Читать книгу: «Klein anfangen, groß rauskommen»

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Foto Umschlagseite 1: imago
Satz und Gestaltung: Die Werkstatt Medienproduktion GmbH
ISBN 978-3-7307-0589-6
Inhalt
Prolog – Der schlimmste Anruf meines Lebens
Kindermund – Mein Leben als wandelndes Fragezeichen
Gabi Mester: „Es ist das Normalste der Welt“
Ich bin nicht behindert. Ich bin nur klein!
Sechzehn neunzig – Immer diese Scheiß-Toleranz
„Wir“ sind nicht alle gleich
Einmal Karneval als Zwerg gehen
Die kleine Nähmaschine
Klein anfangen …
Fabian Thier: „Sein T-Shirt-Helikopter ist Kult“
Gnaden-Vieren und Schiss vor einer 1 in Sport
Faule Socke und ehrgeiziger Sportler
Die lieben Frauen – Teil I
Der kleine, große Bruder
Freud und Leid mit dem Sport
Niko Kappel: „Zwei Halbe ergeben doch ein Ganzes“
Trash-Talk und ein Kopfballtor für die Ewigkeit
Das Problem mit dem Sichtfeld
Packt uns bloß nicht in Watte
Stellt Fragen!
Wieso ist Großwuchs keine Behinderung?
Die kleinen Nachteile
Spiderman und Minions: Das Kreuz mit den Klamotten
Das Kreuz mit dem Kreuz
Lächeln statt Ohrfeige: Der Zwiespalt mit dem Klaps auf den Hintern
Der Arbeitsmarkt: Scheinheiligkeit und Hürden statt Hilfe
Autofahren
Ist denn alles bei dir so klein?
Detlef Steves: „Wer ihn nicht kennt, hat etwas verpasst“
Die lieben Frauen – Teil II
Eine Kleinwüchsige? Steh ich nicht drauf!
Die lieben Schwiegereltern: Erst Freunde, dann Angstgegner
„Sei still, Kleiner!“: Wenn du mit 12 vom Kind überholt wirst
Zwischen Disco und Wichteln: Darum komm ich billig weg
Mit Matze sicher durch die Stadt
Beim Fußball für den Speerwurf entdeckt
Steffi Nerius: „Manchmal musste ich ihm den Kopf waschen“
„Am blauen Schild rechts ab“: Mein blindes Navi
20-mal der gleiche Artikel – und Papa stolz wie Bolle
Die nie gekannte Angst: Jetzt nicht mehr wachsen
Keine Silbe beim Casting – Das herrliche Leben in WGs
Wir sind Paralympier, wir jammern nicht
Ein kleiner Kuchen: Neid und Missgunst im Para-Sport
Der erste 40-Meter-Wurf
Auf dem Rasen mit Stefan Kuntz: Lautern als sportliche Heimat
Mehr wert als jede Medaille
Eröffnungsfeiern: Wie ich mit Trick 17 ins Fernsehen kam
Friedhelm Julius Beucher: „Er war die Stimmungskanone im Deutschen Haus“
Einst Spötter, heute Fan
Drei Wege zu schummeln: Der Behindertensport und Doping
Verarsche und Pech bei den Paralympics
Der „Silberpfeil“ und die Tränen meines Opas
Bundeskanzlerin, Bundespräsident und Co.
Kein Foto mit Smudo
Mats Hummels: „Über seine Beiträge lache ich mich regelmäßig völlig kaputt“
Sechs Kilo zu schwer für Handgepäck: Wie der Hype um ein Bild mein Leben veränderte
Phil Laude, Y-Titty, Pumuckl und der Hobbit
Wie alles begann: Jugendsünden, fünf Likes und kein Kommentar
Corona und ein Mester Abstand: Die Parantänischen Spiele
Über Instagram und Tinder: Süchtig nach sozialen Netzwerken
Zu groß als Dinklage-Double: Schauspiel und Comedy als Hobby
Unterwegs in der TV-Welt
Wie ich als Porno-Darsteller angeworben werden sollte
Ist Deutschland reif für einen kleinwüchsigen Bachelor?
Holger Schmidt: „Gewinnt. Und seid dabei ein bisschen wie Matze“
Wie sag ich’s meinen Eltern?
Normen und Schmerzen: Deshalb habe ich aufgehört
Eine Eingebung im Auto. Und die Erkenntnis: Das war’s
Zuspruch und Verschwörungstheorien
Kein Blick zurück
Danke, Sport! Du hast mir alles gegeben
Der Sport nach dem Sport
Epilog
Kurz-Stenogramm Mathias Mester
Dank
Prolog – Der schlimmste Anruf meines Lebens
2019 gab es mal eine ganz kurze Zeit, in der ich grübelte, ob ich mir nicht doch etwas vormache. Ob ich tief innendrin doch gar nicht so normal bin, wie ich immer glaubte. Ob ich das nicht immer nur mir und der ganzen Welt erzählte. Und ob meine fröhliche und lustige Art, die mir angeboren schien, nicht das typische Verhalten eines Clowns war. Des Clowns, der hinter seiner Maske ein trauriges Ich verbirgt. Und dessen Lustigsein eine Kompensation ist. Ein Verstecken des wahren Ichs. Oder sogar ein Bekämpfen innerer Dämonen.
Es ging mir damals über Wochen und Monate schlecht. Seelisch. Tatsächlich übermannten mich des Öfteren eine Traurigkeit, eine Dunkelheit und eine Hilflosigkeit, die ich nicht kannte. Ich war in passender Gesellschaft und in passenden Momenten durchaus gut drauf. Aber sobald ich alleine war, schien es, als habe jemand einen Stecker gezogen. Als werfe mir jemand eine schwarze Decke über den Kopf. Oder als rufe jemand lauthals: „Jetzt ist aber Schluss mit lustig.“
Und weil ich das alles nicht kannte, warf es mich zwischenzeitlich fast aus der Bahn. Mein Leben lang war ich immer nur dann traurig gewesen, wenn es in dieser Sekunde einen konkreten Grund gab. Ein verlorenes Fußballspiel oder eine andere sportliche Enttäuschung. Eine geplatzte Liebe. Eine schlechte Note. Sorgen um einen geliebten Menschen. Ja, und manchmal eben auch Zurückweisungen. Aber mit alledem bin ich immer gut fertiggeworden, die Probleme haben sich schnell in Luft aufgelöst und ich war der fröhliche alte Matze.
Diesmal hatte ich das Gefühl, in einer Abwärtsspirale zu sein, und ich kam da irgendwie nicht raus. Und in ganz schlimmen Momenten überfiel mich schon während des Fröhlichseins die Angst, dass nachher alles wieder anders sein wird. Dass die Traurigkeit mich wieder hinterrücks übermannen wird.
Heute weiß ich, dass ich eigentlich noch an gar keinem dramatischen Punkt war. Aber weil es mich so unvorbereitet traf und weil es so komplett wider mein Naturell war, zog es mir beinahe die Füße weg. Es überfiel mich im Schlaf, hielt mich fest im Schwitzkasten und hinterließ mich ratlos und hilflos. Weil ich nicht einmal genau wusste, was das eigentlich war. Also kamen kurzzeitig eben auch diese Gedanken: War ich also doch gar nicht so normal? War die Phase die Quittung für über 30 Jahre des unbewussten Selbstbelügens? Des Irrglaubens, ich sei normal und mein Kleinwuchs nun wirklich das geringste Problem? Auch diese Gedanken sorgten sicher dafür, dass ich mir schneller Hilfe suchte, als es die meisten anderen getan hätten. Dass ich das Problem schon im frühen Stadium viel größer machte, als es eigentlich war. Was im Nachhinein mein Glück war.
Ich hatte das Gefühl, ich rauschte mit einem Flugzeug aus 10.000 Metern auf den Abgrund zu und der harte Aufschlag sei nicht mehr allzu fern. Heute weiß ich – um im Bild zu bleiben –, dass ich wohl noch ein paar Tausend Meter Höhe hatte, als ich mir eingestand, Hilfe zu brauchen. Aber wie gesagt: Genau das war mein Glück. Denn heute geht es mir wieder richtig gut.
Ich suchte mir also Hilfe. Erst bei einem Sportpsychologen, dann bald bei einer Psychologin. Ich erzählte, erzählte und erzählte. Erst etwas zögerlich, bald sprudelte es wie ein Wasserfall aus mir heraus. Die Dame hörte geduldig zu, nickte zwischendurch immer wieder wissend und machte sich Notizen. Und wie es bei alledem wohl üblich ist, blickten wir auch zurück in meine Kindheit. Irgendwann stellte sich dann auch die Frage: Hat das alles vielleicht doch mit meiner Größe zu tun? Habe ich mir über 30 Jahre etwas vorgemacht? Habe ich mich selbst belogen? Holt mich nun alles ein? Nein, sagte meine Psychologin. „Nein, Herr Mester, ganz sicher nicht.“
Die Erleichterung stellte sich nicht gleich ein. Denn ich hatte mir diese Frage mein Leben lang nie so wirklich gestellt. Und nun, da sie auf dem Tisch war, wollte ich sie auch zufriedenstellend beantwortet haben. Doch die Psychologin versicherte mir mit fester Stimme, dass alles, was ich nun durchmache, völlig normal sei. Ich hatte eben in einem kurzen Zeitraum einige Dinge erlebt, die mich belasteten. Aber keines der Symptome sei schlimmer oder auch nur markant anders als bei normal großen Menschen. Und deshalb habe nach ihrer Erkenntnis nichts, was mich belastet, direkt oder indirekt mit meiner Größe zu tun. Wäre ich 1,90 Meter, würde es mir unter den gegebenen Umständen sehr wahrscheinlich genauso gehen.
Es dauerte ein paar Tage, bis sich die Worte in mir setzten. Bis ich sie wirklich tief und fest glaubte. Diese ungewohnten Zweifel hatten sich klammheimlich und hinterrücks in mich hineingeschlichen und dort breitgemacht. Und es dauerte nun auch eine Weile, bis sie geschlagen das Feld räumten. Als sie es taten, machte sich für einige Tage eine Euphorie in mir breit. Die aber noch nicht reichte, um mich von meiner dunklen Traurigkeit zu befreien. Was mir eben auch noch mal versicherte, dass die Probleme andere waren.
Und es war ja auch wirklich vieles passiert. Das Schlimmste von allem war der tödliche Autounfall von Janina, der Verlobten meines Bruders. Sie war gerade mal 26. Mein Bruder und ich haben ein sehr gutes Verhältnis. Und auch mit Janina habe ich mich richtig gut verstanden. Sie war für mich immer eine Bezugsperson. So etwas wie ein Anker. Mit ihr habe ich über sehr viele Dinge gesprochen. Sie war immer für mich da, hatte immer ein offenes Ohr und meist auch einen sehr guten Ratschlag.
Zudem lebten Janina und mein Bruder für mich den Prototyp einer glücklichen Beziehung. Eines Paares, das füreinander gemacht schien. Sie lernten sich früh kennen, schon in der Schule. Wussten schnell, dass sie zusammengehören. Nun, nach zehn Jahren Beziehung, hatten sie zwei Hunde, Emmy und Bruno, der Hausbau und die Hochzeit waren geplant und jedem in ihrem Umfeld war klar, dass das der logische und richtige Weg war. Die größte Frage in diesem Zusammenhang war die, wann ich Onkel werden würde.
Und dann kam dieser schreckliche Anruf. Es war der 10. Mai 2019. Ich war gerade ins Schwabenland gezogen, hatte morgens in Stuttgart trainiert und freute mich schon auf den Abend. Denn meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder und Janina wollten mich in meinem Wohnort Esslingen am Neckar besuchen. Am Tag zuvor hatte ich eingekauft und wollte kochen, obwohl ich das grundsätzlich weder gerne mache noch gut kann. Aber für besondere Anlässe entwickele ich projektbezogen dann doch eine gewisse Freude daran.
Mitten im Training kam dann ein Anruf meiner Schwester, die völlig aufgelöst war. Es sei etwas Schlimmes passiert, schluchzte sie. „Janina hatte einen Unfall.“ Mehr brachte sie im ersten Moment nicht heraus. „Einen Unfall?“, fragte ich: „Was für einen Unfall? Was ist passiert?“ Für wahrscheinlich zwei, gefühlt aber 20 Sekunden herrschte Stille. Und dann sagte meine Schwester die schlimmsten Worte, die ich je in meinem Leben gehört habe: „Janina ist tot.“ Ich fühlte mich, als habe mich ein Blitz getroffen. Ich stand unter Schock. Aber für mich war sofort klar: „Alles klar, ich komme!“
Im Auflegen hörte ich noch, wie sie mir zurief, ich solle bloß vorsichtig fahren. Von Stuttgart bis ins Münsterland sind es immerhin fünf Stunden. Aber ich kannte nur noch ein Ziel. Ich schnappte mir meine Sporttasche, verabschiedete mich von meinem Freund und Trainingskumpel Niko Kappel sowie von meiner damaligen Freundin, die ebenfalls zur Trainingsgruppe gehörte, und stieg ungeduscht und in Trainingsklamotten ins Auto.
Während der Fahrt erlebte ich das komplette Kopfkino. Im einen Moment die totale Leere, im anderen Moment kullerten mir hemmungslos die Tränen herunter. Ich dachte an Janina, an meinen Bruder, an ihre Eltern und an meine Eltern, die sich wahrscheinlich Sorgen machten, ob ich unter diesen Umständen heil ankommen würde. Ich drehte die Musik auf, machte sie immer lauter und schließlich ganz aus, weil ich Musik nun nicht mehr ertragen konnte.
In Coesfeld angekommen, schloss ich meinen Bruder wortlos in die Arme. Minutenlang sagte keiner von uns beiden etwas. Wir trauerten einfach gemeinsam.
Mit einer solchen Geschichte umzugehen, ist unglaublich schwer. Weil du nicht darauf vorbereitet sein kannst. Und weil sie so unglaublich viele Ebenen hat. Du trauerst um einen Menschen, den auch du sehr gerne gemocht hast. Und du siehst um dich herum trauernde Menschen, die diesem Menschen noch näherstanden. Für die der Verlust im Alltag jede Sekunde spürbar ist und schmerzt. Und du leidest auch mit diesen, von dir so geliebten Menschen.
Das zweite Problem in dieser Phase war, dass ich gerade mit allen Hochs und Tiefs gegen das Ende einer langen Beziehung kämpfte. Es hatte alles wunderbar begonnen. Sie war zwar 1,82 Meter und damit genau neununddreißigeinhalb Zentimeter größer als ich. Doch am Anfang schien alles zu passen. Sie riss mich mit, sie verstand mich als Leistungssportler, meine Größe war für sie nie ein Thema. Um ihr nahe zu sein, zog ich sogar ins Schwabenland, wo ich des Öfteren mit Niko trainiert und sie so kennengelernt hatte. Irgendwann wurde aber leider klar, dass es in die falsche Richtung läuft. Wir taten uns gegenseitig nicht mehr gut, obwohl wir das doch so unbedingt wollten. Immer wieder kämpften wir uns nach oben, immer wieder gab es Rückschläge mit großer emotionaler Wucht. Und die Erkenntnis, es so sehr zu wollen, aber nicht in den Griff zu bekommen, war immer wieder eine Niederlage. Monatelang konnten wir nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander. Gingen uns auf die Nerven, kamen aber auch nicht voneinander los. Heute habe ich mit der Sache meinen Frieden geschlossen. Weil ich mir nichts vorwerfen kann.
Dazu habe ich diese Phase eben in Esslingen verbracht, weit ab von meinem gewohnten Umfeld. Ich bin ein lockerer Typ, der schnell Bekanntschaften schließt, aber in einer solchen Situation willst du nicht irgendwen um dich herum. Da helfen nur echte Freunde. Und so gesehen hatte ich hier nur Niko. Zumal ich mich ohnehin schwertat. Die schwäbische Mentalität, die mir so viel negativer und skeptischer vorkam als die rheinländische oder auch die westfälische, war nicht die meine. Außerdem war ich weit weg von meinem Bruder, dem ich in diesem Moment so gerne zur Seite gestanden hätte. Und zu dem ich später bei meiner Rückkehr in die Heimat dann auch gezogen bin. Meine sportlichen Leistungen litten auch. Und mein Leben als öffentliche Person war schon so ins Rollen gekommen, dass sich die Termine ballten. Ich nahm damals einfach alles an, weil ich alles miterleben wollte und noch nicht so filtern konnte, wie ich es heute tue. Es war ein Teufelskreis.
Doch wie gesagt: Ich habe den Absprung rechtzeitig geschafft. Bekam die Kurve ein gutes Stück vor dem harten Aufprall. Und bekam quasi obendrauf die Bestätigung dessen, was ich gedacht hatte, immer zu wissen und vielleicht bis dahin doch in erster Linie nur gehofft hatte: Dass ich eigentlich komplett normal bin.
Wobei, nein, normal bin ich keineswegs. Ich bin schon anders. Augenscheinlich. Nur etwas mehr als jeder tausendste Mensch in Deutschland ist offiziell kleinwüchsig. Normal ist bei mir somit schon mal grundsätzlich fast gar nichts. Fast alles ist anders. Manches ist schlechter, vieles sogar besser. Das meiste aber eben einfach nur anders. Und für mich hat sowieso jeder Mensch irgendeine Behinderung. Der eine hat eine Brille, die anderen sind groß, dick, dünn, was auch immer. Und ich werde Ihnen nachher auch noch erklären, warum ich Größe ab einem bestimmten Punkt ebenso für eine Behinderung halte wie Kleinwuchs.
Natürlich hat mich mein Kleinwuchs geprägt. Natürlich habe ich vielleicht ein paar Hänseleien mehr einstecken müssen. Habe bei der Bewältigung mancher Probleme mehr Kreativität entwickeln müssen. Habe mir ein paar Dinge mehr erlauben dürfen. Und so manchen Erfolg etwas mehr genossen, weil ich es Spöttern und Skeptikern gezeigt hatte. Das alles hat meinen Charakter zweifelsohne geprägt. Und dennoch bin ich sicher: So furchtbar anders wäre ich nicht, wenn ich 1,80 Meter groß wäre.
Dennoch habe ich mich entschlossen, Ihnen von meinem Leben zu erzählen. Von den kleinen und großen Widrigkeiten. Und von den Erfolgen. Vor allem aber von dem, was ich erleben durfte. Als Mensch. Wenn Sie so wollen als „normaler Unnormaler“. Als Sportler, der Höhen und Tiefen erlebt und die Welt gesehen hat. Als Lausbub. Als Optimist.
Manche sagen, ich sei ein Vorbild. Für Kleinwüchsige, für Behinderte im Allgemeinen. Das war nie etwas, was ich angestrebt oder wonach ich gelebt habe. Spätestens als ich in der Öffentlichkeit stand, war mir aber schon bewusst, dass viele mein Handeln auf alle Kleinwüchsigen übertragen würden. Und dass daraus eine große Verantwortung entsteht. Doch ich habe mein Handeln nie danach ausgerichtet. Weil ich mich nicht verstellen will. Weil ich authentisch sein will und sein muss. Weil ich so am glücklichsten bin. Und all den rund 100.000 Kleinwüchsigen in Deutschland, quasi als Nebeneffekt, so auch am meisten nutze.
Kindermund – Mein Leben als wandelndes Fragezeichen
„Mama, schau mal, da ist David, der Kabauter.“ „Mama, Mama, guck mal, das Kind da hat einen Bart!“ Es war lange Zeit schon gewöhnungsbedürftig für mich, das gebe ich offen zu, wenn Kinder hinter mir in Zimmerlautstärke über mich sprechen. Und das passiert ständig. Immer, mehrfach am Tag. Kinder tragen ihr Herz auf der Zunge. Und sie haben tausend Fragen. Und ich laufe in ihren Augen als wandelndes Fragezeichen durch die Welt. 99 Prozent der Kinder reagieren auf mich. Manche schauen nur, staunen, rätseln. Einmal ist ein Kind sogar mit dem Roller gestürzt, weil es mir so entgeistert nachgeschaut hat. Vor allem aber stellen die allermeisten Kinder Fragen. Ganz ungeniert. Aber nicht an mich. Sondern an ihre Eltern.
Als ich selbst noch ein Kind oder ein Jugendlicher war – die Formulierung „als ich klein war“ wäre bei mir etwas bizarr –, gab es solche Situationen nur vereinzelt. Wir waren alle Kinder, der eine etwas größer, der andere etwas kleiner. Und auch wenn man mir aufgrund der anderen Merkmale deutlich ansieht, dass ich kleiner bin, war es damals vielleicht nicht ganz so augenscheinlich. Nicht in einer Sekunde zu erfassen, wie es das später werden würde. Doch irgendwann war den Kindern klar, dass ich deutlich älter, aber nur unwesentlich größer bin als sie.
„Mama, schau mal, der kleine Mann da“, das höre ich jeden Tag. Oder auch: „Papa, schau mal, da läuft ein Zwerg.“ Am häufigsten höre ich die einfache Frage: „Warum ist der Mann da so klein?“ Die Reaktionen der Mütter und Väter sind dabei extrem unterschiedlich. Manche sind mit der Situation überfordert und verbieten ihrem Kind in panischer Hektik den Mund. „Schhht“, sagen sie und drücken ihnen den Zeigefinger auf die Lippen. Ich weiß nicht, ob sie wirklich glauben, dass ich das nicht mitbekomme. Und ob sie sich darüber Gedanken machen, dass nun sie es waren – und nicht ihr Kind –, die mir das Gefühl gegeben haben, nicht normal zu sein. Und dass sie vor allem ihrem Kind das Gefühl geben, diese armen, kleinen Menschen bloß nicht hören zu lassen, dass man sich fragt, warum sie klein sind. Manche lügen ihre Kinder auch einfach an: „Das ist kein kleiner Mann“, sagen sie: „Das ist ein Kind, das sieht nur älter aus.“ Und wenn die Kinder dann sagen: „Kein Kind hat einen Bart“, ziehen sie sie weg und sagen so was wie: „Schluss jetzt, Ende der Diskussion.“
Die meisten Eltern antworten gut, indem sie es als die normalste und einfachste Sache der Welt behandeln. „Das ist eben so“, sagen sie dann: „Es gibt große Menschen und kleine, dicke und dünne, alte und junge.“ Wenn sie merken, dass ich es mitbekommen, folgt oft ein fragender Blick zu mir herüber. Er will heißen: „War das okay so?“ Ich nicke dann kurz und freundlich und gehe weiter.
Sehr gut gefallen mir die Eltern, die antworten: „Ich weiß es nicht. Frag den Mann doch einfach selbst.“ Sie ziehen mich damit zwar in die Sache hinein, aber es ist mir lieber, wenn ich den Kindern Quatsch erzählen darf, als wenn sie es tun. Unter den Kindern dieser Eltern gibt es dann drei verschiedene Typen. Die einen klammern sich sofort an Mamis Bein, verstecken sich dahinter und genieren sich. Sie spreche ich dann manchmal von mir aus an, um ihnen zu zeigen: Vor mir braucht man keine Angst zu haben. Die zweite Gruppe Kinder, die meisten davon im Grundschulalter, überfällt mich derweil arg ungestüm und fragt mit einem herablassenden Unterton: „Ey du, warum bist du denn so klein?“ Auf solche neunmalklugen Naseweise habe ich keine Lust, und so antworte ich ihnen meist: „Was willst du denn? Ich bin doch größer als du.“ Meist reicht das schon, um sie abzuwimmeln.
Am liebsten sind mir natürlich die Kinder, die leicht scheu, aber doch neugierig, lieb und offen auf mich zukommen und mich in einem netten Ton und vorsichtig fragen. Für sie würde ich mir immer Zeit nehmen, und wenn es hundert an einem Tag wären. Meine liebste Antwort an sie ist aber dennoch eine lustige. Denn mit einem „Das ist halt so“ sind Kinder nicht zufriedenzustellen. Und biologische Erklärungen führen in dem Alter auch zu wenig – zumal ich nicht der Typ dafür wäre, diese liefern zu können. Also sage ich: „Das liegt daran, dass ich, als ich so alt war wie du, meinen Teller nicht immer leer gegessen habe.“ In diesem Moment schaue ich dann fragend zu den Eltern („Okay so?“) und ernte meist ein freudiges Lächeln oder einen in die Luft gereckten Daumen. Sie freuen sich in diesem Moment diebisch darüber, dass ihr Kind künftig wohl sogar den ungeliebten Spinat und den ekligen Rosenkohl bis auf den letzten Rest aufessen wird.
Natürlich sind nicht alle Kinder mit solch einer Antwort zu beruhigen. Einige glauben mir nicht, und daran ändert dann auch der kurzzeitige Schock über diese unerwartete Antwort nichts. „Quatsch“, sagen sie dann oft bockig: „Stimmt ja gar nicht.“ Ein Mädchen, es mag wohl so sieben gewesen sein, schrie mich sogar an. „Du lügst“, dann schlug sie mit dem rechten Arm wütend in die Luft, presste ihre Puppe mit dem linken an sich und spazierte mit dem festen Schritt eines Armeesoldaten von dannen.
Wie gesagt, im Großen und Ganzen komme ich mit diesen Situationen gut klar. Manchmal nerven sie, manchmal habe ich keinen Kopf dafür oder es wird mir einfach zu viel. Aber meistens habe ich Freude daran, mit den neugierigen Kindern zu kommunizieren.
Richtig schlimm finde ich das Getratsche und Getuschel in meinem Rücken aber auch heute noch bei einem ersten Date. Wenn ich eine Frau, vielleicht mit Mühe und Not, dazu überredet habe, mit mir auszugehen, droht diese Fragerei im Rücken alles kaputtzumachen. Und wenn ich das Glück hatte, dass für eine Frau das Problem meiner Größe zunächst keines war, dann wird sie in diesem Moment daran erinnert, dass es eben doch eines sein könnte.
Es ist nicht angenehm, wenn du mit einer Frau, die du für dich gewinnen willst, durch die Stadt läufst und plötzlich spürst du: Die Kinder hinter dir gaffen dich an, stellen ihren Eltern die altbekannten Fragen. In diesem Fall ergänzt durch die Variante: „Was macht die große Frau mit dem kleinen Mann?“ Du wolltest der Frau beweisen, dass alles kein Problem ist. Und plötzlich befindet ihr euch in dieser Ausnahmesituation. Und ich weiß: Sie bekommt das mit, so wie ich es mitbekomme. Dann befällt mich schlagartig der panische Gedanke: Wird sie das vergraulen? Wie wird sie damit umgehen, dass sie in dieser Sekunde darüber nachdenken muss, dass es so wohl immer sein wird, wenn sie mit mir durch die Stadt läuft? Wird sie es genauso gut ignorieren und in Teilen sogar lieb gewinnen können wie ich? Und wenn ja: Wie lange wird dies dauern?
Auch diese Angst habe ich im Laufe der Jahre in den Griff bekommen. Besser sie werden gleich damit konfrontiert, denke ich mir dann. Ganz frei machen von diesem Unwohlsein kann ich mich aber nicht. Denn du spürst: Hier passiert gerade etwas, hier beginnt etwas zu arbeiten in der Frau. Und es ist etwas, worauf du keinen Einfluss hast. Und spätestens, wenn ich dann spüre, dass ihre Stimmung kippt, dann kippt auch meine: Dann verfluche ich plötzlich diese kleinen Monster, die mir sonst mit ihrer Neugier und ihrer Offenheit doch so oft ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
Sie werden sich nun fragen: Wünschst du dir nicht ab und zu einfach deine Ruhe? Wünschst du dir nicht, einfach mal durch die Straßen gehen zu können, ohne angegafft zu werden? Meine Antwort: Nein, ich wünsche es mir nicht. Ich brauche dieses Aufsehen nicht, aber es gehört vom ersten Tag an zu meinem Leben dazu. Mal mehr, mal weniger, aber es war immer da. Nerven tun mich nur diejenigen, die nervig sind: frech, herablassend, beleidigend. Alle anderen ignoriere ich – oder ich erfreue mich an ihnen.
Kurioserweise sind die Reaktionen auf mich übrigens überall auf der Welt ähnlich. Der Sport hat mir schon viel von der Welt gezeigt. Ich war in China, in Indien, in Taiwan. Doch dort bin ich weder eine größere noch eine kleinere Attraktion als hier. Vor der Reise nach China hatte ich mich schon ein wenig damit beschäftigt. Man konnte überall lesen, dass es Behinderte in China schwer haben. Dass sie von den Eltern versteckt werden und ein behindertes Kind Schande über eine Familie bringt. Aber dort waren die Reaktionen nicht neugieriger oder herablassender als überall anders auf der Welt.
Gabi Mester: „Es ist das Normalste der Welt“
Ich muss zugeben: Im ersten Moment war die Nachricht für mich ein Schock. Mathias war ein Wunschkind, unser erstes, und im siebten Monat rechnet man eigentlich nicht mehr mit Problemen. Wenn man dann hört, dass das Kind behindert sein wird, ist das erst einmal keine schöne Nachricht.
Die kommenden zwei Monate waren auch nicht leicht. Wir haben viel nachgedacht und alles gelesen, was wir in die Finger bekamen. Es gab aber niemanden, mit dem wir reden konnten, denn wir kannten bis dahin niemanden, der ein kleinwüchsiges Kind hatte. Seltsam waren zu diesem Zeitpunkt die Tuscheleien in der Siedlung. Irgendwann war es herausgekommen, dass wir ein behindertes Kind bekommen würden, und dann verselbstständigten sich die Gerüchte und Geschichten.
Doch wir hatten uns bald mit dem Gedanken arrangiert und uns war bewusst, dass es sicher Schlimmeres gibt als ein kleinwüchsiges Kind. Für eine Abtreibung war es auch theoretisch zu spät, aber das wäre auch zu einem früheren Zeitpunkt nie und nimmer ein Thema geworden. Und ab dem Tag, an dem Mathias auf die Welt kam, war alles ganz normal. Für uns, und auch für alle Menschen in der Nachbarschaft. Natürlich gab es Dinge, auf die man bei einem kleinwüchsigen Kind besonders achten musste. Zum Beispiel, dass man den Kopf anders halten muss, weil dieser unverhältnismäßig schwer ist. Aber das lernten wir, so wie alle Eltern beim ersten Kind viele Dinge lernen müssen.
Bei der Geburt maß Mathias 48 Zentimeter. Das war eigentlich gar nicht so viel weniger als bei einem normal großen Kind. Doch man sah direkt, dass die Ärmchen und Beinchen deutlich kürzer waren. Und vor allem hinkte er von da an größentechnisch immer hinterher. Es dauerte, bis er zwei war, ehe er halbwegs laufen konnte, weil es auf den kleinen Beinchen eben einfach schwerer war.
Klar war uns, dass wir nicht der Verlockung nachgeben durften, ihm alles abzunehmen, nur weil er klein war. Das war natürlich besonders schwierig, weil er unser erstes Kind war, wir keine Erfahrung hatten und man dann viel mehr den Reflex hat, auf alles achten zu müssen. Aber wir wussten: Er musste sich erst einmal selbst bei allem durchbeißen, und er war auch durchaus in der Lage dazu. Wenn wirklich mal etwas nicht klappte, konnten wir ja immer noch eingreifen.
Aber Mathias war schon als Kind ein charmantes Schlitzohr. In der ersten Zeit im Kindergarten kam er zum Beispiel einfach durch die Tür rein und stellte sich hin. Dann kamen sofort alle auf ihn zugestürmt, nahmen ihm die Jacke ab und hingen sie auf. Dem Kleinen wollten alle helfen. Und er bedankte sich ja auch immer sehr artig. Bis wir irgendwann einschritten und sagten, dass damit Schluss sein muss. Sonst wäre all unsere Erziehung zur Selbstständigkeit für die Katz gewesen.
Das Haus umgebaut haben wir nicht. Es war so okay. Mathias kam überall ran, viele Maßnahmen wollte und brauchte er nicht. Nur die Lichtschalter, die Toilette und Türklinken haben wir etwas tiefer montiert. Und die Gläser stellten wir nach unten. Da mussten wir uns dann eben mal bücken, statt dass er klettern musste. Das war nur fair.
Grundsätzlich war es aber so, dass wir uns viel mehr sorgten als er selbst. Während wir uns Gedanken machten, ob dies oder jenes gutgehen könnte, war Mathias längst losgetigert und machte es einfach. Ihn störte seine Behinderung nicht, er dachte nie darüber nach. Es stimmt auch, dass er mich nie gefragt hat, warum er so klein ist. Ich hätte ihm auch nicht wirklich etwas sagen können. Uns wurde erklärt, es sei ein Gendefekt, aber Genaues wusste man nicht. Wahrscheinlich war man vor 35 Jahren auch einfach noch nicht so weit.
Aber für Mathias war seine Größe das Normalste der Welt. „Ich bin nicht behindert. Ich bin nur klein“, protestierte er, kaum dass er reden konnte. Und wenn ich im Grundschulalter mit ihm durch die Stadt lief und mich aufregte, weil die Menschen um uns rum starrten und tuschelten, sagte er nur: „Ach Mama, lass sie doch. Mir macht das nichts aus.“ Ich kann heute in solchen Situationen auch auf Durchzug stellen und weghören, aber ich habe viele Jahre dafür gebraucht.
Dass wir nach ihm noch weitere Kinder wollten, stand für uns zu jedem Zeitpunkt außer Frage. Natürlich haben wir die Ärzte gefragt, wie groß das Risiko sein würde, dass auch das zweite Kind kleinwüchsig werden würde. Aber abgesehen davon, dass dieses angeblich minimal war, hatten wir uns zuvor schon entschieden. Denn selbst wenn: Wir hatten ja erlebt, dass ein kleinwüchsiges Kind wahrlich kein Drama war. Und wenn das zweite auch so klein gewesen wäre, wäre Mathias wenigstens nicht alleine gewesen.
Grundsätzlich haben wir natürlich versucht, alle drei Kinder gleich zu behandeln. Aber in Gänze war das einfach gar nicht möglich. In mancher Hinsicht musste man einfach mehr auf ihn aufpassen oder ihm helfen. Wenn er zu Freunden ging, mussten wir berechnen, wann er etwa dort ankommt und kurz vorher anrufen, damit er überhaupt reinkam. Sonst hätte er stundenlang vor der Tür gestanden, weil er an die meisten Türklingeln nicht rankam.
Bei den Großeltern, Tanten und Onkels hatte er durchaus ein wenig den „B-Bonus“, wie seine Schwester mal schmunzelnd sagte – den Behinderten-Bonus. Dort wurde er schon verhätschelt. Für uns war es auch nicht leicht, dem sechs Jahre jüngeren Bruder zu erklären, warum der ältere Mathias auf den Schränken rumturnen durfte und er nicht. Aber ich denke, insgesamt haben wir das alles gut hinbekommen. Und seine Geschwister haben sich nie beschwert, dass sie benachteiligt würden, obwohl sie es sicher das eine oder andere Mal gedacht haben. Aber sie haben wohl erkannt, dass sich alles in einem Rahmen bewegte, der aufgrund der Umstände angemessen war.
Sehr schön ist für uns deshalb, heute zu sehen, dass die Kinder ein sehr gutes Verhältnis untereinander haben. Auch wir Eltern haben ein gutes und enges Verhältnis zu allen dreien, auch wenn sie mittlerweile alle flügge geworden sind.
Ein Außenseiter war er zum Glück nie. Sogar ganz im Gegenteil. Alle Menschen in der Siedlung akzeptierten und mochten ihn. Im Kindergarten war es sowieso nie kritisch, weil dort nur Kinder aus der Siedlung waren, die ihn alle kannten. Als er auf die höhere Schule kam, gab es zu Beginn einige Hänseleien, aber die hörten sehr schnell auch wieder auf. Der Sport gab ihm schon früh Selbstvertrauen, und er hatte seine große Clique, die Gold wert war. Auch weil sie immer alle auf ihn aufpassten. Und Mathias war einfach ein Junge wie alle anderen auch. Er hatte oft Quatsch im Kopf und baute oft Mist, aber nie wirklich schlimme Sachen.
Als Mathias auszog, war das natürlich kein einfacher Schritt. Für uns wie für ihn. Ich machte mir schon viele Sorgen, ob das alles klappen könnte. Das Wäsche machen, das Putzen und vor allem das Einrichten, Schränke aufbauen, Bilder aufhängen. Ohne dass jemand Gewehr bei Fuß stehen würde, wenn es nicht klappen würde. Aber auch da hat er sich keine Gedanken gemacht und es einfach umgesetzt. Insgesamt ist er sicher in vielem arg sorglos, es ist ja auch irgendwie seine Stärke, nicht alles totzugrübeln. Aber für eine Mutter ist es eben nicht beruhigend, wenn das Kind komplett ohne Angst und Scheu durch die Welt geht.
Was er allerdings nie wollte, war, auswärts zu schlafen. Immer wieder ging er zu Freunden, packte einen kleinen Rucksack und hatte das feste Vorhaben, dort zu übernachten. Doch spätestens um zehn oder halb elf rief die Mutter des Freundes an und bat, ihn abzuholen. Woran das lag, wissen wir nicht. Er war auch nicht panisch oder so, er wollte einfach nur nach Hause. Damals dachten wir: Er wird wohl nie zu Hause ausziehen. Den Sprung hat er dann irgendwann geschafft, aber der Abnabelungsprozess nach dem Umzug hat etwas länger gedauert. Anfangs stand er jeden Mittwoch auf der Matte, und das hat uns natürlich gefreut. Aber es war auch schön zu sehen, als er irgendwann komplett auf eigenen Beinen stand. Der Sport hat ihm dabei sicher wie bei vielem anderen sehr geholfen. Und er sah in der neuen WG in Leverkusen auch eine Aufgabe: Er musste sich um Marc kümmern. Der war ja schließlich behindert. Obwohl der sich auch nicht so fühlte. Er war ja nur sehbehindert.
Das Gefühl des „Normalseins“ war bei Mathias auch immer so ausgeprägt, dass er sich nie hätte vorstellen können, eine kleinwüchsige Freundin zu haben. Als er ein Teenager war, sind wir mit ihm zu einem Kleinwuchs-Treffen gefahren. Ich sagte im Auto eher beiläufig: „Vielleicht findest du dort ja ein nettes Mädchen.“ Er hörte sofort auf zu reden und schaute mich völlig entgeistert an. Sein Blick sagte: „Mama, traust du mir etwa nicht zu, eine normal große Freundin zu finden?“
Gefunden hat er solche inzwischen häufiger. Leider hat es nie furchtbar lange gehalten. Ob er mich irgendwann noch mal zur Großmutter macht, weiß ich nicht. Das ist aber auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass er eines Tages die Richtige findet. Und daran glaube ich, genau wie er, ganz fest.
Bei Mathias’ Wettkämpfen sind wir natürlich immer extrem nervös. Obwohl das Ergebnis für Eltern irgendwie zweitrangig ist. Sie sind stolz auf ihr Kind, egal, den wievielten Platz es am Ende belegt. Und natürlich schwingt auch immer eine Sorge mit. Die Kraftbelastung für seinen kleinen Körper ist schon enorm. Deshalb habe ich schon ein wenig gehofft, dass er nach Rio aufhören würde. Hätte er dort Gold gewonnen, hätte er es wahrscheinlich auch getan. Ziemlich zeitnah machte er uns aber klar, dass er weiterkämpfen wird. Ich akzeptierte das natürlich, es ist seine Freude, es treibt ihn an. Nun bin ich dennoch sehr froh, dass er nach dem Gewinn der Europameisterschaft im Juni 2021 in Polen seinen Rücktritt vom Leistungssport beschlossen hat.
Aber wenn wir ihn heute an der Seite von Angela Merkel oder dem Bundespräsidenten sehen, dann können wir gar nicht sagen, wie stolz wir auf ihn sind. Nicht mal nur auf den reinen sportlichen Erfolg, sondern vor allem auf die Tatsache, mit welchem Durchsetzungsvermögen er dort angekommen ist. Mein Mann und ich sitzen manchmal auf der Tribüne oder vor dem Fernseher und sagen uns: „Schon krass, was aus ihm geworden ist. Als wäre es das Normalste der Welt.“ Aber eigentlich wissen wir: Das ist es doch auch.
Gaby Mester, Jahrgang 1964, ist Mathias Mesters Mutter.
Ich bin nicht behindert. Ich bin nur klein!
Mit dem Begriff „behindert“ habe ich ehrlich gesagt ein Problem. Ich fühle mich nicht behindert im Sinne von übermäßig eingeschränkt. Wenn mich jemand plakativ als Behinderter anspricht, entgegne ich für gewöhnlich: „Ich bin nicht behindert. Ich bin nur klein!“
Ich kann schließlich alles. Und ich führe ein in meinen Augen komplett normales Leben. So normal, dass ich – auch wenn mir das vielleicht niemand glauben mag – meine Eltern vor der Arbeit an diesem Buch nie gefragt habe, weshalb ich überhaupt kleinwüchsig bin. Aber das Warum war zu keinem Zeitpunkt meines Lebens eine Frage, die mich bewegt hat. Es war einfach so, ich habe mich damit arrangiert. Vielleicht hätte mich das Warum beschäftigt, wenn es einen Hinweis darauf hätte geben können, was man dagegen tun kann. Aber mir war klar: Es war so, es ließ sich nicht ändern. Und ich war so, wie ich bin, zufrieden und glücklich. Auch schon ohne den sportlichen Erfolg, der sich erst Jahre später einstellte.
Dabei gab es in meiner Kindheit viele Erlebnisse, nach denen ich meine Größe hätte hinterfragen können. Zum Beispiel, als wir im Biologie-Unterricht über Hormone gesprochen haben. Der Lehrer erzählte irgendwas davon, was passiere, wenn sich dieses Hormon mit jenem nicht vertrage. Dann werde jemand kleinwüchsig. Für kurze Zeit war es still im Klassenraum, dann schauten mich alle an und plötzlich zeigten alle mit dem Finger auf mich. „Hier! Matze! Wir kennen ja einen!“, riefen dann alle wild durcheinander. Der Lehrer fragte mich, was denn bei mir konkret die Gründe für meinen Kleinwuchs wären. Ein solch „lebendes Beispiel“ habe man schließlich nicht immer zur Hand, um den Schülern etwas anschaulich zu vermitteln. Aber ich konnte ihm keine Antwort geben. Und ich habe meine Mutter auch an diesem Mittag nicht danach gefragt. Weil das Thema zwischen der dritten Stunde und dem Mittagstisch für mich schon wieder erledigt war.
Mein Wissen über meinen Kleinwuchs beschränkte sich auf die Tatsache, dass meine Eltern schon vor der Geburt wussten, dass ich kleinwüchsig werden würde. Aber ich habe zum Beispiel auch nie gefragt, ob es denn keine Therapie gegeben hätte. Es gibt ja Kinder, die sind einfach nur klein. Lionel Messi zum Beispiel hatte Wachstumsstörungen. Er war mit 13 auch erst 1,40 Meter groß. Doch bei ihm war es hormonell behandelbar. Heute ist er 1,70 Meter. Und das reicht ihm, um der beste Fußballer der Welt zu sein. Und wie ich nun sehe, reichen ein Meter zweiundvierzigkommafünf auch, um einer der besten Para-Speerwerfer der Welt zu sein.
Mir war klar: Ich muss schon zweifelsfrei kleinwüchsig sein, sonst hätten meine Eltern sicher etwas unternommen. Aber auch so ist alles in Ordnung. Ich denke, es gibt Männer von 1,65 Meter, die mit ihrer Länge ein größeres Problem haben als ich. Sie hadern wahrscheinlich öfter damit, warum sie so klein sind. Und ich, der noch mal zweiundzwanzigeinhalb Zentimeter kleiner ist, betrachte dies als die normalste Sache der Welt.
Ich dachte mir immer: Ich bin halt ein bisschen kleiner, das ist so, fertig. Auch wenn die logischste aller Erklärungen von vornherein wegfiel. Denn genetisch bedingt ist mein Kleinwuchs nicht, ich bin der erste meiner Art im gesamten Stammbaum.
Toll finde ich, dass meine Eltern sich auch nicht haben beirren lassen. Ich war ihr erstes Kind und nach mir haben sie noch zwei weitere bekommen. Auch das hat mir das Gefühl gegeben, dass ich nichts furchtbar Besonderes oder gar Abschreckendes war. Zwei Jahre nach mir kam meine Schwester zur Welt, vier weitere Jahre später mein Bruder. Und beide sind normalwüchsig. Melanie ist 1,61 Meter groß, Marco 1,80 Meter.
14 Jahre lang war ich auch mal nicht der Kleinste in der Familie, dann zogen irgendwann auch meine Cousins wieder vorbei. Aber das waren für mich keine schlimmen Momente. An den Tag, ab dem mein kleiner Bruder oder meine kleine Schwester größer waren als ich, kann ich mich nicht erinnern. Es waren keine einschneidenden Erlebnisse in meinem Leben. Was ich dafür umso erfreuter verfolgt habe, war die Tatsache, dass meine Oma – die ausgewachsen etwa 1,65 Meter maß – mir immer mehr entgegenkam und irgendwann fast so klein war wie ich. Im Alter wächst man ja in die umgekehrte Richtung. Irgendwann klagte Oma mal: „Ach Matze, ich werde immer, immer kleiner.“ Und ich antwortete: „Keine Angst, Oma. Es ist schön hier unten.“ Trotzdem hoffe ich, dass mir das Altersschrumpfen erspart bleibt. Schließlich ist da nicht mehr viel Luft.
Als ich mich nun näher damit beschäftigt habe, ist mir aufgefallen, wie verwirrend die Definition von Kleinwuchs ist. Manchen Einstufungen zufolge gelten Frauen unter 1,50 Meter als kleinwüchsig und Männer unter 1,65 Meter. Aber Danny de Vito (1,52 Meter), Prince (1,58) oder Bernie Ecclestone (1,59) sind trotz ihrer „Größe“ augenscheinlich nicht kleinwüchsig. Nach dieser Definition würden aber sogar Bruno Mars, Nicolas Sarkozy oder Silvio Berlusconi fast zu „uns“ gehören – sie alle messen auch nur 1,65 Meter. Aber es gibt eben einen Unterschied zwischen klein gewachsen und kleinwüchsig. Dieser Unterschied sollte mich später im Sport noch beschäftigen und kräftig ärgern. Dabei ist er zum einen einfach zu erklären und zum anderen eigentlich auch ganz leicht zu erkennen. Denn Kleinwüchsige sind nicht nur ein paar Zentimeter kürzer, sie haben auch andere Proportionen. Wobei bei mir zum Beispiel der Oberkörper völlig normal ist. Wenn ich sitze, komme ich mit den Beinchen nicht bis auf den Boden. Aber wer ab der Tischkante meinen Oberkörper sieht, denkt, ich sei normal groß. Ich bin eben ein Sitzriese. Kann auch nicht jeder von sich behaupten. Nicht einmal jeder Kleinwüchsige, denn es gibt ja unterschiedliche Auswüchse. Auch ein schönes Wort in diesem Zusammenhang.
Jedenfalls führte mein Sitzriesentum auch schon zu absurden Situationen. Wenn ich zum Beispiel am Tisch sitzend irgendwem vorgestellt wurde, dann aufstand und merkte, wie mein Gegenüber mit etwas entgleisten Gesichtszügen von oben bis unten an mir herunterschaute. Meist lasse ich dann einen Spruch ab, der die Situation entkrampft. So was wie: „Die Schuhe sind super, oder?“
Was mir auch erspart blieb, sind die oft extremen O-Beine mancher Kleinwüchsiger. Ein leichtes O habe ich, aber das ist minimal. Und meine Oma ist sich sicher, dass das vom Fußball kommt. Ich kenne Kleinwüchsige, die sich in ihrer Jugend die Beine operativ begradigen lassen mussten. Andere haben sich sogar operativ vergrößern lassen. Ich hatte mich auch mal kurz darüber informiert. Aber diese Menschen waren nach der OP ein Jahr eingeschränkt, weil es Stück für Stück geschehen muss. Und da habe ich mir gesagt: Der ganze Aufwand für 10 oder 15 Zentimeter? Vergiss es! Du hast eine OP, liegst ein Jahr rum und nachher ist es schlimmer als zuvor. Da hatte ich keine Lust drauf. Und wie gesagt: Ich habe unter meiner Größe nie so gelitten, dass ich nachhaltig dachte, ich müsste daran irgendwann etwas ändern.
Meine Form des Kleinwuchses heißt jedenfalls Achondroplasie. Und diese hat bestimmte Merkmale. Bei mir sind es die (leichten) O-Beine, ein Hohlkreuz, ein dicker Po, verkürzte Gliedmaßen und ein auffällig großer Kopf. Eigentlich ist mein Kopf normal groß, aber eben auch nur für normal große Menschen. In meinem Fall ist er demnach unproportional groß. Böse Zungen behaupten auch, ich habe O-Arme, doch die sehen sicher nur wegen der vielen Muskeln so aus. Fakt ist, dass mein Oberarm extrem verkürzt ist. Wodurch man dicke Muskeln einerseits schneller sieht. Sie andererseits aber auch schneller schmerzen, weil sie einfach nicht wissen, wohin.
Aber auch innerhalb derselben Behinderung gibt es noch einmal Unterschiede. Mein schon eingangs erwähnter Freund Niko Kappel zum Beispiel, der 2016 in Rio Paralympics-Gold im Kugelstoßen gewann, hat grundsätzlich dieselbe Behinderung wie ich. Aber er ist deutlich schwerer, obwohl er extrem gut austrainiert ist. Er hat einen größeren Kopf und auch einen größeren Hintern – womit ich ihn natürlich immer kräftig aufziehe. Und wenn wir zusammen Quatsch machen, sage ich immer zu ihm: „Ich fürchte, da wird man uns beide einen Kopf kürzer machen. Aber dann bin ich immer noch zwei Zentimeter größer als du.“
Wenn Sie sich jetzt fragen, woher ich den Namen meiner Behinderung wusste: Den haben mir meine Eltern in meiner Kindheit mal mitgegeben. Nachfragen hatte ich keine. Und auch im Kleinwuchstreff, den ich als Junge öfter besucht habe, wurde mir dieser Begriff direkt genannt. Aber er war für mich einfach ein Abstraktum, ein Name. Kleinwuchs hieß für mich Achondroplasie. So wie ein Baum Baum heißt, ein Hund Hund und ein Auto Auto. Es war genug Erklärung für mich und bedurfte keiner weiteren Information. Ich hätte ihn im Laufe meines Lebens vielleicht einfach googeln können, dann hätte ich die Gründe für meinen Kleinwuchs gewusst. Aber obwohl ich eigentlich ein von Grund auf neugieriger Mensch bin, hat es mich eben nie interessiert. Ob ich Angst davor hatte, etwas Schlimmes zu erfahren? Falls ja, musste das sehr tief im Unterbewusstsein sitzen, denn das Gefühl hatte ich nie. Aber googeln Sie, warum Ihre Nase etwas größer ist? Ihr Kinn etwas hervorsteht? Ihre Beine im Verhältnis zwei Zentimeter kürzer sind? Einige von Ihnen sicher. Aber viele andere sicher auch nicht.
In meinem Sport treffe ich Menschen mit Einschränkungen aller Art. Und wenn ich die Kollegen sehe, die im Rollstuhl sitzen, denen ein Bein amputiert wurde – oder gar beide – oder die blind sind, dann denke und fühle ich das gleiche, wie die meisten anderen Menschen auch: „Ich weiß nicht, ob ich das könnte!“ In jedem Fall bin ich mir sicher, dass sie es viel schwerer haben als ich. Im Leben wie im Sport. Tauschen würde ich mit keinem von ihnen wollen. Was bei mir aber dann kein Mitleid hervorruft. Weil ich weiß, dass auch die meisten meiner Sportler-Kollegen das weder wollen noch brauchen. Sie brauchen nur eines: Respekt! Respekt davor, wie sie ihren Alltag und ihren Sport meistern. Diese Menschen, die ohne Rollstuhl nichts können, geben anderen Menschen die Botschaft mit, wie fröhlich und selbstbestimmt sie ihr Leben gestalten. Während andere jammern, wenn sie sich den Fingernagel einreißen.
Bei den Paralympics habe ich mal einen Schwimmer ohne Arme und ohne Beine gesehen. Der schwamm wie ein Delfin durch das Wasser. Mit einer Selbstverständlichkeit, die mir höchste Anerkennung abrang. Man fragte sich, wie das anatomisch überhaupt möglich war. Aber er fragte sich das offenbar nicht. Er machte einfach. Sprang ins Becken und schwamm los. Das war mal ein echtes Zeichen, was man alles schaffen kann. Und diese Botschaft nehme auch ich auf. Mein Gott, du bist nur klein! Also jammer nicht rum!
Gleichwohl möchte ich mich aus der Welt der Behinderten – de facto bin ich nun mal einer – nicht demonstrativ verabschieden. Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die mit ihrem Kleinwuchs nicht so gut zurechtkommen wie ich. Die meist noch etwas kleiner sind als ich. Deren Einschränkungen dadurch etwas größer sind. Und die es auch mehr belastet, von den Mitmenschen als anders empfunden und angestarrt zu werden. Manch einer misst gerade mal 70 oder 80 Zentimeter und geht mir bis zur Brust. Der Unterschied zwischen uns ist größer als der zwischen mir und normal großen Menschen, der ja meist nur bei 30 bis 40 Zentimetern liegt. Und mit dieser Größe hat man natürlich richtig Probleme. Das Laufen fällt schwerer. Ein Stuhl reicht meist nicht, um an bestimmte Dinge heranzukommen. Weil der Stuhl wiederum so groß sein müsste, dass man als solch kleiner Mensch kaum draufklettern kann.
Dem Begriff „behindert“ begegne ich natürlich überall. Bei Organisationen, Briefwechseln, selbst mein Sportverband nennt sich „Deutscher Behindertensportverband“. Das, was ich tue, ist nicht einfach Sport, es ist Behindertensport. Es gab sogar Zeiten, da wurden wir offiziell in „Schadensklassen“ eingestuft. Was für ein furchtbarer Begriff! Zwischendurch versuchte man es dann betont gegensätzlich mit dem Begriff „Leistungsklassen“. Heute spricht man einfach nur noch von Klassen und benennt sie. Meine zum Beispiel heißt F41. Das F steht für „Field“, also für eine technische Disziplin nach der englischen Unterscheidung der Leichtathletik in „track und field“. Wobei es eine Klasse T41 bei uns nicht gibt, weil bei den Kleinwüchsigen keine Lauf- und keine Sprung-Disziplin paralympisch ist. Aber eigentlich ist doch alles ganz logisch. Warum also nicht gleich so?
Natürlich spreche ich offiziell und ganz selbstverständlich auch vom Behindertensport. Das Kind heißt nun einmal so. Deshalb werde ich Begriffe wie „Behinderung“ oder „Behindertensport“ immer wieder benutzen müssen. Gefallen tun sie mir überhaupt nicht. Aber die Alternativen sind auch nicht besser. Versehrtensport, Handicap-Sport, Sport für Menschen mit Einschränkungen. Mannomann. Kann sich da bitte mal jemand was Nettes einfallen lassen? Immerhin hat sich inzwischen vielerorts die Bezeichnung Para-Sport durchgesetzt. Für viele ist und bleibt es aber Behindertensport.
Ich merke ja selbst, welche Abwertung man mit diesen Begriffen hervorruft. Wenn ich erzähle: „Ich bin Leistungssportler und war kürzlich in Rio“, dann sagen alle: „Wow, cool. Da warst DU dabei? Überragend!“ Obwohl sie natürlich sehen, dass ich klein bin und ihnen klar ist, dass ich nicht bei Olympia gegen 1,95 m große Konkurrenten angetreten bin. Sage ich aber von mir aus: „Ich bin Behindertensportler und war bei den Paralympics dabei“, bekommt der Ton meines Gegenübers direkt etwas Mitleidiges. Und statt Begeisterung ernte ich dann oft ein Schulterklopfen mit den verlegenen Worten: „Schön, dass du dabei warst.“
Das Wort „behindert“ enthält etwas Bemitleidenswertes, Hilfsbedürftiges. Aber so fühle ich mich nicht. Und das bin ich auch nicht. Ich will nicht in Watte gepackt und gesondert behandelt werden. Und das möchten auch meine Kolleginnen und Kollegen nicht, denen ein Bein oder ein Arm amputiert wurde. Sie und wir alle wollen ganz normal akzeptiert und behandelt werden. Das kann doch nicht so schwer sein!
Gerade die Kollegen, die ich im, nun ja, „Behindertensport“ treffe, leben auch vor, dass sie kein Mitleid brauchen. Prothesen-Sprinter Heinrich Popow zum Beispiel, mein guter Freund, dem als Kind wegen einer Krebserkrankung ein Bein abgenommen wurde. Wenn ich sehe, mit welcher Offenheit, welchem Humor und welcher Selbstironie er durchs Leben geht, da können sich viele Nichtbehinderte eine Scheibe abschneiden. Und wenn uns Dinge passieren aufgrund unserer Behinderung, dann ist das kein Drama. Der sehbehinderte Sprinter Thomas Ulbricht ist bei den Paralympics in Rio in den Pool des Deutschen Hauses gefallen. Ganz einfach deshalb, weil er ihn nicht gesehen hat. Auf einmal machte es platsch, und er lag drin. Manche haben sich umgedreht und verschämt gelacht, andere sind direkt hingerannt und wollten dem armen Kerl raushelfen. Thomas ist einfach aus dem Pool geklettert und weiter gings. Es war ja nichts passiert. Er ist nass geworden, fertig. Mitleid brauchte er dafür keins. Und er selbst hat die Geschichte seitdem schon einige Male fröhlich lachend erzählt.
Mein Stolz verbietet es mir meist auch, die möglichen Vorteile auszureizen. Ich habe einen Behindertenausweis – noch so ein Wort –, der mich als 60 Prozent eingeschränkt ausweist. Wenn ich den zücke, gehen Türen auf. Aber ich bin niemand, der mit dem in die Luft gereckten Behindertenausweis durch die Welt läuft und versucht, links und rechts die Vergünstigungen einzusammeln. Weil ich nicht das Gefühl habe, dass das Leben mir übel mitgespielt hat und ich somit das Recht hätte, mir so viel wie möglich zurückzuholen. Ich könnte natürlich auch den ganzen Tag die Mitleidsschiene fahren. Kaum jemand würde mir die Hilfe verweigern. Aber ich bin froh, dass ich alles oder zumindest das allermeiste kann. Und ich empfände es als unfair denen gegenüber, die wirklich solche Einschränkungen haben, dass sie auf Hilfe angewiesen sind.
Sechzehn neunzig – Immer diese Scheiß-Toleranz
Okay, ich gebe zu, manchmal, in ganz seltenen und besonderen Fällen, versuche ich doch, Kapital aus meiner Behinderung zu schlagen. Und verzweifle dann an der Toleranz meiner Mitmenschen. Ich erinnere mich noch gut an einen Tag im Zoo von Münster. Ich wollte an der Kasse den ermäßigten Behindertentarif zahlen. Und die Frau am Schalter sagte ohne jede Regung: „Ja klar, haben Sie Ihren Ausweis dabei?“ Ich lächelte kurz und sagte: „Der war gut.“ Dann legte ich die abgezählten 12,90 Euro für die ermäßigte Karte hin. „Denken Sie, ich mache Witze?“, fragte die Frau, nun mit einem barschen Unterton. Jetzt wurde ich unsicher. Meinte die das ernst? Hing hier irgendwo eine versteckte Kamera? Ich konnte kaum über die Theke schauen, sie war im Sitzen größer als ich im Stehen und sie fragte mich ernsthaft nach einem Ausweis? „Nein, habe ich nicht“, sagte ich: „Meine Statur ist mein Ausweis.“ Doch auch das zog nicht. „Hören Sie mal, junger Mann“, sagte die Dame, und nun klang sie fast ein wenig herrisch: „Die Regeln sind doch ganz einfach: Kein Ausweis, keine Ermäßigung. Haben Sie einen?“ „Nein“, sagte ich. „Macht sechzehn neunzig“, sagte die Dame. Ich zahlte und dachte: Immer diese Scheiß-Toleranz!
Manchmal, aber wirklich noch viel seltener, mache ich mich auch noch ein bisschen behinderter, als ich bin. Wieso das, werden Sie sich fragen. Das verträgt sich doch nicht mit all dem bisher Gesagten. Ja, das stimmt, doch ich spreche natürlich von Ausnahmesituationen. Situationen, in denen ich die Ohnmacht gegenüber den Kindersprüchen in meinem Rücken beim ersten Date umdrehen will. Wenn ich versuche, eine Frau gleich von meinen besonderen Vorteilen und Vorzügen zu überzeugen. Dann leihe ich mir auch schon mal einen Behindertenausweis von Freunden, die 100 Prozent haben und das Merkzeichen aG, also „außergewöhnliche Gehbehinderung“. Mit dem darf ich nämlich zum Beispiel am Kino bis vor die Tür fahren. Was ich mit meinem Ausweis mit 60 Prozent nicht dürfte. Damit kann man ganz schön auf dicke Hose machen. Damit kann ich der Frau etwas bieten, was nur ich ihr bieten kann. Okay, ich muss dafür ein bisschen schummeln. Aber das klappt letztlich immer, weil die wenigen Parkwächter, die das kontrollieren, meist nicht genau genug informiert sind. Sie sehen einen Behindertenausweis und einen Behinderten, und das passt dann zusammen. Wie viel Prozent dieser oder jener normalerweise haben müsste, entzieht sich ihrer Kenntnis.
Beim zweiten Date muss ich dann aber doch die Hose runterlassen. Denn immer kann ich das nicht bringen. Allein schon wegen der Gewissensbisse. Schließlich klaue ich im Endeffekt einem wirklich Bedürftigen den benötigten Platz am Eingang. Und das kann ich vor meinem Gewissen nur dann verantworten, wenn ich – blind vor Verliebtheit – den Egoismus ausnahmsweise über die Empathie stelle.
Im Endeffekt möchte ich nicht klagen, aber andererseits den Nachteil -oder meinetwegen auch die Behinderung – Kleinwuchs keineswegs bagatellisieren. Und ich möchte die Chance nutzen, hier einmal ausführlich zu erzählen, was in meinem Leben anders ist als in dem Leben gewöhnlich großer Menschen. In dem Wissen, dass man am Ende, unter dem Strich, zu einem anderen Gesamturteil kommen kann als ich, der kleine Dauer-Optimist, der ewige Positiv-Denker.
„Wir“ sind nicht alle gleich
Ich habe mich zwar auch immer ein wenig für das Leben anderer Kleinwüchsiger interessiert. Geschaut, was sie so machen. Aber ich habe nie zwanghaft ihre Nähe gesucht. Es gibt bestimmte Gruppen von Behinderten, die fast nur untereinander kommunizieren. Die feste Communities haben, dauernde Treffen, wo sich die Personen aus Schleswig-Holstein und aus Bayern fast alle kennen, wenn sie die gleiche oder ähnliche Behinderung haben. Bei Kleinwüchsigen, oder zumindest bei mir und den meisten, die ich kenne, ist das nicht so. Ich suche weder den Kontakt zu anderen Kleinwüchsigen, noch meide ich ihn. Ich habe Kontakt mit Menschen, die mir sympathisch sind. Egal, wie groß oder klein, dick oder dünn, alt oder jung sie sind, wo sie herkommen und welche Sprache sie sprechen. Und es gibt unter den Kleinwüchsigen prozentual sicher genauso viele Arschlöcher und nette Menschen wie unter allen anderen auch. Und für mich gilt: Ob kleines Arschloch oder großes Arschloch, ist egal. Und genauso eben, ob ich kleine nette Menschen treffe, normale nette oder große nette.
Auf Kleinwüchsige in der Öffentlichkeit achte ich natürlich auch etwas mehr. Aber ich habe auch nicht den Drang, mich jeden Tag und über alles, was sie machen, zu informieren. Natürlich sagt mir zum Beispiel ChrisTine Urspruch etwas. Die kleinwüchsige Schauspielerin, die in den Münster-Tatorten mitspielt oder auch das Sams war. Sie sehe ich gerne. Weil ich sie als Schauspielerin gut finde. Aber wenn sie Erfolge feiert, denke ich nie: „Super, eine von uns!“ Ebenso kenne ich keinen Neid nach dem Motto: „Warum der oder die und nicht ich?“
Ein bisschen empfindlich bin ich aber, wenn sich Kleinwüchsige aus Geltungsdrang zum Deppen machen. Zum Beispiel habe ich schon vom „Zwergenfangen“ in Discos gehört. Alle müssen den Kleinwüchsigen jagen, und wer ihn fängt und in den Käfig sperrt, der gewinnt einen Flatscreen-Fernseher. In solchen Momenten denke ich dann schon: „Junge, was machst du da? Du machst uns alle lächerlich.“
In den USA und Australien kam in den 1980er-Jahren auf Jahrmärkten das „Dwarf-Tossing“ auf, also das „Zwergenwerfen“. Möglichst große, kräftige Menschen schleuderten Kleinwüchsige in Schutzkleidung möglichst weit auf eine Matte. Es gab eine Weile tatsächlich große Wettkämpfe darin, 1986 sogar eine Weltmeisterschaft. Auch zu Beginn des Hollywood-Streifens „The Wolf Of Wall Street“ mit Leonardo Di Caprio veranstalten die Broker ein Zwergenwerfen. Verschiedene Menschenrechtsorganisationen liefen mit Verweis auf die Menschenwürde Sturm gegen diese Form der „Unterhaltung“. In Deutschland ist es seit 1993 offiziell verboten. Allerdings klagten im Gegenzug sogar einige Kleinwüchsige gegen das Verbot. Es waren diejenigen, die sich in diesen Wettbewerben durch die Gegend schleudern ließen. Das waren nämlich nicht irgendwelche Kleinwüchsige, sondern immer dieselben. Und die verwiesen darauf, dass sie damit ihren Lebensunterhalt verdienten. Dafür habe ich irgendwo schon Verständnis. Und eigentlich denke ich auch, dass jeder tun und lassen kann, was er will. Wenn sich jemand durch die Luft werfen lassen will, dann soll er das normalerweise tun. Das Problem in diesem Fall ist die Öffentlichkeit. Denn sich beim „Zwergenwerfen“ als Witz-Objekt zur Belustigung anderer durch die Luft schleudern zu lassen, kann anderen Kleinwüchsigen durchaus schaden. Und das sollten auch diese Menschen nie vergessen.
Es ist aber leider doch ein Problem des Kleinwuchses, dass die meisten Menschen uns alle über einen Kamm scheren. Obwohl wir so unterschiedlich sind, wie Menschen es nun mal sind. Ich weiß nicht, wie oft ich schon gefragt wurde, ob ich Peter Dinklage bin, der Schauspieler aus „Game of Thrones“. Nur, weil er der einzige Kleinwüchsige ist, der vielen Menschen geläufig ist. Und wenn sie dann tatsächlich mal einen Kleinen auf der Straße sehen, denken sie sofort: „Das ist doch der.“ Genauso werde ich andauernd mit Niko Kappel verwechselt. Dabei gleichen wir uns optisch so gut wie überhaupt nicht. Niko ist etwas kleiner und etwas breiter als ich. Er ist zehn Jahre jünger, hat hellblonde Haare und einen viel dünneren, kaum sichtbaren Bart. Und dennoch werden er oder ich dauernd gefragt, ob wir nicht der andere sind. Da fragt man sich schon manchmal, ob die Leute wirklich so oberflächlich sind. Oder ob sie einfach keine Augen im Kopf haben.
Wenn ein Kleinwüchsiger, der in der Öffentlichkeit steht, sich in die Hose machen würde, müsste ich mich tagelang dafür rechtfertigen. Oder wenn ein bekannter Kleinwüchsiger beim Gang ins Bordell gesehen werden würde, hätte sich ruckzuck das Klischee verbreitet: Die Zwerge sind alle notgeil! Also denke ich bei allem, was ich tue – nicht zuerst, aber letztlich doch immer – daran, dass ich zu einem gewissen Grad in der Öffentlichkeit stehe. Und obwohl ich normalerweise immer das mache, was ich will, nehme ich mich dann manchmal zurück. Weil ich nicht möchte, dass irgendein anderer Kleinwüchsiger sich deshalb zu Unrecht rechtfertigen muss. Je mehr ich öffentlich wahrgenommen werde, desto mehr ist mir auch bewusst, dass damit eine Verantwortung für andere einhergeht. Auch wenn das nicht nur mir gegenüber unfair ist, sondern auch gegenüber allen anderen Kleinwüchsigen. Denn sie sind Individuen, genau wie ich und jeder andere auch. Ich verwechsele doch auch nicht Barack Obama und Bob Marley, nur weil beide dunkelhäutig sind. Naja, zumindest hat mich noch nie jemand mit ChrisTine Urspruch verwechselt.
Doch ich merke allein schon über die sozialen Kanäle, welche Verantwortung ich für das Bild der Kleinwüchsigen habe. Und wie wichtig ich für sie als Anlaufstation bin. Auffallend viele Kleinwüchsige schreiben unter meine Fotos, liken meine Seite oder schicken mir private Freundschaftsanfragen. Was mich besonders freut, ist, dass ich fast nie negative Rückmeldungen bekommen habe. So nach dem Motto: „Was machst du da für einen Scheiß, das fällt auf uns alle zurück.“
Nur einmal gab es einen Kleinwüchsigen, der in den sozialen Medien eine Zeitlang unter jedem Post von mir gestänkert hat. Er beschwerte sich, ich würde mich über Kleinwüchsige lustig machen. Irgendwann schrieb ich ihn an und erklärte ihm, dass ich mich über mich selbst lustig mache und nicht über ihn. An einem sachlichen Austausch war er aber offenbar nicht interessiert. Und als er auch danach immer wieder dieselben Sprüche unter meine Bilder postete, habe ich ihn blockiert. Ich kam auch nicht ins Grübeln, ob ich den Kleinwüchsigen vielleicht doch schade, weil er eben bis heute der Einzige dieser Art war. Und ich im Gegenzug hundertfach Lob und Zuspruch bekommen habe.
Besonders gefreut hat mich ein Autogrammwunsch von Eltern, die mir schrieben, dass ihre kleinwüchsige Tochter ein ganz großer Fan von mir sei. Ich habe ihnen ein Autogramm geschickt und sie haben sich überschwänglich bedankt. Leider gab es zu meiner Zeit als Kind keinen bekannten kleinwüchsigen Sportler. Doch wenn es ihn gegeben hätte, hätte ich ihn wahrscheinlich auch angeschrieben, um ein Autogramm zu bekommen. Deshalb konnte ich mich wunderbar in das kleine Mädchen hineinversetzen und hatte allein bei dem Gedanken wahrscheinlich mindestens ein genauso großes Lächeln auf dem Gesicht wie sie. Auch Niko hat noch ein Autogramm von mir. Darüber müssen wir heute beide immer herzhaft lachen.
Und natürlich findet man in unserem Sport haufenweise potenzielle Vorbilder. Menschen, die sich einerseits durchgebissen haben, die Widrigkeiten bekämpft haben. Die sich aber – und das ist das noch Entscheidendere – nicht ständig über ihre Einschränkungen beklagen, sondern die sich einfach normal finden, so wie sie sind. Und dies dann damit auch vermitteln.
Manchmal schreiben mir auch kleinwüchsige Frauen, dass sie mich sympathisch oder sehr hübsch finden. Ich bedanke mich meistens artig dafür. Kleinwüchsige junge Männer schicken mir eher Fragen zum Sport. Wie ich dazu kam, wo ich trainiere und ob sie das auch könnten. Einen habe ich nach einigen Nachrichten sogar mal mit zum Training nach Leverkusen genommen. Doch leider hatte sich das sehr schnell schon wieder erledigt, weil er merkte, dass es nichts für ihn war.
Einmal habe ich für meinen Wunsch, in der Öffentlichkeit auf Kleinwuchs aufmerksam zu machen, kräftig Lehrgeld bezahlt. Das Bundesministerium des Inneren hatte mich für eine Werbekampagne angefragt. Ich habe mir das ehrlich gesagt gar nicht genau durchgelesen. Ich dachte, das kann nur gut sein. Und ein bisschen Geld habe ich auch noch dafür bekommen. Danach habe ich gesehen, dass ich für das Bundes-Teilhabegesetz geworben habe. Dieses war unter Behinderten sehr umstritten, weil es für viele ein Rückschritt im Kampf um Inklusion war. Das Gesetz hatte eigentlich das Ansinnen, „Menschen, die aufgrund einer wesentlichen Behinderung nur eingeschränkte Möglichkeiten der Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft haben, aus dem bisherigen ,Fürsorgesystem‘ herauszuführen und die Eingliederungshilfe zu einem modernen Teilhaberecht weiterzuentwickeln“. Aber viele kritisierten, dass es im Endeffekt eine größere Bevormundung durch die Behörden bedeute. Es gab Proteste im Internet mit dem Hashtag #nichtmeingesetz, die „Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung“ startete eine Unterschriftenaktion mit über 70.000 Unterschriften, der Sozialverband VdK übte ebenfalls öffentlich Kritik. Und wenn ich mit einigen Behinderten sprach, ärgerten sie sich über diese Gesetzesvorlage, die ihre Eigenständigkeit einschränke. Ich sah das im Prinzip genauso, aber ich habe mich da reinquatschen lassen. Und nun prangte deutschlandweit mein Gesicht auf Plakaten, die für dieses Gesetz warben. Das war zwar nicht für jeden erkennbar, weil der Begriff „Teilhabegesetz“ nicht auftauchte, sondern nur der allgemeingültige Begriff „Mehr Chancengleichheit für alle“. Aber ich wusste nun, wofür ich warb. Und viele andere auch. Wir haben dann sogar noch versucht, das Ganze zu stoppen, aber die Verträge waren unterschrieben. Das war mir sehr unangenehm. Und eine Lehre. Das BMI hatte es sicher gut gemeint. Ich hatte es auch gut gemeint. Aber der Schuss war nach hinten losgegangen. Seitdem prüfe ich bei allem noch genauer, worauf ich mich einlasse. Weil es eben nicht nur um mich geht, sondern auch um meine Verantwortung für andere.
Einmal Karneval als Zwerg gehen
Es ist ein Spruch, der eigentlich keinen Sinn ergibt. Doch er schoss mir irgendwann mal spontan in den Sinn. Die Frage, welche Ziele ich im Leben habe, fand ich nämlich immer seltsam. Sie ist so allgemein, so schnell dahingefragt, erwartet aber eine tiefgründige Antwort. Eine, die ich nicht geben konnte. Denn was ist das eine Ziel im Leben? Also reagierte ich das eine oder andere Mal mit einem Spruch. „Mein Lebensziel? Einmal im Leben an Karneval als Zwerg gehen.“ Ich hielt das für eine super Antwort. Sie lässt das Gegenüber immer erst stutzen und dann lachen. Und ich merke immer, wie es in ihnen arbeitet. Lassen sie das Ganze nun einfach als Witz stehen oder haken sie nach? Meistens entschieden sie sich für Ersteres.
Und je öfter ich den Spruch bringe, desto mehr denke ich: Irgendwann solltest Du das wirklich mal tun. Ich habe mich an Karneval immer „normal“ verkleidet. Mal ging ich als Superman. Sehr gerne trug ich einen pinken Bademantel. Eben immer das, worauf ich gerade Lust hatte. Doch eines Tages werde ich mir Niko Kappel und fünf andere Kleinwüchsige packen, wir ziehen uns rote Mützen auf und gehen als die „7 Zwerge“. Das ist zwar nicht mein großes Lebensziel. Aber es wird ganz sicher ein großer Spaß.
Als Weihnachtself bin ich einmal gegangen. Aber das war kein Vergnügen. Zig Mal an dem Abend kam irgendwer auf mich zu, nannte mir irgendwelche Weihnachts-Wünsche und bat mich, sie dem Weihnachtsmann zu übergeben. Zumindest scheine ich authentisch gewirkt zu haben.
Karneval habe ich trotzdem eigentlich immer gemocht, in meinen Jahren in Köln habe ich ihn sogar richtig lieben gelernt. Im Karneval falle ich weniger auf. Normal sieht da keiner aus, da wirkt Kleinsein höchstens wie ein besonderes Gimmick. Und wenn jemand auf mich zukommt und sagt „coole Verkleidung“, dann empfinde ich es wirklich als normale Aussage in Bezug auf meine Verkleidung und nicht als Spruch über meine Größe.
Aber dass man in der Masse untertauchen kann, ist nicht der Hauptgrund, warum ich Karneval so mag. Es liegt eher an der Unbeschwertheit, am Miteinander, an der Lebensfreude. Alle sind fröhlich, alle liegen sich in den Armen, selten scheinen die Sorgen des Alltags weiter weg. Wenn „Viva Colonia“ erklingt, wenn „et Trömmelche jeht“ oder wenn sich die ganze Bar zur FC-Hymne „Mer stonn zo Dir, FC Kölle“ in den Armen liegt, dann fühle ich mich selig.
Und auch einige der witzigsten Erinnerungen verbinde ich mit Karneval. Ein Kumpel hat in einer eng besetzten Kneipe die ganze Zeit mit einer Frau gesprochen, die als Neytiri aus „Avatar“ verkleidet war. Sie war von oben bis unten blau angemalt. Irgendwann war mein Kumpel für eine Weile verschwunden. Als er zurückkam, fragte ich ihn, ob er mit der Frau rumgeknutscht habe. Er bestritt es heftigst, ich bekam einen Lachanfall und musste direkt ein Foto machen. Sein komplett blau verschmiertes Gesicht verriet ihn nämlich. Blaue Nase, blauer Mund, blaue Wange, da waren keine Fragen mehr offen.
Die kleine Nähmaschine
Niko Kappel nennt sich selbst „Bonsai“. So tauften ihn die Kollegen, als er in Sindelfingen in eine Trainingsgruppe Nichtbehinderter kam. Und da er auch über eine Menge Selbstironie verfügt, war er begeistert und hat sich den Namen gleich als Markenzeichen angeeignet. „Bonsai“ finde ich auch gut. Diese kleinen Bäume sind stark, gesund und schön. Das passt zweifellos zu Niko. Außer schön. Okay, war nur Spaß. Niko und ich necken uns den ganzen Tag auf diesem Niveau.
Doch alles in allem bin ich froh, dass ich einen Vornamen habe, der praktisch automatisch einen Spitznamen generiert. Als Mathias – mit einem „t“ natürlich, die mit zwei „t“ sind die Großen – war ich vom ersten Tag an eben „Matze“. Das klingt frech und pfiffig und nach einem Kumpel-Typ. Deshalb passt es wohl ganz gut zu mir. Und deshalb hat sich auch nie jemand wirklich Gedanken darüber gemacht, ob man mir denn nicht einen „echten“ Spitznamen verpassen müsste.
Doch einmal, während meiner Zeit als Fußballer, bekam ich kurzzeitig doch einen neuen Namen. Weil ich beim Laufen so kleine Trippelschrittchen machte, nannte ein Mitspieler mich „Die kleine Nähmaschine“. Ich selbst fand das gut, musste herzhaft lachen und nannte mich in der Folge manchmal selbst so. Aber irgendwann verlief das wieder im Sande. Den Transfer vom Fußball in die Leichtathletik hat der Name nicht wirklich geschafft. Zwar gibt es beim Speerwurf den sehr wichtigen Anlauf und auch den absolviere ich natürlich mit Nähmaschinen-Schrittchen. Doch das entscheidende ist der Wurf. Ich bin nun mal Speerwerfer und wenn mir einen Sportler-Spitznamen verpassen wollte, dann hätte dieser wohl eher mit dem Werfen zu tun und nicht mit dem Laufen.
In Marketing-Angelegenheiten oder beim Posten benutze ich gerne den „Weltmester“. Es ist ein Markenname. Naheliegend und doch einmalig. Aber ein klassischer Spitzname ist das nicht. Gerufen werde ich so eher selten. Alles in allem bin ich mit Matze mehr als zufrieden. Das gefällt mir, so kennt man mich und es erspart mir und den anderen die Gedanken, ob dieser oder jener Spitzname nun passend, schmeichelhaft oder vielleicht doch mit Blick auf meinen Kleinwuchs zwiespältig oder untauglich ist.
Klein anfangen ...
Jeder fängt mal klein an. Das gilt für mich natürlich im Besonderen. Wobei der Rückstand bei der Geburt gar nicht so furchtbar groß war. Als ich auf die Welt kam, war ich 48 Zentimeter groß. Das durchschnittliche Baby in Deutschland liegt bei 51 Zentimetern. Ich war also nur sechs Prozent kleiner als der Durchschnitt. Da der erwachsene Mann in Deutschland im Schnitt 1,80 Meter groß ist, wäre ich demnach bei gleichem Abstand heute 1,69 Meter groß. Oder andersherum gerechnet: Wäre der Unterschied schon bei der Geburt so groß wie heute, wäre ich mit 40 Zentimetern geboren worden.
Zum ersten Mal wirklich gemerkt, dass ich anders bin, habe ich im Kindergarten. Weil die anderen beim Sitzen alle längst mit den Füßen auf den Boden kamen und ich noch nicht. Und ich dann auch schnell farblich abgegrenzt war. Denn wir hatten zwei Sorten Stühle. Die mit dem grünen Punkt waren die kleinen, die mit dem roten Punkt die etwas größeren. Und manchmal saßen wir dann zusammen, ich auf einem grünen Stuhl inmitten ganz vieler roter. Es war gut gedacht vom Kindergarten, die Stühle farblich anders zu gestalten, damit man gleich sieht, ob es ein kleiner oder ein großer ist. Aber im Endeffekt wurde ich dadurch gebrandmarkt, auch wenn es kein größeres Trauma bei mir hinterließ.
Körperlich wurde der Abstand zu den normal großen Kindern aber immer größer und größer. Ich wuchs zwar, aber die Stühle und andere Dinge wuchsen ungleich mehr. In der Grundschule waren die meisten anderen schon ein gutes Stück größer als ich. Nur ein Junge, der Kleinste unter den normal Großen, überragte mich gerade mal um einen Kopf. Bei den Bundesjugendspielen musste er deshalb immer im Lauf-Duell gegen mich ran. War für den armen Kerl sicher auch eine ziemlich peinliche Situation. Aber er hat es sich zumindest nicht anmerken lassen. Zu mir persönlich war er immer sehr locker, aber sein Ehrgeiz, wenigstens mich zu schlagen, war umso größer. Was ihm nicht immer gelang. Ausgewachsen mit meinen einmeterzweiundvierzigkommafünf war ich dann etwa im selben Alter wie die normalen Großen.
Der Hausmeister unserer Schule war mein Freund. Er baute mir einen eigenen Haken, etwas tiefer als die der anderen, direkt neben der Tür. Auf der einen Seite hingen die Jacke des Hausmeisters und meine und auf der anderen Seite all die anderen. Das fand ich cool. Wer hat schon seinen eigenen, ganz persönlichen Haken? Ich war der Einzige, etwas Besonderes, und die anderen hatten einen 08/15-Haken. Das fühlte sich anders an als ein grüner Punkt.
In Goxel, meinem 800 Einwohner zählenden Heimatdorf, war ich nicht nur der einzige Kleinwüchsige, sondern auch der einzige Behinderte. Ich hätte jetzt, um das Wort zu vermeiden, eigentlich sagen wollen, der Einzige, der komplett anders war als die „Normalen“. Doch das hätte wiederum nicht gestimmt. Jedenfalls klingt diese Ausgangslage nach Problemen, nach Außenseitertum, nach Hänseleien und vielem mehr. Doch das Gegenteil war der Fall. Die Kinder eines Alters hingen auf dem Dorf immer zusammen rum. Und Kinder kennen noch keine Barriere. Bis wir in das Alter kamen, in dem man sich über so etwas Gedanken macht, war ich längst voll geachtetes und normales Mitglied unserer Clique.
Übermäßige Hänseleien oder sogar Mobbing musste ich nicht ertragen. Kinder sind zwar gemein, aber sie stürzen sich auf alles und jeden und suchen dessen Schwachstelle und beleidigen sich immer über das Offensichtliche. Der Dicke ist ein „Fettsack“, der Dünne eine „Bohnenstange“, der Große ein „Langes Elend“, der Kleine ein „Zwerg“. Man wird für seine Frisur gehänselt, seine Klamotten oder sonst irgendwas. Irgendeine Art von Behinderung hat ja jeder. Und sei es eine Vorstufe. Sechs Dioptrien auf einem Auge, eine überdimensional große Nase, was weiß ich. Bei mir hieß es dann eben: „Ey, du Zwerg“, wenn mich einer ärgern wollte. Aber darauf konnte ich mich einstellen. Mitschüler, die in der Pubertät Akne bekamen und plötzlich als „Pickelfresse“ oder „Streuselkuchen“ verunglimpft wurden, hatten es da wahrscheinlich schwerer. Und bei mir kamen die Sprüche in dieser Zeit wirklich verdammt selten. Wahrscheinlich, weil die anderen schnell den Eindruck bekamen, dass sie mich damit nicht ärgern konnten. Denn selbst, wenn sie mich genervt haben, schluckte ich meinen Ärger runter und reagierte nicht groß.
Aber tief in mir drin ließ es mich natürlich nicht komplett unberührt. Fast alle anderen hatten die Möglichkeit, sich zu überlegen: Ärgert mich das alles so sehr, dass ich etwas ändere? Oder stehe ich bewusst drüber? Wer zu dick war, konnte abnehmen. Wer eine zu dicke Brille hatte, konnte auf Kontaktlinsen umsteigen. Wer rote Haare hatte, konnte sie färben. Abstehende Ohren konnte man anlegen lassen. Ich konnte nicht wachsen. Ich konnte mich nicht entscheiden, das einfach zu ändern. Irgendwann drehte sich dieser Gedanke aber komplett. Irgendwann nahm ich das „Ich kann es ja nicht ändern“ nicht mehr als Belastung hin. Es war die Begründung, sich nicht mit solchen Dingen zu beschäftigen.
Was kurios war und ich erst im Rückblick so richtig registrierte: Ich hatte immer einen Beschützer. Egal, ob im Kindergarten, in der Grundschule oder später auf der weiterführenden Schule, es war immer jemand da, der auf mich aufpasste. Mein Helfer, mein Bodyguard. Im Kindergarten bestand die Hilfe eher darin, mir mal die Jacke auf- oder abzuhängen. Später sind meine Beschützer dazwischengegangen, wenn es doch einmal jemand wagte, mir einen blöden Spruch wegen meiner Größe zu drücken. Meist sprangen sie mir verbal zur Seite. In seltenen Fällen drohten sie denjenigen auch Dresche an. In manchen Zeiten habe ich mich gefühlt wie ein Banden-Boss, wie ein Ober-Mafioso. Zum einen hatte ich immer meinen eigenen Bodyguard dabei, zum anderen habe ich als Typ doch auch gerne mal den Ton angegeben. Ich glaube auch, dass es diese Mischung aus Mitleid und Respekt vor mir als Anführer-Persönlichkeit war, die in dem ein oder anderen den Instinkt geweckt hat, mein Beschützer sein zu müssen und zu wollen. Hätte ich damals gesagt: „Der mit der schwarzen Jacke und den Pickeln da drüben hat mich blöd angeschaut. Erteilt dem mal eine Lektion“, wären sie losgezogen und hätten ihn vermöbelt. In der Grundschule ist es dann auch das eine oder andere Mal vorgekommen, dass jemand, der mich beleidigt hatte, danach Ärger mit meinen Freunden bekam. Die handelten aber tatsächlich immer auf eigene Initiative. Einen Auftrag dazu habe ich nie erteilt. Später hat mich einer dieser Bodyguards – mein Nachbar, mit dem ich immer gemeinsam den Schulweg gegangen bin – vor einer Schlägerei bewahrt. Ich wollte gerade aus dem Bus aussteigen, als mir ein Mitschüler einen fiesen Spruch drückte. Ich habe natürlich entsprechend reagiert, er wollte sich auf mich stürzen und mein Nachbar ging dazwischen.
Im Endeffekt hatte ich während meiner gesamten Schulzeit nur eine einzige Schlägerei. Ansonsten hat mich mein friedliches Gemüt davor bewahrt, in den Kampf zu ziehen. Ich hatte einfach kein Interesse daran. Ich habe mich verbal gegen Beleidigungen gewehrt, aber ich war nicht aggressiv oder gar streitlustig. Und es hat sich vielleicht auch niemand so richtig an mich rangetraut. Weil sie sicher Respekt vor meiner Stärke hatten. Die hatte sich in der Schule schnell rumgesprochen, und ich tat im Sportunterricht auch einiges dafür, sie unter Beweis zu stellen. In letzter Konsequenz traute sich aber sicher auch deswegen keiner an mich heran, weil du bei einer solchen Nummer nur verlieren kannst. Vermöbelst du den armen Kleinwüchsigen, bist du ein Arsch. Verlierst du gegen den Kleinen, bist du die Lachnummer der ganzen Schule.
Eigentlich hatte ich deshalb nicht das Gefühl, einen Beschützer zu brauchen. Angenommen habe ich das aber doch immer sehr gerne. Es hat sich ja auch gut angefühlt. Thematisiert hat diese Rollenverteilung nie jemand. Es hat auch nie jemand theatralisch angekündigt: „Matze, ich passe ab heute auf dich auf!“ Es hatte sich immer einfach ergeben. Und ich habe es dann so hingenommen und belassen.
Im Rückblick war ich wohl immer auch einer der Klassen-Clowns, auch wenn ich das selbst damals nie so empfunden habe. Das Problem war: Ich konnte immer schon gut austeilen, weil mir immer lockere Sprüche in den Kopf geschossen sind und ich sie einfach rausgehauen habe. Im Gegenzug konnte ich am Anfang gar nicht gut einstecken. Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass mir jemand auch mal fiese Sprüche drückte. Drüberzustehen, ohne alles persönlich zu nehmen. Aber Übung macht den Meister, inzwischen bin ich darin ein echter Profi.
Nur ein einziges Mal habe ich mich in der Schulzeit handgreiflich gewehrt. Ein deutlich größerer Typ mit raspelkurzen Haaren, gut anderthalb Köpfe größer als ich, hatte mich in der Turnhalle so sehr aufgezogen, dass mir die Nerven durchgegangen sind. Ich habe ihm zuerst in den Magen geboxt und dann, als er sich gebückt hat, rammte ich ihm mein Knie an die Nase. Er hat sich nicht einmal gewehrt. Und ich hatte nachher ein ganz schlechtes Gewissen – obwohl er es verdient hatte. Auch wenn ich heute nicht mehr weiß, worum es ging.
Als ich 19 war, geriet ich dann doch einmal in eine Schlägerei. Allerdings in eine ziemlich kuriose. Denn mit meinem Kleinwuchs und etwaigen Sprüchen oder Hänseleien hatte es damals nicht im Geringsten etwas zu tun. Ich war mit zwei Freunden unterwegs, einer von ihnen wurde provoziert und ging den Pöbler an. Also habe ich – zunächst zögernd und etwas widerwillig, aber doch im vollen Einsatz für meinen Kumpel – mitgemacht, um ihm zu helfen. Das Blöde dabei war: Irgendwann hatte sich ein kleiner Knäuel aus Jungs gebildet und ich wuselte natürlich unten rum. Mein Kumpel schlug dann mehrfach drauf – und traf jedes Mal mich, weil er mich nicht sah. Als wir später gemeinsam im Taxi saßen, brüstete er sich: „Dem hab ich’s aber gezeigt. Hast du das gesehen?“ Und er hat sich dann auch tatsächlich sehr geschämt, als ich antwortete: „Von wegen. Du Idiot hast mir auf den Kopf geschlagen. Immer und immer wieder.“
Fabian Thier: „Sein T-Shirt-Helikopter ist Kult“
Matze und ich kennen uns schon länger als unser halbes Leben. Und genauso lange sind wir schon befreundet. Ich habe in der Vorbereitung auf diese Zeilen überlegt, wo ich diesen Typen eigentlich aufgegabelt habe. Wann und zu welchem Anlass er in mein Leben trat. Ich weiß es nicht mehr. Er war irgendwann einfach da. Wir dürften elf oder zwölf gewesen sein. Wir sahen uns, wir mochten uns – und waren fortan befreundet. Und wir sind es immer noch.
Dabei sind unsere Lebensentwürfe in den vergangenen Jahren weit auseinandergegangen. Matze reist als Sportler um die Welt. Ich bin in Westfalen geblieben, sogar wieder zurück nach Goxel gezogen und habe drei Kinder. An unserem Verhältnis hat all das nichts geändert. Wann immer Matze in seiner Zeit in Köln oder Esslingen hierhergekommen ist, hat er sich gemeldet. Er ist einer der wenigen aus unserer großen Clique, die weggezogen sind, doch wenn er kam, ließen die meisten alles stehen und liegen. Selbst wenn er sich spontan auf den Weg in die Heimat machte und erst auf der Fahrt rundschrieb, kam noch am selben Abend ein großer Teil der Clique wieder zusammen. Und dann war es so, als hätten wir uns gestern das letzte Mal gesehen. Umgekehrt lässt auch Matze vieles stehen und liegen, wenn es bei einem von uns einen wichtigen Anlass gibt. So machte er zwischen zwei Trainingslagern eine Pause, um bei meiner Hochzeit dabei sein zu können.
Dass ich einen Gastbeitrag in seinem Buch schreiben darf, ist eine große Ehre für mich. Klar, Matze und ich waren beste Freunde in Teenager-Zeiten. Aber auch Teil einer großen Clique von 12 bis 14 Jungs. Wir waren allerdings weit mehr als Fußball- und Party-Kumpels. Wir haben uns auch oft sehr privat unterhalten, über Gefühle und Emotionen gesprochen, uns gegenseitig vieles anvertraut. Über die Schule, Eltern, Mädels und das Leben als solches. Sein Kleinwuchs war eher selten Thema. Doch wenn, dann ein intensives und wichtiges. Denn als Freund hat es mich gefordert, wenn er einmal traurig war.
Das passierte allerdings ausgesprochen selten. Denn was mich an Matze immer schon fasziniert hat: Er ist nahezu grenzenlos positiv. Ihn plagen kaum schlechte Gedanken. Und wenn wer anders solche hat, kommt Matze und macht den Tag wieder hell. Er ist ein bodenständiger Typ, steht felsenfest im Leben und sieht immer eher die Chance als das Risiko.
Das galt auch für den Fußball. Er dachte nie darüber nach, was er eventuell nicht schaffen könnte, wie alt, wie groß, wie schwer oder wie stark der Gegner war. Er steckte sich einfach das viel zu große Trikot in die Hose, stapfte auf den Platz und spielte. Und er war richtig gut. Wäre er nicht kleinwüchsig gewesen, hätte richtig was aus ihm werden können. Matze war sicher der beste Fußballer von uns allen in unserer Thekenmannschaft „Goxeler Dream-Team“. Mit Abstand. Die körperlichen Nachteile konnte er natürlich nicht immer ausgleichen, doch wenn er den Ball am Fuß hatte, war er kaum davon zu trennen. Und er hatte einen unglaublich festen und platzierten Schuss. Vor allem in der Halle, wo die körperlichen Nachteile nicht so hervortraten, war er eine echte Waffe. An diese Zeit auf den Bolzplätzen und in den Sporthallen erinnere ich mich noch unheimlich gerne zurück. Seit zwei Knie-Operationen vor mehr als zehn Jahren ist klar, dass ich nie wieder Fußball spielen werde. Aber diese wunderschöne Zeit nimmt mir niemand.
Für uns alle war Matze nie so etwas wie ein Klotz am Bein. Ganz im Gegenteil. Matze war für jeden Einzelnen wie für die gesamte Clique eine Bereicherung. Jemanden wie Matze kannst du mit Geld nicht bezahlen. Es gab in der Clique, wie in jeder anderen auch, unterschiedliche Charaktere. Manche waren eher melancholisch, andere launisch, doch wenn Matze in der Nähe war, hatten immer alle gute Laane.
Am Anfang, als er zu uns stieß, waren wir natürlich alle zunächst etwas abwartend und vorsichtig gewesen. Dass wir ihn mochten, war klar. Doch wir stellten uns die Fragen: Was kann er, was kann er nicht? Worauf müssen wir Rücksicht nehmen? Dürfen wir bestimmte Dinge nicht sagen oder nicht tun, weil er sie nicht kann? Ist er ein Streitfaktor, weil er überreagiert, wenn ihn jemand Fremdes blöd anschaut? Doch keine dieser Befürchtungen erwies sich als berechtigt. Zumal die Menschen, die Matze angafften, höchstens aus Neugier handelten, aber nie feindselig waren. Und so fiel es Matze und uns allen irgendwann leicht, dies einfach zu ignorieren.
Auch die Pubertät traf Matze nicht so schlimm wie andere. Er war zwar damals nicht so selbstbewusst wie heute, bei weitem nicht. Er war zurückhaltender, beobachtete vieles erst mal. Aber von schlechter Laune war er weit entfernt. Und er machte auch damals schon viele Witze über sich selbst. Machten andere Witze über ihn, prüfte er erst einmal, wie diese gemeint waren. Waren sie böse, nahm er sich das schon zu Herzen oder reagierte wütend. Heute lacht er über gute Witze. Und bei schlechten oder gemeinen dreht er sich einfach um und geht weg.
Ein wichtiges Thema in unseren Gesprächen – und da war er dann doch ganz der normale Teenager – waren die Frauen. Es war eine schwere Situation für ihn. Denn die Mädels standen auf ihn, in gewisser Hinsicht war er der Frauentyp schlechthin in unserer Clique. Alle mochten ihn, alle fanden ihn süß, alle suchten seine Nähe, er war ein sehr beliebter Gesprächspartner. Doch wenn es darum ging, mit einem zu gehen, entschieden sich die meisten lieber für andere Jungs. Für normal Große eben. Bewundernswert war, wie wenig sich Matze davon einschüchtern oder gar unterkriegen ließ. Er ist immer auf die Frauen zugegangen, hat sie angesprochen, hat mit ihnen getanzt und hat immer alles gegeben. Und wenn er eine Abfuhr bekommen hat, hat er nie den Kopf in den Sand gesteckt. Auch da half ihm seine positive Lebenseinstellung. Und das Wissen, dass die Abfuhren selten bis nie mit seiner Persönlichkeit zu tun hatten.
Ich denke, dass sich das heute schon etwas gebessert hat – und ich bin vor allem sicher, dass die Zeit weiter für Matze spielt. Für 16-jährige Mädchen war seine Größe sicher eher ein Problem als für 26-Jährige. Und 36-Jährige werden sich noch weniger daran stören, sondern viel mehr auf das Wesen achten.
Und da kann ich garantieren: Mit niemandem kann man so viel Spaß haben wie mit Matze. Auf meiner Hochzeit hatte er den ganzen Saal im Griff, aber er wird bei so etwas nie peinlich. Er kennt immer seine Grenzen, sowohl in Bezug auf Sprüche und Lautstärke als auch in Bezug auf seinen Alkoholpegel. Er kann für einen solch kleinen Mann unheimlich viel und unheimlich schnell trinken. Aber ich habe ihn in meinem ganzen Leben noch nie ausfallend gesehen. Ich habe auch nie erlebt, dass er abgestürzt wäre. Und aggressiv war er schon gleich gar nie.
Für einen kleinen Tick ist das Partybiest Matze Mester aber heute noch in Coesfeld und im ganzen Umkreis bekannt. Als wir 18 oder 19 waren, lief das Lied „Call On Me“ von Eric Prydz überall rauf und runter und Matze liebte diesen Song über alles. Sobald er die ersten Noten davon hörte – völlig egal, ob es in einem Partykeller war, auf einem Dorffest oder in irgendeiner Disco –, stürmte er sofort auf die Tanzfläche, zog sein T-Shirt aus und schleuderte es wie einen Helikopter über seinem Kopf. Das konnte er einfach nicht sein lassen. Es ging einfach mit ihm durch. Und die Reaktion der Menschen, die ihn nicht kannten, war immer dieselbe: Zuerst schauten sie reserviert, eine Mischung aus schockiert und beschämt. Nach spätestens einer Minute zogen die ersten wildfremden Menschen nach, stürmten auf die Tanzfläche, zogen ihr T-Shirt aus und wirbelten es über den Kopf. Und noch bevor das Lied zu Ende war, war die ganze Tanzfläche voller nackter Jungs mit einem T-Shirt-Helikopter über dem Kopf.
Matze hat damals, obwohl er einfach nur das tat, was ihm in den Kopf schoss und worauf er Lust hatte, einen richtigen Kult geprägt, der bis heute überlebt hat. Auch das zeigt, wie mitreißend er ist. Die Menschen folgen ihm. Selbst in Dingen, die sie am Anfang noch etwas seltsam finden mögen. Der Hype um sein „Call On Me“-Ritual führte schließlich sogar dazu, dass wir unsere Hobby-Mannschaft umbenannten. Aus dem „Goxeler Dream-Team“ wurde das „Team OKF“ – Ober-Körper frei. Und jeder wusste, was gemeint ist.
Wenn ich mir heute anschaue, welche Entwicklung Matze genommen hat, bin ich unglaublich stolz auf ihn. Vor allem, weil ich bei jedem Fernsehauftritt noch genau den Matze Mester erkenne, der damals bei uns in der Goxeler Siedlung wohnte, im zu großen Trikot über den Fußballplatz lief, mit mir im Keller über Mädchen sprach oder in der Disco sein Shirt zu „Call On Me“ auszog. Er ist nicht überheblich oder arrogant geworden, nur weil er nun Aufmerksamkeit oder sogar Berühmtheit erlangt hat oder weil er es vom Kreisliga-Fußballer zum Weltmeister geschafft hat. Und er trägt auch keine Genugtuung vor sich her, ganz nach dem Motto: „Ich hab es doch immer gewusst.“ Auch wenn er zurück nach Goxel kommt, läuft er nicht als Star durchs Dorf, sondern als der Goxeler Jung, der er immer war. Er ist freundlich und offen zu allen, grüßt jeden und macht Witze – am meisten über sich selbst. Selbst Spöttern aus vergangenen Tagen reicht er symbolisch die Hand. Er könnte sagen: „Ihr könnt mich mal, ihr habt damals gelästert, ich brauche euch nicht.“ Doch er, der Harmonie-Mensch Matze Mester, freut sich einfach darüber, dass die Lästerer ihre Meinung geändert haben.
Natürlich weiß Matze schon, dass er mit seiner Prominenz ein Botschafter ist. Er weiß, dass er eine gewisse Verantwortung hat, weil es viele Kleinwüchsige in Deutschland gibt und Dinge, die er tut, auf andere projiziert werden. Diese Verantwortung nimmt er ernst. Er überlegt schon, was er tut, und noch mehr, was er lässt, wenn er sich in der Öffentlichkeit bewegt. Ohne dass er sich dadurch als Mensch verändert hätte.
Oft schickt er mir Fotos, wenn er auf Sportbällen, Ehrungen oder sonstigen Veranstaltungen prominente Menschen trifft. Selfies mit Angela Merkel oder Joachim Gauck, Wladimir Klitschko oder Verona Feldbusch. Nicht, um zu zeigen, wie toll er ist. Sondern weil er selbst darüber staunt und es genießt, was er da alles in der großen, weiten Welt erleben darf. Und wenn ich bei diesen Fotos auf sein Grinsen achte, muss ich immer sofort schmunzeln und denke: Das isser, Matze, mein Freund.
Als wir uns beim letzten Mal darüber unterhalten haben, was er so alles erlebt hat in den vergangenen Monaten und Jahren, da sagte ich irgendwann: „Weißt du was, Matze, eigentlich müsstest du ein Buch schreiben.“ Er grinste verschmitzt und sagte: „Du wirst lachen. Das tue ich gerade.“ Dass er mich auserwählt hat, ein Teil davon zu sein, macht mich unglaublich stolz.
Fabian Thier, Jahrgang 1985, ist einer der besten Jugendfreunde von Mathias Mester.
Gnaden-Vieren und Schiss vor einer 1 in Sport
Eine ganz besondere Spezies waren für mich immer die Lehrer. Sie waren ziemlich schwer auszurechnen, weil ich es mit sehr unterschiedlichen Typen zu tun hatte. Der erste Typus war der, bei dem ich – bewusst oder unbewusst – so ziemlich alles durfte und hier und da vielleicht auch mal die Gnaden-Vier bekommen habe, wenn ich eigentlich eine Fünf verdient hätte. Dann die zweite Gruppe, für die ich ein Schüler war wie jeder andere. Und die dritte, die mich immer besonders hart rannahm. Ganz nach dem Motto: Nur weil du klein bist, kriegst du keine Sonderrechte. Alle drei Reaktionen sind irgendwie menschlich, alle habe ich im Laufe meines Lebens mehrfach erlebt. Doch als Kind oder Jugendlicher schätzt man Verlässlichkeit. Auch meine Mitschüler hatten Lehrer, von denen sie besonders geliebt wurden oder die sie auf dem Kieker hatten. Doch bei mir war beides stark ausgeprägt. So hatte ich manchmal in der ersten Stunde einen Lehrer, bei dem ich alles durfte, in der zweiten einen, der mir gegenüber besonders streng war, in der dritten einen, für den ich so normal war wie alle anderen. In einem Alter, in dem man auch ein bisschen abschätzt und austestet, wie man sich Autoritäten gegenüber verhält, war das nicht ganz so einfach für mich. Auch wenn es im Nachhinein vielleicht sogar gut war, denn so habe ich im Laufe der Zeit herausgefunden, wie ich mich mit den unterschiedlichen Gegenübern auseinandersetze. Wo man sich wehren kann und muss. Und wo man besser einfach mal die Klappe hält.
Tendenziell war es so, dass ich es bei den Frauen eher leicht hatte und die Männer eher strenger zu mir waren. Einen besonders schweren Stand hatte ich beim Rektor der Hauptschule. Ein großer, stattlicher Mann, eine echte Erscheinung. Immer schick gekleidet, fast immer im Anzug, meist ein Ledertäschchen um den Arm. Er hat in Geschichte immer Schaubilder über Weltkriege verteilt und wollte, dass wir die in unser Heft einkleben. Mein Heft hat er mindestens einmal die Woche überprüft, und wenn ihm die Blätter entgegengefallen sind, wurde er immer tierisch wütend. Ich weiß nicht, wie oft ich von ihm den Satz gehört habe: „Du musst nicht glauben, dass du dir alles erlauben darfst.“ Wegen nicht eingeklebter Schaubilder! Bei ihm war ich ständig auf der Hut und habe mir außer nicht eingeklebter Blätter nie etwas zuschulden kommen lassen.
Die persönlichen Strafen habe ich grundsätzlich meist als fair empfunden. Wenn ich Mist gebaut hatte, musste ich genauso wie alle anderen büßen. Einmal wollte ich eine Mitschülerin zwischen einem Tafelflügel einklemmen. Ich wollte die Tafel zuschlagen, doch leider stand ein Tisch dazwischen und die Tafel bekam einige Risse. Ich habe versucht, sie mit Kreide zu übermalen, aber es ist trotzdem aufgefallen. Da musste ich zwei Stunden den Hof säubern und die Hälfte der Tafel zahlen. Oder ein anderes Mal, als ich im Biologie-Unterricht von einem Einmachglas mit Pflanzen den Deckel abschraubte und das Ganze einem Mitschüler über den Kopf schüttete. Wieso, das kann ich heute nicht mehr sagen. Irgendwas hatte sich aufgestaut. Daraufhin musste ich nachmittags zwei Stunden den Schulhof putzen. Das hätte ich über die Mitleidsschiene vielleicht sogar vermeiden können, wenn ich gesagt hätte, dass ich zuvor wegen meiner Größe gehänselt worden sei. Aber so spontan oder clever war ich damals nicht. Außerdem habe ich normalerweise für den Mist, den ich gebaut habe, auch geradegestanden.
Kurioserweise war das Fach, in dem ich meine Leistungen am wenigsten gerecht bewertet sah, der Sport. Man könnte vielleicht vermuten, dass ich da eher bevorzugt wurde, weil man denkt, dass ich mit den kleinen Beinchen bei der ein oder anderen Sportart doch benachteiligt bin. Doch ich war in Sport gut. Nicht nur relativ, sondern auch bei nachweislichen Ergebnissen. Ich war einer der Besten im Fußball, ich wurde immer als einer der Ersten gewählt. Auch im Basketball, obwohl ein Dunking für mich mein Leben lang nur ein feuchter Traum bleiben wird. Aber ich bin mir sicher, dass ich des Öfteren eigentlich eine Eins verdient gehabt hätte und am Ende die Zwei bekommen habe. Wohl, weil die Lehrer in einer Art vorauseilender Konfliktvermeidung Schiss hatten, dass meine Mitschüler eine Eins als Behinderten- und Gnaden-Eins verstanden hätten. Und nur im Sport hatte ich das Gefühl, dass alles, was ich tat, immer in Relation zu meiner Behinderung gesetzt wurde. Wenn ich in Mathe oder Deutsch etwas konnte oder nicht konnte, war das eben so. Im Sport schwang immer ein „Dass der das kann“ mit. Oder ein „Dafür, dass er so klein ist, ist das ziemlich gut“. Oder gar ein „Schau mal, das kriegt der Kleine nicht hin“.
Im Kleinen war ich natürlich schon so clever, meine Vorteile für mich auszunutzen. Wenn ich zum Beispiel mit einem Augenzwinkern zu meinem Lehrer sagte: „Ich würde ja sehr gerne an die Tafel kommen, aber ich komme leider nicht ran.“ Aber so manchen Niedlichkeitsvorteil oder Mitleidsvorteil habe ich mir wohl auch durch meine große Klappe selbst genommen.
Faule Socke und ehrgeiziger Sportler
Doch die Schule als solche war tatsächlich einfach nicht so meins. Dinge auswendig lernen und dann mit dem Gelernten anzugeben, diese Motivation hatte ich nie. Wenn ich das Heft nach einer Arbeit aufschlug und da stand durch glückliche Umstände ein „sehr gut“ drunter, war das tatsächlich ein erhebendes Gefühl. Aber ich hatte danach keinen Ehrgeiz, nun richtig zu büffeln, um das zu wiederholen. Vielleicht auch abgeschreckt durch meine einzige Eins in Mathe. Ich hatte damals komplett gespickt, wollte aber nicht einem einzelnen Mitschüler während der gesamten Klausur auf die Nerven gehen. Also holte ich mir die Lösung der ersten Aufgabe links neben mir, die von Aufgabe zwei rechts neben mir und so weiter. Dabei hatte ich offenbar das große Glück, jeden genau um die Lösung jener Aufgabe zu bitten, die er konnte. Und so hatte ich am Ende die einzige Eins der ganzen Klasse. Und weil das bei unserem Lehrer damals so Brauch war, musste ich deshalb an die Tafel und alles vorrechnen. Ich bin tausend Tode gestorben, weil ich richtig Schiss hatte, nachträglich aufzufliegen. Doch im Endeffekt beließ es mein Lehrer dabei, mich die Rechnungen anschreiben zu lassen. Und das hatte ich ja im Heft alles bei mir. Eine einzige Nachfrage, und ich wäre komplett aufgeflogen. Ob mein Lehrer deshalb davon abgesehen hat, weil er das Ganze durchschaut hatte und mich nicht bloßstellen wollte, weiß ich nicht.
So oder so versuchte ich immer, mit dem kleinstmöglichen Aufwand durchzukommen. Und ich hatte vor allem immer Sport im Kopf. Das alles führte dazu, dass mich meine Mutter nach der sechsten Klasse von der Realschule genommen hat. Auf der Hauptschule war ich dann ein guter Schüler und habe einen guten Abschluss geschafft. Dort habe ich mit wenig Aufwand sogar einen hohen Ertrag erzielt. Das war dann schon eher meine Welt. Wenn mich Leute kennenlernen und hören, dass ich nur einen Hauptschulabschluss habe, sind sie erstaunt, weil die meisten mich als cleverer und intelligenter einstufen. Einige wittern dann doch irgendwelche Verschwörungen gegen den Kleinwüchsigen. Aber die gab es nicht. Ich war einfach nur eine stinkfaule Socke.
Und ich war und bin nicht fürs Lernen gemacht. Ich bin eher der Lebenskünstler. Der Spontane. Niemals hätte ich studieren können. Und bei jedem Gedanken an Fortbildungen mit Lehrveranstaltungen und Prüfungen krümmt sich mir der Magen. Ich habe für Klausuren und Prüfungen fast immer erst einen Tag vorher begonnen zu lernen. Und das auch nur, weil mich dann kurz vor Toresschluss noch das schlechte Gewissen ereilte. Heute halte ich ab und zu Vorträge, und je erwachsener ich werde, umso gewissenhafter bereite ich mich auch vor. Doch meinen ersten Vortrag habe ich einen Tag vorher erstellt. In einem Aufwasch und ohne viel daran zu korrigieren. Und dann stand ich am nächsten Tag vor einem Großteil der Belegschaft einer großen Versicherung, um eine ganze Stunde zu referieren. Aber ich konnte eben zum einen immer schon gut erzählen. Zum zweiten wusste ich, wovon ich redete. Und drittens habe ich mich, wenn ich dann doch in die Bredouille kam, mit meiner Schlagfertigkeit aus dem Schlamassel gezogen.
Als ich an diesem Tag nach vorne ging und die vielen Menschen sah, die mich erwartungsfroh anschauten, wurde ich für kurze Zeit meganervös und habe mich selbst verflucht. Wieso hatte ich Idiot mich nicht einfach mal ein paar Tage hinsetzen und das Ganze gewissenhaft vorbereiten können? Doch dann legte ich los und war direkt im Flow. Vielleicht brauche ich in diesem Bereich auch den Kitzel, die Anspannung, mich konzentrieren zu müssen, weil ich nicht so gut vorbereitet bin, dass ich es mit links mache. Einmal kam ich an diesem Tag aber ins Schliddern. Zunächst wollte ich in einem Video zeigen, mit welchen Lasten ich trainiere, und so beweisen, dass wir Para-Athleten genauso hart trainieren wie die Olympia-Teilnehmer. Weil ich es nicht entsprechend vorbereitet hatte, waren die Videos aber quer. Ich fuhrwerkte kurz am Laptop rum, bekam es aber nicht hin, die Videos zu drehen. Ich ließ ein paar Sprüche los nach dem Motto „Ich könnte jetzt den Laptop drehen, aber das wird Ihnen nichts bringen“, und plötzlich lachten alle im Raum und schauten sich die Videos an, indem sie ihren Kopf auf die rechte Schulter legten. Als ich fertig war, ging ich zu meinem Platz, der Laptop blieb vorne stehen. Der Chef der Versicherung ging nach vorne und plötzlich fiel der Laptop mit lautem Geschepper vom Tisch. Wie durch eine magische Kraft. Ohne, dass der Mann ihn berührt hatte. Keine Ahnung, wie das passierte. „Oh, das war der Laptop“, sagte er, leicht peinlich berührt. „Ach, das macht nichts“, rief ich von hinten: „Ich bin doch gut versichert.“ Natürlich bei der Versicherung, vor der ich diesen Vortrag hielt.
In der Schule und im Leben war ich immer so gestrickt, dass ich keine große Ambition hatte, an meinen Schwächen zu arbeiten und diese auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Vielleicht hat das schon damit zu tun, dass ich eben durch meine Behinderung immer wieder an Grenzen gestoßen bin, an denen ich erkennen musste: Das wirst du nie können, egal, wie sehr du dich auch anstrengst. Jedenfalls habe ich von Dingen, für die ich kein Talent hatte, immer sehr schnell die Finger gelassen. Und mich dafür mit großer Freude und Energie auf Dinge gestürzt, in denen ich gut war. Eine Einstellung, die ich später als Sportler übrigens – nicht zuletzt dank meiner Trainerin Steffi Nerius – etwas änderte. Ich entwickelte dann doch großen Ehrgeiz, an meinen Schwachstellen zu arbeiten. Habe mich in Ausdauerläufen gequält, bis mir schwindlig wurde und ich kurz davorstand, mich zu übergeben. Und ich machte und mache selbst bei der nervigsten und anstrengendsten Übung lieber eine Wiederholung zu viel als eine zu wenig. Weil ich den Ehrgeiz für das große Ganze habe. Und weil ich weiß, dass ich etwas tun musste, wenn ich den Erfolg haben wollte, den ich anstrebte. Auch habe ich so gut wie nie in all den Jahren Übungen geschwänzt oder mit halber Kraft gemacht. Und mit zunehmendem Alter wurde ich immer seriöser. Ich wusste: An jedem Tag, an dem ich nicht trainiere, ist mein Gegner mir einen Schritt voraus. Es sei denn, er trainiert auch nicht. Aber davon konnte ich nicht ausgehen. Also musste ich mein Schicksal selbst in die Hand nehmen.
Die lieben Frauen – Teil I
Zum ersten Mal ein wirkliches Problem mit meiner Größe hatte ich in der Pubertät. Wie jeder andere Junge in diesem Alter begann ich, mich für Mädchen zu interessieren. Und schnell war mir klar, dass ich da im Gegensatz zu manch anderem einfach nicht mit gleichen Waffen kämpfen würde.
Zum ersten Mal verliebt war ich mit etwa zehn. Natürlich hat man da sowieso noch keine Chance, denn Mädchen in dem Alter schauen nur nach den großen Jungs. Und damit meine ich in diesem Fall vor allem die älteren Jungs. Die Zehnjährigen schauen nach den Zwölfjährigen, die Zwölfjährigen nach den 15-Jährigen und so weiter. Für Zehnjährige bleibt da nicht viel übrig. Achtjährige schauen noch nicht so nach Jungs.
Vielleicht intuitiv habe ich mich damals erst mal nur in meiner Klasse umgesehen. Und habe mich, bescheiden wie ich bin, gleich mal in die Hübscheste von allen verliebt. Ich habe ihr ein Briefchen geschrieben. So ein ganz typisches, bei dem man am Ende ankreuzen musste, ob „Ja“, „Nein“ oder „Vielleicht“. Ich bekam das Zettelchen zurück und es waren „Ja“ und „Nein“ gleichzeitig angekreuzt. Und das fand ich schlimmer als ein einfaches „Nein“. Denn es hieß, sie glaubte, dass man es mir nicht so hart sagen könne. Dass man mich schonen müsse. Und mir war natürlich auch so gleich klar, was der Grund für den Korb gewesen war. Rund zehn Jahre später habe ich sie übrigens in der Disco wiedergetroffen. Sie war noch ein bisschen hübscher geworden. Sie war etwas angetrunken, begrüßte mich mit Küsschen links, Küsschen rechts und sagte irgendwann lächelnd zu mir: „Weißt du was? Ich glaube, das war ein Fehler damals.“
In der gesamten Schulzeit hat nie ein Mädel, das mich nicht wollte, meine Größe thematisiert. Keine sagte: „Einen Zwerg will ich nicht.“ Aber ich wusste immer, dass es das nur sein kann. Das mag ein Schutzmechanismus sein, doch der ist hilfreich. Weil man sich im Gegensatz zu manch anderem nie charakterlich abgewiesen fühlt. Normalerweise bekommt man als 14-Jähriger den Transfer nicht hin, dass man nur deshalb abgewiesen wurde, weil Mädchen in dem Alter nun einmal nach 16-jährigen, Mofa fahrenden, coolen Typen schauen. Man denkt also immer, es muss an einem selbst liegen. Und grübelt und rätselt, findet sich selbst immer komischer und verliert immer mehr Selbstvertrauen. Ich wusste immer: Es liegt an meiner Größe. Daran, dass ich anders bin. Und das war ein zweischneidiges Schwert. Aber eben mit dem Vorteil, dass ich mir nie Gedanken machen musste, ob ich aus charakterlichen Gründen abgewiesen wurde. So schützte es mich davor, mir den Kopf mit einigen anderen selbstzerstörerischen Gedanken zu zermartern. Aber es tat trotzdem auch ganz schön weh. Weil das Kleinsein zum ersten Mal im Leben für mich eine negative Bedeutung bekam. Und die Erkenntnis, dass ich daran auch nichts ändern könnte, die mich so oft vor Kummer bewahrt hatte, schmerzte nun.
Umso erlösender war dann der Tag, an dem ich selbst den ersten Liebesbrief bekommen habe. Da wusste ich: Nicht alle haben ein Problem mit meiner Größe. Manche finden es vielleicht sogar gut. Diejenige, die ihn geschrieben hatte, war tatsächlich schon ein gutes Stück größer als ich. Was meinem Selbstbewusstsein einen Megaschub gab. Ich wusste: Manche kommen eben mit meiner Größe klar und andere nicht. Das half mir ein wenig, das Ganze grundsätzlich zu akzeptieren. An meiner Wut bei konkreten Zurückweisungen änderte das aber nichts.
Wie dem auch sei: Die Autorin meines ersten Liebesbriefes habe ich jedenfalls nicht abgewiesen. Sie war zwar eigentlich nicht die, die ich gewollt hatte. Aber sie war nett und ansehnlich, und das genügte mir in dieser Lebensphase. Natürlich hielt das Ganze nicht lange, wie es eben in diesem Alter so ist. Und in der kurzen Zeit war mir schon auch die Ungewöhnlichkeit dieser Situation klar geworden. Es gab eben außer uns praktisch kein Paar auf dem Schulhof, das Hand in Hand herumgelaufen wäre, bei dem das Mädchen größer war als der Junge. Ich spürte die Blicke der anderen. Wie sie uns von oben bis unten musterten, sich wegdrehten, tuschelten und kicherten. Wir waren der Hingucker hoch zehn, es hatte so ein bisschen was von Mutter und Kind. Das Getuschel hat mich irritiert. Aber in manchen Momenten fühlte ich mich in dieser Situation auch stark. Eben, weil ich „Zwerg“ eine Frau hatte, die andere, größere gewollt hätten.
Auf die Idee, dass meine Freundinnen sich über mich profilieren wollten, als Fürsorgliche oder Tolerante, kam ich damals nicht. Und ich glaube auch nicht, dass es in dem Alter schon eine Rolle spielte. Denn entweder findet man jemanden süß oder eben nicht. Dennoch kam ich irgendwann auch zu der Überzeugung, dass das eigentlich ganz schön blöd für die Mädels sein musste, mit mir da rumzulaufen und ausgelacht zu werden. Und so kam es, dass ich später, wenn mich eine fragte, ob ich mit ihr gehen will, nein sagte. Obwohl ich vielleicht gewollt hätte. Einfach, weil ich ihr und mir eine solch blöde Situation ersparen wollte.
Irgendwann hielten sich die Ablehnungen und die Liebesbriefe die Waage. Ich bekam immer mehr Briefe mit Herzchen zugeworfen oder in die Hand gedrückt. Und zwar nicht von den kleinsten Frauen. Keine Ahnung warum. Ich denke, dass einfach meine witzige und lustige Art gut ankam. Was bei den anderen Jungs dann auch ein Konkurrenzdenken hervorrief. Nach dem Motto: „Der Kleine haut einen Spruch nach dem anderen raus. Die Weiber finden das geil. Den machen wir jetzt runter.“ Denn welcher normal große Teenager will sich schon von einem Zwerg bei den Mädels abkochen lassen? Auch sie waren auf der Suche nach ihrem Ego, nach ihrem Platz im Leben, und das nagte offenbar doch sehr am Selbstbewusstsein vieler Möchtegern-Alphatierchen. In dieser Phase habe ich dann auch zum ersten Mal systematische Ablehnung und beleidigende Witze erfahren, so von ganz oben herab. Das hatte dann phasenweise schon was von Mobbing. „Ey, Kleiner, geh mal aus der Sonne“ habe ich sehr oft gehört. Auf der einen Seite nervte mich das natürlich, manchmal tat es auch weh. Aber ich wusste stets, warum sie es taten. Deshalb empfand ich es immer auch als Auszeichnung. Und hatte eine diebische Freude daran, ihnen weiter, praktisch von unten herab, eine lange Nase zu machen.
Zumal ich eben wirklich nie um einen Spruch verlegen war. Und damit auch nie um eine Antwort. So flog dem ein oder anderen ein vermeintlich cooler Spruch vor seinen Kumpels mehr als einmal um die Ohren, und am Ende war er der Dumme. Und mich anzupacken traute sich wie gesagt niemand. Wäre ich fies gewesen, hätte ich das ausnutzen können. Ich hätte immer den ersten Schlag gehabt, den Überraschungseffekt, und ganz schwach auf der Brust war ich auch nicht. Aber ich war und bin absolut nicht der aggressive Typ.
Aber anlegen wollte sich doch keiner mit mir. Und wohl auch deshalb stimmten nicht alle in dieses Mobbing ein. Ich war stark und selbstbewusst, hatte einen großen Freundeskreis aus eben durchweg normal großen Freunden und spielte in der normalen Fußballmannschaft. Ich bin immer mit dem Strom geschwommen, war akzeptiert und alles andere als das typische Opfer. Wer mich ärgerte, tat das, weil er ein Problem mit sich hatte, nicht mit mir. Mit Neid oder Eifersucht. Doch er fand immer nur eine ganz begrenzte Anzahl an Verbündeten. Und deshalb war schnell klar, dass man sich mit dummen Sprüchen über mich nicht würde profilieren können.
So konnte ich mich weitgehend aus Streitereien raushalten. Und ich bin auch immer gut damit gefahren, Hänseleien entweder zu ignorieren oder mit Humor zu kontern. Meine Oma hatte immer versucht, mir einzubläuen, dass ich mich wehren muss. Dass ich bei fiesen Sprüchen auf die Spötter zugehen und sie zur Rede stellen soll. In ihrer Generation hat man das so gelernt, sich bloß nichts gefallen zu lassen. Omas Rat war gut gemeint, und ich habe oft darüber nachgedacht. Doch was will ich mit solch stumpfen Menschen diskutieren? Wie könnte ich den Glauben oder die Hoffnung haben, sie zu bekehren? Wie will man sich geistig duellieren, wenn das Gegenüber quasi unbewaffnet ist?
Meine Eltern empfahlen mir, dass Ignorieren die bessere Variante sei. Wer aufbegehrt, wer sich über flapsige Sprüche aufregt und aufbrausend reagiert, der zeigt nur, dass er getroffen ist, dass der Angreifer einen wunden Punkt gefunden hat und dass man selbst im Endeffekt nicht so gut mit allem klarkommt, wie man vorgibt. Und dann bietet man eine Angriffsfläche. Weghören und ausharren, bis sie aufhören, das war eindeutig effektiver. Manchmal reizte es mich eben doch, einen Spruch mit einem besseren zu kontern. Aber wenn mir gerade kein besonders guter einfiel, konnte ich auch die Klappe halten. Oder gleich die Ohren auf Durchzug stellen. Und irgendwann, nach einigen innerlich mit mir selbst ausgefochtenen Kämpfen, erreichte ich den Punkt, dass ich nur noch still in mich hineinlächelte und dachte: „Du arme Wurst! Ärgern kannst du mich nicht, wenn du es willst. Sondern nur, wenn ich es zulasse.“
Der kleine, große Bruder
Grundsätzlich betrachtet würde ich sagen, dass meine Eltern mich nicht anders behandelt haben als meine Geschwister. Das war ihnen immer ein hohes Anliegen, und sie haben es, so gut es nur irgendwie möglich war, auch geschafft. Meine Geschwister würden das wahrscheinlich etwas anderes sehen, das tun Geschwister immer. Okay, und wenn ich ehrlich bin, haben sie zumindest auch ein bisschen recht. Wenn sie behaupten, „Papa hat dich viel mehr in Schutz genommen als uns“, dann fällt es mir schwer, das zu entkräften. Es mag sein, dass dies hier und da im Unterbewusstsein passiert ist und dass ich auch – ebenso unbewusst – als kleines Schlitzohr versucht habe, meine Vorteile gegenüber den beiden auszureizen. Vielleicht durfte ich ein klein wenig mehr als meine Geschwister. Doch dafür hat meine Schwester das größte Zimmer bekommen. Sie ist ja auch größer. Fair fand ich das trotzdem nicht ganz.
Aber natürlich ließ es sich nicht vermeiden, dass ich mehr im Mittelpunkt stand. Ich war der Besondere, der Ungewöhnliche. Egal, ob ich das wollte. Und egal, ob meine Geschwister das wollten. Meine Schwester hat es in der Pubertät auch zwischenzeitlich ganz schön genervt, dass sich so viel um mich drehte und sie immer wieder nach mir befragt wurde. „Wieso werde ich eigentlich immer gefragt, wie es für mich ist, dass du klein bist“, fragte sie mal: „Und warum kann ich dann nicht einfach sagen, dass du frech warst, mich geärgert hast und mich in die Vitrine geschubst hast.“ „Das kannst du doch“, war meine Antwort. Aber nein, das konnte meine Schwester nicht. Denn selbst im engsten Familienumfeld gab es unausgesprochen manchmal diese kleine Blockade: Über den Behinderten schimpft man nicht.
Und natürlich gab es auch immer wieder Momente, in denen der Kleine von der Verwandtschaft bevorzugt wurde. Zum Beispiel von meinem Onkel, der auf einem Bauernhof arbeitete. Wir wollten ihn immer alle begleiten. Schweine, Kühe und vor allem natürlich Trecker, das fanden wir alle unglaublich spannend. Mich hat mein Onkel öfter mal mitgeschmuggelt. Ich habe mich im Fußraum versteckt und durfte mit.
Da diese Bevorteilungen aber nicht überhandnahmen und da all meine Verwandten nie den Eindruck erweckten, dass sie mich lieber hatten als meine Geschwister, war es irgendwann für uns alle normal. Matze durfte eben ein bisschen mehr als seine Schwester und sein Bruder. Das war unbewusst, das war okay so. Meine Geschwister haben sich irgendwann nicht mehr daran gestört, und auch für mich war es dann normal. Heute, nachdem wir alle flügge geworden sind, sind wir alle drei ganz dicke und würden füreinander durchs Feuer gehen.
Alles in allem war ich aber trotzdem ein ganz normaler „großer Bruder“. Der kleine, große Bruder. Auch als meine Geschwister größentechnisch an mir vorbeigezogen waren. Ich war nun einmal der Älteste und im Großen und Ganzen dann meist auch der Reifste. Ich habe mich auch immer als ihr Beschützer gefühlt. Obwohl meine Geschwister nie Ärger hatten und ich somit auch nie beweisen musste, dass ich sie auch beschützen oder notfalls rächen kann. Und ich kam auch nie in die (Not-)lage, meiner Schwester irgendwelche seltsamen Freunde vom Hals zu halten oder im Namen meiner Eltern einzugreifen.
Aber noch heute kann ich schlecht mit ihr rausgehen, weil das in mir immer noch den Beschützerinstinkt weckt. Ich bin auch schon mal dazwischengegangen, wenn sie in der Disco vollgequatscht wurde. Sie ist nun mal meine kleine Schwester. Egal, wie groß und wie alt sie ist. Ich bin mal gespannt, in welchem Alter sich das legt. Oder ob es auf immer so bleibt. Und wenn mein Bruder mich in Köln besucht hat und nach Hause gefahren ist, habe ich – ganz der große Bruder – immer gesagt: „Meld dich, wenn du gut angekommen bist.“
Meine Schwester war rund 15 Jahren mit ihrer ersten großen Liebe zusammen. Mit einem meiner besten Jugendfreunde. Früher habe ich immer mit ihm abgehangen. Er hat bei mir übernachtet, ich bei ihm. Wir haben zusammen Playstation gezockt und auch Scheiß zusammen gebaut. Und irgendwann war er dann eben mit meiner Schwester zusammen. Wie es dazu kam, habe ich nie gefragt. Man muss nicht immer alle Details kennen.
Umgekehrt waren die Freundinnen meiner Schwester für mich immer tabu. Nicht, dass sie keine hübschen Freundinnen gehabt hätte, und zwei Jahre jünger war eigentlich auch das ideale Alter. Aber ich habe mich nie getraut, eine von ihnen anzusprechen oder gar anzubaggern. Und es blieb mir auch erspart, mich in eine von ihnen zu verlieben. Meine Schwester hat mich ihren Freundinnen aber nie vorenthalten. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie sich für mich schämt, überall hat sie mich präsentiert und vorgestellt. Sie war wohl sogar eher stolz auf mich.
Im Gegenzug waren meine Geschwister aber eben auch diejenigen, die am wenigsten Rücksicht auf mich genommen haben. Sie konnten akzeptieren, dass mir manches mehr durchgelassen wurde, aber ich sollte mal nicht glauben, dass sie mich deshalb auch noch in Watte packen oder bevorzugt behandeln würden.
Doch der Bereich, in dem sich meine Eltern wirklich deutlich mehr um mich gekümmert haben, war der Sport. Ich weiß nicht, wie viele Stunden meine Mutter und vor allem mein Vater dafür geopfert haben, mich durch die Weltgeschichte zu fahren und mir bei meinen mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen auf den unterschiedlichen Gebieten zuzusehen. Das lag aber eher daran, dass die anderen beiden in dieser Hinsicht nicht so engagiert waren wie ich. Hätten sie das gleiche Feuer in Sachen Sport gehabt, hätte sich mein Vater sicher nicht minder für sie ins Zeug gelegt.
Im Kern bin ich schon ein Mama-Kind. Das Verhältnis zu meiner Mutter ist sehr, sehr innig. Aber auch das Verhältnis zu meinem Papa ist ausgesprochen gut. Er hat mich in meinem Leben vielleicht dreimal in den Arm genommen, aber das hat nichts mit mangelnder Zuneigung zu tun. Er hatte das von zu Hause so mitbekommen. Dennoch habe ich immer eine enge Bindung zwischen uns gespürt. Und gerade dadurch, dass wir außer in unserem Humor ziemlich unterschiedlich sind, war mein Vater für mich in vielen Lebensphasen sehr wichtig. Ohne ihn wäre ich niemals so weit gekommen. Er hat mich immer sehr unterstützt und stand zu einhundert Prozent hinter mir. Und wenn ich schwankte und haderte, wenn ich mich nicht entscheiden konnte, weil ich selbst nichts verpassen und es aller Welt recht machen wollte, gab er mir den Weg vor. Wenn ich jammerte, weil mich vor einem Wettkampf Rückenschmerzen plagten, sagte er: „Rumheulen gilt nicht. Entweder gehst du jetzt da raus und zeigst es allen. Oder die Schmerzen sind zu groß, dann kannst du nicht starten. So oder so: Entscheide dich!“
Mein Bruder ist genauso: Bei ihm gibt es nur ganz oder gar nicht. Was auch dazu führte, dass er bis heute noch nicht einen einzigen Wettkampf von mir gesehen hat. Keinen, in rund 15 Jahren. Nicht einmal einen in der näheren Umgebung. Doch das hat nichts damit zu tun, dass wir uns nicht verstehen würden oder er mir nichts gönnt. Das Gegenteil ist der Fall. Mein Bruder fragt immer nach den Ergebnissen. Es interessiert ihn. Er freut sich auch für mich, wenn ich gewinne. Aber es interessiert ihn eben nicht so sehr, dass er einen ganzen Tag dafür opfern würde, mir hinterherzufahren und sich einen Wettkampf anzusehen. Mein Bruder ist eben nicht der Typ, der sich verstellt. Wenn ihn etwas nicht interessiert, dann interessiert es ihn nicht. Das ist ehrlich, damit kann ich leben.
Mein Bruder interessiert sich nicht für meinen Sport, aber das heißt keineswegs, dass er sich nicht für mich interessiert. In jeder anderen Hinsicht ist er immer für mich da. Als ich am Knie operiert werden musste, kam er die rund 150 Kilometer von Coesfeld nach Köln gefahren, hat mich ins Krankenhaus gefahren und dort gewartet, bis ich aus dem OP kam. Er hat mir Krücken besorgt, hat mich nach Hause gefahren und eine Nacht bei mir übernachtet. Erst als er sich am nächsten Morgen mehrfach versichert hatte, dass es mir gutgeht, war er dazu zu bewegen, wieder nach Hause zu fahren.
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