Читать книгу: «Isabelle»
Heribert Weishaupt
Isabelle
Ein Troisdorf-Krimi

Heribert Weishaupt
Isabelle
Ein Troisdorf-Krimi
Cover: lizenzfreies Bild von Engin Akyurt/piaxabay.com
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Alle Rechte vorbehalten!
© Herbst 2017
Impressum
ratio-books • 53797 Lohmar • Danziger Str. 30
info@ratio-books.de (bevorzugt)
Tel.: (0 22 46) 94 92 61
Fax: (0 22 46) 94 92 24
www.ratio-books.de
eISBN 978-3-96136-020-8
Printbuch 978-3-96136-019-2
published by

Die Lüge tötet die Liebe. Aber die Aufrichtigkeit tötet sie erst recht.
Ernest Hemingway
Gewalt birgt immer ein Element der Verzweiflung.
Thomas Mann
Inhalt
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Anmerkung und Dank
Prolog

Er stellte den Rucksack am Wegesrand ab und kletterte behutsam, teilweise auf allen vieren, über die niedrigen Felsen in Richtung Schlucht.
Er wusste, welche Gedanken jetzt im Kopf seiner Frau kreisten: Was soll das? Immer wieder diese unnötigen Eskapaden. Musst du denn unbedingt mit auf dem Foto abgelichtet werden?
„Bleib doch hier am Weg stehen. Das Foto wird doch ohne dich genauso schön“, rief sie.
„Nein, nein. Wenn schon ein Bild mit dieser grandiosen Aussicht, dann soll ich auch mit auf dem Foto zu sehen sein.“
Er lachte.
„Aber was bringt es, wenn du bei dieser Aktion umknickst und dir den Fuß oder das Bein brichst?“, versuchte sie eine letzte Warnung.
Aber auch dieser Versuch misslang kläglich.
„Du immer mit deinen Ängsten.“
Er lachte wieder kurz auf. Dieses typische, lässige Lachen eines selbstsicheren Mannes.
Schon hatte er die Kante des steil abfallenden Hanges erreicht und richtete sich auf. Breitbeinig, die Hände in die Hüften gestemmt, stand er vor einer imposanten Kulisse und schaute in die Tiefe.
Rechts und links säumten kahle, zerklüftete Felsmassive die Schlucht. Unter ihm breitete sich das Tal von Sóller mit den unzähligen Oliven-, Zitronen- und Orangenbäumen aus. In der Ferne konnte er die Bucht des Hafens erkennen und dahinter spannte sich bis zum Horizont das blaue, glitzernde Meer. Welch ein Panorama.
Ruckartig drehte er sich um. Sein Gesicht zeigte ein zufriedenes Lächeln.
„So, du kannst jetzt den Auslöser betätigen“, forderte er seine Frau auf, die mit ausgestreckten Armen die Digitalkamera vor sich hielt und angestrengt versuchte, im Display etwas zu erkennen.
„Ich kann kaum etwas erkennen. Die Sonne scheint direkt auf das Display.“
„Schirm das Display mit einer Hand ab. Das hilft vielleicht. Das wird bestimmt eines der schönsten Fotos dieser Woche.“
Zu diesem Zeitpunkt konnte er nicht ahnen, dass es das letzte Urlaubsbild von ihm sein würde.
Ungeduldig verlagerte er sein Gewicht von einem Bein auf das andere. Seine Euphorie ließ sein Gehör nur mit halber Kraft arbeiten. Daher vernahm er nicht, wie sich mehrere kleine Felsstücke von der Kante lösten und den Abhang herunterkullerten.
„Nun mach schon! Ich kann nicht ewig hier so stehen bleiben!“
Seine Ungeduld und der dadurch ausgelöste kleine Schritt rückwärts, war der verhängnisvollste Fehler in seinem Leben.
Mit den Armen wild rudernd, versuchte er, das Unaufhaltsame noch abzuwenden. Seine Füße rutschten nach hinten über den Grat und er fiel nach vorne auf die harte Felskante. „Hilfe! Hilfe!“, schrie er, dass seine Kehle zu platzen drohte.
Wie weggewischt war seine Euphorie und augenblicklich breitete sich stattdessen Panik aus. Seine Hände suchten hektisch nach einem Halt, aber das Gewicht seines Körpers zog ihn weiter in die Tiefe. Mit den Füßen versuchte er, einen festen Punkt im Felsgestein zu finden. Doch je mehr er mit den Beinen strampelte, desto tiefer rutschte er. Sein Gesicht befand sich bereits unterhalb der Felskante, auf der er vor wenigen Augenblicken noch gestanden hatte.
Die Finger seiner rechten Hand fanden endlich an der Kante ein Stück scharfkantigen Felsen, das etwas hervorstand. Er bot all seine Kräfte auf und krallte sich schmerzhaft daran fest. Der Sog, der seinen Körper in die Tiefe zog, ließ nach. Sofort suchte er mit der anderen Hand einen zusätzlichen Halt. Er schlug die Krallen der zweiten Hand so fest in die Felskante, dass Fingernägel brachen.
Wieder formten sich seine Lippen zu einem lauten, langen Schrei.
„Hiiiilfe!“
Nichts geschah. Wo blieb seine Frau? Sie musste doch gesehen haben, was geschehen war.
„Hiiiiilfe!“, schrie er erneut.
Stille. Totenstille! Nicht einmal der Laut eines Vogels war zu hören.
Wieso hört sie nicht meine Hilfeschreie und kommt hierher?, dachte der Mann verzweifelt.
Die Sonne stand am höchsten Punkt und brannte erbarmungslos auf ihn nieder. Schweißtropfen rannen ihm in die Augen. Er spürte, wie die Schwerkraft versuchte, ihn nach unten zu ziehen. Es war unerträglich. Er würde sich nicht mehr lange halten können. Mit seinen Füßen versuchte er noch immer, einen Halt zu finden. Allerdings wesentlich vorsichtiger als vorhin, denn jede unbedachte Bewegung könnte den Griff seiner Hände lösen – und was das bedeuteten würde, war ihm erschreckend klar.
War das sein Ende? Sollte ihre Ehe nur von solch kurzer Dauer gewesen sein? Ja, er hatte einen Fehler begangen – einen riesigen Fehler. Er hatte ihn eingestanden und ihr die unverfälschte Wahrheit über alles, was geschehen war, gesagt. Sogar das, was er dabei gefühlt hatte. Seitdem lasteten dieser Fehler und sein Geständnis wie ein dunkler Schatten auf ihrer Beziehung. Der Urlaub sollte ein Neuanfang sein. Ein Neuanfang, der auch vielversprechend begonnen hatte. Bis jetzt – bis vor wenigen Augenblicken. In jedem Moment könnte er zu Ende sein.
Der Schotter oberhalb der Felskante knirschte. Waren das Schritte? Ja – unendlich langsame Schritte!
Das konnte nur seine Frau sein. Wieso ging sie so langsam? Wieso kam sie nicht zu ihm gerannt?
Er legte den Kopf vorsichtig etwas in den Nacken und blickte sehnsüchtig nach oben. Er sah lediglich einen braunen Wanderschuh mit einem hohen Lederschaft. Den Wanderschuh seiner Frau? Ohne Zweifel, es konnte nur der Fuß und der Schuh seiner Frau sein.
Sie wird mich retten! Sie ist stark! Sie kann das!, machte er sich Hoffnung.
„Fass mit beiden Händen einen Arm von mir und zieh mich hoch! Mit der anderen Hand versuche ich, mich abzustützen. Gemeinsam schaffen wir das!“, rief er der Person zu, die oberhalb der Felskante stand und seine Frau sein musste.
Er erhielt keine Antwort.
Dann hörte er eine Stimme, eine dunkle Stimme. Er verstand die Worte nicht, die die Stimme sagte. War das eine männliche Stimme? Ja – er fand keine Erklärung dafür.
Der Fuß mit dem braunen Wanderschuh hob sich vom Boden ab und senkte sich auf seine linke Hand hinab. Das Profil drückte sich in die Haut seiner Hand. Er war schockiert, als er begriff, was da gerade geschah. Sein Herz raste und sein Atem zischte fiebrig aus seiner Lunge.
„Hiiiilfe“, formten seine Lippen, aber nur ein undefinierbares Krächzen kam aus seinem Mund, das nur taube Ohren erreichte.
Erneut legte er den Kopf in den Nacken und schaute nach oben zur Felskante. Was er dort sah, grub sich tief in seine Gehirnwindungen ein, ließ sein Blut gefrieren und sein Herz brechen.
Er hörte nicht das Knacken, als die Knochen seiner Finger brachen. Er spürte lediglich den fürchterlichen Schmerz in seiner Hand und in seiner Seele, als er begriff.
Das Gewicht seines Körpers zog ihn gnadenlos in den Abgrund, während sich gleichzeitig seine Hand von dem Fels löste. Er hatte keine Kraft mehr, sich dem Unausweichlichen zu widersetzen. Weiter, immer weiter stürzte er in die Tiefe, in das schroffe, unwegsame Gelände.
Ein nicht enden wollender Schrei verließ seine Lippen und das Poltern des Gesteins begleitete ihn hinab bis zum Ende – zu seinem Ende.
1

Gestern Abend, ich war gerade zu Bett gegangen und konnte nicht einschlafen, da nahm ich mir vor, heute meine erste Wanderung durch die Wahner Heide zu unternehmen.
Ich öffne die Augen. Im Schlafzimmer ist es fast noch so dunkel wie in der Nacht. Mein Wecker auf dem antiquierten Nachttisch zeigt Montag, 24. Oktober 8:15 Uhr an. Ich habe gestern Abend die Weckfunktion nicht aktiviert, da ich endlich einmal ausschlafen wollte. Vielleicht habe ich auch die Uhrzeit nicht korrekt eingestellt und es ist noch wesentlich früher, und deshalb noch so dunkel. Oder liegt es an den dicken, bunten Vorhängen, die so gut wie kein Licht durchlassen?
Ich erhebe mich von der viel zu weichen Matratze. Das Bett quietscht fürchterlich. Einen Augenblick bleibe ich auf der Bettkante sitzen und resümiere, dass ich trotz der nicht optimalen Verhältnisse gut geschlafen habe. Ich stehe auf, gehe zum Fenster und ziehe die Vorhänge zur Seite. Was ich sehe, lässt mich meinen Entschluss bereuen. Die natürliche Tristesse eines rheinischen Herbsttages schaut mich an. Leichter Nebel, feucht und grau, wohin ich auch blicke. Als ich mich entschlossen habe, heute wandern zu gehen, konnte ich nicht ahnen, welches Schmuddelwetter mich heute Morgen erwarten würde.
Jetzt nehme ich auch die Kälte wahr, die im Schlafzimmer herrscht. Soll ich mich nochmals unter die Bettdecke verkriechen? Eine verlockende Versuchung. An solch einem Tag würde mir bestimmt nichts entgehen und Termine habe ich ohnehin nicht. Nein, ich entscheide mich dagegen. Stattdessen knipse ich das Licht an, lege mir eine Decke um die Schultern und gehe ins Wohnzimmer.
Auch hier mache ich zuerst einmal Licht und ziehe die Vorhänge zurück. Die gleiche graue Suppe wie vor dem Schlafzimmerfenster. Zum Glück habe ich gestern Abend nicht das Heizungsthermostat zurückgedreht. Daher ist es im Zimmer angenehm warm und gemütlich.
Na ja, Gemütlichkeit sieht in der Regel anders aus. Auf dem Tisch und in einigen freien Ecken stehen noch Umzugskartons, die ich gestern nicht geschafft habe auszupacken.
Was soll‘s, denke ich. Das hat Zeit bis später. Es ist warm und wenn ich geduscht, mir einen Kaffee aufgebrüht und ein Brötchen aufgebacken habe, beginnt der Tag doch recht positiv.
Auf meine erste Wanderung will ich auf keinen Fall verzichten – ich muss einfach raus. Nachdenken, was geschehen ist abhaken und einfach den Kopf frei bekommen.
Nach dem Frühstück ziehe ich mich warm und regenfest an und verlasse mein neues Zuhause.
Beim Verriegeln der Haustür fällt mein Blick auf das Namensschild an der Klingel: „Isabelle Kern“.
Der Vermieter hatte das bereits vor Tagen veranlasst. Glücklich bin ich nicht darüber, aber ich werde demnächst sowieso wieder meinen Mädchennamen annehmen. Dann wird auch der Name „Kern“ nur noch „Schall und Rauch“ sein. Gott sei Dank.
Nachdem ich den Ort hinter mir gelassen habe, orientiere ich mich an der Straße nach Troisdorf. Am Waldrand führt ein Weg parallel zur Straße. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich diesem Weg gefolgt bin. Irgendwann biege ich links ab in den Wald hinein. Mehrmals biege ich rechts und dann links in einen anderen Weg ein. Ich habe kein konkretes Ziel, nicht einmal eine geplante Richtung und eine Wanderkarte habe ich auch nicht dabei.
Im Laufe des Vormittags gesellt sich zu dem eintönigen Grau leichter Regen hinzu. Die Sicht wird dadurch noch schlechter. Aber ich habe nicht vor, mir den Wald und die Landschaft anzusehen – heute nicht. Ich will meine Sorgen und Gedanken im Kopf ordnen. Will meinen Kopf regelrecht ausmisten.
Ich ziehe meine Kapuze über und stopfe die Hände tief in die Taschen meiner Regenjacke.
Zu viele Gedanken schwirren unkontrolliert durch meinen Kopf, und je mehr ich nachdenke, desto verwirrender werden sie. Das hat zumindest den Vorteil, dass ich abgelenkt bin und den Regen und die Kälte nicht so spüre.
Immer wieder frage ich mich, wieso ich monatelang nichts bemerkt hatte. Macht Liebe wirklich blind?
Seltsamerweise spüre ich jetzt noch immer das Gefühl, das Gefühl der Geborgenheit. Keine Frage, ich habe Ronni geliebt.

Über vier Jahre lebten wir zusammen – glücklich zusammen. Damals in Duisburg hatten wir uns kennengelernt. Als ich dann in Bonn die Stelle in der Anwaltskanzlei antrat, hatten wir Zweifel, ob unsere Liebe diese Wochenendbeziehung überstehen würde. Ronni besuchte mich jedes Wochenende in meiner Wohnung in der Pension in Poppelsdorf. Ich weiß es noch so genau. Manchmal, wenn die Sehnsucht zu großwurde, kam er sogar für ein paar Stunden abends in der Woche nach Bonn. Diese wenigen Stunden waren meistens schöner und intensiver als ein ganzes Wochenende. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis Ronnis Versetzungsantrag nach Bonn stattgegeben wurde. Zu diesem Glück gesellte sich noch der Zufall, dass er wieder mit Frank Eisenstein zusammen arbeiten konnte, der bereits in Duisburg fünf Jahre sein Chef war.
Wie war ich doch selig, als er Weihnachten vergangenen Jahres endlich um meine Hand anhielt. Die standesamtliche Trauung fand im kleinen Kreis statt. Meine Eltern und meine jüngere Schwester, die Trauzeugin war, waren aus Spanien gekommen. Ronnis Eltern waren selbstverständlich auch da. Da er keine Geschwister hat, hatte er Frank Eisenstein gefragt, ob er Trauzeuge werden möchte. Natürlich sagte Frank gerne zu und ich freute mich ebenfalls. Schließlich kenne auch ich Frank seit Jahren und die beiden Männer sind gute Freunde, die die meiste Zeit des Tages beruflich miteinander verbringen und viel zusammen erlebt haben.
Im Juni feierten wir eine wunderschöne Hochzeit. Die Trauung in der kleinen Kirche, mein weißes, tief ausgeschnittenes Brautkleid und mein Mann im dunkelbraunen Anzug mit Fliege. Er sah so toll aus – mein Mann. Wie war ich doch stolz, erinnere ich mich etwas wehmütig.
Es wurde ein riesiges Fest. Alle Verwandten aus meiner Heimat waren angereist. Viele Freunde von mir und von Ronni. Ich erinnere mich noch genau: Sogar Frank hatte mit mir getanzt – und sogar gut getanzt. Das hätte ich dem etwas linkisch wirkenden Hauptkommissar gar nicht zugetraut. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob er nicht vorher, extra für die Hochzeit einen Tanzkurs besucht hat.

Doch das ist jetzt alles überholt und Vergangenheit. Ich muss nach vorne schauen. Nur das Jetzt und die Zukunft zählen!
Als ich mit der Zunge über meine Oberlippe fahre, spüre ich einen salzigen Geschmack. Sind das Reste von Tränen? Habe ich geweint und es im Regen nicht einmal bemerkt?
Seltsam, dass mich nach all den Ereignissen der letzten Zeit unverhofft diese romantische Stimmung überkommt.
Gerade bin ich einem steilen Weg in ein Tal hinab gefolgt und erreiche eine Weggabelung. Ich schaue nach rechts, nach links und kann keinen Entschluss fassen, welche Richtung ich einschlagen soll. Wo bin ich hier? Irgendwo drüben zwischen den Bäumen scheint ein Bach oder Fluss zu fließen. Aber auch diese Erkenntnis ist für mich nicht hilfreich. Ich habe keine Ahnung, wo ich mich befinde. Theoretisch bleibt nur die eine Möglichkeit, den bisher zurückgelegten Weg zurückzugehen. Praktisch habe ich enorme Zweifel, den Rückweg wieder zu finden. Es ist kein Mensch zu sehen, den ich fragen könnte, was bei dem Wetter nicht verwundert. Intuitiv entscheide ich mich für den linken Weg durch das Tal.
An der rechten Seite des Weges, der Seite, wo der Bach fließt, ist der Waldboden mit ausgedehnten Wasserlachen überzogen. Blätterlose Äste und Ranken hängen wie abgestorben an den Bäumen. Aus den Wasserlachen ragen verrottete Baumstämme heraus. Ein modriger Geruch erfüllt den Wald. Die linke Seite des Weges bildet ein mit Bäumen und Sträuchern bewachsener Hang, der steil hoch in den grauen Dunst des „Hundewetters“ führt.
Trotz des Regens nehme ich hin und wieder ein Rascheln und das Geräusch brechender Äste hinter den Sträuchern wahr. Irgendwie machen mich diese Geräusche nervös. Grundsätzlich bin ich kein ängstlicher Mensch, aber ist es auszuschließen, dass mich jemand beobachtet? Zumindest bin ich mir sicher, dass bei diesen Witterungsverhältnissen niemand zufällig hinter irgendwelchen Sträuchern umherirrt. Falls da jemand sein sollte, kann er sich nur meinetwegen dort aufhalten. In mir besteht eine Anspannung, die ich nicht leugnen und ignorieren kann.
Ich beschleunige meine Schritte. Der Weg ist breit und ich versuche, möglichst viel Abstand zwischen mir und dem Hang zu halten. Unablässig suchen meine Augen die linke Seite des Weges und das Buschwerk ab.
Sollte tatsächlich jemand meinen neuen Aufenthaltsort herausbekommen haben? Und das bereits am ersten Tag? Eigentlich kann ich mir das nicht vorstellen.
Plötzlich schießen zwei Rehe wie aus dem Nichts vom Abhang über den Weg und verschwinden zwischen den Bäumen auf der anderen Seite des Weges.
Wie angewurzelt bleibe ich stehen und schaue ihnen hinterher. Erleichterung breitet sich in mir aus, aber noch kein Aufatmen. Zu sehr hat mich der Gedanke beschäftigt, dass mir jemand auflauert. Aber wer soll das sein? Der Einzige, der vielleicht einen Grund dazu hätte, kann es nicht mehr.
Der Rest des Weges verläuft unspektakulär, trüb, grau und regnerisch. Alles wie gehabt.
Ich erreiche eine Straße, die aus dem Tal den Berg hinauf führt. Als ich auf dem Straßenschild den Namen „Rambusch“ lese, bin ich stolz auf meine Intuition, dass ich den richtigen Weg gewählt habe. Den Namen kenne ich und weiß, die Straße führt zum Heidedorf Troisdorf-Altenrath in der Wahner Heide, in dem ich seit gestern wohne.
Völlig durchnässt erreiche ich die Haustür zu meiner Wohnung. Ich streife die Kapuze vom Kopf und schüttle den Regen von meiner Jacke und damit auch die sentimentale Anwandlung und Ängste, die mich unterwegs überkommen hatten. Wieder zufrieden mit mir, öffne ich die Haustür.
Dabei zwinge ich mich, das Klingelschild nicht anzusehen.
Im Flur hänge ich meine nasse Jacke an die Garderobe und entledige mich ebenfalls der nassen Jeans. Im Wohnzimmer ist es gemütlich warm. Ich gehe auf direktem Weg zum Kühlschrank in die Küche, die sich in einem kleinen Raum befindet, der sich direkt am Wohnzimmer anschließt. Im Tiefkühlfach finde ich die letzte der beiden Pizzen, die ich gestern gekauft habe. Die muss für heute reichen. Morgen werde ich einen Großeinkauf machen und danach die restlichen Kartons auspacken.
Jetzt will ich erst einmal Siesta halten. Dazu verkrieche ich mich in mein quietschendes Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf. In mir fließt nun einmal spanisches Blut und ich bekenne mich zu diesem sinnvollen Ritual. Sie gehört zu uns Spaniern wie Tapas, Flamenco oder Pablo Picasso. Nur eine ausgiebige Siesta kann die Menschen vor Verrohung und Aggressivität bewahren. Mich diesen Gefahren aussetzen, indem ich auf die wohlverdiente Siesta nach dieser anstrengenden Wanderung verzichte, will ich nun wirklich nicht.
Diese Gedanken sind das Alibi für meine Alltagsflucht ins Bett und ich schlafe darüber ein.
2

Unsere Hochzeit lag zwei Monaten hinter uns und war nur noch Erinnerung. Wobei die Erinnerung bei Ronni weiter entfernt schien, als bei mir.
Vielleicht lag es daran, dass Männer im Allgemeinen realistischer denken und fühlen als wir Frauen. Ein Ereignis, sei es auch noch so schön gewesen, das vorbei ist, wird bei ihnen einfach abgehakt. Ich bin dagegen romantischer und hänge den Erinnerungen in ruhigen Minuten noch lange nach. Das soll nicht bedeuten, dass Ronni die Hochzeit nicht genossen hat. Im Gegenteil. Ich bin mir sicher, dass der Tag unserer Hochzeit für ihn, genauso wie für mich, der schönste Tag im Leben war.
Damals waren wir beide ausgeglichen. Bei Ronni im Kommissariat ging es ruhig zu. Er hatte keine spektakulären Fälle zu lösen. Wie er mir erzählte, erledigte er überwiegend Schreibtischarbeit, die in der Vergangenheit liegen geblieben war.
Bei mir im Büro hielt sich der Stress ebenfalls in Grenzen. Natürlich hatten wir Frauen vor und nach der Hochzeit viel miteinander zu reden. Jeden Tag musste ich sie über den Stand der Vorbereitungen informieren und jede Kollegin sagte ihre Meinung dazu und gab ihre Ratschläge. Später dann, sowohl nach der standesamtlichen und insbesondere nach der kirchlichen Trauung verlangte man von mir, dass ich jedes Detail, und war es noch so unbedeutend, bis ins Kleinste schilderte. Als ich dann einige Tage später von den meisten Fotos Papierdrucke hatte anfertigen lassen, stürzten sie sich darauf und alles, was ich vorher bereits geschildert hatte, wurde nochmals allgemein erörtert.
Ich war unendlich stolz, dass alle Kolleginnen meinen Mann toll fanden und mich um ihn beneideten. Lediglich mein Juniorchef schaute mich seitdem recht misslich an. In der Vergangenheit hatten wir hin und wieder miteinander geflirtet – für mich harmlos und völlig unverfänglich. Trotzdem, mir hatte es Spaß bereitet und mein Selbstwertgefühl aufgewertet. Seinerzeit war ich mir nicht im Klaren darüber, ob es bei ihm auch nur Spaß war, oder ob bei ihm mehr dahinter steckte. Einige Male bemerkte ich, wie er mich beobachtete. Sein Gesichtsausdruck offenbarte jedes Mal Enttäuschung oder Resignation. War er frustriert, da ich mich für Ronni entschieden hatte? Es hatte den Anschein und mich freute es im Geheimen.
Es war an einem Sonntag, ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Es war schwül und es hatte den ganzen Tag über gewittert. Am Abend hatte der Regen aufgehört und wir saßen auf dem Balkon und ein neues Gewitter kündigte sich an. Wir sahen dem Zucken der Blitze in der Ferne zu. Der Donner war als leises Gemurmel zu vernehmen und schien noch weit weg zu sein. Von Minute zu Minute kam das Gewitter näher und das grollende Geräusch wurde lauter. Ronni hatte eine Flasche Rotwein von der Ahr geöffnet und wir flirteten wie ein frisch verliebtes Paar miteinander. Als sich der Wind mehr und mehr erhob, war es mit der Gemütlichkeit auf dem Balkon dahin. In Kürze würde das Gewitter über uns hereinbrechen. Wir nahmen unsere Gläser und die Flasche Rotwein und zogen ins Wohnzimmer um. Hier war es im Gegensatz zum Balkon stickig und schwül.
Es dauerte nicht lange, bis wir uns die Kleider abgestreift hatten und uns liebten. Draußen krachte der Donner und der Regen schlug gegen die Fensterscheibe.
Wenn ich daran denke, erschauere ich noch heute.
Als wir den Höhepunkt erreichten, stöhnte Ronni „Lisa“. Dieses Wort ließ mein Herz erfrieren. Ich versuchte aber, mir in diesem Moment nichts anmerken zu lassen.
Später lagen wir schweigsam nebeneinander. Ronni schien kurz vor dem Einschlafen zu sein. In mir ging alles drunter und drüber. Meine Gedanken, die ich nicht abstellen oder eindämmen konnte, hämmerten in meinem Gehirn. Ich rief mir immer wieder den Augenblick in Erinnerung- Hatte er tatsächlich „Lisa“ gestöhnt oder meinte er vielleicht mich und stöhnte „Liebste“? Ich fand keine Antwort.
Die Eifersucht und das Misstrauen gegen Ronni wuchsen wie ein Geschwür in mir und meine Stimmung war verdorben. Es war jedoch nicht nur die Eifersucht, die an meiner Seele nagte. Die Tatsache, dass mir dadurch die Angst vor Augen geführt wurde, ihn zu verlieren, wog genauso schwer.
So, wie er den Namen gestöhnt hatte, empfand ich das als einen grausamen Schlag gegen mein Selbstbewusstsein. War doch bisher die lustvolle Nennung meines Namens ein sicheres Zeichen für seinen Höhepunkt gewesen. Und jetzt das.
„Lisa“ war natürlich nicht nur ein Name, für eine für mich völlig unbekannte Frau. Mit „Lisa“ verband ich sofort die vor einiger Zeit ermordete Kollegin meines Mannes.
War da mehr als eine berufliche Beziehung gewesen? Sicherlich, beide mochten sich, das war seinerzeit offensichtlich. Aber wieso stöhnte mein Mann ihren Namen, während wir uns liebten?, grübelte ich.
Hatte ich mich tatsächlich nur verhört oder war ich hysterisch?
Ronni schien meinen Schock nicht bemerkt zu haben. Womöglich lag es am Wein – er war eingeschlafen. Voller Ärger vernahm ich seine gleichmäßigen Atemzüge. War das ein Zeichen für sein ruhiges Gewissen oder lag es allein am Rotwein?
Wenn ich heute an die Nacht von damals denke, erinnere ich mich, dass ich in dieser Nacht keine Minute geschlafen habe.
Die Zeit, in der mein Mann mit Lisa Brenner zusammen gearbeitet hatte, flog als zusammenhanglose Bildfetzen an meinem inneren Auge vorbei. Manchmal waren die Bilder klar, manchmal verschwommen oder nur angedeutet. Ein Bild sprang mir dabei immer wieder vor Augen. Das Gesicht von Lisa Brenner – und dieses Bild war klar und deutlich. Manchmal, wenn mich die Müdigkeit überkam, lächelte mich das Gesicht hämisch an. Sofort war meine Müdigkeit verflogen und ich war wieder hellwach.

In dieser Nacht liefen in meinem Kopf nochmals Ronnis Ermittlungen mit Lisa Brenner im damaligen, nebligen Herbst ab.
Er hatte damals zwei Morde an Frauen aufzuklären, die grausam hingerichtet worden waren. Die erste Leiche wurde auf der Burg Blankenberg gefunden. Die zweite auf der Burg Windeck. Der Mörder hatte furchtbare Rituale aus dem Mittelalter für seine Tat verwendet. Lisa war gerade von Köln nach Bonn versetzt worden und Ronnis Chef hatte sie ihm zur Unterstützung an die Seite gestellt. Für sie war es der erste Mordfall und eine riesige Herausforderung. Im Laufe des Falles stellte sie sich überraschend als große Unterstützung für Ronni dar und er schätzte sie immer mehr als kompetente Kollegin und Partnerin. Da der Fall völlig undurchsichtig war und eine mögliche Aufklärung in weiter Ferne zu sein schien, hatte sogar Frank Eisenstein seinen vorgezogenen Ruhestand beendet. Für ihn, Ronni und Lisa war es unzweifelhaft: Der Täter hasste Frauen, die ihren Mann verlassen hatten. Er sah sich als legitimer Rächer der betrogenen und verlassenen Ehemänner. Auch Lisa hatte eine gescheiterte Beziehung hinter sich. Ihre Leiche fand man schließlich auf dem Burghof der Burg Wissem in Troisdorf. Als der Psychopath dann auch noch mich als Geisel in seine Gewalt bekam, brach für Ronni eine Welt zusammen. Gott sei Dank konnte er mich retten und den Mörder überwältigen, der dabei vom Dach eines Hochhauses stürzte. Mehr hatte ich auch später nicht erfahren. Wahrscheinlich wollte man mir aus Rücksicht auf meine damalige labile psychische Verfassung weitere Einzelheiten ersparen.
Für mich waren das seinerzeit die schlimmsten Stunden. Ich war noch nie einem Menschen so dankbar, wie Ronni. Er hatte mein Leben gerettet.
Doch was war das für ein Leben. Mein Leben war ziemlich aus den Fugen geraten. In mir herrschte nur noch Chaos und Angst. Viele Therapiestunden bei einer guten Psychologin brachten mich schließlich wieder in ruhiges Fahrwasser und zurück in ein normales Leben.
Einen Hinweis auf ein mögliches Verhältnis mit Lisa hatte Ronni mir in der gesamten Zeit nie geliefert.
Wenn ich heute hin und wieder an jene Zeit zurückdenke, erhebt sich in mir wieder das Gefühl der Angst und des Chaos. Doch heute kann ich mit diesem Gefühl umgehen und weiß, dass alles vorbei ist – endgültig.
Ronni unterstützte mich, wo er nur konnte. Lisa Brenner war kein Thema, obschon ich ihm anmerkte, wie sehr ihn ihr Tod getroffen hatte. Für mich war das nachvollziehbar, schließlich war sie eine Kollegin – eine ausgezeichnete, sympathische Kollegin.
Doch mehr? Zuneigung oder Liebe?
Nie hätte ich daran einen Gedanken verschwendet.
Und in dieser Nacht, während das Gewitter tobte, stöhnte er im schönsten Augenblick ihren Namen!

Am nächsten Tag ging Ronni zum Dienst, als wäre nichts gewesen. Für ihn war natürlich auch nichts geschehen. Ich hatte mich bemüht, mir nichts anmerken zu lassen und ihn auch nicht zur Rede gestellt. Ich war unsicher und brauchte Zeit zum Nachdenken.
Nachdem er das Haus verlassen hatte, meldete ich mich im Büro krank. Ich konnte mich unmöglich mit gut gelaunten Kolleginnen umgeben und irgendwelche, für mich belanglose Arbeiten erledigen. Zuerst wollte ich mich ablenken und mir positive Gedanken machen, die vergangene Nacht vergessen. Wahrscheinlich waren meine Gedanken und Befürchtungen völlig abwegig und unbegründet.
Tatsächlich unbegründet? Da war sie wieder: Die Angst, die Eifersucht.
Ich holte das Fotoalbum von unserer Hochzeit aus dem Schrank. Langsam blätterte ich Seite für Seite um. Ich merkte, dass ich mir zwar die Bilder anschaute, sie aber nicht bis in mein Gehirn drangen. Das Umblättern wurde fahriger, bis ich das Fotoalbum zuschlug. Ich war wütend über mich selbst.
Den Tag über lief ich unruhig in der Wohnung auf und ab. Mehrmals versuchte ich es nochmal mit den Hochzeitsfotos. Aber sobald ich das erste Bild sah, auf dem mein Mann abgebildet war, schlug ich das Fotoalbum mit Wucht zu.
Ich war wütend und die Wut richtete sich mehr und mehr gegen Ronni, meinen Ehemann. Etwas war beschädigt worden, beschädigt in meinem Herzen.
Er rief an diesem Abend an, dass er mit Frank auf ein Bier in eine Kneipe in der Altstadt gehen würde.
Er kam spät nach Hause. Ich lag bereits im Bett. Ich wunderte mich über mich selbst, wie gefasst und ruhig ich kurz mit ihm sprechen konnte.
„Wie war es?“ – „Hattet ihr einen schönen Abend?“ – „Gibt es etwas Neues?“
Die üblichen Fragen, die eine Ehefrau stellt, wenn der Ehemann mit einem Freund unterwegs war und spät nach Hause kommt. Die Antworten waren dementsprechend knapp.
„Gut.“ – „Ja.“ – „Nein.“
Als er aus dem Bad ins Bett kam und mir einen Kuss gab, roch ich den Alkohol. Es war wohl mehr als ein Bier geworden. Er drehte sich um und schlief sofort ein.
Ich dagegen lag noch immer wach und ärgerte mich über seine Gleichgültigkeit und scheinbare Ruhe. Plötzlich erwachte ich. Ich musste wohl doch eingeschlafen sein. Die Uhr neben meinem Bett zeigte an, dass es zwei Stunden später war. Ronni wälzte sich neben mir unruhig von einer Seite auf die andere. Er schien zu träumen. Unverständliche Laute drangen aus seinem Mund.
Das sind die Folgen des zu reichlich genossenen Alkohols, dachte ich noch, als ich erschrak. Hatte ich richtig gehört?
Ich setzte mich auf und beugte mich über seinen Kopf. Er lag mit dem Rücken zu mir gewandt und ich musste mich
weit hinüberbeugen, um mein Ohr nahe an seinen Mund zu bringen.
Da, wieder. Ich hatte richtig gehört.
„Lisa“, war zwar nicht klar, aber unverwechselbar zu hören.
Nein, nicht schon wieder. Ich war außer mir. Ärger, Enttäuschung, Verletzung, alles überwältigte mich.
Ich schlug die Bettdecke zurück und rannte ins Wohnzimmer. Dort kauerte ich mich in die Sofaecke und schlang eine Decke um mich. Zuerst wollte ich die Tränen zurückhalten, aber ohne Erfolg. Dicke Tränen rannen über meine Wangen und ich schluchzte laut auf. Fassungslos, wütend, enttäuscht und gedemütigt fühlte ich mich.
Jetzt war ich überzeugt, nein, es stand fest: Ronni hatte eine Affäre mit Lisa!
Da war überhaupt nichts mehr zu beschönigen oder zu vertuschen. So war es einfach. Und ich dumme Kuh hatte nichts bemerkt. Noch viel schlimmer: Ich hatte ihn auch noch geheiratet.
Gefühlte drei Stunden saß ich auf dem Sofa, als sich die Schlafzimmertür öffnete. Ronni kam herein. Er setzte sich neben mich und schlang fast zärtlich den Arm um meine Schultern. Behutsam aber energisch drängte ich seinen Arm zurück.
„Wir müssen reden“, sagte ich zu ihm mit ernster Miene.
Er schaute mich verständnislos an. Wie sollte er auch verstehen, was mich erschütterte? Er hatte schließlich nicht bewusst Lisas Namen gestöhnt, als wir uns liebten. Mit Sicherheit konnte er sich auch nicht daran erinnern, dass er in dieser Nacht ihren Namen im Traum genannt hatte.
Trotzdem war ich wütend. Seine Unwissenheit machte es nichts besser, im Gegenteil, sie ärgerte mich maßlos. Mein Verdacht, dass er mich betrogen hatte, war einfach vorhanden. Ich hoffte inständig, dass er eine akzeptable und einleuchtende Erklärung vorbringen würde. Ich konnte und wollte mir nicht vorstellen, wie ich bei einer Bestätigung meines Verdachts reagieren würde.
„Worüber müssen wir mitten in der Nacht reden?“, fragte er ahnungslos.
„Über Lisa!“, antwortete ich schnippisch.
„Über Lisa? Lisa ist tot. Du weißt, was geschehen ist. Was gibt es darüber noch zu reden?“
Er schaute mich fragend und irritiert an.
„Du hattest eine Affäre mit ihr!“, schleuderte ich im rücksichtslos und lauthals ins Gesicht.
„Als wir uns liebten, hast du im schönsten Augenblick nicht meinen Namen gestöhnt, sondern ihren. Und in dieser Nacht hast du von ihr geträumt und ihren Namen genannt. Das reicht doch bestimmt – oder?“, schrie ich außer mir vor Wut und Enttäuschung.
Mit einem Mal schien ihm klar zu sein, wie es um mich, um ihn und um uns stand.
Lange schaute ich ihm direkt in die Augen. Ich hatte nichts mehr zu sagen und konnte nur noch warten, wie er reagieren würde. Er konnte meinem Blick nicht standhalten und schaute vor sich zu Boden. War das bereits das Schuldeingeständnis? Angst kam in mir hoch – Existenzangst um unsere Beziehung.
Dann begann er zögernd zu reden. Immer wieder stockend erzählte er, wie er Lisa kennen und schätzen gelernt hatte. Dann stand er auf, ging zum Fenster und schaute in die Dunkelheit der Nacht hinaus. Immer mehr sprudelten die Worte und Sätze wie ein Wasserfall aus seinem Mund. Als hätten sie sich über Monate in ihm gestaut und nur auf ein Ventil zum Ablassen gewartet. Ich schaute nur seinen Rücken an und wollte nicht glauben, was ich hörte. Gleichzeitig war ich unfähig, ihn zu unterbrechen oder ein Wort zu sagen.
Manchmal fuhren seine Arme fahrig durch die Luft. Es schien, als hätte er mich völlig vergessen.
Bis ins kleinste Detail erzählte er:
Wie er Lisa aufgesucht hatte und das Nachtsichtgerät für ihren Einsatz gebracht hatte.
Wie sie ihm aus Versehen den Kaffee über die Hose geschüttet hatte.
Wie er sich im Badezimmer die Hose ausgezogen hatte und trocknen wollte.
Wie sie nach ihm geschaut und sich an ihm vorbeigedrängt hatte, um ihm ein Handtuch aus dem Schrank zu geben. Wie sie dabei vor ihm stehen geblieben war und sich an ihn gedrückt hatte.
Wie er schließlich die Kontrolle über sein Gleichgewicht und dann über sich selbst verloren hatte und sie beide in der Badewanne und später im Bett gelandet waren.
Er ließ bei seiner Schilderung noch nicht einmal aus, wie er sich gefühlt hatte und was er dabei empfunden hatte. Wie er Lisa in diesen Augenblicken gemacht und begehrt hattee.
Es schien, als wollte er mit der Vergangenheit abrechnen, reinen Tisch machen.
Aber geliebt, nein, das hatte er sie nicht. Lieben würde er nur mich. Seiner Meinung nach war es ein Ausrutscher gewesen. Er war von ihr verführt, übertölpelt worden.
Als er abschließend leidenschaftslos, fast nüchtern bemerkte, dass Lisa außerdem jetzt tot sei und sie keine Gefahr mehr bedeuten würde, stand ich wortlos auf, zog mich an und verließ das Haus. Mir fehlten die Worte. Ich konnte nichts dazu sagen, ich konnte ihn noch nicht einmal mehr ansehen. Planlos lief ich durch das nächtliche Bonn. Als es dämmerte, drehte ich den Schlüssel um und betrat wieder unsere Wohnung. Mein Mann saß noch immer auf dem Sofa und starrte die Zimmerdecke an und dann mich.
Keiner von uns sagte ein Wort. Ich ging ins Schlafzimmer und schloss mich dort ein. Als ich am nächsten Tag kurz vor Mittag ins Wohnzimmer ging, war Ronni nicht mehr da. Auf dem Tisch lag ein Zettel, auf dem stand lediglich, dass er zum Büro gefahren war und dass er mich anrufen würde.
Gegen Mittag klingelte das Telefon. Im Display erkannte ich die Nummer von Ronnis Büro und überlegte, ob ich abheben sollte. Ich entschloss mich, nicht abzuheben. Nach fünf Minuten klingelte es erneut. Es war wieder seine Nummer. Ich ließ es lange klingeln, nahm dann doch ab, ohne mich zu melden.
„Ich bin es“, begann er, als wenn ich das nicht wüsste.
„Können wir heute Abend noch mal darüber reden? Es tut mir wirklich so leid. Ich liebe dich doch.“
„Wir haben bisher all die Monate nicht darüber geredet. Nur du hast in der vergangenen Nacht geredet. Demzufolge brauchen wir also nicht noch mal darüber zu reden. Du hast alles gesagt, was es zu sagen gibt. Ich brauche Zeit.“
„Das verstehe ich ja. Wie soll es denn mit uns weitergehen?“
Seine Stimme klang zaghaft und zitterte leicht. Ich hatte den Eindruck, dass ihn seine Schuldgefühle quälten. Das gab mir Sicherheit und Oberwasser.
„Das kann ich dir jetzt noch nicht sagen. Wir werden sehen.“
Nach diesen Worten legte ich auf, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich hatte anfangs nicht gedacht, dass dieses Gespräch mir so gut tun würde. Mir war mit einem Male klar, dass ich ihm nie würde vergeben können. Und noch etwas wurde mir klar. Ich würde mich für die Verletzung, für die Erniedrigung, die er mir zugefügt hatte, rächen. Ich wollte ihn leiden sehen.
Die nächsten Tage waren schrecklich. Es herrschte eisige Kälte. Ich spürte, wie er darunter litt. Er war äußerst aufmerksam und hin und wieder versuchte er, ein Gespräch zu beginnen. Ich ignorierte seine Aufmerksamkeiten und sagte nur das äußerst Notwendigste.
In mir war nicht nur etwas beschädigt, in meinem Herzen war etwas zerbrochen. Trotz allem konnte ich nicht den großen, entscheidenden Schritt machen und ihn verlassen.
Es war noch etwas da, was mich davon abhielt. Ich weiß bis heute nicht, was es war. War es ein Rest von Liebe oder war es die Sehnsucht nach Rache? Wollte ich nur bei ihm bleiben, um das Vergnügen zu genießen, ihn leiden zu sehen, wenn ich mich rächen würde?
In den kommenden Wochen besserte sich unser Zusammenleben. Wir gewöhnten uns beide an die Situation. Über Lisa oder über die Nacht seines Geständnisses verloren wir kein Wort mehr.
Irgendwann konnten wir an manchen Tagen sogar wieder miteinander lachen. Ein Fremder hätte vielleicht nicht einmal bemerkt, dass in dieser Ehe etwas vorgefallen war, das in vielen Ehen einen normalen Umgang miteinander unmöglich gemacht hätte.
Eines Abends, ich weiß nicht mehr wie lange es nach der Nacht der Wahrheit war, schliefen wir wieder miteinander. Bei mir war es die Lust auf Sex. Was Ronni dabei fühlte, kann ich nicht sagen, Wahrscheinlich war es bei ihm mehr.
Im September hatte er die Idee, dass wir zusammen eine Woche Urlaub machen sollten. Weit weg vom Einerlei des Alltags. Irgendwohin, wo es schön und warm wäre. Er fand, dass sich unsere Beziehung verbessert habe und ein Urlaub ein „weiterer Schritt in die richtige Richtung“ sei. Er schlug einen Wanderurlaub auf Mallorca vor. Grundsätzlich stand ich diesem Vorschlag nicht abgeneigt gegenüber. Mallorca, Spanien, meine Heimat, Sonne, Wandern. Ja, ich stimmte zu.
Wir hatten Glück und konnten eine Last-Minute-Reise nach Port de Sóller buchen. Ein schöner, kleiner Küstenort an der Nordwestküste der Baleareninsel in der Region Serra de Tramuntana. Eine hervorragende Wanderregion.
Einige Tage vor dem geplanten Reisetermin erhielten wir die Reiseunterlagen. Als ich sie in meinen Händen hielt, stellte sich bei mir eine starke Vorfreude ein, die ich bisher noch nicht verspürt hatte. Anders als bei unseren bisherigen Reisen richteten sich die Freude und die Spannung nur auf die Reise, das Land und die damit verbundenen Annehmlichkeiten. Ronni spielte in meinen freudvollen Vorstellungen keine Rolle. Ich verhielt mich ihm gegenüber reserviert. Ich wollte die Freude nicht mit ihm teilen. Sie sollte nur für mich reserviert sein.
Auch Ronni verhielt sich anders als sonst. Angespannt, nervös, oder war es eine Reaktion auf meine Reserviertheit? Er sagte zwar, dass er sich freue, aber sein Mienenspiel und sein Tonfall unterstrichen diese Worte nicht.
Am Tag vor unserer Abreise sagte er beiläufig, dass er noch einmal mit dem Wagen weg müsse. „Wir können die Koffer packen, wenn ich wieder zurück bin, meinte er.
Wäre ich nicht bereits ein „gebranntes Kind“ gewesen, hätte ich mir nichts dabei gedacht. In diesem Fall kam mir die Beiläufigkeit, wie er das sagte, zu beiläufig vor.
Ronni nahm den Schlüssel seines Dienstwagens und verließ unsere Wohnung. Zuerst starrte ich unentschlossen auf die geschlossene Wohnungstür. Doch mit einem Mal wusste ich, was ich zu tun hatte. Ich nahm den Schlüssel unseres privaten Wagens und verließ ebenfalls die Wohnung.
Als ich den Zündschlüssel im Zündschloss umdrehte, konnte ich gerade noch sehen, wie er um die Straßenecke bog. Ich fuhr hinterher und bemerkte bald, dass er den Weg zur Autobahn einschlug. Er fuhr auf die Autobahn in Richtung Troisdorf und ich ließ mehr als ausreichend Abstand, damit er mich nicht bemerkte. In Troisdorf nahm er die Ausfahrt. Er durchquerte die Stadt und spätestens am Beginn der Altenrather Straße ahnte ich, wohin er wollte.
Er bog in die Heerstraße zum Waldfriedhof ein. Ich fuhr weiter geradeaus. Wenig später wendete ich und näherte mich dem Friedhof von der anderen Seite der Heerstraße. Meinen Wagen parkte ich in einer Seitenstraße.
Da ich ahnte, wohin er wollte, ging ich zu Fuß bis zum Zaun, der das Friedhofsgelände umgab. Ich war lediglich zur Beerdigung von Lisa auf diesem Friedhof gewesen, konnte mich aber erinnern, dass ihr Grab nicht weit von der Einzäunung entfernt war. Vorsichtig suchte ich eine Stelle, von der aus ich in Richtung Lisas Grab sehen konnte.
Da stand er – mein Ehemann, am Grab seiner verstorbenen Geliebten!
Wieso war ich so ruhig? Dieser Anblick hätte mich doch erschüttern müssen. Ich war einfach ruhig, heute würde ich sagen, eiskalt.
Ich hatte genug gesehen und musste mich beeilen, damit ich vor Ronni wieder in der Wohnung war.
Die zwanzig Minuten bis nach Hause überlegte ich, wieso er zum Grab von Lisa gegangen war?
War das eine Lüge gewesen, als er mir gesagt hatte, dass das damals nur ein Ausrutscher war? „Ich habe Lisa nicht geliebt, ich liebe nur dich“, hatte er geschworen. War das alles nur Schauspiel? War ich nur die Lückenbüßerin für Lisa? Ober hatte er nicht gelogen und wollte mit der Urlaubsreise neu mit mir anfangen und dieser Besuch am Grab war eine Art Abschied – Abschied für immer?
Ich fand keine Antwort und würde wahrscheinlich auch nie eine Antwort finden. Man kann nun einmal nicht in die Gefühlswelt und in die Gedanken eines anderen Menschen hineinblicken. Man sieht immer nur sein Gesicht, seine Reaktionen und Taten und vernimmt seine Worte. Man kann glauben was man sieht und hört – oder eben nicht.
Was ich bisher gesehen und gehört hatte, war deprimierend. Keinesfalls war es so erbaulich, dass man darauf ein Leben hätte aufbauen können.
Trotz allem würde ich am nächsten Tag den Urlaub antreten, das stand für mich felsenfest. Ich wollte leben und genießen.
Ronni sollte büßen und leiden und das wollte ich genießen. Vielleicht ergab sich im Urlaub bereits eine Möglichkeit, ihn leiden zu sehen. Andernfalls würde danach noch genügend Zeit und Gelegenheit sein.
3

Die gestrige Wanderung hat mir gut getan, auch wenn das Wetter nicht zum Wandern einlud. Nachdem ich danach tatsächlich zwei Stunden am helllichten Tag geschlafen hatte, fühlte ich mich wie neu geboren. Die anschließende heiße Dusche trug zusätzlich das Ihre dazu bei. Daher befürchte ich nicht, dass ich mir durch den Regen eine Erkältung zugezogen habe. Dieser Gedanke spornt mich an, demnächst noch öfter in der Heide wandern zu gehen, egal wie das Wetter sein wird.
Bereits heute will ich meine nächste Wandertour starten. Zuerst fuhr ich nach einem ausgiebigen Frühstück den Berg hinunter nach Lohmar, um Brot, Wurst, Käse und einige Konserven einzukaufen. Außerdem hatte ich mir für meine künftigen Wanderungen einige Päckchen von diesen scharfen Kaminwurz-Würstchen und für heute zwei Brötchen mitgebracht.
Gut gelaunt ziehe ich meine Wanderschuhe und die Regenjacke an. Einen dicken Pullover habe ich direkt heute Morgen angezogen. Dann packe ich die zwei Brötchen, drei dieser kleinen Würstchen und eine Flasche Wasser in den Rucksack und verlasse die Wohnung. Bevor ich losgehe, schaue ich in den Himmel. Es ist zwar bedeckt aber es sind keine dicken Regenwolken zu sehen. Ich vermute, es wird ein angenehmer Herbst-Wandertag. Bereits gestern Abend hatte ich mir eine Route auf einer Karte im Internet herausgesucht und ausgedruckt. Die Karte steckte ich in meine Jackentasche. Geplant habe ich, im Gebiet auf der rechten Seite der Altenrather Straße bis kurz vor Troisdorf zu wandern, dort die Straße zu überqueren und dann auf der anderen Seite durch den Wald wieder zurück zu gehen. Wahrscheinlich werde ich dafür mehrere Stunden benötigen.
Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke bis zum Hals hoch, gehe schnellen Schrittes durch den Ort und bin erstaunt, dass mich der eine oder andere Einwohner freundlich grüßt.
Aus Bonn bin ich das nicht gewohnt. Mich grüßte niemand, wenn ich durch die Stadt ging. Noch nicht einmal in der Straße, in der wir wohnten. Nun ist Bonn natürlich um ein Vielfaches größer als Altenrath und man lebt dort wesentlich anonymer, als in diesem beschaulichen Heidedorf. Außerdem waren sowohl Ronni als auch ich tagsüber fast nie zu Hause. Wer sollte uns da schon kennen und grüßen?
Womöglich haben mich gestern Einheimische durch das Fenster aus ihrer warmen Stube gesehen, wie ich völlig durchnässt von meiner Wanderung zurückkam und haben gedacht: Wieso läuft diese Frau bei solch einem Wetter in der Heide umher und sind erstaunt, dass ich heute erneut unterwegs bin. Vielleicht bin ich bereits nach zwei Tagen Gesprächsstoff bei den Menschen hier im Ort.
Ich schmunzle, wie ich mir vorstelle, wenn ich später wieder ins Bett krieche und den Rest des Tages verschlafe. Sicherlich ist das auch ein Zeichen dafür, dass mein Trainingszustand zurzeit nicht optimal ist.
Seinerzeit auf Mallorca hat mir das Wandern weniger ausgemacht. Körperlich war ich fitter, wenn auch seelisch angeschlagen.
Nachdem ich auch die letzten Häuser hinter mir gelassen habe und mich nur noch die Stille der Natur umgibt, sind sie wieder da, die Gedanken der Vergangenheit.

Die kurze Erinnerung an unsere Wanderungen auf Mallorca ist der Auslöser. Wie im Kino läuft der Film vom ersten Tag des Urlaubs in meinen Gedanken ab.
Die Ankunft in der wunderschön gelegenen Hotelanlage oberhalb des Hafens von Port de Sóller. Das Frühstück im Schein der gerade aufgegangenen Sonne, mit Blick über den Hafen und auf die Berge der Serra de Tramuntana im Hintergrund. Die ersten kleinen Spaziergänge um den Hafen und zur Stadt Sóller. Dann die etwas weiteren Wanderungen ins Gebirge und schließlich die folgenschwere Wanderung ab dem Cúber Stausee.
Wenn ich mich recht erinnere, waren wir an dem Tag, an dem wir zum Cúber-Stausee wollten, direkt nach dem Frühstück zum Hafen hinunter gegangen, um noch für jeden eine Flasche Wasser zu kaufen. Der Bus, der uns zum Stausee bringen sollte, wurde in Port de Sóller eingesetzt und wir beabsichtigten, an der zweiten Haltestelle zuzusteigen.
Bereits von weitem sahen wir den orange-gelben Bus der Verkehrsgesellschaft TIB – Transports de les Illes Balears. Das hinter der Frontscheibe aufgestellte Hinweisschild zeigte an, dass es sich um die Linie 354 mit Zielort Can Picafort handelte. Die automatischen Türen öffneten sich fast direkt vor uns. Wir drängten uns mit den anderen wartenden Reisenden in den Bus. Unser Wunsch war es, einen Sitz in einer der ersten Reihen und falls das nicht mehr möglich war, zumindest einen Fensterplatz zu ergattern. Schließlich hatten wir lange vor der fahrplanmäßigen Abfahrt eine günstige Position in der Menschenschlange verteidigt. Der Busfahrer kassierte den Fahrpreis in stoischer Ruhe. Ihm schien es gleich zu sein, ob er das Endziel mit zehn oder zwanzig Minuten Verspätung erreichen würde. Bei einer Gesamtfahrzeit von drei Stunden fiel eine Verspätung in dieser Größenordnung hier im Süden sowieso nicht ins Gewicht.
„Seien Sie doch vorsichtig mit Ihren Wanderstöcken!“, ertönte die laute Stimme einer älteren Dame, die beinahe unliebsamen Kontakt mit den Spitzen der Stöcke eines älteren Herrn gemacht hatte.
„Entschuldigung“, entgegnete der Mann vor ihr in reinstem sächsischen Dialekt und lächelte die Dame dabei entwaffnend an.
Leider erwischten wir keinen Platz mehr in den ersten Reihen. Wir waren froh, noch zwei Plätze nebeneinander in der Mitte des Busses zu bekommen.
Ronni beanspruchte den Fensterplatz für sich, da er unterwegs einige Fotos schießen wollte. Wir hatten gelesen, dass die Fahrt durch grandioses Gelände mit fantastischen Ausblicken ging.
Bevor ich mich hinsetzte, fiel mein Blick in den hinteren Teil des Busses. Verdammt! Was wollte der denn hier? Ich hatte den Mann in der letzten Reihe sofort erkannt, auch wenn er sich die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen hatte. Er war nicht mit uns eingestiegen, er saß bereits dort. Wahrscheinlich war er an der ersten Haltestelle eingestiegen. Woher wusste er, dass auch ich mit diesem Bus fahren würde? Eines war für mich klar: Dieser Mann nutzte nicht den Bus, um zu einem Ausgangspunkt für eine Wanderung gefahren zu werden. Er war ausschließlich meinetwegen da!
Ronni schien mein Zögern bemerkt zu haben.
„Komm schon, setz dich. Wir fahren sofort ab.“
Zum Glück drehte er sich nicht um und schaute nicht in die Richtung, in die ich gerade blickte. Ich setzte mich neben ihn. Er schien nichts bemerkt zu haben.
Nachdem alle Plätze besetzt waren, schloss der Fahrer die Türen. Den wenigen noch draußen wartenden Reisewilligen deutete er mit einer kurzen Handbewegung an, dass nichts mehr ginge und fuhr los. Die mehr oder weniger lauten Unmutsäußerungen der abgewiesenen Fahrgäste vernahm er nicht mehr.
Der weitaus überwiegende Teil der Reisenden waren Deutsche. Die, die zum ersten Mal einen Bus auf den Balearen nutzen wollten, wussten offensichtlich nicht, dass es Stehplätze, wie in deutschen Bussen und Bahnen üblich, hier aus gutem Grund nicht gab. Auf den engen, kurvenreichen Straßen wäre die Sicherheit auf Stehplätzen nicht gewährleistet.
Der Bus verließ Porto Sóller über die erst vor einigen Jahren fertiggestellte Umgehungsstraße, der Vial 23 sa Figuera, in Richtung Sóller. Dort stiegen einige Fahrgäste aus. Um die freien Plätze entbrannte sofort ein Kampf der wartenden Wanderer. Schnell waren die Plätze wieder besetzt und der Rest der Wartenden scharte sich um die Eingangstür und versuchte, durch lautstarke Verhandlung den Fahrer zu überreden, mitgenommen zu werden. Erst als der Fahrer von seinem Sitz hinter dem Lenkrad aufstand und die Menge energisch und bestimmt aus dem Türbereich drängte, war dem größten Teil der Leute klar, dass sie mit dem nächsten Bus Vorlieb nehmen mussten.
Ohne weiteren Halt ging die Fahrt jetzt hoch hinauf in den Nationalpark, der Serra de Tramuntana.
Ronni schien nervös zu sein. Unablässig drehte er den Ehering an seinem Finger. Der Ring schien zu weit zu sein. Ich hatte die Befürchtung, dass er ihn verlieren würde. Bei der Hochzeit stimmte die Weite noch tadellos. Hatten die letzten Wochen und Monate ihm doch stärker zugesetzt als ich dachte? Womöglich war der Gewichtsverlust so hoch, dass der Ehering als Symbol unserer Ehe nur noch lose um seinen Finger hing? Es ist doch erstaunlich, dass manchmal kleine Äußerlichkeiten das Innere eines Menschen und einer Beziehung widerspiegeln, dachte ich damals.
Der Bus schraubte sich in endlos scheinenden Serpentinen ins Gebirge hoch.
Aleppo-Kiefern, Rosmarin und Heidekraut bewuchsen die Hänge rechts und links der Straße. Je höher die Straße ins Gebirge führte, desto dürftiger wurde die Vegetation. Nur die Bergkiefern trotzten in den Höhen noch der Kraft des Windes und der kargen Böden.
Die meisten Menschen kennen das Gefühl, als spüre man einen bohrenden Blick im Nacken, wenn man heimlich beobachtet wird. Manchmal hatte ich dieses Gefühl und ich konnte mich dann nicht mehr auf die Fahrt und die Landschaft konzentrieren. Hin und wieder riskierte ich einen Blick in den rückwärtigen Teil des Busses. Jedes Mal, wenn mein Blick ihn erhaschte, schaute er zum Fenster hinaus und schien sich für niemanden, auch nicht für mich, zu interessieren.
Ronni und ich redeten kaum miteinander. Er malträtierte weiterhin seinen Ehering und schaute dabei zum Fenster hinaus. An einigen Stellen machte er mich mit drei Worten wie: „Schau mal dort“, auf eine besonders schöne Aussicht aufmerksam. Ich antwortete, wenn überhaupt, nur mit einem einsilbigen „Mmh“ oder nickte nur.
Meine Gedanken kreisten unablässig um den Mann mit der Schirmmütze in der vorletzten Reihe. Ich musste unbedingt Kontakt zu ihm aufnehmen – koste es, was es wolle. Solange Ronni bei mir war, war das undenkbar. Wie sollte ich ihm erklären, dass mein Juniorchef Rolf Dabinghaus hier auf Mallorca war, wenn noch nicht einmal ich wusste, was er hier wollte. Eventuell wohnte er ebenfalls in Port de Sóller, womöglich sogar im selben Hotel wie wir. Diese Vorstellung war für mich schrecklich.

Bei dieser Rückschau zieht sich etwas in meinem Inneren zusammen. Bevor mich die Erinnerung gänzlich überrollt, reiße ich mich in die Gegenwart zurück.
Ich stehe an einer Abzweigung des Weges und blinzle in das helle Grau des Tages. Welchen Weg muss ich einschlagen? Ich vermute, ich sollte weiter dem Weg geradeaus folgen. Sicher bin ich mir allerdings nicht. Vorsichtshalber nehme ich die Karte aus meiner Jackentasche. Richtig, ich darf nicht rechts abbiegen, sondern ich muss weiter diesen Weg gehen, der später in den Eisenweg mündet. Ich stecke die Karte zurück in meine Jackentasche und schaue in den Himmel. An einigen Stellen reißt die graue Wolkendecke auf und es zeigen sich blaue Flecken. Prima, denke ich. Dann werde ich wohl heute vom Regen verschont bleiben. Einen großen Schluck aus der Wasserflasche, dann kann es weiter gehen und nach kurzer Zeit sind meine Erinnerungen wieder da. Ich lasse sie zu und versuche erst gar nicht, sie zu vertreiben. Es wäre vermutlich sinnlos. Vielleicht gehört das fortwährende sich an die Vergangenheit erinnern und sich gedanklich damit zu beschäftigen dazu, sie zu bewältigen. Ändern kann ich ohnehin nichts mehr. Was geschehen ist, ist geschehen.

Nach Ronnis Beichte änderte sich mein Leben völlig – nein, nicht nur mein Leben änderte sich, auch meine Einstellung zum Leben und zur Partnerschaft mit meinem Ehemann änderte sich.
Vorher ging ich so gut wie nie allein aus. Vielleicht auf ein Glas Wein mit den Kolleginnen, mehr auch nicht. Ronni und ich verbrachten unsere Freizeit, wenn es sich irgendwie einrichten ließ, immer zu zweit.
Das änderte sich jetzt grundlegend. Ich ließ keine Gelegenheit aus, ja, ich suchte jede sich bietende Möglichkeit, allein meine Freizeit zu gestalten. Ich besuchte kreative Kurse der Volkshochschule, entweder allein oder mit der einen oder anderen Kollegin. Ich ging in Museen und in verschiedene Theater in Bonn.
Ich konnte den Zustand unserer Ehe nicht lange vor den Kolleginnen geheim halten. Sie merkten recht bald, dass ich der Zweisamkeit mit meinem Mann entfloh, als wäre sie etwas Unangenehmes.
Immer öfter kam es vor, dass mich eine Kollegin abends zu einem Drink in eine Bar oder zum Besuch einer Disco einlud. In den meisten Fällen nahm ich diese Einladung an und es waren immer schöne Abende, die mich meine Probleme vergessen ließen.
Auch mein Chef merkte die Veränderung und umschwärmte mich mit Komplimenten und manchmal mit einer Einladung zu Events von Kunden oder öffentlichen Veranstaltungen, wo er repräsentieren musste. Ronni blieb in der Zeit meistens zu Hause und hockte sich zerknirscht vor den Fernseher. Darauf wollte ich keine Rücksicht mehr nehmen. Es war immer ein schöner Abend mit Rolf, meinem Chef. Er stellte mich gerne als seine beste Kollegin vor, das mir selbstverständlich schmeichelte. Fast immer kam es im Laufe des Abends vor, wenn wir ein paar Gläser getrunken hatten, dass wir ein wenig flirteten. So, wie wir es früher öfter getan hatten, unverfänglich und harmlos. Wenn die Abende weiter fortschritten, erhielten unsere Flirts eine andere Dimension und wurden intensiver und eindeutiger. Es war für mich so eine Art Trotzreaktion gegenüber Ronni nach dem Motto: Was du kannst, kann ich schon lange.
An einem Samstagabend besuchte unsere gesamte Belegschaft eine Ü30-Party. Auch Rolf war dabei. Wir tanzten alle ausgelassen. Wegen des Frauenüberschusses besuchten wir häufig nur wir Frauen die Tanzfläche. Zu später Stunde kam es immer öfter vor, dass Rolf meine Nähe suchte und mich als seine Tanzpartnerin wählte. Ich hatte nichts dagegen. Welche Frau wird nicht gerne von einem Mann umworben und dann noch von ihrem Chef? Ich zählte nicht zu den Frauen, die sich das verwehrten.
Meinen Kolleginnen blieb das nicht verborgen und sie lästerten bereits hinter vorgehaltener Hand. Vor dem dritten langsamen Tanz steckte mir eine Kollegin leise, dass Rolf es sei, der sich beim DJ die langsamen Songs wünschte. Na und, dachte ich, soll er doch, wenn es ihm Spaß bereitet. Mir gefiel es ebenfalls, denn Rolf war ein guter Tänzer, der sich alle Mühe gab, mich auch während des Tanzes gut zu unterhalten.
Irgendwann war es dann soweit. Ich hatte es erwartet und sicherlich sogar auch zum Teil provoziert. Er drückte mich fester an sich und seine Hand strich von der Schulter hinunter bis zum Ende meiner Wirbelsäule. Ich ließ es geschehen. Ich sah ihn an und wusste im selben Augenblick, was folgen würde. Er beugte seinen Kopf und berührte mit seinen Lippen zuerst meine Stirn, dann meinen Nasenrücken und endlich meinen Mund. Auch das ließ ich geschehen. Ich wollte es, wobei ich vor meinem inneren Auge Lisa und Ronni sah. Wider Erwarten musste ich feststellen, dass er gut küsste und überraschend musste ich mir gestehen, dass es mir gefiel. Ich spürte seine Erregung und drängte mich stärker gegen ihn. Ich genoss es, wobei meine Erregung sich in Grenzen hielt. Ich genoss die Macht, die ich in diesem Augenblick über ihn hatte und den erhebenden Stolz, es meinem Mann heimzuzahlen.
Wenn es nach Rolf gegangen wäre, wären wir mit Sicherheit in dieser Nacht zusammen im Bett gelandet. Als er mir ins Ohr flüsterte, dass er mich liebe, mit mir sein geheimster und innigster Wunsch in Erfüllung gehen würde, zog ich noch rechtzeitig die Reißleine.
Es war nicht so, dass er optisch nicht meinen Vorstellungen entsprach. Er war groß, schlank, fast muskulös, hatte dunkelblondes Haar und ein männliches Gesicht, das immer ein Dreitagebart zierte. Man konnte mit ihm über jedes Thema sprechen und er hatte auch eine humorvolle Seite, wodurch das Flirten mit ihm mir viel Spaß bereitete. Das Fatale war, dass die Optik und die Tatsache, dass er ein geistreicher Unterhalter war, trotzdem nicht die Regungen meines Herzens ansprachen. Damit war eigentlich schon alles gesagt. Ich konnte nicht einmal genau erklären, was mich gegen eine Beziehung mit ihm unbewusst blockierte. Möglich, dass seine Bestimmtheit und seine, wie ich fand, überzogene, dominante Art das „Gesamtpaket Mann“ überlagerte und mich abstieß. Liebe? – Nein, das war überhaupt kein Thema für mich. Wir wären keine gleichwertigen Partner. Er war noch nicht einmal ein Mann, mit dem ich nur Sex haben wollte. Nicht einmal, um mich an Ronni zu rächen.
Zum Glück war er ein Mann mit Stil, gewissermaßen ein Gentleman. Er akzeptierte mein Nein, zumindest an diesem Abend. Wir setzten uns an einen Tisch, weitab der Tanzfläche und unterhielten uns. Zeitweise kam es mir vor, als hätte es diese Annäherung von vorhin nicht gegeben.
Irgendwann kamen wir auf mich, auf meinen Mann und unsere Ehe zu sprechen. Wahrscheinlich weil ich zu viel Alkohol getrunken hatte, erzählte ich ihm in einer schwachen Minute von Ronnis Seitensprung und seinen Träumen.
Ich sagte ihm auch, dass wir nach Mallorca fliegen wollten, sozusagen als Neuanfang unserer Beziehung.
„Und wenn das nicht funktioniert mit dem Neuanfang, was machst du dann?“, fragte er und schaute mich dabei unerwartet ernst an.
„Dann suche ich mir dort einen neuen Mann“, lachte ich.
„Leider stehst du dort dann nicht zur Verfügung“, fügte ich mit einem Augenzwinkern hinzu.
Er schaute mich gespielt unglücklich an. Oder war das gar nicht gespielt?
Wir sprachen noch darüber, wie schade es sei, dass nach einer so kurzen Ehe bereits solch enorme Schwierigkeiten auftraten. Dabei unterstrich ich immer wieder, dass diese Schwierigkeiten nicht durch mein Fehlverhalten aufgetreten seien, sondern Ronni allein die Schuld daran tragen würde.
Rolf war sehr mitfühlend und hatte für mich Verständnis. Leider beging ich den Fehler und ließ mich von ihm trösten. Dabei kamen wir uns erneut näher und wir küssten uns flüchtig auf den Mund. Und wieder bildete ich mir ein, Ronnis Fremdgehen zu strafen.
Obschon nicht mehr geschehen war, hatte ich das Gefühl, mit Rolf einen Verehrer zu haben, der seine Chance weiterhin suchte und in Zukunft nicht locker lassen würde. Ich ahnte damals nicht, wie Recht ich damit haben sollte.

Nun saß er im Bus und ich rätselte, was er vorhatte, was er von mir wollte. Dass er zufällig auf Mallorca, zufällig in Porto Sóller und zufällig hier im Bus war, konnte ich nicht glauben.
Vielleicht musste ich gar nicht den Kontakt zu ihm aufnehmen, um seine Absicht zu erfahren. Möglicherweise würde er sogar den Kontakt zu mir aufnehmen wollen. Hoffentlich würde er dann so diskret sein, einen Zeitpunkt zu wählen, wenn mein Mann nicht in der Nähe war.
Aber wieso sollte er eigentlich? Sollte Ronni doch erfahren, dass auch ich meine Männergeschichten hatte. Er wäre der Letzte, der mir etwas vorwerfen könnte.
So tendierten meine Gedanken einmal in die eine, dann in die andere Richtung, ohne dass ich mich für eine Variante hätte entscheiden können.
Nachdem der Bus den Straßentunnel Mirador-Ma-10 passiert hatte, öffnete sich das Gelände und eine fantastische Bergwelt lag vor uns. Wer bisher noch nicht seine Kamera gezückt hatte, nahm sie jetzt zur Hand. Im Bus war das fortwährende Klicken der Auslöser zu hören. Auch mein Mann gab sich ganz der Landschaft hin und schoss ein Bild nach dem anderen.
Die Straße verlief jetzt unterhalb des Puig Major, der mit 1445 m der höchste Berg Mallorcas ist. Nachdem wir die Militärbasis Puig Major passiert hatten, führte uns die Straße leicht abwärts und wir sahen in der Ferne den Cúber-Stausee in seiner intensiv blau schimmernden Farbe. Wenige Minuten später hielt der Bus auf dem Wanderparkplatz an und Ronni und ich, sowie ein kleiner Teil der Reisenden stiegen aus. Der Rest würde sicherlich weiter zum Kloster Lluc oder nach Can Picafort zum Baden fahren.
Ronni warf sich den Rucksack über die Schulter und stürmte sofort los in Richtung See. Ich folgte ihm in zwei bis drei Meter Abstand, wobei ich unauffällig Ausschau nach Rolf hielt. Würde er die gleiche Strecke wandern wie wir? Die übrigen Reisenden wählten einen anderen Weg. Rolf war nirgendwo zu sehen. Weder war er bei der Gruppe der anderen Wanderer, noch folgte er uns.
Wahrscheinlich war er im Bus geblieben und hatte andere Pläne. Irgendwie war ich beruhigt.
Ich schloss zu Ronni auf und genoss zum ersten Mal an diesem Tag die überwältigende Landschaft. Den Puig Major im Rücken, ging es zunächst bequem am linken Stauseeufer entlang in Richtung Staumauer. Vor dem Überqueren der Staumauer stellten wir uns abwechselnd an das Geländer und machten die üblichen, gestellten Touristenfotos.
Nach kurzer Zeit stieg der Weg an und wir durchquerten das Gelände der großen Finca L‘Ofre. In der Ferne sahen wir bereits den Sattel, den höchsten Punkt unserer Wanderstrecke. Wir verließen den bisher breiten Weg und bogen in einen schmalen Pfad ein, der steil bergauf führte.
Vorher drehte ich mich nochmals um und suchte mit den Augen, soweit ich schauen konnte, den bisher gegangenen Weg ab. Von meinem Juniorchef war keine Spur zu sehen.
Oben angekommen, gingen wir noch ungefähr fünfzig Meter bis zu einem Aussichtsplatz. Von dort hatten wir einen freien Blick auf Sóller und seine Umgebung. Die Felswände fielen von hier steil in eine Schlucht ab.
Bisher hatten wir nur wenig miteinander geredet. Wenn, dann nur über die großartige Landschaft und das tolle Wetter. Das war ganz in meinem Sinne. Für tiefgreifende Gespräche war ich Moment nicht in der Stimmung.
Ronni stellte den Rucksack ab, gab mir die Kamera und kletterte zum Rand der Schlucht.
„Bleib doch hier am Weg stehen. Das Foto wird doch dann genauso schön!“, rief ich ihm hinterher.
„Nein, nein. Wenn schon ein Bild von dieser grandiosen Aussicht, dann soll ich auch auf dem Foto zu sehen sein“, war seine Antwort, die ich auch in dieser Form erwartet hatte.
Ich ärgerte mich immer wieder über solche waghalsigen Aktionen und fragte mich, wieso er unbedingt mit auf dem Foto abgelichtet werden musste. Die tolle Landschaft mit Blick auf Sóller und dem Meer in der Ferne reichte doch völlig aus. Ein solch schönes Landschaftsbild würde mir auch in Zukunft noch gefallen. Fotos, auf denen mein Mann im Vordergrund stand, interessierten mich nicht mehr. Sollte er sich doch die Beine brechen. Mir war das grundsätzlich egal. Nur dass in solch einem Fall mein Urlaub beendet sein würde, ärgerte mich.
„Aber was bringt es, wenn du bei dieser Aktion umknickst und dir den Fuß oder das Bein brichst?“, versuchte ich ihn daher von seinem Vorhaben abzubringen.
„Du immer mit deinen Ängsten.“
Dabei lachte er kurz und drehte sich lächelnd zu mir um. Ich lächelte nicht zurück. Mir fehlte einfach die Lockerheit.
„So, du kannst jetzt den Auslöser betätigen“, forderte er mich auf.
„Ich kann kaum etwas erkennen. Die Sonne scheint direkt auf das Display.“
„Schirm das Display mit einer Hand ab. Das hilft vielleicht. Das wird bestimmt eines der schönsten Fotos dieser Woche“, orakelte er lachend.
Mir war völlig unverständlich, woher er seine Hochstimmung und gute Laune nahm. Seitdem ich Rolf gesehen hatte, war bei mir keine Hochstimmung vorhanden, sondern nur noch Hochspannung. Trotzdem unternahm ich verschiedene Versuche, das Display vor der Sonne abzuschirmen, damit ich etwas erkennen konnte.
„Nun mach schon! Ich kann nicht ewig hier so stehen bleiben!“, rief er jetzt ungeduldig.
Ich konzentrierte mich auf das Display, damit ich endlich das geplante Foto einigermaßen beurteilen konnte.
Mit einem Mal lenkte mich das Gepolter von Steinen ab. Ich schaute von meiner Kamera auf und blickte in die Richtung des Abhangs. Verzweifelte Hilfeschreie ertönten. Mein Mann stand nicht mehr an der Stelle, an der er vorher noch für das „schönste“ Foto posiert hatte. Ronni war weg – einfach nicht mehr da.
Mir war sofort klar, dass er abgestürzt sein musste. Ich war zu keiner Reaktion fähig. Ich stand da, mit dem Fotoapparat in der Hand und konnte mich nicht von der Stelle rühren. Ich war wie versteinert.
Erneut drang ein langgezogener Hilferuf an mein Ohr, der aus der Tiefe des Abhangs zu kommen schien.
Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter. Meine Starre schien sich noch zu verstärken, falls das überhaupt möglich war. Mein Gehirn versagte seinen Dienst.
„Bleib ganz ruhig. Jetzt hast du die Chance, die du haben wolltest. Du kannst endlich Rache üben, für das, was er dir angetan hat. Ich stehe zu dir, was auch immer du jetzt tun wirst.“

Mir läuft gegenwärtig ein Schauer über den ganzen Körper, als ich mich erinnere, wie ich Rolfs Stimme hinter mir erkannte. Ich habe bis heute keine Ahnung, wo er so plötzlich herkam. Ich hatte ihn bei der Ankunft am Wanderparkplatz vergeblich gesucht. Auch unterwegs hatte ich mich mehrmals erfolglos nach ihm umgeschaut. Und plötzlich war er einfach da. Wie aus dem Nichts.

Meine Lebensgeister erwachten wieder und ich schüttelte die Hand von meiner Schulter. Wie in einem Albtraum, in dem man das Ende des Weges nie erreicht, kletterte ich über die Felsen. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte ich den Abhang.
Ronni hielt sich mit beiden Händen an einer schmalen Felskante fest. Seine Fingerkuppen waren blutig.
Mit spröder Stimme bat er mich, mit beiden Händen einen Arm von ihm zu fassen und ihn hochzuziehen.
Er legte seinen Kopf ein wenig in den Nacken und schaute mir in die Augen, so wie er mir noch nie in die Augen gesehen hatte. Ich sah seine Angst, seine Todesangst. Dann schwenkten seine Augen zu Rolf, der neben mich getreten war.
„Du entscheidest, was jetzt geschehen soll.“
Rolf war neben mich getreten und sprach so ruhig wie jemand, den die groteske Situation in keiner Weise berührte.
Ronnis Augen weiteten sich, als er verstand, was geschehen würde. Sein letzter Hilfeschrei drang noch bis an mein Ohr, aber nicht mehr in meinen Kopf.

„Guten Tag. So ganz alleine hier in der Heide?“, ertönt neben mir eine freundliche männliche Stimme.
Ich erschrecke fast zu Tode und werde abrupt aus meinem Horrorszenario der Erinnerungen gerissen.
„Oh, Entschuldigung. Ich wollte Sie nicht erschrecken.“
„Nicht so schlimm“, lüge ich.
„Ich war so in Gedanken versunken, dass ich Sie nicht bemerkt habe“, füge ich als Erklärung hinzu.
Ich drehe mich zur Seite und schaue in ein Gesicht mit markanten Zügen, einem breiten Kiefer und einem ausgeprägten Kinn. Ein freundliches Lächeln um seine Mundwinkel und seine gebräunte Haut lassen ihn für mich seriös erscheinen. Nach dem ersten Blick würde ich sagen: Der Mann gefällt mir, auch wenn er mindestens zehn Jahre älter ist als ich.
„Wo wollen Sie denn hin?“, will er wissen.
„Bis kurz vor Troisdorf und dann auf der anderen Straßenseite zurück nach Altenrath“, gebe ich bereitwillig Auskunft.
„Und wohin wollen Sie?“, frage ich leicht naiv hinterher, obschon ich den Mann doch überhaupt nicht kenne und mich das auch grundsätzlich nicht interessiert.
„Ich gehe bis zu den ersten Häusern von Troisdorf. Dort habe ich dann meine kleine Wanderung beendet. Am Waldrand steht mein Auto“, antwortet der Mann und führt sofort das Frage und Antwortspiel weiter.
„Meine Wanderstrecke ist bei weitem nicht mit Ihrer Strecke vergleichbar. Sind Sie denn gar nicht ängstlich? Als junge Frau ganz allein hier in der Heide? In dieser Jahreszeit und dann an einem Wochentag sind hier nicht viele Menschen unterwegs.“
Dabei mustert er mich von der Seite. Ein zufriedenes Grinsen zeigt mir, dass sein Urteil gut ausgefallen zu sein scheint.
„Nein, ich bin nicht ängstlich. Ich glaube, es gibt wesentlich weniger schlechte Menschen, als allgemein angenommen wird“, antworte ich und gebe ihm ein Lächeln zurück.
„Dann können wir doch bis Troisdorf zusammen gehen, wenn Sie nichts dagegen haben? Es sei denn, Sie möchten wieder Ihren Gedanken nachhängen?“
„Nein, nein. Es ist schon in Ordnung, wenn ich nicht so viel nachdenke. Ein wenig Abwechslung tut mir sicherlich gut.“
Während der Unterhaltung sind wir langsam weitergegangen. Jetzt, da wir ein gemeinsames Ziel haben, schlagen wir wieder ein normales Wandertempo an.
Damit die Unterhaltung nicht ins Stocken gerät, frage ich ihn, ob er sich seine Bräune im Urlaub im Süden geholt habe.
„Nein. Ich war nicht in Urlaub. Im Frühjahr und im Sommer lebe ich in Spanien, auf Mallorca. Im Herbst komme ich dann nach Deutschland. Ich bin erst vor einer Woche angekommen.“
Jemand, der in Spanien lebt, wenn auch nur zeitweise, weckt natürlich mein Interesse.
„Und wo leben Sie auf Mallorca? Bestimmt in einer dieser Touristenmetropolen? Dort liegen Sie den ganzen Tag am Strand in der Sonne oder vertreiben sich die Zeit mit Wassersport.“
Ich versuche, ihn mit dieser Behauptung ein wenig aus der Reserve zu locken.
„Nein, um Gottes willen, nein“, lacht er mir ins Gesicht und zeigt mir dabei seine strahlend weißen Zähne, um dann sofort ernsthaft eine Erklärung hinterherzuschicken.
„Meine Mutter betreibt in Biniaraix, das ist ein kleines Dorf im Tramuntana-Gebirge, eine kleine Taberna. Im Frühjahr und Sommer, wenn die Touristen vom Cúber-Stausee oder von Fornalutx kommen und durch das Dorf nach Sóller wandern, helfe ich ihr. Im Herbst und Winter gehe ich dann meinen Geschäften in Deutschland nach.“
Bei den Worten „Biniaraix“, „Tramuntana-Gebirge“ und „Cúber-Stausee“ bleibe ich unbeabsichtigt stehen. Ich bin geschockt. Mir wird übel.
„Was haben Sie? Habe ich etwas Falsches gesagt?“, fragt mein Begleiter besorgt.
„Nein, nein. Es ist schon wieder alles in Ordnung. Mir wurde nur gerade schwindelig.“
„Sie sind auch ganz schön blass. Haben Sie das öfter?“
„Ja, manchmal. Aber es geht wieder.“
„Sind Sie sicher? Ich kann vorgehen, das Auto holen und Sie gerne nach Hause fahren.“
„Nein, nein, das ist nicht notwendig. Es ist schon vorbei. Mir geht es wieder gut.“
„Dort unten ist die Straße. Von dort ist es nicht mehr weit bis zu der Stelle, von der Sie zurück nach Hause gehen können.“
Er zeigt mit ausgestrecktem Arm zum Ende des Weges. Durch die kahlen Sträucher kann ich die Straße bereits sehen.
„Wir überqueren die Straße und halten uns danach links. Ich begleite Sie noch bis zur Altenrather Straße. Dort können Sie dann, so wie Sie es geplant haben, auf der anderen Straßenseite nach Altenrath zurückgehen. Ich habe von dort aus nur noch ein kleines Stück Weg bis zu meinem Wagen, der kurz vor Troisdorf steht.“
Die Unterhaltung ist beendet, obschon mir eine Menge Fragen auf den Lippen brennen. Mir fehlt der Mut, diese Fragen zu stellen, da ich Angst vor den Antworten habe.
Ich spüre, wie er mich hin und wieder von der Seite prüfend anschaut. Wahrscheinlich macht er sich Sorgen um mein Wohlergehen, denke ich. Als wir die Straße erreichen, die ich vom Wald aus gesehen habe, sind es vielleicht nur noch fünfhundert Meter bis zur Altenrather Straße.
Bevor er sich verabschiedet, vergewissert er sich nochmals, dass es mir wieder gut geht und bietet erneut seine Fahrdienste an, die ich aber dankend und entschieden ablehne.
„Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Rückweg und passen Sie auf sich auf. Ich bin sicher, wir sehen uns demnächst wieder“, sagt er zum Abschied.
„Vielleicht treffen wir uns erneut beim Wandern hier in der Heide“, fügt er nach dem nächsten Atemzug hinzu.
Ich bin froh, als er mir die Hand gibt und sich verabschiedet. Ich benötige nun unbedingt etwas Zeit und Ruhe, um das, was dieser Mann soeben über sich, seine Mutter und über Mallorca gesagt hat, zu verarbeiten und einschätzen zu können.
Erst jetzt fällt mir ein, dass ich noch nicht einmal nach seinem Namen gefragt habe. Der Mann hatte aber auch nicht nach meinen Namen gefragt – vielleicht zum Glück. Oder kennt er meinem Namen und hat deshalb nicht danach gefragt? Ich bekomme ein flaues Gefühl im Magen und meine Beine werden zittrig.
Ich lehne mich gegen einen Baumstamm. Nach kurzer Zeit habe ich mich soweit erholt, dass ich die Straße überqueren und den Heimweg antreten kann.
4

Der Rückweg nach Hause steigt leicht an. Wobei ich die kleine Wohnung in Altenrath bereits als mein Zuhause betrachte. Der Wanderweg führt ständig entlang der Straße. Bestimmt hätte ich auch einen Weg finden können, der weiter entfernt von der Straße verläuft, aber ich will auf dem schnellsten Weg zurückgehen.
Es ist erst wenige Tage her, seitdem ich in die möblierte Wohnung in Altenrath eingezogen bin. Ich hatte gehofft, dort, wo mich niemand kennt und wo mich nichts an die Vergangenheit erinnert, Ruhe und Abstand von den verhängnisvollen Ereignissen der letzten Monate zu finden.
Stattdessen stelle ich zu meinem Entsetzen fest, dass sich meine beklemmenden Unruhezustände und Angstgefühle verschlimmern. Oft komme ich auch nachts nicht zur Ruhe und tagsüber plagen mich dann Kopfschmerzen. Darüber hinaus treffe ich heute zufällig diesen Mann in der Wahner Heide, der für eine lange Zeit im Jahr auf Mallorca lebt. Diese Tatsache wäre nicht einmal gravierend. Dass er im Tramuntana-Gebirge und dort ausgerechnet in Biniaraix lebt, hat mich dann doch beinahe die Fassung verlieren lassen.
Biniaraix ist immerhin der Ort, der im Tal unterhalb der Stelle liegt, von der Ronni abgestürzt ist. Oben am Berg waren wir völlig allein. Da bin ich mir hundertprozentig sicher. Aber unten im Ort …
Natürlich, er hat doch gesagt, dass seine Mutter im Ort eine Taberna betreibt, in der er im Sommer hilft. Ich war später in einer kleinen Bar in Biniaraix. Vielleicht war das die Taberna seiner Mutter. War er womöglich seinerzeit auch in der Bar und hat mich wiedererkannt? Möglich wäre es, aber nicht sehr wahrscheinlich, sage ich mir zur Beruhigung. Eine Bar besuchen viele Menschen, gerade im Sommer und ausgerechnet mich soll er wiedererkannt haben? Unwahrscheinlich. Und falls doch, dürfte das auch kein Problem darstellen. Wenn er in der Bar war, konnte er unmöglich gesehen haben, was weit oben am Berg geschehen war.
Trotz alledem habe ich immer noch Zweifel, ob die Begegnung tatsächlich rein zufällig war. Zumal er beim Abschied so bestimmt sagte, dass wir uns wiedersehen werden. Erst als ich ihn verwundert anschaute, fügte er schnell hinzu, dass wir uns vielleicht noch mal beim Wandern in der Heide treffen würden.
Ach, Blödsinn, ich sehe bestimmt schon Gespenster. Der Mann macht auf mich einen aufrichtigen Eindruck, sieht gut aus und ist sympathisch, sogar sehr sympathisch. Sofern man das nach einer verhältnismäßig kurzen Begegnung beurteilen kann.
Sollten wir uns noch einmal treffen, werde ich alle Fragen stellen, die ich aus Angst vorhin nicht gestellt habe.
Dann werde ich zweifellos feststellen, dass meine Bedenken völlig unbegründet sind.
Ich ärgere mich über mich selbst, wieso ich mir wieder die fatalen Geschehnisse ins Gedächtnis rufe. Aber was soll´s.
Ich erreiche gerade eine Straßengabelung. Ein Blick auf meine Karte sagt mir, dass ich die Straße überqueren und weiter den Weg geradeaus entlang der Straße benutzen muss.
Es wird noch eine Weile dauern, bis ich zu Hause bin. Nur wenn ich mich mit dem, was nicht mehr zu ändern ist, unterwegs beschäftige, kann ich es bestimmt schneller verarbeiten. Hier draußen an der frischen Luft und in Bewegung ist das einfacher, als wenn ich allein in der Wohnung sitze und Trübsal blase.

Ronni war abgestürzt. Rolf, mein Chef, und ich hatten es nicht verhindert – im Gegenteil. Das ist die Realität, aus der ich das Beste für mich machen will und mit der ich künftig leben muss.
„Ronni ist tot. Du hast es so gewollt. Komm, wir müssen hier weg“, waren Rolfs erste Worte, nachdem Ronni abgestürzt war und das Poltern der Steine und des Gerölls verstummte.
Ich schubste ihn mit beiden Händen zur Seite. Ich wollte das nicht hören. Noch nicht einmal seine Stimme vernehmen. Ich wollte nicht wieder bedrängt werden und irgendwelche Anweisungen befolgen. Würde er mich doch nur allein lassen und einfach verschwinden, dachte ich. Ich drehte mich um und kehrte ihm den Rücken zu.
Ich musste mit mir klarkommen. Ich musste durchatmen, mich beruhigen und schlug die Hände vors Gesicht.
Er schien das begriffen zu haben und ließ mir ein wenig Zeit.
In meinem Kopf schwirrten die Gedanken wie in einem Bienenstock. Einen klaren Gedanken konnte ich nicht fassen. Lediglich eine Erkenntnis kristallisierte sich heraus: Rolf und ich waren aufeinander angewiesen und es nutzte gar nichts, wenn ich mich von ihm abwand und ihn ignorierte.
Ich drehte mich wieder zu ihm hin und schaute ihn fragend und auch etwas flehend an, denn ich baute darauf, dass er sagen würde, was zu tun war.
Rolf nahm sofort die Gelegenheit wahr und entschied, dass wir uns sofort trennen müssten und jeder für sich den Weg hinab ins Tal gehen sollte. Er fand es wichtig, dass uns niemand zusammen in den Bergen sah.
„Ich gehe zuerst. Warte noch etwas, bevor du mir folgst. Wir treffen uns in Biniaraix in einer ‚Kneipe‘. So viele gibt es dort nicht. Du wirst mich schon finden. Wir werden dort besprechen, wie es weitergeht.“
Er wartete keine Antwort oder einen Einwand von mir ab, sondern drehte sich um und machte sich auf den Weg ins Tal.
Ich stand allein hier oben am Abhang, wo irgendwo tief unten der Leichnam meines Mannes lag.
Warum hatte ich zugelassen, dass das, was geschehen war, geschah? War meine Seele zu schwach, um die Verletzungen, die Ronni mir zugefügt hatte, zu ertragen? War das der Grund für die Eskalation der Gewalt gewesen? Damals, als Ronni mir seinen Seitensprung gebeichtet hatte und mir gestand, wie sehr er Lisa begehrt hatte, hatte ich ihm Rache geschworen. Ich wollte ihn leiden sehen. Doch jetzt, wollte ich das immer noch? Wollte ich tatsächlich seinen Tod? Ich war mir zumindest unsicher.
Ich beugte mich soweit es ging über den Rand des Abhangs. In der flirrenden Luft sah ich nur kahle, steile Felsen, aufgelockert durch Stellen mit Geröll aus Felsgestein, das mit niedrigem Buschwerk bewachsen war. Die Natur schien Ronni verschluckt zu haben.
Die Sonne stand als riesiger, glühender Ball fast direkt über mir. Es wehte kein Lüftchen. Nichts bewegte sich. Es war so still, wie zu der Zeit, als wir hier oben angekommen waren.
„Ronni, hörst du mich?“
Stille, absolute Stille. Er antwortete nicht.
Ich schaute mich unsicher um. Es war niemand zu sehen. Ich versuchte es noch einmal.
„Ronni, kannst du mich hören?“
Ich lauschte angestrengt. Die Stille dröhnte in meinen Ohren. Nichts.
Ich begriff langsam, dass Rolf recht hatte. Ronni hatte den Absturz nicht überlebt. Er hatte keine Chance, dafür war an dieser Stelle der Abhang zu steil und zu tief.
Ich hatte es so gewollt – es war so geschehen. Ich hätte zufrieden sein müssen, war es aber nicht. Ich musste mir eingestehen, dass direkt im Anschluss an Gewalt ein großes Stück Verzweiflung aufkommt.
Ich löste mich aus dem Bann der Absturzstelle und kletterte über die Felsen zurück zum Weg. Als ich mir den Rucksack über die Schulter hing, stutzte ich. War das eine Sinnestäuschung, die bei meiner jetzigen Anspannung durchaus verständlich wäre?
Aus der Schlucht, dem Barranc de Biniaraix, drang die Musik eines Dudelsacks zu mir hoch.
Wer spielte hier in dieser verlassenen Gegend Dudelsack? In einem Gelände, in dem vor kurzer Zeit ein Mensch ums Leben gekommen war. Im ersten Moment fand ich das äußerst makaber. Ich wurde nervös. Kann womöglich ein Zusammenhang zwischen dem Dudelsackspiel und Ronnis Todessturz bestehen?, überlegte ich.
Ich hatte das Gefühl, bald durchzudrehen. Ich stemmte mich gegen dieses Gefühl. Nein, entschied ich energisch. Es war kein Zusammenhang möglich. Es konnte nur Zufall sein.
Ich machte mich auf den Weg in die Tiefe des Barranc.
Der Weg war ein jahrhundertealter Pfad, der früher ein Zugangsweg zu den Olivenplantagen gewesen war und später als Pilgerweg genutzt wurde. Der Belag bestand ausschließlich aus rundgetretenem Kopfsteinpflaster. In regelmäßigen Abständen folgten Stufen und eine Serpentine reihte sich an die andere, in schier unendlicher Folge.
Der Abstieg war beschwerlich, auch wenn es bergab ging. Bereits nach kurzer Zeit klebte mir mein T-Shirt am Körper und meine Knie schmerzten.
Der Weg schmiegte sich auf der rechten Seite an schroff und störrisch abfallende Felswände. Links befand sich der Canyon.
Immer wieder suchten meine Augen die Felsen und Geröllfelder ab. Keine Spur von Ronni.
Der Weg ins Tal dauerte unendlich lange. Unterwegs fragte ich mich mehrmals, wo eigentlich mein schlechtes Gewissen blieb? Bei einem Menschen, der Schuld auf sich geladen hat, muss doch das schlechte Gewissen anklopfen, grübelte ich. Ich konnte dagegen keinerlei Gewissensbisse empfinden. Jedes Mal, wenn ich mir diese Frage stellte, hatte ich stattdessen das Bild meines Mannes, vereint im Liebesakt mit Lisa, vor Augen.
Trotzdem plagten mich Zweifel. Wie sollte es jetzt weitergehen? Ich hatte keinen Plan. Wie sollte ich auch? Ich war unvorbereitet in diese Situation geraten. Klar, ich hatte Rache gewollt. Ich hatte mir sogar vorgestellt, dass ich ihn aus Wut erschlagen würde. Er sollte auch leiden, aber als ich mich dann tatsächlich entscheiden musste, war ich planlos gewesen und hatte spontan reagiert.
Ich hatte jetzt während des Abstiegs Zeit, meine nächsten Schritte zu überlegen und nicht wieder spontan zu handeln.
Sollte ich nicht besser die Polizei einschalten und erklären, Ronni sei aus eigenem Verschulden abgestürzt? Man würde eine aufwendige Suchaktion starten und wenn man ihn gefunden hätte, ärztlich untersuchen. Aber wie sollte ich dann seine Handverletzungen und womöglich Brüche der Finger erklären? Auf jeden Fall würde mich die spanische Polizei so lange festhalten, vielleicht sogar ins Gefängnis stecken, bis die Obduktion durchgeführt wäre. Spätestens dann wäre unzweifelhaft klar, dass eine Fremdeinwirkung vorliegen musste.
Außerdem war völlig unklar, wie Rolf dazu stehen würde. So wie ich ihn einschätzte, würde er die Einschaltung der Polizei strikt ablehnen.
Nein. Mein Entschluss stand fest: keine Polizei!
Je weiter ich abstieg, desto mehr änderte sich die Landschaft. Der Barranc auf meiner linken Seite hatte sich in Terrassen verändert, die durch uralte Trockenmauern gehalten wurden auf denen knorrige Olivenbäume seit scheinbar ewigen Zeiten wuchsen.
Die Musik des Dudelsacks hatte vor einigen Minuten so überraschend geendet, wie sie begonnen hatte. Irgendwie war ich erleichtert darüber.
Bevor das Kopfsteinpflaster endete, musste ich ein Mal über eine alte Brücke und ein anderes Mal von Stein zu Stein einen Bach überqueren, der zu dieser Jahreszeit nur wenig Wasser führte. Ich hielt inne und spritzte mir das kalte Wasser ins Gesicht. Die Erfrischung setzte neue Kräfte in mir frei.
Am früheren Waschhaus kam ich in das Bergdorf Biniaraix. Der Weg war jetzt eine schmale Gasse, die weiter bergab an historischen, mallorquinischen Häuserfassaden vorbei zum Kirchplatz führte.
Ich betrachtete die alten Häuser ringsum. Die Kirche konnte ich nicht direkt ausmachen, da sie zwischen zwei Häusern eingezwängt war und praktisch keine Fassade hatte. Zum Hauptportal führte eine Treppe hoch. Daneben erhob sich der weiße Glockenturm, der zwischen Portal und Häusern eingezwängt und kaum erkennbar war.
Die Kirche zog mich unwiderstehlich an. Langsam stieg ich die Stufen hoch und öffnete die schmucklose, schwere Holztür in einem ebenso schmucklosen Portal. Ich trat ein und schaute mich um. Da ich aus dem gleißenden Sonnenlicht kam, empfand ich die Kälte und Dunkelheit im Kirchenraum als angenehm. Es dauerte einige Sekunden, bis sich meine Augen an das spärliche Licht gewöhnt hatten. Ich ging den Gang neben den Bänken entlang bis fast vor den Altar.
Die Kirche bestand aus nur einem Schiff. An den Seiten erkannte ich mehrere Kapellen. In den Bänken saßen einige ältere Frauen und schienen ins Gebet vertieft. Sie waren einfach gekleidet. Manche trugen ein Kopftuch.
Diesen Frauen ging es wahrscheinlich schlechter als mir. Sie suchten vielleicht Trost und Hilfe im Gebet. Der Pfarrer kreuzte den Altar, der aus Stein oder Marmor bestand, wobei ich mir Marmor in Anbetracht der allgemeinen Einfachheit des Gotteshauses nicht vorstellen konnte. Er machte einen Knicks, bekreuzigte sich und verschwand in einer Tür neben dem Altar. Die wenigen Gläubigen beachtete er nicht. Anscheinend ein uralter Mann, der nur mit Gott verbunden zu sein schien.
Ich wollte wieder hinaus in die Sonne. Mich fröstelte es in meinem durchschwitzten T-Shirt und ich fühlte mich hier drinnen fehl am Platz. Ich bin nicht gläubig, obschon ich in Spanien geboren bin. In einem Land, in dem der Großteil der Bevölkerung der katholischen Glaubensgemeinschaft angehört.
Bisher hatte ich Gott nichts zu sagen gehabt, auch jetzt nicht.
Und er mir scheinbar auch nicht.
Als ich mich zum Gehen umdrehte, fiel mein Blick auf einen männlichen Rücken, der sich zum Ausgang hinbewegte. Die Person hob sich von den übrigen Anwesenden ab. Nicht, weil es ein Mann war, sondern wegen seiner Kleidung: Weißes Hemd, rote Hose und Turnschuhe. Besonders jedoch wegen seiner Haltung. Groß, aufgerichtet, mit erhobenem Kopf. Genau wie Ronni. Auch die rote Hose, genau wie Ronnis Hose.
Der Mann hatte bereits die Eingangstür passiert und die Tür schloss sich hinter ihm.
Ich überlegte nicht lange. Ich reagierte sofort und rannte den Gang hinunter zum Ausgang. Meine Schritte hallten im Kirchenschiff. Eine ältere Dame in der letzten Reihe schaute mich an und schüttelte den Kopf. Ich hatte sie offensichtlich im Gebet gestört. Ich reagiert nicht auf ihre Geste und lief weiter. Auch ich wurde gerade gestört, gestört von einem Mann, der Ronni sein konnte, wenn das überhaupt möglich war. Konnte Ronni augenscheinlich völlig unversehrt und aufrecht durch die Kirchentür verschwinden?
Ich riss die Tür auf. Die Sonne blendete mich und ich musste einen Moment stehen bleiben. Dann schaute ich mich um. Am Ende des Platzes bog der Mann in eine enge Seitenstraße ein. Ich lief ihm hinterher.
Als ich nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war, rief ich laut „Hallo, bleiben Sie bitte stehen!“
Бесплатный фрагмент закончился.
