Читать книгу: «Meine Seele will endlich fliegen»
Inhaltsverzeichnis
Impressum 7
Widmung 8
Vorwort 10
Einleitung 13
1 Krise als Chance? – Stimmt das? 17
Was soll denn diese Krise? – Was bitte will sie von mir? – Habe ich sie gerufen? 19
Was hat eine Krise mit Krankheit und Tod gemeinsam? 20
Wir sterben in unserem Leben nicht nur einen Tod 22
Das Leben ist immer für uns – Stimmt das? 24
Herz und Hirn – Wir brauchen beides 27
2 Wo fange ich am besten zu erzählen an? 32
3 Was hat mich in diese Situation gebracht? 43
Mehr oder weniger un-bewusste Weg-Gefährten 43
Und in der Lebensmitte senkte sich eine dunkle Wolke herab 47
Mehr oder weniger bewusste Weg-Gefährten 48
Wie alles begann 52
Hierzu ein kleiner Exkurs zu unserer Seele 55
4 Von der Kunst, so viele „Rote Ampeln zu übersehen“ 69
Von der Liebe – Wie habe ich sie gelebt? 69
Alleinsein = „Angst essen Seele auf!“ 74
Mein Partner – mein Spiegel 75
Das Gottesbild der Kindheit darf sich wandeln 76
Ein schleichender Prozess 80
5 Zusammenbruch und was dann? 86
6 Es muss zwischen Himmel und Erde etwas geben, das Heilung bewirkt! 94
Meine ersten Schritte hinein in ein bewussteres und gesünderes Leben 94
Der Weg ist das Ziel 97
Lehr- und Studienjahre 99
Von der Heilkraft des Schreibens 101
7 Was sagen mir Burnout, Depression und Posttraumatische Belastungsstörung? 107
Was sagt mir das Burnout? 109
Was lehrt mich die Depression? 110
Posttraumatische Belastungsstörung (= PTBS) 116
Nicht gelebte Gefühle und seelischer Schmerz 118
Die Geschichte meines größten Seelenschmerzes 120
Symbiosetrauma – Können wir durch Verbundenheit belastet sein? 124
Transgenerationales Trauma – Generationsübergreifendes Trauma 129
8 Warum Krise und Krankheit? – Was sagen Körper, Geist und Seele dazu? 138
Was lehrt mich mein Körper? 143
Autoimmunerkrankung und Autoaggressionserkrankung – Was ist darunter zu verstehen? 144
Entzündung – Inflammation 157
Krebs am Beispiel Morbus Hodgkin 161
Schilddrüsenerkrankung 165
Mit Haut und Haar 168
Was sagt mir mein Geist? 179
Bewusst vs. unbewusst 182
Was hat der Darm mit unserem Gehirn zu tun? 196
Vom Darm zurück zum Gehirn 201
Meditation statt Medikation 211
Energie folgt der Aufmerksamkeit 215
Was sagt mir meine Seele? 225
Mensch, erkenne dich selbst 238
Was ist die wahre Essenz des Menschen? 239
9 Gesundheit – unser höchstes Gut! 246
Was ist Gesundheit? – Wie lässt sie sich definieren? 246
Was ist unter dem Begriff Salutogenese zu verstehen? 249
10 Friede beginnt bei mir – Liebe beginnt bei mir – Heilung beginnt bei mir 255
Was heißt Verantwortung übernehmen? 258
Sorge gut für dich! – Achte stets auf deine innere Balance! 264
Liebe ist und bleibt der kostbarste Schatz der Welt 266
11 Leichter leben mit dem Wissen um die Geistigen Gesetze 271
Die Macht der Gedanken 274
Das Gesetz von Ursache und Wirkung 278
Macht der Sprache 278
Durchsetzungsvermögen vs. Harmoniebedürfnis 280
Gleiches zieht Gleiches an 287
Das Gesetz der Anziehung 289
12 Hochsensibilität – Fluch oder Segen? 292
Was habe ich über Hochsensibilität gelernt? 294
Gibt es in meiner Familie eine genetische Veranlagung für Hochsensibilität? 297
Erziehung damals und heute 310
13 Was habe ich noch so alles über mich gelernt? 315
In uns lebt das Kind, das wir einmal waren 315
Entdecke deine Einzigartigkeit und lebe dich 327
Zurück zu den Helden meiner Kindheit 331
Was hat eine Metamorphose mit Heldentum und Persönlichkeitsentwicklung zu tun? 335
Die Geburt des Schmetterlings 336
Stufen der psychosozialen Entwicklung nach E. H. Erikson 342
14 Das kosmische Gesetz der Verwandlung 348
Warum ist Veränderung wichtig? 350
Die sieben Phasen des Veränderungsprozesses 352
Wie können wir Veränderung meistern? 354
Ohne spirituelle Entwicklung kann es keine Heilung geben 357
15 Wessen Werte lebe ich eigentlich? 363
Vom Mut, die Fesseln zu sprengen und eigene Weg zu gehen 369
Nicht die anderen begrenzen uns. Wir begrenzen uns selbst. 372
16 Wie Erfahrungen unsere Gene steuern 378
Der Korb des alten Mannes 380
Transgenerationale Vererbung – Was ist darunter zu verstehen? 385
Auf die Umwelt kommt es an 389
Warum werden wir überhaupt krank? 392
Arbeitet der Mensch um zu leben, oder lebt er um zu arbeiten? 395
Stressfalle „Hamsterrad“ 397
Das Rad des Lebens – die gesunde Alternative zum Hamsterrad 398
17 Resilienz – das Immunsystem der Seele? 404
Kraft- und Ressourcen-Tankstelle Vergangenheit 406
Biografie-Arbeit – Wie wurde ich zu dem Menschen, der ich heute bin? 408
Fragen – Fragen – Fragen: Immerzu Fragen – Warum so viele Fragen? 416
Wer bin ich? – Was macht mich aus? – Was ist meine Bestimmung? 418
Wie weiß ich, ob ich das richtige Leben lebe? 425
18 Wie kann ich Veränderungsprozesse bewusst angehen? 430
Wer spricht denn da? – Eine Konferenz unseres inneren Teams 432
Warum schieben wir Veränderungen vor uns her? 439
Warum haben wir Angst vor Veränderungen? 443
19 Glaubenssätze und Überzeugungen – Wo kommen sie her? 445
Einen Glaubenssatz ändern heißt unser Selbstbild ändern 450
Techniken zur Auflösung von limitierenden Glaubenssätzen und Überzeugungen 451
Byron Katie und The Work – Wie funktioniert der Prozess? 452
EFT – Tapping – Klopfen: Was kann ich mir darunter vorstellen? 458
Affirmationen – ein Wundermittel gegen negative Glaubenssätze und Gedanken? 480
20 Selbstsabotage – Wo kommt sie her? – Was macht sie mit uns? 491
Warum befinden wir uns immer wieder einmal in Situationen, in denen wir uns sabotieren? 497
Was können wir gegen das Selbstsabotage-Programm tun? 499
Müssen selbstsabotierende Muster grundsätzlich negativ sein? 503
Lässt sich ein Selbstsabotage-Programm mit EFT und Affirmationen überwinden? 505
21 Vergebung – der Schlüssel zur Heilung aller Wunden? 515
Warum sollen wir vergeben? 515
Ho’oponopono – ein hawaiianisches Vergebungsritual 524
Wie praktizieren Sie das Ho’oponopono Vergebungsritual? 525
Vergebung und Gesundheit 528
22 Was habe ich aus allem gelernt? 532
Mit Dankbarkeit verändert sich der Blick auf unser Leben 532
Von der Drama-Queen zur Goldgräberin – Von der Goldgräberin zur Gastgeberin 536
Mein himmlisches Dream-Team 539
Mein Leben – Ein steter Traum von der Liebe 543
Was ist für mich das Schönste am Träumen? 547
Worum geht es bei unserem Weg? 548
23 Rückblick auf die Zeit- und Kulturgeschichte der Menschheit vom Ende des Mittelalters bis circa 1850 560
Eine kleine Auswahl historisch bedeutsamer Ereignisse und Fakten 560
Philosophie, Literatur- und Kulturgeschichte dieser Zeit 568
24 In welchem Zusammenhang steht die Zeitreise zum Inhalt des Buches? 584
Frieden beginnt niemals im Außen, sondern in mir 590
Nicht gelebte Gefühle und aufgestaute negative Energie 596
Notwendigkeit einer guten Gesprächsführung und Kommunikation 609
Beziehungskultur = Gesprächskultur 613
Wie steht es um die Liebe zu mir selbst? 616
Was hat der persönliche Friede mit dem Frieden in der Welt zu tun? 620
25 Fazit aus fünfhundert Jahren Zeit- und Kulturgeschichte 627
Was heißt „Spirituelle Revolution“? – Was ist damit gemeint? 629
Das Goldene Zeitalter – Was kann der Einzelne dafür tun? 631
Das Göttliche 633
Literatur- und Quellenverzeichnis 634
Quellenangaben 640
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-669-8
ISBN e-book: 978-3-99107-670-4
Lektorat: Mag. Eva Zahn
Umschlagfotos: Cardiae, Tawanlubfah | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Widmung
Dieses Buch widme ich
Gott,
der
mein Lehrer ist,
mein Segen ist,
mein Licht ist,
mein himmlischer Vater ist,
die Quelle meiner Inspiration ist,
mich besser kennt als ich mich selbst.
Gott, von dem ich weiß, dass er mich stets bedingungslos liebt.
Und dafür danke ich ihm und liebe ihn!
Viele Jahre hat mir der Zugang zu Gott gefehlt. – Warum?
Weil ich so verletzt war. Weil ich gar nicht wusste, wie mir geschah. Weil ich gar nicht wirklich wusste, wozu es mich auf dieser Welt gibt. Weil ich nicht wusste, was der Sinn meines Lebens ist. Weil ich mich ungeliebt fühlte. Weil ich mich getrennt fühlte. Weil ich mich betrogen fühlte. Weil ich mich gedemütigt fühlte. Weil ich unermesslich traurig war. Weil ich mich verlassen fühlte. Weil ich enttäuscht war. Weil ich beleidigt war. Weil ich gekränkt war. Weil ich frustriert war. Weil ich zornig war. Weil ich verbittert war. Weil ich undankbar war. … Hört sich das gut an? – NEIN! – Es hört sich vielmehr nach einer Version 4,762 mm
Vorwort
Gestutzte Eiche
Wie haben sie dich, Baum, verschnitten.
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.
Das Gedicht Gestutzte Eiche von Hermann Hesse (Juli 1919) beschreibt auf eine sehr traurige, aber auch tief berührende und schöne Art, was es heißt, den Stürmen des Lebens zu trotzen und voller Hoffnung einen Neuanfang zu wagen.
Bis ich aber wieder da hinkam, dass ich – Hermann Hesse zitierend – sagen konnte „Und allem Weh zu Trotze bleib ich verliebt in die verrückte Welt“, dauerte es seine Zeit. Anfangs dachte ich, dass mir diese Worte gar nicht mehr über die Lippen kommen, weil ich so an meinem Leben zerbrochen war, doch heute kann ich zum Glück wieder optimistisch und voller Hoffnung in die Welt sehen und diese letzten Verszeilen auch mit einer von Herzen kommenden Kraft sprechen, denn ihre Botschaft hat sich für mich bewahrheitet. – Und sollten Sie sich als Leser derzeit unter Umständen in einer ähnlichen Situation befinden wie ich es war, dann wünsche ich Ihnen von Herzen alles Gute und dass auch Ihr „Wesen unzerstörbar bleibt“ und auch Sie „verliebt bleiben in die Welt“.
Mein besonderer Dank gilt auch meinen Eltern,
die mir so vieles in meinem Leben ermöglicht haben.
Und die mir stets all das an Fürsorge und Liebe gegeben haben,
was ihnen möglich war.
Ganz herzlichen Dank dafür!
„Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum.
Wenn viele gemeinsam träumen,
ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit.“
Friedrich Hundertwasser
Einleitung
Ich bin eine Träumerin, stehe dazu und bin sehr stolz darauf eine Träumerin zu sein.
Früher wurde mir oft gesagt: „Hör endlich mit dem Träumen auf!“ – Das habe ich dann tatsächlich irgendwann auch getan und von den Eltern, Lehrern und anderen Menschen gelernt, was es heißt, statt zu träumen mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen. Habe gelernt, brav, verhalten sowie angepasst zu sein und bestmöglich zu funktionieren, bis meine Seele sehr laut und sehr deutlich nur noch um „Hilfe“ rief.
Doch was bleibt, wenn wir ein Leben leben, in dem wir nicht mehr träumen dürfen?
Wir passen uns einer Welt an, die im Grunde genommen nicht die unsere ist. Eine Zeitlang geht das ganz gut, doch irgendwann rächt sich dieser Selbstbetrug und zeigt uns in Form von Krankheit und Krisen, was falsch ist in unserer Welt. Und vor Herausforderungen und Schicksalsschläge gestellt, gilt es dann zu erkennen, dass wir das Haus unseres Lebens auf die falschen Werte und Ziele gebaut haben, weil es nicht die unsrigen sind. Es sind die Werte und Ziele einer anderen Generation. – Ein Träumer bleibt ein Träumer.
Ich habe zwar sehr lange versucht, mich nach den Richtlinien der anderen zu richten, bis ich mich letztlich der größten Krise meines Lebens gegenübersah. Habe statt zu träumen meinen Verstand gebraucht und mir damit eine Welt erschaffen, die der der anderen sehr ähnlich war. Doch es war nicht wirklich meine Welt. Ich musste erkennen, welchen Irrtümern und Fehlern ich aufgesessen war. – Heute weiß ich, dass meine Fähigkeiten ganz woanders liegen. Heute gestehe ich mir zu, dieses Potential immer mehr zu entdecken und bewusst danach zu leben. Und jetzt, wo es mir zum Glück wieder um so vieles besser geht, habe ich beschlossen, fortan wieder ein Träumer zu sein. Mir träumend ein neues Leben zu gestalten und dieses dann von Minute zu Minute zu genießen und wahrhaftig zu leben, wahrhaftig zu sein. Nun, so lassen Sie mich träumen, ein wenig ver-rückt (dem alten Leben ent-rückt) sein und die Dinge mal aus einer ganz anderen Perspektive sehen. – Ob Sie dies dann ebenso sehen wie ich, das entscheiden letztlich Sie selbst.
Für mich darf heute alles sein. – Sie dürfen im Hinblick auf meine Worte kritisch, ja sogar distanziert sein. Sie dürfen die Dinge anders sehen. Sie dürfen aber auch mit mir weinen und lachen. Ich habe dieses Buch geschrieben, weil mich Gott und meine Engel darum gebeten haben. Jetzt gehe ich meinen nächsten Schritt, stelle mich meiner Angst und habe den Mut, meine Geschichte und all das, was ich inzwischen lernen sollte, mit Ihnen zu teilen.
Ich freue mich sehr, wenn Sie das Buch lesen. Vielleicht wollen Sie es sogar jemandem schenken. Das wäre wunderbar. Lassen Sie sich inspirieren und folgen Sie Ihrem Herzen. Ich wünsche Ihnen, ebenfalls wieder ein bisschen zu träumen und darauf zu hören, was Ihnen Ihr Herz sagt.
Da es mein erstes Buch ist, sehen Sie mir bitte so manchen Fehler nach. Ich habe mein Bestes gegeben. Anfangs habe ich noch oft versucht, beim Schreiben meine Gedanken zu kontrollieren und genau zu überlegen, was ich schreiben darf und was nicht. Was sozusagen gesellschaftsfähig ist und was nicht. – Doch tat ich dies, sollte mir jedes Mal das Schreiben nicht gelingen, denn dann fielen mir nicht die richtigen Worte ein. Erst wenn ich mein Ego spazieren schickte und mich ganz ins Vertrauen in eine höhere Macht begab, die mit diesem Buch auch Sie als Leser erreichen will, konnte ich mich dem Prozess des Schreibens anvertrauen und im Hinblick auf das Ergebnis zuversichtlich sein. Zu vieles wollte mir mein Kopf diktieren, doch mein Herz sagte jedes Mal „Nein!“.
Auch für mich war bei alledem viel Neues und Überraschendes dabei. Vor allem, dass mein Erstlingswerk ein Buch wird, das durchaus der Rubrik spirituelle Literatur zugeordnet werden kann, das war mir, als ich mit dem Schreiben anfing, so nicht klar. Rubrik Sachbuch und Lebenshilfe ja, aber dass während des Schreibens meine Seele immer mehr die Regie führen sollte, überraschte mich selbst, obwohl ich es aus heutiger Sicht verstehen kann, denn so wie ich mein Leben lebte, kam sie in den letzten Jahrzehnten viel zu kurz. Also habe ich ihr jetzt meine Aufmerksamkeit, meine Worte und damit auch meine Stimme gegeben.
Was heißt Spiritualität für mich? – Zu wissen, dass es eine höhere Macht gibt, die wir Gott, Schöpfer, Universum, Quelle usw. nennen, die mich durch dieses Leben führt, und dass ich mit meinem Spirit und meinem Herzen stets mit dieser Quelle, die ich Gott nenne, verbunden bin. Spiritualität heißt für mich auch, dass ich mir dessen bewusst bin, dass ich in Wahrheit eine Seele bin, die sich für diese Inkarnation diesen menschlichen Körper ausgesucht hat, um hier auf Erden für eine bestimmte Zeit bestimmte Erfahrungen zu machen, um als Seele zu wachsen und zu reifen, um so mein Bewusstsein zu erweitern.
Was bedeutet es für mich, spirituell zu sein? – Mutter Natur und alle Lebewesen zu achten, sowie ihnen liebevoll, respektvoll und wertschätzend zu begegnen. Ein Menschen-Freund zu sein, sowie das Gute, das Göttliche im anderen zu sehen. Aus meinem Herzen heraus zu denken, zu fühlen, zu sprechen, zu handeln und zu sein. Achtsam und aufmerksam durch mein Leben zu gehen. Wieder zu werden wie ein Kind, indem ich die Welt wieder mit neugierigen Kinderaugen sehe und mir wieder erlaube zu träumen, zu lachen, zu singen, zu tanzen, mich selbst zu vergessen, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen, sondern kreativ zu sein und mehr zu spielen.
Dieses Buch war zunächst gar nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Ich fing an mit dem Schreiben, um meine Gedanken zu klären. Inzwischen ist für mich vieles an Veränderung geschehen. Und je mehr ich schrieb, umso mehr war die Botschaft da: Veröffentliche dieses Buch! Es soll den Menschen dienen. Es wird die richtigen Leser finden. – Vielleicht sind Sie es, der dieses Buch gerade in den Händen hält und diese ersten Zeilen liest. Wenn dem so ist, dann freue ich mich und wünsche Ihnen ganz viel Freude beim Lesen!
Herzlichst
Hermine Merkl
1
Krise als Chance? – Stimmt das?
„Die Welt zerbricht jeden, und nachher sind die
meisten an den gebrochenen Stellen stärker.“
Ernest Hemingway
„Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm
nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“
Max Frisch
Krisen. – Sie kommen unvorbereitet. Keiner mag sie und doch gehören sie zu unserem Leben dazu. Es ist, als hätten wir mit ihnen auf der Reise unseres Lebens eine ganz besonders interessante „Attraktivität“ dazu gebucht, ohne uns dessen bewusst zu sein. Das Problem ist nur, dass sie so gänzlich unverhofft in unser Leben drängen. Sie geschehen, ohne dass wir gefragt werden, ob wir an dieser Art von Sonderveranstaltung Interesse haben. – Oder doch? – Und kommen wir aus diesen Krisen „ungeschoren“ davon? Heißt es nicht, dass wir unser Schicksal selbst in der Hand haben? – Dass wir mit unserem Charakter unser Schicksal bestimmen? – Dass wir dabei Gutes und weniger Gutes anziehen, je nachdem worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten? Derzeit scheint uns unser Schicksal an die Hand zu nehmen, um zu verändern, was der Veränderung bedarf.
Sind wir als Menschheit in eine Sackgasse geraten, aus der uns unser Schicksal nun befreien will? – Sind wir im Kleinen (jeder Einzelne von uns) wie im Großen (gesamtgesellschaftlich gesehen) weltweit einem falschen Weg gefolgt? – Haben wir uns dabei selbst verloren? Heißt es nicht, das Schicksal meint es gut mit uns? – Es gibt so vieles, was wir in Zeiten von Schicksalsschlägen und Krisen nicht erklären können. Doch so fest wie uns die Krise in der Hand hat, sind wir aufgefordert durch diese hindurchzugehen. Sollen erkennen, was wir falsch gemacht haben. Sehen lernen, wo wir vom Weg abgekommen sind. Tun wir dies, können wir tatsächlich aus der Krise für die Zukunft lernen und ihr, wie es Max Frisch sagt, den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. Doch damit dies geschieht, ist jeder Einzelne von uns gefragt. Nutzen wir die Zeit effektiv, kann Veränderung, Transformation und Heilung geschehen.
Schriftsteller, Literaten wie Ernest Hemingway, Max Frisch und noch viele andere große Persönlichkeiten der letzten Jahrhunderte, lassen mit ihren Aphorismen, die sie uns als eine Art Vermächtnis hinterlassen haben, in uns im Hinblick auf das Phänomen einer Krise die Hoffnung aufkeimen, dass in jeder Krise bereits etwas Positives angelegt ist. Und letztlich zeigt uns zum Glück auch die Geschichte der Menschheit auf, dass es bei jeder Krise trotz anfänglichem Chaos irgendwie immer wieder weitergeht. Wenn auch anders als zuvor, denn eine wesentliche Aufgabe der Krise ist es, all das aufzulösen und zu zerstören, was uns nicht länger dient.
Das Wort „Krise“ setzt sich im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen zusammen. Ein Schriftzeichen bedeutet Gefahr. Das andere heißt Gelegenheit. – Doch Gelegenheit wozu? – Das herauszufinden liegt an uns. Hier ist jeder Einzelne von uns gefragt. Wir müssen uns bewusstwerden, dass letztlich jeder von uns irgendwie seinen Beitrag dazu geleistet hat.
Lassen Sie mich dazu mit Betrachtung meiner eigenen Krise ein Beispiel geben, wie mich mein Schicksal herausgefordert hat, um mich endlich dazu zu bringen, aufzuwachen und zu erkennen, wie ich selbst sowohl bewusst, als auch unbewusst zu meiner Krise beigetragen habe. Anfangs habe ich mich noch dagegen gewehrt, dass ich selbst der vermeintliche Verursacher sein soll. Es wäre doch viel einfacher gewesen, dem einen oder anderen die Schuld für dieses und jenes zu geben. Aber ich konnte die Geschichte drehen und wenden, letztlich hat sie mich immer und immer wieder zu mir selbst zurückgeführt. – Ja, ich weiß, es hört sich nicht schön an, wenn man gesagt bekommt, dass man selbst Täter und Opfer zugleich ist. Kann ich sehr gut verstehen, dass einem dieser Gedanke nicht gefällt. Schließlich habe ich es für mich selbst erlebt.
Lange habe ich überlegt, ob ich für dieses Beispiel mit meinem Namen stehen will. Im Grunde genommen ist es jedoch egal, denn ein Name ist nur ein Name. Nicht weniger, nicht mehr. Wenn ich dafür aber jemandem helfen kann, dann ist es mir dieses Bekenntnis zu meinen Fehlern wert. Schließlich sind wir alle hier, nicht um ein Geheimnis aus unseren Fehlern zu machen, sondern um aus ihnen zu lernen. Und außerdem weiß ich heute: Wenn’s weh tut, dann betrifft es nicht mein wahres Selbst, sondern dann fühlt sich nur und ausschließlich mein Ego verletzt. Und damit kann ich wiederum leben, denn letztlich ist es das Ego, das durch die Krise sterben soll. Schließlich hat es mich auf die Irr-Wege gebracht, die ich mir jetzt einmal aus anderer Perspektive heraus anzuschauen habe. Und dabei gibt es so manches zu entdecken, wie mein bisheriges Leben zeigt.
Was soll denn diese Krise? – Was bitte will sie von mir? – Habe ich sie gerufen?
Die Krise, die ich mit knapp 55 Jahren erlebt habe, forderte mich auf, meinen bisherigen Lebensentwurf, mein ganzes Denken, Handeln und Sein in Frage zu stellen. Es war wie ein Höllen-Schlund, der sich vor mir auftat. Und ich fiel direkt hinein. Konnte nichts stoppen. Ob ich wollte oder nicht, ich musste genau in dieses schwarze Loch hinein. Es schien keinen anderen Weg mehr zu geben als den, den ich vor mir sah. Und dieser Weg war ein sehr schmaler Grat. – Ein falscher Tritt. Und ich falle noch tiefer in diese schwarzen Untiefen hinein. – Was ist los? – Was soll ich hier? – Warum muss ich da durch? – Wollte ich das so? – ???
Dieses schwarze Loch forderte mich auf, in meinem Leben die Pause-Taste zu drücken. Innezuhalten. Einen Schritt zurückzutreten. Die Situation auszuhalten. Die Leere auszuhalten. Mich auszuhalten. – Ja, Sie lesen richtig. Mich selbst auszuhalten und mir anzusehen, was ist. Was ich mir da erschaffen hatte. Es will, dass ich mir mein bisheriges Leben ganz genau ansehe, damit ich erkenne, wann genau ich von meinem Weg abgekommen bin. Damit ich erkenne, in welchen Sog ich da geraten bin. Damit ich erkenne, was es zu korrigieren gilt. Dass ich aus meinen Fehlern lerne und dass ich die notwendigen Schritte der Veränderung gehe. Denn mein Leben schreit förmlich danach, dass es so nicht weitergeht. – Was tun? – Verzweiflung? – Resignation? – Aus dem Leben gehen? – Weitergehen?
Was hat eine Krise mit Krankheit und Tod gemeinsam?
Krise, Krankheit, Tod – wir haben sie verdrängt. Aus unserem Alltag, aus unserem Leben. Aus unserem Bewusstsein. Keiner will sie haben. Sie führen ein Schatten-Dasein. Dabei haben sie uns so viel zu sagen. Sie wollen mit uns eintreten in einen Dialog. Wollen mit uns kommunizieren. Fordern uns auf, uns näher mit ihnen zu befassen. Sie uns anzusehen. Ihre Botschaft zu verstehen. Sie fordern uns auf, uns ihrer bewusst zu werden. Sie wieder in unser Leben, in unser Sein zu integrieren. Denn trotz ihres bitteren Beigeschmacks gehören auch sie zum Leben insgesamt dazu. Sie wollen nicht ausgeklammert werden. Schließlich haben sie uns viel zu lehren. Doch um ihre Sprache, ihre Worte zu verstehen, bedarf es sehr viel Mut, Ausdauer und Geduld. Ihre Bewältigung kann uns gelingen, wenn wir bereit sind, in den Schmerz, den sie mit sich bringen, hineinzugehen, auf unsere innere Stimme zu hören und uns ihrer Führung anzuvertrauen.
Ihr Weg führt uns – so mein Erleben – direkt in die Höhle des Löwen hinein. Es dauerte seine Zeit, bis ich verstanden hatte, wer dieser „Löwe“ war: mein Unterbewusstsein. Ihm stand ich völlig entwaffnet, nackt und mittellos gegenüber. Mit weit aufgerissenem Maul ließ es mich in seinen „Löwen-Schlund“ („Höllen-Schlund“) schauen und fauchte mich mit Gift, Galle und feuerspeiendem Atem an. Sie können sich vielleicht vorstellen, wie es mir bei diesem Anblick die Luft zum Atmen nahm. Ich fühlte mich fürs Erste mehr tot als lebendig. Voller Angst und am ganzen Körper zitternd wich ich anfangs vor diesem Ungeheuer zurück. Meine erste Reaktion: Panik und Flucht, als könnte ich vor ihm fliehen. – Es dauerte seine Zeit, bis ich in gebührendem Abstand zu ihm einen Platz fand, der mir so viel an Sicherheit bot, dass ich mich auf das, was unvermeidlich war, einlassen konnte. Natürlich entspringt dieses Bild meines Sturzes in die Höhle des Löwen meiner Phantasie, doch es beschreibt am ehesten meine Gefühle, sowie die Angst vor all dem Unbekannten, dem ich mich gegenübersah. So wie einem das Brüllen des Löwen durch Mark und Bein gehen kann, so bebte und zitterte auch ich am ganzen Körper. Musste erst lernen, mit all dem umzugehen, denn in dieser Höhle war nicht nur der Löwe. – Nein! – Da gab es noch so viele andere Fratzen und Gestalten. So viele Geister, die ich mit meiner Angst scheinbar heraufbeschwor. Sie alle sahen mich mit weit aufgerissenen Augen an. Zunächst erweckte es den Anschein, als hätten sie sich am liebsten gleich alle auf mich gestürzt. Zum Glück bewahrte mich mein Zusammenbruch davor und gewährte mir noch etwas Schonfrist.
Die unbändige Kraft dieser Geister, denen ich mich gegenübersah, erinnerte mich an meinen Lieblingshelden Odysseus aus Kindertagen. Wie er – auf seiner Rückreise nach Ithaka – sah auch ich mich einer Flut von Gefahren ausgesetzt. Lauerte auf ihn Skylla mit ihrem angsteinflößenden Heulen einer Hündin (ein Monster mit zwölf Armen und sechs Köpfen mit spitzen, scharfen Zähnen, die den Tod versprachen), so sah ich mich gegenüber dem zornentbrannten Löwen und all den Geistern ebenso in Gefahr. Doch so wie Odysseus keine andere Wahl hatte, als den Weg durch die Meerenge vorbei an Skylla zu nehmen, sah auch ich keine andere Wahl, als mich dem Unvermeidlichen hinzugeben, auch wenn ich nicht wusste, welche Ängste und Schrecken meine Geister unter ihren fratzenhaften Masken trugen, die sich mir erst nach und nach zu erkennen gaben. Das Einzige, was mir Trost versprach, war, dass die Geschichte meines Helden gut ausging. Und so hoffte ich, dass auch meine Reise gut ausgeht.
„Man muss durch die Nacht wandern,
wenn man die Morgenröte sehen will.“
Khalil Gibran
Wir sterben in unserem Leben nicht nur einen Tod
In Wirklichkeit ist jede Krise vergleichbar mit einem „kleinen Tod“. Krise und Tod verlangen von uns ein Hineingehen in die Welt der Schatten, in die Welt des Unbewussten. Sie bringen uns in tiefen Kontakt mit unseren Ängsten. Zeigen uns, was wir nur allzu gerne verdrängen. Konfrontieren uns mit dem, was wir nicht gerne sehen. Auch Odysseus, mein Held, stieg hinab in den Hades, in die Unterwelt. – Und je mehr wir aufgefordert sind, in dieses Unbekannte, in diese dunkle Welt hineinzugehen, umso mehr fordert sie uns auf, alles, was die äußere Welt repräsentiert, loszulassen. Und dieses Loslassen konfrontiert uns mit viel Trauer und Schmerz. So wie der Tod läutet jede Krise einen Abschied ein. Da gibt es kein Zurück. Eine Krise verlangt Abschied zu nehmen. Abschied von Menschen, Arbeitsplätzen, Lebenskonzepten, Selbstbildern und noch so vielem mehr. Und wie in einem Sterbeprozess durchlaufen wir in der Krise vier unterschiedliche Phasen, die uns letztlich aber wiederum zu ihrer Bewältigung dienen. Dabei gehen wir Schritt für Schritt, jeder für sich in seinem Tempo, den Weg vom anfänglichen Chaos über die Dysbalance wieder zurück in die Balance.
Phase 1: Verleugnung, Verdrängung, Nicht-Wahr-Haben-Wollen: mit allerletzter Kraft bäumen wir uns gegen das Unvermeidliche auf. Wir wollen es nicht wahrhaben, setzen uns zur Wehr. Aussagen wie „Es kann nicht sein, dass …“, „Ich bin nicht krank“ … begleiten diese Phase, in der geleugnet wird, was nicht mehr zu leugnen ist. Wir scheuen die Konfrontation mit dem Thema unserer Krise (Krankheit, Verlust, Trennung, Tod …).
Phase 2: Ist das Unausweichliche zu unserer Realität geworden, dann folgt der Zusammenbruch und mit ihm brechen im wahrsten Sinne des Wortes unsere Gefühle auf. Wir fühlen uns ohnmächtig, sind frustriert, fühlen uns vom Leben verraten, ungerecht behandelt. Gefühle wie Wut, Angst, Verwirrung, Unsicherheit, Selbstzweifel, Schuld, Scham etc. brechen aus uns hervor. Wir verlieren die Kontrolle. Werden mit unseren Ängsten konfrontiert und hadern mit dem Schicksal: „Warum geschieht das ausgerechnet mir?“, „Was habe ich getan, dass …?“
Dann, nach all der Zeit der Trauer, des Beweinens, der Verzweiflung, der Hoffnungs- und Orientierungslosigkeit beginnen wir uns nach und nach im Leben wieder ganz vorsichtig zurechtzufinden.
In Phase 3 kommen wir langsam wieder zur Ruhe. Unser aufgebrachter Geist beruhigt sich. Wir lernen, immer weniger mit unserem Schicksal zu hadern, stattdessen nehmen wir es an. Wir stellen uns Fragen wie: Was kann ich aus dieser Krise lernen? – Worin besteht ihr Sinn? – Was will sie mich lehren?
In Phase 4 schauen wir uns die Antworten an und überlegen, in welche Richtung wir weitergehen. Wir gehen positiv mit der Krise um, sind an einer Neufindung, an einem Neustart, an Lösungsmöglichkeiten interessiert. Suchen nach Alternativen und orientieren uns neu. Nach und nach schöpfen wir wieder Kraft, finden wieder neuen Mut. Balance stellt sich wieder her. Nach und nach merken wir, dass all das, von dem wir einst glaubten, dass es unser Leben zerstört, immer mehr zum „Geburtshelfer“ für eine zweite und weitaus schönere und reellere Chance Leben wird. Und so wie wir dies immer mehr erkennen, können wir rückblickend auf die vergangenen Ereignisse eines schönen Tages sogar sagen: „Das Leben ist immer für uns.“
Das Leben ist immer für uns – Stimmt das?
Wenn dieser Satz zutrifft, kann ich dann in einer Krise auch eine Chance sehen? – Kann es sein, dass das Leben tatsächlich immer für uns ist? – Ausnahmslos? – Auch in der Krise? – In einer Krise wie dieser, die uns alle weltweit betrifft? – Wie passt das zusammen? – Ist es nicht ziemlich naiv, im Hinblick auf eine solche Krise eine derartige Behauptung aufzustellen und diese dann auch noch öffentlich vertreten zu wollen? – Ist das nicht Irrsinn? – Blanker Hohn?
Ob eine Behauptung wie „Das Leben ist immer für uns“, liebe Leserin, lieber Leser, zutreffen mag, das können letztlich nur Sie entscheiden. Ich wähle mit Absicht diesen ungewöhnlichen Beginn und gebe zu, dass es im ersten Moment so aussehen mag, als könnte eine derartige Aussage niemals zutreffend sein. Denn stehen wir am Anfang einer Krise, dann erschüttert uns diese durch Mark und Bein. Schließlich bringt sie unser gesamtes Lebenskonzept durcheinander und führt im Falle von Corona weltweit zu sehr viel Kummer und Leid. Um es mit einem Bild zu sagen: Das Schiff unseres Lebens gerät derart ins Wanken, sodass Schieflage und Untergang drohen. Man sieht sich nur noch einem gewaltigen Sturm gegenüber, der scheinbar unaufhaltsam ins Chaos führt. Das Einzige, was bleibt, ist die Frage: Was war der Auslöser dafür? – Ungewollt werden wir mit einer gewaltigen Wucht aus dem bisherigen Leben herausgerissen und auf eine „Reise“ geschickt, die so (!) keiner von uns jemals gebucht hat. – Aber warum? – Was ist Sinn und Zweck dieser Krise? – Was ist da irgendwann passiert, dass alles, was wir uns bis zu einem bestimmten Punkt erarbeitet haben, auf einmal nicht mehr funktioniert, sondern wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt? – Oder mit einem anderen Bild gesagt: Wer hat den ersten Dominostein bewegt, der jetzt für uns alle zu diesen Ausmaßen einer weltweiten Katastrophe führt?
Die Welt sucht nach einem Schuldigen im Außen. Irgendjemand muss doch für diese gigantische Misere verantwortlich zu machen sein. Doch was, wenn der ursprüngliche Verursacher nicht im Außen, sondern in jedem von uns selbst zu suchen ist? – Wenn jeder von uns bewusst wie unbewusst im Kleinen wie im Großen irgendwie an dem Ganzen seinen Beitrag geleistet hat? – Eine Provokation meinerseits?
2016 war ich in einer Lebenssituation, die für mich persönlich ähnliche dramatische Ausmaße hatte wie die Krise, die wir derzeit erleben. Daraus ergibt sich für mich heute der Vorteil: die jetzige Krise tut mir nicht mehr weh. Ich kann zuversichtlich auf sie schauen, weil ich so gut wie nichts mehr zu verlieren hab. Tränen sind diesbezüglich mehr als genug geweint. Panik, Angst, nicht zur Ruhe kommen, keinen Schlaf finden usw., das habe ich vor vier Jahren zur Genüge erlebt. Ich stand vor dem Aus und weiß, wie sich dies anfühlt.
Die Angst und Not vieler Menschen, die derzeit vom Schicksal auf Herz und Nieren geprüft werden, kann ich sehr gut nachvollziehen und verstehen. Ich fühle mit ihnen, weil ich nur zu gut weiß, was sie derzeit erleben. Ich weiß und kann es förmlich fühlen, durch welchen Schmerz diese Menschen gerade gehen. Welche Wüste sie gerade durchwandern. Durch welches tiefe Tal der Ohnmacht und Verzweiflung sie gehen. Und ich bin nicht die Einzige, die ein derartiges Schicksal namens Krise mit ihnen teilt. Ich habe viele kennengelernt, denen es ähnlich geht. Manche noch sehr jung an Jahren. Krise kennt weder Alter, noch sozialen Status, noch Geschlecht. Krise hat gänzlich anderes im Sinn. Krise will aufbrechen. Krise will demaskieren. Krise will wandeln. Krise will Erneuerung. Krise will, dass wir endlich die Komfortzone verlassen, in der wir es uns schon viel zu lange eingerichtet haben. Sie schickt uns zunächst auf einen mitunter sehr dramatischen, auf alle Fälle einen sehr unbequemen und harten Weg. Einen sehr steinigen Weg. Einen Weg, den so freiwillig keiner wählen würde. Und doch haben wir ihn zu gehen. Heute, vier Jahre nach meinem persönlichen Kollaps, kann ich sagen: Das Leben bricht uns auf, um unser falsches Denken und Handeln zu korrigieren. Wenn wir im Leben da angekommen sind, dass wir in uns über genügend Ressourcen verfügen, um mit krisenhaften Situationen bewusster umgehen zu können und aus ihnen bzw. unseren Fehlern zu lernen, dann will das Leben von uns, dass wir mehr an Verantwortung übernehmen, dass wir uns unseres Denkens und Handelns, ja selbst unseres Sprechens bewusster werden. Dann will das Leben von uns Entwicklung und Wachstum.
Doch Wachstum wohin? – Noch mehr Leistungs- und Profitdenken? – Noch mehr Wirtschaftskriminalität? – Noch mehr Kriege, persönliche Konflikte, Vorurteile? – Noch mehr Konsumdenken, Konkurrenzdenken, Vergleich, sozialer Neid? – Noch mehr Gier, Heuchelei und Selbstsucht? – Noch mehr Missbrauch und Gewalt? – Noch mehr Tierleid und Artensterben? – Noch mehr Umweltverschmutzung und Raubbau auf unserem Planeten? – Noch mehr debattieren, kritisieren, diskutieren, jammern und streiten? – Noch mehr Oberflächlichkeit? usw. – Ergibt das hier alles denn überhaupt noch einen Sinn? – Heißt das hier wirklich Entwicklung und Fortschritt? Welche Art von Mensch muss hier geboren werden, die ein solches Leben noch lebens- und liebenswert findet? – Will man deshalb den Menschen klonen, um noch mehr Macht über ihn zu haben? – Brauchen wir dafür die Impfpflicht? usw. – Können wir Menschen als soziale Wesen und hoch entwickelte Spezies noch länger so nach diesen Maximen unbewussten Handelns leben?
Wofür bricht uns die Krise auf? – Welche Rolle übernimmt der Virus dabei? – Er setzt unser Leben zurück, um uns absichtlich zu stoppen, damit wir alle miteinander gefordert sind, innezuhalten und uns anzusehen, was wir da tagein, tagaus erschaffen. – Er will, dass wir uns bewusst machen, wie bewusst bzw. wie unbewusst wir unser Leben leben. – Lässt sich ein derartiges Leben denn überhaupt noch Leben nennen, oder haben wir uns alle nur noch im Betriebsmodus des bloßen Funktionierens verloren? Was will Leben wirklich? – Was gehört zu einem wirklich guten Leben dazu? – Ist der Virus eine Einladung im Sinne von: Back to the roots? – An welcher Stelle in unserem Leben haben wir aufs falsche Pferd gesetzt? – Wo sind wir falsch abgebogen? – Wo haben wir angefangen, die ungesunden Entscheidungen zu treffen? – Mit diesen und noch so manch anderen Fragen wurde ich bereits 2016 konfrontiert. Seitdem lerne ich für mich jeden Tag dazu, um besser zu verstehen, was Leben wirklich von mir will. Auf meine Art und auf der Grundlage meiner Herausforderungen habe ich nach Antworten gesucht. Das, was ich für mich dabei erfahren konnte, teile ich mit Ihnen in diesem Buch. Vielleicht kann es Ihnen auf Ihrem Weg dienen. Vielleicht unterstützt es Sie. Vielleicht können Sie – an meinem Beispiel lernend – für sich eine Abkürzung nehmen und müssen nicht so lange wie ich in einem Zustand von Desorientierung, Angst, tiefer Verzweiflung und Verunsicherung bleiben. – Ich wünsche es Ihnen!
Herz und Hirn – Wir brauchen beides
Was hatte ich bei alledem als Allererstes zu lernen? Ich musste raus aus der Vorherrschaft meines Kopfes. Mein Leben lang wollte ich Leben mit dem Verstand erfassen und begreifen, weil ich mich nur so sicher fühlte. Wollte ausprobieren, wie weit ich gehen kann. Grenzen ausloten. Das ist für einen neugierigen Menschen wie mich ganz schön. Doch Leben überwiegend nur noch so zu leben macht nicht glücklich. Mein Leben entsprach immer mehr nur noch dem Schein, weniger einem Sein. Doch es geht weder um den Schein, noch um den Mammon Geld. – Heute bin ich davon überzeugt, dass es im wahren Leben ums Sein geht. Ich sollte lernen, mich von Herzen her wieder auf das bloße Sein einzulassen, um mich wieder wie ein Kind am Leben zu freuen. – Nicht weniger. Nicht mehr.
Ich hatte zu lernen, meine Aufmerksamkeit wieder mehr zurück ins Herz zu bringen. Sollte lernen, dass sich ein Leben, das überwiegend nur noch aus dem Verstand heraus geschieht, auf Dauer nicht wirklich gut anfühlt und einen wahrhaft leben lässt, denn das Gehirn ist vergleichbar mit einer Maschine. – Der Nachteil: Es funktioniert nur, es kann nicht fühlen. Doch was das Leben von uns will, ist auch das Fühlen. Fühlen können nur Körper und Herz. – Herz und Hirn. – Wir brauchen beides. – Es kommt auf die Balance, die Ausgewogenheit, die Kohärenz zwischen beidem an. Durch die verschiedensten Ereignisse der letzten Jahre war ich eindeutig immer mehr aus dem Herz-Bewusstsein herausgefallen und versuchte mir daraufhin meine Welt nur noch mit dem Geiste irgendwie passend oder gar schön zu reden. Das funktionierte eine Zeitlang ganz gut. Doch heute weiß ich: Der Mensch brennt nach und nach dabei aus, denn da ist keine Nahrung, die ihn nährt. Da gibt es keine Berührung von Herz zu Herz. Nur noch ein bloßes Funktionieren, solange das Herz bereit ist zu schlagen und in den Diensten des Menschen seine Arbeit zu tun. Aber so wie bei einer batteriebetriebenen Maschine die Batterie irgendwann zur Neige geht, so verliert nach und nach auch die Flamme des Lebens immer mehr und mehr an Energie.
Im Mittelpunkt unseres Körpers ruht unser wichtigstes Organ. Das Herz. Heute bin ich davon überzeugt, dass das nicht nur anatomisch gesehen von Bedeutung ist. Unser ganzes Leben sollte sich mehr um diese Mitte drehen. Sie will umsorgt, genährt und gepflegt sein. Denn in dieser Mitte ruht unser wahres Sein. Mit dem ersten Herzschlag beginnt unser Leben und mit dem letzten hört es auf. Leider haben wir als Mensch des Industriezeitalters das ursprüngliche Wissen um die Bedeutung unserer Mitte immer mehr verloren. Und leider wird dieses Wissen – aus welchen Gründen auch immer – weder an Schulen, noch an den Universitäten gelehrt. Ist es, weil man den Menschen dann leichter manipulieren kann, wenn er um die Geheimnisse von Herz- und Gehirn-Kohärenz nicht weiß? – Wird uns dieses Wissen bewusst vorenthalten, weil es bestimmten Industriezweigen und einigen nach Macht strebenden Menschen nicht zuträglich ist, wenn der Mensch um sein Schöpferpotential und seine Selbstheilungskräfte weiß? – Wissen, das so kostbar ist und dabei so wenig kostet, wurde es uns doch vom Schöpfer gratis mitgegeben.
In den letzten Jahren war es meine Aufgabe, mich vertraut zu machen mit dem Wissen um diese Gehirn- und Herz-Kohärenz, damit ich lernen konnte, Körper, Herz und Geist wieder besser miteinander in Einklang zu bringen, um das Schiff meines Lebens wieder steuern zu können. – Nach und nach wurde mir bewusst, dass ich über Jahrzehnte hinweg mit jedem schmerzhaften Ereignis, mit jeder Verletzung, mit jeder negativen Situation bewusst wie unbewusst Mauern um mein Herz aufgebaut hatte, um mich vor weiteren Verletzungen zu schützen. Diese Mauern galt es jetzt anzusehen, wieder einzureißen und stattdessen mit den Menschen und mit mir selbst nach und nach wieder ins Vertrauen zu gehen. Meine Aufgabe war es dabei, alte Traumata, Schmerz und Erinnerungen an die Vergangenheit immer mehr hinter mir zu lassen. Gefühle und Emotionen nicht länger zu verdrängen, sondern bewusst durch sie hindurch zu gehen. Meinen Körper, meinen Geist, mein Nervensystem wieder in die Ruhe zu bringen. Gelassener zu werden, besser für mich zu sorgen, sowohl für meine körperliche als auch seelische Gesundheit. Und mich von all den äußeren Reizen und Überstimulationen fern zu halten, die meiner Gesundheit nicht zuträglich waren. Ich lernte, besser auf meine Gesundheit zu achten, mitfühlender, wertschätzender und liebevoller mit mir selbst umzugehen. Mir trotz meiner hohen Empathie-Fähigkeit und Hochsensibilität, um die ich bis dato gar nicht wusste, meiner inneren Stärke bewusst zu werden. Insgesamt gelassener zu reagieren und mich selbst weniger wichtig zu nehmen. Lernte, mich dem Leben wieder zu öffnen und das Schöne darin zu sehen. Lernte mich selbst besser kennen, überhaupt mal meine Bedürfnisse wahrzunehmen, um künftig besser für mich einzustehen. Fand wieder zu Gott zurück und erkannte dabei, dass es für mich extrem wichtig war, dass sich das Gottesbild meiner Kindertage endlich wandeln konnte von einem Gott, den ich mir als Kind immer als einen strafenden Gott vorgestellt hatte, weil ich es so gelernt hatte, hin zu einem bedingungslos liebenden Gott.
Ich will und kann nicht leugnen, dass Krisen äußerst unangenehm sind, doch auf lange Sicht haben sie etwas Gutes, vorausgesetzt wir sind bereit, aus ihnen zu lernen. Tun wir dies, bringen sie uns in unserer persönlichen Entwicklung voran und helfen uns zu erkennen, welche Kräfte in uns ruhen, um die wir sonst gar nicht wüssten. Wir lernen wieder an uns zu glauben und neue Fähigkeiten, neues Potential in uns zu sehen und können somit wieder kraftvoll aus besagter Krise gehen. Doch damit etwas Neues beginnen kann, muss das Alte ausnahmslos gehen, sonst bleiben wir ewig in alten Mustern und Gewohnheiten verhaftet, denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das seine Komfortzone über alles liebt. Wir kommen definitiv nicht weiter, wenn uns alte Gewohnheiten und Beziehungen immer und immer wieder zurückziehen. Ich habe es versucht, alte Beziehungen aufrecht zu erhalten, doch es geht nicht: Was vorbei ist, ist vorbei, selbst wenn es noch so schmerzhaft ist. Um für sich selbst voranzukommen und sich nicht stets nur im Kreis zu drehen, müssen wir uns selbst so sehr lieben, dass wir uns aus der Abhängigkeit von anderen befreien. Damit etwas Neues geschieht, bricht uns die Krise auf. Dies geschieht mehr oder weniger unbewusst, nämlich dann, wenn der Mensch „reif“ dafür ist. Unsere Seele übernimmt dabei die Regie, denn sie weiß um die beste Zeit und kennt den Weg. Wäre für uns keine Entwicklung vorgesehen, müsste es weder Veränderungsprozesse, noch Krise geben. Die Krise geschieht, weil wir dem materiellen Bewusstsein mehr Raum und Zeit gegeben haben als dem Seelen- und Herz-Bewusstsein.
Heute will meine Seele von mir, dass ich ihr regelmäßig Raum und Zeit zugestehe. Und je mehr ich dies tue, umso besser gelingt mir mein Leben wieder. Von daher wage ich immer mehr den Versuch, mein ganzes Leben mehr aus der Seelen-Perspektive heraus zu sehen. Wundern Sie sich also nicht, wenn ich an den verschiedensten Stellen im Buch immer wieder auf die Seele zu sprechen komme und dabei vielleicht für Sie ganz ungewohnte Schritte gehe. Dass das so sein wird, hat mich beim Schreiben zunächst selbst auch etwas überrascht, doch insgesamt war es sehr erhellend und wichtig für mich, diesen anderen Blickwinkel immer mehr einzunehmen. Schließlich sprechen wir beim Konzept für Heilung ja auch von der Einheit von Körper, Geist und Seele.
„Die Kunst der Menschwerdung besteht darin,
die Wunden in Perlen zu verwandeln.“
Hildegard von Bingen
2
Wo fange ich am besten zu erzählen an?
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum die Zahl der an Burnout, Depression, Posttraumatischen Belastungsstörungen und an Krebs Erkrankten in den letzten zehn Jahren weltweit so massiv angestiegen ist? – Als Betroffene wollte ich nach Antworten suchen, um besser zu verstehen, was mögliche Auslöser dafür sind. Dabei war es mir wichtig, aus den verschiedensten Perspektiven heraus auf die Ursachen für diese Diagnosen zu schauen. Zwar bin ich kein Mediziner, auch kein Psychotherapeut, aber eine Frau, die von allen vier Diagnosen plus diversen anderen chronischen Erkrankungen betroffen ist. Daher meine Motivation, aus den verschiedenen Ebenen heraus auf diese Krankheitsbilder zu sehen, um zu reflektieren und um zu verstehen, was mögliche Gründe dafür sind, dass ich mich überhaupt immer mehr in dieser Situation verloren habe. Obwohl ich mich seit mehr als zwanzig Jahren regelmäßig in ärztlicher Betreuung weiß, hatte sich meine gesundheitliche Situation nicht verbessert, sondern in den Jahren 2010 bis 2016 nach und nach immer mehr verschlechtert. Dies soll hier aber kein Vorwurf an die Schulmediziner sein, denn ich bin überzeugt, jeder der Ärzte, bei denen ich war, tat mit Sicherheit sein Bestes. Nur wirklich helfen konnten sie mir nicht.
Letztlich musste ich jedoch erkennen, dass ich selbst es war, die es versäumt hatte, meine Zeit und Energie mehr in meine Gesundheit zu investieren. Ich tat zwar als Patientin brav, was man mir sagte, und achtete darauf, mit bewusster Ernährung, regelmäßiger Bewegung und zusätzlicher Unterstützung durch Heilpraktiker, meinen Beitrag zur Genesung zu leisten. Doch heute weiß ich, dass dies entschieden zu wenig war. Ich hatte es versäumt, zu 100 % selbst die Verantwortung für den Prozess meiner Gesundung zu übernehmen. Ich habe zwar vieles getan und konnte dadurch über längere Zeit hinweg einigermaßen stabil bleiben, aber in Summe war es wiederum zu wenig, um wirklich und vor allem nachhaltig zu gesunden. Mein Fokus lag zu sehr auf meinem Beruf. Hier war ich vom Ehrgeiz angetrieben und wollte so vieles erreichen. Hätte ja auch fast geklappt, wenn nicht andere Mächte dafür gesorgt hätten, dass sie mich eines Besseren belehren. Leider bedurfte es somit erst einer Krise, um mich dahin zu bringen, endlich die Verantwortung für den Prozess meiner Gesundung selbst zu übernehmen und nach und nach zu lernen, meine Selbstheilungskräfte immer mehr zu aktivieren.
Welchen Weg ich dabei gegangen bin, möchte ich hier in meinem Buch mit Ihnen teilen.
Ein Buch, das Ihnen an manchen Stellen, an denen es mir wichtig erscheint, auch Passagen aus meinem Leben erzählt. Doch dies nur insoweit, dass Sie verstehen, warum ich in vielen Dingen gehandelt habe, wie ich gehandelt habe, um meinen Weg so und nicht anders zu gehen. Mit dem zweiten und größeren Teil des Buches möchte ich Ihnen davon berichten, wie ich nach dem Erleben der dunkelsten Nächte meines Lebens wieder beschlossen habe, mutig zu sein. Noch einmal in dieses Leben „zurückzugehen“, um mich selbst zu finden. Um heute letztlich als die Person, als die mich Gott gemeint hat, meinen Weg zu gehen. Den Weg meines wahren Selbst, den Weg meiner Seele.
Sie werden sich jetzt vielleicht fragen, was mich dazu gebracht hat, über diesen Part meines Lebens zu schreiben. – Nun, ganz einfach, weil mich eine innere Stimme immer wieder dazu aufgefordert hat. – Lange Zeit habe ich versucht, diese Stimme in mir zu ignorieren. Habe immer und immer wieder versucht sie wegzuschicken. Mit Sätzen wie „Was hast du denn der Welt schon zu sagen?“ oder „Nimm dich doch bitte nicht so wichtig!“ oder „Willst du dich der Lächerlichkeit preisgeben?“ versuchte ich mich vor dieser Aufgabe zu drücken und diese Stimme im Keim zu ersticken. Im Ergebnis blieb dies alles aber ziemlich erfolglos. Diese innere Stimme war nicht wirklich zu besänftigen oder gar zum Schweigen zu bringen.
Ganz im Gegenteil. Je bockiger ich mich anstellte, um so lauter und drängender wurde sie, weil sie nicht länger wollte, dass ich mich vor dieser Seelenaufgabe drücke. Also kehrte sie zu den unterschiedlichsten Zeiten wieder. Vermehrt dann, wenn ich es mir gerade im Sessel mit einem Buch in der Hand so richtig gemütlich machen wollte. – Kaum, dass ich zur Ruhe kam, setzte sich diese Stimme neben mich. Doch interessanterweise nicht in meinem Verstand, sondern in meinem Herzen. Und aus dieser Position heraus flüsterte sie mir immer wieder zu: „Was, wenn du deine Geschichte mit anderen teilst? – Was, wenn du mit all dem, was du in deinem Buch, mit deiner Geschichte zu sagen hast, anderen Menschen (Jung & Alt) helfen könntest, dass es ihnen besser geht? – Was, wenn der eine oder die andere Person vielleicht schon auf ein Buch dieser Art wartet? – Was, wenn du nicht so viel Angst hättest vor der Meinung anderer Menschen? – Bist du davon immer noch so abhängig? – Komm, lass es endlich zu. Wage es. Was hast du denn schon zu verlieren? – Mach es nicht so kompliziert. – Du reflektierst einfach deine eigene Situation und schilderst den Weg, den du gegangen bist. Und indem du den Leserinnen und Lesern erzählst, wie es dir ergangen ist, gibst du denen, die daran interessiert sind, mitunter ein paar wichtige Gedanken mit auf ihren Weg, so dass sie letztlich selbst schauen können, ob das, was für dich gut war, auch für sie als Betroffene oder gar als Angehörige bzw. Freunde wichtig und von Interesse sein kann. – Nicht mehr, nicht weniger. – Nutze die Zeit und schreibe dieses Buch.“ Tja, was will ich noch sagen? – Das Ergebnis sehen Sie hier. Lassen Sie es mich so formulieren:
„Es gibt Momente im Leben,
da steht die Welt für einen Augenblick still und
wenn sie sich dann weiterdreht,
ist nichts mehr wie es war.“
Verfasser unbekannt
Siebenundzwanzig Jahre lang hatte ich einen Beruf. – Einen sehr guten sogar und als Beamtin des Freistaates Bayern noch dazu einen sehr sicheren. In den letzten fünf Dienstjahren war ich Schulleiterin an einer bayerischen Realschule. Davor war ich vier Jahre als Konrektorin im Amt. Und die Jahre davor Lehrerin für die Fächer Haushalt & Ernährung und Deutsch. Bevor ich mich für den Kurswechsel in die „Schulleitung“ entschied, war ich etliche Jahre bereits als Seminarlehrerin für das Fach Haushalt & Ernährung, als Schulbuchautorin, sowie als Evaluatorin für Realschulen in Bayern tätig. Ich liebte die Arbeit mit Kindern und jungen Menschen im Alter zwischen 10 und 16/17 Jahren, auch wenn diese gerade im „interessantesten“ Alter ihres Lebens sind. Und ich liebte es, in der Ausbildung junger Lehrer/Referendare mitgestaltend tätig zu sein. Über all die Jahre hinweg ging ich mit viel Engagement, Freude zum Beruf und Liebe zu den Kindern meiner beruflichen Tätigkeit nach.
Privat versuchte ich gleichzeitig die „perfekte“ Ehefrau, Tochter und Schwiegertochter zu sein. Lange Zeit war ich davon überzeugt, dass es mir bestens gelingt, meine privaten wie beruflichen Interessen unter einen Hut zu bringen. Doch letztendlich musste ich mit der Zeit immer mehr erkennen, dass meine Realität, mein Wunschdenken und das Wunschdenken der anderen oft nicht so deckungsgleich waren mit dem, wie ich das sah. Wann letztendlich die Veränderung in mein Leben kam, weiß ich nicht ganz so genau zu sagen. Im Nachhinein lässt es sich für mich am besten mit dem Zeitraum erfassen, als ich mit der Bewerbung auf eine Konrektoren-Stelle im Jahr 2007 meine berufliche Veränderung einleitete. Ab da wurde alles ganz langsam – dafür aber stetig – irgendwie anders. Fürs Auge im Außen zwar noch nicht wirklich ersichtlich, aber irgendwie doch schon spürbar. Mit der Zeit nahmen eine zunächst noch undefinierbare Unzufriedenheit und Unausgeglichenheit immer mehr Raum in meinem Leben ein, die im Verlauf der nächsten Jahre eine Form annahmen, die leider nicht mehr mit „gut“ und „günstig“, sowohl für mich selbst als auch für meinen Mann, zu bezeichnen waren. Da ich ab Herbst 2007 mit dem Hineinwachsen und Ankommen in der neuen beruflichen Situation beschäftigt war, war mir der Blick auf ein erfülltes und gelingendes Privatleben immer mehr abhandengekommen. Viel zu sehr hatte ich meinen Fokus auf den Beruf ausgerichtet. So vollzog sich im Privatleben ein Wandel, der schleichend begann, doch von Jahr zu Jahr immer mehr an Fahrt aufnahm. Als mir die Situation dann insoweit bewusst war, dass auch ich davor die Augen nicht mehr verschließen konnte, redete ich mir zwar immer noch ein, dass sich die Wogen des Sturmes auch wieder glätten könnten. Dass alles nur vorübergehend sei. Dass es nur so lange so anstrengend und an der Substanz zehrend sei, bis ich mich beruflich an der neuen Schule wieder integriert sah und mich im neuen Aufgabengebiet wieder sicher fühlen konnte. Doch was ich gänzlich übersah, war, dass ich zu dieser Zeit bereits mit so viel Neuem konfrontiert war, was bei mir bereits einen höheren Stresslevel „aufflammen“ ließ.
Schließlich hatte ich nicht nur den Schul- und Ortswechsel von der Stamm-Schule zur neuen Schule zu bewältigen, sondern sah mich auch der Herausforderung gegenüber, wieder vertraut zu werden mit neuen Klassen, einem neuen Kollegium, sowie einem völlig neuen Aufgabengebiet. Folglich für mich kein ganz so leichter Beginn. Kaum waren diese vier Jahre des Hineinwachsens in das neue Kollegium gemeistert, erfolgte ein erneuter Standortwechsel mit meiner Berufung auf die Schulleiterstelle. Meine Freude darüber war riesengroß, war es doch genau das, worauf ich in den letzten Jahren hingearbeitet hatte. Doch zugleich hieß es erneut: neuer Standort – neue Schule – neue Klassen – neues Kollegium – neues Aufgabengebiet. Was folgte, waren also weitere Jahre der Veränderung und des Lernens. Eine Zeit, die ich im Leben nicht missen möchte. Doch ich gebe zu, dass es auch eine sehr intensive und mitunter sehr harte Zeit war, in der ich mich oft auch sehr einsam fühlte. Beruflich hatte ich erreicht, was ich erreichen wollte. Ich war da angekommen, was ich mir erwünscht hatte. Ich wollte als Schulleiterin etwas bewirken, etwas gestalten, meine Visionen leben und hatte mir dafür die beste Ausgangsposition geschaffen. Zumindest dachte ich mir dies. Doch beruflich am Zielort der Träume angekommen zu sein heißt noch lange nicht, in der Erfüllung und im wahren Leben angekommen zu sein. Mit meinem beruflichen Engagement hatte ich zwar erreicht, was meinem Ego gefiel. Ich war davon überzeugt eine wunderbare Startposition eingenommen zu haben, auf der sich nun mein weiteres Leben beruflich wie privat entfalten könnte. Doch falsch gedacht. Die Rechnung habe ich ohne die anderen Personen und Variablen gemacht. – Doch dazu später mehr.
Da es mir heute zum Glück wieder um so vieles besser geht – wenn auch noch nicht vollständig in allen Bereichen geheilt –, fühle ich mich dazu motiviert und inspiriert, Ihnen einen Einblick davon zu geben, was mich im Jahr 2016 mit knapp 55 Jahren in der sogenannten „Blüte meines Lebens“ aus meiner „Umlaufbahn“ (privat wie beruflich) geworfen hat. Doch ich möchte dabei keineswegs lamentieren oder gar mit Ihnen „meinen“ Schmerz und „meine“ Wunden aufarbeiten. Manches sei nur deshalb erwähnt, damit Sie sich ein Bild davon machen können, was mein Leben derart durcheinandergeworfen hat, dass es derart aus allen Fugen und Bahnen geriet. Ein Zustand, den man weder sich selbst, noch anderen wünscht. Doch wenn das Leben es so will, dann liegt es letztlich an uns selbst, wieder allen Mut zusammenzunehmen, einen Fuß vor den anderen zu setzen und Stück für Stück nach vorne weiterzugehen. Und dies so lange, bis sich im Leben auch wieder Alternativen zeigen. Nicht umsonst heißt es immer wieder: „Der Weg geht durch die Dunkelheit ins Licht!“
Nun, ich weiß, dass ich dieses „Schicksal“ mit vielen teile. Ich bin nicht die Einzige mit der Diagnose „Burnout, Depression und PTBS“. – Nicht die Einzige, die von ihrem Leben auf eine derart „interessante“ Art und Weise auf diesen Weg gebracht wird. Die vom Leben selbst auf diese Probe gestellt wird. Auf eine Probe, die – so kann ich das heute, vier Jahre später sagen – für jeden Einzelnen von uns trotz aller Krisen und Einschränkungen doch auch zu einer unglaublichen Lernchance wird. Vorausgesetzt wir erlauben es uns daraus zu lernen und uns dabei vor allem die sogenannte „Dunkelheit“ anzusehen. Allein in Deutschland teile ich das Los der Diagnose „Depression“ bereits mit weit über 5 Millionen Menschen. Und die Zahl der Erkrankungen ist nicht rückläufig, sondern ganz im Gegenteil stetig ansteigend. Jede vierte Person soll davon bereits betroffen sein. Was mich bei der Thematik „Depression“ besonders erschreckt, ist die unglaublich hohe Zahl, mit der bereits Kinder & Jugendliche zu Leidtragenden werden, die noch weniger als wir – der betroffene Erwachsene – verstehen, warum sie bereits in so frühen Jahren ihres Lebens in eine solche Krisensituation geworfen werden. Als Schulleiterin habe ich mitunter die Erfahrung gemacht, dass bereits Jugendliche im Alter von 13/14/15 Jahren vor diese große Herausforderung gestellt sind. – Und ihnen oder ihren Eltern nicht wirklich helfen zu können, das hat mich zum einen ohnmächtig und zum anderen aber auch richtig wütend gemacht. Sie sehen: Auch heute noch lässt mich das Schicksal dieser jungen Menschen nicht kalt. Allein schon von Berufswegen her liegt mir das Wohlergehen junger Menschen ganz besonders am Herzen.
Nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe erkranken jedes Jahr in Deutschland insgesamt etwa 5,3 Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. Die Mehrheit der Deutschen ist im Lauf des Lebens entweder direkt aufgrund eigener Erkrankung (23 %) oder indirekt als Angehöriger eines Erkrankten (37 %) von einer Depression betroffen. Ist Depression überhaupt eine Krankheit? – Dies mit Ihnen hier zu diskutieren habe ich an dieser Stelle nicht vor. Ich folge mit diesem Buch meinem Gefühl, dass es allerhöchste Zeit wird, dass wir uns gesamtgesellschaftlich gesehen mit den Ursachen und Folgen eines mitunter so krank machenden gesellschaftlichen Systems und den tragischen Folgen dieser Diagnose „Depression“ einmal intensiver auseinandersetzen. Dass wir lernen, offen, verständnisvoll und mitfühlend über dieses „Krankheitsbild“ zu reden, ohne vor der Diagnose die Augen zu verschließen und davon zu laufen, als wäre sie ein Gespenst. Schließlich könnten Sie oder Ihr Kind, Ihr Partner, ein Familienmitglied morgen gegebenenfalls selbst Leidtragender/Leidtragende einer solchen Diagnose sein. Oder als Familienangehöriger, Partner/in, Freund/in davon in Mitleidenschaft gezogen sein.
Was mich sehr ärgerlich macht, ist, die Betroffenen ganz einfach und ganz schnell mal in die Schublade „krank, weil depressiv“ zu stecken und sie insgeheim wegen ihrer Diagnose und der daraus entstehenden Kosten im Gesundheitswesen letztendlich sogar noch zu „verurteilen“. Glauben Sie mir: Die Depression sucht sich keiner aus. Sie passiert mit uns. Und meiner Meinung nach liegen viele ihrer Ursachen in unserer Leistungsgesellschaft, in einer „überreizten“ Wettbewerbsgesellschaft, im gnadenlosen Konkurrenzdenken, das uns Menschen so sehr voneinander entfernt. – Kein Wunder, wenn eine Gesellschaft, die fast nur noch auf Leistungssteigerung, Profitdenken und Gewinnmaximierung setzt, irgendwann, weil allzu sehr „entmenschlicht“, am Zusammenbrechen ist. Doch auch diese Diskussion werde ich an dieser Stelle nicht mit Ihnen führen. Dafür muss ein anderer Rahmen her.
Was mir am Herzen liegt, sind vor allem die betroffenen Menschen, egal ob Jung oder Alt.
Daher mache ich es mir heute zur Aufgabe, mit diesem gesellschaftlichen „Tabu-Thema“ zu brechen, indem ich offen und ehrlich über meine eigene Geschichte spreche. Die Geschichte „meiner“ Depression. Heute kann ich dies tun, denn inzwischen habe ich gelernt: „Ich bin nicht diese Geschichte. Ich bin nicht diese Diagnose. Ich bin so viel mehr!“ – Doch es hat seine Zeit gedauert, bis ich wieder so denken konnte und bis ich es vermochte, aus einem anderen Fokus heraus auf die „Geschichte (m-)einer Depression“ zu schauen.
Heute danke ich dieser Depression. Heute weiß ich: Die Depression war bzw. ist meine Lehrerin. Im Grunde genommen will sie nur das Beste für mich. Sie will mich aufrütteln und mich etwas Wichtiges lehren. Das Problem war nur, dass ich dafür erst einmal wieder selbst „die Schulbank drücken“ musste, um das sogenannte „Alphabet“ dieser Art des „Nicht-mehr-in-der-Welt-sein-Wollens“ zu verstehen. Ich musste erst durch die einzelnen Stationen dieser Krise, dieser gesamten Symptomatik und Problematik gehen, um meinen „Grundwortschatz“ fürs Leben zu erweitern. Ob mir dies gelungen ist? – Urteilen Sie selbst. Die Motivation meines Handelns ist, Sie anhand meines Beispiels vertraut zu machen mit den einzelnen Stufen dieses Phänomens der Depression. Auf die mir mitgegebenen Diagnosen Burnout und Posttraumatische Belastungsstörung (= PTBS) werde ich nicht ganz so intensiv eingehen wie auf die Depression. Dennoch erscheint es mir wichtig, sie nicht ganz auszublenden, denn für mich sind sie beide wesentliche Bestandteile, Begleitfaktoren der Depression. Das „Schwergewicht Burnout, Depression und PTBS“ kommt meist nicht allein in unser Leben. Oft hat es noch unzählig viele andere Symptom-Anteile mit im Gepäck. Welche das bei mir im Einzelnen waren, die mich letztlich „dienstunfähig“ werden ließen, davon erzähle ich Ihnen später mehr. Doch soviel sei schon einmal gesagt: Sie sind alle ein unverzichtbarer Teil meiner Geschichte, verweisen inhaltlich noch auf so viel mehr. Sie sind ihrerseits eine eigene Entdeckungsreise wert. Was ich für mich inzwischen begriffen habe, lässt sich mit diesen Worten wiedergeben:
„Ich muss etwas selbst erleben,
um es weitergeben zu können.“
Clemens Kuby
Lassen Sie mich dieses Zitat von Herrn Kuby dahingehend noch ergänzen: „Ich muss etwas selbst erleben, um es begreifen und weitergeben zu können.“ – „Ich muss u. U. etwas durchlitten haben, um es besser verstehen und nachvollziehen zu können.“ – Will damit sagen: Ja, ich muss selbst erst durch das „Tal der Dunkelheit“ gewandert sein, muss selbst dort meinen Schatten begegnet sein, muss selbst dort geweint und getrauert haben, um letztlich andere Betroffene in Gänze um so vieles besser zu verstehen. Und wenn es mir irgendwie möglich sein sollte, das Schicksal vieler von dieser Thematik betroffenen Kinder & Jugendlichen oder auch Ihr Schicksal mit meinen Ausführungen in diesem Buch auch nur ein wenig zu wenden, so bin ich dankbar und froh für diesen Impuls, der mir sagte: „Schreib dieses Buch!“ Denn wer könnte besser nachvollziehen und verstehen, wie Ihnen unter Umständen gerade geschieht, als eine Betroffene, die selbst vor die Aufgabe gestellt war, sich ihrer gänzlichen Lebenssituation – beruflich wie privat – voll und ganz NEU bewusst zu werden. Und der es zum Glück gelungen ist, sich aus der Dunkelheit ihres Lebens wieder in ein lichtvolleres Dasein hinzubewegen.
Menschen zu begleiten war bereits als Lehrerin und Schulleiterin der Motor meines Handelns. Und da es mir eine Herzensangelegenheit ist, von der Depression Betroffene – so gut ich es vermag – wieder in ein selbstverantwortlich mitgestaltetes Leben zu begleiten, deshalb gibt es dieses Buch, das zum einen in den mir dafür wichtigen Teilbereichen meine eigene Situation beschreibt, das Sie zum anderen aber auch auf eine Reise ganz anderer Art mitnehmen will. Auf eine Reise, die sich nicht in Kilometern bemessen lässt, sondern auf eine Reise, auf der nach und nach immer mehr an Verstehen tieferer Zusammenhänge, Erkenntnis und Heilung geschieht. – Auf eine Reise in ein friedvolleres, sinnerfüllteres und glücklicheres Leben. Es geht mir dabei nicht darum, Sie mit meiner Geschichte mehr oder weniger gut zu „unterhalten“. Es geht mir darum, …
Ihnen anhand einiger Beispiele aus meiner persönlichen Situation aufzuzeigen, wie höchst intelligent unser Körper mit unserem Geist und unserer Seele kommuniziert.
Sie darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, die Zusammenhänge und diese Sprache unseres Systems „Körper-Geist-Seele“ immer besser zu verstehen.
Sie daran zu erinnern und zu sensibilisieren, was für ein einzigartiges „Wunderwerk der Schöpfung“ wir sind.
im Nachdenken über die Ursachen von Erkrankung tradierte Standpunkte zu verlassen, vermehrt Neues zu wagen und den Blickwinkel auf die Diagnose zu verändern.
einmal auf ungewohnte Art und Weise über die Ursache einer Erkrankung nachzudenken und dabei den eigenen Horizont zu erweitern.
neugierig zu sein und „neue“ Sichtweisen zuzulassen.
unter Umständen auch so etwas wie Reformen im Verständnis und Umgang mit bestimmten Tabu-Themen anzustoßen.
…
Wer mir dabei wichtig ist und am Herzen liegt, ist allein der Mensch. Wohlergehen, Gesundheit, Heilung, Glück, das wünsche ich für Sie! – Das wünsche ich für mich, denn auch ich bin nach wie vor auf dem Weg. Was ich dabei nicht vermag, ist, ein wissenschaftliches Buch zu schreiben. Dazu fühle ich mich nicht imstande. Dafür fehlt mir die Qualifikation. – Ich folge einzig und allein meiner Intuition.
3
Was hat mich in diese Situation gebracht?
Mehr oder weniger un-bewusste Weg-Gefährten
Da ist sie wieder, diese Stimme, die sich immer wieder meldet. Diese innere Kritikerin. Dabei habe ich ihr schon so oft gesagt, dass ich bestens auf ihren Kommentar verzichten kann. Doch anscheinend glaubt sie mir das noch immer nicht. – Mein Unterbewusstsein scheint wieder mal klüger und vor allem schneller zu sein als mein bewusstes Ich. Schließlich habe ich ersteres über Jahrzehnte hinweg internalisiert. Somit konnten sich Glaubenssätze wie „Du bist nicht gut genug!“ – „Du kannst das nicht!“ – „Du verdienst weder Wertschätzung, noch Erfolg!“ bestens einnisten in meinem System. – Das Entscheidende ist jetzt nur:
Wie diese falschen Muster wieder loswerden, wenn „Frau“ ihr halbes Leben damit zugebracht hat, diesen Botschaften immer wieder Glauben zu schenken? – Woher rührt dieses Problem? – Wann hat das angefangen? – Woher kommen diese Selbstzweifel? – Warum immer wieder diese das Selbst sabotierenden Gedanken? – Wer hat sie verursacht? – Wem dienen sie? … Diese und noch viele weitere Fragen lassen sich hier stellen.
Viele Fragen – viele Antworten. Im Grunde genommen ist ihnen allen eine Botschaft wichtig: „Hör endlich auf, dir mit all diesen alten Mustern und Glaubenssätzen ständig den Boden unter den Füßen wegzuziehen! – Hör endlich auf, dich mit Sätzen wie „…“ fertig zu machen. Du verdienst etwas Besseres. Du verdienst anderes. Du verdienst es glücklich zu sein. Es ist dein Geburtsrecht glücklich zu sein. Und du bist gut, ganz so wie du bist!“ Wenn es doch nur so einfach wäre, meinen Geist umzulenken auf diese letztgesagten Worte. Wenn dies doch nur so einfach wäre. Gott, wäre ich froh! – Froh, dankbar, glücklich und zufrieden zugleich.
Inzwischen gibt es auf dem Literaturmarkt eine Flut von Lebensratgebern, und im Internet reiht sich ein Blog an den anderen. Vielen von ihnen liegt das Thema „Selbstwert, Selbstakzeptanz und Selbstliebe“ am Herzen. Jeder Autor, jeder Seminarleiter, jeder Blogger geht dabei mehr oder weniger auf der Grundlage seiner beruflichen wie privaten Erfahrungen an die Themen heran. Immer mehr von ihnen teilen ihre Erfahrungen und Lernprozesse mit, was diese Berichterstattungen für den Leser dann umso ehrlicher und authentischer erscheinen lassen. Denn im Grunde genommen trifft das übergeordnete Thema „Selbstwert und Selbstliebe“ auf jeden Einzelnen von uns zu. – Ganz egal ob Frau oder Mann.
Wenn wir ehrlich sind, hat jeder von uns früher oder später sein Thema damit. Ausnahme vielleicht die Kinder und Erwachsenen, die Eltern haben, die Eltern hatten, die wiederum Eltern hatten, die Eltern hatten, die … ihre Kinder im Hinblick auf ihr Selbstbild bereits so gesund und bewusst erziehen konnten, dass sich überwiegend lebensbejahende und optimistisch denkende junge Seelen daraus entwickeln konnten. Wenn dem nicht so war, dann haben die Eltern in der Erziehung ihrer Kinder zwar dennoch stets das Beste gegeben. Doch können Eltern auch nur geben, was sie selbst an positiver Lebenseinstellung, gesundem Selbstwert und Selbstliebe zu geben haben. Mangelte es ihnen selbst aufgrund ihrer eigenen Erziehung, die sie erfahren haben, daran, wie sollen sie es dann ihren Kindern geben? Doch wer ist nun schuld daran, dass viele von uns sich selbst ein Leben lang mehr kritisieren als lieben?
Eine interessante Frage. Lassen Sie mich fürs Erste zwei wichtige „Erziehungsideale“ unserer Zeit gegenüberstellen, ohne dass ich Ihnen eine weitere Erläuterung dazu gebe.
Achten Sie einfach auf die Worte. Hören Sie auf die jeweilige Botschaft. – Spüren Sie die Energie, die hinter diesen Aussagen steht?
Variante I
Was ein Kind gesagt bekommt
„Der liebe Gott sieht alles.
Man spart für den Fall des Falles.
Die werden nichts, die nichts taugen.
Schmökern ist schlecht für die Augen.
Kohlentragen stärkt die Glieder.
Die schöne Kinderzeit, die kommt nicht wieder.
Man lacht nicht über ein Gebrechen.
Du sollst Erwachsenen nicht widersprechen.
Man greift nicht zuerst in die Schüssel bei Tisch.
Sonntagsspaziergang macht frisch.
Zum Alter ist man ehrerbötig.
Süßigkeiten sind für den Körper nicht nötig.
Kartoffeln sind gesund.
Ein Kind hält den Mund.“
Nach diesem „Erziehungsideal“ von Bertolt Brecht wurden wohl die meisten unserer Eltern erzogen, weil ihre Eltern selbst nach diesem Muster erzogen worden waren. – Sie kannten es folglich nicht anders und haben von daher diesen Erziehungsstil mehr oder weniger ebenfalls übernommen. Entsprach er doch einem ganz bestimmten Zeitgeist, auf den ich später noch zu sprechen komme.
Eine andere Art ein Kind zu erziehen, zeigt Variante II. Lassen Sie sich von diesen Worten inspirieren. Spüren Sie auch hier in die entsprechende Botschaft der Worte hinein. Wie fühlen sich diese Aussagen an? – Was schwingt für Sie in diesen Ratschlägen mit? – Was ist das Besondere an dieser Art zu erziehen?
Variante II
Was ein Kind lernt
„Ein Kind, das wir ermutigen, lernt Selbstvertrauen.
Ein Kind, dem wir mit Toleranz begegnen, lernt Offenheit.
Ein Kind, das Aufrichtigkeit erlebt, lernt Achtung.
Ein Kind, dem wir Zuneigung schenken, lernt Freundschaft.
Ein Kind, dem wir Geborgenheit geben, lernt Vertrauen.
Ein Kind, das geliebt und umarmt wird,
lernt zu lieben und zu umarmen
und die Liebe dieser Welt zu empfangen.“
(Verfasser unbekannt)
Was sagen Sie dazu? – Lassen Sie beide Erziehungsstile einfach auf sich wirken. Nehmen Sie ihre Botschaft mit. Ganz besonders die Energie, die sich „unausgesprochen“ zwischen den Worten verbirgt. – Wie sehr sich der graduelle Unterschied in unser aller Leben auswirken kann, das werden wir an geeigneter Stelle noch sehen. Wunderschön finde ich, was bereits Johann Wolfgang von Goethe zur Erziehung von Kindern zu sagen wusste. Seine Kernbotschaft zum Wesen einer idealen Erziehung lautet: „Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“
Doch nach diesem kurzen Exkurs in die Welt der Erziehung wieder zurück zum Thema des Buches. Sie werden hier und da selbst immer mehr merken, unbewusst schwingen diese Erziehungsvarianten mit. – In welcher Art, das werden Sie noch sehen.
Und in der Lebensmitte senkte sich eine dunkle Wolke herab
Wenn ich es genau betrachte, war es nicht nur „eine dunkle Wolke“, die sich herabsenkte, für mich fühlte es sich so an, als hätte sich der ganze Himmel gegen mich verschworen. Immer mehr, immer unnachgiebiger, immer kompromissloser wurde ich in ein tiefes „Schwarz“ gehüllt. Schwere Wolken, beängstigende Wolken, Unwetterwolken, Gewitterwolken … – sie alle umgaben mich. Hüllten mich immer mehr ein. Nach und nach bemächtigten sie sich meiner Sinne und raubten mir die Luft zum Atmen. Schließlich und endlich nahmen sie mir die Sicht auf das, was ich noch „Leben“ nennen konnte, und wie so oft schon hatte ich wiederholt diesen „Traum“. Nun, eigentlich ist es kein Traum, sondern ein äußerst beängstigendes „Erleben“. – Bin jedes Mal völlig verstört und verschreckt daraus aufgewacht. Schweißgebadet und am ganzen Körper zitternd. Wenn ich „fiel“, war da immer dieses Gefühl einer grenzenlosen Ohnmacht. Jetzt war es wieder da, nur mit einer gravierenden Ausnahme: Es war kein Traum-Erleben. Es war Realität. – Brutale Realität. – Bittere Realität. Und ich habe es irgendwie selbst zu meiner Realität gemacht. – Eine Realität, in die ich mich im Verlauf der letzten Jahre immer mehr verloren hatte. Nur bemerkt hatte ich dies leider nicht.
Wann das Ganze begann? – Ich kann es nicht genau sagen. – Hätte es mir auffallen müssen? Und warum zeigt sich mir dies alles so gnadenlos? – Was war passiert? – Was habe ich falsch gemacht? – Was ist falsch mit mir, sodass ich immer wieder in dieses „schwarze Loch“ fallen musste? – Hätte ich zu gegebener Zeit dieses Schicksal abwenden können?
Fragen über Fragen kamen mir in den Sinn. Doch all dies half nichts. Das, was passieren sollte, konnte nicht gestoppt werden. Ich war dem Ganzen einfach ausgeliefert. Und all die Dinge, sie ergaben sich. – Immer mehr. Immer tiefer. Immer unaufhaltsamer. Immer radikaler. – Ich hatte keine Kraft mehr um gegenzusteuern. Ich konnte den Verlauf weder stoppen, noch kontrollieren. Ich konnte nichts mehr beeinflussen. Ich konnte mich nur noch fallenlassen. Mich hingeben und dem ergeben, was da mit mir passieren sollte.
Mein ganzes System schrie, brüllte. Brüllte unaufhörlich. Brüllte ohne Unterlass. Brüllte Tag und Nacht. – Mein ganzer Körper rebellierte. Zeigte eine Vielzahl von Symptomen. Doch nicht nur er meldete sich. – Die Stressrezeptoren in meinem Gehirn waren auf Dauerbetrieb geschaltet. – Und was das Schlimmste für mich war: Sie ließen sich mit nichts mehr beruhigen. – Was mir blieb, war nur noch der freie Fall und dieses Nicht-Wissen, wo und wann ich aufschlagen werde. Als ich wieder zu mir kam, stand die Diagnose fest:
Burnout – Depression – Posttraumatische Belastungsstörung (= PTBS).
Mehr oder weniger bewusste Weg-Gefährten
Vielleicht ist die Summe der Teile wichtig, um die Diagnose und den Zusammenbruch besser zu verstehen. Vielleicht ist es aber auch nur mein Hang zum Perfektionismus und zur Vollständigkeit, der mich auflisten lässt, was die „Lernthemen“ der letzten Jahre für mich waren. Egal.
Im Januar 2016 starb mein Zwillingsbruder nach einer schweren Herz-OP. – Als Familie hatten wir natürlich gehofft, dass er diese schwere Operation überstehen möge. Doch aufgrund diverser Vorerkrankungen war sein Körper bereits so geschwächt, dass er entschied, bereits im Alter von 54 Jahren von uns zu gehen. Und obwohl ich mich in den Wochen zuvor durchaus mit der Möglichkeit seines Sterbens vertraut gemacht hatte, fiel es mir unwahrscheinlich schwer, ihn letztlich gehen zu lassen. Da war dieser tiefe, dieser unendlich tiefe Schmerz. – Doch neben all der Trauer und dem Schmerz war noch so viel mehr. Mir war, als wäre mit seinem Tod auch ein ganz wesentlicher Teil von mir selbst mit ihm gestorben. Da war urplötzlich auch so viel von meinem Leben weg. – Jetzt gab es nur noch die Erinnerung an ihn und einen unaussprechlich tiefen Seelenschmerz. Jetzt gab es kein Gespräch mehr, keinen Austausch mehr an Worten, an Gedanken. Es gab keines seiner Konzerte mehr. Es gab seine Musik nicht mehr. – Wie konnte Gott ihn einfach gehen lassen? – Wie konnte er ihn so früh schon wieder zu sich holen? – Hatte mein Bruder sein Lebenswerk hier auf Erden tatsächlich schon zu einem Ende geführt? – Sollte er nicht noch etwas länger sein Leben hier auf Erden genießen können? – Wieder einmal Fragen über Fragen.
Doch der Tod hat seine eigene Zeit. Hat seine eigenen Gesetze. Er nimmt nicht Rücksicht auf unsere menschlichen Bedürfnisse und Belange. Heißt es nicht, wenn die Seele ihre Lebensaufgabe erfüllt und gelebt hat, dann will sie wieder heim zu unserem himmlischen Vater? Dass dies für meinen Bruder so gelten sollte, das hatte ich zu akzeptieren. Auch wenn meine Trauer und der Schmerz um den Verlust sehr groß waren. Ich selbst hatte – nach all den Vorkommnissen der letzten Jahre und nach dieser erneuten Auseinandersetzung mit dem Thema „Tod“ – noch genau genommen für drei Monate die Kraft, meinen eigenen Aufgaben zu entsprechen, ihnen nachzukommen. Doch dann war auch für mich eine Art von „Ende“ gekommen. Um Schmerz und Trauer nicht allzu sehr an mich heranzulassen, entschied ich mich für den mir altbekannten und vertrauten Weg, mich auch weiterhin hinter meiner Arbeit zu verstecken. Dass ich mir selbst damit mehr geschadet als genützt habe, das sollte ich alles erst viel später erfahren. Zu dieser Zeit war es einfach meine Überlebensstrategie, mich hinter möglichst viel an Arbeit und Übernahme diverser Pflichten zu verkriechen. Nach dem Motto: Arbeit befreit. Arbeit heilt die Wunden. Arbeit macht frei. – Ein Glaubenssatz, wie ich ihn wohl unbewusst im Elternhaus gelernt hatte. Zumindest habe ich es für mich so in Erinnerung, dass meine Eltern viele ihrer Sorgen und Probleme mit der Strategie „Arbeit“ irgendwie „weg-gearbeitet“ haben.
Ob diese Art des Umgangs mit Problemen, Trauer und Schmerz gut war oder nicht, das entzog sich sowohl als Kind als auch als erwachsene Frau meinem Wissen. Ich hatte nur die kindliche Lernerfahrung gemacht, dass „Arbeit (anscheinend!) befreit“. Erst durch meine Therapie und das Lesen zahlreicher psychologischer Fachbücher erkannte ich, dass diese Einstellung bestenfalls als Ersatzhandlung zu bezeichnen ist. Sozusagen als eine Art Überlebensstrategie, die uns letztlich als ein Ablenkungsmanöver dient. Genau genommen ist es ein Abwehrmechanismus, um sich mit all den traurigen und belastenden Gefühlen bzw. mit der Thematik „Tod“ (in meinem Fall!) an sich nicht auseinandersetzen zu müssen. Wir spalten dann mehr oder weniger bewusst das uns Unangenehme ab, packen es ein und stellen es weg. Doch all der Schmerz und all die betäubenden Gefühle bleiben so lange bestehen und kehren – ausgelöst durch andere vergleichbare Situationen – so lange immer wieder zurück, bis wir es gelernt haben, den Schmerz, die Trauer, all die Gefühle von Verzweiflung, Angst, Wut etc. anzunehmen. Sie wahrzunehmen, sie zuzulassen, sie genau genommen zu „durch-leben“. So lange, bis wir diese Lebenserfahrung bewusst angenommen und integriert haben. Doch es war nicht nur diese Konfrontation mit dem Tod als einem „Weg-Gefährten“ von uns Menschen, der mein Leben so nachhaltig und so sehr auf den Kopf stellte. Der Tod meines Bruders war für mich letztlich so etwas wie das letzte Mosaiksteinchen, dessen es noch bedurfte, um in der Mitte meines Lebens meine bisherige Existenz einer radikalen „Prüfung und Neuausrichtung“ zu unterziehen. Ob ich wollte oder nicht, es hieß: Schau dir dein Leben einmal an. Schau es dir genau an. Achte dabei auf all die Vorzeichen, unter die du dein Leben und deine Beziehungen bisher gestellt hast. Werde dir dessen bewusst, was gut daran ist. Doch werde dir vor allem auch all der Anteile bewusst, die der Veränderung bedürfen, wenn du wirklich gesund und wahrhaftig glücklich werden willst. Vielleicht sollten Sie Folgendes über mich wissen, um mich und meine Geschichte letztendlich besser zu verstehen:
Durch die Art und Weise wie ich lebte und arbeitete, sowie durch ein mir bis dato ziemlich „unbewusstes“ Handeln und eine extreme Harmoniesucht im zwischenmenschlichen Bereich war ich so etwas wie eine Meisterin in der Verdrängung unangenehmer Situationen und Dinge geworden. – Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. – Unsere „Lebensthemen“, die wir uns als Seele selbst erwählt haben, begleiten uns unaufhörlich. Sie zeigen sich uns immer wieder in neuem Gewand so lange, bis wir ihnen unsere ganze Aufmerksamkeit schenken und uns der Tatsache stellen, dass es bedeutend besser wäre zukünftig bewusster zu handeln. Sie sind so etwas wie unser „individueller Lehrplan“ für dieses Leben. Doch da ich mich lange Zeit von den Herausforderungen des Alltags nur allzu gut ablenken ließ, habe ich im Verlauf meines bisherigen Lebens (bis ins Jahr 2016) bildhaft gesprochen so manche „Rote Ampel“ überfahren, die sich mir im Grunde genommen schon früh genug gezeigt hatte. Ich war nur zu blind dafür. – Nachfolgend erzähle ich Ihnen in Auszügen davon, sofern diese Themen mit meinem Zusammenbruch und der Diagnose im Zusammenhang stehen, und sie für ein Gesamtverständnis meiner Situation meiner Meinung nach wichtig sind.
Doch bevor ich mit dem Thema der „Roten Ampeln“ beginne, lade ich Sie ein, die ersten zwanzig Jahre meines Lebens etwas mit mir zu erkunden. Keine Angst! Ich gehe dabei nicht allzu tief in die Details, sondern zeige im Wesentlichen die Kernbereiche auf, die MICH, meine Person ausmachen. Als Pädagogin war mir bewusst, dass vor allem die ersten zehn Lebensjahre prägend dafür sind, dass wir werden, was wir sind. Und auch die Zeit der Pubertät spricht Bände und hilft zu verstehen, warum wir genau die Person sind, die wir aufgrund unserer Herkunft, Erziehung und Lebensumstände geworden sind. Und so möchte ich Sie zunächst vertraut machen mit mir als Neugeborenem, als Kindergarten-Kind, als Jugendliche im Alter zwischen dem vierzehnten und achtzehnten Lebensjahr. Diese Zeit hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin, und erklärt Ihnen mitunter auch, warum ich so viele Jahre lang eine wahre „Meisterin“ darin war, „Rote Ampeln“ nahezu magisch in mein Leben zu ziehen und sie dann auch noch mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu überfahren. Doch lesen Sie selbst. – Das, was Sie dabei vielleicht ein wenig irritieren wird, ist, dass ich mit Ihnen hierbei auf eine Reise gehe, die immer und immer wieder die Stimme meiner Seele zu Ihnen sprechen lässt. Vor allem wenn es darum geht, überhaupt erst einmal Mensch zu werden. Vielleicht ist das sehr ungewöhnlich für Sie. Für mich auch ein Experiment, das ich so zum ersten Mal wage, doch es ist auch interessant, die Dinge mal aus einer anderen Warte zu sehen. Und weckt vielleicht auch bei Ihnen bestimmte Erinnerungen.
Wie alles begann
(Einmal aus einer ganz anderen Perspektive heraus betrachtet! J)
Sie sind es. – „JA!“ – Diese Frau und dieser Mann. Sie beide. Ich erkenne sie wieder. Sie habe ich mir ausgesucht. Sind sie nicht genial? Genau die Eltern, um als Seele hier auf der Erde zu inkarnieren und in einem menschlichen Körper geboren zu werden. Sie sind perfekt. Bei ihnen bekomme ich alles, was ich brauche, um ein Menschenkind zu werden. Um mich sicher und geborgen zu fühlen, um heranzuwachsen und um all das zu lernen, was ich als Seele lernen will.
Und schon geht die Reise los. – Grandios! – Da ist sie auch schon, die perfekte Eizelle meiner Mutter. Wunderschön. Sie wird ganz und gar ihrer Aufgabe gerecht. Sie bietet mir alles, was ich brauche, um heranzureifen. Ist kräftig und gesund. Eingebettet in ein wunderschönes Klima. Beste Startbedingungen. Schwimmt in einem Milieu, das mich auf das Beste ernährt. Besser hätte ich es mir gar nicht aussuchen können. Dieser Ort gefällt mir. Hier geht’s mir gut. Hier fühle ich mich wohl. – Und tausende von Samenzellen um sie herum. Bin gespannt, welche von ihnen den Treffer landet. – Und schon hat’s „PENG“ gemacht. Der Sieger steht fest. Und sobald er die Eizelle besamt hat, verdickt sich die Zellwand der Eizelle meiner Mutter, um all die anderen Samenzellen abzuwehren, die nicht mehr gebraucht werden, denn die Befruchtung ist bereits geglückt. Jetzt beginnt das Wunder meines Lebens.
Doch im Grunde genommen hat das Wunder Leben schon damit begonnen, dass sich meine Eltern genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort in der richtigen Stimmung für dieses lebensspendende Abenteuer zusammengefunden haben. Ei- und Samenzelle haben zueinander gefunden. Haben sich in Harmonie vereint und beginnen nun gemeinsam den bunten Reigen der Zellteilung, der „Wachstum Leben“ heißt und mich nach neun Monaten als ein wunderbares kleines Menschenkind in den Tanz des Lebens entlässt. Doch ich bleibe nicht allein. Bereits nach kurzer Zeit stelle ich fest: Da hat es sich ja noch jemand gemütlich gemacht und ist als Sieger der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle in dieses Abenteuer Leben gestartet.
Wir sind zu zweit! – Hurra! – Wir sind zu zweit! – Ich bin nicht allein! – Wir sind zu zweit! Gemeinsam schlagen wir Purzelbäume, reichen uns die Hand. Lutschen an unseren Daumen. Freuen uns über die Anwesenheit des anderen. Führen Gespräche, lernen uns kennen, tauschen uns aus. Und immer wieder kuscheln wir ganz nah zusammen in der Gebärmutter in Mutters Bauch. Und dann kommt es, wie es kommen soll. Nach neun Monaten ist es bereits viel zu eng für uns. Doch irgendwie will keiner von uns so richtig auf die Reise gehen. Wir haben es uns viel zu gemütlich eingerichtet. – Und da keiner von uns den Anfang machen will, werden wir, weil vom eigentlichen Geburtstermin her bereits über der Zeit, eines schönen Tages von einem Ärzte- und Schwestern-Team mit einem Skalpell zur Welt gebracht. Sie nennen diesen nicht natürlichen Geburtsvorgang Kaiserschnitt. – Und schon sind wir da! Ich zuerst. …
Doch schon nach zwei Tagen war für mich der Spaß vorbei. Ich wurde in ein anderes Krankenhaus verlegt und somit von meiner Mutter und meinem Bruder getrennt. Eine schwere Darmentzündung – eventuell als Folge einer Fruchtwasser-Vergiftung bzw. einer Unverträglichkeit der Ersatzmilch, mit der ich in der Geburtsklinik ernährt wurde, machte es erforderlich, dass ich für einen längeren Zeitraum in ein anderes Krankenhaus verlegt werden musste, wo man mir zwar half wieder zu gesunden, aber ich war in diesen zwei Monaten entsetzlich allein. Und für mich war dies gleich ein doppelter Schock, denn: bruderlos und mutterlos. Da gab es kein Kuscheln, kein Vertraut-Sein mehr mit meinem Bruder und meiner Mutter. Weder konnte ich ihre vertraute Stimme hören, noch gab es Liebkosungen und Streicheleinheiten für mich. Was mir entschieden fehlte, war das geherzt, umsorgt und geliebt werden durch meine Mutter, nach der ich mich so sehr sehnte. Ein verdammt herber Verlust für mich. Eine bittere Enttäuschung, eine frühkindliche Wunde, die mich mehr oder weniger durch mein Leben begleiten wird. – Was für ein Herz-Schmerz. – Habe ich mir das so ausgesucht? – Habe ich mir das tatsächlich so ausgesucht? – Wenn ja, dann geht das ja schon ziemlich interessant los. Da kann ich ja gespannt darauf sein, was da noch so alles kommt. Meine ersten Tage und Wochen in dieser Welt waren somit alles andere als schön für mich. Ich habe es zwar überlebt, und man könnte sagen: Was hat die bloß? Es gibt bedeutend schlimmere Schicksale als dies. – Stimmt! – Und dennoch hat jeder im Verbund mit seiner ganz eigenen Geschichte, die ihn prägt, seine Art mit derartigen Situationen klar zu kommen. Wie sich dieser nachgeburtliche Schmerz in meinem Leben immer wieder mal zeigen wird, darüber später dann mehr. In der anderen Klinik kämpfte ich um mein Leben und schrie mir nach Mutter und Bruder die Seele aus dem Leib. Ärzte und Schwestern taten das Ihre für mich. So hab ich’s mit deren Hilfe dann ja auch geschafft. Was für eine Erleichterung, doch was bleibt sind unbeantwortete Fragen für mich: Scheute ich damals vor dem Leben zurück? … Wie geht es weiter? – Wo geht es weiter? – Wann geht es weiter? – Und wenn ja, wie? – Gute zwei Monate blieb ich gänzlich unfreiwillig von denen getrennt, die ich liebte und nach denen ich mich unwahrscheinlich sehnte. Die Personen, mit denen ich bis dahin in tiefer Harmonie und Liebe verbunden war. Meiner Gefühlswelt und Erinnerung nach kämpfte ich meinem Gefühl nach „mutterseelenallein“ um mein Ankommen in dieser Welt. Kein ganz so glücklicher und liebevoller Start. Doch als Seele wollte ich anscheinend unbedingt und bereits so kurz nach meiner Ankunft auf Erden diese sehr bittere und tief nachwirkende Erfahrung eines Verlust- und Trennungsschmerzes machen, mit all der Angst, Panik und Traurigkeit darüber, mit dem Gefühl von „Ich fühle mich soooo entsetzlich allein!“. Und da waren sie auch schon, die ersten Fragen: „Warum bin ich so mutterseelenallein?“ – „Warum sollte meine Reise ins Leben gleich so hart beginnen?“ – Dieses Erleben zieht sich mehr oder weniger stark wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich werde dieser Angst, dieser Panik, diesem Gefühl des Alleinseins und der Ohnmacht im Verlauf meines Lebens noch in den verschiedensten „Gewändern“ begegnen. Dass es sich so früh und so vehement zeigt, damit hatte ich nicht gerechnet. Oder doch?
Hierzu ein kleiner Exkurs zu unserer Seele
Als Seele sind wir hoch motiviert zu lernen. Wollen spirituell wachsen. Wollen uns weiterentwickeln. Stehen bei Gott und dem Karmischen Rat in der Warteschlange, um zu denen zu gehören, die sich zu einer bestimmten Zeit, vielleicht sogar zu einer historisch ganz besonders interessanten Zeit (Wechsel vom Fische-Zeitalter ins Wassermann-Zeitalter) und für eine gewisse Lebensspanne einen Körper als Mensch erwählen, denn nur mittels dieser Menschwerdung können wir entsprechende Situationen durchleben und menschliche Erfahrungen machen. Wir wollen immer wieder die „Schulbank Leben“ drücken, um im weiteren Prozess der persönlichen Entwicklung und Evolution mit dabei zu sein. Doch dazu bedarf die Seele der „Schul-Uniform“ menschlicher Körper. Doch was wissen wir als Seele nach der Geburt noch von alledem, was wir uns mit Hilfe unserer Seelenfamilie in unser Lebensskript geschrieben haben? Sind wir nur hier um zu genießen, Spaß zu haben und uns gut zu unterhalten? – Nein! Nein! Und nochmals nein!
Unsere Seele will lernen. Sie wünscht sich von Leben zu Leben ein Mehr an Wachstum und Bewusstsein. Sie ist an ihrer Weiterentwicklung interessiert. Wenn wir geboren werden, treten wir zum einen mit den Lernaufgaben an, die wir im vorherigen Leben noch nicht zur Gänze gemeistert haben, plus all die neuen Herausforderungen, die wir uns als Seele für dieses Erdenrund NEU ausgesucht haben. Doch dass wir dies alles selbst so geplant haben, daran erinnern wir uns nach der Geburt nicht mehr. Durch den Geburtsprozess wird dieses Wissen gelöscht, denn nur so können wir in die Welt der Dualität eintreten und für die Zeitspanne dieses neuen Lebens lernen und uns als Seele entwickeln. Und im Grunde genommen ist es ganz gut, dass wir nicht wissen, was genau morgen unser Schicksal sein wird, denn vielleicht käme es uns so gerade gar nicht zu pass. Würden uns der Erfüllung der Aufgabe vielleicht sogar verweigern. – Die Einzige, die die Übersicht über unser Lebenskonzept behält, das ist unsere Seele. Sie weiß genau, wo es lang geht. Sie weiß, was wir lernen wollen. Sie weiß, weswegen wir genau zu dieser Zeit, in diesem Land, an diesem Ort, mit diesen Eltern, mit dieser Familiengeschichte usw. und mit genau diesen „Hausaufgaben“ angetreten sind. Sie weiß, dass wir all diese Erfahrungen nur in einem menschlichen Körper machen können. Und weil sie dies weiß, meldet sie sich immer wieder und erinnert uns an unseren ursprünglich geplanten Weg. Denn sie will, dass wir unser Ziel „Entwicklung“ erreichen. Dabei will sie uns behilflich sein.
Doch da uns Gott, unser Schöpfer, die Quelle, wie auch immer wir ihn nennen wollen, als Mensch den freien Willen mitgegeben hat, können wir als Seele in diesem menschlichen Körper frei entscheiden, ob wir hinsichtlich einer bestimmten Situation (Lernaufgabe) den Weg unserer Seele gehen, oder ob wir den Weg unserer Ego-Anhaftung gehen. Fühlen wir uns im Ergebnis mit einer bestimmten Erfahrung nachhaltig gut, stellt sich auf Dauer ein Glücksgefühl ein, spüren wir, dass wir von dieser Sache erfüllt und begeistert sind, sind wir im Frieden damit, fühlen wir uns gut, sind positiv gestimmt, dann sind wir den Weg der Seele gegangen. Dann sind wir dem Weg unseres Herzens gefolgt und waren in Verbindung mit unserem Höheren Selbst. Stellen sich hingegen Gefühle des Zweifels, Ängste oder gar Sorgen ein, meldet sich Unbehagen, fühlen wir uns unausgeglichen, unter- oder gar überfordert, zweifeln wir etc., dann sind wir – in aller Regel unbewusst – den anstrengenderen, steinigen, mühevollen Weg des Egos gegangen, um zu sein. Doch auch auf diesem Weg werden wir – wenn auch über Umwege – letztlich in die Auseinandersetzung mit unseren Seelen-Hausaufgaben geführt.
***
Nachdem ich dank der Hilfe der Ärzte gesundet war, kehrte ich in den so lang ersehnten Schoß meiner Familie zurück. Meine Mutter begrüßte mich mit den Worten: „Jetzt gehörst du zu mir.“ – An die Zeit danach kann ich mich nicht erinnern. Und mit den nächsten Bildern, derer ich mir bewusst bin, bin ich dann schon 5 Jahre alt. Ich sehe meinen Bruder und mich, wie wir Hand in Hand in den Kindergarten gehen. An einer Stelle wechseln wir immer die Straßenseite, weil da ein Bauernhof ist, mit einem Maschendrahtzaun und einer Hecke zur Straße hin abgegrenzt. Doch jedes Mal, wenn wir diese Stelle zu passieren haben, erschreckt uns ein ziemlich großer Hund, der fürchterlich aggressiv bellt, so dass unsere Herzen bis in die Kniekehlen rutschen vor lauter Angst davor, dass er uns eines Tages erwischt. Wer von uns beiden mehr Angst hat, darüber denken wir gar nicht erst nach. Reflexartig reagieren wir, drücken uns gegenseitig die Hand als wollten wir uns auf diese Art Mut zusprechen und flüchten vor dem Ungetier. Sind immer wieder froh, wenn wir unser Ziel Kindergarten erreichen. – Und auf dem Rückweg noch einmal das gleiche „Spiel“. Was mir aus dieser Kleinkind-Zeit aber mehr als diese kleine Geschichte im Gedächtnis blieb, war ein ganz wichtiges Gefühl für mich. Das Gefühl von inniger Vertrautheit, Zusammenhalt und Schutz. Und wenn ich an diesen Händedruck meines Bruders zurückdenke und diesen in Worte übersetze, dann sagt er mir: „Wie gut, dass ich diesen Bruder an meiner Seite habe. Gemeinsam sind wir stark. Gemeinsam schaffen wir es. Gemeinsam erreichen wir unser Ziel.“
Und auch wenn da auf Seelenebene diese innige Vertrautheit und Verbundenheit zwischen uns war, so wurde auf der Bühne unseres Lebens die Rollenverteilung zwischen uns schon früh festgelegt. Ohne dass wir uns dessen bewusst waren, bekam er die Hauptrolle und ich eine Nebenrolle. – Und so erschuf ich mir unbewusst mit meinen Gedanken und Gefühlen meine Realität, und mein Bruder mit seinen Gedanken und Gefühlen seine Realität. Denn was es hierbei zu beachten gilt, ist, dass wir uns mit unseren Gedanken und Gefühlen, die mit bestimmten Ereignissen im Zusammenhang stehen, die Welt im Kleinen wie im Großen erschaffen. Und auch wenn ich lange dazu brauchte, um die entsprechende Einsicht zu gewinnen, so lernte ich für mich: Er muss eine ganz andere Seelenaufgabe haben als ich. Wo ihm die Herzen, die Aufmerksamkeit und Bewunderung anderer zuflogen, da lautete die Seelenaufgabe, mit der ich angetreten bin: Lerne dich selbst wertzuschätzen, dann werden dich auch die anderen wertschätzen. Lerne dich selbst mit allem, was dich ausmacht, wahrnehmen und sehen, dann werden dich auch die anderen sehen. Lerne dich selbst erst zu lieben, dann werden und können dich auch die anderen lieben.
Das erklärt dann natürlich die gänzlich unterschiedlichen Vorzeichen, mit denen wir in dieses Leben gestartet sind. Aber jeder von uns wird seinen Grund gehabt haben, warum er sich diese Aufgaben so erwählt hat und nicht anders. Und im Sinne unserer Aufgaben, die wir uns als Seele gestellt hatten, sollte uns unsere Welt (Eltern, Geschwister, Freunde, Partner, Arbeitskollegen etc.) im Außen spiegeln, was es innerhalb dieser Inkarnation als Seelenlektion zu erkennen und zu lernen gilt.
Das Problem ist nur, dass wir zwar noch mit diesem Seelenwissen unsere Reise in die irdische Welt angetreten sind, doch vergessen wir mit unserer Geburt alles und müssen dann erst nach und nach wieder herausfinden, welche Lektion gelernt sein will. Und so bestach mein Bruder bereits im Kindergartenalter die Erzieherinnen mit seinem Charme, während ich ziemlich ängstlich, zurückgezogen, verhalten, in mich gekehrt, ruhig und unscheinbar war. – Hier zeigte ich mich ganz anders als zuhause, wo ich eher ein Wildfang war. – Was aber auch an meiner Wesensart liegt, denn ich brauche immer eine gewisse Zeit um sozusagen „aufzublühen“. Betrete ich neues Terrain, bin ich erst einmal sehr verhalten und schau mir das Ganze aus einer sicheren Entfernung und mit viel Distanz an. Die Rollenverteilung zwischen meinem Zwilling und mir setzte sich über die ganze Schulzeit hinweg fort, denn von der ersten Klasse an waren wir bis zum Abitur immer in der gleichen Klasse. Ob dies für uns von Vorteil war? – Im Nachhinein betrachtet sage ich nein!
Ich würde es keinem Zwilling raten in die gleiche Klasse wie das Geschwister zu gehen.
Von der ersten bis zur achten Klasse war es okay. Während dieser Zeit konnten wir gut damit umgehen. Schulisch gesehen waren wir gleich gut. Es tat keinem weh, dass auch der andere ein Teil des Klassenverbunds war. Wir machten uns keine Gedanken über ein Wer? – Was? – Wie? In diesen Jahren konnte so vieles noch auf leichte und spielerische Art und Weise geschehen. Erst während der Gymnasialzeit – und auch hier erst mit Ende der achten und Beginn der neunten Klasse und der fragilen Zeit der Pubertät – begann der stete Vergleich mit ihm sich für mich immer mehr zum Nachteil auszuwirken.
Auf einmal fing es an, dass ich schwächer wurde als er. Latein – sein Lieblingsfach – wurde für mich trotz anfänglicher Begeisterung immer mehr zu meinem „Hass-Fach“. Die Punischen Kriege und so manch anderer Text machten es mir zunehmend schwer. – Die ersten drei bis fünf Sätze übersetzte ich noch schön brav so, wie es von mir gefordert war, doch dann ging in aller Regel meine Phantasie mit mir durch und führte mich – was die historischen Fakten und Daten betraf – immer mehr auf Abwege. Diese Art zu übersetzen machte mir so zwar „Spaß“, so lange sie un-bewertet blieb. Doch die Freude darüber hielt nie lange an, denn mein Lateinlehrer teilte diese Freude leider nicht.
Auch mein Englischlehrer setzte mich – statt mich angesichts einer guten Note zu loben – immer wieder mal und dies mehr als es mir lieb war mit den „galanten“ Worten eines Pädagogen schachmatt: „Denk dir nichts, Merkl. – Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn!“ – Dieser Satz klingt mir heute noch in den Ohren nach. Hat sich mir vehement in jede einzelne meiner Zellen eingebrannt. – Pädagogisch gesehen ein besonders „hochwertiger“ Kommentar. Dass ich mich in der Folge davon für Englisch als Sprache „brennend“ interessierte, versteht sich nach diesen „liebreizenden“ Worten von selbst.
Interessant war für mich, dass es immer nur die männlichen Pädagogen waren (jedoch zum Glück nicht alle), die meine Eltern an den Eltern-Sprechtagen des Öfteren damit konfrontierten: Arbeiterfamilie – zwei Kinder, Gymnasium und Abitur? Reicht es da nicht, wenn der Junge studiert? Wozu braucht das Mädel das Abitur? – Und so kam mindestens einmal im Jahr – darauf konnte ich wetten – meine Mutter vom Elternabend heim und erklärte mir, dass Herr X und Herr Y dringend dazu raten, dass ich mich als Mädchen (!) doch besser für den Mittleren Bildungsweg entscheide. – Die „wohlmeinenden“ Worte von Herrn X klingen noch heute in meiner Erinnerung nach: „Es reicht doch, wenn Ihr Sohn das Abitur macht. Für das Mädchen wäre es bedeutend sinnvoller, dass sie einen guten Realschulabschluss macht. Sie kann dann ja Krankenschwester werden, einen Arzt heiraten, Kinder bekommen und auch so Karriere machen.“
„Brrrrr!“ – Diese Worte haben mich sowas von verletzt. Was glaubt der Mann? – Nur weil ich ein Mädchen bin? Nie und nimmer lasse ich mich darauf ein. Und so hat er mit seinen Worten genau das Gegenteil erreicht. Mein Kampfgeist war geweckt. Auch wenn es mir nicht immer leichtfiel, aber so nicht! – Es begann zwar eine harte Zeit. – Mein Spaß an der Schule war größtenteils vorbei, aber einfach nur so die Segel streichen, das wollte ich definitiv nicht. Die Frage stellte ich mir erst gar nicht. Ein weiterer „Lieblingssatz“ einiger Lehrer während meiner eigenen Schulzeit war: „Warum kann es dein Bruder, warum kannst du es nicht?“ – Gemeint war hier die Bühnenpräsenz meines Bruders. – Sein Selbstbewusstsein. Sein Selbstwertgefühl. Die Sicherheit, mit der er sich zeigte und musikalisch brillierte.
Für ihn war es selbstverständlich, sich hinzustellen und einfach zu musizieren. Anders bei mir. Obwohl ich bei jedem Mal Vorsingen wusste, dass ich die Bestnote bekam, war es ab der Pubertät kein Leichtes für meinen Lehrer, mich zum Vorsingen zu bringen. Alphabetisch vorgehen und mich dann unter „M“ für Merkl aufrufen, das ging ganz und gar nicht. Bereits beim Buchstaben „E“ schlug mein Herz so sehr, dass ich glaubte, irgendwo im Raum eine Trommel zu hören. Doch dieser Lehrer – ihm dankt noch heute mein jugendliches Herz – war äußerst einfallsreich. Für ihn kam einfach schon nach dem „D“ das „M“, was dann dazu führte, dass ich vollkommen irritiert war, weil ich das Alphabet im Geiste runterbetete und nicht verstand, warum jetzt schon das „M“ zum Singen aufgerufen war. Doch nach diesem anfänglichen Schreck entspannte ich mich und sang. Was für eine glorreiche Idee. – Zum Glück hatte ich also auch Pädagogen dieser Art. Ging es schulisch gesehen also nicht nur darum, was ich für mich alleine in dem einen oder anderen Fach zu leisten vermochte, so wurde ich schon von Anfang an mehr oder weniger bewusst stets mit den Leistungen meines Zwillings verglichen. Und das war für mich kein Spaß. Egal, was ich tat: Er war mir immer eine Nasenlänge voraus. Wo ich bestenfalls den Fleiß und den Ehrgeiz besaß, hatte er das von Gott gegebene Talent und einen Charme, mit dem er sämtliche Frauen- wie Männer-Herzen bestach. Ich hingegen fühlte mich nur über all die Jahre hinweg (das waren immerhin neunzehn Jahre) als zweite Garnitur.
Was für mich damals ebenfalls schwer war, dessen war ich mir aber lange Zeit nicht bewusst: Mit den Jungs in einer Klasse zu sein beschämte mich. Ich wollte mich den Jungs gegenüber anders zeigen. Nicht so einfältig, dumm, naiv, weniger begabt usw. – Mein Problem mit Beginn der Pubertät war, dass ich mich nun auch in meinem Denken und Fühlen ganz und gar nicht mehr verstand. Unten war oben – oben war unten! Bei mir war alles irgendwie komplett durcheinandergeraten. Doch das Schlimmste für mich war, dass da niemand war, mit dem ich über alles hätte reden können. Und so fing ich bereits sehr früh an auf die Stimme meines inneren Kritikers und Richters zu hören und ich erlaubte ihnen Urteile über mich, die sehr schmerzhaft waren. So wurde diese „empfindliche Zeit“ im Leben eines Teenagers für mich zur Tortur. Für manche von Ihnen als Leser mag sich das Ganze gar nicht so dramatisch lesen wie es meinem Empfinden nach war. Sie können vielleicht gar nicht verstehen, warum ich auf all dies so hochsensibel reagierte. Und ehrlich gesagt verstand ich mich ja selbst auch nicht. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Ich konnte all diese Gedanken und Gefühle nicht verstehen. Und ich wusste nicht, wie ihnen beizukommen war. Und am meisten ärgerte ich mich über mich selbst, weil ich in diesem Gefühlschaos gefangen war und mich wie festgenagelt fühlte. Und „hungrig“ und neidisch schaute ich auf all die anderen, die es vermeintlich besser hatten als ich. Heute bin ich mir dessen bewusst, wie sehr ich im Selbstmitleid versunken war, weil ich kein ausreichendes Feedback von anderen hatte und nicht verstehen konnte, warum mein Leben so war wie es war. Im Grunde genommen sah ich nicht wirklich einen Sinn in meinem Leben. Eine der Fragen, die ich mir bereits sehr früh und immer und immer wieder stellte, war: Was soll bzw. was kann ich der Welt schon geben?
Auf der Suche nach einer Antwort, heillos überfordert mit diesen „Schwergewichten“ an Gefühlen und gefangen in einem Gedanken-Karussell, das sich unablässig drehte, hing ich in einer Art von Wiederholungsschleife fest. Und die CD, die darin abgespielt wurde, hatte stets die gleiche Melodie. Doch leider nicht in Dur, sondern in Moll. Das waren Gedanken wie: „Ich gehöre gar nicht hier her.“ – „Hier fühle ich mich nicht wohl.“ – „Was soll ich hier?“ – „Wer interessiert sich denn überhaupt für mich?“ – „Warum fühle ich mich unter den Menschen so fremd?“ Und irgendwie hasste ich mich auch dafür, dass ich meinem Leben nichts abgewinnen konnte und so undankbar war. Dass ich mich weniger gefördert und geliebt sah als ich es bei meinem Bruder beobachten konnte. Ich hasste mich dafür, dass ich so neidisch auf ihn war, jedoch diesen Groll und die Bitterkeit nicht zur Sprache bringen konnte. Dass ich keine Worte finden konnte, um mich mitzuteilen, um wahrgenommen zu werden. Manchmal hasste ich mich so, dass ich mich am liebsten ausradieren wollte, um zu sehen, ob den anderen dann wenigstens auffällt, dass ich fehle. Ich fand es ungerecht, dass er alles mit einer gewissen Leichtigkeit bekam und ich meiner Meinung nach um alles so zu kämpfen hatte. Von Menschen, die fröhlicher und wohlgelaunter sein konnten als ich, hörte ich Sätze wie „Du musst dir halt einfach eine dickere Haut zulegen.“ oder „Du musst zum Lachen wohl mal in den Keller gehen.“ bzw. „Werde doch endlich mal lustiger!“ usw. – Ehrlich gesagt halfen mir diese ganzen wohlgemeinten Ratschläge nichts. Hatte sich in mir doch schon so viel „Gedanken-Müll“ angesammelt, nur wusste ich nicht, wohin damit. Und je fordernder meine Welt im Außen war, umso mehr zog ich mich immer noch mehr in meine angstbesetzte Welt des Schweigens und des Träumens zurück.
So aber wurde ich erst recht eine Gefangene meiner Gedanken und Gefühlswelt. Dass dies alles andere als gesund war, das wusste ich jedoch nicht. Ich ging vielmehr davon aus, dass das Leben einfach nur anstrengend und beschwerlich ist. Dass es nur sehr wenig Freudvolles gibt. Und dass es für Menschen wie mich nicht wirklich etwas zu lachen gibt. Für mich gab es neben den Kategorien „reich und arm“, sowie „begabt und unbegabt“ noch eine weitere Kategorie Mensch. Die „vom Glück Geküssten“. Zu dieser Gruppe gehörte mein Bruder. Zumindest meiner Meinung nach. Und das Pendant dazu in der „Gruppe der Verlierer“ spielte ich, da ich mich vom Wohlwollen Gottes als weniger beschenkt sah. Meine religiöse Erziehung lehrte mich, dass Gott unser „oberster Richter“ ist und dass diesem Gott auch nicht das kleinste Fehlverhalten entging. Doch was habe ich irgendwann einmal getan, dass dieser Gott mich anscheinend nicht so liebte wie meinen Bruder? – Hätte er mir sonst nicht auch ein Mehr an Intelligenz und Begabung gegeben? – Was bitte sind die Fähigkeiten, auf die ich als Mädchen/Frau zuversichtlich schauen kann? – Was sind die Fähigkeiten, die ich aus mir selbst heraus entwickeln kann? – Ich wusste es einfach nicht. Ich sah diese Fähigkeiten nicht. Und es fehlte mir ein Gegenüber, das mir half, dieses Potential, das in mir ruhte, Schritt für Schritt zu entwickeln. – Stattdessen spürte ich immer und immer wieder nur diesen unendlich tiefen Seelenschmerz. Fühlte mich weder gesehen, noch verstanden, sondern einfach nur überfordert mit all den Gedanken, mit all den Gefühlen, mit all den Hormonen. Überfordert mit mir und der Welt. Das Schlimmste jedoch war, dass ich über all dies nicht sprechen konnte. Mir war, als hätte mir jemand meinen Mund zugeklebt, versiegelt. Als hätte mir jemand gesagt: „Du bist sehr, sehr undankbar. Solche Dinge sagt man nicht. Solche Dinge denkt man nicht. Solche Dinge fühlt man nicht.“
Was für eine verrückte Welt, was für eine innere Zerrissenheit, in der ich lebte. Ich fühlte mich hin- und hergerissen zwischen dem Guten und dem Bösen. Zwischen Himmel und Hölle. Mal war ich unten, mal war ich oben. Es war ein ständiges Kräftemessen. Und sobald ich mich entschied in meinem Denken, Handeln und Sein nur noch die „Gute“ sein zu wollen, konnte ich fast schon darauf wetten, dass sich mir im Außen wieder eine Situation zeigte, die ich zu bewältigen hatte. Und schon meldete sich ungefragt und unerwünscht erneut das „Böse“ in mir in Form meiner Gedanken und Gefühle, obwohl ich doch beschlossen hatte sie zu besiegen. Doch so einfach, wie ich mir das dachte, war dies nicht. Ganz im Gegenteil. Und da ich aufgrund meiner Harmoniesucht und der ewigen Suche nach Anerkennung und Liebe eine panische Angst vor Sanktionen und Ablehnung hatte, lebte ich die ganze „Frust-Energie“ nicht nach außen hin, sondern gewöhnte mir stattdessen ein ziemlich ungesundes Verhalten an, indem ich die ganze zerstörerische Energie gegen mich selbst richtete. Nach außen hin vermied ich es jedoch, meine negativen Gefühle zu zeigen. Stattdessen versteckte ich mich in meinem Schneckenhaus und redete mir dort ein: „Hier kann mich keiner finden. Hier kann mich keiner sehen.“ So richtete ich mir nach und nach mein Leben in einer Art von Rückzug, innerer Rebellion und partieller Wut ein. Was mir aber nicht klar war, war, wie viel Lebensfreude und Lebenskraft ich dadurch verlor. Heute erst weiß ich, dass ich mir mit der Kraft meiner Gedanken diese ganzen Situationen selbst erschaffen hatte. Egal ob in der Schule oder in der Familie. Mit so viel Zerrissenheit und negativer Energie, die ich in mir trug, vermochte ich es weder mich meinem Leben ganz hinzugeben, noch mit den Menschen vertraut zu werden, nach deren Liebe ich mich so sehr sehnte. Wer mir dabei am meisten fehlte, war meine Mutter. Und da ich stets auf der Suche nach dieser Liebe war, konnte ich mich auch nicht wirklich von ihr abnabeln und trennen. Stattdessen habe ich die Erfahrung gemacht: Wenn du derart nach Liebe suchst, dann bleibst du ewig das Kind, das dürstet und hungrig ist. Dann kannst du nicht wirklich erwachsen werden. Dann bleibst du selbst als erwachsene Frau in diesem „hungrigen Kind-Bewusstsein“ stecken. Und jedes Mal, wenn du dieser Mutter begegnest, dann suchst du und suchst und suchst. Du kannst dieses Angenommen-Sein, diese Wertschätzung, sowie das Geliebt-Werden auch bei deinem Partner/deiner Partnerin, deinen Freunden, Arbeitskollegen suchen, doch du wirst es vergeblich suchen. Du bleibst so lange hungrig und bedürftig, bis du eines Tages beschließt, dir selbst beste Mutter, bester Vater, bester Partner/beste Partnerin, bester Freund/beste Freundin zu werden. Bis du dich mit der Vergangenheit ausgesöhnt hast und beginnst, dich selbst liebevoll um dich und deine wahren Bedürfnisse zu kümmern. Bis du die Liebe und alles, was dazu gehört, dir selbst zu geben vermagst. Immer und immer wieder. Letztlich so lange, bis du dich wohl-genährt und gesättigt fühlst.
So suchte ich als Teenager und junge Frau oft sehr verzweifelt meinen Weg. Und da ich mit so viel Frust, den ich in mir trug, davon überzeugt war, auch in Gott keine wirkliche Hilfe und Unterstützung zu finden, tat ich das, was ein verletztes Kind tut, wenn es sich vernachlässigt und ungeliebt fühlt, ich wandte mich immer mehr von ihm und „Mutter Kirche“ ab, weil ich so sehr mit meinem Schmerz beschäftigt war. Letztlich wurde ich so immer mehr zu einer Gefangenen in mir selbst. Mit meiner kindlichen Wut, meinen Gedanken und nicht gelebten Gefühlen hatte ich mir selbst Fesseln angelegt. Und diese Fesseln trugen sogar Namen. Sie hießen Schuld und Scham. So hatte ich mir mein eigenes Drama, das Drama eines scheinbar weniger begabten und ungeliebten Kindes kreiert. Und dies lebte ich sowohl zuhause als auch in der Schule. – Soweit zu meiner Biografie.
Als ich anfing, darüber nachzudenken und zu schreiben, zeigten sich mir noch einmal der ganze alte Schmerz sowie die Gefühle von Schuld und Scham. Oft war mir, als wollte mein Herz zerspringen, doch inzwischen hält es dem Schmerz dieser Geschichten tapfer stand. Es gibt zwar noch Tage, an denen die Tränen mal wieder fließen. Doch dann halte ich inne und sage mir: „Wie interessant! – Heute ist also mal wieder so ein Tag.“
Johann Wolfgang von Goethes Faust zitierend kann ich sagen: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, denn auch Goethes melancholischer Doktor Faust fühlt sich zerrissen zwischen den Mächten seiner Innenwelt. Auch in ihm wirken diese gegensätzlichen Kräfte und fordern ihn heraus, sich für eine dieser Mächte zu entscheiden, womit letztlich dann auch sein „Reigen im Tanz des Lebens“ beginnt, der nicht nur ihn zu Fall bringt, sondern auch die Person, die er aus ganzem Herzen liebt. Ist das nicht verrückt? Es ist dieses ewig währende „Spiel“, diese Kraft-, Mut- und Zerreißprobe zwischen den hellen und dunklen Mächten in uns. Das Prinzip der Dualität. Das Geistige Gesetz von Ursache und Wirkung, das hier zum Tragen kommt. Diese Kräfte gehören zu uns, so lange wir leben. Sie wirken mehr oder weniger bewusst und unbewusst in uns. Sie formen und prägen unser Menschsein und stellen uns letztlich vor die Frage, wie wir unser Leben mit diesen Kräften bewusster gestalten können. Das Problem ist nur: Solange wir diese widerstrebenden Kräfte in uns als gut und schlecht beurteilen, solange wir sie als positiv und negativ bewerten, wird sich die von uns als negativ definierte Kraft immer und immer wieder melden. Sie kämpft und ringt mit uns um ihre Daseinsberechtigung. Und solange wir sie ablehnen und versuchen sie zu negieren, erzeugt sie in uns eine innere Spannung, die sich so lange immer und immer wieder mit den verschiedensten Lernsituationen zu Wort melden wird, bis wir diesen Aspekt in uns nicht mehr länger leugnen und ablehnen, sondern ihn uns bewusst machen und integrieren. Erst durch die Annahme, die Integration, erst durch die Akzeptanz all der Schatten-Anteile in uns, ziehen sich diese „Dämonen“ nach und nach langsam zurück. Sie verlieren an Kraft, an Vehemenz. – Lehnen wir sie hingegen ab, werden sie größer und mächtiger, blähen sich auf. Versuchen uns zu bestimmen. Fordern uns heraus und ringen mit uns. Werden sie hingegen bewusst wahrgenommen und gefühlt, bzw. fragen wir sie gar nach ihrer Botschaft für uns, fühlen sie sich gesehen und wertgeschätzt. Dann beruhigen sie sich. Sie werden verständlicher und zahmer. Sie zeigen sich verhaltener. Sie kämpfen nicht länger um ihre Vorherrschaft in uns. Und so wie sie sich beruhigen, löst sich dann auch diese gewaltige Spannung in uns auf, und wir finden wieder leichter zurück in unser Gleichgewicht. In einen Zustand von innerer Ausgeglichenheit und Balance. Indem wir uns für alle Aspekte in uns öffnen, werden wir gelassener, geduldiger, mitfühlender, bewusster und weiser. Wir erkennen: Dies alles macht unser Menschsein aus. Dies alles gehört zu uns. Und was das Schönste von all dem ist: Wir lehnen uns selbst nicht mehr länger ab, sondern finden endlich den erwünschten Frieden in uns. Werden ausgeglichener, entspannter, großzügiger gegenüber unserer eigenen Wesensart, aber auch toleranter, mitfühlender, respektvoller und wertschätzender gegenüber anderen Menschen. Wir öffnen uns für alles, was ist, und erkennen, dass es sich nicht lohnt irgendetwas abzulehnen. Wir öffnen uns für das Dunkle ebenso wie für das Helle. Für den Schatten und das Licht. Für Angst und Liebe. Für Traurigkeit und Freude. Wir erkennen, dass alle Gefühle wertvoll sind, dass sie uns je nach Situation etwas ganz Bestimmtes lehren wollen, dass sie gelebt sein wollen, dass sie uns und unserer persönlichen Weiterentwicklung dienen. Sie zeigen uns all die verschiedenen Qualitäten, die Anteile, die Aspekte unseres Seins. Wir schließen sie aber nicht mehr aus, sondern wir umarmen sie.
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Von der Kunst, so viele „Rote Ampeln zu übersehen“
Von der Liebe – Wie habe ich sie gelebt?
Eine der ersten „Roten Ampeln“, die ich in meinem Leben „übersehen“ habe, zeigte sich mir mit dem Ende meiner ersten Partnerschaft, meiner sogenannten „ersten großen Liebe“. Unsere Beziehung hielt fast neun Jahre. Ging dann aber nahezu „wortlos“ auseinander. – Will damit sagen, dass mir nicht so wirklich bewusst war, warum die Trennung zum unabwendbaren „Muss“ wurde. Doch inzwischen ist mir klar, dass diese damalige Trennung unter den nahezu gleichen Vorzeichen verlief wie zwanzig Jahre später die Trennung von meinem Mann. – Von daher komme ich überhaupt auf die Idee, Ihnen davon zu erzählen.
Die ersten Jahre standen – wie könnte es anders sein – unter dem Glücksstern der „Liebe“. Wir teilten viele schöne Momente und erlebten eine sehr schöne Zeit. Unsere Studienjahre gingen dahin. Und je mehr wir uns dem Ende unserer Studienzeit näherten und jeder von uns entsprechend seiner Fachrichtung in die ersten Berufsjahre eintauchte, umso mehr spürten wir, dass gleichzeitig auch das Ende unserer „gemeinsamen Zeit“ gekommen war. Nach und nach trifteten die gemeinsamen Interessen auseinander. Wir sahen uns immer seltener. Und da wir beide an unterschiedlichen Orten beruflich tätig waren, trennten sich unsere Wege.
Auch wenn mir vom Verstand her klar war, dass diese Trennung unausweichlich war, hing ich emotional noch sehr lange an diesem Menschen und hielt mein „Klammern“ und meine Gefühle nach wie vor für Liebe. Doch wusste ich damals überhaupt schon, was Liebe ist? – Was es wirklich heißt zu „lieben“? – Worauf „Liebe“ gründet? – Woraus sie resultiert?
Für mich war bereits das Zusammensein, das mit-jemandem-in-Beziehung-Sein ein wesentliches Merkmal für Liebe. Wichtig waren für mich das „Vertraut-Sein“, das „Verbunden-Sein“. Unbewusst wichtig war mir jedoch: bloß nicht „getrennt“ sein, bloß nicht „alleine“ sein. Woher dieses Gefühl der wahnsinnigen Angst vor dem Alleinsein kam, wusste ich so viele Jahrzehnte nicht. Doch diese Angst in mir war unermesslich groß. Und sie war immer da. Ich bedurfte jetzt erst der Zeit meiner Seelen-Therapie um herauszufinden, warum diese Angst für mich so unermesslich groß war und sich auch derart dramatisch in meinem Leben auswirken sollte. Im Nachhinein betrachtet kann ich sagen, dass sie auf ungesunde Art und Weise alle meine Beziehungen beeinflusste. Wenn ich heute mit den Erfahrungen und Erkenntnissen der letzten vier Jahre auf mein Leben und vor allem auf meine Beziehungen schaue, dann war es jedes Mal nach der anfänglich romantisch verträumten Phase der Liebe, in der wir den anderen mit der „rosaroten Brille“ wahrnehmen, letztlich mehr eine „geschwisterliche“, eine „freundschaftliche“ Liebe. Und auch eine sehr „bedürftige“ Liebe. Eine Liebe mit dem Tenor „Ich brauche dich. – Du fehlst mir. – Ich fühle mich ohne dich nicht ganz.“
Mit einem mir lieben Menschen an meiner Seite verbunden zu sein, war mir so wichtig, dass ich den Partner so sein ließ, wie er es für sich haben wollte. War er da, waren wir in Beziehung. Dann war ich der glücklichste Mensch der Welt und fühlte mich endlich „ganz“. Fühlte mich allein schon durch seine Anwesenheit gesehen und geliebt. Mein Leben bekam im Grunde genommen erst durch den Partner eine Farbe und damit letztlich auch einen Sinn. – Nur mit einem Partner fühlte ich mich ganz. – Endlich nicht mehr leer. – Ich gehörte zu jemandem, und dies fühlte sich gut an. – So gut, dass ich es „Liebe“ nannte. Doch was ich über so viele Jahre hinweg „Verliebt-Sein“ und „in Liebe und gegenseitiger Wertschätzung verbunden Sein“ nannte, war in Wahrheit mehr (m)eine Flucht vor der Einsamkeit. Flucht vor dem Alleinsein. Flucht in die Hände eines Mannes, dem ich unbewusst mehr Rechte zugestand, als ich sie mir selber gab. Flucht in die Hände eines Mannes, dem ich treu ergeben war. In die Hände eines Menschen, von dem ich überspitzt gesagt irgendwie „abhängig“ war. Abhängig, weil ich nicht mit mir alleine sein konnte. – Abhängig, weil ich nicht mit mir alleine sein wollte. – Weil ich gar nicht wirklich wusste, was fängt „Frau“ so alleine mit sich an? Mein Rollenverständnis sowie mein Selbstverständnis als Frau war, dass man zwar – wir leben ja im Zeitalter der Emanzipation – auch einen eigenen Beruf und darin sogar Erfolg haben kann. Dass es aber überwiegend immer noch mehr im Aufgabenbereich der Frau liegt, zu kochen, zu backen, zu waschen, zu bügeln etc. Kurz gesagt: Den anderen, den Partner, umsorgen und verwöhnen. Sich um den anderen, um die Familie kümmern. Sich auf die Bedürfnisse des anderen einstellen. Diese Bedürfnisse und Wünsche am besten sogar noch erahnen, bevor sie ausgesprochen sind. Und diese Hingabe, diese „Selbstaufgabe“, dieses „für den anderen da-Sein“, das war für mich der Beweis an „Liebe“. Dass Liebe hingegen aus vielen verschiedensten Facetten besteht, das kam mir nicht in den Sinn. Schließlich wurde ich zu einer braven, anständigen und sittsamen Tochter erzogen, die folglich auch als Frau in dieser Rolle bestach. Entsprechend meiner Erziehung waren die Werte und Glaubenssätze, nach denen ich Partnerschaft lebte: „Treue bis in den Tod!“ – „Ich werde immer für dich da sein!“ – „Ich werde immer hart arbeiten und mein Bestes geben, damit es uns gut geht.“ – „Ich werde mich immer zuerst um andere kümmern.“ – „Ich werde meinem Partner immer mehr zugestehen und geben als mir selbst.“
Erst während der Zeit meiner Selbst-Therapie erkannte ich, dass diese Werte ein ziemlich selbstaufopferungsvolles und selbstzerstörerisches Muster in sich trugen. Sie waren alles andere als gesund für mich. Doch warum lebte ich mit der Last derartiger Werte? – Waren dies denn überhaupt meine Werte? – Habe ich sie mir zu meinen Werten gemacht, weil ich mit diesen Wertvorstellungen aufgewachsen bin? Mit der Zeit erkannte ich: Das waren mehr die Werte meiner Eltern und die Werte unserer Großeltern. Ich bin nur die Tochter, die Enkelin einer Nachkriegsgeneration, die sich mit Haut und Haar einem besseren Leben, dem sogenannten „Wiederaufbau“ verschrieben hatte. In mir lebte diese Ahnen-Energie. Diese gewaltige Überlebensangst, sowie eine übermächtige Angst vor dem Alleinsein mehrerer Generationen von Frauen, die den Ersten und Zweiten Weltkrieg erlebt hatten. Diese Ängste haben anscheinend nur den „Fahrersitz“ gewechselt. Sie springen von Generation zu Generation so lange weiter, bis diese Angst angenommen und verwandelt wird.
In unser aller Leben wird es immer ups and downs geben, doch worauf es ankommt, ist letztlich die Art und Weise, wie wir mit diesen Lebenskrisen und Lebenserfahrungen umgehen. Sehen wir das „halb leere Glas“ oder das „halb volle Glas“? – Akzeptieren wir dieses stete Auf und Ab in unserem Leben? – Nehmen wir diese Zeiten als „Lern-Chancen“ wahr oder verwehren wir uns dagegen und verfallen stattdessen in Selbstmitleid? – Die Entscheidung darüber liegt letztlich ganz bei uns. Je nach Familiensystem, nach familiärem Erbe, in dem wir aufgewachsen sind, gelingt uns das aufgrund frühkindlicher Prägungen und Erfahrungen besser oder weniger gut. Doch uns allen ist die Chance gegeben, unser Bewusstsein zu wandeln, unseren Horizont zu erweitern und damit den Blick zu ändern, mit dem wir auf die zahlreichen Herausforderungen und Situationen in unserem Leben schauen. Uns allen ist die große Chance zur Verwandlung alter Muster gegeben. Wir müssen nicht steckenbleiben in alten Verhaltensweisen, Überzeugungen, Glaubenssätzen oder gar Dramen. Sie wiederholen sich so lange in unserem Leben, bis wir bereit für die Veränderung sind. Erst wenn wir uns mutig und beherzt diesen „alten Geistern“ stellen, befreien wir uns von ihnen. Doch nicht nur uns, sondern auch unser ganzes Familiensystem.
Alleinsein = „Angst essen Seele auf!“
Um dieser Angst zu entfliehen tat ich viel, um mir die jeweilige Beziehung zu erhalten. Ich machte die Beziehung zu meinem „Rettungsanker“, um nur ja nicht allein durch diese Welt zu gehen. Was mir damit aber nicht klar war, war, dass ich damit unbewusst meinem Partner so viel mehr an Einflussnahme und Macht über mich gab, bis ich für mich selbst immer mehr an eigener Substanz, Farbigkeit und Persönlichkeit verlor. Über die Zeit hinweg verschmolz ich förmlich mit meinem Partner. Man könnte auch sagen, wurde immer mehr zu einer „un-selbst-ständigen“ Person. Einer Person, die sich selbst immer weniger wahrnahm, geschweige denn ihre Bedürfnisse und Wünsche überhaupt noch kannte. Aufgefallen ist mir dies allerdings erst als ich alleine war und so gut wie nichts mehr mit mir selbst anzufangen wusste, weil mir mein Gegenüber fehlte, das mir bis dato in meinem Leben Halt und Orientierung gegeben hatte. Nach meinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen befragt, wusste ich lange Zeit keine Antwort zu geben. So weit war ich von mir selbst weg, dass ich für mich selbst erst wieder „das Laufen lernen musste“.
Das Lebensmotto, dem ich mich in meinen Beziehungen verschrieben hatte, lautete: „Geht es dem Partner gut, geht es mir gut.“ Also sorge ich dafür. Und für die Erfüllung dieses „ungeschriebenen Gesetzes“ tat ich viel. Mitunter sehr viel sogar. – Eigentlich der blanke Wahnsinn. Denn ich verlor dabei völlig den Bezug zu mir selbst. Ich hatte das Gefühl, dass es meine oberste Pflicht als Frau ist, die Wünsche des Partners zu erfüllen. Und wo immer es ging, sie ihm nach Möglichkeit sogar noch unausgesprochen von den Augen abzulesen.
Mit dieser mir unbewussten Handlungsmaxime war ich ganz und gar die „brave Eva“, begab mich privat in die „Falle“ von Unselbstständigkeit und Überangepasstheit. Man kann fast schon sagen einer Art von „Unterwürfigkeit“, denn im Grunde genommen gab ich so einen wesentlichen Teil von mir selbst auf. Und aufgrund meiner Harmoniesucht versäumte ich es, auch einmal die rebellische, die kraftvolle, die wilde und vor allem auch eine trotzige und streitbare Amazonin, ein „Lilith“, zu sein.
In meinen Partnerschaften gab es zwar dieses anfängliche Verliebt-Sein, dieses die Welt durch eine rosa Brille-Sehen, diese Schmetterlinge im Bauch und noch so manches mehr. Doch ist diese Zeit dann irgendwann vorbei, dann stehe ICH da, und weiß nicht recht, wie ich mir die Liebe erhalten kann. Statt mich gemeinsam mit meinem Mann einer gesunden Beziehungsarbeit zu widmen, versank ich immer mehr in den alltäglichen Dingen, die unser Dasein bestimmten, sodass unsere Beziehung und unser Leben immer mehr nur noch zu einem bloßen Funktionieren wurden.
Mein Partner – mein Spiegel
Meine allerbeste Projektionsfläche für alle meine Gefühle und auch für die unbewussten Themen, Probleme und Stimmen der Vergangenheit.
Was meinen wir wirklich, wenn wir dem anderen sagen, dass wir ihn/sie „lieben“?
Gebrauchen wir diese Formel „Ich liebe dich!“ nur, um den anderen unbewusst (!?) wissen zu lassen: „Ich brauche dich, weil ich mich sonst alleine fühle, weil ich sonst einsam bin, weil ich sonst nicht ganz bin!“
Was heißt es, jemanden wirklich zu lieben? – Was bedeutet es, sich im anderen zu entdecken? – Kann ich jemanden zu viel lieben? – Was meint die Liebe wirklich? – Wofür will sie uns öffnen? – Was hat sie uns zu sagen? – Was hat sie uns zu lehren?
Aus meiner heutigen Sicht würde ich im Ergebnis sagen, dass ich die Situation als Kind und Jugendliche innerhalb der Familie und der Jahre mit meinem Ex-Mann genau so erfahren musste, um endlich zu begreifen, wo ich mit der Liebe zu mir selbst überhaupt stand. Und ich muss sagen: Das Ergebnis war sehr ernüchternd, wenn nicht sogar absolut erschütternd. Es hat mich zutiefst betroffen gemacht, mehr noch, zutiefst schockiert, erkennen zu müssen, dass ich mich selbst ja gar nicht liebte. Ich funktionierte einfach nur. Über die Liebe zu mir selbst nachzudenken, das kam mir gar nicht in den Sinn.
Selbstliebe – allein das Wort war irgendwie schon verpönt. Dafür hatte ich keine Zeit und keinen Sinn. Stattdessen gab es da diese Vielzahl negativer Gedanken und Gefühle, die ich gegen mich hegte, die begleitet waren von Sätzen wie: „Du bist nicht gut genug.“ – „Du bist es nicht wert, geboren zu sein.“ – „Du bist nicht erwünscht.“ – „Du bist nur eine Frau.“ – „Du bist viel zu anstrengend.“ All diese Gedanken zeigten mir, dass ich mich selbst und damit auch mein Frau-Sein ablehnte. Alles, was ich tat, konnte in den Augen der anderen noch so sehr als gut befunden werden, doch ich selbst war NIE wirklich zufrieden mit mir. Die Kritikerin in mir war ständig präsent. Und ich wusste nicht, wie ich sie besänftigen bzw. abschalten konnte. Kurzum: Ich genügte mir nicht. – Die meiste Zeit über war mein Blick auf mögliche Fehler sowie auf meine Defizite gerichtet. – Können Sie sich in etwa ausmalen und vorstellen, wie sich dies auf das Lebensgefühl auswirkt? – Grausam! Fatal! – Sie sind ständig defizitorientiert und haben das Gefühl, dass Ihnen etwas Entscheidendes fehlt. Und danach suchen Sie Ihr Leben lang und sind dabei getrieben von der Hoffnung, es irgendwann einmal zu finden. Und zu alledem war da diese Angst, mir selbst meine Daseinsberechtigung zu geben bzw. mir selbst gegenüber überhaupt in Liebe zu sein, bzw. mir selbst wohlwollend und wertschätzend zu begegnen.
Das Gottesbild der Kindheit darf sich wandeln
Jesus lehrte uns „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ – Das Problem bei mir war nur, dass ich diesem kleinen Wörtchen „WIE“ überhaupt keine Bedeutung beigemessen hatte. Ich hörte nur „Liebe deinen Nächsten!“. Den Rest gab’s für mich nicht. Warum? – Kann und darf sich ein schwarzes Schaf denn lieben? – Ja, Sie lesen richtig. Ich bezeichne mich hier als das „schwarze Schaf“, denn als solches habe ich mich die ganze Zeit gefühlt. – Weshalb?
Ich komme aus einem sehr religiösen Haushalt. Römisch-katholische Erziehung. – Erinnere ich mich an die Kindheit, waren das Einhalten der Zehn Gebote, regelmäßige Gottesdienstbesuche und die Einhaltung der Familienregeln oberstes Gebot. Ich ging regelmäßig zum Gottesdienst und zur Beichte. Sang im Kirchenchor und nahm auf diese Art und Weise an all den Kirchenfesten und Traditionen teil, die das Jahr so mit sich bringt. Nur tief in mir war ich irgendwie anders religiös als der Rest der Familie. Ich interessierte mich für Gott, aber anders als es der Tradition in meiner Familie entsprach. Ich wollte Gott freier begegnen, anders als mit dem wöchentlichen Diktat von „Du musst sonntags in die Kirche gehen.“ Ich glaube, der nicht gelebte Rebell in mir lebte genau hier sein Trotzverhalten gegenüber den Gepflogenheiten meiner Familie aus. Und so kam es, wie es kommen sollte, dass ich während meiner Studienzeit und auch in den Jahren danach immer weniger zu den Gottesdiensten und damit in die Kirche ging. Doch wenn ich bei der Familie zu Besuch war und mich meine Mutter auch nur ganz harmlos fragte, ob ich denn überhaupt noch zur Kirche gehe, dann wurde in mir sofort eine Erinnerung aus Kindertagen wach, die ich mir als ein Muster eingeprägt hatte im Sinne von: „Gott sieht alles. Gott hört alles. Gott weiß alles. Gott straft alles.“
In Sekundenschnelle war das Gefühl da von „Ich bin nicht gut. Ich habe mein Leben als Christin, als gute Katholikin, als gottesfürchtiger Mensch verwirkt.“ Ich fühlte mich zum einen schlecht und schuldig, zum anderen trotzte ich, denn ich wollte endlich frei sein von irgendwelchen Reglementierungen. Wollte meine eigenen Entscheidungen darüber treffen, wie ich meinen Glauben leben will und mir dies nicht vorschreiben lassen. Wenn es für mich um Religion und Glaube geht, dann hat das – völlig frei und unabhängig von einer kirchlichen Lehre – ganz viel zu tun mit der „religio“, der Rückverbindung zu Gott. Mit dem klaren Wissen darum, dass Gott immer für mich da ist. Dass ich mit ihm und durch ihn lebe. Er freut sich, wenn ich ihm von mir erzähle. Er hört mir zu, wenn ich Sorgen und Probleme habe. Er liebt es, wenn ich mich ihm anvertraue und wenn ich ihm mit allem, was da ist, vollkommen vertraue, da er am besten weiß, was meine Seele braucht um zu lernen und zu wachsen. Für mich war es dringend notwendig das Bild eines strafenden Gottes – so wie ich ihn aus der Kindheit heraus kannte – zu wandeln, hin zu einem Gott, der uns alle bedingungslos liebt. Da ich mich aber als junge Frau jahrelang vor dem scheinbar „strafenden Gott“ versteckt hatte, musste ich mich erst wieder auf die Suche nach ihm machen und mir dabei selbst eingestehen, dass ich mich allein aus kindlichem Trotzverhalten heraus von ihm getrennt hatte. Er war immer für mich da. Nur mein Blick auf ihn war falsch, weil unbewusst von dieser kindlichen Angst geprägt. Und nicht nur mein Blick. Auch mein Denken darüber, dass Krankheiten, Unfälle, Widrigkeiten in unserem Leben Gottes scheinbare Strafe für ein nicht gottgefälliges Leben sind.
Es dauerte seine Zeit, bis ich wieder zu Gott fand. Anfangs habe ich ihm seitenweise Briefe geschrieben und ihm alles erzählt, wie es um mich steht. Erst nach und nach fing ich dann an, mit ihm zu sprechen, so wie man sich mit dem besten Freund unterhält. Irgendwann bemerkte ich dann immer mehr, dass er mir auf alle meine Fragen eine Antwort gab und mich nie alleine ließ. Er war sogar rund um die Uhr für mich da. Gott erklärte mir, dass es zwar schön ist, wenn ich ihn in der Kirche aufsuche um zu beten, zu meditieren oder mit anderen Gläubigen Gottesdienste zu feiern, dass er sich aber genau so sehr darüber freut, wenn ich ihn an anderen Orten besuche. Auf meinem Weg zurück zu Gott lernte ich immer mehr, dass er einfach überall ist. In jedem Menschen, denn er wohnt in unseren Herzen. Dort hat er sich einen Platz reserviert, um mit uns – wenn wir dies wollen – gemeinsam durch unser Leben zu gehen. Außerdem wohnt er in jedem Tier, in jeder Pflanze. In der belebten wie der unbelebten Natur. Gott verkörpert die Schöpfung und ist somit alles. Somit ist er für mich fühlbar und lebendig in allem, was da ist.
Heute bin ich mir der Präsenz meines Gottes so bewusst wie noch nie und kann aus ganzem Herzen sagen: „Gott wohnt in mir. Ich bin sein Kind.“ Heute beginne und beende ich den Tag im Gespräch mit Gott. Und dass das so ist, ist wunderschön und tut unwahrscheinlich gut. Ich kann jeden Tag mit Gott meine Gedanken klären. Teile mit ihm Freud und Leid. Gehe ich abends aus irgendeinem Anlass heraus mit Traurigkeit, Schmerz, Sorgen oder Ängsten zu Bett, die ich vorher Gott anvertraut habe, dann spüre ich morgens bereits beim Aufwachen, dass sich Gott dieser Probleme angenommen hat, dass er bereits wieder um eine Lösung weiß. Er liebt mich so sehr, dass er sich in allem stets nur das Beste für mich wünscht. Und er lässt mich im Kleinen wie im Großen jeden Tag aufs Neue so viele seiner Wunder erleben. Ich musste nur selbst erst lernen, diese Wunder zu sehen. Ich musste erst von zuhause weg und mich als Frau der Aufgabe widmen, mit Gott auch mal zu streiten, zu zürnen, mit ihm zu ringen, mir ein anderes, mein eigenes Gottesbild zu erschaffen. Und dieses neue Bild erlaubt mir heute zum Glück ein ganz anderes Denken, Fühlen, Sehen und Erleben von und mit Gott.
Heute weiß ich, dass Erwachsenwerden auch bedeutet, dass sich das Gottesbild unserer Kindheit wandeln darf, ja mitunter sogar wandeln muss. Und dabei ist es wichtig, dass wir uns erlauben, dass wir selbst wissen, was Gott für uns ist und wie wir ihm im Leben begegnen. Und Gott hat mir erklärt: Es ist wichtig, dass wir aus einem ganz anderen Blickwinkel heraus auf all die Ereignisse und Begebenheiten in unserem Leben schauen. Denn dann stellen wir fest, dass all die Dinge, die in unserem Leben geschehen, nicht irgendwelche „Richter-Sprüche“ eines strafenden Gott-Vaters sind. Sondern dass alles, was wir in unserem Leben an diversen Herausforderungen, ja sogar an Krankheiten, sogenannten Schicksalsschlägen und Krisen erleben, einzig und allein ausschließlich Lernaufgaben sind. Lernaufgaben, die uns als Menschen ereilen, weil wir Seelen sind, die immer wieder in menschliches Leben inkarnieren, um diese Erfahrungen überhaupt machen zu können, da wir sie nur in einem menschlichen Körper machen können. Deswegen sind wir hier. Und ja, manchmal sind diese Erlebnisse wunderbar. Dies nennen wir dann die „guten und schönen Zeiten“ in unserem Leben.
Doch es gibt auch Ereignisse und Krisen, wo wir das Gefühl haben, als könnten wir im Hinblick auf diese Herausforderungen nicht bestehen. Das nennen wir dann die „schlechten Zeiten“, über die wir alle nicht gerne reden. Und trotzdem sind für uns auch diese Zeiten bestimmt. Für den einen früher, für den anderen später. Für so manchen scheinen sie eine „Dauergabe“ zu sein. Je nachdem wie viel wir uns zu lernen für dieses Leben vorgenommen haben. Ganz gemäß der Regie unseres Lebensplans. Gemäß dem Lebensentwurf, den wir vor unserer Inkarnation mit Gott-Vater so besprochen haben. Nur haben wir durch den Prozess unserer Geburt und durch den Eintritt in dieses Leben die Erinnerung an die mit Gott getroffenen Vereinbarungen vergessen. „Vergessen“ hier gemeint als ein natürlicher Schutz-Reflex, weil wir uns sonst im Gewahr-Sein all dessen, was wir uns als Lebensaufgabe ausgesucht haben, unter Umständen mehr in der Angst als in der Hingabe an unser Leben befinden würden.
„Die Seele nährt sich von dem, worüber sie sich freut.“
Augustinus
Ein schleichender Prozess
In den letzten dreizehn Jahren sollte ich so viel Wandel und Neuerung in meinem Leben erfahren, dass ich aus heutiger Sicht nur sagen kann: Gut, dass wir nicht wissen, was morgen unsere Realität oder Lernaufgabe ist. Wir würden uns viel zu viele und manchmal auch viel zu unnötige Sorgen machen. So gesehen gut, dass uns die Dinge vielmehr überraschen, auch wenn sie uns – wie in meinem Fall – mitunter aus der Bahn werfen. Kaum war eine Herausforderung vorbei, war die nächste auch schon da. Dabei hatte ich die aus den Jahren davor noch gar nicht ausreichend reflektiert, verarbeitet oder gar verinnerlicht. Alles nahm noch mehr an Tempo, an Geschwindigkeit, an Fahrt auf. Ich glaubte zwar nach wie vor, noch selbst am Steuer meines Autos, sprich meines „Lebens“ zu sitzen, doch anscheinend hatte bei mir das Unbewusste mehr die Regie, die Führung übernommen. Und so kam immer mehr eines zum anderen. Im Laufe der letzten Jahre gab ich jeder meiner „Roten Ampeln“ eine Jahreszahl und einen Namen, damit Sie sich in etwa vorstellen können, was das Thema, die Lernaufgabe dahinter war. 2007 beruflicher Standortwechsel und damit zusammenhängend jede Menge neuer Herausforderungen: neues Aufgabengebiet, neue Kollegen, neue Klassen … 2008 bedurfte ich einer Operation. Die Operation selbst verlief gut, doch ich brauchte relativ lange, bis ich insgesamt wieder zu Kräften kam, was wohl mitunter auch daran lag, dass mein Immunsystem seit meiner Hodgkin-Erkrankung, die ich zehn Jahre zuvor hatte, doch noch mehr in Mitleidenschaft gezogen war als ich mir das hatte eingestehen wollen.
2010 wurde das Ganze für mich beruflich gesehen zum Glück zwar wieder etwas leichter, doch dafür ergab sich auf der privaten Bühne meines Lebens eine ganz andere herausfordernde Situation. Und die hatte letztlich sehr fatale Auswirkungen, vor allem für mich als Frau. Worin diese Herausforderung bestand? Mit 49 Jahren verlor ich meine ganzen Haare. – Diagnose: Alopecia totalis. Innerhalb von nur drei Monaten verlor ich büschelweise meine Haare. Anfangs noch an Stellen, die über das Deckhaar noch einigermaßen geschützt waren. Doch schon bald musste ich mich der traurigen Realität stellen und bedurfte letztlich einer Perücke, denn den Mut zu einem Kahlkopf hatte ich nicht. Dieser Tatsache ins Auge zu sehen, war für mich mehr als schockierend. Es war, als breche eine Welt auseinander. Und das tat sie auch. Diese Alopezie beraubte mich eines Teils meiner weiblichen Attribute. Ich verlor nicht nur die Haare, sondern auch die Augenbrauen und die Wimpern. Meinem Selbstbild nach war ich gänzlich entstellt. Ich erlebte die Alopezie wie eine Amputation. Mit dem Verlust meiner Haare war für mich ein wesentlicher Teil meines Frau-Seins, meiner Ausstrahlung dahin. Mein Schönheitsideal bekam einen gewaltigen Riss. Doch das Schlimmste daran war für mich diese Ohnmacht, wie dieser Krankheit zu begegnen ist. – Diese tiefe Ohnmacht.
So begann für mich neben der Schule in den darauffolgenden Jahren eine zusätzliche und vor allem auch emotional sehr anstrengende Odyssee von Arzt zu Arzt, von Heilpraktiker zu Heilpraktiker, um zum einen mögliche Ursachen für diese Alopezie ausfindig zu machen und zum anderen Wege zu finden, diese Diagnose eventuell wieder rückgängig zu machen. Doch das, was mir die Ärzte sagen konnten, war in den meisten Fällen immer nur das Gleiche. In aller Regel war die Antwort zunächst ein Achselzucken bzw. ein Kopfschütteln, dann der Verweis auf die Wechseljahre. Die Ärzte gaben sich alle Mühe meine Schilddrüse auf die richtige Medikamentengabe einzustellen, bzw. meinen Hormon-Status wieder besser in den Griff zu bekommen. Doch die Hoffnung darauf, dass diese Symptomatik vielleicht nur vorübergehender Natur war, schwand mit der Zeit immer mehr. Keiner konnte mir letztlich sagen, worin dieser Haarausfall ursächlich begründet war. Vermutungen gab es viele, doch sie haben mich im Ergebnis nicht weiter- und dem Wunsch auf Heilung leider nicht nähergebracht. Was ich immer wieder gesagt bekam, war letztlich, dass dieser extreme Haarverlust wohl eine Spätfolge der Bestrahlung meines Hodgkin war, und dass ich lernen müsste mit dieser gesundheitlichen Situation zu leben. – Was für ein Schock diese Diagnose für mich als Frau war, das konnte leider niemand nachvollziehen. Für mich selbst war sie so niederschmetternd, dass ich damals bereits einen Großteil meiner Lebensfreude verlor und mich stattdessen tiefe Trauer und ein Gefühl von grenzenloser Ohnmacht ereilte. Wie sehr sich mir dieser psychische Schmerz in den folgenden Jahren noch zeigen sollte, das konnte ich damals noch gar nicht vollständig erahnen. Körperlich so „gezeichnet“ suchte ich noch mehr Ablenkung in meiner Arbeit. Suchte dort etwas wie Trost und Halt. Doch im Grunde genommen versteckte ich mich nur hinter all den beruflichen Aufgaben und war froh, dass es sie gab. Denn je mehr an Arbeit es gab, umso weniger musste ich über mich nachdenken. Welch schwacher Trost. – Kein guter Trost. – Im Grunde genommen war es nur Flucht. Eine Flucht, die mich letztlich zwar mein berufliches Lebensziel erreichen ließ. Doch was war der Preis dafür? – Ein viel zu hoher Preis, den ich dafür zu zahlen hatte.
2010/11 erkrankte mein Vater und verstarb 2012 an den Folgen diverser Erkrankungen, die sich in den letzten zwei Jahren immer mehr bei ihm gezeigt hatten. Diese erste tiefere Begegnung mit dem Tod eines mir lieben Menschen, der mir so etwas wie Sicherheit gegeben hatte, war schon damals nicht leicht für mich zu verkraften und forderte mich heraus. 2012 wurde ich dann zur Schulleiterin ernannt und hatte somit das Ziel meiner beruflichen Träume erreicht. Was dieser neue Schul- und Standortwechsel für mich im Einzelnen bedeutete, ist Ihnen schon bekannt. Und so gut ich es vermochte und konnte, schritt ich auch weiterhin mutig voran. Schließlich wollte ich so etlichen meiner Visionen von einer gesunden und in die Zukunft weisenden Schule aus dieser Position heraus Leben geben und somit meinen Werten, Idealen und Träumen nach und nach Substanz geben.
2013 war ich dann wie vom Donner gerührt, als ich eines Abends im Mai von meinem Mann gesagt bekam, dass er sich von mir trennen werde. Das war nun eindeutig zu viel. Mit so einer Hiobs-Botschaft hatte ich in meinem Leben nicht auch noch gerechnet. – Wir hatten zwar seit geraumer Zeit gemerkt, dass unsere Beziehung eine andere Qualität bekam, doch bevor es zwischen uns überhaupt zu einem klärenden Gespräch kam, war mein Partner bereits eine andere Beziehung eingegangen. 2014 wurde unsere Ehe dann geschieden, trotz insgesamt zwanzig Jahren intensiver Verbundenheit und vieler glücklicher Stunden. Doch das Glück entzieht sich uns, wenn wir vergessen, es regelmäßig zu hegen und zu pflegen. – Und an diesem Vergessen waren wir leider beide beteiligt. Jeder von uns auf seine Art.
2015 lernte ich dann einen anderen Mann kennen. Ich war mal wieder bis weit über beide Ohren verliebt. Und dieser Partner erwiderte diese Liebe. Ich hatte mit solch intensiven Gefühlen nach all dem Trennungsschmerz von meinem Ex-Mann gar nicht mehr gerechnet. Doch da ich beruflich sehr stark eingebunden war, und es mir aufgrund der Trennung so lange Zeit überhaupt nicht gut ging, war ich mehr als dankbar für diese sich neugestaltende Beziehung, denn dieser Mann kam zu einer Zeit in mein Leben, als ich dieses schon fast aufgeben wollte. Ich war folglich nicht nur verliebt, sondern auch dankbar, dass er mich von diesem Vorhaben abhielt. – Sollte es mir tatsächlich wieder möglich sein, dieses verletzte Herz zu öffnen? – Sollte ich vom Leben eine neue Chance bekommen, sodass die alten Wunden der Trennung wieder heilen können? – Wie ein „Backfisch“ war ich verliebt bis über beide Ohren. Und so gab ich mich den Träumen von einer wunderschönen neuen Liebe und Partnerschaft hin. Schade nur, dass diese Beziehung, die für mich so vielversprechend begann, 2016 ein äußerst tragisches Ende dadurch nahm, dass dieser Mann mit all seinem Bemühen nicht wirklich mich meinte, sondern nur an meinem Geld interessiert war. So wurde dieser „Traum von einer neuen Liebe“ für mich zu einem reinsten Horror-Szenario. Wie sich leider herausstellte, hat er mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen um sehr viel Geld betrogen. Was für eine erneute Demütigung. – Was für eine Verletzung. – Was für ein Schock. – War ich denn überhaupt noch bei Sinnen? – Wie konnte das denn überhaupt geschehen? – Warum hat sich mein Verstand in all der Zeit nicht gemeldet? – Warum vertraute ich so sehr einem Gefühl von Verliebt-Sein? Ich könnte mir an dieser Stelle noch viele Fragen stellen, doch letztlich wozu? – Das Drama war bereits geschehen.
Durch diese Geschichte habe ich letztlich ganz das Vertrauen in mich selbst, in meine Gefühle und in all mein Handeln verloren. Mein Geist, mein Verstand, meine Vernunft hatte so was von ausgesetzt. Im Nachhinein scheint mir, war ich damals, was diese Geschichte anging, nicht mehr Frau meiner Sinne. Wer da am Werk war mit Denken, Handeln, Reagieren und Tun, diese Frau kannte ich nicht. Diese Frau war mir so was von fremd. Und was das Schlimmste war: Ich konnte nicht wirklich darüber sprechen, weil ich mich so unwahrscheinlich schämte. Dass mir so etwas passieren sollte, das konnte und wollte ich einfach nicht glauben. In mir sträubte sich alles ob einer solchen Realität. Und doch wurde genau dies meine Realität. Eine weitere sehr traurige Realität. Und für mich das „i-Tüpferl“ an persönlichem Leid kennen Sie bereits: Der Tod meines Zwillingsbruders. – Mir war, als sei mit seinem Tod auch ein großer Teil von mir gestorben. – Einfach mit ihm fort gegangen. Unauffindbar und unerreichbar weggegangen. Können Sie sich vorstellen, dass ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur noch dachte: Warum er? – Warum nicht ich? – Warum musste ich bleiben? – War das fair?
5
Zusammenbruch und was dann?
Meine dienstlichen Pflichten erfüllte ich nach dem Tod meines Bruders (im Januar 2016) noch bis Mai dieses Jahrs, doch dann brach mein Körper-Geist-Seele-System komplett zusammen. Dann brach genau genommen meine Welt, die sich in all den letzten Jahren ohnedies schon in so vielen Ausnahmezuständen befand, vollkommen in sich zusammen.
Um mich von all der Trauer und dem Schmerz bestmöglich abzulenken, wurde ich immer mehr so etwas wie eine Arbeitsmaschine in Menschengestalt. Doch schade nur, dass sich auch im Feld Schule zu dieser Zeit immer mehr Situationen ergaben, die zum Teil für mich mitunter auch kränkend waren. Ab einem bestimmten Zeitpunkt hörte mein „System“ nur noch Kritik, Kritik, Kritik … – Und gerade dieses negative Erleben „feuerte“ zusätzlich meine negativen Glaubenssätze an. Sätze wie „Du bist einfach nicht gut genug. Du kannst das nicht. Erfolg hast du nicht verdient. Um Erfolg zu haben bist du nicht geboren.“ Meine innere Kritikerin lief auf Hochtouren. Und was das Schlimmste war, diese Kritikerin ließ sich nicht mehr abstellen. Sie schrie bei Tag und bei Nacht. So gut ich konnte, arbeitete ich dagegen an. Was mir jedoch immer seltener gelang. Diese Stimme, dieser negative Klangkörper, dieser Feind in meinem Kopf, er war omnipräsent. Und er raubte mir zusätzlich viel an Elan, an Esprit, an Lebens-Energie. Er war wie ein Virus, der sich in einem viel zu schwachen Immunsystem mit brachialer Gewalt in jede Zelle bohrte und sie begierig auffraß. Und ich konnte dagegen nichts unternehmen. War im Grunde genommen wie gelähmt. Nicht mehr Frau meiner Sinne. Nicht mehr im Besitz meiner Kräfte.
Dieser Virus verselbstständigte sich und zeigte sich zusätzlich zu all den Körpersymptomen, die ohnedies ja schon ein Teil meiner Biografie waren, immer mehr an diversen körperlichen Symptomen, vom Bandscheibenvorfall, über Schwindelanfälle, extremen Schmerzen in der ganzen rechten Körperhälfte, über Tinnitus, über … Manchmal zitterte ich nur noch am ganzen Körper. Oder bekam einfach so ohne besonderen Anlass einen Weinkrampf, der mir dann noch das Letzte an Energie nahm, was noch vorhanden zu sein schien. Das Einzige, was zur Beruhigung noch funktionierte, waren Badewanne und Bett. Doch nach drei Stunden war es dann um den Schlaf auch schon wieder geschehen. Und so „vegetierte“ ich geraume Zeit dahin. Im Grunde genommen so lange, bis mich mein Körper mittels eines Nervenzusammenbruchs aus dem Verkehr zog. Spätestens da war es um mich geschehen. Ab da hatte ich meinen Körper nicht mehr im Griff. „Funktionieren“ war nicht mehr. Zwar unternahm ich bis zuletzt immer wieder verzweifelte Versuche, das, was wir Schicksal nennen, zu beeinflussen und zu korrigieren. Doch all diese Versuche waren zum Scheitern verurteilt. Es war sozusagen ein vergebliches Spiel meinerseits um Macht und Kontrolle.
Wenn ich aus heutiger Sicht auf all dies schaue, dann wird mir klar, dass das nur ein allerletztes Sich-Aufbäumen war. Ein Versuch, das, was sich bereits wie eine Lawine in meinem Leben losgetreten hatte, mit letzter Kraft noch zu stoppen oder wenigstens insoweit aufzuhalten, dass vielleicht doch noch eine Art von Schadensbegrenzung möglich war. Eine erste Hilfe kam für mich in Form einer vierwöchigen Krankschreibung. Der Arzt, der mir diese verordnete, war aber auch so ehrlich, dass er aufgrund all der Vorkommnisse, die ich ihm berichtet hatte, dringend anriet, mich in die Hände eines Therapeuten zu begeben. Was ich dann auch tat. Zugegeben: anfangs hatte ich ein riesengroßes Thema damit, dass ich therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen musste. Doch mir war andererseits auch klar, dass es keine Alternative mehr gab, um mit der Vergangenheit und all den Themen allein klar zu kommen. Eine – so glaube ich – typisch westeuropäische und vor allem auch deutsche Grundhaltung, zu denken: „In meiner Familie hat noch keiner einer Therapie bedurft. Was für eine Schwäche. Jetzt brauche ich auch noch einen Therapeuten, der mir hilft, all das Chaos in mir zu sichten.“ Es gibt andere Gesellschaften, andere Nationen, die gehen damit wesentlich freier um. Da hat nahezu jeder, der etwas auf sich hält, einen Therapeuten, um an seinen Lebensthemen zu arbeiten. Kurzum: Ich hatte eine schreckliche Angst, mich auf diesen Weg einzulassen. Doch ich wollte wenigstens verstehen lernen, warum ich mit 55 Jahren, in der Mitte meines Lebens, vor einem derartigen Scherbenhaufen stand und alles zerstört hatte, was ich mir bis dahin aufgebaut hatte. Außerdem war da eine winzig kleine, kaum hörbare Stimme in mir, die mir sagte: „Bitte befreie mich! Bitte erlöse mich! Bitte gehe den Weg, der dir vielleicht als hart erscheinen mag. Sieh dir an, wie alles mit allem zusammenhängt, denn alles im Leben ergibt einen Sinn. Du kannst das jetzt vielleicht noch nicht sehen, doch mit der Zeit wird er sich dir erschließen. Bitte gehe diesen Weg. Befreie dich! Befreie mich! Befreie uns!“
Und so hörte ich mit so ziemlich letzter Kraft auf dieses zarte Stimmchen und ließ mich darauf ein, in die Therapie zu gehen. Dabei folgte ich dem Gedanken, dass mir jemand auf dem Weg durch die Therapie vielleicht einen Strohhalm reichen kann, mit dessen Hilfe ich mich aus all dem Sumpf, aus all der Gefangenschaft befreien kann. Tja, und diese Stimme, sowie dieses Fünkchen „Hoffnung“, das ich damals noch in mir trug, brachten mich dann auf den Weg. Auf einen sehr unbequemen, oft sehr steinigen Weg. Über etliche Geröllfelder und Gletscherspalten hinweg. Doch mit jedem Schritt, den ich machte, selbst wenn dieser noch so angsterfüllt und unsicher war, hatte ich schon bald das Bild im Kopf, als wollte ich hiermit meinen ganz persönlichen Achttausender besteigen. Meinen eigenen Mount Everest, meinen eigenen „Höhenweg“. Dafür musste ich nicht einmal bis nach Nepal fahren. Diese „Erstbesteigung“ meiner Bergwand fand für mich in unmittelbarer Nähe statt. Und dies mir, die ich zwar sehr gerne und ausdauernd spazieren gehe, aber um mich als Bergsteigerin oder gar als Gipfelstürmerin zu bezeichnen, kann ich nur sagen: weit gefehlt!
Zunächst verlangte unser deutsches Gesundheitssystem, dass ich mich für eine ambulante Therapieform und für eine entsprechende Medikamenten-Einnahme entscheide. Nur so wäre ich nachfolgend berechtigt, überhaupt einen Klinikplatz zu erhalten. Zum Glück nannte mir der Arzt meiner ersten Krankschreibung eine Therapeutin, die so einfühlsam in meine Person war, dass ich nicht sofort vom Weg der Therapie abgeschreckt wurde, sondern mich nach und nach und von Sitzung zu Sitzung etwas mehr öffnen konnte, damit ich über all den Schmerz, die Trauer, die Demütigung, die bittere Enttäuschung, die Wut einfach nur einmal weinen konnte. Oft fand ich gar keine Worte, um meine Situation klar zu beschreiben, doch bereits das Weinen tat mir schon gut und war wie ein kleiner Türöffner für mich. – Doch die Einnahme von Medikamenten verweigerte ich. Von Monat zu Monat folgten weitere Krankschreibungen, die es mir möglich machten, mich dieser gesamten Situation hinzugeben und mich zum ersten Mal in meinem Leben ausschließlich um mich selbst zu kümmern, bzw. das, was von mir übrig war, zu beweinen. Nach drei Monaten stellte sich für mich dann eine Erleichterung hinsichtlich der Situation an meiner Schule dadurch ein, dass mir eine Neurologin, bei der ich zwischenzeitlich vorstellig geworden war, für den Rest des Jahres 2016 eine Krankschreibung ausstellte. So konnten meine schulischen Aufgaben unter meinen Konrektorinnen besser verteilt, und mein Unterrichtsausfall viel besser umorganisiert werden. Denn neben den Therapie-Sitzungen war zu dieser Zeit das Schlimmste für mich, dass ich meinen Dienstaufgaben nicht nachkommen konnte. Und es dauerte sehr lange für mich, bis ich mir selbst endlich das Recht zusprach, dass ich dienstunfähig, weil krank, ausgelaugt, erschöpft war. Und mich einfach am Ende sah. Zwar sprach die Diagnose bereits für sich. Doch diese kannten nur meine Konrektorinnen und mein unmittelbarer Dienstvorgesetzter.
Selbst wenn ich noch ein Fünkchen Kraft gehabt hätte, in die Schule gehen konnte ich einfach nicht. Zwar habe ich die Schüler, die Lehrer, die zahlreichen nicht vorhersagbaren „Unbekannten“, den ganzen Trubel eines Schulalltages schmerzlich vermisst – immerhin war dies ja die allerbeste Ablenkung für mich –, doch mir war auch klar, dass ich jetzt aufgefordert war, mich nicht länger um all die Situationen und Belange im Außen zu kümmern, sondern endlich meine eigenen „Hausaufgaben“ zu machen. Dennoch hielt ich in dieser ersten Zeit über das Telefon soweit mir möglich war noch engen Kontakt mit meinen Konrektorinnen und Sekretärinnen. Letztlich dauerte es dann bis Ende September 2016, bis ich einen stationären Therapieplatz angeboten bekam. Zum Glück hatte ich bis zu dieser Zeit neben meiner ambulanten Therapeutin noch eine wunderbare Heilpraktikerin an meiner Seite, die mir hilfreich und liebevoll zur Seite stand. Und in den ersten sechs Wochen der Klinik-Therapie wusste ich oftmals nicht mehr, ob dies alles überhaupt noch real war, was da mit mir geschah. So gut ich konnte ließ ich mich auf die therapeutischen Sitzungen und das klinische Begleitprogramm ein. Mein damalig erklärtes Ziel war, dass mich die Klinik-Ärzte wieder so weit dienstfähig machen sollten, dass ich ab Januar 2017 wieder meinen Schuldienst aufnehmen kann. – Den Therapieverlauf will ich Ihnen als Lektüre ersparen. Nur so viel sei gesagt: Ich hatte zum Glück eine gute ärztliche und therapeutische Versorgung. Vor allem kam ich zu einer Therapeutin, die für mich das Beste war, was mir passieren konnte. Sie hatte sozusagen das „Herz am rechten Fleck“ und arbeitete mit mir sehr mitfühlend und einfühlsam. War fast wie eine Mutter für mich. Sie spürte intuitiv, was mir am meisten fehlte.
Nach diesen sechs Wochen, die für mich rasend schnell vergangen waren, war ich insoweit wieder „hergestellt“, dass ich meinen Alltag mit mir alleine wieder relativ passabel bewältigen konnte. Doch ich hatte ja noch die restliche Zeit des Jahres (Mitte November bis Ende Dezember plus die Weihnachtsferien), um nun wieder selbst Sorge für mein Wohlergehen zu tragen. Anfangs gelang mir das auch ganz gut. Doch je näher das Jahresende und damit Weihnachten kam, umso mehr zerbrach ein Teil meiner noch sehr zarten Welt, die ich mir bis dahin wieder mühsam aufgebaut hatte, erneut. Um es mit einem Begriff aus der Therapie zu benennen, hatte ich wohl so etwas wie einen „Flash-Back“. Grund dafür war noch so viel Trauer und Schmerz, die in mir lebten. Sowie die unausweichliche Konfrontation mit der ernüchternden Tatsache, dass ich so ganz allein mit mir war. – Nach den Tagen des Angenommen-Seins und Betreut-Werdens in der Klinik, war ich in meinem Alltag wieder ganz auf mich alleine gestellt. Da war zu dieser Zeit in meinem näheren Umfeld niemand, auf den ich hätte zugehen oder bei dem ich mich gar hätte anlehnen oder ausweinen können. Und so fühlte ich mich unter den Menschen mal wieder ziemlich „mutterseelenallein“.
Mein treuester Lebensbegleiter war die Einsamkeit. – Wie ein verletztes Tier zog ich mich zurück, um all die Wunden zu lecken und um ja nicht erneut verletzt zu werden. Was ich brauchte war Zeit. Ganz viel Zeit und ganz viel Stille.
Unbewusst brachte ich mich selbst damit zwar in eine Art von Isolation, die mir manchmal auch brutal erschien, die mir letztlich aber auch – nachdem ich mich mit ihr ausgesöhnt hatte – ermöglichte, den Weg zu gehen, für den ich mich in Folge aus mir selbst heraus entschied. Da, wo ich früher viel zu viel auf andere gehört hatte und mein Denken und Tun oft auch nach ihnen ausgerichtet hatte, war ich jetzt gefordert, mich selbst endlich kennenzulernen. Mich selbst und meine grundlegendsten Bedürfnisse. Es war alles andere als leicht, die überhaupt erst einmal wieder zu spüren. – Zwar sehnte ich mich nach Freunden, doch ich konnte mich niemandem erschließen. Ich konnte mich nicht mitteilen, nicht öffnen. Mir war, als hätte ich meine Stimme verloren. Als könnte ich nicht mehr reden, und von daher von den anderen auch nicht mehr verstanden werden. Dabei wollte ich mich dem Leben und den Menschen durchaus wieder öffnen. Wollte auf sie zugehen. Mit ihnen verbunden sein. Mit ihnen so gerne mal wieder lachen, fröhlich sein, ausgelassen sein. Und noch so vieles mehr. – Kurzum: Einfach das Leben auch mal wieder genießen. Doch ich konnte nicht. Ich war wie festgezurrt. Eine Gefangene meiner selbst. Und so wurde ich immer mehr zu jemandem, der das Leben mit anderen nicht mehr teilen kann. Der weder am beruflichen, noch am privaten geselligen Leben Anteil nehmen kann. Und je mehr ich darum kämpfte, in ein soziales Leben zurück zu finden, umso schlimmer wurde es für mich. Ich wurde mit all meinen Versuchen immer wieder zurückgeworfen. Und da ich letztlich nur noch verzweifelt war, fühlte ich mich von dieser Welt „nicht verstanden“ und vor allem „nicht geliebt“. Das Annehmen der Situation, so wie sie nun einmal war, wurde somit zu meiner Pflicht. Ich konnte nicht länger vor mir selbst davonlaufen und mit mir selbst irgendwo in der geschäftigen Welt „Verstecken spielen“. Stattdessen wurde ich knallhart mit meiner Realität konfrontiert. Und das Landen in dieser Realität war alles andere als schön.
Zwischendurch versuchte ich zwar immer wieder einmal selbst Regie in diesem Lebens-Theater zu führen. Doch jeder dieser Ausreißer war vergebliche Liebesmüh. Egal was ich tat. Egal welcher Methode ich mich dabei bediente. Ich wurde immer wieder zurück auf den Anfang, zurück auf „Null“ gesetzt. Und so setzte sich meine ganz persönliche „Odyssee“ fort in dieser Welt. Eine Odyssee, die mich ganz tief hineinbrachte in meine Unterwelt. In meine ganz persönliche Schatten-Welt. Kurzum, mir kam es vor, als wurde mein Leben (beruflich wie privat) mit einem Pinselstrich übermalt, mit einem Radiergummi ausradiert. Und bei all dem konnte ich nur zusehen, nicht handeln. Ich war für ein Handeln zu ohnmächtig, viel zu erschöpft. Oft war mir dabei so, als spielte ich mit einem mir unsichtbaren Wesen „Mensch-ärgere-Dich-nicht“. – Doch schon als Kind war ich bei diesem Spiel keine gute Mitspielerin, denn ich ärgerte mich jedes Mal grün und blau, wenn mein Bruder und meine Schwester dieses Spiel mit mir spielten. Ich bin zu wenig „Spieler-Natur“. Doch genau dies ist eine der Eigenschaften, die ich bei all der Krise zu „er-lernen“ hatte. – Und die „Geister“, die ich zu diesem Spiel unbewusst rief, waren unnachgiebige Lehrer. Heute habe ich mich mit diesen „Geistern/Dämonen“ arrangiert. Wir sind inzwischen Vertraute geworden. Vor ein paar Jahren hätte ich mir das nicht so ohne weiteres vorstellen können. Da sah vieles noch so anders aus. Doch als ich merkte, dass ich diesen einmal eingeschlagenen Weg nicht mehr so ohne weiteres verlassen konnte, ohne dass ein noch gewaltigerer Absturz drohte, oder gar ein weiteres Hindernis zu erwarten war, so lernte ich mir stattdessen Fragen zu stellen. Fragen wie: Wer bin ich? – Woher komme ich? – Wohin gehe ich? – Was macht mich aus? – Warum fühle ich mich so fremd in dieser Welt? – Warum fühle ich mich so missverstanden in dieser Welt? – Wer ist diese Verlassene in dieser Welt? – Wer ist diese Betrogene in dieser Welt? – Wer ist diese Ungeliebte in dieser Welt? – Warum fühle ich mich so ungeliebt? … Fragen dieser Art. Fragen noch ganz anderer Art. Fragen über Fragen. Fragen an mich selbst. Fragen an Gott und die Welt. – Irgendwann war es dann zum Glück so weit, dass ich zu mir selbst sagte: „Es muss zwischen Himmel und Erde etwas geben, das mir hilft, mich mit all meinen Fragen besser zu verstehen. Es muss etwas geben, das mir Antworten darauf gibt, warum ich in diese Situation mit all diesen Herausforderungen geraten bin. Es muss etwas geben, das mir mein Tun, mein Handeln erklärt, damit ich verstehen lerne, warum die Dinge sind, wie sie sind.“ – Und vielleicht ist genau dies das entscheidende Tool, das mir die Heilung bringt.
6
Es muss zwischen Himmel und Erde etwas geben, das Heilung bewirkt!
Meine ersten Schritte hinein in ein bewussteres und gesünderes Leben
Eines Tages hörte ich einen Vortrag von Neale Donald Walsch. Sie kennen ihn vielleicht als Autor der Bücher Gespräche mit Gott. Da auch ich inzwischen immer mehr das Gespräch mit Gott suchte und meine Fragen an ihn richtete, kam eine erste Antwort von Gott mittels dieses Vortrags zu mir. Ich kann den genauen Wortlaut nicht mehr wiedergeben, aber N. D. Walsch erzählte in diesem Vortrag seine eigene Geschichte. Berichtete davon, wie er seine persönliche Situation Gott hinhielt, und dass ihm Jesus das sogenannte Gesetz der Gegensätze erklärte, das besagt: „Wogegen du kämpfst, das bleibt.“ – „Die Energie des Widerstandes sorgt dafür, dass die Dinge nicht miteinander verschmelzen können.“ – „Hör auf zu kämpfen, steige ein in das, was zu dir kommt. Es gilt, die Dinge willkommen zu heißen.“ Bis zu diesem Vortrag hatte ich ehrlich gesagt noch nie etwas von einem Gesetz der Gegensätze gehört. Doch wie gebannt von diesen Worten hörte ich dem Vortrag weiterhin zu. Hörte einfach nur zu und öffnete mich für das, was da berichtet wurde. Ohne Bewertung. Ohne Widerstand. Ich erinnere mich noch daran, dass im weiteren Gespräch zwischen Jesus und N. D. Walsch davon gesprochen wurde, dass es keinen Zufall gibt: „Es gibt keinen Zufall. Du hast dich an die Verabredung mit deiner Seele gehalten. Du erinnerst dich daran. Du musst deinen Verstand hinter dir lassen und dich für deine Seele entscheiden. Du hast dein Versprechen gegeben – Nun lebe es! – Nun lebe es!“ …
Da war sie also: eine erste Antwort von Gott. Mit diesem Vortrag lernte ich, dass ich statt zu „kämpfen“ mich meiner Realität einfach „hinzugeben hatte“. Klingt leicht, aber wie mache ich das? – Nun, es dauerte seine Zeit, aber ich habe es gelernt. Heute weiß ich, dass der allererste Schritt tatsächlich genau darin besteht, sich voll und ganz der Situation hinzugeben mit all dem, was ist. Damit meine ich aber nicht ein sich Hingeben im Sinne von Selbstmitleid und sich bedauern und beweinen. – Das hatte ich lange genug gemacht und es hat mir nicht geholfen. Darauf hatte ich beim besten Willen keine Lust mehr. Was ich stattdessen lernen sollte, war, dass es am besten weitergeht, wenn ich den Weg des Selbstmitgefühls gehe. Und Selbstmitgefühl hat mit Selbstmitleid rein gar nichts zu tun. So übte ich mich Schritt für Schritt darin, mich dem Fluss des Lebens voller Vertrauen hinzugeben. Dazu musste ich aber erst in die Annahme all dessen gehen, was ich in irgendeiner Art und Weise zu beweinen, zu beklagen und zu betrauern hatte. Musste lernen, meine Angst vor dem Schmerz abzulegen, ja mehr noch, meine Angst immer wieder und wieder zu umarmen und gemeinsam mit ihr mitten durch den Nebel, die Finsternis und die Dunkelheit zu gehen.
Heute, mit neu entstandener Zuversicht und viel Abstand auf all diese Zeit meines Lebens zurückschauend, fällt mir folgendes Bild dazu ein. Das Bild wie ich in einem Kajak sitzend einen langen Fluss entlangfahre. Einen Fluss, der sich mal vorbei an Blumenwiesen und dann wieder vorbei an steinigeren Flussabschnitten durch eine wunderschöne Landschaft schlängelt. Da ich eine begnadete Träumerin und eine sehr romantische Seele bin, hatte ich mir natürlich erwartet, dass mir diese Flussfahrt natürlich auch weiterhin nur die schönsten Bilder der Natur zeigt. Ich stellte mich folglich auf einen gemächlich dahinfließenden Flussverlauf ein, der sich gleichmäßig und unaufgeregt durch dieses Tal schlängelt. Der mit Mutter Natur auf ideale und harmonische Art und Weise verbunden ist. Ein Gewässer, das sich sanft und leicht dahinplätschernd in die Natur dieses Tales einschmiegt. … Doch an irgendeiner Kehre meines Flusslaufes war ich unaufmerksam und unbedacht. Und habe dabei völlig übersehen, dass sich diese Bilderbuch-Landschaft um mich herum inzwischen völlig verändert hatte. Ich war so auf mein Paddeln (Arbeit und Funktionieren) und in all diesen Zauber der Natur vertieft, dass ich NICHT mitbekam, dass ich geradewegs auf Stromschnellen zufuhr. Die aber waren so schnell da und in all ihrer Dynamik so aggressiv, so brachial, dass ich leider nicht mehr die Kraft zum Gegensteuern hatte. Das donnernde und tobende Wasser hatte mich schon so fest in seinem Griff, dass es da kein Ausweichen mehr gab. Noch dazu hatte ich in einem unaufmerksamen Moment auch noch das Ruder meines Kajaks verloren. Irgendwann wurde das Toben und Rauschen der Stromschnellen für mich insgesamt zu viel. Irgendwann war eine Grenze überschritten. Eine Grenze, an der ich mich vielleicht noch mit letzter Kraft hätte retten können. Irgendwann hatte ich so etwas wie meinen natürlichen „Schutz-Instinkt“ verloren. War nicht mehr in mir, sondern nur noch in einer wilden und unfreundlichen Außenwelt. Und hatte dabei gänzlich mein Gleichgewicht, meine Balance verloren. Ich konnte gar nicht mehr anders als mich dieser unbändigen Naturgewalt hinzugeben. – Ja, so seltsam es klingt, ich hatte mich dieser ureigenen Kraft hinzugeben. Intuitiv wusste ich: Wollte ich mich retten und irgendwie überleben, so musste ich mich diesem Strudel, diesem „Wildwasser“ hingeben.
Doch es dauerte, bis ich all dies immer mehr begriff. Bis ich aus einem anderen Verständnis heraus wieder auf mein Leben schauen und das Geschehene annehmen konnte. Es dauerte seine Zeit, bis ich mich mit all dem ausgesöhnt hatte, was ich mir bewusst wie unbewusst an Lernaufgaben in dieses Leben geholt hatte. Es dauerte seine Zeit, bis ich im Frieden war mit dem, was mir von meinem bisherigen Leben geblieben war. Versöhnt mit all diesen Lebens- und Lernsituationen, beruflich und privat. Versöhnt mit den Menschen, die mir meiner damaligen Überzeugung und ersten Interpretation nach so viel Herz-Schmerz zugefügt hatten. Versöhnt mit all diesen „Spiegelpartnern“, die ich mir als „Lernpartner“ ausgesucht hatte. Und ganz wichtig!!! – Versöhnt mit mir selbst!
Zum Glück bin ich ein sehr neugieriger und wissbegieriger Mensch. Und da ich mir nun schon einmal diese Realität im Außen so erschaffen hatte, wollte ich wenigstens um die Ursachen wissen, die letztendlich zu diesem „Crash“ geführt hatten. Ich wollte diese unbändige Kraft dahinter verstehen. Wollte wissen, wann genau ich von meinem Weg abgekommen war. Dem Weg, von dem ich so lange geglaubt hatte, dass er der richtige für mich ist. Ich wollte mir dies alles Stück für Stück ansehen, denn ich wusste, nur so kann ich über kurz oder lang meinen Frieden mit all dem machen. Nur so kann ich meine innere Ruhe und mein Gleichgewicht wiederfinden. Und so machte ich mich – zunächst unfreiwillig und ungewollt – auf meinen Weg. Einen sehr steinigen und unbequemen Weg. Auf einen Weg durch viel Geröll. Doch wie heißt es so schön? – Es gilt, Krisen und Konflikte als Chancen zu sehen.
„Neue Wege: Ein neuer Weg ist immer ein Wagnis.
Aber wenn wir den Mut haben loszugehen,
dann ist jedes Stolpern und jeder Fehltritt ein Sieg
über unsere Ängste, unsere Zweifel und Bedenken.“
Verfasser unbekannt
Der Weg ist das Ziel
Mit Krise und Krankheit in meinem Gepäck machte ich mich mit den Kräften, die ich noch hatte, auf einen neuen Weg. Auf meinen ganz persönlichen „Pilgerweg“, der direkt vor meiner Haustüre begann. Der mich aber nicht nach Santiago de Compostella, nach Assisi, nach Rom oder sonst wohin führte, sondern zunächst in den Klinikalltag. Und erst danach wieder Schritt für Schritt zurück in eine andere Lebenswelt, fernab von Schule, fernab von Familie, fernab von Partnerschaft, fernab von Freundschaften. Es begann eine Reise, eine Wanderschaft, die mich tagaus, tagein ziemlich forderte. Deren Strapazen nicht in gelaufenen Kilometern zu bemessen waren. Manchmal wusste ich nicht einmal mehr ob ich mich überhaupt nur einen Millimeter von der Stelle bewegt habe. Ja, es gab sogar etliche Momente, in denen ich glaubte, dass ich nicht vorwärts, sondern rückwärts ging. Es war eine Zeit, in der ich die Welt nicht mehr verstand. Ich war nur noch auf Rückzug von dieser „Schein-Welt“ gepolt, die mich umgab. Ich konnte nicht mehr. Wusste mit all dem nichts mehr anzufangen. – Unten war oben! Oben war unten! – In allen Bereichen meines Lebens knisterte es. Alles war nur noch das reinste Chaos. Ein heilloses Durcheinander. Und ich selbst hatte dabei jegliche Ordnung, Struktur und Sicherheit verloren.
Das, was mir die Therapie brachte, war, dass ich wenigstens insoweit wieder in mein Leben zurückfand, dass ich mit mir alleine im Alltag klarkam. Dass ich wieder so etwas wie einen Tages-Rhythmus fand. Dass ich wieder ein Fünkchen „Hoffnung“ am Horizont aufblitzen sah. Dabei erinnerte ich mich an Worte, die ich während meiner Kindheit des Öfteren von meiner Mutter gehört hatte: „Und wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her!“
Da ich die Zeit der Krankschreibung für mich persönlich bestmöglich (da ist er wieder der „Leistungsgedanke“, mein bester Freund J) nutzen wollte, begann ich mich diesem „Puzzle meines Lebens“, das so heillos durcheinandergeraten war, mit viel Hingabe, Sorgfalt, Wertschätzung und Liebe zuzuwenden. Und mit jedem Tag, an dem mir dies gelang, konnte ich nach und nach wieder so etwas wie Lebenswillen und Kraft generieren. Was ich vorfand war manchmal oft nur ein Häufchen Elend. Dann musste ich aufpassen, dass mich die Welle des Selbstmitleids nicht übermannte, denn diese Gefahr schwang natürlich immer noch mit. Sie war Tag und Nacht potentielle Begleiterin. Doch ich versuchte ihr zu trotzen, ihr zu widerstehen, so oft ich sie erkannte und so gut ich konnte. Das Wichtigste für mich war, meinem Alltag wieder eine Struktur zu geben und mir selbst den Glauben an mich zurückzugeben. Den Glauben, sowie das Vertrauen in mich, das ich so sehr verloren hatte. Doch das war eine gewaltige Herausforderung für mich, denn es gab urplötzlich ja keine „To-Do-Liste“ mehr, die ich „schön brav abarbeiten“ konnte, und an der ich meine erbrachte Leistung für diesen Tag bemessen konnte. Es gab stattdessen nur Fragen über Fragen. Und die meldeten sich. Sie drängten nach einer Antwort. So begann für mich eine Zeit, in der ich eine „Suchende“ war. Manchmal eine sehr verzweifelt Suchende. Gefühlter maßen drehte ich jeden Stein um, der sich mir in den Weg legte, um darunter nach einer Antwort zu suchen. Mein Rettungsanker war, dass ich sehr viel Zeit hatte. Zeit für mich. Diese Zeit war purer Luxus. Diese Zeit war ein unglaubliches Geschenk für mich. – Doch ich musste erst lernen, gut, klug und weise mit diesem Geschenk an Zeit umzugehen. Musste lernen, sie effektiv zu nutzen. Sie für mein Wohlergehen und meine Heilung einzusetzen. – Und das tat ich. Was mir dabei half, war die Liebe zur Literatur und zum Schreiben. – Beides meine ultimativen Rettungsanker! – Mit beiden konnte ich mir Halt geben. Mit beidem konnte ich meinem Tag Struktur geben. Mit beiden konnte ich mir Raum geben. Mit beiden konnte ich diese neu gewonnene Zeit für mich auf das Beste ausfüllen und nutzen. Mit beiden konnte ich mich auf den Weg machen, um meine Seelen-Landschaft zu ergründen, meine Schatten zu entdecken und sie mir bewusst und vertraut zu machen. Beides war Balsam für mich. Balsam für mich und meine Seele.
Lehr- und Studienjahre
Und so begann für mich die Zeit meines „Selbststudiums“. Dabei habe ich mir aus den Lehrjahren der Krise, des Burnouts, der Depression und des PTBS etc. sogenannte Studienjahre gemacht und begann mehr denn je Fragen zu stellen. Fragen wie: Was ist die Botschaft dahinter? – Was habe ich bislang versäumt? – Was habe ich zu lernen? – Was will mich das Ganze lehren?
Die entsprechenden „Dozenten“ kamen dabei sehr oft in Gestalt von Büchern zu mir. Sie kamen wie „rettende Engel“ zu mir. Jeder Griff ins Regal war wie ein „Volltreffer“ für mich. Und ob Sie’s glauben oder nicht: jetzt half mir sogar mein „kritischer Verstand“. Er zeigte mir eins ums andere bestimmte Schatten-Themen auf. So fing mein Selbststudium an. In erster Linie waren es Bücher aus den Bereichen der Psychologie und Pädagogik, der Neurowissenschaften, der Epigenetik, der Philosophie, der Spiritualität und der Persönlichkeitsentwicklung. Hier entdeckte ich so vieles, was so spannend und neu für mich war. – Und all dieses Neue, das tat mir richtig gut. Das alles zu lesen erforderte so sehr meine Aufmerksamkeit, dass ich dadurch von meiner eigenen Geschichte abgelenkt war. Und das war letztlich meine allerbeste Therapie. Das Schönste an der Lektüre dieser Bücher war, dass ich nicht mehr länger ohnmächtig blieb, sondern dass ich mit dem Studium dieser Bücher wieder in ein Handeln kam. – Da gab es mitunter so viele gute Impulse, so viele gute Ratschläge, so viele gute Hinweise und Empfehlungen. Und so erschloss sich mir mittels der Lektüre mitunter eine ganz andere Welt. – Ich hatte meine Liebe zu den Selbsthilfe-Büchern entdeckt. – Und an dieser Stelle danke ich all den Psychologen, Therapeuten, Medizinern, sowie all den spirituellen Autoren und Lehrern, die mir in all dieser Zeit zu wichtigen Lebensbegleitern wurden (siehe Literaturliste).
Mit Hilfe der Lektüre dieser Bücher fing ich an, mich selbst durch meine Lebensthemen zu coachen. Und habe nebenbei geschrieben, geschrieben und geschrieben. Neben dem Lesen wurde das Schreiben zu einer immer größeren Leidenschaft für mich. Ich habe zwar immer schon viel und gerne geschrieben, doch jetzt nahm dieses Schreiben noch einmal ganz andere Formen an. Es wurde für mich eine Art von „Selbst-Therapie“. Dies alles hat mich inzwischen zu der Person gemacht, die ich heute bin. Und so begann die bisher aufregendste und spannendste Reise meines Lebens. Eine Reise, die mich mitunter extrem gefordert hat. Doch heute sage ich: Sie hat mir auch unendlich viele kleine und große Geschenke gebracht. Geschenke, die ich zunächst gar nicht sehen konnte, weil ich viel zu sehr in meiner anfänglichen Situation verhaftet war. Doch mit der Zeit entdeckte ich sie. Eines nach dem anderen. Und ich darf sagen: Das, was sich mir heute zeigt, ist wieder schön. Und diese ganzen Umstände lehrten mich: Wir leben zwar unser Leben vorwärts, doch die „Lehren“, die wir aus all den Herausforderungen und Erfahrungen ziehen, können wir sehr oft erst im Nachhinein verstehen. Und genau so ist dies auch mit den Geschenken. Auch sie zeigen sich uns erst hinterher. – Sind wir direkt im Prozess des Erlebens, sind wir in aller Regel „blind“ für sie. Die Geschenke zeigen sich uns erst im Nachhinein.
Von der Heilkraft des Schreibens
Eines dieser Geschenke war für mich, dass ich die intensive Heilkraft des Schreibens entdecken konnte. Wenn ich dem Papier meine Gefühle anvertraute, dann entlastete das nicht nur meine Seele. Schreibend lernte ich mich selbst besser kennen. Schreibend befreite ich mich aus meinen Grübel-Schleifen. Wenn mir Familie, Freunde, der kommunikative Austausch mit anderen fehlte, dann wurde für mich das Papier zu meinem Zuhörer und besten Freund. Und das Schöne daran ist, dass das Papier ein sehr geduldiger Zuhörer ist. Ein Zuhörer, vor dem ich keine Angst haben muss, dass ich mit dem, was ich schreibend sage, auf irgendeine Art und Weise bewertet werde. Ich kann mich einfach dem Fluss des Schreibens hingeben. Ganz egal wie sich dieser gerade gestaltet. Holperig, flüssig, stockend – ganz egal. Es ist immer richtig, so wie es ist.
Anfangs notierte ich mir einfach nur meine Gedanken und spürte schon bald, dass ich so dem heillosen Durcheinander in meinem Kopf wieder etwas mehr an Struktur geben konnte. Dabei wurde es immer wichtiger für mich, meinen Geist vom Grübeln zu befreien. Das geschriebene Wort, das dann auf dem Papier stand, war erst einmal geduldig. Es wurde zur Kenntnis genommen. Es fühlte sich damit bereits wertgeschätzt und gehört an. – Begonnen habe ich anfangs mit 30 Minuten täglichem Schreiben. Musste aber schon bald feststellen, dass es damit nicht mehr getan war. Die Worte strömten nur so aus mir heraus. Und je mehr sie strömten, umso leichter wurde mir. – Setzte ich mich anfangs oft mit verweinten Augen vor mein Notizbuch, so trat mit der Zeit durch das automatische Schreiben eine immense Erleichterung bei mir ein. Ich schrieb und schrieb. Und schreibend „befreite“ ich mich nach und nach von meinen Gedanken. Irgendwann – meist nach circa 10–15 Minuten – verspürte ich so etwas wie einen Switch.
Dann spürte ich, wie sich die Worte veränderten, wie meine Sprache klarer wurde. Wie ich zusehends positiver in meiner Ausdrucksweise wurde und mir Botschaften notierte, als hätte mir da gerade eine gute Freundin, ein guter Freund geantwortet. Und mit der Zeit begriff ich: Ja, es gibt diesen inneren Freund. Und ich muss dafür nicht einmal zum Telefonhörer greifen, eine Nummer anrufen oder gar das Haus verlassen, um Freund „A“ oder Freundin „B“ aufzusuchen. Und ein ganz großer Vorteil von diesem Gesprächspartner war, dass ich ihn Tag und Nacht aufsuchen konnte. Er war immer für mich da. Dieser „Freund“ wurde ein weiterer Rettungsanker für mich, mit dessen Hilfe ich meine Gedanken sortieren konnte. Meist war die erste Phase des Schreibens noch sehr tränenreich, weil hier der Schmerz seinen Platz bekam. Doch je mehr Raum ich den so lange unterdrückten Gefühlen gab und mich schreibend durch sie hindurchfühlte, entstand so etwas wie ein geschützter Raum um mich herum. Ein Raum, in dem Schniefen und Weinen genauso erlaubt war wie wütend und patzig sein. In dem ich schreibend meine Stimme erhob. Mal ganz laut, mal ganz leise. So, wie mir gerade danach war. Und je mehr ich mich dieser zweiten Phase des Schreibens hingab, umso klärender, umso befreiender fühlte sich das Ganze an. Nach und nach konnte ich mich immer besser in den Prozess hineinfallen lassen und mir so meine Wut, meine Enttäuschung, Bitterkeit, Groll etc. von der Seele schreiben und mir die Themen anschauen, die hinter meiner Diagnose standen. Ich lernte die Dinge aus verschiedenen Perspektiven heraus zu betrachten und ließ es in aller Ruhe auf mich wirken. Dabei hatte ich stets das Gefühl, als ob mich eine „innere Stimme“, ein „innerer Coach“ durch den gesamten Prozess führt. Mein „innerer Heiler“, mein „innerer Therapeut“.
Wofür ich unendlich dankbar bin: Die Lektüre der Bücher, sowie das automatische Schreiben schenkten mir eine gelassenere Sicht auf die Themen. So manche Lektüre brachte mir wichtige wissenschaftliche Erklärungen, mit denen sich dann auch mein Verstand zufriedengab. Und mit Hilfe der neuesten Bücher aus den Bereichen der Neurowissenschaften und Psychologie wurde mir nach und nach klar, dass dies alles nicht mein Einzel-Schicksal ist, sondern dass dies die Lebens- und Entwicklungsthemen von uns allen sind, die sich uns früher oder später zeigen. – Jedem zu seiner Zeit.
Und immer mehr erkannte ich, dass es sehr wohl die Möglichkeit gibt, nicht nur den Körper, sondern auch den Geist selbst zu heilen und dass es hier nur der Disziplin, sowie eines mentalen Trainings bedarf. Also wurden Meditation, Achtsamkeit und „Gedanken-Hygiene“ wichtig für mich. Und schon bald stellte ich fest: Mein Stresslevel ließ tatsächlich nach. Das passierte zwar nicht von heute auf morgen, sondern bedurfte regelmäßigen Trainings. Und natürlich gab es auch Zeiten, in denen es wieder Rückfälle gab. Doch sie wurden immer weniger, weil ich inzwischen wusste, wie ich mir helfen kann ein solches Tal der Tränen auch wieder zu überwinden. Das Wichtigste und Befreiende hierbei war, dass ich wieder handlungsfähig wurde. Das Schreiben half mir, mir das Erlebte noch einmal in meinem Tempo und auf meine Art anzuschauen, daraus zu lernen und es letztlich als eine Erfahrung anzunehmen. Ich entdeckte, wie wohltuend es war, Dinge in Worte zu kleiden, von denen ich ursprünglich annahm, dass es dafür keine Worte gibt. Während des Schreibens war ich plötzlich nicht mehr allein. Das Gefühl der Einsamkeit veränderte sich. Ich brauchte schmerzvolle Gefühle nicht mehr länger wegzusperren. Hatte endlich einen geduldigen Zuhörer gefunden. Dem Papier konnte ich einfach alles anvertrauen. Es sprach nicht mit anderen Personen über mich. Es verletzte mich nicht. Mit dem Schreiben bekam ich Abstand zu meiner eigenen Geschichte. Konnte mich besser aus meinem „Grübelzwang“ befreien. Schreibend erleichterte sich mein Herz. Mein Innerstes bahnte sich einen neuen Weg. Im Prozess des Schreibens kam ich mir wieder nah. War ich fürs Erste unfähig und blockiert meine Gedanken und Gefühle (Trauer, Schmerz, Wut, Ärger etc.) sprachlich auszudrücken, so fand ich über die Schriftsprache Unterstützung und Halt. Hier konnte ich mich sicher fühlen. Im Grunde genommen gab mir Schreiben meine Stimme wieder. – Schreiben besitzt eine immense „Heilkraft“ für mich.
„Die letzte Freiheit, die ein Mensch besitzt,
ist die Entscheidung, die Dinge anders zu sehen.
Jedes Leben hat sein Maß an Leid.
Manchmal bewirkt eben dies unser Erwachen.“
Viktor Frankl
Viktor Frankl, der es in der schlimmsten Situation seines Lebens vermochte, aus einem anderen Blickwinkel heraus auf all das zu schauen, was ihm im Holocaust widerfuhr, hat mich zusätzlich inspiriert, ebenfalls aus einer ganz anderen Perspektive heraus auf all meine Lebensthemen (beruflich wie privat) und die Symptomsprache meines Körpers zu schauen.
Sein Buch … trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, Kösel Verlag, half mir wieder neugierig und offen zu werden für das, was mir die Lektionen meines Lebens mitzuteilen hatten. Und da uns wichtige Botschaften meist nie allein erreichen, kamen gleichzeitig mit der Lektüre dieses Buches folgende Worte Buddhas in mein Leben. Und so kristallisierte sich nach und nach mein neuer Denkansatz heraus:
Okay, die Situation ist, wie sie ist. Du kannst augenblicklich nichts daran ändern.
Nimm die Gegebenheiten so an, wie sie sind, und mache das Beste daraus.
Nutze die Zeit und frage dich stattdessen: Wann hat es angefangen anders zu werden? – Was war das auslösende Moment?
Welche Menschen waren daran beteiligt? – Was hat es mit dir gemacht? – Wie hast du reagiert? – Wie hast du dich dabei gefühlt?
Welche Konsequenzen hast du daraus gezogen? – Hast du konsequent danach gehandelt oder nicht? – Was hat dich daran gehindert konsequent zu sein?
Was hält dich in der Situation? – Wovor hast du Angst?
Wo warst du dir selbst gegenüber untreu? – Wo hast du dich verloren?
Gehe in diese Zeit, in diese Situation zurück und schau dir an, was zeitgleich, aber auch in den Jahren davor bereits an Veränderung geschah.
Notiere dir alles, was kommt, sowohl beruflich als auch privat. Benenne die Fakten.
Erkennst du bestimmte Zusammenhänge?
Gibt es ein bestimmtes Verhaltensmuster bei dir, bei anderen?
Was würdest du deiner besten Freundin raten, wenn nicht du, sondern sie in dieser Situation wäre? – Welche Hilfestellung würdest du ihr geben?
Was kann ein erster Schritt sein? – Welche Schritte sollten folgen?
Was brauchst du, um lösungsorientiert zu denken?
Was will dich das Ganze lehren? – Was gilt es zu begreifen?
Was ist das Positive daran? – Lerne dich darauf zu konzentrieren.
Wie kannst du deine Aufmerksamkeit so lenken und deine Gedanken so beeinflussen, dass du etwas Gutes in allem siehst?
Erlaube dir Fragen, Fragen, Fragen. Auch dann, wenn die Antwort nicht sofort kommt.
Und um irgendwann wieder wie Phoenix aus der Asche aus der „alten“ Lebenssituation herausgehen zu können, wollte ich verstehen: Was sagen mir Burnout, Depression und Posttraumatische Belastungsstörung bzw. all die anderen Symptome? – Was habe ich zu begreifen? – Was habe ich zu lernen?
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Was sagen mir Burnout, Depression und Posttraumatische Belastungsstörung?
Welche Botschaft steht hinter einem Burnout, einer Depression und einer Posttraumatischen Belastungsstörung (= PTBS)? – Wenn ich diese Diagnose schon hinzunehmen hatte, so wollte ich doch wenigstens in Erfahrung bringen, was die tieferen Ursachen für Burnout, Depression und PTBS sind, bzw. was ich anhand meiner Thematik und Symptomatik über mich selbst zu lernen habe. Im Rahmen meiner Ausführungen werde ich aber bei weitem nicht auf alle meine Themen eingehen. Das würde den Rahmen dieses Buches sprengen. Ich konzentriere mich vornehmlich auf die Themenbereiche, von denen ich glaube, dass sie auch für Sie als Leser von Interesse sein könnten. Egal ob Sie selbst Betroffener/Betroffene sind, oder einer Ihrer Familienmitglieder, Freunde, Arbeitskollegen, Schutzbefohlenen …
Lassen Sie mich anhand der von mir gewählten Ausführungen Beispiele dafür geben, dass nichts in unserem Leben umsonst geschieht. – Nichts ist einfach so. Hinter allem verbirgt sich ein höherer Sinn. In allem steckt mehr oder weniger sichtbar eine wichtige Lernaufgabe, die es anzunehmen, zu begreifen und zu lösen gilt. Eine erste wichtige Hilfestellung, um den Sinn, die Sprache des Lebens bzw. ihre Symbolik besser zu verstehen, erhielt ich durch die beiden Bücher von Dr. Ruediger Dahlke Krankheit als Symbol, ein Handbuch der Psychosomatik, Symptome, Be-Deutung, Einlösung, C. Bertelsmann Verlag. Sowie weitere tiefe Einblicke durch sein Buch Krankheit als Sprache der Seele, Be-Deutung und Chance der Krankheitsbilder, 2. Auflage 2008, Goldmann Arkana Verlag, München.
Was sagt mir das Burnout?
Was gilt es zu wissen, zu begreifen, zu verstehen, damit Heilung geschieht? Burnout hat viele Gesichter und – wie in meinem Fall – liegt oft eine versteckte Depression dahinter. Burnout und die tiefe Traurigkeit der Seele gehören zusammen wie Geschwister. Viele Menschen suchen Grenzerfahrungen, indem sie sich nicht erlauben, schwach zu sein. Sie halten durch, obwohl ihr Akku schon lange „ROT“ blinkt. Doch sich selbst aus den Mühlen des Alltags herauszunehmen und Lebensveränderungen anzugehen, die mitunter schon längst überfällig sind, kostet sehr viel Mut. – Mut, den ich damals so nicht hatte. Doch diesen Mut zur Verbesserung der eigenen Situation aufzubringen und lebensverändernde Maßnahmen anzustreben, ist sehr wichtig, hat dies letztlich doch auch sehr viel mit Selbstrespekt, Selbstwertschätzung und Selbstliebe zu tun. Wenn wir spüren, dass unsere Seele weint, tut sie dies nicht erst seit gestern. In aller Regel haben wir dann schon viel zu lange versucht, Stärke zu zeigen, obwohl wir uns innerlich schwach fühlten. Sich leer und ausgebrannt zu fühlen ist ein Zeichen der Frustration und Erschöpfung. Meistens verursacht durch zu viel Stress.
Warnzeichen von Burnout sind z. B. eine hohe Arbeitsaktivität, wobei man sich immer mehr zwingen muss, die Erwartungen (die eigenen und die der anderen) zu erfüllen, weil die Kraftreserven schnell erschöpft sind, bis man irgendwann nicht einmal mehr Energie für die eigenen Bedürfnisse hat. Rastlosigkeit, das Gefühl, nie Zeit zu haben, Vernachlässigung von privaten Dingen, Versagensängste, Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit, ein gesteigertes Aggressionspotential bis hin zu Symptomen wie Herzstörungen, hoher Blutdruck, Kopfschmerzen oder Tinnitus. Um nur einige Symptome von Burnout zu nennen. Man fühlt sich nur noch unendlich schwach und hat dennoch keine andere Chance, als diese Schwäche im Außen nicht zu zeigen, denn gerade hier befürchtet man ja, dass das Zeigen von Schwäche von Nachteil sein könnte. – Irgendwann habe auch ich gemerkt, dass dieser Kreislauf meiner verschiedensten Beschwerden aus eigener Kraft nicht mehr durchbrochen werden kann. Aufgrund meines Versuchs durchzuhalten, obwohl ich tief in mir bereits ahnte, dass ich bald nicht mehr kann, kam es erst recht zu einem inneren Konflikt zwischen der „Ich muss stark sein, aber ich kann nicht mehr“-Präsenz in mir und meiner Seelenebene.
Wut, Ärger, Frust, Groll: Ich unterdrücke alles und schlucke viel zu viel. Immer wieder versäume ich es, meine Bedürfnisse durchzusetzen und meine Wahrheit auszusprechen. Viel zu oft unterlasse ich es klare Grenzen zu setzen und entschieden „Nein“ zu sagen. Ich definiere mich im Grunde genommen nur noch über die Anerkennung und Wertschätzung meiner Leistung. Lebe ich um zu arbeiten, oder arbeite ich um zu leben? – Verwirkliche ich mich mit all dem denn eigentlich selbst? – Lebe ich überhaupt mich selbst? – Mein wahres, authentisches Selbst? Warum habe ich so viel Angst davor, außerhalb meiner Arbeit ein Nichts zu sein, dass ich mit panischer Angst an allem festhalte, obwohl Loslassen das Mittel der Wahl zu sein scheint? Begehe ich mit all dem einen Verrat an meinem Herzen, einen Verrat an meiner Seele, weil mir der Wert meiner selbst viel zu wenig bewusst ist? – Was habe ich zu lernen?
„So sehr du auch suchst, du wirst in diesem
grenzenlosen Universum niemanden finden,
der deine Liebe so sehr verdient wie du selbst.“
Buddha
Was lehrt mich die Depression?
Befinden wir uns in einem gesunden, natürlichen Zustand, fließt eine Menge Energie, Lebenskraft, Chi durch uns hindurch. Positive, freudvolle, lichtvolle, liebevolle Gedanken halten unsere Energiebahnen offen und ermöglichen es so, dass unsere Energie ungehindert fließt. Werden unsere Energiebahnen hingegen durch vermehrt negative Erfahrungen und die damit einhergehenden Gefühle wie Wut, Hass, Neid, Kummer, Groll etc. blockiert, fühlen wir uns mit der Zeit immer lustloser, hilfloser, vor allem aber auch machtloser. Hält dieser Zustand von negativen Gefühlen dann auch noch über einen längeren Zeitraum hinweg an, öffnen wir uns nach und nach unbewusst immer mehr den schweren und düsteren Gedanken und verfallen so in die Depression. Was wir während der Depression dann vor allem spüren, sind, neben der Angst und den Sorgen, vor allem Gefühle von tiefer Verzweiflung, von Ohnmacht, von Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit. Auch bei mir war es diese Mischung aus Ängsten, Sorgen, emotionaler Anspannung, eine tiefe Einsamkeit, der Verlust von Geborgenheit und Sicherheit, das Gefühl nicht mehr geliebt zu sein, das Gefühl von Ohnmacht und Scham, die Schmach und Schande des Betrogen-Worden-Seins, sowie eine Vielzahl körperlicher Symptome, die meine Gesundheit nach und nach untergruben und mir sehr viel meiner Lebens-Energie raubten.
Alles schien mich einfach nur noch zu erdrücken. Die nervliche Anspannung aufgrund all der Lebensthemen, die sich mir in den letzten sieben Jahren zeigten, war so groß, dass ich nachts wach lag und grübelte und grübelte und grübelte und infolgedessen nicht mehr entspannt und gelassen in den Tag gehen konnte. Im Grunde genommen stand ich über einen sehr langen Zeitraum hinweg unter Dauerstress. Körperlich und nervlich war ich vollkommen am Ende. Spürte nur noch tiefste Verzweiflung. Zum einen ob meiner eigenen, ganz persönlichen Situation. Zum anderen aber auch, weil ich wie ein Schwamm zusätzlich auch noch so viel schwere Energie anderer Menschen in meiner Umgebung aufgenommen hatte und deren Sorgen und Probleme irgendwie mit zu den meinen machte. Ich konnte zu all dem nicht mehr auf Abstand gehen. Es dauerte seine Zeit, bis mir überhaupt bewusstwurde, dass ich die Energie, die Schwingungen, die Stimmungen und Gefühle anderer Menschen sehr stark wahrnahm und dass ich auf diese Fremd-Energien zusätzlich reagierte, so dass ich zu manchen Zeiten allein schon dadurch „erschöpft“ war, dass ich mich mit diesen Menschen in einem Raum aufhielt. – Doch später dazu dann mehr.
Zeiten der Unruhe und des Umbruchs bieten Gelegenheit zu wachsen und zu lernen.
In der Zeit meiner Genesung lernte ich, dass ein Mensch, der seine Gefühle ständig unterdrückt, oft in tiefe Depression verfällt, weil er sich letztlich seinen Problemen und den Gefühlen daraus nicht stellt, weil er sie nur unterdrückt und versteckt. Mit Hilfe der Depression drücken wir dann aus, dass es uns sicherer erscheint, bestimmte Dinge auf sich beruhen zu lassen. Doch „aufgeschoben“ ist nicht „aufgehoben“. Nur weil die Probleme nicht mehr zu sehen sind, heißt das nicht, dass sie nicht mehr da sind.
Unsere Probleme – zum Beispiel die unterdrückten Gefühle des Verletzt-Seins, der Aggression, der Wut – lösen sich nur dadurch auf, dass wir sie anschauen und offen darüber kommunizieren. Ob wir es wollen oder nicht, aber im Laufe unseres Lebens erhalten wir vom Leben immer wieder Gelegenheit, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen und zu erkennen, was wir bis dahin in unser Unterbewusstsein verdrängt haben, denn die Probleme führen im Unterbewusstsein so lange ein Schattendasein, bis wir sie uns bewusst anschauen und in unser Leben integrieren. – Und sobald wir das Problem einmal gelöst haben, ist es für immer verschwunden.
Werden also Emotionen und die mit ihnen einhergehenden Energien nicht gelebt, so bauscht sich all das Unterdrückte in uns auf. Es raubt uns alle Energie. Saugt uns förmlich aus und führt uns auf direktem Weg in ein schon sehr früh erlerntes Opfer-Bewusstsein. In Folge davon leben wir leider nicht ausbalanciert. Soll heißen: Die weiblichen und männlichen Aspekte in uns sind nicht im Gleichgewicht. Wir leben vielleicht zu viel die linke Seite, unsere weibliche Seite (die angepasste, liebe, brave Eva). Es kann aber sein, dass bestimmte Lebenssituationen von uns verlangen, dass wir mehr die Kraft des starken Mannes bzw. der starken Frau (die Kriegerin, die Lilith, die Amazonin) in uns aktivieren sollten, um so besser aus dem Opfer-Modus auszusteigen und uns kraftvoll für unsere eigenen Bedürfnisse und Interessen einzusetzen. Erst wenn kein Teil (weiblich wie männlich) unterdrückt wird, lenken wir unser Leben auf eine autonome Weise. Dann können wir uns in allem, was da ist, selbst erleben und können unser Leben und unsere Liebe mit anderen teilen. Es bedarf einer stabilen Basis in uns selbst. Es bedarf des Glaubens an uns selbst. Erst dann können wir unsere innere Sonne für uns selbst und andere strahlen lassen.
Wenn wir so leben, dann lassen wir uns nicht länger von Gefühlen, Emotionen und Einflüssen von außen umwerfen. Wir erkennen frühzeitig, ob andere unsere Gefühle manipulieren. Und wir leben kraftvoller und machtvoller, denn wir investieren in unseren Glauben anstatt in unsere Ängste! – Doch wie finde ich nun von der Dysbalance, der Depression wieder zurück zu einem Mehr an Lebensfreude, Harmonie, innerem Frieden, Gleichgewicht und Balance? – Was gilt es hier zu begreifen, zu verstehen?
Reduziere ich die Phase der Depression auf eine kurze Formel, dann verstehe ich heute darunter eine Zeit des Umbruchs, des Aufbruchs. Was ich gelernt habe, ist, dass die Depression ein deutliches Signal dafür ist, dass es notwendig ist, im Leben etwas grundlegend zu verändern, auch wenn wir uns zunächst noch so sehr dagegen wehren. Mit der Depression gilt es zu erkennen: Jetzt ist die Zeit, all das Alte loszulassen, was nicht mehr dem persönlichen Wachstum dient, und sich stattdessen für die persönliche Weiterentwicklung zu entscheiden. Und es ist Zeit, um in mehr Vertrauen und Liebe in sich selbst zu investieren und für sein Leben voll und ganz die Verantwortung zu übernehmen.
Außerdem gilt es zu erkennen, dass nichts im Leben einfach nur so geschieht. Alles – und damit auch unsere Vergangenheit ganz genau so wie sie war – hat seine Bedeutung und unterliegt einem höheren Sinn. Selbst die unangenehmsten Situationen und Erfahrungen, all die „dunklen“ Dinge, die eventuell geschehen sind, ziehen wir unbewusst an, damit wir aus ihnen lernen können. Ob es uns gefällt oder nicht: Jeder Mensch, jede Krankheit, jede Situation, die in unser Leben kommt, hat immer mit uns zu tun und dient letztlich unserem persönlichen Wachstum, auch wenn uns das nicht bewusst ist. Die Schule des Lebens will uns stets zu Diensten sein. Will uns in welcher Person und Gestalt auch immer „Lehrer/Lehrerin“ sein. Das Leben funktioniert auf diese sonderbare und gleichzeitig doch auch „wunderbare“ Weise. Es verhilft uns so zu unserer persönlichen Weiterentwicklung. Und dient letztlich damit unserer persönlichen Evolution. Unsere Seele lernt sehr viel durch den Schmerz der Erkenntnis. Ohne Schmerz keine Auseinandersetzung mit einem Problem. Ohne Auseinandersetzung mit dem Problem keine Phase der Reflexion. Ohne Reflexion keine Phase der Bewusstmachung. Ohne Bewusstmachung keine Phase der Erkenntnis. Ohne Erkenntnis keine Phase der Annahme des vermeintlichen Problems, das im Grunde genommen eine „Lernaufgabe“ ist. Ohne Annahme dieser Aufgabe keine Möglichkeit zur Transformation. Ohne Transformation keine weitere Phase in unserer Selbstentwicklung und Evolution.
Es gilt daher, uns der Aufgabe, die in einer bestimmten Herausforderung begründet ist, bewusst zu werden, uns unsere Probleme, Sorgen, Ängste, Krankheiten und Traumata anzuschauen, sie zu verarbeiten und sie loszulassen. Somit auch ein tradiertes und uraltes Opfer-Bewusstsein loszulassen. Sich mit unterdrückter Trauer und Wut bewusst auseinanderzusetzen. Sich mit der eigenen Sterblichkeit zu beschäftigen. Die Reise in die eigene Unterwelt zu wagen und bewusst in die Angst hineinzugehen. Sich vom Alltagsdruck zurückzuziehen, um Zeit für sich selbst zu haben. Viel gesünder, achtsamer und bewusster zu leben. Nicht mehr bloß zu funktionieren, sondern den eigenen wahren Kern zu leben.
Das ungeheure Potential unseres eigenen Schöpfergeistes zu erkennen. Zu begreifen, dass wir mit unserem Denken, unseren Worten und unserem Fühlen im Innen wie im Außen genau die Realität erschaffen, in der wir letztlich leben. Zu erkennen, dass wir mit der Art und Weise wie wir gelernt haben zu denken, zu fühlen und etwas zu bewerten, uns den Zustand von Disharmonie, Frust, Zerrissenheit und Krieg genauso selbst erschaffen wie ein Leben in Harmonie, Frieden, Wertschätzung, Respekt und Liebe.
Es gilt, an sich selbst zu glauben und mit der Liebe in Resonanz zu treten. In Harmonie und Frieden mit sich selbst zu sein. Mit jeder Faser des Seins anzuerkennen, dass es gut ist, dass ich bin wie ICH BIN, weil mich Gott genau so gemeint hat wie ich bin. Nicht länger irgendeine Kopie von „…“ zu sein, sondern sich auf die ureigene Individualität, auf das „Göttliche“ in uns selbst zu besinnen und so den Weg der Individuation zu gehen. Es gilt sich selbst Farbe und Struktur zu geben und damit dem Leben wieder mehr an Leuchtkraft und Leichtigkeit zu verleihen. Seinen eigenen individuellen Lebenssinn und Lebensinhalt zu finden und dabei den Weg der Seele zu gehen. Nicht mehr länger an sich selbst zu zweifeln, sondern ganz und gar aus dem Bewusstsein und Gefühl heraus zu leben: Ich kann das, denn ich bin ich selbst!
Es liegt allein an uns, Herr/Herrin, Gebieter/Gebieterin über unser Leben zu sein.
Werden wir dergestalt zum Meister/zur Meisterin über unser Denken, Fühlen, Sprechen, Handeln, so können wir bewusst jegliche Art von Veränderungen in unserem Leben, unserem Wirken und Sein herbeiführen. Können letztlich dann auch die entscheidenden Wandlungs- und Prozessabläufe ganz tief in unserem Selbst-Kern „aufrufen“, so dass bis in unser Zell-Bewusstsein und genetisches System hinein positive Veränderungen stattfinden können. Nur so können eine wirklich tiefe Heilung und Transformation geschehen.
Was hat mich die Depression noch gelehrt? Bei all der Literatur, die es zur Depression gibt, kommen die Ausführungen von Dr. Ruediger Dahlke am Treffendsten an die Beschreibung der Symptomatik heran, wie ich sie erlebt habe. Dr. Ruediger Dahlke schreibt in seinem Buch Krankheit als Symbol (S. 246 ff), dass bei einer Depression alle Körperebenen betroffen sein können. „Speziell das Gehirn im Sinne einer überzogenen Schutzreaktion in scheinbar aussichtsloser (Stress-)Situation.“ Auf der Symptomebene nennt er unter anderem das Thema der unterdrückten Aggression; Lebens-Energie, die gegen sich selbst gerichtet als Selbstmordtendenz, in Schuldgefühlen oder maskiert in Form verschiedener Symptombilder (larvierte Depression) zutage tritt; ein Mangel an Sinn und Inhalt im Leben bzw. ein fehlender Gefühlsbezug zum Leben; unterdrückte Trauer, ein Blockiert-Sein zwischen Wut und Trauer; Unterdrückung der Lebens-Energie an einem Wendepunkt des Lebens; Flucht vor dem Druck (De-pression im Sinne von De-kompression); die Unfähigkeit zu leben und zu sterben; eine unerlöste Form der Beschäftigung mit dem Sterben (Selbstmordgedanken) und mit dem „dunklen“ weiblichen Archetyp.
„Das Ja zu den eigenen Schwächen
ist der Königsweg zum Glück.“
Raphael Bonelli
Posttraumatische Belastungsstörung (= PTBS)
Ich bin schon lange nicht mehr ich selbst.
Ich kann andere besser fühlen als mich selbst.
Ich verliere mich in den Beziehungen zu anderen Menschen.
Ich kümmere mich zwar um andere, aber was ist mit mir?
Was macht mich überhaupt aus? – Wer bin ich?
Ich sehne mich danach, einfach nur noch ich selbst zu sein.
Jetzt habe ich auch noch die Diagnose Burnout, Depression, Posttraumatische Belastungsstörung. – Wo kommt letztere denn überhaupt her?
Bereits von Geburt an haben wir ein starkes biologisches Bedürfnis nach der Bindung zu unseren Eltern, vor allem zur Mutter. Nur dank ihrer Unterstützung, Feinfühligkeit und Verlässlichkeit können sich unser Urvertrauen, sowie unsere spätere Beziehungsfähigkeit ausreichend entwickeln. Verfügt die Mutter über eine feine Wahrnehmung hinsichtlich der Bedürfnisse des Kindes, sowie über Empathie (= Einfühlungsvermögen bzw. die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen), kann sich das Kind ungestört entwickeln.
Anhand von Tierversuchen konnte gezeigt werden, dass postnatale Trennungserlebnisse eine erhöhte Sekretion von CRH (Corticotropin-releasing Hormon), ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) und Cortisol bewirken, da die Endorphinausschüttung im Gehirn durch Verlust des Körperkontaktes zur Mutter unterbrochen ist. Ähnliche Messergebnisse finden sich auch bei depressiven Patienten. Dieser damit einhergehende frühkindliche Stress führt – je nachdem wie langanhaltend die Trennung ist – im unreifen Gehirn des Säuglings zu einer erhöhten Empfindlichkeit der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, sowie zu einer verminderten Ausbildung des Hippocampus durch erhöhte Glucokortikoidspiegel. Damit bedingen frühkindliche Traumata oder Stress eine Dysfunktion in der Ausbildung von Synapsen, Störungen bei sich entwickelnden Nervenzellen oder es kommt zu Beeinträchtigungen in der Ausdifferenzierung funktioneller Neuronenverbände (Amygdala, Hippocampus, anteriorer Gyrus cinguli, präfortaler Kortex). Vermutet wird eine spezifische Vulnerabilität im Bereich des limbischen Systems und des Hirnstamms der rechten Hirnhälfte, da Funktionen wie Bindungs- und Beziehungsverhalten, Affektregulation und Stressmodulation primär rechtshemisphärisch gesteuert werden. Sichere Bindungserfahrungen gelten demzufolge als Voraussetzung für eine effiziente neuronale Vernetzung und für die Balance der Stressachse im kindlichen Gehirn.1
In der Psychopathologie (= Lehre von den Leiden der Seele) können somit Bindungsdefizite eine mögliche Ursache für eine Erkrankung beim Erwachsenen sein. Neurowissenschaftliche Studien belegen heute, dass frühkindliche Erfahrungen an der Ausbildung des Netzwerkes an Neuronen im Gehirn maßgeblich beteiligt sind und unsere Persönlichkeit formen. Wird zum Beispiel ein zweijähriges Kind durch seine Bezugsperson des Öfteren lautstark getadelt, so wird dieser Reiz direkt in der Großhirnrinde verarbeitet. Ähnlich einer „Narbe“ schreibt sich diese Wahrnehmung unlöschbar im impliziten Gedächtnis fest (Priming) und führt unter Umständen selbst noch im Erwachsenenalter zu einer Angststörung oder zu einer unsicheren sozialen Kompetenz, ohne dass die betreffende Person um die eigentliche Ursache für eine solche Störung weiß. – Hat das Kind jedoch einen engen Körperkontakt zur Mutter, die sich ihm empathisch zuzuwenden vermag, entwickelt sich ein Beziehungsverhalten, das vom Kind positiv verinnerlicht wird. Diese inneren Gedächtnisinhalte (Repräsentanzen) durch frühe Beziehungserfahrungen sind so stark, dass ihre unbewusste Festschreibung in der Großhirnrinde unmittelbar über den Grad an Wohlbefinden, sowohl beim Kind als auch beim Erwachsenen, entscheidet. Heute ist bekannt, dass die ersten drei Lebensjahre und die mit ihr erfahrene Sozialisation maßgeblich mit der Ausbildung unseres neuronalen Netzwerkes im Gehirn zusammenhängen. Diese Struktur bestimmt letztlich sogar, wie wir unsere Beziehungen (Partnerschaften, Freunde …) suchen und gestalten. Ein Kind wird somit nur dann zu einer starken Persönlichkeit, wenn ihm seine Bezugspersonen immer wieder vermitteln, dass es gehört, gesehen und wahrgenommen wird, dass es nicht allein ist. Dass es gut ist, so wie es ist, weil es in seiner Art wertvoll und einzigartig ist. Dass es geliebt ist.
Nicht gelebte Gefühle und seelischer Schmerz
Geben wir unseren Gefühlen nicht den gebührenden Raum, drücken wir Gefühle wie Traurigkeit, Wut, Zorn, Ärger, Verbitterung und Groll über einen Verlust, Schmerz, eine bestimmte Erfahrung, eine erlittene Verletzung usw. nicht aus und sammeln wir diese unter Umständen über Jahre/Jahrzehnte gar in uns an, bewegen sie sich immer mehr in Richtung Körper und drücken sich dort dann über Erschöpfungszustände, Stress-Symptomatik und diverse Krankheiten aus. Ähnlich körperlichen Verletzungen und den daraus resultierenden Schmerzen können auch seelische Verletzungen sehr schmerzhaft sein. Werden sie nicht wahrgenommen und gefühlt, zeigen sie sich meist in Form chronisch entzündlicher Prozesse. Seelischen Schmerzen liegt oft ein Gefühl von tiefer Kränkung, Demütigung, Erniedrigung oder Misshandlung zugrunde. Sie entstehen vornehmlich dann, wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt wurden, bzw. wenn unsere Grenzen von unseren Mitmenschen überschritten bzw. von uns selbst nicht gewahrt wurden. Oft fühlen wir uns dann ohnmächtig und schutzlos. Haben wir unsere Gefühle und unseren seelischen Schmerz viel zu lange unbeachtet gelassen und verdrängt, dann bringen sich diese Empfindungen noch Jahrzehnte später wieder in unser Bewusstsein, weil sie endlich wahrgenommen, empfunden und aufgelöst werden wollen. In aller Regel zeigen sie sich uns Jahre später über körperliche Symptome. Ihre Sprache ist dann meist der Schmerz.
Wir können all die alten Gefühle und den Seelenschmerz nicht abschütteln, bestenfalls in Schach halten, abspalten und verdrängen, so dass wir glauben, sie sind nicht mehr da. Doch ihre nicht gelebte Energie bleibt in unserem Feld. Kommen dann neue belastende Faktoren, angstauslösende Momente oder gar ein Auslöser dazu, der ein ganz bestimmtes altes Gefühl (= Emotion) aktiviert, dann zeigen sich uns diese mit all ihrer bis dahin nicht gelebten Kraft und entwickeln so eine Wucht, dass dies meist auf Kosten unserer Beziehungen geschieht, denn fehlt uns die Beziehung zu uns selbst, können auch im Außen keine wahrhaft glücklichen Beziehungen entstehen. Gibt es in uns selbst bzw. innerhalb unserer Herkunftsfamilie Blockaden, kann sich die Liebe niemals frei ausdrücken und fließen. Auch wenn wir die frühzeitige Auseinandersetzung mit beängstigenden Gefühlen noch so sehr scheuen, kommen wir nicht umhin, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal in unser Leben kommen. Unser Unterbewusstsein hat diesbezüglich alles schön brav und sorgfältig aufbewahrt und archiviert. Es wartet nur auf die entsprechend günstige Zeit, um uns dann mit unserer „Lernaufgabe“ herauszufordern, und erschafft uns so lange Situation um Situation, bis wir unsere „Hausaufgaben“ gemacht haben und uns die ursprüngliche Situation mit all den Gefühlen sowie dem Schmerz, der daran gebunden ist, noch einmal bewusst gemacht haben. Nur so hat dieser die Gelegenheit, dass wir ihn und damit uns selbst aus unserem selbsterschaffenen emotionalen Gefängnis befreien.
Die Geschichte meines größten Seelenschmerzes
Freitag, 29. November 2017 – 03.15 Uhr: Bin schon seit gut einer Stunde wach. Liege im Bett und versuche wieder Schlaf zu finden, doch es soll nicht sein. Wiederholt empfange ich die Botschaft von Erzengel Michael: „Drücke deine authentischen Gefühle auf eine kreative Weise aus, um sie freizugeben und anderen zu helfen, denen es genauso geht.“
Ich beginne zu beten: Immer und immer wieder die gleichen Worte, die uns Jesus gelehrt hat: Vater unser. – Ein Wort reiht sich an das andere. Kaum habe ich ein Vater unser beendet, beginne ich schon mit dem nächsten. Ich suche Ruhe und Geborgenheit im Gebet. Doch beides stellt sich nicht ein. Ich suche Schlaf und finde ihn nicht. Zwischendurch kommen mir immer wieder Michaels Worte in den Sinn. Ich bete weiter. Irgendwann muss ich doch wieder einschlafen. Es ist mitten in der Nacht. – Warum finde ich die Ruhe nicht mehr?
„Authentische Gefühle“ – Was sind denn meine authentischen Gefühle? – Was nehme ich denn gerade wahr, was mich so sehr am Schlafen hindert? – Was will sich mir zeigen? – Was lasse ich nicht zu? – Was versuche ich zu verhindern? – Welche Gefühle, welchen Schmerz?
Noch wehre ich mich dagegen, um diese Tageszeit etwas fühlen zu wollen. Jetzt ist Schlaf angesagt. … Das muss doch klappen, aber es klappt nicht. – Ich werfe mich von einer Seite auf die andere. … Macht alles keinen Sinn … Okay, Michael, du hast gewonnen. Dann sag mir bitte, was ich mir anschauen soll. Führe mich bitte geradewegs dorthin. – Was genau ist es, das bereits seit mehr als einer Stunde derart an meiner Aufmerksamkeit zieht, dass ich im Schlaf keine Ruhe finden kann? – Ich fühle mich unsicher. Bin irritiert. Einerseits beherrscht mich ein Gefühl tiefer Traurigkeit, doch andererseits komme ich nicht so recht hinein in dieses Gefühl. Da sind Tränen, die geweint werden wollen, doch da ich das Gefühl nicht wirklich benennen kann, können die dazu gehörigen Tränen auch nicht fließen. Sie sitzen mir im Hals, lassen mich nur schwer atmen und auf meinem Herzen verspüre ich einen gewaltigen Druck.
Im Grunde genommen ist es wie ein dicker Nebel, der sich mir vor etwas Undefinierbarem zeigt. So gut ich kann versuche ich mich auf dieses schwammig neblige Etwas einzulassen, um die Gefühle dahinter wahrzunehmen. Überrascht stelle ich fest:
Es ist Angst. – „Existenzangst – Lebensangst.“ – Angst hält mich in dieser Umklammerung fest. Tiefe, unbändige Angst, die sich meiner bemächtigt. Die wie ein Blitz durch meinen Körper schießt. Die mich aufschrecken lässt. Die mich verzweifeln lässt. – Wie wird es wohl weitergehen? Stelle ich mich jetzt nachts um diese Zeit dieser Angst? Das ängstlich trotzige Kind in mir sagt „Nein!“. Der erwachsene Anteil in mir sagt „Ja!“. Okay, ich gebe nach. An Schlaf ist ohnedies nicht mehr zu denken. Alle Mühe vergebens. Ich stehe auf und stelle mich dem, was nicht länger zu vermeiden ist. „Dann, lieber Michael, bitte hilf mir diesen Schmerz anzunehmen, ihm nicht länger auszuweichen, vor ihm nicht länger davonzulaufen, sondern ihn mir direkt anzusehen. – Worum genau geht es? – Zeig mir die Ursache von alledem? – Bring mich bitte dahin und lass mich „erleben“, was „gesehen“ werden will.“
Ich bitte Michael, mich ohne Umwege hineinzuführen, direkt hinein in den Kern, in den immer wiederkehrenden Schmerz. Es dauert nicht lange, und ich verstehe, warum ich mich seit fast einer Stunde davor drücke, mir dies anzusehen. Was ich wahrnehme, ist eine Übermacht an Gefühlen, die ich nicht begreifen und schon gar nicht benennen kann. Diese Gefühle, sie springen mich wie aggressive, wütende und verletzte Tiere an. Sie beißen sich an mir fest. Ich versuche mich gegen sie zu wehren, sie abzuschütteln, doch es gelingt mir nicht. Sie fressen sich wie „Würmer“, wie „Maden“ tief hinein in mein ganzes „System“. – Und ich? – Ich verspüre nur Panik. – Und neben all dieser Panik, da existiert dieser tiefe und endlose Schmerz.
Es ist so dunkel. Ich zittere am ganzen Körper. Mir ist kalt. Es schauert mich. So hilflos wie ich bin versuche ich mit Schreien und Weinen auf mich aufmerksam zu machen, doch weit und breit ist keiner da. Keiner, der nach mir schaut. Keiner, der sich für mich interessiert. Keiner, der auf mein Weinen reagiert. Meinem Gefühl nach schreie ich mir die Seele aus dem Leib. Doch ich bleibe ungehört. Bleibe einfach ungehört. … Un-ge-hört!
Was ist los? – Warum bin ich so allein? – Warum ist da keiner, der mich wahrnimmt, der mich hört? – Ich komme mir vor wie irgendwo in einem Zimmer abgestellt. Unerreichbar für Gott und diese Welt. – Fühle mich so unglaublich allein. – Fühle mich von allen verlassen und mutterseelenallein. … Nach und nach bekomme ich zu diesen Gefühlen ein Bild. Ich sehe mich als Baby, als ein noch ganz kleines, unschuldiges Kind. Bin genau genommen erst drei oder vier Tage alt. Doch warum ist keiner da? – Wo bin ich? – Was ist los? – Alles ist auf einmal so anders. – So fremd ist mir diese Welt. – Wo überhaupt ist meine Mama? … Und mein Geschwister? – War das gerade eben nicht noch da?
„Allein, allein, allein! – Mutterseelenallein!“ – Diese „vier Worte“ haben sich mir wie ein „Mantra“ unbewusst als „Begleiter“ für dieses Leben eingeprägt. Sie ziehen sich wie ein „roter Faden“ durch mein Leben. Sind scheinbar tief verankert und verwurzelt in meiner kleinen Welt. Im Grunde genommen geben sie eine Situation wieder, in der ich mich wenige Tage nach meiner Geburt befand. Diese Gefühle, die ich damals bereits als Baby erlebt habe, diese Gefühle tiefer Ohnmacht, des Nicht-Gehört-Werdens, des Nicht-Gesehen-Werdens, des Allein-Seins, diese Gefühle des Ausgesetzt-Seins, Gefühle tiefer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, sie haften wie Kaugummi an mir. Diese Gefühle, diese Wunden – sie haben mich geprägt. Sind sie doch wie „Brandmale“. Wie „Feuermale“ mir tief ins Herz eingeprägt. Wie werde ich sie nur los? Die „Geister“, die ich damals anscheinend schon rief. …
Es gibt Verletzungen und Wunden, die keiner sieht. – Wunden der Seele, die keiner versteht.
Inzwischen bin ich – wenn ich mir mein Alter ansehe – zwar erwachsen. Und im nächsten Moment dann auch wieder nicht. Bin anscheinend irgendwo stecken geblieben und fühle mich seitdem in den entscheidenden Momenten meines bisherigen Lebens im Grunde genommen immer allein. Kennen Sie das Gefühl unter Menschen zu sein und dennoch so allein? Das Gefühl zu haben, keiner versteht sie, keiner hört sie, keiner sieht sie? Sie sind zwar eingebunden in ein soziales Gefüge, in eine Familie, in eine Partnerschaft, in einen Beruf, aber dennoch fühlen Sie sich im Grunde genommen doch immer nur allein. Mit all diesen Ängsten und Gefühlen allein. Doch warum allein? – Weil ich für diese Erinnerung mit all ihren Gefühlen bis gerade eben keine Worte gefunden hatte. Ich konnte sie nie wirklich benennen, mich damit anderen gegenüber auch nicht mitteilen. Sie verstehen lassen, was da an mir klebt. Es ist ein Gefühl wie stigmatisiert zu sein.
Warum habe ich mir dies so ausgesucht? – Wo verbirgt sich da der Sinn? Wie erschließt sich mir der Sinn? – Werde ich auf all dies Antworten finden? – Muss es überhaupt Antworten geben? Wieder einmal Fragen über Fragen. Lässt mich denn dieser „Kopf“ (Geist) so gar nie nicht los? Da ist dieser bohrende Geist, der so übermächtig ist und der wieder einmal mein Leben zu bestimmen versucht: Kopf – Geist – Denken – Haare … – Interessant, diese „Leidenschaft des Grübelns“. Mit ihr kam ich wohl schon in diese Welt. Doch damit ist es nicht getan. Die scheinbar stillen, aber Kraft zehrenden Wunden der Seele zeigen sich mir: Enttäuschung – Verrat – Betrug – mangelnde Wertschätzung – Verlust – eine frostig eisige Kälte – … und was für mich im Augenblick gerade das Schlimmste ist: dass da keiner da ist, der mich wahrnimmt, hört, nach mir sieht, mich tröstet oder gar einfach nur liebt. Im Grunde genommen zeigen sich mir bereits mit meinem Start in mein Leben die Wunden meiner Seele. – Endlich kann ich sie mir ansehen. Wie heißt es so schön? Besser spät als nie.
Symbiosetrauma – Können wir durch Verbundenheit belastet sein?
Ist der Begriff „Symbiose“ in der Biologie positiv besetzt, haftet ihm in der Psychologie durchaus etwas Negatives an, denn hier wird die Symbiose nur dann als positiv angesehen, wenn sie eine Beziehung beschreibt, in der Personen zusammenleben, die miteinander in einer guten, sich gegenseitig ergänzenden und nährenden Beziehung sind. Sind diese jedoch entweder gegenseitig voneinander abhängig oder besteht eine einseitige Abhängigkeit, dann läuft der Einzelne Gefahr, sich zu sehr im anderen zu verlieren. Leben wir als kleine Kinder noch sehr stark in einer Symbiose mit unseren Eltern, baut sich diese mit dem Älterwerden in der Regel immer mehr ab. Tut sie das nicht, spricht man sogar von einer krankhaften Symbiose. Vor allem dann, wenn wir als Erwachsene unser Wohlbefinden allzu sehr von anderen Menschen abhängig machen, bzw. so auf andere fixiert sind, dass wir uns selbst dabei übersehen. Dabei versucht die abhängige Person den anderen an sich zu binden und tut viel um die Beziehung aufrechtzuerhalten. Wenn es sein muss sogar mit Selbstaufopferung.
In der Beziehung zwischen Mutter und Kind entspricht die Symbiose einer ganz normalen und vor allem sehr wichtigen Entwicklungsphase während der Schwangerschaft und frühen Kindheit. Für die ersten neun Monate sind wir – was unsere Entwicklung angeht – über die Nabelschnur bestens versorgt und müssen uns um nichts kümmern. Unsere Bedürfnisse scheinen somit gestillt. Wir sind mit der Mutter zu einer Einheit verschmolzen und alles, was sie erlebt, erleben auch wir. Alle positiven, aber auch alle negativen Gefühle und Erfahrungen der Mutter gehen in dieser pränatalen Zeit über die Nabelschnur ungefiltert auf das Ungeborene über. Somit fühlen wir, was sie fühlt und teilen mit ihr Empfindungen der Freude und des Glücks, aber auch ihre Erwartungen, Ängste und Sorgen oder gar ihren Schmerz. – Was auch immer geschieht, wir teilen alle diese Erfahrungen mit ihr. – Spätestens nach neun Monaten kommt dann der Tag, an dem aus unserer anfänglich so perfekten Symbiose ein erstes Symbiosetrauma entsteht. Jetzt gilt es, den wohltuenden, kuscheligen Raum der Geborgenheit für immer aufzugeben. Wird die Nabelschnur durchtrennt, erleben wir diesbezüglich unseren ersten Schock, denn die Sicherheit und Geborgenheit, die vorher noch da waren, sind plötzlich für immer weg.
Auch wenn wir mit unserer Geburt den ersten entscheidenden Schritt in die Selbstständigkeit unseres Lebens gewagt haben, bleiben wir vor allem in der Zeit nach der Geburt und in den ersten drei Jahren noch sehr stark davon abhängig, dass uns die Mutter auch weiterhin gut und liebevoll umsorgt. Erleben wir in diesen ersten Jahren eine gute symbiotische Phase zwischen Eltern und Kind, entwickelt sich daraus eine gute, gesunde kindliche Autonomie und die Phase einer gesunden Ablösung beginnt. – Doch was geschieht, wenn diese lebensnotwendigen Bedürfnisse nach Verbundenheit und Liebe in der Beziehung zwischen Mutter und Kind aus welchen Gründen auch immer nicht ausreichend gesichert und gewährleistet waren? – Als Säugling und Kleinkind brauchen wir einen Erwachsenen (v. a. unsere Mutter) als Spiegel, der uns unsere Gefühle und ersten Erfahrungen erklärt und reflektiert. Nur so können wir uns selbst als eigenständiges Wesen immer mehr und immer besser erfahren. Uns selbst kennenlernen und einen guten Bezug zu uns selbst, sowie ein gutes Selbstbewusstsein entwickeln. Zudem geben uns die Zuwendung und Liebe der Mutter, sowie ein intensiver Körperkontakt mit ihr vornehmlich die Sicherheit und den Halt, die wir brauchen, um im Sinne einer ganzheitlich gesunden Entwicklung immer mehr auf unsere eigene Entdeckungsreise „Leben“ zu gehen.
Nicht immer ist eine derart gesunde Autonomieentwicklung des Kindes möglich, v. a. dann, wenn es während der Schwangerschaft oder vor bzw. nach der Geburt zu diversen Komplikationen kam. Liegen solch schwierige Startbedingungen vor, die eine sichere Bindung zwischen Mutter und Kind behindern, laufen die Bedürfnisse des Kindes im Hinblick auf Körperkontakt, Zuwendung und Liebe ins Leere, fühlt sich das Kind nicht wertgeschätzt, nicht (ausreichend) geliebt und ist emotional unterernährt. – Kommt dann noch ein Gefühl von Unsicherheit dazu bzw. bleiben im Verlauf der späteren Entwicklung die Bedürfnisse des Kindes weiterhin unerfüllt, so kommt es nicht zur vollständigen Abnabelung von den Eltern und wir entwickeln uns nur unzureichend zu einem autonomen, selbstsicheren und selbsterfüllten Menschen. In uns bleiben unerfüllte Bedürfnisse zurück, die wir scheinbar damit befriedigen, dass wir uns vermehrt um die Bedürfnisse anderer kümmern. So entstehen jedoch Verstrickungen und Abhängigkeiten, die mehr schaden als nützen. Gibt es bei den Eltern selbst auch unerfüllte Abhängigkeiten und Strukturen, weil sie aufgrund ihrer eigenen Biografie an Liebe und Zuwendung durch ihre Eltern ebenfalls zu wenig bzw. gar „nicht satt geworden“ sind, ist es ihnen nicht möglich, das Kind in die Selbstständigkeit zu entlassen. Aus eigener Bedürftigkeit binden sie so ihre Kinder wiederum an sich, um die damit einhergehenden ungelösten Gefühle nicht spüren zu müssen.
Derartig „frühkindliche Verstrickungen“ sowie die frühe Traumatisierung durch eine solch symbiotische Liebe bezeichnet der Psychotraumatologe Professor Dr. Franz Ruppert aus München als „Symbiosetrauma“2. Hat ein Kind derartige Verletzungen oder Traumata erfahren, kann das – je nach Sensitivität des Kindes – unter Umständen gravierende Folgen für die weitere Entwicklung der Persönlichkeit und Psyche haben. Übertragen auf den Bereich der Beziehung kann das zum Beispiel bedeuten: Da wir auf eine bestimmte Art und Weise hinsichtlich eines intensiven Kontakts mit der Mutter unerfüllt und somit auch „hungrig“ geblieben sind, suchen wir selbst noch als Erwachsene ständig nach ihrer Bestätigung, um uns ja endlich sicher und daseinsberechtigt zu fühlen. Bekommen wir diese Rückmeldung jedoch nicht, fühlen wir uns nicht angenommen, nicht gesehen. In diesen Fällen manifestiert sich nur allzu leicht der Glaubenssatz in uns: „Ohne eine Bestätigung von dir bin ich nicht wertvoll genug. Bin nicht gut genug. Kann meinen eigenen Wert weder wahrnehmen, noch fühlen.“ …
In uns bleibt diese unerfüllte Beziehung zurück, die wir dadurch zu kompensieren versuchen, indem wir uns vermehrt um die Bedürfnisse anderer kümmern, um uns selbst auf diese Art eine Daseinsberechtigung zu geben. Doch in uns selbst bleiben wir „unfrei“ und mit der Mutter verstrickt. Sind ewig Suchende nach dieser Liebe. Wer diese sucht, der findet sie nicht. Je mehr er sucht, umso mehr entzieht sie sich ihm, denn sie will nicht im Außen gefunden werden, sondern erst in der Person selbst, die nach ihr sucht. Erst dann stehen wir sozusagen mit beiden Füßen in der Welt und können endlich nach der physischen Geburt – die mitunter schon Jahrzehnte zurück liegt – auch psychisch geboren werden. Erst mit der Liebe zu uns selbst sind wir wirklich beseelt und können ein Leben in wahrem Glück mit viel Leichtigkeit und Freude leben. Ruhen in uns, fühlen uns erfüllt und können wahrhaft gesunde Beziehungen pflegen, weil wir endlich in der Beziehung zu uns selbst angekommen sind. Sie ist der Schlüssel für ein in jeglicher Hinsicht erfülltes Leben.
Gelingt uns dies nicht, suchen wir uns im Außen solange Partner und Freunde, von denen wir uns erwarten, dass sie zumindest zu einem Teil die Leere, die wir in uns fühlen, ausfüllen können. Im Grunde genommen wählen wir unbewusst die Freunde und Partner, die sich genauso verhalten wie unsere Mütter und halten an diesen Beziehungen fest, auch wenn sie uns nicht oder viel zu wenig erfüllen. Unbewusst leben wir mit ihnen all die Programme, die wir uns als Abwehr-, Anpassungs- und Überlebensstrategien bereits in jungen Jahren angeeignet haben, um bloß nicht alleine zu sein, denn sonst müssten wir unsere eigene Leere fühlen und bewusst durch den Seelenschmerz und die damit verbundenen Gefühle tiefer Traurigkeit, die wir bislang verdrängt haben, gehen. Allzu leicht wählen wir nach einer Phase des ersten Verliebt-Seins und der daraus resultierenden Euphorie beseelt von dem Glauben, den richtigen Partner gefunden zu haben, unbewusst Beziehungsarrangements, die uns immer und immer wieder aufs Neue erleben lassen, dass da auch weiterhin ein unerfüllter Hunger nach der wahren Liebe in uns lebt.
Solange es beide Partner vermögen, sich hinsichtlich ihrer Bedürfnisse zu ergänzen bzw. einen für beide guten Mittelweg (Kompromiss) zu gehen, kann eine solche Partnerschaft sehr harmonisch und durchaus auch erfüllend sein. Doch der nach wahrer Liebe Suchende bleibt genauso ein Suchender wie ein Träumer ein Träumer bleibt. Und wenn die Seifenblase der Illusion von einer gesunden Beziehung zerplatzt, dann wird die traurige Wirklichkeit Realität. – Dann erkennen wir, dass sich beide Partner gefunden haben und zusammengeblieben sind, um immer und immer wieder ihr Symbiosetrauma unbewusst zu re-inszenieren, denn jeder von uns hat sein ganz eigenes Thema mit seiner Mutter. Jeder von uns hat ihre Präsenz in seinem Leben auf eine ganz eigene Art erfahren, erlebt und gefühlt. In diesem Prozess des Erlebens ähneln sich nicht einmal die Geschwister. Je nach Persönlichkeit und psychischer Standfestigkeit des Einzelnen wird es sehr unterschiedlich erlebt. Doch indem ich diesen Prozess so beschreibe, will ich keineswegs die Mütter anklagen, enttäuschen, kränken oder gar verbittern. – Ganz im Gegenteil. – Ich will unser aller Bewusstsein vielmehr dahingehend schärfen, wie wichtig die Aufgabe ist, Mutter zu sein, und an dieser Stelle betonen, dass ich fest davon überzeugt bin, dass jede Mutter stets ihr Bestes gegeben hat bzw. gibt, denn auch sie ist wiederum ein Kind ihrer eigenen Mutter, trägt ihre eigene Biografie in sich, sowie auch die Geschichte unserer Ahnen.
Nach Prof. Dr. Ruppert Frank lässt sich Trauma definieren als „ein Erlebnis, das das Ich des Betroffenen zum Verschwinden und seinen Willen zum Erlahmen bringt. Trauma bedeutet Aufgabe und Verlust des gesunden Ichs und des klaren Willens. Es führt zur Unterordnung unter ein „Wir“, das einem mehr schadet als nutzt, oder zur blinden Rebellion dagegen. Es führt zu endlosen symbiotischen Verstrickungen zwischen Menschen, die alle traumatisiert sind und den Weg daraus nicht mehr von alleine finden können.“
Transgenerationales Trauma – Generationsübergreifendes Trauma
Menschen, die Traumata aus der Eltern- oder Großelterngeneration in sich tragen, haben es neben ihren eigenen Erlebnissen und Gefühlen zusätzlich mit einer Flut von Gefühlen und Ereignissen zu tun, die nicht die ihren sind. Auch wenn wir versuchen diese irgendwie zu verarbeiten, so können wir dies nicht, denn wir können immer nur unsere eigenen Gefühle lösen. Diese fremden Gefühle, die wir da in uns aufgenommen haben, verhalten sich anders als unsere eigenen. Man könnte auch sagen: Sie führen unter ihren eigenen Vorzeichen ihr eigenes Leben in uns.
Woran lassen sich Trauma-Folgestörungen erkennen?
man kommt nicht mehr zur Ruhe, kann nicht mehr entspannen, innerer Stress
das Nervensystem ist permanent in Alarmbereitschaft
ausgebrannt-Sein und Erschöpfung
körperliche Schmerzen, chronische Entzündungen, schwaches Immunsystem
Gefühle tiefer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit
Schlafstörungen, erhöhte Wachsamkeit, Schreckhaftigkeit
Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhte Reizbarkeit
undefinierbare Ängste, Ärger und Wut
Zukunftsängste und Sorgen, pessimistische Haltung
Selbstvorwürfe, negatives Selbstbild
Schuld- und Schamgefühle
Alpträume und u. U. Lebensmüdigkeit
innere Antriebslosigkeit, zu keiner großen Entscheidung mehr fähig
…
In Wahrnehmungen und Gefühle übersetzt heißt dies, wie zum Beispiel bei mir: Warum habe ich immer wieder diesen Traum, in ein tiefes, schwarzes Loch zu fallen? – Was ist dieses Undefinierbare, dieses Schwarze, Düstere, Schwere in meinem Leben? – Was ist das für ein zähes Erbe, mit dem ich da angetreten bin? – Warum ist es mir nicht möglich von Grund auf glücklich zu sein? – Wo kommt sie her, meine tiefsitzende Angst vor dem Leben? – Was haftet ihr an? – Lebe ich denn überhaupt oder bin ich mehr ein Schatten meiner selbst? – Warum scheint mir Lebensfreude und Glück nicht einfach ebenso in die Wiege gelegt zu sein wie den anderen? – Warum habe ich das Gefühl mir alles so hart „erkämpfen“ zu müssen? – Ich bin so müde vom Kämpfen. – Ich mag nicht mehr. – Kämpfen, kämpfen, kämpfen! – Warum empfinde ich mein Leben als einen solchen Kampf? – ???
Ich trage in mir einen Schmerz, der meiner ist und doch nicht meiner. Er begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Genau wie die Gefühle von tiefer Traurigkeit, Ohnmacht und ein starkes innerliches Aufgewühlt-Sein. – Bloß nicht schwach sein. Bloß keine Gefühle zeigen. Das kommt nicht gut. Gefühle müssen kontrolliert werden. Mein Weinen, meine Schwäche. – Bloß nicht auffallen, nicht laut sein, sich am besten gar nicht zeigen. Funktionieren ist wichtig. – Schon als Kind und Jugendliche fühlte ich mich oft sehr einsam und allein. Die Einsamkeit zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich kann mitten unter Menschen sein und fühle mich dennoch so allein. Manchmal ist meine Ohnmacht so groß, dass ich nicht sprechen kann. So konnte ich zum Beispiel meinen Eltern, aber auch meinem Ex-Mann, nie wirklich sagen, was mich beschäftigte. Ihre Welt war nicht wirklich meine Welt. Und ihnen erging es mit mir wohl ebenso. So war ich stets viel mit meinen Gedanken allein. Auch heute noch. …
„Die Seele ist nicht grenzenlos belastbar.“
Bettina Alberti
Die Seele ist nicht grenzenlos belastbar. – Dass dem so ist, das habe ich leider zu spät gemerkt. Solange ich denken kann, war eine gewisse Härte mir selbst gegenüber an der Tagesordnung. Bloß nicht zu weich und nachsichtig mit sich selbst sein. Möglichst keinen Stress machen. Angesagt sind Funktionieren und Disziplin! Das hatte ich gelernt. Das war mir vertraut. Was ich jedoch meiner Seele damit antat, das war mir nicht bewusst. Für mich war es ein ganz normaler Wahnsinn, so unsanft mit mir selbst zu sein. Ich war der Überzeugung, das gehört so zum Erwachsensein dazu. Doch das Leben wollte mich anderes lehren. Irgendwann – genau genommen mit dem Tod meines Bruders – kam ich mit allem nicht mehr zurecht. Schließlich kam meine Seele gemeinsam mit ihm in dieses Leben und gemeinsam mit ihm wollte sie auch wieder zurück. Für begrenzte Zeit konnte ich noch ganz gut funktionieren, dann aber kollabierte meine Seele. Ich fühlte mich nur noch leer. Eine leere menschliche Hülle. Ein Körper ohne Leben. Sich bloß im Außen nichts anmerken lassen. Stärke zeigen …
Oft haben wir die Traumata unserer Eltern und Großeltern schon so früh in unserer Kindheit aufgenommen, dass wir uns ihrer gar nicht bewusstwerden, weil sie schon von Anfang an in unserem System heimisch geworden sind. Mitunter versuchen wir vielleicht schon seit Jahren/Jahrzehnten ihrer habhaft zu werden, sie irgendwie auszugleichen und zu kompensieren, nur gelingt uns dies nicht. Stattdessen nehmen wir sie als Energieräuber, als Angst auslösend oder gar depressiv machend wahr und haben immer wieder ein Gefühl, als würden wir über einem dunklen Abgrund hängen. Die unverarbeitete übernommene Trauer kann sich uns zum Beispiel auch dadurch zeigen, dass wir zwar viel weinen, aber nicht wie üblich nach dem Weinen eine Erleichterung verspüren, sondern eher noch das Gefühl haben, noch tiefer in eine nicht enden wollende Traurigkeit abzurutschen. – So sehr uns diese Gefühle belasten und in die Knie zwingen, sind sie dennoch kaum greifbar für uns. Gelingt es uns nicht, ihrer trotz innerer Arbeit und Reflexion habhaft zu werden und sie aufzulösen, dann ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass es die Energien und Traumata unserer Eltern und Ahnen sind, denn wären es unsere eigenen Belastungen und die daraus resultierenden Energien, dann könnten wir sie uns bewusst machen und lösen.
Sind wir uns der eigenen Probleme und der damit verbundenen Gefühle, die der Klärung bedürfen, bewusst geworden, können wir diese ausreichend betrauern und somit auch lösen. Tragen diese dann nicht länger als unnötigen Ballast mit uns herum, sondern empfinden Frieden und Liebe. – Die Traumata unserer Eltern und Ahnen können wir jedoch nicht lösen. Sie sind zäh, haften uns an und bestimmen so lange unsere Gefühle, unser Denken und Handeln, bis wir sie an die Menschen zurückgeben, von denen sie gekommen sind. Und das sind in aller Regel genau die Personen, die uns wiederum unbewusst auf Abstand halten, um sich selbst vor ihren eigenen unbewussten Gefühlen zu schützen.
Für uns Betroffene ist es wichtig, diesen ganzen Ballast „fremder“ Energien zurückzugeben, denn erst wenn wir wirklich frei davon sind, können wir in unsere eigene Lebenskraft und Lebensfreude finden. Erst dann kommen wir bei uns selbst an und erfahren nun neben der körperlichen auch die seelische Geburt. Fühlen uns gehimmelt und geerdet, stehen mit beiden Füßen im Leben und können nun endlich erleben wie schön es ist, aus einem freien Herzen heraus zu leben.
Mehr Verständnis für mich und meine Situation bekam ich erst so richtig, als ich 2018 begann an Systemischen Aufstellungen teilzunehmen. Sie brachten Licht ins Dunkel und halfen mir vieles besser zu verstehen. Bei einer Systemischen Aufstellung werden die für ein bestimmtes Thema wichtigen Mitglieder eines Systems (z. B. Familie) aufgestellt und innerhalb eines Raumes zueinander in Beziehung gestellt. Auf diese Art kann im Hinblick auf das Thema bewusst gemacht werden, wie es um die Interaktion zwischen den Mitgliedern der Familie steht. Sind sie sich zu- oder abgewandt? – Blockieren sie sich? – Welche unbewussten Energien (positiv/negativ) zeigen sich zwischen Person A, B, C …? – Da wir Menschen uns gegenseitig Spiegel sind, hat jeder von uns innerhalb dieser Systeme einen ganz bestimmten Platz, der letztendlich wiederum mit ganz bestimmten Lernaufgaben sowohl für den Einzelnen als auch für das gesamte System verbunden ist. Das Wertvolle an den Systemischen Aufstellungen ist, dass sie Klarheit und Bewegung in festgefahrene Systeme bringen. Der Sinn solcher Aufstellungen ist es, immer wieder auftretende Schwierigkeiten oder Konflikte in einem größeren Zusammenhang zu sehen. So können zum Beispiel biografische Muster und generationsübergreifende Problemstellungen sichtbar gemacht und integriert werden. Dabei führt ein geschulter Therapeut oder Coach die beteiligten Systemvertreter/Stellvertreter durch den Prozess. Den Grundstein für diese Methode, unbewusste Strukturen, Beziehungen und Dynamiken von Systemen sichtbar zu machen, legte die amerikanische Familientherapeutin Virginia Satir.
Über mehrere solcher Systemischen Aufstellungen hinweg wurden wir als Stellvertreter immer wieder konfrontiert mit der Thematik von Krieg, Tod und unverarbeiteter Trauer und konnten uns so darüber bewusstwerden, wie sich die ungelösten Energien, deren Ursache meist in dem unverarbeiteten Schmerz von damals lag, auch heute noch als Blockade innerhalb der Beziehung zwischen Eltern und Kind zeigen. So erlebten wir immer wieder einmal Situationen, wo wir erkennen konnten, dass uns die Eltern als Kinder mit unseren Bedürfnissen nach Wertschätzung und Liebe gar nicht wirklich wahrnehmen und fühlen konnten. – Ganz im Gegenteil. – Wir überforderten sie zusätzlich, indem wir jetzt auch noch bedürftig nach ihrer Liebe und Zuwendung waren. Zum Teil waren sie mit ihrem Schmerz wie zu einer Salzsäule erstarrt, da in ihnen so viel an Angst, Traurigkeit und anderen Emotionen war, die ein Fühlen und Wahrnehmen des eigenen Kindes gar nicht möglich machten. Wie ein Schatten lebten diese Energien in ihnen fort und blockierten unbewusst die Beziehung zu ihrem eigenen Kind. – Und über allem konnten wir immer und immer wieder sehen, dass es in aller Regel an der Kommunikation zwischen den beteiligten Personen fehlte. Man hatte schon viel zu lange das Tuch des Schweigens über alles gelegt und wollte mit dem eigenen Seelenschmerz, sowie der Angst und Ohnmacht, die sich dadurch zeigen können, nicht konfrontiert werden. … Wie sollten uns die Eltern also das geben, wonach sie selbst bereits in ihrem Leben suchten, ganz egal wie bewusst oder unbewusst sie dies taten?
Erst mit der Lektüre der Bücher von Frau Bettina Alberti und Frau Sabine Bode (siehe Literaturverzeichnis) konnte ich nach und nach eine andere Perspektive einnehmen und mehr Verständnis für die Situation meiner Eltern aufbringen und verstehen, warum sie waren, wie sie waren bzw. sind (meine Mutter lebt noch). Sie sind im Grunde genommen selbst zutiefst verletzte und traumatisierte Kinder, die es sich ihr Leben lang untersagt hatten, Schmerz, Trauer und andere Gefühle zu verarbeiten. Sie erschufen sich stattdessen eine Welt, in der es so zu sein hatte, wie es wichtig und richtig für sie war. Dabei konzentrierten sie sich bewusst wie unbewusst sehr oft noch auf die alten Werte, nach denen sie selbst erzogen wurden, als da sind: Härte gegen sich selbst – Weitermachen trotz Weh und Ach – Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen. Geboren war der Mensch, der scheinbar nahezu „bedürfnislos“ funktionierte und mit ganz wenig zufrieden war.
Wir leben schon in der dritten Generation (Eltern, Großeltern, Urgroßeltern) in einer Welt, die in den Erinnerungsfeldern unseres Unterbewusstseins noch viel aus Schutt und Asche, seelischen Trümmern, Not und Verzweiflung usw. besteht. Drei Generationen Ahnen, die sich – was ihre persönliche Entwicklung angeht – hauptsächlich den Wiederaufbau auf die Fahnen schrieben. Ihre Rettung war ihre Art von „Flucht“ in diverse Abwehrmechanismen, um entsprechend ihrer Lebensbedingungen möglichst gut zu funktionieren und das auszublenden, was für Schmerz, Trauer, Kummer, Angst, Sorgen etc. stand. – Für das, was sie aus dem Nichts heraus geleistet haben, gebühren ihnen größte Anerkennung, Wertschätzung, Achtung, Respekt und Dank. – Durch die Aufarbeitung meiner eigenen Vergangenheit und der Geschichte der Ahnen wurde mir immer mehr klar, dass sie im Grunde genommen stets ihr Bestes gegeben hatten, auf der Grundlage dessen, was sie selbst erfahren und erlernt hatten.
Die Welt unserer Eltern und Ahnen konnte nicht aus Träumen bestehen. Da waren harte Fakten (Skills) gefragt. Für die weicheren Skills sind jetzt wir, die nachfolgenden Generationen, gefragt. Da, wo unsere Eltern mit dem wirtschaftlichen Aufbau einer Gesellschaft gefordert waren und die entsprechenden Werte lebten, sind jetzt wir gefragt, uns unserer eigenen Werte und Ziele bewusst zu werden und vermehrt nach diesen zu leben, damit sich ein struktureller Wandel vollziehen kann. Jetzt ist die Zeit, um neue Ideale, Werte und Ziele ins Leben zu bringen. Ein Auftrag, vor dem wir im Kleinen wie im Großen weltweit alle stehen.
In ihrem Buch Seelische Trümmer (S. 132ff) gibt uns Bettina Alberti dazu Fragen an die Hand, deren Beantwortung wichtige erste Schritte in der emotionalen Selbstführung und Bewusstwerdung eigener Bedürfnisse sind:
Welche Werte hatte und hat die Herkunftsfamilie? – Kann ich diese Werte auf den inneren Prüfstand stellen, einige ablehnen und andere annehmen?
Was habe ich von der Eltern- und Großelterngeneration gelernt?
Wie kann ich meinen Frieden mit der Vergangenheit machen?
Gibt es alte, unbewusste Aufträge aus der Herkunftsfamilie, die mich binden?
Welche Werte kann ich selbst ins Leben bringen? – Was braucht meine Seele?
Was bringt mich weg von mir und was führt mich zu mir hin?
Kann ich mit anderen darüber kommunizieren, was mich wirklich bewegt?
Was braucht einen Platz in mir, einen Hort der Geborgenheit?
Kann ich lernen, das Hier und Jetzt wahrzunehmen?
Was ist mir wichtig, was spricht mich an?
Welche Menschen erreichen durch welche Werte die Tiefe meiner Seele?
Um die Ressourcen, die in der Vergangenheit liegen, zu sehen, ist es wichtig, die eigene Vergangenheit zu reflektieren. Unseren Frieden damit zu machen. Noch viel mehr in die Verantwortung für den Umgang mit sich selbst und mit den anderen zu gehen. Unsere Schwächen genauso anzunehmen wie unsere Stärken. Den eigenen Gefühlen zuzuhören. Alle Gefühle zu leben und authentisch zu sein. Sich für andere zu öffnen, auch wenn es heißt die eigene Verwundbarkeit zu zeigen. Die Beziehung zu sich selbst liebevoll auszubauen und zu gestalten, um frei zu werden für ein Mehr an gesunden Beziehungen mit anderen.
1 Dr. Jürgen Wettig. Eltern-Kind-Bindung. Kindheit bestimmt das Leben; Deutsches Ärzteblatt 2006; 103(36): A 2298–2301. Abrufdatum 06. 01. 2021, von https://www.aerzteblatt.de/archiv/52567/Eltern-Kind-Bindung-Kindheit-bestimmt-das-Leben
2 Prof. Dr. Ruppert Frank. Symbiosetrauma und symbiotische Verstrickun-gen. Abrufdatum 06.01.2021, von https://docplayer.org/18729030-Sym-biose--trauma-und-symbiotische-verstrickungen.html
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Warum Krise und Krankheit? – Was sagen Körper, Geist und Seele dazu?
Krankheit!? – Was, wenn ich lerne, anders auf das Phänomen von Krankheit zu sehen? Schlägt man im deutschen Standardwerk der medizinischen Wörterbücher, dem „Pschyrembel“, den Begriff „Krankheit“ nach, so definiert er sich als „Störung der Lebensvorgänge in Organen oder im gesamten Organismus mit der Folge von subjektiv empfundenen und/oder objektiv feststellbaren körperlichen, geistigen oder seelischen Veränderungen“3. Diese Definition entspricht letztlich auch der Unterscheidung in körperlich-organische, psychosomatische und psychische Krankheiten, deren Entstehung entweder naturwissenschaftlich-somatisch, sozio-psycho-somatisch oder verhaltensbedingt erklärt wird.
Da ich aufgrund meiner eigenen Situation gelernt habe, dass Krankheit nicht einfach so mit uns geschieht, sondern eine wichtige Botschaft in sich trägt, die es herauszufinden und zu entschlüsseln gilt, habe ich mich in Anbetracht meiner eigenen Geschichte – und der freien Zeit, die diese mit sich bringt – nach jahrzehntelanger Odyssee von Arzt zu Arzt nun endlich entschieden, meine eigenen Studien hinsichtlich meiner Symptomatik zu vertiefen, um so für mich in Erfahrung zu bringen, welche Botschaften es sind, die mir mein Körper bzw. meine Seele vermitteln wollen. Also machte ich mich auf den Weg, die Sprache meiner Symptome immer mehr zu erlernen, um mich selbst und meine Geschichte damit letztlich besser zu verstehen. Meine wichtigsten Nachschlagewerke habe ich Ihnen diesbezüglich bereits vorgestellt. Es waren die Bücher von Dr. Ruediger Dahlke, sowie die Bücher der spirituellen Lehrerin Lise Bourbeau (siehe Literaturverzeichnis), die mir wichtige Ratgeber wurden, wenn es darum ging die Sprache der Symptome zu entschlüsseln und sie in einen Kontext mit Familiengeschichte und Biografie zu bringen.
Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass wir alle, jeder Einzelne von uns, so viel mehr zu unserem eigenen Genesungsprozess beitragen können, wenn wir nur bereit sind die Verantwortung dafür wieder mehr in die eigene Hand zu nehmen, statt uns ausschließlich dem medizinischen Fachpersonal anzuvertrauen. Es ist zwar wunderbar, dass es jahrelang geschultes Fachpersonal in den einzelnen medizinischen Fachbereichen gibt. Und ich möchte diese Gespräche mit den Fachspezialisten nicht missen. Doch mit jedem Arztbesuch stellte ich mir immer mehr die Frage: Wie soll es ein noch so guter Arzt bei 10- bis bestenfalls 30-minütigen Gesprächen je vermögen, sich in mich und meine Krankengeschichte überhaupt so hineinzufühlen und zu denken, dass er mich optimal beraten kann, zumal im Wartezimmer noch so viele andere Patienten sitzen, die ihrerseits ebenfalls der besten Versorgung bedürfen? Wir können die Verantwortung für unsere Gesundheit unmöglich abgeben, indem wir uns nur in eine medizinische Behandlung begeben. Mediziner wie auch Psychologen sind bestenfalls unsere Wegbegleiter und Berater, die uns mit ihrem Fachwissen so gut sie es vermögen zur Seite stehen.
Um jedoch nachhaltig gesund zu werden, haben wir auf eine innere Reise zu gehen und in uns selbst zu erforschen, was uns die Sprache unserer Symptome lehren will. Nur so kann Heilung tief in unserem Inneren geschehen, die sich uns dann auch wiederum im Außen in Form von Frei-Sein von bestimmten Symptomen zeigen kann. Dafür brauchen wir mitunter sehr viel Geduld und müssen wieder lernen ins Urvertrauen zu gehen. Heilung geschieht dann, wenn meine Seele wieder im Einklang mit meinem Körper und Geist ist. Zuerst fängt die Heilung in der Seele an, dann kommt nach und nach der Geist dazu, denn auch in ihm bedarf es bestimmter Voraussetzungen, damit tiefe Transformation und Heilung geschieht. Als Letztes wird mein Körper auf all die positiven Veränderungsprozesse reagieren – daher brauchen wir viel Geduld. Hier müssen erst wieder die ganzen Regenerationsprozesse stattfinden, bevor eine vollkommene Genesung sichtbar wird. Wichtig ist, dass wir während dieser ganzen Zeit an uns selbst und an die Kräfte, die in uns wirken, glauben. Außerdem spielt unsere persönliche Überzeugung eine sehr wichtige Rolle, denn sie beeinflusst unseren Geist. Es gilt am wahren Grund unseres Krank-Seins zu arbeiten, denn nur so kann eine wirklich tiefe, innere Heilung geschehen. Und die braucht ihre Zeit. Zudem ist eine wesentliche Aufgabe im Hinblick auf ein wirklich gesundes, erfülltes und damit letztlich auch glückliches Leben, zu versuchen Schritt für Schritt ein Gleichgewicht zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein anzustreben.
Unser Körper ist so intelligent, dass er uns mit Hilfe einer bestimmten Krankheit wissen lässt, dass in uns etwas in Unordnung, in Chaos, in Krise geraten ist. Könnten wir die Sprache unseres Körpers besser deuten und verstehen und würden wir wieder mehr unserer eigenen Natur und Intuition vertrauen, dann stünden wir um ein Vielfaches besser in Beziehung mit uns selbst und könnten beizeiten Vorsorge treffen, damit bereits zu Beginn einer Krankheit Mittel und Wege gefunden werden, um besser mit uns selbst in Einklang zu sein. Wir haben einen hochintelligenten Körper, vielleicht den effektivsten Computer von Welt und wissen so wenig darüber, wie wir diese Datenbank effizient nutzen können. Das heißt beim besten Willen nicht, dass ich irgendeine Art von klassischer Medizin oder Apparate-Medizin etc. missbillige oder ihr gar abschwöre. Ich will Sie als Leser mit meinen Ausführungen nur dahingehend sensibilisieren, dass es an uns allein liegt, uns bewusster für ein Leben im Einklang mit Körper, Geist und Seele zu entscheiden.
Ich selbst bin das beste Beispiel dafür, wie ungesund es ist, wenn wir alle anderen Aufgaben und Pflichten als wichtiger ansehen als die Gesundheit unseres Körper-Geist-Seele-Systems. Wenn wir nicht in Beziehung und damit auch nicht in Harmonie mit uns selbst sind. Wenn wir uns vernachlässigt haben. Vernachlässigt wofür? – Hat es mich glücklich gemacht, so viel im Außen zu sein und dafür so wenig bei mir selbst? – Klare Antwort darauf: „Nein!“
Soll es wirklich um tiefe Heilung gehen (und das wünsche ich mir), darf weder das eine, noch das andere vernachlässigt werden. Es gilt sich immer alle drei Bereiche anzusehen, denn in ihnen ist der Schlüssel für Heilung zu finden. Das habe ich inzwischen gelernt. Das eine bedingt das andere. Lasse ich einen Teil unberücksichtigt, kann tiefe Heilung viel zu wenig geschehen, weil alles so eng miteinander verbunden ist, dass bei Vernachlässigung eines Teilbereichs stets ein Ungleichgewicht bestehen bleibt. So entsteht in gewisser Weise eine Form von Disharmonie. Für mich war es wichtig mir dieses Beziehungsgeflecht zwischen meinem Körper, meinem Geist und meiner Seele anzuschauen und dieses wiederum in Beziehung zu setzen zu meiner Biografie. Diese vier strukturellen Einheiten sind es letztlich, die für mich einer intensiven Betrachtung bedürfen, wenn es darum geht, die eigene Krankengeschichte verstehen zu wollen, denn nur so kann ich effektiv und nachhaltig in die Selbstheilung gehen.
Ich für mich habe irgendwann in meinem Leben durch irgendeine Situation, einen Auslöser, einen „Schlüsselreiz“ bedingt unbewusst ein Programm aktiviert, sodass sich mein Leben unter genau den Vorzeichen, die ich mir unbewusst erwählt habe, in eine ganz bestimmte Richtung entwickeln sollte. Ich werde es in meinem Buch immer und immer wieder erwähnen, weil ich ganz fest davon überzeugt bin und es von Gott auch mehrfach bestätigt bekam: In unserem Leben geschieht nichts umsonst. Alles unterliegt einem höheren Sinn. Ja, ich kann sogar sagen: Alles dient mir, denn nichts kommt von ungefähr. Auch wenn wir die Dinge zunächst nicht verstehen, auch wenn wir gegen sie laut oder leise aufbegehren, oder sie gar zu leugnen versuchen. Sie geschehen, weil wir mit ihrer „Hilfe“ etwas zu lernen haben.
Als Seele haben wir uns in Absprache mit Gott bestimmte Aufgaben erwählt, um an ihnen zu wachsen, denn zur Entwicklung unsere Seele sind wir hier. Sie will bestimmte Erfahrungen machen und aus ihnen lernen. Manche dieser Aufgaben sind schön. Manche nicht. Manche resultieren noch aus einem früheren Leben, weil wir sie damals – aus welchen Gründen auch immer – noch nicht bewältigen konnten. Diese bringen wir dann in dieses Leben mit, und neue Aufgaben kommen dazu, die wir uns für die neue Inkarnation zusätzlich erwählt haben.
Dass dies eine wesentliche Tatsache ist, nach der unser Leben funktioniert, haben wir nur leider vergessen, doch es ist wichtig, sich dies ebenfalls immer wieder bewusst zu machen. Es hilft besser zu verstehen, warum unser Leben ist, wie es ist, statt an den Gegebenheiten zu zerbrechen. Und dieses Rückerinnern an unseren Seelenauftrag hilft auch, sowohl den Sinn von diversen Grunderkrankungen, als auch den Sinn späterer Lebensereignisse wie Tod, Trennung, Krise, Krankheit usw. besser zu verstehen. Das Problem ist nur, wir können uns zwar an den schönen Dingen unseres Lebens erfreuen, doch alles andere negieren wir und lehnen es entschieden ab. Doch diesen Ereignissen kommt im Grunde genommen eine wichtige Bedeutung zu, weil sich für uns dahinter eine wichtige Aufgabe im Sinne des persönlichen Wachstums verbirgt. Nehmen wir jedoch die Herausforderung (egal welcher Art) an, setzen uns konstruktiv mit ihr auseinander, machen uns bewusst, was der Bedeutungsgehalt hinter entsprechender Situation ist, wachsen wir an ihr, finden Lösungswege, kommen nach und nach in unsere Kraft und werden so auch gegenüber neuen Lebensaufgaben widerstandsfähiger, resilienter.
Ist es uns jedoch nicht bewusst und verkennen wir die Tatsache, dass Leben lernen, Entwicklung und Wachstum heißt, verweigern wir uns unbewusst der Lernaufgabe, die hinter den Ereignissen steht, stoppen damit aber auch unsere Entwicklung, unseren Fortschritt. Treten unter Umständen so lange auf einer Stelle, bis sich uns das Thema zwar mit gleichen Vorzeichen, aber in einem neuen Gewand erneut zeigt. So lange, bis wir bereit sind genauer hinzusehen. Erst durch diese Bereitschaft (die leider sehr oft mit starken Schmerzen, sowie den Erfahrungen von Kummer und Leid einhergeht) lernen wir tiefer hinzuschauen, kommen ins Handeln, machen uns die Zusammenhänge bewusst. Und somit kann endlich das, was uns so lange – weil unbewusst – die klare Sicht auf einen bestimmten Sachverhalt genommen hat, in Lösung und damit auch in Heilung gehen. Wir wehren uns nicht länger, eine bestimmte Erfahrung zu machen, sondern nehmen sie an, akzeptieren sie. Fragen nach, was sie uns zu sagen hat. Die Antworten, die wir darauf bekommen, helfen uns wiederum, den nächsten Schritt in der Betrachtung einer gewissen Thematik zu gehen. So lange, bis wir im Betrachten der Ursachen für eine bestimmte Sache angekommen sind. – In diesem Sinne habe ich gelernt, mich immer mehr zu fragen:
Was lehrt mich mein Körper?
„Geh du vor“, sagte die Seele zum Körper,
„auf mich hört man nicht, vielleicht hört man auf Dich.“ –
„Ich werde krank werden“, antwortete der Körper,
„dann wird man Zeit für Dich haben!“
Ulrich Schaffer
Hashimoto-Thyreoiditis, Alopezie, Schwankungen im Hormonhaushalt, chronische Entzündungen, Parodontitis, Verdauungsprobleme, Allergien, tränende Augen, trockene Haut, Lebensmittelunverträglichkeiten, Bandscheibenvorfall, Rückenschmerzen usw. – Egal bei welchem Arzt ich war: Die Erklärung, dass es sich bei meinen Symptomen noch um eine Schwächung meines Immunsystems aus der Zeit der Hodgkin-Erkrankung heraus handeln kann, dass z. B. der Hashimoto oder die Alopezie Autoimmunerkrankungen sind, die nicht heilbar sind, mit denen ich lernen müsste zu leben, stellte mich nie zufrieden, sodass für mich – neben all den Verpflichtungen, die ich sonst in meinem Leben eingegangen war – eine sehr lange Zeit mit der Suche nach einer Erklärung für meine Symptomatik begann. Doch mit dem Ergebnis war ich nie wirklich zufrieden. – Erst jetzt befasse ich mich intensiver damit und frage mich: Wie viele Begleitsymptome brauche ich eigentlich noch, um endlich die Augen aufzumachen und hinzuschauen? Um endlich sehen zu lernen, worin diese ganze Symptomatik begründet ist? Um mich ganz offen und ehrlich mit meinen Themen auseinanderzusetzen und aus all dem zu lernen? Um in die Annahme all dessen zu gehen, was da ist, und von da aus dann Schritt für Schritt in die Heilung zu gehen? – Am besten fange ich bei dem Stichwort der Autoimmunerkrankung an.
Autoimmunerkrankung und Autoaggressionserkrankung – Was ist darunter zu verstehen?
Von der Schulmedizin werden unter dem Begriff der „Autoimmunerkrankung“ Krankheiten zusammengefasst, „die auf der Grundlagechronisch-entzündlicher Prozesse basieren, bei denen es durch eine Fehlsteuerung des Immunsystems zur Zerstörung körpereigener Strukturen (Zellen und Organe) kommen kann.“ Wie und warum es jedoch zu solchen Fehlregulationen der Abwehrkräfte kommen kann, gilt trotz intensiver Forschungsarbeit als nicht geklärt. Stattdessen geht man davon aus, dass diese Erkrankungen unheilbar sind. Interessant ist auf jeden Fall, dass es in den letzten Jahren in den westlichen Industrieländern immer mehr Personen gibt, die von Autoimmunerkrankungen betroffen sind. Die Zahl der Erkrankten soll inzwischen bereits bei mehr als 5 % liegen. Demnach stehen nach den Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Autoimmunerkrankungen bereits an dritter Stelle.
Fakten hin, Fakten her. – Ich kann und will es nicht glauben, dass es mein eigener Körper sein soll, der sich angeblich gegen mich selbst richtet. Tief in mir ist etwas, das dieser Erklärung des Begriffs Autoimmunerkrankung keinen Glauben schenken kann. Da muss es noch etwas anderes geben, was in diesem Falle gewichtiger zu sein scheint als mein Körper. Mein Immunsystem hat doch – so habe ich es zumindest einmal gelernt – jegliches Interesse daran, dass ich wieder gesunden kann. Wozu also diese Fehlsteuerung? – Wo kommt sie her? – Gibt es etwas in mir, das diese Körperchemie so stark negativ zu beeinflussen vermag, dass diese so aus dem Ruder läuft und für Chaos sorgt, was sich mir letztlich dann mit dieser ganzen Symptomatik zeigt? – Und wo kommt denn meine auf mich selbst gerichtete Aggression her, die sich unter dem Begriff der Autoaggressionserkrankung verbirgt? – Warum kämpfe ich gegen mich? – Meine ich damit wirklich mich? – Wen bekämpfe ich wirklich? – Gegen wen befinde ich mich letztendlich tatsächlich im „Krieg“? – Egal ob bewusst oder unbewusst. – Wer ist es, gegen den ich meine Waffen richte, um mich vor Verletzungen – welcher Art auch immer – zu schützen? – Mit wem kämpfe ich hier indirekt um mein Leben? – Wer ist mein Gegenüber? – Wer ist stärker als ich, weil ich ihm unbewusst Macht über mich gegeben habe? – Wer entscheidet darüber, ob es mir gut geht oder nicht? – Von wem bin ich so abhängig, dass er oder sie – egal ob bewusst oder unbewusst – so sehr beeinflussen kann, wie es mir geht?
Inzwischen ist mir klar: Ich kann denken wie ich will und ich kann mich auch weiterhin vor den Antworten verstecken, wie ich es jahrelang getan habe, weil ich dem Wort „unheilbar“ zu viel Glauben geschenkt habe. Will ich wirklich gesund werden, komme ich um eine klare und ehrliche Sicht auf die Dinge nicht umhin. Will ich all die Wunden, die da nach wie vor in mir „eitern“, Gott mit der Bitte um Heilung übergeben, dann ist es jetzt meine Aufgabe hinzuschauen und mir die Wahrheit anzusehen. Mag sie noch so bitter sein. Manchmal muss die Medizin, die man hinsichtlich eines Genesungsprozesses einzunehmen hat, bitter schmecken. Hieß es früher nicht sogar: Je bitterer die Medizin, umso größer der sich daraus ergebende Heilerfolg. … Dass meine Selbsterkenntnis hinsichtlich meiner Symptomatik so bitter ist: Gott möge mir dies verzeihen. Ich selbst möge mir dies verzeihen. – Ich kann nicht anders. Ich muss diesen Weg gehen. Ich muss hinschauen und somit meiner größten Angst und der Realität, die ich mir erschaffen habe, in die Augen sehen. Also beginne ich damit, mir das Ganze von Anfang an anzusehen, damit ich Antworten auf meine Fragen bekomme. Fragen wie: Warum bekämpfe ich mich? – Was lehne ich an mir ab? – Was hasse ich so sehr an mir, dass …? – Warum lebe ich dieses Selbstzerstörungsprogramm?
Wann und womit hat das alles angefangen? – Nun, zum Teil kennen Sie ja schon ein paar Details aus meinem Leben, um vielleicht besser zu verstehen, warum ich die bin, die ich bin.
Neugierig wie ich bin, starte ich bereits als Neugeborene alles andere als sanft in dieses Leben. Im Grunde genommen wird bereits mit dem Symbiosetrauma, das ich Ihnen im vorigen Kapitel vorgestellt habe, meine lebenslange Suche nach Halt, Vertrauen, Geborgenheit, Akzeptanz, einem Gefühl von Herzlich-Willkommen-Sein, einem Angenommen-Sein ganz so wie ich bin, nach Gesehen-Werden, nach Gehört-Werden, nach Wertschätzung und Liebe unbewusst durch das Fehlen der Verbundenheit mit meiner Mutter aktiviert. – Mein Verstand sagt mir zwar, dass weder sie noch ich etwas für diesen Umstand der längeren Trennung können. Genauso wenig wie ich selbst hat sich dies wohl meine Mutter für mich gewünscht. Ich kann mir vorstellen, dass sie das gerne anders gehabt hätte, wäre ihr damit doch eine Sorge um ein krankes Kind erspart geblieben. Und auch wenn wir uns dies nicht gewünscht haben, sollte es unser beider Schicksal werden, getrennt voneinander durch diese Zeit zu gehen. Ich kann verstehen, dass sie ihre Liebe dem Neugeborenen zuwandte, das nach wie vor bei ihr blieb. Meinem Bruder. Somit wurden – was auch ganz natürlich ist – zwischen ihm und ihr natürliche Bande aufgebaut, die sie beide ein Leben lang in einer guten Beziehung zueinander sein ließen.
Das ist ein Teil der Geschichte, die ich mit meiner Ratio sehr gut zu erfassen und zu verstehen vermag, und dennoch lebt in mir ein Schmerz, der sich mir immer und immer wieder zeigt, auch dann, wenn ich ihn zu verdrängen versuche. Es gelingt mir nicht ihn zu betäuben, auch wenn ich versuche, ihn mit Arbeit zu ersticken. Es gelingt mir nicht ihn loszuwerden. Zyklisch kehrt dieser Schmerz immer wieder zu mir zurück. Richtet sich häuslich bei mir ein, ohne groß zu fragen, wie mir dies gefällt. Ist er da, ziehe ich mich mit dem Gefühl einer tiefen Ohnmacht und Einsamkeit beschämt und traurig zurück. Werde für andere nahezu unsichtbar, zumindest unerreichbar. Mache alle Türen zu. Zieh mich in mein Schneckenhaus zurück und lasse keinen wissen, wie es mir geht, weil ich keine Worte dafür finde, warum meine Gefühle gerade so sind, wie sie sind. Ich bin dann so verunsichert und gelähmt, dass ich nicht darüber sprechen kann. Mein Gehirn überschlägt sich zwar förmlich darin, Worte zu finden, mit denen ich versuchen will, diesen Zustand anderen zu beschreiben. Doch bleiben mir die Worte unausgesprochen im Halse stecken, so dass ich im Grunde genommen nicht weiß, wie ich mich dem anderen erklären soll, denn die richtigen Worte kommen mir nicht in den Sinn. Ich bleibe dann wie versteinert und gelähmt mit den Gefühlen des Verlassen-Seins, einer schmerzhaften Einsamkeit und tiefer Traurigkeit zurück. Während mein Herz bis hoch in meine Kehle pocht, was mir vor lauter innerem Aufgebracht-Sein zusätzlich meine Stimme nimmt, habe ich das Gefühl, als bohre sich mir ein Schmerzkörper in meinen Bauch. Direkt zwischen Bauchnabel und Herz. Ich habe erst sehr spät in meinem Leben erfahren, dass dies genau der Bereich ist, der Solarplexus Chakra heißt, das für unsere gesamte Lebenskraft und Vitalität steht und als Sitz des Verdauungsfeuers auch für die Funktion der Verdauungsorgane zuständig ist. Inzwischen kann ich von daher um vieles besser verstehen, warum ich mich in solchen Situationen meiner Lebens-Energie beraubt sehe.
Ist dieses Muster aktiv, erstarre ich förmlich, „friere ein“, werde unfähig zu handeln und ziehe mich so lange zurück, bis ich wieder gleichmäßig und ruhig atmen kann. Das war in den ersten zwanzig Jahren meines Lebens so. Am stärksten ausgeprägt in der Zeit der Pubertät. Und speziell dann, wenn es irgendwelche Differenzen zwischen mir und meiner Mutter gab. Ein negatives Erlebnis aus dieser Zeit ist mir noch immer in Erinnerung. Es gehört zu meiner Biografie. Es hat mein Selbstbild als Frau sehr nachhaltig geprägt. Nur leider nicht in einem für mich positiven Sinn. Es beeinflusst mich heute noch, war mir aber jahrelang so nicht wirklich bewusst. Erst in den Jahren zwischen 20 und 48 fühlte sich mein Leben leichter an. Durch Studium, Partnerschaft und Beruf war ich auf anderes fokussiert. Erinnerungsbilder an die Zeit davor stellten sich für mich erst nach meiner Operation (2008) und verstärkt nach der Alopezie (2010) wieder ein. Ab dieser Zeit erlebte ich immer wieder Phasen, die mich sehr stark an Bilder von früher erinnerten. Die für mich auch mit dem eigenartigen Erleben einhergingen, zwar mit anderen zusammen zu sein, aber dennoch in mir einsam und irgendwie leer zu sein. Heute weiß ich, dass dies die ersten Anzeichen der Beziehungskrise zwischen meinem Ex-Mann und mir waren.
So wie er sich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr wirklich gehört, nicht wirklich gesehen, nicht wirklich wahrgenommen, nicht ausreichend geliebt fühlte, so erging es auch mir. Nur dass wir uns unserer Krise nicht wirklich bewusst waren. Wir haben beide unsere unguten Gefühle aus dieser Zeit zu sehr auf Probleme im Außen übertragen, in die jeder von uns auf seine Art verstrickt war. Keiner hatte weder die Energie, noch den Mut, hinzuschauen oder gar zu thematisieren, was da gerade in unserem Leben alles in Unordnung war. Über Probleme zu sprechen war uns nicht in die Wiege gelegt. Vielmehr waren wir beide sehr stark auf Harmonie gepolt. So hat jeder auf seine Art und Weise zu verdrängen versucht, was letztlich dann doch unausweichlich war. Im Grunde genommen hatten wir uns schon viel zu lange emotional voneinander entfernt. Hatten jedoch große Schwierigkeiten damit uns einzugestehen, dass unsere Beziehung am Ende war. Dass da kein wirklich tiefgehender Dialog mehr zwischen uns war. Zu sehr hatten wir uns schon voneinander entfernt. Doch pflichtbewusst, wie wir beide waren, blieben wir noch bis 2013 zusammen, bis wenigstens einer von uns den Mut hatte, für sich die Konsequenz aus allem zu ziehen und sich aus der Beziehung herauszunehmen.
Ich habe in meinen Ausführungen zum Symbiosetrauma ja bereits darauf hingewiesen, dass sich die ursprünglich mit der Mutter erlebte Art von Beziehung mit dem Partner wiederholt, weil wir unbewusst genau den Partner anziehen, mit dem wir Gleiches erleben wie es bereits die Muster in früherer Kindheit waren. – Wie verrückt. Sowohl im Hinblick auf meinen Ex-Mann, wie auf meine Mutter gilt: Ich liebe sie und kann dennoch – aus welchen Gründen auch immer – weder eine gesunde Beziehung, noch die Liebe, die ich zu ihnen verspüre, leben. Und was mir mindestens genauso weh tut, ist die Tatsache, nicht miteinander sprechen zu können. Sich nicht wirklich verständlich machen zu können. Für mich ist das jedes Mal verbunden mit einem Gefühl tiefer Ohnmacht und Hilflosigkeit. Wie ein Schlag ins Gesicht. Ich möchte reden und sitze dann doch wieder dem anderen sprachlos gegenüber, als hätte mir jemand meinen Mund zugeklebt. – Warum? – Unbewusst hatte ich mir quasi in der Mitte meines Lebens nach zwanzig Jahren Partnerschaft und davon sechzehn Jahren Ehe eine Situation erschaffen, die – was unsere letzten gemeinsamen Jahre anging, die wiederum sehr stark von meiner gesundheitlichen und beruflichen Situation geprägt waren – in ihrer Unfähigkeit zum Dialog meiner Sprachlosigkeit aus Jungendjahren glich. Habe ich schon als Jugendliche versucht, dieser Sprachlosigkeit zu entfliehen, so holte sie mich jetzt in den mittleren Jahren noch einmal massiv ein. Viel mehr als mir lieb war. – Folglich stellen sich mir zwei Fragen: Was bitte soll ich aus all dem lernen? – Und was hat das Ganze mit Autoaggression denn überhaupt noch zu tun?
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