Читать книгу: «Otto mit dem Pfeil im Kopf»
Horst Bosetzky
Otto mit dem Pfeil im Kopf
Phantastische Geschichten um die Entstehung von Berlin und Brandenburg
Jaron Verlag
1. Auflage 2015
© 2015 Jaron Verlag GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer+Möhring, Berlin, unter Verwendung einer historischen Abbildung der Universitätsbibliothek Heidelberg
(Markgraf Otto IV. von Brandenburg, Manessische Handschrift, um 1300)
Satz und Layout: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
ISBN 978-3-95552-214-8
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Zu diesem Buch
Anno 1157
Die Eroberung der Brandenburg
Anno 1190
Mord im Kloster Lehnin
Anno 1245
Kampf um den Teltow
Anno 1280
Otto mit dem Pfeil im Kopf
Anno 1325
Als die Berliner den Propst erschlugen
Anno 1348
Der falsche Waldemar
Anno 1415
Triumph der Hohenzollern
Anno 1448
Der Berliner Unwille
Zu diesem Buch
Die fabelhaften – teilweise auch weiblichen – Helden unserer Mittelalter-Novellen sind klassische Abenteurer: stark, intelligent, einfallsreich, witzig und schön. Sie kommen aus allen Ständen und Schichten Europas und erfreuen uns in den unterschiedlichsten Rollen, sind sich aber von ihrem grundsätzlichen Fühlen und Denken her immer sehr ähnlich: edel, hilfreich und gut, aber auch listig, humorvoll und mit einer gehörigen Chuzpe ausgestattet. Sie betreten immer dann die Szene, wenn in unseren Breiten ein besonderes historisches Ereignis stattfindet.
Jeder Novelle liegt eine wichtige geschichtliche Begebenheit zugrunde, womit die vergnügten und kurzweiligen Erzählungen um unsere fabelhaften Figuren zu einer lehrreichen und packenden Geschichtsstunde werden. So manches historische Detail, das bis heute unerforscht ist, wird erst durch sie anschaulich. In der Regel entschärfen und lösen die Helden Konflikte, fördern das Gute, bekämpfen das Böse und greifen mit ihren Taten entscheidend in die geschichtsträchtigen Geschehnisse ein. Mit ihnen an der Hand werden die Ursprünge der Mark Brandenburg und der Stadt Berlin auf höchst vergnügliche Weise wieder lebendig. Die Fakten stimmen, und alle Großen der Welt, mit denen sich unsere Protagonisten auseinandersetzen, haben wirklich gelebt, das übrige Personal aber ist frei erfunden.
Zur besseren Orientierung gibt es am Anfang einer jeden Geschichte einen kurzen historischen Überblick und am Schluss eine »Besetzungsliste«.
Die hier versammelten acht Mittelalter-Novellen erschienen zum größeren Teil bereits in Einzelbänden. Das Interesse unserer geschätzten Leserschaft ermunterte uns, sie in bearbeiteter Form neu herauszubringen und durch zwei noch unveröffentlichte Geschichten zu ergänzen.
Horst Bosetzky, im Sommer 2015
Anno 1157
Die Eroberung der Brandenburg
Im Jahre 1157 wird Ritter Ulric von Huysburg in die Nordmark geschickt, das Land zwischen Elbe und Oder, das die Germanen in den Zeiten der Völkerwanderung verlassen haben und in dem sich verschiedene Stämme der Slawen angesiedelt haben: an der Havel die Heveller und an der Spree die Sprewanen. Es gibt nur wenige Burgen und Dörfer, alles ist noch die berühmte unberührte Wildnis. Markgraf der Nordmark ist zwar formell Albrecht der Bär, ein Fürst aus dem Hause Askanien, aber viele wollen ihm die Herrschaft streitig machen, vor allem der Sprewanenfürst Jaxa von Cöpenick, ein Vasall der polnischen Piasten.
Eine Entscheidungsschlacht steht an, für Ulric von Huysburg gibt es viel zu tun, und die Liebe kommt ihm auch noch dazwischen.
Eins
Ulric von Huysburg kam aus dem Harzvorland, wo er auf der Burg Falkenstein einige Tage bei einem Freund zu Gast gewesen war. An einem schönen Frühlingsmorgen ritt er mit seinen beiden Knappen Cuntz und Bogdan-Otto an der Nuthe entlang, meist auf schmalen Pfaden am westlichen Ufer, manchmal auch im seichten Wasser des Flüsschens. Ihr Ziel war Spandow, wo die Askanier dabei waren, auf dem Gelände älterer slawischer Wälle eine feste Burg anzulegen und damit ein Gegengewicht zu Cöpenick zu schaffen, wo der Sprewanenfürst Jaxa residierte. Die Sonne wärmte alle mit ihren schon kraftvollen Strahlen, doch es spross noch kein Grün an den Zweigen, und der Boden war aufgeweicht vom gerade weggetauten Schnee.
Cuntz, der eine Weile in Italien gelebt hatte, fluchte vor sich hin: »Ach, Varus, warum hat die kultivierte Welt aus deiner Niederlage nichts gelernt und sich damals nicht geschworen, ein für alle Mal auf dieses Dreckland aus Morast und Urwald zu verzichten!«
Bogdan-Otto protestierte: »Ich sage dich, die Weiterrrkeit von die Askanierrr tut lügen zwischen die Fluxe Elbe und Odra!« Er war ein Heveller, ein Slawe also, der zum Christentum übergetreten war, und glaubte, der Segen für sein Land komme ausschließlich von Papst und Kaiser. Mit der deutschen Sprache hatte er noch immer seine Schwierigkeiten.
Ulric stimmte ihm zu, denn seinem Geschichtsbild zufolge hatten nur jene Königreiche und Herzogtümer, die auf Expansion angelegt waren, eine Chance, auf Dauer zu bestehen. Andere Länder erobern, andere Völker für sich arbeiten lassen – das war das gängige Rezept. Und die Askanier, die Welfen und die Wettiner hatten das begriffen.
Seine Knappen wollten dieses Thema nicht vertiefen, sie redeten lieber von den schönen Frauen, die es auf den Burgen gab, und Cuntz, der ein begabter Minnesänger war, ließ sich animieren, ein paar Verse zu singen:
Ich wirbe umbe allez, daz ein man
ze wereltlichen fröiden iemer haben sol:
daz ist ein wîp, der ich enkan
nâch ir vil grôzem werdekeit gesprechen wol.
Bogdan-Otto winkte ab. »Immerrr, wenn ich eine Frau belegen will, schlägt sie mirrr ab. Eine Hevellerrr wille ich nücht, trrrompetet die Weiber. Von wegen Frrröiden!«
Cuntz riet ihm, es einmal in den großen Städten zu versuchen, wo man sich die körperliche Liebe kaufen konnte, und schwärmte von den Flötenmädchen, die es im alten Griechenland gegeben hatte. »Das waren die aulétides, von aulos, die Flöte. Sie unterhielten die Männer zuerst mit ihrem Flötenspiel, bevor sie mit deren Flöte spielten.«
Er wollte das gerade sich und Bogdan-Otto weiter ausmalen, als von jenseits der Nuthe ein Pfeil herangeflogen kam, seinen Rücken durchbohrte und ihm im Herzen steckenblieb. Er schrie auf, stürzte vom Pferd und verstarb noch im selben Augenblick.
Ulric von Huysburg, der seinen Knappen vorangeritten war, fuhr herum, begriff, was geschehen war, und hatte nur noch einen Gedanken: den feigen Todesschützen zu fassen und seiner gerechten Strafe zuzuführen. »Los, Bogdan-Otto, mir nach!«
Damit gab er seinem Pferd die Sporen, sprengte in die flachen Wasser der Nuthe und jagte zum anderen Ufer hinüber. Was anfangs wie ein Kinderspiel erschien, wurde schnell zu einem schwer lösbaren Problem, denn bald verfingen sich die Hufe ihrer Tiere im dick verfilzten Unterholz, und sie mussten absitzen, um sich mit ihren Schwertern einen Weg zu bahnen. Der Schütze, der mit Sicherheit zu Fuß gekommen war, hatte es da wesentlich leichter. Ulric glaubte aber, dass er sich noch immer in der Nähe versteckt hielt, um seine nächsten Pfeile abzuschießen. Gute Zielscheiben boten sie ja.
»Vorsicht!«, rief Ulric von Huysburg. »Nicht auf die Lichtung!«
Bogdan-Otto zügelte sein Pferd. »Eherrr wir wünschen zu finden eine Haarrrnadel im Haufen Mist wie den Pfeilscheißerrr hierrr in die Dickicht.«
»Eine Stecknadel im Heuhaufen«, korrigierte ihn Ulric, der wusste, dass eine Integration der Slawen ins Heilige Römische Reich nur gelingen konnte, wenn sie die deutsche Sprache perfekt beherrschten. »Aber du hast recht, es ist vergebene Liebesmüh. Doch …« Er stockte und sah nach links und rechts. »Dies hier scheint eine Art Straße zu sein.«
»Eherrr was, wo sich Wild verrrwechselt«, befand Bogdan-Otto.
»Wo ist da der Unterschied?«, brummte Ulric von Huysburg. »Östlich der Elbe gibt es keine Straßen. Euer Pech, dass es die Römer nicht bis hierher geschafft haben.«
»Ritterrrn wir auf dieses Pfad hoch nach Spandow?«, wollte Bogdan-Otto wissen.
»Nein«, entschied Ulric, »wir müssen Cuntz ordentlich begraben.«
Der Slawe hob den Kopf, um besser hören zu können. »Was hat sich da verwieherrrt vor uns? Eine Pfärrrde?«
»Das wird der Gaul sein, auf dem Cuntz geritten ist.«
»Nein, hierrr auf unsrrrige Seite von die Flux.«
»Dann los, lass uns nachsehen, wer da unterwegs ist.« Ulric lenkte seinen Rappen in die angegebene Richtung. »Aber aufgepasst, vielleicht haben wir es mit einem ganzen Trupp von Sprewanen zu tun.«
Nach knapp drei Minuten trafen sie auf eine Kolonne, bestehend aus einem Frachtwagen und drei Packtieren. Ein paar Männer sprangen sofort ins Gebüsch, als sie den askanischen Ritter mit seinem Knappen hinter sich bemerkten, nur der Händler selbst, der auf dem Kutschbock des Frachtwagens saß, entschloss sich standzuhalten. Wahrscheinlich hätte er sich bei seinem Alter auch den Knöchel gebrochen, wäre er auf die Erde gesprungen.
»Bande Mörderrr ihrrriges!«, schrie Bogdan-Otto den Fliehenden hinterher.
Ulric von Huysburg hielt auf Höhe des Händlers und fragte ihn nach seinem Namen und woher er käme.
»Nebojša aus Jutribuc.«
»Aha, Jüterbog.« Ulric erinnerte sich daran, dass der Magdeburger Erzbischof Wichmann gerade ansetzte, die Stadt zu erobern, um von dort aus die Kreise der Askanier nachhaltig zu stören. Von Jüterbog aus konnte man den Fernhandel kontrollieren und hatte damit viele Trümpfe in der Hand. »Und wohin willst du?«
»Nach Poztupimi, Herr.«
»Potsdam, hm. Und auf dem Wege dorthin schwärmen deine Leute aus und schießen mit ihren Pfeilen auf askanische Ritter!«
»Nein, Herr«, beteuerte Nebojša, »wir sind friedliche Leute.«
»Und was sehe ich da an dem Lastpferd hängen? Einen Bogen! Wahrscheinlich ist es der, von dessen Sehne der Pfeil geschnellt ist, der meinen Knappen getötet hat.«
»Ich weiß von nichts«, versicherte der Händler.
»Lüge nicht so frech!« Ulric zog sein Schwert und drückte dessen Spitze so fest auf den Adamsapfel des Slawen, dass es blutete. »Wer war es? Hast du den Auftrag dazu gegeben?«
»Nein, Herr!«
Ulric mochte den Slawen, ohne sagen zu können, warum. Auch war er keiner, der jemanden ohne Gerichtsverhandlung und Schuldanerkenntnis dem Henker übergeben hätte. Hier allerdings war weit und breit kein Richter.
»Mach kurrrzes Prrrotest mit dieses Mann!«, drängte Bogdan-Otto.
»Sonst trrrifft dich nächste Feile von seine Knächte.«
»Nein«, entschied Ulric. »Ich, Ulric von Huysburg, schenke dir das Leben, Nebojša, was auch immer hier geschehen ist! Ziehe dahin und siehe zu, dass die Deinen ehrliche Menschen werden!« Damit riss er sein Pferd herum und ritt zurück in Richtung Nuthe.
Bogdan-Otto folgte ihm schimpfend. »Wie sagen du immerrr? Jede gütige Handlung gäht sich nach hinten los.«
Ulric stöhnte auf. »Jede gute Tat rächt sich einmal! Das ist aber totaler Unsinn, denn im Lukas-Evangelium steht geschrieben: Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, also tut ihnen auch. Tue ich Gutes, wird auch mir Gutes getan.«
»Wenn ich das ins Ohrrr nehme, hätte ich lieberrrs bleiben sollen eine Heide«, murmelte Bogdan-Otto.
Nach einigem Hin und Her fanden sie ihre eigene Fährte wieder und auf ihr zur Nuthe zurück. Jetzt galt es, Cuntz auf angemessene Art und Weise zu begraben. Ulric hieß den Knappen Bogdan-Otto, sein Schwert zu nehmen und es als Spaten zu benutzen.
»Das entehrrrt meine Schwerrrt«, reimte Bogdan-Otto.
Ulric lachte. »Dann nimm meines!«
So versuchte es also der Knappe mit dem Schwert seines Herrn, während Ulric selbst seine Lanze benutzte, um eine Grube auszuheben, die tief genug war, um Cuntz’ Leichnam davor zu bewahren, von Bären, Wölfen und Luchsen gefressen zu werden. Sie schufteten im Schweiße ihres Angesichts, immer in Gefahr, vom nächsten Pfeil erwischt zu werden. Aber Ulric hatte ihre beiden Pferde so angebunden, dass sie einen lebenden Wall zwischen dem Grab und der Nuthe bildeten. Nachdem sie ihre Hände als Schaufeln eingesetzt hatten, war es endlich so weit, dass sie den armen Cuntz in die Grube hinablassen konnten.
Sie sahen auf den Toten hinab und falteten die Hände.
Ulric von Huysburg sprach die letzten Worte: »Dein Leben war kurz, und du wärst ein gefeierter Sänger geworden, aber wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden. So steht es bei Markus. Und du, lieber Cuntz, bist gestorben, weil du die Worte des Herrn ins Land zwischen Elbe und Oder tragen wolltest. Der Herr segne und behüte dich, Friede deiner Asche!«
Während nun Bogdan-Otto die aufgeworfene Erde in die Grube schob und einen Grabhügel aufhäufte, zimmerte Ulric mit Hilfe seines Schwertes und seines Dolches ein Kreuz und schnitzte den Namen Cuntz und die beiden Jahreszahlen ins weiche Holz: * 1134 † 1157.
Als das erledigt war, setzten sie schweigend und in gedrückter Stimmung ihren Ritt nach Spandow fort.
Im Refektorium des Benediktinerklosters zu Ballenstedt saß im Frühjahr 1157 Albrecht der Bär mit seinen Söhnen und Töchtern beisammen, um Rat zu halten.
»Wir sind umgeben von Feinden«, klagte er. »In Magdeburg hat der Erzbischof großen Hunger auf neue Ländereien, in Braunschweig ist es Heinrich der Löwe, in Meißen der Markgraf, in Thüringen der Landgraf, in Polen sind es die Piasten und in Böhmen die Přemysliden …«
»Was höre ich da?«, rief Gertrud, die seit 1153 mit einem Přemysliden verheiratet war. »Mein Mann wird die Kreise seines Schwiegervaters ganz sicher nicht stören. Und außerdem will er im nächsten Jahr mit dem Barbarossa nach Italien ziehen.«
»Ja, auf deine Töchter kannst du bauen!«, stimmte Hedwig ihr bei. Sie hatte mit fünfzehn Jahren Otto den Reichen aus dem Geschlecht der Wettiner zum Manne genommen. »Wenn Otto Markgraf wird, und das ist in Kürze der Fall, dann werde ich ihn schon davon abzuhalten wissen, einem Askanier in die Quere zu kommen.«
Albrechts Sohn Otto mischte sich ein: »Schön wär’s! Die Wettiner drängen zur Ostsee, und daran kann sie auch keine Hedwig von Ballenstedt hindern. Unser Vater möge noch lange leben, aber eines Tages werde ich seine Lasten zu tragen haben, und da weiß ich schon, was auf mich zukommen wird.«
Sein Bruder Siegfried, der vor zehn Jahren ins Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg eingetreten war und seine Zukunft als Geistlicher sah, ging beschwichtigend dazwischen. »Alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr es glaubet, werdet ihr’s empfangen.«
»Na fein«, murmelte Albrecht, »dann bete ich nachher, dass sich meine Nordmark in den nächsten Jahren von ihrer Größe her mindestens verdoppelt, wenn nicht gar verdreifacht.«
»Wie schön, dass sie uns wenigstens noch die magerste Sau im kaiserlichen Stall gegönnt haben«, sagte Otto.
Bernhard war noch zu jung, als dass er sich zu Wort gemeldet hätte, und Dietrich wie Adalbert hatten sich längst damit abgefunden, über die Region hinaus keine Bedeutung zu haben. Sie sollten Graf von Werben beziehungsweise von Ballenstedt werden.
Im Weiteren drehte sich das Gespräch um Familiäres, vor allem darum, wann die beiden Töchter wohl ihr erstes Kind zur Welt bringen würden. Alle hätten darauf schwören können, dass es im Jahre 1158 sein würde.
»Auf alle Fälle sollte sich vor dem nächsten Kreuzzug Nachwuchs einstellen«, lästerte Siegfried. »Denn wenn eure Männer da mit nach Süden ziehen, dann …«
»Morgen brechen wir nach Spandow auf«, verkündete Albrecht. Es sei an der Zeit, sich mehr um den östlichsten Außenposten der Askanier zu kümmern.
Im 4. Jahrtausend v. Chr. hatten sich im Gebiet um Spree und Havel Kulturen mit Ackerbau und Viehzucht herausgebildet, seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. siedelten sich verstärkt Germanen an, nach alten Quellen waren es die Semnonen, die zu den Sueben gehörten, und die Burgunden. Im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. verließen sie – bis auf einige Restgruppen – das Land der späteren Mark Brandenburg und wanderten Richtung Oberrhein und Schwaben. Ab dem 6. Jahrhundert strömten dann Slawenstämme in die Gegend um die Lausitz und um das Jahr 720 auch in den Berliner Raum. Sie übernahmen die alten germanischen Standorte, siedelten sich aber auch in noch unbewohnten Landstrichen an. Etwa seit dem 7. Jahrhundert wurde das Havelland von den slawischen Hevellern besiedelt. Einer ihrer wichtigsten Orte war Spandow, wo sie am Zusammenfluss von Havel und Spree einen Burgwall errichteten. Aus dieser Anlage war bis Ende des 10. Jahrhunderts eine befestigte Burganlage entstanden, die nun zu einem wichtigen Stützpunkt der Askanier ausgebaut werden sollte.
Ulric von Huysburg und Bogdan-Otto hatten sich mühsam ihren Weg durch Sumpf und Heide gebahnt und hofften, noch im Laufe des Nachmittags in Spandow anzukommen.
»Wenn sie wenigstens schon einen Kirchturm hätten, an dem man sich orientieren könnte«, klagte Ulric von Huysburg.
»Na szczęście, na dłuższą metę tylko w stanie«, sagte Bogdan-Otto. Ulric musste nur kurz überlegen, dann hatte er es übersetzt: »Glück hat auf Dauer nur der Tüchtige.«
Und Glück hatten sie in der Tat, denn als sie am Spreeufer angekommen waren, fanden sie ein Floß aus Kiefernstämmen, das tragfähig genug war, sie und ihre beiden Pferde zum Zeltlager der Askanier zu bringen. Das Wappen des Grafen von Ballenstedt grüßte herüber.
Als sie auf der Burgwallinsel an Land gegangen waren und ihre Pferde am Zügel führten, kam ihnen ein Mann entgegen, der Ulric auf den ersten Blick herzlich unsympathisch war. Alle Ritter, die nichts weiter waren als ein aufgeblasenes Etwas, die hasste er.
»Was wollt Ihr hier?«, herrschte der Mann Ulric von Huysburg an.
»Den Markgrafen sprechen.«
»Und wer seid Ihr?«
»Ulric von Huysburg. Vom Himmel geschickt, die Nordmark sichern zu helfen. Und mit wem habe ich die Ehre?«
»Du kennst mich nicht?«
Diese Arroganz reizte Ulric nun doch. »Nein. Etwa Gottfried von Bouillon?« Das war eine Beleidigung, denn der große Heerführer des Ersten Kreuzzugs war schon im Jahre 1100 in Jerusalem verstorben.
Der askanische Verwalter Spandows riss seinen Dolch aus dem Gürtel. »Du wagst es?«
»Ja.« Im Nu hatte Ulric mit einem Tritt seines rechten Fußes dem anderen die Waffe aus der Hand geschlagen und sie wieder aufgefangen, nachdem sie in hohem Bogen durch die Luft gesegelt war. »Wenn ich dir nicht deinen fetten Bauch aufschlitzen soll, dann nenne mir doch bitte deinen Namen, damit ich dich höflich anreden kann.«
»Wiprecht von Wandsleben«, presste der andere hervor.
Ulric dachte an Wanze, unterdrückte aber eine entsprechende Äußerung, um Wiprecht nicht weiter gegen sich aufzubringen. Schließlich waren sie Waffenbrüder und sollten alle Kraft einsetzen, ihr gemeinsames Ziel zu erreichen: In den Staub mit allen Feinden Albrechts!
Wiprecht wies ihnen ein kleines Zelt zu, und sie versuchten, es sich so bequem wie möglich zu machen.
Kaum hatten sie sich auf ihren notdürftig zusammengezimmerten Feldbetten ausgestreckt, erhob sich draußen im Lager ein solcher Lärm, dass sie sofort wieder hochfuhren.
»Wirrrd sicher sein diese Jaxa!«, rief Bogdan-Otto. »Errr attackierrrt uns an.«
Ulric von Huysburg steckte seinen Kopf aus dem Zelt. »Nein, Albrecht kommt mit seinem Tross.«
Der Knappe lachte. »Und … hat seine Beerrren dabei?«
»Nein, weder Erd- noch Himbären, sondern nur Speisenträger, Kämmerer, Mundschenk, Marschall und Koch.« Auch Ulric wusste nicht, warum man Albrecht den Beinamen Bär gegeben hatte. In seinem Wappen gab es keinen Bären, und bärenstark schien er auch nicht gerade zu sein. Vielleicht hatte man ein Gegenstück zu Heinrich dem Löwen gebraucht. Und besser noch Albrecht der Bär als Karl der Dicke oder gar Arnulf der Böse, wie zwei andere Herrscher hießen.
Ulric wartete ab, bis sich die Aufregung nach Albrechts Erscheinen etwas gelegt hatte, dann trat er aus dem Zelt, um sich dem Markgrafen der Nordmark vorzustellen.
»Ulric von Huysburg. Der Himmel schickt mich, Euch zu dienen«, begann er und berichtete dann kurz von seinem Leben und seinen Taten.
»Sei mir willkommen unter meinem Banner!«, rief Albrecht und hieß ihn, Platz zu nehmen an der Tafel, die gerade ins Zelt getragen wurde. Während man mit Freuden aß und trank, wurde reihum von dem erzählt, was man in den letzten Jahren erlebt hatte. So lernte Ulric von Huysburg sie alle kennen: Hancz von Crüchern, Eberlin von Mölz, Ottin von Strenznau und viele mehr.
Als sie mit ihren Berichten am Ende waren, ging der Blick des Markgrafen zu Ulric hinüber. »Nun, Ulric von Huysburg, was hast du an Berichtenswertem erlebt?«
Ulric erzählte aus den Jahren, als er in den Diensten von Roger II. gestanden hatte, einem Normannen, der sich Weihnachten 1130 in Palermo zum König von Sizilien erhoben hatte. »1146 war ich dabei, wie Roger Tunis eroberte und damit die Herrschaft über das zentrale Mittelmeer errang. Es gab wunderbare Leute an seinem Hof, so den arabischen Kartographen Al-Idrisi, der für ihn eine silberne Weltkarte erschuf. Das Schönste aber war sein großer Harem …«
Diese Mitteilung wurde mit großem Jubel begrüßt und von vielen neiderfüllten Kommentaren begleitet.
Nachdem alle etwas zur Unterhaltung der Runde beigetragen hatten, kam Albrecht auf den Grund seines Besuchs in Spandow zu sprechen. »Dass das Haus Askanien ringsum nicht gerade von Freunden umgeben ist, dürfte euch allen bekannt sein«, begann er. »Über die Rolle von Kaiser Friedrich I. rätseln wir noch. Als Markgraf der Nordmark hat mich Barbarossa noch nicht in Frage gestellt, aber wer weiß …«
»Könnt Ihr nicht Erzbischof Wichmann von Magdeburg für uns gewinnen?«, fragte einer der Ritter.
»Ich werde es versuchen, er hängt aber eng mit Barbarossa zusammen.« Albrecht stieß einen tiefen Seufzer aus. »Sorgen bereiten mir auch die Piasten. Ob sie nicht diesen Jaxa von Cöpenick in Marsch setzen, die Brandenburg zurückzuerobern? Ich habe keinerlei Kunde von ihren Absichten.«
Ulric hob den Arm. »Ich beherrsche die slawischen Sprachen und erkläre hiermit meine Bereitschaft, mich, getarnt als Obotrit, in die Burg Cöpenick zu begeben, um etwas von Jaxas Plänen zu erfahren.«
»Sich als Kundschafter in Jaxas Lager zu schleichen hat bis jetzt jeden das Leben gekostet!«, rief Wiprecht von Wandsleben. Ihm war unschwer anzusehen, dass er sich dieses Schicksal auch für Ulric von Huysburg erhoffte.
Ulric lachte. »Ich fürchte mich nicht.«
»So etwas höre ich gerne«, erklärte Albrecht der Bär. »Und wenn du für mich nach Cöpenick reitest, wäre ich dir ewig zu großem Dank verpflichtet.«
Zwei
Auf der Halbinsel Cöpenick hatte es schon in der Bronzezeit eine Burg gegeben, und in der Mitte des 12. Jahrhunderts befand sich hier die Hauptburg und größte Ansiedlung des slawischen Stammes der Sprewanen unter ihrem Fürsten Jaxa von Cöpenick. Die Sprewanen hatten im Zuge der Völkerwanderung um 720 den Berliner Raum erreicht und sich im dünnbesiedelten Gebiet an der Spree niedergelassen. Die wenigen verbliebenen Germanen waren mehr oder minder in der slawischen Bevölkerung aufgegangen. Ulric von Huysburg wollte sich in Cöpenick als Stammesmitglied der Obotriten ausgeben, die im westlichen Mecklenburg siedelten und 955 den Krieg gegen Otto I. verloren hatten, aber knapp dreißig Jahre später die deutsche Herrschaft wieder hatten abschütteln können. Seitdem hatten im Obotritenland mal christliche, mal heidnische Fürsten geherrscht, und seit 1131 war Niklot König der Obotriten. Aber Heinrich der Löwe, der Sachsenherzog, war im Begriff, in einem neuen Wendenkreuzzug das Land der Obotriten zu erobern.
Dies alles und noch mehr hatte sich Ulric eingeprägt, und er hatte auch die Sprache der Obotriten so weit erlernt, dass er sich als ein Sohn des Königs Niklot ausgeben konnte, als Wertislaw. Wollte er als Obotrit gelten, gebot es die Logik, dass er sich Cöpenick in weitem Bogen von Norden her näherte. Er war allein unterwegs, denn Bogdan-Otto hatte ein unbekanntes Fieber außer Gefecht gesetzt – abgesehen davon, dass sein Begleiter seine Mission wohl eher gefährdet denn gefördert hätte.
Auf dem Plateau des Barnims war Ulric auf ein Flüsschen gestoßen, dessen Wasser nach Süden hin flossen und von dem er vermutete, dass es irgendwo in der Nähe Cöpenicks in die Spree mündete. Dass es den Namen Wuhle trug, wusste er nicht. Den Dörfern, die am Wege lagen, wich er ein jedes Mal aus, wenngleich er den Frauen, die er aus der Ferne sah, gern etwas näher gekommen wäre, denn schon zu lange hatte er keine mehr besessen. So sang er denn auch voller Sehnsucht ein Minnelied, das er bei den Askaniern gehört hatte:
Dû bist mîn, ich bin dîn:
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen:
verlorn ist daz slüzzelîn:
dû muost ouch immer drinne sîn.
Endlich konnte er die Cöpenicker Burg am Horizont entdecken. Sie lag auf einer Insel in der Dahme, und zwar kurz vor deren Einmündung in die Spree. Eine schmale hölzerne Brücke stellte die Verbindung mit der Siedlung Cöpenick dar, die auf einer weiteren Insel angelegt war, während es am Ostufer der Dahme eine alte slawische Fischersiedlung gab, vicus Kytz, in der auch viele Bedienstete der Burg untergebracht waren.
Ulric von Huysburg wurde auf seinem Weg zur Burg nur wenig bestaunt. Offenbar hielt man ihn für einen polnischen Ritter, und die waren in dieser Gegend nicht gerade selten. Er hielt auf die Burgwache zu und zügelte sein Pferd, um mit den Posten zu verhandeln, deren über Kreuz gehaltene Lanzen den Schlagbaum ersetzten. Beide waren auffällige Burschen. Der eine hatte eine Hasenscharte, der andere eine schiefe Nase.
»Wer bist du? Was willst du?«, scholl es Ulric wenig freundlich entgegen.
Er gab sich hochmütig, denn Hochmut schien ihm die beste Strategie zu sein. »Was fragt ihr, seht ihr nicht, wer ich bin? Wertislaw, der Sohn von Niklot, dem König der Obotriten! Mein Vater schickt mich, mit Jaxa wegen eines Bündnisses zu verhandeln.«
Die beiden Posten berieten sich erst einmal. »Können wir das glauben, Bohuměr?«, fragte der mit der schiefen Nase.
»Ich weiß nicht so recht«, antwortete der mit der Hasenscharte.
Die beiden Posten musterten ihn mit dem größtmöglichen Misstrauen. Ulric von Huysburg erschrak. Hatte sein bestes Slawisch in ihren Ohren nur geklungen wie eine Ansammlung von Phantasielauten? Sollte er vergeblich tagelang mit Bogdan-Otto geübt haben?
Nein, die beiden Sprewanen hatten ihn wohl verstanden. Aber dass ein Königssohn ohne Tross durch die Lande zog, das erschien ihnen verwunderlich.
Ulric stöhnte auf, als er ihre Bedenken vernommen hatte. »Meine Begleiter sind alle ums Leben gekommen, als wir beim Übergang über den Rhin von einer Gruppe der Zamzizi angegriffen wurden. Ich bin der Einzige, der entkommen konnte.«
Das war mit derartig großer Schauspielkunst vorgetragen worden, dass ihm die beiden Posten Glauben schenkten und ihn in die Burg führten, wo sie einen Knecht anwiesen, sein Pferd zu versorgen und ihn zu Jaxa zu führen.
Er möge warten, hieß es vor dessen »Palast«. Ulric von Huysburg nutzte die Zeit, sich unauffällig umzusehen. Auf dem Rand des Brunnens lag eine Münze. Sie zeigte Jaxa mit Palmenzweig und Doppelkreuz, also mit christlichen Symbolen. Ulric machte sich noch einmal klar, dass Jaxa erstens Christ war und zweitens polnischer Fürst, ein Vasall der Piasten. Deren Königreich befand sich zwar in der Krise, man war aber noch immer darauf aus, nach Westen zu expandieren.
Ulric setzte sich auf den Brunnenrand, schloss die Augen und genoss die Frühlingssonne. Als er Stimmen hörte, öffnete er sie wieder. Zwei Frauen kamen aus einem der Nebengebäude, hölzerne Eimer in der Hand. Offenbar wollten sie Wasser holen, schreckten aber zurück, als sie ihn, einen Fremden, sahen.
Er sprang auf, schnellte ein paar Meter zurück und machte eine einladende Handbewegung. »Bitte sehr, die Damen, tretet doch näher, vor mir braucht niemand Angst zu haben.«
Die beiden Frauen berieten sich kurz.
»Miluša, geh du voran«, hörte er die Ältere flüstern.
Ulric von Huysburg war im Nu entflammt. Es erschien ihm, als würde das Blut heiß durch seinen Körper strömen, und wäre sein Gemächt nicht so eng eingeschnürt gewesen, hätte er seine Erektion nicht verbergen können. Miluša. Eine Schönheit wie sie in einem Sprewanennest zu finden, hätte er nicht für möglich gehalten. Sie tat zwar schüchtern, doch als sich ihre Blicke trafen, zögerte sie eine Sekunde zu lange, den ihren zu senken. Ulric wusste, das konnte was werden, aber hier in der engen Burg gab es mit Sicherheit kein Plätzchen, wo man ungestört der Minne frönen konnte. Wenn er sie nun auf sein Pferd hob und mit ihr davonsprengte? Sein Pflichtbewusstsein verbot es ihm. Aber vielleicht gab es doch noch eine Möglichkeit?
»Du bist die Tochter des Fürsten?«, fragte er.
Sie lächelte. »Weiß man’s?«
Die Ältere verbot ihr, so zu reden. »Das lass nicht deinen guten Vater hören.« Sie fixierte Ulric von Huysburg. »Wer seid Ihr eigentlich, wo kommt Ihr her?«
Ulric verbeugte sich. »Ich bin Wertislaw, ein Sohn Niklots.«
Miluša staunte. »Du bist von den Obotriten zu uns an die Spree gekommen?«
Er nickte. »So ist es.«
In diesem Augenblick kam ein grimmig dreinschauender Slawe aus der Waffenkammer und herrschte Miluša und ihre Begleiterin an, sie mögen hier nicht müßig herumstehen, sondern endlich Wasser holen und sich wieder in die Küche begeben.
»Ja, Radogost, ja!«
Ulric von Huysburg hatte einen sicheren Instinkt in solchen Angelegenheiten und wusste sofort, dass er in diesem Radogost keinen Freund fürs Leben finden würde. Offenbar sah der Miluša als seine Beute an und wollte sie sich von keinem entreißen lassen.
Endlich wurde er zu Jaxa geführt. Dessen Residenz war ein großer Blockbau, über dessen Tür eine Art Banner angebracht war, das einen Palmzweig und ein Doppelkreuz zeigte.
Der Sprewanenfürst empfing ihn freundlich und mit ausgesuchter Höflichkeit. »Sei mir herzlich willkommen! Wenn dein Vater an ein Bündnis aller Slawenstämme gegen Heinrich den Löwen und Albrecht den Bären, aber auch die Wettiner denkt, dann hat er Großes im Sinne. Bolesław IV. wird uns jede Unterstützung zuteilwerden lassen.«
»Der Kraushaarige«, murmelte Ulric von Huysburg. Wenn der Fürst so genannt wurde, hatte er es weit besser als sein Vater, denn Bolesław III. hatte den Beinamen Schiefmund getragen.
Jaxa bat Ulric von Huysburg, von dem zu berichten, was sich oben im Obotritenland in letzter Zeit ereignet hatte.
»Da hätten wir vor allem die Auseinandersetzungen mit den Wagriern, gefürchteten Piraten, die unter anderem die dänischen Inseln drangsaliert haben. Und nun erwartet mein Vater einen Angriff der Dänen und der Sachsen auf unser Reich.«
Dann kam er auf Heinrich den Löwen zu sprechen. Ulric von Huysburg wusste genau, dass der Welfe und Albrecht der Bär alles daransetzen würden, ihre Herrschaftsgebiete auszudehnen und sich weite slawische Gebiete anzueignen. Hatte Jaxa das Format, den beiden Männern standzuhalten?
Immer wieder musterte Ulric den Sprewanenfürsten. Sein Gesicht war lang und asketisch. Ein sauber gestutzter dunkler Bart umrahmte den Mund und bedeckte das Kinn. Die dunkelbraunen Augen blickten ernst. An diesem Mann war nichts Weichliches zu entdecken. War er wirklich ein geborener Sprewane? Oder war er, wie manche munkelten, vielmehr ein gewisser Jaxa von Miechow, ein Pole, den die Piasten nach Cöpenick geschickt hatten, um die Burg gegen Askanier und Wettiner zu halten? Ulric wagte es, dem anderen diese Frage zu stellen.
Jaxa lächelte. »Nehmt an, was Ihr annehmen wollt. Geben wir den späteren Geschichtsschreibern eine harte Nuss zu knacken.«
Nun, listig schien dieser Mann auch noch zu sein. Und damit doppelt gefährlich. War er wirklich dieser Jaxa von Miechow, hatte er sicher den geheimen Auftrag, nach Westen zu ziehen. Doch auch wenn er ein autochthoner Sprewane war, blieb ihm nichts anderes übrig. Aber hatte dieser Mann wirklich Mut, Kraft und Feuer genug, die Brandenburg anzugreifen und die Askanier in ihre Stammlande zurückzutreiben? Da war sich Ulric nicht sicher. Zu neugierig durfte er nicht wirken, das wäre verräterisch gewesen, dennoch kam er auf die Nachfolge Pribislaw-Heinrichs zu sprechen.
»Ihr seid verwandt mit ihm, und da …«
Wieder hielt sich Jaxa bedeckt. »Heute ist heute, und morgen ist morgen, warten wir’s ab.«
»Und wann erfahre ich, ob Ihr an eine Unterstützung meines Vaters denkt?« Das war eine Frage, mit der er hoffte, Jaxa aufs Glatteis zu führen. Denn für beide Unternehmungen, die Obotriten zu unterstützen und den Askaniern die Brandenburg zu entreißen, fehlten ihm vermutlich die Kräfte.
Aber Jaxa ließ sich nicht aus der Reserve locken. »Wir werden sehen, ich muss alles erst mit meinen Beratern besprechen.« Damit erhob er sich, um Ulric von Huysburg anzuzeigen, dass er ihr Gespräch für beendet hielt. »Ihr werdet ja einige Tage bei uns bleiben und rechtzeitig erfahren, was wir beschlossen haben.« Dann winkte er einen Knappen herbei. »Führe unseren Gast zu seiner Lagerstatt!«
Die befand sich in einer Art Gästehaus im hinteren Bereich der Burg. Ulric streckte sich auf seinen Fellen aus und sang Verse des provenzalischen Troubadours Bernart de Ventadorn: »Non es meravelha s’eu chan/Chantars no pot gaire valer …« Dabei träumte er von Miluša.
Der Gedanke an sie ließ ihn aufspringen. Vielleicht ergab sich eine Gelegenheit, sie allein in einem verborgenen Winkel zu treffen … Er verließ das Gästehaus und schlenderte an den Wällen entlang. Nein, das Glück war nicht auf seiner Seite, er bekam sie nicht zu Gesicht. Gelangweilt ging er auf die hölzerne Brücke zu, die Burg und Siedlung miteinander verband.
In Cöpenick gab es überwiegend sogenannte Flechtwandhäuser, deren Dächer mit Reisig gedeckt waren. Oben hatte man Öffnungen für den Dunstabzug gelassen, Fenster konnte Ulric keine entdecken. Daneben hatte man Blockbauten errichtet, deren Grundriss erheblich größer angelegt war und die jeweils Platz für zwei Zimmer boten. Einige wiesen auch Fenster auf. Ein paar Handwerker saßen im Freien und brachten Beile, Scheren und Schlüssel in Ordnung.
Vor einem Lehmofen sah er Miluša stehen, wie sie ein hölzernes Brett mit dampfenden Brotlaiben aus der Öffnung zog und ihm dabei ihr Gesäß entgegenstreckte.
»Herr«, murmelte Ulric von Huysburg, »ich will ein Jahr meines Lebens drangeben, wenn ich der auch nur einmal beiwohnen darf.«
Sich ihr zu nähern, wagte er nicht, denn sofort wäre dieser Armleuchter von Radogost zur Stelle gewesen. Zwar hätte er den mit einem einzigen Fausthieb für mindestens zehn Minuten ins Land der Träume schicken können, doch dann wäre es mit seiner Mission zu Ende gewesen. Also entfernte er sich und tat, als interessierten ihn Miluša wie auch Radogost nicht im Allergeringsten. Am besten, er sah sich ein wenig in der Gegend um, teils aus Interesse, teils um im Falle eines Falles schnell den besten Fluchtweg zu finden.
Die Posten nahmen keine Notiz von ihm. Von der Brücke ging eine Leiter zu einem kleinen Steg hinunter, an dem ein klobig gebautes Ruderboot festgebunden war, kein Einbaum mehr, wie ihn die Slawen früher gebaut hatten, sondern ein geklinkerter Kahn. Ulric fragte die Sprewanen, ob er ihn für eine kleine Fahrt benutzen könne. Man hatte nichts dagegen. So stieg er ein und ruderte ein Stückchen die Dahme hinab, um dann in die Spree einzubiegen. Das war ziemlich anstrengend, denn sein Boot hatte keinen Kiel, sondern unten eine mächtige Sohle aus Eichenholz. Ein paar Fischer hockten in ihren Kähnen und waren zu träge, den Kopf zu heben und ihm hinterherzublicken. Ulric fehlte jemand, mit dem er sich unterhalten konnte. Er wünschte sich an den Hof der Staufer. Barbarossa war ja nicht nur deutscher König, sondern seit 1155 auch Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und plante große Feldzüge. In Rom, Mailand und Besançon hatte er sich aufgehalten, und das waren schon Orte von anderem Format als Cöpenick.
Langsam brach die Dämmerung herein, Ulric beendete seinen Ausflug mit dem Ruderboot und warf sich wieder auf seine Felle, noch missmutiger als zuvor. Es drängte ihn, endlich etwas zu unternehmen. Die Sache war klar: Wenn Jaxa ihm nicht verraten würde, ob er gegen Albrecht Front machen wollte oder nicht, dann blieb ihm nur, ihn zu belauschen, wenn er mit seinem Gefolge alles besprach.
Ulric erhob sich, warf sich das sackartige graubraune Gewand über die Schultern, wie es die Slawen für modisch hielten, steckte sich einen kurzen Dolch in den Gürtel und öffnete vorsichtig die Tür seiner … nun ja, seiner Hütte. Draußen war es mehr als finster. Wer sich nach Sonnenuntergang im Innern der Burg bewegte, tat dies nicht ohne Fackel. Ulric schloss die Augen, damit sie sich an die Dunkelheit gewöhnten und er die Umrisse der einzelnen Gebäude erkennen konnte. Nachdem dies geschehen war, schlich er sich zu Jaxas »Palast«, dem mächtigsten der Blockbauten. Laute Stimmen drangen nach draußen, man war bei dem, was landläufig als Palaver bezeichnet wurde. Ulric konnte es recht sein. Das Fenster stand offen, ein Vorhang verhinderte aber, dass er erkennen konnte, wer was sagte. Nur ab und an sah er einen Schatten auf dem Vorhangstoff, aber eine Gestalt oder ein Profil war nicht zu erkennen, dazu war das Licht, das die brennenden Öllampen und Kienspäne spendeten, viel zu schwach. Ulric lauschte. Jetzt hatte ganz offenbar Jaxa das Wort ergriffen, dessen Stimme und Tonfall kannte er ja.
»Die Brandenburg muss wieder unser werden! Das Hevellerland ist altes Slawenland. Zurück mit Albrecht hinter die Elbe!«
Es kam ein Einwand. »So recht du hast, so müssen wir doch anerkennen, dass wir die Askanier in der Burg niemals mit unseren geringen Kräften in die Knie zwingen können.«
»Das wohl nicht«, entgegnete Jaxa. »Aber wir haben Geld aus Polen zur Verfügung, viel Geld, und damit werden sich etliche von Albrechts Gefolgsleuten sicherlich umstimmen lassen. Außerdem haben wir, sind wir erst Herren des Landes, das Pribislaw gehörte, viele Lehen zu vergeben, Pfründe, und auch damit wird sich mancher locken lassen.«
»Wen willst du also zur Brandenburg schicken?«, fragte jemand.
»Einen gut getarnten Mann, vielleicht kommt er als Mönch, vielleicht als Händler. Da müssen wir sehen, wer sich findet.«
Jetzt wurden Rufe laut, man solle aufhören zu debattieren, denn es sei schon längst Zeit für das Abendessen.
Ulric von Huysburg hatte genug gehört, und er machte, dass er schnell wieder zu seinem Lager kam, denn es war fest damit zu rechnen, dass man ihn zur Tafel bat. Auf halbem Weg zu seiner Hütte glaubte er, Schritte hinter sich zu hören. Er blieb stehen, zog seinen Dolch aus dem Gürtel und lauschte. Nichts. Er musste sich getäuscht haben. Sekunden später lag er wieder auf seinen Fellen und dachte nach. Eigentlich hätte er jetzt aufbrechen und zur Brandenburg reiten können, denn er hatte ja herausgebracht, was er hatte herausbringen wollen, doch mit seinem Verschwinden hätte er Jaxa nur gewarnt und dazu gebracht, seine Pläne zu ändern. Nein, er musste sich ganz offiziell von ihm verabschieden. Außerdem wäre es selbstmörderisch gewesen, in dieser sumpfigen Gegend ohne Weg und Steg durch die Nacht zu reiten. Also streckte er sich aus und suchte sich zu entspannen. Bald war er in leichten Schlummer gefallen.
Eine knappe Stunde mochte vergangen sein, als ein Knappe ihn weckte. Fürst Jaxa habe den Wunsch geäußert, er, Wertislaw, möge neben ihm sitzen und speisen.
Ulric richtete sich auf, sagte, dies sei eine hohe Ehre für ihn, und folgte dem jungen Slawen. An Jaxas Tafel hatte sich dessen gesamter Hofstaat versammelt. Ulric schätzte, dass es fast zwei Dutzend Männer waren. Er begrüßte den Sprewanenfürsten höflich und mit allem nötigen Respekt, doch als er dann neben ihm saß und in die Runde schaute, hätte er vor Schrecken fast aufgeschrien, denn der ältere Mann schräg gegenüber war kein anderer als Nebojša, der Händler, dem er an der Nuthe das Leben geschenkt hatte. Wenn der jetzt aufsprang, zu ihm lief, ihn umarmte und rief, dass er diesem großmütigen Manne hier so viel verdanke, dann …
»Ein Hoch auf Ulric von Huysburg!«
Ulric wusste nicht, ob Nebojša es wirklich schon ausgerufen hatte oder ob er sich nur einbildete, es gehört zu haben, er straffte sich jedoch, um im Ernstfall in den nächsten Sekunden gegen alle Gefolgsleute Jaxas kämpfen zu können. Blitzschnell hatte er einen Plan gefasst: Ich reiße mein Messer vom Tisch, halte es Jaxa an die Kehle und fordere ein Pferd und freien Abzug. Das mochte gelingen, aber …
Doch Nebojša schwieg, als sich ihre Blicke getroffen hatten. Entweder der Händler hatte ihn nicht als Ulric von Huysburg erkannt – oder aber er war klug genug zu schweigen.
Ulric fiel es schwer, jetzt leichthin mit Jaxa zu plaudern, zumal ihm Radogost Blicke sandte, die mit feindselig viel zu schwach beschrieben waren. Sie waren wie Pfeile.
Jaxa kam auf die Wettiner zu sprechen, von denen Ulric nur wenig wusste. »Gegen die vor allem will ich mich in Zukunft wenden, nicht gegen die Askanier, die erscheinen mir harmloser zu sein, zumal Heinrich der Löwe diesem Albrecht dem Bären in allem überlegen ist.«
»Ja«, sprang Radogost ihm bei, »wenn ich mir vorstelle, dass in einem Zwinger ein Bär und ein Löwe miteinander kämpfen, dann würde ich meinen Kopf auf den Sieg des Löwen verwetten.«
»Was haben denn die Wettiner für ein Tier in ihrem Wappen?«, fragte einer.
»Kein Tier, nur grüne Blätter!«, lachte ein anderer.
Ulric war froh, dass sie nun auf Dinge zu sprechen kamen, die weniger verfänglich waren, zum Beispiel, ob es noch einen dritten Kreuzzug nach Palästina geben würde und ob bestimmten Edelsteinen, die Hildegard von Bingen in ihrer medizinischen Schrift Physica aufgeführt hatte, wirkliche Heilkraft zugeschrieben werden könne.
»Ihre Wirkung ist ganz unzweifelhaft«, sagte Ulric. »Wenn ich schwermütig bin, weil ich kein Geld habe und mir der Schuldturm droht, dann bekomme ich sofort ein sonniges Gemüt, sobald mir jemand einen Haufen Diamanten schenkt.«
»Darin erkennt man den Mann des Nordens!«, rief Jaxa. »Ich hebe meinen Becher auf das Wohl des Sohnes Niklots!«
Doch auf Ulric von Huysburgs Platz stand gar kein Becher, den er seinerseits ergreifen konnte.
»Los, schafft einen köstlichen Trunk herbei!«, rief Jaxa.
Ein Knappe brachte ihn.
»Auf das Wohl des Herrschers über alle Sprewanen! Auf dass er eines Tages alle Slawenstämme einigen werde und Albrecht, Heinrich und die Wettiner allesamt zum Teufel jage!«
Dies wurde mit großem Beifall aufgenommen, und Ulric von Huysburg leerte seinen Becher in einem einzigen Zug, so wie es Sitte war.
Ein paar Atemzüge später wurde ihm schwindlig und schwarz vor Augen. Er konnte gerade noch die Tischkante fassen, um Halt zu finden. Doch es nutzte nichts, er verlor das Bewusstsein und schlug lang hin.
Irgendwann in dieser Nacht kam er wieder zu sich und nahm wahr, dass er an Händen und Füßen gefesselt in einem Kellerloch lag.
Drei
Die Heveller hatten auf der Brandenburger Dominsel ihre zentrale Burg angelegt. 928/29 war sie von König Heinrich I. erobert worden, und Otto I. hatte 948 das Bistum Brandenburg errichtet. Im Slawenaufstand 983 war die Burg von den Hevellern zurückerobert worden, und Anfang des 12. Jahrhunderts war sie in den Fokus des Römischen Reiches geraten, des sacrum Romanum imperium, das darauf aus war, das Gebiet zwischen Elbe und Oder seinem imperialen Machtbereich einzugliedern. Wie bei allen Großreichen gab es an den Außengrenzen abgestufte politische Beziehungen zu den fremden Völkern und Stämmen sowie »Durchmischungen« der Ethnien und Kulturen. Im Bereich der Nordmark hatte man es mit drei slawischen Größen zu tun: mit Wirikind von Havelberg, Pribislaw-Heinrich von Brandenburg und Jaxa von Cöpenick – alle drei Christen. Wirikind konnte seine Erbfolge nicht regeln und spielte in den Jahren ab 1150 keine Rolle mehr, und Jaxa hatte sich auf die Seite der Polen geschlagen.
Anders Pribislaw-Heinrich, der um 1075 auf die Welt gekommen war und sich den Deutschen verbunden fühlte. Schon Meinfried, sein Vater, war Christ gewesen, und Pribislaw-Heinrich hatte als Kind die christliche Taufe empfangen. Seinem Volk aber passte das alles nicht so recht, es hielt mehrheitlich lieber an seinen »heidnischen Bräuchen« fest und sah es gar nicht gern, dass ihr Fürst Unterkönig und Vasall des Heiligen Römischen Reiches geworden war. Er war kinderlos geblieben, und um sicherzugehen, dass nach seinem Tode nicht wieder ein heidnischer Fürst das Land regierte, setzte er Markgraf Albrecht als seinen Erben ein und wurde Taufpate Ottos, dem er bei dieser Gelegenheit den Landstrich schenkte, den man die Zauche nannte. Als er 1150 an Altersschwäche gestorben war, hielt Petrissa, seine Gattin, die Nachricht seines Todes so lange zurück, bis Albrecht auf die Brandenburg geeilt war, um sie gleichsam in erblicher Thronfolge in Besitz zu nehmen.
In der Stadt und auf der Burg Brandenburg lebten Deutsche – in der Hauptsache Anhaltiner und Sachsen – und Slawen vergleichsweise friedlich zusammen. Die Besatzung der Burg war auf einen Angriff der Sprewanen gut vorbereitet, denn Lynhardt von Schleibnitz herrschte hier mit harter Hand und ließ seine Leute nahezu täglich üben, so auch die Bogenschützen auf den Mauern und Wällen.
»Die Sehne spannen! Zielen! Und Schuss!«
Auf dem Vorfeld waren Strohballen zu Rittern und Lanzenträgern geformt worden, und in diese Zielscheiben bohrten sich nun die Pfeile – zum Teil jedenfalls.
Der Ritter Ottin von Strenznau hatte in einiger Entfernung Posten bezogen und kam nun herangeritten, um die Trefferzahl nach oben zu melden. »Nur knapp die Hälfte aller Pfeile hat ihr Ziel gefunden.«
»Zu wenig!«, befand Lynhardt von Schleibnitz. »Auf ein Neues!«
»Ruhe!«, schrie Mertin von Freckleben, einer der Kämmerer Albrechts. »Aua!« Er war gerade dabei, sich von einem Bedienten die Läuse aus dem Haar kämmen zu lassen. »Wenn ich so viele Brakteaten im Säckel hätte wie Läuse auf dem Kopf, dann könnte ich jubeln.« Brakteaten waren neumodische, aus dünnem Blech einseitig geprägte Münzen, die unter dem Bild des Fürsten oder Königs das Jahr zeigten, in dem sie in Umlauf gebracht worden waren. Mertin von Freckleben galt als geldgieriger Mann, wurde aber von Albrecht geschätzt, weil er das askanische Vermögen nicht verschwendete.
Während Lynhardt von Schleibnitz sich mühte, die Kampfkraft der Burgbesatzung zu erhöhen, hatte sich seine holde Gattin einen gewissen Mickel ins Bett geholt, einen Jäger aus der Umgebung, der die Küche mit Hase, Wildschwein, Hirsch und Reh belieferte. Alle, bis auf ihren Mann, wussten von ihren nymphomanen Anwandlungen, und man nannte sie überall nur »Adelhayt von Leibschlitz«.
Einmal schon hatte Mickel sein Bestes gegeben, doch Adelhayt war immer noch heiß und knetete sein Glied, um es wiederauferstehen zu lassen.
Diese Bemühungen beobachtete heimlich Zlata. Sie war als Beiköchin auf der Burg beschäftigt und hatte gesehen, wie Mickel ein am Morgen erlegtes Reh angeschleppt hatte. Bei jedem seiner Besuche machte sie ihm schöne Augen, und er hatte ihr auch schon zu verstehen gegeben, dass sie sich Hoffnungen machen könne. Und nun das! Tief verletzt schlich sich Zlata weg vom Fenster und überlegte, wie sie sich für Mickels Untreue rächen konnte. Was sie ihm gönnte, war eine gehörige Tracht Prügel, und die bekam er bestimmt verabreicht, wenn Lynhardt von Schleibnitz ihn bei seinem Tun erwischte. Also schlich sie sich zum Burgverwalter und flüsterte ihm ins Ohr, dass er doch schnell mal ins Schlafgemach seiner Gattin schauen möge.
Lynhardt von Schleibnitz lief sofort los, um sein Weib in flagranti zu erwischen, und stürzte genau in dem Augenblick in ihr Schlafgemach, als Mickel stöhnend und keuchend auf den nächsten Höhepunkt seiner Geliebten hinarbeitete und mit seinen Gedanken bei der Bärenjagd war, um seinen Erguss hinauszuzögern. So hörte er den Ritter nicht kommen und fiel aus allen Wolken, als der furchtbar schrie und ihn grob an der Schulter packte, um ihn von seiner Frau zu reißen.
»Was machst du da?«
Mickel sprang auf und hatte keine Zeit für eine Antwort – er musste zugleich seine Blöße bedecken und seine Hände nach oben reißen, um seinen Kopf zu schützen, denn Lynhardt von Schleibnitz war drauf und dran, ihn mit einem schnell gegriffenen hölzernen Hocker zu erschlagen.
»Tu es nicht!«, schrie seine Frau. »Du machst uns alle unglücklich.«
Mickel konnte den ersten Schlag abwehren und verschaffte sich etwas Luft, indem er Schleibnitz in die Hoden trat. Der war auf diese wenig ritterliche Art des Zweikampfes nicht vorbereitet und sank jammernd zu Boden. Der Jäger nutzte die Gelegenheit, sprang über den Gehörnten hinweg und rannte in Richtung Tor.
Überraschend schnell hatte sich Lynhardt von Schleibnitz wieder aufgerafft. Er stürzte zum Fenster und schrie, man möge Mickel festhalten, er sei ein Dieb und Mörder. Das tat seine Wirkung, und Mickel war schnell eingekreist. Er war sich sicher, dass sie ihn hängen würden, wenn sie ihn zu fassen bekamen. In seiner Not schlüpfte er in die offene Tür zum Weinkeller und schaffte es gerade noch, von innen den Riegel vorzuschieben und die Treppe hinunterzulaufen.
Es würde ein paar Minuten dauern, bis sie die Tür mit einer Axt aufgebrochen hatten. Er war allein, es brannten aber ein paar Kienspäne an der Wand. Der Kellermeister musste gerade noch im Keller zu tun gehabt haben.
Mickel betete zu Triglaw. Und der alte Slawengott ließ den Seinen nicht im Stich. Denn er ließ ihn an das denken, was sein Vater, der lange auf der Brandenburg gedient hatte, ihm des Öfteren erzählt hatte: dass nämlich vom Weinkeller aus ein geheimer Gang zum Ufer der Havel hinunterführte. Mickel begann die Wände abzuklopfen, ob es wohl irgendwo hohl klang.
Wer von Cöpenick aus zur Brandenburg reisen wollte, brauchte im Jahre 1157 mehrere Tage dafür, man hatte unberührte märkische Urwälder und Sümpfe zu durchqueren, wie sie nur ein Urstromtal zu bieten hatte. Jedenfalls kam Jaxa äußerst langsam voran, denn sein kleines Heer bestand nur zum geringeren Teil aus Reitern, in der Mehrzahl aber aus polnischen Bogenschützen und Lanzenträgern, die zu Fuß unterwegs waren.
Jaxa und Radogost ritten an der Spitze des Zuges und waren nicht bei allerbester Laune, da es seit Stunden regnete.
»Wenn es so weitergeht, versinken wir alle noch im Schlamm«, sagte Radogost.
Jaxa reagierte unwirsch. »Du weißt doch selber, dass wir nicht länger warten konnten. Die Welfen, die Askanier, die Sachsen, die Wettiner – alle sind sie gierig, neues Land in Besitz zu nehmen, unser Land, Slawenland.«
Radogost drehte sich nach hinten. »Mit diesem Haufen, mit dem wir gen Westen ziehen, wirst du ihnen keine Angst einjagen. Mit dem können wir die Brandenburg nie und nimmer zurückerobern.«
»Damit könntest du recht haben – aber warten wir’s ab. Die Erinnerung an 983 sollte uns zuversichtlich stimmen.«
In diesem Jahre hatte es den sogenannten Slawenaufstand gegeben. Heinrich I. und Otto I. hatten mit ihren Kriegszügen bis 955 die Elb- und Ostsee-Slawen unterworfen und von Magdeburg aus christianisiert. Als aber ein Streit um die Nachfolge des Kaisers und des Magdeburger Erzbischofs entbrannt war, hatten die Liutizen und Obotriten die Schwächung des Reiches genutzt und dessen politische und kirchliche Vertreter vertrieben. Die Bischofssitze Brandenburg und Havelberg waren besetzt, das Kloster Kalbe geplündert worden. Für die nächsten 150 Jahre hatte die Expansion des Heiligen Römischen Reiches nach Osten ein Ende gefunden.
»Hast du schon einen Plan?«, fragte Radogost den Fürsten.
Jaxa lachte. »Nein, denn mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ’nen zweiten Plan, geh’n tun sie beide nicht.«
Wortlos ritten sie weiter, mit Rücksicht auf ihre Fußtruppen nur im Schritt. Um den Burgwall von Poztupimi machten sie einen weiten Bogen, denn den Hevellern trauten sie nicht. Die Landkarte, die sie in den Händen hielten, war die Kohlezeichnung eines Mönchs, und auf der war die Seenkette südlich Potsdams nur als ein etwas größerer Teich eingezeichnet, so dass sie lange brauchten, um auf Höhe des heutigen Ferch wieder Richtung Westen reiten zu können. Jetzt ging es weithin über trockenes Gelände, und erst die Sümpfe um den Rietzer See machten ihnen wieder zu schaffen. Als sie auch dieses Hindernis glücklich überwunden hatten, kamen sie auf eine höher gelegene Waldfläche und rasteten dort, wo heute auf den Karten der Galgenberg verzeichnet ist. Von hier aus waren Burg und Siedlung Brandenburg zwar noch nicht zu sehen, aber schon zu erahnen.
Sie hatten sich gerade auf dem Boden ausgestreckt und sich über ihre kargen Vorräte hergemacht, da waren in ihrer Nähe Schritte zu vernehmen.
Radogost sprang auf und griff sich eine der herumliegenden Lanzen. »Halt! Wer da?«
Aus dem Gebüsch trat ein Slawe, der erklärte, er sei der Jäger Mickel aus einem der Dörfer nebenan und aus der Brandenburg geflohen, weil man dort gedroht habe, ihn aufzuhängen. »Und hätte ich den geheimen Gang nicht gefunden, der vom Weinkeller der Burg bis ans Havelufer führt, dann würde ich jetzt am Galgen baumeln.«
Jaxa begriff schnell, dass dieser Mann ein Geschenk des Himmels war. »Bei mir bist du gut aufgehoben«, versicherte er dem Bedrohten. »Und du sollst der oberste Jäger meines Hofes werden, wenn ich erst Herr über die neue Mark geworden bin, die es geben wird, die Mark Brandenburg.«
Mickel fiel ihm zu Füßen und dankte ihm.
»Nichts zu danken.« Jaxa hob Mickel vom Boden auf und ließ den Mundschenk zwei Becher seines besten Weines holen. »Komm, labe dich und erzähle uns, was es auf der Brandenburg an Neuigkeiten gibt.«
»Albrechts Verwalter ist jetzt der Ritter Lynhardt von Schleibnitz, ein Fettsack, der so dumm ist, dass ihn die Schweine beißen.«
Jaxa hörte das gern. »Also werden wir auf wenig Gegenwehr stoßen, wenn wir die Brandenburg erstürmen?«
»Das wohl nicht, denn es gibt wackere Kämpfer. Unter den Rittern ist einer, der Hayntz von Helsungen, der wird sich nicht ergeben, bis dass der letzte Pfeil verschossen ist. Und die Askanier haben wesentlich mehr Männer auf der Burg, als ich hier in Eurem Lager sehe.« Da fiel Mickel noch etwas ein, das er bis jetzt vergessen hatte. »Ah ja, und außerdem hat Albrecht einen Ritter zu Euch nach Cöpenick geschickt, den Ulric von Huysburg. Der sollte sich als Sohn des Obotritenfürsten Niklot ausgeben und bei Euch einschleichen, um von Euren Plänen zu erfahren.« Er sah sich um. »Wo steckt er denn?«
Jaxa lachte. »Bei uns in Cöpenick im Verlies.«
»Das ist gut so.«
Nachdem er von Mickel alles erfahren hatte, was ihm wichtig schien, setzte sich der Sprewanenfürst mit Radogost zusammen, um ihm mitzuteilen, dass er nun doch einen Plan entwickelt habe. »Du kleidest dich um und reitest als Askanier durch die Tore der Brandenburg, als der Ritter Ulric von Huysburg.« Er gab weiter, was er von Mickel erfahren hatte. »Du erzählst vom Leben in Cöpenick, wiegst diesen Lynhardt von Schleibnitz, der ein Schwachkopf sein soll, in Sicherheit und machst ihm klar, dass die Sprewanen nicht daran denken, die Brandenburg anzugreifen. Ich sei mit den Meinen gerade nach Norden zu den Obotriten aufgebrochen, um Niklot gegen Heinrich den Löwen beizustehen.« Dann zog er einen Beutel mit Goldstücken aus seinem Wams. »Und hiermit versuchst du, so viele Askanier wie möglich zu kaufen.«
Radogost grinste. »Gut. Und wer mir widersteht, der bekommt denselben Trunk aufgetischt wie dieser komische Ulric von Huysburg.«
Jaxa nickte. »Wenn das erledigt ist, dann lässt du vom Wall oben eine Fanfare ertönen. Das ist für mich das Zeichen loszuschlagen. Eine kleine Schar lasse ich das Tor stürmen. Aber das nur zum Schein, um die zu binden, die vielleicht nichts von deinem Schlaftrunk genossen haben, aus welchem Grund auch immer. Während des Gefechts am Burgtor komme ich mit meiner Schar durch den geheimen Gang, dessen Eingang uns dieser Mickel zeigen wird, und besetze die Burg. Kein Tropfen Blut wird fließen, denn die Christen haben uns ja gelehrt: Du sollst nicht töten.«
Ulric von Huysburg versuchte, den Ratten, die um ihn herumwuselten, klarzumachen, dass er noch am Leben war. Dazu schnellte er mit seinem Körper, sofern es die Hände, die hinter seinem Rücken zusammengebunden waren, und die ebenfalls gefesselten Füße zuließen, mal nach links, mal nach rechts. »Wartet doch, ihr verdammten Viecher, bis ich tot bin und in Verwesung übergehe, dann schmecke ich euch viel besser!«
Dass er in seinem Cöpenicker Gefängnis ein jämmerliches Bild abgab, wie er da nicht gegen edle Ritter kämpfte, sondern gegen abgemagerte Ratten, war ihm schon bewusst. Aber sosehr Ulric auch an seinen Fesseln zog und zerrte, sie hielten ihm stand.
So ergab er sich auch an diesem Tage wieder in sein Schicksal und schloss die Augen, um seine Gabe zu nutzen, große Ereignisse der Weltgeschichte in Gedanken so zu erleben, als wäre er selbst dabei gewesen.
Da wurde der Deckel über seinem Kellerloch angehoben, und ein Knecht kam die Leiter heruntergestiegen, um ihn mit einem ekligen Hirsebrei zu füttern und ihm schales Wasser einzuflößen.
»Was soll mit mir geschehen?«, brachte Ulric hervor, als alles seine Speiseröhre passiert hatte.
»Ihr werdet aufgehoben.«
Ulric kniff die Augen zusammen. »Um eurem Triglaw geopfert zu werden?«
»Nein, wir sind Christen wie ihr.«
»Was dann?«
»Ganz einfach: Wenn Albrecht beim Kampf um die Brandenburg einen von unseren Leuten gefangen nehmen sollte, dann sollt Ihr gegen den ausgetauscht werden.«
Damit war ihr Dialog beendet, und der Sprewane kletterte wieder nach oben. Dass Jaxa auf dem Weg zur Brandenburg war, hatte sich Ulric denken können. Albrecht aber war auf diesen Angriff in keinster Weise vorbereitet. Er würde ganz sicher seine, Ulrics, Rückkehr aus Cöpenick abwarten, ehe er eine ausreichend große Heerschar um sich sammelte, um die Brandenburg gegen Jaxa zu verteidigen. Die vorhandene Besatzung reichte bestenfalls aus, einem etwaigen Angriff einiger aufständischer Heveller standzuhalten.
Diese Überlegungen brachten Ulric dahin, seine Bemühungen zu verdoppeln. Nach einer Viertelstunde hatte er es geschafft, sich aufzurichten und auf dem Gesäß Millimeter um Millimeter nach hinten zu rutschen, bis er an der Wand seines Verlieses angekommen war. Bald hatte er einen etwas hervorstehenden scharfkantigen Stein ertastet, und an dem rieb er nun die Stricke, die seine Hände zusammenhielten. Es war mehr als mühsam, aber es gelang ihm dennoch, Faser für Faser zu durchtrennen. Endlich hatte er die Hände frei! In Fetzen hing ihm die Haut an den Knöcheln herab, und es dauerte eine Weile, bis er alles Blut abgeleckt hatte. Die Füße freizubekommen war dagegen ein Kinderspiel, denn in seiner Hose hatte er ein kleines Messer eingenäht. Bald waren auch die Fußfesseln zerschnitten. Er wollte sich erheben, aber die Beine knickten ihm weg, und er musste sich an der Leiter festhalten. Es dauerte eine Weile, bis das Blut wieder durch die Adern strömte.
Was nun? Sollte er warten, bis der Knecht wieder zu ihm herabstieg, um ihn zu füttern, und ihn dann überwältigen? Oder sollte er nach oben steigen und zusehen, ob es eine Gelegenheit gab, sein Pferd aus dem Stall zu holen und davonzusprengen? Er schwankte lange, entschied sich dann aber für die zweite Möglichkeit.
Sprosse für Sprosse stieg er die Leiter nach oben, bis sein Kopf gegen die hölzerne Klappe stieß, die sein Verlies abdeckte. Er drückte sie ein wenig nach oben. Alles war dunkel, es schien später Abend oder Nacht zu sein. Nirgendwo brannte ein Kienspan. Ulric hob den Deckel vollends an und legte ihn nach hinten ab. Nun war es ein Leichtes, aus dem Verlies zu steigen. Er sah nicht das Allergeringste, aber sein Geruchssinn sagte ihm, dass er sich in einem Kornspeicher befand. Er wartete einen Augenblick und hoffte auf eine Eingebung. Die kam nicht, dafür aber ging knarrend eine Tür auf, und in der erschien der Knecht, der ihn bisher »betreut« hatte, einen Krug in der einen und eine Art Fackel in der anderen Hand. Ulric von Huysburg bückte sich und schlüpfte hinter ein paar aufgestapelte Säcke. Der Knecht kam vorbei, und mit einem wohlgezielten Faustschlag gegen die Schläfe hatte Ulric dieses Problem gelöst. Ehe der Mann wieder zu sich kam, war er schon längst über alle Berge. Der Krug fiel zwar auf den Boden und zerschellte, aber es war offenbar niemand da, der es gehört hätte. Ulric stülpte sich die Kappe des Slawen über den Kopf und warf sich seinen Umhang über die Schultern, dann nahm er den noch brennenden Kienspan vom Boden auf und schlich sich Richtung Tür.
Als Ulric von Huysburg im Freien angekommen war, bemerkte er, dass es doch noch nicht so spät war, wie er angenommen hatte. Noch nicht alle waren schlafen gegangen. Eine Magd kam ihm entgegen.
»Na, Vuk, hast du deinen Ritter gut versorgt?«
»Tak, przestać robić swój obowiązek«, brummte er, das Gesicht zur Seite gewendet.
Es funktionierte, und er machte sich auf die Suche nach dem Stall, in den man sein Pferd gebracht hatte. Eine Minute später hätte er auf dessen Rücken gesessen, wenn er nicht gegen eine junge Frau geprallt wäre.
»Miluša!«
Er umfing sie, und sie ließ es geschehen. Bald hatte er ihren Mund gefunden und mit seiner Zunge ihre Lippen geöffnet. Er war so entflammt, dass er vergaß, wo er war.
»Ich will dich ganz und für immer!«, flüsterte er und biss ihr ins Ohrläppchen. »Du bist die große Liebe meines Lebens!«
Schreie rissen ihn in die Wirklichkeit zurück. Irgendjemand musste diesen Vuk gefunden haben.
»Flieh, Liebster, flieh!«, hauchte Miluša.
Ulric von Huysburg riss sich los von ihr und rannte in die Richtung, in der er sein Pferd vermutete. Sein Instinkt ließ ihn nicht im Stich. Hinzu kam, dass in diesem Augenblick der Mond durch die Wolken brach. Die Stalltür stand offen, sein Hengst begrüßte ihn mit freudigem Wiehern. Schnell hatte er ihn losgebunden und sich auf seinen Rücken geschwungen.
Im Jahre 1157 dauerte es in den östlichen Grenzregionen des Heiligen Römischen Reiches sehr lange, bis die Menschen im Orte A das erfuhren, was sich in B und C ereignet hatte, und so hatte Albrecht der Bär, als er auf dem Weg nach Althaldensleben war, nicht die geringste Ahnung davon, was sich in Cöpenick und auf der Brandenburg ereignet hatte. Im Prinzip wusste er, dass seine Zukunft im Osten lag, jenseits der Linie, die von der Havel und der Nuthe gebildet wurde, und er hätte sich mehr um die Brandenburg kümmern müssen. Doch sein Gefühl stand ihm dabei im Wege, sein Hass auf alle Welfen und insbesondere auf Heinrich den Löwen. Der hatte ihm Sachsen genommen, das Gebiet, das Jahrhunderte später als Niedersachsen bezeichnet wurde.
»Dieser Mistkerl möge alsbald verrecken!«, rief Albrecht, als ihm im Gespräch mit Hancz von Crüchern die ganze Geschichte noch einmal bewusst geworden war.
Seit fünf, sechs Jahren gab es zwischen ihm und Heinrich dem Löwen immer wieder kleinere Waffengänge und Gefechte, und man zog regelmäßig aus, Siedlungen und Burgen der anderen Seite zu verwüsten. Diesmal sollte es die Burgwartfeste Althaldensleben sein.
Sie erreichten die Ohre am späten Vormittag und beschlossen, hier noch ein wenig zu lagern und Kraft zu schöpfen, bevor sie sich zum Angriff formierten.
»Wenn wir den Fluss hier aufstauen, können wir die ganze Stadt Haldensleben unter Wasser setzen und im Nu erobern«, sagte Hancz von Crüchern.
Albrecht lachte. »Eine gute Idee – aber das Wasser würde wohl nur dann bis zur Burg ansteigen, wenn es wieder mal eine Sintflut gibt, diesmal hier bei uns und nicht am Berge Ararat.«
Dann zogen sie zur Burg, die Bogenschützen vorn hinter dem Fahnenträger, dann Albrecht mit seinen Rittern und den Fußsoldaten. Über eine Nachhut verfügten sie nicht.
Die Besatzung von Althaldensleben bestand nur aus wenigen Mann, nicht mehr als zwei Dutzend, das hatten sie schon herausgefunden, und so schrie Hancz von Crüchern nach oben, man solle sich ergeben. »Freier Abzug sei euch garantiert!«
Die Antwort bestand aus einem Hagel von Pfeilen, mehrere Askanier sanken zu Boden.
Aufs Äußerste gereizt ließ Albrecht zum Sturm auf Althaldensleben blasen, doch ihr Angriff wurde abgeschlagen. Auch beim zweiten und beim dritten Anlauf schafften sie es nicht, die Burgwartfeste zu erobern.
»Wie sollen wir da Jaxa standhalten, wenn wir uns schon hier eine blutige Nase holen?«, klagte Hancz von Crüchern.
Radogost hatte im Gästezimmer der Brandenburg prächtig geschlafen und konnte sich am nächsten Morgen ausgeruht ans Werk machen, das heißt alles vorbereiten, was Jaxa die Eroberung der Brandenburg ermöglichte, ohne dass viel Blut vergossen werden musste. Ein Knappe trat ein und bat ihn, das Frühstück gemeinsam mit Lynhardt von Schleibnitz einzunehmen.
»Aber gern, ich bin in wenigen Augenblicken zur Stelle.«
Albrechts Burgverwalter hatte Radogost den Ritter Ulric von Huysburg sofort abgenommen. Zum einen war er ohnehin nicht sonderlich helle, zum anderen fiel es Radogost nicht schwer, die Rolle eines deutschen Ritters so perfekt zu spielen, dass auch andere auf ihn hereingefallen wären. Bei den polnischen Fürsten hatte er gelernt, sich höfisch zu benehmen, und die deutsche Sprache beherrschte er so gut, weil er ein paar Jahre bei den Wettinern zugebracht hatte.
»Was gibt es Neues in der Welt?«, fragte Lynhardt von Schleibnitz, als sie sich an einer kleinen Tafel niedergelassen hatten und auf ihre Mehlsuppe warteten.
Radogost gab sich weltmännisch. »Der Kaiser und der Papst bekriegen sich mächtig, und auf dem Reichstag von Besançon werden die Fetzen fliegen.«
Lynhardt von Schleibnitz winkte ab. »Das ist mir doch reichlich egal. Wichtig für mich ist nur, dass wir mit diesem Slawenpack endlich fertig werden.«
Radogost hatte Mühe, ruhig zu bleiben. Seine rechte Hand krampfte sich derart um seinen Becher, dass er befürchten musste, den Verdacht des Burgverwalters zu wecken, so einfältig der auch schien. Darum lachte er schrill und setzte noch einen drauf: »Das kann ja kein Zufall sein, dass wir im Deutschen für Slawe und Sklave fast dasselbe Wort haben. Und daran sollten wir uns halten und die Slawen zu unseren Sklaven machen.«
»Ganz meiner Meinung!«, rief Lynhardt von Schleibnitz und wollte schon zu einer längeren Suada ausholen, als ihm einfiel, dass er vergessen hatte, nach dem Wichtigsten zu fragen. »Du warst doch, hört man, auf der Cöpenicker Burg, um für den Markgrafen herauszubringen, ob dieser Jaxa irgendwann nach Westen ziehen will.«
»Das hat er nicht vor. Ich habe ihn mehrmals belauschen können. Sein Interesse richtet sich gen Süden, den Meißenern und den Thüringern will er an den Kragen.«
Radogost hätte dem Burgverwalter noch einige weitere Ammenmärchen aufgetischt, da erschien ein anderer askanischer Ritter in der Tür und grüßte kurz, ehe er sich wieder entfernte.
»Wer war denn das?«, fragte Radogost.
»Der Mertin von Freckleben.« Der Burgverwalter beugte sich vor, damit die Mägde in der Nähe nicht mithören konnten. »Der ist so geldgierig, dass man ihn schon nicht mehr in die Kirche lässt, weil man Angst hat, dass er den Opferstock aufbricht und plündert.«
Diese Mitteilung war für Radogost Gold wert, und er hatte Mühe, sich seine Freude nicht anmerken zu lassen. Nachdem ihr Mahl beendet war und Lynhardt von Schleibnitz sich auf den Abtritt zurückgezogen hatte, machte er sich sofort auf die Suche nach Mertin von Freckleben. Der Erste, den er fragte, war ein hochaufgeschossener Mann, der vor der Rüstkammer saß und Schach mit sich selber spielte. Das war Hayntz von Helsungen, mit dem er schon am Abend zuvor ein paar Worte gewechselt hatte.
»Wie schaffst du es, dir nicht selbst zu verraten, was Weiß im Schilde führt, wenn du mit deinen schwarzen Figuren vorrückst?«
Hayntz von Helsungen grinste. »Wo andere nur ein Gehirn im Kopf haben, da habe ich zwei – und das eine weiß nicht, was das andere denkt.«
»Wie auch immer – ein jedes Mal, wenn du spielst, bist du der Gewinner.«
»Und zugleich auch der Verlierer. Man müsste einmal die Herren Platon, Sokrates und Aristoteles fragen, wie das von der Philosophie her zu bewerten wäre.« Er fixierte Radogost. »Ulric von Huysburg, es heißt, du seist ein vortrefflicher Schachspieler.«
Radogost zuckte zusammen, denn er kannte nicht einmal den Unterschied zwischen einem Läufer und einem Springer. »Heute Abend gerne und stundenlang, jetzt aber nicht, wo ich mich noch halb im Tiefschlaf befinde.«
»Komm, setz dich einen Augenblick zu mir, ich wollte dich kurz etwas fragen …«
Radogost war misstrauisch geworden, konnte aber die Einladung schlecht ausschlagen. »Ja, bitte?«
»Du erinnerst dich doch noch an Cuntz …«
Der Sprewane geriet ins Schwitzen. »An welchen Cuntz?«
»Na, deinen Knappen, den sie an der Nuthe aus dem Hinterhalt erschossen haben. Das war mein Neffe!«
Radogost stöhnte auf. »Gott, ja … schrecklich!« Er war bleich geworden, und seine Lippen zitterten vor Erregung, denn er war es selber, der Cuntz getötet hatte. Eigentlich hatte er Ulric von Huysburg treffen wollen, aber im Augenblick des Abschusses hatte ihn ein auffliegender Vogel erschreckt, und der Pfeil hatte sein vorgesehenes Ziel verfehlt.
Hayntz von Helsungen tat der andere leid. »Entschuldige bitte, dass ich das alles wieder aufgerührt habe.«
Radogost schloss die Augen. »Wir haben deinen Neffen am Ufer des Flusses ehrenvoll bestattet und ein Kreuz auf seinen Grabhügel gesteckt.« Das hatte er vom anderen Flussufer aus beobachtet. »Es war furchtbar, und es schmerzt auch jetzt noch. Mein herzliches Beileid!«
»Das habe ich dir auszusprechen!«, rief Hayntz von Helsungen.
Sie redeten noch eine Weile über die Sprewanen und Heveller, dann verabschiedete sich Radogost unter dem Vorwand, nach seinem Pferd sehen zu müssen, und suchte weiter nach Mertin von Freckleben. Er fand ihn in der Nähe der Küche, wo er mit einer Schar von Mägden scherzte, und fragte ihn, ob er einen Augenblick stören dürfe.
»Eigentlich habe ich keine Zeit …« Als die Mädchen davongerannt waren, nahm er sich aber Zeit für Radogost. »Ulric von Huysburg. Ich habe schon von dir gehört. Du warst in Cöpenick, um Jaxa auszuforschen. Was plant er denn so?«
»Er plant eine ganze Menge …« Radogost machte eine kleine Pause, um die Spannung zu erhöhen. »Vor allem will er viel Geld einsetzen.«
»Viel Geld?« Mertin von Frecklebens Körper spannte sich.
»Ja, wer von Albrecht abfällt und zu ihm überläuft, der soll reich belohnt werden, mit Gold wie mit Lehen, die viel Geld einbringen.«
In Mertin von Freckleben begann es zu arbeiten. »Wie stellt er sich das im Einzelnen vor?«
»Dass sich der, der für ihn ist, im Kampf zurückhält, wenn er zum Sturm auf die Brandenburg bläst.«
Mertin von Freckleben lachte. »Ach, du bist nur gekommen, um unsere Treue zu Albrecht zu prüfen.«
Radogost musste jetzt Farbe bekennen, auch wenn das Risiko hoch war. »Ich bin schon zu Jaxa übergelaufen«, flüsterte er und griff in sein Wams, um seinen Geldbeutel hervorzuholen. »Der hier ist für dich, wenn du auch …«
Mertin von Freckleben sah sich nach allen Seiten um, dann griff er zu.
Radogost konnte triumphieren. »Und wenn du noch jemanden weißt, der die Zeichen der Zeit erkennt …«
Innerhalb der nächsten Stunde hatte er noch zwei weitere Ritter Albrechts bestochen. Das reichte aber nicht, denn die Deutschen und Slawen, die zum Markgrafen hielten, waren noch immer weitaus in der Überzahl, und Jaxa hätte sich bei einem Angriff auf die Burg nur eine blutige Nase geholt. Radogost musste also zu einem anderen Mittel greifen, und das war der Sud aus giftigen Kräutern, der schon den echten Ulric von Huysburg in Cöpenick außer Gefecht gesetzt hatte. Es galt jetzt, einen günstigen Augenblick abzupassen, sich in die Küche zu schleichen und die betäubende Essenz in alle Krüge und Kannen zu schütten, die beim Mittagsmahl auf die Tafel kommen sollten.
Hayntz von Helsungen krümmte sich auf seinem Lager. Seine Schmerzen wurden immer schlimmer. Dabei hatte er am Mittagsmahl der anderen gar nicht teilgenommen und nichts gegessen und getrunken. Es musste wieder einmal die Galle sein. Er sprang auf, um in die Küche zu laufen und sich einen am Feuer erwärmten Stein zu holen und auf den Leib zu legen.
Nach ein paar Schritten auf dem Burghof hielt er inne, erschrocken und verdutzt, denn überall lagen Ritter, Knappen, Mägde und Knechte wie tot auf dem Boden. Er entdeckte auch Lynhardt von Schleibnitz.
Schnell entschlossen kniete er neben ihm nieder und legte ihm das rechte Ohr auf die Brust. Gott sei Dank, er atmete noch, schlief aber so fest, dass er auch nach heftigem Schütteln nicht aufwachte. Rätselhaft … Grübelnd stand Hayntz von Helsungen da. Dann aber begriff er schlagartig, was hier geschehen war, denn oben auf der Krone des Walls erblickte er den Mann, der sich für den Ritter Ulric von Huysburg ausgegeben hatte, und der setzte eine Fanfare an die Lippen und blies ein Signal. Das konnte nur Männern gelten, die unten standen und warteten, die Burg anzugreifen. Slawen, Jaxa!, schoss es ihm durch den Kopf. Dann war der Mann mit der Fanfare ein Verräter! Außer sich vor Wut griff Hayntz von Helsungen nach einer herumliegenden Lanze und zielte auf den Rücken des Betrügers. Der Wurf gelang, die Lanze bohrte sich in den Rücken des Mannes. Er stürzte zu Boden.
»Ein Überfall!«, schrie Hayntz von Helsungen. »Alle Mann auf die Mauern und ans Tor!«
Doch was sich um ihn scharte, war nur ein kläglicher Haufen – ein paar Männer, die aus den verschiedensten Gründen das Mahl versäumt hatten. Mertin von Freckleben war der einzige Ritter unter ihnen.
Einer der Knappen ergriff das Wort. »Wenn das Jaxa ist, dann sollten wir uns ergeben, er macht uns sonst mit seinen Polen alle nieder.«
»Richtig!«, ließ sich Mertin von Freckleben vernehmen.
Hayntz von Helsungen durchschaute in diesem Augenblick das Spiel, das hier getrieben wurde: Der falsche Ulric von Huysburg hatte einen Teil der Ritter gekauft und den Rest der Burgbesetzung mit einem Kräutertrunk betäubt. Er musste einer von Jaxas engsten Vertrauten sein, und erfuhr der Sprewanenfürst, wer ihn getötet hatte, dann würde es keine Gnade geben.
Hayntz von Helsungen stürzte davon. In dieser Sekunde wusste er noch nicht, was er tun würde: sich in sein Schwert stürzen, sich Jaxa zum Kampfe stellen oder sich irgendwo auf der Burg verstecken und abwarten, bis Albrecht kam.
Vier
Phöbus liebt, und begehrt der gesehenen Daphne Vereinigung; Was er begehrt, das hofft er; ihn täuscht sein eignes Orakel. Wie nach genommener Ähre die nichtige Stoppel verbrannt wird; Wie von der Fackel der Zaun aufflammt, die der Wanderer sorglos Näherte, oder vielleicht in dämmernder Frühe hinwegwarf: Also entbrannt’ in Flamme der Gott; durch Mark und Gebeine Lodert er auf, und nährt unfruchtbare Liebe mit Hoffnung.
Ulric von Huysburg befand sich wieder in seinem Rattenloch und suchte sich mit den Versen Ovids zu trösten, Metamorphosen I, Daphne. Wobei er für Phöbus stand und Miluša für Daphne. Sein Fluchtversuch war gescheitert. Ihn hatten die Lanzen der Slawen nicht verwundet, aber sein Pferd hatten sie von den Beinen geholt, und dann waren sie über ihn hergefallen. Gegen zehn kräftige Männer hatte auch er keine Chance, zumal er ohne Waffen war.
Und hätte er ahnen können, welch jammervolles Bild Albrecht und seine Schar vor Althaldensleben abgegeben hatten, er wäre noch niedergeschlagener gewesen.
Ein neuer Tag war angebrochen, und viel Hoffnung, befreit zu werden, hatte er nicht, denn nun umschlang eine eiserne Spange seinen rechten Fuß, und er war an einen in die Wand eingelassenen Haken angekettet. Hoffnungslosigkeit hatte sich seiner bemächtigt, und so schaute er kaum auf, als die hölzerne Klappe über ihm angehoben wurde.
»Heh!«, tönte es von oben herab.
»Hier gibt es keinen Heh, sondern nur einen Ulric von Huysburg«, antwortete er müde.
»Du gibst jetzt also offen zu, kein Obotrite zu sein?«
Ulric lachte. »Was ist da noch zuzugeben? Ihr ahnt es doch längst.«
»Wir wissen es, Nebojša hat es uns gesagt.«
»Wer bist du eigentlich?«
»Ciril, der Mann, der Jaxa hier vertritt, während er …«
Ulric von Huysberg lachte. »… zur Brandenburg reitet.«
»Radogost hat dich beobachtet, als du unsere Versammlung belauscht hast. Und er wusste auch, dass du ein Askanier bist, Ulric von Huysburg, denn …«
Ulric wurde nun schlagartig so einiges klar, und er vollendete den angefangenen Satz. »… denn er hat mich und meine beiden Knappen vom anderen Ufer der Nuthe aus beobachtet und dann Cuntz mit seinem Pfeil getötet.«
Ciril bestätigte ihm seine Vermutung: »Ja, so war es.«
»Und nun?«, fragte Ulric von Huysburg.
»Nun … Nebojša und seine Tochter Miluša sind voller Dankbarkeit, weil du Nebojša an der Nuthe großmütig das Leben geschenkt hast, und sie haben mich angefleht, dir die Freiheit zu schenken. Und ich erfülle gern ihren Wunsch. Ein Pferd können wir dir nicht verschaffen, wir werden dir aber eines unserer Boote geben, damit kannst du nach Spandow und Brandenburg gelangen.«
»Ich danke dir, Ciril!«, rief Ulric von Huysburg. »Und darf ich Miluša noch einmal sehen?«
»Nein!«
Eine halbe Stunde später saß Ulric von Huysburg in einem schmalen geklinkerten Boot, das keinen Kiel hatte und sich mithilfe der beiden klobigen Ruder nur schwer steuern ließ. So glücklich er war, dass er nun als freier Mann zu neuen Abenteuern eilen konnte, so schwer war ihm ums Herz, weil Miluša nicht an seiner Seite war. Er warf einen letzten Blick zurück auf die Wälle der Cöpenicker Burg, dann schickte er die Bitte gen Himmel, dass er Miluša bald in seine Arme schließen könne.
Die Spree war kein reißender Strom, sondern eher ein gemütliches Flüsschen. Doch nachdem sie die Wasser der Dahme in sich aufgenommen hatte, war die Strömung immerhin so stark, dass Ulric kaum zu rudern brauchte und dennoch mit beachtlicher Geschwindigkeit in Richtung Westen getragen wurde. Der Himmel war so blau, als würde er sich mitten auf der Peloponnes befinden, und die Sonne brannte ihm mit solch mediterraner Kraft auf Stirn und Nase und die unbedeckten Arme, dass er fürchten musste, sich die Haut zu verbrennen. Die Monotonie der Landschaft ließ ihn schläfrig werden. Wälder mit verfilztem Dickicht wechselten sich ab mit offener Heide, aber es gab nichts, an dem das Auge mit Freude hängengeblieben wäre. Nirgendwo waren Menschen zu entdecken, nirgendwo gerodete Flächen und bestellte Felder. Wenn Albrecht davon sprach, dass es hier bald blühende Landschaften geben würde, dann war das wohl kaum ernst zu nehmen.
Da Ulric sein Gefährt auch mit den kräftigsten Ruderschlägen nur unwesentlich beschleunigen konnte, gab er seine Bemühungen nach einiger Zeit auf, zog die Blätter ein und streckte sich lang aus, um ein wenig zu schlafen. Die Strömung würde ihn schon in der Flussmitte halten.
Das ging auch eine Weile gut, dann aber stieß sein Boot gegen einen umgestürzten Baum, der sich vom Ufer losgerissen hatte und sich mit anderem Treibholz zusammen im Sand einer Untiefe verhakt hatte. Ulric ging über Bord, und es brauchte eine Weile, bis er prustend wieder auftauchte. Als er sich einigermaßen orientiert hatte, war sein Boot schon außerhalb seiner Reichweite, es hatte die Barre überwunden und trieb ohne ihn weiter in Richtung Havel. Ulric schickte ihm ein paar kräftige Flüche hinterher.
Irgendwoher kam Gelächter. Sollten ihn die alten Flussgötter der Slawen verhöhnen? Nein, am nördlichen Ufer standen Menschen und winkten ihm zu. Erst jetzt bemerkte er, dass hier das Land auf beiden Seiten der Spree gerodet war. Auch konnte er mehrere Holzhäuser und Hütten unterschiedlicher Größe ausmachen. Offensichtlich gab es hier eine Furt, und eine solche lud ja immer Menschen ein, an ihr zu siedeln.
Er schwamm ans Ufer und staunte, dass die Männer und Frauen, die sich dort versammelt hatten, keine der slawischen Idiome benutzten, sondern eine Sprache, wie sie bei den germanischen Völkern Mitteleuropas üblich gewesen war. Sein Althochdeutsch – Diutschin sprechin Diutschin liute in Diutischemi lande – verstanden sie kaum, und auch er hatte große Mühe, richtig zu deuten, was sie ihm mitteilen wollten.
Langsam aber verstand Ulric von Huysburg die Zusammenhänge: Er hatte es mit Semnonen zu tun, die hier die Zeiten überdauert hatten. Vetustissimos se nobilissimosque Sueborum Semnones memorant – »Als die ältesten und vornehmsten Sueben betrachten sich die Semnonen.« So stand es bei Tacitus in seiner Germania. Seit dem dritten Jahrhundert hatten sie ihre Heimat an Havel und Spree aufgegeben, um in Richtung Oberrhein zu ziehen, und waren schließlich in den Alamannen aufgegangen. Nur wenige Kranke, Schwache, Unentschlossene waren zurückgeblieben – und nach neunhundert Jahren Inzucht waren die meisten von ihnen, wie Ulric schnell feststellte, auch im übertragenen Sinne zurückgeblieben, geistig vor allem. Viele waren missgestaltet und wiesen alle möglichen Gebrechen auf. Die einen hinkten, die anderen hatten verkürzte Arme. Irgendwie erinnerten sie Ulric an Urmenschen. Aber sie waren friedfertig und gastfreundlich. Ihr Gaufürst hieß nicht Imbecill oder Debilian, wie Ulric vermutet hätte, sondern Linus und war ein vergleichsweise verständiger Mann.
»Wir harren hier aus, und die Slawen aus den Dörfern ringsum haben uns auch in Ruhe gelassen«, erzählte er Ulric von Huysburg, nachdem dieser sich als Ritter vorgestellt und von seiner Flucht aus Cöpenick berichtet hatte. »Aber der Lauf des Flusses hat sich in den letzten Jahren verändert, und hier hat sich eine Furt gebildet. Die haben nun Händler aus dem Norden und dem Süden entdeckt und nutzen sie, um den Weg abzukürzen. Das hat auch Jaxa gemerkt, und bald wird er uns vertreiben.«
»Ich werde Albrecht dem Bären von euch berichten«, versprach ihm Ulric von Huysburg, »und er wird sehen, wie er euch schützen kann. Aber sagt, welchen Namen trägt denn eure Siedlung?«
»Keinen«, kam die Antwort von Berbelin, der Frau des Gaufürsten, die zu ihnen getreten war.
Ulric lachte. »Na, dann müssen wir schnell einen finden. Was schlagt ihr denn vor?«
»Semnonennest«, sagte Linus.
»Spreefurt«, schlug seine Frau vor.
Ulric fand beides nicht überzeugend. »Wie wäre es denn mit euren Namen?«
»Linusrode, Linusleben …«
»Berbelinenburg, Berbelinendorf …«
»Nehmt lieber einen Ortsnamen, in dem ihr beide vorkommt: Linus und Berbelin. Linber … Zugegeben, das klingt blöd. Vielleicht eher umgekehrt: Berlin.«
»Gut, Berlin also.«
Sie freuten sich und bewirteten Ulric von Huysburg mit allem, was sie in ihren Vorratskammern hatten. Gern hätten sie ihm auch ein Pferd gegeben, doch sie besaßen keines. So blieb ihm nur zu versuchen, Spandow zu Fuß zu erreichen.
»Der Weg ist nicht weit, aber sehr gefährlich, denn hier am Ufer wimmelt es von giftigen Schlangen.«
Ulric nahm Abschied von seinen liebenswerten Berliner Schrumpfgermanen und machte sich auf den Weg nach Spandow, das er gegen Abend zu erreichen hoffte. Doch das Wetter machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Erst sah es so aus, als würde das Gewitter vorüberziehen, dann brach es mit einer solchen Urgewalt über ihn herein, dass er zu beten begann: Eile, Herr, mir zu helfen! Gott, hilf mir; denn das Wasser geht mir bis an die Seele. Ich versinke in tiefem Schlamm, da kein Grund ist; ich bin im tiefen Wasser, und die Flut will mich ersäufen. Wer auch immer den 69. Psalm geschrieben hatte, er musste Ähnliches durchgemacht haben. Gewaltige Blitze schlugen links und rechts von Ulric von Huysburg in die Bäume ein und spalteten die Stämme, und ein sintflutartiger Regen setzte ein.
Als alles vorüber war und er es wagen konnte, seinen Weg fortzusetzen, war das Flüsschen, das er nach ein paar Schritten erreichte, die Panke, zu einem reißenden Strom geworden, den er nicht mehr überwinden konnte, ohne Gefahr zu laufen, dass er mitgerissen wurde und ertrank. So blieb ihm nichts übrig, als erst einmal nach Norden zu laufen und einen nicht unbeträchtlichen Umweg in Kauf zu nehmen.
Irgendwann wusste er nicht mehr, wo er war, und hatte das Gefühl, nur noch im Kreis herumzulaufen. An der Sonne konnte er sich nicht orientieren, denn der Himmel blieb dunkel und verhangen, und das Moos an den Baumstämmen wuchs ringsum, so dass sich eine Wetterseite nicht erkennen ließ. Als es Abend wurde, war er der Verzweiflung nahe. Schön, zu verdursten brauchte er nicht, und zum Essen gab es genügend Beeren und andere wilde Früchte, aber er war kein Urmensch und meinte, dass er sich den Tod holen würde, wenn er völlig durchnässt im Freien übernachten musste.
Auf einer Lichtung angekommen, blieb er stehen und begann zu schnüffeln, wie ein Tier, das Witterung aufnahm. Es hing Rauch in der Luft, und er glaubte, Stimmen zu hören. War er auf seinem Irrweg doch in die Nähe Spandows gelangt? Oder lag vor ihm eine slawische Siedlung? Nun, die Zeiten waren so, dass man im Feindesland immer mit dem Schlimmsten rechnen musste, also ging er nicht offen auf die Leute zu, die da versammelt waren, sondern schlich sich an.
Was er vorfand, war kein Dorf, sondern nur ein Lagerplatz. Am Feuer, das wegen des nassen Holzes nicht richtig brennen wollte, erkannte er etwa zwanzig Männer. Sie sprachen laut miteinander – wen sollten sie auch fürchten? Das war Polabisch, und wenn er es richtig deutete, dann waren es Wilzen, die er vor sich hatte. Sie mussten von Havelberg oder von Demmin gekommen sein. Derjenige, der das große Wort führte, hieß Milegost, wie Ulric von Huysburg bald herausfand, sein Gesprächspartner Cealadrag, ein Dritter Liub.
»Was machen wir mit ihm?«, fragte Cealadrag.
»Wir bringen ihn nach Havelberg und versuchen, ein möglichst hohes Lösegeld für ihn zu bekommen«, antwortete Milegost.
Liub winkte ab. »Seine Leute treffen wir doch nicht in Havelberg, die sitzen doch in Italien oder weiß ich wo.«
»Unsinn!«, rief Milegost. »Ahmad at-Tawil ist ein berühmter Mann, und für den wird ihnen kein Weg zu weit sein.«
Jetzt erst bemerkte Ulric von Huysburg, dass am Rande des Lagers ein Mann lag und von einem Wilzen bewacht wurde, obwohl man ihn offensichtlich gefesselt hatte. Araber waren in der Nordmark sicherlich selten, aber Ulric erinnerte sich daran, einen Reisebericht gelesen zu haben, den der arabische Gesandte Ibrahim ibn Jakub um 973 geschrieben hatte. Einzelne Passagen hatte er sogar noch im Kopf:
Im Allgemeinen sind die Slawen unverzagt und streitlustig; und wenn sie nicht untereinander uneins wären, infolge der mannigfaltigen Verzweigung ihrer Stämme und Zersplitterungen ihrer Geschlechter, so würde sich kein Volk auf Erden mit ihnen messen können. Die von ihnen bewohnten Länder sind die fruchtbarsten und reichsten von allen, und sie legen sich mit Eifer auf den Ackerbau und andere Zweige von Betriebsamkeit dazu, worin sie alle nordischen Völker übertreffen. Ihre Waren gehen zu Lande und über See zu den Russen und nach Constantinopel … In dem ganzen Norden ist Hungersnot nicht die Folge vom Ausbleiben des Regens und von anhaltender Dürre, sondern vom Überflusse an Regen und von anhaltend hohem Wasserstande. Regenmangel gilt bei ihnen nicht für schädlich, indem sie der Feuchtigkeit des Bodens und der großen Kälte halber deswegen keine Sorge hegen. Sie säen in zwei Jahreszeiten, im Sommer und im Frühling, und ernten zweimal. Dasjenige, was sie am meisten bauen, ist Hirse. Die Kälte ist bei ihnen der Gesundheit zuträglich, auch wenn sie heftig ist, die Wärme dagegen schädlich. Sie können in die Langobardischen Lande nicht reisen wegen der Hitze, welche dort groß ist und die Slawen umbringt … Ihr Wein und kräftiger Trank wird aus Honig bereitet.
Ahmad at-Tawil hatte wohl Ibrahim ibn Jakub nacheifern wollen und war dabei in die Hände der Wilzen gefallen. Ulric von Huysburg war seit jeher ein Bewunderer der arabischen Kultur, und so zögerte er keinen Augenblick sich vorzunehmen, diesen Ahmad at-Tawil zu befreien. Da er sich ein paar Monate in Bagdad aufgehalten hatte, konnte er sich auf Arabisch leidlich verständigen.
Er wartete so lange, bis sich die Wilzen zum Schlafen auf ihren Fellen ausgestreckt hatten und das Feuer nur noch glimmte. Einer Schlange gleich kroch er durch das Unterholz und schlich sich von hinten an den Wächter heran. Jetzt hatte die Nässe etwas Gutes, denn es gab kein trockenes Laub, das rascheln konnte. So gelangte er relativ lautlos in die Nähe des Wächters, und der tat ihm auch noch den Gefallen sich hinzusetzen. Ulric brauchte also nicht einmal aufzuspringen, um ihn mit einem gezielten Hieb gegen die rechte Schläfe für ein paar Minuten ruhigzustellen, er konnte das im Knien erledigen. Ahmad at-Tawil fuhr auf und schien nicht recht zu begreifen, was hier geschah.
»Pst!«, machte Ulric und fügte dann auf Arabisch hinzu:»
Komm, ich binde dich los, dann fliehen wir!«
Schnell hatte er dem bewusstlosen Wilzen das Messer aus dem Gürtel gezogen und die Stricke durchtrennt, mit denen man Ahmad at-Tawil gefesselt hatte. Der Araber kam aber nicht so schnell wieder auf die Beine, wie Ulric angenommen hatte, denn durch das lange Liegen waren seine Muskeln erheblich erschlafft und das Blut nicht mehr richtig durch die Adern geströmt. Es ging nicht anders, Ulric musste ihn unter den Achseln packen, hochhieven und versuchen, ihn in den Wald zu schleppen. Wenigstens ein paar hundert Schritte weit, dahin, wo sie die Nacht über in Sicherheit waren. Doch er musste Ahmad at-Tawil ein wenig den Brustkorb eingequetscht haben, denn der Araber begann zu schnaufen und zu husten. Das konnte natürlich bei den Wilzen nicht unbemerkt bleiben, und sofort sprangen einige von ihnen auf und suchten sich zu orientieren. Schnell begriffen sie, was geschehen war.
Laute Rufe ertönten: »Nasze więźniów jest uszedł. Go! – Unser Gefangener ist entflohen. Ihm nach!«
Eng umschlungen standen Ulric von Huysburg und Ahmad at-Tawil hinter einer mächtigen Eiche, noch ganz in der Nähe des Lagers. So wärmten sie sich, und ein wenig homoerotisch war die Sache auch noch. Die Wilzen huschten an ihnen vorbei und suchten sie an anderer Stelle. Bald gaben sie auf, und Ulric und Ahmad at-Tawil konnten sich vorsichtig vom Lager entfernen.
»Wir müssen in Spandow sein, wenn der Tag beginnt«, sagte Ulric. »Dort sind wir sicher. Aber sie werden alles daransetzen, uns vorher einzufangen.«
Wiprecht von Wandsleben hatte seine Lanze in den märkischen Sand gesteckt, saß bequem auf dem Stubben einer vor kurzem gefällten Kiefer und sah zu, wie sich Bogdan-Otto mühte, einen angespitzten hölzernen Pfahl in den Boden zu treiben. Immer wieder hob der seinen schweren Vorschlaghammer und ließ ihn niederkrachen. Der Schweiß rann ihm in Bächen Brust und Rücken hinunter, und er fluchte in einem fort. Erschöpft hielt er inne.
»Weiter!« Wiprecht von Wandsleben klatschte in die Hände. »Keine Müdigkeit vorschützen!«
Bogdan-Otto hielt ihm sein Werkzeug hin. »Hierrr, bitte, kannst du weiterrr schlagen ein auf das Phallus.«
Der Ritter verzog das Gesicht vor gefühltem Schmerz. »O nein, das lieber nicht! Aber auch nicht auf den Pfahl, denn ich darf mich nicht überanstrengen … Mein Herz!«
Bogdan-Otto murrte weiter: »Bin ich nu das Knabe von meine Ulric – oderrr was?«
»Das schon, aber erstens hat der Markgraf befohlen, dass alle in Spandow Hand anlegen sollen, damit hier so schnell wie möglich eine feste Askanierburg entsteht, und zweitens wird dein Ulric von Huysburg längst von Jaxa geköpft worden sein.«
»Da irrtumst du dich abba, derrr ist unbesiegbarrrr.«
Ulric von Huysburg lag währenddessen im Dickicht hinter Wiprecht von Wandsleben und lauschte diesem Dialog mit großem Vergnügen. Er hatte es geschafft, Spandow zu erreichen, ohne von giftigen Schlangen gebissen oder feindlichen Sprewanen erschlagen zu werden. Ahmad at-Tawil war in der Siedlung Spandow zurückgeblieben, um sich in einer Art Herberge von den Strapazen und dem Schrecken der letzten Tage zu erholen.
Wiprecht von Wandsleben warf mit Feldsteinen nach Bogdan-Otto. »Schneller, du Dumpfmeier, sonst werd ich dir Beine machen!«
Dass sein Intimfeind seinen Knappen so drangsalierte, ärgerte Ulric von Huysburg, und so kam er auf die Idee, Wiprecht von Wandsleben einen kleinen Streich zu spielen, bevor er sich zu erkennen gab. Beim Anschleichen hatte er einen längeren Strick entdeckt, und mit dem nun wollte er die Beine des Ritters am Baumstamm festbinden, ohne dass der es merkte. Sobald Bogdan-Otto seine Arbeit wiederaufnahm, konnte es gelingen, denn dann machte er einen gehörigen Lärm.
Ulric brauchte etwa zehn Minuten, dann war es geschafft. Der Strick war auf Höhe des Schienbeins eng um die Füße Wiprechts geschlungen und hinter dem Baumstumpf fest verknotet.
Ulric kroch geschickt und geräuschlos wie eine Schlange ein paar Meter zurück ins Unterholz und schlich dann in weitem Bogen um die Lichtung herum, auf der Wiprecht und Bogdan-Otto agierten. Als er auf der anderen Seite angelangt war, sprang er aus dem Gebüsch. »Hallo, da bin ich wieder!«
Sein Knappe fuhr herum, erkannte ihn, kam angelaufen und fiel ihm jubelnd um den Hals.
Als Wiprecht von Wandsleben aufstehen wollte, um Ulric zu begrüßen, schlug er lang hin.
»Oh!«, rief Ulric von Huysburg. »Ein bisschen Respekt hatte ich mir ja ausgebeten, aber das muss doch nicht gleich in einer solchen Demutsgeste münden.«
Wiprecht von Wandsleben rappelte sich schnell wieder auf und schimpfte auf die Schlingpflanzen, die ihn immer wieder stolpern ließen. Bogdan-Otto konnte ein Grinsen nicht unterdrücken und half ihm, Sand und Gras vom Gewand zu klopfen, dies allerdings mit solchem Einsatz, dass es mehr danach aussah, als würde er dem Ritter Schläge versetzen.
»Danke, danke, es reicht!«, rief der dann auch.
Ulric reichte ihm die Hand. »Schön, dich noch in Spandow anzutreffen. Gib mir bitte etwas zu essen und zu trinken, und verschaffe mir dann zwei Pferde, damit Bogdan-Otto und ich Albrecht entgegenreiten können. Ich weiß alles über Jaxas Pläne und muss dem Markgrafen so schnell wie möglich Bericht erstatten.«
»Der wird schon selber wissen, dass Jaxa nicht kommt, um mit ihm ein paar Partien Schach zu spielen«, brummte Wiprecht von Wandsleben. »Und was die Pferde betrifft, so gibt es im Lager zurzeit nur eines – nämlich meines, und das bekommt ihr nicht.« Es war an einem langen Seil angebunden und graste in der Nähe eines der alten slawischen Wälle.
Wiprecht entfernte sich in Richtung der Zelte, um Weisung zu geben, den Ankömmling zu verköstigen. Ulric blieb noch einen Augenblick stehen, um Bogdan-Otto etwas ins Ohr zu flüstern. Der grinste abermals und nickte dann.
Nachdem Ulric von Huysburg in einem der Zelte ausgiebig getrunken und gegessen hatte, machte er sich daran, draußen umherzuschlendern. Dabei erweckte er den Eindruck, als sei er erschöpft und unschlüssig. Wiprecht von Wandsleben hockte wieder auf seinem Baumstamm und verfolgte ihn mit misstrauischen Blicken. Ulric suchte Deckung hinter ein paar Büschen und kam schließlich in die Nähe des grasenden Pferdes, das aufgezäumt war. Als Wiprecht dann einen Augenblick nicht aufpasste, weil er angreifende Mücken abzuwehren hatte, schlug Ulric zu. Er schwang sich auf den Rücken des Pferdes, krallte sich mit beiden Händen in die Mähne und stieß ihm die Hacken in die Flanken. Das Tier machte einen solchen Satz nach vorn, dass der Strick förmlich zerfetzt wurde. Ulric bekam nun die Zügel zu fassen und hielt auf seinen Knappen zu.
»Bogdan-Otto, los, hinter mir aufs Pferd!«
Der Knappe schaffte es und umschlang Ulric.
»Halt, ihr Strauchdiebe!«, schrie Wiprecht von Wandsleben und war derart außer sich vor Wut, dass er nach seiner Lanze griff, um sie den beiden hinterher zu schleudern. Doch Bogdan-Otto hatte deren Ende an einer Wurzel festgebunden …
Jaxa war nach der Eroberung der Brandenburg klug vorgegangen und hatte darauf verzichtet, Rache an denen zu üben, die ihm Widerstand geleistet hatten.
»Ich bin Christ wie ihr und verspreche dem, der mit mir geht, eine glückliche Zukunft. Wer aber meint, zu Albrecht halten zu müssen, den werde ich nicht daran hindern, die Brandenburg zu verlassen und ihm entgegenzuziehen.«
Diese Worte hatten ihre Wirkung nicht verfehlt, und die allermeisten hatten sich für Jaxa entschieden. Zu den Ausnahmen gehörte Lynhardt von Schleibnitz. Er hatte von Radogosts Schlaftrunk nur gekostet, war bald wieder zu sich gekommen und hatte zusammen mit Hayntz von Helsungen und einigen anderen Front gegen Jaxa gemacht, war aber bald schwer an der Schulter verletzt worden. So war er mit seinen Knappen und seiner liebestollen Adelhayt nach Hause geritten, um sich auszukurieren.
Nur einen hatte Jaxa nicht ziehen lassen, und das war Hayntz von Helsungen. Der steckte im Verlies der Brandenburg. Jaxa wollte ihn hängen lassen, weil er ihm vorwarf, Radogost, den wertvollsten seiner Getreuen, nicht im Kampf getötet, sondern heimtückisch ermordet zu haben. Sie wollten ihn an diesem Morgen mit allen Ehren unten am Fuß der Burg bestatten.
Jaxa saß mit Česćimér zusammen, einem seiner älteren und bewährten Gefolgsleute, der an die Stelle Radogosts getreten war.
Der Sprewanenfürst suchte nach der besten Strategie. »Was meinst du, wird Albrecht die Brandenburg angreifen oder warten, bis wir gen Westen vorrücken, um uns dann in offener Schlacht zu begegnen?«
Česćimér kraulte sich den Bart und zupfte sich einzelne Haare heraus, als ließe sich von denen etwas ablesen. »Ich weiß nicht … Er wird schwanken wie wir. Im Rücken hat er Heinrich den Löwen, und vor der Brust hat er uns. Wen soll er zuerst erledigen? Wartet er ab, so muss er damit rechnen, dass wir vorrücken und ihn sozusagen Heinrich in die Arme treiben.«
Jaxa nickte. »Ja, er wird Angst haben, dass der Raum für ihn zu eng wird, dass er zwischen uns und Heinrich zerrieben wird. Also wird er sich nach Osten wenden und versuchen, die Brandenburg zurückzuerobern. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder siegt er, und wir müssen uns wieder nach Cöpenick zurückziehen – oder aber wir siegen, und dann werde ich ihm großmütig anbieten, ein Vasall der Piasten zu werden und mit mir gemeinsam gegen Heinrich zu ziehen.«
Sein Berater stimmte ihm zu. »Siegen wir, so werden wir den Großteil seiner Ritter für uns gewinnen können, denn die werden sich nicht anders verhalten als dieser Mertin von Freckleben.«
Jaxa lachte. »Pst, er geht gerade an unserem Fenster vorbei.« Er wartete einen Augenblick, bis er fortfuhr. »An sich ist er ja eine ärmliche Kreatur. Aber wer würde sich nicht kaufen lassen? Der mit dem größten Geldbeutel regiert nun mal die Welt.«
»Das alleine reicht aber nicht«, wandte Česćimér ein. »Es braucht auch Fürsten und Könige, die nichts anderes wollen als die Macht und die Männer wie Radogost im Gefolge haben: einfallsreich und skrupellos.«
»Du sagst es! Und darum ist meine Trauer um ihn auch grenzenlos.«
Damit gingen sie hinaus in den Burghof, wo sich der Trauerzug langsam formierte.
Zu zweit auf einem schlecht gepflegten Pferd konnten sie nur im Schritt reiten, zumal ohne Sattel. Ulric von Huysburg hatte sich entschieden, nicht dem Lauf der Havel zu folgen, sondern erst einmal Richtung Westen zu reiten, wo die Böden sandig waren und man ganz gut durch Wald und Heide kam. Das ging einige Stunden so, und Bogdan-Otto, der hinten, wo der Rücken des Pferdes breiter wurde, seine Beine weit auseinanderspreizen musste, fing schon an zu schimpfen.
»Gott, derrr Gerrrächte, werrrd ich nie wiederrr gehen können zu Füßen, weil Beine meinige sich aushaken aus die Hüftenknochen.«
»Man kann auch auf Händen laufen«, suchte Ulric ihn zu trösten. »Bei der nächsten Rast zeige ich dir mal, wie es geht.«
Das tat er dann auch, aber als es Bogdan-Otto versuchte, kippte er nach hinten weg und hätte sich womöglich das Genick gebrochen, wenn Ulric ihn nicht aufgefangen hätte.
Bogdan-Otto setzte sich ins Gras und schnupperte. »Rrriecht sich nach Wasserrr!«
Ulric überlegte. »Es kann sein, dass wir schon auf Höhe des Beetzsees sind und nach Süden abbiegen müssen.«
Sein Knappe lauschte. »Das is sich Getrrrampel von viele Rrrösserrr.«
»Sollte das Albrecht sein?« Ulric überlegte. »Aber das ist doch schwer möglich, denn wir müssen davon ausgehen, dass Jaxa die Brandenburg erobert hat und Albrecht noch irgendwo westlich von ihr steckt.«
»Vielleicht hat es sich gegeben schon Kampf und errr is sich Besiegerrr«, meinte Bogdan-Otto.
»Wir werden sehen.«
Da sie gänzlich unbewaffnet waren, blieb ihnen, sollten ihnen Feinde entgegenkommen, nur die Flucht. Darum schwangen sie sich wieder auf ihr Pferd und ritten an den Rand der Lichtung, auf der sie sich gelagert hatten, um schnell im Wald verschwinden zu können.
Und in der Tat erblickten sie nach kurzer Zeit drei Reiter am anderen Ende der Lichtung.
Ulric erkannte einen von ihnen. »Das ist doch Mertin von Freckleben, das sind Askanier!«
Sie ritten aufeinander zu und begrüßten sich als alte Freunde.
Mertin von Freckleben sah Ulric von Huysburg fragend an. »Du bist aus Cöpenick zurück und hast alles mit heiler Haut überstanden?«
»Ja. Und ich habe herausgefunden, dass Jaxa die Brandenburg erobern will. Wenn er sich beeilt hat, müsste er schon hier sein.«
»Nein, das ist er nicht. Wer weiß, was oder wer ihn aufgehalten hat. Wie auch immer – kommt ihr beide erst einmal mit uns, damit ihr euch auf der Brandenburg erholen könnt und wieder voll bei Kräften seid, wenn uns Jaxa angreift.«
Albrecht der Bär näherte sich mit seiner Schar der Brandenburg von Südwesten her und wollte am Breitlingsee Rast machen, um kurz vor dem Ziel noch einmal die Pferde zu tränken und Kraft zu schöpfen. Er hatte sich nach der Schlappe vor Althaldensleben durch Ritter des Magdeburger Bischofs Wichmann verstärkt und hoffte, mit ihnen zusammen Jaxa standhalten zu können.
Neben Albrecht ritt sein Ältester, Otto. Er war immerhin schon 29 Jahre alt, hatte seinen eigenen Kopf und war mit dem Vorgehen seines Vaters nicht immer einverstanden. So auch jetzt. »Du hättest eher gegen Jaxa Front machen sollen. Das ist wie beim Schach: Wer den ersten Zug hat, befindet sich immer im Vorteil. Angriff ist die beste Verteidigung.«
»Ach ja.« Albrecht ging auf die Sechzig zu und verspürte wenig Lust, sich von einem Jüngeren belehren zu lassen. »Heinrichs Land ist wertvolles Land, und viele reiche Städte gibt es da. Aber zwischen Elbe und Oder haben wir nur Sand und Sumpf, und die Städte heißen Sankt Armut und Sankt Elend.«
Otto ließ sich nicht beirren. »Aber dieses Land ist unsere Zukunft wie unser Schicksal. Gegen die Sachsen und die Bayern und den Kaiser kommen wir ohnehin nicht an. Und wenn wir nicht aufpassen, verlieren wir das, was wir haben, auch noch an die Polen. Die Piasten sollte man nicht unterschätzen, und dieser Jaxa ist mit allen Wassern gewaschen.«
Albrecht konnte nicht umhin, ihm recht zu geben: »Nun gut. In ein paar Stunden haben wir die Brandenburg erreicht, und wenn wir dort nach dem Rechten gesehen haben, dann geht es nach einem Tag Ruhepause gleich weiter nach Spandow.«
»Gut.« Otto war aber noch nicht ganz zufrieden mit dieser Auskunft. »Und wann erstürmen wir Cöpenick?«
»Dann, wenn wir genug Männer zusammengezogen haben.«
Albrecht rief Hancz von Crüchern, Eberlin von Mölz und Ottin von Strenznau zu sich, um deren Meinung einzuholen. Nach längerer Beratung hielt man es für das Beste, Jaxa aus der Burg Cöpenick herauszulocken und ihm in offener Feldschlacht gegenüberzutreten.
»Gut.« Albrecht bedankte sich bei seinen Männern. »Die letzte Entscheidung kann ich aber erst treffen, wenn Ulric von Huysburg aus Cöpenick zurück ist und uns sagen kann, welches Jaxas Pläne sind.«
Damit saßen sie auf und ritten weiter Richtung Brandenburg. Sie freuten sich schon auf einen kühlen Trunk und ein deftiges Mahl, aber auch ein weiches Lager. Doch als sie am Fuße der Burg angekommen waren, empfing sie kein Jubel, sondern ein Hagel von Pfeilen, und oben auf dem Wall erschien der Sprewanenfürst.
»Albrecht, geh nach Braunschweig und werde Vasall Heinrichs des Löwen«, höhnte er. »Die Nordmark gehört nun mir.«
Ulric von Huysburg ritt an der Seite Mertin von Frecklebens in Richtung der Brandenburg. Er war zufrieden, dass er seine Mission glücklich zu Ende gebracht hatte. Seine Gedanken waren bei Miluša. In Gefahr sah er sie nicht. Wenn die Askanier die Burg Cöpenick stürmten, war sie mit ihrem Vater längst weitergezogen.
Bogdan-Otto saß noch immer hinter ihm auf dem Pferd und fühlte sich zunehmend unwohler. »Wenn uns ansehen Leute von Burrrg, sie werrrden sich lachen aus überrr mirrr, möcht ich lieberrr ab von Pferrrd.«
Ulric schmunzelte. »Gut.« Er zügelte sein Pferd, damit sein Knappe abspringen konnte, und ritt dann so langsam weiter, dass Bogdan-Otto ihnen nicht hinterherhecheln musste.
»Wir haben es ja gleich geschafft«, sagte Mertin von Freckleben.
»Was gibt’s denn Neues bei euch?«, fragte Ulric. »Was macht zum Beispiel der wackere Lynhardt von Schleibnitz?«
»Der? Der ist mit seiner Adelhayt in sein Dorf zurückgekehrt, weil … seine Bauern da nicht richtig parieren wollen.«
Ulric grinste. »Und weil er da nicht fürchten muss, dass Adelhayt andauernd in Versuchung gerät.«
»Ach ja …« Mertin von Freckleben stöhnte genüsslich.
»Und was macht mein alter Freund Hayntz von Helsungen?«, wollte Ulric weiter wissen.
Mertin von Freckleben lachte. »Der? Der genießt die letzten Stunden seines Lebens.«
Ulric stutzte. »Wieso denn das, ist er krank?«
»Krank … äh … Ja, ja, der Schlagfluss hat ihn erwischt.«
Ulric fand das verwunderlich, denn Hayntz von Helsungen war für ihn stets ein Ausbund an Lebenskraft gewesen und hatte nie kränklich gewirkt. Merkwürdig also … Aber es kam ja immer wieder vor, dass Eichen mit einem herrlichen Stamm innen hohl waren.
Sie ritten weiter. Als die ersten Hütten Brandenburgs schon in Sichtweite waren, kam ihnen ein Mann entgegen, der sie freundlich grüßte.
Mertin von Freckleben winkte zurück. »Wie geht es dir, Bohuměr?«
Ulric schloss für einen Moment die Augen, um besser nachdenken zu können und ein ganz bestimmtes Bild vor sich zu haben: Wo hatte er den Namen Bohuměr schon einmal gehört? Wo hatte er diesen Mann mit der Hasenscharte schon einmal gesehen? Plötzlich war es ihm klar: Er war ihm auf der Burg Cöpenick begegnet, als er in seiner Rolle als Obotrite über die Brücke gekommen war und die Posten ihn aufgehalten hatten. Es begann in ihm zu arbeiten: Wie kam dieser Bohuměr nach Brandenburg? Und wie konnte es sein, dass Mertin von Freckleben ihn freundschaftlich begrüßte? Darauf gab es logischerweise nur eine Antwort: Jaxa hatte die Brandenburg schon in Besitz genommen, und Mertin von Freckleben war zu ihm übergelaufen. Und nun war er im Begriff, ihn, den askanischen Ritter Ulric von Huysburg, in die Falle zu locken.
Was tun? Ulric überlegte. Hatten sie erst einmal die Burg erreicht, waren er und sein Knappe verloren. Also musste er die Entscheidung vorher fällen. Doch wie? Bogdan-Otto und er verfügten über keinerlei Waffen, und beim Kampf Mann gegen Mann waren sie unterlegen. War es Selbstmord, mit bloßen Händen gegen drei Männer anzutreten, die Schwerter und Lanzen zur Verfügung hatten?
»Geht’s nicht etwas schneller?«, rief Mertin von Freckleben. Er schien Verdacht geschöpft zu haben.
Ulric von Huysburg musste handeln.
Fünf
Albrecht der Bär, der Graf der Nordmark, lagerte mit seiner Schar auf dem westlichen Zipfel der Dominsel. Für ihn, seinen Sohn Otto und die Ritter waren Zelte aufgeschlagen worden, das gemeine Fußvolk hatte sich Hütten aus Ästen, Stroh und Buschwerk gebaut. Man hatte die Burg unmittelbar vor sich, war aber vor den Pfeilen und Lanzen Jaxas sicher, denn so weit trugen diese Waffen nicht. Andererseits war es unmöglich, die Brandenburg zu stürmen, obwohl sie keine hohen steinernen Mauern aufwies wie etwa die Festungen in Italien oder Palästina, sondern nichts anderes war als eine Ringwallanlage aus mächtigen Palisaden und einigen Gebäuden aus Holz und Lehm in ihrer Mitte. Albrecht lief mit seinen Getreuen in sicherer Entfernung um die Burg herum und suchte nach Möglichkeiten, Jaxa beizukommen.
»Die Naturgesetze sind gegen uns«, klagte Eberlin von Mölz. »Wer etwas von oben nach unten wirft, ist immer im Vorteil gegenüber dem, der etwas von unten nach oben werfen muss. Sie können uns zum Beispiel heißes Öl auf die Köpfe kippen, wenn wir zum Sturm ansetzen.«
»Es bleibt uns nur, sie auszuhungern«, schlug Ottin von Strenznau vor und verwies auf König Heinrich I., der im strengen Winter 928/29 die Brandenburg durch Aushungern erobert hatte.
Otto schüttelte den Kopf. »Das geht nicht, wir haben erst Anfang Juni, und bis es Winter wird, können wir hier nicht ausharren, dazu fehlen uns die Mittel. Und wenn wir alle unsere Kräfte hier an der Brandenburg binden, wird Heinrich der Löwe das ausnutzen und uns das wegnehmen, was wir schon lange haben.«
Sein Vater gab ihm recht. »So ist es, innerhalb der nächsten drei Wochen muss hier an der Havel die Entscheidung gefallen sein.«
»Aber wie sollen wir Jaxa besiegen?«, stellte Hancz von Crüchern die entscheidende Frage. »Ich sehe keine Möglichkeit, die Burg zu stürmen, ohne so viele Männer zu verlieren, dass es ein Pyrrhussieg wird.«
»Ein was?«, fragte Ottin von Strenznau.
»Ein Sieg, bei dem wir letztendlich die Verlierer sind, denn er wird uns so viele Männer kosten, dass wir zu schwach sind, den Feinden standzuhalten, von denen wir ringsum umgeben sind. Der Ausdruck geht auf König Pyrrhus von Epirus zurück, der 279 vor Christus in der Schlacht bei Asculum die Römer geschlagen hat und nachher ausgerufen haben soll: Noch so ein Sieg, und wir sind verloren! Nun, die Geschichte wiederholt sich zwar nie, aber …«
Weiter kam er nicht, denn drüben am anderen Ufer der Havel wurden Rufe laut, und zwei Männer winkten herüber.
»Hier steht Ulric von Huysburg mit seinem Knappen und einem Gefangenen, einem Verräter! Kommt, und holt uns mit Booten und Flößen zu euch ins Lager!«
Eine halbe Stunde später saß Ulric von Huysburg dem Fürsten der Nordmark gegenüber und erstattete Albrecht Bericht über das, was er in Cöpenick und auf seinem Ritt zur Brandenburg erlebt hatte.
»Bei der Begegnung mit Mertin von Freckleben sind mir dann einige Ungereimtheiten aufgefallen«, schloss er. »Und mir ist es plötzlich wie Schuppen von den Augen gefallen: Jaxa musste die Burg erobert haben und er zu ihm übergelaufen sein. Als ich ihn zur Rede stellte, ist es zum Kampf gekommen. Bogdan-Otto hat seine Knappen in die Flucht geschlagen, und ich habe ihn selbst überwältigen können.«
Mertin von Freckleben wurde verhört und bestätigte, was Ulric vermutet hatte. Um sein Leben zu retten, plauderte er alles aus, was er über Jaxa, die Sprewanen und die Polen wusste, auch, dass Hayntz von Helsungen Widerstand geleistet hatte, nun im Verlies steckte und irgendwann geköpft werden sollte.
»Schafft mir diesen Mann aus den Augen!«, rief Albrecht. »Was machen wir mit ihm?«
»Am nächsten Baum aufhängen!«, rief Hancz von Crüchern.
»Nicht ohne Gerichtsverhandlung«, wandte Albrecht ein.
»Es kann ja kein anderes Urteil geben als seinen Tod«, sagte Ottin von Strenznau.
Ulric von Huysburg dachte weiter. »Als Toter nutzt er uns wenig, aber als Lebender schon – wenn wir ihn gegen Hayntz von Helsungen tauschen.«
Dieser Vorschlag wurde nach kurzer Beratung angenommen, und Ulric von Huysburg wurde ausersehen, den Parlamentär zu spielen und die Verhandlungen mit Jaxa aufzunehmen.
Er beschaffte sich eine passende Rüstung, Schwert und Lanze und ritt dann auf das Burgtor zu, eine weiße Fahne schwingend.
»Ich möchte Jaxa sprechen!«, rief er zum Wall hinauf. »Sagt ihm, hier stünde Ulric von Huysburg, den er von Cöpenick her gut kennt.«
Das verfehlte seine Wirkung nicht, und wenig später erschien Jaxa oben auf dem Wall. »Was gibt es?«, fragte er, im wahrsten Sinne des Wortes von oben herab. »Will Albrecht zum Kaiser reiten und Barbarossa bitten, mir feierlich den Titel Markgraf von Brandenburg zu verleihen?«
Ulric lachte. »Den will er wohl gern selber haben.«
»Aber ich bin nun der Herr der Brandenburg!«, rief Jaxa.
»Das lässt sich nicht leugnen. Und Ihr habt Hayntz von Helsungen in Eurer Gewalt. Wir aber haben Mertin von Freckleben, und Albrecht schickt mich nun, einen Austausch der beiden anzuregen.«
Jaxa überlegte nicht lange. »Nun gut, als Herr über Brandenburg will ich kein böses Blut, sondern Frieden.«
Ulric stieß nach: »Wenn Ihr das wollt, dann zieht Euch zurück nach Cöpenick, Albrecht wird Euch freies Geleit gewähren.«
»Das ist doch lächerlich! Albrecht soll sich zurückziehen, nach Ballenstedt und auf die Burg Anhalt, dies hier ist mein Land!«
Damit hielt Jaxa ihre Unterredung für beendet, der Austausch der beiden Ritter kam aber ohne jeden Zwischenfall zustande.
Am Abend saßen die Askanier abermals zur Beratung beieinander. Alsbald stellte sich heraus, dass es zwei Parteien gab: Die einen rieten zum sofortigen Angriff, die anderen plädierten für Abwarten.
»Mit unseren spärlichen Mitteln können wir die Brandenburg nicht zurückerobern«, stellte Hancz von Crüchern fest. »Uns bleibt nichts anderes übrig, als Jaxa auszuhungern.« Und er fügte mit einem Blick auf Otto noch hinzu: »Obwohl es noch nicht Winter geworden ist.«
»Die Zeit haben wir nicht«, gab Hayntz von Helsungen zu bedenken. »Soweit ich die Sprewanen belauscht habe, rechnen sie damit, dass die Piasten sie unterstützen und dass die Polen ein größeres Heer gen Westen in Marsch setzen werden.«
Ulric gab ihm recht, die Askanier hatten Bolesław IV. den Kraushaarigen ebenso zu fürchten wie Heinrich den Löwen, und einen Zweifrontenkrieg konnten sie nicht bestehen. »Die Zeit spielt gegen uns, und wir müssen die Brandenburg so schnell wie möglich zurückerobern, um klare Verhältnisse zu schaffen, das heißt den Kaiser zwingen, Albrecht unwiderruflich und sozusagen ehern zum Markgrafen von Brandenburg zu machen.«
»Schön und gut«, sagte Ottin von Strenznau, »aber Hancz hat es doch eben klar und deutlich gesagt, dass wir nicht imstande sind, die Brandenburg zu erobern.«
»Doch, das sind wir!«, widersprach ihm Ulric von Huysburg. »Gebt mir zehn Tage Zeit und eine Handvoll kräftiger Männer, die mit Axt und Säge umgehen können, dann baue ich euch einen Tribok. Von ihm aus schießen wir dann Brandfackeln und Kugeln in die Burg und zwingen Jaxa damit, entweder zu kapitulieren oder aber sich uns in offener Schlacht zu stellen.«
Sein Vorschlag wurde angenommen, und am nächsten Morgen begann man, Bäume zu fällen und Balken zurechtzuhauen, aber auch in den umliegenden Siedlungen nach Seilen und Stricken zu suchen, denn ein Tribok funktionierte durch die Torsion gebündelter Seile, die am Standrahmen befestigt waren. In ihnen steckte ein Wurfarm, und zog man den nach unten, geschah dies gegen die Kraft der verdrehten Seile. Beim Schuss wollten sich die Seile wieder entspannen, der Wurfarm knallte gegen einen Prellbalken und schleuderte die Munition, die in einem ausgehöhlten Ende lag, mehrere hundert Meter weit, je nach Gewicht der Geschosse. Statt steinerner Kugeln konnte man mit dem Tribok auch brennende Fackeln verschießen, was besonders gegen Burgen, deren Befestigungen in der Hauptsache aus Holz bestanden, ein geeignetes Mittel war.
Am 11. Juni 1157 war es dann so weit: Der Tribok war einsatzbereit, und man katapultierte eine Brandfackel nach der anderen über den Ringwall. Da es seit geraumer Zeit nicht geregnet hatte, züngelten schnell überall die Flammen empor, und schließlich brannte auch das mit Stroh gedeckte Dach des Haupthauses. Obwohl Jaxas Leute alle Kräfte aufboten – ihr Löschwasser oben auf der Burg reichte nicht aus, die Feuer zu ersticken.
»Hurra!«, schrie Eberlin von Mölz. »Wir räuchern sie aus!«
Jaxa musste einsehen, dass er keine Chance hatte, die Burg länger zu halten. »Wir formieren uns, brechen aus dem Burgtor und fallen über Albrechts Männer her! Auf!«
Die Askanier warteten schon, und unten am Ufer der Havel begann die Schlacht, die über die Zukunft des Landes zwischen Elbe und Oder entscheiden sollte. Die Berittenen kämpften Mann gegen Mann und spalteten sich mit ihren Schwertern Schilder und Köpfe, und die Pfeile der Bogenschützen durchbohrten manche Brust. Hayntz von Helsungen war es, der Mertin von Freckleben erschlug, und auch die anderen Überläufer konnten ihr Leben nicht retten.
Viele der Verwundeten sprangen in die Havel, um ihre Wunden zu kühlen, und deren Wasser färbten sich rot. Und die verwundeten und sterbenden Askanier klagten:
nû sehet, wie unser lachen
mit weinenne erlischet.
unser süezze ist gemischet
mit bitterer gallen.
unsere bluome der muoz vallen,
sô er aller grüenest wænet sîn.
Ulric von Huysburg vermied es, Menschen zu töten, er war nur darauf aus, mit seinem Schild die askanischen Freunde zu schützen.
Albrecht der Bär hob für eine Sekunde sein Visier, um Ausschau nach Jaxa zu halten. Da kam der Pfeil geflogen, der gedacht war, ihn zu töten. Und er wäre dem Askanierfürsten ins rechte Auge gefahren und hätte sein Gehirn zerstört, wenn ihn nicht Ulric geistesgegenwärtig mit dem Rande seines Schildes abgefangen hätte.
»In den Staub mit allen Feinden Brandenburgs!«, schrie Albrecht daraufhin und gab seinem Pferd die Sporen, um auf Jaxa einzudringen und ihm den Schädel zu spalten.
Doch Ulric fiel ihm in die Zügel. »Überlasse ihn mir, ich habe mit ihm noch eine Rechnung zu begleichen.«
Ulric kämpfte nun alles nieder, was sich ihm entgegenstellte, bis er dem Sprewanen Auge in Auge gegenüberstand. Ihre Schwerter fuhren gegeneinander, dass die Funken stoben, doch bald erlahmte Jaxas Arm, und er konnte nicht verhindern, dass ihm sein Schwert aus der Hand geschlagen wurde. Und keiner seiner Männer war in der Nähe, ihn zu retten, oder konnte den Kordon der Askanier durchstoßen. Was blieb ihm, als ein letztes Gebet zum Himmel zu schicken und den Tod zu erwarten?
Doch Ulric tat nur so, als würde er zum Todesstoß ausholen, er lenkte sein Pferd dicht neben das des Sprewanen und flüsterte ihm zu, dass er fliehen möge. »Und grüße mir Cöpenick!«
Jaxa sprengte davon, und ehe ihn Albrecht, Ottin und die anderen askanischen Ritter daran hindern konnten, lenkte er sein Pferd in die Havel und schwamm zum östlichen Ufer hinüber.
Albrecht der Bär war wieder Herr der Brandenburg, und Ulric von Huysburg konnte sich anderen Abenteuern zuwenden. Nein, etwas war noch zu erledigen …
Anfang Oktober 1157 stand Besançon im Mittelpunkt der europäischen Politik, denn Kaiser Friedrich I., auch Barbarossa genannt, hatte zu einem Hof- oder Reichstag ins Königreich Burgund gerufen, das 1032/34 an das Heilige Römische Reich gefallen war.
Auch Ulric von Huysburg war an den Fluss Doubs geeilt, um die Interessen seines Fürsten zu vertreten. Bevor er jedoch mit dem Kaiser sprechen konnte, kam es zu einem Schauspiel, wie er es noch nicht gesehen hatte, und er genoss es, denn ein Skandal war allemal das Süßeste.
Es begann damit, dass Kardinal Roland, der päpstliche Legat, eine Rede hielt, und zwar auf Latein, was nur wenige der Anwesenden verstanden. Es fiel auch das Wort beneficium, was der Reichskanzler Rainald von Dassel, einer der engsten Vertrauten Friedrichs, mit »Lehen« übersetzte, und das führte dazu, dass ein Teil der deutschen Fürsten rot sah, denn sie verstanden das so, als sei das Kaisertum als Lehen und der Kaiser Friedrich I. als bloßer Lehnsmann des Papstes definiert worden, und das empfanden sie als skandalös und so nicht hinnehmbar. Es kam zu tumultartigen Szenen, und der bayerische Pfalzgraf Otto von Wittelsbach wollte mit dem Schwert auf den Abgesandten des Papstes eindringen.
»Halt, so nicht!«, rief der Kaiser und fiel dem Bayern in den Arm.
»Ich habe mit beneficium nicht Lehen, sondern Wohltat gemeint!«, schrie der Legat.
So blieb er erst einmal körperlich unversehrt, aber die Sache war damit noch lange nicht erledigt. Denn bei der Durchsuchung seines Gepäcks fand man Papiere, die auf Versuche Roms schließen ließen, die Kirchenhoheit des Kaisers zugunsten des Papstes zu unterlaufen. Man beschloss, Druck auf den Papst Hadrian IV. auszuüben, und es wurde von einem zweiten Zug nach Italien gesprochen.
Der Kaiser hatte keine Zeit für Ulric von Huysburg, und der war schon ziemlich verzweifelt, als ihm eines Abends in einer Schenke jemand auf die Schulter klopfte. »
– Hallo, mein Lieber, wie geht es dir?«
Ulric von Huysburg fuhr herum und erkannte Ahmad at-Tawil, den Mann, den er im Lager der Wilzen befreit hatte. Sie freuten sich über das Wiedersehen, und Ulric schilderte dem Araber seine Schwierigkeiten, zum Kaiser vorgelassen zu werden.
Ahmad at-Tawil schmunzelte. »Jede gute Tat rächt sich einmal. Manchmal aber kann es auch anders kommen. Ich sehe Barbarossa heute und werde einmal ein ernstes Wörtchen mit ihm reden.«
So saß denn Ulric von Huysburg am 3. Oktober beim Kaiser und informierte ihn über das, was sich im Sommer dieses Jahres in der Nordmark zugetragen hatte. »Ihr könnt diesen Teil Eures Reiches nur dauerhaft sichern, wenn Ihr eine Mark Brandenburg schafft und Albrecht den Bären zum Markgrafen macht.«
Der Kaiser sah das ein und ließ noch am selben Tage eine dementsprechende Urkunde ausfertigen. Adelbertus Die gratia marchio in Brandenborch war darin zu lesen.
Ulric dankte dem Kaiser und machte sich auf, Besançon näher zu erkunden. Als er über den Marktplatz schlenderte, entdeckte er dort den Händler Nebojša aus Jutribuc.
»Wo ist Miluša?«, fragte er, nachdem er den Slawen begrüßt hatte.
»Sie steht hinter Euch.«
Ulric von Huysburg fuhr herum, und wenig später konnte er die Dame seines Herzens in den Armen halten.
Dû bist mîn, ich bin dîn:
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen:
verlorn ist daz slüzzelîn:
dû muost ouch immer drinne sîn.
Wahrheit und Dichtung
Wahr an dieser Geschichte – und in jedem Geschichtsbuch nachzulesen – sind die Entscheidungsschlacht um die Brandenburg und der Sieg von Albrecht dem Bär im Jahre 1157, der als Geburtsstunde der Mark Brandenburg betrachtet wird.
Historisches Personal
Personen
Pribislaw-Heinrich (um 1122–1150), Hevellerfürst
Petrissa, seine Frau
Albrecht I., auch Albrecht der Bär (um 1100–1170), Askanierfürst und Markgraf von Brandenburg
Otto I. (um 1130–1184), Albrechts Sohn und Nachfolger
Siegfried, Adalbert, Dietrich, Bernhard, Hedwig und Gertrud, weitere Söhne und Töchter Albrechts
Otto der Reiche (1125–1190), Markgraf von Meißen, Schwiegersohn Albrechts
Jaxa von Cöpenick, Sprewanenfürst
Heinrich der Löwe (1129/30–1195), Welfenfürst
Wichmann (1116–1192), Erzbischof von Magdeburg
Friedrich I., auch Barbarossa (1122–1190), deutscher Kaiser
Bolesław III. Schiefmund und Bolesław IV. der Kraushaarige, polnische Fürsten
Niklot, Fürst der Obotriten
Wertislaw, sein Sohn
Herrscherhäuser und Stämme
Askanier, ostsächsisches Fürstengeschlecht, dessen Name sich von dem latinisierten Namen Ascharia ihres Sitzes in Aschersleben ableitet
Sprewanen, slawischer Stamm im Gebiet der Spree
Heveller, slawischer Stamm an der mittleren Havel Obotriten, elbslawischer Stamm
Zamzizi, slawischer Stamm nördlich Berlins
Welfen, ein ursprünglich fränkisches Fürstengeschlecht Piasten, polnische Herrscherdynastie
Wettiner, Fürstengeschlecht auf dem Gebiet des heutigen Freistaates Sachsen
Liutizen, Wilzen, slawische Stämme
Fiktives Personal
Im Umfeld von Albrecht dem Bär
Ulric von Huysburg, Ritter
Lynhardt von Schleibnitz, Ritter
Adelhayt, seine Gemahlin
Mertin von Freckleben, Ritter Hayntz von Helsungen, Ritter
Wiprecht von Wandsleben, Ritter
Hancz von Crüchern, Ritter
Eberlin von Mölz, Ritter
Ottin von Strenznau, Ritter
Cuntz, Knappe bei Ulric von Huysburg
Bogdan-Otto, Knappe bei Ulric von Huysburg
Zlata, Beiköchin auf Burg Brandenburg
Im Umfeld von Jaxa
Radogost, Ritter
Ciril, Ritter
Česćimér, Gefolgsmann Jaxas
Bohuměr, Wachposten
Nebojša, Sprewane und Kaufmann
Miluša, seine Tochter
Vuk, Knecht
Sonstige
Mickel, Jäger im Bereich der Brandenburg
Ahmad at-Tawil, arabischer Historiker
Berbelin und Linus, Urberliner
Milegost, Cealadrag und Liub, Wilzen
Anno 1190
Mord im Kloster Lehnin
Im Jahre 1190 betritt der liebestolle venezianische Händler Ricario Accorsi die Szenerie und schafft sich mit seiner Fähigkeit, allein durch seine Blicke Frauen zu verführen, beileibe nicht nur Freunde. Aus Magdeburg, wohin seine Geschäfte ihn führten, muss er Hals über Kopf fliehen. Verkleidet als Mönch, findet er Unterschlupf im Zisterzienserkloster Lehnin. Dort bekommt er es mit slawischen Verschwörern zu tun, die den Deutschen in der Region um Potsdam den Garaus zu machen versuchen. Fast noch bedrohlicher jedoch ist sein sündhaftes Liebesleben, das eine Katastrophe auszulösen droht, mit der die Politik des Markgrafen Otto II. nachhaltig gefährdet wird.
Als es auch noch einen mysteriösen Mord aufzuklären gilt, fragen wir uns bang, auf was sich Ricario Accorsi da eingelassen hat.
Eins
Ricario Accorsi schlenderte durch Magdeburg und war auf der Suche nach einem weiblichen Wesen, dem er sich nähern konnte, ohne sogleich verprügelt oder gar totgeschlagen zu werden. Jeder Frau zwischen fünfzehn und fünfzig, der er beim Gang über den Markt begegnete, blickte er tief in die Augen, um das Feuer zu entzünden, das sie vielleicht irgendwann in seine Arme trieb. An seiner Kleidung konnten sie unschwer erkennen, dass er Italiener war, und alle wussten, dass die Männer aus dem Süden phantastische Liebhaber sein konnten. Er war groß gewachsen und ein ungewöhnlich schöner Mann – das Erste mochte von seinem lombardischen Vater herrühren, das Zweite hatte er seiner römischen Mutter zu verdanken.
»Das ist der Ricario«, wurde hinter ihm geflüstert.
»Mein Gott!«
Er glaubte, ein unstillbares Begehren aus den Stimmen der beiden Mägde herauszuhören, die ihm da begegnet waren. Offensichtlich hatte sich schon herumgesprochen, welch einzigartiger Liebhaber er war. Das hing nicht nur damit zusammen, dass er seinen Ovid auswendig kannte und jede Frau allein mit seinen heißen Worten in einen Liebesrausch versetzen konnte, sondern auch mit seiner Veranlagung, problemlos einer Frau mehrmals hintereinander zur Erfüllung zu verhelfen. Das war Folge einer leichten und keineswegs schmerzhaften Form des Priapismus. Profaner ausgedrückt: Die Schwellkörper seines Penis blieben um einiges länger mit Blut gefüllt, als das bei anderen Männern der Fall war. Manche sprachen von einer Satyriasis und meinten das, was im Lichte der heutigen Medizin wohl als Sexsucht oder Hypersexualität bezeichnet werden würde. Wie auch immer man es nennen will – Ricario Accorsi erlebte seinen extrem gesteigerten Drang nach sexueller Befriedigung keinesfalls als Krankheit, sondern fand es wunderbar, dass die Sexualität seine Gedanken und sein Verhalten im Alltag weitgehend bestimmte. Was ihm an Zeit und Kraft verblieb, reichte allemal, um ein erfolgreicher Händler zu sein.
Die beginnende Frühjahrsmesse hatte ihn in den Norden geführt. Seit 1035 war Magdeburg Messestadt und besaß das Recht, Handelsausstellungen und Konventionen abzuhalten. Zu den kundgetanen Terminen reisten Händler aus vielen Ländern in die Domstadt an der Elbe, um Geschäfte zu machen.
Nun, wer aus dem stolzen Venedig kam, der damals größten Stadt des Abendlandes, dem musste Magdeburg als besseres Dorf erscheinen, obwohl sich vor allem seine Kirchenbauten durchaus sehen lassen konnten. Ricario Accorsi saß gern unten am Fluss und sah den Schiffern wie den Fischern zu, obwohl die Elbe ganz etwas anderes war als bei ihm zu Hause der Canal Grande. Aber lange konnte er sich diesem Vergnügen nicht hingeben, denn eigentlich war er an seinem Marktstand unabkömmlich, weil seine Leute weder das Deutsche noch eine der slawischen Sprachen beherrschten. Das konnte nur er. Also machte er sich wieder auf. Was er verkaufte, waren Gewürze, die er in Alexandrien erstanden und auf dem eigenen Schiff nach Venedig gebracht hatte. Es handelte sich vor allem um Gewürznelken, Muskatnüsse, Pfeffer und Ingwer aus Indien und Indonesien. Auf chinesischen und malaiischen Booten waren die Köstlichkeiten nach Ceylon transportiert worden, und von dort hatten sie persische und ägyptische Kaufleute durch das Rote Meer nach Alexandrien bringen lassen. Was Ricario Accorsi in Magdeburg ankaufte, waren Bernstein, Wolle, Holz und Pelze.
Als Ricario auf dem Marktplatz angekommen war, sah er seine Leute mit einem einheimischen Kaufmann verhandeln, der ihm als Peter Drackstedt vorgestellt wurde. Er bot den Venezianern wertvolle Pelze an, die er aus Russland, Polen und dem Baltikum bezogen hatte.
Beredt pries er seine Ware an. »Für einen Zobelpelz mag es in Italien zu warm sein, aber welch hoher Herr würde nicht gern ein Stück Zobel auf seinem Kragen tragen!«
Ricario Accorsi prüfte die guten Stücke und murmelte dabei: »Der Begriff Zobel, martes zibellina im Lateinischen, kommt aus dem Russischen: Соболь, Sobol …«
Drackstedt war beeindruckt. Einen solch gebildeten Menschen, noch dazu aus einer der Metropolen der Welt, hätte er gern zu Gast an seiner Tafel gesehen. Vielleicht würde das sogar den Erzbischof, wenigstens aber Männer aus dessen Umfeld anlocken. Er zögerte noch ein wenig. Als sie dann aber handelseinig geworden waren, wagte er es, den Signore Ricario Accorsi zu einem sonntäglichen Festmahl zu laden.
»Aber mit Freuden!«, rief Ricario, denn im Hause des Kaufmanns speiste man allemal feudaler als in seiner kargen Herberge.
So fand er sich denn zu festgesetzter Stunde pünktlich im Hause des Kaufmanns ein. Drackstedt begrüßte ihn mit respektvollen Worten, führte ihn durch sein Anwesen und hielt ihm einen kleinen Vortrag über die Geschichte Magdeburgs.
»Wir werden 805 erstmals im Diedenhofer Kapitular Karls des Großen als Magadoburg erwähnt und waren danach Kaiserpfalz. 968, auf der Synode von Ravenna, wurde Magdeburg zum Erzbistum erhoben. Dazu gehörten die Bistümer Brandenburg, Havelberg und Meißen …«
Aber da hörte Ricario schon nicht mehr richtig zu, denn in einer der vielen Türen war Katharina Drackstedt erschienen, die Gemahlin des Kaufmanns, und ihr Anblick verschlug ihm fast die Sprache. Die oder keine! Die muss ich heute noch haben! Für die gehe ich über Leichen! In deren Schoß muss ich eindringen – und koste es mein Leben!
Er hatte Mühe, sich auf die Frage zu konzentrieren, um deren Beantwortung der Kaufmann ihn gebeten hatte. »Ein Doge, ja … Das Wort kommt aus dem Lateinischen: dux ist der Führer, Anführer, Fürst. Früher war ein Doge bei uns unumschränkter Alleinherrscher, seit rund fünfzig Jahren hat man ihm aber den Großen Rat zur Seite gestellt. Im Augenblick ist der vierzigste Doge an der Macht: Orio Mastropiero, ein alter Freund von mir.«
Dabei aber vermochte er nicht, sich auf sein wunderbares Venedig zu konzentrieren, denn zu sehr hingen seine Blicke an Katharina, und alle seine Gedanken kreisten um die Frage, wie er sie in diesem engen und offenbar sehr sittenstrengen Magdeburg wohl erobern konnte. Das ging eigentlich nur, wenn die Initiative von ihr ausging, denn allein sie kannte die Örtlichkeiten, an denen man sich vereinigen konnte, ohne erschlagen oder vor ein Gericht gezerrt zu werden. Also musste er sie mit seinen Blicken bannen und in ihr eine mächtige Glut entfachen.
Am Tisch nahmen nun noch andere Männer Platz, Magdeburger Honoratioren, aber auch der askanische Ritter Jacopp von Colno, ein Freund des Hauses, und als Letzter betrat der Bruder des Kaufmanns den Raum, Lennhart Drackstedt. Während sie speisten, bemerkte Ricario Accorsi, dass dieser Lennhart an der Gunst Katharinas zumindest ebenso stark interessiert war wie er selbst und sie ebenfalls mit seinen Blicken verschlang. Dem Ehemann stand die Eifersucht ins Gesicht geschrieben.
Die Gespräche kreisten um Themen wie den Dritten Kreuzzug, die Gründung des Deutschen Ordens durch Kaufleute aus Lübeck und Bremen, den Burggrafen von Regensburg, der sich als Minnesänger einen Namen gemacht hatte, und die Wirkung des Magdeburger Stadtrechts, das Erzbischof Wichmann geschaffen hatte.
An alledem war Ricario Accorsi nicht übermäßig interessiert, und gefragt, was ihn bewegen würde, erzählte er, wie seine Landsleute 828 in Alexandria die Gebeine des Evangelisten Markus gestohlen und nach Venedig gebracht hatten. »Zu seinen Ehren ist dann bei uns der Markusdom erbaut worden.«
Peter Drackstedt lachte. »Dann werden wir bald einmal nach Fulda ziehen, um aus der Sturmi-Basilika die Gebeine des Heiligen Bonifatius zu stehlen – für unseren neuen Dom.«
Ricario fand Katharinas Ehemann gar nicht einmal so unsympathisch, und er tat ihm auch irgendwie leid, aber sein Trieb war nun einmal stärker als sein christliches Gewissen.
Als die Tafel aufgehoben wurde und sich die Gäste vom Hausherrn und seiner Gattin verabschiedeten, trat Katharina ganz dicht an Ricario heran und flüsterte ihm, unhörbar für die anderen, ins Ohr: »Morgen früh um acht im Beichtstuhl …«
Und da saß sie dann auf seinem Schoß. Während seine Hände sie zu streicheln begannen, zitierte er aus Ovids Liebe mich:
Du hast mein Herz entzündet,
Nun Flamme, liebe mich!
Die Örtlichkeit ließ nichts anderes zu, als dass sie auf ihm saß. Da sie in dieser Stellung ihrem Manne noch nie beigewohnt hatte, war ihre Erregung umso größer. Mit geöffneten Schenkeln saß sie auf seinen Knien. Gesicht an Gesicht, seine Zunge in ihrem Mund, schaukelten sie sich mit rhythmischen Bewegungen immer weiter auf, bis sich dann in einem ekstatischen Schrei alles entlud.
Otto der Große hatte das Erzbistum Magdeburg großzügig mit Landzuweisungen, königlichen Einkünften und nutzbaren Rechten ausgestattet und dafür gesorgt, dass die Stadt eine herausragende Stellung im Reich zugewiesen bekam. Die Leute sollten ihn als würdigen Nachfolger der römischen Kaiser wahrnehmen, und so ließ er prächtige Kirchenbauten errichten. Der erste Magdeburger Dom war eine dreischiffige, kreuzförmige Basilika mit Ostquerhaus, Ostkrypta und großem Atrium im Westen. Nördlich davon erhob sich bald ein zweiter, nahezu gleich großer und äußerst reich ausgestatteter Sakralbau, der mit der Domkirche eine Doppelkirchenanlage bildete. Der Slawenaufstand von 983 hatte zwar die Expansion über die Elbe hinaus nach Osten gebremst. Nun aber war man unter dem klugen und tatkräftigen Erzbischof Wichmann wieder auf dem Vormarsch und versuchte, Richtung Oder neue Klöster zu gründen und deutsche Bauern anzusiedeln.
Heute hatte Wichmann Pater Vigilius, einen Visitator des Papstes, und den venezianischen Kaufmann Ricario Accorsi zu einem italienischen Abend in seine Privatgemächer geladen.
Ricario war dieser Einladung gern gefolgt und konnte, als er Wichmann zum ersten Mal von nahem sah, seine Verwunderung nicht ganz verbergen, denn dem Würdenträger fehlte ein Ohr.
Der Erzbischof kannte die Reaktion seiner Gäste und erklärte lächelnd die Zusammenhänge. »Vor fast zweieinhalb Jahrzehnten, genau gesagt im Jahre 1164, habe ich eine Wallfahrt nach Palästina unternommen, bin dort für einige Zeit in sarazenische Gefangenschaft geraten und habe im Kampf mit meinen Wächtern ein Ohr verloren. Aber …«, er machte eine Geste, als wollte er seiner Gemeinde den Segen spenden, »… zum Glück hat der Herr mir zwei Ohren geschenkt, und die Ohrläppchen sind ja doch nur mehr oder minder eine Zierde unseres Kopfes. Der Verlust eines Auges wäre viel tragischer.«
Pater Vigilius hatte dem noch das hinzuzufügen, was der Erzbischof in seiner Bescheidenheit verschwiegen hatte: »Und zurückgekehrt nach Deutschland, schenkte er dem Kloster Gottesgnade in Calbe Reliquien der beiden Heiligen Viktor und Pontianus.«
»Da bitte ich um Erklärungen«, sagte Ricario Accorsi mit einiger Ironie, »denn als Kaufmann kenne ich nur Hermes, den Schutzgott des Verkehrs, der Reisenden und der Kaufleute …«
»… sowie der Diebe und der Magie!«, fiel ihm Pater Vigilius donnernd ins Wort. »Und als Christ verbitte ich mir das, denn wie lautet das erste Gebot: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!«
Ricario zuckte regelrecht zusammen. So sympathisch ihm der Erzbischof war, so sehr rangierte der römische Visitator bei ihm in der Kategorie Kotzbrocken.
Wichmann suchte, dem Gespräch die Schärfe zu nehmen, indem er Ricario Accorsi mit sanfter Stimme die gewünschte Auskunft gab. »Der heilige Viktor I. kam wohl aus Nordafrika und war Bischof von Rom von 189 bis zu seinem Tod im Jahre 199. Er hat die Kirche, die damals noch stark vom Griechentum geprägt war, latinisiert. Und Pontianus war von 230 bis 235 Bischof von Rom. Während seines Pontifikats kam das Schisma des Hippolytus zu seinem Ende. Kaiser Maximinus Thrax schickte Pontianus und noch weitere Kirchenführer, so auch den Gegenpapst Hippolytus, ins Exil nach Sardinien und sperrte sie dort in ein Bergwerk ein, was Pontianus zum Märtyrerpapst werden ließ.«
Die Erwähnung des Namen Hippolytus entzündete in Pater Vigilius ein weiteres Feuer, und er begann noch heftiger zu eifern. »Hippolyt! Ich denke da an seine Schrift Refutatio omnium haeresium – Widerlegung aller Häresien, in der er mit seinem Feind Kalixt I. abrechnet. Dieser Kalixt soll in der Hölle schmoren!«
»Warum denn das?«, fragte Ricario in aller Unschuld.
»Unzucht, Mord und Abfall vom Glauben galten bis dato als unverzeihliche Todsünden. Kalixt jedoch erlaubt eine zweite Buße für Sünden der Fleischeslust. Für mich aber gehören alle geköpft und verbrannt, die Unzucht treiben.«
Ricario schluckte vernehmlich …
Peter Drackstedt war schon auf die vierzig zugegangen, als er 1173 die 16-jährige Katharina, die Tochter eines Glockengießers, zum Traualtar geführt hatte. Jetzt war er 54 Jahre alt, aber noch immer von beachtlicher Potenz. Doch seit einiger Zeit weigerte sich seine Frau, ihm zu Willen zu sein. Mal litt sie unter unerträglichem Kopfschmerz, wenn er sie bedrängte, mal hatte sie am Bett eines erkrankten Kindes zu wachen, mal war sie unpässlich. Als er mit seinem Freund Jacopp von Colno, dem askanischen Ritter, darüber redete, lachte der nur bitter.
»Ich bin nicht unter ihren Verehrern. Leider.« Das bezog sich darauf, dass ihm bei einem kleinen Gefecht ein Lanzenstich die Manneskraft geraubt hatte.
Das »Leider« ließ Peter Drackstedt rot anlaufen. »Musst du mir auch noch unter die Nase reiben, dass von drei Männern in Magdeburg zwei Katharina den Hof machen?«
»Sie ist nun einmal äußerst begehrenswert«, gab Jacopp von Colno zu bedenken.
Peter Drackstedt schlug so kräftig mit der Faust auf den Tisch, dass der Rotwein aus seinem Becher schwappte. »Aber sie gehört keinem anderen als mir!«
Jacopp von Colno suchte ihn zu beruhigen. »Sie weiß, dass Wollust und Unkeuschheit zu den sieben Todsünden gehören, und wird ihr Seelenheil nicht gefährden wollen.«
»Aber so abweisend, wie sie sich mir gegenüber verhält, da muss ich doch annehmen, dass sie heimlich mit einem anderen das Lager teilt.«
»Und wer könnte das sein?«
Peter Drackstedt stöhnte auf. »Manchmal denke ich, dass es Lennhart ist, mein eigener Bruder. Seit er Witwer ist, da …« Er verstummte, denn draußen auf der Diele war eine männliche Stimme zu hören – und das helle Lachen seiner Frau. »Da kommt er, und ich sehe direkt vor mir, wie Katharina ihn umarmt.«
Lennhart kam kurz danach ins Zimmer und begrüßte seinen Bruder so herzlich, dass man glauben konnte, sie seien ein Herz und eine Seele. Doch Jacopp von Colno zweifelte schon lange an der Echtheit dieser Gefühle. Lennhart war an die zehn Jahre jünger als Peter und das genaue Gegenteil seines Bruders: War der übergewichtig und träge und konnte sich nie zu einer Entscheidung durchringen, so war er schlank und rank, dynamisch und immer schnell bei der Sache.
Kaum hatte Lennhart Platz genommen, da stritten sie auch schon heftig über die Frage, ob sie eine Handelsniederlassung in Spandow, das wuchs und gedieh, errichten sollten oder nicht.
»Ja!«, rief Lennhart Drackstedt. »Der frühe Vogel fängt den Wurm.«
»Nein!«, kam es von Peter Drackstedt. »Bevor Markgraf Otto das Land nicht richtig vorangebracht hat, lohnt es sich nicht.«
Jacopp von Colno war die ewigen Streitereien leid und begab sich erst einmal auf den Abtritt. Der lag auf dem Hof des Anwesens, und auf dem Weg dorthin traf er Katharina.
»Du siehst gut aus heute«, sagte er und hatte auch eine Vermutung, woran das wohl liegen mochte, verschwieg sie aber wohlweislich.
Katharina konnte nicht verhindern, ein wenig rot zu werden. »Das wird am Sommer liegen, den wir nun langsam bekommen.«
»Oder daran, dass Peter auf der Messe so gute Geschäfte gemacht hat? Mit diesem Kaufmann aus Venedig … Wie heißt er noch einmal?«
»Ich weiß nicht, von wem du redest.«
»Ricario Accorsi, jetzt hab ich’s wieder.«
Katharina zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«
Jacopp von Colno glaubte ihr nicht. Er war Menschenkenner genug, um zu wissen, dass sie ihren Mann nicht mehr liebte – wenn sie das überhaupt jemals getan hatte –, sondern nur noch hasste. Gott, da braute sich etwas zusammen! Ihn schauderte.
Ricario Accorsi streifte durch die Stadt, um irgendwo einen Blick auf Katharina zu erhaschen. Inzwischen war er süchtig nach ihrem Körper. »Du bist ja krank!«, tönte es in ihm. Ja, sicher, aber er genoss diese Krankheit mehr, als dass er unter ihr litt.
»Hallo, Signor Accorsi!«
Ricario fuhr herum und erkannte Veytt von Gonna, einen Zisterzienser, den er in Morimond kennengelernt hatte. Der war jetzt, wie er Ricario Accorsi erzählte, als Pater Immediat des Klosters Lehnin nach Deutschland gekommen.
»Bei uns herrscht das Filiationsprinzip, das heißt, ich als Abt des Mutterklosters Morimond sehe in unseren Tochtergründungen in Deutschland nach dem Rechten, denn jede Abtei bleibt gegenüber ihrem Mutterkloster in der Verantwortung.«
Ricario nickte. »Gut – aber warum bist du nicht in Lehnin, sondern hier in Magdeburg?«
Veytt von Gonna grinste. »Weil Magdeburg zumindest ein wenig wie eine Stadt wirkt. Lehnin aber ist eine Hölle an Ödnis und Langeweile.«
Ricario kam ihm mit einem Wort aus dem Brief des Paulus an die Philipper: »Freuet euch in dem Herrn allewege … also auch in Nestern wie Lehnin.«
»Ich war lange genug in Lehnin. Jetzt gilt es, für das kommende Jahrhundert zu planen, das heißt weiter nach Osten vorzudringen und die Slawen zu missionieren. Wir müssen Klöster nördlich und nordöstlich von Lehnin bauen, zum Fürstentum Rügen und Herzogtum Pommern hin und an der Oder. Noch sind nicht alle Heveller, Zamzizi, Rezanen, Ploni, Sprewanen, Selpoli und Lusizi Christen geworden. Viel Arbeit liegt also noch vor uns, und der Herr gebe, dass der Markgraf endlich für klare Verhältnisse bei sich zu Hause sorgt. Ich treffe ihn Anfang nächster Woche in der Stadt Brandenburg.«
Die Brandenburg war am 11. Juni 1157 von Albrecht dem Bär erobert worden. Nun stand der Dom St. Peter und Paul auf dem Fundament der alten Burg, während die Markgrafen am Südrand der neu entstehenden Stadt Brandenburg eine Residenz errichtet hatten. Und hierher hatte Otto II. seine Vertrauten gerufen, um die politische Lage zu erörtern. Die konnte sich schnell verändern, nachdem sich in Deutschland die Kunde vom Tod des Kaisers Barbarossa verbreitet hatte. Er war während des Dritten Kreuzzuges bei der Überquerung des Flusses Saleph ertrunken. Die Frage stellte sich, wer wohl sein Nachfolger werden würde und was die Askanier von diesem erwarten könnten.
»Na, sicher setzt man seinem Sohn die Kaiserkrone auf, Heinrich VI.«, erklärte Jacopp von Colno. »Doch was haben wir Askanier von den Staufern schon zu erwarten? Nichts! Ich vermute aber, dass Heinrich eher nach Italien blickt und uns hier in Brandenburg in Ruhe lassen wird.«
Einer der Ritter lachte laut. »Wenn er nicht vorher in die Grube fährt!«
Das war eine Anspielung auf den sogenannten Erfurter Latrinensturz, der sich am 26. Juli 1184 ereignet hatte. An diesem Tage hatte Heinrich mit großem Gefolge im zweiten Stockwerk der Dompropstei des Marienstiftes zu Rate gesessen, als der morsche Boden des Geschosses plötzlich unter der außergewöhnlichen Last zusammengebrochen war. Die meisten Anwesenden stürzten in die Tiefe und schlugen auf dem Fußboden des ersten Geschosses auf. Der hielt dem Aufprall nicht stand, so dass viele der Herabstürzenden noch tiefer fielen – und zwar in die darunterliegende Abtrittsgrube. Dort ertranken oder erstickten einige von ihnen, andere wurden durch nachfallende Balken und Steine erschlagen oder verletzt. An die sechzig Tote gab es, Heinrich aber überlebte den Unfall.
»Eigentlich hätte er nun Heinrich der Stinkende heißen müssen«, sagte Jacopp von Colno, der den Staufern nicht gut gesonnen war, hatte doch Konrad III. im Jahre 1142 dem askanischen Fürsten Albrecht der Bär das Herzogtum Sachsen weggenommen und an Heinrich den Löwen gegeben.
Nun wurde ernsthaft darüber diskutiert, wie die Herrschaft der Askanier über die alte Nordmark zu festigen war. Im Nordosten hatten sie die Welfen mit Heinrich dem Löwen, im Norden den dänischen König Knud VI. und im Süden die Wettiner zu fürchten, und inmitten ihres eigenen Territoriums gab es viele Einsprengsel, in denen andere deutsche oder slawische Fürsten das Sagen hatten. So zum Beispiel der Magdeburger Erzbischof, dem Albrecht der Bär für seine Waffenhilfe gegen den Slawenfürsten Jaxa von Cöpenick Potsdam und Spandow mitsamt dem jeweiligen Umland geschenkt hatte.
»Mein Land ist ein einziger Flickenteppich!«, klagte denn auch Otto II. »Und die Frage ist, wie wir alle Ländereien unter einen Hut bringen können.«
»Durch unsere Waffen!«, rief einer.
Otto II. winkte ab. »Dafür sind wir zu schwach. Und was die Lehnsüberlagerungen betrifft, da spielt der Kaiser nicht mit.«
»Setzen wir auf die Zeit und die Zisterzienser!«, sagte Jacopp von Colno.
Als Ricario Accorsi einige Zeit später des Abends am Ufer der Elbe spazieren ging, um sich von einer weiteren intimen und sehr heftigen Begegnung mit Katharina Drackstedt zu erholen, kam urplötzlich von Westen her ein gewaltiges Gewitter herangezogen und überraschte ihn. Wohin sollte er fliehen, wo sich verstecken? In der Nähe von Bäumen war es zu gefährlich, und blieb er stehen, wo er war – im Sand zwischen Wasser und Wiesen –, überragte er alles und zog die Blitze nur so auf sich. Also warf er sich zu Boden. Das Inferno brach los: Erst gab es einen sintflutartigen Regen, dann prasselten Hagelkörner so groß wie Taubeneier auf ihn nieder. Und überall schlugen Blitze krachend in die umstehenden Weiden und Erlen ein.
Der 11. Psalm schoss ihm durch den Kopf: Der Herr prüft den Gerechten; seine Seele haßt den Gottlosen und die gerne freveln. Es wird regnen lassen über die Gottlosen Blitze, Feuer und Schwefel … Und der Beischlaf mit Katharina war ganz sicher eine frevelhafte Tat. Um verschont zu bleiben von der Strafe Gottes, gelobte er, am nächsten Morgen in die Kirche zu gehen und alle seine Sünden zu büßen.
Und das tat er dann auch. Zu früher Stunde betrat er den Dom. Vielleicht wartete in einem der Beichtstühle schon ein Priester auf ihn. Sonst wollte er nur vor das Kreuz treten, niederknien und den Herrn um Vergebung seiner Sünden bitten. Nur wenig Sonnenlicht drang durch die schmalen Fenster. Ein unangenehmer Geruch von modrigem Schimmelpilz und billigem Weihrauch stieg ihm in die Nase, als er durch den Mittelgang schritt, und er musste heftig niesen. Mit Blick auf den Gekreuzigten murmelte er eine Entschuldigung. Dabei stieß er auf etwas Weiches. Er hielt es im ersten Moment für den Körper einer schlafenden Katze, die sich in den Dom geschlichen hatte, dann aber, als die vermeintliche Katze nicht aufsprang und die Flucht ergriff, schrie er auf, denn nun hatte er gemerkt, dass er auf den Fuß eines Menschen getreten war. Zwischen den Kirchenbänken lag er. Auf dem Rücken.
»Das ist doch Peter Drackstedt!«
Um dessen Kopf herum hatte sich eine große Blutlache gebildet. Offenbar war er mit einem harten Gegenstand, einem Knüppel oder einer Keule, niedergestreckt worden. Ricario schien es, als würde er noch ein wenig atmen, und er beugte sich nieder, um dem Manne zu helfen. Von Ärzten aus dem Morgenland, die er in Italien getroffen hatte, wusste er, dass es manchmal half, das Herz zu massieren, um einen Menschen ins Leben zurückzuholen. Also begann er damit.
Plötzlich wurde er am Gewand nach hinten gerissen. Er fuhr herum und erkannte Jacopp von Colno.
»Mörder!«, schrie der askanische Ritter. »Wache! Fasst ihn!«
Zwei
Um die Bedeutung des Klosters Lehnin für die Askanier zu begreifen, müssen wir ins Jahr 1180 zurückgehen. Zu dieser Zeit war Otto I., Sohn von Albrecht dem Bär, Markgraf von Brandenburg und bemüht, das Werk seines Vaters fortzusetzen.
Otto war im weiten Land zwischen Brandenburg und Spandow unterwegs, genauer gesagt in der Zauche, und schlief, ermattet von der Jagd, unter einer Eiche ein, einem Baum, der den Slawen heilig war. Da plagte ihn ein Albtraum. Immer wieder drang eine grimmige weiße Hirschkuh auf ihn ein, Kopf und Geweih voran, und wollte ihn aufspießen. Ottos Versuche, sie mit seinem Jagdspieß abzuwehren, blieben vergeblich. In seiner Not begann er zu beten: »Auf, Herr, und hilf mir, mein Gott!« Darauf löste sich die Traumerscheinung auf wie eine Nebelbank bei Wind und Sonne.
Als der Markgraf seinen Begleitern von diesem Traum erzählte, wussten sie ihn sofort zu deuten. »Die Hirschkuh steht für den Satan«, sagte Hancz von Crüchern, ein alter Haudegen, der schon Albrecht dem Bär gedient hatte. »Und der Satan schnaubt vor Wut und erzittert in seinem Ingrimm, weil ihr, dein Vater wie du, im Lande Brandenburg schon so Großes vollbracht habt und noch mehr vollbringen werdet, dass der Herr der Finsternis fürchtet, seine Herrschaft zu verlieren.«
Jacopp von Colno sah die Sache nicht ganz so mystisch. »Ich glaube eher, dass wir die Hirschkuh als Sinnbild für die heidnischen Slawenstämme nehmen sollten, die hier noch immer so reichlich siedeln.«
»Dann sollten wir an dieser Stelle eine Burg zu Ehren unseres Christengottes errichten!«, rief einer. »Gegen all die heidnischen Gottheiten!« Otto I. schaute zum Himmel hinauf. »Wenn schon eine Burg, dann eine Burg Gottes, also ein Kloster. Von ihm aus sollen das Licht des Glaubens sowie die gute Sitte und ehrbarer Fleiß ausgehen über das ganze Heidenland. Die Zisterzienser sollen das Land ringsum als mein Lehen erhalten.«
»Und wie nennen wir den Ort?«, fragte Hancz von Crüchern.
Der Markgraf überlegte nicht lange. »Lehnin, weil es ein Lehen ist!«
Jacopp von Colno hielt das für bedenklich. »Bei den Slawen heißt die Hirschkuh Jelenin oder auch Lanye, und es geht doch schlecht an, dass ein deutscher Markgraf einer Klosterstiftung, die sich gegen die heidnischen Slawen wendet, ausgerechnet einen Namen gibt, von dem man annehmen könnte, er stamme aus dem Slawischen.«
Otto I. lachte. »Warum nicht? Damit werden die Slawen ohne Arg sein und uns keinen Widerstand entgegensetzen.«
Um die Machtverhältnisse klarzustellen, fällte man die slawische Eiche, so wie der heilige Bonifatius einst die Donar-Eiche gefällt hatte.
Diese Szene hatte der Zisterzienserabt Sibold vor Augen, als er im Sommer 1190 die Altarstufen der Klosterkirche betrat, in der ein verkieselter Eichenblock eingelassen war – ein Teil des Baumes, den Ottos Leute vor zehn Jahren gefällt hatten. Vor sieben Jahren war Sibold dem Ruf von Otto I. gefolgt und aus dem Harzvorland in die Mark gekommen, aus dem Kloster Sittichenbach nahe Eisleben. Die dortigen Mönche schuldeten Albrecht dem Bär Dank für früher erwiesene Freundlichkeit.
»Herr, hättest du dem Markgrafen die weiße Hirschkuh nicht an einem besseren Orte schicken können!«, hatten die Ministerialen am askanischen Hof schon wiederholt geklagt, denn das Land um den Lehniner Klostersee bestand weithin aus tiefen, unwegsamen Sümpfen. Die Slawen siedelten auf der kargen, aber wenigstens begehbaren Hochfläche ringsum oder an Seen mit schönen sandigen Ufern. Die Zisterzienser aber hatten vom Benediktinerorden die Maxime ora et labora übernommen, und das Leben konnte für sie gar nicht hart genug sein, um Gott zu zeigen, wie sehr man ihm verpflichtet war. Und wenn einer den Tod jeden Tag vor Augen hatte, dann tröstete er sich damit, dass niemand tiefer fallen konnte als in die Hand Gottes. So suchten sie denn mit dem Spaten in der rechten und dem Kreuz in der linken Hand, den Slawen zeitgemäße Methoden des Ackerbaus wie auch den christlichen Glauben nahezubringen.
»Herr«, betete Sibold, »wir flehen dich an, verschone uns mit weiteren heftigen Gewittern, die das mühsam gerodete Land unter Wasser setzen und unsere Ernte vernichten!«
Dabei baute er auf das, was im Matthäus-Evangelium geschrieben stand, 21. Kapitel, Vers 22: Und alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubet, werdet ihr’s empfangen.
Pater Hilarius wartete schon auf ihn, um mit ihm den Ablauf des Tages zu besprechen und aktuelle Probleme zu erörtern. »Die Slawen in Nahmitz wollen uns nicht fischen lassen, weder im Netzener See noch im Klostersee«, klagte er. »Und da ist einer gekommen, der nennt sich Darko und will sie gegen uns aufhetzen. Er sagt, der Markgraf habe ihnen vor langer Zeit schon die Fischerei- und Mühlenrechte übertragen – und nicht uns. Otto sollte uns ein paar Leute schicken, die hier für Ordnung sorgen.«
»Ich will keinen Streit und erst recht keinen Gebrauch von Schwertern, Pfeilen und Lanzen!«, rief Sibold, der jedem Konflikt herzlich abhold war. »Mit Liebe wollen wir die Heiden bekehren. Darum bitte ich den Herrn.«
Veytt von Gonna hatte sich im Hause eines Ackerbürgers einquartiert und schlich nun im Morgengrauen über den Hof, in den Händen einen Becher mit frischem Wasser und einen Teller mit Brot und Speck. Bevor er das Scheunentor aufzog, sah er sich nach allen Seiten um, ob ihn auch niemand beobachtete. Nein, alles lag noch in tiefem Schlaf. Diese Vorsicht musste er walten lassen, denn erfuhr man, dass er Ricario Accorsi bei sich versteckt hatte, verfiel auch er der Ächtung, da ganz Magdeburg den Venezianer für den Mörder des Kaufmanns Peter Drackstedt hielt.
Ricario Accorsi war den Häschern entkommen und hatte sich zu Veytt von Gonna geflüchtet, dem er bei Gott und seiner Ehre immer wieder hatte schwören müssen, Drackstedt nicht getötet, sondern nur als Erster dessen Leichnam entdeckt zu haben. Er fuhr hoch, als er den Zisterzienser kommen hörte.
»Buongiorno, Signore. Hier, bitte labt Euch!«
Ricario bedankte sich und machte sich über das her, was auf dem Teller lag.
»Du musst weg aus Magdeburg«, begann Veytt von Gonna die Unterhaltung. »Sie werden die Reichsacht über dich verhängen, so dass dich jedermann ohne Strafe töten kann.«
Ricario fuhr auf. »Ich bin aber unschuldig!«
»Pst!« Veytt von Gonna legte den Finger auf den Mund. »Die Magdeburger sind ohne Ausnahme von deiner Schuld überzeugt. Du hättest sonst nicht die Flucht ergriffen, argumentieren sie.«
»Ich habe die Flucht nur ergriffen, weil ich mir sicher war, dass sie mich für den Mörder Drackstedts halten und köpfen würden …« Noch konnte keiner beweisen, dass er es mehrmals mit Katharina Drackstedt getrieben hatte, aber man tuschelte schon. Und bei einem hochnotpeinlichen Verhör würde Katharina wohl ein Geständnis ablegen.
Veytt von Gonna musste diesen Zusammenhang ahnen, da er von der Triebhaftigkeit des Freundes wusste, vermied das Thema Frauen aber.
»Jedenfalls musst du noch heute aus Magdeburg verschwinden, denn irgendwann wird man sich daran erinnern, dass wir befreundet sind, und die richtigen Schlüsse ziehen.«
Ricario stöhnte auf. »Wie soll ich denn aus Magdeburg rauskommen? An den Toren wird mich doch selbst der dümmste Posten erkennen und dingfest machen!«
Veytt von Gonna überlegte eine Weile. »Ich habe eine Idee. Gestern ist eine Schar von Zisterziensern nach Magdeburg gekommen, und die wollen heute weiter zum Kloster Kamp am Niederrhein. Unter die könntest du dich mischen …«
»Ich in meinem Gewand?«
»Nein, ich verschaffe dir eine Ordenstracht.«
Nach einer Stunde brachte er sie dann. Sie bestand aus einer weißen Tunika mit schwarzem Gürtel und einem Überwurf mit Kapuze, genannt Skapulier.
Ricario hatte zwar keinen Spiegel zur Verfügung, empfand sich aber in dieser Verkleidung eher als Narr denn als Mönch.
Veytt von Gonna musste schmunzeln, so arg und dramatisch alles auch war. »Sehr schön! Das Schönste aber kommt noch.«
Ricario Accorsi erschrak. »Was denn?«
»Ich muss dir noch eine Tonsur schneiden.«
»Mein Gott, nein!«
Der Zisterzienser blieb hart. »Doch! Ohne Tonsur wirst du nicht wie ein Mönch wirken.«
Ricario Accorsi ergab sich seinem Schicksal, denn eine andere Chance, dem Henker zu entgehen, hatte er nicht.
»Wunderbar«, fand Veytt von Gonna, als er sein Rasiermesser wieder absetzte. »Nun muss es dir nur noch gelingen, dich bis zum nächsten unsrer Klöster durchzuschlagen – und das wäre Lehnin.« Er beschrieb ihm den Weg dorthin.
»Das hatte ich mir schon immer gewünscht: eine Woche lang ohne Essen und Trinken durch Sumpf und Heide wandern zu dürfen«, sagte Ricario ironisch. »Vielleicht gibt es auch noch ein paar reißende Ströme, durch die ich schwimmen muss …«
»Das kann dir nur dann widerfahren, wenn du dich total verläufst und am Ufer des Rheins landest.«
»Und wie soll ich nun heißen?«, fragte Ricario Accorsi. »Bruder Ricario?«
»Nein, das klingt zu verdächtig. Es sollte ein Name sein, der zu einem frommen Menschen passt. Am besten nennst du dich nach einem unsrer verstorbenen Päpste.«
Ricario Accorsi überlegte. »Anaklet, Evaristus, Telesphorus, Hyginus, Eleutherus, Zephyrinus … Nein, diese Namen kann man sich ja kaum merken. Hast du nicht einen einfacheren für mich?«
»Dann nimm doch am besten Lando«, schlug Veytt von Gonna vor.
»Wie?« Ricario Accorsi glaubte sich verhört zu haben.
»Lando, ganz richtig! Der war im Jahre 913 unser Papst und ist insofern einmalig.«
So wie ich, dachte Ricario Accorsi.
Darko saß in seiner Hütte, die etwas außerhalb von Poztupimi gelegen war, dem heutigen Potsdam. Im Ort selbst war er nicht gern gesehen, denn während er nicht anders konnte, als immer nur Hass zu predigen, wollten die Slawen in ihrer überwiegenden Mehrheit in Frieden mit den Deutschen leben. Es gab allerdings einige, die seine Gesellschaft nicht scheuten, ja die sogar zu ihm kamen. Sie erbaten sich von ihm Hilfe in allerlei Lebenslagen und beteten mit ihm die alten Götter an, deren Bilder Darko an den Wänden hängen hatte. An deren Spitze stand Svarog, der Gottvater und Schöpfer allen Lebens, Gott des Lichtes und des Feuers, der Himmelsschmied. Neben ihm, aber ein Stückchen tiefer, hingen Svarozic, sein Sohn, der Sonnengott, Vermittler des göttlichen Lebens auf der Erde und Spender des Guten, und Perun, der Gott des Gewitters und des Krieges. Dessen Hilfe erflehte Darko besonders oft.
Während er über seinen Plänen brütete, kamen vom Havelufer immer wieder alte Männer und Frauen zu ihm herauf, die seiner Hilfe bedurften.
Bohuměr, ein Fischer, klagte über einen Karbunkel, der sich auf seiner linken Gesäßbacke gebildet hatte und ihn daran hinderte, längere Zeit in seinem Kahn zu sitzen.
»Zieh die Hose runter«, sagte Darko. »Ich öffne den Karbunkel mit den Krallen eines Fischotters, dann heilt er bald.«
Cveta, eine Magd, wollte, dass er ihre Warze an der linken Hand behandelte, die immer größer wurde. Er berührte diese mit einem gefundenen Knochen und stach zusätzlich noch kreuzweise vier spitze Kienspäne hinein, um ihre Verbindung zum Körper zu kappen.
Tješimir, ein Bauer, sorgte sich um sein Vieh, das andauernd krank wurde.
»Stell einen schwarzen Ziegenbock in den Stall!«, rief ihm Darko zu. »Der zieht die Krankheiten ab.«
So ging es den halben Vormittag über, bis sich endlich sein engster Vertrauter bei ihm blicken ließ, der Bäcker Jarosław.
Sie setzten sich ans Ufer und waren bald bei ihrem Lieblingsthema angelangt: der Vertreibung aller Fremden aus dem Slawenland zwischen Elbe und Oder.
Als hätte er Cato den Älteren gehört, erhob Darko bei jedem ihrer Treffen seine Forderung: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Kloster Lehnin zerstört werden muss!«
Auch in Jarosław brannte dieser verzehrende Hass. »Ja, die Deutschen müssen weg, die Askanier müssen weg, die Zisterzienser müssen weg!«, rief er. »Zum Teufel mit allen!«
Dann berauschten sie sich an vergangenen Geschehnissen.
»Weißt du noch, am 29. Juni 983 …« Da war der große Slawenaufstand losgebrochen, und man hatte die Besatzung von Havelberg getötet und den dortigen Bischofssitz zerstört.
»Ja, und drei Tage später haben die Unsrigen die Brandenburg überfallen, und das Blut der Askanier und ihrer Priester ist in Strömen geflossen. Dann haben wir auf dem Harlunger Berg einen Tempel für unseren Triglaw errichtet.«
»Das ist leider schon lange her«, seufzte Darko. »Aber vor elf Jahren war ich selber dabei, als wir in Jutriboc den Rizzo erschlagen haben, den Abt aus Zinna. Du siehst also, man muss nur den Mut haben, das Böse aus der Welt zu schaffen.«
Jarosław war recht skeptisch. »Es sind zu viele, und gegen ihre Waffen sind wir ohne Chance.«
Darko wusste das und plädierte für etwas, das man einige Jahrhunderte später eine Guerilla-Taktik nennen sollte. »Wir müssen sie mit Nadelstichen treffen und langsam mürbe machen. Sie müssen dieses Land hier zu hassen beginnen und nur noch den einen Wunsch haben: Weg von hier, bevor wir alle vor die Hunde gehen! Und was meinst du, wie schnell die Zisterzienser wieder in ihr Mutterkloster zurück wollen, wenn sie Woche für Woche einen von ihnen tot im Wald auffinden!«
»Und wie willst du das bewerkstelligen?«
»Ganz einfach! So nämlich …« Darko holte eine Keule aus dem Schrank, um die er oben einen dicken Wolllappen gewickelt hatte. »Damit kriegen die Mönche einen über den Schädel gezogen. Sie haben ja ihre Kapuze über den Kopf gestreift, und deshalb wird wohl die Kopfhaut nicht aufplatzen. Dann können wir …«, er zog eine Art Dreizack hervor, dem aber das Mittelteil fehlte, »… dem Toten diese Gabel ins Bein stechen. Das sieht dann aus wie ein Schlangenbiss.«
Jarosław war begeistert von dieser Aussicht. »Eine großartige Idee! So wird keiner uns verdächtigen.«
Ricario Accorsi hatte die Karte der Mark Brandenburg so weit im Kopf, dass er in etwa wusste, wie er zu laufen hatte: erst Richtung Nordost, dann Ost – also immer hinein in die aufgehende Sonne. Es wurde langsam Hochsommer, und da war es kein großes Problem, in den Wäldern einen Schlafplatz zu finden. Nur im Morgengrauen, wenn sich der Tau auf Gesicht und Hände legte, fror er etwas, zumal ihm eine Decke fehlte. Fand er aber weiches Moos und trug er genügend dünne Äste und trockene Gräser zusammen, so ergab das ein halbwegs komfortables Nachtlager. Richtig satt wurde er zwar nie, aber es gab so viele Beeren und wilde Früchte zu essen, dass er nicht verhungerte. Und verdursten musste er auch nicht, da er regelmäßig an Bächen vorbeikam. Was ihn aber mächtig störte, war seine Ordenstracht. Zum einen behinderte sie ihn beim Laufen, und zum anderen war sie ihm viel zu auffällig. Er konnte sicher sein, dass der Erzbischof seine Heidereiter ausschickte, ihn einzufangen, und die hätten schon blind sein müssen, ihn nicht zu entdecken, wenn er über ein Feld oder eine Lichtung lief. Grün und grau wären die richtigen Farben gewesen, so wie sie die Meisen und die Grünlinge zeigten, nicht aber das Schwarzweiß einer Elster.
Einmal, als ihm zu heiß geworden war, stieg er in einen Pfuhl, um sich zu erfrischen. Als sich die Frösche gestört fühlten und lauthals gegen sein Geplansche protestierten, trug er ihnen Ovid vor. »Nun hört mal schön zu, das ist aus den Metamorphosen VI, Die Frösche.«
In die Fluten zu springen,
Freut sie und bald ganz unter den Pfuhl zu tauchen die Glieder,
Bald zu erheben das Haupt, und bald auf der Fläche zu schwimmen;
Oft sich über dem Bord zu sonnen am Sumpf, und hinab dann
Wieder zu plumpsen in kühlende Flut. Noch jetzo beständig
Gellt von Zank die schmähliche Zung’; und der Schande nicht achtend,
Ob sie die Flut auch bedeckt, auch bedeckt noch schimpfen sie kecklich.
Selber der Ruf tönt rauh, und es schwillt der geblähete Hals auf,
Und viel weiter noch sperrt den gedehneten Rachen die Schmähung.
Schulter und Haupt sind gesellt, und scheinen den Hals zu verdrängen,
Grünlich gefärbt ist der Rücken, der groß vorragende Bauch weiß.
Jugendlich hüpfen herum im morastigen Sumpfe die Fröschlein.
Das gefiel den Tieren, und sie hörten auf mit ihrem Gequake, von dem er befürchten musste, dass es seine Häscher aufhorchen ließ.
Auf diese Weise wurde Ricario zwar nicht gerade eins mit der Natur, kam aber gut mit allem zurecht und konnte hoffen, Lehnin am Abend des zweiten Tages zu erreichen. Bis jetzt war er keinem Menschen begegnet, was in diesem mehr als dünn besiedelten Landstrich auch nicht anders zu erwarten war. Plötzlich merkte er auf: Da brannte etwas, irgendwo vor ihm! Da es kein Gewitter gegeben hatte, konnte kein Blitz etwas entzündet haben, es mussten also Menschen ein Feuer angefacht haben. Waren es Jäger oder Fischer, die sich etwas brieten? Es gab aber auch noch eine andere Möglichkeit: Der Rauch kam aus der Küche des Klosters, und dann konnte er nicht weiter als eine Stunde von dessen Mauern entfernt sein.
Voller Vorfreude beschleunigte er seine Schritte und zerriss sich dabei vollends das Gewand. Egal, bald gab es neue Kleider für ihn. Als er vor sich eine kleine Rodung sah, hörte er, wie sich ganz in der Nähe zwei Männer etwas zuriefen.
»Jest to człowiek.«
»A mnicha.«
»Do niego!«
So viel verstand er von den slawischen Sprachen, dass er eines im Nu begriff: Da waren zwei, die ihm an den Kragen wollten. Schnell bückte er sich nach dem dicksten Ast, den er finden konnte, und sprang auf die Lichtung hinaus, um die Angreifer zu erwarten. Doch aus dem Unterholz kam nur ein Mann, der die Hände hob, um anzuzeigen, dass er nichts Böses im Sinne hatte. Aber das war nur eine Finte, und fast wäre Ricario Accorsi auf sie hereingefallen. War es sein Instinkt, war es das Knacken eines Astes hinter ihm – wie auch immer, in letzter Sekunde fuhr er herum und sah gerade noch, wie ein zweiter Mann mit einer Keule ausholte, die oben mit einem Wolllappen umwickelt war. Zum Glück war er behende, und so konnte sich Ricario noch rechtzeitig um die eigene Achse drehen und die Keule mit beiden Händen abfangen. Zugleich rammte er dem Angreifer sein rechtes Knie mit derartiger Gewalt ins Gemächt, dass der sofort niederstürzte und sich schreiend auf dem Boden wälzte. Schon aber war sein Kumpan herangeeilt, um sich nach der Keule zu bücken. Ricario blieb nichts anderes, als ihm mit dem Fuß so gegen das Kinn zu treten, dass er nach hinten flog und in den nächsten Minuten genug damit zu tun hatte, sich um seinen gebrochenen Kiefer zu kümmern. Ricario Accorsi huschte zum Waldesrand und ward nicht mehr gesehen.
Sosehr ihn sein Sieg erfreute, so sehr fluchte er über seine zerrissene Kleidung. Er war es gewohnt, immer das Beste zu tragen, was es in Italien, Spanien und Frankreich zu kaufen gab, denn je eleganter er gewandet war, umso leichteres Spiel hatte er bei seinen Eroberungen. Als er an die Frauen dachte, die er zuletzt gehabt hatte, Katharina Drackstedt allen voran, verspürte er sofort eine Erektion, die sich sehen lassen konnte. Erst in diesem Augenblick wurde ihm mit großem Schrecken gewahr, dass Lehnin kein Nonnenkloster, sondern nur von Männern bewohnt war. Dieser Gedanke war für ihn so entsetzlich, dass er vergaß, darauf zu achten, wo er hintrat – und übersah deshalb eine ausgewachsene Kreuzotter, die sich vor ihm durchs Gras schlängelte … Und die zögerte nicht lange, ihm ihre Giftzähne in die nackte Wade zu schlagen.
»Herr, unser Gott, ausgelöscht wurde hier ein Leben von fremder Hand – durch furchtbare Gewalt. Herr, wir sind fassungslos, können nicht begreifen, was Menschen dazu treibt, einen anderen Menschen zu töten. Nur zu rasch geht uns in einer Stunde wie dieser der Satz über die Lippen: ›Wie kann Gott das zulassen?‹ Doch dabei vergessen wir nur zu schnell, dass nicht du, Herr, das Böse vollbringst, sondern wir selbst. Wir Menschen sind es, die einander dieses Schreckliche antun.«
Der Erzbischof selbst war es, der die Trauerrede hielt, und alle Verwandten und Freunde Peter Drackstedts waren erfüllt vom Rachegedanken, obwohl Wichmann mahnte, dass dieser nicht alles andere übertönen dürfe. Und schon nachdem man den Kaufmann zu Grabe getragen hatte und beim Leichenschmaus beieinandersaß, entwickelte Lennhart Drackstedt Pläne, wie man den Mörder seines Bruders endlich zu fassen bekommen konnte.
»Ich werde nicht eher ruhen, bis der Henker seine Arbeit getan hat!«, rief er. »Dieser Venezianer muss am Galgen hängen!«
Pater Vigilius versuchte, besänftigend auf ihn einzuwirken. »Lennhart, bist du dir denn wirklich sicher, dass es dieser Ricario Accorsi war, der …«
»Ja, ich habe doch mit ihm an ein und derselben Tafel gespeist und ihm über Stunden ins Gesicht gesehen.«
Pater Vigilius ließ dennoch nicht ab, die anderen zu ermahnen, nicht unbesonnen zu reagieren. »Bedenket aber, was in Matthäus 7 geschrieben steht: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden.«
»Unsinn!«, entfuhr es Jacopp von Colno, und er vermied nur mit Mühe das Wort Paffengewäsch. »Mein Freund Peter ist durch Mörderhand gestorben. Warum also sollen wir alle hier am Tisch diesen Mörder nicht richten dürfen, da wir allesamt doch keine Mörder sind!«
Katharina Drackstedt blickte sich verstohlen in der Runde um, denn sie war sich sicher, dass der Mörder ihres Mannes nicht Ricario Accorsi hieß, sondern hier mit ihr beim Leichenschmaus saß. Aber selbstverständlich schwieg sie.
»Wie wahrscheinlich ist es denn, dass sich der Mörder noch in Magdeburg versteckt hält?«, fragte ein Vetter des Verstorbenen.
»Das ist sehr wahrscheinlich«, antwortete Lennhart Drackstedt, »denn die Posten an den Toren hatten strenge Weisung, jeden genauestens zu überprüfen, der nach dem Mord Magdeburg verlassen wollte.«
»Das stimmt«, meinte ein anderer Verwandter, einer aus dem Rheinland, »aber zwischen der Tat und ihrer Entdeckung wird doch einige Zeit vergangen sein, und die wird der Mann genutzt haben, die Stadt zu verlassen.«
Lennhart Drackstedt reagierte etwas unwirsch. »Nein doch!« Und er murmelte noch, dass der andere wohl nicht aus Köln käme, sondern aus dem Mustopf.
Jacopp von Colno wiederholte, was eigentlich alle hätten wissen müssen: »Ich habe diesen Mann doch selbst gesehen, Sekunden nach der Tat, und bin sofort zum nächsten Nachtwächter gelaufen, um Alarm geben zu lassen. Wie soll der Mörder da entkommen sein?«
Lennhart Drackstedt bildete nun kleine Trupps aus Freunden und Verwandten der Drackstedts, die alsbald auszogen, jeden Winkel der Stadt an der Elbe zu durchkämmen. Doch ihr Bemühen war vergeblich. Was sie weiterbrachte, war ein Zufall. Am Tor, das zur Brücke auf die Elbinsel vor Magdeburg führte, unterhielten sich zwei Posten darüber, ob es eher ein Glück oder ein Unglück sei, als Mönch zu leben.
»Na, die sieben Zisterzienser, die wir neulich reingelassen haben, die haben mir einen sehr glücklichen Eindruck gemacht.«
»Wieso sieben?«, fragte der andere. »Es waren doch acht.«
»Wieso acht? Ich kann doch noch bis sieben zählen!«
»Und ich bis acht! Und ich schwöre beim Allmächtigen, dass ich acht aus der Stadt gelassen habe!«
Sie stritten sich so laut, dass Jacopp von Colno, der in der Nähe war, das mitbekam, und sofort hatte er das Rätsel gelöst.
»Wenn sieben Zisterzienser nach Magdeburg gekommen sind und es acht wieder verlassen haben«, erklärte er wenig später Lennhart Drackstedt, »dann wird der achte kein anderer gewesen sein als der Mörder deines Bruders. Er wird sich eine Ordenstracht verschafft und sich unter die Mönche gemischt haben.«
»Wie sollte das möglich gewesen sein?«
Jacopp von Colno überlegte. »Fragen wir doch einmal Veytt von Gonna!«
Sie taten es, und der Zisterzienser bestätigte ihnen, dass sich sieben seiner Glaubensbrüder bei ihm eingefunden hatten.
»Aber acht haben Magdeburg verlassen!«, rief Lennhart Drackstedt. »Und wir vermuten, dass dieser achte der Mörder meines Bruders war, nämlich der Händler Ricario Accorsi aus Venedig.«
Jacopp von Colno musterte Veytt von Gonna mit einem Blick, der nichts Gutes verhieß. »Wie ist denn zu erklären, dass dieser Mann zu einer Ordenstracht der Zisterzienser kam?«
Veytt von Gonna zuckte die Schultern. »Sie führen immer Ersatz bei sich, und er wird ihnen vorgegaukelt haben, dass er einer von ihnen ist. Ein paar Sätze Latein, ein Psalm, bestimmte Kenntnisse … Manchmal reicht nur wenig aus, andere zu täuschen.«
»Wo sind Eure Ordensbrüder denn hin?«, wollte Lennhart Drackstedt wissen.
»Nach Braunschweig wollten sie, Heinrich den Löwen zu neuen Klostergründungen in seinen Landen zu bewegen.«
»Dann auf nach Braunschweig!«, rief Jacopp von Colno.
Ricario Accorsi saß auf einem umgestürzten Baum und kühlte seine Wunde. Wenn der Biss einer Kreuzotter tödlich war, dann hatte er nicht mehr lange zu leben. Starb er hier im märkischen Urwald, würde ihn nie jemand finden – höchstens sein Skelett, wenn hier einmal gerodet wurde.
Denn dass sich die Wölfe sogleich an seiner Leiche gütlich tun würden, stand außer Frage. Er hatte nur noch eine Chance: Er musste es bis ins Kloster schaffen und hoffen, dass die Mönche ein Gegengift kannten.
Also rappelte er sich wieder auf und lief in die Richtung, in der er Lehnin vermutete. Und er schien sich nicht geirrt zu haben, denn nach ein paar Minuten stieß er auf einen Trampelpfad und eine Viertelstunde später sogar auf einen schmalen Weg. Die Fußspuren im Sand waren noch frisch, das ließ ihn weiter hoffen. Dann hörte er Stimmen, und nach weiteren hundert Schritten war er wirklich am Ziel. Man brachte ihn zum Abt.
Sibold empfing ihn mit freudiger Umarmung. »Herzlich willkommen, Bruder! Wie lautet dein Name, was führt dich her zu uns?«
»Mein Name ist Lando, ich komme aus Italien, aus dem Kloster Acquafredda, das in der Nähe des Comer Sees gelegen ist. Mein Freund und Gönner Veytt von Gonna aus Magdeburg hat mich zu Euch geschickt.«
»Wie schön!«, rief der Abt.
Ricario merkte, dass ihm der Name Veytt von Gonna alle Türen öffnete und ihm Fragen nach seiner Herkunft und seinen bisherigen Aktivitäten im Orden ersparte – vorerst jedenfalls. Später, wenn sie merkten, dass er von vielen ihrer Regeln keine Ahnung hatte, kamen bestimmt Zweifel. Um abzulenken, sprach er schnell von seinem Schlangenbiss.
»Das passiert hier öfter«, verriet ihm der Abt. »Und um das Schlimmste zu verhindern, haben wir unseren Hilarius.«
Der war ein lebensfroher, kugelrunder Mann, der alle Krankheiten kannte, die ein Mensch haben konnte, und der in einem kleinen Garten Kräuter zog, um Übel wirkungsvoll zu heilen.
»Keine Angst«, sagte er, als er Ricario Accorsis Bein betrachtet hatte, »du müsstest schon von fünf Kreuzottern gleichzeitig gebissen werden, um vom Herrn heimgeholt zu werden in die Ewigkeit.«
»Aber die Bissstelle schwillt langsam an und sieht schon bläulich aus«, klagte Ricario. »Auch kriege ich immer schwerer Luft, und mein Herz schmerzt zunehmend.«
»Ach, das gibt sich wieder!«, rief Hilarius. »Ich trage einen Brei aus Kräutern auf deine Wunde auf und verbinde sie dann. Danach trinkst du einen Schluck Wein, um ruhiger zu werden.«
In der Tat ging es ihm bald wieder besser, und der Abt holte ihn ab, um ihm seinen Schlafplatz zuzuweisen.
»Ruhe dich nun etwas aus, Bruder Lando, denn um zwei Uhr in der Nacht werden wir, wie du weißt, von der Glocke zur vigil geweckt.«
Ricario Accorsi bedankte sich und streckte sich auf seinem Strohsack aus. Nacheinander kamen die Lehniner Mönche herein.
Mein Gott, dachte Ricario Accorsi, so viele Männer! Wenn ich doch nur der Männerliebe anhängen würde! Und ein bisschen hatte er Angst, dass seine Triebe früher oder später umgelenkt werden könnten und er dann sexuell mit dem feisten Hilarius verkehrte. Um diese Ängste abzuwehren, dachte er umso intensiver an die Frauen, die er am heftigsten geliebt hatte, vor allem aber an Katharina.
Kurz vor der vigil schreckte er hoch. Gott, ein Samenerguss!
Drei
Braunschweig verdankte seine Existenz einer Furt durch die Oker. Auf beiden Seiten des Flusses, so erzählte man sich, seien schon im 9. Jahrhundert die Siedlungen Brunswik und Dankwarderode entstanden. Die erste Urkunde über die Existenz Braunschweigs ist allerdings erst 1031 ausgefertigt worden. Als Gründer der Stadt galt der Graf Brun oder auch Bruno. Von den Brunonen ging die Stadt Braunschweig wie das gesamte Herzogtum Sachsen 1142 an Heinrich den Löwen über, der die Stadt zu seiner Residenz ausbaute.
Als Jacopp von Colno und einige andere Magdeburger auf Braunschweig zuritten, waren sie nicht unbedingt von guten Gefühlen erfüllt. Erzbischof Wichmann hatte zwar nie richtig Krieg gegen die Welfen geführt, sich aber zu oft mit den Askaniern zusammengetan – etwa bei der Rückeroberung der Brandenburg im Jahre 1157. Sie konnten also nicht erwarten, dass Heinrich sie mit offenen Armen empfangen würde.
Doch Jacopp von Colno kannte einige seiner Lehnsmänner ganz gut, so dass sie doch auf Hilfe hofften, wenn sich der Mörder Peter Drackstedts, verkleidet als Zisterzienser, in Braunschweig aufhalten sollte.
»Heinrich hat sich schon immer als etwas Besseres empfunden«, urteilte Jacopp von Colno, »so als würde er weit über anderen Reichsfürsten stehen. Am liebsten hätte er es wohl gehabt, wenn er denselben Status erhalten hätte wie der König von Böhmen.«
Lennhart Drackstedt lachte. »Wie muss er den Kaiser geärgert haben, dass der ihn sogar in die Verbannung geschickt hat!«
»Ja, nachdem er den Kaiser nicht unterstützen wollte, als der gegen die Lombardei in den Krieg gezogen ist.«
1182 war Heinrich der Löwe ins Exil gegangen, unter anderem nach England. Seine Frau war in Braunschweig geblieben, und nach deren Tod war er vorzeitig zurückgekehrt, um seinen Frieden mit dem Kaiser zu schließen.
So erreichten sie Braunschweig und wurden auch zum Fürsten vorgelassen. Als sie ihre Bitte vorgetragen hatten, gab sich Heinrich der Löwe aber ziemlich abschätzig.
»Zisterzienser also … Reitet doch selber nach Ritdageshusen, da steht das Kloster auf dem Land, das ich ihnen geschenkt habe. Wann war das?« Sein Blick ging in die Richtung seines Gefolges.
»Im Jahre 1146!«, rief ihm einer der Seinen zu.
Heinrich nickte. »Hat jemand von euch eine Schar Zisterzienser in Braunschweig gesehen?«
»Nein.«
»Dann schaut also selber in Ritdageshusen nach«, sagte er zu seinen Gästen. »Oder noch besser, ihr fragt die Askanier und Otto II., die haben doch die Zisterzienser vor ihren Karren gespannt.«
Damit waren die Magdeburger entlassen. Aber immerhin war Heinrich so gnädig, ihnen hinterherzurufen, sie mögen den Erzbischof doch bitte von ihm grüßen lassen.
Was blieb ihnen, als nach Ritdageshusen zu reiten? Man verriet ihnen, dass es nur einen Steinwurf östlich von Braunschweig zu finden war, und zwar an einem Flüsschen namens Wabe.
Dort angekommen, wandten sie sich an den Abt. »Wir suchen acht Zisterzienser, die in Magdeburg losgezogen sind und nach Braunschweig wollten.«
»Warum sucht ihr die?«, wollte der Abt wissen.
»Weil …«, Jacopp von Colno zögerte ein wenig mit der Antwort, »… weil sich unter sie ein Mann gemischt hat, der ein Mordbube ist.«
»Tut mir leid, hier ist niemand angekommen. Da müsst ihr wohl woanders suchen.«
Für einen Lebemann wie Ricario Accorsi war der Alltag in Lehnin sehr gewöhnungsbedürftig. Nun hatte er zwar als venezianischer Kaufmann auch arbeiten müssen, aber nicht gerade hart, und den größten Teil des Tages und der Nacht war er auf Genüsse aller Art fixiert gewesen – nicht zuletzt erotische Genüsse. Im Kloster aber … O Gott! Schnell hatte Ricario begriffen, dass sich im Kloster alles um das opus dei drehte, das Gotteslob. Die Zisterzienser waren dem ora et labora des heiligen Benedikt von Nursia verpflichtet und sollten mit dem Psalm 119, Vers 164, zu Gott sprechen: Ich lobe dich des Tages siebenmal … Auch mitten in der Nacht hatte man aufzustehen, um ihm zu danken. Das entsprach dem Vers 62 des 119. Psalms: Zur Mitternacht stehe ich auf, dir zu danken … 150 Psalmen hatten innerhalb einer Woche gebetet zu werden.
Der heilige Benedikt hatte die täglichen Stundengebete in Horen eingeteilt. Die erste Hore trug den Namen vigil oder matutin und fand zwischen Mitternacht und frühem Morgen statt. Sie wurde mit einem Psalm eröffnet, danach folgten ein Hymnus und eine oder zwei nocturni. Die nocturni bestanden aus Psalmen und einer Lesung.
»Te deum laudamus«, sang Ricario Accorsi am Ende – mit voller Inbrunst, um ja nicht aufzufallen.
Bei Tagesanbruch ging es weiter mit dem Morgengebet, laudes genannt. Dann kamen prim, terz, sext, non und schließlich vesper. Die vesper, das zentrale Abendgebet, bestand aus Psalmen, Hymnen, dem Vaterunser, einer Schriftlesung, Fürbitten und dem Magnifikat. Nun glaubte Ricario Accorsi, genug gelitten zu haben, doch es folgte noch die komplet, die letzte Hore, als Nachtgebet. Sie enthielt ein Bußgebet, einen Hymnus, Psalmen, eine Lesung, einen Antwortgesang, einen Lobgesang, ein Oratorium und den Segen. Dann begann die nächtliche Ruhe.
»Gott sei Dank!«, murmelte Ricario Accorsi.
Neben den gemeinsamen Stundengebeten und der gemeinsamen Messe standen die individuellen Gebete der Mönche, denn die Bibel sagte im ersten Brief des Paulus an die Thessalonicher (5, 17): Betet ohne Unterlaß! Die individuellen Gebete beinhalteten neben der lectio, dem Lesen biblischer Texte, auch die meditadio, das Nachdenken über das Gelesene, und die oratio, die Hinwendung zu Gott im Gebet. Diese Gebete konnten die Mönche entweder in der eigenen Klosterzelle oder im Kreuzgang abhalten. Hier hatte Ricario Accorsi Gelegenheit, nur so zu tun, als ob.
Zwischen den Horen wurde studiert und gearbeitet, denn Müßiggang galt als Feind der Seele. Das Studium der Heiligen Schrift war für Ricario Accorsi nicht gerade ein Genuss, aber längst nicht so schrecklich wie die körperliche Arbeit auf den Feldern und in den Sümpfen. Die Klöster sollten, so der Wille der Markgrafen, Vorbilder für die weithin slawische Bauernschaft ringsum in den Dörfern sein. Mit dem Gott der Christen, so die Botschaft, kommt für euch das bessere Leben. Die Zisterzienser legten Sümpfe trocken und ließen sie zu fruchtbaren Äckern werden. Sie bauten Mühlen, sie versuchten sich im Anbau von Wein, und sie züchteten Schweine, Rinder, Ziegen und Pferde. Zudem fingen sie Fische und stellten Bienenkörbe auf. Das diente nicht nur der Selbstversorgung, langfristig wollte man auch Handel treiben mit Getreide, Fisch, Molkereiprodukten, Honig, Bienenwachs und Leder und die Städte beliefern, die sich im Raum zwischen Elbe und Oder entwickeln würden.
Die schwersten Arbeiten wurden in der Regel nicht von den Chormönchen verrichtet, sondern von den Laienbrüdern mit verringerten Gebetspflichten, den conversi. Ricario Accorsi war jedoch in die Sümpfe geschickt worden, um Buße zu tun für seine sündigen Gedanken. Denn Bruder Honorius, der den Strohsack neben ihm belegt hatte, war zum Abt geeilt, um vom Samengeruch im Schlafsaal und Accorsis Selbstbefleckung zu berichten.
Zwei Tage hielt Ricario die Arbeit auf den Feldern aus, dann eilte er zum Abt, damit der ihm eine andere Aufgabe zuteilte.
»Mit meinem Bein, das durch den Schlangenbiss stark in Mitleidenschaft gezogen worden ist, und einem Rücken, der schon schmerzt, wenn ich Schwereres hebe als einen Becher mit verdünntem Wein, kann ich nicht länger mit dem Spaten meine Arbeit verrichten«, begann er. »Und außerdem glaube ich, ohne dass mich jemand der Eitelkeit bezichtigen kann, in einer anderen Funktion unserem Orden besser dienen zu können. Darum …« Er machte eine kleine Pause und senkte das Haupt, um seine Demut anzuzeigen. »Wenn ich mir ein offenes Wort erlauben darf …«
»Ja, Lando, sprich!«
»Danke! Unser Mutterkloster wie auch der Markgraf wünschen, dass wir die Heiden missionieren. Aber diese Missionsarbeit liegt, das habe ich schon in Erfahrung bringen können, in Lehnin ziemlich im Argen.«
Sibold seufzte. »Ja, zugegeben, mein Sohn, aber ich …« Er verlor irgendwie den Faden, denn alles an Ricario Accorsi reizte ihn: seine schöne Gestalt, sein edles Gesicht, die wohlklingende Sprache, seine erlesenen Gedanken. Er war auch ins Kloster gegangen, weil er Männer liebte, und er spürte genau, dass dieser Italiener, dieser Lando ihm gefährlich werden konnte. Herr, gib mir die Kraft, dass ich dieser Versuchung widerstehen kann! Es fiel ihm auch auf, dass Lando und er etwa gleichen Alters waren und äußerlich einander ähnelten, fast wie Zwillingsbrüder. Das verwirrte ihn zusätzlich.
»Ist etwas mit Euch?«, fragte Ricario, dem nicht entgangen war, dass der Abt bleich geworden war und dass seine Hände zitterten.
»Nein, nein, nur die Hitze heute …« Sibold wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Du bist die Hitze gewohnt, du als Italiener …«
»Allerdings, aber auch die Kühle …« Ricario Accorsi lächelte. »Denn der Name unseres Ortes, Santa Maria di Acquafredda, weist auf eine kalte Quelle hin, mit deren Hilfe wir uns stets erfrischen konnten.«
»Erzähle mir etwas von deinem Kloster, liebster Lando«, säuselte Sibold.
Für Ricario war es eine gänzlich neue Erfahrung, von einem Mann begehrt zu werden, und er wusste, dass er fortan auf der Hut sein musste.
»Ja, was soll ich groß zum Kloster Acquafredda sagen? Gestiftet hat es im Juli 1142 Azzo Peregrino, der Herr der Isola Comacina, der einzigen Insel im Comer See. Neun Jahre später ist mit dem Bau einer Kirche begonnen worden.«
»Nun, auch Lehnin ist eine Insel«, merkte Sibold an. »Eine Insel der Zivilisation, eine Insel des Christentums …«
Ricario nickte. »Ja, und von dieser Insel aus müssen wir das Land erobern – für unseren Herrn Jesus Christus und die Kultur des Abendlandes. Das geht nur, wenn wir zu den Menschen gehen, zu den slawischen Fischern und Bauern, und vor Ort liebevoll mit ihnen reden.«
Der Abt war begeistert. »Das ist es, was ich immer sage: Man kann die Menschen nur mit Liebe gewinnen!«
»In den Dingen der Liebe kenne ich mich aus«, entfuhr es Ricario Accorsi, doch zum Glück war Sibold zu einfältig, um den Doppelsinn seiner Worte zu bemerken. »Und vor allem muss man mit den Slawen in ihrer Sprache reden – und nicht auf Deutsch oder gar Latein. Und da stelle ich mich gern in den Dienst der guten Sache, denn ich kenne die Dialekte der Heveller, der Sprewanen und der Lutizen.«
»So?« Sibold sah ihn skeptisch an. »Wenn ich dich um ein Beispiel bitten dürfte, liebster Lando: Was heißt denn ›Vater unser im Himmel‹?«
Ricario überlegte kurz und sagte dann: »Ojciec nasz na niebie.«
»Sehr gut, mein liebster Lando. So ziehe denn dahin und versuche, die Heiden zu bekehren!«
Das ließ sich Ricario Accorsi nicht zweimal sagen, schon am nächsten Morgen zog er los. Als Erstes lief er zum nächstgelegenen See, um ein wenig zu schwimmen und sich dabei gründlich zu reinigen, denn mochten die Frauen ringsum auch keine wohlriechenden Männer gewohnt sein, einem Kerl, der in seinen Kleidern schlafen musste und daher einen unangenehmen Geruch verbreitete, gingen auch sie mit Sicherheit aus dem Wege.
Ricarios Verführungskünste verfingen nicht bei jeder Frau – leider –, aber doch bei vielen. Es war immer wieder ungeheuer prickelnd zu erleben, wie leicht ihr Liebesfeuer zu entfachen war.
So streifte er durch das Dorf Nahmitz und suchte nach einer passenden Gelegenheit. Sie bot sich schneller, als er zu hoffen gewagt hatte, denn im Garten eines etwas abgelegenen Gehöftes stand eine junge Frau, blond und drall, und bückte sich, um Brombeeren zu pflücken. Dabei streckte sie ihm ihr Gesäß derart aufreizend entgegen, dass er an sich halten musste, um sich nicht sofort auf sie zu stürzen.
»Jesteś piękna!«, rief er aus.
Die junge Slawin fuhr herum. Dass ihr jemand Komplimente machte und sie wunderschön fand, war sie gewohnt, aber dies aus dem Mund eines keuschen Mönches zu hören, war mehr als erstaunlich. Sie starrte ihn an.
Und genau dieser Blickkontakt war es, den er brauchte, um sie in seinen Bann zu schlagen. Wie in Trance kam sie zu ihm an den Zaun.
»Ich gäbe alles auf der Welt dafür, deinen Namen zu kennen«, flüsterte er.
»Duša …«
»Der Himmel hat mich auf die Erde geschickt, um die Menschen glücklich zu machen«, begann Ricario Accorsi, »und ganz besonders dich, Duša …«
Es dauerte keine Viertelstunde, dann lag er mit ihr im Heu.
Die Deutschen müssen weg, die Askanier müssen weg, die Zisterzienser müssen weg! Zum Teufel mit allen! Darko konnte an nichts anderes mehr denken, seit ihm bei jedem Bissen der gebrochene Kiefer schmerzte. Er war inzwischen abgeheilt, aber ein wenig schief geblieben, was ihn recht dämonisch aussehen ließ. Aber das konnte ihm nur recht sein.
Tod diesem Lando! Dass der Zisterzienser, der nicht bereit gewesen war, sich ermorden zu lassen, diesen Namen trug, hatte er schnell herausgebracht.
Jarosław trat in seine Hütte, und sie berieten kurz, was sie als Nächstes unternehmen konnten, um ihrem großen Ziel näher zu kommen.
»Allein sind wir nicht schlagkräftig genug«, sagte der Bäcker aus Nahmitz. »Wir sollten uns nach Verbündeten umsehen.«
Darko nickte. »Da hast du recht, aber woher nehmen und nicht stehlen?« Von den Sprewanen nebenan und den Stämmen der Milzener und Lusizi in der Lausitz war nichts Gescheites zu erwarten, und die Polen schienen nach Jaxas Ende jegliches Interesse an der Mark Brandenburg verloren zu haben und verbrauchten ihre Kräfte in internen Machtkämpfen.
»Was sollen wir dann tun?«, fragte Jarosław.
»Wir müssen ein Zeichen setzen, wir müssen den Unseren zeigen, dass der Kampf weitergeht. Und darum schleichen wir uns diese Nacht ins Kloster Lehnin und stecken den Altar in Brand. Christus am Kreuz … Das ist alles aus trockenem Holz und wird wunderbar brennen.«
Jarosław hatte leichte Bedenken. »Meine Frau wird schimpfen …«
»Hör mir auf mit Duša!«, rief Darko. »Ich glaube, die haben sie auch schon zum Christentum bekehrt …«
Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.
Abt Sibold las noch um Mitternacht mit Hingabe in der Heiligen Schrift und hatte am 16. Kapitel des Markus-Evangeliums seine ganz besondere Freude. Da erhob sich draußen im Hof des Klosters ein Riesengeschrei.
»Feurio! Auf zum Löschen, schnell!«
Sibold stürzte nach draußen und sah Rauch und Flammen aus der Klosterkirche schlagen. Alles, was aus Holz war, das Gestühl wie der Altar, war in Brand geraten. Und obwohl Mönche und Laienbrüder im Nu eine Kette gebildet hatten und die Eimer, die im Klostersee gefüllt wurden, von Hand zu Hand gingen, war nichts mehr zu retten – ihre Kirche brannte völlig aus. Da blieb ihnen nichts, als sich ihre Tränen zu trocknen und sich mit Hiob 1, Vers 21 zu trösten: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt!
Am Morgen begann der Abt, die Sache zu untersuchen, denn man glaubte, dass einer der Mönche oder Konversen nach dem Abendgottesdienst vergessen hatte, eine Kerze zu löschen. Doch alle wiesen diesen Verdacht weit von sich. Bis zum Mittag war dann alles aufgeklärt, denn Bruder Hilarius fand in einem Balken des Kornspeichers ein Bekenntnis eingeritzt: Svarazic war hier!
Ricario Accorsi wusste, wer das war. »Svarazic ist ein slawischer Feuergott. Das Wort bedeutet eigentlich: heiß, sengend. Dargestellt wird er mit Helm, Schwert und einem schwarzen Büffelkopf auf der Brust. Ihm wurden auch Menschenopfer dargebracht.«
Sibold war besorgt. »Ist denn jemand von uns ums Leben gekommen?«
Man sah sich um und zählte durch. »Nein, Gott sei Dank nicht.«
Pater Hilarius seufzte. »Svarazic wird ja kaum persönlich hier gewesen sein …«
Ricario Accorsi widersprach ihm: »Möglicherweise doch, denn er bedient sich manchmal auch eines Blitzes.«
Da aber niemand ein Gewitter wahrgenommen hatte, schied diese Möglichkeit aus, und man einigte sich darauf, dass das Feuer von Menschenhand gelegt worden war.
»Und zwar von einem Slawen.« Pater Hilarius war mächtig verärgert. »Der Markgraf schickt uns ins Slawenland, damit wir für ihn die Drecksarbeit erledigen sollen – und hockt derweilen auf seinen Burgen und macht sich ein schönes Leben. Soll er doch endlich Verwalter in den Dörfern installieren, die sich um die Leute dort kümmern und für Ruhe und Ordnung sorgen!«
»Nicht so heftig, Bruder!«, mahnte ihn der Abt. »Wir sind zuvörderst hier, um den Menschen das Christentum zu bringen. Und wir machen uns den Markgrafen zunutze, nicht er sich uns.«
»Trotzdem kann er uns mehr Unterstützung zuteilwerden lassen«, beharrte der Pater.
Der Abt nickte, und um seinen Frieden zu haben, schickte er Ricario Accorsi, den er für einen sehr gewandten Diplomaten hielt, zu Otto II., um mit ihm Verhandlungen aufzunehmen.
Niemand wusste genau, wo sich der Markgraf im Augenblick aufhielt, man vermutete ihn aber auf der Brandenburg. Ricario Accorsi machte sich gleich am nächsten Morgen nach der Vigil auf den Weg.
Die Strecke war bequem bis zum frühen Abend zu schaffen, Ricario konnte sich sogar noch zwischendurch im Rietzer See erfrischen. Auf der Burg begrüßte man ihn mit allem nötigen Respekt, doch der Markgraf war zu erschöpft von der Jagd und dem sich anschließenden Gelage und konnte ihn erst am nächsten Morgen empfangen. Eine Magd bekam die Weisung, Ricario Accorsi eine angemessene Schlafstätte zuzuweisen, und der ließ sich die Chance nicht entgehen, Fronicka, so lautete ihr Name, tief in die Augen zu sehen. Und da sein Blick besser wirkte als jedes bekannte Aphrodisiakum, teilte sie alsbald sein Lager.
Die Wonnen, die er ihr bereitete, sollten ihm womöglich das Leben retten, denn als er sich am nächsten Morgen erhob und aus dem Fenster seiner Kammer schaute, sah er Lennhart Drackstedt und Jacopp von Colno in den Burghof reiten. Ohne Zweifel waren sie gekommen, seinen Kopf zu fordern. Ricario sah sie vor den Markgrafen treten.
»Hält sich hier auf der Brandenburg ein venezianischer Händler namens Ricario Accorsi verborgen?«
»Wieso?«
»Er hat meinen Bruder Peter ermordet und als Zisterzienser verkleidet die Flucht ergriffen.«
»Hier hat gestern Abend in der Tat ein Mönch namens Lando vorgesprochen. Ich werde ihn suchen lassen.«
Ehe es so weit war, musste Ricario handeln. Und da Fronicka heiß in ihn verliebt war, ließ sie sich bereitwillig auf das ein, was er von ihr verlangte.
»Ich fessele und knebele dich jetzt, so dass später kein Verdacht auf dich fallen wird, und verlasse dann in deinen Kleidern die Burg.«
»Aber du hast keine langen Haare und keine Brüste«, wandte sie ein.
»Meine Tonsur werde ich mit deiner Haube bedecken, und für das andere reicht dieses Kissen hier.«
Nun, Verkleidung und Mummenschanz war er vom Carnevale di Venezia gewohnt, und so hielten ihn, als er nach zehn Minuten seine Kammer verließ, alle für echt. Aber gerade das schien ihm zum Verhängnis zu werden, denn als er auf das Burgtor zuhielt, lief er einem Küchenmeister in die Arme, und der schnauzte ihn kräftig an und holte schon zu einer Ohrfeige aus.
»Fronicka, jetzt reicht es mir! Anstatt unserem Markgrafen die Speisen aufzutragen, willst du dich wieder aus dem Staube machen! Los, ab mit dir in die Küche!«
Was blieb Ricario Accorsi anderes übrig, als dem Folge zu leisten? Hätte er sich quergestellt und zu fliehen versucht, hätten ihn die Wachen am Burgtor gepackt und zum Verhör geschleift.
Also fügte er sich in sein Schicksal und servierte Otto II. und seinen Gästen das Mahl. Lennhart Drackstedt streifte er beim Servieren der Suppe den rechten Oberarm, und in seiner Aufregung verschüttete er einen Teil. Doch der Magdeburger merkte nichts davon.
Ricario schwitzte so stark, wie er noch nie in seinem Leben geschwitzt hatte. Den Markgrafen hatte er nicht zu fürchten, sehr wohl aber Jacopp von Colno. Denn der musterte ihn – das heißt die Magd, als die er verkleidet war – mit solch unverhohlener Geilheit, dass ihm angst und bange wurde. Und als das vermeintliche Weib neben dem Ritter stand, um ihm vorzulegen, fuhr ihm dessen Hand unter die Röcke. Doch was sie dort entdeckte, fühlte sich ganz und gar nicht weiblich an …
»Das ist das Aus!«, fuhr es Ricario Accorsi durch den Kopf.
Katharina Drackstedt saß am Fenster und starrte in den grauen Himmel, aus dem seit Stunden feiner Nieselregen fiel. Wer an ihrem Haus vorbeikam und zu ihr hinaufschaute, hatte den Eindruck, dass die Trauer um ihren ermordeten Ehemann ihr Leben furchtbar überschattete. Doch dieser Eindruck täuschte gewaltig. Sie hatte ihn nie geliebt und hätte dem Herrn gern gedankt, dass er sie von ihm erlöst hatte, wenn das nicht zutiefst unchristlich gewesen wäre.
Was sie in Wahrheit bedrückte, war die Frage nach dem Schicksal ihres Liebhabers. Sie war sich sicher, dass Ricario verkleidet als Zisterzienser aus Magdeburg geflohen war. Aber wie konnte so ein feiner und an die Genüsse des Lebens gewöhnter Mensch wie er mit dem kargen Dasein eines Mönches klarkommen? Vermutlich litt er sehr.
Und etwas anderes beschäftigte sie fortwährend: Wer hatte ihren Mann erschlagen? Ricario war es nicht gewesen, dafür hätte sie ihre Hand ins Feuer gelegt. War es ein Unbekannter gewesen? Oder aber ihr Schwager?
Kaum hatte sie an ihn gedacht, stand Lennhart Drackstedt auch schon hinter ihr und legte ihr seinen Arm um die Schulter.
»Es versetzt mir jedes Mal einen Stich ins Herz, wenn ich dich so leiden sehe«, beteuerte er.
»Danke«, flüsterte sie.
Er streichelte ihre Schultern, und sie nahm die Wärme seiner Hände dankend an. Doch allmählich glitten seine Finger immer weiter in Richtung ihrer Brüste, und aus dem Trost wurde Gier.
Sie sprang auf und schlug seine Hände zur Seite. »Lennhart, lass das! Mir ist mein Trauerjahr heilig!«
Damit schlüpfte sie an ihm vorbei und sprang aus dem Zimmer. Aber so richtig sicher vor ihm konnte sie nur sein, wenn sie auf die Straße lief. Also schnappte sie sich einen Korb und rief ihrer Magd zu, dass sie schnell einmal auf den Markt ginge.
Auf dem Weg dorthin fiel ihr ein, dass Veytt von Gonna als einer der oberen Zisterzienser möglicherweise wusste, wo Ricario steckte. Sie kannte seinen Aufenthaltsort in Magdeburg und stand nach zehn Minuten vor dem Haus, in dem er sich eingemietet hatte.
Veytt von Gonna begrüßte sie höflich, doch als er von ihrem Begehr erfuhr, verfinsterte sich sein Gesicht. »Schickt Euch Euer Schwager?«
»Nein, ich komme von mir aus, weil ich …« Sie seufzte und schlug die Augen nieder. »Ich weiß: Das sechste Gebot.«
»Du sollst nicht Unkeuschheit treiben. Du sollst nicht die Ehe brechen«, murmelte Veytt von Gonna unwillkürlich.
»Ich bereue es auch, aber ich bin nur eine schwache Frau, und der Herr hat mir nicht die Kraft gegeben, Ricario zu widerstehen.«
Veytt von Gonna winkte ab. »Ich bin nicht Euer Beichtvater. Macht das mit Eurem Gewissen ab und tut Buße.«
Katharina Drackstedt setzte sich, ohne dass er sie aufgefordert hatte, auf die Bank, die an der Hauswand stand. »Was mich vor allem bedrückt, ist dieses: Ob ich nicht mit meinem Tun den Mord an meinem Manne heraufbeschworen habe?«
Veytt von Gonna ließ sich neben ihr nieder. »Das setzt voraus, dass Ricario Euren Mann erschlagen hat – doch das stelle ich mit allem Nachdruck in Abrede! Er hat ihn gefunden, als er schon längst tot war. Ein anderer muss es gewesen sein. Aber wer?«
Katharina Drackstedt schaute dem Zisterzienser prüfend ins Gesicht, bevor sie sagte: »Ist es eine neue Sünde, wenn ich jetzt einen Verdacht äußere?«
»Das müsst Ihr nicht, denn ich weiß auch so, wen Ihr meint: Euren Schwager Lennhart. Der würde, so scheint es mir, liebend gern an die Stelle seines Bruders treten.«
Als Ricario Accorsi eine Stunde vor Lehnin auf einen abseits vom Dorfe gelegenen Bauernhof stieß, konnte er endlich seine Frauenkleider ablegen und unbemerkt in Hemd und Hose schlüpfen, die zum Trocknen auf der Leine hingen.
Immer wenn er an sein Abenteuer auf der Brandenburg dachte, musste er schmunzeln. Allein die Kleider dieser wunderbaren Fronicka auf seiner Haut zu spüren hatte ihn erregt, und so hatte Jacopp von Colno etwas recht Hartes zu fassen bekommen. Er war zwar zusammengezuckt, hatte sich aber gerade noch beherrschen und einen Schrei des Erstaunens unterdrücken können. Andernfalls hätte er sich auch als Schürzenjäger bloßgestellt. Ricario Accorsi hatte die Verwirrung des askanischen Ritters genutzt und sofort die Burg verlassen, bevor irgendwelche Untersuchungen angestellt werden konnten. Die Wachen am Tor hatten ihn passieren lassen, da die Mägde öfter in die Siedlung liefen.
Nun stand er vor dem Abt und musste ihm Rechenschaft ablegen.
»Zum Markgrafen Otto konnte ich leider nicht vordringen, weil man mich vorher überfallen und meiner Ordenstracht beraubt hat.«
Er schmückte dies so geschickt aus, dass der Abt ihm Glauben schenkte und ihn anwies, erst etwas beim Dreschen des Korns zu helfen und dann nach Nahmitz zu gehen, um mit dem Dorfältesten, das sei ein gewisser Miloš, über die Fischereirechte zu verhandeln.
»Er bestreitet, dass wir sie vom Markgrafen erhalten haben, und beansprucht sie weiterhin für seine Slawen.«
Ricario Accorsi bedankte sich für das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wurde, eilte zur Tenne und griff zum Dreschflegel. Nachdem er eine Viertelstunde lang seine Pflicht getan hatte, trollte er sich und schlenderte in Richtung Nahmitz. Dabei hatte er aber mehr Duša im Kopf als den Dorfältesten. Der Druck seiner Lenden war wieder einmal so stark, dass alles in ihm nach einem sexuellen Erlebnis schrie. Doch Duša war nicht zu Hause. Ricario fluchte in allen Sprachen, die ihm zur Verfügung standen. Was blieb ihm weiter übrig, als nach dem Haus des Dorfältesten zu suchen und mit ihm über die strittigen Fischereirechte zu reden? Unterwegs traf er eine junge Slawin, die er fragte, wo denn Miloš zu finden sei.
»Wartet, ich führe Euch zu ihm.«
»Wie heißt du?«
»Božena.«
Nun war diese Božena nicht mit der Duša zu vergleichen, was die weiblichen Attribute anging, doch sie war Weib genug, seine Begierde von neuem anzufachen. Er sah ihr tief in die Augen und suchte, sie auf diese Weise willfährig zu machen, wie es ihm auf der Burg bei Fronicka gelungen war.
Eine halbe Stunde später lagen sie im Heu, und er kam auf seine Kosten. Sie aber noch viel mehr, denn von der alten römischen Liebeskunst verstanden die Nahmitzer Burschen nicht das Geringste, ihnen ging es nur um den eigenen Lustgewinn und nicht um den ihrer Geliebten. So erstaunte es Ricario nicht sonderlich, als Božena ihm verriet, dass ihre Freundin Duša ihr schon von seinen Fertigkeiten berichtet hatte.
Völlig entspannt konnte Ricario dann mit Miloš über die Fischereirechte verhandeln und einen Kompromiss schließen, mit dem die Zisterzienser mehr als zufrieden sein durften.
So kehrte er frohgemut ins Kloster zurück. Doch seine Stimmung schlug augenblicklich um, als er Pater Vigilius erblickte, der gekommen war, den Abt und seine Mönche und Laienbrüder mit seiner Visitation zu beglücken. Schnell schlüpfte er hinter eine Eiche. Dieser Vigilius war in seinen Augen nicht nur widerlich, sondern er konnte auch seiner Rolle als Mönch schnell ein Ende bereiten, und so hörte er ihn schon rufen: »Dieser Mann ist falsch! Das ist kein Zisterzienser, sondern ein Kaufmann aus Venedig – und er hat in Magdeburg den Händler Peter Drackstedt ermordet!«
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