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Henri J. M. Nouwen

Jesus nachfolgen

Nach Hause finden

in einem Zeitalter der Angst

Herausgegeben

von Gabrielle Earnshaw

Aus dem Englischen übersetzt

von Bernardin Schellenberger



Henri J. M. Nouwen (1932–1996)

ZU DIESEM BUCH

In diesem bisher unveröffentlichten Buch liefert Bestsellerautor Henri Nouwen überzeugende Gedanken dazu, warum Christsein relevant und schön, klug und in unserer modernen Welt notwendiger denn je ist.

An einem der Tiefpunkte seines Lebens hielt Henri Nouwen Vorträge über die Bedeutung der Jesus-Nachfolge in einem Zeitalter der Angst.

Henri Nouwen sieht, wie wir uns zwischen Rastlosigkeit, die uns in Atem hält, und frustrierter Untätigkeit, die uns lähmt, durch unser Leben bewegen. Er macht uns auf die Stimme von Jesus aufmerksam, der zu mir und zu dir sagt: „Komm, folge mir nach.“

Nouwen lädt ein, diese leise Stimme der Liebe zu hören und sich darauf einzulassen – und auf diesem Weg mit Jesus von der Angst befreit zu werden.

Henri J. M. Nouwen gehört zu den bekanntesten geistlichen Schriftstellern der Gegenwart. Durch seine radikale Ehrlichkeit und Offenheit haben unzählige Menschen sich in seinen Büchern wiedererkannt: die Fragen, Zweifel und Abgründe ihres Lebens, die Bedürfnisse und Sorgen ihres Herzens.

LESERSTIMMEN ZU DIESEM BUCH

„Ohne die Sorgen, Ängste und Brüche kleinzureden, die zum Leben gehören, führt Nouwen sanft den Weg in ein Leben, das sich auf Jesus konzentriert.“

„Eine überzeugende Erinnerung daran, dass die primären Wahrheiten des Evangeliums Christi für unsere tiefsten Bedürfnisse genügen.“

„… eine Vision davon, was es bedeutet, Jesus zu folgen, die atemberaubend einfach und zugleich tiefgründig ist.“

ZUM AUTOR

Henri J. M. Nouwen, geboren am 24. Januar 1932 im niederländischen Nijkerk, wurde 1957 zum katholischen Priester geweiht. Nach seiner Promotion an der Universität Nijmegen wurde er Professor für Psychologie und Pastoraltheologie u. a. an den Universitäten Notre Dame, Yale und Harvard in den USA.

Er lebte mit Trappistenmönchen im Kloster, unter Armen in Peru und rang leidenschaftlich mit Fragen sozialer Gerechtigkeit. Nach einer lebenslangen Suche fand Henri Nouwen schließlich nach Hause, als er 1986 der Einladung von Jean Vanier folgte und sich der Arche-Bewegung anschloss; einer Lebensgemeinschaft von Menschen mit und ohne geistige Behinderung. Bis zu seinem Tod war er geistlicher Leiter der Arche-Gemeinschaft Daybreak in Toronto/Kanada.

Henri Nouwen verfasste mehr als 40 Bücher über Spiritualität, die sich weltweit über sieben Millionen mal verkauften und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden.

Er starb am 21. September 1996.

www.HenriNouwen.org

IMPRESSUM

Dieses Buch als E-Book: ISBN 978-3-86256-785-0

Dieses Buch in gedruckter Form:

ISBN 978-3-86256-162-9, Bestell-Nummer 590 162

Aus dem Englischen übersetzt von Bernardin Schellenberger

Copyright © 2019 by The Henri Nouwen Legacy Trust, Toronto, Ontario/Canada

Eine englische Ausgabe dieses Buches erschien 2019 unter dem Titel Following Jesus: Finding Our Way Home in an Age of Anxiety bei Convergent Books, New York, einem Imprint von Random House

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.

Bibelzitate, soweit nicht anders angegeben, wurden der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1993 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart, entnommen.

Lektorat: Dr. Thomas Baumann Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagabbildungen: Nathan McBride; Christopher Sardegna/unsplash.com Abbildung Frontispiz: Kevin F. Dwyer Satz: Neufeld Verlag

© 2021 Neufeld Verlag, Sauerbruchstraße 16, 27478 Cuxhaven

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages

www.neufeld-verlag.de

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INHALT

Zu diesem Buch

Leserstimmen zu diesem Buch

Zum Autor

Impressum

VORWORT VON RICHARD ROHR

EINFÜHRUNG

1. DIE EINLADUNG

„Komm und sieh“

2. DIE BERUFUNG

„Komm und folge mir nach“

3. DIE HERAUSFORDERUNG

„Liebt eure Feinde“

4. DER PREIS

„Nimm dein Kreuz auf dich“

5. DIE BELOHNUNG

„Meine Freude wird die deine sein“

6. DIE VERHEISSUNG

„Ich werde allezeit bei euch sein“

Nachwort der Herausgeberin

Danksagung

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VORWORT
Henri Nouwen: Mein Freund und Lehrer

Von Henri Nouwen hörte ich das erste Mal, als ich in den späten 1960er Jahren noch in Ohio im Seminar war. Meine Mutter schrieb mir aus Kansas, dass in unserer Pfarrei ein neuer holländischer Priester den Gottesdienst halte und ihr seine Messen sehr gefielen. Sie erzählte mir: „Seinen Akzent verstehe ich nur mit Mühe, aber er feiert die Heilige Messe mit großer Ehrfurcht und Andacht.“ Zur damaligen Zeit hatte ich natürlich noch keine Ahnung, was sie damit meinte. Er war damals Psychologiestudent am Menninger Institute in der Nähe des Hauses unserer Familie in Topeka. Aber es sollte nicht lange dauern, bis er in mein Leben eintrat.

Ab Mitte der 1970er Jahre waren wir oft bei den gleichen Konferenzen Sprecher. Er besuchte mich dann bald mehrere Male in der Kommunität New Jerusalem in Cincinnati und sagte mir damals, dass er sich nach einer Kommunität und engeren Beziehungen sehne. Mir wurde klar, dass dies ein leidenschaftliches Bedürfnis für ihn war. Ab und zu machten wir miteinander Spaziergänge in der näheren Umgebung der Arbeitersiedlung, in der die Kommunität sich eingerichtet hatte. Er unterhielt mich ständig (anders kann ich das kaum richtig ausdrücken) mit seiner endlosen Neugier bezüglich des geistlichen Lebens, seiner extremen Verletzlichkeit und seiner demütigen Sorge um die Menschen.

Henri hungerte nach tiefgehender Beziehung und ich glaube, dass das Knüpfen von persönlichen Beziehungen tatsächlich seine besondere Gabe war. Er verstand das Authentische vom nicht Authentischen zu unterscheiden und war darauf aus, ein Heiler des nicht Authentischen zu sein. Das war genau das, womit er uns alle so beschenkte!

Als ich 1986 nach New Mexico zog, um dort das Center for Action and Contemplation zu gründen, schrieb Henri mir einen sehr hilfreichen Brief und ermutigte mich dazu, „nichts anderes als Kontemplation zu lehren“! Er empfahl mir sogar, mich gründlich in die Schriften von Eknath Easwaran zu vertiefen. Das zeigte mir die Tiefe seines christlichen Glaubens, den er nicht von einem Lehrer, der überzeugter indischer Hindu war, bedroht sah. Zugleich merkte ich, dass er als Katholik, der er war, die authentische kontemplative Lehre wertschätzte, woher immer sie auch kommen mochte.

Weil ich auf ihn als weisen und tiefgläubigen Älteren aufblickte, versuchte ich immer wieder einmal, mir von ihm irgendwelche freie spirituelle Anleitung geben zu lassen. Dabei merkte ich schon nach wenigen Minuten, dass er meine Fragen niemals wirklich beantwortete, sondern es immer irgendwie fertigbrachte, den Spieß umzudrehen und mich zu seinem geistlichen Begleiter zu machen! Ich war mir nie ganz sicher, ob das seinerseits auf Demut beruhte oder eher auf einer Art von unbewusstem Bedürfnis nach Gegenseitigkeit. Aber ich kam zum Schluss, dass es sich dabei um eine völlig aufrichtige geistliche Suche handelte und er meine Einsichten genauso sehr wertschätzte wie seine eigenen. Ich wusste zwar, dass er ein geistlicher Schriftsteller war, aber er war zugleich auch ein geistlich Suchender und Gläubiger – immer voller Sehnsucht nach mehr Weisheit und mehr Liebesfähigkeit.

Als er erfuhr, dass ich angefangen hatte, Männern Unterricht in Spiritualität zu geben, schrieb er mir und ermutigte mich diesbezüglich sehr. Er empfahl auch einer ganzen Anzahl von Künstlern, sie sollten unbedingt Bilder malen, die sich heilend auf ihre so häufig zerbrochenen Vater-Sohn-Beziehungen auswirken könnten. Er wusste, dass es für den Beginn eines Heilungsprozesses oft hilfreich war, sich anschauliche Bilder vorzustellen. Zumindest ein Ikonenmaler, der Franziskaner Robert Lentz, hielt sich an seinen Rat und malte Johannes (den „Jünger, den Jesus liebte“), der seinen Kopf an die Brust Jesu legt. Henri gefiel das und er schilderte mir und anderen recht ehrlich seine komplizierte Beziehung mit seinem eigenen Vater.

Alles in allem und soweit ich das aus meiner einfachen Sicht sagen kann, waren Henri Nouwens besondere Gaben die folgenden: Er war ein sehr verletzlicher Mensch; er verfügte über eine unbekümmerte Ehrlichkeit; und diese verschaffte ihm eine heilende Kraft. Als die Bezeichnung für die meisten von uns prägte er den Begriff vom „verwundeten Heiler“ und lebte das als solcher selbst auf beispielhafte Weise. Er genoss es, ziemlich bekannt zu sein, und war sich dieses Paradoxes durchaus bewusst. Ich entsinne mich daran, dass er mir einmal im Ton aufrichtiger Verletztheit sagte: „Meine eigene Familie in den Niederlanden liest meine Bücher nicht, ja will sie nicht einmal kennen!“ Aber dann pflegte er auch gleich darüber zu lachen, dass er so etwas gesagt hatte.

Vielleicht könnte man sagen, dass Henri den Schatten des Menschen in das gesamte Thema der Spiritualität mit einbezogen hat, so ähnlich, wie das auch Franz von Assisi und Thérèse von Lisieux getan haben, aber mit mehr psychologischem Scharfsinn. Das eröffnete ihm viel praktische Einsicht in die Natur der Liebe und jeglicher Beziehung und insbesondere der Gottesliebe. Wir Christen hatten es uns angewöhnt, das Schatten-Ich „Sünde“ zu nennen und es vielleicht allzu schnell als solches zu beichten, wurden dann aber unfähig, etwas von ihm zu lernen. Henri „beichtete“ sicher den ihm nahen Menschen seine Sünden und Fehler – aber erst, nachdem er deren Stachel, deren Struktur, deren Wahrheit und deren immer verfügbare Weisheit verspürt hatte. Diese aufrichtigen Geständnisse scheinen ihn zum Mitgefühl mit anderen geführt zu haben.

Mit all dem und wegen all dem erwies Henri sich als großartiger christlicher Lehrmeister, der ganz sicher den Test der Zeit bestehen wird. Sie, die Leserinnen und Leser, werden jetzt mit diesem Buch in den Genuss seiner mühsam erworbenen Weisheit kommen.

Er wird Ihnen bald zum Freund werden, falls er das noch nicht sein sollte.

Fr. Richard Rohr, O.F.M.

Center for Action and Contemplation Albuquerque, New Mexico, USA

EINFÜHRUNG

Folgen Sie Jesus nach? Ich möchte Sie dazu auffordern, sich selbst genauer anzusehen und diese Frage selbst zu stellen.

Sind Sie ein Nachfolger, eine Nachfolgerin? Bin ich es?

Oft sind wir mehr Wanderer als Nachfolger. Ich sage das von mir selbst, aber es gilt auch für Sie. Wir sind Menschen, die ziemlich viel herumrennen, vieles tun, viele andere Menschen treffen, bei vielen Ereignissen dabei sein wollen, viele Bücher lesen. Wir sind in eine Menge verwickelt. Wir erfahren das Leben als unzählige Sachen. Wir gehen hierhin und dorthin, tun dieses und jenes, reden mit diesem, reden mit jener, haben dieses zu tun und jenes zu erledigen. Zuweilen fragen wir uns, wie wir das alles überhaupt fertigbringen. Wenn wir uns hinsetzen und darüber nachdenken, so merken wir, dass wir oft von einer Notwendigkeit zur anderen rennen. Wir sind ja so beschäftigt und in so vieles verwickelt. Fragt uns aber jemand, womit wir derart beschäftigt sind, können wir das gar nicht genau erklären.

Menschen, die ständig vom einen zum andern hasten, haben das Gefühl, dass sie mehr gelebt werden, als wirklich selbst zu leben, und das macht sie sehr müde. Das ist für viele Menschen ein Problem.

Das liegt nicht nur daran, dass wir vieles tun, sondern dass wir uns dabei fragen, ob da eigentlich überhaupt etwas geschieht. Es wirkt ja zuweilen so, als hätten wir wie ein Jongleur alle diese Bälle in die Luft geworfen und fragen uns nun, wie wir sie oben halten können. Das ist sehr ermüdend, ja erschöpfend.

Manche Menschen machen schließlich Halt und lassen alles bleiben. Sie sagen: „Das hat jetzt fünf Jahre lang gedauert und trotzdem hat es nichts gebracht.“ Sie sitzen da und tun nichts mehr. Nichts regt sie mehr auf. Sie haben am Leben kein wirkliches Interesse mehr. Sie sitzen bloß noch vor dem Fernseher, lesen Comics und schlafen die meiste Zeit. Sie haben keinen Rhythmus mehr, keine Bewegung, keine Spannung. Zuweilen bietet sich die Flucht mittels Alkohol, Drogen oder Sex an, aber nichts fasziniert sie mehr. Nichts verschafft ihnen Energie.

„Was möchtest du tun?“ – „Ist mir egal.“

„Möchtest du ins Kino gehen?“ – „Ist mir egal.“

Früher sind sie umhergeschweift – jetzt sitzen sie nur noch da. Diese Menschen sind zugleich recht müde. Sie sind richtig erschöpft. Diese beiden Menschentypen, die Herumrenner und die bloß noch Herumsitzer, bewegen sich nirgendwo mehr hin.

In jedem von uns steckt ein Stück Wanderer und ein Stück von der Art Mensch, der bloß noch herumsitzt. Wenn Sie auf diese Welt blicken, denken Sie vielleicht: „Ich bin so müde. In dieser Welt gibt es so viel Müdigkeit, so viel Erfahrung des Schweren, dass ich mich zuweilen als Wanderer empfinde und zuweilen als Herumsitzer.“ In diese unsere zutiefst müde gewordene Welt schickt Gott Jesus, der uns mit der Stimme der Liebe ansprechen soll. Jesus sagt: „Folge mir nach. Lauf nicht bloß dauernd herum. Folge mir nach. Sitz nicht bloß hier herum. Folge mir nach.“

Die Stimme der Liebe ist die Stimme, die unserem Leben eine völlig neue Form geben kann, so dass aus einem Leben des bloßen Herumwanderns oder bloßen Herumsitzens ein Leben werden kann, das konzentriert ist und einen Punkt findet, den es ansteuern kann.

„Folge mir nach.“ Manche von uns haben diese Stimme vielleicht schon gehört.

Andere nicht. Sobald wir die Stimme hören, die uns zur Nachfolge aufruft, ergibt oft alles wieder Sinn. Statt uns in viele verschiedene Richtungen hinaus zu bewegen, haben wir plötzlich ein Ziel. Wir wissen, wohin wir gehen. Wir haben nur noch eine Sorge. Plötzlich vergeht diese abgründige Langeweile, die wir erlebt haben, weil wir die Stimme der Liebe vernommen haben.

Wenn wir kein Ziel haben; wenn wir niemanden haben, dem wir folgen können, sind wir hohle Menschen. Ja, das sind wir dann! Aber wenn wir entdecken, dass es eine Stimme der Liebe gibt, die uns ruft und zu uns sagt: „Folge mir nach!“, wird alles anders. Das Leben, das so öde erschien, so langweilig, so ermüdend, wird jäh zu einem Leben mit einer Richtung.

Dann sagen wir vielleicht zu uns selbst: „Jetzt weiß ich, warum ich lebe!“

Dieses Buch hier wurde geschrieben, um Ihnen und mir zu helfen, diese Stimme der Liebe zu vernehmen, diese Stimme, die Ihnen ins Ohr flüstert: „Folge mir nach!“

Was ich vorhabe, ist, uns vom rastlosen Herumwandern weg und zum frohen Nachfolgen hin zu führen; weg davon, gelangweilte Menschen zu sein, die bloß herumsitzen und nichts dafür tun, aufgeweckt zu werden, weil wir eine Stimme gehört haben.

Diese Stimme ist nicht von der Art, dass sie sich uns aufdrängen möchte. Es ist eine Stimme der Liebe, und die Liebe drängt nicht und zieht nicht mit Gewalt. Die Liebe ist sehr einfühlsam.

Im Alten Testament gibt es die wunderbare Geschichte, dass ein Prophet am Eingang einer Höhle steht und der Herr davor vorbeizieht. Es donnert, und der Herr ist nicht im Donner. Die Erde bebt, und der Herr ist nicht im Erdbeben. Ein Feuer zieht vorüber, und der Herr ist nicht im Feuer. Dann ist eine leise, zarte Stimme zu hören, und in dieser Stimme ist der Herr (siehe 1. Könige 19,11–13).

Diese Stimme ist sehr zart. Sie kann sehr still sein. Zuweilen kann man sie kaum hören. Aber diese Stimme der Liebe ist bereits in dir. Vielleicht hast du sie sogar schon einmal gehört.

Fange damit an, auf diese Stimme zu hören. Werde still und verbringe einige Zeit mit dem Versuch, sie zu hören.

Horche. Sie sagt: „Ich liebe dich“ und ruft dich bei deinem Namen.

Sie sagt: „Komm, komm. Folge mir nach.“

Lieber Gott,

sei heute bei mir. Horche auf mein Verwirrtsein und hilf mir zu erkennen, wie ich mit ihm leben kann. Ich kenne die Worte nicht. Ich kenne den Weg nicht. Zeig mir den Weg. Du bist ein stiller Gott. Hilf mir, in einer lauten Welt auf deine Stimme zu hören. Ich weiß, dass du der Friede bist. Ich weiß, dass du die Freude bist. Hilf mir, ein friedlicher und froher Mensch zu sein. Das sind die Früchte des Lebens ganz in deiner Nähe. Bring mich dir ganz nahe, lieber Herr.

Amen.

KAPITEL EINS
DIE EINLADUNG
„Komm und sieh“

Als Johannes der Täufer mit zwei seiner Jünger am Jordan stand, kam Jesus vorbei. Johannes blickte ihn scharf an und sagte: „Seht, da ist das Lamm Gottes.“ Die zwei Jünger, die das hörten, folgten Jesus. Jesus wandte sich um, sah sie ihm nachfolgen und sagte: „Was wollt ihr hier?“ Sie erwiderten: „Rabbi [was „Lehrer“ heißt], wo wohnst du? Er gab ihnen zur Antwort: „Kommt und seht!“ So gingen sie mit ihm, sahen, wo er wohnte, und blieben den Rest des Tages bei ihm. Das war ungefähr zur zehnten Stunde.

Johannes 1,35–39

Stell dir vor, du bist für einen Augenblick in dieser Geschichte dabei. Stell dir vor, du stehst da vor Johannes dem Täufer. Er ist ein energischer Mensch. Stell ihn dir in seinem Kamelhaarmantel vor. Er ist anders als alle andern. Er sagt mit strenger Stimme: „Tut Buße! Tut Buße! Ihr seid ein sündiges Volk. Tut Buße! Tut Buße! Tut Buße!“

Die Leute stehen da und hören das. Sie haben irgendwie das Gefühl, dass in ihrem Leben etwas fehlt. Sie spüren irgendwie, dass sie mit allem möglichen beschäftigt und deshalb erschöpft sind – oder dass sie bloß untätig herumsitzen und nie etwas Entscheidendes passiert.

Sie gehen zu diesem eigenartigen Menschen – diesem wilden Mann – und hören ihm zu. Johannes und Andreas, zwei der Jünger von Johannes, stehen bei ihm. Eines Tages kommt Jesus vorbei. Johannes blickt ihn scharf an und sagt: „Das ist das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt.“

Johannes wusste, dass seine Leute Sünder waren und der Buße bedurften, aber er wusste auch, dass er die Sünden dieser Menschen nicht wegnehmen konnte; dass das Wegnehmen von Sünden keine Möglichkeit des Menschen war. Er sagte nur: „Tut Buße! Tut Buße! Tut Buße!“ Aber als Jesus vorbeikam, sah Johannes ihn scharf an und sagte zu Johannes und Andreas: „Seht, das ist das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt. Das ist der Gottesknecht. Er ist gekommen, um zu leiden. Das ist der, welcher gesandt wurde, das Opfer zu werden, das Lamm Gottes, sodass er eure Sünden wegnehmen kann.“

Bleibe einfach in diesem Bild.

Bleibe da, wo Johannes und Andreas sind, begierig, ein neues Leben anzufangen, mit einem neuen Konzentrationspunkt, einem Neuanfang, einem neuen Herzen, einer neuen Seele. Diese zwei jungen Männer fangen an, Jesus nachzufolgen, und Jesus dreht sich um, sieht sie ihm nachfolgen und sagt: „Was wollt ihr?“ Und was sagen sie? Sagen sie: „Herr, wir möchten deine Anhänger sein“, „Herr, wir möchten deinen Willen tun“, „Herr, wir möchten, dass du unsere Sünden hinwegnimmst“? Sie sagen nichts von alledem! Stattdessen fragen sie ihn: „Wo wohnst du?“

Wir hören hier irgendwie gleich zu Anfang dieser Geschichte die sehr wichtige Frage: „Wo wohnst du? Was ist dein Platz? Wie fühlt es sich an, bei dir zu sein?“

Jesus sagt: „Kommt und seht.“

Er sagt nicht: „Kommt in meine Welt.“ Er sagt nicht: „Kommt, ich will euch ändern.“ Er sagt nicht: „Werdet meine Jünger“, „Hört auf mich“, „Tut, was ich euch sage“, „Nehmt euer Kreuz auf euch.“ Nein. Er sagt: „Kommt und seht. Seht euch um. Lernt mich kennen.“ Das ist die Einladung. Sie blieben bei ihm. Sie gingen und sahen, wo er lebte, und blieben den Rest des Tages bei ihm. Johannes sagt, das sei ungefähr zur zehnten Stunde gewesen, also etwa um vier Uhr nachmittags.

Jesus lud sie ein und sie kamen zu ihm und sie wohnten bei ihm. Sie begaben sich freiwillig an seinen Platz. Sie sahen einen ganz anderen Menschen als Johannes den Täufer, der laut ausrief: „Tut Buße, tut Buße, tut Buße! Die Zeit ist angebrochen!“ Stattdessen sagte Jesus bloß: „Kommt und seht, wo ich lebe.“

Sie sahen Jesus, das Lamm Gottes. Den demütigen Knecht. Arm, sanftmütig, warm, Frieden stiftend, reinen Herzens. Sie sahen ihn. Schon damals. Sie sahen das Lamm Gottes.

Das ist alles sehr behutsam. Man spürt eine Zärtlichkeit, eine Demut.

„Kommt und seht.“

„Sie blieben den Rest des Tages bei ihm.“

Jesus lädt sie ein, sich einfach bloß umzusehen.

Sei da. Sieh dir mit den Augen deines Herzens diese Geschichte an, die du gehört hast.

Wir sind eingeladen

Jesus spricht die Einladung aus, ins Haus Gottes zu kommen. Das ist eine Einladung dazu, Gottes Wohnort zu betreten.

Das ist keine Einladung mit barschen Aufforderungen. Es ist die Geschichte vom Lamm Gottes, das zu uns sagt: „Komm. Komm in mein Haus. Sieh dich um. Fürchte dich nicht.“ Lange vor seinem radikalen Aufruf, alles hinter sich zu lassen, sagt Jesus: „Kommt und seht, wo ich bin.“

Jesus ist ein Gastgeber, der sich wünscht, dass wir um ihn sind. Jesus ist der Gute Hirte des Alten Testaments, der sein Volk an seinen Tisch einlädt, auf dem der Becher des Lebens überfließt.

Dieses Bild, dass Gott uns in sein Haus einlädt, findet sich in der gesamten Heiligen Schrift.

Der Herr ist mein Haus. Der Herr ist meine Zufluchtsstätte.

Der Herr ist die Decke über mir. Der Herr ist meine Zuflucht. Der Herr ist mein Zelt. Der Herr ist mein Tempel. Der Herr ist mein Wohnort. Der Herr ist mein Heim. Der Herr ist die Stätte, an der ich alle Tage meines Lebens leben möchte.

Gott möchte unser Raum sein, unser Haus. Er möchte, dass wir alles haben, das uns das Gefühl gibt, daheim zu sein. Er ist wie ein Vogel, der uns unter seinen Flügeln birgt. Er ist wie eine schwangere Frau, die uns in ihrem Schoß trägt. Er, sie ist die grenzenlose Mutter, die liebevolle Gastgeberin, der umsichtige Vater, der fürsorgliche Beschützer, der uns einlädt, bei ihm zu sein.

Das gibt das Gefühl, in einem sicheren Bereich zu sein, worin alles gut ist. In unserer gefährlichen Welt voller Gewalttätigkeit, Chaos und Vernichtung gibt es diesen Ort, an dem wir sein möchten. Wir möchten im Haus Gottes sein – um uns sicher zu fühlen, umarmt, geliebt, versorgt. Wir sagen mit dem Psalmisten: „Wo anders möchte mein Herz denn verweilen als im Hause des Herrn?“ (vgl. Psalm 84 und 27).

Da gewinnt das Wort „Heim“ an Bedeutung. Jesus sagt: „Ich gehe ins Haus meines Vaters, um für euch ein Heim zu bereiten, denn im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen“ (Johannes 14,2). Jesus spricht da von diesem großen Heim, diesem Haus, worin uns ein Festmahl erwartet und der Kelch überfließend ist, und worin das Leben ein einziges großes Fest ist.

Das Johannesevangelium beginnt mit einer unglaublichen Vision dieses Heims. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war mit Gott, und das Wort war Gott, und im Wort war alles, was geschaffen war, und das Wort ist Fleisch geworden und hat sein Zelt unter uns aufgeschlagen“ (vgl. Johannes 1,1–3.14). „Heim“ ist das, worum es bei der Inkarnation geht. Wer im Evangelium liest, hört Jesus sprechen: „Ich habe mein Heim in euch eingerichtet, und so könnt ihr euer Heim in mir einrichten“ (vgl. Johannes 15,4–8). Diese Vision vom Haus Gottes geht tiefer und immer noch tiefer. Plötzlich verschmelzen alle diese Bilder ineinander und uns geht auf, dass wir Gottes Heim sind und dazu eingeladen sind, unser Heim dort einzurichten, wo Gott Gottes Heim eingerichtet hat. Uns geht auf, dass genau da, wo wir sind, genau hier in diesem Körper, mit diesem Gesicht, mit diesen Händen, mit diesem Herzen, wir der Ort sind, an dem Gott wohnen kann.

Hören wir sorgfältig hin: Jesus möchte, dass du und ich Teil der intimen Familie Gottes werden. „Wie mich der Vater liebt, so liebe ich euch“ (Johannes 15,9). Jesus sagt: „Ihr seid nicht mehr Sklaven, Fremde oder Außenseiter; nein, ihr seid Freunde, weil alles, was ich von meinem Vater gehört habe, euer ist, alle die Werke die ich tue, ihr tun könnt, und sogar noch größere. Ich bin nicht der ganz Große und ihr die ganz Kleinen – nein: Alles, was ich tun kann, das könnt auch ihr tun“ (vgl. Johannes 15,15–16).

Die intime Beziehung zwischen Vater und Sohn hat einen Namen. Sie ist Geist, Heiliger Geist. „Ich will, dass ihr meinen Geist habt.“ „Geist“ bedeutet „Atem“. Dieser Begriff stammt vom antiken griechischen Begriff pneuma. „Ich will, dass ihr meinen Atem habt. Ich will, dass ihr an diesem innersten Bereich meiner selbst Anteil habt, sodass die Beziehung zwischen euch und Gott die gleiche ist wie die zwischen mir und Gott, und das ist eine göttliche Beziehung.“

Ihr sollt mit eurem Herzen hören, dass ihr eingeladen seid, in der Familie Gottes zu wohnen. Ihr seid eingeladen, ab sofort Teil dieser tief innerlichen Kommunion zu sein.

Geistlich zu leben heißt, Teil der Familie Gottes zu sein.

Wenn wir sagen: „Ich sage dies im Namen Jesu“ oder: „Ich tue das im Namen Jesu“, so meinen wir damit wirklich: „Ich tue das ausgehend von Gott.“ Heutzutage meinen viele Menschen, dass dann, wenn wir etwas im Namen Jesu tun, wir dies tun, weil Jesus nicht da ist und wir das also als seine Stellvertreter, seine Repräsentanten tun. Aber das ist damit nicht gemeint. Im Namen Jesu zu sprechen, uns auf den Namen Jesu zu berufen, im Namen Jesu zu handeln heißt, dass dieser Name da ist, wo ich bin. Wo bist du? „Ich lebe in diesem Namen und das ist dort, wo ich wohne; dort, wo mein Wohnort ist.“ Wenn du erst einmal dort lebst, kannst du in die ganze Welt hinausgehen, ohne diesen Ort jemals zu verlassen.

Außerhalb dieses Orts, außerhalb des Herzens Jesu sind alle unsere Worte und alle unsere Gedanken so gut wie nichts. Was immer du tust, verlass dabei nie diesen Ort, denn nur an diesem Ort bist du in Gott. Nur von diesem Ort her kommt die Erlösung, und es ist Erlösung, was wir in diese unsere Welt hineinbringen müssen.

Die Einladung lautet: „Komm und sieh den Ort Gottes.“ Anfangs meinen wir, das sei einfach sein Heim, sein physischer Platz, aber im Johannesevangelium wird das so entwickelt, dass Johannes uns zeigt, dass der Ort Gottes das Innenleben Gottes selbst ist – des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes, die eine Liebesfamilie bilden, in die hinein wir eingeladen sind. Die Nachfolge Jesu ist der Weg zum Eintritt in diese Liebesfamilie.

Wir müssen Jesus nicht nachfolgen. Zuerst ist da die Einladung: „Komm, komm. Komm und sieh!“

Welche Antwort geben wir?
Hinhören

Wir lassen uns auf die Einladung Jesu ein, indem wir auf Menschen wie Johannes den Täufer hören. Hätte Johannes nicht gesagt: „Seht! Das ist das Lamm Gottes“, hätten Johannes und Andreas ihn womöglich gar nicht kennengelernt. Diese Erzählung aus dem Evangelium zeigt, dass wir auf jemanden hören müssen, der uns auf Jesus verweist. Wir finden Jesus nicht von uns aus.

Dieser Mensch mag nicht aufregend, attraktiv oder leicht zugänglich sein. Der Mensch, der auf Jesus zeigt, mag uns gewaltig auf den Wecker gehen, und zwar wegen unserer Vorurteile. Womöglich kommt uns eine Abneigung gegen ihn und wir sagen: „Seht doch, wie der sich anzieht“, oder: „Ich mag diese Art Leute nicht, die dauernd von Jesus reden.“

Ich möchte dich darauf aufmerksam machen, dass wir auf diese Menschen hören müssen, auch wenn sie nicht unbedingt von der Art sind, dass sie gleich unsere Sympathie haben. Vielleicht sind sie zu arm. Oder sie sind zu reich. Oder sie haben einen seltsamen Akzent. Oder sie sprechen eine andere Sprache. Irgendeinen Grund gibt es immer, zu sagen: „Na ja, die haben ihre eigenen Probleme.“

Aber immerhin: Sie zeigen auf Jesus.

Wir haben es notwendig, Menschen zuzuhören, die anzuhören uns nicht unbedingt leichtfällt. Das können eine recht einfache Frau, ein recht einfacher Mann sein, die uns die Frage stellen: „Liebst du Jesus?“ Sag dann: „Komm her. Worum geht’s?“ Hör dann gut zu. Bleib aufmerksam.

Es könnte auch ein sehr mächtiger Mensch sein, der von Jesus spricht, womöglich sogar der Papst selbst, und du könntest sagen: „Na ja, du tust dich leicht, im Vatikan zu leben, mit all dem Aufwand um dich herum.“ Aber darum geht es nicht. Hör hin.

Es könnte auch ein recht ungewöhnlicher Mensch sein, der sich nicht an alle Regeln hält. Aber sei aufmerksam, wenn dich jemand auffordert, „Jesus nachzufolgen“. Nimm diese Stimme sehr ernst.

„Sieh hin! Sieh das Lamm Gottes!“

Wir können tausend Argumente dafür anführen, nicht hinzusehen, nicht zuzuhören. Aber pass gut auf.

Horche.

Wenn du das nicht tust, findest du Jesus womöglich nie. Diejenigen, die auf Jesus zeigen, zeigen von sich selbst weg. Nimm das ernst.

Im Alten Testament wird erzählt, dass Samuel im Tempel schlief und der Herr ihn anrief: „Samuel, Samuel!“ Da ging er zum Priester Eli und sagte: „Ich höre immer diese Stimme!“ Zuerst sagte Eli: „Geh wieder ins Bett.“ Aber schließlich ging Eli auf, dass Gott den Jungen rief, und er sagte zu ihm: „Gott spricht zu dir.“ Später, als Samuel wieder diese Stimme hörte, gab er zur Antwort: „Herr, hier bin ich. Dein Diener hört“ (1. Samuel 3,1–9). Ohne Eli hätte Samuel nicht erkannt, dass Gott zu ihm sprach. Ohne Johannes den Täufer hätten Johannes und Andreas nicht auf Jesus geschaut.

Wir müssen auf die Menschen in unserem Leben hören, sogar auf die gebrochenen, und sie sehr ernst nehmen.

Fragen

Nach dem Hören müssen wir Fragen stellen.

Johannes und Andreas fragen: „Wo wohnst du?“ Es ist sehr wichtig, dass wir wissen wollen, wer Jesus ist, wenn wir ihm folgen wollen; dass wir ihm wirklich folgen wollen.

„Herr, wo wohnst du? Wir möchten bei dir sein. Wir möchten dich genauer kennenlernen.“

Wir müssen Fragen stellen. Ich muss Fragen stellen.

Hör nicht auf, immer wieder Fragen zu stellen.

„Herr, wie ist das, bei dir zu sein? Ich möchte dir nachfolgen, aber ich bin mir dessen nicht ganz sicher.“

Frag immer wieder.

„Ich habe Menschen Dinge tun sehen, die ich wirklich nicht mag. Zeig mir, wie du bist, damit ich das selbst sehen kann. Zeig es mir. Wo wohnst du?“

An diesem Punkt setzt unser Gebet an. Unsere Gebete fangen an, wenn wir sprechen: „Herr, gib mir ein Gefühl dafür, wer du bist. Manche sagen dieses über dich, andere jenes, aber ich möchte selbst spüren, wer du für mich bist.“

Scheue dich nicht, so zu fragen.

Jesus sagt: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern ich nenne euch Freunde, weil ich euch alles sage“ (Johannes 15,15). Wir müssen beten, um das zu verstehen. Bete: „Herr, ich möchte dich kennenlernen. Lass mich spüren, wer du bist, damit ich auf Grund dieser Erfahrung sprechen kann.“ Halten wir uns den Evangelisten Johannes vor Augen, der gesagt hat: „Wir haben ihn mit unseren eigenen Augen gesehen, mit unseren eigenen Ohren gehört und mit unseren eigenen Händen berührt“ (1. Johannes 1,1). Das wünsche ich mir für uns: Dass wir von dem sprechen wollen, was wir gesehen und was wir gehört haben.

Wohnen

Die dritte Reaktion auf die Einladung ist die, bei Jesus zu wohnen. „Sie gingen also mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war ungefähr die zehnte Stunde“ (vier Uhr nachmittags, Johannes 1,39).

Um Jesus nachzufolgen, muss man bereit sein, sich zu sagen: „Diese halbe Stunde will ich jetzt bei Jesus wohnen. Ich weiß, dass ich zerstreut sein werde. Ich weiß, dass mir hundert Gedanken kommen und unzählige Einfälle, was ich alles tun müsste. Aber ich weiß, dass du mich liebst und einlädst, auch wenn ich zerstreut und ängstlich bin. Ich will jetzt einfach bei dir wohnen.“

Sei bei ihm und horche auf ihn. Höre den Einen, der dich einlädt. Sei still. Sei wie ein Kind, das mit seiner Mutter und seinem Vater im Haus wohnt. Wohne einfach. Spiele herum. Sei da. Jeden Tag eine halbe Stunde. Sei einfach bloß da. Sitze da und tu nichts. Vergeude Zeit mit Jesus. So verhält sich Liebe. Die Liebe möchte immer bei dem sein, der sie liebt und den sie liebt. Da möchtest du sein. Genieße es. „Jesus, es tut so gut, hier bei dir zu sein“ (vgl. Markus 9,5).

Wir merken dann langsam, dass wir uns im Herrn ein Haus einrichten und in seinem Haus nicht nur während einer halben Stunde sind, sondern den ganzen Tag lang. Wir sind immer im Haus des Herrn. Wo immer wir sind und was immer wir tun – wir sind da, wo der Herr ist. Wir sind bereits bei ihm daheim.

Sogar wenn wir auf dem Weg zu unserem Haus sind, sind wir daheim.

Sag nicht: „Ich habe zu viel zu tun“, sondern: „Ich habe Besseres zu tun.“ Bete und entdecke, was kommt. Wir können in dieser feindseligen, dem ständigen Wettbewerb ausgelieferten Welt leben und daheim sein.

Horche, frage und wohne – und du wirst langsam in Jesus hineinwachsen.

Jesus nachzufolgen ist etwas anderes, als sich einer bekannten Persönlichkeit oder einer Bewegung anzuschließen.

Was ich damit sagen will?

Recht viele Menschen fühlen sich „angezogen von“, „verführt von“ oder „einbezogen in“ Dinge oder Menschen. Genau das ist Heldenverehrung. Wir fühlen uns von Sängern und Filmstars angezogen. Diese Menschen haben die Macht, uns zu einer anderen Welt hin zu verführen, und wir werden dabei in gewisser Hinsicht passiv zu all dem hingezogen. Das hat nichts mit Nachfolge zu tun. Die Menschen mögen der Meinung sein, das sei Nachfolge – so wie man einem Volkshelden nachfolgt –, aber das ist nicht die Art von Nachfolge, von der Jesus spricht.

Wir werden auch nicht dadurch Nachfolger, dass wir uns von Bewegungen anziehen lassen, und seien es gute. Ich werde oft gefragt: „Was bietest du derzeit an? Bist du als Berater tätig, machst du Urschrei-Therapie, Psychosynthese, außersinnliche Wahrnehmung, intellektuelle Analyse? Oder was sonst?“ Von diesen Bewegungen können wir etwas lernen und wir fühlen uns zu ihnen hingezogen, aber das, wovon das Evangelium spricht, ist etwas völlig anderes. Der Weg des geistlichen Lebens unterscheidet sich grundlegend davon, sich von der Verehrung irgendeines Helden „anziehen“ zu lassen oder sich einer recht guten Bewegung anzuschließen.

Es gibt ja alle möglichen Arten von interessanten Bewegungen: Heilungs-Bewegungen, therapeutische Bewegungen und so weiter. Ich habe mich vielen von ihnen schon einmal angeschlossen. Aber typisch für alle diese anderen Formen der Anhängerschaft ist, dass sie gewöhnlich auf „mich“ konzentriert sind. Wenn man von einer Heldenverehrung angezogen wird, merkt man, dass man sich nach einem Ersatz-Ich umsieht.

Ich habe mich einmal mit Freunden unterhalten, die vor Jahren zu einem Konzert der Beatles gegangen waren, und sie erzählten mir, wie leicht es da gewesen sei, seine eigene Identität an diese Jungs aus Liverpool zu verlieren. Meine Freunde wurden damals total mitgerissen. Sie waren nicht mehr hier, sondern sich selbst entrückt. Sie waren auf gewisse Weise mit der Musik und diesen jungen Leuten verschmolzen.

Wenn wir uns diesen Bewegungen anschließen, sind wir gewöhnlich auf eine innere Harmonie aus, auf die heilsame Lösung irgendeines Schmerzes. Wir erhoffen uns von dieser oder jener Bewegung mehr emotionale Ausgewogenheit oder ein neues innerliches Einssein.

Aber wenn Jesus sagt: „Folgt mir nach“, passiert etwas ganz anderes. Wir lassen uns dann auf eine ganz andere Art der Anhängerschaft ein, denn sie beruht auf einem Ruf weg vom „Ich“ und hin zu Gott. Das ist ein Aufruf, Gott in unsere eigene Wesensmitte herein einzuladen. Er ist Ausdruck der Bereitschaft, das eigene „Ich“ loszulassen und nach und nach sprechen zu können: „Einzig du, o Herr, bist mir wichtig.“

Hier geht es überhaupt nicht darum, das eigene Ich zu erkunden, sondern um das Leerwerden und Loslassen des eigenen Ichs, um Raum für eine ganz neue Seinsweise zu schaffen, die von Gott her kommt. Das Leben Jesu war ein zunehmendes Aufgeben seiner selbst, so dass ganz und gar Gott in die Mitte kommen konnte. Darum ging es bei seiner Kreuzigung. Wenn Jesus sagt: „Folge mir nach“, will er sagen: „Verlass diesen Platz deines Ichs. Verlass Mutter, Vater, Bruder, Schwester, Haus, familiäre Besitztümer. Verlass die ‚Ich‘-Welt – meine Mutter, meinen Bruder, meine Schwester, meine Besitztümer, meine Welt – und folge mir nach.“

Jesus sagt: „Verlass all das.“ Verlass es, damit Gott in die Mitte kommen kann.

Wir werden eingeladen, unseren vertrauten Platz zu verlassen und Gott zu finden. Wir werden eingeladen, Gott zu finden und darauf zu vertrauen, dass wir in Gott entdecken, wer wir in Wirklichkeit sind. Die Betonung liegt nicht auf dem „Ich“, sondern auf Gott.

Jesus nachzufolgen heißt, sich auf den Einen zu konzentrieren, der uns ruft, und nach und nach im Vertrauen zu wachsen, dass wir unsere uns vertraute Welt loslassen können und etwas Neues kommen wird.

Wir werden neue Menschen werden!

Wir werden einen neuen Namen bekommen!

Abram ließ sich auf Gottes Ruf ein und wurde zu Abraham. Saul folgte Jesus nach und wurde zu Paulus. Simon folgte Jesus nach und wurde Petrus. Petrus verließ seine eigene alte Welt, trat in Gottes Welt ein und fand heraus, wer er in Gott wirklich war.

Wie lautet dein neuer Name? Wie meiner?

Herr Jesus,

hilf mir in diesem Augenblick, alles beiseite zu lassen, was mich heute beschäftigt hat. Nimm mir die vielen Ängste, die um mich toben. Nimm mir meine vielen Gefühle der Unsicherheit und des schwachen Selbstvertrauens und forme du mich, du Lamm Gottes. Hilf mir, tiefer in dein Schweigen einzutauchen, worin ich darauf hören kann, wie du mich rufst, und die Kraft und den Mut finden kann, dir nachzufolgen. Ich bitte dich, bei mir zu sein, wenn ich auf dein Wort höre und ein tieferes Verständnis des Geheimnisses finde, dass du mich berufst, dir nachzufolgen.

Sei jetzt und immer bei mir.

Amen.

KAPITEL ZWEI
DIE BERUFUNG
„Komm und folge mir nach“

In Lukas 5 finden wir eine Schilderung, wie Jesus seine ersten Jünger berief:

1 Eines Tages stand Jesus am See Gennesaret; eine große Menschenmenge drängte sich um ihn und wollte das Wort Gottes hören. 2 Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und reinigten ihre Netze. 3 Jesus stieg in das Boot, das Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit auf den See hinauszufahren. So konnte er im Boot sitzen und von dort aus zu den Menschen sprechen. 4

Als er aufgehört hatte zu reden, wandte er sich an Simon und sagte: „Fahr jetzt weiter hinaus auf den See; werft dort eure Netze zum Fang aus!“ 5 Simon antwortete: „Meister, wir haben uns die ganze Nacht abgemüht und haben nichts gefangen. Aber weil du es sagst, will ich die Netze auswerfen.“ 6 Das taten sie dann auch, und sie fingen eine solche Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen begannen. 7 Deshalb winkten sie den Fischern im anderen Boot, sie sollten kommen und mit anpacken. Zusammen füllten sie die beiden Boote, bis diese schließlich so voll waren, dass sie zu sinken drohten. 8

Als Simon Petrus das sah, warf er sich vor Jesus auf die Knie und sagte: „Herr, geh fort von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“ 9 Denn ihm und allen, die bei ihm im Boot waren, war der Schreck in die Glieder gefahren, weil sie solch einen Fang gemacht hatten, 10 und genauso ging es Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die zusammen mit Simon Fischfang betrieben.

Doch Jesus sagte zu Simon: „Du brauchst dich nicht zu fürchten. Von jetzt an wirst du ein Menschenfischer sein.“ 11 Da zogen sie die Boote an Land, ließen alles zurück und schlossen sich ihm an.

Lukas 5,1–11 (NGÜ)

Jesus spricht zum Volk. Es sind so viele Menschen da, dass er gar nicht alle genau sehen kann. Er bittet darum, sich in ein Boot setzen zu dürfen, um etwas Abstand zu haben, damit er all die Menschen sehen kann und auch sie ihn sehen können.

Stell dir Jesus im Boot vor. Sieh den Uferstreifen am Wasser voller Menschen. Du stehst mit der Menge am Ufer. Du hörst auf die Predigt Jesu. Worüber predigt Jesus? Wie bereits bei etlichen früheren Anlässen predigt er vom Reich Gottes. Er predigt über diese völlig neue Daseinsweise.

Jesus spricht vom Reich Gottes, worin die Armen gesegnet sind, die Sanften, die Trauernden, die Friedensstifter; worin die gesegnet sind, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, die Verfolgten gesegnet sind, die Herzensreinen gesegnet sind (vgl. Matthäus 5,3–11).

Im Reich Gottes wird alles auf den Kopf gestellt. Die an den Rand Gedrängten, die für nicht achtenswert Gehaltenen werden jetzt plötzlich als die Menschen bezeichnet, die ins Reich Gottes berufen sind. Der Teil von uns, der schwach, gebrochen oder armselig ist, wird jäh zum Ansatzpunkt dafür, dass etwas Neues entstehen kann. Jesus sagt: „Bleibt in Kontakt mit eurer Gebrochenheit. Bleibt in Kontakt mit eurer Sündhaftigkeit. Richtet euch auf Gott aus, denn das Himmelreich ist nahe. Wenn ihr bereit seid, aus eurer Gebrochenheit heraus zuzuhören, kann in euch etwas Neues entstehen.“

Ist diese Predigt zu Ende, so tun die Menschen das gleiche, was auch wir oft tun. Sie sagen: „Lasst uns jetzt gehen und wieder das gleiche tun wie bisher. Das können wir ja schon alles! Wir möchten mit dem weitermachen, was wir bisher getan haben.“ Aber Jesus sagt: „Werft eure Netze aus und fangt etwas!“

Er kehrt nicht wieder zu seinem normalen Alltagsleben zurück, worin wieder alles genauso gewesen wäre, wie es vor seiner Predigt gewesen war. Sondern ihm geht es darum, ganz konkret von der bisherigen Daseinsweise auf eine neue überzugehen. Aber die Jünger reden immer noch genauso wie vor seiner Predigt.

Auch wir reden heute noch genauso.

Zunächst sagen sie: „Jesus, hör doch, du bist kein Fischer. Du verstehst nichts vom Fischen. Du bist ein Prediger. Wir haben die ganze Nacht gefischt. Nachts sind die Fische gewöhnlich näher an der Oberfläche als tagsüber, und wenn wir schon nachts nichts fischen, können wir bei Tag erst recht nichts fischen. Ein weiterer Versuch macht nicht viel Sinn. Kannst du denn nicht unserer Einschätzung vertrauen?“ Und dann setzen sie mit einer Art grollender Ablehnung hinzu: „Aber wenn du unbedingt willst, tun wir das halt.“

Die Jünger antworten mit ihrer normalen Logik. Wir sehen, dass sie das die ganze Zeit tun. Bei der Geschichte mit den Broten und Fischen war es ja genauso gewesen: Da hatte es fünf Brote und zwei Fische gegeben. Jesus hatte zu seinen Jüngern gesagt: „Teilt die fünf Brote und die zwei Fische an die Menge aus.“ Und sie hatten zu Jesus gesagt: „Kannst du denn nicht zählen? Wie sollen wir denn mit fünf Broten und zwei Fischen alle sättigen können?“ Aber Jesus hatte sie aufgefordert: „Gebt der Menge zu essen!“ (siehe Markus 6,38 und Matthäus 14,17).

Jesus sagt: „Werft eure Netze aus!“ Sie tun das – und sie fangen Fische! Aber interessanter Weise fangen sie nicht so viele Fische, wie sie brauchen, sondern derart viele, dass sie ganz verblüfft sind.

Mit den Broten ist es das gleiche. Jesus hatte nicht gesagt, sie sollten jedem ein kleines Stück Brot geben. Nein – es blieb sogar so viel Brot übrig, dass sie gar nicht mehr wussten, was sie damit anfangen sollten. Hier, in dieser Geschichte, sind ihre Boote so voll, dass sie ganz verblüfft sind. So viele Fische brauchten sie doch gar nicht! Sie wären schon mit einem ganz normalen Fang recht glücklich gewesen.

Jesus durchbricht die menschliche Logik. Ihm geht es um nichts Eigenes. Er versetzt die ganze Wirklichkeit in das Reich Gottes. Deswegen befinden die Jünger sich nicht mehr in der Logik der Welt, sondern sie sind in die Unlogik Gottes versetzt und befinden sich deshalb jenseits aller Logik. Sie sind in eine völlig neue Welt versetzt.

Als Petrus das schließlich begreift, sagt er nicht: „Herr, ich hatte mich getäuscht. Du verstehst ja etwas vom Fischen!“, sondern: „Herr, ich bin ein Sünder!“ Dieser Ausspruch von Petrus ist recht eindrucksvoll, denn Petrus war klar geworden, dass er dem, was da vorgegangen war, nicht getraut hatte. Er hatte den Herrn vom Himmelreich und von der neuen Weltordnung sprechen hören. Aber jetzt war ihm aufgegangen, dass er das überhaupt nicht verstanden hatte. Er hatte es nicht ganz ernst genommen. Auch Jesus hatte er nicht ganz ernst genommen. Aber als der Herr seine Logik völlig durchbricht, sagt Petrus: „Ich bin ein sündiger Mensch. Ich war nicht bereit gewesen, dir eine Chance zu geben. Ich hatte immer noch um mich selbst gekreist, nach meinen eigenen Maßstäben, und wollte weiter mein eigenes kleines Vorhaben betreiben.“

Angesichts des Reiches Gottes, und angesichts dieser neuen Wirklichkeit begreift Petrus, dass er bisher nur an sich selbst gedacht hatte. „Ich möchte eben Fische fangen. Deshalb bin ich die ganze Nacht draußen gewesen.“ Ihm geht auf, dass er alles, was er tat, nur für sich selbst tat.

Damit ist Petrus nicht allein. Die Jünger hörten die Geschichten Jesu ständig im Hinblick auf die Macht, aus der Sicht der alten Welt. Das hört man aus dem ganzen Evangelium heraus.

„Wirst du endlich die Römer aus dem ganzen Land vertreiben und hier mit Macht durchgreifen? Wirst du das bald hinbringen?“

Jesus durchbricht diese Erwartung vollständig und eröffnet eine ganz andere Welt. Er sagt: „Folgt mir nach. Fürchtet euch nicht. Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Ich werde euch in eine völlig neue Lebens- und Daseinsweise einführen“ (Markus 1,17).

Da lassen sie alles hinter sich und folgen Jesus nach.

Wir halten uns in unserem Leben an unsere eigene Logik. Jesus möchte diese durchbrechen und eine ganz neue Daseinsweise eröffnen. Wir fürchten uns davor, dass uns das blühen könnte, und zwar deshalb, weil wir dann nicht mehr alles selbst unter Kontrolle hätten. Denn die Kontrolle über unsere Zukunft haben wir nicht mehr, wenn wir Jesus in unsere Wesensmitte hereinlassen. Wir müssten dann das Vertrauen auf eine Richtung haben, für die wir keine Begriffe haben. Jesus verwendet Worte wie „Atem“, „Leben“, „Tod“ und „Wahrheit“, versieht diese jedoch mit einem neuen Sinn. Das begreifen die Jünger nicht und es verwirrt sie. Erst viel später, als der Heilige Geist kommt, eröffnet sich ihnen der wahre Sinn dieser Begriffe.

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