Читать книгу: «Die Kraft, die aus der Liebe wächst!»

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 3

Widmung 4

Zitat 5

Vorwort 6

Einleitung 14

Warum ein Buch über Liebe und Erziehung? 14

Was haben Liebe und Erziehung mit bildender Kunst zu tun? 16

1 Sehnsucht „Liebe“ 27

2 Exkurs in den Bereich der Erziehung 35

Warum überhaupt Erziehung? – Der Mensch als „physiologische Frühgeburt“ 35

Erziehung und Sozialisation 37

Erziehung als ein Akt der Balance 42

Erziehung und Beziehung 45

Erziehung und Gefühle 74

Erziehung und Resilienz 80

Erziehung und Holismus 92

Erziehung und Herzensbildung 96

Erziehung und die Kinder der neuen Zeit 102

Erziehung und Werte-Bewusstsein 112

Erziehung als „Hemmschuh“ der Liebe zu uns selbst 118

Erziehung bedarf eines bewussten Denkens und Handelns 130

Erziehung bedarf bewusst der Liebe 133

Von wem lernen wir die Liebe? 135

Erziehung, Beziehung und Kommunikation 138

3 Den Weg des Herzens in Liebe gehen! 146

Was hat Yin & Yang mit Erziehung, Beziehung und Liebe zu tun? 148

Warum bedürfen wir der Harmonie zwischen den männlichen und weiblichen Anteilen in uns? 161

Mit welchen Augen schauen wir in die Welt? 170

Die Stufen der psychosozialen Entwicklung nach Erik Homburger Erikson 179

Erziehung und das Erbe unserer Eltern und Ahnen 184

Erziehung und Pubertät 187

Gott hat entschieden, den Menschen zu helfen, sich von altem Karma zu befreien 205

Nicht verheilte Wunden – nicht gelebte Gefühle – tiefer Seelenschmerz 219

Diagnose Burnout 220

Diagnose Depression 222

Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung (= PTBS) 224

Symbiosetrauma – Können wir durch Verbundenheit belastet sein? 226

Transgenerationales Trauma 230

Autoimmun- bzw. Autoaggressionserkrankung 233

„Diagnose“ Zusammenbruch der Wirtschaft – wie innen, so außen! 239

4 Aufbruch in eine neue Zeit und in ein neues Bewusstsein 248

Wie wirkt sich dies alles auf den Einzelnen und die Familien aus? 292

Die Familie als erster und entscheidender Lernort 300

Wie uns die Beziehung zu unseren Geschwistern prägt 304

Bewusste Elternschaft – glückliche Eltern, glückliches Kind? 309

Unser unfreiwilliges Erbe 322

Nachwort 330

5 Liebe – Wie lässt sie sich definieren? Was genau ist darunter zu verstehen? 334

Schlusswort 350

Literatur- und Quellenverzeichnis 353

Literaturverzeichnis 353

Quellenangaben 355

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-772-5

ISBN e-book: 978-3-99107-773-2

Lektorat: Mag. Angelika Mählich

Umschlagfoto: Frenta | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

Wie schon mein Buch Meine Seele will endlich fliegen widme ich auch dieses Buch Gott, meinem himmlischen Vater, und danke ihm aus ganzem Herzen für seine immerwährende bedingungslose Liebe und für alle Hilfe und Unterstützung, die er mir gibt!

Zitat

„Wenn die Macht der Liebe

über die Liebe zur Macht siegt,

wird die Welt Frieden finden.“

Jimi Hendrix

Vorwort

Was für weise Worte! – Im Grunde genommen muss man ihnen nichts mehr hinzufügen. Man muss sie nur auf sich wirken lassen, dann kann man ihre Botschaft sogar erfühlen. Nach und nach erschließt sich uns dann ein inneres Wissen, das wir alle in uns tragen.

Jeder Einzelne von uns hat im Laufe seines Lebens sowohl die eine als auch die andere Art von „Macht“ bereits erfahren. Ist derzeit vielleicht sogar auf der Suche nach Antworten, die ihm eine Hilfestellung geben, warum in seinem Leben die Dinge sind, wie sie sind. Wollen wir mehr über dies alles sowie über die Kraft der Liebe erfahren und wirklichen inneren Frieden finden, dann kann Ihnen dieses Buch ein Wegbegleiter sein.

Doch warum ein Buch über „die Kraft, die aus der Liebe erwächst“, wenn es im Kapitel 2 so viel um die Erziehung geht? Wie hängt das eine mit dem anderen zusammen? – Nun: Die Art der Erziehung, die jeder Einzelne von uns erfahren hat, ist ausschlaggebend sowohl für unsere „Liebes-Fähigkeit“ als auch unsere „Beziehungs-Fähigkeit“. Zudem gibt sie uns sehr wichtige Hinweise im Hinblick auf unsere „Liebes-Bedürftigkeit“.

Im Prozess des Schreibens bin ich dem Weg meines Herzens gefolgt. Es hat mir sozusagen die Gliederung diktiert und mich dabei von einem Thema zum nächsten geführt. Da ich ein sehr interessierter Mensch bin, der neuem Lernen gegenüber immer wieder aufgeschlossen gegenübersteht, wollte ich in Erfahrung bringen, wohin die Reise geht, wenn ich diesen Weg meines Herzens gehe. Im Prinzip musste ich mir dafür nur die Zeit nehmen, mich ruhig hinsetzen und auf das hören, was mir diese leise Stimme in mir zu sagen wusste. Das, was ich dabei an Informationen bekommen habe, habe ich niedergeschrieben. An manchen Stellen bestimmte Hintergrundinformationen recherchiert und auch diese mit einfließen lassen. So wollte dieses Buch entstehen, das ich mit Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, jetzt teilen darf.

Mit Sicherheit ist es sehr ungewöhnlich, ein Buch damit zu beginnen, ausführliche Worte des Dankes an die eigenen Eltern zu schreiben, wie ich dies nachfolgend tue. Doch da ich weiß, dass es sehr vielen Menschen sehr ähnlich geht, wie es mir ergangen ist, wenn es um die Beziehung Eltern-Kind und hier ganz besonders um die Beziehung Mutter-Tochter geht, will ich es wagen und diesen Brief an den Anfang der Lektüre stellen. Zudem sagt mir mein Herz: „Tue es ruhig! – Wovor hast du Angst? Was du deinen Eltern zu sagen hast, kann und darf, ja soll sogar jeder hören. Du musst dir das nicht verbieten. Du hast die Freiheit, das zu tun, wonach dir der Sinn steht. Euch allen wurde diese Freiheit gegeben. Du musst dich also nicht einschränken lassen. Am wenigsten durch dich selbst. Kunst will frei sein. Kunst will leben. Mache das, was dir wichtig ist und gefällt. Kümmere dich dabei nicht um die Meinung der anderen. Es hat noch niemals einen Künstler gegeben, der für all das, was er mit seinem Werk zum Ausdruck bringt, von allen gleichermaßen geschätzt oder gar geliebt wird. Bist du von der Liebe und Meinung der anderen abhängig oder willst du die Stimme deines Herzens sprechen lassen? Trau dich! Stehe zu dem, was du zu sagen hast. Teile deine Botschaft mit der Welt. Vertraue darauf, das Buch wird die richtigen Leser finden, die – wenn vielleicht nicht gleich mit Beginn der Lektüre, aber spätestens mit den letzten Seiten des Buches – verstehen werden, warum es dir ein Herzensanliegen ist, diese ungewöhnliche Art eines Vorworts zu schreiben. Springe und tue das, wozu dir dein Herz rät, denn was aus dem Herzen kommt, geht niemals fehl! Vertraue der inneren Weisheit in dir!“

Nun gut. Mit jedem Wort, das ich sage, mit jedem Satz, den ich schreibe, umarme ich meine Eltern in Liebe und danke ihnen dafür, dass sie meine Eltern waren bzw. sind, denn meine Mutter lebt noch. Dieses Buch ist mein Geschenk an sie. Entstanden aus Dankbarkeit sowie mit viel Wertschätzung und Liebe.

„Danke, ihr wunderbaren Seelen! – Mein ganz besonderer Dank gilt dir, Mama, denn du warst und bist zwar meine strengste, dafür aber auch die allerbeste Lehrerin, die ich mir unter all den Müttern nur aussuchen konnte. Es hat zwar seine Zeit gedauert, bis ich das annehmen und verstehen konnte. Doch der Prozess, durch den ich gegangen bin, hat mir geholfen, mich dir heute viel näher zu fühlen, als dies jemals der Fall war. Ich hätte mir dies sowohl für dich als auch für mich gerne schon früher gewünscht, doch das Leben funktioniert nicht nach unserem menschlichen Willen und Ermessen. Es folgt seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten, die sich uns erst dann so richtig erschließen, wenn wir den Weg unseres Herzens gehen und uns so den Weg erwählen, den unsere Seele für uns vorgesehen hat.

Dieser Weg kann dabei so ganz anders sein als das, was wir uns ursprünglich einmal für unser Leben gewünscht und erwartet haben. Heute weiß ich, der Weg unseres Herzens zeigt uns den besseren Weg. Einen Weg, auf dem wir niemals allein sind, sondern stets ein Teil des Göttlichen, des großen Ganzen.

Da, wo wir nur die Darsteller auf der Bühne unseres Lebens sind, gibt es eine höhere Macht, die der Regisseur unseres Lebens ist. Eine Macht, die uns führt. Eine Macht, die uns hält. Heute weiß ich, in Gott zu vertrauen, ist das Beste, was ich tun kann. Doch um dies zu lernen, musste ich in der ersten Hälfte meines Lebens erst meinen eigenen Weg finden und gehen. Dabei konnte und sollte ich nicht den gleichen Weg gehen, den du, Mama, für dich und dein Leben gegangen bist. Dieser Weg wäre für uns beide vielleicht der leichtere gewesen, doch dieses Miteinander zwischen Mutter und Tochter war weder für dich noch für mich vorgesehen. Folglich konnte ich gar nicht anders, als meinen eigenen Weg zu suchen und diesen zu gehen. Es war nicht immer leicht. Bedeutend leichter wäre es mir wohl gefallen, auf dem Weg zu bleiben, den nahezu alle gehen. Doch was hätte letztlich meine Seele dazu gesagt? Es gibt einen Punkt im Leben, da kann man nicht mehr anders, als ihrem Ruf zu folgen. Zumindest für mich ist dies so. Und ich danke dir für dein Verständnis dafür.

Mit Papa und dir hatte ich mir die besten Eltern erwählt, von denen ich genau das bekommen bzw. manches auch entbehren sollte, um für mich Wesentliches zu lernen. Dass dem so ist, das war mir jahrzehntelang so nicht bewusst. Es gab für mich in meinem bisherigen Leben sehr viele Stunden, in denen ich sehr oft sehr traurig war, jedoch um den wahren Grund für diese Traurigkeit nicht wusste. Dieser Seelenschmerz ließ mich mitunter sehr oft sogar sehr, sehr einsam sein. Eine Art von Einsamkeit, die einen so richtig quält. Oft hatte ich das Gefühl, zwar unter Menschen zu sein, aber nicht wirklich Teil dieser Gemeinschaften zu sein. Woher diese tiefe Traurigkeit kam, die ich über Jahrzehnte hinweg versucht hatte zu überwinden, sollte sich mir erst in den letzten Jahren nach und nach immer mehr erschließen.

Heute bin ich sehr dankbar dafür, weil ich im Laufe der Zeit immer mehr verstehen lernen sollte, warum die Dinge in meinem Leben genauso waren, wie sie waren. Heute weiß ich zum Glück viel mehr, was das Leben wirklich von mir will. Ich sollte und konnte in den letzten Jahren so vieles lernen, das ich jetzt mit der Welt auf meine Art und Weise teilen will. Und da ich für mich endlich verstehen lernen sollte, warum unsere Beziehung zueinander war, wie sie war, ist es mir ein Anliegen auch dieses Wissen mit anderen zu teilen, denen es ähnlich geht.

Nach all den Jahren der Suche bin ich heute interessanterweise für alle Herausforderungen und Krisen dankbar, die in meinem Leben waren. Letztlich waren genau sie es, die mich vergleichbar einer Nuss für diese ganzen neuen Erfahrungen aufgebrochen haben. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich inzwischen schon so vieles lernen konnte, denn dies alles ist ein Wissen, ein innerer Reichtum, den mir keiner mehr nehmen kann. Dieser Schatz bleibt mir sowohl für dieses Leben als auch für alle weiteren Leben erhalten, die noch folgen wollen. Danke, Leben! Danke, Seele, dass du mich gerufen hast, den Weg zu gehen, der mich dies alles lehren sollte. Und danke dafür, dass ich dieses Wissen mithilfe meiner Bücher mit der Welt zu teilen vermag.

Auch ihr beide, du und Papa, habt für die Entwicklung meines Seelenweges einen ganz wesentlichen und wichtigen Part übernommen. Vieles davon mag ganz unbewusst geschehen sein. Dass ich heute die bin, die ich bin, habe ich letzten Endes zu einem Großteil auch euch zu verdanken, denn ohne euch hätte es dieses Leben für mich so nicht gegeben.

Nach so vielen Jahren innerer Zerrissenheit und Emotionen, die ich nie wirklich verstanden habe und mit denen ich auch nicht umzugehen wusste, weil sie so kräftezehrend waren, kann ich euch heute vielleicht zum ersten Mal wirklich aus der Tiefe meines Herzens heraus „Danke“ sagen und euch wissen lassen, dass es mir eine Freude ist, euch meine Eltern nennen zu können und dies auch weit über den Tod hinaus. Dank euch bin ich die, die ICH BIN! – In tiefer Dankbarkeit, Verbundenheit und Liebe, eure Tochter Hermine“

Nach diesem Dank an meine Eltern kann es sein, dass Sie sich bei der Lektüre des Buches manchmal fragen: Wenn die Autorin ihren Eltern gegenüber so dankbar ist, warum schreibt sie dann dieses Buch und betrachtet dabei bestimmte Erziehungsmethoden, die sie selbst in irgendeiner Art und Weise wenigstens zum Teil erlebt haben muss, als kritisch? Eine berechtigte Frage, die ich Ihnen sehr gerne beantworten will: Natürlich war zwischen mir und meinen Eltern nicht immer alles nur Sonnenschein. Schon der Brief an meine Eltern lässt vermuten, dass vor allem die Beziehung zu meiner Mutter ihre eigenen Qualitäten hatte. Vor vier Jahren hätte ich das Buch noch gar nicht schreiben können. Doch zum Glück werden wir mit den Jahren nicht nur jünger im Geist, sondern um vieles reifer. Und ich hoffe auch weiser, denn darin liegt für mich der große Gewinn, den uns unsere Lebensjahre bescheren.

Heute kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich die besten Eltern hatte, die ich mir nur aussuchen konnte, um genau das zu lernen, was meine Seele, und damit letztlich auch ich lernen sollte und wollte. Ohne das Dazutun meiner Eltern hätte ich vermutlich an mein Leben niemals so viele Fragen gestellt. Niemals nach dem Sinn meines Lebens und der Wahrheit hinter allem gesucht. Hätte unter Umständen ein völlig anderes Leben geführt, als mich auf den Weg zu machen, um nach den wirklichen Ursachen zu suchen, die mich in der Mitte meines Lebens in genau die Situation gebracht hatten, in der ich damals war. Inzwischen kann ich für dies alles sehr dankbar sein und schaue mit Wertschätzung sowie mit einem viel tieferen Verständnis und mit viel mehr Liebe auf meine Eltern.

Zwar war eine gewisse Art von Liebe zu meinen Eltern schon immer da, doch gab es da auch etwas, was ich sehr, sehr lange Zeit nicht wirklich beim Namen nennen konnte, was die Liebe zu meinen Eltern, speziell zu meiner Mutter, auch betrübt hatte. Und letztlich sogar dazu führte, dass ich mich mit all den Gefühlen, die in mir waren, oft wie eine Gefangene fühlte.

Erst heute kann meine Liebe zu ihr ungehindert und frei fließen. Dafür musste ich zunächst durch den Schmerz gehen und mir all der Dinge bewusstwerden, die unsere Liebe zueinander blockierten. Inzwischen weiß ich, dass ich in der Beziehung zu meiner Mutter keine Ausnahme bin. Bereits seit Jahrhunderten war es Generationen von Frauen und Töchtern in zunehmendem Maße nicht mehr möglich, gemeinsam den Weg ihrer Herzen in Liebe und Verbundenheit zu gehen. Diesen Frauen eine Antwort darauf zu geben, was damit im Zusammenhang stehen kann, war mein Beweggrund, dieses Buch zu schreiben, um die Erkenntnisse daraus mit ihnen zu teilen.

Dieses Buch, dessen Erstentwurf ich in den letzten drei Monaten des Jahres 2020 schreiben durfte, war und ist für mich das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich mir in diesem Jahr dank der Gnade und Liebe Gottes selbst machen konnte. Zu jeder Zeit war Gott für mich da und half mir über jeden Moment des Zweifelns, des Verzagtseins, der Traurigkeit, des „Geburtsschmerzes“ hinweg. Dank seiner Liebe und Unterstützung konnte ich diesen Weg bis zu Ende gehen, auch wenn es manchmal ein sehr einsamer und beschwerlicher, dafür aber auch ein sehr erkenntnisreicher „Lehr-Pfad“ war.

An so mancher Weggabelung war ich anfangs stehen geblieben und wusste mir nicht mehr zu helfen. Dann nahm er stets meine Hand und führte mich. Half mir über sehr viele meiner Ängste hinweg, sodass ich mir jedes einzelne „Geröllfeld“, auf dem sich der Ballast von Jahrzehnten hinweg aufgetürmt hatte, noch einmal genauer anschauen konnte. In all der Zeit, in der ich Stein für Stein umdrehte, um nach den wahren Ursachen meiner physischen und psychischen Situation zu sehen, waren meine himmlischen Freunde stets an meiner Seite, sodass ich mich zu keiner Zeit in der Gefahr sah, in eine der „Gletscherspalten“ zu fallen, denen ich mich von Zeit zu Zeit gegenübersah.

Heute ist es für mich äußerst interessant zurückzublicken und zu sehen, wie alles ineinander verflochten war. Für mein erstes Buch Meine Seele will endlich fliegen. Raus aus der Ohnmacht, rein in die Schöpferkraft! brauchte ich genau neun Monate, bis ich dieses Buchprojekt unter so manchen Schmerzen vergleichbar mit denen eines natürlichen Geburtsvorgangs gebären konnte. Dass mich dieses erste Buch auf seine Art und Weise so gut auf mein zweites Buchprojekt vorbereiten sollte, war mir damals noch nicht klar.

Erst heute weiß ich, dass ich mich erst durch die Vielfalt meiner Themen, die an der Oberfläche lagen, hindurchzuarbeiten hatte, um überhaupt einen Zugang zu den tiefer liegenden Bereichen zu bekommen. Dabei galt es jede Menge alten Ballast loszulassen, den ich bis dahin im Rucksack meines Lebens mit mir trug. Manchmal frage ich mich, wie das mein Körper überhaupt so lange Zeit aushalten konnte. Mich wundert, dass ihm die „Sicherungen“ (Nerven) nicht schon viel, viel früher durchgebrannt sind.

Doch wäre mir dies alles bereits früher passiert, hätte ich vermutlich die Stärke noch nicht gehabt, um mich ganz und gar auf den Weg so einzulassen, wie ich dies in den letzten Jahren tat. Heute bin ich mir sicher, dass alles genauso kommen sollte, wie es war. Fürs Erste sollte ich lernen, all die Dinge im Außen loszulassen, um mich voll und ganz dem hinzugeben, was mir noch geblieben war. Nach und nach begann für mich ein völlig neues Leben, in dem ich nicht mehr länger eine Suchende im Außen war, sondern mich immer mehr auf mein Innerstes zu konzentrieren begann.

Das, was ich im Buch über die Erziehung thematisiere, hat nur zum Teil mit mir zu tun. Das meiste davon geht auf Beobachtungen zurück, die ich im Laufe von 27 Dienstjahren als Lehrerin und Schulleiterin machen konnte. Selbstverständlich bringe ich hier keine Fallbeispiele aus der täglichen Praxis. Meine Erläuterungen beruhen viel mehr auf einer Zusammenfassung der Erkenntnisse, die ich im Laufe der Zeit aufgrund meiner Beobachtungen machen konnte. So fließen immer mehrere Einzelbeobachtungen in einer Aussage zusammen. Zudem konnte ich vieles auch dadurch lernen, besser zu verstehen, da ich mir bei den Gesprächen mit Eltern und Kind immer beide Seiten angehört hatte. So zeigte sich mir oft, was der wirkliche Auslöser für bestimmte Differenzen zwischen Eltern und Kind bzw. auch zwischen Lehrer und Kind war.

Das Ergebnis meiner Fragen an das Leben im Hinblick auf die Liebe und unsere Beziehungen sehen Sie hier. Ich freue mich, wenn ich diese Antworten mit Ihnen teilen kann und danke Ihnen für Ihr Interesse an meinem Buch.

Herzlichst

Hermine Merkl

Einleitung

Warum ein Buch über Liebe und Erziehung?

Meine Motivation, dieses Buch zu schreiben, war es nicht, einen Erziehungsratgeber zu schreiben, um zu sagen: „Liebe Eltern bzw. liebe Berufskollegen, macht es so oder so und Ihr habt später keine oder weniger Probleme mit den Kindern.“ Nein. Das wäre überzogen. Das erlaube ich mir nicht, weil mir bewusst ist, dass jeder von uns selbst erst in die ihm eigenen Werte von Erziehung hineinwachsen muss. Das ist mir vor allem sehr stark durch die Zusammenarbeit mit jungen Kollegen (Referendaren) bewusst geworden. In Summe wird jeder von uns (egal ob als Eltern, Erzieher oder Lehrer) so manches falsch, aber auch vieles richtig machen, um letztlich den Erziehungsstil mit genau den Variablen zu finden, der am besten zur eigenen Person passt.

Was mir mit diesem Buch am Herzen liegt, ist, mit Ihnen darüber zu reflektieren, warum es in leider sehr vielen Fällen den Anschein hat, dass Erziehung trotz so vieler Ratgeber scheinbar so wenig gelingt. Lassen Sie mich von daher mit Ihnen gemeinsam darüber nachdenken, warum sich so viele Kinder und Jugendliche ungeliebt, unverstanden, ungerecht behandelt und insofern auch als benachteiligt sehen. Und warum immer mehr Jugendliche und Pädagogen Burnout und Depression diagnostiziert bekommen bzw. man in den Gesprächen auch bei den Eltern sehr oft eine Art von Burnout feststellen kann.

Woher kommt das? Worin besteht die Wurzel allen Übels? Worauf lässt sich diese Überforderung zurückführen, die sich quer durch alle Bildungs- und Gesellschaftsschichten zieht? Warum leiden Kinder und junge Erwachsene heute bereits mit 14, 15, 16 Jahren an einer schweren Depression, die es ihnen nicht mehr möglich macht, mit Freunden in Kontakt zu sein, die Schule erfolgreich zu besuchen und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Manche von ihnen laufen sogar Gefahr, sich in Gedanken an Suizid oder diversen anderen Selbstzerstörungsmustern zu verlieren.

Für mich stellen sich hier immer Fragen über Fragen. Auf die eine oder andere möchte ich näher eingehen und erlaube es mir dabei, die verschiedensten Arten von Erziehung kritisch zu betrachten sowie sie auf ihre Sinnhaftigkeit hin zu prüfen.

Mit meinen Ausführungen möchte ich weder Eltern noch Lehrern irgendwelche Verhaltensweisen als ungerechtfertigt vorwerfen. Ich möchte sie vielmehr zum Nachdenken anregen. Die Beispiele sind – bis auf den Part, in dem ich Ihnen von mir erzähle – so gewählt, dass sie real sein könnten, doch sie lassen sich niemandem zuordnen. Das einzige Anliegen, das ich habe, ist, bestimmte Erziehungs- und Beziehungsmuster aufzuzeigen, sodass es möglich wird, den Fokus einmal ganz bewusst auf das zu richten, was im Bereich von Erziehung und Beziehung alles falsch laufen kann, wenn über einen längeren Zeitraum hinweg nach diesen Mustern erzogen wird.

Dieses exemplarische Vorgehen soll ausschließlich der Reflexion dienen und uns bewusstmachen, wie vielfältig und komplex unser soziales Miteinander ist, und welche Herausforderungen sich für uns alle daraus ergeben, damit wir lernen, stets respektvoll und wertschätzend miteinander umzugehen. Oder um es mit einem Kinderreim zu sagen: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem anderen zu.“

Egal, ob es um die Er-ziehung oder um die Be-ziehung geht, meine Erfahrung hat mich gelehrt: Der Liebe im Wege zu stehen, heißt, dem Leben im Wege zu stehen. Heißt, sich nicht zu erlauben, dass die Wunder der Liebe ihren Weg in unser Herz und in unser Leben bahnen.

Was haben Liebe und Erziehung mit bildender Kunst zu tun?

Sehr gerne vergleiche ich die Aufgabe der Erziehung, vor die sich Eltern, Erzieher und Pädagogen gestellt sehen, mit der Arbeit eines Bildhauers. Wie er wissen auch sie als Erzieher zunächst nicht, wie sich das Kind „formen“/erziehen lässt und vor allem auch nicht, wie viel es an „Er-zieh-ung“ überhaupt benötigt, um ganz in seine Persönlichkeit hineinzuwachsen und sich nach und nach immer mehr in seiner schönsten Form/Gestalt zu entwickeln und zu entfalten. Um irgendwann ganz die Person/Skulptur sein zu können, die der schönste und facettenreichste Ausdruck ihrer Selbst ist. Oder um es anders zu sagen: um ganz die Person zu werden, die Gott, unser Schöpfer, gemeint hat. Für die er uns alles Potenzial gegeben hat, dessen wir bedürfen, um zu gegebener Zeit unsere Fähigkeiten voll und ganz zur Blüte zu bringen, um sie mit der Welt zu teilen.

Wie der Bildhauer haben auch wir als Erzieher und Pädagogen am Anfang nur das „Material“ (das Neugeborene/das Baby, das Kleinkind, den Schüler) oder um im Vergleich mit dem Bildhauer zu bleiben, den Stein, das Holz, den Ton etc.

Was sich daraus entwickeln wird? Wir wissen es noch nicht. Wir können es bestenfalls erahnen. Ob es unseren Wünschen und Erwartungen entsprechen wird? Inwiefern ist das erstrebenswert? Hat es unseren Vorstellungen zu entsprechen oder ist es nicht vielmehr in die Welt gekommen, um ganz die Person zu werden, die in ihm angelegt ist. Es wird seinen eigenen Charakter, seinen ganz ihm eigenen Wesenskern haben. Ganz so, wie wir auch bei einem Marmorblock oder einem Stück Holz mit bestimmten Ausmaßen nicht wissen können, ob es innerhalb des Materials bestimmte Adern/Verästelungen/Einschüsse anderer Materialien etc. gibt.

Wir können uns als Eltern bestenfalls fragen: Kommt es mehr nach dem Vater oder kommt es mehr nach der Mutter? Wird es gesund sein? Ist es ein Bub oder ein Mädchen? Was hätte ich denn gerne oder freue ich mich nicht einfach nur daran, dass es ein wunderbares Kind sein wird, das ich als Geschenk Gottes an uns als Eltern empfangen darf? Welche Farben werden die Augen haben? Welche Nase? Welche Haare? Wird es einmal eher groß oder eher klein sein? Und, und, und … – Dies alles wissen wir nicht.

Doch wir können uns mit Fragen darauf vorbereiten, so wie es auch der Künstler tut. Auch er betrachtet sein Material als Erstes nur ganz liebevoll und wertschätzend über mehrere Stunden, vielleicht sogar Wochen oder Tage. Macht sich vertraut mit dem Material, mit dem er arbeiten will. Nähert sich ihm immer und immer wieder an. Verbindet sich mit ihm. Stellt zwischen sich und dem „Rohling“ sozusagen eine geistige Verbindung, eine mentale Brücke her. Spricht vielleicht sogar mit ihm, weil er weiß, dass auch dieses Material, das sich noch so roh und stumpf anfühlen mag, dennoch bereits beseelt ist. Im Grunde seines Herzens weiß er bereits, dass die Skulptur, die er erschaffen mag, in seinem Werkstück bereits vorhanden ist und lebt, denn die Idee dazu ist ja schon da. Wäre dies nicht der Fall, hätte er sich unter Umständen für ein ganz anderes Material (andere Größe, andere Form, anderes Gewicht etc.) entschieden. Der Bildhauer weiß bereits – wenn vielleicht zunächst auch nur sehr schemenhaft –, was er aus diesem wunderbaren und einmaligen Material gestalten will.

Vor seinem geistigen Auge kann er das fertige Kunstwerk sehen. Kann es fühlen. Es erahnen. Es je nach Material vielleicht sogar riechen oder hören, wenn er zum Beispiel einen Klangkörper erschaffen will. In ihm lebt die Vision, die Vorstellung, die er sich von seinem Kunst-Objekt macht. Dabei ist er sich ganz und gar der Tatsache bewusst, dass ihn letztlich das Material mit all seinen Eigenschaften und Eigenheiten durch den Entstehungsprozess führen wird. Er ist sich dessen bewusst, dass er dem Objekt zwar eine Gestalt geben wird, dass es aber eine andere Quelle gibt, die dieses Kunstobjekt beseelen wird. Um die Statue sowohl im großen Ganzen wie auch mit jedem noch so kleinen Detail insgesamt zu erfassen und ihr gerecht zu werden, indem er ihr die schönste Ausdrucksform verleiht, verbindet er sich immer und immer wieder mit dem Schöpfer, der auch ihn, den Künstler, bei seinem Handwerk anleitet und führt.

Er wird sowohl sich als auch dem Objekt immer wieder Ruhezeiten gönnen, um es auf sich wirken zu lassen. Um es zu studieren. Um sich jedes Mal aufs Neue liebevoll mit ihm zu verbinden, damit er auch ja all die Feinheiten zu erfassen vermag, die herausgearbeitet werden wollen.

Immer und immer wieder wechselt er sogar das „Werkzeug“. War es anfangs vielleicht noch der grobe Schlägel oder eine sehr grobe Feile, mit der er die ersten Kanten und Ecken weggeschliffen hat, so arbeitet er nach und nach immer mehr mit feinen Instrumenten, um dem Werkstoff gerecht zu werden und um sein Kunstwerk nur ja nicht zu verletzen. Es ist ihm wichtig, nur ja nichts abzubrechen, um keine Wunden/Narben zu hinterlassen, die der späteren Schönheit seiner Skulptur nicht zuträglich wären.

Mit aller Liebe, ganz viel Sorgfalt und dem nötigen Respekt vor Material und Werkstück macht er sich ans Werk, um das Schönste hervorzubringen, was ihm gelingen kann. Im Entstehungsprozess selbst wächst er immer mehr mit seiner Skulptur zusammen und ist sich stets bewusst, dass er das Werkstück unter Umständen ruiniert, wenn er auch nur einen Fehler macht. Deswegen arbeitet er hoch konzentriert und zollt auch damit dem späteren Objekt seinen Respekt.

Er weiß, dass die Skulptur nicht einfach nur so nebenbei erschaffen werden kann, sondern dass sie all der Liebe und Hingabe bedarf, die er seinem Projekt zu geben vermag. Er sieht sich in der Verantwortung, sein Bestes zu geben, verzichtet während des Entstehungsprozesses freiwillig auf die Erfüllung eigener Bedürfnisse, sondern widmet sich ganz dem Werk, das er mit Liebe und Hingabe erschaffen will. Er weiß, dass ihm das Beste nur dann wirklich gelingt, wenn er diese Arbeit aus ganzem Herzen tut.

Ihm ist klar, dass es mehr die Aufgabe des Kopfes war, sich um die ganzen logistischen Vorbereitungsarbeiten wie Materialbeschaffung, Materialsichtung, Materialauswahl plus Standortbestimmung etc. zu bemühen. Jetzt, wo er nur noch am Objekt selbst arbeitet, weiß er, wie wichtig es ist, dass er seinem Herz-Projekt oberste Priorität einräumt, damit er mit ihm intensiv in Kontakt bleiben kann. Es hegt und pflegt. Er weiß, dass der Erfolg seines Projektes damit steht und fällt, mit wie viel Herzblut, mit wie viel Herz-Zentriertheit und Verbundenheit er an seine tägliche Arbeit geht. Je mehr er sich in sein Projekt verliebt, selbst dann, wenn es vielleicht auch einmal die eine oder andere Hürde zu nehmen gilt, fühlt er sich seinem Projekt nicht nur nah, sondern er „nährt“ es mit seiner Liebe. Auch dann, wenn es ihm hin und wieder einmal den Schweiß auf die Stirn treibt.

Er gibt nicht auf, an das Wahre, an das Gute, das Vortreffliche, das Schöne, das Einzigartige seines Kunstobjektes zu glauben. Er weiß, dass ihm sein Projekt am besten gelingt, wenn er es von Anfang an aus ganzem Herzen liebt, egal wie lange der Schaffensprozess dauern mag und wie viele persönliche Freiräume er diesbezüglich unter Umständen vorübergehend aufzugeben hat. Er weiß, dass er sein Werk bis zum Tage der „Enthüllung“ und sogar noch weit darüber hinaus lieben wird, weil er es mit so viel Aufmerksamkeit, Sorgfalt, Empathie, Hingabe und Liebe begleitet hat, und weil ihm dabei jeder einzelne Arbeitsschritt bewusst und wichtig war.

Mit der Erziehung von Kindern ist es sehr ähnlich. Erziehung kann nur dann als erfolgreich angesehen werden, wenn sie unter den gleichen wertschätzenden und liebevollen Bedingungen gelebt wird, wie es der Künstler mit seinem Kunstprojekt tut. Auch die Erziehung eines Kindes kann als ein Projekt angesehen werden, bedarf aber in jedem Fall der Zugabe von Liebe, damit sie recht gelingen kann, denn ohne eine grundständige Liebe zum Menschen und zum Kind an sich kann Erziehung nur bedingt gelingen. Dann werden zwar bestimmte Lebensbedingungen „ausgehandelt“, unter denen man ein Miteinander gestalten kann, doch wie glücklich und intensiv sich dieses zeigen wird, ist ungewiss. Egal ob es sich dabei um die Erziehung durch Eltern, Erzieher oder im späteren Alter der Kinder um Lehrer/Pädagogen handelt, die am Erziehungsprozess beteiligt sind.

Das Fundament sowie die Motivation der Erziehung sollte stets die LIEBE sein. Je intensiver, besser und schöner diese zwischen Erwachsenen und Kind fließt, umso schöner kann das Ergebnis für alle Beteiligten sein. Nur ein offenes, wertschätzendes und liebendes Herz vermag das Schönste aus dem Kind „herauszuformen“, was in ihm angelegt ist.

So wie beim Bildhauer kommt es auch in der Beziehung zwischen Eltern und Kind auf den Start in das Leben an. Bereits hier gilt, dass Kinder, die bewusst und mit Liebe gezeugt werden, bessere Startbedingungen haben als Kinder, deren Eltern viel zu wenig auf die Möglichkeit einer Empfängnis und Schwangerschaft vorbereitet sind. Werden Kinder zudem in Lebensumstände hineingeboren, die für Eltern wie Kind stressauslösend sind, wirkt sich auch dies auf die Erziehung aus und legt sich wie ein Schleier über die Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Für eine gute Erziehung braucht es immer beide! Eltern und Kind. Damit das Kind als Fundament für Erziehung Vertrauen in sein Gegenüber gewinnen kann, muss der Grundstein für eine gelingende Beziehung die Liebe sein. Mit ihr steht und fällt im Grunde genommen alles. Sie ist es, die es dem Kind erst ermöglicht, sein Herz zu öffnen, Vertrauen ins Leben sowie Vertrauen in die Person des Erziehers zu haben.

Erziehung, Beziehung und Leben gelingen,

wenn wir auf die Kraft der Liebe vertrauen!

Die Natur bzw. Gott hat es schon sehr intelligent eingerichtet, dass der Geburt eines Kindes eine neunmonatige Schwangerschaft vorausgeht, denn so haben die künftigen Eltern Zeit, sich auf die Ankunft des Kindes vorzubereiten. Mit je mehr Liebe und Vorfreude sie hier gemeinsam sämtliche organisatorische Belange angehen, die an die Geburt des Kindes geknüpft sind, umso mehr zeigen sie auch hier dem Kind, wie sehr sich seine Eltern auf den kleinen Erdenbürger freuen. Egal, ob das die Wahl der Möbel, die Einrichtung des Kinderzimmers oder die Erstausstattung des Babys betrifft, ihre Liebe zum Detail, mit der sie das Ganze aussuchen, erreicht das Kind.

Wichtig ist außerdem, dass die Partner sich früh genug Gedanken über die Erziehung des Kindes machen, denn ist das Kind erst einmal da, kann im Falle eines Falles zwischen den Eltern nicht erst die Diskussion geführt werden, was jeder Einzelne von ihnen unter Erziehung versteht.

Umso wichtiger ist es, sich bereits in der Zeit der Vorbereitung auf das Kind dahingehend zu besprechen, was die gemeinsame Werte und Ziele als Familie sind. In aller Regel müssen sich hier erst beide Partner über ihre eigenen Wünsche und Erziehungsvorgaben bewusstwerden. Diese dann jeweils mit dem anderen besprechen, um letztlich gemeinsam zu einer guten Kompromisslösung zu finden. Was hier helfen kann, sind Fragen wie:

 Inwiefern wird das Kind mein eigenes Leben verändern?

 Wie steht es um meine Bedürfnisse im Hinblick auf das Kind und die Partnerschaft?

 Inwiefern wird es unser gemeinsames Leben verändern?

 Wie sehr bin ich/sind wir bereit dazu?

 Welcher Kompromiss ist für mich/für uns denkbar?

 Was können wir tun? Wo bedürfen wir der Hilfe anderer? (z. B. finanziell)

 Welche Vorstellung habe ich von den Aufgaben eines Vaters?

 Worin bestehen für mich die Aufgaben der Mutter?

 Was fand ich gut an der Art und Weise, wie ich selbst erzogen wurde? Was lehne ich ab?

 Wie möchte ich mein Kind erziehen?

 Was sind meine Werte? Was ist mir wichtig?

 Welche Wünsche und Vorstellungen haben wir von Familie?

 Was ist uns als Mann und Frau wichtig auch im Hinblick auf unsere Partnerschaft?

 Wo gibt es Überschneidungen? Wo Differenzen? Wie können wir diese lösen?

 Ab wann ist für uns eine Betreuung außer Haus wichtig?

 Was ist unsere Motivation, unser Kind schon relativ früh in die Hände anderer Betreuer (Kindertagesstätten, Tagesmutter o. Ä.) zu geben?

 Welche Alternative gibt es hierzu?

 Was ist für uns der beste Weg?

 Sind wir uns der Konsequenzen dieser Entscheidung bewusst?

 Wie können wir dennoch bestmöglich für unser Kind da sein?

 Was sind unsere Prioritäten? …

Je besser sich die werdenden Eltern mit der Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen auf die neue Lebenssituation mit Kind vorbereiten, umso weniger Diskussion wird es im Nachhinein geben, da die meisten Verbindlichkeiten durch diese vorbereitenden Gespräche bereits thematisiert sind. Auch wenn es uns nicht bewusst ist, so öffnen bereits diese gemeinsamen Absprachen dem Kind Tür und Tor, damit es sich im Kreis der Familie wirklich angenommen und wohlfühlen kann. Von Gespräch zu Gespräch wird es quasi „begrüßt“ und im gemeinsamen Leben aller in Liebe willkommen geheißen.

Neben den ganzen organisatorischen Belangen und Gesprächen kann das Kind aber auch durch regelmäßige Rituale von beiden Eltern auf das Freudigste begrüßt werden. Egal ob mit einem Entspannungsbad für Mutter und Kind, einer schönen Bauch- oder Fußmassage, mit Streicheln oder anderen Zärtlichkeiten. Eltern dürfen davon ausgehen, dass diese ganzen herzöffnenden Gesten beim Kind genauso gut ankommen, wie Entspannungsmusik oder Worte, die dem Kind signalisieren, wie wichtig es ist. Worte wie: „Ich weiß, ich kann dich noch nicht wirklich sehen, aber ich kann dich fühlen, erahnen, spüren, wahrnehmen. Mit dir bereits von Herz zu Herz in Verbindung treten. Ich freue mich auf dich. Ich werde mein Bestes geben.“ …

Das für alle Beteiligten Glücklich-Machende ist, wenn sich beide Eltern aus freiem Willen für die Hingabe und Herzöffnung ihrem Kind gegenüber entscheiden.

Die Übernahme der Aufgaben der Erziehung bedeuten für die Eltern aber auch ein Bewusstwerden darüber, dass ihre Entscheidung für ein Kind auch entsprechende Konsequenzen und Verpflichtungen für sie selbst haben wird. Dessen sollte sich jeder bereits möglichst früh bewusst werden und sein Handeln danach ausrichten bzw. auch darüber ganz offen mit dem Partner sprechen. Es ist keinem von beiden gedient, wenn der eine im romantisierenden Idealismus von einer eigenen Familie träumt, während der andere für sich eher die Schwere der Verpflichtung auf seinen Schultern abgeladen fühlt. Bevor die Entscheidung für ein Kind fällt, sollten sich beide Partner bewusst darüber sein, dass ein Kind keine „Ware“ ist, mit der man für gewisse Zeit „spielt“. Dass man sie je nach Lust und Laune dann wieder beiseitelegt, weil einem die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse wichtiger erscheint als sich für das Kind und die gemeinsame Familie verantwortlich zu fühlen.

Es muss beiden Partnern klar sein, dass die Entscheidung für ein Kind bedeutet, dass man für mindestens die nächsten 15 bis 18 Jahre die Verpflichtung eingegangen ist, sich um den jungen Erdenbürger zu kümmern und bestmöglich für ihn zu sorgen.

So gesehen liegt es auch in der Verantwortung der Eltern, sich regelmäßig und immer wieder aufs Neue in Liebe für das Kind zu entscheiden. Auch dann, wenn von Anfang an vielleicht nicht immer alles gleich so glatt und stressfrei läuft, wie man es sich vielleicht gedacht und erträumt hat.

Wie in jeder Beziehung wird es auch in der Erziehung eines jungen Menschen immer wieder einmal Konflikte geben. Das liegt einfach in der Natur der Sache. Lassen wir uns von einem solchen Sturm jedoch verunsichern und beginnen gar an uns selbst als Erzieher oder am Kind zu zweifeln, droht unser gemeinsames Schiff der Beziehung unterzugehen. Haben wir als Erwachsene jedoch unser Bestes gegeben, dürfen wir sehr wohl darauf vertrauen, dass selbst noch nach ein paar Tagen mit Sturm, Hagel und Gewitter der andere auf uns genauso liebevoll wieder zugehen wird, wie dies auch für uns wieder möglich ist, weil unsere Beziehung aus einem Fundament der Liebe besteht.

Ist der Ärger wieder verflogen und hat sich die überhitzte Luft (die Wut) geklärt, ist es dringend anzuraten, mit dem Kind in aller Ruhe ein Gespräch sowohl über die Angelegenheit selbst als auch über die Gefühle, die durch den Streit entstanden sind, zu führen, denn wie sollte ein Kind sonst jemals lernen, dass zum Leben sowohl die Liebe als auch hin und wieder einmal die Auseinandersetzung mit dem anderen dazugehört.

Wird die Situation für alle Beteiligten im positiven Sinne geklärt, haben sowohl das Kind als auch der Erwachsene die besten Chancen, um voneinander zu lernen. Sowohl was die Bedürfnisse und Wünsche des einen wie des anderen angeht, als auch darüber, wie man Konfliktgespräche führt und dabei dennoch respektvoll, wertschätzend, liebevoll und lösungsorientiert miteinander umzugehen vermag.

Findet zwischen Erziehern und zu Erziehendem ein solches Gespräch trotz Diskussion des Sachverhalts zudem auf gleicher Augenhöhe statt, fühlt sich das Kind wahrgenommen, gesehen und gehört. Zugleich vermittelt ihm die wertschätzende und liebevolle Gesprächsführung des anderen, dass die Sache selbst vielleicht einer Korrektur bedarf, dass die Person des Kindes aber weiterhin dennoch immer und jederzeit geliebt wird. Was das Kind damit lernt, ist, dass Erziehung zwar notwendig ist, weil sie einen bestimmten Rahmen innerhalb eines Miteinanders vorgibt, doch die Kinder spüren auch, dass die Liebe der Eltern/der Erzieher immer gewährleistet ist und somit frei von irgendwelchen Bedingungen ist.

Eltern wie Erzieher müssen sich zudem der Tatsache bewusst sein, dass es in der Entwicklung des Kindes verschiedene Phasen gibt, die ausschlaggebend dafür sind, dass die Beziehung zwischen dem Erwachsenen und dem Kind je nach Alter immer wieder einmal neue Formen annehmen muss.

Sehr viele Eltern sind heillos damit überfordert, dass sich ihre Beziehung zu Tochter oder Sohn ab dem 12./13. Lebensjahr graduell zu verändern beginnt. Wissen dann oft nicht mehr, worin diese Veränderung begründet liegt. Nehmen jede Andersartigkeit sowie jeden Wutanfall des Kindes nur allzu persönlich, weil sie Perfektionisten sind, die alles perfekt machen wollen. Doch wird hier die Rechnung ohne das Kind gemacht, das seinen eigenen Kopf und Willen hat, und diesen auch bis zu einem gewissen Grad ausleben muss, um sich selbst zu finden und in eine gesunde Abgrenzung zur Person des Erziehers zu gehen.

Was hier beide zu lernen haben, ist, dass ihre Liebe zueinander durch diverse Auseinandersetzungen zwar gerade einer Art von Prüfung unterzogen wird, dass jedoch beide die besten Voraussetzungen für ein weiterhin gelingendes Miteinander haben, wenn sie lernen ihre Beziehung und Liebe zueinander auf eine neue Basis zu stellen. Das soll nicht heißen, dass die ursprüngliche Liebe schwindet, sondern dass sie einfach nur einem ganz natürlichen Reifungsprozess vom Kind zum jungen Erwachsenen unterliegt. Dazu gehört auch, dass der Jugendliche das, was ist, immer wieder einmal kritisch in Frage stellt. Schließlich will er verschiedene Möglichkeiten des Handelns kennenlernen, um sich später eine eigene Meinung bilden zu können was die bessere Alternative ist. Letztendlich will er sowohl sein eigenes Verhalten als auch das des anderen mit allen Konsequenzen daraus kennenlernen, um später einmal selbstbestimmt durchs Leben gehen zu können und Verantwortung für sich und sein Leben übernehmen zu können.

War für die gesunde Entwicklung des Kindes nicht zuträglich ist, ist, wenn für die Eltern das Kind das alleinig verbindende Glied ist, das ihre Partnerschaft zusammenhält. Manche Kinder, die unter diesen Bedingungen aufwachsen, leiden sehr. Sie sehen sich mitunter häufig vielen Differenzen mit Mutter oder Vater gegenüber, die ihre persönliche Erwartungshaltung allzu sehr auf das Kind übertragen. Zum Problem wird hier, dass man in diesem Falle nicht mehr von liebevoller Hingabe an das Kind sprechen kann. Hier klingt unter Umständen oft ein ganz anderer Ton an im Sinne von: „Wie undankbar du doch bist. Ich habe dir so viel gegeben und du? Was machst du? Siehst du denn nicht, dass ich dich brauche, dass …“ – Erziehung und Beziehung können jedoch im Sinne von „Ich gebe dir und dafür erwarte ich mir von dir“ definitiv nicht gedeihen, sondern trennen das Band, das irgendwann einmal auf der Liebe zueinander begründet war.

Dass wir als Erwachsene wie als Kind je nach Lebensalter verschiedensten Herausforderungen ausgesetzt sind und diesbezüglich mitunter auch mit gravierenden Veränderungen sowohl in gesundheitlicher als auch sozialer Art zu rechnen haben, ist nur normal. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um? Haben wir jemals gelernt, uns je nach Situation lösungsorientiert zu verhalten, oder reagieren wir vielmehr einer alten Gewohnheit gemäß noch immer nach den alten Mustern des deprimierten, verletzten, des wütenden, des orientierungslosen, mitunter sogar des ohnmächtigen Kindes, das wir einmal waren?

Das Leben bietet uns immer und immer wieder jede nur denkbare Gelegenheit dazu, nicht nur an Jahren, sondern auch im Hinblick auf unsere Lebenserfahrungen und entsprechenden Verhaltensweisen zu reifen. Unser Leben sieht für uns alle persönliche Entwicklung, Wachstum und individuelle Reifungsprozesse vor. Als soziale Wesen ist es uns in die Wiege gelegt, diese Entwicklungsschritte gemeinsam mit Familie, Freunden, Partner etc. zu gehen. Es liegt an uns, ob wir uns für diese gemeinsame Reise durch unser Leben füreinander als Team entscheiden, zueinander in Konkurrenzsituation gehen oder ganz allein leben. Egal, wie wir uns entscheiden, die Konsequenzen und die Verantwortung daraus hat jeder Einzelne selbst zu tragen. Gott sagte mir einmal, dass die einzige Frage, die er uns stellen wird, wenn wir unsere Lebenszeit auf der Erde beenden und wieder zu ihm nach Hause kommen, sein wird: „Wie sehr hast du geliebt?“

1 Sehnsucht „Liebe“

Die Sehnsucht, die mich durch mein Leben trägt, heißt LIEBE. Sehnsuchtsvoll verzehre ich mich nach ihr. Und das nicht erst als Teenager und später als erwachsene Frau. Nein, die große Sehnsucht nach der Liebe wurde mir schon in die Wiege gelegt. Bereits hier beginnt ein eigenartiges „Spiel“, das sich mir im Verlauf meines Lebens immer wieder einmal zeigte. Ganz so, als wollte die Liebe mir damit sagen: „Je mehr du dich nach mir sehnst, umso mehr entziehe ich mich dir!“ – Doch warum ist das so? – Haben wir die Liebe auf unserer Reise LEBEN nicht dazu gebucht?

Wer mein erstes Buch gelesen hat, der weiß, dass ich in diesem Leben im Hinblick auf die Liebe bereits mit einer ersten Hürde (Herausforderung) gestartet bin, die eine Situation beschreibt, die der vieler Frühgeborenen sehr ähnlich ist. Zwar kam ich nicht als Frühchen zur Welt, doch musste ich bereits am zweiten Tag nach der Geburt für mehrere Wochen in eine andere Klinik verlegt werden und war somit für längere Zeit sowohl von meiner Mutter als auch von meinem Zwillingsbruder getrennt.

Das Erste, was mir somit in diesem Leben widerfuhr, war für mich ein unerträgliches Gefühl von „mutterseelenallein“. Ein Gefühl des Alleinseins und Getrenntseins gepaart mit dem Schmerz um den Verlust von Sicherheit, Geborgenheit und Liebe sowie meinem ängstlichen Blick auf dieses Leben verbunden mit der Frage: „Kann ich diesem Leben denn überhaupt vertrauen?“

„Mutterseelenallein!“ – Ein Gefühl, das sich wie ein roter Faden mal mehr, mal weniger stark durch mein Leben zieht. – Was mir blieb, waren Fragen. Fragen wie „Warum geschieht mir dies? Was soll ich daraus lernen? Habe ich mir das wirklich selbst so ausgesucht? Wollte ich das wirklich so?“ …

Statt mit den Gefühlen von Liebe, Vertrautheit und Sicherheit in den Armen meiner Mutter zu liegen und statt der Nähe zu meinem Zwillingsbruder, mit dem ich in den letzten neun Monaten so intensiv verbunden war, war es für mich als Neugeborenes innerhalb kürzester Zeit aus mit Kuscheln und Geborgenheit. Stattdessen erlebte ich gleich für mehrere Wochen die Gefühle von Getrenntsein und Einsamkeit. Erlebte von Anfang an sehr starke Gefühle von Angst, Frustration und Panik in einer Welt, die mir ohne die Nähe und Verbundenheit mit Mama und Bruder so extrem kalt, abweisend und unfreundlich erschien.

Unbewusst startete ich mit diesen für mich sehr einschneidenden Erfahrungen, sozusagen von Anfang an, ein Programm, das in mir im Hinblick auf Vertrautsein mit anderen und mich in der Liebe der Mutter geborgen fühlen Gedanken und Gefühle provozierte, dass ich – aus welchen Gründen auch immer – Liebe und Zuneigung scheinbar nicht verdiene. Dass ich es nicht wert bin, von der Liebe und dem Glück, das diese mit sich bringt, erfüllt zu sein. Dass ich erst lernen muss, ein besserer Mensch zu werden, um Liebe überhaupt zu verdienen. Dass das Leben schwer ist. Kein Honigschlecken, sondern Kampf, Mühsal und Plackerei …

Aus heutiger Sicht kann ich zwar rückblickend sagen, dass mir in meinem Leben die Liebe nicht gänzlich fehlte, doch sie war mir nie wirklich so nah, als dass ich sie mir hätte erhalten können. Was stattdessen in meinem Leben präsent war, war dieses extrem starke Bedürfnis nach Liebe.

Jedoch nicht nach körperlicher Liebe, sondern nach einer reineren Form von Liebe. Einer Liebe, die tiefer geht. Einer Liebe, die wirklich nährt. Einer Liebe, die Balsam für das Herz und die Seele ist. Die ein so starkes Fundament für die Beziehung zwischen Menschen ist, dass sie diese stärkt und trägt.

So wurde der Motor meines Denkens und Handelns schon von klein auf diese Suche nach der wahren Liebe. Zeit meines Lebens war dieser Hunger nach Liebe so groß, die Sehnsucht danach so stark, dass mir ständig im Kopf rumspukte: „Ich will auch dazugehören. Ich will mich auch angenommen, wertgeschätzt, gesehen und gehört fühlen.“ Doch stattdessen war mein Begleiter durch all diese Jahre stets ein Gefühl von viel zu kurz gekommen zu sein und der wahren Liebe entbehren zu müssen.

Ich weiß, das hört sich jetzt so an, als hätten mir meine Eltern, speziell meine Mutter Zuwendung und Liebe nicht gegeben. Als hätte mir die Familie, in die ich hineingeboren bin, diese versagt. Das hat sie definitiv nicht, doch aus irgendeinem Grund konnte ich ihre Liebe nicht wahrnehmen, nicht spüren. Es war, als läge über all dem ein einzig großer und dunkler Schatten. Ein Nebel, der mir den Zugang zu dieser Liebe verwehren sollte.

Warum ich Ihnen von meiner Situation als Neugeborenes und Kind erzähle? Meine Absicht ist es, damit zu verdeutlichen, dass Kinder ihre Gefühle noch nicht wirklich begreifen und erst recht nicht artikulieren können. Manifestieren sich diese frühkindlichen Emotionen jedoch im Kind, weil sie unberücksichtigt bleiben und es somit zwischen Eltern und Kind zu keiner Klärung kommt, dann beeinflusst dies auf eine mitunter sehr ungünstige Art und Weise die Beziehung ein Leben lang. Indem ich von meiner Situation erzähle, wünsche ich mir, dass es mir damit gelingt, zu einem besseren Verständnis zwischen Eltern (vor allem der Mutter) und dem Kind beizutragen.

Mit meiner Geschichte will ich ein Beispiel dafür geben, wie viel anders Kinder (egal, welchen Alters) die Ereignisse ihres Lebens wahrnehmen und fühlen. Will verständlich machen, wie sehr Kinder aufgrund ihrer Gefühle mitunter ganz anders denken und Sachverhalte vollkommen anders interpretieren als die Erwachsenen. Will thematisieren, dass dieses Denken mitunter ganz und gar nicht zu ihrem Vorteil ist, weil es zum Beispiel wie in meinem Fall die Beziehungsfähigkeit zu anderen Menschen erschwert. Will bewusstmachen, wie wichtig es ist, die Dinge nicht nur aus der Perspektive des Erwachsenen zu sehen, sondern dass es notwendig, ja sogar unerlässlich ist, sich alles, was geschieht, auch immer aus der Perspektive des Kindes anzusehen. Selbst dann, wenn das Ereignis für uns als Erwachsene nicht so sehr von Bedeutung ist wie für das Kind. Will außerdem auf die Notwendigkeit eines regelmäßigen Gesprächs zur Klärung bestimmter Themen hinweisen, statt die Kinder mit dem Erlebten allein zu lassen. Was mir zusätzlich am Herzen liegt, ist damit verständlich zu machen, wie wichtig es ist, regelmäßig Gespräche zu führen, bei denen es nicht nur um irgendwelche organisatorischen Belange des Alltags geht, sondern vielmehr um das seelische Wohlbefinden aller.

Wie soll das Kind sonst lernen, dass zu einem wirklich gesunden Leben immer alle drei Komponenten zählen. Die Gesundheit von Körper (Wie geht es dir? Was brauchst du?), die Gesundheit des Geistes (Was beschäftigt dich gerade? Worüber denkst du nach? Wenn du willst, erzähle mir davon, damit ich dir unter Umständen helfen kann!) sowie um die Gesundheit der Seele (Fühlst du dich gut? Was liegt dir am Herzen bzw. auf der Seele? Gibt es zwischen dir und mir irgendetwas, was der Klärung bedarf?)

Was ich anhand meiner Geschichte gelernt habe, ist, dass unsere Gefühle das Sprachorgan unserer Seele sind, so, wie uns unser Körper widerspiegelt, was unsere Gedanken sind. Und dass wir, wenn wir uns das Er-leben unserer Gefühle aus welchen Gründen auch immer verbieten, Gefahr laufen, nicht mehr in Beziehung mit uns selbst zu sein.

Zudem ist es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass für alle an Familie oder Partnerschaft Beteiligten Gespräche niemals eine Zeitvergeudung, sondern immer eine sehr gut investierte Zeit sind. Denn sind wir mittels regelmäßiger Gespräche miteinander auch wirklich in Kontakt, dann fühlt sich jeder innerhalb der Beziehung willkommen, gesehen und gehört. Die Botschaft, die unsere Gesprächsbereitschaft dem anderen indirekt signalisiert, heißt so viel wie: „Du bist mir wichtig. Ich höre dir zu. Ich wertschätze dich und freue mich über unser Gespräch. Ich liebe dich!“

Sie sehen, es liegt mir am Herzen, die Aufmerksamkeit vermehrt darauf zu lenken, dass wir uns die verschiedensten Ereignisse unseres Lebens nicht nur aus der Perspektive des Erwachsenen ansehen, sondern dass wir vermehrt versuchen, sie uns immer auch aus der Perspektive des Kindes bzw. allgemein unseres Gegenübers zu sehen. Und das ganz egal, wie bedeutend oder unbedeutend die Vorkommnisse für uns selbst sind.

Wie sich mein frühkindlicher Klinikaufenthalt im Zusammenspiel mit anderen Ereignissen auf mein Leben insgesamt auswirken sollte, war mir ehrlich gesagt fünfundfünfzig Jahre lang so nicht bewusst. Dennoch lag bereits in diesem ersten nachgeburtlichen Ereignis ein sehr nachhaltiges energetisches Muster verborgen, das mein ganzes Beziehungsleben bestimmen sollte.

Zwar kehrte ich – körperlich gesund – in den Kreis der Familie zurück, doch hatte bei mir diese lange Zeit der Trennung in der Psyche bereits ihre tiefen Spuren hinterlassen. Spuren von Einsamkeit und den Gefühlen, die ich Ihnen zuvor beschrieben habe. Was bei mir zusätzlich im Kern des Schmerzes haften blieb, war das untrügliche Gefühl, dass ich von den Menschen, die ich liebe, niemals so geliebt werde, wie ich es glaube, zu verdienen.

Mein Trauma bestand darin, von heute auf morgen einfach alles verloren zu haben. Auf so viel Trennungsschmerz, der sich zudem noch über einen so langen Zeitraum hinziehen sollte, war ich nicht vorbereitet. Ich hatte die Ressourcen nicht, um einem Schmerz dieses Ausmaßes entsprechend zu begegnen. Für mich war es nicht nur der Schmerz durch den Verlust der Verbundenheit mit meiner Mutter durch die physische Geburt, sondern da kam noch so vieles andere obenauf. Und … Für mich war es nicht nur der Fall heraus aus der Geborgenheit und Fürsorge, die im Mutterleib noch war, sondern für mich war es vergleichbar mit dem Fall aus dem Paradies der Geborgenheit des Mutterleibs.

Warum halten wir so lange an den Dramen der Kindheit fest? – Es sind diese Gefühle, die durch eine Ursprungssituation ausgelöst wurden und die uns jetzt so lange in diesen „Gefühlswelten“ gefangen halten, bis wir gelernt haben, mit ihnen auf eine andere Art und Weise umzugehen, als es unser erlerntes Muster ist. Die meisten von uns reagieren auf das Gefühl von Benachteiligung meist mit Aggression und Wut. Doch warum? Was werfe ich bewusst wie unbewusst meiner Mutter vor, ungeachtet dessen, ob dieser Vorwurf berechtigt ist oder nicht? Was kommt mir in Bezug auf diese Frage in den Sinn?

Selbst wenn wir etwas scheinbar Erlittenes vergeben wollen, gilt es sich anzuschauen was sich hinter diesen Gefühlen von Aggression und Wut, Verbitterung und Groll noch so alles verbirgt. Das kann von Mal zu Mal mitunter eine ganz andere Ursache haben. Von daher ist es wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass die Wut sowie auch all die anderen Gefühle definitiv nicht mit einem einzigen Vergebungsritual aufgelöst sind. Es gilt sich diese Themen immer und immer wieder aufs Neue anzuschauen. Immer wieder aus dem Ist-Zustand des heutigen Tages heraus darüber zu reflektieren, was es gerade mit uns macht. Dabei lernen wir jedes Mal wieder etwas Neues über uns dazu. Lernen nach und nach uns selbst und unsere Art zu denken, zu handeln, zu sein, immer besser zu verstehen, und wachsen so letztlich in einen tieferen Prozess der Vergebung (sowohl der Selbstvergebung als auch dem anderen zu vergeben) hinein.

Sobald eine Welle an Wut über uns kommt, ist es wichtig, uns dahingehend zu beobachten, wie wir mit diesem Gefühl gelernt haben, umzugehen. Gehe ich in die Wut hinein, lasse ich mein Verhalten von ihr diktieren? Gebe ich ihr Raum und begehre gegen die Person, der meine Wut gilt, auf?

Was, wenn ich mich stattdessen einfach mal so ganz anders verhalte, als ich es bisher getan habe? Was, wenn ich mir nicht von der Wut mein Handeln diktieren lasse, sondern ich selbst die Regie übernehme und mein Drehbuch auf die Wut einfach einmal umschreibe und ganz anders lebe? Was, wenn ich der Wut einfach mal aus einer ganz anderen Perspektive heraus begegne? Wenn ich ihr mit Besonnenheit und Verständnis begegne? Wenn ich sie mir anschaue? Ihr Fragen stelle? Fragen wie: Wut, was genau hast du mir zu sagen? Worum geht es eigentlich? Was genau liegt unter dieser Wut? Warum ist diese Wut so stark? Woran willst du mich erinnern, damit ich es mir anschauen kann?

In diesem Zusammenhang ist es auch sehr interessant einmal zu schauen, wer denn unser Vorbild im Erlernen der Muster war, wie wir mit unseren Gefühlen umzugehen haben. Passt die Art und Weise, wie mein Rollenvorbild seine Gefühle gelebt hat, denn überhaupt zu mir? Zu meinem Temperament? Zu meiner Wesensart? Ist dieses Verhalten gut? Wie stehe ich selbst dazu? Hat es mir denn geholfen, meine Interessen, Bedürfnisse, Wünsche auf diese Art durchzusetzen? Wie erfolgreich war ich damit? Welche Alternativen fallen mir hinsichtlich dieses Verhaltens ein? Was kann ich tun, um mir bewusst darüber zu werden, wie sich das Thema „XY“ unbewusst auf meine derzeitige Lebenssituation auswirkt? Was zeigt sich mir?

Fürs Erste ist es wichtig, sich dessen bewusst zu sein: Ich bin NICHT diese Wut. Ich fühle nur, dass ich gerade eine richtige Wut auf „…“ habe, und dass hinter alledem ein Thema liegt, das sich mir gerade zeigt. In diesem Sinne gilt es, der Wut an sich nicht länger Energie und „Nahrung“ zu geben, sondern sich vielmehr die Ursache dahinter anzuschauen, um sich der ganzen Zusammenhänge bewusst zu werden. Ihnen in irgendeiner sozialverträglichen Art und Weise, die zu uns als Individuum passt, Ausdruck zu geben: Zum Beispiel, indem wir den Gefühlen durch Schreiben, Malen, Tanzen, Joggen etc. Raum geben. Der eigenen Kreativität sind hierbei keine Grenzen gesetzt.

Es gilt einzig und allein diese Energie, die in dem Gefühl von Wut, Verbitterung, Groll, Aggression etc. gebündelt ist, in eine andere Ausdrucksform zu bringen. Ihr damit ihre negative, explosive Kraft zu nehmen und diese destruktive Energie stattdessen in eine konstruktive Kraft zu verwandeln. Ihr vorübergehend ganz bewusst Raum zu geben, damit sich diese Energie in der Form, wie sie sich mir gerade zeigt, entladen kann. Tun wir dies nicht, halten wir diese negative Energie in uns zurück, um zwar den schönen Schein des Friedens zu wahren, doch sie bleibt in unserem Feld. Hält uns von positiven Gedanken ab und schmälert vor allem unsere Beziehung zu der Person, die in uns diese Gefühle mitverursacht hat.

Das, was unausgesprochen und ungeklärt in unserem Energiefeld bleibt, läuft Gefahr, sich im Laufe der Zeit dort sogar noch zu potenzieren. Letztendlich ist keinem damit gedient. Weder dem Verursacher noch dem Träger dieser Energie. Was bleibt, ist, dass sich das Problem mit dem Gegenüber so lange wiederholt, bis wir den Mut finden, es auf eine konstruktive Art und Weise mit dem anderen zu lösen. Es bedarf diesbezüglich nicht vieler Worte. Es ist einfach nur wichtig, für sich selbst zu erkennen: „Ich verspüre gerade eine Wut (oder ein ähnliches Gefühl) in mir. Es macht mich traurig, dass ich gerade so fühle. Können wir bitte darüber reden?“

Wie oft schlucken wir diese drei kleinen Sätze lieber runter und „fressen“ stattdessen die ganze negative Energie in uns hinein, nur weil wir irgendwann einmal gelernt haben, dass es sich nicht gebührt, sich trotzig, rebellisch, aggressiv, wütend, schmollend etc. zu zeigen.

Macht es Sinn, diesen Gefühlen keinen Ausdruck zu geben, sie stattdessen wie ein Gepäckstück, einen schweren Rucksack, eine unerträgliche Last mit uns herumzutragen? Macht es Sinn, sich mit all diesen nicht gelebten Gefühlen selbst zu sabotieren, mit der Zeit sogar daran zu erkranken, weil wir sie schon viel zu lange Zeit in uns hineingefressen haben, statt sie ehrlich zum Ausdruck zu bringen? Macht es Sinn, lieber an dem ganzen Ballast zu ersticken, zugrunde zu gehen, als diese Gefühle für die Dauer eines Gesprächs dem anderen zuzumuten, dabei aber vollkommen ehrlich zu sich und zum anderen zu sein?

Nur, indem wir uns das Herz fassen und den Mut finden, über unsere wahren Gefühle mit dem anderen zu sprechen, um auf diese Art und Weise das Problem, das sich daraus ergibt, frühzeitig aus der Welt zu schaffen, kann im Hinblick auf das Missverständnis zwischen Person A und B eine Klärung des Sachverhalts und letztlich damit einhergehend unter Umständen auch Heilung und Transformation geschehen.

Wann jedoch haben wir das Sprechen über unsere Gefühle und damit auch das Einstehen für uns selbst verlernt? Kommen wir nicht alle – energetisch gesehen – als reine Wesen in die Welt? Schauen wir uns die Augen eines Babys an, dann strahlen diese Augen. Sie schauen voller Freude auf das Leben. Sind wach und aufmerksam. Voller Neugier und Abenteuerlust. Wann haben wir dieses Strahlen und Staunen verlernt? – Wann? Warum? Was ist geschehen?

2 Exkurs in den Bereich der Erziehung

Warum überhaupt Erziehung? – Der Mensch als „physiologische Frühgeburt“

Auf den Schweizer Anthropologen und Naturphilosophen, Biologen und Zoologen Adolf Portmann (1897–1982) geht zurück, dass er den Menschen als „physiologische Frühgeburt“ und als „sekundären Nesthocker“ bezeichnete. Begriffe, die auch heute noch in der Biologie Verwendung finden. A. Portmanns Interesse am Menschen konzentrierte sich dabei vornehmlich auf die ersten Lebensjahre. In vielen seiner Schriften veröffentlichte er Beiträge, die aus entwicklungsgeschichtlicher Sicht die Sonderstellung des Menschen innerhalb der Natur thematisieren. So nannte er den Menschen einen „physiologisch völlig unspezialisierten“, in seiner Entwicklung aber offenen, freien Menschen, der sich als ein „ewig Werdender“ von anderen physiologisch hoch spezialisierten Lebewesen unterscheidet.

Der Begriff der „physiologischen Frühgeburt“1 besagt dabei, dass der Mensch im Vergleich zu den Tieren viel zu früh geboren wurde, da er zum Zeitpunkt seiner Geburt vollkommen hilflos ist und auf eine Rundumversorgung durch seine Eltern angewiesen ist. So gesehen steht er – was seinen Reifezustand bei seiner Geburt angeht – vollkommen im Gegensatz zu einem Pferd, Bär, Giraffen oder Elefanten, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Nach Portmann führt diese Vorverlegung der Geburt für den Menschen dazu, dass viele seiner Entwicklungsprozesse letztlich in eine soziokulturelle Umgebung eingebettet sind. Aufgrund der Angewiesenheit auf Eltern und Erzieher ist das Kind daher vollkommen offen für Umwelteinflüsse und soziale Kontakte sowie für ein kulturelles und geistiges Lernen.

Um seine körperlichen, geistigen und seelischen Anlagen über die verschiedenen Lebensaltersstufen hinweg ausreichend entwickeln zu können, bedarf der Mensch von Anfang an der Hilfe, Betreuung, Fürsorge und Unterstützung. Daneben kommt dem Prozess der Erziehung gesamtgesellschaftlich gesehen jedoch auch die Bedeutung zu, dass der Mensch durch die Erziehung erst zu einem vollwertigen Mitglied einer menschlichen Gemeinschaft (Familie, Verein etc.) wird. Erziehung lässt sich – um es ganz einfach zu sagen – folglich definieren als ein Prozess, der sich zwischen einem Erzieher und einer zu erziehenden Person ergibt. Dabei gelten sowohl die Eltern (Primärerziehung und Primärsozialisation) als auch die Erzieher in Kindertagesstätten und Lehrer nach wie vor als die wichtigsten Instanzen im Erziehungsgeschehen. Diese Verantwortung teilen sie letztlich aber auch mit weiteren Institutionen wie z. B. den Sport- und Musikvereinen oder religiösen Gemeinschaften.

Erziehung und Sozialisation

Laut dem Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka2 versteht man unter Erziehung ganz allgemein gesehen die pädagogische Einflussnahme auf die Entwicklung und das Verhalten Heranwachsender. Der Erziehungswissenschaftler Peter Menck3 konzentriert sich hingegen mehr auf den Bereich der Sozialisation und definiert „Sozialisation als einen Prozess, in dem ein Mensch sich unter Aufnahme von und in Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen, kulturellen und materiellen Umwelt zu einer Persönlichkeit entwickelt“.

Der gesamte Bildungsprozess des Menschen (Erziehung und Sozialisation) umfasst somit sowohl die Fremd- als auch die Selbsterziehung. Wobei unter Letzterem mit dem Wissen um ein lebenslanges Lernen die bewusste Übernahme der Eigen-Verantwortung für die weitere Entwicklung zu verstehen ist. Sich dieser Verantwortung bewusst zu sein, ist spätestens dann wichtig, wenn der junge Mensch das Elternhaus verlässt bzw. seine Berufsausbildung abgeschlossen hat.

Im psychologischen Sinne kann dann von einer guten Erziehung gesprochen werden, wenn der Heranwachsende die Art der Erziehung, die er genießt, akzeptieren kann, und der Prozess der Erziehung getragen ist von Vertrauenswürdigkeit, Dialogfähigkeit und positiver Vorbildwirkung. Somit wird die Art der Beziehung zwischen Erzieher und zu Erziehendem zu einem wichtigen Kriterium für einen gelungenen Erziehungsstil. Fordert die Art der Erziehung stattdessen nur „blinden Gehorsam“ ein, so zeigt sich darin laut Walter Schmidt bestenfalls die „Hilflosigkeit des Erziehers.“4

Als Richtschnur für eine gute Erziehung lassen sich auf der Grundlage der christlichen und humanistischen Erziehung, aus denen unsere westliche Erziehung hervorgegangen ist, Werte wie Toleranz, Gewaltlosigkeit, Kompromissbereitschaft, Mut sowie die Leistungsbereitschaft nennen. Dabei muss ein angemessenes Handeln sowohl der Persönlichkeitsstruktur des Kindes als auch den gesellschaftlichen Normen entsprechen. Nicht gewünschtes Verhalten, das den vorgegebenen Normen der Erziehung nicht entspricht, wird mittels entsprechender Maßnahmen sanktioniert; erwünschtes Verhalten hingegen durch entsprechende positive Verstärker belohnt. Die jeweilige Institution (Familie, Schule etc.) entscheidet dabei, welche Werte und Regeln des Verhaltens für sie angemessen und wichtig sind.

Das deutsche Wort „er-zieh-en“ geht auf das Althochdeutsche „irziohan“ zurück und bedeutet so viel wie „heraus-zieh-en“ dessen, was an natürlichen Vorgaben im Kind angelegt ist, um dessen Entwicklung zu fördern und seinen Geist und Charakter zu bilden. Wie die Art der Erziehung letztlich erfolgt (belehren, fördern, unterrichten etc.), ist je nach Bildungsanspruch verschieden und hat viel mit den Erziehungspraktiken der Erzieher zu tun.

Erziehung bedeutet meinem Verständnis nach, dem Kind etwas zu lehren, an dem es sich mithilfe bestimmter Fakten orientieren kann. Für den Lebensraum Schule bedeutete das für mich: Als Pädagoge gebe ich dem Schüler einen bestimmten Rahmen vor und erkläre ihm, warum die Einhaltung bestimmter Regeln wichtig ist, und dass er bei Nichteinhaltung dieser Regeln mit bestimmten Konsequenzen zu rechnen hat. Danach gebe ich dem zu Erziehenden aber auch die Zeit, damit er in seinem Tempo und gemäß seiner Wesensart nach und nach immer besser in diesen vorgegebenen Rahmen der Schule hineinwachsen kann. Ich erwarte mir also nicht sofort, dass sich alle Kinder von Anfang an gleich gut und am besten noch mustergültig benehmen. Ich weiß vielmehr, dass sie sich unterschiedlich bemühen werden. Dass es immer ein paar „Ausreißer“ geben wird, denen es schwerfällt, dem Regelwerk von Schule zu entsprechen. Doch ich bringe auch gegenüber dem Kind den Respekt, die Achtung der Würde seiner Person, die Wertschätzung und Liebe in Form von Zuwendung und Geduld im Sinne eines „Ich sehe Dich!“ auf, das es braucht, um Teil der Klassengemeinschaft und Schulfamilie zu werden.

Letztlich gebe ich diesen Schülern damit einen Vertrauensvorschuss und lasse sie wissen, dass ich fest daran glaube, dass wir es gemeinsam vermögen, den Lernort Klassenzimmer und den Standort Schule mit der Zeit so zu gestalten, dass für alle Beteiligten die besten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Lernen und ein persönliches Wachstum gegeben sind. Und indem ich selbst motiviert, gut gelaunt und fröhlich bin, lade ich die Schüler dazu ein, dass trotz allen Lernens und aller Regeln auch in der Schule der Humor, die Leichtigkeit und die Freude am gegenseitigen Miteinander jederzeit möglich sind.

Gilt es als Pädagoge im Klassenverbund mitunter bis zu 33 Kinder zusammenzuführen, zeigt sich – wenn auch in einer etwas anderen Form – dennoch die gleiche Thematik innerhalb der Familie. Bereits mit dem zweiten Kind sind die Eltern gefordert, den individuellen Bedürfnissen jedes einzelnen Kindes gerecht zu werden. Denn so wie in der Natur ein Birnbaum kein Apfelbaum ist, oder eine Tomate keine Gurke, kann ich auch von einem Kind nicht erwarten, dass sich der Lukas genauso verhält wie sein Bruder Benjamin oder seine Schwester Susanne. Oder die Tanja wie ihre Schwester Rebecca. Jedes Kind hat sein ganz eigenes Naturell, auch innerhalb einer Familie. Diese ihm eigene Wesensart wurde ihm von Gott als ein Geschenk gegeben. Und mit der Art, ganz es selbst zu sein, ist ihm unter der Vielfalt aller Menschen nicht nur die persönliche Freiheit des Andersseins gegeben, sondern auch die Befähigung, darin sein eigenes Potenzial zu entdecken und seine eigenen Fähigkeiten zu leben, um diese sowohl mit der Familie im Kleinen als auch mit der Welt im Großen zu teilen.

Jeder von uns ist angehalten, die ihm eigene Wesensart bestmöglich zu verkörpern und zu leben. Dazu gehört auch, dass wir von unserem Umfeld dahingehend unterstützt und gefördert werden, nicht die Kopie von Papa und Mama, von Tante Olga oder irgendeinem Popstar etc. zu sein, sondern bereits von klein auf die eigenen Anlagen bewusst zu leben. Um jedoch ganz diese Person werden zu können, bedarf es auch des Vertrauens in das Kind. Und das auch dann, wenn es sich anders entwickelt als sein Geschwister. Sätze wie „Warum kannst du das noch nicht. Nimm dir ein Beispiel an deiner Schwester“. verletzen nicht nur, sie sind reines Gift für die Seele des Kindes und mindern seine Freude, sich in seinem Tempo zu entwickeln und zu lernen.

Mit anderen verglichen zu werden führt beim Kind nur dazu, dass es sich künftig auch selbst stets mit den anderen vergleichen wird. Stellt es dabei fest, dass es seinem Dafürhalten nach bei dem Vergleich unterliegt, und erhält es von Mutter, Vater, Erzieher, Pädagogen diesbezüglich keine Richtigstellung und positive Bewertung dessen, was es selbst zu leisten vermag, führt das sowohl bereits beim Kleinkind wie beim Teenager und auch später noch beim jungen Erwachsenen zu einer sehr ungesunden und kritischen Haltung gegenüber sich selbst, die sich bis hin zu anhaltenden Selbstzweifeln, einem verminderten Selbstwertgefühl, zu Minderwertigkeitskomplexen und nicht zuletzt sogar auch zu einem selbstverletzenden und schlimmstenfalls sogar zu einem selbstzerstörerischen Verhalten auswirken kann.

Hinsichtlich Lerntempo und Entwicklung gilt es, sich auch den Unterschied zwischen den Geschlechtern anzusehen. Ich finde es immer wieder äußerst interessant und spannend, den Kindern beim Spiel auf dem Spielplatz zuzusehen und dabei die Kommentare der Erwachsenen zu hören. Selbst heute noch werden die Jungen so ganz anders erzogen als die Mädchen. Und bis in die Schule hinein hält sich trotz koedukativer Erziehung noch immer das Vorurteil, dass Mädchen keine Mathematik können. Stellt sich nur die Frage: Ist dieses Nicht-Können wirklich immer nur im Kind, in diesem Falle beim Mädchen begründet?

Egal wie die Antwort auf diese Frage lauten mag. Es ist nicht mehr meine Aufgabe, näher darauf einzugehen. Viel wichtiger ist mir, stattdessen zu sagen: Nur wir selbst können unsere eigene Wesensart und die damit einhergehenden Aufgaben, vor die uns das Leben stellt, leben. Kein anderer kann dies für uns tun. Es ist von daher nicht angezeigt, die Kopie von irgendwem zu sein. Viel wichtiger als irgendjemanden nachzuahmen und sich dessen Art anzugewöhnen, ist es ganz und gar wir selbst zu sein. Ein Individuum. Ich möchte sogar so weit gehen und sagen: Wir sind sehr wohl unserem Schöpfer gegenüber in der Pflicht, unsere Individualität und unser Potenzial bewusst zu leben. So gesehen ist es für mich auch die Pflicht guter Eltern, Erzieher und Pädagogen, jedes Kind darin zu unterstützen, seine ureigenen Fähigkeiten bereits früh genug zu erkennen, und ihm dann wiederum individuell zu helfen, sie nach und nach immer besser zur Entfaltung zu bringen, im Sinne von: fördern, statt nur zu fordern. Oder schöner und positiver ausgedrückt: Schwächen schwächen und Stärken stärken!

Erziehung als ein Akt der Balance

Spätestens ab dem dritten Lebensjahr gibt es das absolut bedürftige, hilflose und unbeholfene Kind nicht mehr. Die einstige „physiologische Frühgeburt“ entwickelt sich so schnell weiter, dass sie zwar nach wie vor der Betreuung und Unterstützung durch die Eltern bedarf. Doch ganz so unbeholfen, wie das Kind physiologisch gesehen geboren wird, ist es nicht. Neben den genetisch bedingten Anlagen von Vater und Mutter kommt es mit einem ganz eigenen Lebensskript zur Welt. Die Aufgabe der Eltern ist es, dem Kind dabei zu helfen, die Person werden zu können als die es gemeint ist, damit es eines Tages vergleichbar einer Blume die eigenen Knospen zur schönsten Blüte entfalten kann.

Die größte Herausforderung für Eltern und erziehungsberechtigte Personen besteht wohl darin, mit viel Aufmerksamkeit, Ausdauer und Geduld das jeweils Beste aus dem jungen Menschen „hervorzulocken“, ohne es zu sehr zu gängeln oder gar fremd bestimmen zu wollen. Geschweige denn, es mit zu viel Vorschriften zu demotivieren. Tenor der Erziehung sollte vielmehr sein, in allem zu versuchen, der Individualität des Kindes gerecht zu werden und seiner Entfaltung immer mehr Freiheit und Raum zu geben. Dies verlangt von Eltern wie Erziehern sehr viel an „Fingerspitzengefühl“, wozu für mich vor allem die Beobachtungsgabe, das Einfühlungsvermögen, das Mitgefühl sowie die Empathie zählen. Zudem ist es wichtig, den jungen Menschen mit viel Liebe und Vertrauen in seine Person durch den gesamten Prozess der Entwicklung zu begleiten, egal wie anstrengend dieser manchmal ist. Zudem bleibt es die Aufgabe der Erzieher, ihm Verständnis sowie Sicherheit und Halt zu geben.

Im Hinblick auf die erzieherischen Maßnahmen ist es weder förderlich noch kindgemäß, für alle Kinder innerhalb Familie, Kindergartengruppe oder Schulklasse die absolut gleichen Erziehungsmethoden zu verwenden. Erzieher, die sich dessen bewusst sind, wie wichtig die Art ihrer Erziehung ist, achten vielmehr darauf, Kinder auch hier möglichst individuell zu begleiten. So werden sie letztlich für das Kind zu einem „Brückenbauer“ zwischen dem guten Kern, der in jedem Menschen angelegt ist, und den Rahmenbedingungen innerhalb des sozialen Gefüges der jeweiligen Institution.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Kunst einer guten Erziehung und Pädagogik besteht für mich in der individuellen Beobachtung und Begleitung des Kindes sowie in der individuellen Anpassung eines entsprechend kindgerechten Erziehungsstils. Nur so kann das Kind sich selbst kennenlernen, Vertrauen in sich und andere finden, sein eigenes Selbstbild, die eigene Identität entwickeln. In sich selbst ruhen und aus diesem Zentriertsein heraus die eigenen Fähigkeiten entdecken. Eine wesentliche Aufgabe einer gesunden Erziehung ist es daher, das Kind in erster Linie typgerecht zu begleiten und ihm dann das entsprechende Wissen zu vermitteln, damit es nach und nach sein ganzes Potenzial immer mehr zur Entfaltung bringen kann.

Wichtig ist es außerdem, das Kind im Prozess des Lernens sehr genau zu beobachten und sich jederzeit konstruktiv mit ihm auseinanderzusetzen. So gesehen bedeutet für mich Erziehung mehr „Be-zieh-ung“ als „er-zieh-en“. Das heißt: Mit all meinen Beobachtungen und Empfehlungen beziehe ich mich dabei immer und immer wieder auf das Kind. Sein Alter. Sein Temperament. Seine Herkunft. Seine derzeitige Lebenssituation. Seinen persönlichen Entwicklungs- und Lernfortschritt. Sein aktuelles Leistungsvermögen. Sein persönliches Lerntempo. Seine Bedürfnisse etc.

Und so wie jedes Kind und jeder Erzieher seine eigenen Stärken und Schwächen hat, hat auch jedes Erziehungsmodell seine ganz eigenen Stärken und Schwächen. Daher ist es unablässig, dass sich jeder von uns – egal ob Eltern, Lehrer, Erzieher – immer wieder auch einmal Gedanken über die Art seiner Erziehungsmethoden macht, um den bestmöglichen Erziehungsstil zu finden, der sowohl den eigenen Ansprüchen als Erzieher (Authentizität) als auch dem jeweiligen Kind gerecht wird.

Mit meinen Ausführungen möchte ich weder Eltern noch alle anderen mit der Erziehung betrauten Personen irritieren, sondern vielmehr aufzeigen, wie wichtig es ist, den jeweils richtigen Erziehungsstil zu finden. Dazu gehört auch die Einsicht, dass die Erziehungsmethode, die vielleicht in den letzten drei, fünf oder zehn Jahren noch gut funktioniert hat, ab einem bestimmten Alter nicht mehr länger die Methode der Wahl sein kann. Denn sowohl das Kind, sein Alter und damit auch seine Bedürfnisse haben sich im Lauf der Zeit genauso verändert wie die Bedürfnisse der Eltern und Erzieher. Ist es da verwunderlich, dass eine wirklich gute Erziehung, die auch ein In-Beziehung-Sein-mit-dem-anderen bedeutet, immer wieder mal eines Updates bedarf, um die Beziehung zwischen den beiden am Erziehungsprozess beteiligten Personen lebendig, frisch und positiv zu halten?

Folglich bedarf es vonseiten der Eltern und Erzieher im Hinblick auf die Erziehungsmethode immer wieder einmal des Mutes, den alten Erziehungsstil in Frage zu stellen oder gar über Bord zu werfen, damit wir gemeinsam mit dem Kind etwas Neues wagen. Hierbei sind für mich zum einen die Liebe zum Menschen an sich, aber auch das Interesse und das Vertrauen in das Gegenüber gefragt, um herauszufinden, was der junge Mensch im Hinblick auf seine nächsten Entwicklungsschritte wirklich braucht. Erziehung ist von daher nicht statisch. Sie kann niemals festgeschrieben sein. Erziehung kann und darf sich niemals nur der alten Erziehungsmuster und das dann auch noch über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte hinweg bedienen.

Erziehung bedarf des Interesses am Kind. Bedarf einer gewissen Neugier und Aufgeschlossenheit dafür, was sich aus diesem Kind herausentwickeln will. Bedarf eines wachen Geistes, eines guten Improvisationsvermögens und der Kreativität. Braucht aber auch viel an Humor, Lust und Freude, um gemeinsam mit der mir anvertrauten Person auf eine Reise zu gehen. Erziehung sollte niemals eine Einbahnstraße sein. Erziehung und Beziehung sind wie Geschwister im Sinne von: Ich gebe dir! – Du gibst mir!

Erziehung und Beziehung

Wo fängt Beziehung eigentlich an? – Wie steht es um unsere Beziehungsfähigkeit? – Ist Beziehung nur auf eine andere Person bezogen? – Wie sieht es mit der Beziehung zu uns selbst aus? – Ist diese Beziehung wichtig? – Wie wohlwollend, wertschätzend und liebevoll sind wir mit uns selbst? – Wie positiv wirkt sich dies auf unsere Beziehungen zu anderen aus? – Bin ich ihnen ebenfalls wohlwollend, wertschätzend und liebevoll zugewandt? – Immer? – Was, wenn nicht? – Was passiert, wenn wir unsere Beziehung zum anderen verlieren? – Warum thematisieren wir dann nicht, was uns auf der Seele und am Herzen liegt? – Warum schweigen wir lieber, statt zu sprechen? – Wer rät uns das? – Warum? – Wer flüstert uns zu, dass Schweigen die bessere, die scheinbar gesündere Alternative ist? – Stimmt das? Stimmt das wirklich, dass das Schweigen besser ist, als miteinander zu reden und die Themen zu klären, die der Klärung bedürfen? – Was können wir tun, um im Interesse aller handlungsfähig zu bleiben und in einem wertschätzenden und liebevollen Kontakt miteinander zu sein? – Was geschieht energetisch, wenn sich zwei Menschen einander nicht mehr zugewandt, respektvoll, wertschätzend und liebevoll verhalten?

Werden unsere Beziehungsmuster zueinander nie in Frage gestellt, obwohl es aufgrund bestimmter Differenzen einen berechtigten Anlass dafür gibt, legt sich mit der Zeit eine latent schwelende negative Energie über die Beziehung zwischen den betreffenden Personen. Geschieht dies öfters, verdichtet sich dieser „Beziehungsnebel“ immer mehr. Was dann geschieht, ist, dass beide – bewusst wie unbewusst – an Ereignissen festhalten, die im Kern unausgesprochen bleiben, obwohl sie dringend einer Klärung des Sachverhalts bedürften.

Waren es anfangs nur Nebelschwaden, die die Beziehung beeinträchtigten, verdichtet sich diese Energie mit der Zeit immer mehr. Schwebt letztlich wie ein Damoklesschwert über den beiden und stülpt sich irgendwann wie ein „Gefängnis“ über Person A und B. Ein Gefängnis, aus dem man glaubt, nicht mehr heraustreten zu können. Die Energien verdichten sich. Die Fronten verhärten sich. Bis irgendwann aus den Nebelschwaden, die mittels eines Gesprächs noch mit Leichtigkeit hätten entfernt werden können, eine Barriere, eine Front entsteht, hinter der sich zwar jeder der Betroffenen nur schützen möchte, die jedoch alles, was eine Beziehung noch möglich machen könnte, immer mehr in Frage stellt.

Sehen wir keine andere Lösung, als uns auf diese Art zu schützen, verschließen wir nach und nach vermehrt unser Herz. Irgendwann passiert es dann, dass die Beziehung zum anderen mehr nur noch aus der Macht der Gewohnheit heraus besteht, statt von der positiven Energie unseres Herzens motiviert zu sein. Dann versuchen wir mittels Manipulation und Kontrolle zwar alles noch irgendwie festzuhalten, was in unserer Macht steht, um die Situation nur ja noch einigermaßen annehmbar zu gestalten, doch werden unsere Gefühle dadurch nur noch mehr unterdrückt. Wir tun dies, weil wir glauben, dass wir uns nur dann sicher fühlen können, wenn wir es uns verbieten, unsere wahren Gefühle zu zeigen. So versuchen wir zu vermeiden, dass ein Konflikt entsteht.

Was wir bei alledem jedoch übersehen, ist, dass gerade durch die Unterdrückung der Gefühle und vermehrten Selbstkontrolle aus der einstigen Sympathie, Wertschätzung und Liebe eine immer größere Verschlossenheit entsteht. Nach und nach verlieren wir uns immer mehr in der Angst, die Wertschätzung und Liebe des anderen zu verlieren. Aus dieser irrealen Angst heraus blicken wir – vor allem als Kind – noch verzweifelter und ängstlicher auf das, was innerhalb der Beziehung nicht mehr funktioniert, statt zu lernen auf das zu schauen, was gelingt. Benebelt vom Schmerz einer Enttäuschung sind wir es nicht gewohnt, im Miteinander mit dem anderen auf das zu sehen, was im positiven Sinne gelingt. Schauen stattdessen nur noch wie gebannt auf das, was nicht gelingt und verlieren uns in dieser unnötigen Angst, die uns zunehmend immer mehr von der ursprünglichen Liebe trennt. Doch Angst ist das Gegenteil von Liebe. War letztgenannte einst das Fundament der Beziehung, reagieren wir jetzt aus der Angst und Unsicherheit heraus immer mehr mit den Gefühlen eines Verletztseins sowie der Enttäuschung. Je nachdem, was vorgefallen ist, unter Umständen sogar mit Verbitterung und Groll. Die negativen Energien, die nun unser weiteres Handeln bestimmen, potenzieren sich. Entsteht daraus mit der Zeit sogar Verachtung oder gar Hass, endet die Beziehung leider sehr oft im Krieg. Doch muss er wirklich so weit kommen? Heißt es nicht, der Mensch ist ein friedvolles und soziales Wesen? Was heißt „friedvoll“? Was bedeutet es, „sozial“ zu sein? – Für mich: Sich für den anderen interessieren, neugierig sein auf die Person des anderen, den Menschen an sich lieben, den Wunsch zu haben, vertrauter mit ihm zu werden, in eine lebendige gute Beziehung zu ihm zu treten, ihn kennenzulernen, seine Wesensart zu erfassen, mich ihm gegenüber respektvoll und wertschätzend zu verhalten, sich auf den anderen einlassen, mich an ihm und dem, was an Kontakt bzw. Beziehung zwischen uns möglich ist, zu erfreuen. Sozial zu sein bedeutet auch: Selbst dann, wenn ich den anderen als Person noch gar nicht wirklich kenne, ihn in meinem Leben willkommen zu heißen und ihn zu einem Miteinander (als Bekannte, als Freunde, als „Wir“, als zu einem Team zugehörig) einzuladen, anstatt in Konkurrenz zueinander zu gehen.

Man versteht vielleicht nicht immer sofort, warum der andere ist wie er ist, aber müssen wir uns deswegen bereits von ihm abwenden, das Interesse an ihm verlieren? Könnte die Andersartigkeit des anderen nicht viel mehr auch eine Einladung an uns selbst sein, uns genauer anzusehen, was uns mit dem anderen verbindet oder trennt? Ist es nicht oft so, dass der andere gerade Wesensanteile in sich vereint, vor denen wir uns scheuen, einmal genauer hinzusehen, was ihre Botschaft für uns selbst ist?

In so vielen Situationen unseres Lebens ziehen wir uns lieber in unser Schneckenhaus zurück und kommen erst wieder heraus, wenn wir glauben, dass der größte Teil des Sturmes vorbei ist, statt mutig zu sein und die entsprechende Situation dahingehend zu hinterfragen, was sie uns lehren will. Doch bleiben wir über einen längeren Zeitraum hinweg in dieser Wortlosigkeit gefangen und fassen uns kein Herz, um die Beziehungsproblematik anders und vor allem besser anzugehen, wird die Beziehung nach und nach immer mehr nur noch von der Angst und Ohnmacht bestimmt. Anstatt die bestehenden „Schwelbrände“ zu löschen und unklare Sachverhalte zu klären, wird unser Verhalten immer mehr von der Macht der Gewohnheit und somit von der Macht des Unbewussten dirigiert.

Wer mein erstes Buch gelesen hat, erinnert sich bestimmt noch daran, dass unser Verhalten nur zu fünf bis zehn Prozent durch unser Bewusstsein bestimmt wird. Die restlichen neunzig bis fünfundneunzig Prozent gehen auf das Konto unseres Unterbewusstseins. Das heißt: Da in unserem Unterbewusstsein alle – aber auch wirklich alle – Ereignisse aus diesem wie aus früheren Leben gespeichert sind, reagieren wir unbewusst schneller, als wir bis drei zählen können, auf eine auslösende Situation mit dem Erinnerungsspeicher unseres Unterbewusstseins. Und das betrifft sowohl die schönen Erinnerungen als auch die, die wir am liebsten für immer vergessen wollten.

Doch wenn das Unterbewusstsein eine Situation erst einmal so richtig „dirigiert“, dann sind wir, was unsere Gefühle angeht nicht mehr aufzuhalten und zu bremsen. Dann wird das Ganze unter Umständen sehr emotional, denn da, wo ein Gefühl eher vorübergehender Natur ist und sich diese Energie auch relativ schnell wieder entlädt, transportiert eine Emotion die ganzen Altlasten vergangener Verletzungen mit sich, was letztlich dazu führt, dass eine scheinbar einfache Situation auf einmal in einem riesengroßen Fiasko zu enden vermag.

Je nachdem, wie stark die alte, im Unterbewusstsein eingeschlossene Emotion mit dem Gefühl einer Verletzung von früher ist, bestimmt sie dann unser Verhalten. Ob uns das gefällt oder nicht. Unser Unterbewusstsein arbeitet in diesem Sinne im Auftrag unserer Seele, die der Chef-Dirigent in der ganzen Angelegenheit ist. Sie will nämlich durch diese Szenerie von Ärger, Wut und neuer Verletzung, dass wir uns endlich dessen bewusstwerden, worin das eigentliche Problem und damit auch unser Seelenschmerz besteht. Von daher konfrontiert sie uns mit einem alten Schmerz der Vergangenheit, damit wir uns endlich eingestehen, was in unserem Leben der Heilung bedarf. Mithilfe des Unterbewusstseins wird sie so lange immer und immer wieder einmal schmerzvolle Ereignisse inszenieren, bis wir uns entscheiden, das ursächliche Problem anzugehen, anstatt es ständig nur zu re-inszenieren.

Erst wenn wir uns dieser Problematik bewusst sind und uns beim nächsten Anlass bewusst entscheiden, die Art und Weise unseres Handelns einmal bewusst in Frage zu stellen, um alternative Lösungen herbeizuführen, können wir bewusst selbst den Dirigierstab in die Hand nehmen und willentlich ganz bewusst in die Szenerie eingreifen und selbst bestimmen (Selbstbestimmung), wer in unserem Spiel des Lebens weiterhin das Sagen hat. Dann erst wird es uns möglich, mit unserem bewussten Verstand, statt mit der von einer Emotion geleiteten Ratio einmal ganz anders auf den betreffenden Sachverhalt zu reagieren und all diese uralten Energien von anno dazumal wie die von heute aus ihrem Gefängnis freizusetzen und aufzulösen. Nur so ist Heilung und Transformation alter Muster wirklich möglich.

Tun wir dies nicht, haben wir noch einen weiteren sehr raffinierten dritten Mitspieler im Spiel, der sich Ego nennt. Seine Rolle ist es, uns auch weiterhin in all den alten Gewohnheitsmustern gefangen zu halten. Ganz nach dem Motto: „Es lebe das Gewohnheitsrecht!“. Oder: „So haben wir es doch schon immer gemacht. Also behalten wir dieses erlernte Verhalten bei!“, ohne darüber nachzudenken, ob es sowohl für uns selbst als auch für die anderen eine gesündere Alternative gibt.

Raffiniert, wie das Ego nun mal ist, hat es Tausende an Tricks parat, um uns wieder in unsere alten Muster und vor allem in ein weiteres Konflikt-Vermeidungsverhalten zu bringen. Soll heißen: Wir reagieren auch in dieser neuen Situation wieder einmal ganz so, wie wir es schon immer getan haben. Ist doch praktisch, oder? Alles bleibt beim Alten. Irgendwann – so glauben wir – geht auch dieser Schmerz wieder vorbei. Das mag für bestimmte Zeit auch sein, doch eines schönen Tages – das kann auch mitten in der schönsten Situation im Urlaub sein – meldet sich unser Unterbewusstsein wieder, sobald es im Hinblick auf eine neues „Konfliktspiel“ Lunte gerochen hat. Und so geht das „Spiel“ so lange weiter, bis irgendwann einem der Betroffenen irgendwann der Kragen platzt. Ein Teufelskreis ganz eigener Art, den es mit bewussten Verhaltensstrategien endlich zu durchbrechen gilt.

Solange die grundständige Problematik zwischen den beteiligten Personen jedoch nicht geklärt und aufgearbeitet wird, schwebt diese diffuse negative Energie wie eine mal mehr mal weniger große bedrohliche Gewitterwolke über den Betroffenen und verhindert, dass wir aufeinander zugehen können. Doch bleiben diese negativen Beziehungswolken über einen längeren Zeitraum in unserem Beziehungssystem, geben wir ihnen selbst die Macht über uns und beschwören die nächste Auseinandersetzung, den nächsten Kleinkrieg (innerhalb der Familie, Partnerschaften, Freundschaften oder gesellschaftlicher Systeme) herauf oder gar den Krieg im Großen, im Weltgeschehen.

Was die Person angeht, die in diesem unbewussten Verhalten gefangen ist, haben diese Beziehungswolken sogar die Macht, die Person krank zu machen (u. a. Krebs, Depression). Die ganze Palette der möglichen Erkrankungen lässt sich dann in aller Regel unter dem Begriff der Autoaggressionserkrankungen subsumieren. Autoaggression, weil hier die negative Energie nicht mehr nach außen gerichtet wird, sondern automatisch (dies auch im Sinne von unbewusst) gegen die eigene Person geht. Was so viel bedeutet wie: Ich verhalte mich anderen gegenüber aus welchen Gründen auch immer nicht mehr so, wie es meinem eignen Willen, persönlichen Werten, Zielsetzungen und Wünschen entspricht, sondern ich erlaube es den anderen (wenn auch unbewusst), dass mehr sie mein Verhalten bestimmen als ich selbst.

Warum dies so ist? Weil dieser durch eine Ursprungssituation verletzte Mensch ganz und gar bedürftig nach der Akzeptanz, der Wertschätzung und Liebe durch die anderen ist. Das Traurige an dem Ganzen ist nur, dass er bei diesem „Spiel“ den Blick auf sich selbst (seine Bedürfnisse und Wünsche) immer mehr verliert, stattdessen unter Umständen vermehrt zum Jasager wird. Anderen im Hinblick auf ihr Verhalten keine Grenzen setzt, sein verwundetes Herz immer mehr verschließt, bis eines Tages in seinem Leben die Lebensenergie sowie die Liebe überhaupt nicht mehr fließen.

Wurde vor allem in den ersten drei Lebensjahren die Liebe eines Kindes auf welche Art auch immer bitter enttäuscht, nisten sich Gefühle wie Angst, Ohnmacht, Verbitterung, tiefe Traurigkeit und Depression sowohl im Herzen als auch in der Seele ein. Mit dem traurigen Ergebnis, dass die Lebensfreude dieses Kindes nachhaltig gemindert wird, weil es ein Leben lang auf der Suche nach der Liebe ist, die diesen Schmerz auch wieder zu lindern vermag.

Das Kind wird letztlich alles Mögliche tun, um Menschen zu finden, die ihm auf Dauer etwas von ihrer Liebe geben. Ich weiß es, denn ich habe es selbst so über mehr als fünfzig Jahre hinweg erlebt. Zwar haben mir meine Eltern alles, was ihnen an Liebe, Zuwendung, Förderung etc. möglich war, gegeben, haben sich Zeit ihres Lebens angestrengt, um uns Kindern innerhalb der Familie einen sicheren Ort des Wohlseins zu geben. Doch kam ihre Liebe nicht dagegen an, dass ich sowohl diese ganzen negativen Gefühle als auch die Gefühle des Zu-kurz-gekommen-Seins, des nicht Gehört-und-nicht-Gesehen-Werdens in mir trug.

Das Verrückte daran ist: So habe ich im Grunde genommen sowohl bewusst als auch unbewusst mein ganzes Leben als einen einzigen Kampf um die Liebe angesehen. Um die Liebe und Wertschätzung meiner Person, um die ich mich betrogen sah. Kein Wunder also, dass mich der Betrug, den ich im Inneren fühlte, auch den Betrug im Außen erleben ließ. Heißt doch das Geistige Gesetz, nach dem im Universum alles funktioniert: Wie innen – so außen.

Wir ziehen uns mit unseren Gedanken und Gefühlen genau die Thematik in unser Leben, die genauer betrachtet sein will. Wie ein Gärtner nur dann von der Schönheit seiner Pflanzen profitieren kann, wenn er zuvor in seinem Garten alles Unkraut herausgerissen hat, was das zarte Pflänzchen am Wachstum hindern könnte, so haben auch wir die Aufgabe bei der Betrachtung unserer Themen, möglichst nahe an den Ursprung einer Situation heranzukommen, um zu erkennen, was genau geheilt sein will.

Alles, wovon ich hier erzähle, thematisiere ich nicht, um irgendjemanden mit seinem Verhalten negativ darzustellen. Am wenigsten meine Eltern. Sie dürfen mir glauben, dass ich gerade meinen ganzen Mut zusammennehmen muss, um offen über dies alles zu sprechen. Leicht fällt mir das nicht, Ihnen zu erzählen, was mich bereits seit fast sechzig Jahren begleitet und im Herzen bedrückt. Doch inzwischen weiß ich, wie wichtig es ist, endlich hinzuschauen auf das, was unser Miteinander beschwert. Dabei ist es letztlich nicht von Bedeutung, ob es sich um die Beziehung Mutter-Kind, um Schwierigkeiten in der Partnerschaft, mit den Kollegen, den Nachbarn etc. handelt. Zumal die letztgenannten jeweils immer nur Re-Inszenierungen des ursprünglichen Konflikts sind. Und der hat sich dann doch in aller Regel mit der Mutter als erste wichtige Bezugsperson in unserem Leben zugetragen.

Die Art von Beziehungsunfähigkeit, die ich hier thematisiere, betrifft uns im Grunde genommen alle. Doch haben wir je nach Ausgangssituation gelernt, auf verschiedenste Art und Weise damit umzugehen. Den einen fällt es leichter, miteinander in einer guten Beziehung und Kommunikation zu sein. Sie haben diesbezüglich rechtzeitig bestimmte Strategien erlernt. Anderen hingegen fällt es schwer, sich mitzuteilen. Für sie ist es ein interessantes „Erbe“, das sie als Kinder gemeinsam mit ihren Eltern angetreten haben, um ihre Beziehungsfähigkeit auf eine andere, vor allem auf eine gesündere Ebene zu bringen. Doch bevor es so weit ist, haben immer beide Betroffenen (Mutter-Kind, Partner etc.) erst einmal die eine oder andere Hürde zu nehmen, die sie voneinander trennt.

Auch wenn ich Ihnen hier von mir erzähle, ist es nicht meine Absicht, zu wehklagen. Nein. Meine Motivation ist eine ganz andere. Ich habe mich ganz bewusst dazu entschlossen, mit Ihnen diesen Teil meines Entwicklungsweges zu teilen, um Beispiel dafür zu geben, wie sich unser anerzogenes Schweigen, unser überangepasstes Verhalten, unsere Harmoniebedürftigkeit nicht auszahlen, sondern den, der sich darin verliert, immer mehr in die Krise und in die Krankheit bringt. Und das so lange, bis er entscheidet, dass es jetzt an der Zeit ist, endlich mit den alten Geschichten aufzuräumen, um im Leben wieder etwas Neues zu beginnen. Etwas Neues, Gesundes, was dann auf einer ganz anderen Beziehungsebene wachsen kann.

Viel zu sehr haben wir es von Anfang an gelernt, uns lieber brav, angepasst und harmoniebedürftig zu verhalten, statt uns verletzt und auch mal trotzig oder gar rebellisch zu zeigen. Haben es versäumt, zu unseren Gefühlen und wahren Bedürfnissen zu stehen. Haben es versäumt, offen und ehrlich mit uns selbst und den anderen zu sein und unsere wahren Wünsche auszusprechen. Stattdessen schmollen und schweigen wir lieber, statt das Gespräch zu suchen, das dringend notwendig ist, um auf eine gute und für alle annehmbare Art und Weise das zu thematisieren, was uns sowohl auf der Seele als auch am Herzen liegt.

Tun wir dies nicht, schleicht sich nach und nach immer mehr der Virus der Wortlosigkeit, der Unstimmigkeit, des Unwohlseins und der Ohnmacht bis hin zur Verzweiflung in unsere Beziehungen ein. Ich erzähle Ihnen dies, damit uns bewusstwird, dass es statt des Überangepasst seins und des Schweigens sowie einer Flucht in die Scheinwelt der Harmonie für alle, die von dieser Problematik betroffen sind, dringend etwas zu heilen gibt.

Erst, wenn wir uns – sowohl jeder für sich als auch miteinander – unsere Beziehungsprobleme ganz ehrlich, bewusst und beherzt anschauen, kann sich dieser diffuse Nebel zwischen den beteiligten Personen lichten. Nur so kann auf tieferer Ebene Heilung und damit letztlich auch Transformation geschehen. Nur in diesem Falle lässt sich etwas Neues unter besseren Vorzeichen für alle Beteiligten beginnen. Dann spielt die Musik unseres Lebens nicht weiterhin in Moll, sondern erklingt zur Freude aller auch wieder einmal in Dur.

Das soll zwar nicht heißen, dass es zwischendurch nicht doch auch immer wieder einmal Unstimmigkeiten, dissonante Klänge, rhythmische Verschiebungen, ein Aus-dem-Takt-Kommen und mitunter auch mal wieder ganze Sonaten in Moll geben wird. Ganz bestimmt nicht. So wie der Tag mal, hell mal dunkel ist, auf einen Sonnentag ein Regentag folgt (…), muss sich jeder von uns dessen bewusst sein, dass die Verantwortung dafür, auf welchen Instrumenten wir die Musik zum Film unseres Lebens spielen, ganz und gar bei uns selbst liegt.

Mit meinem ersten Buch bin ich bereits den Weg durch Krise und Krankheit gegangen, um bewusst zu machen, wie unser ganzes System (Körper, Geist und Seele) immer mehr in sich zusammenbricht, wenn wir nicht frühzeitig genug bereit sind, etwas nachhaltig zu unserem Besseren zu unternehmen. Es dauerte seine Zeit, bis ich erkennen sollte, dass die ganzen Geschichten vom Ur-Schmerz eines frühkindlichen Traumas über sich ungeliebt und nicht ausreichend gesehen, gehört und wertgeschätzt zu fühlen, über diverse Krankheiten bis hin zu Trennung und Betrug mir nur aus dem Grund passiert sind, damit ich endlich lerne, welche Rolle meine Harmoniesucht und Sprachlosigkeit bei dem Ganzen spielt.

Da, wo ich aus der Angst heraus, dass ich die Liebe meines Gegenübers verlieren könnte, das Sprechen über bestimmte Sachverhalte nicht gelernt hatte, gilt es jetzt endlich aufzuräumen mit den alten Geschichten. Jedoch nicht in dem Sinne, dass ich hier jemandem etwas vorwerfe und damit mein Gegenüber an einen Pranger stelle. Das ist definitiv nicht der Fall. Ich suche keinen Streit und im Hinblick auf meine Schattenseiten genüge ich mir selbst. Dennoch fühle ich mich insofern der Wahrheit verpflichtet, dass bestimmte Dinge einfach benannt werden müssen, denn sonst wird der Sachverhalt an sich nicht transparent. Meine Geschichte dient vielmehr dem Zweck, dass die Leser, die sich durch mein Beispiel auch persönlich angesprochen fühlen, sich leichter tun, die entsprechenden Hintergründe hinter ihrer eigenen Thematik besser zu verstehen.

Über systemische Aufstellungen und meine Gespräche mit Gott ist mir nach und nach immer mehr klar geworden, was mich unbewusst wirklich von meiner Mutter trennt. Doch das Interessante daran ist: In vielerlei Hinsicht sind wir uns so ähnlich, dass es genau diese Ähnlichkeit ist, die uns zum Verhängnis wird, denn jeder von uns hält dem anderen – ganz egal, ob wir dies wollen oder nicht – immer und immer wieder einen Spiegel vor. Jedoch sich selbst im Spiegelbild des anderen anzusehen und dann noch mit all diesen Anteilen zu sich selbst zu stehen, erfordert Mut.

Mut, den ich leider über Jahrzehnte hinweg nicht aufgebracht hatte. So hat mich mein körperlicher Zusammenbruch und meine Krise auf ihre ganz eigene Art und Weise aufgefordert, mir doch endlich einmal dieses Spiegelbild näher anzusehen. Mich mit ihm auszusöhnen, um so nach und nach meinen Frieden in mir zu finden. Denn nur wenn ich im Frieden mit mir selbst bin, kann ich auch im Außen ein friedliches Miteinander erwarten. Und erst, wenn ich sowohl im Frieden mit mir selbst und dem anderen bin, kann ich damit beginnen, die Trennwände, die ich zum Schutz vor Verletzung um mein Herz aufgebaut hatte, wieder einzureißen. Kann wieder lernen, stattdessen ins Vertrauen zu gehen. Mein Herz wieder für die Liebe öffnen und mich voll und ganz dem Fluss des Lebens anvertrauen.

Was für Sie, liebe Leserinnen und Leser, im Hinblick auf mein Leben vielleicht von Interesse sein kann, ist, dass ich erst seit meinem 57. Lebensjahr weiß, dass ich zum Personenkreis der Empathischen und der Hochsensitiven gehöre. Das war bis dahin weder mir noch meiner Familie bekannt. Erklärt mir aber im Nachhinein sehr viel, warum ich zum einen so viele Dinge ganz anders wahrnehme als sie und mich oft auch ganz anders verhalte als der Rest der Familie. Bzw. um ganz genau zu sein, muss ich sagen: Ich erlebe vieles anders. Ich fühle anders. Ich denke anders. Ich reagiere demzufolge auch anders, was letztlich dann aber auch wiederum dazu führt, dass mir mitunter ganz andere Werte wichtig sind.

Bleiben all diese Dinge unausgesprochen – weil unbekannt –, kann auch dies zu Zerwürfnissen mit den anderen führen. Das ist dann wie bei zwei Radios, die man zwar gerne auf die gleiche Frequenz einstellen wollte, doch da beide Radios von unterschiedlichen Anbietern sind, gibt es diverse Feinheiten im System, die es schwierig, wenn nicht sogar unmöglich machen, beide Geräte auf den gleichen Empfang zu bringen.

Inzwischen habe ich dazugelernt und weiß nun zum Glück, warum ich mich immer und immer wieder so anders gefühlt habe, als ich den Rest der Familie in ihrem Zusammensein wahrgenommen habe. Jetzt kann ich lernen, viel bewusster mit dem Ganzen umzugehen und diese feinen Unterschiede auch mit den anderen dahingehend zu kommunizieren, dass ich ausspreche, wie ich eine bestimmte Sache erlebe bzw. wie ich mich mit diesem Erleben fühle. Kann so dann auch besser erkennen, was ich wirklich brauche und auch dies die andern wissen lassen. So kann aus anfänglicher Distanz nach und nach dann auch wieder ein Raum für eine neue Art an Begegnung und Miteinander entstehen. Setzt natürlich das Interesse aller Beteiligten an der Thematik eines gelingenden Miteinanders und der Hochsensitivität voraus.

Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang noch auf ein Thema eingehen, das ich mit Blick auf Schule und familiäre Erziehung sehr oft erlebt habe. Meine eigene Geschichte mit der Sensibilität hat mich inzwischen gelehrt, wie wichtig es ist, dass wir uns bewusst darüber werden, dass wir als Wesen vollkommen einzigartig sind. So wie kein Ei dem anderen gleicht, gleichen sich auch nicht die Geschwister. Selbst im Tierreich ist dies zu beobachten. Schauen Sie sich nur einmal die Entenbabys an, wenn sie ihrer Mutter nachschwimmen. Schwimmen alle in Reih und Glied? Nein! Ganz bestimmt nicht. Auch hier gibt es neben den Vorwitzigen und Forschen genauso den Verträumten oder gar das Sensibelchen.

Was aber passiert, wenn die Kinder innerhalb der Erziehung vollkommen gleichgeschaltet werden, statt dass auf die Individualität jedes Einzelnen besser eingegangen wird? Ich denke, dass sowohl für die Eltern als auch für die Pädagogen die größte Herausforderung für die Erziehung in der Einzigartigkeit des einzelnen Kindes liegt. Sind sich die Erzieher dessen nicht bewusst und gehen sie von daher zu wenig individuell auf das Kind, seine Andersartigkeit und seine grundlegenden Bedürfnisse ein, wird das Kind immer das Gefühl haben, dass bestimmte Rechte seiner Persönlichkeit nicht beachtet bzw. verletzt worden sind. Was liegt dem folglich näher, als dass das Kind gegen seine Erzieher mit der Zeit immer mehr aufbegehrt, weil es seine Motivation ist, seine Einzigartigkeit zu zeigen. Ist es dem Kind zu verdenken, dass es gesehen, gehört und verstanden werden will?

Merkt das Kind, dass es auf die Art und Weise, wie es sich verhält, die Zuwendung und Liebe seines Gegenübers verliert, reagieren die einen Kinder auf diesen Verlustschmerz damit, dass sie unter Umständen noch mehr aufbegehren, um dem Erwachsenen die Stirn zu bieten, weil sie wahrgenommen werden wollen. Ein Kind, das von Natur aus jedoch empfindsamer und sensibler ist, geht nicht in die Extroversion, sondern zieht sich immer mehr in sich selbst zurück (Introversion).

Um ja die Liebe, Aufmerksamkeit und Zuwendung der Eltern bzw. der Erzieher nicht zu verlieren, fühlt es sich unter Umständen – sofern es keine passenderen Alternativen kennt – veranlasst, gegen sich selbst, sein eigenes Temperament, die eigenen Bedürfnisse zu handeln, um nur ja durch Anpassung an das, was die zu Erziehenden von ihm fordern, zu einem bestimmten Maße ebenfalls wahrgenommen zu werden.

Egal, ob ein Kind extrovertiert oder introvertiert reagiert, in beiden Fällen ist es wichtig, das Kind mit seinen Gefühlen nicht allein zu lassen, sondern sich gemeinsam die Zeit zu nehmen, um sich anzuschauen, was hier genau passiert. Wir können und dürfen die Kinder mit unserem Erziehungsstil nicht über einen Kamm scheren. Es ist wichtiger denn je, die Kinder nicht durch überholte Regeln der Erziehung zu „uniformieren“, sondern sie gemäß ihrem persönlichen Naturell zu begleiten und auf ihre individuellen Bedürfnisse einzugehen, damit sie sich später zu einem autonomen (selbstbestimmten) Menschen entwickeln können.

Dabei haben wir uns immer den ganzen Menschen anzuschauen (holistisches Prinzip), um seiner Wesensart gerecht zu werden. Je besser wir uns als Erzieher seiner ganz persönlichen Geschichte bewusst sind, kann durch individuelle Begleitung aus Erziehung letztlich eine gesunde Beziehung werden. Und ich verspreche Ihnen: Das Ergebnis tut letztlich allen gemeinsam gut.

In meinem ersten Buch gehe ich ausführlicher auf die Problematik ein, wie unsere Eltern als Kinder selbst aufgewachsen sind, denn wir dürfen nicht vergessen, dass auch sie nur das weitergeben und vermitteln können, was ihnen selbst an Positivem widerfahren ist.

Denken wir an unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern, wird ihre Kindheit und Jugend sehr stark vom Ersten und Zweiten Weltkrieg überschattet. Einer Zeit, in der Worte wie Autonomie, Individualität etc. unter Garantie nicht die Gesprächsthemen der Eltern und anderer Erzieher waren. Hier wurde mehr nach dem Prinzip einer „Uniformierung“ (Gleichmacherei) erzogen, um den persönlichen Willen des Einzelnen zu brechen und alle möglichst auf eine Linie einzuschwören. Hier wurde auf die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen weder Rücksicht genommen, noch hatten die Eltern Zeit für persönliche Zuwendung und Liebe. Ihre Sorgen und Probleme waren andere. Die Erziehung basierte vielmehr auf Methoden wie angsteinflößende Autorität, Kontrolle und Machtmissbrauch etc.

Ist es da verwunderlich, wenn unsere Eltern sowie auch ihre Eltern ganz andere Werte und Erziehungsziele verfolgten, als wir uns dies heute wünschen? Wer waren ihre Rollenvorbilder im Hinblick auf einen guten Erziehungsstil? Was haben sie dadurch gelernt?

Mit dem Wissen darum, dass 90 Prozent unseres Verhaltes unbewusster Natur sind, lässt es sich entschuldigen, dass sie aufgrund der Macht ihres Unterbewusstseins überwiegend nur die Methoden der Erziehung anwandten, nach denen sie selbst erzogen worden waren, denn sie kannten es ja nicht anders. Wen wundert es also, wenn Worte wie Strenge, Gehorsam, Disziplin, Pflichterfüllung usw. eine ganz andere Sprache sprechen als die Worte von Individualität, Selbstbestimmung, Einzigartigkeit oder gar Liebe. Und dies auch in Form von Liebe und Verbundenheit mit sich selbst.

Natürlich könnten wir jetzt dagegenhalten, uns verbünden und sagen: „Es wäre ihre Pflicht gewesen, dass …“ – doch ehrlich gesagt, was haben wir davon? – Wollen wir wirklich so weitermachen? Ein Vorwurf jagt den anderen. Wem ist damit gedient? Nichts als Schlagabtausch, Konflikt und Reiberei – bis in alle Ewigkeit?

Mir ist es wichtig, endlich aufzuräumen mit diesem ewigen Hin und Her von Zuweisungen an Schuld. Vergangen ist vergangen. Wir können nichts ungeschehen machen. Das Einzige, was zählt, ist ein versöhnliches Gespräch. Und dies gilt es nicht von Kopf zu Kopf, sondern von Herz zu Herz miteinander zu führen. Wir müssen deswegen nicht jeden einzelnen Sachverhalt drehen und wenden und so lange zerpflücken, bis jeder von uns ermattet ist und sich ungut fühlt. Das bringt zwei Personen, die nicht gleicher Meinung sind, nicht weiter. Das lässt nur weitere Disharmonie entstehen. Das, was zielführender ist, ist die Frage: „Was ist wann passiert, dass unsere Beziehung ist, wie sie ist? Können wir uns diese Situation bitte anschauen und offen darüber reden?“

Schluss mit den gegenseitigen Schuldzuweisungen von Generation zu Generation. Sie heizen die Stimmung immer nur von vorne auf, bringen aber weder den Einzelnen noch die Beziehung zueinander weiter. Wenn wir wirklich an der Heilung unserer Beziehungen interessiert sind, hilft nur ein versöhnliches Gespräch.

Dafür müssen wir die alten Geschichten der Vergangenheit nicht wieder ausgraben und uns für jede einzelne Handlungsweise rechtfertigen und verteidigen. Auch diese Art von Kommunikation wäre einer Versöhnung alles andere als zuträglich. Das Einzige, was wir zur Lösung des grundständigen Konfliktes brauchen, ist es, den anderen wissen zu lassen: „Diese Situation von damals war für mich als Kind unendlich schwer. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als so zu reagieren, wie ich es getan habe. Erst mit dem Wissen von heute ist mir bewusst, dass ich noch ganz andere Möglichkeiten habe, um mich angemessener zu verhalten. Es tut mir leid, dass dieses Verhalten unsere Beziehung so lange getrübt hat. Bitte vergib mir, was ich dir bewusst wie unbewusst damit angetan habe. Lass uns beide die alten Geschichten vergessen und stattdessen unsere Beziehung neu beginnen.“

Das, was im Grunde genommen wichtig ist, um die negative Energie aufzulösen, ist allein der Mut, sich das Herz zu fassen, um dem Gegenüber die Hand zu reichen und gemeinsam Worte der Versöhnung zu sprechen.

Wenn jeder von uns einsieht, dass wir nicht hier sind, um ein völlig fehlerfreies Leben zu leben, in dem Schwierigkeiten und Probleme nicht passieren dürfen, werden wir versöhnlicher und mitfühlender sowohl mit dem anderen als auch mit uns selbst. Die Erkenntnis, dass wir nicht hier sind, um alles perfekt zu machen, entspannt ungemein.

Und das Wissen darum, dass wir einzig und allein hier sind, um bestimmte Erfahrungen zu machen und dabei das meiste aus unseren Fehlern lernen, hilft uns, beim nächsten Mal gleich von Anfang an nach besseren Lösungen für alle Beteiligten zu suchen und dabei stets lösungsorientiert zu denken. Mehr verlangt das Leben nicht von uns. Vergebung kann entstehen, sobald wir dies verstehen. Und dann können wir wieder gemeinsam neue Wege gehen.

Lösen wir diese Probleme zwischen Mutter und Kind nicht in diesem Leben, so nehmen wir diese „unerledigt gebliebene Hausaufgabe“ wieder mit in unser nächstes Leben. Das geht so lange so weiter, bis wir endlich den Mut fassen, uns die wahren Probleme im zwischenmenschlichen Bereich genauer anzusehen, als uns mit irgendwelchen Problemen anderer im Außen zu beschäftigen, nur um die eigenen Hausaufgaben nicht machen zu müssen.

Inzwischen weiß ich, dass ich das Thema mit meiner Mutter nicht erst seit diesem Leben habe. Wir beide re-inszenieren dieses „Spiel“ schon seit mehreren Leben. Da es aber nicht wirklich lustig ist, von Leben zu Leben diese noch immer ungelöste Hausaufgabe mit sich zu tragen, habe ich ein großes Interesse daran, sie in diesem Leben zu lösen. Ich kann mir vorstellen, dass es meiner Mutter in dieser Hinsicht genauso geht. Ansonsten sehen wir uns in einem anderen Leben erneut vor diese Aufgabe gestellt, was sich dann Karma nennt.

Von daher lieber überlegt: Was brauchen wir für den nächsten Schritt? Verbundenheit, Offenheit, Verständnis, Mitgefühl, Empathie. Die Bereitschaft, die Emotionen, Gedanken sowie die Wesensart des anderen anzuerkennen und zu verstehen. Das gegenseitige Vertrauen und ein Sich-Einlassen auf den anderen sowie die Bereitschaft zur Vergebung, damit ein Gespräch auf gleicher Augenhöhe überhaupt stattfinden kann.

Sie fragen sich jetzt vielleicht, warum meine Mutter und ich das Gespräch bis jetzt noch nicht geführt haben. Eine durchaus berechtigte Frage. Hier meine Antwort: Alles, worüber ich heute schreibe, das hätte ich Ihnen vor einem Jahr so noch nicht sagen können, weil ich für mich selbst erst durch die Schule des Schmerzes, der Krise und der Welt meiner Schatten zu gehen hatte, um zu verstehen, wie die Dinge in Wahrheit zueinander in Beziehung stehen. Erst jetzt fügen sich für mich die einzelnen Bausteine – vergleichbar einem Puzzle – immer mehr zusammen. Ich muss nicht mehr ständig nach dem Sinn in alledem fragen, sondern der Sinn zeigt sich mir. Ich bedarf der Frage nicht mehr: Macht mein Leben überhaupt Sinn? Indem ich mich mithilfe meiner Bücher und der Gespräche mit Gott durch mein bisheriges Lebensskript gecoacht habe, gebe ich inzwischen meinem Leben selbst einen Sinn. Soll heißen: Ich warte nicht mehr, bis mir ein anderer sagt, was ich zu tun oder zu unterlassen habe, sondern ich packe mein Leben an. Übernehme damit auch die Verantwortung für alles, was war und ist. Suche den Schuldigen nicht länger im Außen, sondern frage mich: Woher kommt es, dass du durch dies alles genau so gehen solltest, wie es war? Wozu bedurfte es all dieser Erfahrungen, egal welcher Art?

Ich lehne es nicht mehr länger ab, dass ich durch diese ganzen Krisen zu gehen hatte, um heute genau die Person zu sein, die ich inzwischen bin. Im Mai des Jahres 2016, als ich für mich sozusagen „das Ende meiner Fahnenstange erreicht“ hatte, wehrte sich alles in mir gegen die Krise, den Zusammenbruch, die Diagnosen und meine persönliche Situation. Wie ein verletzter Stier sah ich nur noch ROT. Inzwischen habe ich gelernt, wie ein Torero den Stier bei seinen Hörnern zu packen und ihn in die Richtung zu führen, in die ICH gehen will. Früher war das bei mir nicht immer so, doch war ich mir dessen nicht wirklich bewusst. Bis zu meinem 55. Lebensjahr war mir nicht klar, dass ich zwar irgendwie lebe, aber irgendwie auch wiederum nicht bzw. mich viel zu sehr leben lasse. Woher das kam? – Dazu fällt mir ein sehr schönes Gedicht des hinduistischen Mönchs und Gelehrten Swami Vivekananda5 ein.

Mein Weg

Wir sollten niemals versuchen,

dem Weg eines anderen zu folgen,

denn es ist sein Weg und nicht der unsrige.

Hast du erst deinen Weg gefunden,

brauchst du nichts weiter zu tun,

als die Hände in den Schoß zu legen

und dich von der Flutwelle

zur Befreiung tragen zu lassen.

Hast du ihn also gefunden,

so entferne dich niemals wieder von ihm.

Dein Weg ist der Beste für dich,

aber er ist nicht unbedingt der Beste für andere.

Erst, nachdem ich sowohl in der Partnerschaft als auch im Beruf, den ich letztlich aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben habe, meinen Halt verloren hatte und nicht mehr länger Verstecken spielen konnte, fiel mir auf, dass ich über diese ersten fünfundfünfzig Jahre hinweg gar nicht wirklich in Beziehung mit mir selbst war. Ich kannte weder meine Bedürfnisse noch Wünsche. Fühlte mich stattdessen eher wie ein Pingpongball, der mal in die eine und dann wieder in die andere Richtung flog. Doch wenn ich nur der Ball bin in diesem Spiel, wer bitte sind dann die, die mit mir derart spielen?

An manchen Tagen kam ich mir vor, als gebe es mich zwar. Irgendwie aber auch wieder nicht. Ein ziemlich seltsames und eigenartiges Gefühl. Manchmal dachte ich: Ich muss auf einem anderen Planeten geboren worden sein. Das, was das Menschsein ausmacht, das liegt mir nicht.

Bereits mit Beginn der Pubertät spürte ich, dass ich keinen so richtigen Bezug zu meinem Körper hatte. Vor allem keinen liebevollen. All das, was während dieser Zeit mit mir geschah, sah ich mir mit ziemlich kritischen Augen an. Im Grunde genommen war ich heillos überfordert mit meiner persönlichen Entwicklung vom Kind zur jungen Frau. Habe mein Frausein sogar richtiggehend abgelehnt und schaute mit einem neidvollen Blick auf meinen Bruder, der es meiner Meinung nach als Mann bestimmt einmal bedeutend leichter haben wird als ich, das Mädchen. Im Hinblick auf meine Rolle als Frau stellte ich mir Fragen wie: Was fängt Frau denn eigentlich mit sich an, wenn es kein Gegenüber gibt, für das man – in welcher Art auch immer – sorgen kann? Zeit meines Lebens tat ich mich schwer, mich als Frau so richtig wohlzufühlen. Geschweige denn zu meinem Körper eine positive Beziehung aufzubauen.

Was blieb meinem Körper folglich anderes übrig, als mir immer mehr mit den entsprechenden Symptomen eine Antwort zu geben. Das Problem ist nur, dass ich nie gelernt hatte, die Sprache meines Körpers zu verstehen. Auch in dieser Hinsicht sollte ich als Frau erst in eine für mich sehr belastende gesundheitliche Situation gebracht werden, um endlich die Sprache meines Körpers besser zu studieren. Doch für die Zeit dazwischen muss ich leider zugeben, dass es mir derart an Wertschätzung meiner eigenen Person fehlte, dass ich mich trotz diverser Symptome viel zu wenig nachhaltig um meine Gesundheit kümmerte. Was ich stattdessen gelernt hatte, war, dass dieser Körper eine Art von Maschine ist, die man einfach so lange bedient, solange sie eben funktioniert.

Auch mein Geist funktionierte ziemlich ähnlich. Schenkte ich ihm Ruhe, plapperten da unentwegt dieser innere Kritiker und seine Gesellen, sodass ich mich ehrlich gesagt nur wohlfühlte, wenn ich ihm Arbeit gab. Arbeit war das Einzige, womit ich ihn zähmen, bändigen und disziplinieren konnte, damit er nicht ständig aus der Reihe tanzte und mich zusätzlich stresste, indem er mir Denkaufgaben gab, die mir damals noch zuwider waren.

Wie es wirklich um mich stand, erkannte ich erst, als ich nach der ganzen Krise, dem Chaos und der Diagnose von Burnout, Depression und Posttraumatischer Belastungsstörung plus diversen anderen Begleiterkrankungen völlig verzweifelt und allein in meiner damaligen Wohnung saß und mich fragte: Was fängt Frau jetzt mit diesem Häufchen Elend aus Haut und Knochen an, das sich derart in diesen kompletten Ausnahmezustand gewirtschaftet hat?

Die Lösung kam erst nach und nach in Sicht, nachdem ich den Beschluss gefasst hatte: Okay, dich derart selbst zu zerstören, war keine wirklich gute Idee. Das Universum will dich noch nicht zurück. Du hast deine Lebensaufgabe noch nicht vollbracht. Doch was ist deine Aufgabe? Was ist deine Mission? – Was, wenn sich das Ganze genauso zutragen sollte, damit du endlich aufwachst und erkennst, was du der Welt wirklich zu geben hast. Es muss doch irgendeinen tieferen Sinn geben, warum dir das alles so passiert. Das kommt doch nicht einfach von ungefähr. Zufälle gibt es nicht. Heißt es nicht vielmehr, wir werden geführt?

Das war dann der Punkt, als ich beschloss: Wenn ich schon so in diese ganze Situation hineingeführt werde, weil ich Wichtiges zu lernen habe, dann bitte, liebes Universum, lieber Gott, dann lass mich doch bitte auch wissen, worum es bei alledem denn überhaupt geht. Mit welcher Absicht sitze ich hier und stehe dem Ganzen ziemlich ohnmächtig und hilflos gegenüber? – BITTE, HILF MIR!

Was für eine Überraschung! – Kaum hatte ich diese drei Worte ausgesprochen, war Gottes Antwort auch schon da. Zunächst war ich ganz baff und staunte nur noch darüber, wie mir gerade geschah. Dann hörte ich:

Lektion 1: „ENDLICH!!! – Lerne bitte endlich um Hilfe zu bitten und diese auch anzunehmen. Du musst nicht immer alles allein machen. Lerne nicht nur zu geben, sondern auch zu empfangen. Du bist nicht mehr im Gleichgewicht. Du hast die Balance in deinem Leben vollkommen verloren, weil du immer mehr gegeben als empfangen hast.“

Lektion 2: „Warum glaubst du überhaupt, immer alles allein machen zu müssen? Spüre nach, was du brauchst und sage es mir. Ich höre dir zu. Du musst nicht den ganzen Weg auf einmal kennen. Es reicht, wenn du jeweils um den nächsten Schritt weißt. Gib die Kontrolle auf. Lass dich stattdessen führen. Alles kommt genau zur rechten Zeit in dein Leben. Du wirst es sehen.“

Lektion 3: „Du glaubst, du hast Fehler gemacht, doch in Wahrheit ist dem nicht so. Das Wort „Fehler“ ist von Menschen gemacht. Ihr verbringt so viel kostbare Zeit damit, kritisch auf andere zu schauen. Erlaubt euch sowohl ihren Wesenskern als auch ihr Handeln zu beurteilen. In spiritueller Hinsicht gibt es keine Fehler. Hast du vergessen, dass du unbedingt zur Erde reisen wolltest, um Erfahrungen zu machen, die du nur als Mensch machen kannst? Erinnere dich!“

Lektion 4: „Nichts ist in Wirklichkeit so, wie es sich dir in diesem Augenblick zeigt. Hinter allem liegt ein viel, viel tieferer Sinn. Um diesen musst du jetzt nicht wissen. Es wird aber eine Zeit kommen, dann verstehst du besser, was ich dir hiermit sagen will. Vertraue mir!“

Lektion 5: „Was zeigt sich dir, wenn du dir die Beziehung zu dir selbst einmal anschaust? Sieh genau hin und lerne daraus, was du anders machen kannst!“

Lektion 6: „Sei mutig genug, trotz allem weiterzugehen. Hab Vertrauen und lerne an Wunder zu glauben. Wenn du dies tust, dann können wahre Wunder auch wirklich geschehen.“

Da saß ich nun – mit einer solchen Antwort hatte ich im Leben nicht gerechnet. Doch heißt es nicht: Gott zeigt sich uns genau dann, wenn wir uns verloren und am Ende glauben, um uns wissen zu lassen „Ich werde dich nie verlassen und dich nicht im Stich lassen“ (Gott in Hebräer 13:5).

In diesem Moment waren Gottes Worte wie eine Umarmung für mich. Und so, wie ich mich in seinen Worten geborgen fühlen durfte und damit wieder etwas an Zuversicht gewann, erinnerte ich mich noch zweier wunderschöner Gedichte, die ich Ihnen nicht vorenthalten will: Das bekanntere von beiden ist wohl das Herbstgedicht von Rainer Maria Rilke6.

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,

Als welkten in den Himmeln ferne Gärten;

Sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

Aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

Unendlich sanft in seinen Händen hält.

Das zweite Gedicht stammt von dem evangelischen Priester

Arno Pötzsch7. Ich finde es ebenfalls wunderschön!

Unverloren

Du kannst nicht tiefer fallen

als nur in Gottes Hand,

die er zum Heil uns allen

barmherzig ausgespannt.

Es münden alle Pfade

durch Schicksal, Schuld und Tod

doch ein in Gottes Gnade

trotz aller unsrer Not.

Wir sind von Gott umgeben

auch hier in Raum und Zeit

und werden in ihm leben

und sein in Ewigkeit.

„Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand …“ – Was ich mit Gottes Hilfe als Erstes lernen konnte, war, zunächst einmal sowohl seine Hilfe als auch die anderer anzunehmen. In meinem Buch Meine Seele will endlich fliegen. Raus aus der Ohnmacht – rein in die Schöpferkraft! erzähle ich mehr darüber.

Auch über die Lektion 5 (Selbstliebe!), die mir Gott als Aufgabe dringend ans Herz gelegt hatte, schreibe ich bereits in diesem ersten Buch. Doch was ich im Hinblick auf die Thematik der Beziehung zu mir selbst erkennen musste, war alles andere als schön. Bestätigte es mir doch: Ich habe ja tatsächlich keine wirkliche Beziehung zu mir. Ich funktioniere. Ja – aber was mich wirklich ausmacht, was mich begeistert, was mich motiviert, worin meine Fähigkeiten liegen, was ich mir von mir selbst und von meinem Leben wünsche, ich wusste es nicht.

Nun, aufgrund all der Vorkommnisse der letzten Jahre (2008–2016) war ich nicht gerade wirklich gut auf mich selbst zu sprechen. Ganz im Gegenteil. Da hagelte es so richtig Vorwürfe, die ich Ihnen lieber nicht erzähle. Doch wie bitte sollte ich denn überhaupt eine gute Beziehung mit anderen Menschen führen, wenn ich mich selbst nicht zu achten und wertzuschätzen weiß, geschweige denn zu lieben verstehe? Eine äußerst interessante Frage, über die nachzudenken durchaus lohnenswert ist, vor allem dann, wenn wir uns selbst besser kennenlernen wollen.

In Summe war ich fürs Erste über all meine Erfahrungen und Erkenntnisse nur noch entsetzt. Brach immer und immer wieder nur noch in Tränen darüber aus, dass ich mich für so vieles interessieren konnte, aber nicht wirklich für mich. Trotz Schule, Studium, Beruf und sozialer Kontakte (Familie, Freunde, Partner, Kollegen) lernte ich es nicht, in einer wirklich guten Beziehung zu mir selbst zu sein. Ich wusste einfach nicht, woran ich mich hätte orientieren können. War mir selbst mehr als fremd.

Schon damals wie auch heute frage ich mich: Warum wird uns in der Schule eigentlich nicht beigebracht, wie das Leben wirklich funktioniert? Stattdessen gilt es jede Menge zu lernen, was ich später einmal so nie mehr gebrauchen werde. Warum ist das so? Was beabsichtigt man damit? Wem dient es, dass wir im Hinblick auf das wahre Leben in die Unmündigkeit, die Naivität und Unselbstständigkeit hinein erzogen werden? Warum werden wir nur geliebt, wenn wir ganz im Interesse unserer Eltern, Lehrer und der Gesellschaft funktionieren und brav sind? Warum droht uns von klein an ansonsten dieser Liebesentzug?

Insgeheim hatte ich mir mein Leben lang erhofft, neben den Antworten auf meine bislang unbeantworteten Fragen sowie auch durch Ausbildung, Beruf und das Miteinander mit anderen die Wertschätzung, den Respekt und die Liebe zu erhalten, die ich mir als Kind so sehr erhofft hatte, die ich mir selbst aber nicht zu geben vermochte. Heute weiß ich, dass mir die anderen niemals das geben können, was ich mir selbst zu geben habe. Ich kann und darf die anderen für nichts verantwortlich machen. Weder dass es mir gutgeht, noch dass ich glücklich bin, noch dass ich in einer guten Beziehung sowohl zu mir selbst als auch zu anderen bin. Heute weiß ich, dass ich für alles, was ich mir erwarte, erhoffe und erträume selbst die Verantwortung habe. Meine Erwartungshaltung an das Leben kann ich nicht anderen in die Schuhe schieben. Wenn ich etwas will, dann liegt es an mir, mein Bestes zu geben, um mir selbst diesen Wunsch zu erfüllen.

Was ich in den letzten Jahren sonst noch zu lernen hatte, war, mir endlich darüber bewusst zu werden, was denn eigentlich meine Wünsche, Bedürfnisse und Ziele sowohl für mich selbst als auch an mein Leben sind. Und was für mich eine ziemlich große Herausforderung war, war, mich selbst mit all meinen Gefühlen, Stimmungen etc. aushalten zu lernen. Dafür war es sehr wichtig für mich, mich von der Welt im Außen gänzlich loszusagen. Mir keine Ablenkung mehr zu suchen, sondern nur noch für mich selbst zu sein. Ganz und gar nur noch meinem Wohlergehen verpflichtet zu sein und dabei zu lernen, bestmöglich für mich selbst zu sorgen, anstatt darauf zu warten, dass es irgendwann in meinem Leben wieder einmal ein freundliches und liebevolles Gegenüber gibt.

Heute weiß ich, wie wichtig es ist, dass wir lernen, nicht als der nach Liebe bedürftige Mensch in eine Beziehung hineinzugehen, denn das Risiko ist viel zu groß, dass wir uns mit unserer eigenen Bedürftigkeit genau den Partner erwählen, der das gleiche Thema wie wir selbst hat. Was letztlich dann aber wieder zu einer ungünstigen Form von Abhängigkeit vom anderen führt, die mit der wahren Liebe nichts zu tun hat, sondern bestenfalls einem Handel gleicht im Sinne von: Gibst du mir, gebe ich dir! – Dieses Spiel mag eine Zeitlang ganz abwechslungsreich und interessant sein, „ernährt“ im Hinblick auf die Liebe aber beide Partner nicht, sondern führt nur in die Co-Abhängigkeit.

Was mir half, die ganzen Dinge, die im Außen geschehen waren, so zu sortieren, dass ich verstehen lernte, warum ich mich überhaupt in dieser ganzen Thematik von Beziehungslosigkeit zu mir selbst und zu den anderen verloren hatte, war das Schreiben. Es ermöglichte mir in die Auseinandersetzung mit meiner Diagnose und hier vor allem mit der posttraumatischen Belastungsstörung zu gehen. Zwar habe ich mich lange gefragt, warum ich ein Trauma haben sollte. Es hat seine Zeit gedauert, bis ich verstanden habe, dass meine Hochsensibilität wie auch meine extreme Bedürftigkeit nach Liebe unter anderem in meinem frühkindlichen Trauma begründet lagen. Erst nach und nach zeigte sich mir, wie dieses Symbiosetrauma von klein auf mein Wegbegleiter war.

Dank der Hilfe Gottes, zu dem ich über die letzten Jahre hinweg ein sehr inniges väterliches Verhältnis aufbauen konnte, konnte ich mir Schritt für Schritt meine Geschichten des Verletztseins, der Aggression und Wut anschauen, bis hin zu meiner sehr eigenen Art von Selbstzerstörung. Und auch wenn diese Geschichten alles andere als rühmlich sind, sollten sie mich allesamt lehren, dass ich mich bereits von frühester Kindheit an jeweils um die schönste Sache der Welt, die Liebe, betrogen sah.

Warum ich mir letztlich dann noch diesen finanziellen Betrug quasi als i-Tüpferl auf den eh schon vorhandenen ganzen Schmerz oben draufsetzen sollte, hat – ich erwähne es nur kurz – karmischen Ursprung. Also eine alte Geschichte, die ich in diesem Leben aufzulösen hatte.

Wenn ich mir insgesamt die Geschichte des Betruges in meinem Leben anschaue und sie in ihre einzelnen Bausteine zerlege, dann gibt es dieses frühkindliche Trauma, durch das ich mich gleich in doppelter Hinsicht betrogen fühlte, weil ich damit sowohl den Kontakt zu meiner Mutter und zu meinem Bruder verlor. Und aufgrund der Tatsache, dass ich für mich als Baby wie auch später als Kind keine Alternative sah, als auf diesen frühkindlichen Verlust mit dem Gefühl des Betrogenwordenseins zu reagieren, vermochte ich es nicht wirklich in den Schoß meiner Mutter zurückzufinden, um mich dort geborgen und geliebt zu fühlen.

Auch wenn ich heute davon überzeugt bin, dass sie mir alles an Liebe gegeben hat, was sie mir zu geben vermochte, so hatte sich diese frühkindliche „Wunde“ bereits so in meinem Geist und meiner Seele eingebrannt, dass sie mein weiteres Leben bestimmen sollte. Vor allem im Hinblick auf meine Gedanken und Gefühle. Und genau mit ihnen erschuf ich mir so meine kleine von so viel Angst besetzte Welt, die mehr von den Gefühlen des Verlassenseins, der Einsamkeit, des Nicht-wirklich-Dazugehörens, des nicht wirklich Geliebtwerdens überschwemmt war als von den Gefühlen der Leichtigkeit und Freude.

Das änderte sich erst im Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren mit meinem ersten Freund. Jetzt durfte auch ich die Liebe in ihrer Schönheit und Vielseitigkeit erfahren.

Zwar war es uns nicht möglich, diese Liebe auf Dauer zu bewahren. Doch heute weiß ich dafür umso mehr, dass ich mir sowohl bereits mit ihm wie auch später mit meinem Mann genau die Themen in unser gemeinsames Leben zog, wie ich sie im Ansatz bereits im Symbiosetrauma mit meiner Mutter erfahren hatte. Warum dies so war?

Keiner von uns war sich dessen bewusst, dass wir hier auf Erden inkarniert sind, um unsere „Seelen-Hausaufgaben“ zu machen. Es war vielmehr so, dass wir neben Alltag und Beruf zwar größtenteils glücklich und zufrieden vor uns hinlebten. Doch war uns nicht klar, dass die Art und Weise, wie wir unser Leben gestalteten, zwar schön, vielseitig und abwechslungsreich war, dass wir es aber vor lauter Leben im Außen vergessen hatten, zu schauen, wo wir in der Beziehung zu uns selber und zum jeweils anderen wirklich stehen.

Mit der Zeit trifteten so unsere Wünsche und Bedürfnisse immer mehr auseinander, was wiederum dazu führte, dass sowohl die Beziehung mit meinem ersten Freund wie auch die Ehe mit meinem Mann genau an den Problemen zerbrach, wo wir es aus Angst vermieden hatten, klärende Gespräche mit dem anderen zu führen.

Inzwischen weiß ich, dass ich mir – wenn auch unbewusst – mit beiden Männern genau das im Leben re-inszenierte, was ich bereits aus meiner Beziehung mit meiner Mutter kannte. Wie ein solches Symbiosetrauma unser Leben bis in die Partnerschaft hinein zu bestimmen vermag, können Sie ebenfalls in meinem ersten Buch lesen.

Wieder war das Thema, das ich zu lernen hatte, dass unsere Beziehungen genau dann zerbrechen, wenn wir uns aufgrund unserer Harmoniesucht und der Angst davor, dass wir durch ein Gespräch die Liebe des anderen verlieren könnten, lieber in die Wortlosigkeit flüchten, als zu uns selbst und unseren wahren Wünschen und Bedürfnissen zu stehen. Dass es für eine gute Beziehung nicht zuträglich ist, wenn wir JA sagen, obwohl wir NEIN meinen bzw. wenn wir dem anderen keine Grenzen setzen. Wenn wir uns lieber brav und angepasst verhalten, anstatt für uns einzustehen, auch wenn das bedeuten kann, dass mich der andere mit meiner Art sowie mit meinem Anliegen nicht versteht.

Wenn uns die Beziehung zu uns selbst fehlt und wir nicht selbst-bewusst leben, dann hat es nur den Anschein, als hätten wir durch die Dinge im Außen einen Betrug erlitten. In Wirklichkeit ist es vielmehr so, dass wir uns durch unsere eigene Art wie wir unserem Leben und seinen Herausforderungen begegnen mehr schaden als dienen. Es hat seine Zeit gedauert, bis mir klar wurde, dass mich weniger die anderen als vielmehr ich mich selbst in vielfacher Hinsicht bereits belogen und betrogen hatte.

So hart die Wahrheit ist: Der Betrug im Außen ist nur mein Spiegel für einen jahrzehntelangen Selbstbetrug sowie den fehlenden Mut, mich durch klärende Gespräche jeweils meiner eigenen Haut zu wehren, indem ich mich aktiv für mich selbst, meine Interessen und Belange einsetze, um das Leben zu führen, das meinen persönlichen Neigungen und Bedürfnissen am besten entspricht, anstatt mehr das Leben zu leben, das den anderen gefällt.

Was mir in meinem Leben fehlte, war der Mut zu einem bedingungslosen JA zum Leben. Sowie auch der Mut zu einem bedingungslosen JA zu mir selbst und damit zu allem, was mich als Person genauso liebevoll und wertvoll macht wie jeden Einzelnen von uns.

Erziehung und Gefühle

Bei aller Erziehung und Sozialisation darf nicht vergessen werden, auf die Bedürfnisse und Gefühle des Kindes einzugehen, damit es letztlich in eine gute Beziehung zu sich selbst und zum Erzieher treten kann. Gerade im Hinblick auf den richtigen Umgang mit den Gefühlen ist das Gespräch mit einem Erwachsenen für den jungen Menschen extrem wichtig. Wie sollte es sonst jemals lernen, Verständnis für die eigenen Gefühle zu haben und ihre Botschaft zu verstehen?

Ein Kind ist noch nicht geübt mit all dem, was auf es einwirkt, entsprechend gut umzugehen. Vor allem dann nicht, wenn es an manchen Tagen von bestimmten Herausforderungen durch Elternhaus und Schule geradezu überwältigt wird. In solchen Situationen braucht es ein verständnisvolles Gegenüber, das sich die Zeit nimmt und ihm hilft, zu erkennen, dass die Wut, die es gerade gegenüber einem Lehrer oder einem Mitschüler hat, sich im Grunde genommen gar nicht auf diese Person bezieht, sondern in vielen Fällen ihren Ursprung in einer ganz anderen Ausgangssituation hat. Vielleicht ist ja bereits zu Hause oder auf dem Weg in die Schule irgendetwas vorgefallen, was den jungen Menschen jetzt durch einen Kommentar vonseiten des Lehrers oder Mitschülers derart in Rage versetzt, dass er seine Wut nicht mehr bändigen kann, sondern sie 1:1 so lebt, wie er sie spürt. Zwar trifft seine Wut die falsche Person, doch ist sich der Schüler dessen nicht bewusst. Erst ein klärendes Gespräch, in dem er sich trotz seines Fehlverhaltens gehört und als Person angenommen und wertgeschätzt fühlt, ermöglicht es ihm, sich dessen bewusst zu werden, dass sein Verhalten alles andere als gut war.

Nehmen wir uns die Zeit und reflektieren wir gemeinsam mit ihm die Situation, fragen nach, warum er so wütend ist, geben wir ihm die Möglichkeit, darüber zu reden, was heute noch so alles vorgefallen ist. Bringen wir auf diese Art Verständnis für ihn und seine Wut auf, wird er am ehesten erkennen, dass die Ursache für seinen Ärger mitunter in einem ganz anderen Sachverhalt zu finden ist. Das gibt ihm wiederum die Möglichkeit, sich für sein Fehlverhalten zu entschuldigen und seinen Beitrag zu leisten, damit der ganze Ärger wieder befriedet wird. Zudem wird ihm klar, dass sein Gefühl der Wut einen ganz anderen Auslöser hat. Jetzt kann er über die ursprüngliche Situation nachdenken, seinen Gesprächspartner vielleicht sogar um Hilfe oder Rat bitten und sich überlegen, wie er sich im Hinblick auf diese Geschichte verhalten will. Nach und nach wird ihm immer mehr bewusst, dass er das Gefühl der Wut auch auf eine ganz andere Art ausleben kann und erkennt mit der Zeit, dass es besser ist, für seine Gefühle entsprechende Worte zu finden, um sich dem anderen mitzuteilen. Worte, die sein Gegenüber wiederum annehmen kann, damit sich letztlich der ganze Sachverhalt für alle beteiligten Personen auf eine positive Art und Weise klären kann.

Dieser Weg mag sich fürs Erste vielleicht sehr zeitaufwändig anhören, doch im Grunde genommen ist er das nicht. Haben wir eine vertrauensvolle Beziehung mit dem Kind, wird es sich sehr schnell öffnen und erzählen, was ihm wirklich unter den Nägeln brennt. Zudem bleibt bei ihm dieses Gespräch in positiver Erinnerung. Auch wenn es fürs Erste nicht den Anschein hat, dass es sofort lernt, sein Temperament zu zügeln, bedarf es bei manchen Kindern oft schon keines weiteren Gesprächs mehr. Die Zeit, das Interesse für seine Person, mein Mitgefühl, das ich in das erste Gespräch investiert habe, wird auch in Zukunft Früchte tragen. Wiederholt sich dennoch eine ähnliche Situation, reicht es oft schon aus, wenn wir nur noch sagen: „Erinnere dich bitte an unser Gespräch von damals! Denk daran, ich glaub an dich und weiß, dass du das anders kannst.“ Dieser Vertrauensvorschub meinerseits wirkt sich positiv aus, ganz egal, ob dies dem Kind bewusst ist oder nicht. In den meisten Fällen können wir uns weitere lange Gespräche sparen. Manchmal reicht dann schon ein ernster Blick, ein Kopfschütteln etc.

Das Gespräch kann aber auch noch einen ganz anderen Verlauf nehmen. Lassen Sie mich auch hierzu ein Beispiel geben: Vielleicht hat sich im Gespräch mit dem aufgebrachten Schüler gezeigt: „Ich bin wütend, weil ich verzweifelt bin, weil ich diese Mathematikaufgabe nicht lösen kann und Angst vor der nächsten Schulaufgabe habe, weil es dabei um meine Versetzung in das nächste Schuljahr geht.“ Wird ihm durch das Gespräch bewusst, dass es zwar diesen nachvollziehbaren Grund für sein Verhalten gibt, aber noch lange nicht die Berechtigung, seine Angst auf diese Art auszuleben, kann er lernen, mit seinem Gefühl der Angst und Wut sinnvoller umzugehen.

Er muss seine Wut nicht länger auf den Lehrer oder Mitschüler projizieren, sondern ihm wird klar, dass ihn die anstehende Prüfung ganz schön stresst. Dass es ihm nicht hilft, seine Frust- bzw. Angst-Energie diesbezüglich an anderen Personen auszulassen. Auch in diesem Fall kann ihm sein Gesprächspartner helfen und beide können zusammen überlegen, was der Schüler konkret tun kann, um sich entsprechend gut auf die Mathe-Prüfung vorzubereiten, damit das Ganze ein positives Ende nehmen kann. So lernt der Schüler Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und seine ursprünglich destruktive Energie (Wut) in ein konstruktives Verhalten (optimale Prüfungsvorbereitung) umzulenken. Seine Angst blockiert ihn nicht länger und lebt sich auch nicht mehr unangemessen aus.

Wenn es um die Wahrnehmung und den Ausdruck unserer Gefühle geht, haben wir wohl alle noch so einiges zu lernen, denn in aller Regel wurde uns nicht beigebracht, diese zu äußern. Geschweige denn sie überhaupt zuzulassen. Meist hieß es: „Halt dich mal a bisserl zurück!“ – „Jetzt reiß dich aber zusammen!“ – „Da gibt es nichts, um wütend zu sein!“ – „Geh auf dein Zimmer. Wenn du dich wieder beruhigt hast, dann können wir ja darüber sprechen.“ Bloß, dass wir in den meisten Fällen heute noch auf dieses klärende Gespräch warten.

Warum haben wir eine solche Angst, uns dem anderen mit unseren Gefühlen zuzumuten? Immerhin sind unsere Gefühle die Sprache unserer Seele. Jede Verletzung, jede Enttäuschung, jede Verbitterung, die wir – egal in welchem Lebensalter – erfahren, hinterlässt in unserer Seele eine Wunde, die immer und immer wieder aufbricht, wenn wir uns ihrer nicht annehmen. Selbst wenn es noch so sehr als anstrengend empfunden wird und des Mutes bedarf, sollten wir alle lernen, unsere Gefühle den anderen mitzuteilen. Denn nur so werden wir für den anderen authentisch und greifbar und können unsere Beziehungen klären. Egal ob mit Eltern, Geschwistern, Partner, Freunden oder Kollegen. Doch das Allerwichtigste dabei ist: Nicht nur die Beziehung nach außen hin wird geklärt, sondern vor allem die Beziehung zu uns selbst. Sobald wir uns dafür entscheiden, unsere Gefühle nicht länger aus unserem Leben zu verdrängen, sondern sie bewusst zu leben, werden wir erkennen, dass gerade sie „die Würze unseres Lebens“ sind. Entscheidend ist nur, dass wir früh genug damit beginnen, uns darin zu üben, wie wir sie angemessen und sozialverträglich kommunizieren.

Verstehen wir, dass wir unsere Gefühle be-fragen können, um zu erkennen, was ihr Auslöser ist, können wir viel besser mit ihnen umgehen. Dann überwältigen sie uns nicht, sondern wir können sie nutzen, um unsere jeweilige Situation zu klären. Haben wir zum Beispiel gerade Ärger mit den Eltern oder dem Partner, reicht es für den Anfang meist schon zu sagen: „Ich fühle mich gerade nicht richtig verstanden/gesehen/gehört. Können wir bitte darüber sprechen?“ – „Dass wir uns gestern nicht mehr ausgesprochen haben, hat mich zutiefst verletzt. Bitte lass uns heute noch darüber reden.“ – „Ich habe eine Wut im Bauch, weil mir heute Morgen ,…‘ passiert ist. Kannst du mir mal bitte helfen, indem wir darüber reden?“ etc.

Mit dem Wissen, dass unsere Gefühle die Sprache unserer Seele sind, können wir uns ihnen gegenüber positiver, dankbarer und aufgeschlossener zeigen. Können ihnen neutral begegnen und müssen nicht länger unbewusst unangemessene Gefühle in uns tragen. Wir wissen jetzt vielmehr, dass unsere Emotionen und Gefühle Botschaften unseres Unterbewusstseins an uns sind, die uns wissen lassen: Hier gibt es etwas zu heilen.

Bereits mit jungen Menschen kann man sehr gut über all diese Dinge sprechen und ihnen vermitteln, dass jede Situation und jedes Gefühl, das wir irgendwann einmal sowohl im Positiven als auch im Negativen erlebt haben, in unserem Unterbewusstsein abgespeichert wird. Und dass es die Absicht der Seele ist, die ganzen negativen Erfahrungen, die sie irgendwann einmal gemacht hat, auch wieder zu heilen. Damit sie dies tun kann, bringt uns unser Unterbewusstsein immer wieder mal in eine Situation mit Person X, die ein bestimmtes Gefühl in uns auslöst (triggert). Schauen wir uns dieses Gefühl genauer an und fragen nach, wann in unserem Leben wir schon einmal einen ähnlichen Sachverhalt erlebt haben, so lernen wir auf diese Art entweder eine vergleichbare Situation jüngerer Zeit oder gar die Ursprungssituation kennen, die wir in aller Regel bereits in den ersten zehn Lebensjahren erfahren haben.

Haben wir den Mut, uns diese ursprüngliche Situation mit dem Gefühl dahinter noch einmal anzuschauen, dabei das Gefühl aber auch zuzulassen, sodass es noch einmal kurz aufleben kann, und sind wir bereit im Anschluss daran die Geschichte von damals zu akzeptieren und uns bewusst darüber zu werden, warum wir damals so und nicht anders gehandelt haben, können wir die negative Energie, die sich in dieser Ursprungssituation verfangen hat, auflösen und transformieren. Was dann geschieht, ist sehr heilsam für alle Beteiligten. Dieser Transformationsprozess macht es uns möglich, sowohl der Person von damals als auch uns selbst zu vergeben, dass wir schon so lange an dieser Geschichte festgehalten haben. Damals waren wir – aus welchen Gründen auch immer – vielleicht nicht fähig, anders zu handeln, doch heute können wir diesbezüglich zum Glück jederzeit die Verantwortung übernehmen und die alten Muster lösen.

Tun wir dies nicht, dann halten wir mitunter sogar jahrzehntelang diese ganzen negativen Energien in uns zurück, was letztlich dazu führt, dass sich uns mit der Zeit dieser ganze negative Ballast in Form irgendeines körperlichen Symptoms zeigt. In diesem Zusammenhang sprechen die Psychologen und Ärzte dann von psychosomatischen Erkrankungen, von Autoimmun- bzw. von Autoaggressionserkrankungen. Doch soweit muss es nicht kommen.

Damit sowohl unsere Seele wie auch unser Körper und Geist von diesen negativen Emotionen und dem damit verbundenen Schmerz frei wird und wieder gesunden kann, ist es notwendig, dass wir lernen zu verstehen, dass es selbst unsere negativsten Gefühle (Aggression und Hass) nur gut mit uns meinen. Sie zeigen sich uns, weil sie wollen, dass wir sie annehmen und akzeptieren. Dass wir ihnen eine Daseinsberechtigung geben. Sagen wir letztlich auch zu diesen Gefühlen „Ja“, erkennen an, dass sie da sind und übernehmen die Verantwortung dafür, lassen auch sie sich wieder transformieren. Vielleicht nicht gleich beim ersten Mal, aber nach und nach kann auch hier immer mehr an Heilung geschehen.

Erziehung und Resilienz

Wir werden von unseren Eltern erzogen, besuchen Schulen, ergreifen einen Beruf oder entscheiden uns für ein Studium plus Beruf, um uns bestens auf das Leben vorzubereiten, um nach und nach immer mehr Fuß zu fassen in einem Leben mit Familie, Partner, Freunden und Kollegen. Sind bestrebt, bei alledem stets unser Bestes zu geben und unser Miteinander auf das Schönste zu gestalten. Doch was wir trotz der guten Vorbereitung auf unser Leben viel zu wenig lernen, ist, wie wir auf die schicksalhaften Ereignisse unseres Lebens reagieren. Auf all die kleinen oder auch großen Krisen, vor die uns das Leben immer wieder einmal stellt. Wissen nicht wirklich gut umzugehen mit all den Konflikten, Reibereien, Trennungen, Krankheiten bis hin zum Tod – warum ist das so? Ist das gut so, dass wir so unvorbereitet mit all diesen Dingen konfrontiert werden? Was, wenn das anders wäre?

Nach allem, was ich in den letzten vier Jahren lernen sollte, bin ich heute der Meinung, dass sich für uns alle hier etwas ändern sollte, damit wir gar nicht erst so tief in die entsprechende Krise hineinfallen müssen. Ja ich bin sogar davon überzeugt, dass es wichtig ist, bereits Kinder darauf vorzubereiten, dass es im Leben nicht nur Sonnentage geben wird, sondern auch Tage mit Sturm und Gewitter. Tage, an denen wir vergleichbar einem Regenschirm bzw. anderer Regenschutzkleidung über Techniken und Verhaltensweisen verfügen sollten, um auch diese Zeiten in unserem Leben bestmöglich zu überdauern.

Durch die ganzen Jahre des Wirtschaftswunders und Wachstums sind wir von den guten Tagen des Lebens bereits so verwöhnt, dass wir gänzlich überfordert reagieren, wenn sich uns unangenehme Situationen und Herausforderungen im Leben zeigen, denen wir so unvorbereitet gegenüberstehen. Dann können und wollen wir nicht verstehen, warum sich uns das Leben auf einmal auch von einer ganz anderen Seite zeigt.

Ich bin davon überzeugt, dass wir wesentlich besser durch die verschiedensten Sinn- und Lebenskrisen kämen, wenn wir nachhaltiger darauf vorbereitet wären, dass sowohl Krankheit als auch Krise, ja sogar jeder Konflikt und Streit nur zu unserem Besten sind. Wüssten wir bereits von klein auf, dass es diese Phasen immer wieder einmal geben wird, könnten wir versöhnlicher mit ihnen umgehen. Wüssten, dass sie nichts Außergewöhnliches sind, das nur uns passiert, sondern dass sie unserem persönlichen Wachstum dienen. Und das, egal wie sich die Krise nennt.

Dann wäre nicht die Ohnmacht unser Begleiter. Dann müssten wir nicht ins Drama gehen, sondern könnten uns besser erklären, warum diese Dinge geschehen. Dann hätten wir fürs Erste zumindest eine Erklärung parat, die uns im Hinblick auf die Situation versöhnlicher stimmen kann, damit wir akzeptieren können, dass es ist, wie es ist.

Wir müssten dann nicht immer gleich alles schwarzsehen, sondern könnten mit einem optimistischeren Blick auf das Ganze sehen. Könnten, je nachdem, was wir an Lösungsstrategien in uns haben, insgesamt viel handlungsorientierter Denken. Andere um Hilfe bitten. Uns Unterstützung holen. Müssten uns nicht dafür schämen, dass wir uns gerade verletzlich zeigen. Könnten mit anderen unsere Probleme klären. Könnten lernen, mit unseren Ängsten bewusster umzugehen. Unseren Gefühlen besser zu vertrauen. Und letztlich sogar mit uns selbst wie auch mit anderen mitfühlender, achtsamer, wertschätzender, versöhnlicher, friedvoller und liebevoller umgehen. – Wäre das nicht erstrebenswert?

Ich glaube, dass das Problem an unserer Dramenkultur ist, dass wir uns – was unser Leben betrifft – viel zu lange nur auf die eine Seite der Medaille konzentriert haben, die uns die schönen Seiten des Lebens offerierte. Doch was, wenn das Leben die Münze einmal umdreht und sagt: „Jetzt, mein Lieber/meine Liebe, ist es an der Zeit, dass du dir endlich die Hausaufgaben ansiehst, die du bis heute noch nicht gemacht hast. Dabei ist es dahingestellt, ob dir dies gefällt oder nicht. Damit es in deinem Leben weitergeht, hast du dir erst die Lektionen anzusehen, vor die dich das Leben stellt. Also vergiss alles andere und kümmere dich erst einmal ausschließlich um sie.“ – Wie reagieren wir darauf?

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9783991077732
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