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Horst Bosetzky
Nichts
ist verjährt
Kriminalroman
Jaron Verlag
Horst Bosetzky alias -ky lebt in Berlin und gilt seit nunmehr über dreißig Jahren als einer der erfolgreichsten deutschen Kriminalautoren der Gegenwart. Ebenso erfolgreich ist er seit den 1990er Jahren mit einer mehrteiligen Familiensaga sowie zeitgeschichtlichen Spannungsromanen. In der Krimireihe «Es geschah in Berlin» erschienen von ihm «Kappe und die verkohlte Leiche« (2007), «Der Lustmörder» (2008) sowie «Nach Verdun« (2008, mit Jan Eik).
Originalausgabe
1. Auflage 2008
1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH
© 2008 Jaron Verlag GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin
ISBN 9783955520717
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Impressum
EINS 2007
ZWEI 2007
DREI 2007
VIER 2007
FÜNF 2007
SECHS 1980
SIEBEN 1980
ACHT 1980
NEUN 1980
ZEHN 1980
ELF 1990
ZWÖLF 2007
DREIZEHN 2007
VIERZEHN 2007
FÜNFZEHN 2007
SECHZEHN 2007
SIEBZEHN 2007
ACHTZEHN 2007
NEUNZEHN 2007
ZWANZIG 2007
In der Reihe «Berliner Mauerkrimis» sind bisher erschienen:
Ebenfalls bei Jaron die Krimireihe: «Es geschah in Berlin …»
Kein steinern Bollwerk kann der Liebe wehren;
Und Liebe wagt, was irgend Liebe kann.
William Shakespeare, Romeo und Julia
EINS
2007
NIEMAND, DER AM MORGEN AUFSTEHT, weiß, was ihm am Tage widerfahren wird. Und bleibt er aus Angst vor dem Ungewissen im Bett, hilft ihm das nur wenig, denn die meisten Menschen sterben im Bett, zumeist weil ihr Lebenslicht erloschen ist, aber auch wegen eines Brandes oder eines außer Kontrolle geratenen Flugzeuges, das ihr Haus zum Einsturz bringt.
Es soll aber auch Menschen geben, die sich auf das freuen, was geschehen wird. Vielleicht lernen sie die große Liebe ihres Lebens kennen, vielleicht gewinnen sie in der Lotterie, vielleicht kommen sie ins Fernsehen.
Solche Optimisten waren auch René Ratajczak und Timo Zott. Beide hatten im letzten Jahr ihren Bachelor gemacht, der eine als Archäologe, der andere als Historiker, und waren seitdem auf der Suche nach einem für sie angemessenen Arbeitsplatz. Bis sie den gefunden hatten, verdingten sie sich als Praktikanten oder jobbten irgendwo. Im Augenblick halfen sie bei einem Onkel Timos aus, dem Architekten und Bauunternehmer Günther Grauen.
«Bauen mit Grauen», hatte Timo vorgeschlagen, als er im Familienkreise nach einer zündenden Idee für eine Werbekampagne gefragt worden war. Es war dann aber doch bei Bauen mit GG – eine Pfundsidee geblieben.
Heute ging es mit der S-Bahn und der Straßenbahnlinie 68 nach Schmöckwitz, wo ein Einfamilienhaus zu renovieren war.
«Was fällt dir ein, wenn du das Wort Schmöckwitz hörst?», fragte Ratajczak und dachte dabei an die steinzeitlichen Waffen und Werkzeuge aus Feuerstein, die man hier gefunden hatte, vor allem die eigenartigen Walzenbeile.
Timo Zott befand sich aber auf einer ganz anderen Spur. «Bei Schmöckwitz denke ich zuerst einmal an Vincenz Müller.»
«Ich kenne Gerd Müller und den Müller von der Wanderlust – aber wer ist Vincenz Müller?»
«Deutschlands vielleicht merkwürdigster General.» Timo Zott begann, sein Referat vom Sommersemester 2005 in einigen wenigen Sätzen zusammenzufassen. «Geboren 1894 in Aichach als Sohn eines strenggläubigen katholischen Gerbermeisters, diente er nacheinander dem Kaiser, den Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Adolf Hitler und schließlich Walter Ulbricht als Offizier und General. Im Sommer 1944 geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft, kam mit dem Nationalkomitee Freies Deutschland in Berührung und war in der späteren DDR maßgeblich am Aufbau von Volkspolizei und Volksarmee beteiligt. 1955 und 1956 traf er sich heimlich mit Bundesfinanzminister Fritz Schäffer (CSU), um über die deutsch-deutsche Verständigung zu reden. Bald darauf ging er in den Ruhestand – oder wurde gegangen. Am 12. Mai 1961 wurde sein Tod gemeldet. Die einen sagen, er sei an einer schweren Herzkrankheit gestorben, die anderen, er sei hier in Schmöckwitz vom Balkon gesprungen, um seiner Verhaftung zu entgehen. Anhänger von Verschwörungstheorien halten es aber auch für möglich, dass man ihn beiseitegeschafft hat. Mitarbeiter der Stasi war er, und westliche Geheimdienste waren an ihm interessiert.»
Dies alles referierte er, während der S-Bahn-Zug der Linie 46 zwischen Adlershof und Grünau unterwegs war. Rechts zweigte die Linie ab, die über Altglienicke den Flughafen Schönefeld erreichte, der nun endlich ausgebaut werden sollte. Jetzt nach San Francisco oder Sydney fliegen …
In Grünau war umzusteigen. Mit ihren knapp dreißig Jahren konnten sie sich gerade noch daran erinnern, dass für sie als West-Berliner hier einmal die Welt zu Ende gewesen war, denn der nächste Bahnhof, Eichwalde, lag nicht mehr auf Ost-Berliner Gebiet, sondern schon in der DDR, und man brauchte einen besonderen Passierschein dafür.
«Wir hatten immer nur einen Passierschein für die Hauptstadt der DDR», sagte Ratajczak.
Timo Zott lachte. «Und wir überhaupt keinen, denn mein Vater war ja hoher Polizeioffizier und durfte nicht rüber.»
Sie überquerten das Adlergestell und warteten auf die Straßenbahn nach Schmöckwitz, die Linie 68, die von der BVG schon längst eingestellt worden wäre, wenn die Bürger nicht erregt dagegen protestiert hätten.
«Schließlich ist es Berlins schönste Straßenbahnstrecke», erklärte Ratajczak. «Aber die Berliner sind ja Meister darin, alles abzureißen, was schön ist. Nimm nur das Stadtschloss oder den Anhalter Bahnhof.»
Die Bahn war um die Ecke gebogen und hielt. Sie betätigten sich als Bergsteiger und enterten einen der hohen Tatrawagen. Die Klingeln schrillten, los ging es. Zuerst durch den Wald, dann bis Karolinenhof immer am Langen See entlang, eine Ausweitung der Dahme. Regattatribünen, Sportpromenade, Strandbad Grünau, Richtershorn … Am anderen Ufer ragten die Müggelberge, laut Fontane ein Mittelgebirge à la miniature, bläuend in den märkischen Himmel.
Nur fünfzehn Minuten brauchten sie bis zum Dorfanger von Alt-Schmöckwitz, und als sie ausgestiegen waren, sang Ratajczak, Louis Armstrong nachahmend: « The time stood still …» Auf dem Hügel zu ihrer Linken gab es zwar keine Blaubeeren, dafür aber die sehr schlichte Dorfkirche aus dem Jahre 1799. Die Häuschen längs der Wendeschleife der Linie 68 wie auch das Ensemble aus Straßenbahnremise, Feuerwache und Grundschule ließen Ratajczak jubeln.
«Alles so wie damals, kein Fertighaus und kein moderner Architekt mit pathologischem Selbstverwirklichungsdrang.»
Die Magistrale des Ortes war Berlins längste Straße, das Adlergestell, das schon in Schöneweide begann und hier in Schmöckwitz auf dem Damm lag, der den Zeuthener vom Langen und dem Seddinsee trennte.
Zwischen dem Adlergestell und der Straße am Seddinsee gab es drei Verbindungen, den Imkerweg, den Beutenweg und, als weitaus wichtigste, die Wernsdorfer Straße, die zur Brücke führte und den Verkehr mit Rauchfangswerder und Wernsdorf ermöglichte.
Die Grundstücke auf der westlichen Seite des Imkerweges reichten bis zu einer Ausbuchtung des Langen Sees hinunter, die Schmöckwitzer Hafen genannt wurde und mit Bootsstegen gesäumt war. Ureinwohner erinnerten sich noch, dass es hier einst einen Sumpf gegeben hatte und mit ihm einen Siedler namens Schulze, den Sumpf-Schulzen, nicht zu verwechseln mit dem Turm-Schulzen aus der Goulbierstraße.
Schräg gegenüber des Grundstückes, das jenem Sumpf-Schulzen einst gehört hatte, stand ein zweistöckiges, nicht unbedingt pompös zu nennendes Landhaus aus wilhelminischer Zeit, das mit viel Schinkel an der Fassade einiges herzumachen versuchte, aber inzwischen so stark in die Jahre gekommen war, dass sich sein Besitzer in vielen schlaflosen Nächten gefragt hatte, was denn sinnvoller sein würde: sanieren oder abreißen. Er hatte sich schließlich für die erste Alternative entschieden und der Baufirma von Günther Grauen die Sache übertragen.
So waren Ratajczak und Timo Zott zu ihrem Job in Schmöckwitz gekommen. Rabitzwände mussten abgetragen werden, damit die Räume größer wurden, Sauerkrautplatten, die nur noch schlecht isolierten und nach Marderkacke stanken, waren von den Dachschrägen zu reißen, Furchen in den Putz zu ziehen, um elektrische Leitungen unter den Putz zu legen, uralte Heizkörper abzuschrauben und in den Schuttcontainer zu tragen, dicke Farbschichten von den Türen und Fensterrahmen zu schleifen, zu brennen und zu laugen und Tapeten aus dem Jahre 1962 von den Wänden zu lösen.
Diese Aufgabe übernahm Timo Zott, denn als Makulatur hatte man damals Exemplare des Neuen Deutschland, benutzt, und bei der Lektüre konnte er manch neue Erkenntnis gewinnen. Ratajczak dagegen schlug und kratzte gern blühenden Putz von den Wänden, denn das erinnerte ihn immer an ein Praktikum in Pompeji und Herculaneum, bei dem sie mit viel beruflicher Lust und privater Liebe römische Villen freigelegt hatten.
Zum Frühstück trugen sie Tisch und Stühle aus dem Haus, um es sich auf der Streuobstwiese hinter dem Haus gemütlich zu machen.
«Richtig so, hier zu frühstücken», sagte Timo Zott. «Als Gutmenschen müssen wir natürlich etwas für die Zecken tun. Überall werden sie verteufelt und gejagt.» Er entblößte sein rechtes Bein. «Kommt nur her, ihr Lieben, an unserem Blute könnt ihr euch laben.»
Ratajczak wusste nicht so recht, ob das Tun seines Freundes den strengen Regeln der Political Correctness entsprach, und lachte nur unter Vorbehalt. «Ich sprühe mich lieber mit Autan ein.»
«Pfui, Chemie!»
«Besser als Borreliose.»
«Mit Borrelien in der Hose griff er nicht an ihre Dose», reimte Timo Zott.
Ratajczak verzog das Gesicht. «Langsam geraten wir unter unser Niveau.»
«Nur dort wohnt das Glück», erklärte Timo Zott. «Wo wohnt aber der Glück, Alois Glück, der bayerische Landtagspräsident? Wahrscheinlich in München, aber: Further research is needed.»
Ratajczak spitzte die Ohren. «Ich glaube, wir bekommen Besuch.»
«Was ’n Glück!»
Am Zaun erschienen Günther Grauen, der die Sanierung des Hauses übernommen hatte, und der Psychologie-Professor Dr. Siegfried Schwellnuss aus Friedenau, der spätestens zu Beginn des Wintersemesters hier einziehen wollte. Man kannte sich schon, und die Begrüßung fiel kurz und geschäftlich aus.
«Nun wird doch alles anders, was das Souterrain betrifft», sagte Grauen. «Keine Abstellräume, sondern eine richtige Einliegerwohnung.»
«Ja», ergänzte Professor Schwellnuss, «meine Mutter will da einziehen.»
Ratajczak lachte. «Ich verstehe: Sie schreiben doch gerade ein Buch über pathologische Mutterbindung.»
Professor Schwellnuss zog die Augenbrauen hoch und seufzte hörbar. «Ja klar, wir Psychologen haben dieses Fach nur gewählt, um uns selber therapieren zu können.»
«Ich habe mir ja mein Haus auch selbst gebaut», sagte Grauen.
Ratajczak überlegte einen Augenblick. «Auf meine Profession bezogen hieße das, dass ich in tausend Jahren meine eigenen Knochen ausgraben möchte.»
«Lass dich rechtzeitig klonen», riet ihm Timo Zott, «dann geht das schon. Aber warum bin ich Historiker geworden?»
«Um vielleicht selbst einmal in die Geschichte einzugehen», meinte Professor Schwellnuss.
«Danke für Ihr Vertrauen in mich und meine Produkte.»
Grauen nahm das auf. «Bitte! Und darum fangt nachher gleich mal an, die Grundmauern freizulegen, wir müssen ja nun um die Einlegerwohnung herum alles isolieren.»
«Meine Mutter mit ihrem Rheuma!», rief Professor Schwellnuss. «Bloß keine feuchten Räume.»
«Also, Jungs, gleich in die Hände gespuckt, wenn wir wieder weg sind», sagte Grauen. «Einen Meter Breite, bis auf die Hausplatte runter.»
Die beiden machten sich sofort ans Werk, denn es war allemal besser, draußen an der frischen Luft zu schippen, als drinnen im Haus im Dreck zu wühlen. Um das Haus herum waren Gehwegplatten verlegt, damit die Erde nicht gegen den grauweißen Putz spritzte, wenn es regnete oder man beim Sprengen den Wasserstrahl nicht richtig reguliert hatte. Die länglichen Platten stammten noch aus DDR-Zeiten, erkennbar an den gelben und rötlichen Pastelltönen und der typischen Oberflächenstruktur. Beim Hochheben zerbrachen viele von ihnen.
«Macht nichts», sagte Timo Zott. «Mein Onkel schwört ohnehin auf Waschbeton und wird dem Schwellnuss sowieso welchen aufschwatzen.»
Nachdem sie die Platten abgeräumt hatten, konnten sie beginnen, das Mauerwerk freizulegen. Wurzeln gab es hier nicht viele, es war nur darauf zu achten, die ins Haus gehenden Leitungen nicht zu zerstören. Beide gingen nicht ins Fitnessstudio, und da ihre Lieblingssportart das Schachspiel war, ließen sie es ruhig angehen. Der Nachbar rief herüber, ob er seinen Zweijährigen mit dem Buddeleimer rüberschicken solle, damit sie schneller vorankämen.
Nach etwa einer Stunde schrie Ratajczak auf. «Mensch, was ist denn das?»
«Bist du auf Kupfer gestoßen?», fragte Timo Zott. «Reichen die Lager von der Lausitz bis nach Schmöckwitz rauf?»
«Nein, das sind Knochen.»
Timo Zott lachte. «Was soll ein Archäologe auch anderes finden? Der Vorbesitzer wird ’nen Hund gehabt haben.»
«Quatsch!» Ratajczak sprang in die Grube hinunter, um mit den Händen das freizulegen, was er für einen menschlichen Oberschenkelknochen hielt.
ZWEI
2007
HANS-JÜRGEN MANNHARDT blieb noch eine Viertelstunde, nachdem der Wecker geklingelt hatte, im Bett liegen und fand einfach nicht die Kraft, die Füße auf den Boden zu setzen und ins Bad zu gehen. Der Tag seiner Pensionierung rückte immer näher, und das lähmte ihn. Alles, was ihm durch den Kopf ging, hing mit Abschied und Vergänglichkeit zusammen.
Aber der Wagen, der rollt … Alles hat seine Zeit … The rest is silence … Der Rest ist Sterben …
Abschied ist ein scharfes Schwert, hatte Roger Whittaker gesungen, und was den Abschied von der Arbeit anging, da glaubte Mannhardt, dass ihm dieses Schwert den Kopf vom Rumpf schlagen würde. Seine Mordkommission war sein Leben, und wer sie ihm nahm, tötete ihn.
Kam er Heike, seiner Lebensgefährtin, mit seinen Depressionen, dann lachte die nur: «Was hast du all die Jahre über geklagt, dass du ausgebrannt bist, dass du es hasst, Mörder zu jagen, dass du nur deine Ruhe haben willst!» Und systematisch suchte sie ihm Sprüche heraus, die alles relativierten, wie etwa: Füge dich der Zeit, erfülle deinen Platz und räum ihn auch getrost: Es fehlt nicht an Ersatz! von Friedrich Rückert.
Ein schriller Schrei aus dem Kinderzimmer ließ ihn hochschnellen. Er lief über den Flur.
«Silvio, was ist?»
Der Junge zitterte am ganzen Leibe. Wie sich herausstellte, hatte er von einem Amokläufer geträumt.
«Der war auch in unserer Schule, Papa, und hat auf mich geschossen!»
Mannhardt verfluchte diese Welt. Es war unmöglich, die Kinder von allem abzuschirmen. Irgendwie kamen sie immer an Zeitungen und Magazine heran oder schalteten das Erwachsenenfernsehen ein, wenn die Eltern dachten, sie sähen Kika, den Kinderkanal.
«Ach, nimm das nicht so tragisch», sagte er zu seinem Sohn. «Ich habe den Krieg überlebt, da wirst du auch den Frieden überleben.»
Da erschien auch schon Heike auf der Bildfläche, nahm Silvio in den Arm und tadelte Mannhardt wegen seiner Worte. «Es wäre schön, wenn du einmal kindgerecht kommunizieren könntest.»
Wortlos entfernte er sich, um erst die Kaffeemaschine in Gang zu setzen und dann ins Bad zu gehen. Vielleicht konnten sie in Silvios Schule einen privaten Wachdienst installieren und ihn zum Chef bestimmen. Ehrenamtlich natürlich. Dann hätte er wenigstens etwas Sinnvolles zu tun.
«Ich rufe dann auf dem Schulhof alle Messerstecher zusammen, und wir organisieren richtige Berliner Meisterschaften. 2012 werden wir dann olympisch, und der erste Olympiasieger kommt aus Berlin. Mit Migrationshintergrund, aber voll integriert. Durch mich.»
Als er am Frühstückstisch saß, stellte sich heraus, dass Heike ihn schon verplant hatte.
«Wenn du erst pensioniert bist, kannst du ja vormittags für mich recherchieren, wenn ich etwas nicht schaffe.»
Sie war Journalistin und freute sich auf eine kostenlose Hilfskraft.
«Und nachmittags?», fragte er.
«Nachmittags kümmerst du dich um Silvio, machst mit ihm Schularbeiten und fährst ihn zum Sport und zum Klavierunterricht.»
Mannhardt lächelte selig. «Es war schon immer mein Traum, Hausmann und ‹alleinverziehender› Vater zu sein. Du musst mir nur genug Puderzucker hinstellen.»
Heike hing sofort vor Wut an der Decke, denn nichts ärgerte sie mehr als sein Vorwurf, sie würde dem Sohn pausenlos «Puderzucker in den Arsch blasen», wie er gern sagte.
«Ich weiß, deine großen Kinder …»
Die hatte er aus seiner ersten Ehe, und wenn sie mit denen anfing, verstand er das als Kriegserklärung. So stand er auch heute abrupt vom Frühstückstisch auf. «Ich gehe jetzt lieber …»
«Erst fährst du Silvio zur Schule, du bist heute dran.»
«Okay, erst die Pflicht, dann die Flucht.»
Also blieb er, obwohl er sich den Stress, der nun begann, gern erspart hätte, denn Silvio ging nur sehr ungern zur Schule. Mannhardt hatte volles Verständnis dafür, so sehr Heike ihn deswegen auch verwarnte. Sie hätte gern ein Kind gehabt, das in Deutsch so sprachgewaltig war wie Günter Grass, in Mathematik so beschlagen wie Leonhard Euler, in Physik so genial wie Albert Einstein, in Kunst so einzigartig wie Pablo Picasso und in Sport so talentiert wie Dirk Nowitzki. Für Mannhardt dagegen war das Glück das Maß aller Dinge, und er hasste es, wenn Kinder in der Schule abgerichtet wurden, um vielleicht einmal an einer der Eliteuniversitäten studieren zu können. Ihm hätte es gereicht, wenn sein Sohn ein glücklicher Fahrer bei der Berliner S-Bahn geworden wäre.
«Papa, bist du eigentlich immer gern zur Schule gegangen?», fragte der Sohn, als sie im Auto saßen.
«Natürlich», log Mannhardt. «Es ist doch ein Segen, dass es die Schule gibt. Stell dir mal vor, wir würden nicht schreiben und lesen lernen. Was dann? Dann könnten wir den ganzen Tag nichts weiter tun, als vor der Glotze zu sitzen.»
«Das wär doch geil.»
Mannhardt stöhnte auf. Zum einen wegen der mit übermäßigem Fernsehgenuss verbundenen Volksverblödung, zum anderen, weil er immer heftig darunter litt, wenn die Kids das Wort «geil« verwendeten. In seiner Jugend hatte es einzig und allein für sexuelle Erregung gestanden, und als pubertierende Knaben hatten sie gereimt: «An den Akku angeschlossen, / vögelt Fickfack unverdrossen. / Kerzen, Möhren und Bananen, / ja, der Laie kann’s kaum ahnen, / was dieses geile Weib/schob sich in den Unterleib.»
Als er den Jungen vor der Schule absetzte, tat er ihm maßlos leid. Anstatt zu spielen und zu juchzen, musste Silvio sich jetzt mit Mathematik und Grammatik abquälen, und es überwog noch immer der Frontalunterricht preußischer Prägung. Was mussten jene Kinder leiden, die nicht einsehen wollten, warum es Pferd hieß und nicht Ferd, obwohl nur Bekloppte das P vorne deutlich aussprachen. Ohne kräftig Tröpfchen in die Luft zu spucken, ging das gar nicht.
Was ihn tröstete, war derselbe Operettenvers aus der Fledermaus von Johann Strauß, der schon seinen Eltern geholfen hatte: Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist. Und wer immer strebend sich bemühte, dem wurde ja die Erlösung versprochen. Gut war nur, dass die Kinder nicht für das Leben lernten wie er früher, sondern nur für die Schule, denn das ließ hoffen.
Seit langem schon hatte Mannhardt auf das Auto verzichtet und setzte sich in die U-Bahn, um von Tegel aus ins Büro zu fahren. Dies war aber im Augenblick alles andere als eine Freude, denn zwischen Alt-Tegel und Kurt-Schumacher-Platz wurde die U6 runderneuert, und man musste den Bus benutzen. Und wenn er eines hasste, dann den Schienenersatzverkehr.
Heike arbeitete gerade an einer Radiosendung über die Berliner U-Bahn, und mit Vergnügen blätterte er immer wieder in ihrem Manuskript. 144,9 Kilometer Streckenlänge, 170 Bahnhöfe, seit 1902 in Betrieb. Schön waren die Geschichten um die U-Bahn. Ein George A. Goldschlag hatte sogar Die Ballade von der Untergrundbahn gedichtet, mit Versen wie: Elfmal jährlich, laut Statistik,/Springt ein Mensch mit schrillem Schrei/Als verkörperte Ballistik/Vor den Zug und wird zu Brei. Ab und an wurde auch die Mordkommission gerufen, wenn es hieß «Person im Gleis», denn es fielen nicht nur Selbstmorde und Unfälle an, sondern ab und an wurde auch jemand auf die Gleise gestoßen.
Die Busfahrt bis zum Kurt-Schumacher-Platz nervte, und an der provisorischen Endhaltestelle war der Zug in Richtung Alt-Mariendorf schon voll bis oben hin, aber er konnte sich gerade noch hineinquetschen.
Der Mensch, so hatte es bei Heike ein Psychologe ausgedrückt, sei ein Distanztier, und innerhalb von sechzig Zentimetern befinde man sich in der Intimzone des anderen. Schnell hatte Mannhardt herausgefunden, dass er sich bereits in der Intimzone von drei Frauen gleichzeitig aufhielt, ohne dabei jedoch auch nur ein Mindestmaß an Lust zu empfinden. Die eine litt unter Akne und roch nach faulendem Heu, die zweite war vom Kaliber «Alles hört auf mein Kommando!» und jagte ihm nur Angst und Schrecken ein, und die dritte war zwar jung und morgenschön, aber so dämlich, dass es schon weh tat. Wie sie mit ihren Klassenkameradinnen kommunizierte, rechtfertigte jede Befürchtung, nach der die Deutschen im intellektuellen Wettbewerb mit anderen Völkern hoffnungslos unterlegen sein würden. Da aber auch die drei Frauen ihn abscheulich fanden, war das Unbehagen geradezu mit Händen zu greifen. Man mied jeden Blickkontakt, schaute auf den Bildschirm an der Decke des Waggons, auf dem die neuesten Nachrichten flimmerten, oder in eine unbestimmte Ferne. Mannhardt erinnerte sich an eine Szene aus Heikes Feature, in der vom englischen Premierminister Tony Blair berichtet wurde, wie der einmal – ganz volksverbunden – in der U-Bahn eine Sitznachbarin angesprochen hatte und mit einem bösen Blick und eisigem Schweigen abgestraft worden war.
Um nicht der Frottage bezichtigt zu werden, dem Reiben der Genitalien am Körper eines anderen, und damit als Sittenstrolch dazustehen, versuchte Mannhardt, sich so wenig wie möglich zu bewegen und den Frauen den Rücken zuzuwenden. Er erinnerte sich daran, gelesen zu haben, dass sich in Tokio, wo das Grapschen zur Manie geworden war, die Männer demonstrativ mit beiden Händen oben an den Griffen festhielten, um nicht in Verdacht zu geraten.
Am Leopoldplatz hatte er von der U6 in die U9 umzusteigen. Eine Zeitung hatte am letzten Ersten gemeldet, die großen Clubs des American Football würden ihre Spieler zum Training auf die großen Berliner Umsteigebahnhöfe schicken, und dazu einen Star der Berlin Thunder abgebildet. Natürlich war das ein Aprilscherz gewesen, doch er hatte es für logisch gehalten und geglaubt. Auch heute wieder verspürte er eine gewisse Regung, seine Dienstwaffe zu ziehen und wenigstens in die Luft zu schießen, um den Zug auf dem unteren Bahnsteig zu erreichen. Ohne dieses Mittel hatte er keine Chance gegen die Lahmärsche, die ihm den Weg versperrten. Als er endlich unten angekommen war, hörte er nur noch das harsche «Zurückbleiben bitte!», und weg war sein Zug.
Sein Vater hatte bei solchen Anlässen immer gemurmelt: «Wieder habe ich einen fahren lassen.» Dass damit das Flatieren gemeint war, verstand heute kein Mensch mehr, ebenso wie sie ihn ahnungslos ansahen, wenn er den Kollegen erzählte, dass ihr neuer Vorgesetzter im Flur «einen Koffer« habe stehen lassen. Sein Großvater hatte immer eine diebische Freude daran gehabt, in der überfüllten U- oder S-Bahn «einen durch die Reihen schleichen« zu lassen.
Das war das Schöne an der U-Bahn, dass der nächste Zug schon nach fünf Minuten kam. Und er bekam sogar einen Sitzplatz. In seinem Alter hatte er auch einen Anspruch darauf.
Zoologischer Garten stieg Mannhardt aus und überlegte einen Augenblick, ob er in die U2 umsteigen und bis zum Wittenbergplatz fahren oder zu Fuß zu seiner Dienststelle in der Keithstraße laufen sollte. Schließlich entschied er sich für den Fußweg, denn es war immer ganz spannend, an der Rückseite des Zoologischen Gartens entlangzulaufen. Links hatte man die Kolonnaden mit ihren vielen Läden, das Aquarium und den Nebeneingang des Zoos, rechts den Breitscheidplatz mit der Gedächtniskirche und den Prachtbau der Grundkreditbank.
Ein Tourist aus St. Irgendwo sprach ihn an. Wo denn hier der Olof-Palme-Platz sei.
Mannhardt zuckte mit den Schultern. «Tut mir leid, nie gehört.»
Sekunden später sah er anhand der Schilder, dass er mitten auf dem Olof-Palme-Platz stand, einer Ausbuchtung der Budapester Straße an ihrer Kreuzung mit der Nürnberger und der Kurfürstenstraße. Peinlich. Besonders für einen Kriminalbeamten. Schnell machte er, dass er weiterkam.
Die Tage, die Mannhardt noch ins Büro ging, waren gezählt, und sein Nachfolger saß schon bei ihm im Zimmer, um eingearbeitet zu werden. Der Kollege hörte auf den Namen Rico Schönbier und war noch so jung, dass es eine einzige Provokation war. Mannhardt hatte ihn vom ersten Augenblick an nicht gemocht. Schönbier sah aus wie ein hoffnungsvoller Fußballer aus der Oberliga, die Haare teilweise blond gefärbt und mit viel Gel zu Stacheln aufgerichtet und geistig nur so weit entwickelt, dass es seine Instinkte beim Passen und Toreschießen nicht sonderlich störte. Das Fitnessstudio war sein zweites Zuhause. Dort holte er sich die Kondition, um durch die Clubs der Stadt zu ziehen und ständig neue Frauen zu beglücken. Hörte er das Wort Kultur, schrie er nur «Scheiße!» und machte sich aus dem Staub. Auch von Politik hielt er nichts und vermied es, sich die Namen der Akteure zu merken. «Wenn ich die bei mir im Gehirn speichere, tue ich diesen Hanseln doch zu viel Ehre an.» Aber auch um die Heroen des Showgeschäfts, der Medien und des Sports kümmerte er sich wenig. «Was interessieren mich diese Arschlöcher?!» Er, Rico Schönbier, war das Maß aller Dinge, und an ihm gemessen waren das alles nur Blender. «Von irgendwelchen Idioten hochgepusht, um Geld mit ihnen zu machen.»
Mannhardt hasste «geistige Tiefflieger« wie Schönbier und sagte des Öfteren zu Heike, dass Oswald Spengler bei dessen Anblick den Untergang des Abendlandes neu geschrieben hätte, doch gegen Schönbier war nicht anzukommen, denn alle seine Prüfungen hatte er mit Einsen und Zweien bestanden, und auch seine dienstlichen Beurteilungen ließen nichts zu wünschen übrig.
Mühsamer als sonst stieg Mannhardt die Treppen zu seinem Büro hinauf, sich dabei selber verspottend: Der alte Mann und das Gehtnichtmehr. Wie viele Morde mochte er in seinen mehr als vierzig Dienstjahren aufgeklärt haben? Schätzungsweise 250. Nicht er allein, die Mordkommissionen, in denen er gearbeitet hatte. Und der nächste würde vielleicht der letzte sein.
Yaiza Teetzmann lief vor ihm her, seine langjährige Kollegin und engste Vertraute. Stellte er sich die Frage, was er in seinem Leben am meisten bedauerte, dann war es die Tatsache, nie mit ihr geschlafen zu haben. Blieb ihm nur sein Fontane als Trost: Eigentlich ist es ein Glück, ein Leben lang an einer Sehnsucht zu lutschen.
Sie musste ihn hinter sich gespürt haben, denn sie blieb stehen und drehte sich um. «Danke für die Einladung zu deiner Abschiedsparty.»
«Bitte.» Mannhardt schnaufte ein wenig, als er sie eingeholt hatte. «Es wird ein Top-Event werden. Wie damals im alten Rom, als Petronius Abschied von allen und allem genommen hat.»
«Wer war Petronius?»
«Ein römischer Schriftsteller und Satiriker, ein Weltmann am Hofe Neros, der ‹Schiedsrichter des feinen Geschmacks›. Als Nero ihn bezichtigte, an einer Verschwörung gegen ihn teilgenommen zu haben, und ihm die Hinrichtung drohte, beging er vorher Selbstmord. Dazu lud er alle seine Freunde ein, schnitt sich in deren Gesellschaft die Pulsadern auf, tauchte die Arme in eine Schüssel mit warmem Wasser und dämmerte langsam dahin.»
Yaiza Teetzmann verstand die Zusammenhänge nicht ganz. «Hat dir denn der Polizeipräsident angedroht, dich verhaften und einsperren zu lassen?»
«Es geht darum, dass ich stilvoll von allem Abschied nehmen möchte.»
«Eine Pensionierung ist doch kein Todesurteil.»
«Für mich schon.»
Yaiza Teetzmann lachte. «Du kannst doch versuchen, wieder Lehrveranstaltungen an der Fachhochschule zu bekommen.»
«Ja, keine schlechte Idee: Opa erzählt euch mal, wie wir damals den Berliner S-Bahn-Mörder und die Bestie vom Schlesischen Bahnhof zur Strecke gebracht haben.»
«So alt bist du doch nun auch wieder nicht.» Mannhardt stöhnte auf. «Man ist immer so alt, wie man sich fühlt – und mein gefühltes Lebensalter liegt heute bei 110.»
«Genau das richtige für einen Polizeibeamten.» Mannhardt schwieg. Yaiza Teetzmann würde ihm fehlen. Nicht nur ihres Anblicks wegen.
Schönbier wartete schon in der Tür seines Büros. Mannhardt nannte das «Zimmerbesetzung», aber er hatte sie nicht verhindern können. Wie jedes Lebewesen reagierte er erbost darauf, ein anderes Männchen in seinem Revier zu sehen.
«Grüß Gott», murmelte Mannhardt, weil er wusste, dass sich Schönbier darüber ärgerte. «Was gibt es Neues?»
«Leichenfund in Schmöckwitz. Wir müssen raus.»
«Gut, fahren wir. Aber Yaiza soll mit.» Mannhardt grauste es davor, so lange mit Schönbier allein im Wagen zu sitzen.
Zu dritt machten sie sich auf den Weg in Berlins südöstlichsten Zipfel. Schon auf dem Parkplatz kam es zur ersten kollegialen Auseinandersetzung. Wer sollte am Steuer des geleasten Dienstwagens sitzen? Mannhardt wollte nicht. Als ehemaliger West-Berliner war er noch immer ein wenig traumatisiert, wenn es darum ging, im gewesenen Ost-Berlin am motorisierten Individualverkehr teilzunehmen. Nie vergaß er das barsche «Fahren Sie mal rechts ran!» und die Angst vor stundenlangen Verhören, an deren Ende Bautzen stehen konnte.
Yaiza Teetzmann als Mädchen aus Marzahn kannte diese Ängste nicht, hatte aber eine instinktive Abneigung gegen alle Westautos. Ihr Vater, SED-Funktionär und ein sogenannter Zweihundertprozentiger, hatte sie in diesem Sinne erzogen. BMW und Mercedes fuhren die Bonner Ultras, die Kapitalisten, die Ausbeuter, die Kriegstreiber.
Für Schönbier war ein Auto ein Auto und eine Straße in Köpenick (ehemals Ost-Berlin) nicht anders als eine in Neukölln (ehemals West-Berlin), und fahren sollte der, der das am besten konnte, also er. Generell hasste er es, wenn die Wessis wie auch die Ossis «diesen ganzen alten Scheiß« immer wieder aufwärmten. Seine Mutter war eine Russlanddeutsche, und von seinem Vater hieß es, er sei Deutschtürke gewesen, so genau wusste das keiner, denn der Gute hatte sich nach der Zeugung seines Sohnes schnell in die Emirate abgesetzt. «Wo ist da das Problem?», fragte Schönbier, wenn ihn jemand mitleidig ansah, und er hatte wirklich keines damit. Im Gegenteil. Bedingt durch die Gene seines Vaters, sah er immer so braungebrannt aus, dass er sich das Sonnenstudio und den Hautkrebs sparen konnte.
«Dann mal her mit den Schlüsseln», sagte Schönbier und streckte die Hand aus, um sie sich von Mannhardt geben zu lassen.
Der hielt sie aber fest umschlossen. «Moment mal! Ist denn schon klar, wer fahren soll?» Am Steuer saß im Regelfall das Alphamännchen, und diese Rolle wollte er Schönbier nicht so ohne weiteres überlassen.
«Wer fahren soll?», wiederholte Schönbier. «Ich natürlich, ich bin schon viele Rallyes gefahren.»
«Das hier ist aber keine Rallye, sondern eine Dienstfahrt», sagte Mannhardt. «Und wenn sich einer in Berlin auskennt, dann bin ich es.»
Schönbier freute sich über dieses Eigentor. «Na prima, der Kartenleser hockt immer auf dem Beifahrersitz.»
«Ich bin auch noch da», sagte Yaiza Teetzmann. «Vielleicht will ich ja fahren.»
«Bitte.» Seit Jutta Kleinschmidt bei der Rallye Paris— Dakar Furore gemacht hatte, akzeptierte Schönbier Frauen als Autofahrerinnen.
«Nein danke, aber …» Damit hatte sie klargemacht, dass sie ihr Veto gegen Schönbier am Steuer einlegen würde.
Schönbier nickte. «Dann du! Du bist der Älteste.» Mannhardt ärgerte sich nun doppelt und dreifach.
Zum einen über das Du, das er noch immer nicht verdaut hatte, zum Zweiten über seine Zuweisung zum alten Eisen und zum Dritten darüber, dass er sich über das Du wie auch über den Hinweis auf sein Alter ärgerte.
«Wenn wir so weitermachen, kommen wir nie nach Schmöckwitz», stellte Yaiza Teetzmann fest.
«Dann fahren wir eben mit der Bahn», sagte Mannhardt.
«Das darf doch nicht wahr sein!», rief Schönbier.
«Doch. Die Leiche kann warten, und wir tun was gegen die Umweltverschmutzung.» Mannhardt freute sich über seine Idee, mit der er die Kuh vom Eis bekommen hatte. «Stimmen wir ab: Wer für die Bahn ist, der hebe die Hand.»
Er und Yaiza Teetzmann taten es, Schönbier nicht. Damit war die Sache entschieden, und nachdem sie im Internet die optimale Verbindung herausgesucht hatten, liefen sie zum Wittenbergplatz.
«Mit dem Bus zum Bahnhof Schöneberg, dann mit der S-Bahn nach Grünau und von da mit der Straßenbahn nach Schmöckwitz.»
DREI
2007
SIEGFRIED SCHWELLNUSS war vor zwanzig Jahren nach Friedenau gezogen, um hier in der Aue des Friedens, wie er seinen Stadtteil immer nannte, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Mit Verena an seiner Seite, einer Grundschullehrerin. Doch die höheren Mächte hatten es anders gewollt, und die letzten Jahre waren die Hölle gewesen. Nach der Scheidung hatte er die Wohnung behalten, froh darüber, nun Platz für all seine Bücher und sogar kleinere Seminare zu haben. Doch dann hatte er Ulrike kennengelernt, und die hasste jede Form von Stadt, auch wenn sie so gehoben daherkam wie Berlin-Friedenau und große Männer wie Erich Kästner, Günter Grass, Uwe Johnson, Günther Weisenborn und Karl Schmidt-Rottluff als Mieter gesehen hatte, nicht zu vergessen die Comedian Harmonists. Ulrike klagte immer nur, sie würde in der Schwalbacher Straße ersticken, und entweder er zöge zu ihr hinaus nach Finkenkrug, was hinter Spandau im Brandenburgischen gelegen war, oder es wäre aus mit ihnen. Vielleicht hätte er nicht nachgegeben, aber da war ihm nach endlosen Streitereien vor mehreren Gerichten doch noch das ererbte Grundstück in Schmöckwitz zugefallen, und sie hatten beschlossen, das Haus am Imkerweg zu sanieren und auszubauen und dort einen Neustart zu wagen.
Es war nun viel zu planen und zu bedenken, so dass er sich zur Durchsicht zweier Hausarbeiten zum Thema Abnabelung von der Familie in den Zeiten des Nesthockers geradezu zwingen musste. «Und zwar mit der Pistole an der Schläfe», wie er Ulrike gegenüber betont hatte, denn er hasste es, wenn ihm junge Leute in umständlicher Art und Weise, in diesem Falle auch noch ziemlich unbeholfen, das mitzuteilen versuchten, was er schon lange wusste.
… ob die Abnabelung nach der Geburt wirklich zur Traumatisierung eines Menschen führt, wissen wir nicht so genau, weil man ja ein Baby nicht danach befragen kann, was es fühlt. Vielleicht ist es ja auch froh darüber, nun ein eigenständiger Mensch zu sein. Noch immer an der Nabelschnur hängend, könnte ja ein Mann kaum zum Torschützenkönig der Bundesliga werden.
Schwellnuss musste nun doch ein wenig schmunzeln, obwohl das Geschriebene mit Wissenschaft nicht viel zu tun hatte. An den Rand schrieb er: Sehr originell, aber ich bin nicht Mephistopheles, siehe Faust (Zeile 2009). Dort stand: Ich bin des trocknen Tons nun satt …
Die zweite Hausarbeit war ernsthafter angelegt, aber auch hier konnte er mitunter nur laut aufstöhnen und den Kopf schütteln.
Das Bestreben nach Neubelebung der kindlichen Einheit mit der Mutter in meinem Fallbeispiel kann man auch als Sucht verstehen. Er sucht/die Sucht – mit der Gleichheit der Worte ist schon alles gesagt. Der Volksmund sieht das auch so: Eifersucht ist, wenn man mit Eifer sucht. Einer meiner Freunde, 23 Jahre alt, verhält sich, wenn er betrunken ist, immer wie ein Baby und möchte sogar gewindelt werden, was voll in die Argumentationskette von Kernberg und anderen Autoren passt, dass Menschen nämlich mit pathologischer Mutterbindung dazu neigen, auf die Stufe eines Säuglings zu regredieren, um dadurch wieder mit der Mutter zu verschmelzen.
Fast hätte Schwellnuss an den Rand geschrieben: Ich hole meine Mutter auch zu mir ins Haus, ohne dass ich mich windeln lasse!
Was sollte er den beiden für Noten geben? Dieses Ringen um Gerechtigkeit war noch stressiger als die bloße Lektüre. Einerseits war er gern der milde Vater, andererseits mussten auch gewisse Standards der Profession beachtet werden. Am liebsten hätte er gewürfelt, aber Würfel ohne die Zahlen drei bis sechs gab es nun einmal nicht.
Sein Telefon sonderte die seltsamen Klingeltöne ab, die Ulrike so schön fand. Froh über die Störung, nahm er das schnurlose Gerät aus der Empfangsstation und meldete sich mit einem anonymen «Ja, bitte …?»
«Hier Grauen.»
«Hier auch …»
«Wie?»
«Nein, Schwellnuss, aber ich habe nur an meine Hausarbeiten gedacht.»
«Ah, Sie sind gerade beim Putzen?», fragte Günther Grauen.
«Hausarbeiten, nicht Hausarbeit», erklärte ihm Schwellnuss. «Was gibt es denn Neues?»
«Eher was Altes …», druckste Grauen.
«Wie?» Nun war es an Schwellnuss, nicht folgen zu können.
«In Schmöckwitz ist etwas Schreckliches passiert.»
«Was!? Sind die beiden jungen Leute beim Buddeln auf eine Bombe gestoßen und …?»
«Eine Bombe schon, aber keine, wie Sie denken. Machen wir es kurz: An der Außenwand Ihres Hauses ist eine Leiche gefunden worden, das heißt ein Skelett, und es sieht ganz nach Mord aus.»
«Na, wunderbar!», rief Schwellnuss. «Das steigert ja den Wert der Immobilie ungemein, vor allem wenn die Tat auch noch im Haus geschehen ist.»
«Das weiß die Kripo noch nicht, man wird sich aber bald bei Ihnen melden.»
Schwellnuss variierte seine Ausrufe. «Wie schön!»
Günther Grauen wurde langsam ungehalten. «Was kann ich denn dafür?»
«Nichts, aber … Die weiteren Pläne für Schmöckwitz können wir ja dann besprechen, wenn Sie mich mal im Knast besuchen.»
Als er wieder aufgelegt hatte, stürzte Schwellnuss ins Bad, wo Ulrike in einem irgendwie indisch anmutenden Kräutersud lag und auf eine wohltuende Wirkung für Leib und Seele hoffte. Nichts liebte sie mehr als diese exotischen Düfte und die göttliche Stille ringsum.
«Ist das alles eine Scheiße!», schrie Schwellnuss.
«Bitte», bat Ulrike ganz sanft, «nimm dich bitte etwas zurück, Siegfried.»
«Na, ist doch wahr! Da kämpfe ich nun fünfzehn Jahre, um endlich an dieses Haus zu kommen, und nun stellt sich heraus, dass da drin jemand ermordet worden ist! Die Leiche liegt im Garten, die haben sie vorhin gefunden.»
«Ich fürchte, es liegt ein Fluch auf diesem Haus. Ob es wirklich gut ist, dort einzuziehen?»
Schwellnuss knallte die Badezimmertür hinter sich zu.
«Ich kann jeden verstehen, der ab und zu mal einen kleinen Mord begeht!»
Die Spezialisten hatten sich inzwischen die Leiche vom Imkerweg genauer angesehen und Mannhardt ihre ersten Erkenntnisse mitgeteilt. Er fasste die Nachricht mit eigenen Worten für Schönbier zusammen.
«Die erste Inaugenscheinnahme lässt die Annahme zu, dass wir es mit einer Frau zu tun haben. Das Skelett ist vergleichsweise grazil, die Muskelansatzpunkte sind geringer ausgeprägt als bei einem Mann, das Becken typisch. Alles muss aber noch mit den entsprechenden Tabellenwerten verglichen werden. Ein vorläufiges Messen der Röhrenknochen lässt auf eine Körpergröße von 1,65 bis 1,70 Meter schließen. Eine genau Altersschätzung der Person ist noch nicht möglich, aber der Schmelzabschliff der Zähne, die Randzackenbildungen an den Wirbelkörpern und die Verknöcherung des knorpeligen Kehlkopfgerüstes lassen eine erste Schätzung zu: um die zwanzig Jahre herum, vielleicht auch etwas älter. Zur Todesursache können noch keine Angaben gemacht werden. In Anbetracht der Bodenbeschaffenheit, des Pflanzenwuchses, der Verwitterung der Knochen und der Zerstörung der Kleidungsstücke kann eine erste Liegezeitschätzung vorgenommen werden: dreißig Jahre plus/minus fünf. DNA-Material konnte sichergestellt werden. Ebenso Reste der Bekleidung. Der skelettierte Schädel ist so gut erhalten, dass eine Gesichtsrekonstruktion über Computersuperpositionen gute Ergebnisse bringen müsste.»
«Das ist ja eine ganze Menge», sagte Schönbier.
«Dreißig Jahre plus/minus fünf», murmelte Mannhardt. «Dann läge der Tatzeitraum zwischen 1962 und 1972.»
«1972 und 1982», verbesserte ihn Schönbier. «2007 weniger dreißig ist 1977.»
«Ja, klar. Ohne Taschenrechner bin ich leider hilflos. 1977 …» Mannhardt überlegte. «Die DDR in ihrer Blüte und schon durch den antifaschistischen Schutzwall vom Westen getrennt. Wie soll es da in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft einen Mord gegeben haben?»
Yaiza Teetzmann, gerade hereingekommen, hatte die Antwort: «Als ob der Sozialismus die Menschen besser machte.» Sie schloss die Tür hinter sich. «Das ist nicht von mir, sondern stammt von einem Leipziger Schriftsteller: Steffen Mohr. Der hat es in einem Heft unserer Blaulicht- Reihe geschrieben, die Zensur hat es übersehen – und meine Schwester hat es in einem Aufsatz zitiert. Mann, gab das ein Theater bei uns zu Hause in Marzahn!»
«Was würde denn über den Schmöckwitzer Leichenfund im Neuen Deutschland stehen, wenn die DDR bei der deutschen Wiedervereinigung gesiegt hätte und Egon Krenz Bundeskanzler wäre?», fragte sich Mannhardt. «Wahrscheinlich: Antifaschistische Widerstandskämpferin in den letzten Kriegstagen von der SS ermordet und an einer Hauswand verscharrt.»
Yaiza Teetzmann schüttelte den Kopf. «Das hätten unsere Leute wegen der über dreißig Jahre Unterschied nicht mitgemacht. Eher hätte man versucht, die Sache einem Westler in die Schuhe zu schieben, rüber konnten ja die meisten von euch.»
«Hoffentlich habe ich für die Jahre 1972 bis 1982 ein lückenloses Alibi», sagte Mannhardt.
«Warten wir ab, bis wir Genaueres wissen», sagte Schönbier. Wenn ihn etwas anödete, dann waren es Dialoge wie der zwischen den beiden Kollegen. Alles zu unpräzise. Was zählte, waren allein die Fakten. Fakten, Fakten, Fakten. Das hatte er aus der Werbung, nicht aus dem Focus.
«Wann können wir denn selber mal unter die Lupe nehmen, was bei der Toten alles so gefunden wurde?», fragte Mannhardt.
Yaiza Teetzmann zuckte mit den Schultern. «Morgen oder übermorgen. Aber fahrt doch zu diesem Schwellnuss, und fragt den.»
«Wer ist Schwellnuss?», fragte Mannhardt.
«Der Eigentümer des Grundstückes. Wenn der nicht den Auftrag gegeben hätte, das Haus zu sanieren, dann wäre die Sache nie ans Licht gekommen.»
«Wenn er den Auftrag dazu gegeben hat, kann er selber schwerlich der Täter sein», merkte Schönbier an.
Yaiza Teetzmann grinste. «Er kommt jedenfalls aus West-Berlin.»
Mannhardt und Schönbier fuhren mit der U9 nach Friedenau, da sie wussten, wie nervig es war, dort nach einem Parkplatz zu suchen. Vom Zoologischen Garten bis zum Friedrich-Wilhelm-Platz brauchten sie gerade einmal acht Minuten. Sie standen so dicht nebeneinander, dass es schwer war, nur zu schweigen. Mannhardt erinnerte sich an eine alte Weisheit seiner Mutter: «Durch Reden kommt eine Unterhaltung zustande.» Also redete er.
«Trifft ein Psychologe den anderen und sagt: ‹Dir geht es gut – und wie geht es mir?›»
Als sie ausgestiegen waren, brauchten sie eine Weile, um sich zu orientieren. Die Gegend um den Friedrich-Wilhelm-Platz war ein wenig unübersichtlich, und prompt erwischten sie den Ausgang auf der falschen Seite. Dort war keine Schwalbacher Straße.
«Fragen wir mal jemanden», sagte Schönbier. Mannhardt wehrte ab. «Das geht gegen meine Ehre als Kriminalbeamter. Steigen wir noch mal in die U-Bahn runter und sehen auf dem Stadtplan nach.»
«Nicht mit mir!», erklärte Schönbier.
Da keiner nachgeben wollte, blieb ihnen nur das Prinzip trial and error, und so zogen sie eine halbe Stunde lang immer weitere Kreise um den Friedrich-Wilhelm-Platz, bis sie die Schwalbacher Straße gefunden hatten.
Danach konnte Mannhardt nicht mehr ernsthaft bestreiten, dass Psychologen und Psychiater in dieser seiner Gesellschaft unerlässlich waren.
Als Professor Dr. Siegfried Schwellnuss ihnen die Haustür öffnete, drohte Mannhardts Impulskontrolle zu versagen, und er hätte um ein Haar laut losgelacht, denn der Mann sah so sehr nach einer Parodie seines Berufsstandes aus, dass man glauben konnte, in eine Comedy-Serie geraten zu sein. Ein bisschen Ähnlichkeit hatte er mit Albert Einstein, ein bisschen mit Sigmund Freud und ein bisschen mit dem letzten Neandertaler.
«Ah, die Herren von der sehr verehrten Kriminalpolizei!», rief er. «Treten Sie bitte ein, aber möglichst nicht meine Tür, wie es Ihre Kollegen vom Sondereinsatzkommando so an sich haben.»
«War das bei Ihnen schon einmal der Fall?», fragte Schönbier.
«Nein, aber man muss ja heutzutage mit allem rechnen.»
«Sie wissen, warum wir hier sind?», fragte Mannhardt, als sie ins Wohnzimmer traten.
«Wegen Schmöckwitz, mein Architekt hat mich schon angerufen, der Herr Grauen. Schrecklich alles!» Schwellnuss fiel in einen seiner Sessel. «Aber ich werde Ihnen da auch nicht weiterhelfen können.»
«Es ist doch aber Ihr Haus?», wollte sich Mannhardt vergewissern.
«Das schon, aber erst seit Beginn dieses Jahres. Das heißt, eigentlich haben wir es schon 1975 geerbt, also meine Mutter, weil es deren Schwester gehört hat, meiner Tante, aber wir waren ja West-Berliner und damit rechtlos. Wenn ich Ihnen das mal erklären darf …»
Diese Erklärung dauerte gut zwanzig Minuten, denn wegen einer angeblichen Tätigkeit der Tante für die CIA hatte die DDR Haus und Grundstück in Staatseigentum übergehen lassen. «… und der Einigungsvertrag hat solche Tatbestände außen vor gelassen, so dass wir seit 1990 pausenlos prozessiert haben. Ein Gerichtsverfahren nach dem anderen hat es gegeben, mein Anwalt ist dadurch ein reicher Mann geworden, und erst Anfang dieses Jahres ist es uns gelungen, den üblen Grundstücksbesetzer wieder zu vertreiben und in Besitz zu nehmen, was unserer Familie seit 1924 gehört hat.» Mannhardt rechnete. Die Tat war zwischen 1972 und 1982 begangen worden, also kam Schwellnuss doch noch als Täter in Frage. «Sie sind Jahrgang …?»
«1955», antwortete der Professor.
«Danke!» Mannhardt tat sich bei der Rechnung mit Jahreszahlen auch diesmal wieder schwer, und so dauerte es ein paar Sekunden, bis er herausgefunden hatte, dass Schwellnuss im Jahre 1974 alt genug gewesen war, um einen Mord zu begehen oder zumindest im Affekt zum Totschläger zu werden.
Schwellnuss nutzte die kleine Gesprächspause, um allen ein Glas Mineralwasser einzugießen.
«Prost!» Er trank so hastig, dass er rülpsen musste.
«Oh, Pardon! Mal ganz direkt gefragt: Sind Sie eigentlich hier, weil sie mich für den Täter halten?»
«Wie kommen Sie denn darauf?», fragte Mannhardt zurück.
«Wozu bin ich Psychologe, ich spüre das.»
Schönbier lachte. «Wenn Sie wollen, dass Sie dadurch ins Fernsehen kommen, dann gerne.»
Mannhardt begann, laut zu denken. «Seit 1974 gab es Passierscheine für West-Berliner … Und Sie haben Ihre Tante sicherlich öfter besucht?»
«Ja, natürlich!», rief Schwellnuss. «Um mich am Imkerweg mit meinen Geliebten aus der DDR zu treffen. Und eine von denen habe ich dann umgebracht und im Garten verbuddelt.»
«War das schon ein Geständnis?», fragte Schönbier.
Da fuhr Schwellnuss auf und verlor die Contenance. «Ich verbitte mir das! Da stecken doch die alten SED-Seilschaften dahinter, dieses Arschloch von Oybin. Das ist seine Rache, weil es mir schließlich doch noch gelungen ist, ihn von dem Land zu vertreiben, das er und sein Verbrecherstaat uns geraubt hatten!»
Mannhardt war geradezu entsetzt über diesen Wutausbruch des Intellektuellen. «Wer bitte ist Oybin?»
«Bernhard Oybin ist ein gänzlich unbedeutender, aber vom DDR-Regime hochgejubelter Schriftsteller, der dafür, dass er Honecker und Co. in den Arsch gekrochen ist, mit dem Grundstück am Imkerweg belohnt worden war. Er soll ein fürchterlicher Blaubart gewesen sein. Kein Wunder, dass da auch eine Leiche zurückgeblieben ist.»
VIER
2007
HANS-JÜRGEN MANNHARDT hatte zwar das Abitur gemacht, dann aber nicht studiert, sondern es vorgezogen, die Kommissarslaufbahn einzuschlagen und Beamter des gehobenen Dienstes zu werden. Lilo, seine Ex-Ehefrau, hatte ihm das immer wieder vorgehalten: «Was hätte aus dir nicht alles werden können, wenn du Volljurist geworden wärst!» In der Tat, dann würde er jetzt als Polizeidirektor in den Ruhestand gehen und nicht als Erster Kriminalhauptkommissar.
«Aber ob du damit glücklicher sein würdest?», wurde er immer wieder gefragt.
«Ja, sicher.»
Je höher jemand in einer Hierarchie nach oben stieg, desto näher war er dem Himmel.
Zu wissen, dass er aus seinem Leben nicht das gemacht hatte, was möglich gewesen wäre, schmerzte umso mehr, je älter er wurde. Am besten verstanden alte Skatspieler, was er meinte: «Da hast du das Blatt für einen Grand in der Hand und spielst aus lauter Angst nur Karo.» Das brachte achtzehn Punkte ein, ein gewonnener Grand aber sechzig.
Was seine Allgemeinbildung anging, da konnte er es mit Leuten aufnehmen, die ein Prof. Dr. vor dem Namen stehen hatten, und beim Trivial Pursuit galt er als unschlagbar. Das lag daran, dass man sich als Kriminalkommissar pausenlos in andere Lebens- und Wissensbereiche hineinfinden musste, wenn man Erfolg haben wollte. Diesmal war es die Literatur der DDR. Als West-Berliner hatte er von Anna Seghers Das siebte Kreuz gelesen, von Hermann Kant Die Aula, ebenso ein, zwei Werke von Stefan Heym, und auch die Namen Christa Wolf, Christoph Hein und Jurek Becker kannte er, aber damit hörte es auch schon auf. Wer um Himmels willen war nur Bernhard Oybin?
Bevor sie sich näher mit ihm befassten, gab er den Namen bei Google ein und erfuhr immerhin einiges.
Bernhard Oybin war 1929 in Rathenow als Sohn eines Anstreichers geboren worden und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater hatte der KPD angehört und mehrere Jahre im KZ gesessen. Das bewog den jungen Bernhard Oybin dazu, in die SED einzutreten. Nachdem man ihm ermöglicht hatte, das Abitur an der ABF, der Arbeiter- und Bauernfakultät, in Greifswald nachzuholen, studierte er Germanistik an der Humboldt-Universität zu Berlin und promovierte mit einer Arbeit zum Thema Der Erste Weltkrieg im Spiegel deutscher Romane. Schon während seiner Studienzeit hatte er zu schreiben begonnen und mit seinem ersten Roman Der Fährmann von Ketzin einiges an Aufsehen erregt. Sein größter Erfolg aber sei Der Dispatcher gewesen, der von der DEFA auch verfilmt wurde. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit hatte Oybin als Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften gearbeitet, gefürchtete Kritiken geschrieben und der Volkskammer der DDR angehört. Die Liste seiner Preise war lang. Bei der Ausbürgerung Wolf Biermanns und dem Ausschluss von Jurek Becker, Erich Loest und Stefan Heym aus dem Schriftstellerverband der DDR hatte er auf der Seite der Herrschenden gestanden. Laut Unterlagen der Gauck-Behörde hatte er als IM, also Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, Berliner Schriftsteller ausgeforscht.
Nachfragen bei den verschiedenen Berliner Behörden ergaben, dass Oybin in einem Altenheim in Friedrichshagen untergebracht war. Sein Sohn lebte auf Kuba, seine Ex-Ehefrau, die Schauspielerin Katja Koschlick, in Karolinenhof. Mannhardt hielt es für besser, erst mit ihr zu sprechen, denn je mehr Informationen er im Vorfeld bekam, desto größere Chancen hatte er, Oybins Aussagen kritisch zu durchleuchten und ihn gegebenenfalls zu Fehlern zu verleiten. Der Sohn wäre auch nicht schlecht gewesen, aber … Mannhardt rief seinen Vorgesetzten an und fragte, ob der ihm eine kleine Dienstreise nach Havanna genehmigen würde.
«Nicht mal eine Havanna!»
«Aber einen Dienstfahrschein nach Karolinenhof bekommen wir doch bewilligt?»
«Dafür sperrt der Finanzsenator mich ein. Lasst die Dame doch zu euch kommen, das spart uns Kosten.» Mannhardt murrte. «Ich bin ein altmodischer Mensch, ich sehe mir gerne das Ambiente an, in dem die Leute leben.»
«Na schön, fahrt hin, seht aber zu, dass ihr einen Billigflug bekommt.»
«Einen Billigflug nach Kuba?», fragte Mannhardt, denn Hartnäckigkeit war ja eine große Tugend seines Berufsstandes.
«Einen Stehplatz in der Straßenbahn nach Karolinenhof. Bei unserem ausgeknautschten Etat sind keine Platzkarten mehr drin.»
«Soll ich allein zu der Koschlick fahren oder Rico mitnehmen?», fragte Mannhardt.
«Nimm ihn mit, er soll sich schließlich einarbeiten. Und euch beide wird ja die Diva nicht vernaschen, bei einem alleine aber hätte ich da größte Bedenken, nach allem, was man so hört. Sie soll ja noch immer ein ziemlicher Vulkan sein.»
Und das war sie tatsächlich, denn kaum war sie auf das Klingeln der Beamten hin nach vorn an den Gartenzaun gekommen und hatte gehört, dass die Herren von der Kripo kamen und etwas über Bernhard Oybin in Erfahrung bringen wollten, da schrie sie auch schon los.
«Darauf habe ich dreißig Jahre lang gewartet, dass endlich einer kommt und dieses Schwein hinter Schloss und Riegel bringt!»
Mannhardt fühlte sich bei solchen Entgleisungen immer peinlich berührt und im Umgang mit Furien wie dieser schlichtweg überfordert, Schönbier aber registrierte den Ausbruch cool und ziemlich amüsiert und holte sein Handy hervor.
«Soll ich noch schnell beim rbb anrufen, damit die ein Kamerateam herschicken?»
Sie sah ihn böse an und konterte mit einem Filmzitat. « Junge, so, wie du aussiehst, brauchst du keinen Strafzettel mehr. Du bist gestraft genug. Polizist in Mit Vollgas nach San Fernando, USA 1980, Regie: Buddy Van Horn. Ich kenne Tausende von Filmen.»
«Haben Sie eigentlich im Dispatcher selber mitgespielt?», fragte Mannhardt.
Katja Koschlick riss die Augen auf. «Sie sind ja bestens informiert!»
«Wenn es um Mord geht, kann man nie genug wissen.»
«Nichts ist verjährt!», rief Katja Koschlick. «Und ein Mord schon gar nicht. Kommen Sie rein, meine Herren, setzen wir uns auf die Terrasse. In diesem April ist es ja wärmer als manchmal im August. Da können wir stundenlang über dieses Arschloch reden.»
«Ich bitte Sie, gnädige Frau», sagte Mannhardt, um sie ein wenig zu bremsen.
Katja Koschlick sah ihn scharf an. « Ich möchte nicht gerne unterbrochen werden, wenn ich jemanden anpöbel. Charles Laughton als Richter Horfield in Der Fall Paradin, USA 1947, Regie: Alfred Hitchcock.»
«Hitchcock passt immer», merkte Schönbier an, während er die leeren Bier-, Wein- und Schnapsflaschen musterte, die neben der Mülltonne aufgereiht waren.
Katja Koschlick hatte seinen Blick verfolgt. «Der Rest ist Saufen, wenn man keine richtigen Rollen mehr kriegt. Mal ein bisschen Synchron, mal ein bisschen Werbung, wer soll das aushalten können. Aber wer nimmt heute noch eine Schauspielerin, die einen IQ von 160 und ein abgeschlossenes Hochschulstudium hat?»
Damit waren sie auf der Terrasse angekommen und setzten sich. Mannhardt sah sich um.
«So richtig schlecht zu gehen scheint es Ihnen aber auch nicht?» Das Haus an der Vetschauer Allee war zwar keine Villa, aber immerhin mehr als eine Hütte.
Katja Koschlick ließ das kehlige Lachen hören, das einst ihr Markenzeichen gewesen war. «Ja, ja, Oybin musste ganz schön bluten, nachdem er mich abserviert hatte.»
«Wann sind Sie denn geschieden worden?», fragte Schönbier.
«Noch vor der Wende, 1988. Es war mit seinen vielen Weibern nicht mehr auszuhalten. Es gab immer wieder mal ’ne Abtreibung, und eine hat sogar ein Kind von ihm bekommen. Einmal hat er wegen seines unsittlichen Lebenswandels auch ’nen mächtigen Rüffel von der Partei bekommen.»
Mannhardt kam vorsichtig zum Grund ihres Besuches. «Sie wissen ja, was nebenan in Schmöckwitz passiert ist?»
Sie fuhr ihn an. «Nein, junger Mann, aber wissen Sie es denn?»
«Na sicher, wegen der skelettierten Leiche auf dem Grundstück Ihres Mannes sind wir doch hier.»
«Witzbold, das weiß ich natürlich auch. Aber wie soll ich denn wissen, was damals in Schmöckwitz passiert ist? Ich war ja nicht dabei, als er eine von seinen Miezen umgebracht hat.»
«Aber zu der Zeit waren Sie doch noch verheiratet mit ihm?», wollte sich Schönbier vergewissern.
«Zu welcher Zeit?», fragte Katja Koschlick zurück.
«Der Mord ist irgendwann zwischen 1972 und 1982 geschehen.»
«Verheiratet waren wir noch, ja, aber ich war selten in Schmöckwitz draußen. Mal war ich zu Dreharbeiten unterwegs, mal an der Ostsee, mal am Balaton.» Sie fixierte Mannhardt und Schönbier. «Sind Sie etwa hier, weil Sie mich in Verdacht haben?»
Mannhardt fürchtete ihren Gefühlsausbruch, wenn er die Frage bejahte, und schwieg deshalb nur beredt.
Schönbier hingegen hielt sich nicht zurück und nahm lediglich seine Sonnenbrille ab, um nicht am Auge verletzt zu werden, wenn sie mit dem Aschenbecher nach ihm werfen sollte.
«Es ist unsere Pflicht, jeder Spur nachzugehen, und die Rache einer betrogenen Ehefrau ist ein Motiv, dem wir öfter mal begegnen.»
Katja Koschlick sprang auf. «Das Schwein hat Sie also auf mich gehetzt.»
«Wir waren ja noch gar nicht bei ihm», sagte Schönbier.
«Dann war es sein Freund, dieser Schwachkopf Mutsch.»
«Welcher Mutsch?», fragte Mannhardt.
«Na, Martin Mutsch, der Krimischreiber, den er immer gefördert hat.»
Mannhardt horchte auf. «Ein Krimischreiber?»
«Ja, der war mal Kriminalkommissar bei irgendeiner MuK, einer Morduntersuchungskommission, hier im Umland und hat sich zu Höherem berufen gefühlt. So schwul, wie er sei, sagt er, habe er es bei der Polizei nicht mehr ausgehalten. Sich immer verstellen. Ich mag ihn, aber …»
«Was aber?», fragte Mannhardt. «Sie denken da an ein Tauschgeschäft? Ihr Mann hilft Mutsch, damit der als Schriftsteller reüssiert, Mutsch revanchiert sich dann, als es darum geht, eine Leiche verschwinden zu lassen?»
Katja Koschlick nickte. «Sie sagen es, junger Mann. Die Menschen sind nicht nur menschlich. Verstehst du? In ihnen drin lebt auch ein Tier. Der Blinde Jon Voight in U-Turn – Kein Weg zurück, USA und Frankreich 1997, Regie: Oliver Stone.»
Martin Mutsch wohnte in der Schönhauser Allee, und da es dort eine Hochbahn gab, konnten Mannhardt und Schönbier auch in diesem Falle auf ein Dienstfahrzeug verzichten und einen weiteren Beitrag zur Entschuldung ihres bettelarmen Bundeslandes leisten.
Mannhardt fuhr nicht gern mit der Hochbahn, insbesondere wenn er in einem Wagen saß, der zur Baureihe Gisela gehörte und noch in der DDR gebaut worden war, in Hennigsdorf. Die Gisela -Züge waren zwar alle «ertüchtigt« worden, wie das in der Fachsprache hieß, aber dennoch … Als West-Berliner stand er allen Produkten aus der DDR mehr als skeptisch gegenüber. Was aus einem VEB, einem Volkseigenen Betrieb, kam, das konnte a priori nichts taugen, wo es denen doch an allem gefehlt hatte. War er mit alten Freunden zusammen, wurden über die DDR-Wirtschaft ständig Witze gerissen.
Honecker besucht Helmut Schmidt. «Erich, setz dich doch hin und nimm deinen Rucksack ab», fordert der Bundeskanzler ihn auf. Honecker: «Das geht nicht, da ist mein Herzschrittmacher drin.» – «So ein großes Ding? Meiner ist doch nur so groß wie eine Streichholzschachtel.» – «So groß war meiner früher auch, aber seit wir alles auf Braunkohle umgestellt haben …»
Yaiza Teetzmann konterte immer damit, dass sie ihm mit einem Spruch aus der BRD kam. «Wie war das noch mit der AEG, wofür stehen die drei Buchstaben? Doch für: Auspacken, einschalten, geht nicht.»
Schönbier langweilte das alles. Wurde er gefragt, ob er aus dem Osten oder aus dem Westen käme, antwortete er immer: «Aus dem Süden, aus Lichtenrade.»
Martin Mutsch lebte in bescheidenen Verhältnissen. Die kleine Wohnung im dritten Stock eines Hinterhauses war vollgestellt mit Büchern, so etwa allen Bänden der legendären DIE -Reihe – Delikte, Indizien, Ermittlungen –, die eigenen Werke dadurch hervorgehoben, dass sie dem Betrachter nicht nur den schmalen Rücken, sondern das ganze Cover zeigten. Glückwunschkarten mit einer großen Siebzig drauf lagen auf dem Schreibtisch herum, so dass man daraus schließen konnte, dass er vor kurzem seinen Geburtstag gefeiert hatte.
«Dann nachträglich noch …», sagte Mannhardt, nachdem sie sich begrüßt hatten. «Bei uns in den Zeitungen war gar nichts davon zu lesen, dass Sie …»
«Bei uns auch nicht», fügte Martin Mutsch hinzu.
«Wenn Sie damit das Neue Deutschland meinen. Aber zum einen bin ich nach dem Ende der DDR zu einem – wie sagt man bei Ihnen? – No-Name-Autor geworden, und zum anderen hat die Kriminalliteratur in der DDR immer einen sehr niedrigen Stellenwert gehabt, obwohl es in der Blaulicht -Reihe sogar ein Heft von Erich Loest gegeben hat.»
Während sie Martin Mutsch in sein Wohnzimmer folgten und Platz nahmen, fiel Mannhardt noch etwas zur Blaulicht -Reihe ein. «Ist die nicht anfangs vom Ministerium des Innern herausgegeben worden?»
Martin Mutsch war erstaunt, dass ein West-Berliner so etwas wusste. «In der Tat. Die Arbeit der Volkspolizei sollte ebenso wohlwollend wie realistisch dargestellt werden. Unsere Hochliteraten haben immer gelästert, die Blaulicht- Hefte seien nötig, weil es in der DDR keine BILD -Zeitung gab. Aber als ich einmal Ärger mit der SED hatte, hat Bernhard Oybin zu mir gesagt, ich solle doch Krimis schreiben, weil ich da ein wenig frecher sein dürfe.»
«Was Sie dann ja auch getan haben.» Mannhardt wies auf die Bände der DIE -Reihe, auf denen der Name Martin Mutsch zu lesen war.
«Ja, sicher. Schließlich gab es 1500 Mark für das kleine und 2500 Mark für das doppelte Heft, was bei den niedrigen Preisen bei uns eine Menge Geld war. Und bei einer Auflage von vielleicht 175 000 Exemplaren war man schnell im ganzen Land bekannt. Das hat mir damals sehr geholfen, meine Arbeit bei der Volkspolizei aufzugeben. Aber das Schreiben ist eben eine Sucht.»
«Und Oybin hat Ihnen dabei kräftig geholfen?», fragte Schönbier, der das Referat über den Krimi in der DDR nur langweilig fand.
«Bernhard, ja … Er ist eine Seele von Mensch und hatte eine Unmenge an Freunden aus aller Welt. Immer und überall hat er geholfen.»
Klar, dachte Mannhardt, je mehr Leute Oybin kannte, desto mehr konnte er seinem Führungsoffizier erzählen und der Stasi eine Freude machen.
«Sie wissen, warum wir hier sind?», fragte Schönbier.
«Noch kann ich Zeitung lesen», antwortete Martin Mutsch. «Noch sind meine Augen gut genug.»
«Und?»
Martin Mutsch lachte. «Von Kollege zu Kollege: Ich an Ihrer Stelle würde aufgeben, bevor ich angefangen habe, denn ich will nicht sagen, dass die halbe DDR als Täter in Frage kommt, aber in der fraglichen Zeit werden Hunderte von Freunden und Freundinnen im Haus am Imkerweg gewesen sein – und zwar in Bernhards Abwesenheit.»
«Wie das?», fragte Schönbier.
«Im Sommer war er fast immer in seinem Ferienhaus in Baabe, auf Rügen also, und hat das Haus in Schmöckwitz gern anderen zur Verfügung gestellt, wenn die in Berlin waren. Und Katja war nie da, die hat den Imkerweg gehasst. Sein Motorboot hat hinten am Zeuthener See gelegen, auch das hat viele angelockt. Der eine hat den Schlüssel an den anderen weitergegeben, und es hat x Schlüssel gegeben. Viele von seinen verheirateten Freunden haben Schmöckwitz auch als Liebesnest benutzt, um es da mit ihren Freundinnen zu treiben. Ich habe auch einmal einen Freund mitgenommen … Sie wissen ja, dass wir Schwulen es in der DDR nicht leicht hatten. Aber es geht ja hier um eine tote Frau. Nun, ich will das einmal so formulieren: Dass Sie da bei Oybin am Imkerweg nur eine skelettierte Leiche gefunden haben, ist eigentlich erstaunlich.»
Mannhardt fand es überhaupt erstaunlich, dass man nicht eher auf den Mord am Imkerweg gekommen war.
«Bei der lückenlosen Kontrolle, die das Ministerium für Staatssicherheit über alles hatte, und bei der ausgezeichneten Kriminalpolizei bei Ihnen drüben …?»
«Nun, bei der Nomenklatura schaute man nicht immer so ganz genau hin, und Bernhard Oybin war ja zu seinen besten Zeiten so etwas wie ein Heiliger bei uns. Und offenbar ist die Frau, die da in Schmöckwitz gefunden wurde, von niemandem vermisst worden.»
«Im fraglichen Zeitraum hat es Hunderte von Vermisstenmeldungen gegeben», sagte Schönbier. «Im Westen wie im Osten, und ehe wir uns da durch alle durchgearbeitet haben …»
Mannhardt fixierte Martin Mutsch. «Dass Sie Ihrem Freund und Gönner aus der Bredouille helfen wollen, ist sicherlich verständlich und ja durchaus auch ehrenhaft, aber für uns ist er nun einmal ganz automatisch der Tatverdächtige Nummer eins.»
«Ich würde eher von einer Tatverdächtigen sprechen», sagte Martin Mutsch.
«Sie meinen seine Ex-Frau?», fragte Schönbier.
«Katja Koschlick, ja. Mit ihren Psychosen und Borderline-Störungen gehört sie eigentlich wieder in die Psychiatrie. Den ganzen Tag hockt sie nur zu Hause und sieht sich alte Filme an … und trinkt dabei. Ihr Hass auf Bernhard ist pathologisch, und ihn jetzt mit einer Mordanklage vor Gericht zu sehen wäre der Höhepunkt ihrer Rache. Dass er halb gelähmt im Rollstuhl sitzt, das reicht ihr nicht.»
Friedrichshagen am Müggelsee war an sich der ideale Ruhesitz für einen Literaten, denn hier hatten Wilhelm Bölsche und Bruno Wille gelebt und 1888/89 ihren Dichterkreis begründet, zu dem unter anderen auch Richard Dehmel, Knut Hamsun, Gerhart Hauptmann, Peter Hille, Erich Mühsam, Frank Wedekind und Else Lasker-Schüler gezählt wurden, doch Mannhardt hatte seine Zweifel, ob Bernhard Oybin mit dem Heim, in dem er lebte, sonderlich zufrieden war. Die Pflegekräfte waren mufflig und schienen demotiviert und überfordert zu sein, in den Fluren roch es nach Urin.
Die Heimleitung hatte Oybin von ihrem Kommen informiert, und so kam er ihnen auf dem Flur mit seinem Rollstuhl entgegen. Mannhardt hatte diesmal Yaiza Teetzmann mitgenommen, weil er hoffte, durch sie, der Ex-DDR-Bürgerin, einen besseren Zugang zu ihm, dem Ex-DDR-Heroen, zu bekommen.
«Wehe den Besiegten!», rief Oybin ihnen zu. «Erst nehmen sie mir die Ehre, die neuen Herren, dann berauben sie mich meines Eigentums, und jetzt schicken sie auch noch den Henker zu mir.»
Halt’s Maul, du altes Stasi-Schwein, dachte Mannhardt bei sich.
«Ich habe Ihre Bücher immer gern gelesen», sagte Yaiza Teetzmann. «Und insbesondere Der Dispatcher ist in meinen Augen ein Meisterwerk.»
Da leuchteten Oybins Augen. «Richtig: Was damals ein Meisterwerk war, kann heute kein Machwerk sein, und was damals Recht war, kann heute kein Unrecht sein.»
Mannhardt fletschte die Zähne. «Das kenne ich doch von Hans Filbinger.» Gab es furchtbare Juristen, so gab es auch furchtbare Schriftsteller.
Oybin hatte es nicht gehört, denn zu sehr war er damit beschäftigt, Yaiza Teetzmanns Figur in sich aufzunehmen.
«Kommen Sie, mein Zimmer ist gleich hier nebenan, lassen Sie uns miteinander plaudern.»
Mannhardt verstand, warum der Mann mit seinem Charme die Frauen reihenweise erobert hatte. Er war einer von denen, die auch mit neunzig noch konnten und immer sagten, ein Mann nähme seine Potenz mit ins Grab. Er ließ Yaiza Teetzmann freie Hand, denn wenn er sich einmischte, lief er nur Gefahr, dass Oybin ihm ein Disziplinarverfahren anhängte.
Oybins kleines Zimmer war eine Zumutung und mit der Würde des Menschen, wie sie im Grundgesetz fixiert war, nicht ganz zu vereinbaren, das musste sich auch Mannhardt eingestehen. Es war eine Aufbewahrungsbox für Abgeschobene, deren baldiges Ableben anzunehmen war. Irgendwie tat er Mannhardt sogar ein wenig leid.
«Ich weiß, wie kränkend es für Sie sein muss, Herr Oybin, aber …» Yaiza Teetzmann zögerte fortzufahren. «Fakt ist nun einmal, dass auf Ihrem Grundstück in Schmöckwitz eine Leiche gefunden worden ist und alles auf einen Mord hindeutet.»
«Und die West-Presse wartet nur darauf, mir den anhängen zu können», sagte Oybin. «Aber da kann ich ihr nur hinterherrufen: Nu pogodi! »
«Das heißt: Na warte!», übersetzte Yaiza Teetzmann für Mannhardt. «Und stammt aus einer legendären sowjetischen Zeichentrickserie bei uns. Da gab es einen freundlichen, wissbegierigen Hasen und einen bösen Wolf. Der verliert zwar alle Duelle mit dem Hasen, steht aber nach jeder Niederlage wieder auf und brüllt dem davonhüpfenden Hasen hinterher: Nu pogodi! »
Mannhardt wollte sich der Sinn dieser Bemerkung nicht ganz erschließen, sah er doch in Oybin nicht den lieben Hasen, sondern den bösen Wolf.
Oybin setzte zu einer längeren Rede an. «Nun, ich hasse abgestandene Redewendungen, aber manche bringen einen Tatbestand wirklich auf den Punkt, zum Beispiel: Jede gute Tat rächt sich einmal. Jahr für Jahr habe ich mindestens einem Dutzend von guten Freunden und Verwandten mein Domizil in Schmöckwitz zur Verfügung gestellt.»
«Da war doch sicherlich auch alles verwanzt!» Mannhardts spontaner Ausruf entsprang keiner moralischen Verurteilung, sondern der Hoffnung, dass sich in den Stasi-Unterlagen noch etwas finden ließ, das sie auf die Spur des Mörders brachte.
«Raus hier!», schrie Oybin.
Mannhardt reagierte so cool, wie er es bei Schönbier gesehen hatte. «Dem Sieger fällt es nicht schwer zu gehen. Frau Teetzmann kann ja sicher noch bleiben.»
Damit verließ er den Raum, um vor der Tür auf und ab zu gehen. Es dauerte. Nach einigen Minuten hörte er Yaiza Teetzmanns Lachen, fast war es ein Kreischen. Mannhardt stöhnte auf. Seine Kollegin als Groupie, es war nicht zu fassen. Endlich kam sie auf den Flur hinaus.
«Das war ja voller Einsatz, um ihm ein Geständnis abzuringen», sagte Mannhardt. «Hat er denn gestanden?»
«Und wie!», rief Yaiza Teetzmann.
«Könntest du bitte deine sexistischen Bemerkungen im Dienst unterlassen, ich wende mich sonst an den Männerbeauftragten.»
«Okay, entschuldige. Nein, Oybin hält das alles für eine Rufmordkampagne. Er wird sich in den nächsten Tagen hinsetzen und mir eine Liste mit allen Freunden und Bekannten geben, die in den fraglichen Jahren bei ihm in Schmöckwitz in seiner Abwesenheit zu Gast gewesen waren. Soweit er sich erinnern kann.»
«Und will», fügte Mannhardt hinzu.
«Wenn es ihn entlastet, wird er schon wollen.» Mannhardt hatte da so seine Bedenken. «Er wird doch keinen Freund der Klassenjustiz ausliefern wollen.»
«Warten wir’s ab.»
«Ich könnte mir schon vorstellen, dass er’s selber war», sagte Mannhardt.
«Dir geht’s ja nur um die klammheimliche Freude!», hielt Yaiza Teetzmann ihm vor.
«Zugegeben, aber als West-Berliner – und damit als Opfer der DDR-Diktatur – darf ich die wohl haben.»
FÜNF
2007
HANS-JÜRGEN MANNHARDT hockte hinter seinem Schreibtisch und gab sich, da er allein im Zimmer war, dem Büroschlaf hin. Abgesehen davon, dass dieser gesund sein sollte, vertraute er als jemand, der brav seine Kirchensteuern zahlte, auch der alten Verheißung: Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe. In diesem Falle hoffte er auf eine Erleuchtung, was den Schmöckwitzer Leichenfund betraf.
Und es schien so, als hätte er auf die richtige Karte gesetzt, denn als nach einer halbstündigen Siesta Yaiza Teetzmann zu Besuch kam, brachte diese frohe Kunde mit.
«Du, sie haben am Imkerweg im Grab noch etwas gefunden.»
«In welchem Grab?», fragte Mannhardt.
Yaiza Teetzmann schlug sich mit der flachen rechten Hand gegen die Stirn. «Mensch, da an der Hauswand, wo das Skelett gelegen hat!»
Mannhardts Gehirn brauchte einige Sekunden, bis es mit dem Booten fertig war. «Ach, da bei Oybin … Haben sie noch den Personalausweis der Toten gefunden?»
«Nein, aber so etwas Ähnliches: eine Kette mit einem Anhänger dran, und auf dem stehen die Initialen A. K.»
«Na prima!», rief Mannhardt. «Suchen wir nach allen vermissten Frauen mit den Vornamen Anna, Annegret, Anneliese, Annerose, Amalie, Amalaswintha – das war eine Königin der Goten, aber die wird ja kaum in Schmöckwitz ermordet worden sein –, Agnes, Asta, Anastasia …»
«Ist ja gut!» Leicht genervt unterbrach ihn Yaiza Teetzmann. «Ich bewundere dein Gedächtnis, aber …»
«Das K, ich weiß. A. K.? Da fällt mir auf Anhieb nur die Anna Karsch ein, die deutsche Sappho aus Berlin, aber die hieß ja Anna Louisa und muss so um Napoleon herum gestorben sein. Also kommt sie für Schmöckwitz kaum in Frage.»
Yaiza Teetzmann hatte keine Lust zu literarischen und sonstigen Ausflügen. «Das kleine Kettchen ist zerrissen, was darauf schließen lassen könnte, dass die Frau erwürgt worden ist.»
«Ich würde eher sagen, dass es gerissen ist, als der Täter die Frau in die Grube am Haus geworfen hat. Komisch aber, dass ihm das nicht aufgefallen ist.»
«In seiner Panik …» Yaiza Teetzmann sah da keine Probleme. «Sie wird ja noch bekleidet gewesen sein, als er sie aus dem Haus geschafft hat, und dunkel ist es vielleicht auch noch gewesen.»
«Werden wir also in den nächsten Tagen alle Vermisstenlisten nach dieser A. K. durchflöhen», sagte Mannhardt.
«Haben wir keine Praktikanten dafür?»
«Musst du mal welche beantragen.»
Mannhardt hatte keine rechte Lust dazu. «Dass das Geld dafür da ist, möchte ich bezweifeln. Schließlich müssen wir drei Opernhäuser und den Neubau des Stadtschlosses finanzieren.»
Obwohl er solche Arbeiten hasste, machte er sich selber auf die Suche nach den Vermisstenlisten der Jahre 1972 bis 1982, denn Bernhard Oybin zur Strecke zu bringen war ihm jedes Opfer wert. Doch bis zum Feierabend war er keinen Schritt vorangekommen, so dass er sich erst einmal in die U-Bahn setzte und nach Hause fuhr.
Als er aufgeschlossen hatte, kam ihm Heike entgegen, die sehr erstaunt darüber war, ihn zu sehen.
«Ich dachte, du wärst gleich weitergefahren.»
«Weitergefahren?», wiederholte Mannhardt. «Wohin denn?»
«Na, in die Fasanenstraße ins Literaturhaus. Da tritt doch heute Abend einer deiner besten Freunde auf.»
«Einer meiner besten Freunde?» Mannhardt ging gedanklich alle seine Freunde durch, aber die schrieben nur Einkaufszettel und Urlaubskarten. «Wer soll denn das sein?»
«Na, der große Bernhard Oybin.»
Der Berliner Landesverband des VS, des Verbandes deutscher Schriftsteller, in der Gewerkschaft ver.di hatte sich vor geraumer Zeit eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel (Fast) vergessene Schriftsteller einfallen lassen, und diesmal war Bernhard Oybin an der Reihe. Ort der Veranstaltung war der Kaminsaal des Literaturhauses in der Fasanenstraße.
Mannhardt kam vom U-Bahnhof Kurfürstendamm und staunte, dass man den alten Kult-Boulevard der West-Berliner noch immer nicht zum kurfürstlichen Jagdweg zurückgebaut hatte. Der Bahnhof Zoologischer Garten hatte ja seinen Status als ICE-Halt verloren und war tief gesunken. Während die Ost-Berliner jedem zu Mauerzeiten hinterlassenen Furz andächtig nachtrauern durften, machte man sich über die nostalgischen Gefühle der West-Berliner nur lustig. Wenigstens wurde der Palast der Republik nun abgerissen.
Die Fasanenstraße war nicht gerade Mannhardts Lieblingsgegend. Die hier ansässigen Galerien und das Literaturhaus waren ihm nicht nur fremd, sondern so zuwider, dass er jedem Anarchisten klammheimlich Beifall gespendet hätte, wenn der mit einem Stein oder einem Molotowcocktail in der Hand angetreten wäre, um die bourgeoisen Ausbeuter und all die süßlichen Schöngeister ein wenig zu ärgern. Sofort verbot er sich aber diesen Impuls, denn zum einen war er Beamter des Landes Berlin, und zum anderen waren diese Gedanken wohl auch ein wenig faschistoid.
Aber auch, dass sich ein Stasi-Schwein wie Bernhard Oybin nun in seinem West-Berlin produzieren durfte, ärgerte ihn gewaltig. Wozu hatten die West-Berliner eigentlich heroisch gegen den Kommunismus gekämpft?!
Als er den Vorgarten des Literaturhauses durchquerte, sah er, dass sich mehrere Leute mühten, in Ermangelung einer Rampe einen Mann im Rollstuhl nach oben zu tragen. Schnell lief er hin, um zu helfen. Zu viert schafften sie es letztendlich. Sowohl drinnen wie auch draußen gab es eine Menge Stufen, und Mannhardt geriet nicht nur ins Schwitzen, sondern malträtierte auch seine Bandscheibe in einem Maße, dass es heftig zu schmerzen begann.
Erst als sie oben angekommen waren, bemerkte er, wem er da eigentlich geholfen hatte: keinem Geringeren als Bernhard Oybin.
Der starrte ihn an. «Sie?!»
«Ja.» Mannhardt reckte sich. «Bei uns gelten nicht die Weisungen des Zentralkomitees der SED, bei uns gilt das Lukasevangelium: Liebet eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen …»
Damit ging er zum Kaminsaal, um sich einen Platz ganz hinten in der letzten Reihe zu sichern. Oybin starrte ihm hinterher, das merkte Mannhardt, ohne dass er sich umdrehen musste. Und wenn er wirklich der Mörder war, musste er sich ganz schön verunsichert fühlen.
Langsam füllte sich der Raum, der vielleicht sechzig Gästen Platz bot, wenn man die Stühle eng genug stellte. Mannhardt musterte die Gesichter. Die meisten sahen nach alten Kadern aus. Jetzt hatten sie doch noch den Kudamm erobert. Die Jüngeren und die Journalisten schienen gekommen zu sein, weil sie eine Sensation erwarteten. Würde die Szene zum Tribunal werden und jemand Oybin so in die Enge treiben, dass er ein Geständnis ablegte? Dies war Mannhardts große Hoffnung, aus diesem Grund war er hier.
Wie bei solchen Veranstaltungen üblich, begann man mit einer Verspätung von mehr als zehn Minuten. Man wartete noch auf die Literaturwissenschaftlerin, die man eingeladen hatte, um Biographisches zu Bernhard Oybin zu sagen. Endlich erschien sie und wurde neben ihm platziert, dann trat der Vorsitzende an den Tisch, um die Begrüßungsworte zu sprechen. Er wies darauf hin, dass dies heute eine ganz besondere Veranstaltung sei.
«Normalerweise beginne ich ja immer mit dem Brecht-Wort: Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt, heute aber muss ich anders beginnen, denn der Kollege, der diesmal im Mittelpunkt steht, ist ja, wie wir alle sehen, noch höchst lebendig. Über sein Leben und Schaffen und seine gesellschaftliche Wirkung wird uns Frau Dr. Renate Riebensahm Auskunft geben, die über ihn promoviert hat. Im Westen, so viel sei schon vorweggenommen, ist Bernhard Oybin für das breite Publikum ein Unbekannter, während er in der DDR jedem Schulkind vertraut war. Das kommt in Deutschland öfter vor, auch umgekehrt. Auch um diesem Mangel etwas abzuhelfen, haben wir Bernhard Oybin zu dieser Veranstaltung eingeladen. Obwohl es ihm gesundheitlich nicht gut geht – kein Wunder nach den Aufregungen der letzten Tage –, wird er selber das tun, wozu wir sonst immer einen Schauspieler einladen: nämlich aus den Werken Bernhard Oybins vorlesen. Dazu wünsche ich Ihnen allen ein hohes Maß an intellektuellem Vergnügen.»
Nachdem gebührend geklatscht worden war, begann Renate Riebensahm mit ihren Ausführungen. Mannhardt kannte ja Oybins Lebenslauf und hatte schnell mit Langeweile und Müdigkeit zu kämpfen. Um wach zu bleiben, starrte er auf die Knie der Referentin, die unter dem Tisch hervorschauten, aber libidinöse Gedanken wollten sich partout nicht einstellen. Zu dürr war die Dame, zu sehr Oberlehrerin. Er wendete den Kopf nach links, um jemanden zu entdecken, der so aussah, als wäre er gekommen, um Oybin in die Pfanne zu hauen. Auf den ersten Blick war keiner auszumachen. Er entschloss sich zuzuhören.
«… was Bernhard Oybin war, das hatte er der Partei zu verdanken, und er war jung und idealistisch genug, um zu wissen, dass er ihr dies alles zurückzugeben hatte – mit seiner gesellschaftlichen Tätigkeit, vor allem aber mit seinen Romanen. Wir hören dazu eine Passage aus dem Fährmann von Ketzin, wo Martin, der hochbegabte Textilingenieur, der in den Westen gegangen war, voller Enttäuschung und reumütig in die DDR zurückgekehrt, um im Kreise seiner wahren Freunde am Aufbau eines menschlichen Sozialismus mitzuwirken.»
Mannhardt murmelte, dass er eine Kotztüte brauche, wurde dann aber, als Oybin zu lesen begann, mit jedem Satz es ergriff ihn, weil Martins Träume auch seine Träume gewesen waren, und leise summte er vor sich hin, was Linda Perry von den 4 Non Blondes immer sang: « Twenty-five years and my life is still/Trying to get up that great big hill of hope/For a destination … And I pray, oh my god do I pray/I pray every single day/For a revolution.»
Bernhard Oybins Meisterschaft hatte zweifellos darin bestanden, die Menschen auf diesen wunderbaren großen Berg der Hoffnung mitzunehmen, der Hoffnung auf eine friedliche und glückliche Gesellschaft, in der jeder gebraucht und geschätzt wurde.
Mannhardt, zu Tränen gerührt und in den Tiefen seines Herzens immer irgendwie Sozialist geblieben, verzieh Bernhard Oybin in diesem Augenblick all seine Verfehlungen. Er hasste die DDR und bejubelte ihren Untergang, doch er konnte auch verstehen, warum Menschen sich voll auf sie eingelassen hatten. Wer hätte 1945/46 auch ahnen können, wie alles einmal enden würde? Das Experiment hatte gewagt werden müssen.
Als sowohl die Lesung wie auch die wissenschaftliche Kommentierung zu Ende waren und die Diskussion begann, fürchtete Mannhardt das, was er anfangs so erhofft hatte, dass nämlich jemand vortrat und Oybin des Mordes überführte. Und in der Tat, das Tribunal ließ sich nicht aufhalten.
«Werden Sie denn nun auch einen Roman über den Mord am Imkerweg schreiben?», lautete die erste Frage.
Oybin versuchte, gelassen zu bleiben. «Warum sollte ich?»
«Um auch auf dem westlichen Markt Erfolg zu haben. Jetzt, wo Sie unter Mordverdacht stehen, reißt sich doch die Presse um Sie.»
«Ich habe mein Leben gelebt, ich brauche keine Erfolge mehr», erwiderte Oybin. «Man hat mir alles genommen: erst mein Land, dann mein Haus und mein Grundstück und nun auch noch meine Ehre. Ein Mörder soll ich sein?!»
Da sprang Professor Schwellnuss auf, der so saß, dass Mannhardt ihn vorher gar nicht wahrgenommen hatte.
«Sie Lügner!», schrie Schwellnuss. «Das Grundstück am Imkerweg hat, seit Schmöckwitz parzelliert worden ist, meinen Verwandten gehört, und als meine Tante, weil die Stasi hinter ihr her war, nach West-Berlin geflüchtet ist, hat es ihr das DDR-Regime geraubt und Sie, Herr Oybin, damit belohnt. Das war von Anfang an widerrechtlich, und wenn Sie im letzten Jahr gehen mussten, dann allein deswegen, weil das Recht es so wollte.»
«Das Recht der Sieger!», warf Oybins Biographin ein.
«Das Recht eines demokratischen Rechtsstaates!», rief Schwellnuss. «Und wenn Sie, Herr Oybin, noch etwas Ehre im Leib hätten, dann würden Sie jetzt für all die Jahre, die Sie am Imkerweg gesessen haben, die Pacht zahlen. Nicht an mich, sondern an die Opfer des Stalinismus und des DDR-Unrechtregimes. Aber das tun Sie ja nicht. Wie heißt es doch so schön in einem DEFA-Film: Die Mörder sind unter uns!»
In diesem Augenblick fasste sich Bernhard Oybin ans Herz und sackte in sich zusammen.
Kirsten Klinkhammer saß mit ihrem Mann im Restaurant des Fernsehturms und genoss die Aussicht auf ihre Heimatstadt. Da sie sich langsam drehten, bekamen sie nacheinander alles zu sehen – Ost wie West.
Planetarium, da habe ich die ersten fünf Jahre meines Lebens verbracht, in der Stargarder Straße. Die geht von der Prenzlauer Allee ab. In der Nähe war auch ein großer Park. Dann sind meine Eltern in den Westen rüber, zwei Monate vor der Mauer.»
Ihr Mann nahm ihre Hand. «Gut, dass die das getan haben, sonst wären wir uns nie über den Weg gelaufen. Eine Frau aus der DDR hätte ich ja nie heiraten können.» Sie lachte. «Als Amerikaner schon. Gegen einen Haufen Devisen wäre das sicher gegangen.»
«Damals war ich ja noch kein Amerikaner.»
Dr. Matthias Klinkhammer kam aus Karlsruhe, hatte an der TU Berlin Physik studiert und war dann als Forscher in die USA gegangen. Vorher hatte er Kirsten kennengelernt, bei einer Ferienreise mit ARTU nach Griechenland. Ende 1980 war sie mit ihm nach Kalifornien gegangen. «Bloß raus aus Deutschland, bevor es hier zum großen Knall kommt!» Die BRD wie auch die DDR als großes atomares Schlachtfeld.
Jetzt kamen sie alle fünf Jahre nach Deutschland und staunten. Insbesondere über Berlin. Die Stadt war aufregender als alles andere.
«Auch die Zeitungen machen sich langsam», sagte ihr Mann.
«Zu Kaisers Zeiten hatten die Berliner Zeitungen noch eine Liste mit prominenten Gästen. Im Adlon abgestiegen sind … Schade, da würdest du heute auch aufgeführt werden.»
«Du aber auch. Wegen deiner Verdienste um die deutsche Sprache.»
Kirsten Klinkhammer war Deutschlehrerin an einem College in Berkeley und versuchte heroisch, gegen die Übermacht des Spanischen und neuerdings auch gegen die des Chinesischen anzukommen.
Während sie auf ihr Essen warteten, warfen sie einen Blick in den Lokalteil der Zeitung, die sie vorhin auf dem Alex gekauft hatten. Plötzlich schrie Kirsten Klinkhammer auf.
«Was ist denn?», fragte ihr Mann.
«Das darf doch nicht wahr sein!»
«Was?»
«Na, das hier mit Oybin.»
Mannhardt nutzte Schönbiers Abwesenheit und spielte Dart gegen sich selbst. Mannhardt konzentrierte sich und warf. Plobb, plobb, plobb. Als er zur Sisalscheibe ging, um die Pfeile wieder herausziehen, klopfte es an seiner Tür. Auch das noch! Sein «Ja, bitte, herein!» klang nicht besonders freundlich.
Es war ein Ehepaar, das sich mit leicht amerikanischem Akzent als Mr und Mrs Klinkhammer aus Berkeley vorstellte. «Dr. Matthias und Kirsten Klinkhammer.»
«Sehr schön …» Mannhardt konnte sich keinen Reim auf ihren Besuch bei ihm in der Keithstraße machen. «Hier ist die 12. Mordkommission. Wenn Sie nur Opfer eines Diebstahls oder eines Überfalls geworden sind, dann …»
«Nein, nein, wir sind schon wegen eines Mordes hier!», rief Kirsten Klinkhammer.
«Wann, wo, wie?», fragte Mannhardt mit leiser Ironie.
«Wahrscheinlich 1980, in Schmöckwitz draußen.» Mannhardt brauchte einige Sekunden, um das zu fassen. «In Schmöckwitz draußen … Dann nehmen Sie doch bitte Platz.» Er schob den beiden mit einigem Eifer die Besucherstühle hin. «Da bin ich ja mal gespannt, wo da die Zusammenhänge sind.»
«Ganz einfach: Meine Frau hat beim Mittagessen das von diesem Schriftsteller gelesen, diesem …«
«Bernhard Oybin», half sie ihm aus.
«Ja, von der Aufregung im Literaturhaus und seinem Kollaps … Dass er verdächtigt wird, eine Frau mit den Initialen A. K. ermordet zu haben.»
«Und da ist mir sofort eingefallen, dass ich eine Cousine hatte, eine Annett, Annett Krause, die 1980 plötzlich verschwunden ist. Lektorin war sie und mit Bernhard Oybin eng befreundet. Und auch oft bei ihm in Schmöckwitz draußen. Wie gesagt, seit Mitte 1980 hat sie sich nicht mehr bei mir gemeldet, und ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Ich war ja zu dieser Zeit schon in West-Berlin und konnte von da aus nichts unternehmen. Und dann sind wir in die USA gegangen.»
Mannhardt schrieb sich alles auf. «Woran können Sie sich denn noch erinnern?»
«Nur daran, dass sie auch mal kurz verlobt war, sich dann aber wieder von diesem Mann getrennt hat. Der hat das nicht hinnehmen wollen, und es gab ein Riesentheater. Einmal hat er sie sogar mit einem Messer bedroht.»
«An den Namen dieses Mannes können Sie sich nicht zufällig erinnern?», fragte Mannhardt.
«Nein, tut mir leid. Nur dass er so einen komischen Vornamen hatte, warten Sie …» Kirsten Klinkhammer zermartete sich das Gehirn.
Mannhardt versuchte, ihr auf die Sprünge zu helfen.
«Komische Vornamen … August, Nepomuk, Balthasar, Hesekiel …»
«Nein, nein … Jetzt hab ich’s: Konradin!»
Drei Tage brauchte die 12. Mordkommission, um die Angaben der Frau Klinkhammer zu verifizieren. Eine Lektorin namens Annett Krause war wirklich im Juli 1980 aktenkundig geworden. Ein Konradin Moschner, Schauspieler und Synchronsprecher, hatte zu Protokoll gegeben, sie habe die Absicht gehabt, Republikflucht zu begehen, wahrscheinlich über Ungarn nach Jugoslawien und von dort in die BRD. Die DDR-Behörden schienen das auch geglaubt zu haben, denn in den Akten war nichts weiter über sie zu finden. Martin Mutsch und Katja Koschlick, von Mannhardt befragt, kannten Annett Krause und wussten von ihrer Beziehung zu Oybin. Beide waren überzeugt davon, dass sie damals beim Fluchtversuch an der ungarischjugoslawischen Grenze erschossen worden war.
Konradin Moschner hatte am 24. Dezember 1980 Selbstmord begangen. In seinem Abschiedsbrief hatte gestanden, dass er mit seiner schweren Schuld nicht mehr leben könne.
Daraufhin bekam Mannhardt die Weisung, die Ermittlungen im Mordfall Schmöckwitz einzustellen. In den Zeitungen war davon die Rede, dass es einen Freispruch erster Klasse für Bernhard Oybin gegeben habe.
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