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Horst Bosetzky

Berliner Filz

Der 27. Kappe-Fall

Kriminalroman

Jaron Verlag

INHALT

Cover

Titel

Impressum

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

Horst Bosetzky alias -ky lebt in Berlin und gilt als «Denkmal der deutschen Kriminalliteratur». Mit seiner mehrteiligen Familiensaga (schließend mit «Kartoffelsuppe oder Das Karussell des Lebens», 2012), dokumentarischen Spannungsromanen und biografischen Romanen avancierte er zu einem der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Daneben verfasste er mehrere Bände für die Krimiserie «Es geschah in Berlin» (zuletzt «Auge um Auge», 2014). 2015 erschienen von ihm unterhaltsame Mittelalter-Geschichten unter dem Titel «Otto mit dem Pfeil im Kopf», 2016 unter dem Titel «Mit Genuss in Taxe, Bahn und Bus» Vergnügliches zum Berliner Nahverkehr.

Originalausgabe

1. Auflage 2016

© 2016 Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

Satz: Prill Partners|producing, Barcelona

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

ISBN 978-3-95552-026-7

EINS

ER ZIELTE LANGE und sorgfältig. Nicht auf eine normale Scheibe, wie man sie bei Wettbewerben mit der Luftdruckpistole benutzte, sondern auf ein selbstgebasteltes Ziel, das dem menschlichen Körper nachempfunden war. Der erste Schuss musste sitzen. Mitten ins Herz hinein. Auf seiner Abschussliste standen einige Namen – die von Männern, die ihm gefährlich werden konnten.

Otto Kappe hatte schon seit Jahren Hobbys, wie man Freizeitbeschäftigungen neuerdings nannte, das Kegeln und den Faustball. Der Donnerstagabend war für den Kegelsport reserviert. Gertrud erinnerte ihn beim Abendbrot daran.

«Iss nicht so viel, sonst kommt dir nachher alles wieder hoch, und eure Bahn muss extra wegen dir gesäubert werden!»

«Dann darfst du mir nicht so viel Schokolade zum Naschen aus der Firma mitbringen.» Gertrud arbeitete schon seit Jahren als Kontokorrentbuchhalterin bei Sarotti in Tempelhof.

«Warum gehst du nicht zum Bowling, wo du doch so gerne Bowle trinkst?», fragte sie.

Otto Kappe seufzte. «Weil wir bei uns im Vereinslokal nur eine Bohlebahn haben.»

«Na, dann mal los auf die vorderen Damen!» Gertruds Chef war auch Kegler und hatte ihr den sogenannten Kegelstand aufgezeichnet. Hatte man die Raute mit den neun Kegeln vor Augen, dann war der erste Kegel das Vorderholz und der letzte das Hinterholz. Die Kegel zwei und drei waren die vorderen Damen und die Kegel sieben und neun die hinteren Damen. Zwischen ihnen stand der König, und die Kegel ganz außen waren die Bauern.

Otto stand auf und küsste seine Frau. «Du bist und bleibst für mich immer die vorderste Dame!»

Pünktlich um halb acht traf man sich in einem Lokal in der Bismarckstraße. Nach kurzer Begrüßung ging es hinunter in den Keller, wo die Kegelbahn aufgebaut war. Noch immer gab es keine automatische Kegelaufstellanlage. Die war dem Wirt zu teuer. Lieber bezahlte er weiterhin einen Kegeljungen. Peter Kappe, Ottos Sohn, hatte sich auf diese Weise sein erstes Taschengeld verdient.

Los ging es. Man spielte in die Vollen, das heißt, es gab kein Abräumen, sondern es wurden alle Kegel, die ein Spieler beim ersten Wurf getroffen hatte, für den nächsten Versuch wieder aufgestellt. Jubel brandete immer dann auf, wenn «Alle Neune!» geschrien wurde oder aber – falls die Kugel in der sogenannten Fehlwurfrinne landete –«Wieder eine Ratte!».

Heute Abend hieß der Rattenkönig Otto Kappe. Er hatte zu oft zu viel riskiert. Wollte man nämlich alle neun Kegel beim ersten Wurf umwerfen, musste man die Kugel mit Drall und schräg oben ankommen lassen, und das ging manchmal schief, obwohl die Bahn gekehlt war. Von der Aufsatzstelle der Kugel bis zum Vorderholz waren es immerhin über zwanzig Meter. Otto Kappe nahm den Titel des Rattenkönigs gelassen hin, obwohl alle spotteten, dass er auf dem Schießstand der Polizei das Zielen doch eigentlich hätte gelernt haben müssen.

Nach Hause ging er zusammen mit Herrn Dr.-Ing. Eduard Dankert. Der kam natürlich sofort auf seinen Beruf zu sprechen. «Na, wieder ’n Mörder zur Strecke gebracht, Herr Kommissar?»

Otto Kappe lachte. «Nein. Wo kein Ermordeter ist, kann es auch keinen Mörder geben.»

«Gestern hätte ich fast gedacht, wir haben was für dich», sagte Eddie, der zurzeit mithalf, die Stadtautobahn Richtung Norden zu verlängern. «Bei der Ausfahrt Spandauer Damm meinten wir, wir hätten einen Toten gefunden, doch es war nur eine alte Schaufensterpuppe, die jemand auf die Baustelle geworfen hatte. Aber ich habe neulich einen amerikanischen Krimi gelesen, darin lässt der Boss einen Arbeiter, der seine krummen Machenschaften anzeigen will, erschießen und im Fundament eines Hauses einbetonieren. Derlei könnte hier auch mal passieren, so mafiös, wie es in der Baubranche zugeht.»

«Danke für die Warnung!»

Im Jahre eins n. M., das heißt nach dem Mauerbau, hatten es viele West-Berliner noch schwer, sich mit der neuen Situation abzufinden. Wohin man auch fuhr oder ging, früher oder später stieß man auf die «Schandmauer» oder zumindest auf einen schwerbewachten Grenzzaun mit Todesstreifen und Beobachtungsturm.

Froh über den Mauerbau waren aber etliche «Republikflüchtlinge», denn nun war klar, dass der Ostblock es aufgegeben hatte, West-Berlin zu schlucken oder, wie das Chruschtschow-Ultimatum von 1958 hatte befürchten lassen, zur «politisch selbständigen Einheit WB» zu machen. Hatten die Ex-DDR-Bürger vordem noch die Einnahme West-Berlins durch die Nationale Volksarmee gewärtigen müssen und sich selbst schon in Bautzen gesehen, so durften sie nun aufatmen. So auch Lothar Laukisch.

Ein Journalist des Telegraf hatte jetzt schon zwei Stunden lang mit Laukisch geredet und seinen Notizblock vollgeschrieben. «Ich fasse noch einmal zusammen … Sie sind am 27. April 1929 in Berlin-Lichtenberg als Lothar Tandler auf die Welt gekommen und haben in der Sowjetischen Besatzungszone und später der DDR als Journalist für verschiedene Blätter und das Fernsehen gearbeitet. Sie betätigten sich aber nicht nur offiziell für die Wochenpost und die Adlershofer, sondern auch im Geheimen für den UFJ, den Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen, und den Rundfunk im amerikanischen Sektor, kurz RIAS. Die Stasi ist dahintergekommen, und Sie haben eine schreckliche Zeit in Bautzen verbracht. Nachdem Sie entlassen wurden, gingen Sie nach West-Berlin, dort heirateten Sie 1956 die Blumenhändlerin Uta Laukisch und nahmen deren Nachnamen an, um Bautzen und die DDR zu vergessen. Dann hat sich Ihre Frau von Ihnen getrennt, und Sie erkrankten …»

Laukisch nickte. «Das stimmt alles.» Als Uta sich von ihm getrennt hatte, weil es mit ihm nicht mehr auszuhalten war und er immer neue psychotische Schübe bekam, wurde er im September 1961 in die Karl-Bonhoeffer-Heilstätten eingeliefert. Er hörte Stimmen, die ihm sagten, er solle alle Menschen umbringen, denn alle Menschen sind schlecht, alle Menschen sind Verbrecher und müssen ausgerottet werden – durch dich!

«Im Februar 1962 wurden Sie entlassen, inzwischen leben sie als Sportjournalist in der Boppstraße nahe dem Kottbusser Damm.»

«Genau so ist es, am sogenannten Zickenplatz.» Er kam aber nicht von seiner geschiedenen Frau los. Die wohnte jetzt bei ihrem neuen Lebensgefährten in Hermsdorf, in der Frohnauer Straße. Oft strich er dort herum.

«Sie sollen im Jahre 1956 auf einen Mann geschossen haben, den Sie für einen Stasi-Mitarbeiter hielten», fuhr der Mann vom Telegraf fort. «Das Verfahren ist aber eingestellt worden.»

«In der Tat.» Das war lange her, und Lothar Laukisch sprach nicht gern darüber, auch musste er dem Zeitungsmann nicht unbedingt auf die Nase binden, dass er ständig eine alte Wehrmachtspistole bei sich trug, eine Mauser C96, denn auf seiner Abschussliste standen etliche Namen. Konrad Habedank hatte er ganz besonders auf dem Kieker. Immer wieder gingen seine Gedanken in die Jahre 1954 und 1961 zurück …

Wer 1954 durch die Fruchtstraße, die spätere Straße der Pariser Kommune, ging, sah, dass der Krieg von deren Häusern nicht viel übrig gelassen hatte. Die Fruchtstraße nahm ihren Anfang am Ufer der Spree, unterquerte am Ostbahnhof die Gleise der Stadtbahn und lief über die Stalinallee hinweg zum Friedhof der Parochial- und St.-Petri-Gemeinde hinauf, wo sie in die Friedenstraße überging. Die Trümmer waren weithin abgeräumt worden, und in Bälde würden hier DDR-typische Plattenbauten emporwachsen. Am Franz-Mehring-Platz, wo früher im Gebäude eines alten Bahnhofs das «Varieté Plaza» Tausende angelockt hatte, sollte einmal das Neue Deutschland, die größte Tageszeitung der DDR, ihren Sitz haben. Nur vor der Kreuzung mit der Stalinallee waren einige Altbauten stehen geblieben, und in einem dieser Häuser wohnte Lothar Laukisch mit seiner Freundin Gisela, die bei der HO eine Filiale für Industriewaren leitete und SED-Mitglied war.

Natürlich hörte er beim Frühstück den RIAS. Schon deshalb, um mitzubekommen, was er selbst dem Sender aus den einzelnen Bezirken Ost-Berlins zugetragen hatte. Zumeist ging es um Versorgungsengpässe und die Festnahme von Regimegegnern.

«Muss das schon wieder sein!», rief Gisela, als sie in die Küche kam, und drehte so lange an der Skala, bis sie einen DDR-Sender gefunden hatte.

Er wählte seine übliche Verteidigungsstrategie. «Ich muss doch wissen, was der Klassenfeind über uns denkt!»

Sie tippte sich gegen die Stirn. «Ja, denkste!»

Noch war ihre Liebe stärker als die ideologischen Gegensätze. Er wäre am liebsten in den Westen gegangen, sie wollte am Aufbau des Sozialismus teilhaben und träumte von einem Sitz in der Volkskammer.

«Fährst du heute wieder zum Recherchieren nach West-Berlin rüber?», fragte sie. Das klang harmlos, aber sie ahnte schon lange, dass er sich nicht mit einem alten Schulfreund traf, um den über Skandale beim Senat auszuhorchen, sondern mit einem Mann vom Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen.

«Ja, ich wollte mit Peter essen gehen.» Der war Senatsrat beim Innensenator am Fehrbelliner Platz.

Sie lachte. «Na, solange der Peter keine Petra ist – oder der Heinz Petruo.» Das war ein Sprecher beim RIAS.

Nun wurde ihm der Boden langsam doch zu heiß. «Du, ich muss los!»

Von der Fruchtstraße aus war seine Arbeitsstelle in Adlershof auch ohne Wartburg leicht zu erreichen: Er brauchte nur zum Ostbahnhof zu laufen und sich in die S-Bahn zu setzen. Im Juni 1950 hatten sie in Adlershof mit dem Bau des Fernsehzentrums Berlin begonnen, und am 21. Dezember 1952, dem 74. Geburtstag Stalins, war das «öffentliche Versuchsprogramm» des Deutschen Fernsehfunks (DFF) mit zwei Stunden Sendezeit täglich gestartet worden. Zwei Jahre später war Lothar Laukisch zur Nachrichtenredaktion gekommen.

Da er Englisch, Französisch und Spanisch sprach, gehörte es zu seinen Aufgaben, die Presse der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Spaniens und verschiedener kleinerer Staaten hinsichtlich ihrer Berichterstattung über die DDR auszuwerten.

Daneben blieb ihm genügend Zeit, sich umzusehen und umzuhören. Als er ein Papier über die Einführung einer einjährigen Arbeitsdienstpflicht für Studienbewerber aus dem Funkhaus schmuggeln wollte, erwischte ihn ein Kollege, der Zuträger der Stasi war. Damit nahm das Drama seinen Lauf. Erst kam er in das Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit in Hohenschönhausen, dann, nach seiner Verurteilung zu achtzehn Monaten Haft, nach Bautzen.

Nachts brachten sie ihn in einem verschlossenen Kleintransporter in die Oberlausitz.

«Tandler, Sie haben Ihren Namen ab heute zu vergessen! Sie sind 44/​57, basta! Über sich und Ihr Urteil dürfen Sie mit keinem anderen sprechen, klar?»

«Ja.»

Tag für Tag Gitterstäbe vor den bis auf einen kleinen Schlitz zugemauerten Fenstern, Stacheldraht und stählerne Türen. In der Zelle eine Holzpritsche mit einer dünnen Decke. Täglich musste er Demütigungen ertragen. Das Essen, dieser Fraß, war eine zusätzliche Strafe. Zum klitschigen Graubrot gab es ein paar Gramm Margarine, dazu jeden zweiten Tag eine Scheibe Leber- oder Blutwurst, immer von der gleichen Sorte. Die Suppe war besseres Abwaschwasser.

«44/​57, singen Sie die Nationalhymne!»

«Jawoll, Genosse Wachtmeister!» Dass der Mann, der ihn ständig quälte, Konrad Habedank hieß, hatte er schon herausbekommen. Zu recherchieren war schließlich sein Beruf. Nach einer kleinen Pause begann er zu singen: «Einigkeit und Recht und Freiheit / ​für das deutsche Vaterland! / ​Danach lasst uns alle streben / ​brüderlich mit Herz und Hand!»

«Unsere Hymne, Mensch!»

«Das ist doch unsere …»

Daraufhin wanderte er in eine besondere Zelle für den verschärften Arrest, die nicht beheizbar war. An der Decke baumelte eine nackte Vierzig-Watt-Glühlampe, die aber nur alle halbe Stunde kurz eingeschaltet wurde – wenn die Aufseher durch den Spion in die Zelle sahen. Einen Monat lang blieb er dort.

Obwohl die schreckliche Zeit in Bautzen bereits Jahre zurücklag und er längst im Westen lebte, wurde Lothar Laukisch 1961 in die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik eingeliefert, in «Bonnies Ranch», wie sie im Berliner Volksmund hieß. Er war ein gebrochener und schwer traumatisierter Mann.

«Sie waren bei der Wehrmacht, Herr Schultz?», fragte er einen Mitinsassen.

«Ja, als General.»

«Gestern erzählten Sie, Sie seien nur Gefreiter gewesen.»

Sein Zimmernachbar war mit der ungewissen Diagnose Schizophrenie eingeliefert worden und hörte, obwohl im Raum absolute Stille herrschte, ein pausenloses Flüstern, Sprechen, Wehen, Rasseln und Läuten, schließlich auch ein Donnern und Schießen. «Das kommt alles aus der Hölle», versicherte er den Ärzten.

Im Nebenzimmer litt ein Mann unter der Krankheit, die von den Psychiatern Katalepsie genannt wurde. Eine Stunde lang stand er jeden Tag auf den Zehenspitzen des rechten Fußes am Fenster und hielt das andere Bein wie ein Hürdenläufer mit der Hand waagerecht in die Höhe.

«Ich will raus hier!», schrie Lothar Laukisch nach einiger Zeit. «Sonst werde ich noch völlig verrückt!»

Aber man ließ ihn noch lange nicht gehen.

Hermsdorf war ein Ortsteil des West-Berliner Bezirks Reinickendorf und zählte im Jahre nach dem Mauerbau über 15 000 Einwohner. Seine wichtigsten Straßen waren im Westen der Hermsdorfer Damm, der es mit Tegel verband, der Falkentaler Steig, über den man ins Dominikus-Krankenhaus gelangte, die Burgfrauenstraße und die Heinsestraße mit Einkaufszentrum und S-Bahnhof. Ebenso wie durch die S-Bahn-Trasse wurde Hermsdorf vom Tegeler Fließ durchschnitten, das sich hier zu einem kleinen See ausweitete. Hermsdorf hatte eine weit zurückreichende Geschichte. Ende des elften Jahrhunderts war es als slawische Siedlung entstanden, später von den Deutschen übernommen und erstmals 1349 als Hermanstorp urkundlich erwähnt worden. Max Beckmann und Erich Kästner hatten in Hermsdorf gelebt.

Und nun, 1962, wohnte hier offenbar auch der Bauunternehmer Konrad Habedank, wie Lothar Laukisch einem Artikel des Tagesspiegel entnommen hatte. Das war der Anstoß für Laukisch gewesen. Seitdem streifte er durch Hermsdorf, um die Adresse Habedanks herauszufinden. Er wollte ihn niederschießen, aus Rache für das, was der ihm in Bautzen angetan hatte. Die Rache ist mein; ich will vergelten.

Irgendwo hier musste das Schwein doch wohnen, verdammt noch mal! Laukisch war nicht mit der S-Bahn gekommen, denn die war nach dem Boykottaufruf vom August 1961 noch immer ziemlich leer. Deshalb hatte er Angst gehabt aufzufallen und war mit dem 25er Bus aus Tegel gefahren. An der Kreuzung Falkentaler Steig, Hermsdorfer Damm und Heinsestraße war er ausgestiegen, und nun durchkämmte er vom Bahnhofsvorplatz aus systematisch das Schachbrettmuster der in Richtung Südwest abgehenden Straßen: der Fellbacher Straße, bis vor Kurzem noch Kaiserstraße genannt, der Heidenheimer, der Schramberger, der Backnanger Straße und wie sie alle hießen. Meist gaben ihm die Namensschilder Auskunft, die neben den Klingelknöpfen angebracht waren, manchmal erfuhr er auch nur die Initialen der Mieter und Hausbesitzer. Nach Konrad Habedank zu fragen, wagte er nicht. Nur keine Spuren hinterlassen! Dass Habedank in dieser Gegend von Hermsdorf wohnte, wusste er, seit er einmal in einer Taxe einem von Habedanks Firmenwagen gefolgt war. Leider hatte er den wegen einer roten Ampel aus den Augen verloren. Heute aber musste es klappen!

ZWEI

«HIER KAPPE.»

«Hermann Kappe! Ich dachte, man habe Sie längst in Pension geschickt.»

«Nein, ich bin Otto Kappe, sein Neffe.»

Anrufe wie diesen gab es noch immer, obwohl Hermann Kappe schon vor acht Jahren pensioniert worden war, und Otto Kappe hatte sie langsam satt. Bei aller Wertschätzung für seinen Onkel – dass der im Nachhinein zu einem zweiten Ernst Gennat hochstilisiert wurde, ging ihm gewaltig gegen den Strich. Nun lasst mal bitte die Kirche im Dorf!

Manche hielten ihn auch für Hermann Kappes Sohn. So entspann sich kürzlich folgender Dialog: «Ah, der Hartmut Kappe!»–«Nein, Otto Kappe, sein Cousin.»–«Ich dachte schon, Sie sind auch aus der DDR getürmt.»–«Nein, der Hartmut ist weiterhin bei der Kripo Ost.»

Nicht genug damit, dass er andauernd gegen den Schatten seines Onkels ankämpfen musste, sie hatten ihm auch noch den Enkel des ebenso legendären Gustav Galgenberg als Assistenten zugeordnet, Hans-Gert Galgenberg. Da kam er gerade zur Tür herein, so stattlich von Gestalt, dass er im American Football eine Chance gehabt hätte, wenn es den Amerikanern denn gelungen wäre, diese Sportart in West-Berlin zu etablieren. Gegen den Fußball hatte jedoch keine andere Ballsportart eine Chance, selbst im amerikanischen Sektor nicht. Freilich war West-Berlin nicht gerade mit Spitzenvereinen gesegnet. Als Charlottenburger schwärmte Otto Kappe für Tennis Borussia, während es Galgenberg eher mit Tasmania 1900 hielt. Die Meisterschaft in der eingemauerten Frontstadt wurde in einer Liga aus zehn Vereinen ermittelt, die in drei Runden jeweils neun Spiele austrugen. Die Vereine waren Tasmania 1900, Hertha BSC, Tennis Borussia, der Spandauer SV, der BSV 92, Südring, Hertha Zehlendorf, Wacker 04, Viktoria 89 und Union 06. Galgenberg konnte die Namen der wichtigsten Tas-Spieler im Schlaf aufsagen: Posinski im Tor, in der Verteidigung Bäsler und Talaszus, die Läufer Becker und Peschke, im Sturm Neumann, Engler, Rosenfeldt und Fiebach. Otto Kappe kannte nur die herausragenden Spieler von Tennis Borussia und Hertha BSC: bei den «Charlottenburger Veilchen» Hans Eder und Wolfgang Seeger und bei den Blau-Weißen vom Gesundbrunnen, der «Plumpe», Hans-Günter Schimöller und Helmut Faeder. Im Augenblick lief alles auf einen Zweikampf zwischen Hertha und Tas hinaus.

Die nächste Viertelstunde verbrachten beide damit, in unterschiedlichen Teilen ihrer Berliner Morgenpost zu blättern. Otto Kappe stand der CDU nahe, und so kam für ihn der sozialdemokratische Telegraf, den sein Onkel früher so geliebt hatte, nicht in Frage.

Viel Weltbewegendes gab es nicht zu lesen. Im Gaswerk Mariendorf hatte es einen Feueralarm gegeben. Ein sogenannter Ausgleichstank war in Brand geraten, das Feuer konnte aber bald wieder gelöscht werden, obwohl sich die Feuerwehrleute wie auf einem Pulverfass gefühlt hatten.

Etwas anderes interessierte Otto Kappe mehr, und laut las er vor: «Die Polizei warnt alle Berliner Leute vor einem Trickbetrüger. Der gibt sich als Nachbar aus und borgt sich Geld.»

«Berliner Leute», wiederholte Galgenberg. «Was ist denn das für ’n Deutsch! Bin ich also kein Mensch, bin ich ein Leut?»

«Im Jiddischen sind’s die Leit, also …»

«Hier», rief Galgenberg, «das ist doch was für uns! Machtkämpfe der Mafia forderten 200 Todesopfer. Italien sagt diesen Verbrechern den Kampf an. Also auf nach Italien, mithelfen!»

«Nicht nötig, wir haben doch schon die Baumafia bei uns – und die wird bald so richtig loslegen.» Otto Kappe war schon an einem anderen Artikel hängengeblieben. «Mit Schierling vergiftet.»

«Klar, der Sokrates.»

«Nein, ein achtjähriger Junge aus Altglienicke.»

Das war tragisch, und sie schwiegen eine Weile.

Auf der Seite dreizehn wurde über die große Politik berichtet. Der Aufmacher galt der Verhaftung des ehemaligen Vizepräsidenten Jugoslawiens. Milovan Djilas: Ich mußte die Wahrheit sagen. Grund waren die Veröffentlichung seines Buches Gespräche mit Stalin und seine Enthüllungen im Zusammenhang mit dem Albanien-Problem. Daneben zeigte ein Foto, wie die persische Kaiserin Farah und Jackie Kennedy vom New Yorker Flughafen zum Weißen Haus fuhren. Wichtiger fand Otto Kappe einen kleinen Artikel links unten mit der Überschrift Stikker: Keine Lösung für Berlin in Sicht. Dirk Stikker war der Nato-Generalsekretär.

«Na endlich!», rief Galgenberg. «Erste deutsche Rakete 1965 – Im Juni 1965 wird die erste deutsche Raumforschungsrakete auf einem australischen Versuchsplatz abgeliefert. Das teilte gestern Bundesatomminister Balke in Bad Godesberg mit.»

«Da haben sie sicherlich eine alte V2 gefunden», murmelte Otto Kappe.

«Bundestag billigt Rekordhaushalt!», tönte Hans-Gert Galgenberg weiter. «Parteien: Ausgabenflut muss eingedämmt werden. 53,4 Milliarden D-Mark!»

Otto Kappe kommentierte das mit einer Überschrift aus der Lebensmittelreklame: «Mit dem Pfennig rechnen! Bei Bolle kostet die Tafel Schweizer Schokolade nur eine Mark und Marzipan-Eier pro 200 Gramm 95 Pfennige. Ja, es ostert sehr.»

Was gab es sonst noch Neues? Vier Männer hatten in Schöneberg ein Auto gestohlen und waren nach einer wilden Verfolgungsjagd, an der sich mehrere West-Berliner Funkwagen beteiligt hatten, am Kontrollpunkt Heerstraße gegen einen Schlagbaum geprallt. Ein sowjetischer Hubschrauberpilot hatte die Orientierung verloren und war im westlichen Staaken gelandet. Und genau vor der Gedächtniskirche hatte ein Pony, das vor einen Lumpenwagen gespannt war, ein gesundes Fohlen zur Welt gebracht. Bis zur Fußballweltmeisterschaft in Chile waren es noch 47 Tage, und die deutsche Mannschaft hatte in einem Vorbereitungsspiel Uruguay mit 3 : 0 geschlagen. Das Wetter: sonnig, plus sechzehn Grad. Der Fernsehabend versprach einigen Spaß, denn es gab Die Familie Hesselbach.

Das Telefon riss sie ins Berufsleben zurück. Otto Kappe nahm regelrecht Haltung an, denn es war ihr Vorgesetzter.

«Kappe, in Hermsdorf draußen, in der Fellbacher Straße, der früheren Kaiserstraße, gleich am Bahnhof, ist auf einen Mann geschossen worden. Der Kollege Mannhardt sollte das übernehmen, aber der ist krank geworden, nun machen Sie und der Galgenberg das mal!»

«Selbstverständlich.»

Otto Kappe besorgte sich das vorliegende Material, dann machten sie sich in seinem VW Käfer auf den Weg. Bald kamen sie auf die Entlastungsstraße, die man in West-Berlin mit einer Länge von 1,2 Kilometern in nur 44 Tagen angelegt hatte, da man nach dem Mauerbau ja nicht mehr durch Ost-Berlin fahren konnte. Der Bezirk Mitte, der zum sowjetischen Sektor gehörte, ragte wie ein Keil weit nach West-Berlin hinein und zwang einen zu erheblichen Umwegen, wollte man zum Beispiel von Neukölln nach Tegel.

Obwohl die Notwendigkeit der Entlastungsstraße unumstritten war, meckerten viele West-Berliner, so auch Galgenberg. «Ich kann mich immer noch nicht damit abfinden, dass diese blöde Straße unseren schönen Tiergarten in zwei Teile zerschneidet!»

«Beschwer dich bei Walter Ulbricht!», erwiderte Otto Kappe und fügte mit der Fistelstimme des Sachsen hinzu: «Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.»

Sie kamen in den Wedding und damit vom britischen in den französischen Sektor. Es ging die ewig lange Müllerstraße hinunter. Endlich hatten sie den Kurt-Schumacher-Platz erreicht. Nun waren die Scharnweber- und die Seidelstraße zu bewältigen.

«Wer war Scharnweber?», fragte Otto Kappe, der manchmal etwas von einem Oberlehrer an sich hatte.

Galgenberg lachte auf. «Keine Ahnung. Und dass ich das nicht weiß, hat mich auch nie sonderlich gestört.»

Otto Kappe ließ sich nicht beirren. «Scharnweber war Jurist und Geheimer Regierungsrat, der sich insbesondere für den Straßenbau im Niederbarnim eingesetzt hat.»

«Ich hätte eher gedacht, dass der den Knast hier in Tegel gebaut hat», sagte Galgenberg, als der rote Backsteinkomplex des Strafgefängnisses links vor ihnen auftauchte.

Otto Kappe lachte. «Nee, das war der nicht. Außerdem sind wir hier schon auf der Seidelstraße. Ich weiß nur, dass der Hauptmann von Köpenick und Carl von Ossietzky hier einmal eingesessen haben.»

«Und wie vielen Mördern und Totschlägern haben die Kappes, also du und dein Onkel, schon einen Aufenthalt in Tegel verschafft?»

«Keine Ahnung. Aber ein paar Dutzend waren es allemal.»

Bald erreichten sie das Dominikus-Krankenhaus, wo sie sich zu Hans-Peter Habedank durchfragten, zu dem Mann, auf den in der Fellbacher Straße geschossen worden war. Eine Kugel war in dessen rechtem Oberschenkel stecken geblieben, eine andere hatte seine Brust auf Höhe des Herzens gestreift.

«Ich hätte auch tot sein können», stellte Habedank fest.

Galgenberg lachte. «Genügend Trefferfläche haben Sie dem Täter ja geboten.»

Das bezog sich darauf, dass Habedank ein kugelrundes Männchen war, Lehrer für Chemie und Physik an einem Tegeler Gymnasium.

«Ihr Beruf legt folgende Arbeitshypothese nahe», begann Otto Kappe das Gespräch in einer betont gehobenen Ausdrucksweise. «Haben Sie vielleicht einmal einen Ihrer Schüler mit einer Fünf bedacht, der sich dadurch ungerecht behandelt fühlte?»

«Darüber denke ich auch schon die ganze Zeit nach», bekannte Habedank. «Aber mir ist niemand eingefallen.»

«Haben Sie vielleicht irgendwelche Neider?», wollte Galgenberg wissen.

Der Oberstudienrat überlegte nicht lange. «Nun, wenn ich jemanden beim Schach besiege, wird er nicht gleich auf mich schießen.»

Nach zehn Minuten hatte Otto Kappe eingesehen, dass es keinen Sinn hatte, weiterhin mit der Stange im Nebel zu stochern. Immer mehr ging er davon aus, dass es sich hier um keinen gezielten Anschlag handelte, sondern Habedank das zufällige Opfer eines Geisteskranken geworden war. Von denen gab es schließlich etliche. Damit war das Programm der nächsten Stunden umrissen.

«Wir werden uns in der Fellbacher Straße einmal umhören, ob ein Verdächtiger beobachtet worden ist, und dann bei allen psychiatrischen Kliniken anrufen.»

Hermann Kappe verfluchte Gottes Schöpfung. Was blieb ihm mit seinen 74 Jahren noch anderes, als auf die nächste Krankheit, das Altersheim und den Tod zu warten? Noch immer kam er mit dem Ruhestand überhaupt nicht klar. Und seine Frau nicht mit ihm.

«Leg dir doch endlich ein Hobby zu, das deine Zeit ausfüllt!», mahnte sie ihn immer wieder.

«Was denn? Mein einziges Hobby war die Verbrecherjagd!» Jetzt konnte er nur noch die Mehlmotten in der Küche jagen.

Klara hatte eine Reihe von Vorschlägen. «Tu das, was andere Männer nach der Pensionierung auch tun! Die sammeln Briefmarken oder basteln den ganzen Tag an ihrer Modellbahn herum und freuen sich darüber, dass ihre Züge immer im Kreis fahren.»

«Soll ich also auch einen fahren lassen?»

«Wehe! Du weißt, wie geruchsempfindlich ich bin.»

«Eben.»

«Oder sieh zu, dass wir irgendwo in einer Kleingartenkolonie ein Stück Land pachten – dann kannst du den ganzen Tag Rasen mähen und Hecken beschneiden.»

«Ja, wie hat Gustav Galgenberg immer gesagt? Wer Gott vertraut und Bretter klaut, der hat ’ne schöne Laube.» Der alte Weggenosse fehlte ihm mächtig. «Nun ist er leider schon eine Weile tot.»

«So hat er wenigstens den Mauerbau nicht miterleben müssen», sagte Klara.

Hermann Kappe wandte sich wieder der Zeitung zu, die er jeden Morgen zu lesen pflegte. Auf der Seite sechzehn erfreute ihn eine junge Dame im Turnanzug. Turne dich schlank mit Debbie Drake. Das erinnerte ihn an John Drake. Geheimauftrag für John Drake hieß die TV-Serie, die er gerne sah. So wie Patrick McGoohan, der Held der Serie, hätte er früher auch gern einmal ausgesehen. Fast eine ganze Seite hatten sie dem Eislaufen gewidmet. Sonja Henies Triumph in Hollywood lautete die Überschrift. Er blätterte weiter, denn er hatte die Norwegerin nie gemocht, auch wenn sie dreimal bei den Olympischen Winterspielen eine Goldmedaille gewonnen hatte.

«Was gibt’s denn Neues?», wollte Klara wissen.

«Jetzt nach Spanien – Ferien an der Costa Brava.»

«Das sollten wir auch mal machen.»

«Mir wäre Wendisch Rietz lieber», brummte Hermann Kappe. «Hier, das wäre doch was für uns: Privatzimmer melden! – Der diesjährige Osterverkehr dürfte alle Rekorde schlagen. Um für den Fall der Fälle eine Reserve zu haben, wendet sich das Verkehrsamt an die Berliner: Melden Sie bitte geeignete Ein- und Zweibettzimmer! Wir können doch die Kammer ausräumen, ein Bett reinstellen und uns ein paar Pfennige dazuverdienen. Vielleicht kommen interessante Leute.»

«Ja, vielleicht Debbie Drake persönlich. Nur über meine Leiche!»

«Warum nicht, ich habe schon lange keine mehr gesehen.»

«Hör auf!» Sie warf eine zusammengeknüllte Serviette nach ihm.

«Oh», rief Hermann Kappe, «das wird Otto weniger freuen: Selbstmordversuch in der Zelle.» Im Polizeigefängnis in der Gothaer Straße hatte sich ein 21-Jähriger, der an einem brutalen Überfall auf eine Tabakwarenhändlerin beteiligt gewesen war, das Leben nehmen wollen. Mit einer Scherbe hatte er sich die Pulsadern aufgeschnitten.

«Gibt’s nicht auch was Erfreuliches?», fragte Klara.

«Sicher: Adenauer wieder in Cadenabbia.» Noch immer war der Mann Bundeskanzler. «Drei Raubüberfälle in Schöneberg. Na, das ist ja auch nicht sonderlich erfreulich.»

«Was gibt’s denn abends im Fernsehen?»

«Im ersten Programm Wallenstein mit Wilhelm Borchert in der Titelrolle.»

«Und im zweiten Programm?»

«Um Viertel nach acht Panorama.»

«O Gott, da zählen sie auch nur wieder alles auf, was angeblich mies ist bei uns!»

Der Sportteil war auch nicht gerade aufregend. Bei der Deutschland-Rundfahrt war Hennes Junkermann in der Rhön geschlagen worden. Hertha BSC hatte im Qualifikationsspiel nach einem 1 : 1 gegen den 1. FC Kaiserslautern die Intertoto-Runde verpasst, weil das Los für die Pfälzer entschieden hatte.

Nach dem Frühstück ging Hermann Kappe erst einmal spazieren. Er empfand seine Wohnung zunehmend als Gefängnis. Gott sei Dank war er noch gut zu Fuß. Viele seiner Altersgenossen saßen schon im Rollstuhl oder gingen zumindest am Stock. Seine Route war immer dieselbe. Ein paar hundert Meter ging er, nachdem er aus dem Haus getreten war, die Wartburgstraße entlang, dann bog er ab in die Berchtesgadener Straße. Schon allein der Straßenname löste angenehme Gedanken in ihm aus: an den Watzmann, den Königssee. Klara liebte das Meer, er die Berge. Den nächsten Urlaub wollten sie in Berchtesgaden verbringen.

Er kam auf die Grunewaldstraße und ging Richtung Bayerischer Platz. Ein ziemlich leerer Zug der Linie 3 ratterte an ihm vorbei. Die Straßenbahn wollten sie in West-Berlin völlig abschaffen, um eine autogerechte Stadt zu schaffen. Je näher er dem Bayerischen Platz kam, an desto mehr frei geräumten Trümmergrundstücken ging er vorbei. Zwischendurch erblickte er auch einige kastenförmige Neubauten. «Berlin baut auf!», so hatte es gleich nach dem Krieg geheißen. Am Bayerischen Platz standen die prunkvollen alten Mietshäuser nur noch auf der westlichen Seite. Gott, musste das vor dem Krieg hier schön ausgesehen haben! Er stieg zur U-Bahn hinunter. Nicht um zum Innsbrucker Platz zu fahren, sondern nur, um die herrliche Architektur zu genießen. 1910 war der Bahnhof eröffnet worden. In diesem Jahr war er aus Wendisch Rietz nach Berlin gekommen. Er konnte sich noch genau an diesen Tag erinnern. Damals war Schöneberg noch eine selbstständige Gemeinde gewesen, viel wohlhabender als Berlin. Ein halbes Jahrhundert war das nun schon her. Unfassbar!

Er stieg wieder ans Tageslicht hinauf und lief nun die Innsbrucker Straße Richtung Süden entlang, immer auf dem Rücken der U-Bahn sozusagen. Er hatte noch die Fotos im Gedächtnis, auf denen die Tunneldecke von Bomben weggesprengt worden war und es deshalb so aussah, als würden die gelben Züge in einer Rinne fahren. Er kreuzte erst die heimatliche Wartburg-, dann die Badensche Straße, wo er einen Doppeldeckerbus vorüberlassen musste. Es war der 4er zum Brixplatz im noblen Westend. Vor ihm erstreckte sich nun in einer alten eiszeitlichen Rinne der Wilmersdorfer Volkspark. Die U-Bahn wurde auf einer Art Brücke über diese Mulde hinweggeführt, und unter dieser Brücke lag der U-Bahnhof Rathaus Schöneberg, der bis 1951 den Namen Stadtpark getragen hatte. Hermann Kappe spazierte jetzt auf breiten Parkwegen. Obwohl ihm das als hochgradig albern erschien, hielt er ständig nach einer Leiche im Gebüsch Ausschau. Die Kommentare in den Zeitungen wären großartig gewesen: Seine Spürnase ließ ihn auch viele Jahre nach der Pensionierung nicht im Stich.

Er überquerte die ehemalige Kaiserallee, nun in Bundesallee umbenannt. Die kannte er schon aus Kästners Emil und die Detektive. Vielleicht war es Kästner gewesen, der in ihm früh den Wunsch geweckt hatte, einmal zur Kripo zu gehen. Am Fußballplatz, kurz vor der Blissestraße, machte er halt, um den Spielern des 1. FC Wilmersdorf einen Augenblick lang zuzusehen. Dabei versuchte er sich daran zu erinnern, ob er in seiner Zeit bei Viktoria 89 einmal hier gespielt hatte, vor dem Ersten Weltkrieg noch oder während des Kriegs. Es fiel ihm nicht mehr ein. Jedes Spiel dauerte neunzig Minuten, dann wurde abgepfiffen. Betrachtete er sein Leben, dann war jetzt vielleicht schon die 86. Minute angebrochen, aber niemand kannte ja Tag noch Stunde.

Er schlenderte jetzt auf der südlichen Seite des Parks entlang und kam an der Kufsteiner Straße dicht am RIAS vorbei, einer der heiligen Kühe der West-Berliner. Seine Sendungen waren ein unverzichtbarer Bestandteil des Lebens geworden, ob es nun montags die Schlager der Woche waren oder die legendäre Krimireihe Es geschah in Berlin von Werner Brink. Es war ein Ritual, jeden Sonntag um Viertel vor elf Friedrich Luft mit seiner Stimme der Kritik und anschließend das Geläut der Freiheitsglocke zu hören. Aber auch andere Sendungen bestimmten den Alltag, so Berlin spricht zur Zone, Damals war’s, Geschichten aus dem alten Berlin, Die Rückblende, Kutte kennt sich aus, Onkel Tobias, Wer fragt, gewinnt mit Hans Rosenthal, Wo uns der Schuh drückt mit dem jeweiligen Regierenden Bürgermeister und natürlich Die Insulaner. Deren Lieder hatte er ständig im Ohr. Edith Schollwer sang das Insulanerlied. Er kannte sie alle: Günter Neumann schrieb die Texte, Bruno Fritz war der Herr Kummer, Joe Furtner der Professor Quatschnie, Walter Gross der Jenosse Funzionär, Tatjana Sais und Agnes Windeck gaben die Klatschdamen vom Kurfürstendamm.

Hermann Kappe schlenderte weiter und kam zum Vorplatz des Rathauses Schöneberg, des Sitzes des West-Berliner Parlaments und des Regierenden Bürgermeisters. Willy Brandt war das jetzt seit 1957 – ein Glücksfall für West-Berlin. Auf dem Posten hatten sie ja anfangs den charismatischen Ernst Reuter gehabt («Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!»), dann aber mit Walther Schreiber eine ziemliche Null. Otto Suhr, der ihm nachgefolgt war, hatte auch keine Bäume ausgerissen. Beim Blick zum Rathausturm hinauf hörte Hermann Kappe ganz automatisch die Freiheitsglocke läuten und die sonore, gottähnliche Stimme im RIAS: Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde des einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. Ich schwöre, der Aggression und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo immer sie auf Erden auftreten werden.

Mit diesen hehren Worten im Kopf kehrte Hermann Kappe über die Martin-Luther-Straße nach Hause zurück. An die fünf Kilometer mochten es gewesen sein, die er zurückgelegt hatte. Er sank erst einmal aufs Sofa und schlief kurz danach ein.

Zum Kaffee kam Otto mit Gertrud vorbei. Hermann Kappe konnte ein Gefühl des Neids nicht ganz unterdrücken. Der Neffe war gerade einmal 51 Jahre alt, stand noch voll im Saft und hatte jede Menge interessanter Fälle zu bearbeiten.

«Was liegt denn gerade an bei euch?», lautete dann auch die erste Frage, kaum dass der Neffe Platz genommen hatte.

Otto Kappe hätte lieber über Fußball oder die Familie geredet. «Nicht viel. Nur die Schüsse auf diesen Studienrat oben in Hermsdorf, Hans-Peter Habedank. Bislang haben wir keine Spur.»

Wie gerne hätte Hermann Kappe jetzt gehört, dass man ohne ihn hilflos sei, doch Otto ließ nichts dergleichen verlauten.

Auch Hertha Börnicke, Hermanns Cousine, kam zum Kaffee. Sie hatte Multiple Sklerose und ging am Stock. Schließlich erschien noch Peter, Otto und Gertrud Kappes einziger Sohn. Er studierte jetzt an der FU Psychologie.

«Seelenklempner will er also werden», hatte Hermann Kappe gebrummt, als Otto ihm davon erzählte. «Na, soll er … Dann kann er sich wenigstens selber therapieren.»

«Wenn das in Deutschland so weitergeht, müssen wir alle in die Therapie», hatte sein Neffe dagegengehalten. «Erster Weltkrieg, NS-Diktatur, Zweiter Weltkrieg, Spaltung Deutschlands, Berlin-Blockade und jetzt der Mauerbau – da müssen wir ja alle ’ne Macke kriegen!»

Dann beredeten sie Familiäres. Was Hermann Kappes Bruder Albert in Wendisch Rietz und sein ältester Sohn Hartmut in Ost-Berlin wohl machten? Sie zu besuchen war ja ein Ding der Unmöglichkeit.

«Im Osten nichts Neues.» Hertha Börnicke, die früher beim RIAS gewesen war und aus der Zone berichtet hatte, wusste noch immer bestens Bescheid über das, was in der DDR so geschah. «In Ost-Berlin soll es eine Ruhrepidemie gegeben haben, und die Nationale Front hat ein ‹Komitee zum Studium der gesellschaftlichen Verhältnisse in Westdeutschland und ihrer Veränderungen› gegründet.»

«Das haut ja den stärksten Eskimo vom Schlitten!», rief Otto Kappe. «Mehr ist da nicht los?»

«Da musst du schon Hartmut fragen. Was bei der Kripo so an großen Fällen anliegt, muss der ja am besten wissen.»

«Nie was vom Kontaktverbot gehört?»

«Doch. Das ist ja der Witz daran.»

Auf dieses Stichwort hin erzählten sie sich nun die gängigen DDR-Witze.

Hertha Börnicke machte den Beginn. «‹Du, Schatz, ich lese hier gerade: Die DDR gehört zu den zehn führenden Industrienationen der Welt. Ich glaube, das schreibe ich mal unserem Onkel Herbert in Düsseldorf.› – ‹Klar, mach das … Dann kannst du ihn auch gleich bitten, zu Ostern ein paar Rollen Klopapier mitzuschicken.›»

Hermann Kappe war der Nächste. «Ein treues SED-Parteimitglied kehrt von einer Dienstreise aus der Bundesrepublik zurück. Sein Vorsitzender fragt ihn: ‹Na Genosse, haben Sie den faulenden und sterbenden Kapitalismus gesehen?› – ‹Ja.› – ‹Und was halten Sie davon?› – Die Antwort kommt mit verklärtem Gesichtsausdruck: ‹Es ist ein sehr schöner Tod …›»

Auch Otto Kappe wollte sich nicht lumpen lassen. «Ein DDR-Bürger geht spät in der Nacht durch Ost-Berlin und ruft lauthals immer wieder: ‹Scheißstaat, Scheißregierung!› Sofort taucht ein Stasi-Offizier auf und verhaftet ihn. Der Verhaftete verteidigt sich: ‹Ich habe ja gar nicht gesagt, welchen Scheißstaat und welche Scheißregierung ich meine.› Der Stasi-Offizier denkt kurz nach und lässt den Mann wieder laufen. Der verschwindet, wird aber zwei Minuten später von dem Stasi-Offizier wieder eingeholt und erneut verhaftet. Darauf der Mann: ‹Warum denn das?› Entgegnet der Stasi-Mensch: ‹Es gibt ja nur einen Scheißstaat und eine Scheißregierung.›»

Peter Kappe wollte sich nicht an der Diskriminierung der DDR und ihrer Bürger beteiligen, hatte aber bei Freud etwas über den Witz und seine Beziehung zum Unbewussten gelesen. «Freud spricht von der Euphorie des spontanen Lachens und erkennt darin einen Widerschein unseres vergangenen Kinderglücks, denn der Witz erlaubt es uns, uns für Augenblicke vom Verdrängungsdruck der Kultur zu befreien.»

Alle nickten schwer beeindruckt von seinen frischerworbenen Erkenntnissen.

«Wer liegt auf dem Friedhof neben Freud?», fragte Hermann Kappe seinen gebildeten Großneffen.

«Keine Ahnung.»

«Na, Leid. Denn Freud und Leid liegen doch dicht beieinander.»

Klara fiel kein DDR-Witz ein, worauf Hertha Börnicke alles glasklar analysierte. «Der eingemauerte West-Berliner gewinnt seine Identität und seinen Überlebenswillen nicht zuletzt dadurch, dass er über alles, was in der Ostzone passiert, spöttisch herzieht.»

Otto Kappe klatschte ihr Beifall. «Mensch, Hertha, was wären wir ohne dich!»

Hermann Kappe setzte noch einen drauf. «Lieber Hertha Börnicke als Hertha BSC.» Den Verein sah er schon absteigen, wenn es diesen Sommer mit der Bundesliga losging. «Ich hätte lieber Tasmania 1900 in der Bundesliga gesehen.»

«Deine Tasmanen spielen ja nächste Woche gegen den 1. FC Nürnberg in der Vorrunde um die Deutsche Meisterschaft», sagte Klara. Karl-Heinz, ihr jüngerer Sohn, wolle auch hingehen.

Karl-Heinz Kappe, nun auch schon 35 Jahre alt, war ein windiger Bursche geblieben, obwohl er es bei der SBN, der Südost Bau Neukölln, bis zum Prokuristen gebracht hatte. Dass er es mit den Gesetzen mitunter nicht ganz so genau nahm, hatte ihn in seiner Branche schnell aufsteigen lassen.

Heute nun, am Ostersonnabend, ließ er Arbeit Arbeit sein und fuhr mit seinen Freunden Manne und Rudi in der überfüllten U-Bahn ins Olympiastadion raus, um das Spiel von Tasmania 1900 gegen den 1. FC Nürnberg mitzuerleben. Die Karten hatte ihnen sein Chef spendiert. Rudolf Orkusch selbst war in sein Ferienhaus nach Vietze im Wendland gefahren. Solch ein Haus auf dem Land wurde bei den Neureichen in West-Berlin langsam Mode.

Aufgrund der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in Chile wurde die Vorrunde nur in vereinfachter Form ausgetragen. Jede Mannschaft hatte ein Heimspiel, ein Auswärtsspiel und ein drittes Spiel an einem neutralen Ort.

«Nürnberch, det is schon wat», stellte Manne fest.

«Ja, aba nur, weil die den Morlock ham. Wenn de den kaltstellst, haste schon jewonn’n.»

«Der Strehl is aba ooch nich schlecht.»

Karl-Heinz Kappe gefiel es am besten, dass die Nürnberger einen Verteidiger mit Namen Derbfuß hatten. Viel Spaß aber hatten sie als Berliner nicht, denn Tasmania 1900 sollte am Ende mit 1 : 2 verlieren. Auf dem Nachhauseweg stieß Karl-Heinz Kappe auf dem Olympischen Platz mit einem Mann zusammen, den er dort nicht vermutet hätte: dem Bausenator Arnulf Klaffenbach.

«Sie hier?», staunte er.

«Ich bin nur hier, um die Bausubstanz des Olympiastadions zu kontrollieren.»

Karl-Heinz Kappe fand Klaffenbach einen komischen Vogel. Er wusste so einiges über ihn. Klaffenbach war geborener Berliner und 47 Jahre alt. Der Vater Arthur Klaffenbach war Philosophieprofessor, die Mutter Isolde Oberstudienrätin für Deutsch und Latein. Nach dem Abitur hatte der Sohn Kunstgeschichte und Architektur studiert. Verheiratet war er auch, Hannelore hieß die Glückliche mit Vornamen, drei Kinder hatten sie: Bernhard, geboren 1944, Beate, Jahrgang 1946, und Friedhelm, der 1950 das Licht der Welt erblickt hatte. Arnulf Klaffenbach war hochgewachsen und sehr sensibel, spielte Cello und schrieb Gedichte. Eines davon hatte sogar im Berliner Tagesspiegel gestanden, Karl-Heinz Kappe hatte es ausgeschnitten.

Heutungen

Morgen ist Heute

Gestern ist Heute

Es gibt kein Morgen mehr

Es gibt kein Gestern mehr

Darum lebe Du

Heute heute heute

und

Häute Dich

Warum interessierte Karl-Heinz Kappe das alles? Er ging davon aus, dass alle Menschen käuflich waren, und wenn er jemanden kaufen wollte, dann war es immer gut, alles über ihn zu wissen.

Rund vierzehn Tage später sah er Arnulf Klaffenbach wieder. Das war am 4. Mai 1962, als sich ganz West-Berlin auf dem Falkenhagener Feld zur Grundsteinlegung traf. Das Falkenhagener Feld, das westlich der Spandauer Altstadt gelegen war, wurde noch für die innerstädtische Landwirtschaft genutzt und war außerdem reich mit Schrebergärten und den dazugehörigen Lauben bestückt. Hier sollte nun aufgrund der Wohnungsnot in West-Berlin links und rechts der Falkenseer Chaussee eine der drei geplanten Großsiedlungen entstehen. Man hatte sogar vor, sie mit einer U-Bahn-Linie an die Innenstadt anzubinden. Das betonte Klaffenbach jedenfalls in seiner Rede.

Karl-Heinz Kappe war aber nicht in den äußersten Zipfel Spandaus gekommen, um den Senator zu hören, sondern um mit Baustadtrat Ralf-Werner Wolla zu reden. Die SBN brauchte dringend ein paar neue Aufträge.

«Ihr Haus in Hermsdorf, Herr Wolla, könnte durchaus einen preiswerten Anbau vertragen …»

Wer gut schmiert, der gut fährt. Karl-Heinz Kappe wusste, wie die Welt funktionierte.

DREI

DIE FREIE UNIVERSITÄT BERLIN war die Antwort des Westens auf die Übernahme der alten Berliner Universität Unter den Linden durch die Kommunisten Anfang 1948. Der Lehrbetrieb wurde am 15. November 1948 in Gebäuden der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Dahlem aufgenommen. Im Umkreis des Hauptgebäudes der FU, des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biologie, mietete man nun für die einzelnen Institute etliche Villen an. Zudem wurden die Mensa, verschiedene Fakultätsgebäude und der Henry-Ford-Bau mit dem Audimax und der Bibliothek neu errichtet.

Auf einer der Bänke zwischen der Juristischen Fakultät in der Van’t-Hoff-Straße und der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät in der Garystraße hatten zwei Studenten des dritten Semesters in der Maiensonne Platz genommen: Rainer Arys und Wilhelm Pandelwitz. Sie hatten schon im Buddelkasten miteinander gespielt, da ihre Elternhäuser am Hermsdorfer Klosterheider Weg aneinandergrenzten. Beide waren süchtig nach Karl May und hatten sich ewige Blutsbrüderschaft geschworen. Außenstehende hielten sie für homosexuell, aber das waren sie nicht, sie hatten lediglich Angst, sich in ein und dieselbe Frau zu verlieben.

Vom Körperbau und ihren Interessen her unterschieden sie sich gehörig. Rainer Arys war der untersetzte, muskulöse Typ, lief die hundert Meter beim SC Tegeler Forst in 11,3 Sekunden, während man Willy Pandelwitz, der die klassische Musik mehr liebte als den Sport, in früheren Zeiten wohl gemäß der Kretschmer’schen Typologie als Leptosomen bezeichnet hätte.

Selbstverständlich hatten sie in der Schule von der ersten Klasse bis zum Abitur im März 1961 an der Hermsdorfer Georg-Herwegh-Schule immer nebeneinandergesessen. Jetzt studierten sie beide an der Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der FU, Rainer Arys hatte als Hauptfach Soziologie, Willy Pandelwitz Politologie. Allzu viele Lehrveranstaltungen jedoch besuchten sie nicht, denn zum einen war es vom hohen Norden, sprich Hermsdorf, bis in den tiefen Süden zur FU fast schon eine Weltreise, und zum anderen ließ ihnen ihr Engagement in einer ganz bestimmten studentischen Organisation nicht viel Zeit. Es handelte sich um die Gruppe Koch, die sich auf Fluchthilfe und Anschläge gegen die Mauer spezialisiert hatte. Politisch standen sie, zum Leidwesen ihrer Eltern, der Brandt’schen SPD nahe und waren auch Mitglieder des Sozialdemokratischen Hochschulbundes, des SHB, der sich im heftigen ideologischen Konflikt mit dem SDS befand, dem Sozialistischen Hochschulbund, dessen zunehmend gesellschaftskritisch-antikapitalistische Haltung sie ablehnten.

Heute aber sollte erst einmal studiert werden. Zuerst ging es zur Vorlesung Einführung in die Organisationssoziologie von Renate Mayntz in den mittelgroßen Hörsaal 104. Sie erwarteten eine ergraute akademische Oberrätin um die sechzig und waren in höchstem Maße erstaunt, als eine mehr als ansehnliche junge Frau, die vielleicht gerade die dreißig überschritten hatte, ans Katheder trat. Sie hatte einige Jahre an der Columbia University verbracht und referierte nun ausführlich über die recent trends ihrer Wissenschaft. Das war nicht uninteressant, dennoch folgten Pandelwitz und Arys der Vorlesung nicht sonderlich aufmerksam, denn alles war in einem rororo-Bändchen der Mayntz nachzulesen.

Danach begannen des Tages Mühen erst so richtig, denn sie hatten im Proseminar von Prof. Otto Stammer ein Referat über Frühe Anarchisten in Berlin zu halten. Statt fand alles in einem der kleineren Hörsäle der WiSo-Fakultät, deren breite Fenster auf die kaum befahrene Garystraße hinausgingen. Bei etwa zwanzig Teilnehmern herrschte hier eine geradezu intime und gemütliche Atmosphäre, von der unaufhaltsam heraufziehenden Massenuniversität war noch nicht viel zu bemerken.

Otto Stammer, der 1900 in Leipzig das Licht der Welt erblickt hatte, war ein höchst interessanter Mann. Er war seit 1959 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und galt als einer der führenden Vertreter der Politischen Soziologie. Früh war er in die SPD eingetreten und hätte es bis in den Reichstag gebracht, wenn nicht 1933 die Nationalsozialisten die Macht ergriffen hätten. So war ihm nur das Abtauchen geblieben. Dennoch war er als «Politischer» verhaftet worden. Nach seiner Entlassung hatte er sich erst als Arbeitsloser durchgeschlagen und war dann in verschiedenen Positionen in der pharmazeutischen Industrie tätig gewesen. Nach dem Krieg hatte er als Redakteur und Dozent in Leipzig gearbeitet und war schließlich in den Westen gegangen, um sich an der FU zu habilitieren und mitzuhelfen, das Institut für Soziologie zu gründen. 1951 war er Außerordentlicher und 1954 Ordentlicher Professor für Soziologie und Politische Wissenschaft geworden.

Nicht minder sympathisch waren seine beiden Assistenten, die doctores Günter Hartfiel und Jürgen Fijalkowski. Hartfiel war es auch, der nach ein paar einleitenden Worten Arys und Pandelwitz nach vorn rief und sie bat, die Anwesenden mit ihrem Referat intellektuell zu erfreuen.

Arys begann mit der These, dass der Begriff Anarchismus im Allgemeinen sehr negativ besetzt sei, und belegte dies mit einem Zitat von Paul Elzacher aus dem Jahre 1912. Demnach setzen sich die Anhänger des Anarchismus das Ziel, durch schwere und sinnlose Verbrechen unsere friedliche Gesellschaft zu vernichten und an ihre Stelle das Chaos zu setzen. Pandelwitz führte den Gedanken fort, indem er einige Zeilen aus einem Gedicht des Berliner Schriftstellers schottischer Herkunft John Henry Mackay vortrug: «Anarchie / ​immer geschmäht, verflucht, verstanden nie / ​bist du das Schreckbild dieser Zeit geworden / ​Auflösung aller Ordnung, rufen sie / ​seist du und nimmerendend Morden.»

Nachdem Stammer und seine beiden Assistenten beifällig genickt hatten, kamen Arys und Pandelwitz auf die beiden größten Anarchisten Berlins zu sprechen, auf Gustav Landauer und Erich Mühsam. Arys nahm sich Landauer vor. Der hatte bei ihnen in Hermsdorf in der Schloßstraße 17 gewohnt, und Arys’ Vater, der Werksleiter bei Siemens war, hatte keine Gelegenheit ausgelassen, über ihn herzuziehen. Rainer Arys konnte sich an seinem sehr autoritären Vater rächen, indem er Landauers Schriften zu Hause las und offen herumliegen ließ.

«Gustav Landauer ist am 7. April 1870 in Karlsruhe geboren worden und am 2. Mai 1919 in München gestorben. Studiert hat er Germanistik und Philosophie. Stark beeinflusst haben ihn dabei die anarchistischen Theorien von Bakunin und Kropotkin. Im Oktober 1889 finden wir ihn zum ersten Mal in Berlin, noch als Studenten. Später, um 1901, wohnt er in Friedrichshagen, wo er Kontakte zum dortigen Dichterkreis unterhält, und anschließend lebt er in Hermsdorf. Im Oktober 1893 wird er erstmals verhaftet und wegen der ‹Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Staatsgewalt› zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Ende des Ersten Weltkriegs ist er an vorderster Stelle dabei, als in München die Räterepublik errichtet wird. Nach deren Niederschlagung wird er verhaftet und von Freikorps-Soldaten ermordet.» Damit ließ es Arys an Biografischem genug sein und kam zu den Thesen Landauers. «Nun zu dem, was er Ethischen Anarchismus nennt, und zu seiner Geld- und Wirtschaftsphilosophie … Ziel war für ihn immer die Emanzipation von staatlicher, kirchlicher oder sonstiger gesellschaftlicher Bevormundung und die Suche nach einer Möglichkeit zur Entfaltung des Einzelnen in dem seiner Meinung nach allein sinngebenden Zusammenhang der Gemeinschaft. Die Individuen sollen sich auf freiwilliger Basis in kleinen sozialistischen Gemeinden zusammenschließen, die sich dann frei assoziierend zusammenfügen. Das Privateigentum an Boden solle aufgehoben werden, es solle eine gerechte Tauschwirtschaft geben, in der alle Übel des Geldes und des Zinses aufgehoben seien.»

Nachdem Arys geschlossen hatte, referierte Pandelwitz über Erich Mühsam. «Mühsam ist am 6. April 1878 als Kind jüdischer Eltern in Berlin geboren und in Lübeck aufgewachsen. 1896 musste er wegen ‹sozialdemokratischer Umtriebe› nach Parchim gehen, um dort die Mittlere Reife abzulegen. Anschließend absolvierte er eine Apothekerlehre in Lübeck, und 1902 wurde er in Berlin Redakteur bei der anarchistischen Zeitschrift Der arme Teufel. Doch bei uns hielt es ihn nicht lange, er wanderte durch halb Europa und ließ sich 1909 in München nieder, wo er alsbald zum Mittelpunkt der Schwabinger Boheme werden sollte. Um das Proletariat, also die von der Gesellschaft Geächteten wie Landstreicher, Bettler, Huren und Verbrecher, für seine Ideologie zu gewinnen, gründete er die Gruppen ‹Tat› und ‹Anarchist› – und wurde prompt wegen ‹Geheimbündelei› angeklagt, später aber freigesprochen. Sein Geld verdiente sich Erich Mühsam als Mitarbeiter eines Münchner Kabaretts und verschiedener satirischer Zeitschriften wie des Simplicissimus und der Jugend. Von 1911 bis 1919 gab er die Zeitschrift für Menschlichkeit heraus, Kain betitelt. 1918 gehörte er zu den Anführern der Münchener Räterepublik und wurde nach deren Niederschlagung zu fünfzehn Jahren Festungshaft verurteilt, von denen er fünf absitzen musste. Nach seiner Entlassung zog er 1924 wieder nach Berlin, wo er sich in der KPD-nahen Roten Hilfe engagierte, einer Gefangenenhilfsorganisation. 1932 verfasste er seine programmatische Schrift Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. 1933 wurde er von der SA verhaftet und von SS-Männern ermordet. Er schreibt: Im Staat erkenne ich früh das Instrument zur Konservierung all der Kräfte, aus denen die Unbilligkeit der gesellschaftlichen Einrichtungen erwachsen ist. Die Bekämpfung des Staates in seinen wesentlichen Erscheinungsformen – Kapitalismus, Imperialismus, Militarismus, Klassenherrschaft, Zweckjustiz und Unterdrückung in jeder Gestalt – war und ist der Impuls meines öffentlichen Wirkens.»

Stammer und seine Assistenten lobten Pandelwitz’ und Arys’ Ausführungen, und es konnte nun diskutiert werden. Das war die Chance derjenigen Studenten, die der Devise «Ich rede, also bin ich» anhingen.

Einer warf Arys und Pandelwitz vor, sie hätten den anarchistischen Sozialdemokraten und Gewerkschafter Raphael Friedberg vergessen, den Verfechter des Generalstreiks, aber auch den Anarchisten Augustin Souchy aus Berlin-Wilmersdorf, der die Bilanz seines Lebens mit den Worten Viel erstrebt, wenig erreicht zusammengefasst hatte.

«Na, Gott sei Dank!», riefen mehrere Kommilitonen, die der Meinung waren, ohne einen starken Staat ging es nicht, was wiederum die auf den Plan rief, die der FDP nahestanden und so wenig Staat wie möglich wollten.

Die Diskussion wurde abschließend als fruchtbar bezeichnet, und man war allseits zufrieden. Nach Ende der Lehrveranstaltung eilten sie alle zur feierlichen Einweihung des neuen Gebäudes für das Otto-Suhr-Institut in der Ihnestraße 21. Dabei fiel Arys und Pandelwitz ein Kommilitone auf, der dem RCDS, dem Ring Christlich-Demokratischer Studenten, angehörte und gern Vorsitzender des Allgemeinen Studenten-Ausschusses geworden wäre, aber als Mitglied der schlagenden Burschenschaft Saravia viele Gegner und Feinde hatte: Eberhard Diepgen. Dass der einmal Regierender Bürgermeister werden würde, ahnte noch niemand.

Für Arys und Pandelwitz wurde es schließlich Zeit, sich auf den Weg zu machen, wollten sie rechtzeitig bei Heinrich Koch in der Mommsenstraße sein. Mit der U-Bahn ging es zum Fehrbelliner Platz. Von dort aus fuhren sie mit dem 1er Bus Richtung Moabit bis zur Mommsenstraße. Dort, unweit der Leibnizstraße, hatte Heinrich Koch im Vorderhaus, vierte Etage, eine geräumige Wohnung gemietet. Im sogenannten Berliner Zimmer hatte sich die Mehrzahl seiner Leute schon versammelt.

Koch war eine imposante Persönlichkeit. Eine bestimmte Wirkung erzielte er schon durch seine Größe von nahezu zwei Metern und seinen massigen Körper, der weit über zwei Zentner wog. Dazu kam, dass sein linkes Bein amputiert worden war und ihn seine Prothese eindrucksvoll humpeln ließ. Dies war nicht etwa Folge einer Kriegsverletzung, sondern seiner Zuckerkrankheit. Mit sonorer Stimme begrüßte er alle und kam gleich zum Tagesordnungspunkt Nummer eins.

«Fluchttunnel Wollankstraße. Es war zwar keiner von uns direkt daran beteiligt, aber wir können von dem, was da geschehen ist, auf alle Fälle einiges lernen. Kelly, du weißt am besten Bescheid.»

Kelly war eine Studentin aus Columbus, Ohio, und Arys wie Pandelwitz wären nur allzu gern mit ihr ins Bett gegangen, zögerten aber mit ihren Annäherungsversuchen, um ihre Männerfreundschaft nicht zu belasten. Jeder von ihnen beließ es deshalb bei heimlichen erotischen Fantasien.

Kelly sprach perfekt Deutsch, allerdings mit einem putzigen Akzent. «Ich schildere euch erst einmal die Örtlichkeit. Also, der S-Bahnhof Wollankstraße sitzt auf Gewölbebögen. Er liegt auf Ost-Berliner Gebiet, kann aber nur von West-Berlinern benutzt werden. Vieles ist eben absurd heutzutage. Nun sind unsere Kommilitonen auf die Idee gekommen, in die ungenutzten Gewölbe einzudringen und von dort aus einen Tunnel nach Ost-Berlin zu graben, zu einem Keller in der Schulzestraße. Schön und gut, drei Wochen lang haben sie im Januar gegraben – und aus der Traum! Warum? Weil der Tunnel unter dem Bahnsteig eingebrochen ist. Auf dem Bahnsteig war ein Krater entstanden, Sand ist nachgerutscht.»

«Weil sie die Vibrationen nicht einkalkuliert hatten, die durch die fahrenden Züge entstehen», fügte Koch hinzu. «Das hätte nicht passieren dürfen. Reichsbahner haben alles entdeckt, dann hat die Transportpolizei die Ermittlungen übernommen, und die Presse in der Zone konnte wieder einmal behaupten, der Westen habe versucht, Agenten einzuschleusen. Es gab eine große Pressekonferenz des Ministers für Verkehrswesen.»

In der folgenden Stunde ging es darum, die Aufgaben für die nächsten Wochen zu verteilen.

«Wer sorgt für gute Doppelgänger?», fragte Koch. Sie hatten vor, in West-Berlin Menschen zu finden, die DDR-Bürgern, die in den Westen wollten, ähnlich sahen, und sie um ihre Pässe zu bitten.

Das war nichts für Arys und Pandelwitz. Auch wollten sie nicht mit Bundespässen nach Ost-Berlin gehen, um dort «Deckelmänner» anzuwerben. Das waren Männer, die, nachdem jemand durch die Kanalisation geflüchtet war, die schweren Gullideckel wieder einsetzen sollten, um die Fluchtwege zu kaschieren.

Auch jemanden, der bereit war, gefälschte Pässe nach Leipzig zu bringen, suchte Koch noch, ebenso Leute für die sogenannten Skandinavien-Touren, mit denen man Menschen, die aus der DDR rauswollten, mit gefälschten Pässen die Flucht nach Dänemark ermöglichte.

Arys und Pandelwitz meldeten sich erst, als es darum ging, Löcher in die Mauer zu sprengen. Das versprach, ein echtes Abenteuer zu werden.

«Gut. Sucht euch einen Ort, wo ihr niemanden auf unserer Seite gefährdet. Wenn ihr eine geeignete Stelle gefunden habt, bekommt ihr den Sprengstoff und könnt loslegen.»

So machten sie sich in den folgenden Tagen auf und suchten nach einer geeigneten Stelle. Dabei erlebten sie so einiges. Sie befanden sich an der Bernauer Straße, als ihr Erkundungsspaziergang an der Mauer entlang eine dramatische Wendung zu nehmen schien.

«Du, Rainer, guck mal! Die beiden Grenzsoldaten da, die wollen fliehen!»

Richtig, gerade warfen zwei Grenzer ihre Maschinenpistolen weg und winkten in den Westen hinüber. Feuerwehrleute und Polizisten rannten zur Mauer, um ihnen herüberzuhelfen, bevor ihre Kameraden auf sie schießen würden. Da erscholl höhnisches Gelächter von drüben. Man hatte die West-Berliner zum Narren gehalten.

An der Ecke Ruppiner/​Bernauer Straße gab es dann einen weiteren denkwürdigen Zwischenfall. Eine Besuchergruppe, die sich eindeutig auf West-Berliner Gebiet befand, hatte östliche Grenzsoldaten mit ihren spöttischen Bemerkungen offenbar so gereizt, dass diese zwei Tränengaskörper über die Mauer warfen. Einen davon schleuderte ein West-Berliner Polizist zurück, worauf einer der Grenzer aus seiner MP2 gezielte Feuerstöße auf den Beamten abgab. In wilder Panik flohen die Besucher ins westliche Hinterland, mit ihnen auch Arys und Pandelwitz.

«Deutsche, schießt nicht auf Deutsche!», schrie jemand, «Ihr Schweine, ihr!» ein anderer. Tote gab es zum Glück keine.

Immer wieder gab es Versuche von DDR-Bürgern, die Mauer mit schwerbeladenen Lastkraftwagen zu durchbrechen. Beispielsweise am 9. April an der Boyenstraße zwischen den Bezirken Wedding und Mitte, als ein mit Zement beladener Lkw in der Mauer stecken blieb. Die beiden männlichen Insassen konnten nach West-Berlin entkommen, obwohl die Grenzpolizei noch auf sie schoss.

Am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße erlebten Arys und Pandelwitz aus der Nähe, wie ein mit Kies beladener Lkw die Schlagbäume durchbrach. Man schoss auf die Fliehenden. Der Fahrer wurde tödlich getroffen, und das Fahrzeug krachte auf West-Berliner Gebiet gegen eine Hauswand. Die beiden anderen Insassen überlebten mit leichten Verletzungen.

Zwischen ihren Erkundungstouren hatten Arys und Pandelwitz noch Zeit, dem Sozialdemokratischen Hochschulbund gelegentliche Besuche abzustatten. Der SHB war vor zwei Jahren als Konkurrenz zum Sozialistischen Hochschulbund, dem SDS, gegründet worden, der sich immer stärker marxistischen Positionen angenähert hatte und der DDR eine nicht unerhebliche Sympathie entgegenbrachte. Schon deshalb tendierten die beiden Studenten zum SHB. Die Mitgliedschaft bei ihm versprach aber auch gewisse Karrierechancen – in West-Berlin begann sich immer stärker ein Netzwerk herauszubilden, das später unter dem Begriff «Berliner Filz» bundesweit bekannt werden sollte. Der SHB hatte sein Domizil in der Sven-Hedin-Straße, ein paar Hundert Meter vom U-Bahnhof Krumme Lanke entfernt. Das war zwar von Hermsdorf aus eine weite Fahrt, aber sie hofften beide, ihre sporadischen Besuche würden sich irgendwann auszahlen.

An diesem Abend hatte sich zu einem Referat mit anschließender Diskussion ein Mann angesagt, der als Hoffnungsträger der Sozialdemokraten gehandelt wurde, der Baustadtrat Ralf-Werner Wolla. Der Kommilitone, der ihn eingeladen hatte, stellte ihn vor.

«Unser Genosse Ra We Wo ist 41 Jahre alt und geborener Neuköllner, einer vom Hinterhof in der Fuldastraße, der in der Rütlistraße zur Schule gegangen ist. Machen wir es kurz: Schulabschluss 1930, Maurerlehre, Soldat, französische Kriegsgefangenschaft, Heimkehr 1947, Eintritt in unsere Partei. Angefangen hat er als Kassierer, dann spezialisierte er sich darauf, älteren Jubilaren den obligatorischen Blumenstrauß vorbeizubringen und an Beerdigungen teilzunehmen.»

Wolla lachte dröhnend. «Der berühmte Kranzabwurf – ja Mensch, Kinder, ihr solltet eure Parteikarriere auch als ‹Leichenbeisitzer› im Abteilungsvorstand beginnen, das lohnt sich wirklich!»

«So bringt ihr es vielleicht auch zu einer Villa in Hermsdorf!», rief einer, der Wolla nicht leiden konnte.

«Zu einem Einfamilienhaus im nicht gerade feudalen Hermsdorf, das ich auch noch eigenhändig mit hochgemauert habe! Das ist weniger ein Palast denn eine Hütte.»

«Wie auch immer, der Genosse Wolla wird uns heute etwas zu den anstehenden Großbauprojekten in Berlin erzählen.»

«Für 1962 sind drei Großbauvorhaben geplant», begann Wolla seinen Vortrag. «Erstens das Falkenhagener Feld, Grundsteinlegung am 4. Mai. Zweitens die Gropiusstadt, Grundsteinlegung am 7. November. Und drittens die Paul-Hertz-Siedlung in Charlottenburg-Nord, Richtfest am 29. November.»

Je länger er redete, desto mehr fühlten sich Arys und Pandelwitz an die ironische Steigerung «Feind, Todfeind, Parteifreund» erinnert. Wolla wirkte wie ein eitler Pfau. Hinzu kam, dass Arys und Pandelwitz in Hermsdorf aufgewachsen waren und der gehobenen Mittelschicht angehörten. Der Vater von Arys war Werksleiter bei Siemens und die Mutter Grundschullehrerin. Pandelwitz’ Eltern waren Chefarzt und Übersetzerin. Wolla dagegen kam vom Neuköllner Hinterhof, gehörte also zu den Schmuddelkindern, mit denen man nicht spielte. So sozialistisch sich Arys und Pandelwitz auch gaben, diese Vorurteile hatten sie übernommen. Dazu kam das anarchistische Element: Sie hassten jede Art von Herrschaft. Wer sich als Anführer gerierte wie Wolla, war ihnen sogleich suspekt. Wolla geriet also sofort auf ihre Abschussliste. Für den Augenblick hieß das nicht viel, es sollte aber im Laufe des Jahres noch bedeutsam werden.

Am 21. Mai, einem Montag, war es dann so weit: Arys und Pandelwitz liehen sich in Hermsdorf von einem Freund einen Wagen aus und fuhren kurz vor Mitternacht nach Neukölln, um an der Ecke Heidelberger/​Treptower Straße ihren Sprengkörper abzulegen, die Lunte zu zünden und dann das Weite zu suchen.

Am 26. Mai sprach der Regierende Bürgermeister Willy Brandt in der SFB-Reihe Wo uns der Schuh drückt über das Thema Anschläge auf die Mauer und sagte unter anderem:

Meine Hörerinnen und Hörer, es hat einige Sprengstoffanschläge gegen dieses Schandmal in unserer Stadt gegeben, ich weiß nicht, wer die Urheber waren, und ich kann nur wiederholen, dass wir gegen Gewalt sind. Die Löcher, die wir uns in der Mauer wünschen, sind von anderer Art. Sprengstoff ist kein gutes Argument. Aber ich möchte doch wiederholen, was aus anderem Anlass im vorigen Jahr gesagt werden musste. Deutsche Polizei ist nicht dazu da, die Schandmauer zu schützen.

VIER

HARTMUT KAPPE war froh darüber, dass man nun endlich den Schutzwall gegen den Faschismus errichtet hatte. 43 Kilometer maß die Grenze zwischen Ost und West. Vorher hatte es 81 Straßenübergänge gegeben, dazu 13 bei U- und S-Bahn-Stationen. Da hatte man nicht immer alles kontrollieren können. Immer wieder waren hochwertige Erzeugnisse der DDR, insbesondere optische Geräte, nach West-Berlin verschoben worden. Auch anderes hatte unterbunden werden müssen, so der Abstrom wertvoller Fachkräfte vom Arzt bis zum Feinmechaniker in den Westen. Die wurden mit viel Geld und Energie in der DDR ausgebildet – und stellten sich dann in den Dienst des Klassenfeinds. Ein unmöglicher Zustand war das gewesen! Endlich hatte man normale Verhältnisse geschaffen. Außerdem war die Angst vor einem dritten Weltkrieg geschwunden. Der Westen hatte alles ohne großes Gezeter hingenommen.

Fahrten in die Westsektoren hatten schon immer gegen interne Dienstvorschriften verstoßen, sodass seine Besuche bei den Eltern stets mit einem nicht unerheblichen Risiko behaftet gewesen waren. Dass er beide nun nicht mehr sehen konnte, war zwar schmerzlich für ihn, aber nicht zu ändern. Die große Sache ging vor, der Aufbau des Sozialismus. Der Hund seines Nachbarn hatte die eigene Mutter auch nicht mehr erkannt, als er ihr nach zwei Jahren wiederbegegnet war. Und der Mensch war auch nur ein Tier. Die Abnabelung von den Eltern war eine ganz natürliche Sache.

Am Sonntagmorgen saß Hartmut Kappe mit seiner Frau beim Frühstück. Ingeborg berichtete von ihren Erfahrungen als Straßenbahnführerin. 1950, noch kurz vor der Geburt des gemeinsamen Kindes, hatte sie die Ausbildung zur Straßenbahnfahrerin erfolgreich absolviert. Sie war auf einem Z-Triebwagen eingesetzt, auf denen es keine Schaffner mehr gab. Die einsteigenden Fahrgäste mussten Ingeborg deshalb ihre Zeitkarten vorzeigen.

«Gestern hab ick wieda eenen awischt, der hatte die Karte jefälscht.»

In letzter Zeit neigte Ingeborg dazu, ins Berlinerische zu fallen. Sie berlinerte so sehr, dass Hartmut Kappe unwillkürlich zusammenzuckte. Er wünschte sich zwar nicht unbedingt eine Lehrerin zur Frau, aber ein bisschen mehr Niveau wäre ihm schon recht gewesen.

Ingeborg plauderte ungerührt weiter und erzählte, dass sie auf der 71, Charlottenstraße—Weißensee, noch an der Kurbel eines uralten T 24 stünde, die BVG aber bald genügend Rekowagen hätte. «Da kann ick mir wenijstens ’n bisschen vabessern.»

Hartmut Kappe kannte die Situation bei der Straßenbahn in der Hauptstadt der DDR. Der Fahrzeugpark war total überaltert, und man musste an allen Ecken und Enden improvisieren. Nach 1950 hatte man begonnen, neue Wagenkästen auf noch vorhandene alte Fahrgestelle zu setzen. Das waren die «Wiederaufbauwagen» gewesen, dann waren die «Schweinebuchten» gekommen, kantige Wagen, die ebenfalls nach dem Motto «Aus Alt mach Neu» entstanden waren, und schließlich hatte es die Gotha- und die Rekowagen gegeben, die auch keine komfortableren Fahreigenschaften aufwiesen.

«Det is allet nüscht Halbet und nüscht Janzet», stellte seine Frau dann auch fest.

«In West-Berlin werden sie die Straßenbahn ganz abschaffen», sagte Hartmut Kappe im Ton eines Politoffiziers. «Bei uns aber wird es bald moderne Fahrzeuge geben, die Freunde in der ČSSR arbeiten mit Hochdruck daran.»

«No v pohod!», rief Ingeborg, die ein paar Brocken Tschechisch konnte. «Na prima!»

Hartmut Kappe genoss das Privileg, seinen Dienstwagen, einen EMW 340 aus Eisenach, auch privat nutzen zu dürfen, und so hatten sie für diesen Sonntag, Ende Mai, auch einen Ausflug zu seinem Onkel Albert nach Wendisch Rietz eingeplant. Sie wollten gleich nach dem Frühstück starten. Doch das Schicksal wollte es anders mit Hartmut Kappe, denn kaum hatte er den letzten Bissen zerkaut, klingelte das Telefon. Es war sein Vorgesetzter.

«Ja, Genosse Hauptmann, ich höre.»

«In der Sredzkistraße 48 ist ein Mann in einer Wohnung im vierten Stock erschlagen aufgefunden worden, ein gewisser Günther Krüger. Der arbeitete als Geheimer Informator für die Staatssicherheit und sollte ein Auge auf die haben, die Akte der Republikflucht unterstützen könnten. Sie verstehen?»

«Ja …»

Nach dem Geschäftsverteilungsplan fielen Morduntersuchungen in die Kompetenz der Kommissariate K 1. Wenn man aber einen politischen Hintergrund vermutete, wurden die Fälle vom Kommissariat K5 bearbeitet, also seinem.

Hartmut Kappe sagte Ingeborg Bescheid, dass es mit ihrer Fahrt nach Wendisch Rietz wohl erst am Nachmittag etwas würde, dann rief er Dieter Drechsler an, seinen neuen Kriminalanwärter.

«Halten Sie sich bereit!»

«Immer bereit!», schmetterte der wie beim Fahnenappell der Thälmann-Pioniere.

«Gut. Dann warten Sie vor Ihrem Hauseingang! In zehn Minuten bin ich da und hole Sie ab.»

Hartmut Kappe fuhr durch sein Berlin, durch die Hauptstadt der DDR. Die Regierung der BRD saß nur in einem Provinznest, in Bonn. Hier waren die Werktätigen überall beim Subbotnik zu beobachten. Das freute ihn. Wir packen es, wir schaffen es gemeinsam, ein besseres Deutschland aufzubauen … Auferstanden aus Ruinen / ​und der Zukunft zugewandt … Es fällt nicht schwer, so brummt der Bär, / ​drum halte Schritt und baue mit. Vom letzten Winter lagen verschiedentlich noch Berge von Braunkohle herum. Das ärgerte ihn.

Drechsler stand bereit und stieg zu ihm in den Wagen. «Guten Morgen, Genosse Leutnant!»

Sie unterhielten sich über Fußball, das war das unverfänglichste Thema. Der DDR-Meister hieß in dieser Saison wieder einmal ASK Vorwärts Berlin. Der SC Motor Jena, für den Drechsler ganz besonders schwärmte, hatte nur den vierten Platz belegt, war aber Pokalsieger geworden.

«Was die BRD mit Fritz und Ottmar Walter hatte, das haben wir jetzt mit Peter und Roland Ducke.»

In der Sredzkistraße angekommen, fanden sie die Trassologen schon eifrig bemüht. Dass es sich bei dem Toten um den 42-jährigen Günther Krüger handelte, stand zweifelsfrei fest. Er war Lkw-Fahrer und verdingte sich, wie der Genosse Hauptmann schon gesagt hatte, nebenbei als GI. Zuletzt hatte er den Auftrag gehabt, auf Friedhöfen an der Grenze zu West-Berlin etwaige Fluchthelfer auszuspähen. Seitdem es Ende September letzten Jahres auf einem grenznahen Pankower Friedhof eine spektakuläre Republikflucht gegeben hatte, rechnete man mit weiteren Vorhaben dieser Art. Abends gegen halb sieben war damals eine kleine Trauergemeinde erschienen: drei Männer mit Zylinder, zwei schwarzverschleierte Frauen. Sie hatten zwei Kränze auf einem Grab nahe der westlichen Friedhofsmauer niedergelegt, dabei wurden sie argwöhnisch von einer Patrouille der Volkspolizei beobachtet, aber als harmlos eingeschätzt. Plötzlich aber hatte sich aus einem der angrenzenden Urnengräber eine Hand in die Höhe gereckt. «Los!», war das Kommando aus der Tiefe gekommen. Und dann war die Trauergesellschaft spurlos verschwunden gewesen. Später hatte man einen Fluchttunnel von gerade einmal 25 Metern Länge gefunden. So etwas sollte in Zukunft verhindert werden, mithilfe von Männern wie Günther Krüger. Nun lag der tot in seinem Wohnzimmer.

«Stumpfe Gewalt mit einem schweren Gegenstand gegen den Kopf», stellte der Kriminalanwärter Drechsler sogleich fest.

Hartmut Kappe nickte. «Ja, das dürfen wir als sicher annehmen.»

Naheliegend war, dass man Krüger erschlagen hatte, weil er dabei gewesen war, eine geplante Republikflucht auffliegen zu lassen. Sie mussten sich unter Krügers Arbeitskameraden umhören, aber das ging nicht vor morgen. Also konnte Leutnant Kappe doch noch nach Wendisch Rietz fahren.

Rudolf Orkusch war ganz in seinem Element. Das große Osterturnier von Rixdorf United hatte Vereine aus allen Partnerstädten Neuköllns in das eingemauerte West-Berlin gelockt: aus dem belgischen Anderlecht, dem französischen Boulogne-Billancourt, den Londoner Gemeinden Hammersmith und Fulham, aus Zaanstad bei Amsterdam und dem hessischen Wetzlar. Die Kosten trugen zum größten Teil Orkusch und seine Firma, die Südost Bau Neukölln (SBN), die Organisation lag in den Händen von Karl-Heinz Kappe.

«So, der Spielplan steht», sagte der zu Orkusch. «Leider können Sie wegen der alliierten Vorbehalte nicht vor dem Anpfiff des ersten Spiels mit dem Fallschirm über dem Stadion abspringen und im Mittelkreis landen.» Das war eine Anspielung darauf, dass Orkusch bei jeder sich bietenden Gelegenheit von seinen Kriegserlebnissen als Fallschirmspringer erzählte. «Bleiben Sie denn nach dem Eröffnungsspiel noch in Berlin, oder fahren Sie gleich los nach Vietze?», fragte er.

«Meine Frau möchte so schnell wie möglich ins Wendland.»

Vietze lag in Niedersachsen, gleich hinter der Sektorengrenze. Bald nach dem Mauerbau hatten viele West-Berliner begonnen, sich Wochenendhäuser im Wendland oder in Franken zuzulegen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit raus aus der Inselstadt, hieß die Devise. Schon gab es die Befürchtung, West-Berlin würde sich zum Altersheim Westdeutschlands entwickeln: Kommt nach West-Berlin zum Altern und zum Sterben! Tatsächlich siedelten aber auch viele junge Männer nach ihrem Abitur hierher um, denn in West-Berlin gab es keine Wehrpflicht, und sie mussten nicht zum «Bund».

«Noch etwas …» Karl-Heinz Kappe warf einen Blick in seine Papiere. «In der B-Jugend gibt es zwei Jungs, die in ihren Winterstiefeln spielen, weil die Eltern kein Geld für ein Paar Töppen haben.»

Orkusch zog einen Fünfzigmarkschein aus seinem Portemonnaie. «Hier, sollen sie sich schleunigst welche kaufen!»

Wer in Not war, kam zu Orkusch, und mit einiger Sicherheit wurde ihm geholfen. In der Geschäftsstelle von Rixdorf United standen die Hilfsbedürftigen zeitweilig Schlange, und es gab schon Bestrebungen, den Bauunternehmer wegen seiner Verdienste um das Allgemeinwohl für das Bundesverdienstkreuz vorzuschlagen.

Rudolf Orkusch hörte sich gerne reden, und so ließ er es sich nicht nehmen, vor dem Eröffnungsspiel seines Osterturniers – Rixdorf United spielte gegen den FC Fulham –«ein paar passende Worte» an die Gäste und die rund zweihundert Zuschauer zu richten.

«Dear sportfriends, are welcome in our beautiful Neukölln and the SBN Stadium. The name of our club shows all of our deep connection with England. But now I will proceed in German, because my English is very bad. Also … United bedeutet ja ‹vereint›. Wir Deutschen aber sind durch diese verdammte Mauer ganz besonders schmerzlich getrennt, und da freuen wir uns natürlich riesig über unsere Vereinigung mit dem freien Europa und darüber, dass wir unsere Freunde aus England, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und dem deutschen Bundesland Bayern bei uns empfangen können.»

«Hessen, Herr Orkusch!», flüsterte Karl-Heinz Kappe ihm zu.

«Wie?»

«Wetzlar liegt in Hessen.»

Orkusch klatschte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. «Ja, fast hätte ich die Hessen vergessen. Und das, obwohl ich jede Folge der Familie Hesselbach und vom Blauen Bock gesehen habe. Ein Hurra für unsere Freunde aus Wetzlar!»

Der Beifall galt ihm, und strahlend legte er das Megafon wieder aus der Hand.

Mit der Wirtschaft West-Berlins stand es nicht zum Besten. Die großen Konzerne hatten sich langsam, aber sicher aus der Frontstadt verabschiedet. Zum einen war West-Berlin nicht mehr die Hauptstadt, und zum anderen fürchtete man, die Sowjets würden West-Berlin eines Tages doch noch schlucken. Nicht zuletzt aber war es ungemein kostenaufwendig, dass man alles, was man an Spree und Havel produzierte und in der Welt verkaufen wollte, vorher durch die DDR schaffen musste. Man hatte zig Warenbegleitscheine auszufüllen und musste ständig befürchten, dass Waren beschlagnahmt wurden.

Vor diesem Hintergrund war West-Berlins neueste Errungenschaft geradezu sensationell: Am 24. Mai 1962 wurde am Tegeler See ein «Amphicar» sozusagen zu Wasser gelassen. Zu diesem feierlichen Akt hatte sich ein beträchtlicher Teil der West-Berliner Prominenz eingefunden, darunter der Bausenator Arnulf Klaffenbach, der von dem Baustadtrat Wolla begleitet wurde. Um sie herum scharwenzelte natürlich auch Karl-Heinz Kappe. Eingeladen hatte die Deutsche Waggon- und Maschinenfabrik, die in Borsigwalde zu Hause war und das Amphicar produzierte. Hans Trippel, der Konstrukteur, gab einige technische Daten zum Besten.

«Das Viersitzer-Cabriolet, das Sie vor sich sehen, ist quasi ein Geländewagen, der auf dem Land wie auf dem Wasser gleichermaßen zu Hause ist. Es hat eine durch einen Rohrrahmen und Längsträger verstärkte selbsttragende Ganzstahlkarosserie und wird von einem 1,2-Liter-Ottomotor angetrieben. Das Leergewicht beträgt 1050 Kilo.»

«Sehr schön», brummte Klaffenbach. «Aber das Ding soll über zehntausend Mark kosten, mehr, als man für zwei Käfer ausgeben muss. Wer soll das denn kaufen?»

«Na, Sie!», lachte Wolla. «Als Senator werden Sie doch Möglichkeiten haben …»

«Ich bin bekanntlich unbestechlich.»

Klaffenbach ließ sich nach Ende der Feierlichkeiten in seinem Dienstwagen zum Fehrbelliner Platz zurückfahren, wo der Senator für Bau- und Wohnungswesen seinen Dienstsitz hatte. Der Geschäftsführer einer der städtischen Wohnungsbaugesellschaften wartete schon auf ihn.

Otto Kappe wohnte am Horstweg in Charlottenburg und hatte es damit nicht weit zur U-Bahn. In fünf Minuten war er am Bahnhof Sophie-Charlotte-Platz. Im Büro angekommen, studierte er erst einmal die Morgenzeitung, die er unterwegs gekauft hatte. Im Lokalteil wurde dem jüngsten Zwischenfall an der Mauer naturgemäß die größte Aufmerksamkeit gewidmet. Das Opfer der Vopo ringt mit dem Tod lautete die Überschrift. Helle Empörung bei Westberliner Augenzeugen lautete der Untertitel. Im Text hieß es dann: Die niederträchtige Menschenjagd der Vopos auf einen 15jährigen Schüler ist von vielen in der Nähe wohnenden Westberlinern beobachtet worden. Ihre übereinstimmende Meinung: «Es war grausam. Wir mußten tatenlos zusehen, wie der arme Junge als Zielscheibe diente.» Geschehen war das am Spandauer Schifffahrtskanal in der Nähe des Grenzübergangs Invalidenstraße. Die anderen Meldungen auf der Berlin-Seite nahmen sich dagegen banal aus. Polio-Impfung war doch ein Erfolg … Liebhaber fensterlte am falschen Haus … Feuer an der Philharmonie. Da war nur ein Bauschuppen in Brand geraten. Ernst Lemmer, der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, war zur Einweihung der neuen Kathedrale nach Coventry geflogen. Otto Kappe blätterte weiter. Zum Morden gezwungen lautete die nächste Überschrift, die ihm ins Auge stach. Es ging um erschütternde Aussagen in einem Prozess gegen ehemalige SS-Leute. Das zu lesen war schwer erträglich. Manchmal erschienen Mauerbau und deutsche Teilung Otto Kappe als gerechte Strafe des Himmels für all die Verbrechen, die Deutsche begangen hatten. Rasch las er weiter. Am Britzer Damm war ein Bauarbeiter von einer herabfallenden Bohle erschlagen worden. Erquicklich waren eigentlich nur die Zeichnungen des Hauses Hertie, die junge Damen abbildeten, die Blusen für nicht mehr als zehn Mark anboten. Praktisch und aktuell ist diese Nylon-Bluse, bügelfrei, weiß und farbig.

Hans-Gert Galgenberg traf mit gehöriger Verspätung ein und brachte als Entschuldigung vor, er habe sich wegen eines Durchfalls nicht eher getraut, die häusliche Toilette zu verlassen. «Habe ich schon etwas versäumt?»

«Nicht viel, aber vorhin hat eine Dame angerufen, die von dem Fall Habedank in der Zeitung gelesen hat, und uns verraten, dass es in Hermsdorf noch einen zweiten Mann dieses Namens gibt, also nicht nur den Lehrer, auf den man geschossen hat, den Hans-Peter Habedank, sondern auch noch einen Bauunternehmer namens Konrad Habedank.»

«Du meinst allen Ernstes, dass jemand die beiden Habedanks verwechselt hat?», fragte Galgenberg.

«Möglich ist alles.»

Galgenberg lachte. «Gib doch zu, dass du nur wieder einen kleinen Ausflug ins Grüne machen möchtest!»

Otto Kappe blieb sachlich. «Der Konrad Habedank hat seinen Bauplatz in der Flottenstraße, in Hermsdorf wohnt er nur. Kurz vor dem Mauerbau hat der aus der Ostzone rübergemacht.»

«Ein interessanter Aspekt …», brummte Galgenberg.

Eine Stunde später saßen sie Konrad Habedank in seinem Büro in Reinickendorf gegenüber. Es gab eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Lehrer, der denselben Nachnamen trug: Beide waren untersetzt bis füllig zu nennen. Doch als Konrad Habedank zu reden begann, wurde der Unterschied zwischen ihnen sofort deutlich. Hatte Otto Kappe den Lehrer recht sympathisch gefunden, so verspürte er dem Bauunternehmer gegenüber vom ersten Augenblick an einen ziemlichen Widerwillen.

«Können Sie sich vorstellen, dass Ihnen jemand nach dem Leben trachtet?», lautete Otto Kappes erste Frage.

Konrad Habedank überlegte nicht lange. «Nein.»

«Auch nicht, wenn Sie an Ihre Zeit in der Zone denken?», fragte Galgenberg. Es ging das Gerücht, dass man die Stasi-Männer, die der DDR gefährlich werden konnten, bis nach Westdeutschland verfolgte und sie mit Gewalt zurückzuholen versuchte, ja bisweilen sogar umbrachte. Die Entführung Walter Linses lag nun schon fast zehn Jahre zurück, hatte sich aber im kollektiven Gedächtnis der West-Berliner tief eingegraben. Ob man Konrad Habedank aus irgendwelchen Gründen liquidieren wollte? «Könnte die DDR ein Interesse daran haben, Sie aus dem Verkehr zu ziehen?»

«Nicht, dass ich wüsste. Ich war nur ein kleiner Maurer dort …»

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22 декабря 2023
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9783955520267
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