Читать книгу: «Die ersten Menschen im Mond»
H. G. Wells
Die ersten Menschen im Mond
Impressum
Covergestaltung: Olga Repp
Übersetzer: Felix Paul Greve
Digitalisierung: Gunter Pirntke
2017 andersseitig.de
ISBN
9783961184033 (ePub)
9783961184040 (mobi)
andersseitig Verlag
Dresden
www.andersseitig.de
info@new-ebooks.de
(mehr unter Impressum-Kontakt)
Inhalt
Impressum
1 Mr. Bedford lernt Mr. Cavor zu Lympne kennen
2 Wie das Cavorit zum ersten Male gemacht wurde
3 Der Bau der Sphäre
4 In der Sphäre
5 Die Fahrt zum Mond
6 Die Landung auf dem Mond
7 Sonnenaufgang auf dem Mond
8 Ein Mondmorgen
9 Das Kundschaftern beginnt
10 Auf dem Mond verirrte Menschen
11 Die Mondkalbweiden
12 Das Gesicht des Seleniten
13 Mr. Cavor stellt ein paar Vermutungen auf
14 Experimente der Mitteilung
15 Die schwindlige Brücke
16 Gesichtspunkte
17 Der Kampf in der Höhle der Mondschlächter
18 Im Sonnenschein
19 Mr. Bedford allein
20 Mr. Bedford im unendlichen Raum
21 Mr. Bedford in Littlestone
22 Die erstaunliche Mitteilung Mr. Julius Wendigees
23 Ein Auszug aus den sechs ersten von Mr. Cavor erhaltenen Botschaften
24 Die Naturgeschichte der Seleniten
25 Der Mondherrscher
26 Die letzte Botschaft, die Cavor zur Erde sandte
1 Mr. Bedford lernt Mr. Cavor zu Lympne kennen
Wie ich mich hier mitten im Schatten des Weinlaubs unter dem blauen Himmel Süditaliens zum Schreiben hinsetze, wird es mir mit einer gewissen Tönung der Verwunderung klar, daß meine Teilnahme an den erstaunlichen Abenteuern Mr. Cavors im Grunde nur die Folge des reinsten Zufalls war. Es hätte jeder sein können. Ich geriet zu einer Zeit in diese Dinge hinein, als ich glaubte, der geringsten Möglichkeit störender Erlebnisse entrückt zu sein. Ich war nach Lympne gegangen, weil ich den Ort für den ereignislosesten in der ganzen Welt gehalten hatte. »Auf jeden Fall«, sagte ich, »werde ich hier Frieden finden, und eine Möglichkeit zu arbeiten.«
Und dieses Buch ist die Folge; so absolut widerstreitet das Geschick all den kleinen Plänen der Menschen.
Ich kann hier vielleicht erwähnen, daß ich sehr kürzlich einen scheußlichen Reinfall in gewissen geschäftlichen Unternehmungen erlebt hatte. Jetzt, da ich hier sitze, umgeben von allen Einzelheiten des Reichtums, liegt ein Luxus darin, meine Not zuzugeben. Ich kann sogar zugeben, daß mein Unglück bis zu einem gewissen Grade handgreiflich mein eigenes Werk war. Vielleicht gibt es Richtungen, in denen ich einiges Talent habe, aber die Leitung von Geschäftsoperationen ist nicht unter ihnen. Aber in jenen Tagen war ich jung, und meine Jugend nahm unter anderen tadelnswerten Formen die eines Stolzes auf meine geschäftlichen Fähigkeiten an. Ich bin noch immer jung an Jahren, aber die Dinge, die mir widerfahren sind, haben etwas von der Jugend aus meinem Geiste fortgetrieben. Ob sie darunter irgendwelche Weisheit ans Licht gebracht haben, das ist weniger zweifellos.
Es ist kaum nötig, im einzelnen auf die Spekulationen einzugehen, die mich zu Lympne in Kent landeten. Heutzutage hängt selbst um Geschäftsunternehmungen ein starker Schein des Abenteuers. Ich riskierte etwas. In diesen Dingen handelt es sich unweigerlich um eine gewisse Menge von Geben und Nehmen, und schließlich fiel mir das Geben zu. Ich tat es widerstrebend genug. Selbst als ich aus allem heraus war, hielt es ein widerhaariger Gläubiger für angebracht, böswillig zu sein. Vielleicht ist Ihnen einmal jenes flammende Gefühl verletzter Tugend begegnet, oder vielleicht haben Sie es nur gefühlt. Er jagte mich scharf. Mir schien zuletzt, mir blieb nichts weiter übrig, als ein Drama zu schreiben, wenn ich mich nicht als Handlungsgehilfe um meinen Lebensunterhalt plagen wollte. Ich habe eine gewisse Phantasie und luxuriöse Anlagen, und ich gedachte, kräftig darum zu kämpfen, ehe mich jenes Schicksal faßte. Außer meinem Glauben an meine Talente als Geschäftsmann hatte ich in jenen Tagen stets die Vorstellung gehabt, ich sei imstande, ein sehr gutes Drama zu schreiben. Ich glaube, diese Überzeugung ist nicht sehr ungewöhnlich. Ich wußte, außer legitimen Geschäftsspekulationen hat nichts so üppige Möglichkeiten, und sehr wahrscheinlich beeinflußte das meine Meinung.
Ich entdeckte bald, daß ein Drama zu schreiben, längere Zeit in Anspruch nahm, als ich vorausgesetzt hatte; erst hatte ich zehn Tage darauf gerechnet, und ich kam nach Lympne, um ein pied-à-terre zu haben, solange es in Arbeit war. Ich schätzte mich glücklich, daß ich das kleine Sommerhaus bekam. Ich bekam es auf dreijährigen Kontrakt. Ich setzte ein paar Stück Möbel hinein, und solange das Drama in Arbeit war, besorgte ich mein Kochen selber. Mein Kochen hätte Mrs. Bond entsetzt. Und doch, wissen Sie, es hatte Würze. Ich hatte einen Kaffeetopf, einen Blechkocher für Eier und einen für Kartoffeln und eine Bratpfanne für Wurst und Speck – das war der einfache Apparat meiner Gemütlichkeit. Man kann nicht immer großartig sein, aber die Einfachheit ist eine stets mögliche Alternative. Im übrigen hatte ich auf Kredit ein Achtzehn-Gallonen-Faß Bier eingenommen, und ein vertrauensvoller Bäcker kam jeden Tag. Es war vielleicht nicht im Stil von Sybaris, aber ich habe schlimmere Zeiten erlebt. Der Bäcker tat mir ein wenig leid, denn er war wirklich ein sehr anständiger Mann, aber selbst für ihn hoffte ich.
Wenn jemand Einsamkeit sucht, so ist sicherlich Lympne der Ort. Es liegt im Lehmteil von Kent, und mein Häuschen stand auf dem Rande einer alten Meeresklippe und blickte über die Marschebene von Romney aufs Meer hinaus. Bei sehr nassem Wetter ist der Ort fast unzugänglich, und ich habe gehört, der Postbote gehe zuzeiten die saftigeren Teile seiner Straße mit Brettern an den Füßen. Ich habe es nie gesehen, aber ich kann es mir ganz gut vorstellen. Vor den Türen der wenigen Hütten und Häuser, die das gegenwärtige Dorf ausmachen, stecken große Birkenbesen, mit denen man den schlimmsten Lehm abfegt, was eine ungefähre Vorstellung von der Beschaffenheit des Distrikts geben wird. Ich zweifle, ob der Ort überhaupt vorhanden sein würde, wenn er nicht eine verblassende Erinnerung an auf ewig vergangene Dinge wäre. Er war zu römischen Zeiten der große Hafen Englands, Portus Lemanus, und jetzt ist das Meer vier Meilen entfernt. Den ganzen steilen Hügel hinunter findet man Geröll und Massen römischer Ziegel, und von ihm aus springt die alte Watling Street, stellenweise noch gepflastert, wie ein Pfeil nach Norden. Ich stand oft auf dem Hügel und dachte an all das, die Galeeren und Legionen, die Gefangenen und Offiziere, die Spekulanten wie mich, den ganzen Schwarm und Tumult, der im Hafen ein und aus rasselte. Und jetzt gerade noch ein paar Haufen Geröll auf einem Grashang, ein oder zwei Schafe – und ich! Und wo der Hafen gewesen war, lagen die Marschflächen, die sich rings in weiter Kurve bis zum fernen Dungeneß herumschwangen und hier und dort mit drei Bäumen und dem Kirchturm mittelalterlicher Städte gesprenkelt waren, die jetzt Lemanus in das Verlöschen folgten.
Jener Ausblick auf die Marsch war denn auch eine der schönsten Aussichten, die ich je gesehen habe. Ich glaube, Dungeneß war fünfzehn Meilen entfernt; es lag wie ein Floß auf dem Meere, und weiter nach Westen hin lagen die Hügel von Hastings unter der untergehenden Sonne. Bisweilen hingen sie nah und klar, bisweilen schienen sie blaß und niedrig, und oft verbarg der Zug des Wetters sie dem Auge ganz. Und all die näheren Teile der Marsch waren von Gräben und Kanälen durchzogen und erhellt.
Das Fenster, an dem ich arbeitete, überblickte den Horizont dieses Kammes, und von diesem Fenster aus kam mir Cavor zuerst vor die Augen. Ich rang gerade mit meinem Szenarium und hielt meinen Geist an die bloße, harte Arbeit daran niedergedrückt, und natürlich genug störte er meine Aufmerksamkeit.
Die Sonne war untergegangen, der Himmel war eine lebhafte Ruhe von Grüns und Gelbs, und gegen ihn tauchte er schwarz auf – die sonderbarste kleine Gestalt.
Er war ein kurzer, rundleibiger, dünnbeiniger kleiner Mann mit etwas Ruckweisem in seinen Bewegungen; er hatte es für angebracht gehalten, seine außerordentliche Seele in eine Kricketmütze, einen Überrock und Radfahrhose und -Strümpfe zu kleiden. Warum er das tat, weiß ich nicht, denn er fuhr nie Rad und spielte nie Kricket. Es war ein zufälliges Zusammentreffen von Kleidungsstücken, das sich, ich weiß nicht wie, ergeben hatte. Er gestikulierte mit den Händen und Armen, warf seinen Kopf umher und summte. Er summte wie etwas Elektrisches. Nie hat man so ein Summen gehört. Und von Zeit zu Zeit räusperte er sich mit ganz außerordentlichem Lärm.
Es war Regen gefallen, und jenes, sein krampfhaftes Gehen, wurde noch durch die äußerste Schlüpfrigkeit des Fußpfads verstärkt. Genau, als er vor die Richtung der Sonne kam, machte er Halt, zog eine Uhr heraus, zögerte. Dann machte er mit einer Art krampfhafter Geste kehrt und zog sich mit jedem Zeichen der Eile zurück; er gestikulierte nicht mehr, sondern ging mit weiten Schritten, die das relativ große Format seiner Füße – sie wurden, wie ich mich erinnere, im Format durch anhaftenden Lehm grotesk übertrieben – so vorteilhaft wie nur möglich zeigten.
Dies geschah am ersten Tage meines Aufenthalts, als meine Dramenschreibe-Energie auf ihrer Höhe stand, und ich betrachtete den Zwischenfall nur als eine ärgerliche Ablenkung – die Verschwendung von fünf Minuten. Ich kehrte zu meinem Szenarium zurück. Aber als sich die Erscheinung am Abend darauf mit merkwürdiger Präzision wiederholte, und sogar jeden Abend, wenn kein Regen fiel, wurde die Konzentration und das Szenarium zu einer beträchtlichen Anstrengung. »Zum Henker mit dem Kerl,« sagte ich, »man könnte meinen, er wolle Marionettenspielen lernen!« und mehrere Abende lang verfluchte ich ihn aus ganzem Herzen.
Dann wich mein Ärger dem Staunen und der Neugier. Warum auf aller Welt konnte ich es nicht mehr aushalten, und sobald er erschien, öffnete ich das französische Fenster, ging über die Veranda und nahm die Richtung auf den Punkt zu, wo er unabänderlich Halt machte.
Er hatte die Uhr gezogen, als ich ihn erreichte. Er hatte ein rundes, rotes Gesicht mit rötlichbraunen Augen – bisher hatte ich ihn nur erst gegen das Licht gesehen. »Einen Moment, Herr,« sagte ich, als er kehrt machte.
Er starrte. »Einen Moment«, sagte er, »sicherlich. Oder wenn Sie länger mit mir zu reden wünschen und es nicht zu viel verlangt ist – Ihr Moment ist vorbei – wäre es Ihnen zu viel Mühe, wenn Sie mich begleiteten?«
»Nicht im geringsten,« sagte ich, indem ich mich neben ihn begab.
»Meine Gewohnheiten sind regelmäßig. Meine Zeit für den Verkehr – begrenzt.«
»Dies, nehme ich an, ist Ihre Zeit für die Bewegung?«
»Ganz recht. Ich komme hierher, um den Sonnenuntergang zu genießen.«
»Das ist nicht wahr.«
»Herr?«
»Sie sehen ihn nie an.«
»Sehe ihn nie an?«
»Nein. Ich habe Sie dreizehn Abende beobachtet, und Sie haben kein einziges Mal nach dem Sonnenuntergang geblickt – kein einziges Mal.«
Er runzelte die Stirn, wie einer, der auf ein Problem stößt.
»Nun, ich genieße das Sonnenlicht – die Atmosphäre – ich gehe diesen Pfad entlang, durch die Pforte da« – er ruckte mit dem Kopf über die Schulter – »und herum – –«
»Das ist nicht wahr. Das haben Sie nie getan. Das ist alles Unsinn. Es gibt da gar keinen Weg. Heut abend, zum Beispiel – –«
»O! Heut abend! Lassen Sie sehen; Ah! ich blickte gerade auf meine Uhr, sah, daß ich schon drei Minuten über die präzise halbe Stunde ausgewesen war, entschied, ich hätte keine Zeit mehr, herumzugehn, machte kehrt –«
»Das tun Sie immer.«
Er sah mich an und dachte nach. »Vielleicht ja, jetzt, wo ich drüber nachdenke. Aber worüber wollten Sie mit mir reden?«
»Nun, darüber!«
»Darüber?«
»Ja. Warum tun Sie das? Jeden Abend kommen Sie und machen ein Geräusch – –«
»So« – ich ahmte sein summendes Geräusch nach.
Er sah mich an, und es war klar, das Summen erweckte Widerwillen. » Das tue ich?« fragte er.
»Jeden lieben Abend.«
»Ich hatte keine Ahnung.«
Er blieb stehen. Er sah mich ernst an. »Ist es möglich,« sagte er, »daß ich eine Angewohnheit angenommen habe?«
»Nun, es sieht so aus. Nicht wahr?«
Er zog zwischen Finger und Daumen die Unterlippe herab. Er blickte eine Pfütze zu seinen Füßen an.
»Mein Geist ist sehr beschäftigt,« sagte er. »Und Sie wollen wissen, warum! Ja, Herr, ich kann Sie versichern, daß ich nicht nur nicht weiß, warum ich diese Dinge tue, sondern ich wußte nicht einmal, daß ich sie tat. Wenn ich nachdenke, es ist genau, wie Sie sagen; ich bin nie über das Feld hinausgegangen ... Und diese Dinge belästigen Sie?«
Aus irgendeinem Grunde begann ich versöhnlicher gegen ihn zu werden. » Belästigen nicht,« sagte ich. »Aber – stellen Sie sich vor, Sie schrieben ein Drama!«
»Könnte ich nicht.«
»Nun, irgend etwas, wozu Konzentration nötig ist.«
»Ah!« sagte er, »natürlich,« und er dachte nach. Sein Ausdruck sprach so beredt von Kummer, daß ich noch versöhnlicher wurde. Schließlich ist es ein wenig aggressiv, wenn man einem Menschen sagt, man wisse nicht, warum er auf einem öffentlichen Fußweg summt.
»Sie sehn,« sagte er schwach, »es ist eine Angewöhnung.«
»O, das sehe ich ein.«
»Ich muß sie einstellen.«
»Nicht, wenn es Sie stört. Schließlich hatte ich kein Recht – ich habe mir so etwas wie eine Freiheit herausgenommen.«
»Durchaus nicht,« sagte er, »durchaus nicht. Ich bin Ihnen sehr verbunden. Ich sollte mich vor solchen Dingen hüten. Ich werde es in Zukunft. Könnte ich Sie noch einmal bemühen? – Dies Geräusch?«
»Etwa so,« sagte ich: »Susuhh, Susuhh. Aber wirklich, wissen Sie – –«
»Ich bin Ihnen sehr verbunden. Ich weiß auch, ich werde absurd geistesabwesend. Sie haben ganz recht – vollständig recht. Wahrhaftig, ich bin in Ihrer Schuld. Die Sache soll aufhören. Und jetzt, Herr, ich habe Sie schon weiter mitgenommen, als ich hätte tun sollen.«
»Ich hoffe, meine Impertinenz – –«
»Durchaus nicht, Herr, durchaus nicht.«
Wir blickten einander einen Augenblick an. Ich hob den Hut und wünschte ihm einen guten Abend. Er erwiderte krampfhaft, und so gingen wir unserer Wege.
Am Zauntritt blickte ich auf seine verschwindende Gestalt zurück. Sein Gebaren war merkwürdig verändert, er schien lahm, zusammengeschrumpft. Der Kontrast mit seinem ehemaligen gestikulierenden, summenden Selbst ergriff mich absurderweise als pathetisch. Ich beobachtete ihn, bis er nicht mehr zu sehen war. Dann kehrte ich mit dem herzlichen Wunsch, ich hätte mich an meine eigenen Angelegenheiten gehalten, in mein Sommerhaus und zu meinem Drama zurück.
Am nächsten Abend sah ich ihn nicht. Aber er lag mir sehr im Sinn, und mir war eingefallen, er könne in der Entwicklung meines Dramas als ein sentimental komischer Charakter einem nützlichen Zwecke dienen. Am dritten Tage machte er mir einen Besuch.
Eine Zeitlang plagte mich der Gedanke, was ihn wohl hergeführt habe. Er machte aufs formellste gleichgiltige Konversation; dann kam er unvermittelt aufs Geschäft. Er wollte mich aus meinem Haus herauskaufen.
»Sie sehn,« sagte er, »ich tadele Sie nicht im geringsten, aber Sie haben eine Gewohnheit zerstört, und das desorganisiert mir meinen Tag. Ich bin hier jahrelang gegangen – Jahre. Ohne Zweifel habe ich gesummt ... All das haben Sie unmöglich gemacht!«
Ich schlug vor, er solle es mit einer anderen Richtung versuchen.
»Nein. Es gibt keine andere Richtung. Dies ist die einzige. Ich habe mich erkundigt. Und jetzt – jeden Nachmittag um vier – da komm ich an eine blinde Mauer.«
»Aber, mein lieber Herr, wenn die Sache für Sie von solcher Bedeutung ist – –«
»Es ist eine Lebensfrage. Sie sehn, ich bin – ich bin ein Forscher – ich bin mit einer wissenschaftlichen Untersuchung beschäftigt. Ich wohne – –« er hielt inne und schien zu denken. »Da drüben,« sagte er und zeigte plötzlich in gefährliche Nähe meines Auges. »Das Haus mit den weißen Schornsteinen, die Sie da gerade über den Bäumen sehen. Und meine Verhältnisse sind anormal – anormal. Ich stehe im Begriff, eins der allerwichtigsten Experimente zu vollenden – ich kann sie versichern, eins der allerwichtigsten Experimente, die je gemacht sind. Das erfordert beständiges Denken, beständige geistige Freiheit und Aktivität. Und der Nachmittag war meine glänzendste Zeit! – gärend von neuen Gedanken – neuen Gesichtspunkten.«
»Aber warum nicht weiter dort vorbeigehn?«
»Alles wäre anders. Ich wäre bewußt. Ich würde an Sie bei Ihrem Drama denken – wie Sie mich gereizt beobachten – statt an meine Arbeit zu denken. Nein! ich muß das Haus haben.«
Ich überlegte. Natürlich wollte ich die Sache gründlich durchdenken, ehe etwas Entscheidendes gesagt wurde. Ich war im allgemeinen in jenen Tagen zu Geschäften bereit genug, und Verkaufen hatte mich immer angezogen; aber erstens war es nicht mein Haus, und selbst wenn ich es ihm zu einem guten Preise verkaufte, konnte ich in der Übergabe der Güter Unannehmlichkeiten haben, wenn der laufende Besitzer von dem Geschäft Wind bekam, und zweitens war ich, nun – nicht schuldenfrei. Es war entschieden ein Geschäft, das vorsichtiges Verfahren erforderte. Obendrein interessierte mich auch die Möglichkeit, daß er auf der Spur einer wertvollen Erfindung war. Mir kam der Gedanke, daß ich gern mehr von seiner Untersuchung wüßte, ohne jede unehrliche Absicht, einfach mit dem Gedanken, zu erfahren, was es war, würde eine Ablenkung vom Dramenschreiben sein. Ich streckte Fühlhörner aus.
Er war ganz bereit, Auskunft zu geben. Ja, als er einmal recht im Gange war, wurde die Unterhaltung zum Monolog. Er redete wie ein lange eingesperrter Mensch, der es wieder und wieder bei sich durchgegangen ist. Er redete fast eine Stunde lang, und ich muß gestehen, ich fand es ein ziemlich starkes Stück, zuzuhören. Aber durch alles lief der Unterton der Befriedigung hindurch, die man fühlt, wenn man eine Arbeit versäumt, die man sich gesetzt hat. Während jener ersten Unterredung wurde mir sehr wenig davon klar, worauf seine Arbeit hinauslief. Die Hälfte seiner Worte waren technische Ausdrücke, die mir völlig fremd waren, und er illustrierte ein oder zwei Punkte mit dem, was ihm elementare Mathematik zu nennen beliebte, indem er mit einem Kopiertintenstift auf einem Kuvert in einer Weise Berechnungen anstellte, die es schwer machten, auch nur den Anschein zu erwecken, als verstehe man. »Ja,« sagte ich; »ja. Nur weiter!« Trotzdem wurde mir genug klar, um mich zu überzeugen, daß er kein bloßer Schwachkopf war, der Entdeckungen spielte. Trotz seiner schwachkopfartigen Erscheinung zeigte er eine Kraft, die das unmöglich machte. Was es auch war, es war etwas von mechanischen Möglichkeiten. Er erzählte mir von einem Werkschuppen, den er habe, und von drei Gehilfen – ursprünglich in Akkord arbeitenden Zimmerleuten – die er abgerichtet hatte. Nun ist vom Werkschuppen bis zum Patentamt klärlich nur ein Schritt. Er lud mich ein, mir die Sachen anzusehen. Ich nahm bereitwilligst an und sorgte dafür, daß ich das – durch eine Bemerkung oder so – unterstrich. Der vorgeschlagene Verkauf des Sommerhäuschens blieb sehr angenehmerweise noch in der Schwebe.
Schließlich stand er auf, um zu gehen, und entschuldigte sich wegen der Länge seines Besuchs. Über seine Arbeit zu reden, sagte er, war ein Vergnügen, das er nur zu selten genoß. Nicht oft finde er einen so intelligenten Zuhörer wie mich; er verkehre sehr wenig mit berufsmäßigen Wissenschaften.
»Soviel Kleinigkeiten,« erklärte er; »soviel Intrigue! Und wahrhaftig, wenn man eine Idee hat – eine neue, befruchtende Idee – . Ich will nicht unbarmherzig sein, aber – –«
Ich bin ein Mann, der an Impulse glaubt. Ich machte einen Vorschlag, der vielleicht übereilt war. Aber man muß bedenken, daß ich vierzehn Tage lang in Lympne allein gewesen war und an einem Drama geschrieben hatte, und mein Gewissensbiß wegen seines vernichteten Spaziergangs ließ mir noch keine Ruhe.
»Warum nicht«, sagte ich, »dies zu Ihrer neuen Gewohnheit machen? Statt der, die ich verdorben habe? Wenigstens, bis wir wegen des Hauses ins reine kommen können. Was Sie nötig haben, ist, daß Sie Ihre Arbeit im Geist überlegen. Das haben Sie immer auf Ihrem Nachmittagsspaziergang getan. Das ist leider vorbei – Sie können die Dinge nicht wieder machen, wie sie waren. Aber warum nicht herkommen und mir von Ihrer Arbeit erzählen: mich als eine Art Wand benutzen, gegen die Sie Ihre Gedanken werfen, um sie wieder aufzufangen? Gewiß ist, daß ich nicht genug weiß, um Ihre Ideen selber zu stehlen – und ich kenne keine Wissenschafter – –«
Ich hielt inne. Er überlegte. Offenbar zog ihn die Sache an. »Aber ich fürchte, die Sache würde Sie langweilen,« sagte er.
»Sie meinen, ich bin zu dumm?«
»O, nein; aber technische Dinge – –«
»Einerlei, Sie haben mich heute nachmittag ungeheuer interessiert.«
»Natürlich wäre es für mich eine große Hilfe. Nichts klärt einem selber die Ideen so sehr auf, wie, wenn man sie auseinandersetzt. Bisher – –«
»Mein lieber Herr, sagen Sie nichts mehr.«
»Aber wahrhaftig, haben Sie die Zeit über?«
»Es gibt kein Ausruhen, das einem Wechsel der Beschäftigung gleichkommt,« sagte ich mit tiefer Überzeugung.
Die Sache war vorüber. Auf meinen Verandastufen drehte er sich um. »Ich bin schon sehr in Ihrer Schuld,« sagte er.
Ich räusperte mich fragend.
»Sie haben mich völlig von dieser lächerlichen Angewöhnung zu summen befreit,« erklärte er.
Ich glaube, ich sagte, ich freue mich, ihm irgendwie von Nutzen zu sein, und er wandte sich fort.
Sofort muß der Gedankengang, den unsere Unterhaltung angeregt hatte, seine Herrschaft wieder aufgenommen haben. Seine Arme begannen auf die frühere Art zu schlenkern. Auf der Brise kam das schwache Echo des »Susuhh« zu mir zurück ...
Nun, schließlich war das nicht meine Sache ...
Er kam am nächsten Tage und den Tag darauf wieder und hielt zwei Vorträge über die Physik zu unserer gegenseitigen Befriedigung. Er redete mit einer Miene, als sei er außerordentlich klar, über den »Äther«, über »Krafttuben«, über »Gravitationspotenzen« und ähnliche Dinge, und ich saß in meinem zweiten Klappstuhl und sagte: »Ja«, »Nur weiter«, »Ich verstehe«, um ihn in Gang zu halten. Es war schauerlich schwieriges Zeug, aber ich glaube nicht, daß er je ahnte, wieviel davon ich nicht verstand. Es gab Momente, in denen ich zweifelte, ob ich richtig beschäftigt sei, aber auf jeden Fall ruhte ich von dem verdammten Drama aus. Hin und wieder glänzten mir die Dinge eine Zeitlang klar auf, aber nur, um zu verschwinden, wenn ich gerade meinte, ich habe sie nur zu fassen. Bisweilen versagte meine Aufmerksamkeit vollständig, und ich gab es auf und saß und starrte ihn an und fragte mich, ob es nicht schließlich vielleicht doch besser sei, ihn in einer guten Farce als Zentralfigur zu benutzen und all das andere Zeug fahren zu lassen. Und dann begriff ich vielleicht wieder eine Strecke weit.
Bei der ersten Gelegenheit ging ich, mir sein Haus anzusehen. Es war groß und ohne Sorgfalt möbliert; Dienstboten waren außer seinen drei Gehilfen keine vorhanden, und seine Diät war wie sein Privatleben durch eine philosophische Einfachheit gekennzeichnet. Er war Wassertrinker, Vegetarier und all diese logischen und systematischen Dinge. Aber der Anblick seiner Einrichtung beseitigte viele Zweifel. Es sah vom Keller bis zur Dachstube nach Geschäft aus – ein erstaunliches Nest in einem abgelegenen Dorfe. Die Parterrezimmer enthielten Arbeitstische und Werkzeuge, das Backhaus und die Waschküche hatten sich zu ansehnlichen Schmelzöfen entwickelt, im Keller standen Dynamos, und im Garten sah ich einen Gasometer. Er zeigte mir alles mit dem vertrauensseligen Wohlbehagen eines Mannes, der zuviel allein gelebt hat. Seine Abgeschlossenheit floß jetzt in einem Übermaß des Vertrauens über, und ich hatte das Glück, das Gefäß für sie zu sein.
Die drei Gehilfen waren unrühmliche Beispiele der Klasse von Handwerkern, aus der sie stammten. Gewissenhaft, wenn auch unintelligent, stark, höflich und willig. Der eine, Spargus, der das Kochen und alle Metallarbeit besorgte, war Seemann gewesen; ein zweiter, Gibbs, war Schreiner; und der dritte war ein ehemaliger Akkordgärtner, jetzt allgemeiner Gehilfe. Sie waren bloße Arbeiter. Alle Arbeit des Intellekts tat Cavor. Selbst im Vergleich mit meinem wirren Eindruck waren sie von finsterer Unwissenheit.
Und jetzt, was die Natur der Untersuchungen angeht. Hier kommt leider eine ernste Schwierigkeit. Ich bin kein wissenschaftlicher Sachverständiger, und wollte ich versuchen, das Ziel, auf das seine Experimente hinauswollten, in Mr. Cavors hochwissenschaftlicher Sprache auseinanderzusetzen, ich fürchte, so würde ich nicht nur den Leser verwirren, sondern auch mich, und fast sicher würde ich irgendeinen Bock schießen, der den Spott jedes auf der Höhe stehenden Studenten der mathematischen Physik im Lande auf mich niederlenkte. Das beste also, glaube ich, was ich tun kann, ist, meine Eindrücke in meiner eigenen unexakten Sprache wiederzugeben, ohne jeden Versuch, ein Gewand des Wissens zu tragen, auf das ich keinen Anspruch machen kann.
Das Ziel von Mr. Cavors Untersuchung war ein Stoff, der »für alle Formen strahlender Energie« »undurchsichtig« sein sollte – er gebrauchte ein anderes Wort, das ich vergessen habe, aber »undurchsichtig« gibt die Idee. »Strahlende Energie«, machte er mir klar, war alles wie Licht oder Wärme oder jene Röntgenstrahlen, von denen vor ein paar Jahren so viel die Rede war, oder wie Marconis elektrische Wellen, oder die Gravitation. Alle diese Dinge, sagte er, strahlen von Zentren aus und wirken auf entfernte Körper, woher der Ausdruck »strahlende Energie« kommt. Nun sind fast alle Stoffe gegen die eine oder andere Form strahlender Energie undurchlässig. Glas zum Beispiel ist für Licht durchsichtig, aber für Wärme weniger, so daß es als Ofenschirm Dienste tut; und Alaun ist für Licht durchlässig, sperrt aber Wärme vollständig ab. Eine Lösung von Jod in Kohlendisulfid dagegen sperrt das Licht völlig ab, ist dagegen für Wärme ganz durchlässig. Es verbirgt einem ein Feuer, läßt aber all seine Wärme zu einem kommen. Metalle sind nicht nur für Licht und Hitze undurchlässig, sondern auch für elektrische Energie, die sowohl durch die Jodlösung wie durch Glas fast so hindurchgeht, als wären sie nicht eingeschaltet. Und so weiter.
Nun sind alle bekannten Stoffe für die Gravitation »durchsichtig«. Man kann Schirme verschiedener Art anwenden, um das Licht, oder die Wärme, oder den elektrischen Einfluß der Sonne, oder die Wärme der Erde von irgend etwas abzuschneiden; man kann Körper durch Metallplatten vor Marconis Strahlen schützen, aber nichts wird die Anziehung der Schwerkraft der Sonne oder die der Erde abschneiden. Und doch ist es schwer zu sagen, warum es nichts geben sollte. Cavor sah nicht ein, warum ein solcher Stoff nicht existieren sollte, und sicherlich konnte ich es ihm nicht sagen. Ich hatte noch nie an eine solche Möglichkeit gedacht. Er zeigte mir durch Berechnungen auf dem Papier – und Lord Kelvin oder Professor Lodge oder Professor Karl Pearson oder irgendeiner von den großen Wissenschaftern hätte sie ohne Zweifel verstehen können, mich aber brachten sie in hoffnungslose Verwirrung – daß nicht nur ein solcher Stoff möglich sei, sondern daß er sogar gewissen Bedingungen genügen müsse. Es war ein erstaunliches Stück Räsonnement. So sehr es mich zur Zeit erstaunte und in Anspruch nahm, es wäre unmöglich, es hier wiederzugeben. »Ja,« sagte ich zu allem, »ja, nur weiter!« Es genüge für diesen Bericht, daß er glaubte, er werde imstande sein, diesen möglichen Stoff, der für die Gravitation undurchlässig wäre, aus einem komplizierten Gemisch von Metallen und etwas Neuem – einem neuen Element, denke ich mir; ich glaube, es hieß Helium, und es wurde ihm aus London in versiegelten Steinkrügen geschickt – herzustellen. Auf diese letztere Einzelheit ist Zweifel geworfen worden, aber ich bin fast gewiß, daß es Helium war, was er in versiegelten Steinkrügen geschickt erhielt. Auf jeden Fall war es etwas sehr Flüchtiges und Dünnes. Wenn ich nur Notizen gemacht hätte! ...
Aber wie sollte ich auch die Notwendigkeit voraussehn, Notizen zu machen?
Jeder, der nur den geringsten Keim von Phantasie hat, wird die außerordentlichen Möglichkeiten eines solchen Stoffes begreifen, und er wird die Erregung ein wenig mitfühlen, die ich durchmachte, als dieses Verständnis aus dem Nebel abstruser Phrasen auftauchte, mit denen Cavor sich ausdrückte. Komische Befreiung in einem Drama! Es dauerte einige Zeit, ehe ich glauben wollte, daß ich ihn recht gedeutet hatte, und ich nahm mich sehr in acht, keine solchen Fragen zu stellen, die ihn instand gesetzt hätten, die Tiefe des Mißverstehens zu ermessen, in die er seine tägliche Darlegung hineinwarf. Aber niemand, der diese Geschichte hier liest, wird ganz mitfühlen können, denn es wird unmöglich sein, meiner nackten Erzählung die Kraft meiner Überzeugung zu entnehmen, daß dieser erstaunliche Stoff tatsächlich im Begriff stand, hergestellt zu werden.
Ich besinne mich nicht, daß ich nach meinem Besuch im Hause auch nur noch eine Stunde hintereinander an meinem Drama gearbeitet hätte. Meine Phantasie hatte andere Dinge zu tun. Die Möglichkeiten des Stoffs schienen völlig unbegrenzt zu sein; wo ich auch versuchte, stieß ich auf Wunder und Revolutionen. Wenn man zum Beispiel ein Gewicht heben wollte, mochte es noch so ungeheuer sein, man brauchte nur eine Platte von diesem Stoff darunter zu tun, und man konnte es mit einem Strohhalm heben. Mein erster natürlicher Impuls war, dieses Prinzip auf Kanonen und Panzerschiffe und als Material auf alle Methoden der Kriegführung anzuwenden, dann auf die Schiffahrt, die Lokomotiven, den Bau, jede nur denkbare Form menschlicher Industrie. Der Zufall, der mich gerade in die Geburtskammer dieser neuen Zeit gebracht hatte – es war eine Epoche, nichts Geringeres – war einer von jenen Zufällen, die in tausend Jahren einmal kommen. Die Sache entrollte sich, sie dehnte und dehnte sich. Unter anderem sah ich meine Erlösung als Geschäftsmann darin. Ich sah eine Muttergesellschaft und Tochtergesellschaften, Angliederungen rechts von uns, Angliederungen links, Ringe, Trusts, Privilegien und Konzessionen, die sich ausbreiteten und ausbreiteten, bis eine ungeheure stupende Cavorit-Gesellschaft die Welt umlief und beherrschte.
Und ich war darin!
Ich wählte sofort meinen Weg. Ich wußte, ich setzte alles aufs Spiel, aber ich tat den Sprung alsbald.
»Wir sind einfach bei dem größten Ding, das je erfunden worden ist,« sagte ich und legte den Akzent auf das »Wir«. »Wenn Sie mich da heraushalten wollen, werden Sie's mit 'ner Kanone tun müssen. Morgen komme ich herunter, um Ihr vierter Arbeiter zu werden.«
Er schien von meinem Enthusiasmus überrascht, aber keine Spur argwöhnisch oder feindlich. Vielmehr würdigte er sich selbst herab.
Er blickte mich zweifelhaft an. »Aber meinen Sie wirklich –?« sagte er. »Und Ihr Drama! Was wird aus dem Drama?«
»Das ist verschwunden!« rief ich. »Mein lieber Herr, sehen Sie nicht, was Sie da haben? Sehen Sie nicht, was Sie im Begriff sind, zu machen?«
Das war nur eine rhetorische Wendung, aber er sah es positiv nicht. Erst konnte ich es nicht glauben. Er hatte nicht die Spur von einer Ahnung von einer Idee. Dieser erstaunliche kleine Mann hatte die ganze Zeit über auf bloß theoretischem Grunde gearbeitet! Als er sagte, es sei das » allerwichtigste« Experiment, das die Welt noch gesehen habe, hatte er nur gemeint, es berichtige so viele Theorien, erledige so vieles, was zweifelhaft sei; über die Anwendung des Stoffs, den er machen wollte, hatte er sich so wenig beunruhigt, wie wenn er eine Maschine gewesen wäre, die Kanonen macht. Dies war ein möglicher Stoff, und er wollte ihn machen! V'la tout, wie der Franzose sagt.
Über das hinaus war er kindisch! Wenn er ihn machte, würde der Stoff als Cavorit oder Cavorin auf die Nachwelt kommen, ihn würde man zur Akademie berufen, sein Porträt würde als das eines wissenschaftlichen Mannes von Verdienst mit der »Natur« verteilt werden, und derlei Dinge mehr. Und das war alles, was er sah! Er hätte diese Bombe in die Welt geworfen, als hätte er eine neue Mückenart entdeckt, wenn nicht der Zufall gewollt hätte, daß ich dazu gekommen war. Und da hätte sie gelegen und gepufft wie noch ein paar andere kleine Dinge, die diese Wissenschafter angezündet und um uns geworfen haben.
Als mir das klar wurde, war ich derjenige, der das Reden besorgte, und Cavor sagte: »Nur weiter!« Ich sprang auf. Ich schritt durchs Zimmer und gestikulierte wie ein Junge von zwanzig. Ich versuchte, ihm seine Pflichten und Verantwortlichkeiten in der Sache verständlich zu machen – unsere Pflichten und Verantwortlichkeiten in der Sache. Ich versicherte ihm, wir könnten Geld genug machen, um jede Art sozialer Revolution durchzuführen, die wir wollten, wir könnten die ganze Welt besitzen und ordnen. Ich erzählte ihm von Gesellschaften und Patenten und den Gesetzen für geheime Prozesse. All diese Dinge schienen auf ihn zu wirken, wie seine Mathematik auf mich gewirkt hatte. In sein rotes kleines Gesicht kam ein Blick der Verwirrung. Er stotterte einiges über Gleichgiltigkeit gegen Reichtum, aber ich jagte all das beiseite. Er hatte reich zu werden und sein Stottern nützte zu nichts. Ich gab ihm zu verstehen, was für eine Art Mensch ich war, und daß ich sehr beträchtliche Geschäftserfahrungen hatte. Ich sagte ihm nicht, daß ich zur Zeit in einem noch ungeregelten Bankerott stak, denn das war nur vorübergehend, aber ich glaube, ich versöhnte meine offenbar wirkende Kraft mit meinen finanziellen Ansprüchen. Und ganz unmerklich, wie eben solche Pläne wachsen, wuchs zwischen uns das Einverständnis über ein Cavorit-Monopol empor. Er sollte den Stoff machen, und ich sollte den Lärm dazu machen.
Ich hing mich wie ein Blutegel an das »wir« – »Sie« und »ich« existierte für mich nicht.
Seine Idee war, der Gewinst, von dem ich sprach, könne dazu dienen, die Forschung zu fördern, aber das war natürlich eine Sache, die wir später zu erledigen hatten. »Schon gut,« rief ich, »schon gut.« Der Hauptpunkt war, wie ich beharrte, das Zeug wirklich zu machen.
»Hier haben wir einen Stoff,« rief ich, »ohne den zu sein kein Haus, keine Wirtschaft, keine Festung, kein Schiff wagen kann – allgemeiner anwendbar noch als eine Patentmedizin! Keine einzige Seite, nicht eine von seinen zehntausend möglichen Anwendungen, die uns nicht reicher machen wird, Cavor, als sich nur die Habsucht träumen lassen kann.«
»Nein,« sagte er. »Ich fange an, es einzusehen. Es ist merkwürdig, wie man zu neuen Gesichtspunkten kommt, wenn man die Dinge durchspricht!«
»Und der Zufall wollte, daß Sie gerade mit dem richtigen Mann gesprochen haben!«
»Ich glaube«, sagte er, »niemand ist ungeheurem Reichtum absolut abgeneigt. Natürlich bleibt ein – –«
Er hielt inne. Ich stand still.
»Es ist gerade noch möglich, wissen Sie, daß wir es schließlich doch nicht machen können! Es kann eins von den Dingen sein, die eine theoretische Möglichkeit aber eine praktische Absurdität sind. Oder wenn wir es machen, kann noch irgendein kleiner Haken dabei sein – –«
»Den Haken wollen wir unterkriegen, wenn er kommt,« sagte ich.
2 Wie das Cavorit zum ersten Male gemacht wurde
Aber Cavors Befürchtungen waren grundlos, soweit die tatsächliche Fabrikation in Frage kam. Am 14. Oktober 1899 wurde dieser unglaubliche Stoff hergestellt!
Sonderbar genug wurde er zuletzt durch einen Zufall fertig, als Mr. Cavor es am wenigsten erwartete. Er hatte eine Anzahl Metalle und gewisse andere Dinge miteinander verschmolzen – ich wollte jetzt, ich wüßte die Einzelheiten! – und er beabsichtigte, die Mischung eine Woche in Ruhe zu lassen und sie dann langsam abzukühlen. Wenn er nicht falsch gerechnet hatte, mußte die letzte Entwicklungsstufe in der Kombination erfolgen, wenn das Zeug auf eine Temperatur von 60° Fahrenheit gesunken war. Aber es traf sich, daß ohne Cavors Wissen ein Streit über die Unterhaltung des Feuers im Schmelzofen ausgebrochen war. Gibbs, der vorher dafür gesorgt hatte, hatte plötzlich versucht, es auf den Mann abzuwälzen, der Gärtner gewesen war, und zwar mit der Begründung, Kohle werde gegraben und sei Erde, könne also unmöglich in den Bereich eines Schreiners fallen; der Mann, der Akkordgärtner gewesen war, machte dagegen geltend, Kohle sei ein metallischer oder erzartiger Stoff, ganz abgesehen davon, daß er Koch sei. Aber Spargus bestand darauf, daß Gibbs das Feuern besorgte, zumal er ein Schreiner sei, und Kohle bekanntermaßen fossiles Holz ist. Infolgedessen hörte Gibbs auf, den Schmelzofen nachzufüllen, und niemand tat es, und Cavor war zu sehr in gewissen interessanten Problemen inbetreff einer Cavorit-Flugmaschine versunken (wobei er den Luftwiderstand und ein oder zwei andere Punkte vernachlässigte) um zu merken, daß irgend etwas verkehrt ging. Und die vorzeitige Geburt seiner Erfindung trat ein, als er gerade über das Feld in mein Haus kam, um beim Tee unser Nachmittagsgespräch zu halten.
Ich erinnere mich des Vorfalls mit äußerster Lebhaftigkeit. Das Wasser kochte und alles war vorbereitet, und das Geräusch seines »Susuhh« hatte mich auf die Veranda hinausgerufen. Seine bewegliche kleine Gestalt stand schwarz gegen den herbstlichen Sonnenuntergang, und rechts erhoben sich die Schornsteine seines Hauses eben über eine glorreich getönte Baumgruppe. Ferner erhoben sich blaß und blau die Wealden Hills, während sich nach links hin geräumig und heiter die neblige Marsch erstreckte. Und dann – –!
Die Schornsteine ruckten zum Himmel empor, im Flug zu einer Reihe Ziegel zerspritzend, und das Dach und ein Gemisch von Möbeln folgte. Dann holte sie eine riesenhafte weiße Flamme ein. Die Bäume um das Gebäude schwankten und wirbelten und rissen in Stücke, die auf die Flackerglut lossprangen. Meine Ohren schlug ein Donnerschlag, von dem ich auf einer Seite fürs Leben taub geblieben bin, und überall um mich zersprangen die Fenster unbeachtet.
Ich machte von der Veranda drei Schritte auf Cavors Haus zu, und als ich das tat, kam der Wind.
Im Nu flatterte mir mein Rockschoß über dem Kopf, und ich rannte in großen Sätzen und Sprüngen und ganz gegen meinen Willen auf ihn zu. Im selben Moment wurde der Entdecker erfaßt, herumgewirbelt, und er flog durch die schreiende Luft. Ich sah einen meiner Schornsteine sechs Schritt von mir zu Boden schlagen, einige zwanzig Fuß springen und so in großen Sätzen auf den Brennpunkt des Aufruhrs zueilen. Cavor flog, mit Füßen und Armen schlagend, wieder herab, rollte eine Strecke weit am Boden hin, arbeitete sich in die Höhe, wurde aufgehoben und mit enormer Geschwindigkeit vorwärts getragen, bis er schließlich zwischen den ringenden, peitschenden Bäumen verschwand, die sich um sein Haus wanden.
Eine Masse von Rauch und Aschen und ein Block bläulich leuchtenden Stoffes stürmte zum Zenith empor. Ein großes Zaunfragment kam an mir vorbeigesegelt, fiel auf die Kante, schlug zu Boden und kam flach zu liegen, und damit war das Schlimmste vorbei. Die Luftbewegung legte sich rasch, bis sie nur noch ein kräftiger Sturm war, und mir kam noch einmal wieder zum Bewußtsein, daß ich Atem und Füße hatte. Indem ich mich gegen den Wind zurücklehnte, gelang es mir, stehen zu bleiben, und ich konnte zusammensuchen, was mir noch an Verstand blieb.
In dem Moment hatte sich das ganze Angesicht der Erde verändert. Der ruhige Sonnenuntergang war verschwunden, der Himmel war dunkel vor fegenden Wolken, alles war flachgelegt und schwankte mit dem Sturm. Ich warf einen Blick zurück, um zu sehen, ob mein Haus im großen und ganzen noch stehe, und stolperte dann auf die Bäume zu, unter denen Cavor verschwunden war, und durch deren große, blätternackte Äste die Flammen seines brennenden Hauses leuchteten.
Ich betrat das Gebüsch, indem ich von einem Baum zum andern flog und mich an sie anklammerte; eine Zeitlang suchte ich ihn vergebens. Dann merkte ich, daß sich mitten in einem Haufen zerknitterter Äste und Zaunwerks, der sich gegen einen Teil seiner Gartenmauer aufgebaut hatte, etwas rührte. Ich suchte dahinzulaufen; aber ehe ich es erreichte, löste sich ein brauner Gegenstand davon los, erhob sich auf zwei schlammbeschmutzten Beinen und hielt zwei hängende, blutende Hände vor sich hin. Von seinem mittleren Teil flatterten ein paar zerfetzte Kleiderreste aus, die vor dem Winde schweben blieben.
Einen Moment lang erkannte ich diesen Erdklumpen nicht, und dann sah ich, daß es Cavor war, überzogen von dem Schlamm, in den er gerollt war. Er lehnte sich gegen den Wind vornüber und rieb sich den Schmutz aus Augen und Mund.
Er streckte eine schlammige Handmasse aus und stolperte auf mich zu. Sein Gesicht arbeitete vor Erregung, und fortwährend fielen kleine Erdklumpen davon herab. Er sah so beschädigt und erbärmlich aus wie nur irgendein lebendes Geschöpf, das ich je gesehen hatte, und daher verblüffte mich seine Bemerkung außerordentlich: »Gratulieren Sie mir,« keuchte er, »gratulieren Sie mir!«
»Ihnen gratulieren?« sagte ich. »Gütiger Himmel! Wozu:«
»Ich hab's fertig gebracht.«
» Wahrhaftig. Was zum Teufel hat die Explosion veranlaßt?«
Ein Windstoß blies seine Worte fort. Ich verstand soviel, daß er sagte, es sei gar keine Explosion. Der Wind wirbelte mich in eine Kollision mit ihm, und wir standen und klammerten uns aneinander.
»Versuchen Sie, zu meinem Hause zurückzukommen,« brüllte ich ihm ins Ohr. Er hörte mich nicht und rief etwas wie »drei Märtyrer-Wissenschaft«, und auch etwas wie »nicht viel wert«. Zu der Zeit quälte er sich unter dem Eindruck, seine drei Gehilfen seien in dem Wirbelwind umgekommen. Zum Glück war das nicht richtig. Sowie er sich nach meinem Hause auf dem Weg gemacht hatte, waren sie zum Wirtshaus in Lympne gegangen, um die Frage der Schmelzöfen über einer kleinen Erfrischung zu erörtern.
Ich wiederholte meinen Vorschlag, zu meinem Hause zurückzukehren, und diesmal verstand er. Wir hingen uns Arm in Arm und erreichten schließlich den Schutz dessen, was mir noch von meinem Dache geblieben war. Eine Zeitlang saßen wir in Lehnstühlen und keuchten. Alle Fenster waren zerbrochen, und die leichteren Einrichtungsgegenstände waren in großer Unordnung, aber kein unwiderruflicher Schaden war angerichtet. Zum Glück hatte die Küchentür den Druck darauf ausgehalten, so daß alle meine Tonwaren und Kochmaterialien am Leben geblieben waren. Der Ölofen brannte noch, und ich setzte das Wasser für den Tee von neuem zum Kochen auf. Und als das geschehen war, konnte ich mich um seine Erklärung an Cavor wenden.
»Ganz in Ordnung,« beharrte er, »ganz in Ordnung. Ich hab's fertig gebracht, und alles stimmt.«
»Aber,« protestierte ich. »In Ordnung! Keine Scheune kann mehr stehen, kein Zaun, kein Strohdach, nicht im Umkreis von zwanzig Meilen ...«
»Es stimmt alles – wahrhaftig. Natürlich habe ich den kleinen Aufruhr nicht vorausgesehen. Mein Geist war mit einem andern Problem beschäftigt, und ich vergesse diese praktischen Seitenergebnisse leicht. Aber es ist ganz in Ordnung – –«
»Mein lieber Herr,« rief ich, »sehen Sie denn nicht, daß Sie für Tausende von Pfund Schaden angerichtet haben?«
»O, da werf ich mich auf Ihre Verschwiegenheit. Ich bin natürlich kein praktischer Mensch, aber meinen Sie nicht, daß man es als einen Wirbelsturm ansehen wird?«
»Aber die Explosion – –«
»Es war keine Explosion. Es ist ganz einfach. Nur, wie gesagt, ich übersehe diese Kleinigkeiten leicht. Es ist diese Susuhh-Geschichte in größerem Maßstabe. Unbedachterweise habe ich diesen meinen Stoff, dies Cavorit, in einer dünnen, weiten Schicht ...«
Er unterbrach sich. »Es ist Ihnen ganz klar, daß der Stoff gegen die Gravitation undurchlässig ist, daß er die Dinge von gegenseitiger Gravitation abschneidet?«
»Ja,« sagte ich. »Ja.«
»Nun, sowie er die Temperatur von 60° Fahrenheit erreicht hatte und der Prozeß seiner Herstellung vollendet war, hatte die Luft darüber, hatten die Teile von Dach und Decke und Boden darüber kein Gewicht mehr. Ich glaube, Sie wissen – das weiß heute jeder – daß die Luft als ein gewöhnlicher Körper Gewicht hat, daß sie auf alles an der Oberfläche der Erde drückt, daß sie in allen Richtungen drückt, und zwar mit einem Druck von vierzehn und einem halben Pfund auf den Quadratzoll?«
»Das weiß ich,« sagte ich. »Nur weiter.«
»Ich weiß das auch,« bemerkte er. »Nur zeigt dies, wie nutzlos das Wissen ist, wenn man es nicht anwendet. Sie sehen, das hörte über unsern Cavorit auf, dort hörte die Luft auf, irgendwelchen Druck auszuüben, und die Luft darum und nicht über dem Cavorit übte auf diese plötzlich gewichtlose Luft einen Druck von vierzehn einem halben Fuß auf den Quadratzoll aus. Ah! Sie beginnen zu begreifen! Die Luft um das Cavorit drängte auf die Luft darüber mit unwiderstehlicher Gewalt ein. Die Luft über dem Cavorit wurde heftig aufwärts getrieben, die Luft, die nachstürzte, um sie zu ersetzen, verlor alsbald ihr Gewicht, hörte auf, irgendwelchen Druck auszuüben, folgte nach, durchschlug die Decke, warf das Dach ab ...«
»Sie sehen,« sagte er, »sie bildete eine Art atmosphärischen Springbrunnens, eine Art Schornstein in der Atmosphäre. Und wenn das Cavorit nicht selber los gewesen und so in den Schornstein in die Höhe gesogen wäre, merken Sie, was da geschehen wäre?«
Ich überlegte. »Ich vermute,« sagte ich, »die Luft würde noch immer über diesem höllischen Stück Zeug hinauffegen.«
»Ganz recht,« sagte er. »Ein riesiger Springbrunnen – –«
»Der in den Raum speit! Gütiger Himmel! Ah, er hätte die ganze Atmosphäre der Erde fortgespritzt! Er hätte die Welt der Luft beraubt! Es wäre der Tod der ganzen Menschheit gewesen! Das kleine Stück Zeugs!«
»Nicht gerade in den Raum,« sagte Cavor, »aber ebenso schlimm – praktisch. Es hätte die Lust von der Welt geschnellt, wie man eine Banane schält, und es hätte sie Tausende von Meilen fortgeschleudert. Sie wäre natürlich zurückgefallen, aber auf eine erstickte Welt! Von unserem Standpunkte aus sehr wenig besser, als wenn sie nie zurückkäme.«
Ich machte weite Augen. Bis jetzt war ich noch zu verblüfft, um zu merken, wie all meine Erwartungen vernichtet waren. »Was denken Sie zu tun?« fragte ich.
»Zunächst, wenn ich mir eine Gartenschaufel borgen kann, will ich einiges von dieser Erde entfernen, in die ich gehüllt bin, und wenn ich mich dann ihrer häuslichen Vorrichtungen bedienen kann, will ich ein Bad nehmen. Darauf wollen wir uns mehr in Muße bereden. Es wird klug fein, glaube ich« – er legte mir eine lehmbedeckte Hand auf den Arm – »wenn von dieser Affäre außer uns niemand etwas erfährt. Ich weiß, ich habe großen Schaden angerichtet – vielleicht werden auf dem Lande hier und dort sogar Wohnhäuser zerstört sind. Aber andererseits kann ich für den Schaden, den ich angerichtet habe, unmöglich zahlen, und wenn die wirtliche Ursache von all dem veröffentlicht wird, wird es nur zu Groll und zur Hinderung meiner Arbeit führen. Man kann nicht alles voraussehn, wissen Sie, und ich kann keinen Augenblick zugeben, zu meinem Theoretisieren noch die Last praktischer Erfahrungen hinzuzufügen. Später, wenn Sie mit Ihrem praktischen Sinn Mitarbeiten, und das Cavorit vom Stapel gelassen ist – vom Stapel lasten ist das Wort dafür, oder nicht? – und wenn es alles erreicht hat, was Sie ihm prophezeien, dann können wir die Sache mit diesen Leuten in Ordnung bringen. Aber nicht jetzt – nicht jetzt. Wenn keine andere Erklärung geboten wird, werden die Leute bei dem gegenwärtigen ungenügenden Stande der meteorologischen Wissenschaft all dies einem Wirbelsturm zuschreiben; vielleicht wird sogar eine öffentliche Subskription veranstaltet, und da mein Haus eingestürzt und verbrannt ist, würde ich in dem Fall einen beträchtlichen Anteil der Entschädigung erhalten, was bei der Fortsetzung unserer Untersuchungen eine große Hilfe wäre. Aber wenn es bekannt wird, daß ich dies verursacht habe, wird keine öffentliche Subskription veranstaltet, und jedermann wird ärgerlich sein. Praktisch würde ich nie wieder Aussicht haben, in Frieden arbeiten zu können. Meine drei Gehilfen können umgekommen sein oder auch nicht. Das ist eine Einzelheit. Wenn, so ist es kein großer Verlust; sie waren mehr eifrig als fähig, und dieser vorzeitige Ausgang muß zum großen Teil die Folge ihrer gemeinsamen Vernachlässigung des Schmelzofens sein. Wenn sie nicht umgekommen sind, so zweifle ich, ob sie den Verstand haben, die Sache zu erklären. Sie werden die Wirbelsturmgeschichte annehmen. Und wenn ich während der zeitweiligen Untauglichkeit meines Hauses in einem der unbenutzten Zimmer dieses Ihres Hauses wohnen darf – –«
Er hielt inne und sah mich an.
Ein Mann von solchen Möglichkeiten, überlegte ich, ist kein gewöhnlicher Gast.
»Vielleicht,« sagte ich und erhob mich auf die Füße, »sähen wir uns besser nach einer Schaufel um,« und ich führte ihn zu den zertrümmerten Spuren des Gewächshauses.
Und während er sein Bad nahm, bedachte ich die ganze Frage allein. Es war klar, Mr. Cavors Gesellschaft hatte Schattenseiten, die ich nicht vorausgesehen hatte. Die Geistesabwesenheit, die um Haaresbreite den Erdball entvölkert hätte, konnte jeden Augenblick eine andere ernste Unannehmlichkeit zur Folge haben. Andererseits war ich jung, meine Angelegenheiten waren in Wirrwarr, und ich war gerade in der Stimmung für gedankenloses Abenteuern – mit der Aussicht auf etwas Gutes am Schluß. Ich hatte im Geist vollständig abgemacht, daß ich in dieser Seite der Sache mindestens mit der Hälfte beteiligt sein müßte. Zum Glück hatte ich mein Sommerhaus, wie ich schon gesagt habe, auf dreijährigen Kontrakt, ohne für Reparaturen auskommen zu brauchen; und meine Einrichtung war, so wie sie da war, eilig erstanden, unbezahlt, versichert und jeder Assoziationen völlig bar. Schließlich beschloß ich, mit ihm auszuhalten und das Ende der Sache abzuwarten.
Sicherlich hatte sich der Anblick der Dinge sehr geändert. Ich zweifelte durchaus nicht länger an den ungeheuren Möglichkeiten des Stoffes, aber ich begann über den Kanonenwagen und die Patentstiefel Zweifel zu hegen.
Wir machten uns sofort an die Arbeit, um sein Laboratorium wieder aufzubauen und mit unseren Experimenten fortzufahren. Cavor sprach mehr meinem Niveau entsprechend, als er je zuvor getan hatte, sobald es auf die Frage hinauslief, wie wir das Zeug das nächste Mal machen sollten.
»Natürlich müssen wir es wiedermachen,« sagte er mit einer Art des Schmerzes, die ich nicht an ihm erwartet hätte; »natürlich müssen wir es wiedermachen. Wir haben vielleicht den kürzeren gezogen, aber wir haben die Theorie ein für allemal hinter uns gelassen. Wenn wir es irgendwie vermeiden können, diesen unseren Planeten zu vernichten, wollen wir es tun. Aber – es muß ein Risiko geben! Es muß. Bei experimenteller Arbeit gibt es das immer. Und da müssen als praktischer Mann Sie eintreten. Mir meinerseits scheint, wir können es vielleicht senkrecht machen und sehr dünn. Aber ich weiß nicht. Ich habe eine dunkle Vorstellung von noch einer anderen Methode. Ich kann es bis jetzt kaum erklären. Aber sonderbarerweise fiel es mir, als ich vor dem Wind im Schmutz herumrollte und sehr im Zweifel war, wie das ganze Abenteuer enden sollte, als genau das ein, was ich hätte tun sollen.«
Selbst mit meiner Hilfe fanden wir einige kleine Schwierigkeiten, und unterdes blieben wir damit beschäftigt, das Laboratorium wiederherzustellen. Es gab eine Menge zu tun, ehe es absolut nötig wurde, sich über die genaue Form und Methode unseres zweiten Versuchs zu entscheiden. Die einzige Stockung für uns war der Streik der drei Arbeiter, die sich gegen meine Tätigkeit als Werkführer wehrten. Aber diese Sache legten wir nach einem Verzug von zwei Tagen bei.
3 Der Bau der Sphäre
Ich erinnere mich sehr deutlich der Gelegenheit, als Cavor mir von seiner Idee der Sphäre sprach. Er hatte schon vorher dunkle Vorstellungen von ihr gehabt, aber da schien sie ihm plötzlich wie mit einem Ruck aufzugehen. Wir waren auf dem Heimwege zu meinem Sommerhause, um Tee zu trinken, und unterwegs verfiel er in sein Sinnen. Plötzlich rief er:
»Das ist's! Das vollendet es! eine Art Rolljalousie.«
»Vollendet was?« fragte ich.
»Raum – überallhin! Zum Mond!«
»Was meinen Sie?«
»Meine? Na – es muß 'ne Sphäre sein! Das meine ich!«
Ich sah, daß mir der Schlüssel fehlte, und eine Zeitlang ließ ich ihn auf seine eigene Art reden. Ich hatte keine Spur von einer Ahnung, worauf er hinaus wollte. Aber als er seinen Tee getrunken hatte, machte er es mir klar.
»Die Sache ist so,« sagte er. »Das letzte Mal ließ ich dies Zeug, das die Dinge von der Gravitation abschneidet, in einen flachen Kasten mit einem Deckel laufen, der es niederhielt. Und sowie es abgekühlt war, und die Herstellung vollzogen, trat der ganze Aufruhr ein, nichts darüber hatte mehr Gewicht, die Luft spritzte auf, das Haus spritzte auf, und wenn das Zeug nicht selber auch aufgespritzt wäre, so weiß ich nicht, was geschehen wäre! Aber angenommen, der Stoff ist los und ganz frei, aufzufliegen?«
»So wird er sofort auffliegen!«
»Ganz recht. Ohne mehr Aufruhr, als das Abfeuern großen Kanone verursacht.«
»Aber was soll das nützen?«
»Ich fliege mit hinauf!«
Ich setzte die Teetasse hin und starrte ihn an.
»Stellen Sie sich eine Hohlkugel vor,« erklärte er, »weit genug, um zwei Leute mit ihrem Gepäck zu fassen. Sie wird aus Stahl gemacht und mit dickem Glas gefüttert; sie wird einen geeigneten Vorrat von Luft in festem Aggregatzustand mitführen, konzentrierte Nahrung, Wasserdestillierapparat und so fort. Und auf dem äußeren Stahl gleichsam daraufemailliert – –«
»Cavorit?«
»Ja.«
»Aber wie wollen Sie hineinkommen?«
»Es hat einmal das gleiche Problem bei einem Kloß gegeben.«
»Ja, ich weiß. Aber wie?«
»Das ist ganz leicht. Man braucht nichts als ein luftdichtes Einsteigeloch. Das wird natürlich ein wenig kompliziert sein müssen; wir werden eine Ventilklappe haben müssen, so daß man, wenn nötig, ohne großen Luftverlust Dinge auswerfen kann.«
»So wie das Ding bei Jules Verne in der ›Reise zum Mond‹?«
Aber Cavor war kein Romanleser.
»Ich fange an zu begreifen,« sagte ich langsam. »Und Sie könnten einsteigen und sich verschrauben, solange das Cavorit warm wäre, und sobald es abkühlte, würde es für die Gravitation undurchdringlich, und weg fliegen Sie – –«
»Mit einem Ruck.«
»Sie würden in gerader Linie fliegen –«
Ich unterbrach mich plötzlich.
»Was soll das Ding hindern, auf ewig in grader Linie in den Raum zu wandern?« fragte ich. »Sie sind nicht sicher, irgendwohin zu kommen, und wenn das gelingt – wie wollen Sie zurückkommen?«
»Daran habe ich gerade gedacht,« sagte Cavor. »Das meinte ich, als ich sagte, das Ding ist fertig. Die innere Glaskugel kann luftdicht sein und, abgesehen vom Einsteigeloch, kontinuierlich, und die Stahlsphäre kann in Sektionen gearbeitet sein, so daß jede Sektion sich nach Art einer Rolljalousie aufrollen kann. Die können leicht durch Federn bewegt und durch Elektrizität, die durch ins Glas gegossene Platindrähte geleitet wird, auf und zu gerollt werden. All das sind lediglich Fragen des Details. Sie sehen also, daß das Cavoritäußere der Sphäre, abgesehen von der Dicke der Jalousiebrettchen, aus Fenstern oder Jalousien bestehen wird, wie Sie sie nennen wollen. Nun, wenn all diese Fenster oder Jalousien geschlossen sind, wird kein Licht, keine Wärme, keine Gravitation, keine strahlende Energie irgendwelcher Art ins Innere der Sphäre kommen, sie wird in gerader Linie durch den Raum fliegen, wie sie sagen. Aber öffnen Sie ein Fenster, stellen Sie sich vor, eins der Fenster offen! Dann wird uns sofort jeder schwere Körper, der sich gerade in der Richtung befindet, anziehen – –«
Ich saß da und nahm das in mich auf.
»Sie verstehen?« sagte er.
»O, ich verstehe.«
»Tatsächlich werden wir imstande sein, ganz wie wir wollen, im Raum umherzulavieren. Uns von diesem und dem anziehen zu lassen.«
»O ja. Das ist klar genug. Nur – –«
»Ja?«
»Ich sehe nicht ganz ein, wozu wir's tun sollen! Es ist wirklich nichts weiter als von der Welt weg springen und wieder zurück.«
»Sicher! Man könnte zum Beispiel auf den Mond gehen.«
»Und wenn man hinkäme! Was wollten Sie finden?«
»Wir müßten sehen – O! bedenken Sie das neue Wissen.«
»Ist Luft da?«
»Vielleicht.«
»Es ist eine schöne Idee,« sagte ich, »aber es scheint mir trotzdem ein etwas großer Auftrag. Ich würde viel lieber erst ein paar kleinere Sachen versuchen.«
»Sie kommen wegen der Luftschwierigkeit nicht in Frage.«
»Warum nicht diese Idee von Federjalousien – Cavorit-Jalousien in starken Stahlbehältern – anwenden, um Gewichte zu heben?«
»Sie würden nicht arbeiten,« beharrte er. »Schließlich – in den äußeren Raum zu reisen, ist nicht so sehr viel weniger,wenn es weniger ist, als eine Nordpolexpedition. Man macht Nordpolexpeditionen.«
»Keine Geschäftsleute. Und außerdem werden sie für Nordpolexpeditionen bezahlt. Und wenn irgend etwas verkehrt geht, sind die Rettungsexpeditionen da. Aber dies – da feuert man sich ja für nichts von der Welt.«
»Nennen Sie's Prospektern.«
»So werden Sie's nennen müssen ... Man könnte vielleicht ein Buch daraus machen,« sagte ich.
»Ich zweifle nicht, daß Mineralien da sind,« sagte Cavor.
»Zum Beispiel?«
»O! Schwefel, Erze, Gold vielleicht, womöglich neue Elemente.«
»Transportkosten,« sagte ich. »Sie wissen, Sie sind kein praktischer Mensch. Der Mond ist 'ne Viertelmillion Meilen entfernt.«
»Mir scheint, es würde nicht viel kosten, irgendwelches Gewicht irgendwohin zu schaffen, wenn man's in Cavoritkisten verpackte.«
Daran hatte ich nicht gedacht. »Lieferung frei an Kopf des Empfängers, eh?«
»Auch nicht, als ob wir auf den Mond beschränkt wären.«
»Sie meinen – –?«
»Da ist der Mars – klare Atmosphäre, neue Umgebung, erhebendes Gefühl der Leichtigkeit. Es könnte hübsch sein, dahinzugehen.«
»Ist Luft auf dem Mars?«
»O ja!«
»Scheint, man könnte ihn als Sanatorium auftun. Nebenbei, wie weit ist es bis zum Mars?«
»Zweihundert Millionen Meilen gegenwärtig,« sagte Cavor leichthin; »und man kommt dicht an der Sonne vorbei.«
Meine Phantasie raffte sich auf. »Im Grunde«, sagte ich, »ist was dran, an diesen Dingen. Das Reisen – –«
Eine außerordentliche Möglichkeit kam mir in den Geist gestürzt. Plötzlich sah ich wie in einer Vision das ganze Sonnensystem mit Cavorit-Booten und Sphären de luxe durchzogen. »Vorkaufsrechte«, kam mir in den Kopf geschwommen – planetarische Vorkaufsrechte. Ich entsann mich des alten spanischen Goldmonopols in Amerika. Durchaus nicht, als ob es sich gerade nur um diesen oder den Planeten gehandelt hätte – es handelte sich um alle. Ich starrte Cavors rotes Gesicht an, und plötzlich sprang und tanzte meine Phantasie. Ich stand auf, ich ging auf und ab; die Zunge war mir gelöst.
»Ich fange an zu begreifen,« sagte ich; »ich fange an zu begreifen.« Der Übergang vom Zweifel zur Begeisterung schien kaum überhaupt Zeit in Anspruch zu nehmen. »Aber dies ist ungeheuer!« rief ich. »Dies ist kaiserlich! Von solchen Dingen hab ich mir im Traum nichts beifallen lassen.«
Als einmal das Eis meines Widerstandes geschmolzen war, ließ er seiner eigenen, lange eingeschlossenen Erregung Spielraum. Auch er stand auf und schritt hin und her. Auch er gestikulierte und rief. Wir benahmen uns wie inspirierte Menschen. Wir waren inspirierte Menschen.
»All das wollen wir schon erledigen!« sagte er als Antwort auf eine gelegentliche Schwierigkeit, die mir den Zügel angelegt hatte. »All das wollen wir in Kürze erledigen! Wir wollen die Zeichnungen für die Formen noch heute abend beginnen.«
»Wir wollen sofort beginnen,« antwortete ich, und wir liefen zum Laboratorium, um diese Arbeit alsbald in die Hand zu nehmen.
Ich war die ganze Nacht hindurch wie ein Kind im Wunderland. Die Morgendämmerung fand uns beide noch an der Arbeit – wir achteten des Tages nicht und ließen unser elektrisches Licht weiterbrennen. Ich entsinne mich noch genau, wie diese Zeichnungen aussahen. Ich schattierte und tönte, während Cavor zeichnete – verschmiert und hastig hingeworfen waren sie in jeder Linie, aber wundervoll korrekt. Wir schickten die Bestellungen auf die Stahljalousien und Rahmen ab, die wir nach der Arbeit dieser Nacht nötig hatten, und die Glassphäre war in einer Woche entworfen. Wir gaben unsere Nachmittagsunterhaltungen und unseren alten Schlendrian völlig auf. Wir arbeiteten – und wir schliefen und aßen, wenn wir vor Hunger und Müdigkeit nicht mehr arbeiten konnten. Unsere Begeisterung steckte sogar unsere drei Leute an, obgleich sie keine Ahnung hatten, wozu die Sphäre war. In jenen Tagen gab Gibbs das Gehen auf und lief überall, selbst durchs Zimmer, in einer Art aufgeregten Laufschritts.
Und sie wuchs – die Sphäre. Der Dezember ging hin, der Januar – ich brachte einen Tag damit zu, mit einem Besen einen Pfad zwischen Sommerhaus und Laboratorium zu fegen – Februar, März. Gegen Ende März kam die Vollendung in Sicht. Im Januar war ein Spann Pferde gekommen, eine riesige Packkiste; unsere dicke Glassphäre hatten wir jetzt fertig, und sie war unter dem Krahn aufgestellt, den wir aufgetakelt hatten, um sie in die Stahlschale zu schwingen. All die Stangen und Jalousien der Stahlschale – es war nicht eigentlich eine sphärische Schale, sondern polyndrisch, mit einer Rolljalousie für jede Fazette – waren im Februar gekommen, und die untere Hälfte wurde zusammengenietet. Das Cavorit war im März zur Hälfte fertig: die Metallmasse hatte zwei der Entwicklungsstufen ihrer Herstellung durchgemacht, und wir hatten ganz die Hälfte davon auf die Stahlstangen und Jalousien gestrichen. Es war erstaunlich, wie eng wir uns an die Linien von Cavors erster Inspiration hielten, als wir den Entwurf ausarbeiteten. Als das Zusammennieten der Sphäre beendet war, schlug er vor, das rohe Dach des zeitweiligen Laboratoriums, in dem die Arbeit vor sich gegangen war, zu entfernen und einen Schmelzofen darum zu bauen. So sollte die letzte Phase der Cavorit-Herstellung, in der die Masse in einem Heliumstrom zu einer stumpfen Rotglut erhitzt wird, vollzogen werden, wenn es schon über der Sphäre lag.
Und dann hatten wir zu erörtern und zu beschließen, welcher Art Vorräte wir mitnehmen sollten – komprimierte Nahrungsmittel, konzentrierte Essenzen, Stahlzylinder mit Reservesauerstoff, eine Vorrichtung, Kohlensäure und verdorbene Luft zu entfernen und Sauerstoff mittelst Natriumhyperoxyd zu ersetzen, Wasserkondensatoren und so weiter. Ich erinnere mich noch des kleinen Haufens, den sie im Winkel bildeten – Zinndosen, Rollen und Kisten – überzeugend tatsächlich.
Es war eine emsige Zeit mit wenig Gelegenheit zum Nachdenken. Aber eines Tages, als wir uns dem Ende näherten, überkam mich eine sonderbare Stimmung. Ich hatte den ganzen Morgen am Schmelzofen gemauert, und ich setzte mich wie zerschlagen bei diesen Liegenschaften nieder. Alles schien stumpf und unglaublich.
»Aber hören Sie, Cavor,« sagte ich. »Schließlich! Wozu das alles?«
Er lächelte. »Jetzt soll das Ding gehen.«
»Der Mond,« überlegte ich. »Aber was erwarten Sie? Ich dachte, der Mond ist eine tote Welt.«
Er zuckte mit den Schultern.
»Was erwarten Sie?«
»Wir werden ja sehen.«
» Werden wir?« sagte ich und starrte vor mich hin.
»Sie sind müde,« sagte er. »Sie sollten heute nachmittag lieber spazieren gehen.«
»Nein,« sagte ich hartnäckig; »ich will diese Mauerei fertig machen.«
Und ich tat es und holte mir eine schlaflose Nacht.
Ich glaube nicht, daß ich je eine solche Nacht gehabt habe. Ich habe vor meinem Geschäftszusammenbruch ein paar schlimme Zeiten durchgemacht, aber die schlimmste jener Nächte war süßer Schlummer im Vergleich mit dieser Unendlichkeit schmerzhafter Wachheit. Ich hatte plötzlich vor dem, was wir tun wollten, die ungeheuerlichste Angst.
Ich entsinne mich nicht, daß ich vor jener Nacht überhaupt an die Gefahren gedacht hätte, die wir liefen. Jetzt kamen sie wie jener Aufzug von Gespenstern, die einst Prag belagerten, und legten sich um mich. Die Seltsamkeit dessen, was wir zu tun im Begriffe standen, das Unirdische überwältigten mich. Ich war wie ein Mann, der aus heiteren Träumen zur furchtbarsten Umgebung erwacht. Ich lag da, die Augen weit offen, und die Sphäre schien mit jedem Moment immer nichtiger und blasser, und Cavor immer unwirklicher und phantastischer, und das ganze Unternehmen immer toller und toller zu werden.
Ich stieg aus dem Bett und wanderte umher. Ich setzte mich ans Fenster und starrte in die Unermeßlichkeit des Raums. Zwischen den Sternen lag die leere, die unergründliche Dunkelheit! Ich versuchte, mir die fragmentarische Kenntnis der Astronomie zurückzurufen, die ich mir durch mein unregelmäßiges Leben erworben hatte, aber sie war zu unbestimmt, um mir irgendeine Vorstellung der Dinge zu geben, die wir erwarten konnten. Schließlich ging ich wieder ins Bett und es gelang mir, ein paar Momente des Schlafs zu erfassen – vielmehr Momente des Albs – in denen ich auf ewig in den Abgrund des Himmels fiel und fiel und fiel.
Ich erstaunte, Cavor beim Frühstück zu sehen. Ich sagte ihm kurz: »Ich komme nicht mit Ihnen in die Sphäre.«
Ich setzte all seinen Protesten eine finstere Beharrlichkeit entgegen. »Die Sache ist zu toll,« sagte ich, »und ich will nicht mit. Die Sache ist zu toll.«
Ich wollte nicht mit ihm ins Laboratorium gehen. Ich trieb mich eine Zeitlang in meinem Sommerhaus herum, nahm dann den Hut und den Stock und machte mich allein auf, wohin, wußte ich nicht. Es traf sich, daß es ein wundervoller Morgen war: ein warmer Wind und tiefer, blauer Himmel, das erste Grün des Frühlings draußen und Scharen von Vögeln, die sangen. Ich frühstückte in einem kleinen Gasthof bei Elham Roastbeef und Bier und erschreckte den Wirt, indem ich apropos des Wetters bemerkte: »Ein Mensch, der die Welt verläßt, wenn solche Tage herrschen, ist ein Narr!«
»Ganz, was ich gesacht hab', a's ich's hörte!« sagte der Wirt, und ich erfuhr, daß sich wenigstens für eine arme Seele diese Welt als zu viel erwiesen hatte, und daß eine Kehle abgeschnitten worden war. Ich ging mit einer neuen Wendung in meinen Gedanken weiter.
Nachmittags schlief ich an einer sonnigen Stelle einen angenehmen Schlaf und ging erfrischt meines Weges weiter.
Ich kam zu einem behaglich aussehenden Gasthof bei Canterbury. Er leuchtete von Schlinggewächsen, und die Wirtin war eine saubere alte Frau, die mein Auge anzog. Ich fand, daß ich gerade Geld genug hatte, um für mein Zimmer bei ihr zu zahlen. Ich beschloß, die Nacht dort zu bleiben. Sie war eine geschwätzige Frau, und unter anderen Einzelheiten erfuhr ich, daß sie noch nie in London gewesen war. »Canterbury, weiter bin ich noch nich' gewesen,« sagte sie. »Ich bin keine von Ihren Rumstreichern.«
»Wie würde Ihnen ein Ausflug zum Mond gefallen?« rief ich.
Hab' nie 'was mit die Ballons in'n Sinn gehabt,« sagte sie, offenbar unter dem Eindruck, dies sei eine ziemlich gewöhnliche Reise. »Ich ging in keinen 'rauf – nich' für noch soviel.«
Das schien mir ulkig. Als ich zu Nacht gegessen hatte, setzte ich mich auf eine Bank neben der Tür des Gasthofs und plauderte mit zwei Arbeitern über Ziegelstreichen und Motorwagen und über das letztjährige Kricket. Und am Himmel sank ein blasser junger Mond, blau und unbestimmt wie eine ferne Alp, westlich über der Sonne nieder.
Am anderen Tage kehrte ich zu Cavor zurück. »Ich komme,« sagte ich. »Ich bin ein bißchen in Unordnung gewesen, weiter nichts.«
Das war das einzige Mal, daß ich ernstlichen Zweifel gegen unser Unternehmen empfand. Nichts als die Nerven! Danach arbeitete ich ein wenig achtsamer und lief jeden Tag eine Stunde lang herum. Und zuletzt waren unsere Arbeiten, abgesehen von der Erhitzung im Schmelzofen, zu Ende.
4 In der Sphäre
Nur weiter,« sagte Cavor, als ich auf dem Rande des Einsteigeloches saß und in das schwarze Innere der Sphäre niederblickte. Wir beiden waren allein. Es war Abend, die Sonne war untergegangen, und auf allem lag die Stille des Zwielichts.
Ich zog auch das andere Bein hinein und glitt über das glatte Glas auf den Boden der Sphäre; dann wandte ich mich, um Cavor die Kannen mit den Nahrungsmitteln und die anderen Impedimenta abzunehmen. Das Innere war warm, das Thermometer stand auf achtzig Fahrenheit, und da wir wenig oder nichts davon durch Strahlung verlieren sollten, waren wir in Schuhe und dünnen Flanell gekleidet. Wir hatten jedoch ein Bündel mit dicken Wollenkleidern und mehrere dicke Decken bei uns, um uns vor Unfällen zu schützen. Nach Cavors Anweisung legte ich die Kisten, die Sauerstoffzylinder und so weiter lose um meine Füße, und bald hatten wir alles drinnen. Er ging eine Zeitlang auf der Suche nach irgend etwas, was wir übersehen hätten, im dachlosen Schuppen umher und kroch mir dann nach. Ich bemerkte etwas in seiner Hand.
»Was haben Sie da?« fragte ich.
»Haben Sie sich nichts zu lesen mitgebracht?«
»Großer Gott! Nein.«
»Ich vergaß, es Ihnen zu sagen. Manches ist ungewiß – die Reise dauert vielleicht – es kann Wochen dauern!«
»Aber –«
»Wir werden absolut ohne Beschäftigung in dieser Sphäre schwimmen.«
»Ich wollte, ich hätte es gewußt – –«
Er blickte zum Einsteigeloch hinaus. »Sehen Sie!« sagte er. »Da liegt was!«
»Ist noch Zeit?«
»Es dauert noch eine Stunde.«
Ich blickte hinaus. Es war eine alte Nummer der Tit-Bits, die einer der Leute mitgebracht haben mußte. Weiter im Winkel sah ich ein zerrissenes Blatt der Lloyds News. Damit kletterte ich in die Sphäre zurück. »Was haben Sie sich mitgenommen?« fragte ich.
Ich nahm ihm das Buch aus der Hand und las: »William Shakespeares Werke«.
Er errötete leicht. »Meine Bildung ist so rein naturwissenschaftlich gewesen« – sagte er entschuldigend.
»Ihn nie gelesen?«
»Nie.«
»Er hat einiges gewußt, wissen Sie – irreguläres Wissen.«
»Genau, was ich gehört habe,« sagte Cavor.
Ich half ihm, den Glasdeckel des Einsteigelochs einzuschrauben, und dann drückte er auf einen Knopf, um die entsprechende Jalousie in der äußeren Hülle zu schließen. Das kleine Zwielichtviereck verschwand. Wir waren im Dunkel.
Eine Zeitlang sprach keiner von uns. Obgleich unsere Hülle für den Schall nicht undurchdringlich war, war doch alles sehr still. Ich sah, daß nichts da war, woran man sich festklammern konnte, wenn der Stoß unseres Aufbruchs käme, und mir wurde klar, daß mir der Mangel eines Stuhls Unbehagen bereiten würde.
»Warum haben wir keine Stühle?« fragte ich.
»An all das hab ich gedacht,« sagte Cavor. »Wir werden sie nicht nötig haben.«
»Warum nicht?«
»Sie werden sehen,« sagte er in dem Ton eines Menschen, der nicht reden will.
Ich verstummte. Plötzlich war es mir klar und lebhaft aufgegangen, daß ich ein Narr war, in dieser Sphäre zu sein. Selbst jetzt noch, fragte ich mich, ist es zu spät, sich zurückzuziehen? Die Welt außerhalb der Sphäre, das wußte ich, würde kalt und ungastlich genug gegen mich sein – seit Wochen hatte ich von Cavors Subsidien gelebt – aber schließlich, würde sie so kalt sein wie der unendliche Nullpunkt, so ungastlich wie der leere Raum? Wäre es nicht um den Anschein der Feigheit gewesen, ich glaube, ich hätte ihn selbst da noch gezwungen, mich hinauszulassen. Aber aus dem Grunde zögerte ich und zögerte ich und wurde ungeduldig und zornig, und die Zeit verging.
Da kam ein leiser Ruck, ein Geräusch, wie wenn im Nebenzimmer Champagner entkorkt würde, und ein schwacher pfeifender Schall. Eine Sekunde lang hatte ich eine Empfindung ungeheurer Spannung, eine flüchtige Überzeugung, daß meine Füße mit der Kraft zahlloser Tons nach unten preßten. Es dauerte eine unendlich kleine Zeit.
Aber es rüttelte mich zum Handeln auf. »Cavor!« sagte ich ins Dunkel hinein; »meine Nerven sind kaputt ... Ich glaube nicht – –«
Ich hielt inne. Er gab keine Antwort.
»Zum Henker!« rief ich, »bin ich ein Narr! Was habe ich hier zu suchen? Ich komme nicht mit, Cavor. Die Sache ist zu riskant. Ich steige hinaus.«
»Das können Sie nicht,« sagte er.
»Kann nicht! Das wollen wir bald sehen!«
Er gab zehn Sekunden lang keine Antwort. »Es ist jetzt zu spät, uns zu streiten,« sagte er. »Der kleine Ruck vorhin war der Aufstieg. Wir fliegen schon so schnell wie eine Kugel in den Abgrund des Raumes hinauf.«
»Ich« – sagte ich, und dann schien es mir nicht mehr darauf anzukommen, was geschah. Eine Zeitlang war ich gleichsam betäubt; ich hatte nichts zu sagen. Es war gerade, als hätte ich noch nie zuvor von dieser Idee, die Welt zu verlassen, gehört. Dann merkte ich eine unerklärliche Veränderung in meinen körperlichen Empfindungen. Es war ein Gefühl der Leichtigkeit, der Unwirklichkeit. Damit ging eine sonderbare Empfindung im Kopf Hand in Hand, beinahe etwas Apoplektisches, und ein Pochen der Blutgefäße in den Ohren. Keines dieser Gefühle wurde mit der Zeit geringer, aber schließlich war ich so daran gewöhnt, daß sie mir nicht mehr unangenehm waren.
Ich hörte ein Klinken und eine kleine Glühlampe leuchtete auf.
Ich sah Cavors Gesicht, so weiß, wie ich fühlte, daß meins war. Wir blickten einander schweigend an. Die durchsichtige Schwärze des Glases hinter ihm bewirkte, daß er aussah, als schwimme er in einer Leere.
»Nun, wir sind gefangen,« sagte ich schließlich.
»Ja,« sagte er, »wir sind gefangen.«
»Bewegen Sie sich nicht,« rief er bei der Andeutung einer Geste aus. »Lassen Sie Ihre Muskeln ganz schlaff – wie wenn Sie im Bett lägen. Wir sind in einem kleinen eigenen Universum. Sehen Sie die Dinge da an!«
Er zeigte auf die Kisten und Bündel, die am Boden der Sphäre auf den Decken gelegen hatten. Ich war erstaunt, sie fast einen Fuß weit von der sphärischen Mauer entfernt schwimmen zu sehen. Dann sah ich an seinem Schatten, daß Cavor nicht mehr am Glase lehnte. Ich streckte die Hand hinter mich und fand, daß auch ich, klar vom Glas, im Raume schwebte.
Ich schrie nicht auf und gestikulierte nicht, aber die Angst überschlich mich. Es war, als würde man von etwas gehalten und gehoben – man wußte nicht, wovon. Die bloße Berührung meiner Hand mit dem Glase brachte mich in rasche Bewegung. Ich begriff, was geschehen war, aber das hinderte nicht, daß ich mich fürchtete. Wir waren von aller äußeren Gravitation abgeschnitten, nur die Anziehung der Dinge innerhalb unserer Sphäre wirkte. Infolgedessen fiel alles, was nicht am Glase befestigt war – langsam, wegen der Geringfügigkeit unserer Massen – zum Gravitationszentrum unserer kleinen Welt, das etwa im Mittelpunkt der Sphäre, aber wegen meines höheren Gewichtes mir näher als Cavor zu liegen schien.
»Wir müssen uns drehen,« sagte Cavor, »und Rücken gegen Rücken schwimmen, mit den Sachen zwischen uns.«
Es war die sonderbarste Empfindung, die man sich vorstellen kann, so lose im Raum zu schweben, anfangs sogar grauenhaft unheimlich, als aber das Grauen verging, durchaus nicht unangenehm, außerordentlich ausruhend; ja, was ihr an irdischer Erfahrung von allem, was ich kenne, am nächsten kam, war, wenn man auf einem sehr dicken, weichen Federbett liegt. Aber das Eigentümliche der äußersten Loslösung und Unabhängigkeit! Auf solche Dinge hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte beim Aufstieg einen heftigen Stoß erwartet, ein schwindliges Gefühl der Geschwindigkeit. Statt dessen hatte ich ein Gefühl – als wäre ich körperlos geworden. Es war nicht wie der Beginn einer Reise; es war wie der Beginn eines Traums.
5 Die Fahrt zum Mond
Dann löschte Cavor das Licht aus. Er sagte, wir hätten nicht übermäßig viel Energie aufgespeichert, und wir müßten fürs Lesen sparen. Eine Zeitlang, ob es lange oder kurz dauerte, weiß ich nicht, war nichts als leere Schwärze zu sehen.
Eine Frage schwamm aus der Leere herauf. »Wie zeigen wir?« fragte ich. »Welches ist unsere Richtung?«
»Wir fliegen geradewegs von der Erde fort, und da der Mond seinem dritten Viertel nahe ist, gehen wir irgendwo auf ihn zu. Ich will eine Jalousie öffnen –«
Es folgte ein Klinken, und dann sprang ein Fenster in der äußeren Hülle auf. Der Himmel draußen war ebenso schwarz wie die Dunkelheit in der Sphäre, aber die Form des offenen Fensters wurde durch eine unendliche Zahl von Sternen markiert.
Wer den Sternenhimmel nur von der Erde aus gesehen hat, kann sich seine Erscheinung, wenn der unbestimmte halb helle Schleier unserer Luft entfernt ist, gar nicht vorstellen. Die Sterne, die wir auf der Erde sehen, sind nur die zerstreuten Überlebenden, die unsere neblige Atmosphäre durchdringen. Jetzt endlich konnte ich den Sinn der himmlischen Heerscharen erfassen!
Dieser luftleere, sternenbestaubte Himmel! Von allen Dingen, glaube ich, wird das eins der letzten sein, die ich vergessen werde!
Das kleine Fenster verschwand mit einem Klinken, ein anderes daneben schnappte auf und schloß sich sofort wieder, und dann ein drittes, und einen Moment mußte ich wegen des blendenden Glanzes des abnehmenden Mondes die Augen schließen.
Eine Zeitlang mußte ich Cavor und die weiß beleuchteten Dinge um mich anblicken, um meine Augen wieder ans Licht zu gewöhnen, ehe ich sie auf jenen bleichen Glanz werfen konnte.
Vier Fenster waren offen, damit die Gravitation des Mondes auf alle Stoffe in unserer Sphäre wirken konnte. Ich sah, daß ich nicht länger frei im Raume schwebte, sondern daß meine Füße in der Richtung nach dem Monde zu auf dem Glase ruhten. Die Decken und Vorratskisten krochen gleichfalls langsam am Glas hinunter und kamen dann so zur Ruhe, daß sie uns einen Teil des Ausblicks versperrten. Mir war natürlich, ich blickte »hinunter«, wenn ich auf den Mond blickte. Auf der Erde heißt »hinunter« erdwärts, wie die Dinge fallen, und »hinauf« heißt die umgekehrte Richtung. Jetzt ging der Zug der Gravitation auf den Mond zu, und nach allem, was ich wußte, war unsere Erde über uns. Und natürlich war, wenn alle Jalousien geschlossen waren, »hinunter« auf das Zentrum unserer Sphäre zu, und »hinauf« nach ihrer äußeren Umwandung gerichtet.
Es lief auch sonderbar irdischer Erfahrung entgegen, daß das Licht zu einem » herauf« schien. Auf der Erde kommt das Licht von oben oder seitlich schräg herunter, aber hier kam es von unter unseren Füßen her, und um unseren Schatten zu sehen, mußten wir nach oben blicken.
Zuerst verursachte es mir eine Art Schwindel, daß ich nur auf dickem Glase stand und durch Hunderttausende von Meilen leeren Raums auf den Mond hinabblickte; aber die Übelkeit verging sehr rasch. Und dann – der Glanz des Anblicks!
Der Leser kann es sich am besten vorstellen, wenn er sich an einem warmen Sommerabend auf den Boden legt und zwischen den Füßen zum Mond emporblickt, aber aus irgendeinem Grunde, wahrscheinlich, weil das Fehlen der Luft ihn soviel leuchtkräftiger machte, schien der Mond schon beträchtlich größer als von der Erde aus. Die kleinsten Einzelheiten seiner Oberfläche waren scharf zu sehen. Da wir ihn nicht durch Luft sahen, war sein Umriß hell und scharf, es lag kein Schein, kein Hof darum; der Sternenstaub, der den Himmel bedeckte, trat bis scharf an seinen Rand heran und markierte den Umriß seines unbeleuchteten Teils. Und wie ich dastand und zwischen meinen Füßen hindurch auf den Mond starrte, kehrte jene Empfindung des Unmöglichen, die mich schon seit unserm Aufstieg immer wieder befallen hatte, mit zehnfacher Überzeugung zurück.«
»Cavor«, sagte ich, »dies überrascht mich wunderlich. Diese Gesellschaften, die wir auftun wollten, und all das mit den Mineralien?«
»Ja?«
»Hier seh' ich sie nicht.«
»Nein,« sagte Cavor; »aber über all das werden Sie wegkommen.«
»Ich glaube, ich bin danach gemacht, wieder die rechte Seite nach oben zu tun. Aber dies – einen Moment könnte ich halb glauben, daß es niemals eine Welt gegeben hat.«
»Die Nummer von Lloyd's News könnte Ihnen vielleicht helfen.«
Ich starrte das Blatt einen Augenblick an; dann hielt ich es mir übers Gesicht und fand, daß ich es ganz leicht lesen konnte. Ich stieß auf eine Spalte armseliger kleiner Annoncen. »Ein Herr von privaten Mitteln ist bereit, Geld zu verleihen«, las ich. Den Herrn kannte ich. Dann wollte ein exzentrischer Mensch ein Bicycle, »ganz neu und fünfzehn Lire gekostet«, für fünf Pfund verkaufen; und eine Dame in Not wollte unter großem Opfer über einige Fischmesser und Gabeln, »ein Hochzeitsgeschenk«, verfügen. Ohne Zweifel untersuchte eine einfache Seele diese Messer und Gabeln verständig, ein anderer fuhr triumphierend auf jenem Fahrrad davon, und ein dritter fragte, noch während ich las, vertrauensvoll bei jenem wohlwollenden Herrn von Mitteln an. Ich lachte und ließ das Blatt aus den Händen schweben.
»Sind wir von der Erde aus zu sehen?« fragte ich.
»Warum?«
»Ich kannte jemanden, der sich ziemlich für Astronomie interessierte. Mir fiel ein, es wäre recht gelungen, wenn – mein Freund – zufällig gerade durch ein Teleskop blickte.«
»Es würde das mächtigste Teleskop der Erde dazu gehören, uns jetzt noch als winzigen Punkt zu sehen.«
Eine Zeitlang starrte ich schweigend auf den Mond.
»Es ist eine Welt!« sagte ich; »man fühlt das unendlich viel stärker als je auf der Erde. Vielleicht sind Menschen – –«
»Menschen!« rief er aus. »Nein! Verbannen Sie all das! Betrachten Sie sich als eine Art ultra-arktischen Reisenden, der die ödesten Orte des Raums erforscht. Sehen Sie hin!«
Er schwenkte die Hand nach der leuchtenden Weiße unten.
»Er ist tot – tot! Ungeheure, erloschene Vulkane, Lavawildnisse, übereinandergetürmte Schneewüsten, oder gefrorene Kohlensäure, oder gefrorene Luft, und überall Erdrutschrisse und Spalten und Abgründe. Nichts geschieht. Die Menschen haben diesen Planeten seit über zweihundert Jahren systematisch mit Teleskopen beobachtet. Was meinen Sie, wieviel Veränderung haben sie beobachtet?«
»Keine.«
»Sie haben zwei unbestreitbare Erdrutsche konstatiert, einen zweifelhaften Riß, und einen leichten periodischen Farbwechsel, und weiter nichts.«
»Ich wußte nicht einmal, daß das konstatiert ist.«
»O ja. Aber Menschen!«
»Nebenbei,« fragte ich, »wie kleine Dinge wird das größte Teleskop auf dem Monde zeigen?«
»Man würde eine mittelgroße Kirche sehen. Auf jeden Fall könnte man Städte oder Gebäude oder alles, was von Menschenhand stammte, sehen. Es könnten vielleicht Insekten vorhanden sein, etwas wie Ameisen zum Beispiel, die sich in tiefen Bauten vor der Mondnacht verbergen, oder irgendeine neue Art Geschöpfe, die keine irdische Parallele haben. Das ist das Wahrscheinlichste, wenn wir überhaupt Leben vorfinden sollten. Denken Sie an die Verschiedenheit der Bedingungen! Das Leben muß sich an einen Tag anpassen, der so lang ist wie vierzehn Erdentage, an eine wolkenlose Sonnenglut von vierzehn Tagen; und dann an eine Nacht von gleicher Länge, die unter diesen kalten, scharfen Sternen immer kälter und kälter wird. In dieser Nacht muß eine Kälte herrschen! die äußerste Kälte, das absolute Null, 273 Grad Celsius unter dem irdischen Gefrierpunkt. Was auch an Leben noch vorhanden ist, muß das durchwintern und jeden Tag wieder aufstehen.«
Er sann. »Man kann sich etwas Wurmartiges vorstellen,« sagte er, »etwas, was seine Luft in festem Zustand zu sich nimmt, wie ein Regenwurm Erde schluckt, oder dickhäutige Ungeheuer – –«
»Nebenbei,« sagte ich, »warum haben wir keine Flinte mitgenommen?«
Er beantwortete meine Frage nicht. »Nein,« schloß er, »wir haben eben einfach hinzugehen. Wir werden ja sehen, wenn wir da sind.«
Mir fiel etwas ein. »Natürlich bleiben meine Mineralien, auf jeden Fall,« sagte ich; »welches auch die Bedingungen sind.«
Bald darauf sagte er mir, er wünsche unsern Kurs ein wenig zu verändern, indem er die Erde einen Augenblick an uns ziehen lasse. Er wollte eine der Jalousien erdwärts auf dreißig Sekunden öffnen. Er warnte mich, mir würde der Kopf schwimmen, und er riet mir, die Hände gegen das Glas auszustrecken, um meinen Fall zu hemmen. Ich tat, wie er sagte, und stemmte die Füße gegen die Ballen der Nahrungskisten und luftdichten Zylinder, damit sie nicht auf mich stürzten. Dann sprang das Fenster mit einem Klinken auf. Ich fiel plump auf Hände und Gesicht und sah einen Moment lang unsere Mutter Erde zwischen meinen schwarzen, ausgespreizten Fingern – einen Planeten am Himmel unter mir.
Wir waren noch sehr nah – Cavor sagte mir, die Entfernung betrage vielleicht achthundert Meilen – und die riesige Erdscheibe füllte den ganzen Himmel. Aber schon war deutlich zu sehen, daß die Welt eine Kugel war. Das Land unter uns lag unbestimmt im Zwielicht, aber westlich leuchteten die ungeheuren grauen Flächen des Atlantischen Ozeans unter dem weichenden Tag wie geschmolzenes Silber. Ich glaube, ich erkannte die wolkenverdunkelten Küstenlinien von Frankreich und Spanien und Südengland, und dann schloß sich die Jalousie wieder mit einem Klinken, und ich merkte, wie ich in einem Zustand merkwürdiger Verwirrung langsam über das glatte Glas hinabglitt.
Als sich die Dinge schließlich in meinem Geist wieder beruhigten, schien es ganz außer Frage, daß der Mond »unten« war und unter meinen Füßen, und daß die Erde irgendwo fern auf der Fläche des Horizontes lag – die Erde, die mir vom Anfang der Dinge an »unten« und mit mir verwandt gewesen war!
So gering waren die von uns erforderten Anstrengungen, so leicht machte die praktische Vernichtung unseres Gewichtes alles, was wir zu tun hatten, daß uns fast sechs Stunden lang nach unserem Aufflug (nach Cavors Chronometer) nicht das Bedürfnis kam, eine Erfrischung zu nehmen. Ich war über die Zeit, die verlaufen war, verblüfft. Selbst da war ich mit sehr wenig befriedigt. Cavor untersuchte den Apparat zur Aufnahme von Kohlensäure und Wasser und sagte, er sei in genügender Ordnung, unser Verbrauch an Sauerstoff sei außerordentlich gering gewesen. Und da unser Gespräch vorläufig erschöpft war, wir auch weiter nichts zu tun hatten, so gaben wir einer sonderbaren Schläfrigkeit nach, die uns überfallen hatte, breiteten unsere Decken auf dem Boden der Sphäre in der Weise aus, daß sie den größten Teil des Mondscheins absperrten, wünschten einander gute Nacht und schliefen fast unmittelbar darauf ein.
Und so fielen wir, schlafend und bisweilen plaudernd und ein wenig lesend, hin und wieder auch essend, wenn auch ohne jede Schärfe des Appetits, [Fußnote] doch meistens in einer Art Ruhe, die weder Schlaf, noch Wachheit war, einen Zeitraum hindurch, der weder Tag noch Nacht einschloß, still, sanft und geschwind zum Mond hinunter.
6 Die Landung auf dem Mond
Ich erinnere mich, wie Cavor eines Tages plötzlich sechs unserer Läden öffnete und mich so blendete, daß ich ihn laut anschrie. Die ganze Fläche war Mond, ein stupender Krummsäbel weißen Tagesanbruchs, dessen Rand mit Scharten des Dunkels ausgezackt war, die halbmondförmige Küste einer ebbenden Flut der Dunkelheit, aus der Spitzen und Zinnen in den Glanz der Sonne emporgeklettert kamen. Ich nehme an, der Leser hat Bilder oder Photographien des Mondes gesehen, so daß ich die breiteren Züge jener Landschaft nicht schildern brauche: jene geräumigen, ringartigen Ketten, weiter als alle irdischen Gebirge, deren Gipfel im Tage leuchten, deren Schatten scharf und tief absetzen; jene grauen, wirren Ebenen, die Grate, Hügel und Kraterchen, die alle zuletzt aus blendender Beleuchtung in ein gemeinsames Geheimnis der Schwärze übergehen. Quer über dieser Welt flogen wir, kaum noch hundert Meilen über ihren Kämmen und Gipfeln. Und jetzt konnten wir sehen, was von der Erde aus kein Auge jemals sehen wird, daß unter der Glut des Tages die scharfen Umrisse der Felsen und Schluchten der Ebene und des Kraterbodens unter einem dichter werdenden Nebel grau und undeutlich wurden, daß das Weiß ihrer erleuchteten Flächen sich in Klumpen und Flecken brach, und wieder brach und schrumpfte und verschwand, und daß hier und dort seltsame braune und olivfarbene Töne wuchsen und sich ausbreiteten.
Aber wir hatten jetzt keine Zeit zum Beobachten. Denn jetzt waren wir zu der wirklichen Gefahr unserer Reise gekommen. Wir mußten dem Mond, wie wir darum kreisten, immer näher sinken, mußten unsere Geschwindigkeit verlangsamen und auf unsern Augenblick warten, bis wir es schließlich wagen konnten, uns auf seine Oberfläche fallen zu lassen.
Für Cavor war es eine Zeit intensiver Anstrengung; für mich war es eine besorgte Untätigkeit. Es schien, ich ging ihm fortwährend aus dem Wege. Er sprang mit einer Behendigkeit, die auf der Erde unmöglich gewesen wäre, in der Sphäre von Punkt zu Punkt umher. Er schloß und öffnete während dieser letzten, ereignisreichen Stunden die Cavoritfenster beständig, stellte Berechnungen an und blickte mit Hilfe der Glühlampe auf seinen Chronometer. Eine lange Zeit hindurch hatten wir all unsere Fenster geschlossen und hingen schweigend im Dunkel, während wir durch den Raum jagten.
Dann tastete er nach den Jalousieknöpfen, und plötzlich waren die Fenster offen. Ich taumelte und hielt mir die Augen zu, überflutet und versengt und geblendet von dem ungewohnten Glanz der Sonne unter meinen Füßen. Dann schnappten die Läden wieder zu, und mir schwamm das Gehirn in einem Dunkel, das mir auf die Augen drückte. Und darauf schwamm ich wieder in einer ungeheuren, schwarzen Stille.
Dann drehte Cavor das elektrische Licht auf und sagte mir, er schlage vor, gegen den Stoß unserer Landung all unser Gepäck mit den Decken darum zusammenzubinden. Wir taten dies bei geschlossenen Fenstern, weil sich unsere Waren da von selber im Zentrum der Sphäre anordneten. Auch das war ein sonderbares Geschäft; wir zwei Männer, die lose in diesem sphärischen Raum schwebten und packten und Stricke zogen! Man stelle es sich vor, wenn man es kann! Kein oben oder unten, und jede Anstrengung mit unerwarteten Folgen! Bald wurde ich mit der vollen Kraft von Cavors Stoß gegen das Glas geschleudert, bald trat ich hilflos in eine Leere hinein. Bald war der Stern des elektrischen Lichts zu Häupten, bald zu Füßen. Bald schwammen mir Cavors Füße vor den Augen herum, und bald lagen wir verquer gegeneinander. Aber schließlich waren unsere Güter in einem großen, weichen Ballen sicher zusammengebunden, nur zwei Decken mit Knopflöchern blieben draußen, damit wir uns hineinwickeln konnten.
Dann öffnete Cavor auf einen Blitz ein Fenster mondwärts, und wir sahen, daß wir auf einen riesigen Zentralkrater mit einer Anzahl kleinerer Krater in eine Art Kreuz hineingruppiert, zufielen. Und dann öffnete Cavor unsere kleine Sphäre von neuem der sengenden, blendenden Sonne. Ich glaube, er benutzte die Anziehungskraft der Sonne als Bremse. »Wickeln Sie sich in eine Decke,« rief er, indem er sich von mir fortstieß, und einen Moment lang verstand ich nicht.
Dann zog ich mir die Decke unter den Füßen hervor und zog sie mir über Kopf und Augen. Plötzlich schloß er die Läden wieder, schnappte einen anderen auf und wieder zu, und dann begann er sie unvermittelt alle aufzuschnappen, jeden sicher in seine Stahlrolle. Es gab einen Krach, und dann überschlugen und überschlugen wir uns, flogen gegen das Glas und den großen Ballen unseres Gepäcks und klammerten uns aneinander, und draußen spritzte ein weißer Stoff, als rollten wir einen Schneehang hinab ...
Kopfüber, bumps, plumps, bums, plumps, kopfüber ...
Dann kam ein Stoß und ich war halb unter dem Ballen unseres Besitzers vergraben, und eine Zeitlang war alles still. Dann konnte ich Cavor schnauben und grunzen hören, und das Schnappen eines Ladens in seinem Geschiebe. Ich machte eine Anstrengung, warf unser deckenumwickeltes Gepäck zurück und tauchte von darunter auf. Unsere offenen Fenster waren eben als ein mit Sternen besetztes tieferes Schwarz sichtbar.
Wir waren noch am Leben und wir lagen im Dunkel des Schattens der Mauer des großen Kraters, in den wir gefallen waren.
Wir saßen und verschnauften uns und fühlten nach den Quetschungen auf unsern Gliedern. Ich glaube, wir beide hatten so rauhe Behandlung, wie wir erhalten hatten, nicht gerade sehr deutlich erwartet. Ich arbeitete mich mühsam auf die Füße. »Und jetzt,« sagte ich, »auf die Mondlandschaft hinauszublicken! Aber –! Es ist schauerlich dunkel, Cavor!«
Das Glas war betaut, und während ich sprach, rieb ich es mit meiner Decke. »Wir sind eine halbe Stunde oder so vor dem Tage,« sagte er. »Wir müssen warten.«
Es war unmöglich, irgend etwas zu erkennen. Wir hätten nach dem, was ich sehen konnte, in einer Stahlsphäre sein können. Mein Reiben mit der Decke verschmierte das Glas einfach, und so schnell ich auch rieb, es wurde wieder vor frisch kondensierter Feuchtigkeit undurchsichtig, die sich mit einer wachsenden Menge von Deckenhaaren mischte. Natürlich hätte ich die Decke nicht gebrauchen dürfen. Bei meinen Anstrengungen, das Glas zu klären, glitt ich auf der feuchten Fläche aus und verletzte mir das Schienbein an einem der Sauerstoffzylinder, der aus dem Ballen herausragte.
Die Sache war aufregend – es war absurd. Hier waren wir gerade auf dem Mond angekommen, mitten unter wir wußten nicht welchen Wundern, und alles, was wir sehen konnten, war die graue und leckende Wand der Blase, der Blase, in der wir gekommen waren.
»Zum Henker!« sagte ich, »aber auf die Art hätten wir zu Hause bleiben können;« und ich hockte mich auf den Ballen hin, zitterte vor Kälte und zog meine Decke dichter um mich zusammen.
Plötzlich verwandelte sich die Feuchtigkeit in Eisflitter und Blumen. »Können Sie den elektrischen Heizer erreichen,« fragte Cavor. »Ja – der schwarze Knopf. Sonst erfrieren wir.«
Ich ließ mir das nicht zweimal sagen. »Und jetzt,« sagte ich, »was sollen wir anfangen?«
»Warten,« sagte er.
»Warten?«
»Natürlich. Wir werden zu warten haben, bis unsere Luft wieder warm wird, und dann wird dies Glas klar werden. Bis dahin können wir nichts tun. Hier ist jetzt Nacht; wir müssen warten, bis der Tag uns einholt. Unterdes – spüren Sie keinen Hunger?«
Eine Zeitlang antwortete ich ihm nicht, sondern saß da und wütete. Ich wandte mich nur widerstrebend von der verschmierten Glasstelle ab und starrte ihm ins Gesicht. »Ja,« sagte ich, »ich bin hungrig. Ich fühle mich irgendwie ungeheuer enttäuscht. Ich hatte erwartet – ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber dies nicht.«
Ich nahm meine Philosophie zusammen, schlang meine Decke von neuem um mich, setzte mich wieder auf den Ballen und begann meine erste Mahlzeit auf dem Mond. Ich glaube nicht, daß ich sie vollendet habe – ich weiß nicht mehr. Alsbald kam, erst stellenweise, dann rasch in weitere Flächen auseinanderlaufend, die Klärung des Glases, kam die Aufhebung des Nebelschleiers, der unsern Augen die Mondwelt verborgen hatte.
Wir spähten auf die Landschaft des Mondes hinaus.
7 Sonnenaufgang auf dem Mond
Wie wir sie zuerst erblickten, war es die wildeste und trostloseste Szene. Wir lagen in einem ungeheuren Amphitheater, auf einer weiten, kreisrunden Ebene, dem Boden des Riesenkraters. Seine klippenartigen Wände schlossen uns auf allen Seiten ein. Von der westlichen her fiel das Licht der unsichtbaren Sonne darauf und reichte bis hinab zum Fuße der Klippe; sie zeigte einen wirren Hang schmutzig grauen Felsens, der hier und dort mit Bänken und Rissen voll Schnee gespickt war. Das war vielleicht ein Dutzend Meilen entfernt, aber anfangs verminderte keine dazwischenliegende Atmosphäre den bis ins kleinste Detail gehenden Glanz, mit dem uns diese Dinge anstarrten. Sie standen klar und blendend vor einem Hintergrunde gestirnter Schwärze, die unsern irdischen Augen eher wie ein glorreich flitterbesäter Samtvorhang erschien, als wie die Weite des Himmels.
Die östliche Klippe war zunächst nur ein sternenloser Saum zur steinigen Kuppel. Kein rosiges Licht, keine kriechende Blässe verkündete den beginnenden Tag. Nur die Corona, das Zodiakallicht, ein riesiger, kegelförmiger, leuchtender Nebel, der zum Glanz des Morgensterns emporzeigte, sprach uns von der unmittelbaren Nähe der Sonne.
Was an Licht um uns war, wurde von den westlichen Klippen reflektiert. Es zeigte eine riesige gewellte Ebene, kalt und grau, ein Grau, das sich nach Osten hin in das absolute Rabenschwarz des Klippenschattens vertiefte. Unzählige gerundete, graue Gipfel, geisterhafte Kegel, Wogen schneeiger Masse, die Kamm hinter Kamm in die ferne Finsternis erstreckten, gaben uns den ersten Wink über die Entfernung der Kraterwand. Diese Kegel sahen aus wie Schnee. Zur Zeit dachte ich, es sei Schnee. Aber das waren sie nicht – es waren Hügel und Massen gefrorener Luft!
So war es erst, und dann kam, plötzlich, rasch und verblüffend, der Mondtag.
Das Sonnenlicht war die Klippe hinabgekrochen, es berührte die hingewehten Massen an ihrer Basis und kam alsbald mit Siebenmeilenstiefeln auf uns zugeschritten. Die ferne Klippe schien zu schwanken und zu beben, und bei der Berührung mit dem Sonnenaufgang strömte ein Qualm grauen Dunstes vom Kraterboden empor, Wirbel und Wolken und treibende Gespenster eines Grau, immer dichter und breiter und enger, bis zuletzt die ganze westliche Ebene wie ein nasses Tuch dampfte, das man vors Feuer hält, und bis die westlichen Klippen nur noch ein gebrochener Glanz dahinter waren.
»Das ist Luft,« sagte Cavor. »Es muß Luft sein – sonst würde es nicht so aufsteigen – bei der bloßen Berührung mit einem Sonnenstrahl. Und mit dieser Geschwindigkeit ...«
Er blickte nach oben. »Sehen Sie!« sagte er.
»Was?« fragte ich.
»Am Himmel. Schon. Auf der Schwärze – ein leichter Hauch von Blau. Sehen Sie! Die Sterne scheinen größer. Und die kleinen und all die dunklen Nebelmassen, die wir im leeren Raum sahen – das ist verborgen!«
Schnell und stetig nahte uns der Tag. Ein grauer Hügel nach dem andern wurde von der Glut erfaßt und in eine rauchende, weiße Dichtigkeit verwandelt. Schließlich war westlich von uns nichts mehr vorhanden als eine Bank aufsteigenden Nebels, der nahende Aufruhr und Aufstieg wolkigen Dunstes. Die ferne Klippe wich weiter und weiter zurück, hatte durch den Wirbel geragt und sich verändert, und war zuletzt in seinem Wirrwarr untergegangen und verschwunden.
Näher kam diese dampfende Wand, näher und näher, und sie kam so schnell wie der Schatten einer Wolke vor dem südwestlichen Winde. Um uns erhob sich ein dünner, vorgreifender Nebel.
Cavor packte meinen Arm.
»Was?« sagte ich.
»Sehen Sie! Der Sonnenaufgang! Die Sonne!«
Er drehte mich um und zeigte auf die Braue der östlichen Klippe, die über dem Nebel um uns aufragte, kaum heller als das Dunkel des Himmels. Aber jetzt war ihre Linie durch seltsame rötliche Gestalten markiert, Zungen scharlachner Flammen, die sich wanden und tanzten. Ich meinte, es müßten Dunstspiralen sein, die vom Licht gefaßt waren und diesen Kamm feuriger Zungen gegen den Himmel bildeten, aber in Wirklichkeit waren es die Sonnenauswüchse, die ich sah, eine Feuerkrone um die Sonne, die irdischen Augen durch unsern atmosphärischen Schleier auf ewig verborgen ist.
Und dann – die Sonne!
Stetig, unvermeidlich kam eine glänzende Linie, kam ein dünner Rand unerträglicher Glut, der runde Gestalt annahm, ein Bogen wurde, ein blendendes Szepter wurde, und einen Hitzstrahl auf uns entsandte, als wäre es ein Speer.
Und mit diesem Glühen kam ein Schall, der erste Schall, der uns von draußen erreichte, seit wir die Erde verlassen hatten, ein Zischen und Rascheln, das stürmische Schleifen des Luftgewandes im vorwärtseilenden Tage. Und mit dem Schall und dem Licht zugleich legte sich die Sphäre um, und blind und geblendet taumelten wir hilflos gegeneinander. Sie legte sich wieder um, und das Zischen wurde lauter. Ich hatte die Augen gewaltsam geschlossen und machte plumpe Anstrengungen, mir den Kopf mit meiner Decke zu verhüllen, und dieser zweite Stoß warf mich hilflos von den Beinen. Ich fiel gegen den Ballen, und als ich die Augen öffnete, sah ich einen Moment die Luft gerade außerhalb unseres Glases. Sie schmolz – es war ein Kochen – wie Schnee, in den man eine rotglühende Stange wirft. Was feste Luft gewesen war, wurde plötzlich bei der Berührung mit der Sonne ein Brei, ein Schlamm, eine schmutzige Flüssigkeit, die zu Gas verzischte und kochte.
Es folgte ein noch gewaltsamerer Wirbel der Atmosphäre, und wir hatten einander gepackt. Im nächsten Moment wurden wir wieder herumgeschleudert. Wir gingen kopfüber und kopfüber, und dann lag ich auf allen Vieren. Der Tagesanbruch auf dem Monde hatte uns ergriffen. Er wollte uns kleinen Menschen zeigen, was der Mond mit uns machen konnte.
Ich konnte einen zweiten Blick auf die Dinge draußen werfen, auf die Dampfstrahlen, halbflüssigen Schlamm, der untergraben wurde, glitt und fiel und glitt. Wir sanken ins Dunkel. Ich stürzte mit Cavors Knien auf meiner Brust. Dann schien er von mir fortzufliegen und einen Moment lag ich ohne Atem in meinem Körper da und starrte nach oben. Ein taumelnder Fels von dem schmelzenden Zeug war über uns gespritzt, hatte uns begraben und wurde jetzt dünner und kochte von uns ab. Ich sah die Blasen oben auf dem Glase tanzen. Ich hörte Cavor schwach rufen.
Dann hatte uns ein riesiger Rutsch in der tauenden Luft gefaßt, und indem wir Proteste hervorsprudelten, begannen wir einen Hang hinabzurollen, rollten schneller und schneller, sprangen über Spalten und prallten von Bänken ab, schneller und schneller, nach Westen hin, in den weiß-heißen kochenden Aufruhr des Mondtags hinein.
Aneinandergeklammert, wirbelten wir herum, flogen hierhin und dorthin, und unser Gepäckballen sprang auf uns los und drosch auf uns umher. Wir kollidierten, wir griffen uns, wir wurden auseinandergerissen – unsere Köpfe schlugen zusammen, und das ganze Weltall barst in feurige Pfeile und Sterne! Auf der Erde hätten wir uns ein dutzendmal zerschmettert, aber auf dem Mond war zu unserem Glück unser Gewicht nur ein Sechstel dessen, was es auf der Erde ist, und wir fielen sehr gnädig. Ich erinnere mich einer Empfindung äußerster Übelkeit, eines Gefühls, als wäre mein Gehirn im Schädel umgekehrt und dann – –
Etwas war auf meinem Gesicht an der Arbeit, ein paar dünne Fühler quälten meine Ohren. Dann entdeckte ich, daß der Glanz der Landschaft um uns durch eine blaue Brille gemildert war. Cavor stand über mich geneigt, und ich sah sein Gesicht umgekehrt, auch seine Augen durch gefärbte Gläser geschützt. Sein Atem ging unregelmäßig, und seine Lippe blutete von einer Quetschung. »Besser?« sagte er und wischte sich das Blut mit dem Rücken der Hand ab.
Alles schien eine Zeitlang zu schwanken, aber das war nur meine Schwindligkeit. Ich merkte, daß er ein paar von den Jalousien der äußeren Sphäre geschlossen hatte, um mich vor dem direkten Sonnenstrahl zu schützen. Mir fiel auf, daß alles um uns sehr glänzend war.
»Himmel!« keuchte ich. »Aber dies –!«
Ich reckte meinen Hals, mich umzublicken. Ich merkte, daß draußen eine blendende Helle herrschte, ein absoluter Wechsel aus dem finsteren Dunkel unserer ersten Eindrücke. »Bin ich lange besinnungslos gewesen?« fragte ich.
»Ich weiß nicht – der Chronometer ist zerbrochen. Einige Zeit ... Mein lieber Kerl! Ich habe Angst gehabt ...«
Ich lag eine Zeitlang da und nahm das in mich auf. Ich sah, sein Gesicht trug noch Spuren der Aufregung. Eine Weile sagte ich nichts. Ich strich mit fragender Hand über meine Kontusionen und sah ihm nach ähnlichen Schäden ins Gesicht. Der Rücken meiner rechten Hand hatte am meisten gelitten und war hautlos und wund. Meine Stirn war zerstoßen und hatte geblutet. Er reichte mir ein kleines Maß mit etwas von dem Stärkungsmittel – den Namen habe ich vergessen – das er mitgenommen hatte. Nach einiger Zeit fühlte ich mich ein wenig besser. Ich begann meine Glieder vorsichtig zu strecken. Bald konnte ich sprechen.
»Das wäre nichts gewesen,« sagte ich, als sei gar keine Zeit verstrichen.
»Nein, wahrhaftig.«
Er sann, und die Hände hingen ihm über die Knie. Er spähte durch das Glas und starrte dann mich an. »Großer Gott!« sagte er. » Nein!«
»Was ist geschehen?« fragte ich nach einer Pause. »Sind wir in die Tropen gesprungen?«
»Es war, wie ich erwartet hatte. Diese Luft ist verdunstet, und die Oberfläche des Mondes ist zutage gekommen. Wir liegen auf einer erdigen Felsbank. Hier und da zeigt sich der nackte Boden. Ein wunderlicher Boden!«
Ihm fiel ein, daß es unnötig war, zu erklären. Er half mir in eine sitzende Stellung, und ich konnte mit eigenen Augen sehen.
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