ich mich ärgerte, weil für mich zu tief gesungen wurde.

Der Marsch führte Richtung Heinrichs und die große Esse des Betriebes kam uns näher und näher. Links von uns sahen wir den Sprungturm eines Sommerbades und ich freute mich schon auf das Baden gehen im Sommer. Bald darauf kamen wir auf die Hauptstraße. Einige meckerten wegen des weiten Weges. Auf beiden Seiten der Straße liefen Frauen und Männer in die gleiche Richtung wie wir. Die Mehrzahl bog aber dann zum Haupttor ab. Unser Marsch ging an einem weiteren Tor vorbei, wo man aber nur wenig Leute sah. Alle, die dort hinein wollten, führten ein Fahrrad mit. Später erfuhren wir, dass man dort nur mit einem Fahrrad durchgehen konnte, wofür auf dem Betriebsausweis eine zusätzliche Marke aufgeklebt sein musste. Links von uns bemerkten wir, wie von der Eisenbahn die Züge fuhren. Es musste gerade ein Zug gehalten haben, oder auch zwei, denn es kamen uns große Menschentrauben entgegen. Auch Omnibusse hatten uns überholt und bogen zum Betrieb ab. Wir marschierten bis zum Tor der Berufsausbildung. Der Bahnhof Heinrichs lag in der Nähe des Berufsausbildungseinganges. Ein Stück vor dem Eingang führten zwei Eisenbahnschienen über die Straße vom Betrieb zum Bahnhof, wo man einen recht steilen Anstieg ausmachen konnte. Wir bogen aber nun von der Straße ab und marschierten durch das Tor.

Hinter dem Tor hieß es dann: „Vorne kurz treten! – Reihe rechts!“. Wir marschierten die mir schon bekannte Treppe hinauf. Oben ging es durch eine Tür nach rechts in einen riesigen Saal. Wir wurden auf unsere Plätze eingewiesen. Hinter uns saßen schon auf voll besetzten Stühle Hitlerjungen, die nicht alle die Winteruniform trugen, sondern das Braunhemd und kurze Hosen.

In gedämpfter Unterhaltung warteten wir. Der Saal füllte sich mehr und mehr. Die Stühle für uns Neulinge standen längs in Richtung der Bühne auf der rechten Seite des Saales. Teilweise waren hinter uns noch Faltwände aufgezogen. Auf der Bühne war ein riesengroßes Hitlerbild. Vor der Bühne stand ein Rednerpult. Auf der Bühne links und rechts je eine Fahnengruppe und dann noch junge Männer in blauen Arbeitsanzügen, von denen einige einen neuen Vorschlaghammer bei sich führten. Die Hammerträger nahmen verschiedene Positionen ein. Einmal trugen sie den Hammer auf der Schulter oder er stand mit dem Stiel nach oben vor den leicht gespreizten Beinen.

Die Gustloff-Werke hatte sich für eine Einstellungs- und Freisprechungsfeier gerüstet. Wir wurden also in den Betrieb feierlich aufgenommen und die, die ihre Facharbeiterprüfung bestanden hatten, wurden feierlich frei gesprochen, also vom Ausbildungsvertrag gelöst. Sie wurden Gesellen, zunächst aber Jungfacharbeiter genannt. Dazu gab es nun mehrere kernige Nazireden, Gedichte und gesungen wurde auch, zum Schluss das Deutschlandlied und „Die Fahne hoch!“ Die Stimmung im Raum war sehr feierlich. Schon die ausgewählte Musik brachte das hervor. Ein Streichquartett spielte „Deutschland heiliges Wort“ und je nach Ablauf einige andere Stücke. Die Jungfacharbeiter, die uns Neuen direkt gegenüber saßen, wurden der Reihe nach aufgerufen und erhielten in Gruppen ihren Facharbeiterbrief. Einer von ihnen hielt eine Dankesrede. Ich war sehr beeindruckt.


Lehreinführung 1940, Horst Riemenschneider in der 2. Reihe rechts

Später standen wir in einer großen Werkstatt, wo man uns in Gruppen zu je 20 Lehrlingen einteilte. Ich kam in die Gruppe eins zum Lehrausbilder Huckert oder so ähnlich. Seinen Namen konnte ich mir schon damals nicht merken. Ihm war noch ein Geselle untergeordnet. Beide waren so um die 40 Jahre. Der Meister hieß Dietz und organisierte alles. Er hatte sein „Käfterle“, wie wir sagten, gleich gegenüber der Eingangstür. Hinter ihm war die Werkzeugausgabe, ein etwa gleich großer Bereich. Beide Bereiche lagen hinter einer etwa 1,20 Meter hohen Holzbarriere, auf die starke, durchsichtige Glasscheiben gesetzt waren, über die man nicht hinüberreichen konnte. Das ganze machte einen modernen Eindruck. Wenn man durch die stählerne Doppeltür in die Werkstatt eintrat, war links eine Wand und man musste sich vor dem Meistersitz nach rechts wenden in einen breiten Gang, an dessen Ende sich vor einem Fenster für die Lehrausbilder der Gruppe eins ein ähnliches „Käfterle“ befand, wie das des Meisters. Es war aber um eine Stufe höher gesetzt. Zwischen dem Gang, in dem wir 120 Lehrlinge „in Linie“ antreten konnten, und den Werkbankreihen befanden sich vier starke Säulen, an denen verschiedene Maschinen standen. Das waren Schleifböcke und Bohrmaschinen. Auf der in dieser Blickrichtung liegenden linken Seite waren nur Werkbänke. Auf der rechten Seite, die durch den Treppenaufgang kürzer war, stand gleich um die Ecke ein Glühofen. Dieser wurde mit Gas betrieben. Auch ein Ambos stand dort und in der Ecke ein Bunsenbrenner. Zwischen Ambos und Bunsenbrenner befand sich ein Wasserbottich. Dann kamen weiter Werkbänke und ein freier Platz. Hinter dem freien Platz stand an der Wand, gleich neben dem „Käffterle“ der Lehrausbilder, eine Drehmaschine. Damals sagte man noch Drehbank dazu.

Meine Gruppe arbeitete an den Werkbänken hinten links. Ich erhielt meinen Platz in der zweiten Reihe. Er lag an einem Gang. Bei der Verteilung der Plätze ging es danach, wie der betreffende Schraubstock zur Körpergröße passte. Der Schraubstock sollte so hoch sein, dass bei den auf die Schraubstockbacken aufgestützten Ellenbogen die zur Faust geballte Hand des Armes noch bequem unter das Kinn passte. Für jene, für die kein Schraubstock gefunden wurde, richtete man die Höhe ein. Dazu wurden entweder ein oder mehrere passende Klötze unter den Schraubstock gebaut oder entfernt. Kleinere Kerle, die trotz der Entfernung der Unterlagen noch nicht hinreichten, bekamen unter die Füße einen dreieckigen Untersatz aus Holz, der für die geforderte Fußstellung ausreichte. Solche Fälle gab es mehrere, denn wir waren ja meistens erst vierzehn Jahre alt und noch im Wachsen.

Es bekam jeder einen Platz an einem Schraubstock, egal, welchen Beruf man erlernen wollte. So auch zwei Mädchen, die eine kaufmännische Ausbildung anstrebten. Ich konnte mir auch noch immer nichts unter dem Beruf des „Technischen Zeichners“ vorstellen. Das verriet ich aber niemandem. Ich musste, wie die anderen, erst einmal das Feilen lernen.

Nachdem die Plätze eingeteilt waren, ging es in den Keller zu den Umkleide- und Waschräumen. Jeder bekam einen Spind zugewiesen, in dem man seine Tasche ablegen konnte. Die für uns bestellten Arbeitsanzüge waren noch nicht eingetroffen. Wieder oben angekommen, erhielt jeder in einem Rollschrank neben der letzten Werkbank ein Fach, in dem er die Brotbüchse aufbewahren konnte. Danach wurde der Schrank abgeschlossen. Unsere Brotbüchsen waren aber meistens schon leer. Wir wurden weiter eingewiesen, dass vor dem Frühstück und vor dem Mittagessen ein Waschraum aufgesucht wird, wo die Hände zu waschen sind. In dem Waschraum, der eine Treppe tiefer lag, waren viele Waschbecken, ich schätze so um die dreißig. Neben dem Ausgang des Waschraumes, waren etwa 20 Handtücher aufgehängt, mit denen wir uns die Hände abtrocknen konnten. An den Waschbecken befanden sich Behälter mit Waschpaste. Vor dem oben liegenden Speiseraum stand der „Lehrausbilder vom Dienst“ und kontrollierte, ob die Hände sauber waren.

Als erstes erklärte uns der Lehrausbilder die Grundbegriffe des Feilens und zeigte, wie es gemacht wird. Für jeden lag ein U-Stahlstück bereit. Das wurde mit den Schenkelenden nach oben quer in den Schraubstock gespannt. Die Feile sollte gleichmäßig über die beiden Schenkelenden mit dem entsprechenden Druck geführt werden. Ein allgemeines Fietschen begann und wurde fast unerträglich, bis die Lehrausbilder uns erklärten, dass die U-Stahlstücke tiefer gespannt werden müssten. Laufend wurden unsere Übungen von den Ausbildern überprüft und korrigiert. Bald war es Mittag geworden und unser Weg führte über den Waschraum zum Speisesaal.

Schon im Anschreiben für die Anreise war uns mitgeteilt worden, wie viel Geld für welche Zwecke wir mitbringen sollten. Das waren Gelder für die Arbeitsanzüge, die Schulbücher und letztlich auch für Essenmarken zum Mittagessen. Das Essen kostete 60 Reichspfennige, für uns Lehrlinge die Hälfte.

Frühstück und Mittagessen wurde in zwei Schichten eingenommen. Das erste Lehrjahr war immer in der zweiten Schicht. Im Speisesaal hatte jede Gruppe ihre festgelegten Plätze. Die Gruppen saßen in mehreren Längsreihen. Am Ausgang zur Betriebsberufsschule stand eine Tischreihe quer vor den Stirnseiten der anderen Tischreihen, an welcher der Betriebsleiter der Berufsausbildung, der noch nicht vorhandene und erwartete Abteilungsleiter, Meister Dietz und der Berufsschulleiter Dr. Wacker sowie einige Lehrer ihre Frühstücks- und Mittagspausen verbrachten. Unsere Plätze waren am seitlichen Gang an einer Faltwand. Die Lehrausbilder saßen bei ihren Gruppen an den Plätzen, die der Querreihe mit den höheren Herren am nächsten waren. Die Essenausgabe war gleich links, wenn man von der Lehrwerkstatt in den Speiseraum trat.

Die Mittagspause dauerte eine halbe Stunde und die Frühstückspause 15 Minuten. Fünf Minuten vor dem Ende jeder Pause ertönte ein Pipszeichen, wonach man sich umgehend an seinen Arbeitsplatz zu begeben hatte. Zum Händewaschen vor jeder Pause durften wir dafür etwa fünf Minuten früher gehen. Die Werkstattuhr hing an der Wand am Meistersitz. Diese Wand trennte die Lehrwerkstatt von dem großen Festsaal. Nach dem Mittagessen fietschten wir noch eine gute Stunde weiter. Auf einmal ertönte ein Pfiff mit einer Trillerpfeife. Der Lehrausbilder vom Dienst rief: „Werkstücke ausspannen, Werkzeuge einpacken und Werkbänke abkehren!“

Wir hatten jeder einen großen und vollen Werkzeugkasten unter der Werkbank, in den zwanzig Feilen der verschiedensten Längen und Profile auf dem Kastenboden einsortiert waren. In einem angeschraubten Winkeleisen war für jede Feile eine Aussparung, in welche die entsprechende Feile zwischen Heft und Angel hinein passte. Darüber waren zwei Schübe. Im oberen Schub waren die Messzeuge in grün ausgepolsterten Vertiefungen und im unteren Hammer, Meißel, Körner, Reißnadel und weitere Dinge. Zwischen dem Werkbankfuß und dem Werkzeugkasten war ein kleiner Ölbehälter angebracht. Hinter dem Schraubstock war an einem erhöhten Rand ein Gestell für die technischen Zeichnungen. Bei der Erklärung hörte ich das erste mal das Wort „Technische Zeichnung“. Hinter dem Werkbankfuß unter dem Schraubstock hing ein Handfeger. Im unterem Schub im Werkzeugkasten hatte jeder noch eine Gewindebürste. Damit wurden die Werkstücke abgebürstet. Er war untersagt, Späne oder andere Anhaftungen von den Werkstücken zu pusten.

Der Lehrausbilder vom Dienst mahnte: „Fertigwerden!“ und pfiff kurz darauf mit seiner Trillerpfeife. Wir mussten antreten. Die rechten Flügelmänner standen nach dem „Käffterle“ unserer Lehrausbilder. Wir blickten in Richtung Bahnhof Heinrichs.

Das ging dann so: „Stillgestanden! – Richt Euch! – Augen gerade aus! – Zur Meldung die Augen links!“ – und er postierte sich vorm Lehrmeister Dietz und meldete, dass wir angetreten waren. Wir Neulinge aus dem Lehrlingsheim marschierten durch Heinrichs und die Sonne schien auf die Rücken unserer Vordermänner. Dann mussten wir die lange Treppe hochsteigen. Bei diesem Rückmarsch waren nun auch die dabei, die direkt zum Betrieb angereist waren. So wurden dann noch drei weitere Lehrlinge in die Stube eins einquartiert. Sie stammten alle drei aus Frankenhain in der Rhön. Das brachte nun mehr Leben in unsere Bude. Sie kannten sich und brauchten nicht zu testen, wie der eine oder der andere wohl reagieren würde. So schwafelten sie munter darauf los und wir standen außen vor. Dazu benutzten sie ihren Dialekt, der dem Suhler ähnlich war. Außerdem kannten wir die Probleme in ihrem Dorf nicht.

Einer von ihnen, Rudi Dietzel, wurde von Robert Kleingünter eingewiesen. Er meckerter, weil er zum Schlafen nun hochsteigen müsse. Auch wenn er sich so mal hinlegen wolle, müsse er immer hochklettern. Die anderen zwei mussten das noch freie Doppelbett beziehen. Unter ihnen war noch ein Dietzel, mit Vornamen Heinz. Der dritte im Bunde hieß Ernst Abbe. Die drei Frankenhainer waren „Anlernlehrlinge“ und hatten nur zwei Jahre Lehrzeit. Solche Berufe waren Dreher, Fräser und Hobler, Schweißer und Härter wohl auch.

Wie es weiter ging

Der nächste Tag begann im Heim wie der erste Tag. Robert tutete vier mal und es ging raus aus den Betten. Beim Marschieren konnte ich mich wieder ärgern, weil die Lieder zu tief angestimmt wurden. Ich hatte noch keinen Stimmbruch.

Heute ging es gleich zu den im Keller liegenden Umkleide- und Waschräumen, wo wir unsere Tasche im zugeordneten Spind ablegen konnten. Wir gingen nur mit der Brotbüchse nach oben. Die musste ja in das Fach im Rollschrank, der kurz vor sieben Uhr verschlossen wurde. Im Keller kam man so ohne weiteres auch nicht an sein Spind. Dazu musste erst der Schlüsselkasten durch den Lehrausbilder vom Dienst geöffnet werden, der dann gleich wieder verschlossen wurde, wenn der letzte Schlüssel wieder im Kasten war. Für jede Gruppe gab es einen Schlüsselkasten. Die waren in der Nähe der betreffenden Spindreihen angebracht. Wer zu spät kam, hatte ein Spießrutenlaufen zu überstehen.

In der Werkstatt, genau Lehrwerkstatt I, abgekürzt LW I, warteten wir an unseren Plätzen der Dinge die da kommen sollten. Fünf vor sieben hupte es. Es war also der Piepston zu vernehmen, der von Lautsprechern ausgestrahlt wurde. Über diese Lautsprecher konnten auch Durchsagen erfolgen oder Rundfunksendungen übertragen werden. Es erfolgte wieder ein Trillerpfiff mit der Aufforderung, anzutreten. Das hatte im Marsch-Marsch-Tempo zu erfolgen. In einer knappen Minute standen wir. Nach der Meldung an den Meister gab der seine Anweisungen. So war das dann jeden Morgen. Noch vorm Signal zum Arbeitsbeginn wurde weggetreten und man stand um sieben vor seinem Schraubstock. Nun konnten wir uns weiter an unseren U-Stählen auslassen. Wir erlernten Ausdauer und dazu zu schweigen. Die Schruppfeilen, die wir benutzen sollten, waren am Blatt um die 400 Millimeter in der Länge. Scharf war keine von ihnen, aber darum ging es auch nicht am Anfang. Das Führen der Feile war wichtig.

Nebenbei wurden Wege erledigt. So kam ich an diesem Tag das erste Mal in das Büro. Es lag eine Treppe tiefer. Der Weg dort hin führte über den Speisesaal zur Werkberufsschule. In dem dortigen Gang die erste Tür links war das Büro. Gleich hinter der Tür befand sich eine Barriere, die nicht gestattete, weiter in diesen Raum zu treten. Der Raum war so groß wie ein Klassenraum der darüber liegenden Berufsschule. Als Büro galt nur ein kleiner Teil dieses Raumes. Der Rest war auf den dazugehörigen Schreibtischen mit Zeichengeräten voll gestellt. Dort arbeiteten die ersten Technischen Zeichner, die ich erblicken durfte. Ich wusste es nicht genau. Ich ahnte es nur.

Unsere Gruppe feilte bis Mittag. Nach dem Mittag gingen wir in die Schule. Wir erfuhren, in welchen Fächern wir unterrichtet werden. Darunter war auch Technisches Zeichnen. Ich hatte ab diesem Tag im ersten Lehrjahr jeden Dienstag Berufsschule. Der Marsch ins Heim begann an diesem Tag später, also erst nach der regulären Arbeitszeit für Lehrlinge unter 16 Jahren.

Die folgenden Tage wurden neben der Feilerei dazu benutzt, weitere Aufnahmebedingungen zu erledigen. So der Gang zu Betriebsarzt und zum Fotografen, von dem das Passbild für den Betriebsausweis aufgenommen wurde.

Ebenfalls wurden uns verschiedene Verhaltensregeln beigebracht. Wenn einer zur Toilette musste, die im Keller war, hatte er sich beim Lehrausbilder abzumelden. Dazu musste man sich in der Haltung „Stillgestanden“ in der Nähe des Lehrausbilders postieren und warten, bis er zum Ausdruck brachte, das er einem Anliegen Gehör schenken würde. Vor dem Sprechen hatte der Bittende einen ordentlichen „Deutschen Gruß“ zu leisten. Nach dem Gruß war zu sprechen. Der Lehrausbilder überprüfte dann, ob nicht andere der Gruppe schon unterwegs waren und gestattete dann oder nicht.

Wenn man nun unterwegs war, hatte man Vorgesetzte ordentlich zu grüßen. Im Treppenhaus mit Kopfwenden und außerhalb mit „Deutschem Gruß“. Beides ohne zu sprechen. Traf man unterwegs zwei Vorgesetzte an, die im Gespräch waren und dazu den gesamten Weg nutzten, hatte man Haltung anzunehmen und zu warten. Wenn die Vorgesetzten aufmerksam würden, sei zu fragen, ob man vorbeigehen dürfe. Man hatte so zu fragen: „Lehrling sowieso bittet vorbeigehen zu dürfen.“ Erst wenn das gestattet wurde, durfte man weitergehen. So ähnlich war es auch, wenn man zur Toilette wollte. In diesem Fall musste man dann sagen: „Lehrling sowieso bittet austreten gehen zu dürfen.“

Im Lehrlingsheim wie im Betrieb wurde militärische Disziplin gefordert. Beim Heimleiter Erhard Haider empfand man das nicht so. Er pflegte mehr einen „kumpelhaften“ Umgang mit uns, war hilfsbereit aber bestimmt. Er machte keine Ausnahmen. Ich glaube, wir alle hatten volles Vertrauen zu ihm. Man konnte sich mit jedem Problem an ihn wenden. Nach meinem heutigen Wissen würde ich ihm hohes pädagogisches Geschick nachreden.

Mit meinem Geschick sah es da nicht so gut aus. Das betrifft nicht die fachliche Ausbildung im Betrieb, sondern das Leben außerhalb desselben. Im Frühjahr eines jeden Jahres fanden im deutschen Reich die Sportwettkämpfe der Jugend statt. Zum Sportabzeichen wurden in der Regel die Disziplinen 100-Meterlauf, Weitsprung und Schlagballweitwurf gefordert. Wer 150 Punkte erreichte, bekam das Sportabzeichen. Ich weiß nicht mehr, wo wir das im Heim gemacht haben. Jedenfalls war ich unter den besten Zehn von den 80 Lehrlingen im Heim, die man als Hitlerjugendgefolgschaft zählte. Diese zehn Besten mussten zum Ausscheid in der nächst höheren Klasse. Ich glaube, die nannte sich „Gebiet“. Dieser Wettkampf fand auf dem Suhler Sportplatz statt, wo ich nicht nur das erste mal eine Aschenbahn sah, sondern sie auch noch benutzen durfte.

Der dazu vorgesehene Tag war kalt und regnerisch. Vom Warmmachen oder Warmlaufen hatte ich keine Ahnung und verhielt mich vor dem 100-Meterlauf recht ruhig, um Kräfte zu sparen. Das war die erste Disziplin, die ich absolvieren sollte. Ich ging an den Start und bibberte vor Aufregung und Kälte. Neben mir hockten recht kräftige Kerle, die mindestens ein Jahr älter waren als ich. Die sah ich dann auch von hinten und ich strengte mich an, sie aufzuholen. Doch als ich glaubte heranzukommen, spürte ich in meinem linken Oberschenkel einen stechenden Schmerz und musste noch vor dem Ziel aufgeben. Ich humpelte danach zum Weitsprung. Dort hockte ich mich zur Seite und wartete, bis ich aufgerufen wurde. Ich lief an und der stechende Schmerz kam bald wieder. Ich verwechselte dazu noch mein Sprungbein und sprang links ab. Ich sackte aber nur noch in den Sand der Sprunggrube und da war erst einmal Schluss.

Erhard Haider war aber gleich da und man trug mich zu einem Auto, in dem er mit mir zum Docktor Schirmer in Suhl gefahren wurde. Der wollte einen Muskelriss festgestellt haben. Nun war für mich das Stehen am Schraubstock erst einmal zu Ende. Vier Wochen hatte ich Ausfall.

Im Heim angekommen, erwartete mich eine andere Überraschung. Mit der hätte ich aber rechnen können. Vor einiger Zeit hatte ich während des Schlafens einen Pubs gelassen, bei dem ein Teelöffel voll Nasses dabei war. Als ich es an dem betreffenden Morgen bemerkte, war die Sache schon relativ trocken. Um es zu verstecken, legte ich eine dünne Wolldecke darüber, die als Reserve immer am Fußende des Bettes auf der Decke lag. Während ich beim missglückten Sportwettkampf war, wurde von den im Heim Gebliebenen ein Wäschewechsel durchgeführt. Die hatten dann ihren Spaß und ich das Schämen. Sie meinten, und das war wohl Hüsings Idee, ich hätte einen Pfennig im Bett versteckt gehabt.

Haider kam dazu und meinte, dass das jedem einmal passieren kann, aber ich hätte mich doch gleich um ein frisches Laken bemühen sollen.

Es dauerte nicht lange, und ich musste erneut in das Krankenzimmer. Da war ein Lehrling aus dem Thüringer Wald, der wollte mir unbedingt „die Freß vollhaue“. Warum, das könnte nur er sagen. Er gehörte nicht in meine Gruppe im Betrieb, also auch nicht in meine Schulklasse. Er wohnte im Heim in einer der letzten Stuben der Neulinge und saß deshalb auch nicht in der Nähe meines Tisches beim Essen. Er war sogar einer von denen, die am Schraubstock eine Unterlage benötigten. Ich ging ihm so gut es ging aus dem Weg. Doch an einem Nachmittag, nach der Arbeit, gelang es ihm, mit mir eine Keilerei anzufangen. Als er mich nicht bezwingen konnte, begann er zu schlagen. Ich wehrte mich so gut ich es vermochte. Beim Abdrehen von meinem Gegner verpasste ich ihm einen Schlag, der ihm wohl reichte, doch mir am rechten Handballen, auf der kleinen Fingerseite, einen Bluterguss einbrachte. – Im Ergebnis musste ich meine rechte Hand einige Zeit in Lehm einpacken.

Im Betrieb ging der Grundlehrgang Metall weiter. Ich hatte die Fehlzeit so recht und schlecht aufgeholt. Nachdem wir die Schenkelenden des ersten U-Stahlstückes fast abgefeilt hatten, gab es ein neues U-Stück mit den gleichen Abmaßen wie das vorher bearbeitete. Wir hatten schon beim ersten U-Stück gelernt nach Anriss zu feilen, wobei der erste Anriss noch vom Lehrausbilder vorgenommen wurde. Die anderen Anrisse besorgten wir selbst. Beim Bearbeiten mit der Feile ging es nun darum, dass beide Anrisse an den Schenkeln des U-Stahles gleichmäßig noch zu sehen waren. Beim zweiten U-Stahl wurden in der Regel nur zweimal angerissen. Dann ging es an die Stegfläche. An dieser Fläche übten wir das „eben feilen“.

Zur Überprüfung der Ebenheit dieser Fläche benutzten wir ein Haarlineal. Bei diesen Arbeiten, dem eben und winklig feilen habe ich aufgeholt. Komplizierter wurde dann das Feilen der Stirnseiten, doch das gelang mir ebenfalls ganz gut. Beim winklig feilen wurde zum Überprüfen ein rechter Winkel benutzt. Die dafür verwendeten Winkel waren sehr genau und wurden, wie auch das Haarlineal sehr pfleglich behandelt. Wenn wir diese Messzeuge benutzten, wurde auf der linken Seite hinter dem Schraubstock ein dicker Lappen ausgelegt, auf dem diese Messzeuge abgelegt werden konnten. Nach der Nutzung oder zum Feierabend wurden die Messzeuge mit einem Lappen abgewischt und hauchdünn mit Vaseline eingerieben. So kamen sie dann in ihr Fach.

Nachdem das U-Stück fertig war, wurde ein Flachstahlstück bearbeitet. Das musste eben, winklig und maßhaltig gefeilt werden. Zum Messen benutzten wir eine Schieblehre, mit der man bis 0,1 Millimeter genau messen konnte. Die Sache wurde immer komplizierter, aber ich fand Gefallen daran und überlegte, ob ich nicht meinen Beruf wechseln könne. Nach den Informationen, die wir erhielten, war das im ersten Lehrjahr möglich, wenn es sich um einen Beruf handelt, der im Betrieb ausgebildet wird. Dazu müsste man die Unterschrift des Vaters erhalten. Meiner war aber zu diesem Zeitpunkt nicht greifbar. Er war zur Wehrmacht eingezogen und beteiligte sich gerade an der Besetzung Polens. Ich hatte also kaum Gelegenheit, meinem alten Herren meinen Wunsch beizubringen und dazu noch seine Unterschrift einzuholen. Die Feldpost war viel zu lange unterwegs.

Die Metallbearbeitung war nicht das einzige, was mich reizte, den Beruf zu wechseln. Vielmehr war es die Möglichkeit, Büchsenmacher zu werden. Dafür interessierte ich mich nun mehr, je länger ich in der Lehre war. Ich begann also recht bald, meine Berufswunschänderung zu verbreiten, sagte dazu gleich, dass es mit der Unterschrift des Vaters Probleme geben könnte. Zunächst wurde ich aber als Technischer Zeichner weitergeführt.

Unsere Tätigkeiten im Betrieb mussten wir in einem Merkheft niederschreiben, in dem der Lehrausbilder wöchentlich seinen Kontrollvermerk darunter setzte. Diese Tätigkeiten mit den dazu passenden Zeichnungen wurden dann in ein „Werkstattheft“ übernommen. Die Werkstatthefte wären aber noch nicht geliefert und das müsste alles nachgeholt werden.

Weiter erfuhren wir, das wir noch ein mehrwöchiges Ausbildungslager absolvieren sollten. Da es zur Zeit noch nicht möglich wäre, das Ausbildungslager durchzuführen, seien während der Arbeitszeit Ordnungsdienste geplant. Zu diesem Ordnungsdienst wurde jeweils ein Ausmarsch angesetzt. So ein Ausmarsch ging in der Regel zum Betriebstor hinaus hinter den Bahnhof Heinrichs. Da ging links am Bahnhof vorbei eine Unterführung zu einem Tal, durch das ein Feldweg führte. Auf diesem Feldweg übten wir die Grundstellung und das Wenden. Auch das Grüßen wurde geübt. Auf der sich nach links in den Grund anschließenden Wiese übten wir das Antreten.

Gleichzeitig war das eine Möglichkeit uns zu triezen. „Zwo mal links schwenk! – marsch, marsch!“ und so weiter, wo es auch einmal andersherum ging, wo das Hinlegen und das „Sprung auf, marsch marsch“ nicht fehlte. Wir hatten ja nun unsere Arbeitsanzüge und da durfte man uns eben so richtig scheuchen.

Der erste Fliegeralarm

Wir sollten unsere Kleidung so auf unseren Schemeln ablegen, dass wir uns schnell anziehen konnten. Man sagte dazu auch „Päckchen bauen“. Das wurde in der freien Zeit im Lehrlingsheim geübt. Auch Probealarme wurden durchgeführt, wobei es vor allem darum ging, uns im Dunkeln schnell anzuziehen.

Der Heimleiter war mit uns zufrieden. Wir hatten im Heim keine Keller und so auch keine Schutzräume. Dazu war vereinbart, dass wir in die Keller der Einfamilienhäuser gehen könnten, die am Berg über dem Arbeitsdienstlager standen. An der oberen Grenze dieses Lagers war noch ein Tor, von dem aus man über eine etwa 80 Meter breite Wiese in mittlerer Hanglage zu diesen Häusern gelangen konnte. Unsere Baracke stand etwa zehn bis zwölf Meter vom oberen Zaun entfernt, wo es natürlich auch schräg nach oben ging, aber wesentlich steiler als auf der Wiese. Man konnte das eher als eine Böschung betrachten. Dazu kam noch, dass man von der linken Seite aus einen Weg aufgeschüttet hatte, der mindestens mit einem Gespann befahren werden konnte.

Durch dieses Tor sind wir bei schönem Wetter zur Arbeit gegangen. Da war es etwas näher zum Betrieb. Wir konnten einen hinteren Betriebseingang nutzen und so war der Weg nicht zu weit. Für Lehrlinge, die im oberen Betriebsbereich eingesetzt waren, wirkte sich das besonders günstig aus. Doch dazu gehörte ich noch nicht. Bei schönem Wetter deshalb nur, weil der Hang in das Tal bei Heinrichs schlammig und glatt wurde. Da konnte man sich gut die „Klamotten einsauen“. Wenn wir auf der Anhöhe zum Betrieb gingen – wir marschierten da nicht mehr – war es interessant zu sehen, wie sich der Dampf der Lokomotiven bei ruhiger Morgenluft wie eine Perlenkette über den Zug und dann über das Tal streckte. Eine Zeit lang konnten wir auch zusehen, wie ein Flugzeug, eine Dornier II, gegen die Nonnen, einen Holzschädling, Gift versprühte. Das Flugzeug stürzte ab und es kreiste dann kein anderes mehr.

Inzwischen lernten wir unsere Leute vom Luftschutzkeller kennen und es gab ein „Probesitzen“. Die Häuser gehörten zur Lauterbergsiedlung in der auch das Haus meines Onkels Hans stand. Unsere „Kellerhäuser“ standen am Rand des Berges und das Haus von Onkel Hans befand sich am anderen Ende dieser Siedlung. Ich hab mich dort bei Tante Lotte ab und zu einmal sehen lassen. Onkel Hans war ebenfalls eingezogen.

Der Krieg war nun schon über zehn Monate lang und keiner von uns glaubte, dass es einmal in dieser Gegend zu einem Bombenangriff kommen werde, zumal wir nun schon Frankreich besiegt hatten. Doch da ertönten in einer Nacht die Sirenen. Wir verhielten uns wie geübt und saßen dann im zugewiesenen Keller. Ich weiß nicht mehr, wie lange der Alarm andauerte. Wir waren endlich froh, wieder in unsere Koje zu kommen.

Nach unserem Ermessen war weiter nichts geschehen. Wir hatten uns aber getäuscht. Nicht einmal so sehr weit entfernt von unseren Kellern, aber in Richtung unseres Betriebes, waren drei Bomben eingeschlagen. Erhard Haider, der Heimleiter, schlug uns vor, die Bombentrichter gemeinsam aufzusuchen. Erwartungsvoll ging es los. Zum oberen Tor hinaus gingen wir an den „Kellerhäusern“ vorbei in Richtung Albrechts. Etwa auf der halben Strecke zu diesem Ort bogen wir nach links in die Richtung zu unserem Betrieb ab. Bald sahen wir drei große Löcher, die Bombentrichter. Wir erkannten auch, dass die Bomben fast in den Betrieb gefallen wären. Das abwerfende Flugzeug hatte genau die Richtung zur Mitte des Betriebes gehabt und die Bomben zwei oder drei Zehntelsekunden zu früh ausgelöst. Der letzte Trichter war am Rand des Hanges, der zum Betrieb abfiel. Und der war steil. Wir konnten das alle gar nicht fassen. Keiner von uns hatte ein Flugzeugbrummen oder die Bombeneinschläge gehört. Wir redeten von einem Geisterflugzeug. Später, in den letzten Kriegsmonaten wurde die gesamte Lauterbergsiedlung, wo vor allem Gustloff-Arbeiter wohnten, von Bomben zerstört.

Als ich in den 1980er Jahren einmal kurz dort oben war, fand ich zwar neue Häuser aber nicht die alte Struktur wieder. Tante Lotte war 1942 in das Stadtzentrum von Suhl gezogen.

Eine Fahrradtour

Ich kann nicht genau sagen, ob die Fahrradtour nach dem Städtchen Römhild vor oder nach den Ferien statt fand. Jedenfalls durften alle, die ein Fahrrad besaßen, bei dieser Tour mitfahren, egal in welchem Lehrjahr sie gerade waren. Ich hatte kein Fahrrad und hätte mir auch keines kaufen können. Der Betrieb verkaufte damals noch Fahrräder zum Preis um die 70 bis 80 Reichsmark. An diesen Fahrrädern war die Bezeichnung BSW, was die alte Betriebsbezeichnung war und Berlin-Suhler-Waffenwerk bedeutete. So ein Fahrrad hatte ich mir gewünscht, aber mein Weihnachtsmann hatte kein Geld und verzichten hatte ich inzwischen gelernt.

Bald war auch die Möglichkeit nicht mehr gegeben, ein solches Fahrrad zu erstehen. Doch irgendwie hatte ich herausbekommen, dass bei Tante Lotte ein Damenfahrrad herumstand. Ich ging also dahin und fragte, ob sie mir das leihen würde. Mit zögern und zaudern stimmte sie zu. Sie benötigte es dringender, als zu einer Fahrradtour. Nun konnte ich doch mitfahren.

An dem vorgesehenen Sonnabendnachmittag ging es los. Vor Themar hatte ich einen Platten. Haider beorderte einen zweijährigen Lehrling zu mir, der den Weg kannte und der etwas mehr Ahnung vom Flicken hatte als ich. Die Panne erwischte mich bei der Abfahrt nach Themar. Wir fuhren nicht sehr schnell, denn Haider hielt das Tempo so, dass man gefahrlos anhalten konnte. Als wir in Themar ankamen, wartete noch ein weiterer zweijähriger Lehrling auf uns. Zu dritt ging es dann die Straße in Richtung Römhild hoch. Die Gleichberge, die durch einen Sattel verbunden sind, waren links von unserer Fahrtroute zu sehen. Bald waren wir in Römhild. Unser Ziel war das Kinderheim in dieser Stadt.

Es war wohl so, dass man zwischen beiden Heimen Verbindung hielt. Die Heimkinder hatten dadurch bessere Möglichkeiten, einen guten und gefragten Beruf zu erlernen. Ich erfuhr, dass Robert Kleingünter, unser Stubenältester, auch aus diesem Heim stammte. Geboren war er aber in Österreich.

Das schönste war aber, dass in diesem Heim ein kleines Schwimmbad war. Wir konnten uns nach Herzenslust im Wasser tummeln. Das war die schönste Badegelegenheit die ich jemals hatte. Wir konnten bis zum Dunkeln im Wasser bleiben. Übernachtet haben wir auf einem Dachboden von einem Nebengebäude des Heimes. Früh ging es gleich mit einem kühnen Sprung ins Wasser. Am Nachmittag traten wir die Heimfahrt an, die ohne Probleme vonstatten ging.

Ein lustiges Ereignis

Es ging auf den Herbst zu und im Betrieb kamen Studenten aus Jena zum Einsatz. Man hatte vor, gemeinsam mit den Studenten und den Lehrlingen des Lehrlingsheimes einen Abend zu gestalten. Nun war gefragt, was wir dazu alles beitragen können und wir sollten uns etwas für diesen Abend einfallen lassen. Mit dem Einfallen war das kein Problem, waren wir doch aus sehr vielen Gegenden Deutschlands zusammengewürfelt und viele kannten einen Sketsch oder andere spaßige Dinge.

Nun wurde ausgeknobelt, was man alles anstellen wollte. Es war bekannt, dass der Betriebsberufsschulleiter Dr. Wacker zugegen sein und auch übernachten würde. So war nun vorgesehen, dass einer, der einen Clown spielen sollte, mit Hüsings Luftgewehr über dem dunklen Anzug von Dr. Wacker eine Portion Mehl verschießen sollte. Das sollte die Krönung werden. So war es dann auch. Den Clown spielte der Lehrling Schönfelder, der aus der Sonneberger Ecke stammte. Er hatte dann alles in der Hand und wir hielten uns die Bäuche vor lachen. Der Mehlschuss wurde natürlich vorher ausgetüftelt, bis er so ankam, wie man sich das vorgestellt hatte. Keiner hätte gedacht, dass Schönfelder so etwas drauf hatte. Er sprach so eigenartig, dass man schon darüber lachen musste.

Mit dem Mehlschuss sollte das so dargestellt werden, dass es dem Tell’schen Schuss glich. Schönfelder holte sich dann einfach Dr. Wacker und postierte ihn. Da man nun keinen Apfel zur Verfügung hatte, war ein Käseschachtel aus Pappe dazu auserkoren. Die hat er versucht mit der hohen Kannte auf den Kopf von Dr. Wacker aufzubringen, was natürlich nicht gleich gelang. Das ergab schon allerhand Spaß. Er versuchte das mehrmals mit den entsprechenden Kommentaren. Zuletzt sollte Dr. Wacker die Dose selbst festhalten, was er aber spaßig verweigerte. Schönfelder legte schließlich die Käsedose flach auf den Kopf und schoss nun mit dem erwarteten Erfolg. Das war der Schluss dieses Abends. In der Nacht haben Lehrlinge des dritten Lehrjahres das Gesicht des Dr. Wacker noch mit schwarzer Schuhkreme eingeschmiert, während Wacker in seinem Gästebett schlief. Das wurde vom Heimleiter nicht sehr freundlich aufgenommen.

Die Studenten und Wacker mit Anhang schliefen in einer der Baracken, die unterhalb der Lager- oder Hohen Feldstraße lagen. Dr. Wacker war berüchtigt ob seiner Maulschellen, die er verteilte, wenn etwas nicht ordnungsgemäß oder jemand zu frech war. Die Schläge kamen so schnell, dass man Mühe hatte, das Geschehen zu verfolgen. Klatsch, klatsch und man war bedient. Mir ist es zum Glück nicht passiert. Diese Vorfälle gab es vor allen in oberen Lehrjahren, weil da die Lehrlinge schon frecher waren.

Das Geld

Das Lehrlingsentgelt oder die Lehrbeihilfe gab es monatlich. Halbjährlich wurde es erhöht. Die genauen Summen sind mir entfallen. Es steigerte sich von 13 Komma und zerquetschte im ersten Halbjahr auf 28 Komma und zerquetschte Mark im sechsten Halbjahr. Für die, die noch ein siebtes Halbjahr absolvieren mussten, wie Maschinenbauer und Werkzeugmacher, gab es dann noch einmal einen Aufschlag, wonach es dann über 30 Reichsmark ging.

Das Geld war knapp. Es reichte gerade dazu aus, den Bedarf an Essenmarken zu decken und wenn noch ein Heft, Stift oder Radiergummi gebraucht wurde, sah es schon recht dünn aus. Von den Eltern hatte ich im ersten Lehrjahr nichts zu erwarten, mussten sie doch schon die 35 Mark für das Lehrlingsheim monatlich aufbringen.

Im Betrieb konnte man sich zum Frühstück eine Tasse „Muckefuck“ mit Milch kaufen. Die kostete fünf Pfennige. Selbst diese wenigen Pfennige konnte ich oft nicht aufbringen und bettelte mir von diesem oder jenem Lehrling einen Schluck Kaffee. Das war mir recht peinlich, aber was sollte ich tun, wenn es beim Essen recht trocken wurde im Mund. Die drei Doppelstullen, die mir der Hunger gebot hinunterzuwürgen, benötigten schon ab und zu etwas Nasses. Drei Doppelstullen bekamen wir vom Heim mit. Die waren meist vom Brot von gestern. Also etwas trocken.

Mit dem Geld musste ich aber auch so haushalten, damit ich, wenn ich heimfahren wollte, auch noch das Fahrgeld hatte. Der Kilometer bei der Bahn kostete damals vier Pfennige. Bis Ronneburg waren es rund 150 Kilometer von Suhl. Nach Bürgel war es etwas kürzer, aber da musste ich in Jena auf den Bus umsteigen, wenn ich nicht die siebzehn Kilometer „mit dem Esel“, wie wir die Eisenbahn in Bürgel nannten, fahren und warten wollte. Also sechs Reichsmark und eine Reserve musste ich beisammen haben. Wenn ich daheim war und mein Großvater Josef hatte das mitbekommen, kam er immer heimlich, meist am Sonntag Vormittag, weil ich nachmittags fahren musste, und drückte mir ein paar Mark in die Hand. Das sollte niemand wissen. Er versuchte dabei immer, mich außerhalb unserer Wohnung zu erwischen, damit das auch meine Mutter, seine Tochter, nicht mitbekommen sollte.

Noch einmal zu den Essenmarken, die wir täglich benötigten. Auch am Sonnabend wurde gegessen. Es waren also in einer Woche sechs mal 30 Pfennige aufzubringen. Das waren wöchentlich 1,80 RM und im Monat meistens über acht Reichsmark. Es blieb mir somit im zweiten Halbjahr etwas mehr Geld in meine Kasse.

Die Appelle und die Arbeitszeit

In einer jeden Woche hatten wir zwei Appelle. Einen Wochenanfangsappell und einen Wochenschlussappell. Zu diesen Appellen mussten wir uns in den großen Festsaal begeben. Alle vier Lehrjahre waren dann zugegen. Im 4. Lehrjahr waren jene, die 3 ½ Jahre lernen mussten.

Der Wochenanfangsappell dauerte in der Regel eine halbe Stunde und der Schlussappell eine viertel Stunde. Die Appelle dienten zur Entwicklung und Festigung der nationalsozialistischen Ideologie. So lang wie die Appelle waren, wurde geredet. Einer dieser Redner, der oft auftrat, hieß Weisheit. Seine Reden waren besonders unbeliebt und langweilig.

Für uns war es wichtig, pünktlich beim Appell zu sein. Am Wochenanfangsappell war das weiter kein Problem. Mussten wir sonst fünf Minuten vor Arbeitsbeginn in der Werkstatt sein, wurden wir ebenso fünf Minuten vor Appellbeginn im großen Saal erwartet. Da gab es kein Ausweichen und wenn geschludert, keine Ausrede. Beim Wochenanfangsappell wurde die „Wochenlosung“ bekannt gegeben, die dann in das Werkbuch, auch Berichtsheft genannt, im Kopf eines jeden Wochenblattes eingetragen werden musste. Da ärgerten wir uns über lange Losungen und freuten uns natürlich über kurze.

Mussten wir von der Lehrwerkstatt aus zum Wochenschlussappell, war das kein Problem. Am Sonnabendvormittag, so gegen zehn Uhr, wurde ein großer Teil von uns zum Maschinenputzen in andere Werkstätten beordert. Meistens war das im Werkzeugbau, der in einem großen und neuen Gebäude untergebracht war. Hier mussten wir uns sputen, rechtzeitig fertig zu werden, damit wir unsere Putzgeräte an der betreffenden Werkzeugausgabe abgeben und unsere Werkzeugmarken zurückerhalten konnten. Klappte das nicht so richtig, weil der Werkzeugausgeber gerade nicht zugegen war, konnte es passieren, dass man zum Schlussappell im 100-Meter-Tempo sausen musste.

Es gab zwei unterschiedliche Arbeitszeiten. Für Lehrlinge unter 16 Jahren galt eine wöchentliche Arbeitszeit von 47 ¾ Stunden. Täglich waren das 8 Stunden und 35 Minuten, wobei die Sonnabendszeit vier Stunden und 50 Minuten betrug. War man 16 Jahre geworden, stieg die wöchentliche Arbeitszeit auf 54 Stunden, wobei neun Stunden und 50 Minuten, außer Sonnabends, täglich geleistet werden mussten. Sonnabends wieder vier Stunden und 50 Minuten.

Meine persönliche Arbeitszeit betrug im ersten und im zweiten Lehrjahr bis zum 8. Januar 1942 47 ¾ Stunden. Danach kamen dann die langen Tage, die kein Ende nehmen wollten. Bei der 54-Stundenwoche war am Nachmittag von 15 : 50 bis 16 : 00 eine Vesperpause, bei der man nur am Arbeitsplatz ein paar Krumen hinunter muffelte.

Die Berufsschule im ersten Lehrjahr

Meine Lust zur Schule hatte sich bisher kaum geändert. Besonders „madig“ war es, wenn wir beim Meister Dietz Arbeitstechniken hatten. Ich hatte große Mühe, die Augen offen zu halten.

Ähnlich war es im Fach Technisches Zeichnen. Das hat mir außerdem gleich den Appetit auf den Beruf verdorben, obwohl die Sache an sich interessant war. Alle Zeichnungen mussten wir ohne Lineal ausführen. Und dann noch die Normschrift, eine Druckschrift, die eine vorgeschriebene Schräglage von 75 Grad nach rechts besitzen musste. Das durften wir dann in Hausaufgaben ausgiebig üben. Es gelang uns immer besser, gerade Linien zu ziehen. Das war aber dann auch nicht besonders schwer, weil wir kariertes Papier verwendeten, wo die Linien einen Abstand von fünf Millimetern hatten. Wir sollten das deshalb so lernen, damit wir dann später in einer Werkstatt ordentliche Skizzen anfertigen könnten.

Bis auf den Sport machte mir die Schule keine Freude. Der Sportlehrer nahm uns tüchtig heran. Besonders hart war das Lauftraining. Man merkte aber auch, dass unsere Laufleistungen besser wurden, obwohl das nur zwei Stunden in der Woche waren, an denen wir Sportunterricht und somit Lauftraining hatten. Zum Sportunterricht und zu anderen Gelegenheiten, stand ein großer Sportplatz zur Verfügung und bei schlechtem Wetter oder im Winter eine große Sportbaracke.

Die Leibesübungen, die wir ab und zu kurz während der Arbeitszeit durchführten, absolvierten wir auf einem großen gepflasterten Platz, der seitlich vor dem Sportplatz lag. Der Sportplatz lag außerdem längs im Tal, das die Hasel durchzog und in dem sich auch der Betrieb befand. Zwischen dem Sportplatz und der Hasel war ein hoher Damm aufgeschüttet. Das Flüsschen wurde hinter der am unteren Ende des Sportplatzes liegenden Sportbaracke zur Mitte des Tales geleitet und neben einem Tor verließ es den Betrieb.


Im Sommer gab es ein großes Sportfest, bei dem wir Lehrlinge mit Leibesübungen auftreten sollten. Dazu wurde natürlich tüchtig geübt, vor allem, dass wir Vordermann und Seitenrichtung einhalten konnten. Es gab dafür keine Markierungen. Als wir das fertig brachten und die Übungen ordentlich ausführten, wurde mit der betrieblichen Blaskapelle geübt, bis alles klappte.

Mit „Heizelmännchens Wachparade“ sind wir aufgelaufen, von dem großen gepflasterten Platz kommend, liefen wir erst zur Mitte der diesseitigen Schlackebahn, wo wir dann nach rechts abbogen. Wir liefen eine halbe Stadionrunde und wendeten uns danach zum Spielfeld. Diese Wendung war nahe der Mitte des Platzes, von wo wir uns dann strahlenförmig auf dem Sportfeld verteilten. In der folgenden Woche waren davon Bilder in der Betriebszeitung. Es war jedoch kaum einer von uns zu erkennen. Aber Freude hat es uns gemacht.

Am Schluss fand noch ein Fußballspiel von damals bedeutenden Mannschaften statt. Ich sah das erste Mal in meinem Leben das Spiel zwischen zwei guten Mannschaften. Die Spielernamen Kupfer und Kissinger sind mir noch in Erinnerung. Das Ergebnis nicht.

Die Hauptsache

Wir sollten möglichst viele Arbeitstechniken am Schraubstock erlernen. Die Mädchen und Hüsing sind nach sechs, sowie acht Wochen in andere Abteilungen gekommen. Sie sollten nur einmal die Nase in die Arbeit stecken, damit sie auch Achtung vor dem Mann an der Werkbank oder der Maschine bekommen.

Das hatte man bei uns Technischen Zeichnern ebenfalls vor. Damit wir uns besser die Fertigung eines Werkstückes vorstellen könnten, mussten wir den Grundlehrgang Metall vollständig absolvieren. Zuerst war natürlich das Feilen das Wichtigste. Aber dann kamen andere Dinge an die Reihe, die größtenteils dazwischen erfolgten. Nicht alles ging am Schraubstock. Wenn also ein Platz zum Bohren, Schleifen oder so frei wurde, spannte man das zu bearbeitende Werkstück aus und wechselte an den betreffenden Platz. So haben wir alle möglichen Arbeitstechniken erlernt. Hatte man beim Feilen mit großen Blasen in der rechten Hand zu tun, schlugen wir uns beim Meißeln immer schön auf die Finger der linken Hand oder auf deren Daumen. Wir glaubten erst nicht, dass man beim Meißeln nicht auf den Meißelkopf blicken darf, sondern nur auf die Schneide. Die Lehrausbilder bestätigten uns, dass sie sehen würden, wo wir hinschauen. Bald hatten wir das auch heraus mit dem Meißeln und es ging an andere Techniken.

In unsere eben und winklig gefeilten U-Stähle wurden Löcher in die Stegflächen gebohrt und dann Gewinde hinein geschnitten. Auch das Sägen mit der Handsäge lernten wir, als wir Winkel aussägten, aus denen die Werkzeugmacherlehrlinge später rechte Winkel durch Feilen herstellen mussten. Bestimmte Teile benötigten wir selbst, um dann in dem schon einmal genannten Flachstück, in das ein quadratisches Loch eingebracht war, ein verschiebbares Vierkant einzupassen.

Wir erlernten den Umgang mit dem Reifkloben und vor allem mit dem Feilkloben, mit Hilfe dessen wir von Hand einen Körner wirbeln mussten. Den Reifkloben benutzt man um Fasen zu feilen oder dünneres Material zu sägen. Das Wirbeln ist eine anstrengende Arbeit. Dazu führt man mit einer Hand eine Feile und mit der anderen das runde Werkstück, was auf einem eingekerbten abgebogenen Winkel aufliegt, der in den Schraubstock eingespannt ist.

Bei dem Körner musste erst das Material von zehn Millimeter Durchmesser auf neun Millimeter heruntergewirbelt werden. Dabei war das Werkstück während des Hin- und Herdrehens ein Stück weiter zu drehen. Mit der Schieblehre konnte man kontrollieren, ob man das Werkstück während des Wirbelns gleichmäßig gedreht hatte. War der Durchmesser erreicht, wurde der kegelige Teil zur Körnerspitze hin und auch der kurze Kopfteil mit Fase gewirbelt.

Das Härten erlernten wir etwas später. Wir wurden immer sicherer beim Führen der Werkzeuge. Natürlich war es mitunter hart, mit einer großen Blase in der Hand das Feilenheft zu führen. Da nutzte man jede Gelegenheit, um auszuspannen. Eine gute Gelegenheit dazu war längeres Messen mit der Schieblehre oder das Prüfen mit dem Haarlineal oder dem Winkel.

Eine ungute Einlage

Wir neuen Heimlehrlinge waren erst wenige Tage im Heim, da raunte man uns von den Zwei- und Dreijährigen Lehrlingen zu, dass bald der „Heilige Geist“ käme. Dann gab es Wochen, wo überhaupt nicht davon gesprochen wurde und dann tauchte die Drohung wieder auf. Mit dem „Heiligen Geist“ meinte man, dass die Neulinge erst einmal Dresche bekommen müssten, bevor sie echte Heimlehrlinge sein würden. Dazwischen gab es aber noch ein anderes Ereignis, was uns die Härte des Heimlebens klarmachen sollte. Da war ein Lehrling, wohl in der Stube 4, der hatte etwas gestohlen. Was er gestohlen hatte, weiß ich nicht mehr. Er, und wir alle vom ersten Lehrjahr, mussten in die Turmstube kommen, die nicht belegt war. Der Delinquent wurde an den Mittelpfahl gefesselt und verhört. Das machte einer vom 3. Lehrjahr. Der war Scharführer der Hitlerjugend und einer von den Danzigern. Von denen waren einige recht rabiate Kerle, der Scharführer war einer davon und gerade Führer vom Dienst. Die Danziger hatten schon angefangen zu lernen, bevor Polen überfallen wurde.

Nachdem die Verwerflichkeit des Kameradendiebstahls eindringlich hervorgehoben und davor gewarnt wurde, ging es an die Bestrafung. Der Schuldige wurde mit entblößtem Hintern zum Bücken gebracht und jeder von uns musste derb mit einem Schulterriemen auf diesen Hintern schlagen. Wir mussten nur einen Schlag abgeben, aber wer nicht derb genug geschlagen hätte, wäre gleich daneben gestellt worden.

Nicht lange nach dieser Bestrafung wurden die Andeutungen zum „Heiligen Geist“ intensiver. Wir in der Stube eins machten unter uns aus, dass wir uns wehren werden. Vorsorglich hatten wir alles so gut es ging verrammelt. Als es soweit war, nützte uns das nichts. Auf der Türseite wurde der erste Fensterladen aufgerissen und eine Scheibe zerstört. Im nu waren die Kerle im Raum. Und da ging es los. Sie hatten Taschenlampen und blendeten uns. Zum Schluss zu bemerkte ich, dass nur noch bei Hüsing und mir gedroschen wird und nur wir zwei uns wehrten. Davon bekam ich die meisten Schläge ab, weil man bei mir frei zuschlagen konnte, während Hüsing mein Bett über sich hatte. Man schlug mit Handtüchern, auf deren einen Seite ein Knoten gemacht und in Wasser angefeuchtet war. Ich hatte eigentlich nur Angst davor, dass man mir die Brille zerschlägt, die ich auf dem Spind neben dem Bett abgelegt hatte. Die Schmerzen waren erst einmal Nebensache, durfte doch ein Hitlerjunge nicht jammern. Die Schmerzen, die ich fast am ganzen Körper spürte, ließen mich lange nicht zur Ruhe kommen wie der Ärger darüber, dass sich die anderen überhaupt nicht zur Verteidigung gerührt hatten.

Früh, nach dem Wecken, war die ganze Bescherung zu sehen. Hüsing hatte nur an den Oberschenkeln blaue Flecken, weil er sich in den hintersten Winkel seines Bettes verzogen hatte, wo er durch den Spind und das Bett über ihm gut geschützt war, aber dem einen oder anderen, der zu nahe kam, einen Faustschlag verpasste. Ich dagegen konnte mich nur mit dem Keilkissen schützen, was mit Haferstroh gefüllt war. Da ich aber so gut ich konnte zurückschlug, war ich ja für andere Schläger frei und man traf mich gut, sodass mein Rücken grün und blau wurde. Mein linkes Ohr hatte auch einen Schlag abbekommen und verfärbte sich.

Haider, der am Morgen die Stuben inspizierte, ließ mich nicht zur Arbeit gehen und wies mich in die Krankenstube. Das war ihm doch etwas fatal, vor allem weil Hüsing ihm Vorhaltungen machte. Besonders ob der geknoteten und nassen Handtücher, wodurch es für uns keine Waffengleichheit gegeben habe. Eine Woche lang konnte ich nicht zur Arbeit gehen. Als ich dann am Dienstag in der Betriebsberufsschule saß, fragte mich Meister Dietz, was ich mit meinen Ohr gemacht hätte. Ich antwortete ihm, dass ich vom Bett gestürzt sei, was er sich wohl nicht so richtig vorstellen konnte. Mein linkes Ohr war von oben herab noch dunkelblau.

Direktor Lange

Der Berufsausbildung stand Direktor Lange vor. Er wurde von allen gefürchtet. Er regte sich mächtig auf, wenn er von einem Lehrling nicht ordentlich gegrüßt wurde. „Ordentlich“ gegrüßt bedeutete vor allem, dass bei dem Faschistengruß der rechte erhobene Arm gestreckt war und die ebenfalls gestreckte Hand mit der Handfläche nach unten sich in Augenhöhe befand. Hatte der Herr Direktor daran etwas auszusetzen, gab es Theater. Entweder, er kommandierte gleich: „Hinlegen! – Sprung auf, marsch, marsch!“ und wiederholte das ein paar mal oder er erfragte den Namen, forderte, dass man sich wegen des Grüßens beim Meister meldete und ließ den betreffenden sich dann auf den Boden legen.

Nachdem man Frankreich niedergerungen hatte, Holland und Belgien auch, konnte es passieren, dass er einen jungen Belgier anschnauzte, denn von denen hatte man vor allem Fachkräfte als Fremdarbeiter hereingeholt, die dann entsprechende Abzeichen tragen mussten. So gab es im Betrieb mehrere Nationalitäten.

Im Lehrlingsheim hatten wir regelmäßig Appelle, bei denen verschiedene Sachen, wie Schuhe, Wäsche und andere Bekleidung sowie die Spinde, kontrolliert wurden. Eines Tages hieß es, dass Direktor Lange uns besuchen und auch Appelle durchführen werde. So kam er in unsere Stube. Robert Kleingünter war noch da. Lange betrachtete die Betten und wollte dann Hüsings Spind sehen. An Hüsings Spindordnung fand er nichts, was er bemängeln konnte. So griff er nach der Zahnbürste, die aus dem Zahnputzglas oben herausragte. In einer Hand hatte er den Stiel der Zahnbürste erfasst und mit dem Daumen der anderen Hand fuhr er über die Borsten. „Die Bürste ist doch ganz trocken. Wann haben sie sich das letzte Mal die Zähne geputzt?“ fragte er. „Gestern Abend“, antwortete Hüsing. – „Das stimmt nicht.“ – „Doch“, erwiderte Hüsing. So ging der Streit ein paar mal hin und her. Schließlich beharrte Lange darauf, dass das Zähneputzen am Morgen das wichtigste sei. Das verneinte aber Hüsing und so ging der Streit hin und her. Lange blickte Haider an und wollte von ihm die Bestätigung seiner Ansicht erfahren. Doch Haider sagte: „Da irren sie sich, Herr Direktor. Was der Lehrling sagt, stimmt.“ Da ging Lange auf die Palme. Nun wurde der Streit zwischen Haider und Lange fortgesetzt, während sie unsere Stube verließen.

Ich glaube, dass dieses Vorkommnis dem Haider die Stellung gekostet hat. Er wurde später, etwa im Februar 1941, abgelöst. Aber Lange schleppte weiter seinen Fettwanst über den Betriebshof. Haider berichtete uns danach, dass Lange nicht zu überzeugen war und auch nicht eingesehen hätte, dass er eine unhygienische Handlung mit seinem Daumen vollführt hätte. Der rechthaberische Lange trieb weiter sein Unwesen.

Das Schulungslager

Am 2. September 1940 ging es in das Schulungslager nach Dreißigacker bei Meiningen. Da waren alle Lehrjahre des Lehrlingsheimes dabei. Wir waren in einem großen Gebäude untergebracht, was wohl als Schloss galt. Dort war der Herr Janz unser oberster Chef. Die Lehrausbilder waren natürlich auch da.

Gleich am ersten Abend beim Essen gab es von Herrn Janz für alle einen Anpfiff. Es war kurze Zeit nach Beginn des Essens, da erhob sich Janz, vor dem ich große Achtung hatte, und sagte laut: „Herhören! Da gibt es doch tatsächlich unter euch welche, die machen beim Umdrehen der Speisen im Mund den Mund auf und erzeugen ein unappetitliches Geräusch. Ab sofort möchte ich das nicht mehr hören. – Weitermachen!“ Im Lehrlingsheim hatte man uns schon einige Tischsitten beigebracht, doch hier waren nun alle vertreten, die im ersten Lehrjahr waren. Ich kann mich noch an das laute Schmatzen erinnern, bevor Janz das Thema angesprochen hatte. Ab sofort war das Schmatzen dann vorbei.

Im Lager hatten wir Schulunterricht und meist anschließend militärische Grundausbildung. Das Wetter bescherte uns oft Nebel oder Nieselregen. Es war insgesamt unfreundlich. Herr Janz blieb nicht die gesamte Zeit bei uns, waren doch im Betrieb noch die zwei- und dreijährigen Lehrlinge. Ebenso etwa 20 bis 30 der Vierjährigen. Später wurde ihre Anzahl immer geringer, weil sie dann ins Alter zum Kriegmachen herangereift waren. Sogar dreijährige Lehrlinge mussten ihre Prüfung nach zweieinhalb Jahren ablegen, weil sie jahrgangsmäßig schon an die Einberufung zum Wehrdienst herankamen.

Hier im Schulungslager erhielten wir nun endlich die angekündigten Werkstatthefte und wurden über die Eintragungen darin belehrt. Nun kamen neben den gewöhnlichen Hausaufgaben für die Berufsschule noch die wöchentlichen Eintragungen in dieses Heft dazu, was man deshalb auch Berichtsheft nannte. Von dem Merkheft, in das wir täglich unsere Tätigkeiten eintragen und vom Lehrausbilder bestätigen lassen mussten, wurden die wöchentlichen Tätigkeiten auf ein Wochenblatt im Werkstattheft übernommen und im hinteren Teil dieses Buches eine Zeichnung dazu angefertigt, die mit den Tätigkeiten der betreffenden Woche im Zusammenhang stehen sollte. Im Kopf des Wochenblattes waren einige Zeilen angelegt, wo dann noch die Wochenlosung eingetragen wurde, die man jeden Montag beim Wochenanfangsappell bekannt gab.

Das Schulungslager sollte eigentlich drei oder vier Wochen lang stattfinden, es waren zu unserem Glück nur 14 Tage, denn im Lehrlingsheim wohnte es sich besser. Zum Abschluss hatte man einen „Kameradschaftsabend“ angeordnet, bei dem jeder, der etwas lustiges konnte, dies vortragen sollte.

Der Lehrausbilder Peschke, der von der dritten oder vierten Gruppe der zweite Ausbilder war, hatte sich einen Lehrling aus Sachsen vorgenommen, der uns die Sächsische Lorelei vorsingen sollte. Heinze, so hieß dieser Lehrling, war erst kurze Zeit bei uns. Er stammte aus Löbau, wo seine Familie ein Waffengeschäft führte. Lehrjahresmäßig gehörte er eigentlich ins zweite Lehrjahr, doch das hätte er nicht durchgestanden. Er war schon über eineinhalbe Jahre bei einem Büchsenmacher in Sachsen in der Lehre, bei dem er einen Schraubstock nur zum Putzen kennen gelernt hatte. Seine übrige Tätigkeit bestand aus Straße kehren, Wohnung säubern, Einkaufen für die Meisterin und alles was in einem Haushalt noch so zu erledigen war. Sogar beim Waschen der Wäsche musste er jedes Mal helfen. Heinze hatte nun viel nachzuholen, wenn er mit uns gleichziehen wollte. Er besaß den festen Willen dazu und erklärte uns, wie gut doch unsere Ausbildung sei.

Ehrhard, so hieß er mit Vornamen, musste nun einen Tag vor dem Kameradschaftsabend mit Peschke die Sächsische Lorelei lernen, obwohl er nicht singen konnte, wie er immer wieder betonte. Das stimmte nicht ganz. Er hatte nur eine dunkle und kratzige Stimme. So trug er dann auch das Lied vor. Auch ohne so einen Vortrag war Erhard Heinze schon sehr nervös. Wo er auch seinen Blick hinwendete, drehte sich sein Kopf alle drei bis vier Sekunden leicht hin und her. Doch Heinze stand das Lied durch und ich kann es heute noch.


Werkstattheft von Horst Riemenschneider aus dem 1. Lehrjahr 1940

Wieder im Betrieb und im Heim

Nach dem Schulungslager arbeitete ich noch einige Tage an dem Schraubstock, an dem ich seit dem ersten Arbeitstag stand und verschiedene Arbeitstechniken erlernte. Ende September erfolgte nun die Zuordnung zu den Berufen.

Ich war noch unter „Technischer Zeichner“ geführt worden und musste langsam alle Hebel in Bewegung setzen, dem nun neu von mir angepeilten Beruf zugeordnet zu werden. Als neuen Beruf hatte ich mir Büchsenmacher ausgewählt. Inzwischen gab es aber die Information, dass keine Büchsenmacher im Betrieb mehr in die Ausbildung kommen, sondern nur noch Systemmacher. Wer Büchsenmacher werden wolle, müsse daran anschließend zur neu gegründeten Reichsbüchsenmacherschule in Suhl gehen. Dort würde man ein halbes Jahr zusätzlich lernen müssen, wobei vormittags Schulunterricht sei und nachmittags in einer Büchsenmacherwerkstatt ein viertel Jahr das Schäften und dann ein viertel Jahr die Fernrohrmontage zu erlernen seien. Ich wurde also in die Systemmachergruppe eingereiht, die nun in einer Reihe an der Fensterfront in Richtung des Sportplatzes versetzt wurde. Ebenso auch die Werkzeugmacher und Maschinenbauer, die dann auf der Bahnhofseite zwei große Gruppen bildeten. Die anderen Lehrberufe kamen teilweise schon in den Betrieb oder in die Lehrwerkstatt II, die unter uns lag. Dort landeten auch die Frankenhainer, die „Anlerndreher“ in ihren Ausbildungsverträgen stehen hatten. Die Lehrwerkstatt II war voller Maschinen. Unter dem Speisesaal war die große Werkzeugausgabe, in die jeder eine Woche lang zum Kennenlernen eingesetzt wurde, so auch ich.

Mit dem Wechsel in die Systemmachergruppe wurde mir dringlichst geraten, die Unterschrift meines Vaters wegen des Berufswechsels beizubringen. Das hoffte ich im Weihnachtsurlaub zu erledigen. Aber bis dahin war noch etwas Zeit. Weihnachten würde mein Vater vom Kriegmachen Urlaub erhalten. Schließlich hatte er mit seiner Ehefrau bis dahin schon sechs Kinder.

Alle Gruppen mussten sich zunächst mit der Herstellung eines Hammers befassen. Als der fertig war, kam noch ein zweiter dran. War der erste nur 300 Gramm im Gewicht, wurde der zweite als 500 Gramm-Hammer hergestellt. Dazwischen wurde ich in der Werkzeugausgabe in der Lehrwerkstatt I eingesetzt.

Noch in der ersten Oktoberhälfte begannen wir, Hilfswerkzeuge für Systemmacher herzustellen, die wir später auch selbst benutzen sollten. Ein wichtiges Werkzeug für den Systemmacher/​Büchsenmacher ist der Schraubenzieher. Man sagt heute Schraubendreher dazu, was der Funktion dieses Werkzeugs näher kommt. Neben dem Schraubendreher wurde ein Meißel für bestimmte Arbeiten oder Formgebungen bei diesem Beruf benötigt. Man hielt es damals für erforderlich, das Herstellen dieser Werkzeuge in die Ausbildung einzubeziehen, was bei entsprechend eingerichteten Werkstätten relativ schnell geschehen konnte. Unsere Lehrwerkstatt war dazu bestens gerüstet. Ein sogenannter Muffelofen, ein Amboss und auch ein Bunsenbrenner waren vorhanden. In einem Gasofen brachte man den Stahl zum Glühen, sodass man ihn schmieden oder härten konnte. Wir erlernten auf diese Weise einige einfache Schmiede- und Härtearbeiten. Dabei erhielt ich meine erste Maulschelle vom Lehrausbilder.

Einen Schraubendreher oder Meißel zu schmieden und zu härten erfolgte bei uns in mehreren Schritten. Während ein Schmied nach dem Schmieden das Härten und Anlassen in einem Schritt erledigt, mussten wir das Werkstück vor dem Anlassen erst vollständig abkühlen lassen. Danach wurde das Werkstück an der anzulassenden Stelle mit Schmirgelleinwand blank gerieben und am Bunsenbrenner erwärmt, bis die Anlassfarbe erschien. Die Anlassfarben sind je nach Temperatur unterschiedlich. Sie beginnen mit gelb bei etwa 220 Grad Celsius und verfärben sich mit steigender Temperatur über strohgelb zu violett, wenn etwa 300 Grad erreicht werden bis blau, was bei 500 bis 550 Grad liegt. Ein Meißel wird auf strohgelb und ein Schraubendreher auf etwas mehr als violett angelassen. Den Schraubendreher soll man gerade wieder mit der Feile bearbeiten können, während ein Meißel dann nicht mehr stehen würde. Das Anlassen muss aber sein, weil sonst der Stahl zu spröde wird und wie Glas bricht.

Ich ging also mit meinem abgeriebenen Schraubendreher zum Bunsenbrenner und ehe ich mich versah, war er blau-grau, also um 600 Grad und so nicht verwendungsfähig. Erneutes Härten und Abschmirgeln war nötig. Beim zweiten Versuch ging es wieder daneben mit dem Anlassen. Beim dritten danebengegangenen Anlassversuch machte es dann klatsch und mir brannte die linke Wange. Der Lehrausbilder hatte mir eine gefeuert. Beim vierten Versuch brauchte ich lange, bis sich die Anlassfarbe erblicken ließ. Ich packte es aber. Endlich konnte ich das ins blaue gehende Violett vorzeigen.

Bei der Herstellung weiterer Hilfswerkzeuge für Systemmacher musste nun noch genauer gefeilt werden. Die Zehntel Millimeter bei einer Schieblehre waren für die Nachtreibkeile zum Schienen und den Verschlusskeilschlitz nicht mehr ausreichend genau. Wir mussten die 0,02 Millimeter Minustoleranz mit der Messschraube, auch Mikrometer genannt, feststellen. Darunter war es Ausschuss und darüber höchstens 0,0. Minus 0,005 Millimeter, ein halber Teilstrich, war das Ideale. Es machte aber Spaß, festzustellen, dass man das konnte.

Nach den Werkzeugen gingen wir dazu über Spannereiteile herzustellen, bestehend aus Hahn, Spannhebel und Stange. Nun wurde eine 130 mal 70 Millimeter große Platte hergerichtet, die von vier Millimeter Stärke auf 3,5 Millimeter blank gefeilt wurde. Dazu kam noch ein für uns damals eigenartiger Winkel und ein als Bock bezeichnetes Teil. Der Winkel wurde auf die Platte montiert, auf der gleichzeitig das Reiben mit einer Reibahle erlernt wurde. Der Bock erhielt auch seinen Platz auf der Platte und wir erkannten bald, dass der Winkel die zu einem Gewehrlauf sitzende Front eines Kastens darstellen sollte. Der Kasten ist der Teil bei einem Kipplaufgewehr, in dem die Spannerei, der Verschluss, die Abzugsvorrichtung mit Sicherung und der Schaft angebracht sind. Die Herstellung solcher Kipplaufgewehre, die man zur Jagd benutzt, sollten wir erlernen und ich wollte das. Endlich hatte ich ein Berufsziel, bei dem ich mir auch eine Perspektive ausmalte. Die Meisterprüfung war damit schon eine ausgemachte Sache für mich.

Im Heim mussten wir am Morgen keinen Stubendienst mehr machen, dazu hatte man inzwischen zwei Belgier angestellt, die man verpflichtet hatte, in Deutschland zu arbeiten. Kriegsgefangene waren es nicht, denn sie trugen keine Uniform. Nachdem man Westeuropa besetzt hatte, wurden im Betrieb auch Kriegsgefangene zur Arbeit eingesetzt. Gesehen habe ich zum Beispiel Franzosen.

Zur Heimleitung war ein neuer Mann gekommen, ein Österreicher, den wir Steffel nannten. Man merkte, dass er mehr durchgehen ließ als Haider. War Haider nicht anwesend, wurde es beim Essen im Speisesaal laut. Steffel schloss fast jeden Tag das obere Tor auf, sodass wir den kürzeren Weg zum Betrieb gehen konnten. Ich schätzte ihn auf 55 bis 60 Jahre. Er war nicht die einzige neue Person. In der Heimküche wurde ein Mädchen eingestellt. Sie hieß Käthe Schweigert und war aus Mäbendorf, einem Ort, der etwa einen halben Kilometer Richtung Dietzhausen lag. Sie war ein guter Kumpel für uns. Die dreijährigen buhlten um ihre Gunst. Sie kam mit dem Fahrrad und konnte gut nachfühlen, wie wir zu Fuß den Weg zurücklegen mussten, denn ab und zu ging ihr Fahrrad mal kaputt.

Der Winter stand vor der Tür, der in dieser Gegend schon im Oktober recht heftig sein kann. Hüsing hatte inzwischen auch sein Fahrrad mitgebracht und musste nun nicht mehr laufen. Er besaß ohnehin Dinge, die sich viele von uns, besonders ich, nicht leisten konnten. Außer einem Luftgewehr besaß er eine Schmalfilmkamera, mit der er uns ab und zu filmte. Sein Vater führte in Göttingen ein gut gehendes Waffengeschäft. So hatte er auch eines Tages eine kleine Pistole, mit der man Leuchtmunition verschießen konnte und das taten wir dann auch ab und zu vom Holzturm aus, der als Mittelteil unserer Baracken für uns frei zugänglich war. Hüsing war damals schon 18 Jahre alt.

So Ende Oktober, es war früh, wenn wir zur Arbeit gingen, schon recht dunkel, bot mir Hüsing an, sein Fahrrad zu benutzen, weil er einige Tage nicht anwesend sei. Ich besorgte mir eine Fahrradmarke, damit ich an dem Tor, wo ich das Fahrrad einstellen wollte, auch Einlass erhielt. Es kam aber nicht soweit. Wegen der Dunkelheit war es notwendig, dass das Licht am Fahrrad eingeschaltet wurde. Das klappte auch. Wegen des Krieges und der Verdunkelungsauflagen war es Pflicht, das Licht des Scheinwerfers nur gemindert durch einen Schlitz nach außen dringen zu lassen. Dazu hatte Hüsing ein Stück dunkles Packpapier mit Heftpflaster auf dem Scheinwerferglas befestigt. Schon nach gut 100 Metern löste sich an einer Seite das Heftpflaster und das Packpapier klappte zur Seite. Ich drückte das wieder an und musste das oft wiederholen. Natürlich hielt ich nicht immer gleich an. So auch kurz vor der Einmündung unseres Weges auf die Hauptstraße. Meine Scheinwerferabdeckung hatte sich gerade gelöst, da schnappte ein Gendarmenarm nach mir und zog mich vom Fahrrad. Es gab einen Disput, bei dem ich letztlich beschuldigt wurde, das Fahrrad gestohlen zu haben. Zum Schluss, nach dem man meine Personalien aufgenommen hatte, legte man fest, dass der Besitzer des Fahrrades dieses selbst abholen sollte.

Der bösartige Verdacht war die eine Seite dieser missglückten Radtour. Schlimmer war, dass ich nun zu spät zur Arbeit kam. Ich stand etwa 20 Minuten nach Arbeitsbeginn vorn bei Meister Dietz, um mich zu entschuldigen. Doch der schiss mich zusammen und ließ keine Entschuldigung gelten. Dann begann das Spießrutenlaufen. Zuerst den Lehrausbilder vom Dienst suchen. Mit dem dann nach unten in den Keller zu den Umkleideräumen gehen und umziehen. Nun hatte gerade der dickste Lehrausbilder diese Aufgabe. Der schimpfte ausgiebig, musste er doch meinetwegen diesen zusätzlichen Weg zurücklegen. Dann musste ich beim Lehrausbilder bitten, dass der Rollschrank geöffnet wird, damit ich meine Brotbüchse ablegen konnte. Nun erst kam ich zur Arbeit.

Bald darauf bekam ich meine zweite Maulschelle. Es war im November, wir hatten die Eintragungen in unseren Werkstattheften fast auf dem aktuellen Stand, da stieß jemand im Heim an den Tisch, an dem ich schrieb und das Tintenfass kippte um. Ein Riesenklecks entstand in meinem Heft, der sich nicht nur auf die betreffende Seite bezog. An den nächsten Tagen sollte ich mein Heft vorlegen. Der Lehrausbilder übermittelte es sofort dem Meister Dietz. Der rief mich zu sich und kam mir gleichzeitig entgegen. Er schnauzte mich an, was das sein solle. Ohne meine Entschuldigung anzuhören bekam ich eine Ohrfeige, die nicht von schlechten Eltern war. Ich solle mich an einen anderen Tisch setzen, wenn ich derartige Schreibarbeiten zu erledigen hätte. Ich dachte, der macht Spaß. Doch davon war er weit entfernt. Eine Entschuldigung akzeptierte er nicht. Das Heft musste ich von vorn wieder neu beginnen. Alle Wochennotizen und die Skizzen dazu noch einmal ausführen. Ich ärgerte mich doppelt. Das neue Heft hatte nicht mehr so gutes Papier, es war schon Kriegswahre, wo die Schreibfeder oft in das Papier einhakte. Ich überstand das auch. Das Heft war zum gesetzten Termin fertig. Heute würde ich sagen, es ist sogar noch einigermaßen geworden.

Endlich Vaters Unterschrift

Ich war gerade so schön dabei, den Systemmachergrundlehrgang zu absolvieren, da holte mich der Technische Zeichner-Lehrling wieder ein. Da die Unterschrift von meinem Vater noch nicht vorlag, wurde ich noch unter der alten Berufsbezeichnung geführt. Meine Ausbildung an der Drehmaschine war fällig. Die hätte ich als Systemmacherlehrling auch absolvieren müssen, aber nicht so zeitig.

Ich kam an die Drehmaschine in Lehrwerkstatt I, blieb also unter der Fuchtel von Meister Dietz und Lehrausbilder Hücker. Das Drehen fand ich interessant, nur mit der Wechselräderberechnung kam ich nicht zurecht. Vielleicht hatte Hücker es mir auch nicht richtig erklärt. Zum Gewinde drehen bin ich deshalb nicht mehr gekommen, aber es gelang mir, einen Ballengriff herzustellen, wobei mit Handmeißeln gearbeitet wurde, so ähnlich, wie es ein Drechsler macht. Und bei einem Drechsler in Bürgel war ich eine Zeit lang Laufjunge. Da hatte ich schon Versuche mit einem Handstahl absolviert.

Nach dem Weihnachtsurlaub konnte ich die Unterschrift meines Vaters zum Berufswechsel vorlegen. Ich musste aber in dem Maschinenturnus bleiben, weil sonst zu viel Verschiebungen notwendig geworden wären. So war ich dann über ein halbes Jahr früher an den Maschinen, als meine neuen Gruppenmitglieder.

Am 8. Januar 1941 kam ich in den Werkzeugbau, zur Fräserei. Der Fräsergeselle dem ich nun die nächsten vier Wochen unterstellt war, hieß Ley. Zeitweise war noch ein zweijähriger Lehrling bei ihm. Er hatte mehrere Maschinen zu bedienen, wobei wir Lehrlinge ihm zur Seite standen. Ich erinnere mich, dass an einer größeren Fräsmaschine große Drallbohrer, die man gewöhnlich und falsch als Spiralbohrer bezeichnet, gefräst wurden. An einer anderen Maschine wurde einmal von einem Lehrling der Anschlag zum Ausschalten des Vorschubs nicht ordentlich festgezogen und der Fräser fräste ein Stück weiter in den Reitstock. Größerer Schaden wurde aber vermieden. Ich fräste an einer kleineren Maschine Reibahlen, an der der Vorschub mit einem Handhebel und mit Gefühl erfolgte. Die Reibahlen hatten am Schneidenteil um die sechs bis acht Millimeter Durchmesser.

Meine nächste Ausbildung sollte in der Hobelei stattfinden. Andere Lehrlinge meinten, ich möge bloß zusehen, dass ich nicht zu dem Gabriel komme. Dort würde es schrecklich sein. Ich kam zu dem Gabriel. Die erste Woche durfte ich nur zusehen. Ich bekam nichts erklärt. Ein zweijähriger Lehrling war auch noch dort beschäftigt. Der erklärte mir auch nichts. „Das muss der Lehrgeselle machen,“ sagte der Zweijährige, der aus Berlin stammte. Als der Geselle, also Gabriel einmal nicht anwesend war, zeigte er mir, wie der Vorschub eingeschaltet wird. Das war alles.

Der Zweijährige hatte seine Zeit dort bald herum und ich war allein bei Gabriel. Der erklärte mir nun auch noch einmal das Einschalten des Vorschubs und gab mir zur Aufgabe, zwei schon bearbeitete Teile auf die geforderte Länge zu hobeln. Das Einspannen von Werkstücken in einen Maschinenschraubstock erlernte ich schon in der Fräserei. Um die Parallelität von gegenüberliegenden Flächen zu gewährleisten, wurden zwei Parallelleisten untergelegt, auf die das Werkstück gesetzt wurde. Mit einem etwa 1000-Gramm-Hammer wurde ein schon gespanntes Werkstück auf die Parallelleisten getrieben, sodass diese an keiner Seite mehr zu bewegen waren. War das der Fall, hatte man die Gewähr, dass die nun zu bearbeitende Fläche parallel zu der bereits bestehenden wurde. Man spannte beim nach unten Treiben den Schraubstock ab und zu noch einmal nach.

Meine Freude war groß, als ich nun die Maschine allein in Gang setzen durfte und probieren konnte, wie viel mein Hobelmeißel in der Zustellung schaffte. Von den beiden Werkstücken sollte eins 90 Millimeter lang werden und das andere 60 Millimeter. Ich dummes Luder habe nun zuerst das eine Werkstück auf 60 Millimeter herunter gehobelt und wollte dann das 90 Millimeter lange beginnen. Beim ersten hatte ich so richtig Spaß, wie die Späne davon flogen.

Dann packte mich das Grausen. Gabriel war noch nicht zugegen, da er in eine andere Werkstatt zum Hobelmeißelschleifen gegangen war. – Ich hatte das längere Werkstück zu dem kurzen gemacht und somit Ausschuss produziert. Gerade als ich nun so bedrückt meinen Ausschuss betrachtete, kam Gabriel. Ich zeigte ihm meinen Murks, er nahm das zu kurze Stück in die Hand und warf es mir vor den Bauch. Ich drehte mich ab, sodass der Eisenklotz zwar noch an meinen Bauch gelangte, aber nicht mit voller Wucht aufkam. Währen der Eisenklotz zwischen die Maschine des nächsten Hoblers flog, bekam ich von Gabriel einen Tritt in den Hintern, den ich ihm durch mein Abdrehen darbot. Gabriel sagte nichts. Ich musste nun wieder neben den Kurzhobelmaschinen stehen und zusehen.

Am nächsten Tag stand ich nicht mehr. Davor rettete mich ein Sturz mit den Ski meines Onkel Fritz.

Zum Wintersport

Als wir in die Weihnachtsferien fuhren, wurden wir vorher im Heim informiert, dass wir nach den Ferien, wenn vorhanden, Skier mitbringen sollten, weil eine Fahrt nach Oberhof geplant sei. Ich setzte mich mit meinem Onkel Fritz in Verbindung, der damals gerade als HIGA, also Hilfsgrenzassistent, an der Schweizer Grenze zum Einsatz kam und bat um seine Skier. Der war einverstanden. Auf der Rückfahrt nach Suhl bekam der Zug mehr und mehr Verspätung, da der Schnee Richtung Oberhof immer höher wurde. Statt am Nachmittag kam ich abends gegen 21 Uhr ans Ziel.

An einem darauf folgenden Sonntag sollte es wie angekündigt nach Oberhof gehen. Die Bretter von Onkel Fritz waren ja noch ganz gut. Die Bindungen dagegen äußerst schlecht. Das Leder war brüchig, um nicht morsch zu sagen. Schon bei einem Anschnalltest riss mir ein Längsriemen und Hüsing meinte, dass ich kaum damit auf diese Tour gehen könnte. Gerade noch rechtzeitig kam mir ein etwa fünf Zentimeter langer Nagel in die Finger. Ich überbrückte den gerissenen Riemen damit und bog ihn auf der Außenseite um. So hielt der Riemen erst einmal zusammen und ich konnte die Skier anschnallen. Ich war erleichtert, sonst hätte ich ohne Gerät mit nach Oberhof fahren und um eine Mitfahrt auf einem Rodelschlitten betteln müssen.

Gegen halb acht fuhren wir mit dem Personenzug von Suhl nach Oberhof. Dort angekommen mussten wir nun erst ein Stück zu Fuß gehen, bevor wir in den Ort und an die Wintersportstätten gelangten. Über den Brandleitetunnel ging es zur Straße, die halbwegs von Schnee befreit war. Man erkannte dadurch, dass der Schnee mindestens einen Meter hoch war. Das freute uns und mich besonders, hatte ich doch noch nie so hohen Schnee erlebt. Bei solch hohem Schnee war ein Sturz mit den Skiern halb so schlimm.

Wir gingen an der Golfwiese, an die sich der Idiotenhang anschloss vorbei in den Ort. Im Ort erklärte uns Erhard Haider, wo die Sportstätten liegen und wo er zu finden sei, wenn etwas passieren sollte. Dann kehrten wir in eine Gaststätte ein, um bei einem Tee unser Frühstück einzunehmen. Vom Frühstück sollten wir uns eine Reserve lassen, damit wir im Notfall etwas zur Stärkung hätten. Nun war es so weit, dass wir auf den Schnee losgelassen wurden.

Zuerst ging es zur Golfwiese und zum Idiotenhang. Dort machte ich einige Abfahrten, die beim Abbiegen bis an die Eisbahn führten. Das war eigentlich nur ein kleiner Teich auf dessen Eis wir durch Fichtengestrüpp aufgefahren sind. Von da aus strebten wir der Bobbahn zu. Nun ging es gleich weiter zu den Sprungschanzen, von denen die große Schanze Hindenburg-Schanze genannt wurde, was auch am Schanzentisch zu lesen war. Uns kribbelte es im Bauch, als wir den Aufsprunghang vom Platz unter dem Schanzentisch aus hinunter blickten. Neben der großen Schanze befand sich eine kleinere, die man Jugendschanze nannte. Auf dieser Schanze trainierte ein junger Mann. Wir wunderten uns, dass er immer stürzte. Doch er meinte, da müsse er nicht jedes mal den ganzen Hang hinaufklettern.

Ehe wir uns versahen, war schon Nachmittag. Haider rief uns zusammen und fragte, wer von den Skiläufern wieder mit dem Zug zurückfahren möchte und wer an einer Ski-Tour nach Suhl teilnehmen will. Alle Skiläufer wollten die Tour mitmachen. Auch ich, obwohl ich große Bedenken wegen meiner Bindung hatte. Wir Skiläufer zogen los, während die Rodler noch etwas Zeit bis zur Abfahrt des Zuges hatten, der sie nach Suhl zurückbringen sollte.

Unser Weg führte uns ein Stück auf dem Rennsteig entlang über den Brandleitetunnel hinweg in südöstliche Richtung. Wir gelangten an einen Wegweiser, der nach Zella-Mehlis wies. Auf dem Weg kamen wir in eine nicht all zu zügige Abfahrt, so, wie ich sie als angenehm bezeichnen würde. Einige der Lehrlinge aus dem Thüringer Wald liefen voraus und die restlichen als Abschluss hinten, damit wir Nicht-Wäldler nicht abhanden kommen konnten. Auf dem Weg war keine Spur und so wechselten die Spitzenläufer häufig, da sie von den Nachfolgenden schnell eingeholt wurden, denn beim ersten Läufer bremste der unbenutzte Schnee noch stark. Unsere Spurmacher wussten aber, wie man das macht, denn der Dritte war auch schneller als der Zweite und der Vierte holte den Dritten ebenfalls noch ein. Sie steuerten auf Anruf dann zur Seite und ließen die Nachfolgenden vorbei. So ging das eine Weile, da landeten wir vor einem Windbruch. Gerade, als der Weg nicht mehr auszumachen war, gab es ein stärkeres Gefälle und vor uns lagen große Fichten, deren Wurzeln auf einer Seite in die Höhe ragten. Wir versuchten, die Spur zu verlassen, um zum Stehen zu kommen. Einem langen Berliner gelang das nicht. Schreiend kam er auf uns zu und machte statt einen Schneepflug nur die Beine breit. Ein hinter ihm laufender kleiner „Wäldler“ ging tief in die Hocke und huschte bei dem langen Berliner zwischen den Beinen hindurch. Er konnte so verhindern, dass der Berliner in die umgestürzten Bäume raste. So lagen beide nur im Schnee.

Wir umgingen den Windbruch und gelangten an einen Sprunghügel, den wahrscheinlich Zella-Mehlisser aus Schnee errichtet hatten. Den probierten die meisten von uns mehrmals aus und kamen auf Sätze bis etwa elf Meter. Ich hielt mich da ob meiner mürben Bindung zurück. War ich doch schon froh, bis hier her gekommen zu sein.

Über eine große freie Fläche gelangten wir bei Goldlauter nach Suhl. Ab hier schulterten wir die Ski und gingen zu Fuß zum Heim. Hüsing verabschiedete sich von uns. Seine Verwandten wohnten dort in der Nähe, wo wir in die Stadt gelangten.

So eine Tour hätten wir gern wiederholt, doch es war wohl die Zeit gekommen, als man Haider ablöste und so wurde nichts daraus. Der Schnee um Suhl war aber ausreichend und wir mussten nur auf den Hang über unserem Heim klettern, um Ski zu laufen. Da meine Bindungen auf der Tour von Oberhof gehalten hatten, war ich waghalsiger geworden. Eine Methode auf das Gelände vom Heim zurückzukommen, war der Satz mit den Skiern über die Zaunspitzen, die noch etwa 20 Zentimeter aus dem Schnee herausragten. Dazu musste man von den Einfamilienhäusern aus, in denen unsere Luftschutzkeller waren, anlaufen, um den Satz über den Zaun zu vollbringen. Der Satz gelang mir. Nur die Landung nicht. Hinter dem Zaun war ein Absatz, weil dort kein Schnee hin geweht war. Das gekonnte Aufsetzen dort gelang nicht recht. Ich wollte einen Sturz verhindern und rutschte trotzdem zur Seite. So kam ich auf den vereisten Weg neben unserer Baracke und schlitterte auf die Treppe zu, die nach unten führte. Vor der Treppe rutschte ich bereits auf dem Hintern. Mit meinem Steißbein stieß ich auf einen Pflock der oberen Stufe, der das senkrechte Brett stützte. Ich maß mit meinem Steiß noch mehrere Stufen und Pflöcke aus. Der blaue Fleck am Steißbein reichte aus, um krankgeschrieben zu werden. Ich zog das soweit hinaus, dass ich mich bei Gabriel nur noch abmelden brauchte. So hatte ich Gabriel überstanden. Wenn wir uns später begegneten, grüßte er immer freundlich.

Zurück in die Lehrwerkstatt

Vorerst brauchte ich nicht mehr andere Abteilungen zur Ausbildung aufzusuchen. Zu einem späteren Zeitpunkt würde ich noch in die Werkzeughärterei und in die Lehrschmiede kommen, erfuhr ich. So ging es nun mit dem Anfertigen von Spannerei-Teilen weiter wie Hahn, Spannhebel und Stange. Das war teilweise kompliziert. In den auf die Arbeitsplatte montierten Winkel wurde an einer bestimmten Stelle ein Loch gebohrt und von der äußeren Seite aus mit einer Handreibahle kegelig aufgerieben. In dieses Loch sollte dann der Schlagbolzen des Hahns eingeführt werden. Die Spannerei-Teile wurden gehärtet, wobei dann das Anlassen so erfolgen musste, dass bestimmte Stellen strohgelb wurden und der Rest fast ausgeglüht war. Die Hitze lieferte ein Bunsenbrenner. Um bei dem Glühen die Hitze abzudämmen, wurden über die Stellen, die hart bleiben sollten, Flachzangen angesetzt. Beim Hahn musste man dabei sehr flink sein, weil er drei Stellen besaß, die hart bleiben mussten, man aber nur mit zwei Flachzangen arbeiten konnte, da man nur zwei Hände hatte.

Als wir alles fertig und montiert hatten, machte es uns Spaß, die Spannerei zu spannen und abzuschießen. Wir hatten uns ausgedacht, vor das Schlagbolzenloch Gegenstände zu halten, die dann mehr oder weniger durch die Gegend schwirrten. Die Originalschlagfeder hatte viel Bumms. So wurden auch Reißnadeln vor das Schlagbolzenloch gehalten, aus dem der Schlagbolzen dann etwa einen Millimeter zum Vorschein kam, wenn man ihn freigegeben hatte. So verschoss ich einmal eine Reißnadel, während Harald Tyrri aus Hamburg, über einen Kopf größer als ich, drei Schraubstöcke neben mir mit dem Rücken zu mir stand. Ich traf ihn in mit der Reißnadelspitze in die linke Pobacke. Da durfte ich ihm einige Tage nicht zu nahe kommen.

Nach der Spannerei mussten wir einen Schnapper herstellen, der dazu diente, den Vorderschaft am Gewehr zu halten. Dabei lernte ich, dass man auch die eigene Spucke bei der Bearbeitung von Metall gebrauchen kann. Am Schnapper ist eine Kugelpfanne eingebracht, damit man zum Abnehmen des Vorderschaftes einen Finger unter die Klappe des Schnappers führen kann, um sie anzuheben. So kann man dann den Vorderschaft vom Gewehr abnehmen.

Als ich nach dem Vorbohren an einer großen Bohrmaschine mit einem Kugelsenker die Kugelpfanne aussenkte und die Pfanne grob fertig hatte, sagte der Lehrausbilder zu mir, ich möge nun in die Pfanne spucken. Das glaubte ich erst nicht. Als ich dann spuckte, brachte ich nicht viel Spucke zusammen. Schließlich spuckte der Lehrausbilder hinein und dann wurde die Pfanne bei der Umdrehung des Senkers spiegelblank, während die Spucke zischend verdampfte.

Der neue Ausbildungsleiter

Eines Tages wurde uns ein neuer Ausbildungsleiter vorgestellt. Er hatte die große Hitlerjugend-Uniform an, wozu er Stiefelhosen trug. Er war mindestens fünfzig Jahre und hieß Dellwig. Er hielt eine schmissige Rede und führte dann einige Dinge ein, die uns nicht gerade begeisterten. Eine Maßnahme war, dass ihm zu jedem Mittagessen ein Lerling gegenübersitzen musste, der sich während des Essens mit ihm zu unterhalten hatte. Laut Dellwig mussten wir nun rote Armbinden tragen, wo ein goldfarbenes „G“ aufgestickt war. Im ersten Lehrjahr war weiter nichts an der Armbinde. Im 2. Lehrjahr war am oberen und am unteren Rand ein goldener Streifen, ganz um den Arm und im dritten und vierten Lehrjahr waren es jeweils zwei Streifen oder Ringe. So konnte man uns nun noch besser als Lehrling erkennen.

Sprachen wir über Janz mit Hochachtung, war das bei Dellwig gerade das Gegenteil. Von Janz waren keine Nazisprüche zu hören, während sie bei Dellwig nur so herauspurzelten. Vor allem bei den Appellen am Anfang und am Ende der Woche. Herr Janz war sehr streng, aber Dellwig hinterlistig und großkotzig.

Herr Janz ist dann gestorben. Er muss sehr krank gewesen sein, wie erzählt wurde. Wir bedauerten das sehr. Einige meinten sogar, dass Dellwig eher in den Sarg gepasst hätte.

Die Zeit nach Haider

Wir bedauerten alle sehr, dass Erhard Haider uns mit seiner Susi verließ. Dieser Abschied erfolgte etwa um die Zeit, als ich mich mit meinem Steißproblem gerade zu Hause in Bürgel herumdrückte. Auch das Klavier im Speisesaal stand nun unbenutzt herum, denn Susi war ja nun nicht mehr da, um darauf zu spielen. Ihr Spiel hatte bei mir den Wunsch aufkommen lassen, das Klavierspielen selbst zu erlernen.

Als unser Betreuer fungiere vorläufig der Steffel. Er trug fast nur enge Hosen, zu denen er Kniestrümpfe oder auch Trachtenstrümpfe trug. Während Haider mit uns Hitlerjugenddienst abhielt, geschah auf dieser Strecke nun nichts mehr. Auch die Abende, wo uns Haider zum Singen zusammen holte und wir auch neue Lieder lernten, fielen nun aus. Steffel machte das alles nicht. Saßen wir bei Haider gesittet bei Tisch und sprachen während und nach dem Essen im gedämpften Ton, ging es bei Steffel recht turbulent zu.

Der Höhepunkt fand aber zwischen Hüsing und mir statt. Es war nach einem Abendessen im Speisesaal. Es war so laut, dass man kaum noch sein eigenes Wort verstehen konnte. Hüsing, der nun auf dem Platz des Stubenältesten saß, nämlich an der vorderen Stirnseite des ersten Tisches, fuchtelte mit seiner Leuchtpistole herum. Ich hatte meinen Platz wie üblich als erster links neben dem Stubenältesten, also nun Hüsing. In dem Lärm hielt mir Hüsing seine Leuchtpistole mit dem Lauf unter das Kinn und fragte: „Soll ich dich erschießen?“ Im gleichen Moment drückte er ab und ein Schuss hallte durch den Speisesaal. Ich sprang vor Angst auf und warf fast die Bank um, auf deren hinterem Ende Steffel saß. Mein Mund und meine Augen waren wie mit Sand beworfen und ich spuckte und schrie und rieb mir die Augen. Nach dem Schuss war schlagartig Ruhe eingetreten. Hüsing und Steffel kamen zu mir, während ich neben dem Tisch nun herum spuckte. Ich bemerkte bald, dass mir nichts weiter passiert war. Mein Kinn schmerzte zwar etwas, doch es war noch vorhanden. Nach und nach konnte ich wieder sehen, obwohl es mir schien, als hätte ich eine Schaufel voll feinen Sand in die Augen bekommen. Auf die besorgten Fragen von Steffel und Hüsing konnte ich abwinken und beruhigte sie, dass nichts weiter passiert sei. Ich vermute, dass der Leuchtsatz der Patrone ein Blindgänger war, sonst wäre ich nicht so ungeschoren davongekommen. Hüsing suchte nun nach allen möglichen Entschuldigungen, doch ich konnte nur fordern, dass er solchen Unsinn nicht noch einmal vollführen möge. Das versicherte er natürlich.

Mit Steffel ging es noch einige Wochen so weiter. In unsere Stube, in der durch den Auszug von Robert Kleingünter ein Bett und ein Spind frei geworden waren, zog ein anderer ein: Hans Plachetka aus Breslau. Er kam einfach aus einer anderen Stube zu uns und legte sich in das freie Bett. Den Spind räumte er vorerst noch nicht ein. Hans Plachetka verstand es, unter dem Vorwand, zum Schuhmacher zu müssen, sich Ausgang zu verschaffen. Er erfand auch noch andere Gründe, in die Stadt zu kommen. Steffel ließ ihn gehen. Als wir aufmucken wollten, kam ein neuer Heimleiter.

Der neue Heimleiter war Lehrausbilder Peschke. Der stammte zufällig auch aus Breslau. So bekam Plachetka die Oberhand und zog entgültig bei uns ein. Bei Haider gab es derartige Ausnahmen in der Regel nicht. Wer bei ihm in die Stadt wollte, musste das konkret nachweisen. Mit Plachetka hatte sich aber ein Zuträger in unsere Stube eingenistet.

Zunächst hatten wir unseren Spaß mit Plachetka. Nachdem wir gemerkt hatten, dass er im Schlaf zu sprechen begann, fragte Hüsing ihn abends, wenn er schlief, aus. Wenn Plachetka nicht gleich antwortete, führte ihn Hüsing mit ruhiger Stimme geduldig zu dem Thema, das uns interessierte. Dabei entdeckten wir, dass Plachetka mitunter großkotzige Vorstellungen hatte. So träumte er uns vor, dass er mit Hitler zusammengetroffen sei, in verschiedenen Varianten und an anderen Tagen. Er faselte von Vorbeimärschen und grüßte dabei mit dem Hitlergruß, wobei er, auf dem Rücken im Bett liegend, den Arm zum Gruß anhob. Ab und zu wurde er munter. Dabei schmatzte er, als würde er etwas essen. Hüsing wartete dann, bis Plachetka wieder eingeschlafen war. Für unseren Spaß büßten wir aber einen Teil unsere Nachtruhe ein.

Mit Peschke wehte nun ein neuer Wind im Heim. Es war kein scharfer Wind, aber ein unguter. Bei Haider waren wir alle gleich. Der neue Heimleiter war hinterlistig und unaufrichtig. Peschke war zuvor schon ab und zu im Heim. Daher kannten wir schon etwas seine Unaufrichtigkeit. Nun hatte er uns in der Hand. Ich kann nicht sagen, was in dem damaligen zweiten und dritten Lehrjahr vorgefallen war. Peschke dirigierte die meisten von ihnen in Privatquartiere. So nach und nach erfolgte auch in unserem Lehrjahr eine Aussonderung.

Als Peschke das Heim übernommen hatte, gab er an, uns etwas schönes anzutun. Er weckte uns früh mit Musik. Dazu hatte er in jeder Stube Lautsprecher installieren lassen. Er besaß aber nur eine Schallplatte und so ertönte jeden zweiten Tag das gleiche Lied. Wir, in unserer Stube, hatten den Einbau der Lautsprecher nicht bemerkt. Um so erschrockener waren wir, als an dem betreffenden Morgen die Musik ertönte. Nach der Musik erklang Peschkes schleimige Stimme, als er zweimal rief: „Aufstehen!“

Als erstes Lied erklang das Lied der Legion Condor, wie die Einheit genannt wurde, die in Spanien die faschistischen Truppen des General Franko bei der Niederschlagung der frei gewählten Volksfront unterstützten. Im Text hieß es: „Wir flogen jenseits der Grenzen, mit Bomben gegen den Feind … “ Das zweite Lied: „Michel horch‘ der Seewind pfeift. Horch und spitz die Ohren. Wer nicht jetzt in‘s Ruder greift, hat das Spiel verloren … “ – Mit diesen zwei Liedern holte uns Peschke jeden Morgen aus dem Bett.

Das wurde uns allmählich lästig und wir meckerten. Auch andere Sachen, die Peschke anstellte, gefielen uns nicht. Aufgefallen war uns natürlich, dass Plachetka noch öfter am Abend Ausgang bekam als vorher. Wollten andere, zum Teil auch dringend, in die Stadt, schien das unmöglich zu sein. Das Leben im Heim war verändert und es herrschte eine unruhige Stimmung. Waren Haiders wie Eltern für uns, gab es nun ein Gefühl der Leere. Peschke hatte inzwischen einigen Lehrlingen das Betreten des Heimes verboten. Zum Abendessen war es inzwischen schon wieder recht hell, da kam einer dieser Lehrlinge in den Speisesaal und wollte zu einem anderen Lehrling. Das wollte Peschke nicht zulassen und packte den „Eindringling“ am Kragen vorn an der Brust und bugsierte ihn bis zur Tür, die gleich neben dem Kücheneingang lag. Also in direkter Nähe meines Platzes. Peschke zwang den Gepackten mit dem Rücken zur Tür. Der hielt sich aber nun links uns rechts mit den Händen am Türrahmen fest und rief: „Kamerad Peschke, wenn ihnen ihr Leben lieb ist, lassen sie mich los. Ich trete ihnen sonst sämtliche Rippen ein!“ Auf das Gejohle, was aus dem Speisesaal erklang, gab Peschke dann wohl nach. Der an der Tür stehende Lehrling rief noch etwas in den Saal und ging. Nun war die Stimmung im Heim noch weiter angeheizt.

In unserer Stube hatte es im Frühjahr einen weiteren Neuling gegeben. Der Lehrling Franke aus Blankenhain war ausgeschieden. Er wollte Graveur werden. An die wurden sehr hohe Anforderungen gestellt. Das mussten Künstler sein, sollten sie doch später in der Lage sein, feinste Bilder auf die Waffen zu gravieren.

In Frankes freies Bett zog ein neuer: Wilhelm Höfert aus Kühlsheim im Badischen, also ein Schwabe. Er hatte vor, Maschinenbauer zu werden. Bei ihm ging es wohl auch um die Fortsetzung einer begonnenen Lehre. Er war ebenfalls älter als wir, die noch im ersten Lehrjahr waren.

Der Lehrjahreswechsel

Der Tag, an dem wir die Lehrwerkstatt verlassen und in die Abteilung „Jagd“ einziehen sollten, kam heran. Nachdem wir in der Lehrwerkstatt alles für die Neuen gerichtet hatten, zogen wir um.

Unsere neue Werkstatt war nicht mehr so komfortabel wie die Lehrwerkstatt I. Sie lag in einem älteren Gebäude und konnte nur über einige Ecken herum erreicht werden. Diese Werkstatt lag fast am anderen Ende des Betriebes und ich freute mich schon, dass ich beim oberen Anmarschweg vom Heim aus nicht mehr so weit laufen musste. Von dem Gebäude der Berufsausbildung aus waren es gute zehn Minuten weniger Fußweg durch den Betrieb.

In einem vor der Abteilung „Jagd“ liegenden Gebäude befanden sich nun unser Umkleide- und Waschraum, sodass wir zur Werkstatt immer über den Hof mussten. Aborte gab es in dieser Betriebsgegend mehrere. Auch zu diesen mussten wir über den Hof. So hatten wir immer ein wenig Gelegenheit zum Bummeln. Auch hier war der Umkleideraum außer der Umkleidezeit verschlossen. Wollte man aus irgend einem Grund außerhalb der Zeit in diesen Raum und an seinen Spind, musste man den dafür verantwortlichen Lehrausbilder aufsuchen und ihn bitten, den Raum und den betreffenden Schlüsselkasten für den Spind zu öffnen. Der Lehrausbilder war nicht immer leicht zu finden. Zu Arbeitsbeginn ließ er uns antreten, stellte die Anwesenheit fest und gab notwendige Anweisungen. Er war ein noch nicht so alter, aber mürrischer Mensch. Ihm machte es Spaß, uns zu triezen und auf jede mögliche Art seine Macht zu zeigen.

In der Abteilung „Jagd“ hatten wir zunächst drei Meister, die uns etwas zu sagen hatten. Da war der Meister Gerbig, dem die gesamte Abteilung unterstand. Für uns direkt waren die Meister Sturm und Baumgarten zuständig. Zu Baumgarten hatten wir bald mehr vertrauen als zu Sturm. Baumgarten erklärte uns die Möglichkeiten, um unsere Aufgaben besser zu erfüllen und zeigte erklärend, wie man die geforderte Qualität erreicht und ließ uns das gleich selbst machen. Sturm dagegen nahm uns das Werkstück aus der Hand und führte die notwendige Arbeit selbst aus. Oft konnten wir nur vermuten, was er machte. – Fast wie bei Gabriel in der Hobelei. Man musste durch Zusehen ergründen, was zu tun ist. Das man das vom Betrieb her nicht bemerkt hat, wundert mich noch heute.

War Baumgarten nur zugegen, gelang es uns, einzelne Arbeitsschritte schneller auszuführen, was bei Sturm nicht der Fall war. Mit Baumgarten konnten wir reden. Sturm sagte kaum einen Ton, es sei denn, wir hatten „gefrotzt“, wie er zu nicht gelungenen Arbeiten sagte. Einer der „frotzt“, war dann ein „Frotzer“. Sturm hatte außerdem die Angewohnheit, die Späne nicht abzubürsten, sondern abzupusten, was uns seit dem ersten Lehrjahr streng verboten worden war. Wir sagten das Baumgarten, doch der zuckte nur mit den Schultern. – Da stimmte etwas nicht, zwischen den beiden.

Eine neue Wohnstätte

Da das neue Lehrjahr nun begonnen hatte, glaubten wir, dass nun im Heim etwas Ruhe eintreten würde. Das war nicht der Fall. Hüsing war inzwischen zum Militär eingezogen und sein Bett war noch zum Besetzen frei. Wir waren gespannt, wer sich da nun einfinden würde und vermuteten, dass es der Freund von Plachetka sein würde, ein Saarländer, der uns allen sympathisch war. Er besaß eine relativ braune Haut, dunkle gekringelte Haare und braune Augen. Bei der Einschätzung unserer „Rassen“ wurde er als „vorwiegend nordisch, mit westlichem Einschlag“ eingeschätzt. Wir hätten ihn, nach der uns beigebrachten „Rassenlehre“ als „vorwiegend afrikanisch“ eingeordnet. Mich hatte man damals als „vorwiegend nordisch“ bezeichnet. Ich selbst hätte mir den Zusatz „slawischer Einschlag“ noch vergeben. So hatte ich die „Rassenlehre“ der 8. Klasse in Bürgel verstanden. An einige Wandbilder kann ich mich noch erinnern, die man in der Klasse zum Unterricht aufgehängt hatte. Es gab keinen unter uns Lehrlingen, der nicht mit „vorwiegend nordisch“ eingestuft worden wäre. Der Arzt, der diese Einschätzung vornehmen musste, hat damit wohl viel Unheil verhindert. Es war unserer Betriebsarzt.

Ich musste nun aber nicht mehr grübeln, wer in das Bett unter mir einziehen würde. Eines Abends wurden Wilhelm Höfert und ich aufgefordert, unsere Sachen zu packen und auszuziehen. Das hat mich sehr überrascht, Höfert ebenfalls. Wir sahen eigentlich keinen Grund für diese Maßnahme, hatten aber nicht bedacht, dass Plachetka uns verpetzen würde, weil wir einmal gemeckert hatten.

Höfert und ich erhielten die Information, dass wir zusammen in das gleiche Quartier einziehen würden. Das war aber nicht in Suhl, sondern in Dietzhausen. Unser neuer Logiswirt arbeitete auch im Betrieb. Er war Scharfschleifer. So zogen Höfert und ich nun bei der Familie Bart in der Sandgasse in Dietzhausen ein.

Der Platz für mich war noch nicht frei. Da wohnte noch ein ehemaliger Lehrling, der auf seine Einberufung wartete. Ich schlief vorerst in einem Bett in der vor unserem Zimmer liegenden Stube. Bis auf das Bett war es eine richtige Wohnstube. Insgesamt gab es neben dem Flur fünf Räume. Zugänglich war das ganze vom Hof aus, von wo man auch in die Waschküche kam. Hinter der Waschküche lag der Flur. Von der Hoftür aus links gelangte man in das Arbeitszimmer von Otto Bart, denn der war nebenbei noch Gemeindekassierer. Vom Arbeitszimmer ging es in die eigentliche Küche. Von der Küche aus kam man wieder auf den Flur. Die eigentliche Haustür dort wurde so gut wie nie benutzt. Im Flur führte eine Treppe nach oben in die Schlafräume der Familie Bart und zum Heuboden.

An der vom Hof zur Waschküche führenden Tür, durch die das Haus ständig betreten wurde, war ein emailliertes Schild angebracht, auf dem zu einer Hakenkreuzfahne geschrieben stand: „Der Deutsche grüßt mit ‚Heil Hitler!’“. Das war für mich nichts abwegiges, stammte ich doch aus einer Familie, wo mit diesem „Heil Hitler“ schon vor 1933 gegrüßt wurde. Es stellte sich heraus, dass Herr Bart ebenso ein „alter Kämpfer“ war, wie mein Vater. Er zeigte uns später seine Pistole, die er damals immer bei sich geführt hatte, auch, dass er sie immer im Strumpfschaft am Bein versteckt gehalten hätte, wo sie die Polizei nie fand, obwohl es mehrere Durchsuchungen gab.

Barts Frau Jenny stammte aus Dillstädt. Die Tochter hieß Gudrun und war damals vier Jahre. Sie sagte zu ihrer Mutter immer „Mamale“. Frau Bart trug immer schwarz, weil laufend Todesfälle in ihrer Familie vorkamen. Sie hatte viel zu tun, denn Barts hatten eine Kuh, ein Schwein und eine Schar Hühner. Dazu natürlich die nötigen Wiesen und Felder. Zusätzlich wusch Frau Bart unsere Wäsche mit. Das war im Preis des Wohngeldes in Höhe von 60 Reichsmark enthalten, von dem der Betrieb 20 Reichsmark bezahlte. Statt 35 Reichsmark im Lehrlingsheim mussten meine Eltern nun 40 Reichsmark bezahlen.

Jeden Montag mussten wir in einem frischen Arbeitsanzug erscheinen und so hatte Frau Bart fast jede Woche für uns zu waschen. Alle Lehrlinge, die in Privatquartieren wohnten, waren verpflichtet, an den Haus- und Hofarbeiten teilzunehmen, die im betreffenden Quartier anfielen. So hatten Höfert und ich zunächst über dem Stall Heu und Stroh zu häckseln. Da hinauf gelangte man mit einer Leiter vom Hof aus durch eine Luke.

Der Stall war ein Anbau am Haus. In diesen ging von der Waschküche ein weiterer Raum ab, der als Waschhaus diente. Die Waschküche wurde auch als richtige Küche benutzt, denn dort stand neben dem Waschkessel ein großer Küchenherd. In der eigentlichen Küche hat Frau Bart nur selten gekocht. Sie wollte sich ihre „gute“ Küche, die noch recht neu aussah, nicht durch den Wrasen verderben.

Fast gerade zur Hoftür hinaus ging es zur Toilette, an die sich der Schweinestall anschloss. Zwischen Kuhstall und Schweinestall verlief ein etwa eineinhalb Meter breiter Gang, durch den man in einen großen Garten kam. Der Schweinestall war nur kurz. Dahinter tummelten sich die Hühner, die über dem Schweinestall ihre Behausung hatten. Der Hof war nicht sehr groß, aber für die Belange der Bewohner ausreichend. Auf dem Hof lag neben der Toilette der Dunghaufen. An den Wohnteil des Hauses schloss sich ein Scheunenteil an, der fast noch einmal so breit war wie das Haus. Von der Haustürseite aus führte ein großes Tor in diesen Teil, sodass man mit einem großen Fuder hineinfahren konnte. Von diesem Tor führte eine hohe Treppe zu der stets verschlossenen Haustür. Der Hof fiel um die Ecke der Scheune herum etwas schräg ab, bis zu einem größeren Gartentor. Das Gartentor war der eigentliche Eingang zum Grundstück.

Herr Bart hatte noch zwei Brüder und eine Schwester. Der eine der Brüdern, wohl der älteste, besaß nebenan ein Grundstück mit einem schönen Einfamilienhaus. Der andere Bruder war Konstrukteur im Waffenversuchsbau, ebenfalls in meinem Lehrbetrieb.

Unser Weg zum Betrieb wurde nun bequemer. Wir fuhren ein Stück mit dem Zug. Zum Bahnhof hatten wir es höchstens zwei Minuten. Dazu konnten wir durch eine schmale Pforte hinten zum Hof heraus über einen Pfad, der zum Bahnhof führte. Wir besorgten uns eine Monatskarte, die damals um die vier Reichsmark kostete.

Unser Weg führte über einen Holzplatz, auf dem Stämme auf Waggons verladen wurden. Doch zu der Zeit, als wir den Weg entlang gingen, wurde dort nicht gearbeitet. In Richtung Suhl fuhren damals vor Arbeitsbeginn drei Züge. Herr Bart fuhr mit dem ersten, da er etwas früher begann, weil er auch etwas früher heim fuhr. Ob es wegen der Gemeindekasse war oder weil er halber Bauer war, weiß ich nicht. Wir, Höfert und ich, fuhren mit dem zweiten Zug, da wir mit diesem rechtzeitig zum Betrieb kamen. Der dritte war erst viertel vor sieben auf dem Bahnhof Heinrichs. Da schaffte man es nur rechtzeitig in der Werkstatt zu sein, wenn man im Bereich der Berufsausbildung arbeitete. Aber ich war ja nun fast am oberen Teil des Betriebsgeländes, wo man zum Haupttor hinein musste.

Neue Seiten

Der Lehrjahreswechsel zog auch Veränderungen in der Berufsschule nach sich. Waren wir vorher mit verschiedenen Berufen in einer Klasse und über dreißig Schüler je Klasse, zählten wir nun nur noch 14 Schüler und waren berufsspezifisch zusammengefasst. In dieser Klasse lernten wir Systemmacher, ein Schäfter, ein Rohrmacher und ein oder zwei Sitzenbleiber. Der erste Schultag in dieser Klasse hat uns die Richtung gezeigt. Ein Lehrer kam zum Unterrichtsbeginn in den Klassenraum und wir räkelten uns so nach und nach aus den Bänken. Eine kurze Begrüßung und wir durften uns wieder setzen. Nun begann der Lehrer:

„Meine Herren, mein Name ist Meldke und ich bin Ihr Klassenlehrer. Dass wir uns gut verstehen: Schwatzen – gibt es nicht. Verschreiben – gibt es nicht und einen Klecks machen – überhaupt nicht. Wenn einer aufgerufen wird, hat er sich schnell zu erheben und hat gerade neben seinem Stuhl zu stehen. So, wie Sie sich eben von den Plätzen erhoben haben, möchte ich es nicht noch einmal erleben.“

Meldke sagte alles so bestimmt, dass wir uns alle duckten. Wir bemerkten, dass er an seinem linken Arm einen Schaden hatte. Er führte ihn etwas steif und der Ellenbogen war scheinbar nicht mehr voll funktionsfähig. Wenn der Arm herunterhing, war er nie ganz gerade und die Handfläche zeigte dabei immer nach hinten.

Nun mussten wir uns vorstellen. Das ging alles ganz schnell. Danach drehte Meldke sich um und schrieb wahllos Zahlen an die Tafel. Die Zahlen ergaben zuletzt einen großen Kasten ohne Rahmen. Er ergriff den Zeigestock und tippte auf eine Zahl. Mit dem beschädigten Arm zeigte er auf einen von uns, der sich schnell wie gewünscht erhob und sagte entweder „Plus“, „Minus“, „Mal“ oder „Geteilt durch“ und tippte dann auf eine andere Zahl. So ging das bis zum Ende der Unterrichtsstunde. Meldke hatte uns im Griff.

In diesem Jahr, als ich bei Meldke war, habe ich mich sehr verändert. Gute Sachen lobte er und schlechte kritisierte er scharf. Bei der Kritik zeigte er den Weg, wie man das Ziel erreichen könnte. Durch die geringe Schülerzahl konnte sich Meldke intensiver mit dem einzelnen von uns befassen. Das war gut so.

Im September 1941 organisierte er eine zweitägige Schulfahrt nach Sonneberg und Lichtenfels, bei der wir in Coburg in einer Jugendherberge übernachteten. An diese Schulfahrt erinnere ich mich immer gern. Am 1. September ging es los. Ich brauchte am Morgen in Dietzhausen nur in einen Zug in Richtung Grimmenthal zu steigen, während der überwiegende Teil unserer Reisegruppe schon in Suhl eingestiegen war. Wir restlichen kamen in Grimmenthal dazu, wo wir in einen Zug in Richtung Eisfeld umzusteigen hatten. Von Eisfeld ging es dann nach Sonneberg, wo wir das Spielzeugmuseum besuchten. Nun, Spielzeuge waren nicht gerade nach unserem Sinn, jedoch die Führung haben wir zum größten Teil mitgemacht. Im unteren Teil des Gebäudes war ein Heimatmuseum angegliedert. Dieses Heimatmuseum interessierte uns mehr. Dort waren einige Spazierstöcke ausgestellt und Erhard Horch aus Meiningen schlug vor, diese Stöcke auf Wilderergewehre zu untersuchen. Verbotenerweise taten wir das und hatten Erfolg. Wir fanden zwei Gewehre, die als Spazierstöcke getarnt waren. Das erzählten wir dann der Frau, die die Führung veranstaltete hatte. Wir taten so, als hätten wir das ohne anzufassen bemerkt.

Von Sonneberg fuhren wir mit dem Zug Richtung Coburg. In Oelze stiegen wir aus und zu Fuß ging es weiter. Nach etwa vier Kilometern erklommen wir die Höhe zur Veste Coburg. Dort nahmen wir ebenfalls an einer Führung teil, an der wir allgemein wenig Interesse fanden. Von der Veste ging es zur Jugendherberge, in der wir bald unsere Betten aufsuchten, denn es sollte sehr früh mit dem Zug weitergehen.

Das vorgesehene Laufpensum des Folgetages kannten wir noch nicht. Wir fuhren am nächsten Morgen von Coburg mit dem Zug nach Lichtenfels. Von Lichtenfels aus liefen wir am Main entlang bis unter Schloss Banz. Dort gab es eine kleine Fähre, die uns in zwei Fahrten übersetzte, sodass wir den Berg hoch zum Schloss Banz erklimmen konnten. Auf dem Schloss gab es ebenfalls ein Museum, bei dem ich mich nur noch an das Gerippe eines Dinosauriers und ein ausgestopftes Krokodil erinnere. Das Krokodil hatte der Schlossherr bei einer Safari in Afrika erlegt.

Das alles interessierte uns nicht so recht und endlich setzten Friedel Fiege aus Heiligenstadt und ich uns ab. Uns schloss sich Hans Syndermann an. Fiege, in der Kirchenbegehung wohl kundig, lotste uns in die Kirche, in der er bald den Eingang fand, um zum Turm zu gelangen. Wir gerieten aber erst einmal seitlich auf die Decke des Kirchenschiffs. Über uns war der Dachstuhl mit seiner Bedeckung. Von unserem Standort sahen wir die Aussparungen, durch die es zu den zwei Türmen ging. Auch Glocken waren zu sehen. Wir tasteten uns vorsichtig zu der uns nächsten Turmaussparung vor, bis wir in den Turm hineinsehen konnten. Die dort angebrachten Leitern verleiteten Fiege und mich zum Hochklettern. Syndermann blieb unten. Die Leitern gingen jedoch nicht bis zur höchsten Stelle. So kletterten wir auf den Balken weiter bis in die Zwiebel. Dort befanden sich einige Fenster. Um nicht herunterzufallen, stützten wir uns auf den mit Brettern ausgeschlagenen Zwiebelwänden mit den Schultern und gestreckten Beinen ab. Da die Öffnung nach unten nicht zu groß war, konnten wir uns mit etwas Geschick den Fenstern zuwenden, durch die wir hinaus schauen wollten. So konnten wir die ganze Gegend gut betrachten. Wir befanden uns auf dem Turm, der nach der Mainseite liegt. Von da aus konnten wir auch in den Hof des Klosters blicken.

Während wir an unseren Abstieg dachten, schlug Syndermenn unverhofft mit einem Stein an eine der Glocken. Kurz darauf ging es auf dem Klosterhof lebhaft zu. Die Kittelmänner liefen aufgeregt in mehrere Richtungen. Wir schimpften auf Syndermann und der machte sich schnell aus dem Staube. Fiege und ich hockten noch auf dem Turm. Als sich die Aufregung auf dem Klosterhof gelegt hatte, stiegen wir schnell ab. Doch als wir zur Tür kamen, von der es ins Kirchenschiff ging, fanden wir sie verschlossen vor. Irgendwoher hatte Fiege etwas Draht oder einen Nagel gefunden, womit er die Tür öffnen konnte und wir rannten hinaus.

Dass unsere Meute schon beim Abmarsch war, hatten wir vom Turm aus bereits bemerkt. Im Laufschritt liefen wir auf der Straße den Berg hinunter. Noch bevor unsere Klasse die Mainbrücke überquerte, holten wir sie ein. Es ging nach Staffelstein. Dort kehrten wir in einer Gaststätte ein und bei einer Limonade verzehrten wir unsere Brote. Gern hätten wir ein Bayrisches Bier gekostet, doch das durfte nur Meister Sturm. Meldke trank ebenfalls Limonade.

Von Staffelstein aus ging es zum Staffelberg. Da konnten wir unsere Kletterlust befriedigen. Ich ging dann allein auf Entdeckungsreise und fand einen Pfad, der etwa in Wipfelhöhe der Bäumen unter den Felsen entlang verlief. Die Felsen sind dort wie Türme aneinander gereiht. Zwischen zwei solchen Felsentürmen entdeckte ich eine Stelle, an der ich hochklettern wollte. Vom Pfad aus kam ich auf eine größere schräge Platte, auf der ich mich bäuchlings hochrutschend auf eine Felsspalte zu bewegte, von der ich auf die obere Wiese des Berges zu gelangen dachte. Als ich auf der Mitte der Platte angelangt war, warfen doch ein paar Mitschüler Steine in die Felsspalte. Zum Glück sprangen die Steine über meinen Kopf und seitlich vorbei. Ich schrie natürlich vor Angst. Wäre ich ohnmächtig von der Platte gerutscht, wäre ich in die Tiefe gestürzt, denn nach dem Pfad gab es keine Stelle, an der ich aufgehalten worden wäre.

Als ich oben ankam, war man zu feige zu sagen, wer die Steine geworfen hatte. Es waren Steine dabei, die eine Doppelfaust ergeben hätten. Nachdem wir noch einige Minuten herumgelungert hatten, verließen wir den Berg und strebten auf eine große Kirche zu, die uns sehr nahe schien. Es war aber doch noch ein gutes Stück Weg. Wir kamen nach Vierzehnheiligen, einem katholischen Wallfahrtsort. Vor der Kirche nahm uns Meldke zusammen und instruierte uns, dass wir hier ungewohnte Dinge zu sehen bekämen. Er dulde nicht, dass wir darüber lachen würden. Wer das täte, erhalte von ihm eine Maulschelle und im Wiederholungsfalle flöge der Betreffende aus der Kirche.

In der Nähe des Kircheneinganges standen viele Buden, die aber fast alle geschlossen waren. Die offenen interessierten uns jedoch. Aber erst ging es in die Kirche. Wir „latschten“ da so hinein und staunten über den Prunk, den wir zu sehen bekamen. An einem Beichtstuhl, der sich in der nähe des Zugangs befand, kniete ein hübsches Mädchen mit gefalteten Händen und bewegendem Oberkörper, während sie zu dem im Beichtstuhl sitzenden aber von ihr nicht zu sehenden alten Mann hin flüsterte. Wir hörten nicht was sie sagte. Das belustigte uns schon.

Auf einmal kam ein Kittelmann in die Kirche und fiel auf die Knie. Er ging aber gleich weiter. Das fanden wir lächerlich. Klatsch, klatsch, klatsch war zu vernehmen und drei von uns erhielten die angedrohte Ohrfeige. Ich war natürlich dabei. Das war der erste Streich. Der zweite folgte zugleich, als eine junge Frau aus einer Bankreihe heraustretend auf die Knie ging. Ich durfte mit noch einem vor die Kirche gehen. Wir ersten blieben nicht allein. Es gesellten sich nach kurzer Zeit noch mehrere zu uns.

Die Abenddämmerung kam auf und wir wanderten in Richtung Lichtenfels weiter. Der Weg verlief durch dichten Laubwald und an einer Böschung, auf der ein Gartenzaun stand. Dadurch verdunkelte sich der Weg. Wir waren drei oder vier Mann und bummelten mit der Absicht, eine Zigarette zu rauchen. Das gelang uns, weil ich ja ein Feuerzeug hatte und Meldke und Sturm weit voraus geschritten waren. Das Rauchen machte uns keinen Spaß. Dadurch merkten wir, dass wir eigentlich Durst hatten. Bis zum Bahnhof und auch auf diesem war nichts Trinkbares zu finden.

Mit Meldke ging es bei mir aufwärts. Was es vorher nicht gab: Die Schule machte mir Freude. Berufskunde hatten wir im 2. Lehrjahr bei Meister Gerbig und Betriebs- und Reichskunde bei Herrn Fleischmann. Sport bei einem ehemaligen Lehrausbilder, der bis zur Einberufung des Sportlehrers zur Wehrmacht Sportwart war, also die materiellen Dinge zum Sport vorzuhalten hatte, einschließlich der als Sporthalle genutzten Sportbaracke und dem Sportplatz mit Aschenbahn und Sprunggrube.

Reichskunde bei Fleischmann wurde mehr und mehr zum Kotzen. Es ging bei ihm fast nur um den Deutschen Ritterorden und Heinrich den Löwen. Auch was Heinrich der Vierte und Kaiser Barbarossa falsch gemacht hätten, indem sie ihren Blick nach Süden, statt in den Osten gerichtet hätten. Heinrich der Löwe hätte den richtigen Blick gehabt. Er hat Ostgebiete erobert. Ich sehe Fleischmann in meinem Gedächtnis heute noch, wie er mit seiner Wanderhose und Kniestrümpfen, seiner Strickjacke mit großen Perlmutknöpfen, die ihn einem Schäfer ähnlich machten, vor den Bänken des Physikraumes umher stakte. Dabei baumelte aus einer Tasche der dunklen Strickjacke eine recht große Uhrkette. Die Uhr zog er dann ab und zu hervor, um nach der Zeit zu sehen.

Was Meldke bei mir aufgepäppelt hatte, brachte Fleischmann in den Keller. Meister Gerbig gab uns wertvolle Ratschläge für unseren Beruf, aber manchmal zog es uns bei ihm auch die Augen zu. Bei Meldke gab es das nicht.

Die Freizeit in Dietzhausen

Wenn man umzog, musste man sich auch in der Hitlerjugend ummelden. Da hatte ich nun meine eigenen Vorstellungen. Ich meldete mich in Dillstädt in der Flieger-Hitlerjugend an. Wie ich auf diese Idee kam, weiß ich nicht mehr. In Dillstedt gab es eine Familie Mönch, die einmal einige Jahre in Bürgel gewohnt hatte. Sie hatten fünf Kinder. Von uns Kindern war ja keiner fett. Aber der kleine Mönch, wir gaben ihm den Spitznamen „Glatze“, war besonders drahtig. Er konnte wie ein Äffchen die Bäume hoch klettern. „Glatze“ deshalb, weil Mönch und Glatze bei uns eine Einheit bildeten. Durch Zufall habe ich „Glatze“ in Suhl getroffen. Ich hatte daraufhin Mönchs in Dillstett besucht und wurde freundlich aufgenommen.

Bei ihnen entdeckte ich einen „Volks-Brockhaus“, der mir so gut gefiel, dass ich mir selbst so ein Buch beschaffen wollte. Ich konnte mir aber nur einen Sprach-Brockhaus zulegen, weil es den Volks-Brockhaus damals nicht mehr gab. Das Buch bekamen meine kleineren Geschwister später wohl als Spielzeug und zerflederten es erheblich in der Zeit als ich nicht zu Hause, sondern für Kriegsdienste und deren Folgen mein Leben woanders verbringen musste.

Damals jedenfalls interessierte ich mich sehr für das Segelfliegen. So eine Gruppe gab es in Bürgel auch. Uns jüngere hatte man in Bürgel zum Flugzeugmodellbau angesprochen, wobei ich halbherzig mitmachte. In der Werkstatt bauten die Großen richtige Segelflieger, mit denen sie dann flogen. In der Nähe der Wilhelmshöhe bei Bürgel konnten wir zusehen wie die Großen ihre ersten Hoppser machten. Auf der östlichen Seite ließen wir einmal die Flugmodelle fliegen. Ein schon größerer Junge hatte ein Modell gebaut, das man „Strolch“ nannte. Eigentlich wollte der Erbauer es nicht fliegen lassen. Das Modell war recht groß und hatte eine Spannweite von etwa 1,80 Meter. Der „Strolch“ flog aber gut und entschwand unseren Blicken. Hinter dem Dorf Droschka hat man ihn wiedergefunden.

Mit der Anbindung an die Flieger-Hitlerjugend hoffte ich auf ähnliche Erlebnisse. Wir bereiteten uns theoretisch auf das Fliegen vor. Das wurde allmählich langweilig, weil es nicht vorwärts ging. Wir sollten auf Tauglichkeit untersucht werden und danach hofften wir auf den ersten Hopser am Großen Dollmar bei Meiningen. Die Sache zerstob dann, als unser Gefolgschaftsführer eingezogen wurde. So meldete ich mich in Dietzhausen an, wo aber nicht viel passierte. Zu den Eintopfsonntagen, die jeden Monat einmal angesagt waren, mussten wir für das WHW, das Winterhilfswerk, sammeln. Da war man aber nicht jedes Mal an der Reihe.

Wie ich schon berichtete, waren Höfert und ich zu Hausarbeit verpflichtet. Das hieß bei unserem Kleinbauern Otto Bart, dass es auch Arbeiten auf Feld und Wiese gab. Die machten wir mit nicht viel Elan. Die erste größere Arbeit war Gras mähen. Ich hatte davon nur soviel Ahnung, dass man dazu eine Sense benötigt. Höfert hatte das zu Hause schon machen müssen. So konnte er mit Herrn Bart mithalten, was mir nicht gelang, obwohl ich eine kleinere Sense hatte. Ich habe dabei das Mähen so halbwegs gelernt. Beim Roggen mähen, wozu man auch Hauen sagt, durfte nur Höfert die Sense schwingen.

Wir waren einmal allein mit Frau Bart auf dem Feld. Das Jahr war sehr kompliziert, weil es oft regnete und das Getreide auf den Puppen nicht trocknete. Daher ging Frau Bart bei schönem Wetter morgens aufs Feld und breitete die Garben nach dem Öffnen des Bandes auf dem Feld aus. Zum Abend gingen wir hinaus und rafften die Garben wieder zusammen, banden sie und stellten wieder Puppen auf, um vielleicht am nächsten Abend einfahren zu können. Das konnte man aber wieder nicht, weil der nächste Regen das verhinderte. Dieses Wetter hatte zur Folge, dass es im Jahr 1941 eine schlechte Ernte gab und insgesamt das Essen knapper wurde. Das merkte man vor allem am Betriebsessen.

Die Wiese, auf der ich das Mähen lernen sollte, befand sich in Dietzhausen. Barts hatten aber noch eine Wiese, die zwischen Wichtshausen und Dillstädt lag. Das war ein Erbteil von Frau Bart. Die Wiese wurde von Frau Barts Vater mit einem Pferdemähwerk gemäht. Wir hatten dort meist nur beim Einfahren zu helfen. Dazu borgte sich Herr Bart in Dietzhausen eine Kuh, die er zu seiner eigenen Kuh vor den Wagen spannte.

Barts’ Kuh war ein unruhiges Tier. Ich hatte zum Aufladen der Fuder die Kühe in Schach zu halten. Das war schlimmer, als den ganzen Nachmittag das Heu hoch zu gabeln. Höfert durfte gabeln oder auf dem Wagen bauen. Das Kühehüten war unter seiner Würde. Höfert hatte starkes Rheuma und war dadurch in seinen Bewegungen eingeengt. Aber Kühe halten – nee. „Nit“ hätte er als Schwabe gesagt.

Das Rheuma hatte er sich wahrscheinlich als zehnjähriger Junge geholt, als er mit einem weiteren Jungen im Winter an einer Kiesgrube spielend vom Rand in die Grube rutschte und dabei durch das dünne Eis brach. Völlig durchnässt musste er eine größere Strecke nach Hause laufen, was in der Winterluft zu starker Unterkühlung führte. Trotz dieser Krankheit, die man ja nicht sah, hatte man ihn dann zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, wo sich das Rheuma wesentlich verschlimmerte. Er verbrachte dann längere Zeit in Krankenstuben und aus dem regulären halben Jahr, nach dem es meist zum Militär ging, wurde ein dreiviertel Jahr. Höfert wurde schließlich als wehrdienstunfähig entlassen.

Ich war während dieser Zeit allein bei Barts. Doch bevor Höfert zum Arbeitsdienst musste, haben wir uns ab und zu gekabbelt, was dann meist in einen unentschiedenen Ringkampf endete. Der Grund dazu war oft die Religion. Höfert war katholisch und ich glaubte eigentlich an nichts. Der Wettstreit ging schon los, wenn wir Mundharmonika spielten. Hatte ich eine Mundharmonika-Melodie in D-Dur mir der Bezeichnung „Wanderlust“, hieß Höfert seine „Klosterglocken“ und hatte einen Klang in Moll. Das passte nicht zusammen. Es gab noch andere Kabbeleien. Im Heim hatten wir gelernt, unser Päckchen zu bauen, wenn es ins Bett ging. Als ich dann mit Höfert im gleichen Zimmer wohnte, hielt sich dieser nicht mehr daran. Er stieg aus den Hosen und ließ diese einfach vor dem Bett stehen. Ich baute auf meinen Stuhl mein Päckchen, wie gewohnt. Höfert begründete sein Verhalten damit, dass der andere, der vor mir mit Höfert im Zimmer geschlafen hatte, es ebenso getan hätte. Doch spätestens beim Frühstück waren alle Kabbeleien vergessen.

Alle drei Wochen kam ein Friseur ins Haus. Es war für uns nicht nur bequem, sondern auch billiger, als bei einem stationären Friseur. Meist wurde im Sommer ein Stuhl auf den Hof gestellt und los ging es. Ich glaube, das der Haarschnitt nur 30 Pfennige kostete. Im Geschäft kostete er 40 Pfennige, also einen Groschen mehr.

Es gab viele Arbeiten, die wir mit Herrn Bart zusammen erledigten. Am Anfang sind wir mit dem Kuhgespann durch die Bahnunterführung in Richtung Schmeheim in den Wald gefahren, wo wir Fichtenäste aufluden und auf den Hof transportierten. Die Fichtenäste wurden, während wir auf Arbeit waren, von Frau Bart mit einem scharfen Bajonett und einem Hackstock von den Reisern getrennt. Der starke Ast wurde zu Feuerholz weiter verarbeitet und die Reiser wurden zu Einstreu für die Kuh. Das machte man dort so, weil das geringwüchsige Stroh nicht ausreichte und lieber gehäckselt und verfüttert wurde. Herr Bart erklärte uns, dass der Dung aus Fichtenreisern kaum Unkraut auf die Felder brächte, wogegen das mit Strohdung eher möglich sei.

Mit der Kuh gab es manche kritische Situation. Als wir von der großen Wiese hinter Wichtshausen einfuhren, saßen Höfert und ich auf dem Fuder, denn wir mussten mit abladen, während Frau Bart auf der Wiese weiter Heu zusammenraffte. Kurz vor Wichtshausen zog die Kuh den Wagen mit samt der anderen Kuh durch den Straßengraben auf die Wiese und da standen wir nun. Sie ging dann keinen Schritt mehr, sodass sich Herr Bart in Wichtshausen eine andere Kuh leihen musste. Die eigene Kuh wurde hinten an den Wagen gebunden.

Später, als Wilhelm Höfert schon ausgezogen war, wollte Herr Bart mit mir zu der großen Wiese fahren. Frau Bart war mit dem Fahrrad vorausgefahren, um inzwischen das Heu zusammenzuraffen. Die Kuh war schon an den Wagen gespannt und stand auf Straße. Herr Bart hatte etwas vergessen und beauftragte mich, die Kuh zu beaufsichtigen. Ich stand einen Moment neben der Kuh und bemerkte wie sie mit dem linken hinteren Fuß in den Zugstrang trat. Ich wollte das richten und hielt mit meiner linken Hand die Leine, die am Kopf der Kuh befestigt war. Ich kommandierte „Fuß“ und wollte den Strang aus den Klauen ziehen. Doch im gleichen Moment stürmte die Kuh los. – Während ich noch am Kopf der Kuh stand, marschierte ein Pferdegespann ohne Wagen an mir vorbei in Richtung Hauptstraße. Dieses Gespann war nun vor uns und die Kuh zog los. Ich sah schon, wie die Wagendeichsel unseres Wagens in den Hintern des linksgehenden Pferdes gebohrt wurde und zog in meiner Angst die Kuh nach links, von den Pferden weg. Es gab aber kein weiteres Ausweichen. Der Gespannführer hatte bemerkt, was los war und versuchte, seine Tiere soweit wie möglich zur Seite zu treiben. Doch bevor ihm das gelang, war ich schon mit Kuh und Wagen an seiner Seite. Ganz knapp raste die Kuh dort vorbei.

Mich drückte die Kuh mit ihrem Leib gegen den nun erreichten Gartenzaun. Da wir das Pferdegespann überholt hatten, versuchte ich, den Druck nach rechts auszuüben. Ich konnte erst nicht an der Kuh vorbei, weil mich der Zaun hinderte. Der Zaun war zu Ende und ich spurtete vor zum Kopf der Kuh. So konnte ich sie nun mehr nach rechts treiben, denn es kam ein weiterer Gartenzaun. Vor dem Haus standen gerade drei Frauen, die vom Heu wenden kamen, jede trug einen Rechen. Als sie mich mit der galoppierenden Kuh sahen, hielten sie die Rechen quer zum Weg, um die Kuh aufzuhalten. Doch das war nutzlos. Sie schrieen auf, als die Kuh und ich samt Wagen an ihnen vorbei rasten. Obwohl ich nun am Kopf der Kuh angelangt war und mit dem Knüppel auf die Vorderpartie des Kopfes eindrosch, näherten wir uns im Galopp der Hauptstraße. Ich hatte mich schon bis zum Zaum vorgearbeitet und versuchte zu bremsen. Meine größten Bedenken waren, dass auf der Straße ein anderes Gespann oder ein Auto gefahren kommen könnte. Wenn die Fuhre aber geradeaus weiter ging, würde die Kuh samt Wagen auf eine Hauswand prallen.

So versuchte ich, das Gespann auf die Hauptstraße zu lenken. Das gelang mir und ich brachte gleichzeitig die Kuh zum stehen. Ich war vielleicht froh. – Vor allem, dass kein Fahrzeug gekommen war. Zu dieser Zeit kam ja sowieso kaum ein Auto, aber wenn irgend etwas gekommen wäre, hätte das sehr böse ausgehen können. Ich selbst hätte aber auch zwischen die Kuh oder den Wagen und die Zäune geraten können.

Herr Bart, den ich gerade noch mit seinen extremen O-Beinen die Sandgasse herunterlaufen sah, war sehr froh, das der Kuh und mir nichts weiter passiert war. Er meinte, dass es trotzdem ein Glück war, dass das mir passiert sei und nicht seiner Frau. Die hätte nicht neben der Kuh her rennen können. So hätte ich aber das Schlimmste verhütet. Die Kuh kam in den Stall und Herr Bart borgte sich wieder eine andere.

Höfert kam also stark rheumakrank vom Arbeitsdienst zurück. Er quälte sich sehr. Wie das beim „Barras“ so war – den Reichsarbeitsdienst kann man da ohne Gewissensbisse dazuzählen – ging es früh nach dem Wecken zum Frühsport. Meist mit freien Oberkörper. Das vor allem hat Höferts Rheuma verstärkt und seine Bewegungen waren noch mehr eingeengt. Er lernte ursprünglich Maschinenbauer. Das hatte man dann auf Technischen Zeichner geändert, doch das raue Klima in Suhl und Umgebung wurden für Höfert unerträglich. Ich hab ihn dann ab und zu mit Salbe eingerieben und massiert.

Einmal haben wir das auf die Spitze getrieben. Von unserem Stubenfenster aus war es kein Problem in den Garten zu kommen. Wir zogen uns bis auf die Turnhose aus und stiegen im tiefsten Winter in den Schnee. Ich wollte das allein machen, doch Höfert stieg mir nach. Eigentlich hatte ich nur vor, vorbeigehende Leute mit meinen barfüßigen Spuren im Schnee zu schocken. Wir erklommen aber bald wieder unser Fenster, trockneten uns ab und krochen unter die Bettdecke. Dort wurde es schnell warm. Höfert hatte danach einige Tage lang weniger Beschwerden. Weil Höfert nachweisen konnte, das er beim Reichsarbeitsdienst eine Verschlechterung seines Gesundheitszustandes erlitt, wurde ihm gestattet, seine Lehre in Freiburg im Breisgau fortzusetzen. Dort sollte das Klima günstiger für ihn sein.

Da war ich dann wieder allein bei Barts. Auch mit der Arbeit. Doch Höfert hatte mich etwas aufgehetzt. Es ging dabei um das Obst im Garten von Barts. Wir waren bei vielen Arbeiten im Garten dabei und wir sahen die Beeren wachsen. Doch während unseres Urlaubs waren die Beeren alle abgenommen. Ich hatte ja verzichten gelernt, aber Höfert wohl nicht. So moserte er nach dem Urlaub deswegen herum. Was wir damals aber nicht gesehen hatten, war, dass wir jeden Morgen unseren Gelee zum Frühstück bekamen.

Ein neuer Freund

Ich kann nicht mehr genau sagen, wann und wie ich den Lehrling Rolf Triebel getroffen habe. Rolf stammte aus Schmeheim und wollte den Beruf eines Graveurs erlernen. Ich hatte inzwischen von einem ehemaligen Stubennachbarn erfahren, dass man dazu ein Künstler sein müsse. Rolf war einer.

Schmeheim lag fast vier Kilometer von Dietzhausen entfernt. Diese Strecke musste Rolf zwei mal am Tag zurücklegen. Zu Fuß gab es eine Abkürzung, so wurden es nur drei Kilometer. Die Abkürzung führte den Weg entlang, den wir mit dem Kuhgespann zum Reisig holen gefahren sind. Die Straße nach Schmeheim bog unter der Bahnunterführung in Dietzhausen nach links ab und verlief ansteigend ein Stück parallel zur Bahnlinie. In einer Kurve ging der Abkürzungsweg ab, der dann gleich recht steil den Berg hinauf führte. Er mündete oben wieder in die Straße nach Schmeheim.

Diesen Weg bin ich häufig gegangen, weil Rolf und ich uns oft in Schmeheim trafen. Als ich allein bei Barts war, machte ich von diesem Weg aus auch viele Wanderungen, die ich immer weiter und weiter ausdehnte. Ich hatte mir eine Landkarte gekauft und lief dann viele Täler und Höhen ab. So lernte ich die Gegend bis hinter Heinrichs, wo die „Lange-Bahn-Ruine“ zu finden ist, gut kennen. Als Orientierung diente mir oft der Große Dollmar, der ab und zu über die Baumwipfel hinaus ragte. Das war eine schöne Zeit für mich.

Mit Rolf Triebel ging ich dann oft gemeinsam. Er hatte das Interesse, Wild aufzuspüren, um es zu skizzieren. Er wollte das Wild in der Natur sehen, um dann bessere Bilder zu zeichnen und letztendlich auf die Jagdgewehre zu gravieren. Rolf ging in Suhl auf eine Kunstschule. Ab und zu zeigte er mir, welche Hausaufgaben er bekommen hatte. Das waren gleichmäßig über ein DIN A4-Blatt gezeichnete Kringel oder Kreise und noch andere Dinge. Ich habe gestaunt, wie er das konnte. Wenn er zeichnete, ließ ich ihn allein, um nicht zu stören. Wenn er fertig war, übten wir Judo und Jiu Jitsu. Um die Fallübungen zu absolvieren, gingen wir in die Scheune von Triebels, und nutzten das Stroh als Unterlage. Die meisten der geforderten Leibesübungen machten wir allein. Ich am liebsten vor dem Schlafengehen und dann zwischen den zwei Betten.

Außer den mit Rolf Triebel verbrachten schönen Stunden, war ich mehr Einzelgänger. Ich hatte zunächst noch keine Verbindung zur Jugend in Dietzhausen. Zur Winterzeit lud mich Rolf Triebel ein, mit den anderen Schmeheimer Jungen an den Wochenenden abends zu den Mädchen in die „Lichtstuben“ zu gehen, wenn diese das zuließen. Das ist uns auch ab und zu gelungen. Wenn wir dort uns aber nicht so verhielten, wie die Mädchen das wollten, mussten wir das Feld räumen. Das ist uns einige Mal passiert. So richtete sich meine Aufmerksamkeit mehr auf Schmeheim. Es gab aber auch viele Stunden, da standen wir nur auf der Straße herum und machten manchmal auch Unsinn, wie zum Beispiel, mit Schneebällen die Straßenlaternen zu treffen. Da ließ ich aber lieber die Schmeheimer werfen.

Rolf und ich haben in der Freizeit, solange man noch sehen konnte, Jiu Jitsu geübt. Wir richteten uns nach einem Buch, was „Die unsichtbare Waffe“ hieß. Erst hatte nur ich es. Damit Rolf auch eine Unterlage hatte, kaufte er ebenfalls eins. Wir kamen nach meiner Ansicht damit gut zurecht, und legten uns gegenseitig mit den einzelnen Griffen und Würfen aufs Kreuz. Bei der guten Strohpolsterung in Triebels Scheune ging das.

Der Krieg gegen die Sowjetunion – wir sagten Russland– ließ Rolf und mich aufjubeln. Jetzt ist die Zeit auch für uns bald gekommen, wo wir die tapferen deutschen Soldaten selbst sein können. Es gab noch kein Stalingrad. Nur vor Moskau hat es gestoppt. Nun ja, die deutschen Soldaten hatten nichts Warmes anzuziehen und der russische Winter war ja auch hart.

Am 1. Oktober 1941 hatte es geschneit und ich machte im Dunkeln einen Skilaufversuch. Es ging schlecht, denn der Schnee klebte. Bald war der Schnee wieder verschwunden. Während der Schnee bei uns verschwand, kam er in Russland um so mehr. Es kam schließlich so weit, dass man die Bevölkerung bat, ihre Skier für die Soldaten in Russland abzugeben. Was sollte ich machen. Ich war ja ein guter Hitlerjunge und Herr Bart ein Parteigenosse. Ich schrieb an Onkel Fritz, der noch an der Schweizer Grenze im Einsatz war. Er schrieb zurück, dass ich die Skier abgeben sollte. Es war ja lächerlich, wie ich mit diesen Brettern dann auf dem Gemeindeamt ankam. Die Kanten waren abgerundet und die Bindung zum Wegwerfen.

Doppelflinten

Damit wir uns die Arbeitsgänge an den Gewehren besser einprägen sollten, wurden für jeden zwei Rohlinge zur Verfügung gestellt. Das ging los mit: Patronenzieher einpassen, Kasten aufpassen, Vorderschaft anpassen und dann Kasten aufklappen. Wir brauchten für die zwei ersten Gewehre etwa acht Wochen. Bei den nächsten ging es auch noch nicht schneller. Zur Facharbeiterprüfung sollten wir ein Gewehr in einer Woche schaffen. Für jedes Gewehr bekamen wir den Lauf und einen kleinen Pappkarton, indem sich die restlichen Teile ohne den Schaft und dessen Beschläge befanden. Unter Lauf verstand man die bereits zusammengelöteten Läufe. Bei Doppelflinten waren das eben zwei, beim Drilling drei und beim seltenen Vierling vier.

Die Werkstatt war ein schmaler Raum, in dem links und rechts Platz für die Schraubstöcke war. In der Mitte befanden sich Gestelle, in denen die Läufe und die Pappkartons abgestellt werden konnten. Dort wurde zum Feierabend alles deponiert, auch wenn die Gewehre fertig waren. Wir sagten „Gewehre“, doch war das nur der Lauf mit dem Kasten. Der Kasten war ein gefrästes Teil, was in seiner Form grob einen Winkel darstellte. Dieses Teil war so gefertigt, dass es sich nach dem An- und Aufpassen an den Lauf anschmiegte. Wenn der Vorderschaft angebracht war, konnte man den Kasten vom Lauf abkippen. Daher nennt man diese Gewehre auch Kipplaufgewehre.

Das Kippen wurde durch das Einsetzen eines Scharnierstiftes möglich, der an der Vorderseite des Hakens eingriff. An der Vorderseite des Kastens wurde nach dem Anpassen der Sitz für den Scharnierstift aufgerieben und der Stift eingetrieben. Er musste fest und genau mittig im Kasten sitzen, sonst hätte der Stift die Spannhebel behindert. Der Haken ist ein unter den Läufen liegendes Flachstück, was an die Auflageflächen für die Läufe angearbeitet ist. In der Mitte besitzt der Haken einen bogenförmigen Durchbruch, sodass zwei Halteflächen für den Verschlusskeil genutzt werden können. Für den Vorderschaft gab es ein Gegenlager, genannt Haft, was etwa 90 Millimeter vor dem Haken unter den Läufen angelötet war. Der Vorderschaft musste dann leicht in die Spannung zwischen Kasten und Haft mit einem Schraubendreherheft eingetrieben werden. War der Scharnierstift eingezogen und der Vorderschaft passte, konnte man den Kasten abkippen. Jetzt musste der Kasten gasdicht angepasst werden. Dazu wurde der Kasten leicht angekippt und mit einem leichten Schlag auf die Kastenschiene wurde die Kastenfläche auf die Laufenden aufgeschlagen. Beim Anlegen der Kastenfläche schaute man durch den möglichen Ritz der Kastenfläche. Da durfte nichts zu sehen sein und auf der Kastenfläche musste sich das gleichmäßig abzeichnen. Das dauerte schon eine geraume Zeit.

Die Zeit, eine komplette Doppelflinte zu „systemieren“, war auf den beiliegenden Karten in den Pappkästchen zu finden. Sie betrug 510 Minuten. Eine für uns damals unvorstellbare Zeit. Man konnte sie nur erreichen, wenn die einzelnen Tätigkeiten in Gruppen getrennt wurden und es für jede Gruppe eingearbeitete Leute gab.

In der Werkstatt waren für uns ausreichend Schraubstöcke vorhanden. Das waren aber keine Parallelschraubstöcke wie in der Lehrwerkstatt I, sondern Zangen- oder Flaschenschraubstöcke. In dieser Werkstatt gab es nur einen Parallelschraubstock. Er diente vor allem dazu, einen Kasten leicht zusammenzudrücken, wenn die einzupassenden Teile zu viel Spiel hatten. Dazu waren zusätzlich zwei Schutzbacken vorhanden, die mit Vulkanfiber belegt waren, damit keine anderen Beschädigungen erfolgen konnten.

Neben dem Parallelschraubstock war an der Wand ein Bunsenbrenner installiert, der mit Stadtgas betrieben wurde. Die Flamme brannte ständig, sodass man zum Gebrauch nur etwas mehr aufdrehen brauchte. Wir benutzten den Brenner zum Härten und zum Schmieden. Dörner und Schraubenzieher mussten ab und zu nachgearbeitet werden. Das Schmieden dieser kleinen Teile erfolgte gleich auf dem Amboss des Parallelschraubstocks. Von den Gewehrteilen härteten wir den Hahn, die Stange, den Greener Ring, den Spannhebel und den Verschlusskeil.

Das Härten dieser Teile war eine Übung für später, wenn man einmal irgendwo in einer Büchsenmacherwerkstatt arbeiten würde. In der Serienherstellung machte das der „Reparierer“. Der überprüfte und erledigte dann die Feinheiten. Auch bei unseren Gewehren. Er hatte vor allem das Abzugsgewicht anzupassen. Die Abzüge liegen bei Doppel- oder Mehrlaufgewehren hintereinander. Da hat der vordere Abzug einen etwas leichteren Druck als der hintere. Gemessen wurde das mit einer Federwaage.

Es gab für uns viele Möglichkeiten, von und in dieser Werkstatt, Unsinn und Schabernack zu betreiben. Das Reißnadelverschießen war zwar nicht mehr möglich, dafür hatten wir erkannt, dass man die vorgebohrten Läufe als Blasrohr verwenden konnte. Es gab eine Stelle, von der man sich Lehm beschaffen konnte, aus dem man passende Kugeln rollte. Diese Kugeln verschossen wir. Erst haben wir uns gegenseitig beschossen, wenn der Meister Sturm nicht in der Werkstatt war. Der musste ja auch ab und zu zur Toilette gehen. Beim Meister Baumgarten, den wir lieber hatten als Sturm, war das nicht so schlimm. Er drückte bei Unsinn schon mal ein Auge zu. Wurde es ihm zu bunt oder eine andere Frechheit tauchte auf, dann sagte er zu dem betreffenden, der als schuldig ausgemacht war: „Ich spring dich gleich mit de bärbesche Orsch ins Gesiicht!“ Wenn er das sagte, war es bald soweit, das er dem Betreffenden ein Ohr lang zog.

Das gegenseitige Beschießen mit Lehmkugeln reichte einigen noch nicht. Am Nachmittag, zehn Minuten vor vier, war Vesper. Auf der anderen Seite unserer Werkstatt war eine Werksstraße und gegenüber lag die Elektroabteilung. Neben dem Eingang zu dieser Abteilung gab es eine kleine Verkaufsstelle, in der man Zigaretten, Bier und Limonade kaufen konnte. Von uns zweijährigen Lehrlingen musste jeden Tag nach 15 Uhr einer zum Einkaufen gehen. Dazu nahm man vorher die entsprechenden Bestellungen auf. Sollte man Zigaretten mitbringen, musste man Zigarettenmarken mitnehmen. Wir hatten noch keine Zigarettenmarken. Die gab es erst ab achtzehn. Rauchen durften wir ohnehin nicht im Betrieb und in der Werkstatt schon gar nicht. Die Facharbeiter rauchten schnell bei geöffneten Fenster zwei bis drei Züge. Bekam das Meister Gerbig mit, gab es großes Theater.

Bei schönem Wetter saßen zum Frühstück und zum Vesper neben dem Eingang zum Verkaufsstand oft Arbeiter, die dort ihre Brote verzehrten, Zeitung lasen oder rauchten. Da wir zum Frühstück nicht in den Speisesaal gingen, konnten wir die Leute sehen, wenn wir uns die Hälse verrenkten oder auf die linke Werkbank kletterten. War Meister Sturm nicht im Raum, wurde schnell einmal eine Lehmkugel an eine Zeitung geschossen, was dort verwundert zur Kenntnis genommen wurde. Aber nicht immer wurde nur eine Zeitung getroffen. Man konnte uns kaum ausmachen von unserem Platz aus. Ich habe nicht geschossen. Gemeckert habe ich aber auch nicht, obwohl ich das Beschießen der Leute für gemein hielt.

In Ermanglung von Lehm haben wir uns aus Schaftholz kleine Bolzen gefeilt. Solche Bolzen benötigten wir, um zu überprüfen, ob das Schlagbolzenloch genau genug in der Laufmitte sitzt. So einen Bolzen mit der kurzen Reißnadelspitze zu verschießen war nicht ungefährlich, konnte man den Beschossenen doch erheblich verletzen. Die Reißnadelspitze ragte etwa zwei bis drei Millimeter auf der einen Seite des Bolzens heraus.

Zum Mittagessen gingen wir in den großen Betriebsspeisesaal. Der Weg dorthin war weiter, als von der Lehrwerkstatt I und II. Wir Lehrlinge hatten einen Tisch für uns. Das Essen wurde nach der schlechten Ernte von 1941 bedeutend karger. Es gab oft Krautsuppe aus Sauerkraut. Einmal, wir hatten gerade begonnen mit dem Essen, da sprang auf der anderen Seite des Saales eine ganze Gruppe auf und verließ den Speisesaal. Erst später erfuhren wir, dass einer an diesem Tisch einen Damenstrumpfhalter in der Suppe gefunden hatte.

Werkstattwechsel

Es war etwa Mitte Februar 1942, da wurde ein neuer Werkstattwechsel vollzogen. Es ging zurück in die Lehrwerkstatt I. Wir unterstanden wieder Meister Dietz, den wir nicht leiden konnten. Unsere Ausbildung vollzog sich immer noch an Doppelflinten und es war kein Ende abzusehen. Wir fingen an zu meutern. Vorerst nur untereinander. Mein Arbeitsplatz war wieder der, den ich zum Ausgang des 1. Lehrjahres hatte. Nun aber mit einem anderen, einem Flaschen- oder Zangenschraubstock. Wir mussten uns wieder das „Geknärre“ von Meister Dietz anhören, wenn er die Lehrlinge des ersten Lehrjahres bejammerte. Wir waren ja nun schon im 3. Lehrjahr.

Erinnern kann mich ich in dieser Zeit noch an den Besuch eines ehemaligen Lehrlings, der in SS-Uniform auftrat. Er hatte sich nach der Lehre gleich zur Waffen-SS gemeldet. Seine militärische Grundausbildung hatte er hinter sich. Als er zu Meister Sturm ging, sammelten wir uns nach und nach neugierig dazu. Die Waffen-SS war ja eine besondere Truppe, zu der man uns auch warb. So kamen wir nun zu der sich beginnenden Unterhaltung zwischen Sturm und ihm, dem SS-Mann hinzu. Sturm wollte nun wissen, wie es da bei der SS zugeht. Er erzählte uns, wie straff der Dienst dort sei, was einem Gustloff-Lehrling nicht all zu schwer fiel, weil ja im Betrieb auch militärische Disziplin herrsche. Sturm hörte sich das an und meinte, dass sein Bericht zu allgemein wäre. Er möchte etwas mehr wissen. Der SS-Mann druckste nun herum und Sturm munterte ihn noch einige Male auf. Sturm wollte etwas besonderes wissen, etwas, was man sonst nicht erfährt. So begann der SS-Mann zu erzählen, was ich bis heute nicht vergessen kann. Er erzählte, dass er mit seinem Zug, also etwa dreißig Mann, zu einer größeren Fabrik in Polen mit dem LKW gefahren sei. Während die SS-Männer, jeder bewaffnet mit einer Maschinenpistole, auf dem LKW sitzend warteten, wäre eine größere Gruppe Menschen unter Bewachung gekommen, die man in die Fabrik und gleich vorn auf den großen Hof führte. Nach dem die Menschengruppe – es wären mindestens fünfzig oder mehr Leute gewesen – im Hof war, mussten die SS-Männer absitzen. In den Hof geführt, wo die Leute vor einer großen Mauer standen, mussten die SS-Männer auf Befehl ihre Magazine der Maschinenpistolen auf die Menschengruppe hin leerschiessen. Es hätte sich keiner mehr von denen gerührt. Anschließend wären die SS-Männer wieder aufgesessen und davongefahren worden. Sturm fragte nach, was das für Leute gewesen wären, auf die man geschossen hätte. Der SS-Mann wusste das nicht, „wahrscheinlich Juden“, sagte er.

Schulterzuckend gingen wir an unsere Plätze zurück. – Es waren doch nur Juden. Das war ja nicht schlimm. Die Juden sind ja unser Unglück, hatte man uns eingetrichtert. Wenn ich daran denke, wie kalt wir das hingenommen haben, muss ich mich schämen. Wir gingen an unsere Plätze und arbeiteten weiter. Gemault haben wir also nur, weil wir weiter Doppelflinten machen mussten und drohten – unter uns natürlich nur –, den Lehrvertrag zu kündigen.

Diese Meinung, die Unzufriedenheit mit unserer Ausbildung und das Verhalten von Meister Sturm, der priemte und seinen Priem in Toilettenpapier spuckte, über seine Lesebrille nach links und rechts blickte und wenn er die Luft nach seiner Ansicht rein war, das zusammen geknüllte Papier unter seinem Stehpult verschwinden ließ, was nach und nach anfing zu stinken – diese Unzufriedenheit teilte ich meinem Logiewirt, dem Herrn Bart, mit. Der war ja Parteigenosse und da war für ihn das Lästern über einen nationalsozialistischen Musterbetrieb nicht tragbar. Was ich nicht vermutete, war, dass Herr Bart sich nun einmischte.

Am Nachmittag des 13. April 1942 wurde ich zu Obermeister Ledermann gerufen. Als ich in das Zimmer des Obermeisters trat, bemerkte ich auch Herrn Bart. Der Obermeister sagte, dass der Parteigenosse Bart ihm berichtet hätte, … – eben das, was ich gerade erzählt habe. – Ich sollte das vorm Obermeister wiederholen. Das tat ich und drohte, bei keiner Veränderung den Lehrvertrag zu kündigen. Nun versuchte der Obermeister mich zu beschwichtigen und versuchte mich hinzuhalten. Da ich nicht darauf einging, bestand er nun darauf, in die Werkstatt zu den anderen Systemmacherlehrlingen zu gehen und diese nach ihrer Meinung zu fragen.

Wir gingen also gemeinsam in die Lehrwerkstatt. Dort wurden alle meine Kollegen vorn am Meisterkäfterle mit Meister Sturm und Meister Dietz zusammengerufen. Der Obermeister trug vor, was ich gesagt habe und dass ich vorgetragen hätte, dass alle dieser Meinung wären und sie sollten das bestätigen. Keiner sagte etwas dazu und ich war der Blamierte. „Nun“, fragte der Obermeister hönisch, „es ist also doch nicht so, wie du behauptest. Keiner hat dazu etwas zu sagen. Was ist nun?“

Mich packte die Wut. Herr Bart blickte mich auch fragend an. Ich sagte: „Bei dem was ich gesagt habe, bleibe ich und ich würde es auch wiederholen. Wenn meine Kameraden zu feige sind, ihre Meinung zu sagen, die sie Tag für Tag hier kund getan haben, so ist das ihre Sache. Ich bleibe bei meiner Aussage und meiner Forderung. Man könnte ja auch einmal unter dem Stehpult bei uns nachsehen.“ – Man blickte sich ratlos an. Ich musste vorn an der Tür stehen bleiben. Man ließ mich nicht einmal meine Werkbank abräumen.

Nach einiger Zeit erhielt Meister Dietz vom Obermeister einen Anruf und Dietz gab mir Bescheid, dass der Obermeister eine Überweisung in die Abteilung „Jagd“ eingeleitet hätte. Ich hätte meine Wege dafür zu erledigen. Ich erledigte meine Wege. Die Ummeldungen ging schnell. Als ich mich wieder am Werkstatteingang postieren wollte, bekam ich von Meister Dietz schon die Anweisung, mich in der Abteilung „Jagd“ bei Meister Gerbig zu melden. Während ich nun mit dem Lehrausbilder vom Dienst verhandelte, meine Brotbüchse aus dem Rollschrank herauszugeben und mit mir nach unten in den Umkleideraum zu gehen, damit ich meine Sachen holen könne, zerrte man unter besagtem Stehpult mit Stangen das mit Priem versehene Toilettenpapier hervor. Meister Dietz stand dabei. Er hatte wohl in dem Anruf vom Obermeister auch die Anweisung erhalten, meine Behauptung zu überprüfen. Ich machte bei Dietz mein Männchen und meldete mich ab, nicht ohne auf den Papierhaufen zu blicken. Das tat ich ganz unbewusst. Dietz dachte aber, ich schaue aus Frechheit nach diesem Haufen. Ich ließ ihn meckern und drehte mich zackig ab.

Mit meinen Sachen über dem Arm ging ich durch den Betrieb und versuchte nun, den neuen Lehrausbilder vom Dienst auszumachen. Der blaffte mich gleich an, als ich ihn gefunden hatte. Morgens vor Arbeitsbeginn ließ er uns in dem geräumigen Umkleideraum in Linie zu einem Glied antreten und nach Feierabend auch. Er war gegenüber den Lehrlingen immer mürrisch und fühlte sich scheinbar als großer Boss. Bei jeder Gelegenheit schnauzte er mit uns herum. Nun kam ich und wollte außer der Reihe in den Umkleide- und Waschraum. Das war unerhört und dazu noch am späten Nachmittag. Ich ließ ihn schimpfen und sah zu, dass ich zu Meister Gerbig kam.

Meister Gerbig führte mich in der Werkstatt nach hinten in die Ecke zu einem Arbeiter, den er als Herrn Hoffmann vorstellte. Während Gerbig den Raum verließ, meinte Hoffmann, dass ich nun erst einen Zangenschraubstock aufbauen müsse. Ich demontierte den vorhandenen Parallelschraubstock und wollte dann den Zangenschraubstock herrichten. Dazu reichte die Zeit bis zum Feierabend nicht mehr. Am nächsten Tag ging es weiter. Ich musste nun noch neue Hilfswerkzeuge, wie Körnen, Beitreiber und Schraubendreher anfertigen. Das Material dazu – Silberstahl – stand in einer Ecke. Es waren mehrere gezogene Stangen mit unterschiedlichen Durchmessern, so, wie man es brauchte.

Mein Platz war nun hinten rechts. Auf der anderen Seite, hinter mir, arbeitete Hoffmann. Er kam aus Albrechts, war groß, schlank und blond mit schon etwas lichtem Haar. Ich schätzte ihn so um die vierzig Jahre. Als ich meine Vorbereitungen abgeschlossen hatte, kam er zu mir an den Schraubstock und sagte: „Also, dass du dich nicht gleich aufregst, wir machen jetzt erst ein paar Doppelflinten, aber die sind etwas anders. Das sind Flinten mit Ejektor und etwas komplizierter. Außerdem haben sie Seitenblenden“. Ich war einverstanden. Mit Hoffmann arbeitete es sich gut zusammen und ich war froh, dass es so gekommen war. Er zeigte mir auch Kniffe, die ich bei Meister Sturm nie kennen gelernt hätte. So war ich erst einmal zufrieden. Ich hatte aber gerade eine Woche Zeit, mich dort einzugewöhnen.

Es galt, meine Zeit im Jagdschießstand anzutreten. Es kam etwas plötzlich, aber jeder von uns wartete darauf, endlich einmal mit einer Jagdwaffe schießen zu dürfen. Nach Feierabend gingen wir schon ab und zu in eine Jugendgruppe, die auf einem Schießstand nahe dem Bahnhof Heinrichs mit Kleinkaliber-Gewehren übte. Aber das bemerkte man ja kaum. Mit einer Doppelflinte müsste das schon etwas ganz anderes sein.

Meister Gerbig holte mich ab und übergab mich in der Nachbarwerkstatt dem Kollegen Hartmann. Der sagte nicht viel, sondern ließ mich sechs Gewehre aufnehmen, je links und rechts drei, am Riemen über die Schulter gehängt. Man konnte damit gerade noch gehen. Hartmann hatte auch drei Gewehre sowie eine Aktentasche bei sich, in der er die Munition mitführte. Nun durchwanderten wir den ganzen Betrieb bis ans untere Tor. Dahinter ging es bis fast an die Straße nach Albrechts. Am Tor gab es eine Brücke über die Aue und die Hasel. Der Bach kam um den Betriebssportplatz herum und verlief auf der linken Seite des Tales, in dem der Betrieb sich erstreckte. Hinter dem Tor auf der rechten Seite etwas abseits waren einige Fabrikgebäude. Der Komplex hieß Porzellanfabrik.

Der Schießstand, dem wir zustrebten, lag vor der Porzellanfabrik, dicht an der Straße nach Albrechts. Die Räume konnte man von zwei Seiten aus begehen. Wir kamen von der Betriebs- oder der Porzellanfabrik-Seite aus herein. Es ging erst einmal in den sogenannten Doppelraum, wo im angedeuteten zweiten Zimmer Schießscharten zu sehen waren. Dort an der Seite waren auch Gewehrständer, in denen wir die Gewehre abstellten.

Hartmann nahm sich einen Stuhl, setzte ihn an die Tür am Eingang und nahm darauf Platz. Während ich noch verwundert in der Tür stand, holte Hartmann eine große Tabakspfeife und einen Beutel Tabak hervor und stopfte sich eine Pfeife. Dann qualmte er erst einmal genüsslich. Dabei knurrte er und brummelte etwas, was ich nicht verstand. Ich fragte, ob ich etwas falsch gemacht hätte. Er sagte aber, dass seine Bemerkungen nichts mit mir zu tun hätten. Es ginge um den blöden SA-Mann. Ich wusste nicht, wen er meinte. Nach und nach kam ich dahinter, dass Hartmann, der Einschießer, den Meister Gerbig meinte. Als Hartmann seine Pfeife zu Ende geraucht hatte, hupte es gerade für die erste Mittagsschicht. Wir schlossen den Schießstand ab und marschierten zurück in den Betrieb, um uns einen Platz im Lehrlingsspeisesaal zu suchen. Musste ich hier doch wieder unter die Fuchtel von Meister Dietz – aber nur während des Essens.

Als wir vom Mittagessen zurück waren, rauchte Hartmann wieder erst eine Pfeife und schimpfte auf dies und das. Nach und nach kam ich dahinter, dass er den Staat oder den Betrieb meinte. Es gab viel, über das er meckern konnte. Da ich ja nun nicht so richtig unter die Leute kam und zudem fremd war, verstand ich damals manches nicht. Als Hartmann endlich sagte, dass es los gehe, stieg meine Spannung und ich freute mich darauf, dass ich zusehen könnte, wie er die Gewehre einschießt.

Ich hatte mich aber getäuscht. Ich musste eine Scharnierklappe für einen Fischkasten herstellen, wofür er das Material mitgebracht hatte. Ich kam dabei nicht so recht voran, hatte ich doch keine Ahnung, wie man schnell ein Blech trennt, wenn man keine Blechschere hat. Ruck und zuck zeigte er mir das an dem dort vorhandenen Schraubstock und schnell war das Teil fertig und angebaut. Dann hoben wir den Fischkasten auf einen Handwagen, den er auch aus einer Ecke zauberte. Dann meinte er, dass seine Frau den Handwagen später abholen würde.

Nach noch einer Pfeife ging es dann aber endlich los. Hartmann nahm ein Gewehr und ging an eine der Schießscharten, lud das Gewehr, zielte und schoss. Nach dem Schuss nahm er ein großes Fernrohr und blickte in die Richtung, in der er geschossen hatte. „So“, sagte er dann, „ich will dir erst mal zeigen, was du machen musst.“ – Natürlich alles in seinem Thüringer Dialekt, den ich so gar nicht wiedergeben kann. Wir verließen das Gebäude zur Straßenseite. Es war ein warmer, sonniger Tag im April. Wir gingen einige Meter in Schussrichtung an der Seite des Gebäudes entlang bis zu einer Tür, die Hartmann aufschloss und durch die wir in einen anderen Raum gelangten. In diesem Raum befand sich eine etwa einen Quadratmeter große Schießscheibe aus Stahlblech. Auf dieser Schießscheibe war ein Kreis eingeprägt, der noch mehrmals unterteilt war.

Hartmann zeigte mir, wie ich die Scheibe mit Grafitöl zu überpinseln hätte, damit die von einem Schuss verursachten Abdrücke gelöscht werden. Nach dem Überpinseln sollte ich die Scheibe wechseln, falls die andere inzwischen beschossen wurde. Ich durfte mich aber in der Zeit, während geschossen wurde, nicht in dem Raum aufhalten. Es gab eine Klingel, mit der mich Hartmann warnte. Weil er manchmal auch zweimal auf eine Scheibe schoss, durfte ich erst wieder in den Raum, wenn er erneut geklingelt hatte. Dazu rief er mich durch ein Fenster noch an. Er war sehr besorgt, dass mir nichts passiert. Wenn er schoss und ich stand dicht an der geschlossenen Tür, hörte ich, wie die Schrotkugeln im Raum umher spritzten.

Die Scheiben standen auf kleinen Rollen und waren mit dünnen Stahlseilen verbunden. Die Verschiebung oder der Wechsel erfolgte seitlich. Von dem Raum zur Schießbahn gab es nur einen Schlitz, durch den die Scheiben verschoben wurden. Trotzdem kamen viele Schrotkugeln durch diesen Schlitz hindurch.

Nun gab es größere Pausen, in denen er mich zu sich rief. Ich sollte zusehen, wie die zusammengelöteten Gewehrläufe gerichtet werden. Wenn es vorkam, dass die beiden Läufe sich im Trefferbild überkreuzten oder auseinander gingen, musste etwas geändert werden. Dazu hatte Hartmann einen Spiritusbrenner mit mehreren Flammen, die sich auch gegenüber lagen. Sie hatten solch einen Abstand voneinander, dass ein darüber gelegter Doppellauf gleichmäßig erhitzt wurde. Damit sollte das Weichlot flüssig gemacht werden, um die Läufe entweder an den Mündungen zusammenzubringen oder den Abstand zu vergrößern. Es waren aber nur Hundertstel Millimeter, um die es dabei ging. Damit nichts schief gehen sollte, wurden die Läufe an den Mündungen straff mit weichem Draht umwickelt, bevor sie über den Brenner gelegt wurden. Zwischen den Läufen war ein Keil, der in die entsprechende Richtung bewegt wurde. Zum Zusammengehen der Läufe wurde der Keil ein geringes Stück nach vorn gezogen und im umgekehrten Fall leicht hineingetrieben. Der Keil musste vor dem Einschießen noch einige Millimeter herausschauen, sodass man ihn noch mit einer Flachzange greifen konnte. Der Keil wurde dann nach dem Einschießen vorsichtig abgefeilt, wobei die Laufmündungen kaum berührt werden durften, um das erreichte Trefferbild nicht zu verändern. Ich habe das später bei einigen Gewehren machen dürfen. Dazu muss man zum Feilen recht sicher sein. Bei einigen Gewehren musste mehrmals erwärmt werden. Hartmann konnte das gut. Er hatte nicht nur gute Augen zum Schießen, sondern zeigte auch recht viel Geschick und Erfahrungen beim Richten.

Bis zum Feierabend hatte er die Gewehre in Ordnung. Die Zeit reichte noch für eine gemütliche Pfeife. Wir arbeiteten damals bis zehn Minuten vor sechs und 54 Stunden in der Woche. Wir gingen pünktlich zurück zur Abteilung „Jagd“, sodass wir kurz vorm Hupen dort eintrafen und noch ordnungsgemäß die Gewehre abstellen konnten.

Am nächsten Tag nahmen wir weniger Gewehre mit, Hartmann hatte zwei und ich vier. Auf unserem Weg gingen wir nahe an einem Schrottplatz vorbei, auf dem Stanzreste lagen. Dort kramte Hartmann herum und kam mit einigen Streifen aus Blech zurück, aus denen man Teile so ausgestanzt hatte, dass man die Reste noch als Gitter verwenden konnte. Nach dem Hartmann seine Pfeife geraucht hatte, ging es wieder los. An den vor der Tür herumliegenden Fischkästen mussten die Durchflussöffnungen mit Gittern verschlossen werden. Der Handwagen mit dem großen Fischkasten vom Vortag war nicht mehr da. Hartmann sagte, dass seine Frau am Abend die Kästen wieder abholen wird. Da er nun wusste, dass ich in Dietzhausen wohnte, erzählte er, dass diese Kästen nach Dietzhausen gebracht würden. Gleichzeitig fragte er mich, ob ich ihm beim Fischen helfen würde, wenn es soweit sei. Ich sagte zu.

Zum Schießen kamen wir am Vormittag nicht. Hartmann und ich räumten alle Ecken auf, auch auf der Schießbahn die hinter der rechten Schießscharte lag. War die linke Schießbahn praktisch bis auf einige Lichtöffnungen umbaut, war die rechte Schießbahn im freien Gelände, was weiträumig abgedämmt war. Dort waren einige Pfosten teilweise mit mehreren Brettern verbunden, auf denen man Scheiben befestigen konnte. Neben der Bahn standen noch einige Äpfelbäume, von denen ich heruntergefallene Äste zusammenlesen sollte. Nebenbei sagte Hartmann: „Morgen kommt Doktor Sack.“

Während dann die Nachmittagspfeife geraucht wurde, wagte ich zu fragen, wer Doktor Sack denn sei. Hartmann erklärte mir, dass sei der Weltmeister im Tontaubenschießen. Was das nun war, wusste ich damals auch noch nicht. Kam ich doch aus Verhältnissen, in denen man sich um Tontauben keine Gedanken machte. Höchstens um Brief- oder andere Tauben, die dann in einen Kochtopf gelangten, wie sie mein Onkel Fritz in Bürgel einige Jahre gehalten hatte. – Bald ging aber die Schießerei wieder los.

Am nächsten Nachmittag kam Doktor Sack. Er war etwas dick und hatte eine schöne Glatze. Ich sehe sie heute noch leuchten, als er und Hartmann auf der Rasenfläche herumhantierten und Sack ab und zu schoss. Ich kann nicht sagen, ob da eine Wurfanlage war. Ich musste im Schießstand oder besser in der „Feuerstube“ bleiben und konnte beide nur durch die rechte Schießscharte beobachten, von wo sie mir ab und zu aus dem Blickfeld gerieten. Der Doktor Sack fuhr mit seinem Auto wieder davon und wir machten wie üblich weiter.

Natürlich rauchte Hartmann erst eine Pfeife. Dann ging es los. Manchmal schoss er zweimal auf eine Scheibe, also, ohne vorher zu löschen. Die Schießscharten waren mit hellem Leder ausgekleidet. In der Mitte jeder Schießscharte war eine Vertiefung, in die man das Gewehr einlegen konnte. Geschossen wurde im Stehen. Dazu war vor den Schießscharten ein breites Brett angebracht, auf das man dann bequem die Ellenbogen auflegen konnte. Im Brett war an jeder Seite, auf der der Schütze stand, eine Aussparung, sodass man ohne viel Mühe das Gewehr richten konnte.

Da ich während des Schießens nicht in der „Feuerstube“ war, sondern immer kurz beim ersten Gewehr, bekam ich nur flüchtig mit, wie die Gewehre beim Rückstoß schlugen. Am linken Stand, an dem mit den Flinten geschossen wurde, befand sich ein abdrehbares Gestell, in das man ein Gewehr einlegen konnte. Da war dann, wo der Gewehrschaft angelegt wurde, ein etwa sechs Zentimeter dickes Polster. Ich sah schon, das Hartman unter seiner grünen Joppe etwas trug, was wie ein Polster aussah und trotzdem legte er die Flinten noch in das Gestell. Da ich, wie jeder von uns Lehrlingen, auch gern mit einer Flinte schießen wollte, kam ich ins grübeln, wie stark der Stoß sein würde, wenn man einen Schuss abgibt. Es sah aber nicht so aus, als hätte Hartmann vor, mir die Erfahrung zu gönnen.

Am nächsten Tag war ich wieder mit Hartmann auf dem Weg durch den Betrieb. Er trug ein Gewehr und ich vier. Ich dachte, Hartmann hatte nicht gut geschlafen, den er brummelte und schimpfte vor sich hin. Er gab mehrere Äußerungen von sich, die ich nicht deuten konnte. Er redete nach bestimmten Pausen so etwas wie „Gelump …, Scheißdreck …, Mist …, Gelump …, zum Kotzen …, Mist …, Gelump … “ Als wir schon am Sportplatz vorbei und kurz vorm unteren Tor waren, fragte ich, was denn los sei und worüber er sich ärgere. Da erklärte er mir, dass es um das Gewehr ginge, was er trug. Das sei eine „Großwildbockdoppelbüchse“ und die würde einen sehr starken Rückschlag besitzen. Er nannte wohl das Kaliber mit 9,3 Millimeter und vier Gramm Pulver. Ein Karabiner hätte nur 2,6 Gramm Pulver und da könnte ich mir ja ausdenken, dass das Ding nun fast doppelt so sehr schlug. Ich pflichtete Hartmann bei, in der Hoffnung, dass er mich nur nicht mit dem Ding schießen ließe. Gesehen hatte ich diese Waffe noch nicht, den wir trugen die Gewehre in Futteralen, die aus starkem Gewebe waren. An Stoßkanten vor allem hatte man zusätzlich Lederstreifen aufgesetzt.

Wie üblich ging der Tag seinen Gang. Nach der Frühstückspfeife ging es los mit Flinten einzuschießen. Zum Mittag war das fertig. Am Nachmittag saß Hartmann beim Rauchen wieder vor der betriebsseitigen Tür. Wir unterhielten uns über dieses und jenes und auch über den Krieg. Stalingrad gab es noch nicht. Auf eine Frage von mir, antwortete er mit: „Nä, nä, dos gett nich gout … “ Er meinte, als er im Weltkrieg gekämpft hätte, stand auf dem Koppelschloss „Gott mit uns“. Jetzt aber würde „Blut und Ehre“ auf den Koppelschlössern stehen und das sei nicht gut. Ich kann mich nur noch an diese Aussage erinnern. Die konnte ich in meinem weiteren Leben nicht vergessen. Auch ich trug ja ein solches Koppelschloss und als es mir später an den Kragen ging, erinnerte ich mich daran.

Zunächst stand aber noch ein einzuschießendes Gewehr in den Gestellen im Feuerraum. Als die Nachmittagspfeife geraucht war, ging Hartmann mit mir und einem großen Stück Papier unter dem Arm hinten um die Flintenschießbahn herum. Durch eine Tür kamen wir auf die rechte Schießbahn. Dort ging es zu einer Tafel an zwei Pfosten. An der entfaltete Hartmann das Papier und heftete es mit Reiszwecken an. Wir verließen die Schießbahn wieder und Hartmann verschloss die Tür des hohen und stabilen Zaunes. Bald waren wir wieder vorn und Hartmann nahm die Bockdoppelbüchse, über die er so geflucht hatte. Er schoss mehrmals. Nach jedem Schuss sah er durch das große Fernrohr. Dann musste ich vor gehen und die Einschusslöcher zukleben. War die Entfernung zum Flinteneinschießen dreißig Meter, so war die Papierscheibe für die Büchse bei 150 Metern aufgestellt. Als ich zurück kam, schoss Hartmann noch ein paar mal. Ich sah, wie das Gewehr sprang und hoffte, dass ich nicht damit schießen müsse. Hartmann sah noch einmal durch das Fernrohr und sagte dann: „So, nu’ kaste ach e’ mol geschess.“

Nun hatte ich das durchzustehen. Ich musste mich an die Schießscharte stellen und das Gewehr übernehmen. Hartmann erklärte mir, was ich eigentlich schon wusste, was wir in der Schießgruppe gelernt hatten: Der Gewehrkolbenhals wird mit Daumen und Zeigefinger saugend und schraubend umfasst. Hartmann zeigte es mir. Nachdem er glaubte, ich mache das mit dem Umfassen des Gewehrkolbenhalses richtig, erklärte er mir dann wie ich zielen soll. Nachdem gab er mir eine Patrone. Ich sollte das Gewehr im unteren Lauf laden. Im unteren Lauf würde das Gewehr nicht so stark belastet und – beruhigte mich Hartmann – dann schlägt es nicht so.

Ich ging also in den Anschlag und Hartmann beobachtete mich. Dann sagte er in seinem Dialekt: „Wehe wenn du finzt, da hast es bei mir verschissen.“ Unter „finzen“ versteht man das Verschließen des Zielauges vor und bei Abgabe des Schusses. Dadurch wird das Gewehr nicht mehr geführt und der Schuss geht meist daneben. Finzen erfolgt meist aus Angst vor dem Knall und auch vor dem Rückschlag des Gewehres. Hartmann beugte sich links von mir vor und sah mir ins Gesicht. Ich zielte und drückte so wie er es gefordert hatte ab. Von zielen konnte keine Rede mehr sein, aber ich behielt das Auge auf. Ich hatte nicht „gefinzt“. Hartmann blickte durch das Fernrohr und sagte: „Wo haste dann hie geschosse?“ Ich ahnte, dass ich nicht getroffen hatte. Wartete ich doch auf den Knall und vor allem den Schlag. Es war ein heftiger Schlag. Mein erster Schuss aus einer großkalibrigen Waffe. Ich dachte, wenn der Karabiner beim Militär ein geringeres Kaliber hat und sogar weniger Pulver, kann es doch nicht so schlimm werden. Nicht so schlimm wie mit dieser Büchse.

Ich musste noch einmal schießen, nachdem mir Hartmann noch einmal das mit dem „Spiegel aufsitzend“ erklärt hatte, was ich aber längst wusste. Spiegel aufsitzend bedeutet, dass der schwarz gehaltene Teil der Zielscheibe mit seiner unteren Seite oder der untere Bogen dieses Kreises auf der Linie Kimme-Korn aufsitzt. Hartmann beobachtete mich wieder. Ich wusste ja nun, was kommt, und zielte, wie ich es gelernt hatte. Nun war Hartmann erst einmal zufrieden. Ich gab noch einen Schuss ab und Hartmann widmete sich seiner Pfeife. Er hatte die gesamte Munition bei mir gelassen. Mir reichte es bisher und ich hoffte, dass ich nicht die ganze Munition verschießen müsste. Als ich den sechsten Schuss mit diesem Gewehr abgegeben hatte, sagte Hartmann, dass es genug sei. Ich war erleichtert, säuberte die Läufe und stellte das Gewehr ab. Da sagte Hartmann: „So, nu kaste noch mit die Flint geschieß.“

Es ging also nichts an mir vorbei. Mein Ausbilder kam zu mir und erklärte mir, wie ich mit einer Flinte zielen muss. Auch hier sah er nach, ob ich das Zielen begriffen hatte. Ich hatte. Nach dem zweiten Schuss setzte sich Hartmann wieder zu seiner Pfeife und sah mir zu. Ich schoss und schoss. Nach dem sechsten Schuss fragte ich Hartmann, ob ich die Schulterstütze nehmen dürfte. „Warum?“, fragte er. – „Mir schmerzt die Schulter,“ sagte ich. Das löste bei ihm einen Lachanfall aus. „Ho, ho, ho, ho“, lachte er und hielt sich den Bauch. Ich durfte die Schulterstütze nehmen, doch nützte sie nun nichts mehr. Es schmerzte weiter.

Als ich den elften Flintenschuss abgab, kam Meister Gerbig. „Oach,“ sagte der, „derf iich ach moal geschiß?“ Hartmann gab Meister Gerbig keine Antwort. Zu mir sagte Hartmann, dass ich aufhören könne. Ich war sehr froh darüber. Gerbig fragte noch einmal, ob er schießen dürfe. Hartmann machte nur eine zustimmende Handbewegung. Ich wollte die Läufe der von mir benutzten Doppelflinte reinigen, doch Gerbig nahm sie mir aus der Hand und ging zur Schießscharte. Ich sehe ihn heute noch, wie er sich mit zurücklehnendem Körper hinstellte und zielte. Er stand etwas vor der linken Schießscharte und ehe man sich versah, knallte es zweimal und Gerbig lag mit seinen schwarzen Stiefeln, die kurz in die Höhe ragten, und mit seinem gelblichen Kittel vor uns.

Während Hartmann aus vollem Halse lachte, er brüllte mehr, ich aber nicht lachen durfte, rappelte Gerbig sich auf, nahm seinem Hefter und ging schnell unter Hartmanns dröhnendem Lachen aus dem Raum. Nun konnte ich auch lachen, aber Hartmann konnte sich nicht beruhigen. „So ein blöder SA-Mann, so ein blöder SA-Mann. Hab ich’s doch gesagt. So ein blöder SA-Mann.“

Ich stellte möglichst ungesehen meine Gewehre in der Abteilung „Jagd“ ab und verdrückte mich in die Richtung des Umkleideraumes. Es musste ja bald zum Feierabend hupen. Es wäre mir peinlich gewesen, dem Meister Gerbig gegenüber zu treten. Am folgenden Tag hatte ich Berufsschule und bis dahin wird sich die Sache etwas beruhigt haben, dachte ich.

Am Sonnabend hatten wir vier Gewehre zum Einschießen. Als wir am Schießstand ankamen, waren alle Fischkästen verschwunden. Nach dem Einschießen wurde natürlich noch eine Pfeife geraucht. Dabei fragte mich Hartmann, ob ich ihm an einem der folgenden Wochenenden beim Fischen helfen würde. Ich stimmte zu. Gefischt würde in Dietzhausen.

In der „Feuerstube“ war der daneben gegangene Schuss mehr als deutlich zu sehen. Über der linken Schießscharte, nahe der Raumdecke, war ein etwa 15 bis 20 Zentimeter großes Loch in der Holzwand. Hartmann erklärte mir, dass Gerbig das Gewehr nicht festgehalten hatte, sodass der erste Schuss ihm das Gewehr nach vorn weggezogen hat. Erst würde ein Schuss das Gewehr nach vorn ziehen und bei verlassen des Laufes durch die Ladung zurückgestoßen. Gerbig hätte den Kolbenhals nicht saugend und schraubend umfasst, und so wurde es ihm aus der Hand gerissen und kam an den hinteren Abzug.

„Es ist eben ein blöder SA-Mann“, bekräftigte Hartmann noch einmal. Nun waren ja SA-Männer bei mir angesehene Leute, doch das sagte ich Hartmann lieber nicht. Ich wusste ja nicht, was da vor 1933 vorgefallen war, denn Hartmann hatte einmal so eine Andeutungen gemacht.

Ich hätte gern noch eine Woche an diese Zeit angehängt. Nun standen mir noch vierzehn Tage in der Schmiede und vierzehn Tage in der Werkzeughärterei bevor. Zunächst war ich wieder bei Herrn Hoffmann und da gefiel es mir auch. Während ich nun interessante Doppelflinten zusammenbaute, hatte sich bei den anderen Lehrlingen nichts verändert.

Forellenfang

Es dauerte nicht lange und ich erhielt die Einladung von Hartmann, dass ich am Sonnabend nach dem Mittag in Dietzhausen im Tal hinter dem Arbeitsdienstlager sein soll. Gleich nach der Ankunft meines Zuges in Dietzhausen ging ich los. Ich sah aber erst einmal niemand in der Nähe des Arbeitsdienstlagers. Dort wohnten zu der Zeit 300 Frauen, die man in der Ukraine eingefangen und nach Deutschland verschleppt hatte. Darüber machten wir uns damals wenig oder überhaupt keine Gedanken.

Ich ging im Tal auf der Straße entlang, die gut ausgebaut war. Da ich sehr schnell ging, holte ich Hartmann mit seiner Frau bald ein. Harald Tyrri, ein Kollege war auch dabei. Frau Hartmann und er zogen einen Handwagen, auf dem zwei Fässer standen. Wir gingen bis zu dem Teich, der am Ende des Baches lag, der sich das Tal entlang schlängelte. Unterhalb der Teiches wurden die Fässer mit Wasser gefüllt, weshalb der Handwagen vorher auf die Wiese neben dem Bach gezogen wurde. Ich dachte, dass da nun bestimmte Geräte und Vorrichtungen benötigt würden, doch nein, gefischt wurde mit den Händen. Nur ein Spaten war nötig. Damit baute Hartmann in bestimmten Abschnitten Dämme. Das Wasser, das aus dem Teich kam, wurde auf die Wiese geleitet. Dort verteilte es sich und floss dann neben dem Bach taleinwärts.

Dadurch wurde das Wasser unterhalb eines Dammes im Bachbett geringer und man konnte die Forellen besser unter den ausgespülten Uferstellen erwischen. Hatte man eine gefangen, wurde sie aus dem Bach geworfen zu der Seite, auf der Frau Hartmann mit dem Handwagen stand. Sie sammelte die herausgeworfenen Forellen auf und brachte sie in die Fässer auf dem Handwagen. Der Wagen musste sehr vorsichtig bewegt werden, weshalb einer von uns aus dem Bach sprang und Frau Hartmann unterstützte.

Tyrri und ich hatten Turnhosen an, da konnte der Hintern schon einmal nass werden, wenn eine Kuhle im Bach war. Hartmann trug Gummistiefel bis zur Hüfte. Das Wetter war schön, Tyrri und ich konnten es in dem kalten Wasser gerade so aushalten. Manchmal sprangen wir beide aus dem Bach, um Frau Hartmann zu helfen, den die Wiese war wärmer als der Bach. Nach etwa zwei Stunden gab es etwas zu Essen. Jeder bekam ein Stückchen Brot und eine dicke Scheibe Schinkenspeck. Das war nun etwas neues für mich. Noch nie hatte ich bis dahin so ein Stück Schinkenspeck in der Hand und durfte es essen. Schinken war in unserer Familie etwas Unerreichbares.

So gegen 18.00 Uhr wurde abgebrochen und Hartmanns zogen mit ihren Fässern in Richtung Suhl. Das waren rund acht Kilometer. Tyrri half ihnen bis Mäbendorf. Dort wohnte er, auch in Logis wie ich. Die Fässer wurden vorher mit frischem Wasser aufgefüllt. Am nächsten Tag gegen acht Uhr sollten wir wieder im Grund sein. Sonntag ging es also weiter. Am Nachmittag zogen Hartmanns wieder los. Ich bekam vorher drei Forellen, die ich mir dann von Frau Bart braten ließ. Noch nie hatte ich Forellen gegessen. Zum Abend wanderte ich noch nach Schmeheim zu meinem Freund Rolf Triebel.

Nun wusste ich, wie man Forellen fischt. Man kann sich dabei in den Bach stellen, oder sich am Ufer auf den Bauch legen und so unter die ausgespülten Uferstreifen fassen, wo sich die Forellen aufhalten. Dabei machte man erst die Arme breit und führte die Hände dann zusammen. Wenn man eine Forelle bemerkte, musste man schnell zupacken und das Tier herauswerfen. Manche Forellen hatten das wohl mehrmals schon überstanden und waren sehr flink wieder aus den Händen entwischt. Das waren auch die größten. Kleinere Forellen ließen wir wieder in den Bach. Hartmann hatte uns gezeigt, wie groß sie mindestens sein mussten.

Das war das ein schönes und erlebnisreiches Wochenende.

Kontakt im Dorf

Es muss noch im Mai 1942 gewesen sein, als Wilhelm Höfert vom Arbeitsdienst zurück kam. Zu den Sportleistungswettkämpfen waren wir beide auf dem Dietzhäuser Sportplatz. Willi als Zuschauer und ich als Wettkämpfer. Er konnte nicht am Lauf teilnehmen, nicht am Weitsprung und auch nicht werfen. Er war zu bedauern. Ein hübscher Kerl und Gelenke wie ein Greis. Bei diesen Wettkämpfen in Dietzhausen hatte man mich zum ersten Mal richtig zur Kenntnis genommen.

Nun gingen wir beide wieder öfter ins Dorf. Unsere Freizeit verlief ohne Besonderheiten und war recht langweilig. Wir standen herum und konnten uns Unsinn ausdenken. Wir durften uns abends nach 21.00 Uhr nicht mehr auf der Straße und schon gar nicht in einer Gaststätte aufhalten. Das sahen wir aber nicht ein und passten auf, ob der Gendarm auftauchte. Ertappte er uns, konnte man schon mal eine Reichsmark loswerden. Im Wiederholungsfall wurden es dann schon drei. Wir standen aber nicht bloß herum. Wir sangen auch Lieder. Da war das Küchenlied vom Wildieb das beliebteste. Aber das Lied vom Räuber, wo ein Mädchen, die so schön war wie Milch und Blut, an einem Wasserfall steht, sangen wir auch. Natürlich war es uns recht, wenn Mädchen sich zu uns gesellten. Wilhelm Höfert hatte es da auf eine abgesehen, mit der ich auch gern angebändelt hätte. Ich traute mich nicht und Höfert blitzte ab. Später erfuhr ich von einem anderen Mädchen, dass keine von ihnen sich mit Höfert eingelassen hätte, weil er katholisch sei.

Ich weiß nicht mehr genau, wann Höfert den Betrieb und Dietzhausen verlassen hat. Er lernte, als er vom Arbeitsdienst zurück war, Technischer Zeichner. Diese Tätigkeit konnte er noch ausüben. Als Maschinenbauer konnte er nicht mehr weitermachen.

Von den Jugendlichen im Dorf war ich vor allem mit Walter Debertshäuser zusammen, der zu meinem Freund wurde. Sein Spitzname war „Hutzel“. Ich hatte den Spitznamen „Schuster“, was man von meinem Familiennamen abgeleitet hatte. So sagte man erst Riemenschuster und dann nur noch Schuster, das war dann nicht so lang.

Manchmal machten wir uns den Spaß, die Mädchen zu erschrecken. Wenn wir, Jungen und Mädchen, aus Richtung Wichtshausen kamen, versteckten sich zwei Mann, die möglichst weiße Hemden trugen, auf oder am Friedhof. Der Friedhof lag am Ortsausgang rechts oben an der Straße. Wenn da bei Mondschein – den brauchte man schon – auf einmal wimmernde weiße Gestalten auf der Friedhofsmauer herumsprangen, bekamen die Mädchen Angst. Man musste das auch so machen, dass die Mädchen schon mehr auf der Dorfseite waren, sonst flüchteten sie in Richtung Wichtshausen. Um schaurige Gestalten zu erhalten, wurden die Hemden über den Kopf gezogen, sodass die Ärmel dann schlackerten. Das sah gespenstisch aus.

Wanderungen

Es war noch im Frühjahr 1942, als für unsere Klasse eine Wanderung nach Schmiedefeld am Rennsteig angesetzt wurde. Es ging durch Schmiedefeld zu einem flach gehaltenen Betriebsgebäude. Dort erblickten wir viele Maschinen, mit denen man verschiedene Arbeitsgänge zur Gewehrlaufherstellung ausführte. Die Theorie dazu hatten wir schon bei Meldke im Unterricht. Nun sahen wir die Wirklichkeit. Der Betriebsteil war neu errichtet worden, weil es in Schmiedefeld ausreichend Arbeitskräfte gab. In diesem Betrieb arbeiteten um die hundert Leute, von denen nur zehn Facharbeiter waren. Die anderen waren Angelernte, meist ehemalige Glasbläser.

Der Rückweg führte uns nach Vesser und von dort zu den ehemaligen Bergwerken in Richtung Suhl, wo wir aber nur zu den Stolleneingängen hineinsehen durften. Auf dem Rückweg kam mir der Gedanke, eine ähnliche, aber längere Wanderung von Suhl nach Ronneburg durchzuführen und zwar wenn der Jahresurlaub beginnt. Meine Eltern waren inzwischen von Bürgel dorthin umgezogen. Ich erzählte von meiner Idee bei einer Rast und konnte Walter Rosenhahn aus Zeitz dafür begeistern. Wir beide, Rosenhahn und ich, sahen das als eine gute „Stählung“ an, damit wir einmal gute Soldaten würden. Unsere Soldaten mussten ja auch viel marschieren und da konnte ein bisschen Übung uns nichts schaden. Es würde ja nur noch ein Jahr dauern, bis es für uns auch soweit wäre. Dann würden wir siegreich mit marschieren.

So trafen wir dann auch unsere Vorbereitungen. Wir hatten beide einen Tornister, und, damit der auch schwer genug sein möge – Soldaten hatten ja auch zu tragen – sollte jeder von uns einen Ziegelstein in seinem Tornister unterbringen. Mit meinem Tornister war schon Onkel Hans bei der SA in Bürgel marschiert.

Die Zeit kam heran. Vor Urlaubsantritt hatte man im Betrieb ein Sportfest für die Lehrlinge angesetzt. Das ging bis zum Mittag und dann, nach der Mittagssuppe in der Betriebsküche, sollte es mit uns beiden losgehen. Es kam aber anders.

Beim 100-Meterlauf hatte ich das Gefühl, dass sich das Zielband, was man damals noch benutzte, mir um die Beine wickelte. Ich kam ins Straucheln und stürzte auf die Aschenbahn. Es war ja eigentlich Schlacke, mit der man die Laufbahnen herrichtete, aber sie war auf alle Fälle scharf wie ein Reibeisen. Mein linker Oberarm, vom Ellenbogen bis zur Schulter und meine linke Rückenhälfte waren aufgeschrammt. Und nun wollte ich einen Tornister schleppen … Zunächst musste ich aber zum Betriebsarzt. Der wies die Krankenschwester an, mir die aufgeschrammten Teile mit Jod einzupinseln. Wenn die Schwester nicht so hübsch gewesen wäre, hätte ich bestimmt laut aufgeschrien. So biss ich die Zähne zusammen. Ich dachte aber, ich würde zur Barackendecke oben hinaus fahren. Die ganze Rückenhälfte bis zur Hüfte war kaputt. Ein paar Kratzer hatte die andere Rückenhälfte auch abbekommen. Das merkte ich nicht nur beim Einpinseln, sondern auch beim Tornisterschleppen.

Nach dem Mittagessen zogen wir von der Abteilung Berufsausbildung los. Erst ging es nach Suhl zum Lehrlingsheim, wo Rosenhahn seine Sachen holen wollte. Ich blieb unten am Bach und wartete und wartete. Ich konnte bald annehmen, Rosenhahn wollte aussteigen. Als er endlich kam, erklärte er mir, dass er vergessen hatte, sich seine Lebensmittelkarten herausgeben zu lassen. Nun konnten wir endlich losziehen. Wir kamen an dem Haus vorbei, in dem Tante Lotte inzwischen wohnte. Ihre Mutter, Frau Erdmann aus Bad Klosterlausnitz, war gerade am Fenster und sah uns. Sie fragte, wohin wir wollten. Ich erzählte es ihr. Das wollte sie erst nicht glauben. Doch dann sagte sie, wenn wir so etwas vor hätten, müssten wir erst eine Tasse Kaffee bei ihr trinken.

Dann ging es aber wirklich los. Gegen fünfzehn Uhr sind wir in Suhl auf der Straße nach Schmiedefeld am Rennsteig abmarschiert. Als wir die erste Abkürzung nahmen, hatte uns auch das erste Gewitter eingeholt. Rosenhahn besaß eine Zeltbahn, die er um den Tornister geschnallt hatte. Diese Zeltbahn lösten wir ab und gingen darunter nebeneinander weiter. Dadurch wurde auch die Decke geschützt, die ich auf meinen Tornister geschnallt hatte. Mit einer Zeltbahn und einer Decke, so dachten wir, kommen wir aus.

Bevor wir Schmiedefeld erreichten, bekamen wir das zweite Gewitter ab. Wir gingen weiter. In Schmiedefeld wurde es besser, doch am Ortsausgang mussten wir die Zeltbahn wieder übernehmen. Bei Allzunah ging es über die Bahnschienen der Strecke nach Frauenwald. In der Nähe wir fanden wir eine Gaststätte, in die wir einkehrten, weil es inzwischen recht kalt geworden war. In den nun schon feuchten Klamotten wollten wir uns nicht dem aufgekommenen Wind aussetzen. Wir kauften uns einen Muckefuck und wanderten nach unserer Stärkung weiter. Das Ziel war nun der Rennsteig, den wir bald erreichten. Ich hatte inzwischen schon genug vom Wandern und war froh, dass wir in dem Gasthof „Dreiherrenstein“ einkehren konnten. Darin war es angenehm warm und ich taxierte schon die mit dunklem Lederüberzug gepolsterten Sitzbänke als Schlafgelegenheit. Doch Rosenhahn wollte weiter. Unser Hauptziel an diesem Tag war Neustadt am Rennsteig. Nachdem wir ausgetrunken hatten, verließen wir das Gebäude und spürten wieder die Kälte, die wir immer heftiger an unseren freien Knien wahrnahmen, denn wir trugen kurze Hosen und Kniestrümpfe.

Der Rennsteig hatte für uns bald seinen Namen verdient. Wir rannten tatsächlich fast dort entlang. Der eine Grund war, weil es so kalt war und der andere, weil wir noch bei Tageslicht in Neustadt unseren Kumpel suchen wollten, bei dem unsere Übernachtung geplant war. Doch erst erlebten wir ein interessantes Schauspiel. Während wir den Rennsteig entlang hasteten, huschten tieffliegende Wolken vor uns, um uns und hinter uns über die Höhe des Rennsteiges, vom Südwesten kommend quer zu unserer Marschrichtung. Als wir den Wald vor Neustadt verließen, schien die Sonne. Das Straßenschild nach Großbreitenbach brachte uns zu der Überlegung, dass ja in Großbreitenbach unser Kollege Voigt wohnt. Der wusste ja auch, dass wir kommen. Neustadt kam uns zu groß vor. Wir hatten jedenfalls noch keine Lust zum Suchen und wanderten deshalb weiter. Es sollten ja nur noch vier Kilometer werden. So stand es am Wegweiser.

Die asphaltierte Straße wurde etwas abschüssig, da kam ein Auto von hinten und hielt neben uns an. Der Fahrer fragte, wo wir hin wollten. Wir sagten, nach Großbreitenbach. Er würde uns ein Stück mitnehmen. Nach Großbreitenbach direkt fahre er aber nicht. Ich drang darauf, dass wir einstiegen. Die Fahrt war sehr kurz. Vielleicht zwei Kilometer, da waren wir am Bahnhof Gillersdorf. Dort mussten wir nun wieder laufen. Großbreitenbach konnten wir aber schon sehen. Eine große Kurve ließ uns den Weg sehr lang werden. In Großbreitenbach kamen uns die Häuser eng und klein vor. Wir gingen weiter, als die Häuserreihen zu Ende waren. Großbreitenbach war aber viel größer als Neustadt und wir wollten uns nicht durchfragen. So dachten wir, in der nächstbesten Feldscheune zu übernachten. Mit dieser Idee verließen wir Großbreitenbach.

Der nächste Ort, den wir erreichten, war Böhlen. Rosenhahn meinte, dass es bei Leipzig auch ein Böhlen gäbe. Er kam ja aus dieser Gegend. Eine Feldscheune hatten wir bis dahin nicht ausgemacht. Ein Straßenschild, das zum Schwarzatal wies, hat uns zum Weitergehen veranlasst. Es dunkelte bereits. So stolperten wir den Weg taleinwärts. Lange dauerte es, bis wir eine Ortschaft ausmachen konnten und standen plötzlich vor einem Hotel. In welchem Ort wir waren, wussten wir nicht. In das Hotel ging es durch einen Torbogen, durch den man in eine Vorhalle kam, in der Licht brannte. Rosenhahn, dessen Windjacke durch das Wetter sehr zerknittert war, wollte nicht hineingehen und fragen, ob wir hier übernachten dürfen. Ich hatte noch ein gut aussehendes Sakko an, dem man die Wetterstrapazen nicht ansehen würde. Meine Lederhosen war zwar speckig, doch die sollten ja so sein. Je speckiger, je besser. Ich ging in den Gastraum des Hotels, der auch als Anmeldung diente. Die Frau am Tresen sah mich von oben bis unten an und fragte, was ich wolle. Als ich meinen Wunsch vorbrachte, schüttelte sie mit dem Kopf und meinte, dass sie voll seien, sie hätten so viele Sommergäste. Wer hatte jetzt im Krieg Sommergäste, wo alle für den Sieg kämpfen sollten?, dachte ich und drehte mich enttäuscht zur Tür ab.

Ich hatte gerade einen Schritt getan, da hörte ich, wie jemand „Sst!“ machte. Für mich kann das nicht gelten, dachte ich. Wer kennt mich hier schon. Doch dann hörte ich das Geräusch wieder und noch etwas eindringlicher. Ich versuchte nun durch den Tabakqualm zu erkennen, wer da nach mir rief. Es war ein ehemaliger Lehrling, der nun Jungfacharbeiter war. Wir waren ja inzwischen die Dreijährigen. Ich ging zögernd an seinen Tisch. Er fragte mich, wo ich herkäme. „Na, aus Suhl“, antwortete ich. Ob ich mit dem Fahrrad sei. Ich schüttelte mit dem Kopf und sagte, dass ich zu Fuß gekommen sei. Er hielt mich für verrückt. Ob ich wüsste, wie viel Kilometer das wären. Ich zuckte mit den Schultern. Er meinte, dass das 54 Kilometer wären. Ich sagte ihm, dass Rosenhahn auch dabei sei und wir eine Unterkunft für die Nacht suchten. Er erklärte, dass bei ihm zu Hause auch kein Platz mehr sei, höchstens auf dem Heuboden.

Ich war einverstanden und er kam gleich mit mir mit. Unterwegs erzählte er uns, dass bei ihnen zu Hause auch Sommergäste wären und seine Eltern würden schon in der Küche schlafen. Im Haus angekommen, wies er uns zum Heuboden. Er schlug außerdem vor, dass wir besser am Morgen mit dem Zug nach Schwarzburg oder Saalfeld fahren sollten. Für das Wecken würde er sorgen. Wir wühlten uns ins Heu und schliefen bald fest. Das Wecken klappte. Seine Eltern waren auch wach. Wir durften in der Küche Kaffee trinken und bekamen sogar ein Stück Kuchen dazu.

Zum Zug mussten wir uns beeilen. Die Haltestelle war nicht weit. Wir hatten ausgemacht, dass wir abwechselnd bezahlen. Rosenhahn wäre an der Reihe gewesen, die Fahrkarten zu kaufen. Er stellte fest, dass sein Portemonnaie fehlt. Er vermutete, dass es im Heu geblieben sei und rannte aufgeregt zurück. Den Fahrkartenkauf übernahm ich inzwischen. Der Zug bimmelte schon von Katzhütte kommend das Tal herein. Rosenhahn war nicht zu sehen. Der Zug fuhr ein und Rosenhahn war noch nicht da. Ich sah ihn aber inzwischen kommen und stieg auf die hintere Plattform des letzten Wagens. Der Zug begann zu rollen, da schwang sich Rosenhahn auf die Plattform. Er hatte sein Portemonnaie nicht gefunden.

Ich hatte bis Schwarzburg gelöst. Wir mussten nun aufpassen, dass wir nicht in den Schlaf fielen, denn wir hatten letzte Nacht höchstens viereinhalb Stunden geschlafen. Gegen Mitternacht waren wir zuvor in Meuselbach/​Schwarzmühle eingetroffen und der Zug fuhr hier schon gegen fünf Uhr ab. Es war wohl die vierte Station, an der wir aussteigen mussten.

Es war schwer, wieder in Gang zu kommen. Als wir auf der Straße waren, die unter dem Bahnhof Schwarzburg in Richtung Bad Blankenburg entlang führte, nahm ich meine Mundharmonika hervor und spielte ein Wanderlied. Das half uns, wieder in Tritt zu kommen. Während der Fahrt von Schwarzmühle bis Schwarzburg haben wir noch einmal alles durchgesehen, ob das Portemonnaie irgendwo dazwischen gerutscht wäre, es war aber nichts zu finden. So rechneten wir nun unterwegs nach Bad Blankenburg, wie viel Geld wir noch besaßen. Es würde uns reichen, wenn wir keine besonderen Ausgaben tätigten. Feste Größen waren die Bahnfahrten Bad Blankenburg – Saalfeld, Saalfeld – Kahla und Krossen – Zeitz oder Ronneburg.

So wanderten wir nun mutig weiter. Rosenhahn hatte mit dem Geld aber auch seine Lebensmittelkarten verloren. Nun musste er sehen, wie er die nächsten Tage über die Runden kam. Unterwegs konnte ich ja etwas abzweigen. Bei der Diskussion über diese Dinge bemerkten wir nicht, wie schnell wir vorangekommen sind. Während wir in Bad Blankenburg die Bahnschienen beim Bahnhof überquerten, wurden die Schranken gerade geschlossen. Wir hatten Glück. Die Zeit reichte, um die Fahrkarten zu kaufen und gleich ging es weiter.

In Saalfeld gaben wir unsere Tornister bei der Gepäckaufbewahrung ab, um einen Abstecher in die Feengrotten zu machen. Wir nahmen an einer Führung teil und gingen dann gleich wieder zum Bahnhof. Wir hatten geplant, von Saalfeld nach Kahla zu fahren. „Jena-Paradies“, hörten wir und schraken auf. Wir waren kurz nach der Abfahrt des Zuges in Saalfeld eingeschlafen. Nun ging es darum, schnell auszusteigen und ungehindert die Bahnhofssperre zu passieren. Doch das klappte nicht so ohne weiteres. Bei uns beiden hatten sich die Tornisterriemen in den Gepäcknetzen verheddert. Wir hörten schon das „Fertig–werden“ draußen und Rosenhahn konnte gerade noch die Tür abfangen, die zugeschlagen werden sollte. Ich hatte meinen Tornister auch endlich frei und beide stiebten wir auf die Sperre zu, dass man annahm, wir hätten es sehr eilig. Auch an der Sperre gaben wir Eile vor, damit der Kontrolleur die Fahrkarten nicht zu genau ansehen konnte. Die waren ja nur bis Kahla gültig.

Zunächst entfernten wir uns möglichst weit vom Bahnhof Jena-Paradies. Dann überlegten wir, was mit der unvorhergesehenen Situation anzufangen wäre. Zum Wandern hatten wir keine Lust mehr. Inzwischen hatte der Wind stark zugenommen. Doch wir kamen auf die Idee, auf der Saale, oberhalb des Stauwehres, einen Ruderkahn zu mieten. Aber das versagte man uns wegen des Windes, der immer turbulenter wurde. Obwohl ich früher schon in Jena war, kannte ich mich nicht besonders gut aus. Wir erkundigten uns, wann vom Saalbahnhof ein Zug in Richtung Bürgel abfahre. Ein bisschen Zeit zum Bummeln blieb, bis der Zug kam. Das Wetter hätte man zu dieser Zeit eher in den April eingeordnet und wir fröstelten wieder. Wahrend wir auf dem Bahnsteig herumtrampelten, kam ein Soldat auf uns zu und wollte wissen, was wir für Kerle wären und warum wir einen Tornister herumschleppen würden. Wir antworteten, dass wir uns auf die Militärzeit vorbereiten würden. Er schüttelte den Kopf und meinte, dass uns der „Barras“ noch zeitig genug erreichen würde.

Nach Bürgel waren es mit dem Zug noch siebzehn Kilometer. Auf der Landstraße wären es nur vierzehn gewesen. Unser Mut zum Wandern war ziemlich klein geworden. Wir wollten ja von Kahla über die Leuchtenburg nach Stadtroda und von dort nach Bürgel. Ich kannte auf dieser Strecke einige Feldscheunen und da hätten wir übernachten können. Doch weil wir es verpennt hatten, wurde nichts mehr daraus. So zuckelten wir mit dem Bummelzug über Porstendorf und Graitschen nach Bürgel.

Ich hatte uns bei meiner Großmutter angemeldet. Wir waren froh, dass endlich ein Bett auf uns wartete. Vorher haben wir uns die Füße gebadet und die Blasen beklebt. Die waren zahlreich. Doch mutig wollten wir am folgenden Tag auf unsere geplante Strecke Bürgel – Teufelstalbrücke–Mühltal – Krossen gehen. Mit dieser Zielstellung schliefen wir ein. Wir mussten uns zusammen ein Bett teilen. Da wir ziemlich müde waren, nahm ich den Köpergeruch von Rosenhahn nicht mehr so sehr wahr.

Als Großmutter meinen Namen rief, wurde ich munter. Sie meinte, wir sollten einmal aus dem Fenster sehen, es gäbe Landregen. Unser Plan war also über Nacht ins Wasser gefallen. Bei diesem Regen hätten wir die Wanderetappe nicht geschafft. Großmutter sagte, wenn wir einen Zug nach Krossen erreichen wollten, müssten wir gleich aufstehen. Wir erreichten den Zug und kamen zeitig in Krossen an der Elster an.

Unser Geld reichte neben den Fahrkarten nach Zeitz und Ronneburg gerade noch, einige Ansichtskarten zu kaufen, die wir unfrankiert abschickten. Zu Hause hieß es: „Ihr müsst unterwegs recht arm geworden sein.“ Recht hatten sie.

Бесплатный фрагмент закончился.

1 352,74 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
Объем:
683 стр. 22 иллюстрации
ISBN:
9783938555446
Издатель:
Редактор:
Правообладатель:
Автор
Формат скачивания:

Похожие книги