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Horst Bosetzky

Razzia

Kappes 20. Fall

Kriminalroman

Jaron Verlag

Horst Bosetzky alias -ky lebt in Berlin und gilt als «Denkmal der deutschen Kriminalliteratur». Mit einer mehrteiligen Familiensaga (schließend mit «Kartoffelsuppe oder Das Karussell des Lebens», 2012), zeitgeschichtlichen Spannungsromanen sowie biographischen Romanen (wie «Der König vom Feuerland. August Borsigs Aufstieg in Berlin», 2011) avancierte er zu einem der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Neben der Romanserie »Wie Berlin und Brandenburg wurden, was sie sind: Unglaubliche Geschichten aus dem Mittelalter« verfasste er in den letzten Jahren unter anderem mehrere Bände zu den Krimireihen «Es geschah in Berlin» (zuletzt «Unterm Fallbeil», 2012) und «Es geschah in Preußen» (zuletzt «Mamsellenmord in der Friedrichstadt», 2012).

Originalausgabe

1. Auflage 2013

1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH

© 2013 Jaron Verlag GmbH, Berlin Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

ISBN 9783955520205

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelseite

Impressum

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

QUELLEN

EINS

ES WAR DIE ZEIT der Künstler. Der Hungerkünstler. Das meinte jedenfalls Hermann Kappe, als er mit seinem Kollegen Gerhard Piossek auf dem Weg zum Mittagessen war. Der hatte im Hause Turmstraße 5 einen privaten Mittagstisch ausfindig gemacht.

« Eine Treppe rechts, Preisstufe 3, netter, gemütlicher Aufenthalt, Besteck mitbringen », referierte Piossek und las von einem kleinen Zettel ab, was an diesem Tage auf der Speisekarte stand und was dafür an Lebensmittelmarken abzuliefern war: « Jägersuppe (25 Br), Gemüsetopf, bürgerlich (25 N oder 50 Br, 5 F, 200 K), Ungarischer Gulasch mit Bayerisch-Kraut (50 Fl, 10 F, 400 K), Fruchtspeise mit Sauce (10 Z, 50 N). »

So ganz hatte Kappe das System der Lebensmittelmarken noch immer nicht begriffen, da das Einkaufen Sache seiner Frau war, aber er wusste immerhin, dass Br für Brot stand, F für Fett, N für Nährmittel, Fl für Fleisch und Z für Zucker. Nur was K meinte, wollte ihm in dieser Sekunde partout nicht einfallen. Käse, Kaffee-Ersatz, Kohlen?

«Mensch, Kartoffeln!», rief Piossek, als er ihn danach gefragt hatte.

Die beiden kamen aus dem Kriminalgericht, wo man sie in einem spektakulären Mordprozess angehört hatte, war es doch ihrer Arbeit zu verdanken, dass man der beiden Täter habhaft werden konnte und sie verhaftet hatte.

«Für die gilt Sartre», sagte Piossek, als sie am gedeckten Tisch Platz genommen hatten. «Les jeux sont faits.»

«Tut mir leid», brummte Kappe, «aber bei uns in Wendisch Rietz auf der Dorfschule hatten wir nur einen Französischlehrer, der kein Französisch konnte.»

«Das Spiel ist aus», übersetzte Piossek. «Bei uns ist ja gerade das Sartre-Fieber ausgebrochen, und der Film soll wirklich gut sein.»

«Wir waren gestern im Schlosspark-Theater», sagte Kappe. «Klara mit ihrem Kulturfimmel! Drei Mann auf einem Pferd. Mir wäre eine Portion Pferdefleisch lieber gewesen.»

Piossek lachte. «Vielleicht hast du das gleich auf dem Teller, deklariert als Schweinefleisch.»

«Solange es kein Menschenfleisch ist!»

«Wer weiß …» In dieser Hinsicht gab es allerlei Gerüchte in der Stadt. Man erzählte sich, dass Leute, die noch etwas mehr Fett auf den Rippen hatten, mit irgendwelchen Tricks in fremde Wohnungen gelockt wurden – um dann für immer zu verschwinden. Menschenfleisch sollte etwas süßlich schmecken. Piossek hatte bei diesem Gedanken auch gleich einen Kannibalenwitz parat. «Was essen Katholiken am Karfreitag? – Richtig, Fisch. – Und was essen Kannibalen am Karfreitag? – Fischer!»

Da wollte Kappe nicht hintanstehen. «Zwei Kannibalen verspeisen einen Clown. Da sagt der eine: ‹Der schmeckt aber komisch.›»

Piossek wusste noch einen. «‹Darf ich dir meinen Arm anbieten?›, fragt der verliebte Kannibale seine Angebetete. – ‹Danke›, entgegnet sie errötend, ‹ich habe schon gegessen!›»

«Guten Appetit, die Herren!» Die Dame des Hauses servierte das, was sie ungarischen Gulasch nannte.

Die beiden Kriminalkommissare versuchten, an etwas anderes zu denken, und redeten über die Schlagzeilen der Morgenzeitungen: Der amerikanische Kongress wollte im kommenden April den Marshall-Plan verabschieden, und in der britischen Zone hatte man die Entnazifizierung abgeschlossen. Letzteres war ein Thema, das Gerhard Piossek gar nicht behagte, war er doch mit einiger Begeisterung in die NSDAP eingetreten. Zum Glück hatten ihn gnädige amerikanische Offiziere als «Mitläufer» eingestuft, und er hatte seine Laufbahn bei der Berliner Kriminalpolizei fortsetzen können. Kappe akzeptierte ihn als Kollegen, aber dass sie einmal Freunde würden, hielt er für ausgeschlossen.

Schnell kam Piossek darauf zu sprechen, was sie nach der Mittagspause im Gerichtssaal erwartete und wie hoch das Strafmaß wohl sein würde.

Im Telegraf von Dienstag, dem 6. Januar 1948, konnten dann alle Berliner nachlesen, was passiert war:

Die gestrige erste Schwurgerichtsverhandlung im neuen Jahr endete mit einem Todesurteil gegen den 44jährigen Arbeiter Paul Sendsitzky wegen Raubmordes. Der 21jährige Mittäter Günter Köhler wurde zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilt und beiden die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt.

Die 70jährige Rentnerin Marta Döring wohnte in der Müllerstraße nur wenige Häuser von Sendsitzky, dem Sohn ihrer verstorbenen langjährigen Freundin, entfernt. Sendsitzky, der den Verkehr mit «Tante Marta» weiter pflegte, hatte im Mai trotz guten Verdienstes seine Arbeit aufgegeben, um leichter «organisieren» zu können. Dabei lernte er auf dem Rummelplatz den Angeklagten Köhler, der wegen Unregelmäßigkeiten aus dem Elternhaus gewiesen war, kennen und gab ihm Unterkunft. Als Köhler ihn fragte, wie man schnell Geld verdienen könne, gab er zur Antwort: «Wir gehen einfach rauf und schlagen die Olle vor’n Kopf.» – Ein kurzer gemeinsamer Besuch am Sonntagmorgen des 8. Juni. Verabschiedend reicht die alte Frau ihre Hand dem Sendsitzky, wird dabei von diesem zu Boden gerissen und gewürgt. Köhler hält ihre Hände fest. Sein Vorschlag, ihr «eins über den Kopf» zu geben, war überflüssig, das Opfer wehrte sich nicht. Gemeinsam legten sie die Bewußtlose aufs Bett, und während Sendsitzky ihr eine Plättschnur um den Hals knotete, da Köhler befürchtete, sie sei «noch nicht ganz weg», schnitt dieser schon Brote ab, die, mit Schmalz bestrichen und mit Zucker bestreut, verzehrt wurden. Darauf packten sie alles Mitnehmenswerte ein und verkauften die Beute für 2000 RM auf dem schwarzen Markt.

Marianne Migola stand am Küchenfenster, hauchte gegen die Eisblumen, welche die Scheiben von oben bis unten bedeckten, und benutzte ihre Fingernägel als Schaber, um sich ein kleines Guckloch zu schaffen, durch das sie auf den Hof hinuntersehen konnte. Sie wollte wissen, ob der Müll endlich abgeholt worden war. Nein, auch heute noch nicht, obwohl sich Unrat und Abfälle schon so hoch um die schweren eckigen Mülltonnen stapelten, dass diese kaum noch zu erkennen waren. Zwei Ratten suchten sogar jetzt am helllichten Tag in dem Haufen nach etwas Essbarem. Als ob die Berliner Essen wegwarfen!

Sie hatte Hunger. Wie sollte es auch anders sein! Seit sie nicht mehr als Trümmerfrau arbeitete, bekam sie schlechtere Lebensmittelkarten. Dafür hatte sie jetzt nicht mehr den ganzen Tag zu schuften und konnte morgens ausschlafen. Jetzt war es elf, und langsam musste sie frühstücken. Aber was? Im Küchenschrank lag nur der Rest eines Kommissbrotes, noch immer klitschig, aber wenigstens nicht verschimmelt. Davon konnte sie sich zwei Scheiben rösten. Als Belag hätte sie sich norwegischen Räucherlachs, Schwarzwälder Schinken, ungarische Salami und holländischen Käse gewünscht, doch was sie hatte, war lediglich ein letzter Zipfel Fleischwurst und ein Rezept, aus einer Zeitung ausgerissen:

Kartoffelwurstaufstrich

150 g gekochte, geriebene Kartoffeln, 1–2 Eßl. Milch, Salz, 1 Zwiebel,

25–50 g Wurst. Wurst sehr gut zerkleinern, ohne Fett rösten, feingeschnittene Zwiebel mitdünsten. Die Masse unter die gekochten Kartoffeln geben, Milch hinzufügen, abschmecken.

Sie murmelte «In der Not frisst der Teufel Fliegen» und machte sich ans Werk. Zum Glück funktionierte ihr Gasherd, während der Strom schon seit acht Uhr abgestellt war. Da sie ein paar gekochte Kartoffeln auf dem Fensterbrett liegen hatte, war ihr Brotauf strich schnell zubereitet, ebenso wie ihr Muckefuck. Nicht gerade zufrieden mit dem Leben, aber doch guter Dinge, saß sie dann am Küchentisch und frühstückte. Ihr Wohnzimmer war nicht geheizt, nur in der Küche, wo sie im Herd ab und an Feuer machte und wo auch ihre Nähmaschine stand, konnte sie sich längere Zeit aufhalten, ohne sich Frostbeulen an den Füßen zu holen. Natürlich nur, wenn sie zwei Hosen übereinander trug und über ihren dünnen Pullover noch ihren Rollkragenpullover streifte.

Gerade hatte sie die letzten Krümel mit der angefeuchteten Spitze ihres rechten Zeigefingers vom Teller in den Mund befördert, da klingelte es. Einmal lang, einmal kurz. Sie fuhr zusammen, denn so hatte Gerhard geklingelt, ihr Verlobter, bevor er an der Westfront gefallen war.

Marianne Migola sprang auf, lief auf den Korridor und sah durchs Guckloch. Draußen stand Edda Damaschke, die Freundin, mit der sie zusammen gelernt und bei einem Zwischenmeister am Hausvogteiplatz gearbeitet hatte. Sie zog die Kette ab und öffnete die Wohnungstür. «Herein, wenn’s keine Schneiderin ist!»

Edda lachte. «Ist es aber. Darf ich trotzdem?»

«Aber nur, wenn du wieder Bohnenkaffee im Rucksack hast …»

«Habe ich!», rief Edda. «Wer beim Richtigen die Beine breit macht, der hat alles.» Das war eine Anspielung darauf, dass sie regelmäßig mit John Drake ins Bett ging, einem US-Sergeanten aus Columbus, Ohio. Von vielen Menschen wurde sie deswegen mit scheelen Blicken angesehen, von manchen auch gehasst. Ihr war es egal, denn wie sagte ihre Mutter immer? Ist der gute Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Dass ihre Freundin Marianne so ehrpusselig war, konnte sie nicht recht verstehen. Bevor der nächste Krieg kam, musste man mitnehmen, was mitzunehmen war.

Marianne Migola holte ihre Kaffeemühle aus dem Schrank, schüttete die von Edda mitgebrachten Bohnen hinein und drehte geradezu andachtsvoll die Kurbel, bis das Mahlwerk alles zerkleinert hatte. Das Wasser kochte schon, und schnell war der Kaffee aufgebrüht. Marianne Migola geriet ins Schwärmen. «Schon allein der Geruch!»

Edda Damaschke staunte. «Bringt dir dein Süßer nie was mit nach Hause? Den hab ich doch auch schon auf dem schwarzen Markt gesehen.»

«Nee, der spart alles, der will sich ja selbständig machen.»

«Ach ja, die Männer!» Edda Damaschke stöhnte auf und begann dann zu singen:

Die Männer sind alle Verbrecher,

ihr Herz ist ein finsteres Loch,

hat tausend verschied’ne Gemächer,

aber lieb, aber lieb sind sie doch.

So wurde es ein schöner Vormittag. Als sie schon fast wieder am Gehen war, kam Edda Damaschke auf den eigentlichen Grund ihres Besuches zu sprechen. Sie hatte von ihrem GI ein großes Stück taubengrauen Stoff geschenkt bekommen. Sie holte es aus ihrem Rucksack. «Nadelstreifen-Gabardine, und daraus sollst du mir ein schickes Kostüm schneidern. Ich hab das alles verlernt und auch keine richtige Nähmaschine.»

«Ja, gern. Der Stoff reicht aber mindestens für zwei Kostüme.»

«Den Rest kannst du behalten.»

«Mensch, du! Danke!» Marianne Migola fiel der Freundin um den Hals.

Kaum war Edda Damaschke gegangen, holte Marianne Migola ihre Schnittmusterbögen aus der Schublade, rollte den Stoffballen auf dem Fußboden ab und markierte mit Schneiderkreide die einzelnen Teile des Kostüms, wie sie später auszuschneiden waren. Als sie sich sicher war, wie viel Stoff sie für das Kostüm brauchen würde, nahm sie eine Schere und trennte den Teil ab, von dem Edda Damaschke meinte, dass sie ihn behalten konnte. Schnell war der Stoff zusammengelegt und in ihrem Rucksack unterge bracht. Wenn sie den auf dem schwarzen Markt verscheuerte, hatte sie endlich wieder etwas Vernünftiges zu essen.

So machte sie sich auf den Weg zum Schlesischen Tor, wo sie den Stoff am besten gegen Butter, Wurst und Speck eintauschen konnte. Als sie unten auf der Fuldastraße stand, überlegte sie, ob sie mit der Straßenbahn bis zum Halleschen Tor fahren und dort in die U-Bahn umsteigen – oder das Geld sparen und laufen sollte. Sie schätzte, dass es knapp anderthalb Kilometer zu Fuß sein würden. Das schaffte sie in weniger als einer halben Stunde, zumal es bis jetzt noch kein richtiges Winterwetter gegeben hatte und die Bürgersteige eisfrei waren.

Ruinen gab es auf ihrer Route nicht viele. Die Martin-Luther-Kirche auf der gegenüberliegenden Straßenseite war wie die Gebäude kurz vor der Ossastraße zerstört worden, aber im weiteren Verlauf fehlte nur noch ab und an ein Haus. Um den Bayerischen Platz herum, wo die Engländer und die Amerikaner mit ihren Flächenbombardements alles in Schutt und Asche gelegt hatten, sah es anders aus. Es war ein trüber Tag, und die Straßen waren ziemlich leer. Auf dem Weichselplatz spielten keine Kinder, und rechts davon lag tief und schmutzig der Neuköllner Schifffahrtskanal. Schwäne gab es keine, die waren wohl schon lange in der Pfanne gelandet. Sie ging über die Brücke und kam in die Lohmühlenstraße und damit vom Bezirk Neukölln, gelegen im amerikanischen Sektor, in den Bezirk Treptow, der zum sowjetischen Sektor gehörte. Doch niemand kontrollierte sie. Es war überhaupt menschenleer in dieser Gegend. Wenn jetzt jemand aus den Büschen kam und über sie herfiel … Sie ging unwillkürlich etwas schneller und atmete auf, als sie kurz vor der Kiefholzstraße eine Brücke erreichte, die hinüber zum Görlitzer Ufer führte. Damit war sie in Kreuzberg und wieder im amerikanischen Sektor. Irgendwie fühlte sie sich hier sicherer. Über die Görlitzer kam sie zur Cuvrystraße. Die wollte sie hochgehen bis zur Schlesischen Straße, um dann zum Schlesischen Tor zu gelangen. Schon kamen ihr die ersten Schieber entgegen.

Mittelpunkt des schwarzen Marktes am Schlesischen Tor war das Restaurant Hackepeter an der Schlesischen Straße, Ecke Cuvrystraße. Hierher kamen auch viele Bewohner des sowjetischen Sektors, vor allem aus Friedrichshain über die nahe Oberbaumbrücke. Da der Schwarzhandel verboten war und man immer Angst vor einer plötzlichen Razzia haben musste, hielt man seine Waren nicht wie auf einem gewöhnlichen Markt feil, sondern benahm sich wie ein ganz normaler Spaziergänger und sprach leise vor sich hin, was man anzubieten hatte.

«Stoff», murmelte Marianne Migola. «Nadelstreifen-Gabardine …» Sie kam sich dabei vor wie ein Kind, das von seiner Mutter losgeschickt worden war und auf den Weg zum Kaufmann ständig wiederholte, was es einkaufen sollte. Doch niemand interessierte sich für ihr Angebot, so dass sie sich schließlich entschied, ihr Glück in der Gaststätte zu versuchen. Das Hackepeter war gut besucht, doch hinten an der Tür zur Toilette konnte sie noch einen freien Zweiertisch entdecken. Die Männer blickten ihr hinterher, offensichtlich in der Hoffnung, dass sie sich für einen Packen Butter und Speck selbst anbieten würde. Das war ihr furchtbar peinlich, und sie verfluchte ihre Idee, hier in der Gaststätte nach einem Interessenten für ihren Stoff zu suchen. Sie entschloss sich, das Lokal wieder zu verlassen, drehte sich um – und prallte gegen einen Mann, der gerade aufgestanden war, um die Toilette aufzusuchen. Sie schrie auf.

«Gott, habe ich Ihnen weh getan?»

«Nein, nein», stammelte sie, «es ist nur …» Dass er ihrem Gerhard, ihrem verstorbenen Verlobten, zum Verwechseln ähnlich sah, wollte sie dem Fremden nicht auf die Nase binden.

«Gestatten Sie, Peter Rembowski, Herrenausstatter. Ich bitte vielmals um Entschuldigung für mein kleines Missgeschick.» Er verbeugte sich mit einer Eleganz, die einem Willy Fritsch alle Ehre gemacht hätte. «Darf ich Sie als Wiedergutmachung zu einem Glas Glühpunsch einladen?»

Und führe mich nicht in Versuchung … Doch Marianne Migola hörte nicht auf ihre innere Stimme und folgte dem Mann an seinen Tisch. Als Herrenausstatter hatte er sicherlich Interesse an ihrem Stück Nadelstreifen-Gabardine.

Komm, Karlineken,

komm, Karlineken, komm,

Wir woll’n zu Pankow gehen,

da ist es wunderschön!

Während sie das Treppenhaus fegte, sang Frieda Kopisch mit Inbrunst dieses Lied. Sie hätte es sicherlich nicht gesungen, wenn sie gewusst hätte, dass ein gewisser Adolf Spahn es 1888 komponiert hatte – denn jeder, der Adolf hieß, war ihr grundsätzlich suspekt.

Herr Göritz, der einarmige Lehrer aus dem vierten Stock, der gerade vom Unterricht nach Hause kam, störte sich hingegen an etwas anderem.

« Nach Pankow, Frau Kopisch, nicht zu Pankow.»

«Nee, Sie, da wette ick jede Summe druff, det et zu Pankow heißen tut.»

«Heißt, nicht heißen tut.» Göritz konnte nicht anders.

Frieda Kopisch überhörte die erneute Verbesserung. «Mein Mann is ja aus Bremen jekommen, und da sagen se: Ick jehe nach Karstadt und nich wie wir zu Karstadt, also is det doch jehuppt wie jesprungen. Ach ja, mein Karl-Heinz mit seine Ausdrücke: Wurzeln zu Mohrrüben und Feudel zu Wischlappen. Und wenn wa spazierjegangen sind, eenmal um’t Karree rum, hatta jesagt: Um’m Pudding rum.» Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. Ihr Mann war in den letzten Kriegstagen ums Leben gekommen, als sich der Volkssturm im Bereich Prenzlauer Promenade und Binzstraße verschanzt hatte, um die Rote Armee an der Einnahme Berlins zu hindern.

Göritz hatte seinen rechten Arm bei einer Schlacht am Dnjepr verloren, klagte aber nicht weiter darüber, weil er der Meinung war, dass dieser «Heimatschuss» ihm das Leben gerettet habe. Und zum Glück war er Linkshänder. Dass er nun amtlich als Krüppel geführt wurde, störte ihn auch nicht weiter, und er zeigte gern auf seinen leeren rechten Ärmel und erzählte dabei seinen Lieblingswitz. Auch die Portiersfrau bekam ihn heute zu hören. «Ein Soldat hat seinen linken Arm und beide Beine verloren. Als er von der Front nach Hause kommt, sieht er, dass sein Wohnhaus in Schutt und Asche liegt, und erfährt, dass seine Frau und seine drei Kinder bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen sind. Da reißt er seinen verbliebenen Arm zum Hitlergruß hoch und ruft: ‹Hauptsache, Danzig ist deutsch!›»

Frieda Kopisch konnte darüber nicht so recht lachen, zumal sie wusste, dass Herr Göritz in der SED war. «Det is ma zu hoch», sagte sie dann auch.

«Dann man noch einen schönen Tag!», sagte Herr Göritz, während er seinen Weg nach oben fortsetzte.

«Ihnen ooch.» Die Hauswartsfrau sah ihm hinterher, griff wieder zu Handfeger und Müllschippe und arbeitete sich Treppenstufe für Treppenstufe langsam nach unten. Als sie auf dem Podest der ersten Etage angekommen war, hörte sie, wie unten die Haustür aufgestoßen wurde und Kinder lachten. Sie ahnte, was nun kommen würde, denn ein Lieblingsspiel der Jungen war «die Alte ärgern» – also sie. Und dies nur deshalb, weil sie tat, wozu sie da war: die Bengel vom Innenhof jagen, wenn sie dort auf den Mülltonnen spielten und lärmten. Eine Stinkbombe flog in den Hausflur, und der ätzende Qualm zwang sie, nach oben zu laufen und eines der schmalen Fenster aufzureißen, trotz der Kälte draußen. «Aasbande!», schrie sie nach unten. Wie man Stinkbomben baute, wusste sie von ihrem Enkel: Man nahm einen alten Rollfilm, den man den Eltern geklaut hatte, wickelte ihn in Zeitungspapier, so dass er aussah wie ein Knallbonbon, den man zu Silvester gebrauchte. Man zündete das Ganze an, warf es auf den Boden und trat es so schnell aus, dass es gewaltige Rauchwolken erzeugte.

Als sich der Qualm verzogen hatte, wollte Frieda Kopisch ihre Arbeit fortsetzen, doch da kam die Heinze die Treppe hoch, dieses aufgetakelte Ami-Flittchen. Die machte jetzt auf große Dame, dabei war sie die erste Mieterin gewesen, die im letzten Winter, als alle Abflussrohre eingefroren waren, auf Zeitungspapier gekackt und das stinkende Paket dann aus dem Fenster in den Hof geworfen hatte. Eine Ladung war dicht neben Frieda Kopischs Füßen gelandet. «Vor dem Haus unten ist es glatt, da muss einer was ausgekippt haben!», rief ihr die Heinze nun zu. «Sie sollten wieder mal wischen!»

«Nee, ick warte, bis Sie sich de Beene jebrochen ham», murmelte Frieda Kopisch, wusste aber, dass die Heinze recht hatte. Also machte sie sich auf den Weg in den Keller, um sich einen Eimer voll Asche zu holen und auf dem Bürgersteig vor ihrem Mietshaus zu verteilen. Sie hasste das, denn die Leute trugen ihr hinterher die ganze hellbraune Scheiße ins Treppenhaus, doch ihr Sand war schon aufgebraucht. Der Hauseigentümer war zu geizig, davon mehr anliefern zu lassen, und so gab es nur noch Asche zum Streuen.

Gewiss, sie hatte Haare auf den Zähnen und fürchtete weder Gott noch den Teufel, doch vor dem Gang in den Keller hatte sie doch einen ziemlichen Bammel. Wie oft hatte sie im Krieg bei Fliegeralarm hier unten gesessen, zitternd, weil sie einen Volltreffer erwartete. Das war jetzt schon drei Jahre her, aber noch immer roch es hier unten nach Todesangst. Dazu kam die Dunkelheit. Elektrisches Licht gab es nicht, denn die Leute klauten andauernd die Glühbirnen. Sie wusste das und hatte sich eine Kerze und eine Schachtel Streichhölzer in die Schürzentasche gesteckt. Sie zog die Kellertür auf und kramte danach. Um sich Mut zu machen, begann sie wieder zu singen:

Beim ersten Mal, da tut’s noch weh,

da meint man noch, dass man es nie verwinden kann.

Doch mit der Zeit, so peu à peu,

gewöhnt man sich daran.

Als sie mit dem Text nicht weiter wusste, pfiff sie nur – zwar nicht so schön wie Ilse Werner, aber immerhin. Endlich hatte sie alles gefunden, das Streichholz flammte auf, die selbstgegossene Kerze brannte, wenn auch nicht gerade hell. Frieda Kopisch machte sich auf den Weg. Links und rechts von ihr lagen die Keller der einzelnen Mieter, die im Grunde nur Bretterverschläge waren, jeder gesichert mit mindestens einem Vorhängeschloss. Die Kiste mit der Asche stand am Ende des Kellers in einer kleinen Nische. Als sie die erreicht hatte, prallte sie zurück, und ihr Schrei hallte hinauf bis ins oberste Stockwerk. «Hier liegt’n Tota! Hier ham se eenen erschlagen! Hülfe!»

Hartmut Kappe saß am Frühstückstisch und schmierte sich eine Schmalzstulle. Zu Weihnachten hatten sie ein sehr nahrhaftes Paket von seinem Onkel aus Wendisch Rietz erhalten, und noch reichten die Vorräte. Seine Frau war schon in aller Herrgottsfrühe zur Arbeit gegangen. Sie war Schaffnerin bei der Straßenbahn. So konnte er jetzt in aller Ruhe die Berliner Zeitung vom 15. Januar studieren. Obwohl durch und durch ein politischer Mensch, überflog er die erste Seite nur. Westliche Mißklänge. Die Diskussion um den imperialistischen Marshall-Plan der US-Amerikaner kannte er, und auch die anderen Überschriften reizten ihn nicht, sich in die Materie zu vertiefen. Holland pocht auf Eroberungsrecht. Die Kolonialpolitik der Niederlande in Indonesien interessierte in wenig. Trumans «Kriegshaushaltsplan». Dass die Amerikaner Unsummen in die Rüstung steckten, war bekannt. Libyen als USA-Sprungbrett. Man musste kein Prophet sein, um zu erahnen, was sich da global zusammenbraute. Schnell blätterte er weiter und kam zu den Berliner Seiten. US-Soldaten werden gesucht – Hundert Angehörige der Besatzung desertiert. Und nun regten sich die Amis auf, dass sie im sowjetischen Sektor kontrolliert wurden. Evakuierung Berlins schreitet fort. Immer mehr Firmen ließen ihre Betriebsausrüstungen per Schiff in den Westen bringen, auch die Möbeltransporte nahmen zu. Einbruch bei der Polizei. Bei seiner Dienststelle, also bei der Kriminalpolizei in der Dircksenstraße, hatten Einbrecher den Tresor der Asservatenkammer geknackt und Gegenstände von mehreren hunderttausend Mark mitgehen lassen. Sturmschäden verursachten Todesopfer. Der heftige Sturm am Mittwochabend hatte überall Ruinen zusammenfallen lassen, und in der Grünberger Straße hatte eine einstürzende Zimmerdecke eine Frau und ein Kind getötet. Das war tragisch. Eher schmunzeln aber ließ ihn, was in der Rubrik Notizbuch für Hausfrauen zu lesen war: In Kreuzberg gab es 500 Gramm Gemüse- oder Heringssalat für alle Männer über siebzig Jahre, und in Spandau konnte man beim «Amt für Aufbau» bis zum 11. Februar Anträge auf Fensterverglasung einreichen.

Seine Gedanken schweiften ab, denn am 11. Februar hatte sein Vater Geburtstag, da wurde er sechzig Jahre alt. «Mein Gott!» Er zuckte bei seinem Ausruf unwillkürlich selbst zusammen: Als Kommunist brachte man Gott besser nicht ins Spiel. Er wusste, das waren Überbleibsel bürgerlichen Denkens. Es reichte schon, dass sein Vater Hermann hieß – obwohl man ja bei seiner Geburt im Jahre 1888 kaum an Hermann Göring gedacht haben konnte.

Ehe er sich auf den Weg in die Dircksenstraße machte, warf er noch schnell einen Blick auf die hinteren Seiten der Zeitung. Raparations-Saboteure. Er stutzte, ehe er bemerkte, dass es sich hier um einen Druckfehler handelte. In Nürnberg standen fünf Angestellte der Chillingworth-Werke vor einem amerikanischen Militärgericht, weil sie in einem geheimen Keller wertvolle Maschinen eingemauert hatten, um sie der Demontage zu entziehen. Schiebungen von Großformat – Rauschgiftschmuggel, weiße Sklaven und Schwarzmarkt auf Interzonenbasis. Ein alter Nazioffizier, Angehörige der US-Armee und die Tochter eines deutschen Großindustriellen hatten sich in Bayern zu einem Schmugglerring zusammengeschlossen. Die deutschen Behörden waren ihm auf die Schliche gekommen, als die tizianrote Königin der Unterwelt ermordet und verstümmelt aufgefunden worden war. Im Westen waren wieder einmal herrliche Zeiten angebrochen!

Hartmut Kappe beendete seine Zeitungslektüre und machte sich auf zum Dienstantritt. Seit Oktober 1946 war auch die Berliner Polizei in Sektoren aufgeteilt, und die Verfolgung von Straftaten war weithin dezentralisiert, obwohl in der Dircksenstraße noch immer eine zentrale Dienststelle der Kripo existierte. Doch die lag im sowjetischen Sektor, was die Westalliierten mit großem Misstrauen erfüllte, hatten es doch die Kommunisten von Anfang an verstanden, die Leitungsfunktionen der Kripo ausschließlich ihren Leuten zu übertragen. Davon hatte auch Hartmut Kappe profitiert, der in Stalingrad als Leutnant in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten und nach dem Besuch einer Antifa-Schule zum Nationalkomitee Freies Deutschland gestoßen war. Paul Markgraf, den amtierenden Berliner Polizeipräsidenten, kannte er seit dieser Zeit persönlich, sehr gut sogar.

Man hatte Hartmut Kappe und seiner Frau eine Altbauwohnung in der Fruchtstraße zugewiesen, gleich an der Frankfurter Allee. Das hatte ihn sehr gefreut, denn in diesem Kiez hatte er gelebt, bei seinen Eltern noch, ehe er eingezogen worden war. Ein Stückchen weiter hin zum Alexanderplatz war das gewesen, in der Großen Frankfurter Straße, wo jetzt alles in Schutt und Asche lag.

Er hatte sich vorgenommen, zur Dircksenstraße zu laufen. Als er aber vor die Haustür getreten war, ging gerade ein kräftiger Schneeregenschauer nieder. Bei diesem Sauwetter nahm er doch lieber die U-Bahn. Er rannte zum Bahnhof Memeler Straße. Als er am Alexanderplatz ausstieg, wurde er von einem Kollegen angepflaumt.

«Na, Genosse Kappe, hart wie Kruppstahl scheinst du aber nicht zu sein, obwohl du vor Stalingrad gekämpft hast!» Es war Erich Mielke, der ihn da angesprochen hatte, der Leiter der Polizeiinspektion Lichtenberg.

Es entspann sich ein Gespräch über Mielkes Weigerung, ehemalige Polizeiangehörige wiedereinzustellen. «Ich will mir keine neuen Sozialdemokraten ins Haus holen, wir haben schon genug damit zu tun, die alten loszuwerden», erklärte er und warf Hartmut Kappe einen Blick zu, der einer Maßregelung gleichkam. «Dein Vater ist gerade in die SPD eingetreten, habe ich gehört?»

Hartmut Kappe senkte den Blick. «Ich habe in nächtelangen Gesprächen versucht, ihn davon abzubringen, aber vergeblich. Bitte lasten Sie es mir nicht an, dass er nun bei den Speichelleckern des Kapitalismus gelandet ist.»

Im Büro angekommen, wurde Hartmut Kappe schon von seinem engsten Mitarbeiter erwartet, dem Kriminalhauptwachtmeister Heinz Rösler, einem alten Spanienkämpfer, der ein wenig an Ernst Busch erinnerte, zumal wenn er sang: Wir sind die Moorsoldaten / Und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

«Mord in Pankow», meldete Rösler, «Wolfshagener Straße. Die Hauswartsfrau hat einen gewissen Peter Rembowski tot im Keller aufgefunden.»

«Dann auf in den hohen Norden!»

Das alte Gennat’sche Mordauto gab es nicht mehr, aber wenigstens stand ihnen für ihre dienstlichen Zwecke ein betagter Mercedes zur Verfügung. Zwar mussten die beiden hinteren Türen mit einem Bindfaden verschlossen werden, aber immerhin. Die Trümmerwüste des Alexanderplatzes war schnell passiert, dann ging es die Prenzlauer Allee hinauf. Sie kamen über die Danziger Straße zur Schönhauser Allee und fuhren auf der Berliner Straße weiter nach Pankow. Die Wolfshagener Straße zog sich gleich hinter der Pfarrkirche Zu den vier Evangelisten, die auf dem Dorfanger in der Breite Straße hoch aufragte, in nordöstlicher Richtung durch ein Wohngebiet, das man als gutbürgerlich bezeichnen konnte. Die Kollegen vom örtlichen Revier, die schon alles abgesperrt und organisiert hatten, führten die beiden zum Fundort der Leiche.

Hartmut Kappe holte erste Informationen ein. Der Mann war ganz offensichtlich durch einen Schlag mit einem harten Gegenstand auf den Hinterkopf getötet worden.

«Wahrscheinlich hat der Täter einen Hammer oder die stumpfe Seite eines Beiles benutzt», erklärte ihm der Kriminaltechniker, ein alter Hase seiner Zunft und Akademiker.

«Ist der Fundort der Leiche auch der Tatort?», fragte Rösler so schematisch und ein wenig naiv, wie man es ihm im Schnellkurs für Berufsanfänger beigebracht hatte.

«Das ist doch ganz offensichtlich.» Der Kriminaltechniker gab sich keine Mühe, nicht überheblich zu wirken. Er roch jeden Kommunisten meilenweit gegen den Wind.

Hartmut Kappe hoffte, dass der Mann von sich aus die Koffer packte und in den Westen der Stadt zog. Mit solchen versnobten Menschen ließ sich der Sozialismus wirklich nicht aufbauen.

Sie machten sich daran, Auskünfte über den Ermordeten einzuholen. Das meiste erfuhren sie von der Hauswartsfrau, die ihn gefunden hatte.

«Ick bin nu mal von Natur aus neugierig», erklärte Frieda Kopisch. «War ja ’n schöner Mensch, der Rembowski, so groß gewachsen und schlank. Wenn ick jünger wäre, hätte mir der jefährlich werden können. Det war ’n Charmebolzen, wie a im Buche steht, und tanzen konnte er wie früha so ’n Gigolo.»

Am späten Nachmittag hatten Hartmut Kappe und Heinz Rösler eine ganze Menge an nützlichen Informationen auf ihren Notizblöcken stehen.

Peter Rembowski war am 14. April 1915 in Vierraden in der Uckermark auf die Welt gekommen und hatte in Schwedt den Beruf des Herrenausstatters erlernt. Er war in den letzten Kriegstagen als Unteroffizier in sowjetische Gefangenschaft geraten und hatte in den Lagern gut Russisch gelernt. 1940 hatte er geheiratet, seine Frau war aber 1942 bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Kinder gab es keine. Er sollte über gute Kontakte zur sowjetischen Kolonie in Karlshorst verfügt und diese für Schiebergeschäfte genutzt haben. Das meiste Geld sollte er auf dem schwarzen Markt aber mit dem Tabak verdient haben, den ein Cousin in Vierraden von den staatlichen Kontingenten abzweigte.

«Damit wara natürlich fein raus und konnte sich die schönsten Frauen leisten, solche wie früha bei den Tiller-Girls», gab Frieda Kopisch noch zu Protokoll. «Die letzte, die er sich anjelacht hatte, die hieß Marianne.»

«Woher kam denn diese Marianne, und was war sie von Beruf?», fragte Rösler.

Die Portiersfrau tat etwas verschämt. «Ick hab da mal an’a Tür jelauscht. Schneiderin isse, und irjendwo in New Kölln hat se jewohnt.»

«New Kölln?»

«Na, Neukölln is doch amerikanischer Sektor.»

Hartmut Kappe konnte über solche Scherze nicht lachen. «Und irgendein Mann, der Rembowski besucht hat, ist Ihnen nicht aufgefallen?»

«Nee, det is mir nich erinnerlich.»

Sie bedankten sich bei Frieda Kopisch und fuhren nicht ganz ohne Hoffnung, den Täter in absehbarer Zeit zu fassen, in die Dircksenstraße zurück.

ZWEI

HERMANN KAPPE sah auf die Uhr und hatte nichts anderes mehr im Kopf als seinen Feierabend. « Und das Schiffsvolk jubelt: Halt aus! Hallo! / Und noch zehn Minuten bis Buffalo. »

Gerhard Piossek, sein Gegenüber am Schreibtisch, wollte Fontanes John Maynard an dieser Stelle nicht gelten lassen. «Unser Dienstgebäude ist doch kein brennendes Schiff. Ein schiefes Bild, Kappe.»

«Das ist die Erschöpfung.»

Die Kripo im amerikanischen Sektor hatte in den letzten 24 Stunden mehr als genug zu tun gehabt. Der Telegraf vom 16. Januar 1948 fasste die Geschehnisse wie folgt zusammen:

Der vor einigen Tagen als vermißt gemeldete amerikanische Corporal Stanley L. Claycomb ist gestern früh durch Passanten in einem Kellerloch der Ruine des Hauses Berliner Straße 3 in Tempelhof ermordet aufgefunden worden. Der Tote lag neben einer Hauswand, die Schädeldecke war eingeschlagen, um den Hals war ein Hosenträger geknotet. Verhaftet wurden bisher drei Deutsche, darunter ein Zahnarzt, dessen Wohnung der Amerikaner am 23. Dezember betreten haben soll.

Nicht genug damit, in Britz war die Frau eines Berufsverbrechers bei der Festnahme ihres Mannes von der Polizei erschossen worden. Hier musste also gegen die Kollegen ermittelt werden.

«Dein Sohn muss ja auch ganz schön im Einsatz gewesen sein», sagte Piossek zu Hermann Kappe. «Der erschlagene Schieber da in Pankow, Peter Rembowski …»

Kappe winkte ab. «Keine Ahnung, das geht mich auch nichts an.» Er räumte seinen Schreibtisch auf und widmete sich in den letzten Minuten seiner Arbeitszeit noch einmal der Morgenzeitung. Im US-Senat hatte Kenneth C. Royall, ein Staatssekretär im Verteidigungsministerium, für den Marshall-Plan plädiert: « Würde man Deutschland dem ursprünglichen Plan zufolge zu einem reinen Agrarstaat machen, dann wäre es niemals imstande, sich selbst zu erhalten. »

«Wir Berliner hätten das durchaus geschafft», sagte Piossek. «Wir haben doch schon den Tiergarten zu einem großen Schrebergarten gemacht, und wenn wir den Grunewald, den Tegeler und den Grünauer Forst roden, können wir auch genug Roggen anbauen, um für alle täglich eine Mehlsuppe zu haben, mit Klütern.»

«Keine schlechte Idee», brummte Kappe. «Noch weniger Probleme mit der Nahrungsmittelversorgung hätten wir aber, wenn wir alle wie Gandhi fasten würden.» Und er las vor, was aus Neu-Delhi berichtet wurde: « Mahatma Gandhi begann entgegen früheren Meldungen am Donnerstag den dritten Tag seiner Fastenzeit für den Frieden und betonte, er habe nicht die Absicht, sein Fasten aufzugeben. Im letzten Bulletin vom Donnerstagmorgen erwähnten die Ärzte Gandhis, dass unmittelbare Lebensgefahr für den 78jährigen bestünde. »

«Der stirbt bestimmt nicht daran, dass er nichts mehr isst», sagte Piossek. «Den erschießt bestimmt eher irgendein Fanatiker.»

Kappe war schon beim nächsten Thema. « Hochwasser an Ruhr, Lenne, Volme und Ennepe. »

«Wenn Spree und Havel dran sind, ist das nicht so schlimm», sagte Piossek und zeigte auf seine Beine. «Ich habe sowieso schon Hochwasserhosen an. Geerbt von meinem verstorbenen Bruder, und der war zehn Zentimeter kleiner als ich.»

« Verkehrsstörungen bei der S-Bahn », fuhr Kappe fort. « Zu einer Störung von 45 Minuten kam es am Donnerstag auf der S-Bahnstrecke von Potsdam nach Wannsee infolge eines Kurzschlusses. »

«‹Gibt es auch Langschlüsse?›, würde mein Enkel fragen.» Kappe las unbeirrt weiter. « Der Ausfall eines Zuges durch Moto renschaden verursachte in den Mittagsstunden des gleichen Tages eine Störung von über 30 Minuten auf der Ringbahn zwischen Innsbrucker Platz und Halensee. »

«Interessiert mich nicht», sagte Piossek. «Ich komme mit dem Fahrrad.»

Hermann Kappe aber hatte es in dieser Hinsicht noch wesentlich besser, denn seine neue Wohnung an der Wartburgstraße, Ecke Martin-Luther-Straße lag nahezu in Sichtweite seiner derzeitigen Dienststelle in der Gothaer Straße. Er brauchte bloß quer über den Wartburgplatz zu gehen, dann war er schon zu Hause.

Als er dort angekommen war, wurde er nicht nur von Klara begrüßt, seinem «treusorgenden Weib», sondern auch von Hertha Börnicke, seiner Cousine. Auch das noch! Es kam ihm so vor, als ob sie ihm schon seit hundert Jahren gewaltig auf die Nerven ging. Zunächst hatte sie alles darangesetzt, ihn zu heiraten, dann musste jedes Familienmitglied ihre Romane bis zur letzten Zeile lesen, und schließlich war sie Redakteurin im offiziellen BDM-Organ Mädel im Dienst gewesen, wo sie dafür gekämpft hatte, dass es die echte deutsche Maid als ihr Ziel ansah, für die Wärme des heimatlichen Herdes zu sorgen, Hüterin der Reinheit des Blutes und des Volkes zu sein und die Söhne des Volkes zu Helden zu erziehen. Nun war sie Journalistin beim RIAS, und da der Rundfunk im amerikanischen Sektor im Laufe des Jahres in die Kufsteiner Straße umziehen würde und dann gleich um die Ecke angesiedelt war, würde sie wohl noch öfter bei ihnen auftauchen.

Er konnte sich gerade noch zur Seite wenden, sonst hätte sie ihn auf den Mund geküsst, so traf es nur die rechte Wange. Schon als Kind hatte sie behauptet, Cousine käme von küssen. Er hatte sie deswegen immer nur seine Base genannt, was an Chemie erinnerte und nicht an etwas Erotisches.

Sie setzten sich an den Wohnzimmertisch, wo schon eine Petroleumlampe warmes Licht verbreitete. Strom gab es wahrscheinlich erst ab 22 Uhr. Klara kam mit der Kaffeekanne und goss den Muckefuck ein. Dazu gab es für jeden ein kleines Stück des Stollens, den Kappes Mutter mit den guten Gaben gebacken hatte, die zu Weihnachten aus Wendisch Rietz gekommen waren.

Klara Kappe berichtete von der Tochter einer Nachbarin, dem Fräulein Krause, das gerade einen Captain der US-Army geheiratet hatte und nächste Woche nach New York fliegen sollte.

«Wir hatten im RIAS gerade erst eine Sendung über die warbrides », berichtete Hertha Börnicke. «Eine Untersuchung hat ergeben, dass 95 Prozent der Ehen zwischen US-Soldaten und europäischen Frauen glückliche Volltreffer sind.»

Klara seufzte. «Schade, dass unsere Margarete schon vor dem Krieg geheiratet hat – einen Deutschen auch noch. Sonst würden wir auch immer so schöne Carepakete bekommen.» Und sie zählte auf, was die Nachbarn, die Krauses, alles in ihrem letzten Carepaket gehabt hatten.

Das nun war Hertha Börnicke etwas zu profan, und sie bemühte sich wie immer, das kulturelle Niveau der Familie Kappe zu heben, indem sie über den Film Professor Mamlock referierte, den sie im Kino Aladin in der Friedrichstraße gesehen hatte. « Professor Mamlock ist ja ursprünglich ein Schauspiel von Friedrich Wolf, das im Januar 1934 im Jüdischen Theater Warschau Weltpremiere hatte. 1938 wurde es in der Sowjetunion verfilmt.»

Kappe empfand den Besuch seiner Cousine immer mehr als ärgerliche Störung seiner Feierabendruhe. So fragte er denn auch ziemlich schroff, ob sie nur gekommen sei, um ihnen zu erzählen, dass sie den Mamlock-Film gesehen habe.

«Nein, eigentlich bin ich hier, weil ich eine Sendung über die Gefahren des schwarzen Marktes machen will. Der US-Korporal da in Tempelhof ist offensichtlich auch bei einem Tauschgeschäft ums Leben gekommen, und in Neukölln sind erst vor kurzem zwei Männer ausgeraubt und ermordet worden, die sich in ihrer Wohnung auf Tauschgeschäfte mit Personen eingelassen hatten, die ihnen völlig unbekannt waren.»

«Diesen Rembowski nicht zu vergessen, den sie in Pankow erschlagen haben.»

«Du bist aber nicht mit der Aufklärung des Falles betraut worden, oder?», fragte Hertha Börnicke.

«Nein, das macht mein Herr Sohn in der Dircksenstraße. Da musst du schon Hartmut fragen. Wir sitzen hier im amerikanischen Sektor, und Pankow gehört bekanntlich zum sowjetischen Sektor.»

Seine Cousine winkte ab. «Da darf ich mich als Mitarbeiterin des RIAS nicht sehen lassen.»

«Ich bin lieber auch nur privat und ohne Dienstmarke dort», sagte Hermann Kappe. «Obwohl wir ja eigentlich immer noch eine Polizeibehörde sind und einen gemeinsamen Chef haben, unseren stellvertretenden Oberbürgermeister Ferdinand Friedensburg von der CDU.»

«Verhältnisse sind das!», rief Klara Kappe.

Da musste Hertha Börnicke ihr zustimmen. «Ja, und täglich berichten die Zeitungen von angeblichen Kriminalbeamten, die sich durch Vorzeigen gefälschter Ausweise Zugang zu Wohnräumen erschleichen und dann alles ‹beschlagnahmen›, was sich auf dem schwarzen Markt verkaufen lässt.» Sie sah Kappe an. «Weißt du was davon?»

Kappe grinste. «Was heißt hier ‹angebliche Kriminalbeamte›? Auch wirkliche kommen auf diese Weise zu Essen und Trinken, zu Perserteppichen und Schmuckstücken. Ich ziehe selbst gleich wieder los.»

Er wusste, dass seine schroffe Reaktion damit zusammenhing, dass Hertha Börnicke ihn an seinem derzeit wohl empfindlichsten Punkt erwischt hatte. Er war nämlich durch Zufall dahintergekommen, dass sein Sohn Karl-Heinz kurz vor Weihnachten seine Kripomarke und seinen Dienstausweis gestohlen hatte, um ebendas zu tun, was Hertha Börnicke soeben geschildert hatte. Bis jetzt hatte außer ihm offenbar niemand etwas gemerkt, aber Kappe wusste, dass irgendjemand es früher oder später herausfinden würde.

Karl-Heinz Kappe gefiel sich in der Rolle des schwarzen Schafes der Familie. Was blieb ihm anderes übrig? Zwar sprach sein Vater wieder mit ihm, nachdem die Großmutter mit ihrem Leitspruch Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern zwischen ihnen beiden vermittelt hatte, aber es waren nicht einmal vier Jahre her, dass es ihn zur Hitlerjugend und zur Waffen-SS gezogen hatte. «Mir wäre lieber, er hätte einen Mord begangen, als das», hatte sein Vater damals gemurmelt. Nach dem Krieg hatten ihn die einen nicht haben wollen, und im Kreise der anderen, der alten Nationalsozialisten und der Wehrmachtsoffiziere, zeigte man sich besser nicht. Er war jetzt 21 Jahre alt und merkte mehr und mehr, dass er der geborene Händler war. Kein Wunder, gab es doch mit Oskar Kappe, seinem Onkel, und Richard Börnicke zwei ausgewiesene Kaufleute in der Familie. Aber bis er ein eigenes Geschäft oder gar einen Großhandel eröffnen konnte, musste er erst noch eine Weile kleine Brötchen backen, das heißt auf dem Berliner Schwarzmarkt sein Glück versuchen. Was ihm dabei zugutekam, waren seine Intelligenz, seine Dreistigkeit und seine Begabung für fremde Sprachen. Das erleichterte die Geschäfte mit den Soldaten aller drei westlichen Besatzungsmächte ganz erheblich, und so kam es, dass sich die Großen der Branche gern seiner bedienten. An diesem Wochenende hatte ihn sogar Arthur Schlattke in seine Villa eingeladen, um einiges mit ihm zu besprechen.

Gemeldet war Karl-Heinz Kappe derzeit in der Eisenacher Straße in Schöneberg, er wohnte aber mal hier, mal dort – je nachdem, wo er gerade eine Freundin hatte. Dieser Tage logierte er bei Marga, die sich ihr Geld, wie sie selber sagte, mit der Pflaume verdiente. Ihm war es egal, Hauptsache, er holte sich keinen Tripper bei ihr. Sie konnte sich eine geradezu luxuriöse Wohnung in der Meinekestraße in Charlottenburg leisten. Ein paar Schritte, und man war am Kurfürstendamm.

Marga war von Hause aus Krankenschwester, was sie für bestimmte Kunden besonders interessant machte – nämlich für die, die schwer verletzt aus dem Krieg gekommen waren. Auch wer Angst vor Geschlechtskrankheiten hatte, fühlte sich bei ihr sicher aufgehoben.

Sie sah, dass sich Karl-Heinz Kappe seinen besten Anzug angezogen hatte. «Willste noch ausgehen heute?»

«Nee, ich will noch raus nach Schlachtensee zu Arthur Schlattke, mit dem ein paar neue Sachen anleiern.»

Als sie den Vornamen Arthur hörte, musste Marga lachen. «Ah, der schöne Arthur mit der flotten Haartour!» Wie viele Berliner dachte sie bei diesem Namen sofort an ein sehr populäres Couplet des Komponisten Leopold Maass mit dem Titel Arthur mit der Haartour.

Karl-Heinz Kappe verstand den Scherz nicht, er wusste nur, dass Schlattke sauer reagierte, wenn ihn jemand Atze nannte.

Als er Marga das erzählte, staunte sie. «Zu Artur Brauner dürfen doch auch alle Atze sagen.» Seit Brauner die CCC-Film gegründet hatte und große Pläne schmiedete, war er immer wieder in den Zeitungen.

«Ja, der eine so, der andere so.»

«Fährste mit der S-Bahn nach Schlachtensee?», wollte sie wissen.

«Nein, mit ’ner Taxe, wenn ich schon kein eigenes Auto habe. Bei Schlattke kann man nicht als lumpiger Fußgänger antanzen.»

Arthur Schlattke war am 13. Mai 1916 in Nürnberg als Sohn eines Kolonialwarenhändlers zur Welt gekommen, hatte die Schule mit dem Einjährigen erfolgreich zu Ende gebracht und dann bei der AEG in Berlin Industriekaufmann gelernt. 1937 meinte er, aufs richtige Pferd zu setzen, wenn er in die NSDAP eintrat. Von Pferden verstand er etwas, denn er hatte schon als Kind das Reiten erlernt, und so war es kein Wunder, dass er im Krieg als Obergefreiter und Gruppenführer zur reitenden Schwadron der bayerischen Aufklärungsabteilung 7 abgeordnet wurde. Im Oktober 1943 war ihm am mittleren Dnjepr für seinen Einsatz als Stoßtruppführer das Ritterkreuz verliehen worden. In der Begründung hatte es geheißen: Als Einzelkämpfer rang der Obergefreite zwei feindliche Pak-Bedienungen nieder und setzte mit mehreren Handgranatenwürfen die sowjetische Grabenbesatzung nach und nach außer Gefecht. Gegen Ende des Krieges war er bei der Ardennen-Offensive zum Einsatz gekommen und von den Amerikanern gefangen genommen worden. Im Lager gab es ein Klavier, und da er ein blendender Pianist war, holten ihn die Amerikaner in ihr Casino. Schon immer war sein Englisch ausgezeichnet gewesen, und bald hatte er Freunde unter den amerikanischen Offizieren gefunden, auch Männer, die an kleinen und größeren außerdienstlichen Geschäften interessiert waren. Nach Ende des Krieges war er seiner großen Liebe wegen nach Berlin gezogen, und hier hatte er wegen seiner guten Kontakte zur Besatzungsmacht schnell ein Unternehmen aufgebaut, ganz legal mit ordentlicher Fassade, Ex- und Import, das mit allem Möglichen handelte – von Opium über Brillanten bis hin zu Tabak und Lebensmitteln. Das große Geld machte er mit Schokolade und Zigaretten. Es hatte schon zu einer stattlichen Villa in Schlachtensee gereicht, in der Matterhornstraße. Verheiratet war er mit Dorothea, der Tochter eines Berliner Chirurgen. Zwei Kinder hatten sie. Seine Entnazifizierung war unproblematisch verlaufen, denn natürlich hatte er bei der Antragstellung verschwiegen, dass er noch immer im Stillen sang:

Wir werden weiter marschieren

Wenn alles in Scherben fällt,

Denn heute gehört uns Deutschland

Und morgen die ganze Welt.

Jetzt war er Mitglied der LDP, der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands. Forsch war sein Auftreten, schneidig seine Sprache.

Als Karl-Heinz Kappe an seinem Gartentor stand und klingelte, ließ Arthur Schlattke ihn gerne eintreten. Er hielt viel von ihm, und das, obwohl sein Vater wie auch sein Bruder und sein Onkel bei der Kripo arbeiteten. Das war vielleicht mit gewissen Gefahren verbunden, gleichzeitig aber hatte man mit ihm eine Art Spion im feindlichen Lager.

Er begrüßte Karl-Heinz Kappe im Windfang, ließ ihn dann in der Diele ablegen und führte ihn ins Herrenzimmer, wo sie sich erst einmal eine Lucky Strike ansteckten. Im Ton suchte er eine Mischung von Spieß und väterlichem Freund zu treffen.

«Nun, mein Lieber, was melden die Buschtrommeln: Wer hat den Rembowski in Pankow aus dem Verkehr gezogen?»

«Tut mir leid, keine Ahnung …»

«Und von den Verwandten ist nichts zu erfahren gewesen?»

«Nee.» Karl-Heinz Kappe zuckte bedauernd mit den Schultern.

Schlattke fixierte ihn und gab sich inquisitorisch. «Und du schwörst mir, dass du damit nichts zu tun hast, auch nicht mit dem ermordeten Ami in Tempelhof?»

«Ich schwöre es!» Karl-Heinz Kappe legte die rechte Hand aufs Herz und hob die linke wie zur Eidesleistung.

«Gut, du hältst aber die Augen offen!»

«Ja, mache ich.»

Schlattke rückte nun dichter an ihn heran und sprach ein wenig leiser. «Ich habe nämlich noch einiges mit dir vor und möchte nicht, dass du … Folgendes: Ich werde in den nächsten Wochen an große Ladungen Schokolade herankommen, Cadbury, und jetzt geht es darum, einen Verteilerring aufzubauen …»

Hermann Kappe war von seinem Sohn Hartmut in einem streng privaten Gespräch von einer abgelegenen Telefonzelle aus gebeten worden, sich auf den schwarzen Märkten in den westlichen Sektoren ein wenig umzuhören, ob es zweckdienliche Hinweise auf den Mörder von Peter Rembowski geben würde. Im Westen zu ermitteln war ihm ja generell von seinen Oberen untersagt.

«Gut, ich grase mal mit deiner Tante Hertha alles ab, die macht gerade was für den RIAS über den Berliner Schwarzmarkt.»

Nun war ihm ja Hertha Börnicke nicht gerade ans Herz gewachsen, aber sie hatte zu diesem Thema schon so viele Informationen gesammelt, dass Kappe sich eigenes Recherchieren ersparen konnte. Dass er ein Mensch war, der unnütze Arbeit mied, hatte er nie abgestritten. Also rief er seine Cousine im RIAS an und fragte sie, wo und wann man sich am besten treffen könne.

Sie lachte. «Sagen wir, morgen früh um zehn an der Uhr am Bahnhof Zoo.»

Kappe schluckte, bevor er zustimmte, denn dort trafen sich im Allgemeinen nur frischverliebte Paare. Aber nun ja …

«Wenn du schon in der Gegend bist, kannst du gleich mal deine Mutter besuchen», sagte Klara, als er ihr am Abend von seinem geplanten Treffen mit Hertha Börnicke berichtete. «Du warst jetzt schon zwei Wochen nicht mehr bei ihr, und mir liegt sie deswegen ständig in den Ohren.»

«Gut, wenn du meinst.» Kappe hatte in seinen langen Ehejahren gelernt, welch hohen Wert die Kunst der Resignation doch hatte.

Und so stand er am nächsten Morgen pünktlich um neun Uhr bei seiner Mutter auf der Matte, wie er es ausdrückte. Bertha Kappe hatte am östlichen Ende der Pestalozzistraße in der dritten Etage eines Hinterhauses Stube und Küche gemietet und war immer froh und guten Mutes. Sie hatte sich als alte Theaterliebhaberin natürlich Thornton Wilders Wir sind noch einmal davongekommen angesehen, mehrmals sogar, und sich dessen Botschaft zu eigen gemacht. Eine Rezension hatte sie sich aus der Zeitung ausgeschnitten und hinter den Spiegel gesteckt:

Das Stück führt vor Augen, dass das Böse und das Gute ewige Bestandteile des Lebens sind, und dessen Sinn liegt im Lebendigsein selbst. Das Schicksal der gesamten Menschheit wird am Beispiel einer typischen Durchschnittsfamilie unseres Jahrhunderts gezeigt. Die moderne Allegorie bringt zum Ausdruck, dass der Lebenswille des Menschen alle Katastrophen überdauert.

Bertha Kappe würde im Sommer 82 Jahre alt werden. «Ich habe drei Kaiser überlebt», sagte sie zu ihrem Sohn, als der bei ihr am Küchentisch Platz genommen hatte, «Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. Ich habe Friedrich Ebert, Paul von Hindenburg und Adolf Hitler überlebt. Was will ich mehr? Nun sitze ich hier in meiner Ehrenloge in der Pestalozzistraße und schaue mir von oben an, was in der Welt so passiert. Und allein bei den Kappes passiert eine ganze Menge. Der eine Enkel ist Kommunist, der andere Schieber und Tunichtgut … Immer, wenn sie wieder einen Schieber umgebracht haben, dann zittere ich und denke: Hoffentlich war der Karl-Heinz nicht dabei!»

«Und wer ist schuld daran?», fragte Kappe. «Ich natürlich. Meine Erziehung.»

«Ach Kind, es gibt es viele Ursachen dafür, dass Kinder so sind, wie sie sind.»

Die Anrede «Kind» ließ Kappe schmunzeln. «Du, ich werde am 11. Februar auch schon sechzig Jahre alt.»

Seine Mutter lachte. «Mein Kind bleibst du trotzdem. Übrigens sitze ich schon an einem Gedicht für deinen Geburtstag.»

«Schreck lass nach!», rief Kappe. «Da bekomme ich ja wieder alle meine Sünden zu hören.»

«Und deine Heldentaten. Vor allem, dass du dir bei Adolf nicht die Finger schmutzig gemacht hast. Darauf kannst du stolz sein.»

Kappe winkte ab. «Die Verdienstkreuze haben eher die anderen gekriegt. Aber lassen wir das.» Er sah auf ihre große Wanduhr, deren Perpendikel ihn von jeher irritiert und geängstigt hatte, weil er so unerbittlich darauf hinwies, dass die Zeit eines jeden Menschen einmal ablief. «Ich bin um zehn Uhr verabredet – mit Hertha.»

Die Augen seiner Mutter leuchteten auf. «Was, ihr werdet doch noch ein Paar?»

Er antwortet barsch: «Wir sind dienstlich verabredet. Sie bereitet eine Reportage für den RIAS vor, über den Schwarzmarkthandel in Berlin, und ich soll mich nach dem Mörder dieses Schiebers in Pankow umhören. Hartmut hat mich drum gebeten, der darf ja hier in den Westsektoren nicht mehr ermitteln.»

«Gott, ist das eine Welt!»

«Ja, aber keine Welt wäre auch nicht gut – denn was hätten wir sonst?»

Hermann Kappe verabschiedete sich mit dieser Bemerkung von geradezu philosophischer Qualität von seiner Mutter, natürlich mit einer herzlichen Umarmung, und strebte in Richtung Bahnhof Zoo. Seine Cousine stand schon wartend unter der großen Uhr. Und tatsächlich küsste Hertha ihn, als sei es ihr erstes Rendezvous. Dabei wurde er in drei Wochen sechzig, und so viel jünger war sie auch nicht, Jahrgang 1893.

«The main three black market centres in the british sector appear to be Bahnhof Charlottenburg, Bahnhof Zoo and Schlüterstraße», begann Hertha Börnicke. «At Schlüterstraße the crowd consists mostly of Polish, Allied and German nationals, while at Bahnhof Charlottenburg Polish, Yugoslav, Bulgarian and other foreigners predominate.»

«Nur gut, dass wir nicht im russischen Sektor sind», murmelte Kappe.

«Ich wollte ja nur andeuten, dass bei vielen Geschäften Displaced Persons ihre Hände im Spiel haben.» Damit waren die Zwangsarbeiter und die Verschleppten der Naziherrschaft gemeint, die aus vielerlei Gründen noch nicht in ihre Heimatländer zurückgekehrt waren. Sie bekamen größere Lebensmittelrationen und konnten knappe Güter des täglichen Bedarfs leichter erwerben, hatten also mehr zum Tauschen.

«Was wollen wir denn alles abklappern?», fragte Kappe.

Hertha Börnicke holte einen Stadtplan aus der Handtasche, auf dem sie die wichtigsten Plätze für Schwarzmarktgeschäfte mit roten Kreisen versehen hatte. Es waren neben den schon erwähnten drei Orten – den Bahnhöfen Zoo und Charlottenburg sowie der Schlüterstraße – die Brunnenstraße, das Areal zwischen Reichstag und Brandenburger Tor, der Potsdamer Platz, der Alexanderplatz und die Gegend am Schlesischen Tor.

«Hier am Zoo ist noch nicht viel los», stellte Hertha Börnicke fest. «Ich schlage mal vor, wir fahren zum Brandenburger Tor.»

«Wieso ist hier noch nicht viel los?», fragte Kappe. «Es singen doch alle: Cia – cia – cio, / Schieber steh’n am Bahnhof Zoo! / Amis, Stella und Orient, / das sind die Marken, die ein jeder Schieber kennt.»

«Warum keiner hier steht?» Hertha Börnicke sah sich um. «Es wird gerade eine Razzia gegeben haben. Komm, wir fahren mit der Stadtbahn bis Lehrter Bahnhof, und dann sehen wir weiter.»

«Wenn ich das Wort Razzia höre, zucke ich immer zusammen», sagte Kappe.

Hertha Börnicke lachte. «Kein Wunder, das Wort kommt aus dem Arabischen – ghazwa heißt so viel wie Kriegszug, Raubzug, Angriffsschlacht.»

«Mann, bist du gebildet!», lästerte Kappe.

«Zumindest gebildeter als Klara», gab seine Cousine mit spitzer Zunge zurück.

Vom Lehrter Bahnhof war es nicht weit zu laufen. Am Brandenburger Tor schien sich tout Berlin versammelt zu haben.

«Hier ist es so schwarz von Menschen, dass ich endlich weiß, warum es schwarzer Markt heißt», sagte Kappe.

Hertha Börnicke hörte gar nicht richtig hin, denn ihr war etwas aufgefallen, das sie sofort auf ihrem Notizblock festhalten musste. «Guck mal, die amerikanischen Soldaten wickeln ihre Geschäfte vom Auto aus ab.»

«Besser als vom Panzer aus», sagte Kappe.

Von amerikanischen, englischen und russischen Soldaten wurde alles gekauft, was es an Uhren, Kleidungsstücken, Ringen, Juwelen, Stiefeln, Ferngläsern, Fotoapparaten, Rasiermessern, Pelzmänteln und seidener Damenwäsche in den Berliner Haushalten noch gab. Ausgehungerte Menschen brachten ihr letztes Schmuckstück und tauschten dafür Essbares ein, Brot, Butter, Wurst, Speck und Zucker. Die Nikotinsüchtigen waren auf Zigaretten aus.

«Eine Stange mit zweihundert Zigaretten kostet den GI weniger als einen Dollar», wusste Hertha Börnicke zu berichten. «Und hier auf dem schwarzen Markt kriegt er für eine einzelne Zigarette unter Umständen fünf Reichsmark. So kann er aus einem Dollar tausend Reichsmark machen. Jeder Zigarettenschieber verdient sich eine goldene Nase.»

Kappe lachte. «Es lebe die Zigarettenwährung!»

Sie fädelten sich ein in den träge dahinfließenden Menschenstrom. Es war wie bei einer großen Prozession. Alle gaben sich furchtbar gleichgültig und taten so, als ob sie Selbstgespräche führten. Kappe brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass die Leute kundtaten, was sie zu verkaufen oder zu tauschen hatten: «Brotmarken» – «Stopfnadeln» – «Eipulver» – «Schinken» – «Bohnenkaffee» – «Broschen, Ringe, Armbanduhren».

Hertha Börnicke fiel dabei ein, dass sie ja – es sollte eine Art Selbstversuch werden – einen Ring ihres verstorbenen Vaters mitgebracht hatte. Sie holte ihn aus ihrer Handtasche und steckte ihn auf den Daumen ihrer rechten Hand, denn für den Ringfinger war er viel zu groß. Dann ging sie mit etwas abgespreizter Hand weiter und sprach dabei leise, aber durchaus hörbar vor sich hin: «Weißgold mit Blautopas … Weißgold mit Blautopas …»

Kappe erinnerte sich an den eigentlichen Grund seines Hierseins: Er wollte sich nach dem ermordeten Schieber Peter Rembowski erkundigen. Aber wen sollte er fragen? Obwohl er fast vierzig Dienstjahre bei der Kripo auf dem Buckel hatte, kam er sich plump und unbeholfen vor. In der Welt des Schwarzmarkts war er nicht zu Hause.

In dieser Sekunde erblickte er seinen Sohn. Karl-Heinz stand neben einem untersetzten jungen Mann, der einem GI einen vergoldeten Sportpokal hinhielt, und spielte den Dolmetscher vom Deutschen in eine Sprache, die er für Englisch hielt. «From ze German football … Zis was for ze winner of ze Berlin Cupfinal … Some years before ze war. To ze Nazizeit, do you know?»

Der Handel kam nicht zustande, und als Karl-Heinz dem Jeep des Besatzungssoldaten hinterherblickte, erkannte er seinen Vater und seine Tante. Sehr begeistert schien er nicht zu sein. «Willste mich verhaften, und der RIAS ist dabei?»

Auch Kappe hätte diese Begegnung lieber vermieden, aber nun ließ es sich nicht ändern. «Du, ich bin immer noch bei der Mordkommission … Und du hast hoffentlich niemanden auf dem Gewissen.»

«Doch. Und das ist mein erstes Opfer.» Er zeigte auf seinen Begleiter. «Helmut Trompale. Mein Sparringspartner beim Boxen.»

«Freut mich», sagte Kappe, drückte dem jungen Mann die Hand und stellte sich und seine Begleiterin vor.

Hertha Börnicke sah Karl-Heinz mit großen Augen an. «Was, du bist jetzt beim Boxen?»

«Ja, bei Karl Schwarz in seiner Boxschule.»

«Das hat er von mir gelernt», sagte Kappe. «Ich hab doch in den letzten Jahren nichts weiter getan, als mich so durchzuboxen durchs Leben.» Die Frage, die ihm noch auf der Zunge lag, stellte er lieber nicht: wie andere Menschen reagierten, wenn Karl-Heinz in den Ring stieg und zu sehen war, dass unter seiner linken Achsel seine Blutgruppe eintätowiert war – was ihn als ehemaligen SS-Mann entlarvte. Aber vielleicht boxte er in einem langärmligen Hemd …

«Wann ist denn dein erster Kampf?», wollte Hertha Börnicke von Karl-Heinz Kappe wissen.

«Nächstes Jahr vielleicht.»

«Na, da komme ich hin!»

Kappe war schon immer ein Freund des Boxsports gewesen, aber einen Kampf seines Sohnes hätte er sich gern erspart. Klara und er hatten früher davon geträumt, dass ihr Jüngster etwas Akademisches würde, Diplom-Ingenieur, Arzt oder Staatsanwalt.

«Was macht ihr’n hier?», fragte sein Sohn.

Kappe kam direkt zur Sache. «Ich suche nach jemandem, der einen gewissen Peter Rembowski gekannt hat.»

Sein Sohn grinste. «Ah, Auftrag von meiner Atze!»

«Von wem?»

«Von meinem Bruder, von Hartmut. Der darf nicht mehr im Westsektor ermitteln, und da hat er dich gebeten … Nee, du, keene Ahnung, wer den Langen auf’m Gewissen haben könnte.»

«Du hast ihn also gekannt?»

Sein Sohn nickte. «Ja, der hat mit Tabak gehandelt, und ich hab ihm mal geholfen dabei. Nicht hier, sondern hinten am Schlesischen Tor.»

«Und – weißt du was über Rembowski, das Hartmut weiterhelfen könnte?»

«Nee …» Sein Sohn hatte jetzt den Ring an der Hand seiner Tante entdeckt. «Mensch, wenn du den verscheuern willst, dann helf ich dir dabei. Zehn Prozent!»

DREI

EIN FREIES FELD. Schneebedeckt. Je schneller er laufen wollte, desto tiefer sank er ein. Ringsum gab es kleine Anhöhen. Russische Soldaten standen dort und feuerten auf ihn. Wie auf einen Hasen. Und wie ein Hase suchte er sich dadurch zu retten, dass er wilde Haken schlug. Die Russen lachten nur höhnisch und machten sich einen Spaß daraus, so zu zielen, dass die Kugeln ganz dicht an seinem Kopf vorbeipfiffen, ohne ihn aber zu treffen. Noch nicht. «Du Mörder!», schrien sie. «Mörder, Mörder!» Da durchschlug eine Kugel seine Luftröhre. Er röchelte, er war am Ersticken.

Helmut Trompale fuhr schreiend auf und tastete nach der Nachttischlampe. «Scheiße!» Immer wieder derselbe Alptraum. Es ärgerte ihn, dass er ihn nicht besiegen konnte, nicht auslöschen ein für alle Mal. Er war schließlich Boxer und hart im Nehmen. Und in Wirklichkeit hatte die feindliche Kugel ihn nur seitlich am Hals getroffen, ohne Schlagader und Luftröhre zu zerfetzen. Am Dnjepr war es gewesen, am 4. Dezember 1943. Er war danach zum

XXII. Festungs-Infanterie-Bataillon 999 gekommen und hatte das Kriegsende als Obergefreiter in der Schreibstube erlebt. Niemand war bisher gekommen, um ihn dafür anzuklagen, dass er mit seinem Kommando Hunderte von Partisanen erschossen hatte. Die Kameraden, mit denen er sprach, meinten auch, dass ihnen nichts passieren werde, es habe sich schließlich um einen Befehlsnotstand gehandelt.

Er wohnte in der Mariannenstraße, ein paar hundert Meter von der Kottbusser Brücke entfernt, also im Bezirk Kreuzberg, der wie Neukölln, Schöneberg, Tempelhof, Steglitz und Zehlendorf zum amerikanischen Sektor gehörte. Er selbst aber sprach nie von Kreuzberg, sondern immer nur von SO 36, dem Kiez zwischen dem zugeschütteten Luisenstädtischen Kanal und dem Landwehrkanal, der seinen Namen vom Postzustellbezirk Südost 36 herleitete. Man grenzte sich stets ab von jenen anderen Kreuzbergern, die im vornehmeren Zustellbezirk SW 61 zu Hause waren. Trompale war 25 Jahre alt, hatte den Beruf des Kalligraphen erlernt, arbeitete aber derzeit bei einer Schildermalerfirma in der Hobrechtstraße. Wenn er denn arbeitete. Der Handel auf dem schwarzen Markt war nämlich erheblich lukrativer.

Heute am Montag hatte er noch weniger Lust, zur Arbeit zu gehen, als sonst. Er brauche eine Frau, die ihm bei Bedarf in den Hintern treten würde, sagten seine Freunde schon seit langem, doch er hatte die Richtige erst letzten Herbst kennengelernt: Marianne. Die würde ihn schon an die Kandare nehmen und dafür sorgen, dass er regelmäßig zur Arbeit und zum Training ging.

Ein Blick auf seinen Wecker zeigte ihm, dass es bereits elf Uhr geworden war. Nun hatte es auch keinen Sinn mehr, in die Firma zu gehen. Sein Chef lag ohnehin im Krankenhaus. Er traf sich lieber wieder mit Karl-Heinz Kappe und half dem bei seinen Geschäften. Aber das hatte noch Zeit. So drehte er sich wieder zur Seite, um noch eine Runde zu schlafen.

Die Klingel im Flur ließ ihn zusammenfahren. Gott, die Polizei! Nein, es war die Chefin. Ihre Stimme war unverkennbar und nicht zu überhören. «Helmut, bitte kommen Sie in die Werkstatt, da ist ein dringender Auftrag zu erledigen!»

Was bei der dringend war, das wusste er. Aber mit ihr jetzt zu pimpern, das konnte er Marianne nicht antun. Die Zeiten waren vorüber. Endgültig. Also rief er ihr nur zu, dass ihm schlecht sei, er aber bis Mittag in der Hobrechtstraße sein würde. Grummelnd zog sie wieder ab.

Er ging in die Küche, um sich über dem Ausguss zu rasieren. Lange betrachtete er sein Gesicht im Spiegel. Sah so ein Mörder aus? Nein. Die Rasur verlief nicht ohne Verletzungen, denn die Seife war schlecht und die Rasierklinge stumpf. Einen Alaunstift hatte er nicht. Nun gut. Er röstete sich zum Frühstück zwei Scheiben klitschigen Brotes auf seiner Kochplatte und bestrich sie mit Melasse. Dann machte er sich auf den Weg zur Arbeit. Weit hatte er es nicht. Die Mariannenstraße mündete in den Kottbusser Damm. Die Notbrücke über den Landwehrkanal war zur überqueren, die alte war in den letzten Kriegstagen gesprengt worden und lag noch immer im Wasser. Ein paar hundert Meter ging es nun das Maybachufer entlang. Dort am Steg überwinterte der Ausflugsdampfer, mit dem er schon öfter zur Woltersdorfer Schleuse gefahren war. Wenn er wieder einmal an Bord ging, dann mit Marianne.

Mariandl-andl-andl,

aus dem Wachauer Landl-Landl.

Dein lieber Name klingt

schon wie ein liebes Wort.

Mariandl-andl-andl,

du hast mein Herz am Bandl-Bandl.

Du hältst es fest und lässt

es nie mehr wieder fort.

Diese Zeilen gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf, obwohl er sonst lieber im AFN Amerikanisches hörte, Jazz, Moonlight Serenade, In the Mood oder Chattanooga Choo Choo von Glenn Miller zum Beispiel.

Die Chefin fiel ihm um den Hals, als er in der Werkstatt erschien. Ohne ihn hätte Hannelore Patschek ihren Laden zumachen können. Sie hatte zwar noch einen Lehrling, aber der war herzlich unbegabt, «zum Scheißen zu dämlich», wie Herbert Patschek es einmal ausgedrückt hatte.

Dringend zu malen war das Ladenschild für die Kleine Melodie, das Tanzcafé mit Barbetrieb und Weinstube in der Skalitzer Straße 95. Es war schon eine Kunst, die Buchstaben so schwungvoll hinzubekommen, dass es nach Lebensfreude und Genuss aussah. Doch er schaffte es bis zum Feierabend und konnte das Schild mit dem Lehrling zusammen rechtzeitig anliefern und an der Hauswand befestigen.

Dann musste er sich sputen, um sein Rendezvous mit Marianne nicht zu verpassen. Um achtzehn Uhr wollte sie auf dem U-Bahnhof Rathaus Neukölln stehen und auf ihn warten. Von der Kleinen Melodie war es nur ein kurzes Stück bis zur U-Bahnstation Görlitzer Bahnhof, immer an der Hochbahntrasse entlang und an der Emmaus-Kirche vorbei. Hallesches Tor musste er umsteigen von der Linie BII in die Linie CI Richtung Grenzallee. Pünktlich konnte er Marianne in die Arme schließen. So eng umschlungen, wie es gerade noch schicklich war, stiegen sie hinauf zur Karl-Marx-Straße. Vor der Ruine des Rathauses überquerten sie die Fahrbahn. Vom Kiehl’schen Bauwerk von 1908 waren zwar die Innenräume zum großen Teil ausgebrannt und der Dachstuhl völlig zerstört, aber die Außenmauern waren erhalten geblieben. Im Gegensatz dazu war das alte Amtshaus an der Ecke Erkstraße nur noch ein einziger Trümmerhaufen. Sie gingen in das Café, das gegenüber dem Kaufhaus Friedland aufgemacht hatte. Marken für zwei Stücken Kuchen hatte er. Doch die richtige Stimmung mochte nicht aufkommen, auch nicht, nachdem sie eine Art Grog getrunken hatten.

«Du bist ja so bedrückt heute», sagte er.

«Du aber auch», kam es zurück.

Er seufzte. «Ja, weil … Bei der Razzia gestern haben sie mir alles abgenommen.»

«Du sollst doch endlich aufhören mit deinen Schiebereien!», zischte sie.

«Das mach ich doch nur deinetwegen. Damit du deinen Modesalon aufmachen kannst und ich mein Geschäft für Schilder, Stempel, Sportpokale und so. Das ist mein großer Traum, und du bist meine große Liebe.»

Theodor Trampe konnte mit Fug und Recht als sozialdemokratisches Urgestein bezeichnet werden. Er war gelernter Elektroinstallateur, hatte sich aber noch zu Zeiten von Kaiser Wilhelm II. der Politik und der Gewerkschaftsarbeit verschrieben und bald den Lötkolben gegen den Federhalter eingetauscht, das heißt sein Brot mit journalistischer Arbeit zu verdienen begonnen. Der Widerstand gegen Hitler hatte ihn ins KZ gebracht, er war aber mit dem Leben davongekommen. Wahrscheinlich hatte sein Freund Hermann Kappe mit seinen Beziehungen das Schlimmste verhindert. Nun war er Wirtschaftsdezernent im Bezirksamt Neukölln, also Stadtrat. Oft saß er in seinem kargen und schlecht geheizten Büro in den Resten des Rathauses und ließ an sich vorüberziehen, was seit April 1945 in Neukölln geschehen war …

Am 28. April 1945 hatte die Rote Armee nach dreitägigen Kämpfen das letzte Aufgebot von Waffen-SS und Volkssturm niedergerungen und den Bezirk erobert, am 11. September hatte ihn die amerikanische Besatzungsmacht übernommen. Von den rund 18 000 Gebäuden waren 11 000 völlig oder zumindest so sehr zerstört, dass sie nicht wiederhergerichtet werden konnten, was aber im Vergleich zu einigen Innenstadtbezirken wenig war. Relativ schnell war das zivile Leben wieder in Gang gekommen, hatten die öffentlichen Betriebe und die Verwaltung wieder funktioniert: BVG, Post, BEWAG, Wasserwerke, Krankenhäuser, Meldestellen, Bezugsscheinstellen. Schon im August 1945 hatte man das Amt «Neues Leben» eingerichtet, das sich um Chorgruppen, Laienmusiker, Briefmarkensammler, Schachspieler und Laienspielgruppen kümmerte. Die Devise hatte gelautet: Ärmel aufkrempeln, zupacken, aufbauen! Die Trümmerfrauen hatten Heroisches geleistet. Steine, die noch zu gebrauchen waren, hatten sie mit ihren Werkzeugen vom Mörtel befreit und sauber aufgeschichtet. Die nicht mehr zu verwendenden Ziegelbrocken und der abgeschlagene Mörtel waren in Kipploren geschippt und auf eigens verlegten Gleisen mit kleinen Dampflokomotiven in den Jahnpark geschafft worden, wo ein gewaltiger Trümmerberg entstanden war. Der Kältewinter 1946/47 hatte viele Opfer gefordert. Wärmestuben waren eingerichtet worden, und wer ins Kino gegangen war, hatte sich heiße Ziegelsteine mitgenommen, damit ihm die Zehen nicht abfroren. 1947 hatte die Kinderlähmung Angst und Schrecken verbreitet. Mit der Wirtschaft hatte es nach Kriegsende ganz schlecht ausgesehen, denn viele Betriebe, auch mittlere und kleine, waren demontiert worden.

Theodor Trampe erinnerte sich noch ganz genau an seine ersten Tage in Neukölln im Juli 1945 in der Sonderabteilung «Entnazifizierung von Industrie und Handwerk». Alle sogenannten Mitläufer hatten mit nur geringen Einschränkungen eine neue Gewerbegenehmigung bekommen, was ihm sehr contre cœur gegangen war, nur bei Naziaktivisten waren Treuhänder eingesetzt worden. Die Nordkabel AG, Eternit, Hasse & Wrede, NCR, die kleine Schuhfabrik Reh & Predel und Gaubschat hatten ihre Arbeit wiederaufgenommen. Wenn er an Gaubschat dachte, bekam er noch immer Bauchschmerzen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte man diesen Namen für immer und ewig aus dem Handelsregister löschen müssen, denn Gaubschat hatte ab 1942 die berüchtigten Gaswagen hergestellt, Spezial-LKWs, in denen Häftlinge mit eingeleiteten Abgasen getötet worden waren. Sein Lieblingskind war dagegen die Kindl-Brauerei, in der nach ihrer Demontage im November 1947 endlich wieder das erste Bier gebraut werden konnte. Ein Biersiphon stand auf dem kühlen Fensterbrett und wartete auf Theodor Trampes Freund Hermann Kappe.

«Den großen Autopreis von Argentinien gewann der Italiener Giuseppe Farina auf Maserati. Zweiter wurde sein Landsmann Achille Varzi auf Alfa Romeo. Den dritten Platz belegte der Franzose Jean-Pierre Wimille. » Hermann Kappe hatte die Sportseite des Telegraf aufgeschlagen und wollte seinen Kollegen Gerhard Piossek, der als großer Freund des Autorennsports galt, mit dieser Nachricht erfreuen.

Doch der winkte nur ab. «Heute ist ganz was anderes wichtig.»

Kappe blätterte demonstrativ in der Zeitung. «Was denn? Etwa, dass Willy Brandt vom SPD-Vorstand in Hannover zu dessen neuem Berliner Vertreter bestimmt wurde?»

Ihr Gespräch wurde unterbrochen, als der Polizeireporter des RIAS in der Tür stand und fragte, ob es im Mordfall Peter Rembowski etwas Neues gäbe.

Kappe stöhnte auf. Seine Cousine musste also etwas ausgeplaudert haben. «Nein, nicht dass ich wüsste.»

Der Reporter ließ nicht locker. «Er soll viele Freundinnen gehabt haben, auch welche aus den Westsektoren.»

«Keine Ahnung. Ich führe die Ermittlungen nicht.» Kappe gab sich so abweisend wie möglich.

«Aber Ihr Sohn …»

Der Journalist bekam aber keine weitere Antwort und zog wieder ab.

Kappe hatte keine Lust mehr, sich in die Akten mit den ungelösten Fällen zu vertiefen, und beschloss, Feierabend zu machen. Er verabschiedete sich von Piossek, hüllte sich in Schal und Mantel und lief zur Ecke Grunewaldstraße und Martin-Luther-Straße, von wo aus er mit der Straßenbahn zum Rathaus Neukölln fahren konnte.

Kappe und Theodor Trampe begrüßten sich mit alter Herzlichkeit und feierten den Umstand, dass Krieg und Naziherrschaft vorüber waren, mit ein paar Gläsern Kindl-Bier aus Neukölln.

«Kommst du noch mit ins Kino?», fragte Theodor Trampe, als der Siphon geleert war. «Ich habe durch meine Beziehungen zwei Karten für heute Abend bekommen.»

«Was gibt’s denn?», wollte Kappe wissen.

« Film ohne Titel. »

«Wie?» Kappe fühlte sich veräppelt.

Theodor Trampe erklärte ihm die Sache. «Es geht um eine Liebesgeschichte, um Christine und Martin. Vor dem Krieg ist er ganz oben, nach dem Krieg sie. Der Regisseur, der Drehbuchautor und die Schauspieler können sich nicht einigen, was für eine Art Film es werden soll, und einen Titel können sie auch nicht finden. Den sollen wir Zuschauer uns nun ausdenken. Nach der Vorstellung bekommen wir alle einen Zettel in die Hand gedrückt und sollen einen Titelvorschlag aufschreiben. Der Gewinner bekommt dreitausend Mark.»

«Nicht schlecht», sagte Kappe, ohne so recht begeistert zu sein. Erst als er hörte, dass Hildegard Knef eine der beiden Hauptrollen spielte, war er Feuer und Flamme.

VIER

DEN ANDEREN stockte der Atem, als Max Kallweit seine Sauer 38H aus der Hosentasche zog und zielte. «Das Schwein knall ich jetzt ab!»

Edeltraut Wollay fasste sich an den Kopf. «Bist du verrückt, den Knall hört man doch noch hinten in Brodowin. Nimm den Vorschlaghammer!»

Sekunden später hatte man Jolanthe getötet. Das Stichmesser fuhr ihr in den Hals und wurde in der Wunde gedreht. Das Blut quoll aus der Wunde. Der Metzger kniete auf dem Tier. Der Bauer, dem Jolanthe gehörte, kam mit der Blutschüssel und hielt sie unter die Einstichstelle.

Die beiden Berliner, Max Kallweit und Edeltraut Wollay, erlebten nicht zum ersten Mal ein solches Schauspiel. Schwarzschlachten war zwar streng verboten, aber in ganz Deutschland an der Tagesordnung.

Vor einem Jahr hatte Max Kallweit die Dreistigkeit gehabt, in Mecklenburg mit einer gefälschten Bescheinigung des Bezirksamtes Pankow unter Umgehung der geltenden Bestimmungen für lächerliches Geld Vieh aufzukaufen und es dann in abgelegenen Gehöften schwarz schlachten zu lassen. Auf dem Berliner Schwarzmarkt hatte er das Fleisch dann zu horrenden Preisen verkauft. Dieser Trick funktionierte 1948 nicht mehr, aber es gab genügend Bauern in Brandenburg und in Mecklenburg, die weiterhin mit ihm zusammenarbeiteten, obwohl der, den man beim Schwarzschlachten erwischte, eine hohe Geldstrafe zu zahlen hatte und mitunter auch im Gefängnis landete. Fleischbeschau und Trichinenuntersuchung entfielen natürlich. Allerdings gab es regelmäßige Kontrollen durch die Behörden, und illegal geschlachtete Tiere führten zu Fehlbeständen, wenn eine Viehzählung durchgeführt wurde.

«Was machst du denn, wenn morgen gezählt wird, und Jolanthe fehlt bei dir im Stall?», fragte Kallweit seinen Bauern.

Der lachte. «Dann borg ich mir bei meinem Bruder nebenan eine Sau aus, die so alt ist wie Jolanthe.»

Die Berliner sahen nun zu, wie das Tier gerüsselt wurde, das heißt, der Metzger schnitt ein Loch in den Rüssel, um das Schwein beim Brühen und Hären besser halten zu können. Beim Brühen wurden Borsten und Haut mit heißem Wasser gelöst, so dass sie abgekratzt werden konnten, das Hären war eine Art Rasieren, bei dem aufgepasst werden musste, dass die Schwarte nicht verletzt wurde. Es folgten das Lösen und Ausschneiden der Zunge und das Aufflechsen der Hinterfüße. Dann wurde das tote Tier an den Hinterbeinen aufgehängt, ausgeweidet und gespalten.

«Manchmal denke ich, dass ich auch nicht anders aussehen würde, wenn ich da hänge.» Max Kallweit hatte etwas von einem Komiker an sich, und manchmal ging der mit ihm durch, so wie vorhin, als er auf den Kopf des Schweins gezielt hatte.

«Wollen wir nicht nach Berlin zurück?», fragte Edeltraut Wollay. «Wir haben doch Fleisch genug zum Mitnehmen.»

«Ich will aber noch warten, bis sie mit der Leber- und der Blutwurst fertig sind, die bringen eine Menge Geld.»

Kurz nach Einbruch der Dämmerung saßen sie dann in ihrem dunkelblauen Kübelwagen und fuhren durch den Choriner Forst Richtung Eberswalde.

Der 11. Februar 1948 war ein Mittwoch, der Aschermittwoch. In den Schlagzeilen der Tageszeitungen ging es um den Nahen Osten:

Bedrohung des Friedens. Palästina braucht UN-Streitmacht – Feuergefecht in Jerusalem. Im Lokalteil des Telegraf nahm der Bericht über den Kottbusser Damm den größten Raum ein. Der sei bei den Bombenangriffen relativ gut davongekommen und auch heute wieder eine belebte Geschäftsstraße, nur sei leider die gesprengte Kottbusser Brücke noch nicht wiederaufgebaut. Man war dabei, die Trümmer abzutragen, konnte aber wegen des darunterliegenden U-Bahn-Tunnels keine großen Sprengladungen anbringen. Des Weiteren ging es um die Städtische Oper, wo die Belegschaft gegen den neuen Intendanten Front machte. Im Rathaus Steglitz hatte man eine 41-jährige Frau niedergeschlagen und ihrer Handtasche beraubt. Das alles fand Hermann Kappe nur mäßig spannend, erst die Überschrift Raabe schildert Bluttat ließ ihn richtig wach werden.

Der zweite Tag des Prozesses gegen den 25jährigen Zahnarzt Dr. Werner Raabe, der sich wegen Tötung des amerikanischen Korporals Claycomb vor dem Oberen amerikanischen Militärgericht zu verantworten hat, war reich gefüllt mit dramatischen Momenten. Der Angeklagte, der bislang eine gleichgültige Miene zur Schau getragen und häufig sogar Zeugen angelächelt hatte, brach beim Anblick seiner Mutter, die von der Verteidigung in den Zeugenstand gerufen wurde, in bitteres Schluchzen aus und verbarg sein Gesicht in den Händen.

Frau Gertrud Raabe, die Mutter, sagte aus, sie habe den später getöteten Korporal Claycomb gekannt und auch gewußt, dass er mit ihrem Sohn umfangreiche Schwarzhandelsgeschäfte betrieb. «Werner war sehr jähzornig», erklärte sie auf Befragen des Verteidigers. «Einmal habe ich ihm am Telefon Vorhaltungen darüber gemacht, dass er in letzter Zeit soviel Alkohol trank. Später erfuhr ich, dass er nach dieser Unterhaltung das Telefon zertrümmert und aus dem Fenster geworfen habe.» Die unglückliche Mutter war infolge seelischer Erschütterung nicht in der Lage, weitere Aussagen zu machen, und brach zusammen.

Rechtsanwalt Zellner erklärte, der Angeklagte habe den Korporal in Notwehr nach vorausgegangenem Streit erschlagen. Dieser Streit sei anläßlich eines Schwarzhandelsgeschäftes um 312 Büchsen Schokoladensirup entstanden. Raabe schilderte eingehend die Vorgänge am 22. und 23. Dezember. «Längere Zeit vor Weihnachten hatte ich Claycomb, mit dem ich häufig Geschäfte betrieb, darum gebeten, mir einen Posten Schokoladenstreifen zu besorgen, die ich vor dem Fest günstig abzusetzen hoffte. Claycomb bestellte für 150 Dollar Schokolade aus den Vereinigten Staaten, die indessen nicht eintraf. Dafür brachte er eine Kiste mit 312 Büchsen Schokoladensirup, die für 140 RM je Büchse verkauft werden sollten. Der Preis erschien mir zu hoch und wir einigten uns für 100 RM je Büchse. Nachdem ich Claycomb bis zum 16. Dezember bereits 9000 RM für die Lieferung bezahlt hatte, holte er sich am 22. Dezember weitere 21 000 RM ab. Am 23. Dezember war ich gerade dabei, mit dem Beil Holz klein zu machen, weil ich im Ofen Feuer anzünden wollte, als Claycomb kam. Er forderte ein Nachzahlung von 12 000 RM. Ich lehnte ab, verharrte auch auf meiner Weigerung, als sich Claycomb mit der Hälfte dieser Summe einverstanden erklärte. Es entstand ein heftiger Wortwechsel. Als Claycomb eine Schnapsflasche ergriff, und ich glaubte, dass er sie als Waffe gegen mich gebrauchen wollte, sprang ich mit einem einzigen Satz auf den Sessel zu, aus dem er sich gerade erheben wollte, und schlug ihn nieder.»

So weit war Hermann Kappe gekommen, als die Bürotür aufgestoßen wurde und seine Kollegen eintraten, um ihm zum sechzigsten Geburtstag zu gratulieren, an der Spitze Bruno Bliemeister, der Sektorassistent für Neukölln, Kreuzberg, Tempelhof, Schöneberg, Steglitz und Zehlendorf. Er sprach ein paar hehre Worte und überreichte Kappe neben einem kleinen Blumenstrauß eine Urkunde. «Ihre Ernennung zum Kriminaloberkommissar. Sie haben es verdient!»

Es war ein wunderbares Geschenk, die Kollegen klatschten Beifall. Hermann Kappe bekam feuchte Augen.

«Besser eine Beförderung in ein höheres Amt als ins Jenseits», sagte Gustav Galgenberg, der Kappe umarmte. «Wachse, blühe und gedeihe, mein Lieber! Weiter so!»

Die Kollegen hatten gesammelt und schenkten Kappe einen neuen «Kronleuchter», das heißt eine Deckenlampe, denn seit sie zu Hause ausgebombt worden waren, hatten sie immer nur eine nackte Glühbirne über dem runden Esszimmertisch hängen gehabt.

Kappe befand sich in einem Zustand, «als wennste träumst», wie es bei den Berlinern hieß. Auch ging ihm als Preußenliebhaber durch den Kopf, was der Prinz von Homburg ausgerufen hatte: Träum ich? Wach ich? Leb ich? Bin ich bei Sinnen? Unfassbar, dass er schon sechzig war! Dabei war er doch gerade erst gestern nach Berlin gekommen … Und was hatte er neulich bei Theodor Fontane gelesen?

Immer enger, leise, leise

Ziehen sich die Lebenskreise,

Schwindet hin, was prahlt und prunkt,

Schwindet Hoffen, Hassen, Lieben,

Und ist nichts in Sicht geblieben

Als der letzte dunkle Punkt.

Gustav Galgenberg fühlte, was ihn bedrückte, und versetzte ihm einen Stoß in die Rippen. «Mensch, Hermann, aufwachen!» Er solle sich nicht länger in seinem Elend suhlen, sondern froh und glücklich sein, dass er noch gesund und munter war. «Die Nazis haben ausgespielt, wat willste noch mehr? Alles geht aufwärts jetzt! Also Schluss mit Trübsal blasen!»

Das half, und Kappe fing sich wieder. In der Wartburgstraße gab es auch genug zu tun, denn sie hatten beschlossen, zu Hause zu feiern und nicht in einem teuren Etablissement, wo man Lebensmittelmarken, die für ein paar Monate gereicht hätten, abzuliefern hatte, wenn man einigermaßen gut essen und trinken wollte.

Die Einladungsliste war lang. Kappes Mischpoke war inzwischen so groß geworden, dass er manchmal witzelte, sie sollten sich endlich einen großen Stammbaum malen lassen und Fotos der Betreffenden an die Äste hängen, damit er in seinem hohen Alter noch wisse, wer wohin gehöre. Für siebzehn Familienmitglieder waren schließlich Tischkärtchen zu bemalen, und mit Theodor Trampe und Gustav Galgenberg kamen noch zwei alte Freunde dazu. Um die alle unterzubringen, musste man sich einen Tisch und ein Dutzend Stühle von den Nachbarn borgen. Klara wollte unbedingt, dass Kappe zur Feier des Tages noch den Korridor tapezierte und vor allem die Decke strich, die sähe ganz schwärzlich aus.

«Nicht mit mir.» Kappe wagte die Befehlsverweigerung.

«Dann such dir jemanden, der es macht!»

«Ja, Ludwig Latzke käme in Frage. Aber der ist leider tot.» Wie so viele andere galt sein alter Freund aus Wendisch Rietz seit März 1945 als vermisst.

Kappe hatte darauf bestanden, dass sein sechzigster Geburtstag auch wirklich am 11. Februar gefeiert wurde und nicht erst am Sonnabend danach, wie es so Sitte war, damit alle am nächsten Morgen länger ausschlafen konnten. Da alle 48 Stunden in der Woche arbeiteten, konnte man an einem Werktag allerdings erst um halb sieben abends mit dem Feiern beginnen, das Kaffeetrinken musste also ausfallen.

Als aufgetischt wurde, was Küche und Keller hergaben, riefen alle, dass sei ja fast so reichhaltig wie vor dem Kriege, und das war in diesen Jahren wohl das höchste Lob. Kein Wunder, Kappes Bruder Albert aus Wendisch Rietz hatte für die Fischsuppe am Anfang des Menüs gesorgt, sein Sohn Karl-Heinz für das Hauptgericht, einen wunderbaren Schweinebraten, sein Bruder Oskar für den Nachtisch und seine Schwester Pauline für den Wein. Wobei nur klar war, wie Albert an die Fische gekommen war – die anderen schwiegen lieber über ihre Quellen, schließlich waren drei Kripoleute in der Wohnung.

Nach der Suppe klopfte Bertha Kappe mit dem Rücken ihres Messers gegen ihr Glas und erhob sich, um das Festgedicht vorzutragen. Das war ein Ritual, das alle kannten und das ihnen sehr gefehlt hätte, sosehr sie auch über die Dichtkunst der alten Dame lästerten: «Reim mich, oder ich fress dich.» In Kurzform gab sie das ganze Leben ihres Sohnes wieder und endete schließlich mit den Worten:

Du bist ein Mann aus ganz besonderem Holz,

Von den Verbrechern gefürchtet, von uns allen geliebt,

Bist unser ganzer Stolz,

Sei weiterhin gesund und glücklich, wir beten dafür,

dass Dir unser Herrgott dies alles noch gibt.

Kappe dankte ihr mit einem Küsschen auf die Wange und umarmte sie. Er hatte in der Tat eine wunderbare Mutter.

Die obligatorische Rede zu halten war dem ältesten seiner Kinder zugefallen, und Hartmut hatte seit Weihnachten fast jeden Tag an seinem Text gesessen. Er war rhetorisch nicht sonderlich begabt und hatte sich daher jedes Wort vorher aufgeschrieben. Es war auch äußerste Vorsicht angebracht, denn er wollte seinen Vater an dessen Ehrentag nicht kränken, auch liebte er ihn auf eine stille und zurückgenommene Art und Weise, aber dennoch war er nicht ganz zufrieden mit ihm. Gut, er hatte sich die ganzen Jahre über seinen aufrechten Gang bewahrt und war nicht Mitglied der NSDAP geworden, aber so richtig im Widerstand gegen Hitler, wie Theodor Trampe etwa, war er auch nicht gewesen. Auch dass er nun in die SPD eingetreten war, ging dem SED-Genossen gegen den Strich. Zwischen Suppe und Braten war es an ihm, aufzustehen und sein Manuskript aus dem Jackett zu ziehen. «Lieber Vater, blickst du auf dein Leben zurück, so kannst du laut ausrufen: Welch Wandel der Epochen! Als du in Wendisch Rietz das Licht der Welt erblickt hast, war Wilhelm I. an der Macht, dann folgten 1888 Friedrich III. und schließlich Wilhelm zwo, unser letzter Kaiser. Es kamen die Weimarer Republik, die Herrschaft der Faschisten mit ihren Verbrechen und der Zweite Weltkrieg. Und jetzt leben wir in zwei Welten, die immer mehr auseinanderdriften.» Nach diesem historischen Exkurs kam er auf die Familie zu sprechen und dankte seinem Vater für seine Rolle als treusorgenden Familienvater, was in der NS-Zeit unsagbar schwer gewesen sei. «Und damit komme ich zu dem, was ich an dir so ganz besonders schätze: dass du nie ein Nazi gewesen bist und in deinem Beruf immer darauf aus warst, das Schlimmste zu verhindern. Viele Menschen hast du mit deiner aufrechten Haltung vor dem Tod im KZ und dem Fallbeil gerettet.»

Theodor Trampe begann zu klatschen, und alle fielen ein. Kappe war gerührt. Er selbst fand seine Haltung während der Hitlerzeit alles andere als beispielhaft, da war es wunderschön, wenn andere ihn viel positiver sahen.

Die Rede seines Sohnes endete damit, dass alle ihn hochleben ließen.

«Sto lat!», rief Hertha Börnicke und übersetzte das aus dem Polnischen. Bald sangen dann alle mit ihr:

Hundert Jahre, Hundert Jahre,

möge er leben, leben mit uns.

Hundert Jahre, Hundert Jahre,

möge er leben, leben mit uns.

Noch einmal, noch einmal, möge er leben, möge er leben,

Möge er für uns leben.

Während des Festmahls hatte man sich eine Menge zu erzählen. Wie man sich so durchs Leben schlug, wie man sich aus einem alten Militärmantel ein schickes Kostüm schneiderte, wie man ohne ein Gramm Fett einen Kuchen backte. Kappes Schwiegertochter Ingeborg berichtete von ihren Erlebnissen als Straßenbahnschaffnerin und über die, die das Fahrgeld nicht bezahlen wollten. Sein Bruder Oskar referierte über das, was alles als Tabakersatz herhalten musste: «Die Blätter von Ahorn, Brombeere, Eiche oder Kirsche, manche schneiden auch ihre Matratze auf.» Kappes Schwägerin Friedel hatte als Trümmerfrau viel erlebt, seine Schwester Pauline mit ihrer gerade ausgeheilten Tbc und seine Cousine Hertha bei einer Reportage über die deutschen Frolleins, die mit ihrem GI in die Staaten gehen wollten. Seine Enkelin Marlies, sieben Jahre alt, wollte sich auch am Gespräch beteiligen und schwärmte von ihrer Schulspeisung: «Grießbrei mit Aprikosen, und Nachschlag hat es auch gegeben.»

Kappes Neffe Otto, als Kriminalkommissar beim englischen Sektorassistenten am Kaiserdamm angesiedelt, überraschte die Gesellschaft mit der Mitteilung: «Der Schuft ist tot!»

«Welcher?», kam die Frage. «Es sind doch noch viele übrig geblieben.»

Otto Kappe meinte Gustav Schuft, den Olympiasieger im Mannschaftsturnen von 1896 in Athen. «Das war noch mein Trainer bei der Turngemeinde in Berlin.»

«Wer hat ihn denn ermordet?», wollte Albert Kappe wissen.

«Wieso denkst du, dass er ermordet wurde?»

«Na, weil du doch bei der Mordkommission bist …»

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23 декабря 2023
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211 стр. 2 иллюстрации
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9783955520205
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