Читать книгу: «Der Geizhals»

I
Es war Winter; der Schnee deckte die Natur wie das Bahrentuch einer Jungfrau; Felder und Wiesen waren eingeschlummert: doch war ihr Schlaf so ruhig und so voll Hoffnung auf ein fröhliches Erwachen, daß selbst der Anblick dieser einförmigen Leblosigkeit das Herz nicht ganz trostlos ließ.
Und es war kein Wunder! Am blauen Himmel glänzte heiter die Wintersonne, die ihr Licht über die ruhende Natur goß. Tausende von funkelnden Perlen schimmerten im unermeßlichen Schneefeld; in jedem Flocken spiegelte sich das Sonnenbild, und die Farbengluth, die daraus entsprang, schien dem Schnee selbst Leben und Seele zu verleihen.
Nichts unterbrach die weite weiße Fläche – auch Dorf und Kirche hüllten sich in die Falten ihres Wintergewandes – nur die düsteren Tannen erhoben ihre Kronen über den Schnee und standen unbeweglich da, wie die Schildwachen um ein Lager in tiefem Schlummer.
So herrschte in der äußern Natur eine vollkommene Stille; aber der Mensch hatte seine rege Thätigkeit nicht ausgesetzt; aus jedem Bauernhof, aus jedem Hause im Dorfe erhoben sich Stimmen und Lärmen aller Art. Hier erdröhnten die Dielen unter dem Schlage des Dreschflegels, dort rasselten ungeduldig die Mühlen; etwas weiter wurde Flachs gebrochen und die Milch zu Butter gerührt.
Dazu kam der liebliche Gesang der Mädchen, das helle Pfeifen der Männer – das Gewieher der Pferde, das Gebrülle der Kühe und das klägliche Geblöke der Schafe . . .
Alles vereinigte sich zu einem Lobgebet, das zu Gott aufstieg, um ihm zu sagen, wie seine Geschöpfe sich der Arbeit freuen und ihr Loos auf Erden preisen!
Ein einziges Haus blieb, in diesem Getümmel, still und stumm wie ein Grab. Es stand einige Bogenschüsse weit vom Dorfe und war offenbar der Ueberrest eines alten Klosters, wovon der größte Theil abgebrannt oder abgebrochen war; ringsum lagen noch, hie und da, die Schutthaufen der gewaltigen Mauern.
Als Wohnung diente eine übriggebliebene Seite des Klosters; die gothischen Fenster waren mit aufgerafften Ziegelsteinen grob zugemauert; und hohe Mauern, mit vorspringendem Gesimse, umschlossen das Haus und den anliegenden Garten.
Doch war es nicht dieß Alles, das den Vorbeigehenden an dem sonderbaren Hause zum Stehen brachte und ihm düstere Gedanken einflößte.
Der traurige Rest ehemaligen Reichthums und Glanzes war so erbärmlich im Verfalle, daß der Anblick dem Herzen wehe that. Der Boden ringsum war völlig unangebaut; hohe Steinhaufen und tiefe Gruben machten ihn fast unwegbar. Die nackten Mauern waren durch die Zeit ausgefressen und mit langen Rissen durchzogen; hie und da waren die Stützen eingestürzt. Nirgends merkte man, daß eine Menschenhand gesucht hätte, den Schaden herzustellen oder dem völligen Ruin zuvorzukommen.
Aus der Todtenstille, die hier herrschte, hätte man auf ein unbewohntes Haus schließen können, wenn man nicht im Schnee eine Bahn erblickt hätte, die sich von der Thüre gegen das Dorf richtete und sich hierauf in dem breiten Fahrweg verlief. Eine gespanntere Aufmerksamkeit machte auf dem Schnee, zwischen größeren männlichen Tritten, die Stapfen eines niedlichen Frauenfußes erkennbar.
In dem Hause saßen unter einem geräumigen Kamine zwei Personen; schweigend streckten sie die Füße in den Heerd und klemmten den Kopf in ihre Schultern ein; die Kälte schien sie fast gefühllos gemacht zu haben.
Die eine war ein Mann in vorgerücktem Alter, mit grauen Haaren, erloschenen Augen und bleichen hohlen Wangen; ein Rücken war gewölbt, und bei jeder Bewegung zitterten eine schwachen Hände.
Die andere war ein Mann in den Vierzigern, der sich seiner vollen Lebenskraft erfreute. Die befremdende Unregelmäßigkeit einer Gesichtszüge mußte Mißtrauen und selbst Abscheu erregen. Seine kleinen grauen Augen lagen tief unter einer hohen Stirn und dichten Brauen, und glänzten aus ihren Höhlen, wie Glühwürmer im Dunkeln; seine Nase, nach unten breit, regte sich mit jedem Athemzuge; der weite Mund spaltete ihm fast die Hälfte der Wangen; ein beständiges Lächeln um eine dicken Lippen verrieth Gierigkeit und manchen andern niederen Hang.
Der obere Theil seines Kopfes wies auf schlimme List – nicht ganz ohne Verstand – der untere auf thierische Lüsternheit. Die Zusammenstellung bildete ein Ganzes, das, durch eine materiellen Formen schon häßlich, durch die sittliche Bedeutung noch häßlicher wurde.
Alles, was die beiden schweigenden Männer im Zimmer umgab, schien mit ihnen selbst und ihrem Gemüthe in Einklang zu sein.
Das Zimmer war groß und hochgewölbt; es empfing ein halbes Licht durch ein erhabenes Fenster, das mit dichten eisernen Stäben verschlossen, doch, in Mangel von Glasscheiben, dem Wind und Regen einen ungehinderten Einlaß bot.
Darinnen war Alles höchst schmutzig; eine Erdschicht bedeckte den Flur; lange Spinnweben hingen vom Gewölbe über die Wände; in den dunkeln Ecken lagen allerlei alte Gegenstände in ungeordneten Haufen, darunter viele verschlissene Schuhe. Die wenigen Hausgeräthe, die an der ausgebröckelten Wand hingen oder auf dem Kamine standen, waren so voll Staub, daß es außer allem Zweifel blieb, man habe sich ihrer seit Jahren nicht mehr bedient.
Trotz der unsaubern, aber schweren Kleider, die die beiden Männer trugen, waren sie vom scharfen Froste durchdrungen; auch war es komisch zu sehen, wie sie ihre Füße nach dem einzigen Torfstücke streckten, das im Heerde brannte; wie sie den ganzen Körper nach vorne krümmten, auf daß kein Wärmestrahl in den Schornstein fahre, ehe er seine Kraft an die abgegeben hatte. Sie fingen selbst mit den Händen die dünnen Dampfwolken auf, die sich aus einem steinernen Topf erhoben, der neben dem Torfe in der Asche stand.
Der Alte saß unbeweglich da und richtete den Blick nach dem Heerde; auch der Andere rührte sich nur wenig; doch zeigten eine verstohlenen Blicke, daß sein Geist ernst beschäftigt war. Er schien mit Ungeduld auf das Erwachen des Alten zu warten, und auf einem magern abgelebten Gesichte die geringste Empfindung ablauschen zu wollen.
Nach dem Verlauf einiger Augenblicke griff er nach dem eisernen Blasbalg und blies an dem Torfe, bis eine kleine blaue Flamme aus dem Heerde emporstieg.
Der Alte faßte fieberhaft seine Hand, um ihn von seinem Vorhaben abzuhalten, und sprach zitternd:
»Nun, Thys, [Matthias] wo denkt Ihr hin? Ist der Torf nicht in vollem Brande und wollt Ihr ihn in Stücken haben? Habt Ihr denn kalt?«
»Im Gegentheil,« erwiederte Thys, »aber es schlägt acht Uhr auf dem Kirchenthurme; es wäre Zeit an unser Frühstück zu denken.«
»Nun?«
»Und so meinte ich, daß ein guter warmer Imbiß Euch wohl bekommen würde, Onkel Jan.
« »Warmes Essen macht den Magen schwach,« murrte der Alte. »Und dazu ist der Torf so entsetzlich theuer!«
Inzwischen hatte Thys den Topf auf den Tisch gesetzt und dem Onkel einen Löffel gereicht. Dieser rührte und blies, als wäre ihm bange, sich an dem Gericht zu verbrennen. Dabei athmete er mit vielem Appetit und einem wohlgefälligen Lächeln den warmen Dampf ein; doch war die Kost nicht zu lecker, sie bestand aus lauem Wasser, worin große Stücke Schwarzbrod schwammen.
Kaum hatte er den ersten Löffel an seine Lippen gesetzt, so blickte der Alte ungehalten auf seinen Kameraden und sagte:
»Thys, Thys, ich begreife nicht, daß Ihr so viel aufs Salz gebt?«
»Fünf Körnchen, Onkel Jan.«
»Und, was seh’ ich da? Fettaugen? Butter in der Suppe? Wollt Ihr mich in meinen alten Tagen auf das Stroh bringen? Wahrlich, Thys, das ist Unrecht von Euch.«
»Vielmehr habt Ihr Unrecht, Euch zu betrüben,« entgegnete der Andere. »Cäcilia hat gestern ihre Kartoffeln in dem Topfe gewärmt und dazu ein großes Stück Butter geschmolzen.«
»Ein großes Stück?«
»Ich hätte den Topf waschen und spülen können.«
»Nein, nein, das durftet Ihr nicht thun.«
»Ich habe mich auch wohl gehütet; so haben wir etwas von dem Fette, das sonst verloren gegangen wäre.«
»Ich habe Euch falsch beurtheilt, Thys; Ihr seid ein braver Junge; falls mir auf meinem Sterbebette etwas übrig bleibt, will ich Euere Sorgfalt belohnen, Ihr könnt darauf rechnen.«
Da klopfte Jemand leise an der Thüre; man hörte deutlich eine schüchterne Stimme, die das Vaterunser betete.
»Schon wieder das Weib von Jan dem Mauerer!« rief Thys mit Ungeduld. »Sie hat noch nie etwas bekommen und ist doch mit jedem Tage wieder da! Was soll diese Hartnäckigkeit bedeuten? Sie ist vielleicht bezahlt, um mich zu quälen!«
»Schon wieder da!« meinte auch Onkel Jan. »Man sollte wohl geben und in einem fort geben! Steht auf, Thys, und jagt das Bettelvolk weg!«
Die Thür ging auf und ließ eine arme abgemagerte Frau erblicken, die ein vor der Kälte zitterndes Mädchen an der Hand führte. Sie fuhr fort ihr Vaterunser zu beten.
Thys war aufgestanden und rief die Frau barsch an:
»Zur Thür hinaus! Wir haben nichts zu verschenken! Ihr schleicht Euch wohl in’s Haus, um zu sehen, ob sich nichts fehlen ließe! Denn zur Arbeit seid Ihr zu faul! Hinaus, und macht schnell!«
Die arme Frau kehrte um und wollte das unbarmherzige Haus verlassen; Thys, sei es aus purer Bosheit oder um die Bettlerin zu schnelleren Schritten anzutreiben, stieß sie und das Mädchen so derb in den Rücken, daß die arme Kleine in den Schnee fiel und laut zu weinen anfing. Mit zornentflammten Augen und drohendem Finger sagte die Mutter:
»Das wird Euch Gott vergelten, Ihr Bösewicht!«
Doch Thys, ohne auf die Drohung sonderlich zu achten, schlug die Thür hinter ihr zu und setzte sich lachend wieder an den Tisch.
Beide schimpften weidlich auf Bettler, Diebe und Faulenzer, und fuhren dann ruhig fort zu frühstücken. Der Alte frug:
»Wie findet Ihr die Suppe, Thys?«
»Sie schmeckt ganz wohl, Onkel Jan! – Und doch nennt Cäcilia das eine Hundekost!«
Es war in feinen Augen zu lesen, daß er die Cäcilia mit Absicht erwähnt hatte.
»Doch Thys, merkt Ihr nicht, daß Cäcilia mit jedem Tage mehr vom rechten Pfade abkommt? Sie hält jetzt auf seine Bissen und prächtige Kleider, und verthut so viel Geld! . . . «
»Ob ich das merke, Onkel Jan! Ich spreche selten davon, denn Cäcilia ist das verhätschelte Kind; sie darf thun, was ihr beliebt: Butter essen, schöne Kleider tragen, Feuer anmachen, Geld verschenken! Ich bemitleide Euch, Onkel Jan, und erschrecke bei dem Gedanken, welche böse Folgen Euere blinde Nachsicht mit dem Mädchen nach sich ziehen kann; doch mehr noch bemitleide ich unsere arme Cäcilia, die verführt wird und auf dem schlimmen Wege täglich einen Schritt weiter kömmt.«
»Wie viel bleibt uns von der Butter übrig, die wir die verflossene Woche kauften?« frug der Alte in Gedanken versunken.
»Das halbe Pfund ist fast ganz auf,« war die Antwort.
»So? da muß also wieder ein Silberstück von einem halben Franken zu unserm Unterhalt ausgegeben werden? O du lieber Gott!«
»Es hat morgen Zeit, Onkel Jan.«
Dabei sah Thys mit geheimer Freude, wie der Alte voll Kummer die Hände über die Stirne faltete; ein eigenthümliches Lächeln zog über ein trotziges Gesicht, indem er fortfuhr:
»Ihr mögt es glauben oder nicht, Onkel Jan; doch ich sage die lautere Wahrheit: Cäcilia wird von Mutter Anna in Grund und Boden verdorben. Man tischt ihr dort allerlei leckere Bissen auf, man macht ein Feuer an, als wollte man das Haus niederbrennen, und spottet dazu unter, um ihr gegen uns Abscheu einzuflößen. Daß Cäcilia immer außer dem Hause ist und mit dem Gelde umgeht, als wüchse es ihr auf dem Rücken, das ist die Schuld der Wittwe; aber die scheinheiligen Leute wissen wohl was sie vorhaben; sie wollen sich eine Leibrente sichern, die ihnen tausend Procent abwirft.«
»Nun, Thys, Mutter Anna ist arm; bei dem Tode ihres Mannes konnte sie kaum die Kirchengebühren bezahlen – freilich wollte sie den Sarg aus Eichenholz haben und vier Messen lesen lassen. Ich begreife nicht recht, was Ihr mit den Ausgaben und der Leibrente sagen wollt!«
»Seht, Onkel Jan,« antwortete der Andere mit erkünstelter Traurigkeit, »ich will es nicht länger verhehlen; es lastet mir schon zu lange auf dem Gewissen. Dazu gebietet mir die Liebe, die ich meinem Wohlthäter schuldig bin . . . «
»Was bedeuten die trüben Worte? Ihr macht mir Angst!«
»Ihr habt wohl Grund dazu, armer Onkel Jan! – Hört nur, ich will Euch etwas mittheilen, das Euch verwundern wird; aber, um Gotteswillen, bleibt ruhig und gelassen; ich würde es mir nie verzeihen, wenn Ihr Euch allzusehr grämtet.«
»Nun, weiter?«
»Ihr wißt wohl, Onkel Jan, daß die alte Anna einen Sohn hat?«
»Ja, den kleinen Bart, [ Bartholomäus.] den Taugenichts, der meine Aepfel schnipfte, ehe der Hof ummauert war. Wenn der älter wird und nicht an den Galgen kommt, so verfehlt er sein Loos.«
»Doch das ist lange her, Onkel Jan; damals war ich noch nicht hier. Jetzt ist das Kind zum Jüngling herangewachsen und spielt eine andere Rolle, die um nichts besser ist. Des Sonntags, und zuweilen in der Woche, wenn es etwas zu thun gibt, beschäftigt man ihn in den Herbergen. Dort trinkt er Bier aus vollen Kannen, tanzt und singt und lacht, und ist obenan, wo es heißt: »Freut Euch des Lebens.«
»Schändlich genug! Was sagt Mutter Anna dazu?«
»Ja, die ist aus demselben Stoffe; sie hält so viel auf ihren Sohn, als ob ein Name schon im Kalender stünde. Und wißt Ihr jetzt, warum man Euerer Cäcilia auf dem Kapellenhoefken so sehr schmeichelt, warum man sie so reichlich bedient, und durch die Bande der Lüsternheit und des Hochmuths zu ketten sucht?«
»Nun, warum denn?«
»Weil die Wittwe zwischen ihrem Sohne und Cäcilia etwas anzetteln und Euerer Nichte den Jungen zum Mann geben will. Begreift Ihr jetzt, Onkel Jan?«
Der Alte schüttelte nachdenkend mit dem Kopf, wie Jemand der eine Erklärung nicht völlig versteht.
»Ich höre wohl, sagte er, doch was ist dabei für mich zu besorgen? Von mir hat Cäcilia doch keine Mitgift zu erwarten!«
»Guter Onkel Jan,« rief Thys mitleidig aus, »Euer edles und offenes Herz kann eine solche Falschheit und Habsucht nicht recht fassen. Ich muß mich klarer ausdrücken. Mutter Anna ist arm; ihr Sohn auch. Ihr aber seid reich.«
»Oh, oh,« entgegnete der Alte mit Entsetzen, als hätte er eine Gotteslästerung vernommen. »Wie? ich wäre reich? Von wem rührt diese Verläumdung her?«
»Freilich weiß ich es zur Genüge, Onkel Jan, wie schwer es uns fällt, aus einem Jahre in das andere zu kommen. Doch Mutter Anna macht sich ihre eigene Rechnung . . . und für einen Augenblick will ich den Irrthum der Wittwe annehmen. Sie ist arm, Ihr seid reich; Cäcilia erbt die Hälfte von dem, was Ihr zurücklaßt. Heirathet sie nun der Sohn der Alten, so bekommen diese Verschwender den schönsten Theil Euerer Habe in ihre Hände. So ist es kein Wunder, daß sie sich jetzt in Schulden stecken, um Euere Nichte an sich zu locken; denn die künftige Leibrente würde tausend Procent abwerfen. Habt Ihr jetzt verstanden?«
Der Alte sah zitternd und mit aufgerissenen Augen auf Thys, der sich an einer steigenden Angst zu freuen schien, und weiter sprach:
»Seht, Onkel Jan, die Taugenichtse hoffen, daß Ihr nicht mehr lange zu leben habt. Und kaum wird der alte Geizhals – so nennen sie Euch – unter der Erde liegen, so wird der Spielmann sich aufs Dach stellen; man wird das Geld vertrinken und verprassen; Bart in den Wirthshäusern herumziehen – der kleine Pfennig, den Ihr so mühsam zusammengebracht, vergeht so in Saus und Braus! Doch das ärgste ist dabei, daß unsere arme Cäcilia, am Ende vom Liede, auf nacktes Stroh gebettet sein wird, und dann ihre Lebzeit lang über ihre Verirrung zu weinen hat. Davor behüte sie der liebe Himmel!«
Der Alte wollte sprechen, doch ein schlimmer Anfall von Husten hinderte ihn daran; die Schmerzenstöne, die seine Brust beengten, fanden ihren Wiederhall in dem Gewölbe des Zimmers.
Thys war aufgestanden und setzte dem Alten eine hölzerne Schale mit Wasser vor den Mund, während er ihm dazu leise auf den Rücken klopfte. Er schien dem Alten mit inniger Liebe zugethan zu sein; seine Stimme war mitleidig, ein ganzes Benehmen tröstend. Ein liebender Sohn hätte seinem Vater nicht mit mehr Sorgfalt beistehen können.
Endlich legte sich der böse Husten; der arme Onkel konnte wieder zu Athem kommen. Er nahm Thys bei der Hand, drückte dieselbe, und sprach ganz gerührt, indem eine Thränenfluth über seine hohlen Wangen rollte:
»Dank, mein lieber Freund, Ihr allein habt Erbarmen mit mir! Die andern Menschen wünschen meinen Tod – selbst Cäcilia, die ich doch wie mein eigen Kind liebe, ist undankbar. Oh weh! Das bisschen Geld, das ich mir durch so viele Entbehrung abgespart habe, soll nach meinem Tode verschleudert werden! Diese Befürchtung wird meine letzte Stunde vergällen . . . Wie kann man nur sagen, daß ich reich bin, Thys?«
»Man heißt Euch den reichen Knauser.«
»Man denkt vielleicht, daß ich hunderte von Gulden besitze?«
»Auf fünfzigtausend schätzt Euch die Wittwe.«
»So verläumdet man leider die arme Tugend! Doch Ihr wißt es wohl besser, Freund Thys, der Ihr mein Elend theilt und mir in der Noth beisteht?«
»Es wäre an den Lästerzungen wenig gelegen, Onkel Jan, wenn wir nur die arme Cäcilia vor den Fallstricken der Verführer zu retten vermöchten!«
»Ja, die arme Cäcilia und mein armes Geld!« seufzte der Greis. »Wahrhaftig, Thys, wenn ich jünger wäre, wollte ich das Geld verprassen und vergeuden! Doch nein – denn ich möchte nicht gern vor Hunger sterben!«
Nach diesem Ausrufe schwiegen Beide eine Weile lang. Der alte Onkel schien das Fieber zu haben und seine bösen Ahnungen peinigten ihn sichtlich.
»Ihr müßt frischen Muth schöpfen, Onkel Jan,« sprach endlich Thys mit tröstender Stimme; »die Betrüger sind noch so weit nicht. Vielleicht weiß Cäcilia noch nicht das mindeste von ihrem schlimmen Vorhaben. Das arme Mädchen ist verführt. Es ist wahr, sie steht am Rande des Abgrunds; doch mit gutem Willen und muthigem Entschluß wird sie noch leicht zu retten sein.«
Der Onkel blickte ihm voll Hoffnung in die Augen und antwortete:
»Um Gotteswillen, Freund, rathet mir, was ich thun soll; mein Verstand ist schwach, und der Kummer nimmt mir vollends alle Besinnung.«
»Das Mittel ist einfach genug, Onkel Jan. Wenn Ihr verhindern wollt, daß Cäcilia nach Euerem Tode einem Verschwender zufalle, der ihr Erbtheil vergeudet und sie in’s Elend stürzt, so laßt sie jetzt einen sparsamen Gatten wählen, der ihr Lebensglück sichern kann.«
»Einen sparsamen Gatten,« wiederholte der Onkel in Gedanken, »ja, das wäre nicht so übel.«
Doch nach längerer Betrachtung rief er niedergeschlagen:
»Umsonst! Ich suche vergebens im ganzen Dorfe und finde Niemanden. Die redlichen Leute, die ich kenne, stehen in meinem Alter; die jungen leben toll in die Welt hinein.«
»Das könnt Ihr von mir nicht sagen,« meinte Thys lächelnd.
Mit freudigem Staunen blickte ihn der Onkel an und sprach:
»Ich war wirklich blind! An Euch allein hatte ich nicht gedacht, und doch seid Ihr der einzige, der für sie paßt . . . Aber Ihr werdet sie nicht nehmen wollen, Thys; Ihr habt sie ja nicht gern.«
Thys senkte, wie beschämt, den Kopf über die Brust.
»Das weiß ich nicht recht; doch wäre ich reich, Hab und Gut würde ich darum geben, sie glücklich zu sehen!«
»Dann muß Euere Liebe zu ihr sehr groß sein, Thys; leider ist sie Euch abgeneigt – freilich gegen allen Grund. Dieser Abscheu scheint aus einer kranken Einbildung herzurühren.«
»Ich weiß, daß sie mich haßt,« fiel ihm Thys ins Wort, ich bin überzeugt, daß sie in diesem Hasse verbleibt, und ich an ihrer Seite unglücklich sein werde.«
»Und doch wollt Ihr Euch um sie bewerben?«
»Es treibt mich zu dem Opfer sowohl mein Mitleiden mit dem Kinde als meine Dankbarkeit gegen Euch. In ihrem falschen Wahne verabscheut sie mich; doch will ich sie retten, ihr im Leben als Schutzengel dienen, für sie sorgen und sparen, und ihr kleines Vermögen ehrlich zusammenhalten. Vielleicht – wer kann es wissen? – wird mich allmälig ihre Freundschaft belohnen.«
Diese Worte, mit Edelmuth und Stolz vorgebracht, machten auf den Alten einen tiefen Eindruck; gerührt nahm er Thys bei der Hand:
»Dank, Ihr edler Jüngling! Ihr seid die einzige rechtschaffene Seele, die ich kenne. So wollt Ihr Cäcilia heirathen, mit ihr meine Wohnung theilen, mir dazu verhelfen, daß ich ohne größeres Elend mein Lebensziel erreiche; auch nach meinem Tode werdet Ihr Sorge tragen, daß meine Ersparnisse, falls welche übrig bleiben, nicht verschwendet werden. Dafür segne Euch Gott, ich nehme Euer Opfer als eine Wohlthat an.«
»Ist Euer Entschluß gefaßt, Onkel Jan?«
»Unwiderruflich, lieber Thys!«
»Und wenn Cäcilia sich sträubt?«
Der Alte schob die Schultern in die Höhe und wäre die Antwort gerne schuldig geblieben.
»Immer derselbe,« scherzte Thys ungeduldig.
»Die Kleine übt einen Zauber über mich. Gönnt mir ein wenig Zeit, um sie zu überreden. Inzwischen thut auch Etwas dazu; beweist Euch freundlich, redet sie öfters an, lärmt nicht um ein Stückchen Butter, bewahrt den Torf im Kamin zu ihrer Zurückkunft.«
»Was seid Ihr doch schwach,« spottete Thys, »wo das Laster eingewurzelt ist, läßt es sich nicht mit einem Stückchen Butter bezwingen!«
»Und dann,« fuhr der Alte unwillig fort, »wenn die Güte nichts ausrichten sollte, so bleiben andere Mittel.«
Mit diesen Worten stand er auf, richtete sich hustend gegen die Thür und sprach:
»Ich gehe hinauf, denn ich fühle mich etwas matt. Um Mittag sehen wir uns wieder; thut nicht zu viel Salz in die Rüben.«
»Sie sind gefroren, Onkel Jan.«
»Das macht sie um so mürber, Thys. Und nehmt denselben Topf; das Fett hat ihn durchdrungen.«
Der Alte zog sich zurück, und bald darauf hörte man seine Schritte auf der Treppe.
Thys lauschte, bis er vernommen, daß zwei oder drei Thüren geschlossen wurden.
Da veränderte sich plötzlich eine ganze Haltung. Der halbgekrümmte Rücken wurde wieder kerzengerade, seine Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lachen, seine Augen rollten schnell unter den dichten Brauen. Innerlich schien er sich über einen davongetragenen Sieg zu freuen.
Auf den Fußspitzen schlich er zu einem Kasten, nahm daraus ein halbweißes Brod, schnitt davon ein tüchtiges Stück herunter, auf das er die Butter, wohl einen halben Finger hoch, schmierte. Bei dem ersten Bissen strahlten seine Augen vor Freude und er verschlang seine Schnitte mit unerhörter Gierde. Dann verschloß er den Kasten, setzte Alles an den früheren Platz und ging wieder zum Kamine, wo er ein anderes Stück Torf auf das Feuer warf und mit dem Blasbalg so lange blies, bis die Flamme hell aufloderte. Eine Zeit wärmte er sich die Hände mit dem Ausdruck des innigsten Vergnügens, ward hierauf ruhig und sprach zu sich selbst unter hämischem Lächeln:
»O der einfältige Kerl! Er ist im Stande, ein Stück Bindfaden in vier zu verschleißen, und ehe er einen Heller ausgibt, kehrt er ihn zehnmal um, als wäre es ein Stück seiner Seele! Bald wird er darauf kommen, seine alten Schuhe in die Suppe zu thun, weil sie vielleicht einmal mit Fett geschmiert waren. Dabei ist er so arm und elend! Als ob ich nicht wüßte, warum er alle Thüren verriegelt, sobald er oben ist. Jetzt wühlt der Geizhals in seinen Zehnguldenstücken. Doch um so mehr wird er zurücklassen, und ich will dafür sorgen, daß ich meinen Theil davon kriege.«
Nach einer kurzen Pause verfolgte er sein Selbstgespräch:
»Es ist doch seltsam, daß der alte Geldteufel sich so sehr darum kümmert, was nach seinem Tode aus seinem Gelde wird. Er könnte dann wohl aus dem Grabe steigen und hier zur Nachtzeit seinen Spuk treiben! Von allen Dummheiten der Welt ist doch der Geiz die größte. Wie kann man das Geld lieben, bloß weil es glänzt! Das heißt sich in Porzellanscherben verlieben. Ja, Geld regiert die Welt, aber ein Glanz macht dabei nichts aus. Es ist der Mephisto des Doktor Faustus; wem er zu Gebote steht, der braucht nur Etwas zu wünschen, und im Nu ist es da! Ja, so lieb auch ich das Geld, mehr noch als Onkel Jan. Laßt den alten Scharrer erst unter der Erde liegen – dann mag er sich erkundigen, ob ich mich noch mit dem Brei aus Roggenbrod und Wasser begnüge, das eigentlich den Hunden zukommt. Mit wenig Kosten kann sich das spinnwebige Haus in ein schönes Schloß umwandeln, das von außen und innen zierlich gemalt ist; dazu kommen dann bequeme Stühle, feine Kleider, eine leckere Kost mit viel Fleisch und Bier – vielleicht erlauben wir uns auch Wein – und ein Pferd – und dann bin ich gnädiger Herr, und halte mir einen Bedienten und mache mich über die Bauern lustig. Trotzdem will ich immer sparsam leben, um lange auszukommen – Cäcilia erbt die Hälfte von Allem; sie ist die einzige Nichte – und wenn mir die andern Verwandten nicht in den Weg treten, denke ich die andere Hälfte zu erhaschen, obgleich ich nicht zur Familie gehöre. Wir werden schon sehen! Als ich mich hierher in den Klosterhof begab, um dem Onkel Jan als Sklave seiner Wünsche und Grillen zu dienen, berechnete ich eine Lebenszeit auf vier bis fünf Jahre. Seitdem sind volle zehn Jahre verflossen, die mich sehr erschöpft haben – die Hälfte ist nicht mehr hinreichend: ich muß Alles bekommen. Aber Cäcilia? Da steckt der Knoten. Ich muß mit ihr recht freundlich sein und ihr von Heirath sprechen. Wie fange ich das an? Wenn ich sie wirklich liebte? Ich glaube fast, daß sie mir nicht gleichgültig ist. Doch in meinen alten Tagen will ich nicht zum Narren werden; es würde auch so nicht gelingen; denn ich bin doch nicht hübsch genug, um ein Mädchen zu bethören. Aber es gibt andere Mittel, die eben so sicher, wo nicht sicherer, zum Ziele führen.«
Da umdüsterte sich plötzlich sein Gesicht und er schlug die Augen zu Boden:
»Wenn sie aber doch nicht zu gewinnen wäre und mein Vorhaben so scheiterte!«
Dabei bekämpfte er den aufsteigenden Unmuth und sprach hohnlächelnd weiter:
»Doch warum soll man sich böse stellen, ehe es wirklich Noth thut? Zuerst wollen wir Alles in Güte versuchen, und erst, wenn das nichts fruchtet, andere Saiten aufziehen . . . Indessen will ich in den Garten und dort für Onkel Jan etliche Rüben aus dem Schnee hervorsuchen: unterwegs sinne ich auf ein paar schöne Sprüchlein, die ich bei Cäcilia anbringe, sobald sie nach Haus kommt.«
Damit entfernte sich Thys durch die Hinterthür.
II
In einiger Entfernung von der unheimlichen Behausung des alten Knickers, ganz am Rande der nackten Haide, stand ein geringer Pachthof, dessen lehmene Mauern zur Genüge bewiesen, daß seine Bewohner recht arme Bauern waren. Doch trotz des ärmlichen Aeußern, trotz der einförmig weißen Felder, herrschte rund um die niedere Wohnung ein Ton von regem Leben und selbst von Freude, wie ihn die poetische Einbildung eines Künstlers nur hätte wünschen können.
An dem Ziehbrunnen, der seine langen Arme durch die Lüfte streckte, stand ein Bauermädchen und schöpfte Wasser, um darin die Wurzeln für das Vieh auszuwaschen. Ihr frisches Gesicht blühte wie eine Rose; sie fürchtete nicht, ihre Arme in dem halb gefrorenen Wasser zu rühren, und sang dazu so laut ein munteres Lied, daß man dadurch unwillkührlich an den kommenden Mai gemahnt wurde.
An der Thüre der Wohnung zeigte sich ein Bauernjunge, nicht minder frisch und gesund als das Mädchen. Seine schönen, sanften Augen verriethen ein friedliches Gemüth und eine liebende Seele; der Ausdruck eines ganzen Gesichts wies auf eine Lebensfülle. Das Ebenmaß seiner Glieder, seine freie, hübsche Haltung hätten ihn unfehlbar, unter hundert Bauern seines Alters, als Denjenigen bezeichnet, der in Hinsicht auf Herz und Verstand allen andern überlegen sein mußte.
Er war damit beschäftigt, die Aeste eines Haselnußbaumes zu Reifen zu spalten, und förderte rasch eine Arbeit. Seine Bewegungen waren ungehindert, und die Reife schienen durch seine Hände zu fliegen. Auch seine Füße blieben keinen Augenblick ruhig; es war als ob er Lust hätte, zu einer Arbeit zu tanzen. Und, während seine Schwester ihr munteres Lied sang, pfiff er ihr nach, und bewegte unwillkührlich Hand und Fuß im Takte des Gesanges.
Ein schwarzer Hund wedelte um den jungen Mann, sprang ihm dann zum Spiele nach den Händen, und bellte zuweilen, um in dem Concerte auch eine Stimme ertönen zu lassen.
In dem Kirschenbaume daneben saß das zarte Rothkehlchen; im Gebüsche fang die Bachstelze ihr frohes Lied, und der kleine Zaunkönig hüpfte durch die Hecken und Sträuche.
Auf das ganze Gemälde warf die Sonne ihre hellen Strahlen; der Schnee auf dem Dache der armen Wohnung glänzte in der Farbenpracht des Diamanten; und auch die Felder schienen in Rosa und Purpur gekleidet.
Das Mädchen war verstummt, sei es, daß ihr Lied zu Ende war, oder daß sie sich über die Kufe mit den Wurzeln zu tief beugen mußte.
Der Junge aber warf seine Mütze in die Luft, fing sie wieder auf und sang dazu nach einer heitern Melodie:
»Zum Henker fahre Sorg’ und Kummer,
Die schönste Schürze muß heraus!
Bald wecket mich aus sanftem Schlummer
Trompet’ und Flöte zu Saus und Braus!
Ach und Weh sei heut’ begraben,
Weil mir morgen Kirmeß haben.«
»Bart, Bart,« scherzte das Mädchen. »Ihr habt wieder Euere Narrenkappe aufgesetzt; Euere drolligen Verse bringen Einen zum Lachen!«
»Ja, liebe Wantje, [Johanna.] war die Antwort, »es wandelt mich die Luft an, ganz eigene Sprünge zu versuchen; ich fühle mich so aufgeräumt, als ob ich mehr Geld hätte als Cäcilias Onkel.«
»Und warum denn? Was gibt es Neues? Ihr wollt wohl Montag auf den Jahrmarkt gehen?«
»Ja, ich will dahin; es wird Zeit, Wantje, daß wir uns um ein Ferkel umsehen – doch hat meine Heiterkeit einen andern Grund – lange habe ich es geheim gehalten; jetzt aber dürft Ihr auch darum wissen.«
Damit ging er zu einer Schwester, nahm sie beim Arme und zog sie in eine Ecke des Hauses; seine Bewegungen waren so geheimnißvoll, daß Wantje ihn ganz verwundert mit großen Augen ansah.
»Nun, was soll das? Was geht denn vor?«
»Stille,« sagte Bart halblaut. Dann flüsterte er ihr ins Ohr: »In welchem Monat des Jahres sind wir, Wantje?«
»Laßt uns sehen! Die vorige Woche waren wir noch im ersten Monate; ich denke, daß wir jetzt im kurzen Monat sein müssen.«
»Ja, morgen ist der vierte Tag des kleinen Monats. Wißt Ihr, Wantje, welche Heilige an diesem Tage im Kalender steht?«
»Wie soll ich das wissen?«
»Es ist die heilige Johanna!« rief Bart ganz froh.
»Die heilige Johanna, die Schutzheilige der Mutter!« wiederholte das Mädchen, und blickte dazu neugierig auf ihren Bruder.
»Bin ich noch immer ein Narr, Wantje?« frug Bart lachend. »Ohne meine Mahnung hättet Ihr den Tag vielleicht vergessen.«
»Doch deswegen dürft Ihr nicht so ausgelassen sein, wenngleich die Nachricht erfreulich ist. Wir wollen Kuchen backen, Kastanien braten und Gerstenbier trinken, dazu Geschichten erzählen, und uns Räthel aufgeben. Ihr müßt an etwas Neues denken, Bart!«
»Und doch bin ich nicht darum allein so gut aufgelegt. Könnt Ihr schweigen? Werdet Ihr der Mutter nichts sagen?«
»Nein, kein Wort!«
»So hört denn. Meine Reife haben mir ein hübsches Sümmchen eingebracht, das wißt Ihr wohl. Dieses Jahr werden wir, zum ersten Male, etwas übrig behalten, nachdem Pachtzins und Abgaben bezahlt sind. Hier liegt noch ein Karren Reife bereit. Die Mutter weiß nicht, daß ich für jeden Bündel einige Cents mehr bekomme als vorhin. Morgen fahre ich in die Stadt, liefere meine Reife ab, bekomme das Geld – da kann ich etwas bei Seite legen, ohne daß die Mutter das Geringste merkt.«
»Pfui, Bart,« fiel ihm das Mädchen unwillig ins Wort, »das will ich sogleich der Mutter berichten!«
»Werdet nicht so geschwind böse, Wantje. Laßt mich aussprechen, und, so Ihr selbst nicht vor Freude tanzt, könnt Ihr mich einen Lügner schelten. Habt Ihr nicht bemerkt, Wanna, daß Mutters Halstuch so häßlich geworden ist und sie damit ganz ärmlich aussieht? Ich schäme mich fast, wenn sie so zur Kirche geht.«
»Da habt Ihr Recht, Bart; daran habe ich auch gedacht!«
Der Jüngling antwortete mit frohem Muthe:
»Ich will Euch noch mehr sagen, Wanna! Ich kaufe der Mutter ein großes, neues Tuch; Frau Meulemans auf dem Schloßhof soll kein schöneres haben. Darin sollen rothe, gelbe und blaue Blumen prangen, daß man sie von hier bis an die Kirche sieht!«
Wantje faßte ihren Bruder bei der Hand und sprach gerührt:
»Das ist brav von Euch, Bart. Was wird die Mutter froh sein!«
»Und das ist noch lange nicht Alles, liebe Schwester,« fuhr Bart fort. »Wir werden auch wirkliche Blumen haben; dazu weiß ich drei Liedchen, vier Geschichten und sieben Räthel, alles funkelnagelneu. Ich habe sie zu Fleiß gelernt, und für den Tag der Bescheerung bewahrt. Wir werden recht von Herzen lachen und singen und fröhlich sein. Die Thränen kommen mir jetzt schon in die Augen, wenn ich mir vorstelle, daß Cäcilia, so mitten im Winter, mit ihrem Strauße schöner Blumen kommt, und ihr das schöne Tuch um die Schultern legt.«
»Aber, Bart, ich sehe mich überall um – wo könnt Ihr jetzt Blumen finden? Ich glaube, daß Ihr von Sinnen seid.«
Der Jüngling gab seinem Gesicht den Ausdruck eines freundlichen Scherzes und sprach lachend, indem er seiner Schwester in die Augen sah:
»Wantje, Ihr kennt doch einen Jungen, der Franz heißt? Ein Blonder, mit großen Augen, der beim Schloßgärtner im Dienste ist?«
Das Mädchen wurde bis hinter die Ohren roth und blickte verschämt zu Boden.
»Nun, nun,« sprach Bart beschwichtigend, »Ihr müßt nicht erröthen, Wantje; es ist ein guter Junge, der sein Handwerk wohl versteht und gern heiter ist, wo er es sein darf. Glaubt Ihr nicht, Wantje, daß er mir die Blumen geben wird, weil ich Euer Bruder bin?«
Ehe das eingeschüchterte Mädchen antworten konnte, klang eine Stimme aus dem Hause; es war die Mutter, die rief:
»Bart, Wanna, kommt zum Essen!«
Das Mädchen benützte die Gelegenheit, um ihrem Bruder zu entschlüpfen, und richtete sich nach der Thür; Bart, der ihr auf dem Fuße folgte, wiederholte halblaut:
»Wantje, Cäcilia darf darum wissen, aber nicht die Mutter; kein Wort der Mutter!«
Im Hause war die Mutter daran, die Suppe in eine große Schüssel zu schöpfen.
Am Feuer saß ein junges Mädchen; in dem Schnitt ihrer Kleider, die fast so einfach waren, wie die der Wanna, in der Art, sie zu tragen, war die städtische Mode nicht ganz zu verkennen. Auch der minder gefärbte Teint, die feineren Züge, der zartere Gliederbau trugen nicht wenig dazu bei, daß man sie, auf den ersten Blick, von einer Bäuerin unterschied. Sanft war der Blick ihrer Augen, der Ausdruck des Gesichtes still und wehmüthig; über ihrem ganzen Wesen schwebte etwas Träumerisches, das bezaubern konnte – und dabei verrieth ihr ernstes Sinnen die Kraft und Tiefe ihres Gemüthes.
Sie war beschäftigt, an einem Frauenkleide zu nähen.
Die Mutter wandte sich zu ihr und sprach freundlich:
»Kommt, Cäcilia, das Essen ist bereit.«
Eben trat Bart herein, der noch immer sang:
»Ach und Weh sei heut begraben,
Weil wir morgen Kirmeß haben.«
Doch kaum war ein Blick auf das ernste und doch freundliche Gesicht Cäcilia"s gefallen, so verstummte sein Gesang, seine Schritte wurden gemessener, die Gegenwart des Mädchens schien in ihm ein ehrfürchtiges Gefühl geweckt zu haben.
Sie setzten sich Alle um den Tisch und begannen mit einem stillen Gebete, worauf sie die Löffel ergriffen und die schmackhafte Suppe mit wahrem Appetit verkosteten. Dann trug die Mutter eine große Schüssel Kartoffeln und etwas geschmorten Speck auf.
Die ganze Versammlung sah recht glücklich aus; Gesundheit und dankbare Zufriedenheit strahlte aus jedem Gesichte. Bart trieb allerlei Schwänke, stellte sich, als ob er sich die Zunge verbrannt hätte, und machte flüchtige und versteckte Anspielungen auf das morgige Fest, so daß er die Tischgenossen sämmtlich zum Lachen brachte.
Ein Millionär, dem es möglich gewesen wäre, diesem Mittagsmahle beizuwohnen, hätte die armen Leute vielleicht um ihr Loos beneidet.
Sie waren eben an dem zweiten und letzten Gerichte, als ein leises, schüchternes Klopfen an der Thür sie unterbrach.
»Das ist gewiß, die arme Wittwe des Maurers, der seit einigen Monaten todt ist,« meinte die Mutter; »ich habe sie Sonntag in der Kirche gesehen, und ihr gesagt, sie dürfe sich jeden Dienstag um ein Almosen melden. Wanna, schneidet ihr ein Stück Brod ab.«

»Tretet nur ein!« rief sie gegen die Thür gewandt.
Da zeigte sich eine Frau, die noch ziemlich jung war, aber deren bleiche, abgezehrte Wangen das bittere Elend lesen ließen. Ihre Kleider waren so erbärmlich dünn, daß es Einem bei ihrem Anblick eiskalt durch die Glieder fuhr. Ihre Züge hatten jedoch den Stempel eines kräftigen Verstandes, eines edeln Gemüths bewahrt: offenbar war die Frau nicht zum Betteln geboren.
Neben ihr lief ein kleines Kind, dessen Zähne vor Frost klapperten.
Mit gesenkten Augen fuhr die Frau fort das Vaterunser zu beten, das sie bereits an der Schwelle angefangen hatte.
Wanna reichte ihr die Schnitte und sprach dazu: »Arme Kaet, [Katharine.] wer hätte das gedacht, daß Ihr zum Betteln kommen. Eine so kluge und thätige Frau, wie Ihr seid. Ihr thut mir herzlich leid!«
»Der Winter ist so lang« seufzte die Wittwe, »und ich habe keine Arbeit. Der Hunger jagt mich jetzt zur Thür hinaus; im Sommer, wenn ich Beschäftigung finde, wird es wieder besser gehen!«
Unterdessen richtete das Kind unverwandt seine Blicke auf den Tisch, und seine Lippen wurden von Eßluft feucht.
Cäcilia blickte mitleidig auf das Mädchen. Mit einem Male warf sie einen bedeutungsvollen Blick auf Bart, in Folge eines Gedankens, der ihr durch die Seele fuhr. Bart verstand den Wink, oder folgte der Eingebung seines Gemüths – er ging auf die Wittwe zu, nahm sie bei der Hand und führte sie zu dem Stuhle, den er eben verlassen hatte.
»Setzt Euch, liebe Kaet,« sprach er, »und eßt mit uns. Was für Fünf genug ist, wird auch für Sieben reichen . . . Und wenn die Rechnung nicht richtig ist, so wird sie Gott schon ausgleichen.«
Cäcilia hatte die Kleine auf einen Stuhl gehoben.
Nun rückten sie andere Stühle herbei und genossen fröhlich die gute Kost. Die Wittwe konnte ihren Dank nicht anbringen; aber, sobald ihr erster Hunger gestillt war, blickte sie mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit auf ihr armes Kind, das glücklich und ohne Sorgen sich an dem leckeren Mahle labte; dabei schossen ihr stille Thränen in die Augen.
Alle blickten sie mit Verwunderung an und schienen die Erklärung dieser plötzlichen Traurigkeit zu wünschen. Cäcilia allein verstand die Bewegung und frug die arme Wittwe:
»Ihr habt noch mehr Kinder, liebe Frau?«
»Ja, Fräulein, noch zwei. Dieses Mädchen ist das älteste. Die andern armen Geschöpfe sitzen zu Hause, ohne Feuer. Seit acht Tagen haben sie nichts gegessen, als etliche Bissen Roggenbrod.«
»Und warum sind Euere Augen voll Thränen?« meinte Wanna.
Die Frau senkte den Kopf und sprach, ohne aufzublicken:
»Ihr könnt das Gefühl einer Mutter noch nicht recht ergründen. Wenn ich meine Mieke [Maria.] so essen sehe, muß ich an die armen Schäfchen denken, die daheim Hunger leiden.«
Bart richtete sich auf, wischte sich den Mund und sagte:
»Das begreife ich doch.«
Dann wandte er sich zur Mutter:
»Ich will jeden Tag zwei Stunden länger arbeiten und des Sonntags nicht mehr in die Herberge gehen; doch dann müßt Ihr auch erlauben, daß die arme Wittwe täglich mit einem ihrer Kinder hier ißt, so lange ich durch die neue Arbeit und meine Ersparnisse die Ausgaben decke.«
Die Mutter blickte eine Weile auf ihren Sohn mit strahlenden Augen und sagte dann mit gerührter Stimme:
»Bart, ich hatte Euch stets recht gerne; jetzt aber seid Ihr mir doppelt lieb.«
Die Bettlerin war gleichfalls tief ergriffen; sie nahm den Jüngling bei der Hand und redete ihn feierlich an:
»Gott im Himmel ist gerecht. Ihr gebt Eurem Nächsten nicht bloß das Ergebniß Eueres Schweißes, sondern schenkt ihm auch Euer freundliches Herz. Ihr thut für die verlassene Wittwe, was Ihr für eine Schwester hättet thun können. Gott ist gerecht; Ihr werdet zum Lohne noch hienieden glücklich sein!«
Dabei warf sie einen Seitenblick auf Cäcilia, als wollte sie dem jungen Manne die Quelle seines künftigen Glückes andeuten.
Cäcilia"s Augen fielen auf Bart mit dem Ausdruck des innigsten Dankes. Durch diesen Blick und die Worte der Wittwe begeistert, erhob dieser stolz seinen Kopf; doch bald bekämpfte er die Rührung, die ihm fast lästig wurde, und rief lächelnd:
»Ihr wollt mich gewiß noch närrisch machen? Was frage ich nach Belohnung und Glück? Ich will jetzt schon mit keinem Könige tauschen. Kommt an’s Feuer, liebe Frau, und wärmt Euch gehörig. Und Ihr, Wanna, bringt etwas Reisig herbei, und blast, daß Alles kracht!«
Cäcilia saß bereits seit einigen Augenblicken am Heerd, mit dem armen Kinde auf dem Schooß.
Was sie da dem Lämmchen zuflüsterte hörte die Mutter nicht; doch mußten es engelsüße Worte sein, denn das Mädchen schlug die Aermchen um den Hals ihrer Beschützerin und küßte sie.
Die arme Wittwe blickte mit einem himmlischen Lächeln auf diese Szene.
Bald setzte Cäcilia das Kind auf die Erde, ging dann auf die arme Wittwe und sagte ihr etwas leise in’s Ohr. Wahrscheinlich ersuchte sie die Wittwe, mit ihr den Pachthof zu verlassen.
Wanna, die es gleich den Andern bemerkte, stellte sich neben ihren Bruder, um ihn zu fragen:
»Was hat denn Cäcilia mit des Maurers Wittwe vor? Sie wird sie doch nicht zu ihrem Onkel führen wollen?«
»Merkt Ihr es nicht? Sie will ihr Geld anbieten!«
»Ach ja, die sieben Stüber, die sie eben von der Wirthin aus dem Herzen für das Nähen der Kinderwäsche bekommen hat. Cäcilia verschenkt auch alles, was sie sich verdient. Wenn das ihr Onkel wüßte!«
»Warum Ihr Euch nur kümmert, Wanna? Das geht uns ja nichts an!«
»Es war auch nur nebenbei bemerkt, Bart!«
Die arme Wittwe bezeigte eben der alten Anna ihren herzlichen Dank.
Cäcilia warf einen freundlichen Blick auf Bart und nahm von Allen Abschied bis zum Nachmittag. Dann nahm sie das kleine Mädchen bei der Hand und verließ, von der Wittwe begleitet, den Pachthof.
Cäcilia schwieg, bis sie sich auf einige Bogenschüsse entfernt hatten. Am Ende des Fußpfades führte sie die arme Frau hinter ein Gebüsch, sah sich nach allen Seiten um, ob sie auch recht allein wären, und sprach dann mit gedämpfter Stimme:
»Euer Name ist Kaet Melsens, wenn ich nicht irre?«
»Ja, Fräulein,« war die Antwort, »mein seliger Mann hat, in seinen jungen Jahren, bei meinem Vater gewohnt.«
»Das weiß ich, Kaet.
Und hat er Euch nie von einem Ereignisse erzählt, das sich damals bei uns zugetragen?«
»Von einer Feuersbrunst? Jawohl; davon waren ihm die Finger seiner linken Hand steif geworden.«
Cäcilia blickte unverwandt auf den Grund; sie schien ganz in Kummer versunken. Das kleine Mädchen sah mitleidig auf sie und zog an ihrer Hand, um sie aus den düstern Gedanken zu wecken. Die Wittwe stand in stummer Verwunderung da.
Da erfaßte Cäcilia ihre Hand und sprach:
»Wißt Ihr wohl, Kaet, daß Euer seliger Mann mich mit Gefahr seines Lebens aus dem Feuer gerettet hat? Ja, ohne seine Dazwischenkunft wäre ich wohl zu Asche verbrannt!«
»Aber, liebes Fräulein, das hätte der erste Beste gethan! Darum müßt Ihr Euch nicht betrüben.«
»Auch bin ich nicht deshalb traurig. Aber ich möchte Euere Kinder gern vor aller Noth bewahren, und kann es leider nicht!«
»Ein gutes Herz, Fräulein, ist das reichste Almosen!«
»Hört mich an, liebe Frau, doch sprecht nicht weiter davon. Seht, hier habt Ihr sieben Stüber, und morgen, wenn Ihr mit Euerem Kinde auf das Kapellenhoefken kommt, hoffe ich Euch noch Etwas geben zu können; für Euere Kinder werde ich aus den Kleidern meiner seligen Mutter recht schöne und warme Kleider machen, und vielleicht auch etwas finden, das Euch paßt. Möge Gott mir in meinen Bestrebungen behilflich sein, um Euerm bittern Elend ein Ende zu machen.«
Diese milden Worte rührten die Witwe so sehr, daß sie zu weinen anfing, und erst, nachdem sie die Hand des Fräuleins mit ihren heißen Thränen benetzt hatte, zu Worte kam:
»O, liebes Fräulein, ich habe mich schon so unglücklich, so überaus unglücklich gefühlt, daß ich darob fast die Besinnung verloren hätte und vielleicht gestorben wäre, wenn die Fürsorge für meine armen Kinder mich nicht an das Leben gefesselt hätte. Jetzt aber macht Euere Herzensgüte, Euere Freundlichkeit mehr noch, als Euere Hilfe, daß ich mein Elend mit einem Mal vergesse. Wie will ich zum Himmel für Euch beten, und in meiner Hütte, sammt meinen Kindern auf die Knie fallend, Eueren Namen segnen!«
»O, wäre ich nur reich!« seufzte Cäcilia zerstreut.
»Reich?« wiederholte die Wittwe.
»Ihr sollt steinreich werden!«
»Darin täuscht Ihr Euch, Kaet. Freilich meint man das, doch fälschlich!«
»Beerbt Ihr denn nicht Eueren Onkel?«
»Mein Onkel ist selbst arm. Das alte Haus, worin wir wohnen, macht, nebst einigen kleinen Renten, sein ganzes Vermögen aus.«
»Nein, nein, Fräulein, er hat Geld, viel Geld liegen. Mein Mann, der Maurer war, hat vor Zeiten auf dem Klosterhof für Eueren Onkel heimlich gearbeitet. Niemand kennt die Lage der Dinge dort so gut wie ich.«
Cäcilia war ganz erstaunt.
»Ich sage das nicht aus Stolz,« fuhr die Wittwe fort; »aber es wäre mir erlaubt, Euch meine Nichte zu nennen, denn die Frau Eueres Onkels war die Schwester meiner Schwiegermutter. So geht es in den Familien; die eine Schwester kommt voran, die andere hat Unglück; man trennt sich, um sich sein Brod sauer zu verdienen, und zuletzt kennt man sich kaum mehr!«
»So wäre denn die liebe Mieke eine Nichte von mir?« frug Cäcilia mit wahrer Freude und liebkoste die Kleine.
»Die Verwandtschaft ist allerdings etwas weit,« antwortete die Wittwe. »Wenn Alles mit rechten Dingen zuginge, so würde auch mir ein Theil der Erbschaft zufallen; aber Thys, der scheinheilige Betrüger, wird schon dafür sorgen, daß von unserer Seite Niemand etwas kriege.«
»Doch ist der Onkel gerecht,« entgegnete Cäcilia.
»So sonderbar seine Lebensweise auch ist, so blieb doch ein Herz gut.«
»Das weiß ich, Fräulein, aber kennt Ihr Thys?«
Das Mädchen sah sie erstaunt an.
»Ich kenne ihn; er hat sich lange in meinem Geburtsorte aufgehalten. Thys ist ein Mann, der ehedem das ganze Vermögen seiner Eltern verschleudert und seinen Vater zu Tode geplagt hat. Da er etwas Erziehung hatte, so wurde er in der Noth zu einer Art von Seelenverkäufer und Sachwalter; man ließ ihn einmal auf den Klosterhof rufen, um eine krumme Sache gerade zu machen. Bald merkte er, daß sich dort ein guter Boden für seine Betrügereien zeigte. So stellte sich denn der lebenslustige Verschwender, als ob er ein sorgsamer und mäßiger Mann wäre. Wißt Ihr auch warum, bestes Fräulein? Um sich das Erbtheil meiner Kinder und der andern Verwandten von unserer Seite anzueignen. Und vielleicht – doch nein – dazu liebt Euch Euer Onkel noch zu sehr.«
Cäcilia senkte den Kopf und überdachte die seltsame Enthüllung der armen Frau.
»Fürchtet jedoch nichts, Fräulein; es hat Einer oft mehr Muth und Verstand für Andere, als für sich selbst. Thys weiß ganz wohl, daß die arme Kaet ihm vielleicht noch etwas in den Weg legen wird. Obendrein habt Ihr mit Niemandem zu theilen und seid direkte Erbin des Alten, da Euer Vater sein leiblicher Bruder war. Wir wollen die Sache ein andermal näher besprechen; ich wollte Euch nur gegen den Gleißner verwarnen. Ihr steht schon zu lange in der Kälte, um Euch der armen Wittwe gefällig zu erweisen. Ich will meine kleinen Kinder mit der guten Nachricht erfreuen und für Euch beten.«
Cäcilia richtete sich auf und ergriff die Hand der armen Wittwe:
»Wollt Ihr mir Etwas zu Gefallen thun? Doch gebt recht Acht!«
»Von Herzen gerne, liebes Fräulein.«
»Statt für mich zu beten, betet lieber für meinen Onkel! Ihr vergeßt es aber ja nicht?«
»Ihr habt mein Wort darauf.«
»Nun, lebt wohl bis morgen.«
Mit den innigsten Danksagungen lenkte die Witwe wieder auf den Fußpfad ein. Von Zeit zu Zeit sah sie sich nach Cäcilia um, die sich auf ihre Wohnung richtete. Gerührt sprach die arme Mutter zu ihrem Kinde:
»Mieke, diese Nacht habt Ihr von einem Engel geträumt. Das ist der Engel. Und der häßliche Thys auf dem Klosterhofe ist der leibhaftige Teufel. Nun wollen wir aber etwas rasch gehen!«
III
Cäcilia öffnete die Thür des Hauses und trat hinein. Das untere Zimmer war leer. Die kalte Einsamkeit des Gemaches machte auf das Gemüth des Mädchens noch immer einen tiefen Eindruck, so sehr sie dieselbe auch gewohnt sein mußte. Mit langsamen Blicken maß sie die düsteren Wände und die grauen Spinneweben, die auf ihnen hingen. Unmuth und Mitleiden zeigten sich auf ihrem Gesichte, und eine Weile blieb sie voll Gedanken mitten im Zimmer stehen. Gewiß machte sie im Geiste den Vergleich zwischen dem himmlischen Tone von Lebensmuth und liebevoller Genügsamkeit, der in der Hütte der armen Wittwe herrschte, und der dumpfen Todesstille des Gemachs, in der sie sich jetzt befand. Bald darauf setzte sie sich an den Heerd, in die Ecke des Kamins, und sah mit unstetem Blicke in die Asche. Einige Worte, die ihr halb im Traume entschlüpften, bewiesen, daß sie die Mittheilung der Wittwe noch immer im Sinne hatte.
Als sie einige Minuten da gesessen, ließ sich hinter ihr durch eine halb offenstehende Thür eines Nebenzimmers ein männlicher Tritt hören. Sobald die eintretende Person das Mädchen bemerkte, zeigte sich ein eigenthümlicher Ausdruck auf ihrem Gesichte; die grauen Augen glänzten vor Freude unter den dichten Brauen und verriethen eine gewisse Tücke, während der große Mund, zu einem dummen Spottgelächter verzogen, den Triumph der Lüsternheit andeutete.
Er zog sich schnell zurück und kam kurz darauf mit drei Torfstücken und einem Bündel Reisholz unter dem Arme wieder. Jetzt war sein Gesicht so freundlich und gutherzig, als seine abstoßenden Züge es zuließen.
»Guten Tag, Cäcilia,« sprach er mit Theilnahme. »Es ist draußen recht kalt, nicht wahr? Thut Euere Füße aus der Asche, ich will für uns ein gutes Feuer anmachen.«
Das Mädchen sah ihn erstaunt an. Dieser Ton war ihr unbekannt, dieser freundliche Ausdruck bei Thys ungewohnt. Doch, da ihr die Erzählung der Wittwe noch im Gedächtniß schwebte, war sie zweifelhaft, wie diese schnelle Umänderung auszulegen wäre.
Thys warf den Torf schnell in den Heerd und legte absichtlich das Feuer so an, daß es sich fast ganz nach Cäcilia’s Seite richtete.
»Was habt Ihr vor, Thys?« frug diese. »Warum legt Ihr das Holz vor den Kamin?«
»Es geschieht, auf daß Ihr Euch um so besser wärmt, Cäcilia,« antwortete der Andere und richtete den Blasbalg unter das Holz, so daß die Flamme hell aufloderte.
»Ja,« sprach er weiter, »so ist es Recht. Nicht für mich; doch was Euch erfreut, macht auch mir Vergnügen, selbst wenn ich sonst Nichts dabei gewinne.«
»Nun, nun, Thys, ich begreife Euch nicht recht, Ihr wollt wohl scherzen. Oder seid Ihr etwa ein anderer Mensch geworden!«
»Cäcilia,« seufzte Thys und blickte ihr schmeichelnd in die Augen, »Ihr haßt mich, aber Ihr kennt mich nicht recht.«
»Hassen? Pfui, welch abscheuliches Wort! Ihr macht mir Angst, Thys, das ist wahr; warum seid Ihr aber auch beständig so verstimmt und fahrt mich oft so barsch an? Man muß mit mir zuvorkommend und freundlich umgehen; sonst verletzt man unwillkührlich mein Gemüth.«
»Ihr werdet mir kaum Glauben schenken, Cäcilia; doch das ist eben mein Charakter und war es immer so.«
»Wirklich?« unterbrach das ungläubige Mädchen.
»Ach, Cäcilia,« seufzte er, »es thut mir leid, daß Ihr mich fast zwingt, Euch alle Falten meines Herzens zu enthüllen. Ich liebe den Onkel über die Maßen; mein einziger Lebenszweck besteht darin, die letzten Jahre meines Wohlthäters zu versüßen und nach meinen Kräften jeden Kummer von ihm abzuwenden. Ihr, ein schlichtes Mädchen, begreift nicht recht, daß man sich kleine Fehler erlaubt, um ein gutes Ziel zu erreichen. Doch ist das der Grundsatz, der mich in meiner Handlungsweise lenkt. Onkel Jan ist geizig; sein Geld ist ihm lieber, als seine Seele. Ich will ihn nicht beschuldigen; diese Schwachheit kommt von einem vorgerückten Alter. Ihn in dieser Leidenschaft bekämpfen zu wollen, das hieße sein Leben vergällen, eine Tage verkürzen. Was habe ich also aus Liebe zu ihm gethan? Mit ihm den Geizhals gespielt, mich mit knapper, schlechter Kost begnügt, Frost ausgestanden und mich in diesem Loche vergraben. Ja, ja, Cäcilia, das Herz blutete mir beim Anblick eines Armen, und doch jagte ich ihn zur Thüre hinaus; ich sehnte mich nach dem Umgang mit Freunden, und doch ließ ich meine schönsten Jahre in dieser Abgeschiedenheit verrinnen; ich liebte Euch um Euerer Tugend und Einfalt willen, meine Seele dürstete nach Euerer Zuneigung, und doch begegnete ich Euch mit Rauhheit und Ungestüm. Wozu dieß Alles? Ihr müßt es jetzt wissen, Cäcilia; es geschah, um dem Onkel zu gefallen und ihm in seinem peinlichen Alter als Tröster beizustehen!«
Der eindringliche Ton dieser Rede gewann das Mädchen; sie blickte auf Thys mit neuer Verwunderung.
»Oh! ich habe viel gelitten!« fuhr dieser schmerzlich fort. »Sich fortwährend verstellen, nie im wahren Lichte erscheinen, ist ein schweres Opfer! Obendrein wird man verhaßt, und muß es ruhig mit ansehen, daß man als ein Wesen verschrieen wird, dem Herz und Seele fehlen!«
Hier deckte er sich die Augen mit den Händen zu – doch durch die Finger guckte er nach dem Gesichte des gerührten Mädchens.
»Armer Thys,« sprach diese, »warum habt Ihr nicht früher gesprochen? Ihr hättet mich davor bewahrt, ein ungerechtes Urtheil über Euch zu fällen!«
»Und jetzt, da Ihr mich kennt,« erwiederte Thys mit flehender Stimme, »werdet Ihr in Euerem Hasse gegen mich verharren?«
»Gehaßt habe ich Euch niemals,« lautete die Antwort, »und Euere jetzige Freundlichkeit kann ich nur mit Vergnügen sehen. Wir leben hier zusammen, als ob Ihr mein Bruder wärt; nun, so will ich Euch wie einen Bruder lieben und schätzen.«
»Ihr werdet also vor mir keine Angst mehr haben?«
»Warum denn, da ich jetzt weiß, daß Euch das Herz auf dem rechten Flecke sitzt?«
Eine Pause folgte diesen Worten. Thys schien in Gedanken verloren und sah mit zerstreuten Augen um sich.
Plötzlich richtete er sich auf und sprach mit erkünstelter Gleichgültigkeit:
»Cäcilia, ich muß Euch noch eine Eröffnung machen, die Euch vielleicht befremden wird; doch macht Euch keinen Kummer; für den Augenblick ist noch nichts beschlossen.«
»Es wird wohl nicht so entsetzlich sein,« meinte Cäcilia lächelnd, »nur heraus mit der Sprache, Thys!«
»Nun, der Onkel sähe gerne, daß ich Euch heirathe!«
»Was sagt Ihr da?« sprach Cäcilia und bebte vor Schreck.
»Ich habe mit einem Nein geantwortet!«
»Gott! welch eigener Gedanke!« schluchzte Cäcilia.
»Ich habe mit einem Nein geantwortet,« wiederholte Thys und blickte aufmerksam und unverwandt auf das Mädchen.
»Und dann hat er sein Vorhaben aufgegeben, nicht wahr, Thys?« frug sie, noch immer beklommen.
»Das eben nicht; trotz allen meinen Beweggründen war er nicht zu überreden – die Idee gefällt ihm und er will sie durchsetzen!«
»Oh weh mir Armen!« sprach Cäcilia und nahm ihre Schürze vor die Augen, um ihre Thränen zu verbergen.
Thys blickte auf ein weinendes Opfer mit teuflischer Freude.
Das Mädchen erhob sich von ihrem Stuhl, und erkundigte sich mit Angst, wo ihr Onkel zu finden wäre.
»Das wißt Ihr wohl,« war die Antwort; »er ist oben. Wenn Ihr ihn jetzt ruft und in seiner Ruhe stört, so bleibt er den ganzen Tag verdrießlich.«
Verzweifelnd setzte sich Cäcilia auf den Stuhl zurück.
»Thys, lieber Thys,« bat sie, »diesen Gedanken müßt Ihr ihm ausreden!«
»Wir wollen die Sache gelassen besprechen, Cäcilia. Vielleicht finden wir ein Mittel, um Alle zufrieden zu werden.«
»Ach ja, Thys, steht mir bei; mein Leben lang will ich Euch dafür dankbar sein!«
»Vor Allem, Cäcilia, müßt Ihr, »ehe Ihr Euch betrübt oder den Onkel einer Unbesonnenheit anklagt, erfahren, welche Ursachen ihn zu seinem Entschlusse bestimmten. Vielleicht seht Ihr dann ein, daß Ihr ihm erkenntlich sein müßt. Der Alte denkt, daß er nicht mehr lange zu leben hat, und darin, glaube ich, täuscht er sich nicht. Die Befürchtung, aus der Welt zu scheiden, ehe Euch ein Loos gesichert ist, macht ihm diesen Gedanken sehr peinlich. Euere Heirath allein kann ihn über diesen Punkt beruhigen.«
»Aber ich will mich nicht verheirathen, Thys: ich bin dazu noch viel zu jung,« unterbrach ihn das geängstigte Mädchen.
»Das war auch meine Ansicht: darum habe ich zuerst mit einem Nein geantwortet.«
»Und von diesem Vorsatz seid Ihr doch nicht abgekommen?«
»Das weiß ich selbst nicht recht; seit der Unterredung mit dem Alten hat sich das Pflichtgefühl in mir erweckt, und es ist mir noch nicht ganz klar, was Edelmuth und gesunde Vernunft von mir erheischen. Für’s erste müßt Ihr in Betrachtung ziehen, Cäcilia, daß Euer Onkel schon seit mehreren Monaten mit dem Plane umgeht, und er in seinem Geiste feste Wurzeln geschlagen hat. Ihr kennt seinen Eigensinn; wenn er seine Idee nicht ausführt, so wird er darüber krank und stirbt wohl gar. Wollt Ihr Euch einen Tod vorzuwerfen haben, Cäcilia?«
»Oh Gott! oh Gott!« rief die Arme und schlug die Augen zum Himmel.
»Wollt Ihr Euch einen Tod vorzuwerfen haben?« wiederholte ihr unermüdlicher Quäler.
»Nein, das nicht!« rief sie und weinte aufs Neue.
»Nun, dann heirathet mich, und Ihr sichert ihm das Leben!«
»Doch, Thys, Ihr habt bis jetzt geweigert, Euch in seinen Willen zu fügen?«
»Allerdings weigerte ich mich anfänglich, aber als mich der Alte, auf den Knieen und fast außer sich, um meine Zustimmung wie um eine letzte Wohlthat ersuchte, als er mir erklärte, meine Widerspenstigkeit wäre ein Nagel an seinem Sarge, da fühlte ich mich weicher gestimmt und konnte nicht umhin, meiner Liebe zu ihm ein mitleidiges Ohr zu schenken.«
»Ihr habt doch nicht eingewilligt?«
»Ich wollte an seinem Tode nicht Schuld sein! Und Ihr, Cäcilia?«
»Ich auch nicht. Aber ich werde meinen Onkel von dem unglücklichen Beschlusse wieder abbringen. Er wird meinen Bitten und Thränen nicht widerstehen können.«
»Da nährt Ihr eine falsche Hoffnung. Habt Ihr je gesehen, daß er einen reif überlegten Plan aufgibt? Und wenn er es von Euch fordert? Wenn er Euch anzeigt, daß er daran sterben könnte? Wie dann?«
»Dann muß ich freilich gehorchen,« und fast erstickten die Thränen ihre Stimme. Sie nahm wieder zu der Schürze ihre Zuflucht.
Thys war höchlich erfreut. Er hatte einen längeren und kräftigern Widerstand erwartet – jetzt schien ihm die größte Schwierigkeit aus dem Wege geräumt und das Unmögliche möglich geworden. Die Thränen des Mädchens störten ihn ganz und gar nicht in einem Triumph, obgleich sie als stumme Zeugen gegen ihn aufgetreten waren ja, sein Wonnegefühl war so groß, daß er die geheuchelte Redlichkeit über Bord warf. Vielleicht glaubte er der Maske nicht mehr zu bedürfen; oder er wollte, um sich des Sieges ganz zu versichern, Mittel anwenden, die, nach seiner Ansicht, die ungezwungene Einwilligung des Mädchens herbeiführen mußten.
Obgleich Cäcilia nicht zu ihm aufblickte, redete er mit Entschiedenheit weiter:
»Euer Kummer ist ganz ungegründet.
Wir werden die glücklichsten Leute der Welt sein. Ihr habt dann schöne Kleider, wohnt in einem netten Schlosse, fahrt in Euerer Kutsche aus, sitzt des Sonntags auf dem Ehrenplatz im Chor der Kirche und heißt überall gnädige Frau. Unser Tisch wird mit leckeren Speisen versehen sein; wir lassen uns bedienen und sorgen für Nichts als gutes Essen und Trinken. Ihr wollt mir nicht glauben? . . . Onkel Jan ist reich, steinreich. Er hat, Gott weiß wie, Tausende von Gulden zusammengescharrt. Darum verriegelt er alle Thüren, wenn er sich bei Tage in das obere Stockwerk begibt: dort wühlt er in seinen Schätzen.«
Das Mädchen zitterte an allen Gliedern.
»Ich merke an Euerer Bewegung, was Ihr mir sagen wollt, Cäcilia; Ihr werft mir vor, daß ich ihn in seinem Geize bestärkte? Seht Ihr denn nicht, daß ich für Euch und mich sparte? Desto mehr wird uns übrig bleiben. Ihr könnt mir entgegnen, daß ich nicht sein Erbe bin, und daher nach seinem Tode Nichts zu erwarten habe – aber gegen den Anschein verhält sich die Sache anders. Onkel Jan vermacht mir die eine Hälfte seines Vermögens; der Rest wird Euch, nach Rechts wegen, zufallen. Seht nur, Cäcilia, dann haben wir zwei alle Schätze des Alten in Händen; das wird wohl hinreichen, um alle unsere Wünsche zu erfüllen und uns zu angesehenen Leuten zu machen.«
Das fortgesetzte Schweigen des Mädchens hielt Thys gewiß für eine Zustimmung; der Ton seiner Stimme verrieth den Hohn des Siegers:
»Und darauf brauchen wir nicht lange zu warten, Cäcilia: Ihr hört, wie der Alte mit jedem Tage mehr keucht und hustet: eine Brust ist ruiniert. Wir wollen ihn dazu bringen, ein Testament zu unterzeichnen, das uns beide zu seinen Universalerben einsetzt. Dann geht Alles wie auf Rädern. Sobald er einmal todt ist – davor können wir ihn nicht bewahren, mag Gott seine Seele haben; uns bleibt sein Geld, und wir wollen dem Dorfe zeigen, ob wir zu leben wissen oder nicht!«
Dieser Spott machte das Mädchen noch heftiger zittern.
Thys schwieg eine Weile und schien eine Antwort abzuwarten.
Doch da sie auf ihrem Stuhle gebeugt und stumm blieb, frug er:
»Weint Ihr denn noch immer, Cäcilia?«
Diese stand langsam auf, trat auf einige Schritte zurück, hob den Kopf mit Entschlossenheit in die Höhe und warf auf Thys einen durchdringenden Blick voll Verachtung, so daß er verwundert aufsprang. Doch wußte er noch nicht recht, was er zu hoffen oder zu fürchten hatte – denn in Cäcilia’s Gesicht war vielmehr eine gewisse Freude, als Trauer zu lesen.
»Nun, was meint Ihr zu All dem?« erkundigte er sich verlegen.
»Falsche Schlange!« rief sie in gerechtem Zorne.
»Was soll das bedeuten, liebe Cäcilia?«
»Also ich soll Euere Frau werden, Euch darin beistehen, meinen Onkel noch im Grabe zu verhöhnen und Wittwen und Waisen um ihr Erbtheil zu betrügen! Und wäre es auch in Euerer Macht, mich lebendig begraben zu lassen, so würde ich noch am Rande der Grube Euere Hand mit einem entschiedenen Nein zurückstoßen!«
Der Stolz, mit dem Cäcilia diese Worte äußerte, verlieh ihr eine solche moralische Kraft, daß Thys wie ein armer Sünder die Augen vor ihr niederschlug.
»Ihr denkt vielleicht, daß ich mich mit Weinen und Jammern begnügen werde? Doch darin irrt Ihr. Ihr habt mir Euer abscheuliches Herz ganz entfaltet – und ich danke Gott dafür, daß Ihr es wagtet, in dieser Unterredung aufrichtig zu sein. Jetzt kenne ich Euch durch und durch, Bösewicht!«
Thys hatte sich aus seiner ersten Betäubung schon erholt; sobald er sich überzeugt fühlte, daß der Beschluß des Mädchens unwiderruflich gefaßt sei, malte sich auf einen Zügen eine teuflische Rachsucht.
»Ah! Ihr nehmt das Ding so übel! Dann muß ich andere Saiten aufziehen, um Euch umzustimmen. Ihr kennt mich, sagt Ihr? Nun, ich bin noch viel schlimmer, als Ihr Euch vorstellt. Ihr sollt noch auf den Knieen vor mir liegen und mich um Vergebung bitten.«
»Das thue ich nun und nimmer!« erklärte das Mädchen mit eisiger Kälte.
»Fürwahr? Das klingt fast lächerlich. Habe ich denn nicht Euer Vermögen in meinen Händen? Alles will ich Euch nehmen!«
»Nehmt was Ihr wollt!«
»Ich lasse Euch von hier wegjagen!«
»Laßt mich wegjagen!«
»Der Onkel soll Euch auf seinem Sterbebette verfluchen!«
Diese entsetzliche Drohung fiel wie eine Centnerlast auf das arme Mädchen, und sie senkte den Kopf.
»So sinkt Euch schon der Muth,« scherzte Thys, »und der Trotz scheint nachzugeben. Ich will Euch aber noch empfindlicher treffen. Ich kenne wohl den Grund Euerer Verachtung gegen mich. Unfern von hier wohnt ein junger Mann, dem Ihr ohne Thränen zur Trauung folgen würdet, nicht wahr? Die Witwe von Kapellenhoefken hat einen Sohn, das liederliche Tuch? Der ist wohl der Herzliebste? Nun, Ihr sollt ihn kriegen – und dank könnt ihr zusammen betteln . . . Ehe Ihr gegen mich auskommt, soll Ihr viel zu dulden haben. Ich weiß wohl, daß Ihr unter Euerer frommen Miene einen störrigen Sinn versteckt – aber ich räche mich nicht bloß an Euch, sondern an Allen, die Euch vermochten, mich so grob auszuschlagen. Bart und seine Alte will ich ganz besonders verfolgen, und verspreche ihnen meinen Haß, so lange sie nur ein Bündel Stroh besitzen! Und wer hat das Unglück dann angestiftet? Ihr, Ihr allein!«
Diese gefühllose Rede schlug das arme Mädchen ganz nieder. Mit dem Kopf am Kamin gelehnt, schien sie in Traurigkeit versunken.
Thys freute sich über den errungenen Sieg. Der unedle, grausame Ausdruck einer Augen erinnerte an die Schlange, die ihre Beute in den vergifteten Cirkel ihrer Blicke bannt und ihr die Folter des Todes tausendmal leiden läßt, ehe sie dieselbe verschlingt.
»In einer Viertelstunde kommt Onkel Jan herunter,« fügte er hinzu. »Ich frage Euch daher noch einmal und bitte Euch, Alles wohl zu überlegen, ehe Ihr mir eine letzte Antwort gebt. Wollt Ihr mit mir Krieg oder Frieden haben? Wollt Ihr reich und glücklich sein, oder Euch als Magd verdingen und vielleicht zur Bettlerin werden? Eine Viertelstunde ist rasch vorüber!«
Das Mädchen erwiederte weinend:
»Ich werde unumwunden sprechen, und meinem Onkel Alles auseinandersetzen. Er soll Euere niederträchtige Falschheit durchschauen. Sein Herz ist gut, Euere Bosheit wird ihn empören . . . «
»Nun, nun,« unterbrach die Thys mit einem Spottgelächter, »erklärt ihm meine angebliche Falschheit; wiederholt ihm, Wort für Wort, Alles, was ich Euch gesagt habe: Er wird Euch keinen Glauben schenken. Sein Herz ist gut, meint Ihr selbst? Eben deshalb wird er handeln, wie ich es ihm eingebe. Klagt mich nur an – je mehr, je besser . . . «
Thys dämpfte seine Stimme bei diesen letzten Worten, so daß Cäcilia, deren Kopf wieder auf dem Kamin ruhte, das Ende seiner Rede kaum hörte. Zu gleicher Zeit schlich er auf den Zehen bis zu einer Seitenthür, verließ das Gemach und versperrte leise die Thür hinter sich.
Gleich darauf hörte Cäcilia in einiger Entfernung den Klang seiner Stimme. »Onkel Jan, Onkel Jan!« schallte es durch das Haus.
Bebend sprang sie auf und sah sich voll Schrecken im Zimmer um:
»Hilf Himmel, er geht zu meinem Onkel und kommt mir so mit seinem Gewebe von Lug und Trug zuvor.«
Voll Angst lief sie an die Nebenthür und wollte sie öffnen; doch als sie merkte, daß Thys den Riegel vorgeschoben hatte, konnte sie sich eines Schrei’s der Verzweiflung nicht erwehren.
»Oh weh, wenn mich der Onkel nach ihm sieht, so glaubt er mir nicht, und meine letzte Hoffnung geht verloren. Was soll ich nun anfangen? Möge der liebe Gott mich beschirmen!«
Sie fiel auf einen Stuhl zurück und sah stier vor sich hin. Von Zeit zu Zeit brachten sie die Schritte ihres Onkels und seines Gefährten, die auf dem Fußboden ertönten, zum Zittern.
So saß sie bereits eine Weile, als sich die Thür öffnete und der Alte mit Thys ins Zimmer trat.
Das Gesicht des Ersteren war traurig und bekümmert: Thys hingegen hatte wieder eine einfältige Maske vorgesetzt. Langsam und anscheinend gleichgültig ging er zum Kamin und setzte sich am Heerde nieder.
Der Onkel nahm gleichfalls einen Stuhl, setzte sich neben das weinende Mädchen und sprach mißmuthig:
»Cäcilia, ich hätte nie gedacht, daß ich bei Euch soviel Undank antreffen könnte, und will es auch jetzt noch nicht glauben. Was ich vorhabe, soll zu Euerem Besten führen; meine Liebe zu Euch hat mir allein den Gedanken eingeflößt, Euch mit einem Manne zu verheirathen, dessen Sparsamkeit mich versichert, daß nach meinem Tode das Elend Euch nicht treffen wird. – Und doch sträubt Ihr Euch!«
Cäcilia schluchzte heftiger, antwortete aber nicht.
»Mein liebes Kind,« fuhr der Alte mit sanfterer Stimme fort, »das Uebel läßt sich wieder gut machen. Euerem armen siechen Onkel werdet Ihr seinen Wunsch nicht abschlagen. Was Ihr dem Thys vorerzählt, war bloß in den Wind gesprochen, nicht wahr? Man schwatzt in der ersten Hitze so Manches, von dem das Herz doch nichts weiß. Willigt ein, Cäcilia, ich bitte Euch darum; nehmt den guten Thys zum Manne an: er wird Euch glücklich machen.«
Da rief Cäcilia, mit bleichen Wangen aufspringend und fast außer sich:
»Diese giftige Natter mein Mann!«
»Was habe ich ihr nur gethan,« klagte Thys. »Ihr seht wohl, Onkel Jan, daß da Nichts auszurichten ist. Dringt nicht länger in sie; ich will nicht an ihrem Kummer Schuld sein.«
»Oh, der niederträchtige Heuchler!« sprach Cäcilia halblaut und warf einen verachtenden Blick auf ihren Verfolger.
Der Alte blickte auf Beide mit Verwunderung; die Szene war ihm befremdend. Cäcilia hatte ihre gewohnte lammherzige Geduld vergessen, Zorn und Entschlossenheit zeigten sich in ihren flammenden Blicken. Die unverkennbare Aufregung, die nur von dem Sträuben ihres jungfräulichen Gemüths gegen die feige Bosheit herrührte, machte auf den Geist des Alten einen ungünstigen Eindruck. Zwei Thränen rollten über eine hohlen Wangen.
»So umgibt mich Betrug und Verrath von allen Seiten,« wimmerte er; »selbst Cäcilia’s Herz lehnt sich gegen mich auf. Warum habt Ihr Jahre lang die Heuchlerin gespielt? O, mein Kind, Ihr wollt mein Leben verkürzen!«
Diese grausamen Worte brachten das Mädchen um allen Muth; sie warf sich ihrem Onkel zu Füßen, benetzte eine Hände mit ihren Thränen und sprach:
»O Ihr, den ich wie einen zweiten Vater liebe, glaubt ihm doch nicht; er ist ein Ausbund von Falschheit! Er liebt Euch nicht, sondern heuchelt nur Liebe, und macht sich hinter dem Rücken über Euch lustig. Euer Geld will er haben und sehnt sich nach Euerem Tode! Eben sprach er von Euch in einer Weise, die mich zum Schaudern brachte. Glaubt ihm um Gottes willen nicht; er ist Euer ärgster Feind!«
Das Staunen des Alten wuchs mit jedem Worte. Doch die Wirkung war gerade der entgegengesetzt, welche Cäcilia bezweckte. Er hieß sie aufstehen und wehrte sie mit der Hand von sich ab. Dazu schüttelte er schmerzlich den Kopf und sah fragend auf Thys.
»Ihr müßt Euch über das Mädchen nicht zu sehr ärgern,« sprach dieser. »Denkt an Euere jungen Jahre, Onkel Jan; vielleicht wart Ihr auch einmal verliebt. Jedenfalls könnt Ihr Euch vorstellen, wozu die blinde Leidenschaft ein junges Gemüth treiben kann, wenn noch dazu gierige Rathschläge das Feuer schüren. Doch laßt es dabei bewenden; die arme Cäcilia wird verführt und verdient eher unser Mitleiden, als unsere Vorwürfe.«
Diese Schmähung und die Ungerechtigkeit ihres Onkels erweckten die unglückliche Cäcilia aus ihrer Niedergeschlagenheit.
»Das geht zu weit,« rief sie mit Entrüstung; »Euer Mitleiden weise ich zurück; es kann nur verunglimpfen! Wie? habt Ihr nicht so eben Euere Freude bei dem Gedanken kund gegeben, daß der Onkel nicht mehr lange zu leben hat?«
»Ich stellte Euch nur vor,« bemerkte Thys, »daß Ihr dem Onkel die wenigen Jahre, die ihm der Himmel gönnt, durch Widerstand gegen seinen Willen nicht verbittern und verkürzen mögt.«
»Erlogen, erlogen!« rief Cäcilia. »Habt Ihr den Onkel nicht verspottet und ihn einen Geizhals geschimpft? Habt Ihr nicht gesucht, mich zu Euerer Gefährtin zu haben, um nach seinem Tode sein Hab und Gut zu verprassen? Habt Ihr nicht, um mich anzulocken, von den tausend und wieder tausend Gulden gesprochen, die hier aufgespeichert liegen?«
»Was sind das für abscheuliche Mährchen? Der Teufel spricht aus Euch, unglückliches Mädchen!« rief der Onkel und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Ich habe Nichts, ganz und gar Nichts!«
»Warum verdreht Ihr auch meine Worte dermaßen?« klagte Thys. »Die Finte wird Euch obendrein zu Nichts fruchten; denn der gute Onkel mißt Euch doch keinen Glauben bei. Ich sagte nur, daß die Wittwe im Kapellenhoefken Euch derlei Dinge weißzumachen sucht. Warum bürdet Ihr mir anderer Leute böse Gedanken auf?«
Der Alte fing an zu husten. Dieß war bei ihm ein Zeichen von Ermüdung. Man sah es ihm an, daß er schnell eine Erklärung hinzufügen wollte; Thys, der merkte, daß seine matten Augen vor Aerger blinkten, sprach beschwichtigend, indem er seine Hand gegen ihn ausstreckte:
»Onkel Jan, gebt den Plan auf; Cäcilia scheint es sich in den Kopf gesetzt zu haben, daß Euer Wunsch sich nicht erfülle. Nun, so heirathe sie den Bart; am meisten wird doch sie darunter leiden!«
»Schweigt,« entgegnete zornig der Alte, »Ihr erinnert mich an das Schlimmste. Cäcilia, da Ihr um Sinn und Verstand gekommen seid, so steht es mir zu, einen Entschluß zu fassen und meine Erfahrung an die Stelle Euerer Thorheit zu setzen. Hört mich wohl! Ich frage zum letzten Mal: Wollt Ihr den Thys zum Manne haben . . . Thränen sind keine Antwort! Sprechen sollt Ihr!«
»Ach, lieber Onkel,« schluchzte das Mädchen mit gefalteten Händen, »wißt Ihr auch, was Ihr vorhabt?«
»Wollt Ihr den Thys zum Manne? Antwortet bestimmt!«
»Nun, man kann mich mit Gewalt zur Kirche schleppen, aber dann halte ich mir Mund und Nase zu, um unterwegs zu ersticken.«
»Was soll der Unsinn? Thys ist doch ein Mensch, so gut wie ein Anderer.«
»Thys ein Mensch? Nein, er ist der leibhaftige Teufel der Lüge und Habsucht!«
»Ich vergebe Euch den Frevel,« seufzte Thys. »Möge Gott im Himmel Euch gleichfalls vergeben!«
»Also,« wiederholte Onkel Jan, »wollt Ihr ihn nicht zum Manne nehmen?«
»Nein,« war die Antwort. »Lieber will ich jede Folter ausstehen, lieber des schmählichsten Todes sterben, lieber in Schimpf und Schande vergehen . . . Nein, nein!«
Der Alte stand auf und sprach feierlich:
»Nun gut; aber dieser Euer Undank muß gezüchtigt werden. Heute Abend geht Ihr nach dem Kapellenhoefken und holt dort die Sachen, die Euch gehören. Dazu lasse ich Euch drei Minuten Zeit, und wenn Ihr nachher Einen aus der schuftigen Familie noch anredet, oder grüßt, oder auch nur anseht – so . . . «
Ein neuer Anfall von Husten unterbrach hier den Alten; das Verdammungsurtheil schien ihm selbst wehe zu thun.
Thys blickte unterdessen höhnisch auf Cäcilia, die sich wieder gesetzt hatte und bitterlich weinte. Sobald der Alte zu Athem kommen konnte, wiederholte er mit Ungeduld:
»So will ich Euch . . . Ach! ich bringe das Wort nicht über die Zunge. Wißt Ihr wohl, daß Ihr mich recht sehr kränkt, mein Kind?«
Der innige Schmerz, der in diesen letzten Worten lag, rührte das gute Mädchen; sie kniete vor den Alten nieder, nahm seine beiden Hände und rief:
»Ich liebe Euch noch immer, wie zuvor – gern gäbe ich die Jahre, die ich zu leben habe, wenn Gott sie Euch schenken wollte . . . Doch seid barmherzig! Und hat Euch in meiner Rede Etwas gekränkt, so verzeiht mir!«
Das Gesicht des Alten heiterte sich auf.
Er legte sich die Absicht seiner Nichte falsch aus; denn er sprach in mildem Tone:
»Alles läßt sich verzeihen, Cäcilia! Ich dachte es wohl, daß Euer Herz noch immer das alte geblieben. Wir wollen Alles vergessen, liebes Kind – der beste Mensch hat eine schlimmen Augenblicke. Ich habe, Gott Dank, meine gute Cäcilia wieder gefunden!«
Mit diesen Worten half er ihr auf und wollte ihr schon den Kuß der Versöhnung anbieten; aber Cäcilia blickte ihn mit einem so eigenen Ausdruck an, daß er wieder irre wurde.
»Nun, ich dachte, Ihr hättet eingewilligt!«
Da zog Cäcilia den Kopf zurück, schlug die Hände krampfhaft in die Höhe und rief:
»Der Teufel hat ihn bezaubert! Oh! ich bin recht elend!«
Thys war aufgestanden und bot dem Alten seinen Arm:
»Kommt, Onkel Jan; hier werdet Ihr krank. Jetzt ist Nichts zu machen. Ruht aus und laßt Cäcilia überlegen; vielleicht wendet sich Alles noch zum Guten.
Mit diesen Worten führte er den hustenden Alten in ein Nebenzimmer und schloß die Thüre.
Cäcilia lag auf dem Boden; ihr Kopf reichte an die Wand; sie war ganz unbeweglich; ihre Brust allein hob sich unter fortwährendem Schluchzen.
IV
Am andern Tage, gegen Abend, leuchtete die Sonne noch hell am Himmel; doch da sie fast den westlichen Saum erreicht hatte, wärmten ihre Strahlen nur wenig.
Der Schnee, seines entliehenen Feuers beraubt, war matt und leblos; die heimischen Wintervögel hatten sich vor der drohenden Kälte schon geflüchtet; die schlafende Natur war völlig still geworden.
Auch auf dem Kapellenhoefken war Nichts zu vernehmen – weder die Stimme der Menschen noch das Geräusch ihrer Arbeit. Das Gebrülle der Kuh, das von Zeit zu Zeit aus dem Stalle drang, war das einzige Zeichen des Lebens – sonst schwieg Alles.
Wanna saß neben dem Kuhkessel an einem Spinnrad. Sie schien aber zerstreut und mit ihren Gedanken beschäftigt zu sein: mehr als ein Mal war ihr der Faden abgerissen, oder sie setzte den Fuß neben den Tritt und spann fort, obgleich das Rad sich nicht mehr drehte.
Ihr Auge blickte unverwandt auf die alte Uhr, als ob sie jeden Pendelschlag zählte und den trägen Zeigern einen Vorwurf machte, weil sie nicht schneller vorschreiten wollten.
Plötzlich sprang sie mit Schrecken auf: der Kuhkessel war übergelaufen, und das Wasser zum Theil in die zischende Flamme verschüttet.
»Nun, liebe Wanna,« – sprach Mutter Anna, die bei dem Lärm aus dem Stalle lief – »Ihr merkt, daß das Wasser kocht, erst wenn es Euch beinahe über die Füße rinnt! Liebes Kind, seit der letzten Kirmeß seid Ihr so träumerisch geworden, daß ich dabei Nichts mehr verstehe!«
Das Mädchen antwortete schnell, um ihre Verlegenheit zu verbergen: »Kommt, Mutter, helft mir den Kuhkessel in den Stall tragen. Dann renne ich nach dem Dorf, um für Cäcilia etwas grünes Garn zu holen: sie hat mich darum ersucht.«
»Wenn es Cäcilia"s Wunsch ist, so geht, aber schnell; denn es wird schon spät, liebes Kind.«
Der Kessel war inzwischen in den Stall gebracht.
Wanna trat allein in das Zimmer zurück, sah die Uhr mit mehr Vergnügen an und flog dann mit einem halb erstickten Freuderuf zur Thür hinaus.
Sobald sie etwas entfernter war und sich schon zwei Mal nach der Hütte umgesehen hatte, sprach sie lächelnd zu sich selbst:
»Ach! was wird die Mutter bald die Augen weit aufreißen? dann wird sie es erklärlich finden, daß der Kuhkessel überlief!«
Und damit sprang und lief sie, so daß ihre Füße den Schnee in Wolken aufjagten.
Ehe sie das Dorf erreichte, hörte sie hinter dem Tannengebüsche das Wiehern eines Pferdes.
»Oh, da sind sie schon,« jauchzte sie. »Unser Bles freut sich, daß er bald daheim ist; wenn das arme Thier wüßte, um was es sich handelt, so würde es sich zum raschesten Galoppe entschließen!«
Wirklich erblickte sie auf dem Fahrwege den Karren ihres Bruders. Sie war noch zu weit davon, um verstanden zu werden; doch rief sie aus voller Brust und lief noch schneller als zuvor:
»Bart, Bart, habt Ihr es? Habt Ihr das Halstuch?«
Der Junge begriff gewiß ihr Mienenspiel; er richtete sich im Karren aufrecht und warf seine Mütze in die Luft, so daß sie einige Schritte davon in den Schnee fiel, und er sein Pferd anhalten mußte, um sie aufzuheben.
Seine Schwester war, vor Schweiß triefend, bis zu ihm gelaufen.
»Ihr habt doch das Halstuch, Bart?« war ihre erste Frage.
»Wantje, Wantje,« erwiederte der Junge freudig aufgeregt. »Heute hat mir Alles geglückt! Denkt nur: der Herr – es ist ein Zuckerbäcker – dem ich die Reife zu liefern hatte, erkundigte sich, warum ich so froh aussähe, als er mich bezahlte.«
»Ein freundlicher Herr« – bemerkte Wanna und trat mit Ungeduld in den Schnee – »doch habt Ihr das Halstuch?
»Gewiß habe ich es; doch hört mich nur zu Ende, Wanna; ich habe dem Herrn von der Mutter und von der Bescherung erzählt . . . «
»Oh! laßt mich das Tuch sehen, lieber Bart.«
»Wißt Ihr auch, Wanna, was der gute Herr darauf that? Er wolle die Mutter auch bescheren, erklärte er mir.«
»So? Das ist recht hübsch von dem Herrn!«
»Ja, und für den ganzen Winter gibt er mir gute Arbeit!«
»Ist das die Bescherung für die Mutter?«
»Nein, Wantje, er hat mir auch ein schönes, neues Fünffrankenstück in die Hand gedrückt und mich gebeten, es zu dem Gelde zu thun, das ich für das Halstuch auslegen wollte – so würde ich etwas ganz Stattliches kaufen können!«
»Und was kostet das Halstuch?«
»Acht und einen halben Franken, Wantje! acht und einen halben Franken!«
»Da steh’ uns Gott bei, lieber Bart, davon können wir alle drei einen ganzen Monat leben! Doch laßt mich das Tuch sehen!«
»Ihr sollt es sehen; doch zuvor muß ich Euch noch Eines sagen. Der gute Herr führte mich dann in ein Haus zurück und zeigte mir seine kupfernen Kessel – die fanden da in Reih und Glied – einer wie der andere – wohl in die tausend. Und alle Kessel waren voll Zucker!«
»Tausend Kessel voll Zucker!« rief Wanna und schlug die Hände zusammen. »Sollte das wahr sein, Bart? Wer kann die aufessen?«
»Nun, die reichen Leute, Wanna. Die Welt ist auch so groß. Das Artigste in der Geschichte kommt aber noch: er hat mir für die Mutter fünf bis sechs Pack Zuckerwerk mitgegeben. Ich habe da weißes und gelbes, rothes, braunes und schwarzes Zuckerzeug; was weiß ich noch mehr?«
»Auch schwarzes?«
»Ja, schwarz wie Pech. Mutter wird nicht wissen was das ist. Wir werden recht lachen. Kommt nur, unser Bles fängt an zu frieren. Vorerst will ich Euch das Halstuch zeigen. Doch seid hübsch vorsichtig und zerknittert es nicht. Laßt mich Euere Hände sehen, Wantje!«
»Ich habe eben die Rüben gewaschen!«
Bart war auf den Karren gestiegen, um das Halstuch hervorzusuchen, und murmelte dabei in einem fort:
»Eigentlich sollte man so feine Sachen nur mit Handschuhen anpacken. Acht und einen halben Franken, denkt nur!«
Er kam mit einem papiernen Packet herunter, stellte sich mit geheimnißvollen Geberden an das Rad und löste den Bindfaden mit Vorsicht. Wanna beugte sich über das Packet; ihre großen Augen glänzten vor Neugierde; auf ihrem Gesichte prangte ein erwartungsvolles Lächeln.
Endlich zeigte sich das Halstuch! Sie sah das offene Packet verwundert an.
»Nun, Wanna, was sagt Ihr dazu?« frug Bart.
Zuerst blieb das Mädchen ganz stumm; dann klopfte sie jauchzend in die Hände und hüpfte vor Freude. Bart that dasselbe . . . und so tanzten sie in ihrer Einfalt wie Kinder auf dem Schnee.
Das Pferd kehrte seinen Kopf um, als wollte es wissen, was vorgehe.
»Wie schön! Gott, wie schön!« rief Wanna. »Die Mutter wird so froh sein! Es ist so herrlich roth und blau und gelb! Ich könnte mich blind daran sehen.«
Bart sang mit klarer Stimme, die durch Busch und Dickicht drang:
»Ach und Weh sei jetzt begraben,
Weil wir heute Kirmeß haben!«
Dann lud er seine Schwester ein, auf den Karren zu steigen.
»Und Bles muß etwas rasch vorwärts, Bart!«
»Nein, Wantje, zuerst müssen wir übereinkommen, wie wir Alles anordnen.«
Beide stiegen auf den Karren; das Pferd trabte voran.
»Ihr habt doch die Blumen?« frug sie und sah sich um.
»Die liegen hier unter mir, in dem Korbe, neben dem Kruge Gerstenbier,« antwortete Bart. »Fast hätte ich vergessen, daß Franz mir eine Botschaft für Euch aufgetragen hat!«
»Franz? eine Botschaft?« frug Wanna und wurde über und über roth.
Bart öffnete den Korb und holte einen Strauß winziger Blümchen hervor.
»Seht, das schickt Euch Franz.«
»Was kann ich damit thun?« meinte Wanna.
»Wißt Ihr nur, wie diese Blümchen heißen? Ich wußte es auch nicht, bis es Franz mir mitgetheilt. Oh, der Name ist so hübsch.«
»Wie heißen sie denn?«
»Man nennt die Vergißmeinnicht.«
Da kehrte Wanna ihren Rücken gegen Bart, um ihm die Röth des Gesichtes zu verbergen. Dieser lachte still vor sich und frug:
»Wantje, ist Cäcilia bei der Mutter?«
»Sie war heute noch nicht bei uns zu Hause. Ich wollte mich auf dem Klosterhofe erkundigen, was das bedeute; aber der barsche Thys fuhr mich an, als ob ich dort etwas stehlen wollte.«
»Und wird Cäcilia nicht kommen?«
»Sie wird gegen Abend kommen, hat mir Thys gesagt, aber mit einem Lachen, wie ein Hund der gern beißen möchte.«
»Nun, das hat nichts auf sich, wenn sie nur kommt . . . die Mutter kann sie dann nach Hause führen, wenn sie etwas länger hier bleibt. Kommt, Schwester, setzt Euch neben mich auf den Korb. Wir wollen noch einmal überlegen, wie wir Alles zum Besten einrichten.«
Dann begannen sie ein Gespräch, das manche frohe Geberde, manches Händeklatschen des Mädchens unterbrach; doch war der Ton ihrer Stimme so leise, daß ein Vorübergehender kein einziges Wort davon hätte erhaschen können.
Vor der Thür der Wohnung sprang Wanna vom Karren und ging in das Haus; Bart spannte das Pferd aus und führte es in den Stall. Auch das Packet und den Korb wußte er mit vieler Vorsicht einzuschmuggeln.
»Guten Abend, Mutter,« rief er, als er zur Thüre eintrat. »Gebt mir Euere Hand, ich habe wieder ein hübsches Sümmchen für Euch bereit!«
Während er ihr einige Geldstücke in die Hand schob, sah er im Zimmer um sich: plötzlich verfinsterte sich sein Gesicht und wies eine tiefe Trauer.
»Ihr denkt wohl,« bemerkte die Mutter, »daß ich Euch Euer Taschengeld zurückhalten werde, auf daß die arme Wittwe mit ihren Kindern hier essen dürfe. Nein, Bart, trinkt des Sonntags Eueren Schoppen nach gewohnter Weise: einem so braven Jungen will ich keinen Abbruch thun.«
Bart nahm die einigen Cents an, ohne darauf zu achten; und während die Mutter in das Schlafzimmer ging, um das Geld zu verschließen, näherte er sich seiner Schwester und flüsterte ihr zu:
»Cäcilia ist noch nicht hier!«
»Sie wird schwerlich mehr kommen,« entgegnete Wanna, »in einer halben Stunde ist es ganz finster. Wir werden ihr morgen Alles erzählen. Doch geht jetzt nur hinauf und plaudert ein wenig mit der Mutter, wie wir verabredet haben.«
»Wollen wir nicht noch etwas warten?« meinte Bart.
»Warten? Dann kriegen wir die Mutter nicht mehr aus ihrem Zimmer.«
»Da habt Ihr Recht. Ich hätte gar zu gerne gesehen, daß Cäcilia dabei zugegen gewesen wäre. Nun aber sputet Euch, Wanna, und wenn Alles fertig ist, so schlagt zum Signal mit dem Blasbalg an die Feuerzange.«
Wanna lief in aller Eile in den Stall, holte den Korb, setzte fünf bis sechs Teller auf den Tisch, worauf sie das Zuckerwerk schüttete, legte daneben das schöne Halstuch halb entfaltet, band die Blumen an den steinernen Bierkrug und langte drei Kaffeetassen herbei, um daraus zu trinken: Gläser waren in dem Haushalte nicht vorräthig.
Dann schlug sie so heftig mit dem Blasbalg auf die Zange, daß die Mutter herunterrief:
»Wantje, schlagt mir nichts in Stücke!«
Bart rannte jubelnd über die Treppe; die Mutter folgte ihm.
Es bot ein eigenes, doch rührendes Familienbild, wie die verwunderte Frau ihre Augen von der reichgeschmückten Tafel auf ihre lachenden Kinder richtete und um eine Aufklärung zu bitten schien, wozu all die schönen Sachen da wären.
»Lange lebe Johanna! lange lebe Johanna!« riefen Bart und Wanna einstimmig, flogen dann, wie toll vor Freude, der guten alten Mutter an den Hals und drückten einen warmen Liebeskuß um den andern auf ihre Wangen.
Bart machte sich zuerst aus der Umarmung los, nahm das neue Halstuch, hing es um die Schultern feiner Mutter und nahm dann einen kleinen Spiegel von der Wand, den er vor sie hielt:
»Das ist Euere Bescherung, Mutter! Jetzt braucht Ihr nicht mehr mit dem häßlichen alten Tuche in die Kirche zu gehen.«
Jetzt erst merkte die alte Anna, was die Ausgelassenheit ihrer Kinder zu bedeuten habe, und fühlte sich so tief gerührt, daß sie keine Worte finden konnte und das Halstuch anstarrte.
Endlich trat ihr eine Thräne ins Auge. Sie zog ihre Kinder an sich und gab ihnen die herzlichsten Küsse.
»Gott im Himmel ist doch unendlich gut!« war ihre erste halblaute Bemerkung.
Während sie die Tochter noch in ihren Armen hielt, sprang Bart zum Tische, schenkte die drei Tassen voll Bier und sprach mit Zärtlichkeit und Feier:
»Liebe Mutter, das wollen wir auf Euere Gesundheit leeren! Lange mögen wir zusammen, in Tugend und Liebe, ein vergnügtes Leben führen; auch mich erhalte Gott bei Kräften, um für meine gute Mutter stets arbeiten zu können, und segne uns. Alle schon hienieden, und nachher oben im Himmel! Hoch lebe Johanna!«
Eben wollte er die Tasse an den Mund setzen, als ihn ein Freuderuf seiner Schwester unterbrach, die zur Thür lief:
»Dort kommt Cäcilia! Cäcilia ist da!«
»Hurrah, hurrah!« jauchzte Bart und lief gleichfalls zum Haus hinaus.
Einen Augenblick blieb die Mutter allein; dann zeigten sich ihre Kinder mit Cäcilia auf der Schwelle der Wohnung.
Doch wie sehr waren fiel jetzt umgestaltet? Tiefe Trauer lastete auf ihren Gesichtern; sie ließen den Kopf hängen und blickten auf Cäcilia mit ängstlicher Neugierde.
Diese schritt stumm bis zum Tische, ließ sich da auf einem Stuhle nieder und fing an zu weinen und zu schluchzen, so daß die Andern gleichfalls verstummten und zitternd zu ihr aufblickten.
Die Mutter ging zuerst auf das Mädchen, nahm sie bei der Hand und frug mit Theilnahme:
»Was ist denn vorgefallen, liebe Cäcilia? Ein Unglück?«
Sie erhielt keine Antwort.
Bart stellte sich zum Mädchen und rief mit herzzerreißendem Tone und Thränen in der Stimme:
»Cäcilia, Cäcilia!«
Sei es daß dieser Schrei eines gequälten Herzens in dem Mädchen ein Echo fand, oder daß ihre Thränen selbst sie ein wenig erleichtert hatten – genug sie fand jetzt genug Kraft, um den Kopf aufzurichten:
»Meine lieben Freunde, der Kummer erstickt mir fast die Stimme. Laßt mich noch etwas länger weinen . . . «
»Cäcilia, Cäcilia, Ihr bringt mich zum Sterben!« sprach Bart ganz außer sich – »Sagt mir um Gottes willen was vorgefallen ist.«
»Denkt nur,« seufzte die Arme, »wie unglücklich ich mich fühlen muß: Ihr seht mich heute zum letzten Male!«
Diese unerwartete Erklärung hatte ein allseitiges Wehklagen zur Folge.
»Ich darf nicht mehr hier herkommen,« fuhr Cäcilia unter einer Thränenfluth fort, »ich darf mit Niemandem von Euch mehr sprechen! Und leider muß ich gehorchen!«
»Ihr dürft mit Niemandem von uns mehr sprechen?« wiederholte die alte Anna ganz erstaunt. »Warum das? Wir haben ja keinem Menschen etwas zu Leide gethan!«
»Stellt keine Fragen,« schluchzte Cäcilia; »es ist mir verboten zu antworten.«
Da brach Barts Unwille los; er schloß die Zähne fest und ballte die Fäuste:
»Ich dachte es wohl, daß der Thys, die Schlange, wieder dahinter steckt. Ich bin gut und kränke nicht gern den ärmsten Wurm – doch den Menschenquäler möchte ich gern zwischen meinen Händen haben und ihm seine häßliche Fratze vom Rumpfe reißen, so wahr . . . «
Ganz entsetzt hielt die Alte ihre Hand vor Barts Mund und unterbrach diese von der Rachbegierde eingegebene Drohung.
»Bart,« flehte Cäcilia, »so Ihr mir zugethan seid, laßt derlei Gedanken fahren. Ich handle nach dem ausdrücklichen Befehle des Onkels und kann daran nichts ändern. Mein hartes Loos will es also haben!«
»Gott! Ich soll Euch nie mehr sehen!« rief der Jüngling verzweifelnd, legte seinen Kopf auf den Tisch und vergoß bittere Thränen.
»Hierher darf ich durchaus nicht mehr kommen,« war die Antwort; »doch wenn ich ganze Tage lang auf dem Klosterhofe, einsam und verlassen sitze, werde ich immer an Euch denken. Jetzt erst erkenne ich, wie lieb Ihr mir Alle seid!«
Diese letzten Worte erregten eine neue Trauer; die ganze Familie weinte mit gebrochenem Herzen.
Plötzlich blickte Cäcilia zum Fenster hinaus; sie bemerkte wahrscheinlich einen Gegenstand des Schreckens; denn sie richtete sich zitternd auf und machte schnell das Nähzeug zurecht, das auf einem Kasten stand.
»Himmel,« rief sie »bald hätte ich es vergessen! Ich kam hierher bloß um mein Nähkissen zu holen; lebt Alle herzlich wohl, ich muß nach Hause zurück.«
Bart wandte sich um und suchte sich ihren Schrecken zu erklären.
Auch ein Blick richtete sich nach Außen, und seine Augen funkelten vor Zorn.
»Dort steht er, der teuflische Bösewicht! Fort mit ihm!«
Er wollte zur Thür hinaus stürzen; doch seine Mutter schlang ihre Arme um seinen Hals und hielt ihn mit Gewalt zurück, obgleich er stöhnte wie ein wüthiger Stier und zu entkommen suchte.
Cäcilia hatte inzwischen eiligst ein goldenes Kreuz aus ihrer Brust hervorgezogen. Sie drückte das Kleinod in Wanna’s Hand und sprach:
»Ich habe der Wittwe des Maurers Jan meinen Beistand versprochen, den ich ihr jetzt nicht zu leisten vermag. Nehmt hier dieses Kreuz meiner seligen Mutter und verkauft es, um ihren Kindern Brod geben zu können. Mutter Anna, Bart, Wanna, Ihr lieben Freunde, lebt wohl und denkt an mich; bittet Gott, daß er mich beschützen möge. Der Kummer, der mich verzehrt, führt mich sonst dem Grabe entgegen . . . «
Hier versagte ihr die Stimme; schluchzend und die Hand vor die Augen haltend eilte sie zur Thüre hinaus.
Die Bewohner des Kapellenhoefkens weinten still vor sich.
Das Halstuch lag vergessen auf einem Stuhle da, – und bereits war die Erde in das Düster der Nacht gehüllt, ehe Einer von ihnen sich aus der Niedergeschlagenheit und der Seelenpein erholt hatte.
V
Cäcilia schien der Engel gewesen zu sein, dessen Gegenwart dem Kapellenhoefken Glück und Segen brachte – mit ihr war alle Freude und Heiterkeit verschwunden.
Bart, der sonst so aufgeweckte, muthige Jüngling, war kaum mehr zu erkennen. Ganze Tage lang verharrte er schweigend in seinen Gedanken; sein Haupt, durch beständige Trauer niedergedrückt, hing nach vorne; ein bleiches, mattes Gesicht wies die Spuren seines inneren Grames.
Seine Lieder waren sämmtlich vergessen; und obgleich er noch thätig war, wie zuvor, so war es aus seinen lässigen, unsichern Bewegungen zu entnehmen, daß seine Gedanken von seiner Hände Arbeit weit entfernt umherschweiften. Kaum blieb ihm noch genug Aufmerksamkeit für das, was um ihn vorging, um den Trostreden seiner Mutter kurze und abweisende Antworten entgegenzuhalten.
In weniger als zwei Monaten war der trauliche Pachthof ebenso still, einsam und traurig geworden als die Behausung des Geizigen.
Mehr noch als Cäcilia’s Entfernung peinigte den Jüngling die völlige Unwissenheit, in der er über ihr Loos schwebte. Seine Phantasie schuf ihm allerlei Schreckbilder; immer sah er sie leiden und weinen; immer hörte er sie seufzen und wehklagen. Im Schlafe, wie im wachen Zustande, nahmen ihm diese Befürchtungen seine Rast und Ruhe. Dieß wurde recht sichtbar, wenn er an der Arbeit war; bald fing er an, plötzlich zu zittern, bald im Zorn die Zähne fest an einander zu schließen, bald flehend zum Himmel aufzublicken.
Auch das Bewußtsein seiner Ohnmacht nagte wie ein Wurm an seiner Seele. Cäcilia hatte ihn so dringend ersucht, sich jeder Einmischung zu enthalten; er hatte in ihrem Blicke gelesen, daß sie einer geheimen und schrecklichen Macht unterworfen war. Dadurch, daß er an dem Elenden, den er für den Urheber aller ihrer Leiden hielt, Rache zu üben suchte, hätte er vielleicht ihr Unglück noch erhöht.
Diese Betrachtung allein verhinderte ihn, gegen Thys etwas zu unternehmen, so sehr ihm auch in gewissen Augenblicken das Blut in allen Adern kochte, wenn er sich den verderblichen Einfluß dieses Mannes vorstellte.
Während der Woche verließ Cäcilia den Klosterhof nicht mehr; sie kam sogar nicht an die Schwelle der düstern Wohnung; aber am Sonntag ging sie, von ihrem Onkel und von Thys begleitet, zur Kirche.
Drei Wochen hintereinander stellte sich Bart auf den Weg, dem sie folgen mußte. Jedes Mal hatte das Mädchen, sobald sie ihn aus der Ferne erblicken konnte, die Augen zu Boden geschlagen und es selbst vermieden, seinen Gruß zu erwiedern. Statt eines freundlichen Winkes von Cäcilia trafen den armen Jüngling nur die zornentflammten Blicke des Alten, der ihm ganz entsetzliche Dinge vorzuwerfen schien. Thys hingegen maß ihn höhnisch, faßte dabei das Mädchen beim Arme, lehnte einen Kopf fast an den ihrigen und betrug sich ganz so, als ob nicht bloß Freundschaft, sondern ein inniges Gefühl diese Zutraulichkeit billigte.
Dieser Anblick verletzte das Herz des armen Bart über alle Maßen; das bleiche Antlitz seiner Geliebten, die Spuren ihrer Thränen, die er zu entdecken vermeinte, folterten ihn schon zur Genüge; aber der abscheuliche Spott, den Thys mit ihm trieb, schnitt ihm noch empfindlicher durch das Herz.
So hatte er sich dreimal auf dem Wege, der zur Kirche führte, hingestellt und dreimal seinen Posten verlassen, um in dem Schoße des stillen Tannengehölzes die Thränen zu bergen, die sich gewaltsam aus seinen Augen drängten.
Seitdem hatten ihm diese mißlungenen Versuche eine solche Angst eingejagt, daß er es nur mehr wagte aus der Ferne und unbemerkt die Rückkehr Cäcilia’s aus der Kirche abzuwarten.
Der Wittwe des Maurers Jan konnte es allein gelingen, zuweilen einen hellen Strahl in ein düsteres Gemüth zu werfen. Die gute Frau merkte es wohl, woran der Jüngling litt, und wußte mit Klugheit in seinem Herzen diejenigen Fibern zu treffen, die der Hoffnung noch zugänglich waren. Sie sprach unumwunden das Zauberwort Liebe vor ihm aus und zwang ihn zum Geständnisse seiner Seelenqual. So hatte sie das Recht gewonnen, ihn mit unverhüllten Worten zu trösten, indem sie ihn beständig von Cäcilia unterhielt und ihm die Hoffnung vorhielt, daß auch die abwesende Freundin ein gleiches Gefühl im Busen trüge.
Die Bettlerin hatte, seit ihrem Abschiede von Cäcilia, eine erstaunliche Thätigkeit bewiesen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend war sie mit ihrem Kinde auf den Beinen. Sobald sich Bart zur Arbeit auf dem Felde einstellte, war sie gleich an seiner Seite, tröstete ihn mit der Voraussicht auf eine bessere Zukunft und eilte fort; doch eine Stunde nachher hatte sie sich zu einem neuen Besuche eingefunden. Wenn ihn sein Weg am Klosterhofe vorbeiführte, so traf er die Wittwe mit dem Kinde an einer Ecke sitzen, von wo sie erspähen konnte, was im Innern des Hauses vorfiele. Wenn er durch das Dorf ging, so sah er sie, bei nassem wie bei trockenem Wetter, hin und her laufen; und wenn er des Sonntags aus der Ferne den Augenblick abwartete, der Cäcilia aus der Kirche zurückführte, so konnte er darauf rechnen, daß die Wittwe ihr mitten auf dem Wege entgegenkommen und die dreist um ein Almosen bitten würde, obgleich die beiden gefühllosen Wächter des Mädchens sie jedes Mal mit mißmuthiger Miene abwiesen.
Wahrscheinlich trieb die arme Wittwe ihre Dankbarkeit zu Bart und Cäcilia dazu an, sich ihrem Dienste so unermüdlich zu widmen; doch mochte wohl auch der Haß, den ihr der böse Thys eingeflößt hatte, sie in ihrem Vorhaben bestärkt haben.
Und in der That, wo sie immer auf diesen Peiniger ihrer Cäcilia, auf diesen Feind ihres Bart stieß, blickte sie ihm so scharf in die Augen und drohte ihm so geheimnißvoll, daß Thys sich befangen fühlte, sobald er ihrer ansichtig wurde, und allmälig zur Ueberzeugung gekommen war, die Wittwe, die er oft so rauh entfernt hatte, müsse etwas von seinen Plänen auf die Erbschaft des Alten errathen haben. Es war ihm nicht recht klar, was er von der Wittwe zu befürchten habe; aber um so drückender war ein Angstgefühl. – Obendrein war es ihm wohl bekannt, daß die Wittwe, als Stellvertreterin ihres Mannes, einen kleinen Theil der Erbschaft anzusprechen hatte; dieß war auch der Grund seines schroffen Benehmens gegen sie gewesen.
Seine neue Besorgniß, und mehr noch die sichtlich zunehmende Körperschwäche des Onkel Jan bewogen ihn, auf alle Weise Cäcilia zu bestürmen und ihr die Einwilligung zur Heirath zu entreißen. Bald versuchte er Schmeichelreden, die ihr eine glückliche Zukunft vormahlten; bald wandte er die rohe Gewalt an, mißhandelte das arme Mädchen, und suchte ihr Schrecken einzujagen und ihr selbst vorzuhalten, daß ihr Leben gefährdet sei, wofern sie sich nicht in seinen Willen fügte. Doch trotz dieser Mittel, trotz der Lästerungen, die er dem Alten in die Ohren blies, befand Cäcilia auf ihrer Weigerung und setzte allen Aufforderungen ein geduldiges Schweigen entgegen, das ihr der Alte als einen thörichten Eigensinn verwies.
* *
*
So saß Cäcilia an einem frühen Morgen am Kamin; ein Leinenzeug, an dem sie zu nähen angefangen hatte, lag auf ihrem Schooß. Sie war zur Arbeit schlecht aufgelegt; schlaff ruhten ihre Hände auf ihren Knieen, und sie blickte in den ausgebrannten Heerd mit unverwandten Augen, während sie leise zu sich selbst sprach. Zuweilen kamen die Namen Barts und ihres Onkels über ihre Lippen, und dann seufzte sie. Ihr Gesicht war ohne Leben und Ausdruck, als wäre es in Stein gehauen.
Plötzlich traf ihre Ohren das Geräusch nahender Tritte; da deckte die Blässe des Todes ihr Gesicht, und sie suchte sich, obgleich bebend, auf eine verhaßte Erscheinung gefaßt zu machen.
Wirklich war es Thys, der eine Thür öffnete und ins Zimmer trat.
Cäcilia neigte ihren Kopf noch tiefer, als wollte sie ihm ihr Gesicht verbergen; sonst rührte sie sich nicht im Geringsten.
Thys wies ein so schlimmes Lächeln, eine so kalte Grausamkeit, daß das Entsetzen des Mädchens vollends gerechtfertigt war.
Unter dem Vorwand, etwas im Heerd mit der Zange hervorzusuchen, näherte er sich dem Mädchen und trat ihr so ungestüm auf den Fuß, daß sich alle ihre Nerven schmerzhaft zusammenzogen; doch sprach sie kein Wort. Dann fuhr er ihr mit dem Ellenbogen recht unsanft ins Gesicht; doch ließ sie keine Klage vernehmen. Im Gegentheil schien sie die noch zu erwartenden Mißhandlungen mit Gelassenheit ertragen zu wollen.
So stieß Thys sein Opfer wie einen unbeseelten und widerstandslosen Körper hin und her und rief zuletzt ärgerlich:
»Seid Ihr denn zu Holz geworden! Packt Euch fort!«
Dabei schüttelte er sie so gewaltig an der Schulter, daß ihr Kopf gegen den Kamin fiel.
Noch immer schwieg das Mädchen; nur konnte sie sich dieß Mal der Thränen nicht erwehren, die über ihre Wangen strömten.
Der Erzquäler stellte sich auf zwei bis drei Schritte von dem Mädchen, kreuzte sich die Arme und sprach mit einem hämischen Lächeln:
»Ich habe Euch gestern erklärt, daß meine Geduld heute zu Ende ist. Bedenkt Euch wohl! Wenn die Sonne untergeht, ohne daß Ihr mir Euere Einwilligung zusagt, so habt Ihr das Schlimmste zu erwarten.«
Und da das Mädchen noch immer stumm und unbeweglich blieb, steigerte sich sein Aerger:
»Ihr schweigt noch immer? Doch die Umschweife helfen nichts. Ich will Eueren Starrsinn brechen, und kenne Mittel und Wege, um Euere widerspenstige Zunge zu lösen. Heraus mit der Sprache!«
Und er sprang auf Cäcilia, faßte ihre beiden Schultern in seine Hände und rüttelte daran so heftig, daß es ihr schwindelte. Dazu starrte er sie mit so grimmen Augen an, daß das arme Mädchen an Mord und Todtschlag dachte und an allen Gliedern zitterte.
»Sprecht doch,« polterte er, »sprecht, oder ich drücke Euch die Schultern ein!«
Da entfuhr dem Mädchen eine dumpfe Klage; sie fiel auf die Kniee und schluchzte mit aufgehobenen Händen:
»Thys, was habe ich Euch gethan? Wenn ich sterben soll, so tödtet mich wenigstens schnell!«
Der Wütherich sah mit einer gewissen Wollust auf das gemarterte Geschöpf, das zu seinen Füßen wimmerte:
»Ich habe es Euch seit langem prophezeit, daß Ihr vor mir knieen würdet. Damals wolltet Ihr mir nicht glauben, und doch liegt Ihr jetzt da!«
»Vergebt mir, seid barmherzig,« flehte Cäcilia; »ich werde Alles thun, was Ihr begehrt; mich zur Sklavin Euerer Wünsche machen, jeden Wink ablauschen, Euch dienen wie die niedrigste Magd . . . «
»Das verlange ich nicht!«
»Ich verzichte auf mein Erbtheil und bitte den Onkel, daß er es Euch gebe; so es nöthig ist, lasse ich Zeugen kommen und unterschreibe den Akt, der Euch in den Besitz des sämmtlichen Vermögens setzt . . . nur gönnt mir etwas Ruhe, um des Himmels willen, sonst komme ich um Sinn und Verstand . . . «
Sie ließ den Kopf sinken, blieb aber auf den Knieen liegen.
»Das geht so nicht,« antwortete Thys. »Aber es gibt ein anderes Mittel, das mich zum gutmüthigsten Menschen umwandeln kann. Das Mittel kennt Ihr; heute steht Euch noch die Wahlfrei, morgen ist es nicht mehr Zeit. Wenn Ihr mir nicht nachgebt, so könnt Ihr auch dem Sonnenlicht ein Lebewohl zurufen. Mein Haß wird Euch verfolgen, bis Ihr Euch vor Kummer ausgezehrt, meine Rache Euch treffen, bis Ihr an ihrem Feuer vergeht wie der Märzschnee. Ah! Ihr kennt mich noch immer nicht! Ich frage Euch zum allerletzten Male: Wollt Ihr mein Weib werden, ja oder nein?«
Da stand das Mädchen auf, setzte sich wieder auf ihren Stuhl und hielt sich die Augen mit den Händen zu.
»Cäcilia,« sprach Thys gelassen und setzte sich auch nieder, »ehe ich das Aergste versuche, will ich Euch etwas Vorsicht anrathen. Ich begreife wahrhaftig Euer Widerstreben nicht. Es liegt doch in der Bestimmung eines jeden Mädchens, früher oder später unter die Haube zu kommen. Wie ihr Mann heißt, das ist Nebensache, wenn er nur im Stande ist, seine Frau zu versorgen und ihr das Leben angenehm zu machen. Daß ich beides leisten kann, daran dürft Ihr nicht zweifeln. So lange man jung ist, faselt man viel von Liebe und Freundschaft, von Schönheit und all dem Zeuge, dem man einen Werth für das Leben beimißt. Doch mit der ersten Jugendtollheit schwinden die Träumereien! Nur Eines bleibt beständig, nur Eines ist der unerschöpfliche Born des Glückes: das Eine heißt Geld . . . und Geld werden wir in Fülle haben. Warum trauert Ihr? Weil es darnach aussieht, daß freundliche Zuneigung und gegenseitige Liebe in unserer Ehe keinen rechten Platz finden? Nun, ein Eimer Wasser ist demjenigen nicht viel wert, der über eine unversiegbare Quelle zu gebieten hat . . . Darauf habt Ihr nichts zu entgegnen? Doch ich merke wohl, daß Ihr Euch nicht so sehr wegen Mangel an Liebe sträubt, als vielmehr wegen des Hasses, den ich Euch einflöße. Was ist aber der Haß? Ein Traumgebilde; ein Ding, das, wie die Liebe, mit seiner Ursache entsteht und fällt. Ihr haßt mich, weil Ich Euch mißhandele? Heirathet mich, und ich will recht freundlich werden – dann legt sich Euer Haß mit der Ursache, die ihn veranlaßte. Nun sprecht doch! Oder muß ich wieder böse werden und Euch die Worte mit Gewalt abnöthigen?«
Die unheimliche Drohung brachte das Mädchen von Neuem zum Zittern. Sie sprach daher bittend:
»Verzeiht mir; ich kann nicht lügen. Seht, Thys, wenn man so Tage lang allein ist und über seine Leiden sinnt und grübelt, so geht der Geist tiefer in die Dinge ein und gibt sich über manches Aufschluß, das er sonst nie ergründet haben würde. Wißt Ihr wohl, was die Ehe ist?«
»Nun, es ist die Verbindung zweier Personen, die ein gemeinschaftliches Leben führen, um daraus den größtmöglichen Vortheil zu ziehen. Gerade wie zwei Kaufleute ihre Kapitalien vereinigen, um ihre Geschäfte auszudehnen.«
»Gott gäbe, daß Ihr Recht hättet,« seufzte Cäcilia. »Vielleicht könnte ich mich dann in Eueren Wunsch fügen.«
»Die Ehe ist weiter nichts, Ihr dürft mir glauben,« wollte Thys unterbrechen.
»Nein, nein,« sprach das Mädchen mit Nachdruck weiter, »für die Frau ist die Ehe das vollkommene Opfer ihrer Selbständigkeit; ein Opfer, das Gottes Gebot und das Gefühl der Pflicht auferlegt, das die unerbittliche Nothwendigkeit mit sich führt. Als lediges Mädchen genieße ich noch meiner Freiheit, besitze einen eigenen Willen und darf Euch widerstehen, ohne mich an Gott und meinem Gewissen zu versündigen. Und wenn Ihr mich zu Tode quält und peinigt, so kann ich noch hoffen dort oben meine Belohnung zu finden. Als Euere Gattin hingegen muß ich jedem Euerer Wünsche gehorchen, mich jedem Euerer Gebote unterwerfen: ich gehöre Euch als Leibeigene an! . . . Davor schaudere ich zurück und wage nicht an das zu denken, was Ihr von mir fordern dürft.«
Diese Rede erstaunte Thys, nicht so sehr wegen des Inhalts, als wegen des ernsten gelassenen Tons, in welchem sie vorgebracht war. Es ärgerte ihn innerlich, bei einer Widersacherin, die er schon völlig erschöpft und entmuthigt zu haben glaubte, noch so viel Kraft und Standhaftigkeit vorzufinden. Nach kurzem Bedenken entgegnete er jedoch lächelnd:
»Ich fange an, Euch zu begreifen. Ihr habt allerdings einen tiefen Blick in die Sache geworfen. Ich traue Euch die Kinderei zu, mir nach der Einwilligung den Trauungskuß rundweg abzuschlagen!«
»Oh!« rief Cäcilia verzweifelnd, »lieber den Tod als einen Kuß von Euch. Könnte ich diese Schmach nur Einen Tag überleben, so müßte ich mich selbst ja noch ärger hassen als ich Euch jetzt hasse.«
Thys richtete sich auf und grinste das Mädchen an:
»Und ein anderer Tod wäre Euch lieber; man kann auch langsam, mit unausgesetzten Nadelstichen, morden!«
Darauf erhielt er keine Antwort. Lange blieb er in Gedanken sitzen; endlich sprach er spottend:
»Nun, ich muß die Hoffnung wohl aufgeben, Euch zu einer vernünftigen Lebensansicht zurückzuführen; ich gelange aber doch zu meinem Ziele. Vielleicht ist es nöthig, daß Ihr noch erprobt, ob meine Finger von Fleisch oder von Eisen sind; doch für jetzt ist es genug; ich will meine Kräfte zum Nachmittag bewahren. Ihr dürft unterdeß weiter nachforschen, was die Ehe eigentlich ist; vielleicht kann es Euch in der andern Welt zu etwas frommen!«
Damit stellte er sich an die Schwelle der Hausthür, blickte sich nach allen Richtungen um und sprach zu sich selbst:
»Das abscheuliche Weib ist nicht da. Machen wir schnell.«
Er kehrte in das Zimmer zurück und sagte zu Cäcilia, indem er sie mit drohenden Blicken maß:
»Ich muß für eine kleine Weile ausgehen. Verriegelt die Thür hinter mir. Vielleicht kommt Franz Dalinex, um seinen Pachtzins zu bezahlen; laßt in warten. Doch wenn Ihr Euch untersteht, Jemandem Andern die Thür zu öffnen . . . «
Da erhob er seine Hand, krümmte die Finger, daß sie gleichsam eine Klaue bildeten, mit der er nach ihrem Halse wies, und mit dem Ausdruck eines tödtlichen Hasses sprach er:
»Ihr versteht mich wohl!«
Hiermit ließ er das zitternde Mädchen, verließ das Haus und schlug den Weg ein, der zum Dorfe führte.
Kaum war er zur Thüre hinaus, so stand Cäcilia auf, schob den Riegel vor und kehrte in das Zimmer zurück, wo sie sich in einem düstern Winkel auf die Kniee warf und ihre Hände zu Gott, ihrem einzigen Beschützer, ausstreckte.
Um sie herrschte die Stille des Todes. Jetzt, der völligen Einsamkeit überlassen, erleichterte sie ihr beklommenes Gemüth, indem sie zu ihrem Gebete weinte und schluchzte.
Zuweilen fuhr der Wind durch den Schornstein, oder es krachte etwas an dem morschen Gebäude. Dann sah sich Cäcilia mit Beben um, und ihr Gesicht wurde vor Schrecken bleich. Doch mit jedem Male flüchtete sie sich wieder in ihre Thränen und ihr Gebet.
Dann kam es ihr vor, als hätte man ganz leise an die Thür geklopft. Wie sie unentschlossen aufstand und auf die Thür schritt, hörte sie zum zweiten Male klopfen.
»Wer ist da?« frug Cäcilia gleichfalls leise, als ob der Ton der Stimme von draußen sie beherrscht hätte.
»Cäcilia, seid Ihr allein?« lautete es durch das Schlüsselloch.
»Ach, liebe Kaet,« erwiederte das Mädchen, das die Stimme erkannte. »Ums Himmels willen, geht fort, entfernt Euch von diesem Hause!«
»Laßt mich herein, wenn Ihr allein seid!« flehte Kaet.
»Ich darf nicht. Geht doch fort; es ist mir bange, daß er Euch sehe!«
Nach einer kleinen Pause erneute die Stimme ihre Bitte und klagte:
»Oh! Cäcilia, mein armes Mieken liegt hier an Eurer Schwelle und vergeht fast vor Hunger; ein einzig Stück Brod könnte es retten. Ihr werdet mir doch nicht dieses kleine Almosen abschlagen!«
Ohne zu überlegen, inwiefern die Klage gegründet oder falsch war, sah Cäcilia auf den Riegel, langte mit der Hand darnach, um ihn zurückzuschieben, und blieb dann wieder zitternd stehen, als ob der Riegel aus glühendem Eisen wäre.
»Oh, macht schnell,« jammerte Kaet, »mein armes Kind verhungert!«
Da rückte Cäcilia fieberhaft an dem Riegel und öffnete die Thür zur Hälfte; doch die arme Frau, die diese Bewegung erspäht hatte, drängte sich sogleich ins Zimmer. Als sie merkte, daß Cäcilia sie erstaunt ansah und im Begriffe stand, ihr Staunen laut zu äußern, setzte sie ihr eine Hand vor den Mund und sprach:
»Bleibt still! Mein Kind ist gesund und zufrieden, auf dem Kapellenhoefken. Es war nur ein Vorwand, denn ich mußte Euch durchaus sehen. Wo ist der Onkel? Oben? Dann macht keinen Lärm, er darf uns nicht hören.«
»Oh! entfernt Euch schnell wieder! Thys kommt sogleich zurück!« flehte Cäcilia.
Kaet, welche die Einrichtung des Hauses kannte, ging auf den Speisekasten, nahm ein Brod heraus und schnitt ein Stück davon ab. Dann schloß sie den Kasten und kehrte zu Cäcilia zurück:
»Das ist das Almosen, das Ihr mir gegeben habt; mehr braucht er nicht zu wissen. Ich bin ihm eben begegnet; er ist beim Notar. Sucht mich nicht durch Bitten aus dem Hause zu schaffen. Seit drei Monaten warte ich auf eine günstige Gelegenheit und belauere den Klosterhof vom Morgen bis zum Abend. Ich muß wissen, was hier vorgeht. Der Besuch beim Notar hat seine Gründe; Thys bespricht ernste Geschäfte, die nicht im Nu abgefertigt sind. So schnell ist er nicht hier. Das Geheimniß werde ich auch aufklären . . . Doch Ihr seid bleich und abgemagert wie eine Sterbende? Sagt mir, was zehrt Euch also aus?«
»Kaet, liebe Kaet, ich darf nicht sprechen,« war die Antwort.
»Ihr dürft nicht sprechen? Was befürchtet Ihr noch? Der Tod blickt ja schon aus Eueren Augen. Er will, daß Ihr verschmachten sollt; es gilt ihm gleich, auf welche Weise er Euch los wird, um sich Euer Erbtheil anzumaßen! Seid Ihr denn so darniedergedrückt, daß Ihr ihm aus Angst den Triumph über Euch sichern wollt? Meint Ihr nicht, daß Gott selbst Euch zürnen wird, wenn Ihr der Bosheit den Sieg einräumt. Ihr könnt mir entgegnen, daß Ihr über Euer Leben zu verfügen habt! Das mag sein. Aber wie, wenn Euer Tod auch einen Andern in’s Grab führt? Einen jungen Mann, der sich aus Liebe zu Euch abhärmt . . . «
»Gott,« seufzte Cäcilia, »Bart ist wohl krank?«
»Wie könnt Ihr diese Frage stellen? Also denkt Ihr nicht mehr an ihn? Heißt es bei Euch auch: Aus den Augen, aus dem Sinne?«
Cäcilia sank auf einen Stuhl und fing wieder zu weinen an.
»Ach Kaet, ich weiß nicht, ob ich darin recht handle, daß ich Euch mein Herz eröffne. Oh! ich habe noch mehr ausgestanden als er; er sieht die sonnigen Felder und das Tageslicht; er hört die Stimmen seiner Freunde; er hat noch seine Mutter . . . ich höre hier nichts als Schimpfworte und Lästerungen – nur flüstert mir zuweilen eine innere Stimme seinen Namen zu; ich sehe nichts als die vier nackten Wände meines Kerkers – nur schwebt ein Bild zuweilen vor meinem inneren Auge . . . «
Die Wittwe heiterte sich etwas auf und faßte Cäcilia zärtlich bei der Hand:
»So liebt Ihr ihn wohl auch, mein gutes Kind!«
Das Mädchen suchte die aufsteigende Schamröthe zu verhehlen.
»Gesteht mir nur, daß Ihr ihn liebt!«
»Das darf ich nicht, Kaet; Ihr würdet das Geheimniß meiner Seele nicht bewahren!«
»Wie aber, Cäcilia, wenn diese Enthüllung ein Menschenleben retten kann!«
»So mag er denn wissen, was ich mir selbst kaum zu bekennen wagte! Ja, die Trennung von ihm war mein größter Kummer, und wenn Gott jetzt meine Seele zu sich riefe, so würde sie die Erinnerung an ihn mit sich führen!«
Kaet öffnete die Thür zur Hälfte und blickte ins Freie. Dann kam sie zurück: »Thys ist noch nicht da . . . Cäcilia, Ihr müßt Muth fassen und dem Bösewichte widerstehen. Er ist ein Feigling!«
»Ist es denn wahr, Kaet, wäre Bart wirklich krank?«
»Krank ist er nicht, aber er schmachtet, bleich und abgemagert, wie Ihr selbst, Fräulein. Er steht am Rande des Grabes und könnte dem Tode zur Beute fallen, wenn ihm kein Trost wird. Jetzt aber besitze ich den wahren Balsam für ein wundes Herz. Doch sagt mir jetzt, liebe Cäcilia, was hat sich hier in den letzten drei unheilsvollen Monaten zugetragen?«
»Kaet, Ihr sprecht mit Niemandem davon? – Und doch, was kann ich Aergeres befürchten als den Tod? Thys besteht darauf, daß ich ihn zum Manne nehme . . . «
»Das dacht’ ich mir,« bemerkte die Wittwe.
»Tag für Tag befiehlt es mir der Onkel! Ich aber zöge es vor, tausendmal zu sterben! Ich bin jeder Verfolgung preisgegeben. Man schilt und beschimpft mich; man läßt mich Hunger leiden; man macht mir alle mögliche Angst; und obendrein – doch davon darf Bart nichts wissen – stößt man mich elendes Geschöpf hin und her und behandelt mich sogar mit Schlägen . . . «
»Das ist zu arg« rief Kaet und streckte ihre Arme aus. »Ihr lebt ja in einer wahren Mördergrube! Gott behüte mich davor, das dem Bart anzuvertrauen! Der arme Junge würde nach dem Blute Euerer Henker lechzen. Aber ist denn Euer Onkel von Sinnen?«
»Der schwache alte Mann ist verleitet und betrogen. Alle meine Reden werden ihm als Lug und Trug ausgelegt: er steht unter einem bösen Zauber, Kaet. Könnte ich nur mit ihm allein sprechen! Aber so bleibt er Tage lang oben im Hintergebäude, wo er sich einschließt und selbst Thys nicht zuläßt. Wenn er während der Essenstunden hier unten ist, so sitzt Thys knapp bei ihm und versteht es meine Worte dergestalt zu verdrehen, daß ich den Aerger des Alten mehr und mehr entzünde, als ob ich ein Ausbund von Falschheit wäre. Zuweilen werde ich an mir selbst irre! Zuletzt habe ich mich in mein hartes Geschick ergeben; ich schweige und leide, beuge mein Haupt und stelle mir vor, daß Gott mich zu diesem Marterleben bestimmt hat . . . «
»Entsetzlich!« seufzte die Wittwe.
»Warum sucht Ihr nicht Euch durch die Flucht vor diesem Teufelspaar zu retten?«
»Liebe Kaet, mehr als einmal habe ich zur Thüre hingesehen, wenn mir die beständige Angst den Aufenthalt hier unerträglich machte, aber . . . «
»Jedes Aber ist ein Beweis unverzeihlicher Schwachheit,« unterbrach die Kaet unwillig.
»Und mein Onkel? Kann ich den Alten, in diesem Verstecke, der grausamen Tücke dieses Thys allein überlassen? Und dazu die Schande? Was hält man von einem Mädchen, das dem elterlichen Hause entläuft?«
Cäcilia schwieg; Kaet sah wieder zur Thüre.
»Dort kommt er,« sprach sie und kam unerschrocken zurück. »Wenn er mich gewahr wird, so sprecht ihm von dem Stück Brod, das Ihr mir aus Mitleiden geschenkt habt. Laßt nur den Muth nicht sinken: ich werde Euch beistehen. Und sollte meine Hilfe nicht schnell genug kommen, so flieht aus diesem Hause, auf dem Gottes Fluch lastet.«
Der Schreck hatte sich wieder des armen Mädchens bemeistert. Die Zurückkunft ihres Erzfeindes weckte sie aus ihrer Selbstvergessenheit. Mit gefalteten Händen und bebender Stimme flehte sie zur Wittwe:
»Geht doch schnell fort, sonst mißhandelt er Euch!«
»Ich fürchte mich nicht vor dem Schurken,« war die Antwort. »Seid guten Muthes, liebe Cäcilia, bald seht Ihr mich wieder!«
Die arme Frau verließ den Klosterhof mit zögernden Schritten. Bald merkte sie, daß Thys sie erblickt hatte und deshalb in aller Eile nach Hause rannte. Sie blieb daher in einiger Entfernung stehen und sprach:
»Vielleicht hat er gegen Cäcilia Böses im Sinne; doch dann stehe ich am Schlüsselloch, um zu sehen, was sich ereignet.«
Bald aber sah sie, daß Thys den Fußpfad verließ und eine andere Richtung einschlug, die ihn zu dem Platze führen mußte, auf dem sie stand. Unerschrocken wartete sie die Begegnung ab.
Wie Thys in ihre Nähe kam, polterte er zwar mit Drohworten; doch fiel empfing ihn mit einem herausfordernden Lächeln und blickte ihn dazu mit so viel Verachtung an, daß er vor ihr stehen blieb.
»Wer hat Euch die Thür geöffnet?« frug er mit erstickter Wuth. »Was wolltet Ihr auf dem Klosterhof für Unfug treiben?«
»Ja, ich hatte ganz entsetzliche Dinge im Sinne,« spottete Kaet. »Eine halbe Stunde habe ich um ein Stück Brod gebeten, bis Cäcilia es mir zuletzt reichte. Alle Welt ist nicht so unbarmherzig wie Ihr!«
»Laßt mich das Brod sehen!« heischte er mit einem Ton, der bewies, daß er der Erzählung keinen Glauben beimaß.
Die Wittwe zog ihre Schnitte hervor. Thys drehte sie nach allen Seiten und gab sie zurück:
»Gleichviel; ein andermal bleibt aus unserm Wege, sonst könntet Ihr Euere Frechheit bereuen!«
»Laßt das Schelten, das mir doch keine Angst macht,« antwortete Kaet mit Entschlossenheit. »Ihr könnt mir ja nichts anhaben; aber ich, die Bettlerin, werde Euch zu treffen wissen!«
»Ihr!« rief Thys fast außer sich und hob schon die Hand gegen die Wittwe. »Sagt noch ein Wort, und ich breche Euch den Hals.«
Kaet wies auf ein nahes Feld, auf dem drei oder vier Bauern arbeiteten.
»Seht dorthin,« sprach sie; »diese Leute haben mich gern und können Euch nicht leiden. Kommt Ihr mir mit einem einzigen Finger an den Leib, so schreie ich, daß Ihr mich erschlagen wollt. Und es werden die Zeugen nicht fehlen, die bekräftigen, daß Ihr dazu wohl fähig seid. Wenn Ihr also nicht mit Gensdarmen zu thun haben wollt, so zieht Euere Hände zurück!«
Thys zitterte vor Aerger und Verdruß, doch blieb er stehen und sah mit Staunen und einem gewissen Schrecken auf die arme Frau, die ihn also verhöhnte.
Diese fuhr fort:
»Ihr meint wohl, daß Ihr allein es versteht, schlimm zu sein! Da könntet Ihr Euch täuschen! Ihr denkt auch, daß man nicht weiß, was auf dem Klosterhof vorgeht? Unterschreibt Onkel Jan ein Testament heut’ oder morgen?«
»Wer sagt das?« fragte Thys verlegen. »Es ist kein wahres Wort daran!«
»So? Und doch steht Ihr da, wie ein Schuljunge, der die Fuchtel bekommen hat. Doch paßt wohl auf das, was Ihr ausführt; einem Jeden wird sein Theil werden. Wenn Ihr die Thüren des Klosterhofs auch verriegelt, so weiß das Gesetz sie zu öffnen!«
»Das Gesetz? Welche Veranlassung hätte das, um zu handeln, wie Ihr es vorgebt?«
»Thys, Ihr wißt es so gut wie ich, die Veranlassung ist bald geschaffen. Jetzt aber lebt wohl, bis zum baldigen Wiedersehen!«
Sie ließ Thys ganz verblüfft stehen und verfolgte lächelnd ihren Weg.
Dieser sah ihr eine Weile nach und lenkte dann seine Schritte nach dem Klosterhof. Er war tief mit seinen Gedanken beschäftigt, hielt zuweilen an, legte einen Finger auf die Stirne oder stampfte ungeduldig. Und als er in das Zimmer kam, in dem er Cäcilia gelassen hatte, schien er sie gar nicht zu bemerken.
Bald trat er durch eine zweite Thür und verschwand im Hintergebäude.
VI
Bereits war das Jahr bis in die Hälfte des Mai vorgerückt; noch waren die schönen Tage selten gewesen, und langsam und fast unvermerkt hatten Sträuche und Bäume ihr Frühlingskleid angelegt. Während der Nacht aber war der Wind vom Nordwesten zum Süden umgesprungen und wehte jetzt, aus dem Mittelpunkte der Wärme und des Lebens, mit beseelendem Hauch über die Erde. Das milde Sonnenlicht glänzte über die frohe Natur . . . Der Tag war frisch und lieblich wie ein schönes Mädchen, das sich Blumen in das Haar geflochten hat, um zum Traualtar zu treten . . . Aus jeder Hecke, aus jedem Baume stiegen heitere Stimmen in die Luft; die Lerche zog jubelnd gegen den blauen Himmel; Tausende von kleinen Thieren summten um das Blattwerk oder spielten mit einander in dem niederen Gras . . . der Boden selbst wies ein lebendes Gewühl. – Es war ein Festtag der Natur!
Auch über das Kapellenhoefken strömte das muntere Sonnenlicht; auch dort sangen die Vögel das Lied der Liebe und der Lebenslust . . . und doch war die einsame Hütte, mitten in dem jauchzenden Gewimmel, still und schweigend, so daß sie mit ihren Inwohnern noch immer im Winterschlafe befangen zu sein schien.
Mutter Anna war am Heerde damit beschäftigt, Gemüse zu waschen. Sie schenkte jedoch ihrer Arbeit nur wenig Aufmerksamkeit; ihre Augen streiften unstet umher, als wenn sie unter dem Einfluß düsterer Gedanken stünde; tiefe Trauer und selbst volle Muthlosigkeit zeigten sich auf ihrem Gesichte.
Während die gute Frau da saß und spann, kam Bart mit einem Spaten in der Hand hereingeschritten. Gewiß hatte er sich an einer schweren Arbeit ermüdet; sein Rücken war gekrümmt; er ging langsam durch das Zimmer und grüßte nicht einmal seine Mutter, die er kaum zu bemerken schien.
Diese blickte dem jungen Mann nach und war von seiner Unachtsamkeit peinlich getroffen. Auch hatte er sich kaum durch die Hinterthür entfernt, als sie, mit dem Kopf über ihre Arbeit gebeugt, stille Thränen vergoß.
Kurz nachher trat Wanna mit einem Milchkruge in das Zimmer.
Sie stellte den Krug nieder und wollte den Deckel des Kuhkessels lüften, blieb aber plötzlich stehen, als sie die Thränen auf den Wangen ihrer Mutter bemerkte.
Ihr Gesicht wurde ungeduldig und verdrießlich. Sie nahm ihre Mutter am Arme und rüttelte sie ziemlich heftig, während sie sprach:
»Schon wieder in der schlechten Laune? Ihr und mein Bruder wollt Euch zu Tode grämen und mir alle Arbeit aufbürden. Wenn ich mich nicht so wacker hielte, was würde daraus entstehen?«
Doch da sie eine neue Thränenfluth zu aller Antwort erhielt, flehte sie:
»Ihr müßt das Ding aufgeben, liebe Mutter! Tag für Tag sehe ich nichts als trübe Gesichter – das ist nicht auszuhalten! Bart spricht nicht mehr und schleicht herum wie ein Schatten; Ihr, Mutter, weint, sobald Ihr allein seid! Gesteht nur, daß das nicht vernünftig ist – oder es steckt etwas dahinter, das ich nicht verstehe. Niemand vertraut mir etwas an; ich lebe hier wie eine Verstoßene . . . «
Die Frau drückte traurig die Hand ihrer Tochter, um ihr zu zeigen, daß sie ihr ihre Liebe bewahrt hatte. Dann klagte sie:
»Seht Ihr denn nicht, liebe Wanna, daß Euer armer Bruder verkommt? Seht Ihr nicht, daß seine Augen eingesunken, seine Wangen bleich und abgemagert sind? Befürchtet Ihr nicht, wenn Ihr ihn so elend seht, ein größeres Unglück?«
»Gott, Mutter,« rief Wanna und wischte sich auch eine Thräne aus dem Auge, »wie könnt Ihr Euch nur so ängstigen? Bart ist traurig und magert ab, nun ja; aber ich weiß wohl warum.
Der Kummer, den er leidet, greift wohl die Gesundheit an; aber man genes’t doch davon. Warum hat er auch ein Sinnen auf Cäcilia gerichtet? Sie ist doch nicht seines Gleichen – denn wir sind arme Leute, die um unser tägliches Brod hart arbeiten müssen – sie ist reich oder wird es bald sein. Warum sucht Ihr ihm nicht den thörichten Gedanken auszureden? Doch nein, Ihr vergießt Thränen und laßt ihn seinen Weg gehen. Ich wollte, ich wäre seine Mutter!«
»Kind,« seufzte die Frau, »könntet Ihr nur wissen, was ich Alles versucht habe, um ihn zur Vernunft zu bringen! Ich habe schon gescholten und geschmeichelt, gebeten und geweint: Alles blieb fruchtlos. Er gesteht seinen Irrthum ein, er wird sie vergessen, er gibt mir in Allem Recht, er fällt auf seine Kniee und bittet mich um Verzeihung . . . «
»Und Ihr verzeiht ihm auch bald, nicht wahr?«
»Liebe Wanna, als gute Mutter ahne ich wohl, was im Herzen meines armen Sohnes vor sich geht; es fehlt mir die Kraft, um ihn zu peinigen. Ihr begreift das nicht recht, Wanna: ein Mensch fühlt nicht wie der andere! Vielleicht würde ich es auch nicht verstehen, wenn ich nicht ein Beispiel erlebt hätte, was eine Liebe, der man Hindernisse in den Weg legt, zu leisten vermag. Bart hat reizbare Nerven wie sein Vater. Solltet Ihr wohl glauben, Wanna, daß mein seliger Mann, als er noch ledig war, bereits mit dem Tode rang und die letzte Oelung bekommen hatte, weil uns unsere Eltern trennen wollten und ihm nicht mehr erlaubten, mich zu sehen?«
»Großer Gott!« rief Wanna erstaunt aus. Doch bald faßte sie sich und fuhr fort:
»Er ist aber wieder gesund geworden, Mutter?«
»Freilich, Wanna, aber wie? Unsere Eltern hatten einen Prozeß um einen Fußsteg oder ein Stück Feld und waren allmälig so erbittert auf einander geworden, daß sie sich gar nicht mehr vertragen konnten. So durfte auch ich Eueren Vater nicht mehr sehen; und dieser, der mich mehr liebte, als ich es selber wußte, grämte sich so sehr darüber, daß er bald auf dem Sterbebette lag. Der Pfarrer fühlte, Gott sei gedankt, Mitleiden mit dem armen Jungen und führte die Versöhnung unserer Eltern herbei, so daß ich die Erlaubniß erhielt, meinen todkranken Freund zu besuchen. Noch schießen mir die Thränen in die Augen, wenn ich daran denke – ich spreche nur ungern davon – aber einen Monat später konnte er mit mir und unsern Eltern bis zur Kirche geben und ich wurde eine glückliche Braut . . . «
Wanna blickte ihre Mutter mit feuchten Augen an.
»Ja, liebe Wanna,« erzählte diese weiter, »Euer Vater war nur ein Bauernkind; aber es steckte in ihm ein höherer Sinn als in manchen andern, und das mag bei unserm Bart auch der Fall sein.«
Wanna schüttelte nachdenklich mit dem Kopfe und starrte vor sich hin; bald aber blickte sie wieder auf:
»Sonderbar, daß die Liebe einen Mann mit reizbaren Nerven so zum Verschmachten bringen kann! Ich kann es nicht recht glauben. Aber der selige Vater gehörte demselben Stande an wie Ihr, Mutter – so ließ sich das Ding ausgleichen! Bart und Cäcilia sind in einer andern Lage und haben kein so gutes Ende zu erwarten. Darum muß er seinen thörichten Wünschen entsagen!«
Doch die Mutter hatte tiefen Betrachtungen Raum gegeben und sah auf den Boden, ohne auf Wanna’s Rede zu achten. Nach einer kurzen Weile seufzte sie vor sich und bemerkte, fast wie im Selbstgespräch:
»Er leidet wie ein wahrer Märtyrer! Kaet hat ihm gestern eine Mittheilung gemacht, die ihm ein freudiges Feuer in die Augen brachte, dann aber etwas hinzugefügt, worüber er sich recht grämte. Diese Nacht hat er im Schlafe laut gesprochen, geweint und gejammert . . . ich habe es mit Zittern gehört. Jetzt ist er abgemattet und noch blässer als gestern: die Augen liegen ihm so tief. Oh wehe über meinen armen Bart, über mein elendes Kind!«
Kaum waren diese letzten Worte, die wie eine schmerzliche Klage durch das Zimmer tönten, über ihre Lippen gekommen, so trat Bart, mit einem Reife in der Hand, durch die Hinterthür hinein. Der wehmüthige Ton dieser theuern Stimme hatte ihn getroffen und er blickte der weinenden Frau eine Zeit lang in die Augen. Dann ging er langsam auf sie zu, küßte sie auf die Stirne, benetzte diese mit zwei heißen Thränen und sprach fast unvernehmlich:
»Ach verzeiht mir, liebe, arme Mutter, ich vermag nichts dagegen!«
Und er wandte sich um und verließ das Haus mit gebeugtem Haupte, die eine Hand vor die Augen haltend.
Selbst unter dem hellen Sonnenlicht, mitten in dem freudigen Leben der Natur, richtete Bart den Kopf nicht in die Höhe. Unempfindlich und mit gebeugtem Rücken schlich er im Stege weiter und sah fast aus wie ein Greis, welcher der Last seiner Jahre erliegt. Man hätte meinen können, daß er im Grase vor sich nach Etwas suche.
Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, murmelte etwas vor sich, riß ein Blatt von einem nahen Baume, zerknitterte es in seiner Hand und schritt unmuthig weiter – oder er sah auf die kleinen Thiere, die so fröhlich mit einander spielten – oder er entblätterte eine arme Blume und horchte träumend auf die Vögel, die sich ihre Grüße zuriefen.
Wahrscheinlich wußte er nicht, was dieses Leben der Natur von ihm wollte. Doch ergriff es ihn sehr tief und führte ihn weg in das Reich der Träume, bis er endlich erwachte und dann wieder langsam weiter wandelte.
Plötzlich hielt er an, als ob es ihm eine innere Stimme befohlen; und er äußerte die Bewegungen feines Herzens in folgender Weise:
»Cäcilia, seit gestern weiß ich, was Ihr auszustehen habt. Man behandelt Euch mit Stößen und Schlägen? Ihr vergeht im Schmerze! Und doch liebt Ihr mich! Oh, wie sehr macht der Kummer Einen doch schwach! Ich fühle mich ohne Muth und ohne Kraft! Mir ist vor Allem bange, ich weiß nicht, wo aus und wo ein, mein Kopf wird schwer, und meine Sinne schwinden . . . Ich bin wahrhaftig krank!«
Da unterbrach er sich selbst mit einem Hohngelächter:
»Nennt Euch doch krank! Vertuscht so Euere Feigheit – doch selbst wenn mein Muth und meine Kraft wiederkehren – was kann ich thun? Soll ich meine Geliebte sterben lassen? Das wäre eine Missethat – oder ihn ermorden?«
Bei diesen Worten prallte er zurück, als hätte ihn der Rachen einer giftigen Schlange angestarrt. Abscheu und Entsetzen schnürten ihm die Kehle zu und er konnte kaum zu Worte kommen:
»Doch der ewige Richter über mir! Mein Seelenheil und meine Mutter! Nein, nein, lieber will ich meine Schmerzen erdulden und mein Kreuz bis zum Grabe forttragen. Oh! ich bin sehr elend!«
Und entmuthigt verfolgte er seinen Weg und preßte sich die Stirne mit den Händen zusammen, als fürchtete er, daß sie zerplatzen würde.
* *
*
Während der leidende Jüngling dem schattigen Stege folgte, der ihn, vielleicht ohne sein Wissen, gegen den Klosterhof führte, ereigneten sich in dem Hause des alten Geizhalses noch viel schrecklichere Dinge, als sich Bart es hätte träumen lassen.
Die Thür des alten Gebäudes öffnete sich. Auf der Schwelle stand ein Mädchen, bleich und hager; in der einen Hand hielt fiel ein schweres Bündel, mit der andern schützte sie ihre Augen gegen das blendende Sonnenlicht.
Ein Mann mit einer häßlichen Fratze stieß sie in den Rücken, so daß sie auf zwei bis drei Schritte weggeschoben wurde.
Zuerst blieb das Mädchen da stehen; es schien ihr Mühe zu kosten, sich von diesem Platze loszureißen. Doch auf das drohende Geheiß des Mannes ging sie quer über den Weg und erreichte hinter der Eichenhecke die Felder; bald war sie außer dem Gesichtskreise des Klosterhofes.
Noch hatte sie ihr Haupt nicht aufgerichtet, noch hielt sie sich die Augen mit der Hand zu; aber über ihre Wangen sah man reichliche Thränen fließen.
Allmälig übte die Wärme, das helle Licht, das Jubeleben der Natur einen wohlthätigen Einfluß auf ihre Nerven; sie wagte es aufzublicken.
Ihr erster Blick traf ganz verwundert das hohe Himmelsgewölbe; dann umfaßte sie mit steigender Wonne die Schöpfung um sie. Da spielte ein noch scheues Lächeln um ihre welken Lippen; ihr Busen hob sich, ihr Kopf regte sich auf dem schlanken Halle in die Höhe; das Feuer der Begeisterung trocknete ihre Augen; sie hob beide Hände auf und sprach leise, doch tief gerührt:
»Sei mir gegrüßt, du holde Freiheit!«
Dann breitete sie beide Arme aus, als wollte sie den weiten Raum an ihr schwellendes Herz drücken.
Dieser Enthusiasmus dauerte eine Weile; sie schwelgte im Genuß der schönen Natur, die vor ihr lag. Dann fiel sie in die rauhe Wirklichkeit zurück. Ihr Kopf neigte sich wieder auf die Brust, das anmuthige Lächeln verschwand: düster sah sie vor sich hin und stellte sich ihr schmerzliches Loos vor.
Sinnend schritt sie weiter; doch wie sie um eine Hecke bog, drängte sich ein Schrei der Ueberraschung aus ihrer Brust:
»Bart!« rief sie.
Wirklich stand der Jüngling schüchtern und zitternd vor ihr.
Die unerwartete Begegnung hatte zuerst eine himmlische Freude in den beiden liebenden Gemüthern hervorgerufen; bald traten Schreck und Trauer an ihre Stelle. Diese streitenden Gefühle lösten sich in einem Thränenschauer.
Der Junge nahm zuerst das Wort, um bitter zu klagen:
»Cäcilia, wie finde ich Euch abgehärmt!«
»Und Ihr, Bart! Ich erkenne Euch kaum!« schluchzte das Mädchen.
»Bei mir hat das nicht viel zu bedeuten! Aber daß Ihr, die leibhaftige Güte, ein wahrer Engel, also leiden mußtet, daß Ihr, wie ein armes Opferlamm, der Grausamkeit dieses Menschen preisgegeben wart, oh! ich könnte mir vor Aerger die Faust blutig schlagen. Gott stehe mir bei; sonst zerschmettere ich noch heute dem Henker seinen Kopf. Doch was wollt Ihr mit dem Bündel, Cäcilia, wo geht Ihr hin?«
»Man hat mich weggejagt!« seufzte das Mädchen und weinte wieder.
»Weggejagt!« rief Bart voll Entrüstung.
Aber diese erste Wallung legte sich bald und machte einer von Minute zu Minute steigenden Freude Platz; als er endlich einen klaren Blick in die Sache geworfen hatte, wiederholte er:
»Ihr seid auf immer weggejagt?«
»Ja, auf immer, « bekräftigte das Mädchen mit dumpfer Stimme.
»Cäcilia, wie könnt Ihr Euch darüber grämen? Ihr sitzt seit Monaten in einem dunkeln Gefängnisse und seid einem Henker überliefert, der Euch mißhandelt und bis aufs Blut peinigt. Und jetzt, wo wir verzweifelten und nur vom Tode Euere Erlösung erwarten konnten, jetzt bricht Gottes Hand Euere Ketten. Ihr seid frei . . . frei und doch noch traurig! Seht lieber mich an!«
Er warf sich auf seine Kniee, hob die Hände empor und rief mit Feuer:
»Ihr habt sie befreit, mein großer Gott! Seid gepriesen um Euerer Barmherzigkeit willen!«
Darauf versagte ihm die Stimme; doch blieb er auf den Knieen und flüsterte leise ein vielleicht um so innigeres Gebet.
Cäcilia sah mit Staunen auf den Geliebten. Nie war er ihr so schön erschienen als jetzt, wo er, ein Bild der Seelenreinheit, seine glänzenden Augen zum Allvater aufschlug. Auf seinem Gesichte ruhte ein so herzliches Dankgefühl, daß auch Cäcilia, so sehr sie noch eingeschüchtert war, ihren Zustand vergaß und sich von einer unbeschreibbaren Wonne durchdrungen fühlte.
Als der Jüngling, nachdem sein Gebet zu Ende war, sich langsam aufrichtete, entdeckte er in Cäcilia"s Zügen einen beinahe überirdischen Ausdruck von Seelenfreude.
Er faßte seine Freundin bei der Hand und rief:
»Kommt, kommt, meine arme Mutter wird so glücklich sein. Oh, bei uns zu Hause werdet Ihr angenehm leben! Euer Stuhl steht noch immer auf derselben Stelle: seit Euerer Abwesenheit ist er leer geblieben. Alles sehnt sich nach Euch. Kommt doch schnell!«
Cäcilia widerstand ihm und wollte die ihr angewiesene Richtung nicht einschlagen.
»Was beginnt Ihr, Cäcilia!« frug Bart niedergeschlagen. »Wollt Ihr denn nicht zu uns kommen?«
»Ich gehe nach der Stadt,« war die Antwort; »ich habe eine Base, welche dort als Näherin arbeitet; bei dieser hoffe ich mein Auskommen finden zu können.«
»Das nenne ich einen schönen Plan!« entgegnete Bart. »Ihr vergeßt, daß ich nun, wo Ihr wieder um mich seid, wo ich Euere lieben Augen immer sehen, Euere süße Stimme immer hören kann, mit neuem Muthe zu arbeiten im Stande bin, Ihr vergeßt, daß ich gern alle Finger darangäbe, um Euch die geringste Mühe und Arbeit zu ersparen. Nein, Ihr müßt durchaus zu uns kommen!«
»Ums Himmels willen, Bart, fordert das von mir nicht: es darf nicht sein.«
Und als ihr der Jüngling mit düsterer Verwunderung in die Augen sah, sprach fiel nochmals:
»Ihr könnt es mir glauben, lieber Bart, es darf nicht sein!«
Da schien eine Umwandlung im Gemüthe des armen Jungen vor sich zu gehen; der Kopf senkte sich wieder über die Brust, und er bemerkte mit erzwungener Gelassenheit:
»Die Freude hat mein krankes Herz wohl ganz behört – daran hatte ich nicht gedacht. Ja freilich, Cäcilia, ich bin armer Bauern Kind; Ihr ein reiches Fräulein . . . Es bleibt mir nichts übrig als zu sterben.«
Die tiefe Wehmuth dieser Klage schnitt Cäcilien durch das Herz, so daß sie ihre jungfräuliche Schüchternheit überwand, des Jünglings Hand drückte und ihn zu trösten suchte:
»Bart, mein lieber Freund, Ihr seid in Irrthum: die Sache verhält sich ganz anders. Mein Onkel hat mich enterbt; er macht ein Testament, welches dem Thys sein sämmtliches Vermögen hinterläßt; mir fällt kein Pfennig zu.«
Der junge Bauer sah zweifelnd zum Mädchen auf, während ein Lächeln um seine Lippen spielte.
»Ja, ja,« wiederholte diese, »ich bin jetzt arm, so arm wie Ihr selbst.«
»So arm wie ich?« rief der Jüngling, vor Freude außer sich, »so arm wie meine Mutter, wie meine Schwester! Lieber Gott, welch’ unverhofftes Glück! Die bösen Leute mögen ihren Mammon bewahren; uns bleibt der beste Reichthum, Cäcilia: ein Schatz von Freundschaft, Zuneigung und Liebe! Kommt schnell mit mir!«
Er nahm seine Geliebte wieder bei der Hand und wollte sie mit sich ziehen; diese aber entgegnete ganz traurig:
»Nein, Bart, es darf doch nicht sein!«
»Warum denn? Sagt mir nur warum?«
Da färbten sich Cäcilia"s Wangen, und sie blickte verschämt nieder:
»Hat Euch denn die Wittwe des Maurers gestern Nachmittag nichts mitgetheilt?«
»So sprach sie die Wahrheit!« fiel Bart ein. »Ich wagte es nicht der guten Kunde zu trauen!«
»Was wird man von uns sagen, Bart? Ihr seht nun auch ein, daß es nicht sein darf.«
»So wollt Ihr, Cäcilia, wirklich in die Stadt ziehen und uns hier allein lassen? Gott weiß, ob Ihr Euch nicht neue Schmerzen bereitet und auch von dort verstoßen werdet! Aus Rücksicht für das eitle Gerede der Welt könntet Ihr Euch entschließen, mich in den Tod zu schicken und so meiner armen Mutter die Stütze ihrer alten Tage zu entziehen?«
Er wartete auf eine Antwort; doch Cäcilia blickte unverwandt zu Boden.
Da flehte der junge Mann mit noch eindringlicherer Stimme:
»Liebe Cäcilia, Ihr werdet mit meiner Mutter schlafen und beständig um sie sein; ich werde Euch die ehrfürchtigste Liebe zollen, als wärt Ihr mein Schutzengel. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend werde ich mit frischer Lust arbeiten – nichts soll uns zu unserm Glücke abgehen. Dann blüht und lebt Ihr wieder auf: der Segen des Himmels ruht wieder auf unterm Hause wie zuvor! Oh! kommt doch zu uns, seid eine Schwester für meine Schwester, eine Tochter für meine Mutter!«
Und mit gefalteten Händen bat er um eine Antwort.
Cäcilia wankte in ihrem Entschlusse.
»Oh, Cäcilia, sprecht doch: erinnert Euch, daß über uns im Himmel der liebe Gott waltet, der in alle Falten unserer Herzen sieht und weiß, ob sie einen bösen Gedanken bergen!«
Ein eigenthümliches Lächeln erhellte das Gesicht des Mädchens; sie athmete tief auf und schien sich zu einem gewichtigen Entschlusse zu fassen.
»Wohlan?« frug Bart und bebte in freudiger Erwartung.
»Wohlan, es sei!« war die ersehnte Entscheidung. »Euere Mutter werde auch meine Mutter! Ihr neues Kind wird mit ihr leben!«
Da flog ein geller Schrei, der beinahe einem Schmerzenstone glich, aus der Brust des überglücklichen Bart; dann deckte er sich die Augen mit den Händen zu und durch eine Finger glitten die unaufhaltsamen Thränen über seine Backen.
Das Mädchen begriff nicht den Grund dieser so heftigen Gemüthsbewegung und suchte ihm Trost einzureden.
»Ach« seufzte dieser und lachte und weinte fieberhaft durcheinander, »die übermäßige Freude wird auch zur Pein; sie wirkt drückend und betäubend auf Herz und Kopf . . . doch jetzt ist es vorbei. Kommt, liebste Freundin!«
Sie schlugen einen andern Weg ein. Bart war völlig umgewandelt. Er hielt den Kopf aufrecht und blickte stolz um sich; seine Wangen waren leise geröthet; seine Augen funkelten; Arme und Beine bewegten sich ungestüm, als hätten sie, zum ersten Mal nach langer Zeit, ihre Fesseln abgeschüttelt. Dazu überströmte ein volles Herz von Freudebezeigungen.

»Lieber Gott! wie prächtig ist doch das Leben! Seht, Cäcilia, ich bebaue das Feld oder spalte die Reife im Hof: Ihr beschäftigt Euch, wie zuvor, damit, Kleider zu verfertigen; Wanna verpflegt die Kuh; die Mutter leistet Euch Gesellschaft und bereitet das Essen. Alle theilweisen Gewinne legen wir zusammen und bilden so einen Spartopf. Dann kaufen wir noch eine Kuh und nehmen mehr Land in Pacht. Und wer weiß, mit der Zeit können wir eine Magd halten. Mit Gottes Hilfe wird das Kapellenhoefken so prächtig gedeihen, daß Ihr an den alten, finsteren Klosterhof gar nicht mehr denkt.«
»Ihr werdet beredt, Bart!« sprach Cäcilia. »Ihr eröffnet meinen Augen ein wahrhaftiges Paradies!«
»Es soll auch zum Paradiese werden!« fuhr Bart munter fort. »In dem Garten pflanze ich die schönsten Blumen und lenke kleine Wege durch die Beete; dann baue ich hübsche Käfige und hänge sie überall hin – von allen Seiten soll uns der frohe Gesang entgegenschallen; dann lerne ich neue Lieder, und erzähle drollige Geschichten und hüpfe und springe – und danke unserm Herrgott, Tag aus, Tag ein, daß er uns unter demselben Dache vereint. Cäcilia, steht uns da nicht ein prächtiges Leben in Aussicht – doch, dort am Brunnen sehe ich die Mutter mit Wanna!«
Bei diesen letzten Worten verließ er Cäcilia und rannte pfeilschnell nach Hause. Doch trotz seiner Ungeduld rief er: »Mutter, Wanna!« mit so starker Stimme, daß sie über Wiesen und Felder schallte.
Die Mutter kehrte sich um und sah voll Verwunderung, wie er in vollem Laufe auf sie zu kam. Seine sonderbaren Geberden und unverständlichen Rufe bewirkten, daß auch Wanna mit offenem Munde von Bart nach ihrer Mutter blickte, um die Erklärung des Räthsels zu erhalten.
Doch blieb der Frau nicht die Zeit, ihr Staunen in Worte zu übersetzen; denn schon kam ihr Sohn, keuchend und jauchzend, in den Hof gestürmt und rief, noch ehe er recht zu Athem gekommen war: »Mutter, liebe Mutter, und Ihr, liebe Wanna, wißt, daß ich ganz genesen bin! Ihr dürft wieder lachen und fingen und lustig sein: Cäcilia ist da. Gleich kommt sie; man hat sie weggejagt: sie ist jetzt so arm wie wir, der Onkel hat sie enterbt; sie wird mit uns wohnen und Euere zweite Tochter sein! Seht, da ist sie schon! – die Gute lächelt Euch entgegen. Von jetzt an wollen wir nie mehr weinen; auch ich fühle mich so munter und kräftig.
Ach und Weh bleibt nun begraben
Weil wir immer Kirmeß haben!«
Die arme Frau sah ihren Sohn mit unaussprechlicher Freude an. Zuerst hatte sie gefürchtet, er wäre wahnsinnig geworden; aber der Ton seiner Stimme beruhigte sie wieder, und jetzt verschwand jeder Zweifel, indem Cäcilia selbst mit eiligen Schritten in den Hof trat.
Eine gleichzeitige Bewegung öffnete die Arme der gerührten Mutter und des glücklichen Mädchens – die neue Tochter lag in den Armen der alten Frau und empfing von ihr einen Kuß, der wie ein Funke aus dem heiligen Brandopfer der Liebe aufstieg.
Bart sah dieser ergreifenden Szene zitternd zu und konnte sich neuer Thränen nicht erwehren. Er warf noch einen Blick zum Himmel, sank aber, von seinen Gefühlen überwältigt, am Brunnen zusammen.
Wanna tanzte, klopfte jubelnd in die Hände und rief:
»Oh Gott! wie herrlich hat sich Alles gefügt!«
Bald erwachte Bart aus seiner Betäubung. Er schien etwas zu fürchten, näherte sich seiner Mutter und schob sie, mit Cäcilia und Wanna, in die Thür des Wohnhauses.
Sie folgten dem Gebote des jungen Mannes.
Bart wollte die Thür hinter sich schließen; doch da sah er, daß Kaet, die Bettlerin, mit ihrem Kinde herbeieilte. Er streckte den Kopf zur Thür hinaus und machte ihr allerlei Zeichen der Ungeduld, um ihren Gang noch zu beschleunigen. Sobald sie im Hof war, rief er ihr zu:
»Schnell ins Haus, Kaet! Ihr werdet was froh sein. Cäcilia ist darinnen!«
Dann verschloß er die Thür hinter sich.
VII
Seitdem Cäcilia auf dem Kapellenhoefken wohnte, war die niedere Hütte wirklich zum Paradiese geworden, wie Bart im ersten Freudentaumel es sich ausgemalt hatte.
Glück und Friede herrschten hier. Bart arbeitete unermüdlich den ganzen Tag und sang dazu feine lustigsten Lieder; seine frische Jugendkraft war zurückgekehrt; ein beständiges Lächeln schwebte auf seinem von Gesundheit blühenden Gesichte; er hatte an alle Welt nur freundliche Worte und Mienen zu verheilen; er bot, in einem Worte, das vollendete Bild des Vergnügens dar.
Am meisten trug dazu die Ueberzeugung bei, daß Cäcilia den Aufenthalt auf dem Kapellenhoefken nicht bereute. Zwar verfiel sie noch zuweilen in ein stilles Sinnen, wenn sie an ihren alten Onkel und an die Leiden dachte, die das Geheimniß des Klosterhofes ihm vielleicht vorbehielt; allein diese schmerzliche Betrachtung konnte das Glück nicht aufwägen, das für sie aus der zärtlichen Zuneigung Barts und seiner Mutter entsprang, und die Lebensfreude, welche sie rings umgab, nicht trüben. Auch von ihren Wangen verschwand allmälig der bleiche Ton, den ihr der Kummer aufgedrückt, und obgleich sie im Ganzen still und zurückgezogen blieb, stimmte sie oft in das heitere Lächeln, das aus einem zufriedenen Herzen rührt.
Sie fertigte Kleider für die Frauen im Dorf; und da sie in diesem Fach eine ziemliche Geschicklichkeit hatte, verdiente sie durch ihre Arbeit ein erkleckliches Geld. Dieser Erfolg erfreute sie ungemein und nährte bei ihr und Bart die Hoffnung, der kleinen Wirthschaft bald eine größere Ausdehnung geben zu können. In der Regel fielen wöchentlich einige Stüber in den Spartopf; ging er einmal leer aus, so glitt zuweilen eine silberne Münze mit hinein – also mehrte er sich; und wenn Bart sich in das Zimmer der Mutter schlich und an der Büchse rüttelte, welche die Ersparnisse der Liebe und Arbeit bewahrte, so antwortete ihm ein heller, viel verheißender Ton.
Der Jüngling hatte. Alles in’s Werk gesetzt, um die Wohnung seiner Mutter auszuschmücken und sie der Geliebten recht angenehm und heiter zu machen; er wandte dazu Alles auf, was in seinem Bereiche lag. In dem kleinen Garten hinter dem Hofe hatte er Beete und kleine Wege angelegt und sie mit spanischem Grase eingefaßt. An einem Ende, gegen die Buchenhecke, baute er einen Pavillon und umschattete ihn mit Geißblatt und Jelängerjelieber; darin zimmerte er zwei Bänke, die einander gegenüber standen – die eine für Cäcilia und seine Mutter, die zweite für sich und seine Schwester. Dort vereinigten sie sich Alle des Sonntags nach der Vesper zum heitern Gesange oder traulichen Gesprächen, worin sie ihr friedliches Leben und Gottes Milde priesen.
In dem Garten prangten allerlei Blumen, sowohl diejenigen, die auf den Haiden und in den Gesträuchen der Kampine zu treffen sind, als auch fremde Blumen aus den verschiedensten Gegenden – letztere hatte Bart von Franz, dem Knechte des Schloßgärtners, bekommen.
Am Hause selbst hing eine Reihe von Käfigen, aus denen ein fortwährender Wettgesang schallte; Tauben, so zahm, daß sie aus Cäcilia’s Hand fraßen, nisteten unter dem Dache und stolzierten oft mit aufgeblasenen Federn durch die schlängelnden Pfade. In den Ecken des Gärtchens standen auf langen Stöcken Mühlen, die sich drehten, und Jäger, die mit gefälltem Gewehr die Richtung anwiesen, aus der der Wind blies; aus Liebe zu Cäcilia hatte Bart Mühlen und Figuren, so gut er konnte, gedrechselt.
Wanna hatte ihren Theil an der allgemeinen Wonne und freute sich wie ein Kind über das Glück der Andern.
Die alte Mutter wurde von Allen geliebt und geherzt; jedem ihrer Blicke strahlte aus den Augen ihrer Kinder ein so inniges Glück entgegen, daß sie gewiß nicht gewünscht hätte, ihr Loos gegen dasjenige der gnädigen Frau auf dem Schlosse umzutauschen.
So fehlte nichts, um das Kapellenhoefken zu einem wahren Paradiese zu machen.
* *
*
Anders sah es in dem düstern Klosterhofe aus. Seit Cäcilia’s Scheiden war das alte Haus noch stiller und einsamer geworden, und stand da eine wahre Todtengruft zwischen dem frischen Laubwerk – ein von Gott selbst verwünschtes Gebäude!
Die Bauern, die auf den nahen Feldern arbeiteten, bemerkten, daß die Thür zuweilen Tage lang verschlossen blieb. Das geheimnißvolle Haus mit seinen morschen Mauern und zerschlagenen Fensterscheiben flößte ihnen einen wirklichen Schrecken ein, und nur die Muthigsten wagten es, im Dunkel ihren Weg den mißliebigen Mauern entlang zu nehmen.
Zwei Sonntage hinter einander war Onkel Jan nicht in die Kirche gekommen. Thys hatte einem Jeden, der sich nach ihm erkundigte, erzählt, der Alte läge, mit der Gicht behaftet, im Bette.
Obgleich man wußte, daß der Onkel Jan vor Zeiten an diesem Uebel gelitten hatte, nahm man diese Erklärung nicht überall als die Wahrheit an. Doch man kümmerte sich im Allgemeinen nicht viel um den schnöden Geizhals: Cäcilia allein hatte, bei der Nachricht von des Onkels Krankheit, heftig geweint.
* *
*
Es war gegen die Mitte der Woche, an einem frühen Morgen.
Thys saß am Heerde, in dem ein leidliches Feuer brannte. Er hielt mit der Zange ein Stück Fleisch über die Kohlen, um es zu braten, und tauchte es zuweilen in einen Teller voll geschmolzener Butter. An der Seite des Heerdes stand in der heißen Asche ein steinerner Topf, der dampfte.
Als das Fleisch gebraten war, setzte es Thys auf den Tisch und verschlang es mit einem gierigen Lächeln. Dann brachte er Teller und Brod in den Speisekasten zurück, wischte sich den Mund ab und setzte sich wieder vor’s Feuer.
Mit der Zange hob er etwas Gemüse aus dem kochenden Topfe, ließ es dann wieder zurückfallen und sprach zu sich selbst:
»Das Essen des Alten sieht fürwahr recht lecker aus! Davon meint er wieder zu Kräften zu kommen. Als ob sich der Magen wie ein Einfaltspinsel betrügen ließe! Welcher Esel mag nur das Kochbuch geschrieben haben, in dem er seine Küche studiert. Ja, die Cichorie und Brunnenkresse wird ihm viel junges Fleisch an die alten Beine zaubern. Ich muß ihm noch die Kresse suchen, um die Leute aufmerksam zu machen. Ich habe auch etliche Hand voll Löffelkraut hinein gethan. Das ist gut gegen den Skorbut. Der Geiz verläßt ihn selbst auf dem Sterbebette nicht. Nun, im Grunde ist mir wenig daran gelegen. Will er es versuchen, ob er leben kann ohne zu essen, so mag es ihm glücken. Zuerst hatte ich gedacht, daß er es nicht so lange aushalten würde – aber er ist so zäh wie eine Katze.«
Da blickte er in’s Freuer und überlieferte sich seinen Gedanken; nach und nach wurde sein Gesicht ganz ernst, und er murmelte vor sich:
»Ja, wirklich zäh wie eine Katze! Weiß Gott, wie lang sein Lämpchen noch glimmen wird. Ich bin meiner Sache noch nicht sicher, vielleicht habe ich auf das Fell des Bären spekuliert, ehe das Thier in der Falle ist. Diesen Morgen sagte mir der Pachter Klaes, daß der Bürgermeister und Pfarrer sich nach dem Befinden des Alten erkundigt hätte. Und das abscheuliche Weib, das die Leute gegen mich aufhetzt! Der Hexe habe ich es zu danken, daß das ganze Dorf mich haßt. Als ich heute, auf zwanzig Schritte vom Hause, die Cichorie ausstechen wollte, schnitt sie mir schon wieder hinter der Hecke ihre Fratzen. Die verdammte Bettlerin bringt mich noch in’s Unglück! Wenn nun Bürgermeister und Pastor herkommen wollten, um den Alten zu besehen. Daß mich ein Testament zum Universalerben einsetzt, ist allgemein bekannt: was werden sie dem Alten nur vorhalten. Der Pfarrer absonderlich könnte ihm allerlei Dinge vorschwatzen wollen!«
Dieser Gedanke brachte ihn zum Zittern. Doch, nachdem er eine Weile die Stirne auf seine Hand gestützt hatte, fuhr er fort:
»Um jeden Preis muß ich verhüten, daß Jemand mit ihm spreche. Schon beginnt er über das, was er gethan hat, unangenehm zu grübeln und hat auch ohne Unterlaß Cäcilia’s Namen im Munde. Mit geringer Mühe ließe sich der alte Narr zu einem neuen Entschlusse treiben. Was fange ich an? Die Leute müssen zum Schweigen gebracht werden – aber wie? Daß ich so mutterseelenallein mit dem Alten bin, flößt das meiste Mißtrauen ein. Wäre Cäcilia noch hier, so gäbe man sich nicht so viel mit dem Knicker ab – doch dazu bin ich nicht dumm genug, um die Katze mit dem Fleische in denselben Kasten zu schließen! Um aber den Pfarrer und den Bürgermeister und die ganze Sippschaft zufrieden zu stellen, habe ich doch nur das Eine Mittel, daß ich Jemanden in’s Haus nehme, der scheinbar die Botschaften besorgt – nur dürfte er den Onkel Jan nie zu sehen kriegen! Von zwei Gefahren will ich die geringste wählen – aber wen kann ich hernehmen?«
Er besann sich einen Augenblick und schüttelte mißmuthig den Kopf; dann verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln:
»Da hab’ ich eine prächtige Idee, wenn sie nur auszuführen ist! Es wird wohl etwas viel kosten – denn sein Versprechen muß man halten, heißt es – obendrein hat es keine Gefahr! Nun, ich will mich nicht zu rasch entschließen, sondern vorher Alles reiflich überlegen. – Das Löffelkraut für den Alten ist jetzt wohl mürbe gekocht. – Wenn ich das Ding recht betrachte, so ist mir ein kluger Feind lieber, als ein dummer Freund; vielleicht geht die Bettlerin in die Schlinge. – Es ist aber jetzt Zeit, daß der Onkel Jan sein Essen bekommt!«
Damit nahm er den Topf vom Feuer, ging durch eine Seitenthür und verfolgte einen langen, finstern Gang, der ihn zu einer Treppe führte. Nachdem er diese hinaufgestiegen und durch einen zweiten Gang gekommen war, hielt er endlich an Onkel Jans gewöhnlicher Schlafkammer an.
Da lag der unglückliche Greis in einem Bett, dessen schmutziges Aussehen selbst einen Bettler zurückgeschreckt haben würde. Die Krankheit hatte ihm beinahe alles Fleisch aufgezehrt; eine eingefallenen Wangen waren fast durchsichtig geworden; seine Augen waren eingesunken und leuchteten, wie verglast, aus ihren Höhlen; der Entsetzen erregende Ton eines Gesichtes war nicht so sehr eine Blässe, als die Abwesenheit aller Inkarnation, wogegen die bläulichen Lippen des Alten hochgefärbt abstachen.
Alles in dem Gemache trug den Stempel vollkommener Vernachlässigung und beengte mit traurigem Mißmuth das Herz des Beschauers. Die hohen überwölbten Wände, an denen seit dem Verfall des Klosters keine Menschenhand gerührt hatte, waren unter einer so dichten Lage von Staub und Schmutz bedeckt, daß sie jeder nähern Untersuchung entgingen. Gegen den Westen war die Wand feucht; das Wasser sickerte durch und lief durch den halb vermoderten Fußboden bis zu den Grundfesten des Gebäudes. Dieser ungesunde Kanal nährte an seinen Rändern allerlei Schimmelpflanzen, und Salpeter drängte sich in glitzernden Flocken zwischen den Fugen hervor.
Ein einziges hohes Fenster, an dem alle Scheiben zerbrochen waren, doch das dagegen mit einem dicken eisernen Gitter versehen war, ließ in das Zimmer ein so spärliches Licht ein, daß sich das Auge erst daran gewöhnen mußte, ehe es in dem Halbdunkel einen Gegenstand zu unterscheiden vermochte. Obschon draußen auf dem Felde die Sonnenstrahlen schon brannten, so herrschte hier eine feuchte Kälte, die den Athem beklemmte. An dem Bette standen ein Stuhl und ein Tisch; auf letzterem befand sich ein Krug mit Wasser und eine Kruste schwarzes Brod, welche noch die Spuren der Zähne wies, die zuletzt hineingebissen hatten. Beinahe hätte man denken können, daß hier ein Gefangener schmachtete, den ein grausames Urtheil dazu verdammt hatte, eines langsamen Hungertodes zu sterben.
Onkel Jan schien zu schlafen; doch mußte dem nicht ganz so sein; denn beim Eintreten des Thys schob er mit einer krampfhaften Bewegung etwas unter die Decke, das dabei klang wie an einander rasselnde Schlüssel.
Dem Thys war weder die Bewegung, noch das Geräusch entgangen: ein schlaues Lächeln erschien auf einem Gedichte, und er spitzte die Ohren, um sich des metallenen Klanges zu vergewissern. Dann ging er bis zum Bette, stellte den dampfenden Topf auf den Tisch und sprach mit rauher Stimme:
»Hier habt Ihr Euer Essen, Onkel Jan!«
Der Kranke wollte sich nach einer Seite kehren, doch nach einer peinlichen Bemühung fiel sein Körper wie Blei zurück.
»Mit mir ist es aus,« seufzte er. »Diese Nacht fühlte ich mich so elend, lieber Thys!«
»Ich will Euch beistehen,« bemerkte Thys und streckte ihm die Hände entgegen.
»Oh! nein, nein!« flehte der Alte, dem die angebotene Hilfe eine gewisse Angst einflößte.
Thys aber gab darauf nicht Acht, sondern umfaßte mit beiden Armen den Leib des Alten, hob ihn barsch auf und schob ihn, wie ein Stück Holz, gegen das Kissen.
»Ihr thut mir so weh!« jammerte der Alte.
»Ich thue Euch wehe?« frug Thys mit erheucheltem Mitleiden. »Was kann ich dafür, daß Ihr so empfindlich geworden seid? Ich mußte Euch wohl anpacken, da Ihr Euch allein nicht aufraffen konntet. Nun ist es doch vorbei, und Ihr könnt etwas Speise genießen; aber verbrennt Euch nicht die Zunge: es ist noch heiß.«
Zitternd griff der Alte zum Löffel und nahm sich einige Blätter aus dem Topfe, sprach jedoch dazu:
»Meint Ihr, Thys, daß die ewigen Kräuter mir zu etwas helfen? Ich fühle mich so erbärmlich schwach und elend!«
Thys ließ diese Klage unerwiedert und maß den Greis mit prüfenden Blicken. Trotz der Mühe, die er sich gab, um die Regungen seines Gemüths zu verhehlen, zeigte sich auf seinem Gesichte eine freudige Ueberraschung; die sichtlich zunehmende Schwäche des Alten machte ihm ein großes Vergnügen; die Erwartung, daß es mit ihm bald zu Ende gehen würde, entflammte seine Augen.
Onkel Jan hatte etliche Löffel von dem Gemüse zu sich genommen; dann schüttelte er mit dem Kopf, ließ den Löffel fallen und blickte Thys ernst an, als hätte er ihm etwas vorzuwerfen.
»Nun, was habt Ihr denn wieder?« frug dieser.
Der Alte antwortete mit Ekel:
»Das Essen ist doch zu schlecht! Der Mund brennt mir wie Feuer, und der Magen zieht sich zum Krampf zusammen!«
»Es fehlt nur noch, daß Ihr Euch für vergiftet haltet. Die Brunnenkresse brennt immer so; Ihr verdaut sie nicht leicht!«
Der Alte entblößte seinen Arm und flehte:
»Seht hierher, Thys, und seid barmherzig. Bin ich nicht ein wahres Skelett?«
»Seid doch vernünftig und deckt Eueren Arm wieder zu. Als ob Jemand ein wärmeres Mitgefühl für Euch haben könnte, als gerade ich? Aber die Krankheit raubt Euch alle Besinnung. Ihr bildet Euch zuletzt ein, daß Ihr im Sterben liegt?«
»Bin ich denn nicht sehr krank?«
»Krank, das gebe ich zu; aber lange nicht so sehr, als Ihr wähnt. Ihr seid im Gegentheil noch recht kräftig, Onkel Jan. Die magern Leute leben bekanntlich am längsten; wenn Euch nichts Aergeres dazu stößt, so hat es Nichts auf sich!«
»Ich wollte, Ihr hättet Recht, Thys!«
Auf diese verzweifelte Aeußerung folgte eine kleine Pause.
»Oh, mich hungert so gewaltig!« wimmerte der Alte.
»Nun, so eßt!« entgegnete Thys und schob ihm die Kruste Schwarzbrod in die Hand.
Der Alte nagte an der trockenen Kost und bemerkte dazu:
»Thys, ich möchte etwas Anderes essen; das Brod schmeckt wie Sand.«
»Was wollt Ihr essen? Es stehen im Buch noch andere Kräuter, die wir versuchen können.«
»Nein, ich möchte Fleisch und Fleischbrühe haben. Das würde mir schmecken! Bei dem Gedanken allein läuft mir das Wasser in den Mund.«
Thys wurde ganz mißmuthig, bezwang aber seine böse Laune und sprach:
»Wie könnt Ihr nur an Fleisch und Fleischbrühe denken? Das würde hinreichen, um das Uebel ärger zu machen und Euch augenblicklich den Tod zu bringen. Seit so vielen Jahren habt Ihr Euch das Fleischessen abgewöhnt!«
»Gebt mir doch Fleisch, ich bitte Euch darum, lieber Thys!«
»Nun, Ihr seid Euer eigener Herr! Kommt nur mit dem Gelde heraus, und wenn es Euch in’s Grab befördert, so müßt Ihr mir bezeugen, daß ich Eure unvorsichtige Gierigkeit bekämpfte!«
»Geld und wieder Geld,« murrte der Alte. »Das bleibt doch stets Euer erstes und letztes Wort!«
Er steckte die Hände unter die Decke und schien sich damit abzugeben, Geldstücke zu zählen und zu betasten. Endlich langte er etwas für Thys hervor und sprach:
»Dafür dürft Ihr mir Fleisch holen!«
»Wirklich,« spottete Thys, indem er das Geldstück besah; »ein Stüber! Ihr wollt für einen Stüber Fleisch haben? Nun, das wird ein prächtiges Stück sein! Für so wenig Geld ist kein Fleisch zu bekommen. Wenn Ihr nicht zwanzig Cents daran wenden wollt, kann ich Euch nichts holen . . . «
»Zwanzig Cents, lieber Himmel! Ein Bißchen Fleisch sollte zwanzig Cents kosten?« murmelte der Greis ganz verdrießlich. »Nun, die Ausgabe erneut sich nicht. Da habt Ihr noch fünfzehn Cents und bringt mir den Rest zurück. Sucht doch etwas abzuhandeln. Beine geben auch eine gute Suppe und kosten weniger.«
»Schon gut,« war die ungeduldige Antwort, »wenn etwas übrig bleibt, sollt Ihr es bekommen!«
Er stand dann auf und wollte schon zum Zimmer hinaus, als der Alte sich wieder an ihn richtete:
»Thys, ich vergaß, Euch noch um etwas zu fragen!«
»Dann macht aber schnell,« fiel dieser unwillig ein.
»Geht doch nicht so rauh mit mir um!« flehte der Alte. »Seht, Thys, diese Nacht war mir recht bange, daß ich bald sterben müßte, und die Angst trieb mir schon den Schweiß an die Stirne. Wißt Ihr warum? Wie, wenn ich ohne Beichte aus diesem Leben geschieden wäre!«
»Was ist das für ein neuer Unsinn?« rief Thys, ohne seine eigene Angst ganz verbergen zu können.
»Thys, lieber Thys,« flehte der Kranke, »wäre es nicht zuträglich, daß der Pfarrer sich hierher bemühte, um mich mit dem Himmel zu versöhnen? Gott ruft uns zuweilen so unerwartet ab!«
Er bekam keine Antwort von Thys, der mit gekreuzten Armen vor dem Alten stehen blieb.
»Und dann möchte ich auch die Cäcilia einmal sehen, ehe ich das Zeitliche verlasse. Sie hat sich an mir vergangen und ist schuldig; und doch denke ich stets an sie – und möchte ihr gerne verzeihen, ehe ich vor des Ewigen Thron erscheine!«
»Ihr entwickelt Euch immer schöner,« spottete Thys; »nun beginne ich wahrlich zu glauben, daß Ihr, wenn auch nicht körperlich, doch geistig krank seid. Cäcilia lacht Euch aus, sie lebt bei ihrem ausgelassenen Freier und beide verspotten Euch weidlich. Ich habe sie gefragt, ob sie Euch nicht besuchen wollte, erhielt aber zur Antwort, daß Ihr die große Reise in die andere Welt wohl unternehmen könntet, ohne sie zu sehen.«
Der Alte ließ den Kopf über die Brust sinken und wischte sich zwei Thränen aus den Augen.
»Ja,« fuhr Thys fort, »laßt Pfarrer und Doktor kommen; öffnet Euere Thür allen Denen, die sich hereindrängen wollen – doch macht Euch darauf gefaßt, daß sie um die Wette in Eueren Beutel fahren. Mit Stübern sind diese Leute nicht abzuspeisen; jeder Besuch, jedes Wort wird Euch Gulden kosten!«
»Dann wollen wir lieber noch etwas warten,« seufzte der Alte und sank verzweifelt und schmerzlich in sein Bett zurück.
»Auf baldiges Wiedersehen,« sagte Thys. »Haltet Euch nur tapfer: Euere Krankheit hat wirklich nicht viel zu bedeuten.«
Mit diesen Worten verließ er das Zimmer und begab sich nach unten. Dort blieb er eine Weile am Kamine sinnend stehen:
»Da wäre die Bombe geplatzt! Heut will er den Pfarrer, und Cäcilia, und Fleischspeisen haben; morgen braucht er den Doktor, und übermorgen den Notar. Doch sachte! Er kann sich um sie heiser schreien, es soll ihm nichts fruchten. Der Alte ist in meiner Gewalt, und es wird ihn Niemand hören. Aber wie, wenn man von außen zu ihm dringen will; wenn der Pfarrer selbst den Wunsch äußert, ihn zu sehen? Da bleibt mir ein einziges Mittel; ich muß mich mit Kaet, der Bettlerin, verständigen. Doch heißt es dabei umsichtig zu Werke gehen! Ohne Beichte will ich ihn nicht sterben lassen; das will ich nicht auf dem Gewissen haben – und dann könnte es mich nach seinem Tode verdächtigen – doch habe ich genug Zeit vor mir, um daran zu denken. Ah, der Alte will Fleisch essen! und gesund werden! und vielleicht ein Testament verändern! Heute haben wir Donnerstag, da finde ich kein Fleisch; morgen, Freitag, und übermorgen, Samstag ist das Fleisch verboten – und nachher braucht er es vielleicht nicht mehr. Jetzt will ich mich nach der Bettlerin umsehen, ob mit ihr etwas auszurichten ist. Geht es nicht nach meinem Sinne, so versuche ich etwas Anderes. Es ist mir vor dem Weib ein bisschen bange; aber mit wenigem Geld und vielen Versprechen wird sie wohl zu gewinnen sein. So wären zwei Hindernisse aus dem Wege geräumt: ihre Feindschaft und das Gerede der Leute. Und ist sie mir treu, so finde ich in ihr eine Schildwache, die das Haus während meiner Abwesenheit hütet. Wir wollen sehen, wer von uns beiden am schlimmsten ist!«
Dann verließ er den Klosterhof und sperrte die Thür von außen ab.
»Wenn der Onkel Jan während meines Ausgangs verscheiden wollte, so wäre Alles abgethan. Aber dazu ist der Alte zu dumm. Doch wer weiß? Möglich ist Alles!«
So verfolgte er seinen Weg gegen das Dorf.
Plötzlich merkte er, daß Cäcilia ihm aus der Ferne entgegenkam; zuerst war ihm die zu erwartende Begegnung unangenehm, doch faßte er sich bald.
Das Mädchen wurde ihn erst gewahr, als sie ihm ganz nahe gekommen war. Dann stellte sie sich vor ihn mit flehender Miene und sagte:
»Ich bin recht froh, Thys, daß ich Euch einmal zu sehen bekomme. Seid so gut und gesteht mir die lautere Wahrheit: wie steht es mit dem Onkel?«
Der aufrichtige, freundliche Ton der Frage stellte Thys in Hinsicht des Vorhabens Cäcilia’s sicher: auch antwortete er gutgelaunt:
»Es geht ihm leidlich gut, Cäcilia. Er hat die Gicht; das ist die Krankheit der reichen Leute. Daran ist noch Niemand gestorben, und auch er wird bald wieder gesund sein, obgleich er jetzt noch das Zimmer hütet.«
»Und hat er viel auszustehen?«
»Allerdings noch ein wenig; aber es ist erträglich!«
Cäcilia"s Augen wurden feucht.
»Und Ihr versorgt ihn gut, Thys. Es geht ihm nichts ab, das ihm Trost und Beistand verschaffen kann?«
»Was könnte ihm nur abgehen; er ist zufrieden.«
Das Mädchen blickte Thys so freundlich an, daß dieser sich darüber nicht genug wundern konnte. Vielleicht dachte er, daß sie ihm ihre Liebe bezeigen wollte:
»Ja, Cäcilia, hättet ihr meiner Bewerbung Gehör geschenkt, so wärt Ihr zur gnädigen Frau geworden. Jetzt ist es zu spät und ich behalte die ganze Erbschaft. Das habt Ihr von Eurem kindischen Eigensinn!«
»Thys,« unterbrach ihn das Mädchen und schaute ihn noch immer freundlich an, »darf ich Euch um etwas bitten?«
»Warum nicht?«
»Werdet Ihr es mir auch zugeben? Ihr könnt auf meinen Dank rechnen!«
»Laßt mich die Bitte hören!« »Es ist mir so schmerzlich, Thys, daß ich meinen armen Onkel während seiner Krankheit nicht ein einziges Mal besuchen darf. Ihr wißt, wie sehr ich ihn liebe. Laßt mich zu ihm kommen, um Gottes willen: ich werde dann für Euch beten.«
Der Heuchler zuckte die Achseln und erwiederte:
»Daran habe ich auch schon gedacht; und, wenn es von meinem Willen abhinge, so könntet Ihr ihn heute noch besuchen.«
»Seht, Thys, es darf Euch vor mir nicht bange sein; selbst wenn Ihr mir mein Erbtheil zurückgeben wolltet, würde ich es nicht annehmen. Ich kenne ein anderes Mittel, um hier auf Erden glücklich zu werden.«
Dann faltete sie die Hände zusammen und bat wieder:
»Thys, lieber Thys, laßt mich zu ihm kommen. Ich werde nur einen Augenblick bei ihm verweilen: vielleicht gewährt es ihm in seinen Schmerzen Linderung.«
»Da täuscht Ihr Euch. Wohl in die zwanzig Mal habe ich mich erkundigt, ob er Euch nicht zu sich kommen lassen wollte; bis jetzt hat die Bemühung keinen Erfolg. Er ist gegen Euch so aufgebracht, daß er in Zorn geräth, sobald er Euch nennen hört: das ist nicht gut für die Gicht.«
Peinlich getroffen, weinte Cäcilia und hielt sich die Schürze vor die Augen:
»Was habe ich denn verbrochen, lieber Gott? Er, den ich wie einen Vater liebe, von dem ich beinahe jede Nacht träume, ist böse auf mich und haßt mich! Doch habe ich, seit ich aus seinem Hause bin, keine Thräne vergossen, die nicht ihm galt. Wenn er nur wüßte, wie sehr ich ihm zugethan bin, er würde mich nicht so grausam von sich stoßen wollen.«
»Ihr könnt Recht haben, Cäcilia; aber die alten Leute haben eigene Grillen. Tröstet Euch nur, ich will noch trachten, ihn zu überreden. Vielleicht gelingt es mir, er ist nicht mehr so arg wie vorher. Ich kenne ihn: in ein paar Tagen stimme ich ihn um . . . und dann melde ich es Euch alsogleich!«
»Habt doch die Güte, lieber Thys, zeitlebens bleibe ich Euch dafür verbunden!«
»Jetzt muß ich weiter gehen, Cäcilia; Ihr dürft hoffen.«
»Und falls seine Krankheit ernstlich würde, Thys?«
»Dann hole ich Euch, er mag es wollen oder nicht.«
»Dank, Dank, lieber Freund,« rief Cäcilia dem Thys nach, während sich dieser schon entfernte.
»Die Cäcilia ist doch ein eigenes Mädchen,« sprach er, indem er seinen Weg verfolgte; »ich glaube wirklich, daß sie im Stande wäre, das Erbtheil auszuschlagen, wenn man es ihr anböte. Mit ihren andern Mitteln zum glücklichen Leben meint sie wohl die Liebe! Ich bin neugierig zu erfahren, wie lange so ein Liebesglück anhält. Ein Vogel, der in seinem Käfig kein Futter findet, hat sich bald ausgesungen. – So, sie möchte gern den Onkel besuchen. Das werden wir schon zu hintertreiben wissen!«
Während er so über das und manches andere dachte, nahm er einen andern Weg zur Seite, bis er am Saum des Gehölzes eine Hütte erblickte.
»Nun aufgepaßt! Dort wohnt die Wittwe des Maurers. Sie darf meine Absicht nicht zu schnell inne werden. Sie muß zu Hause sein; denn da sehe ich ihr Kind, das im Sande wühlt!«
Mit leisen Schritten kam er bis zur Wohnung der Wittwe. Das Kind hörte ihn erst, als er knapp an ihm stand und es ansprach:
»Guten Tag, liebes Mieken, wo ist denn Euere Mutter?«
Das Kind sprang zitternd auf, als hätte es die Stimme eines bösen Geistes gehört, schlug einen Blick des Schreckens auf Thys und flüchtete sich dann, schreiend und jammernd, quer durch das Gehölz in die Felder.
»Es scheint, daß man mich hier nicht allzugerne sieht,« murrte Thys; »wenn der Empfang der Mutter ebenso freundlich ist, so thäte ich besser, gleich umzukehren.«
Damit trat er in die Hütte, schaute verhöhnend auf alle Gegenstände, welche sich darin vorfanden, und bemerkte:
»Im Ueberfluß lebt die Frau nicht: der ganze Hausrath ist keine zehn Stüber werth. Das könnte mir den Erfolg sichern; in diesem Loch muß das Geld einen guten Klang haben. Ich will was warten; vielleicht ist das Kind zur Mutter gerannt.«
Thys hatte richtig gerathen: das Mädchen war bis auf ein Feld gelaufen, das ihre Mutter als Taglöhnerin bearbeitete, und berichtete ihr die Ankunft des Thys; noch hatte sie sich nicht von ihrem Schrecken erholt.
Zuerst wunderte sich Kaet über die Nachricht. Was konnte sie mit dem abscheulichen Betrüger gemein haben? Diese Frage suchte sie sich zu beantworten und starrte auf den Boden. Bald zeigte sich auf ihrem Gesicht ein Lächeln, in dem sich List und Freude paarten.
Sie ließ ihr Kind unter der Obhut der andern Arbeiterinnen und wandte sich sinnend ihrer Wohnung zu.
»Thys sucht mich auf! Was hat das nur zu bedeuten? Es muß sich etwas zugetragen haben, oder er geht mit Staatsplänen um. Ich weiß, daß er vor mir Angst hat; denn er zittert, wie er mich nur sieht. Aus purer Freundschaft kommt er also nicht; es könnte wohl eine Schlange im Grase lauern. Drum achtgegeben, Kaet. Der Mann ist böse und will mir eine Schlinge legen. Erst will ich eine Erklärung abwarten!«
Bei ihrem Eintritte in die Hütte rief die Thys entgegen:
»Ei, welch unverhoffte Ehre! Das hätte ich mir nicht so träumen lassen, daß Ihr Euch unter mein armes Dach verfügen würdet; doch, da Ihr hier seid, so sagt mir, womit ich Euch dienen kann?«
»Setzt Euch nieder, Kaet,« antwortete Thys, den der entschiedene Ton der Witwe schon verlegen gemacht hatte; »ich habe ein ernstes Gespräch mit Euch vor!«
Kaet setzte sich nieder:
»Meine Zeit ist knapp gemessen; darum macht schnell, ich höre Euch an.«
»Seht nur, liebe Kaet, ich weiß, daß Ihr im Elend seid; ich bemitleide Euch und würde gerne das Meinige dazu beitragen, um Euch ein wenig aufzuhelfen.«
»So,« lachte die Wittwe; »und als Ihr verflossenen Winter mein armes Mieken in den Schnee stießet und mich wie einen Hund wegjagtet, geschah das wohl auch aus Mitleiden?«
»Das müßt Ihr vergessen, Kaet: die Umstände ändern sich und die Menschen mit ihnen. Mein hartes Benehmen gegen Euch thut mir leid und ich möchte es wo möglich wieder gut machen. Ich bin auch eben im Stande, Euch nützlich zu sein, falls Ihr meine Unterstützung nicht schnöde abweist.«
Die Witwe sah ihn mit Mißtrauen an und schwieg, so sehr er auch eine Antwort von ihr erwartete.
»Wie« fuhr er fort, »wenn ich Euch Geld besorgte? Genug, um Euch nebst den Kindern aus der Noth zu helfen, würdet Ihr mir dafür auch dankbar sein?«
»Bietet Ihr mir ein Almosen an?«
»Nein, ich will für Euch mehr thun. Ihr habt wohl erfahren, Kaet, daß ich der Universalerbe des Onkel Jan bin; durch Eueren Mann habt Ihr ein Recht auf einen kleinen Theil in der Erbschaft, oder glaubt es wenigstens zu haben. Daher stammt auch Euer Aerger gegen mich, weil Ihr wohl einsaht, daß Ihr trotz allen Ansprüchen nichts kriegen würdet. Urtheilt nun, ob ich Euch nicht sehr gewogen bin: dieß Erbtheil biete ich Euch an.«
Kaet blickte verwundert auf.
»Ja,« fuhr Thys fort, »ob nun ich oder ein Anderer die Erbschaft in den Sack stecke, Ihr hättet doch nimmer etwas besehen; denn Euer Anspruch ist streitig und ließe sich vor Gericht nicht ohne große Kosten beweisen. Da Ihr aber die einzige aus der Familie seid, die in wirklicher Armuth lebt, so treibt mich mein Billigkeitsgefühl dazu an, daß ich Euch den Theil, auf den Ihr ein Recht zu haben glaubt, ohne fernern Prozeß oder Beweis abtrete. Was sagt Ihr dazu?«
»Allerdings viel Edelmuth! Doch ist’s Euch auch recht Ernst? Seid Ihr aufrichtig?«
»War ich denn im Geringsten gezwungen, Euch etwas anzubieten? Nun, Kaet, nehmt Ihr meinen Vorschlag an?«
»Mit vielem Dank, Thys. Doch möchte ich gerne wissen, ob Ihr keinen Gegendienst von mir fordert. Wenn Ihr nicht ganz besonders umgeformt seid, so liegt das bloße Wegschenken so wenig in Euerem Charakter.«
»Nein, ich gebe Euch das Geld ohne alle Bedingung.«
»Dann nehme ich es mit Dank an – und doch befremdet mich Euere Großmuth dergestalt, daß ich noch immer glaube, Ihr wollt mit mir Eueren Scherz treiben?«
»Warum denn?«
»Wann wollt Ihr mir das Geld geben, Thys?«
»Sobald ich selbst im Besitze der Erbschaft bin.«
»Und wer verbürgt mir, daß Ihr Euer Versprechen halten werdet?«
»Ein ehrlicher Mann hat nur Ein Wort!«
»Und das mag einen Werth haben, wenn Ihr durch und durch verändert seid. Nun ich nehme es, wofür es gilt, und danke Euch. Jetzt gehe ich wieder an die Arbeit!«
Wirklich wollte sie sich entfernen; ihr Lächeln bewies sattsam, daß sie den schönen Verheißungen des Thys keinen Glauben schenkte.
»Bleibt noch ein wenig,« sagte dieser, »ich will Euch einen Beweis meiner Aufrichtigkeit geben. Es ist Euch vielleicht bekannt, daß Onkel Jan krank ist. Er leidet an der Gicht und kommt nicht mehr aus seinem Zimmer. Die Krankheit gibt mir viel zu schaffen; ich muß hin und her laufen, das Eine oder das Andere kochen, und das kann ich nicht gut. Onkel Jan hat mich ersucht, mich nach einer Frau umzusehen, die den Tag auf dem Klosterhofe bleiben kann, um mir beizustehen. Sie wird dafür einen guten Lohn bekommen und mit Allem gut versorgt werden . . . «
Seit Thys diesen letzten Punkt berührt hatte, sah ihn Kaet mit größerer Aufmerksamkeit und Neugierde an; sie schien jedes Wort aus seinem Munde abzuwarten, bezwang aber so viel wie möglich die Zeichen ihrer Aufregung.
»So kam ich denn bis an Euer Haus, Kaet, um Euch zu fragen, ob Ihr nicht auf den Klosterhof kommen könntet. Jeden Abend dürft Ihr nach Hause und stellt Euch nächsten Morgen wieder ein. Mit geringer Mühe werdet Ihr täglich so viel verdienen, als hier mit Euerer Feldarbeit; und obendrein die Kost bekommen. Sind diese Bedingungen nicht annehmbar?«
»Ja wohl; der Vorschlag ist mir noch lieber, als das Erbtheil, das mich an ungelegte Eier mahnt und Euch selbst durch irgend einen Zufall noch entwischen kann, während der Taglohn ein sicheres Geld ist!«
»So nehmt Ihr also an?«
»Versteht sich, Thys; wie könnte ich auch verweigern?«
»Aber Euere Kinder, Kaet? Daran haben wir noch nicht gedacht.«
»Meine Kinder? Zwei sind bei meiner Schwester, wo drei Meilen von hier weg; mein Mieken hütet die Kühe beim Pachter Klaes; den Tag über wird er das Kind schon versorgen, und am Abend bekomme ich es doch zu sehen.«
»Dann ist es eine abgemachte Sache,« sagte Thys freudig. »Gebt mir Euere Hand darauf, zum Beweis unserer Aufrichtigkeit. Nun sind wir im Reinen. Wann kann ich Euch erwarten. Je eher, je lieber. Kommt Ihr noch diesen Nachmittag?«
»Vielleicht noch früher. Ich habe keine weitere Vorkehrung zu treffen, als mich mit dem Pachter Klaes und seiner Frau über Mieken und meine Arbeit zu verständigen.«
Thys stand auf und schickte sich zum Abschiede an; an der Schwelle hielt er aber wieder an und sprach mit scheinbarer Gleichgültigkeit:
»Kaet, Ihr ließt so eben ein Wort davon fallen, daß die Erbschaft mir noch entwischen könnte. Wenn das der Fall sein sollte, so kann ich Euch Eueren Theil nicht mehr zahlen!«
»Das ist leicht einzusehen; doch befürchtet Nichts; die Erbschaft entgeht Euch nicht!«
»Um so besser für Euch und für mich, Kaet; man ist aber nie allzu vorsichtig. Cäcilia hat allerdings aus freien Stücken auf ihre Ansprüche verzichtet. So eben noch wollte ich ihr einige Hoffnung geben; sie schlägt Alles entschieden ab. Aber es gibt andere Leute, die sich, ohne das geringste Recht, in unser Haus eindrängen möchten und darum das Gerücht verbreiten, der Onkel Jan läge schon in den letzten Zügen. Ihr müßt im Dorf die Wahrheit bekannt machen und aller Welt erklären, daß der Alte nur an der Gicht leidet. Wollt Ihr das thun?«
»Ich will mich in Wort und That nach Euerem Wunsche richten!«
»Seht, liebe Kaet, wenn wir die Leute über den Punkt beruhigen, wie es auch füglich ist, dann mischen sie sich nicht mehr in unsere Sachen!«
»Laßt mir freies Spiel, Thys; Ihr wißt, daß ich nicht redefaul bin.«
»Noch Eins, Kaet; es könnte Euch Wunder nehmen, wenn Ihr nicht früher davon unterrichtet seid. Onkel Jan will Niemanden um sich haben, als mich allein; Ihr bekommt ihn nicht zu sehen, es wäre denn, daß er herunter käme.«
»Das war ja feine Gewohnheit, noch ehe er krank geworden; ich wundere mich nicht darüber!«
»Wenn ich nicht zu Hause bin, so laßt Ihr Niemanden herein, nicht wahr? Und schließt die Thür, man mag draußen auch noch so ungestüm klopfen!«
»Ich will mich in Allem nach Euerem Wunsche richten; mehr kann ich nicht versprechen.«
»Ganz wohl, liebe Kaet. Denn, wenn Ihr Euch der Sache nicht mit Klugheit und Freundschaft für mich annehmt, so wäre ich gezwungen, mich nach einem andern Weibe umzusehen, und alles, was wir verabredet, würde null und nichtig.«
»Ihr dürft getrost und guter Dinge nach Hause gehen, Thys,« sagte die Wittwe und stand auf; »wenn ich Euch nicht zufrieden stelle, so würde es eine Andere auch nicht!«
»Guten Tag denn; wir sehen uns Nachmittags, und, wenn es Euch möglich ist, noch früher. Hier habt Ihr Eueren Gottespfennig. Ihr seht, daß ich für Euch nicht geizig bin.«
Damit drückte er ihr ein Zweifrankenstück in die Hand, verließ die Hütte und war bald hinter dem Gehölze verschwunden.
Die Witwe blickte ihm nach und äußerte sich dann spottend:
»Oh, über den falschen Teufel! Er denkt wohl, daß ich ihm gegen seine eitlen Versprechen meine Seele verschachert habe. Was mag nur auf dem Klosterhofe vorgehen, daß er einen Gehilfen dazu braucht. Ich soll ihm also dienen, um Cäcilia, den guten Engel, ihres Erbtheils zu berauben? Wofür hält mich denn der Judas? Aber der Schelm ist jetzt in meiner Gewalt. Daß seine Wahl gerade mich traf, ist fürwahr eine Eingebung des gerechten Himmels!«
Eine Weile blieb sie ihren Gedanken hingegeben; der Ausdruck von Spott auf ihrem Gesichte machte nach und nach milderen Gefühlen Platz, und sie fuhr mit freudigem Muthe fort:
»Könnte ich doch Cäcilien wieder zu ihrer Erbschaft und zur Liebe ihres Onkels verhelfen! ihr und Bart, meinen Wohlthätern, ihre Mildherzigkeit lohnen! das Uebel bekämpfen und besiegen, und den Bösewicht züchtigen! Welch schöner Plan, Dazu möge Gott der armen Wittwe den nöthigen Verstand schenken, auf daß sie über die Arglist der Hölle triumphiere!«
Sie verließ die Hütte und schlug einen Fußsteg ein. Jetzt erst erinnerte sie sich an das Geldstück, das ihr Thys in die Hand geschoben hatte. Sie besah es bitter lächelnd und warf es dann weit von sich über die Bäume weg. Und als hätte das Geld ihre Hände besudelt, rieb sie dieselben recht sorgsam an ihrer Schürze.
VIII
Seit drei Tagen war die Bettlerin auf dem Klosterhof. Sie sah dort nichts vorgehen, das irgend ein schlimmes Vorhaben bezeugt hätte, und mußte fast glauben, daß sie den Thys falsch beurtheilt hatte. Dieser bewies eine so zärtliche Sorge für den Alten und sprach mit so viel Mitleiden von einem leidenden Wohlthäter, daß Kaet auf die Vermuthung kam, sein Herz müsse für gute Regungen noch empfänglich geblieben sein. Auch glaubte sie nicht mehr an eine ernstliche Krankheit des Alten; zweimal des Tags ließ Thys für ihn Fleisch braten und Kartoffeln sieden. Der Patient, der eine so ausgiebige Kost vertragen konnte, mußte noch ziemlich bei Kräften geblieben sein.
Thys täuschte aber die Wittwe. Wenn sie ihm in den düstern Gängen nachgeschlichen wäre, wenn er vorgab, daß er dem Onkel Jan das Essen brachte, so hätte sie gesehen, wie er sich unterwegs umwandte und die stärkende Speise auf sein eigenes Zimmer trug. Onkel Jan bekam nichts als das Gemüse, das ihn anekelte; beinahe nagte er noch lieber an einer alten Kruste Schwarzbrod, so wenig es ihn auch zu laben vermochte.
Der Alte verlangte nun nach anderer Nahrung mit steigender Ungeduld, ja zuweilen mit Zorn, da er den Hungertod herannahen fühlte; aber Thys wußte ihm so viel vorzuschwatzen oder achtete so wenig auf sein Flehen, daß der Alte jedes Mal abgemattet und entmuthigt seine Bitten einstellte.
Als Kaet am Ende des dritten Tages den Klosterhof verlassen wollte, um sich in ihre Hütte zu verfügen, bat die Thys, noch denselben Abend wiederzukommen, unter dem Vorwande, Onkel Jan habe ein Bad begehrt, und sie müsse dazu noch das Wasser wärmen.
Kaet kehrte zum Klosterhof zurück, sobald sie ihr Mieken schlafen gelegt hatte. Nun hieß es, daß Onkel Jan das Bad nicht mehr haben wollte; doch wäre es gut, daß sie die Nacht dort bliebe, weil der Alte vom Fieber ergriffen sei und schnell den Doktor brauchen könnte; aus Vorsorge müßte man vielleicht auch zum Pfarrer schicken. Der Alte wäre nicht in größerer Gefahr, als zuvor; aber ein armer abgelebter Mann könnte wohl plötzlich umschnappen. So erheische es die Vorsicht, Jemanden bei der Hand zu behalten; wider alles Erwarten dürfte es Ernst werden!
Diese Auseinandersetzung hinterging die Witwe nicht völlig; sie vermuthete, daß die Krankheit des Alten eine schlimmere Wendung genommen hatte, als Thys es ihr gestehen wollte; sie nahm sich vor, am nächsten Morgen gänzlich mit dem Schurken abzubrechen und ihm Pfarrer und Bürgermeister an den Hals zu schicken, welche, im Namen der Religion und des Gesetzes, dem Geheimniß schon auf den Grund kommen würden.
Sie saß allein am Kamin und überlegte, wie sie die Obrigkeit am Besten mit den gesetzwidrigen Betrügereien bekannt machen könnte, welche man sich erlaubt hatte, um Cäcilien ihr Erbe zu entziehen; vielleicht würde sich auch der Pfarrer dazu verstehen, beim Onkel Jan einen Versuch in Güte zu wagen, um ihn zur Billigkeit zurückzuführen; auf diese Weise könnte es ihr gelingen, im Interesse ihrer Wohlthäter ein Ziel zu erreichen, dem sie durch ihren Aufenthalt im Klosterhof um nichts näher gerückt war, indem sie den alten Onkel noch nicht zu sehen bekommen hatte.
Mitten unter diesen Gedanken überfiel sie die Befürchtung, es dürfte am nächsten Tage schon zu spät sein – was konnte sich nicht inzwischen im Zimmer des Kranken begeben? Dieses Bedenken störte sie in ihrer Ruhe. Von Zeit zu Zeit stand sie auf und schlich sich auf den Zehen in den Gang, der zum Onkel führte. Dort horchte sie eine Weile an der Treppe; doch da Nichts die nächtliche Stille unterbrach, so setzte sie sich an den Kamin zurück und nahm ihre unterbrochene Gedankenreihe wieder auf.
* *
*
Es schlug Mitternacht an dem Thurm; die Töne hallten schauerlich klagend durch die Lüfte und erstarben einer nach dem andern; die Nacht sank in ihre frühere Stille zurück.
In Onkel Jans Zimmer brannte ein trübes Lämpchen, dessen rothe Flamme im Rauche flackerte. Das Gemach war nicht bis in die Ecken erleuchtet und bot etwas Unheimliches; da die Wände im Dunkeln blieben, so hätte man den Raum für unendlich und grenzenlos wie die Ewigkeit halten können.
Im Scheine der Lampe röthete sich ein Theil des Bettes und des daneben stehenden Tisches. Der kranke Greis lag auf einer Seite mit dem Gesichte gegen den Tisch gekehrt. Er schien zu schlafen; öffnete aber oft unwillkürlich die Augen, um sie gleich wieder zu schließen.
Sein Aussehen war ganz entsetzlich; den nackten Schädel deckte eine dünne durchsichtige Haut, die über die Beine gespannt zu sein schien; seine verglasten Augen waren ohne alles Leben, seine Lippen ohne Färbung. Dazu flimmerte die röhliche Flamme in seine Gesichtszüge, wie das Grablicht, das einen letzten unsichern Schimmer auf die bleichen Wangen einer Leiche wirft.
Am Tische sitzt Thys in einem Stuhle. Es war eine Absicht gewesen bei dem Kranken zu wachen; doch hatte ihn der Schlaf übermannt, und sein Kopf ruhte auf der Lehne des Stuhls.
Auch seine häßlichen Züge waren erleuchtet; man sah, daß eine böse Seele die Ruhe des Körpers nicht theilte: denn um einen großen Mund stand noch ein hämisches Lächeln; zuweilen regten sich seine Lippen, zuweilen runzelte sich eine Stirne – Neid und Zorn bewegten sein Nervensystem. Er träumte sicher.
Der Kranke öffnete wieder die Augen und erblickte den Thys in seinem aufgeregten Schlummer. Das unangenehme Schauspiel fesselte seine Aufmerksamkeit. Bewußtsein und Ueberlegung kehrten in ihm zurück; zuerst starrt er in die Finsterniß, dann auf die kleine Lampe, die ein kümmerliches Licht verbreitet, dann mit namenloser Angst auf seinen Genossen. Dieser knirschte im Traume mit den Zähnen und verzog die Lippen, als wollte er Jemanden beißen; alle seine Züge wiesen eine so wilde Mordlust, daß der Alte bebend die Augen schloß – aber ein neuer Umstand zwang ihn sie wieder zu öffnen.
Thys ließ einige Laute hören und schien im Traume zu sprechen. Sein Gesicht war umgewandelt: an die Stelle des Aergers trat ein freudiges Lächeln. Er führte auch wirklich ein Selbstgespräch mit geschlossenen Augen; Alles war aber nicht gleich vernehmlich; denn zuweilen wurde eine Stimme zu leise, oder es rührten sich die Lippen, ohne bestimmte Laute zu bilden.
»Hunderttausend Franken im Keller . . . der alte Scharrer . . . Ihr sollt viel Geld haben, recht viel! Ja, morgen ist er todt! . . . Weg mit dem Fleisch, das könnte ihm aufhelfen . . . Wasser und Brod . . . er entschließt sich nicht zu sterben . . . der Hunger wird ihn befördern . . . ich habe mein Testament . . . Geduld, Geduld, er röchelt, er verscheidet . . . ha, ha, jetzt gehört mir ein vieles Geld!«
Da entfuhr der Brust des Alten ein Angstschrei.
Thys fuhr aus dem Schlafe auf, richtete sich auf, rieb sich die Augen und sah verwundert auf den Kranken, der mit aller Gewalt um Hilfe rief und mit seinem Zetergeschrei das Zimmer füllte.
Sobald sich Thys versichert hatte, daß man nicht von außen einzudringen suchte, begriff er den Grund von des Alten plötzlichem Schreck und schloß aus seiner eigenen Aufregung, daß er wohl im Traume gesprochen haben müßte.
Er ließ den Alten fortschreien, bis ihn die Ermattung zum Schweigen nöthigte, und blickte ihn unterdessen mit gekreuzten Armen und hohnlächelnd an:
»Nun, Onkel Jan, wird das noch lange dauern? Lärmt nur zu, ruft und kreischt um Hilfe; es ist doch umsonst, da Euch Niemand hören kann!«
Doch der Alte, voll Entsetzen über das Lächeln eines Feindes, schrie aufs Neue ganz verzweifelt um Hilfe. Der Schrecken des Todes schien ihm doppelte Kraft zu verleihen; seine Bewegungen waren wieder rüstig geworden, und seine Stimme schallte recht deutlich.
»Still!« rief Thys und drohte dem Onkel Jan mit geballter Faust, »still, oder ich ersticke Euch die Stimme in der Kehle!«
Und er zog seine Faust erst dann zurück, als der Alte einhielt.
Der Alte mußte zu Athem kommen, denn er keuchte vor der peinlichen Anstrengung; aber er blickte zornig auf Thys.
Dieser frug spottend:
»Werde ich endlich erfahren, was für eine Wespe Euch gestochen hat? Ich habe vielleicht geträumt! Doch Ihr müßt von Sinnen sein, daß Ihr deshalb einen solchen Lärm schlagt! Ich rathe Euch lieber zu schlafen: das wird Euch besser bekommen als das tolle Heulen!«
Diese Worte entflammten den Zorn des Alten vollends.
»Ha, Ihr giftige Schlange! Ihr laßt mich hier, wie einen Hund, verhungern? Ich lebe Euch zu lange . . . Mit Brod und Wasser wollt Ihr mich langsam tödten – ich muß sterben, damit Ihr, der Mörder, mein Geld kriegt.«
Thys sah auf den aufgebrachten Alten mit Befremden: die Gewißheit, daß seine Tücke jetzt offenbar geworden, brachte ihn zum Zittern.
»Aber Ihr kriegt mein Geld nicht,« tobte Onkel Jan weiter. »Nach Euerer Berechnung sollte ich noch diese Nacht sterben? Nein, nein, Gott verleiht mir noch die Kraft, Euch zu bestrafen, Erzbösewicht! Morgen breche ich mein Testament, und es soll Euch nichts bleiben als mein Fluch. Morgen lasse ich Cäcilia und den Notar und die Zeugen kommen – und für Euch die Gendarmen, um Euch ins Gefängniß zu schleppen. Ich will Euch anklagen und zur Strafe ziehen! Ah! Ihr meinte, ich wäre so gut wie todt? Ihr sollt jedoch das Gegentheil erfahren.«
»Schade, daß Euch Niemand hört,« unterbrach ihn Thys.
»Sobald es Tag wird, rufe und schreie ich so lange, daß man mich endlich hören wird.«
Lange starrte Thys den Alten an, dessen letzte Worte einen tiefen Eindruck auf sein Gemüth gemacht zu haben schienen. Zuerst blieben seine Züge ernst und beurkundeten eine reifliche Ueberlegung. Dann zogen sich die Lippen wieder zu bitterem Spotte zusammen; er ging auf das Bett, schob den Tisch zur Seite, stellte sich dem Alten gegenüber und sprach:
»Euere Einfalt bringt mich zum Lachen. Habt Ihr denn wirklich glauben können, daß ich aus Liebe zu Euch hier seit zehn Jahren lebe wie ein Sklave und mich hündisch behandeln lasse? So hätte ich, zum Vergnügen, seit zehn Jahren mit Euerer erbärmlichen Kost vorlieb genommen? So hätte ich, aus Menschenhaß, die schönsten zehn Jahre meines Lebens in dieser vollkommenen Abgeschlossenheit zugebracht? So hätte ich, ohne Endzweck und ohne Aussicht auf Belohnung, seit zehn Jahren Lug und Trug geübt? Dazu wäre ein Kind nicht dumm genug. Nein, nein, das schwere Opfer meines Wollens und Wünschens, meines Wirkens und Lebens – kurz das Opfer meiner Seele, das ich Euch seit zehn Jahren bringe, müßt Ihr mir jetzt entgelten: Gold allein vermag das aufzuwiegen!«
»Nichts bekommt Ihr!« rief der Kranke entrüstet.
»Nichts? Das ist schnell gesagt; aber ich will annehmen, daß Ihr noch etwas Verstand übrig habt. Ist Euch denn nicht Angst vor dem, was ich unternehmen kann? Vergeßt Ihr, daß ich Euch in meiner Gewalt habe, so gut, als ob wir in der weiten Welt allein fänden? Daß Niemand die Art und Weise erfährt, in der ich meine Forderung erheische? Ihr scheltet mich einen Bösewicht und Mörder! Und glaubt Eueren eigenen Worten nicht, da Ihr den Löwen doch reizt, der Euch verschlingen kann – und Euch verschlingen muß, wenn Ihr einen Hunger nicht befriedigt? Mich hungert nach Euerem Geld, Onkel Jan. Befriedigt mich – sonst . . . «
Mit diesen Worten richtete er auf den Alten so blitzende und verzehrende Augen, daß sich dieser, unter neuem Schreien, in seinem Bette zurückwarf.
»Befriedigt mich! Befriedigt mich!« wiederholte Thys ganz außer sich und schien zu Mord und Todtschlag bereit.
»Großer Gott, steht mich bei!« flehte der Alte und streckte seine zitternden Hände aus – »Thys, was wollt Ihr von mir?«
»Gebt mir Euere Schlüssel! Euere Schlüssel her!«
Der Alte antwortete nicht; aber vor diesem Verlangen entsetzte er sich noch mehr als vor den früheren Bewegungen. Er griff fieberhaft unter die Decke und blieb dann mit gespannten Gliedern liegen, als wollte er einem Anfall widerstehen.
»Ja, ja,« rief Thys, »das dachte ich wohl, daß Ihr Euch lieber von Euerer Seele als von den Schlüsseln trennen würdet; aber ich will und muß die Schlüssel haben, und wenn Euere Hand sie zu fest umklammert, so reiße ich die Hand auch mit!«
So warf er sich auf den kranken Alten, schob seine Hand unter die Decke und suchte nach den Schlüsseln. Er rückte hin und her, zog und schüttelte – aber die Hände des Alten waren an dem Metall wie festgelöthet – man hätte sie ihm wirklich vom Leibe reißen müssen, um zu den Schlüsseln zu gelangen.
Endlich stand Thys, aus Ermattung, von dem Kampfe ab und ließ die Schlüssel los, dann stellte er sich wieder vor das Bett und blickte keuchend auf den Kranken, der die streitigen Schlüssel sorgsam verborgen hatte.
Da veränderten sich die Züge des Thys auf eine unbeschreibliche Weise und nahmen einen so grausamen und höllischen Charakter an, daß dagegen der Haß und die Bosheit, die ihnen oft eigen waren, als Herzensgüte erschienen wären. Seine Wangen zuckten, seine Zähne schlugen an einander, und über seine bleiche Stirne sträubten sich die Haare zu Berge, wie die Mähne einer blutdürstigen Hyäne. Kaum konnte er die wutherstickten Worte äußern:
»Ihr wollt mich nicht bezahlen? Und Ihr lebt noch? Nun, dann bezahle mich Euer Tod!«
Damit sprang er wie ein wildes Thier auf das Bett, bog sich über den Kranken, setzte ihm beide Ellenbogen auf die Brust und suchte ihm die Rippen einzudrücken.
Da erhob sich ein Jammerton aus dem Bett, alle Glieder des Alten zogen sich zusammen, und er sank leblos zurück.
Thys erfaßte die Schlüssel, zerriß mit einem Rucke die Schnur, an der sie dem Onkel Jan immer um den Hals hingen, und entfernte sich langsam vom Bette.
Da stand er, mit der einen Hand auf den Tisch gestützt und bei dem Gedanken zitternd, daß seine Bewegungen unten gehört werden könnten. Sein Auge heftete sich auf den starren Körper; von Stirne und Wangen triefte ihm der kalte Schweiß.
Vielleicht fühlte er Reue; vielleicht stellte er sich die Folgen seiner ruchlosen That vor – aus einem oder dem andern Grunde blieb er lange wie vernichtet stehen und schrie zuletzt laut auf.
Dann ergriff er fast instinktmäßig die Lampe, ging bis zur Thür des Zimmers und öffnete sie.
Da entfuhr ihm ein zweiter Angstschrei – Die Bettlerin stand vor ihm mit prüfender Miene! So hatte sie hinter der Thüre belauscht und vielleicht durch das Schlüsselloch erspäht, was vorgefallen war!
Thys sah das Weib mit zornglühenden Augen an und hob schon den Schlüsselbund, um ihr den Kopf einzuschlagen, obgleich sie nicht zu wissen schien, was ihn so sehr aufregte.
»Was sucht Ihr hier oben?« schrie er.
»Es kam mir vor, als ob Ihr mich gerufen hättet,« antwortete Kaet und schritt zurück, um sich die Möglichkeit der Flucht zu sichern – »Oder hat Onkel Jan gerufen. Doch seid nicht so grimmig; ich kehre an meinen Posten zurück!«
Thys brachte die Schlüssel an seine Seite und erklärte mit Beben:
»Es ist dem Onkel Jan etwas zugestoßen; er liegt wie todt da: geht in’s Zimmer zu ihm, oder geht lieber hinunter – nein, seht, ob er wirklich todt ist, und wascht ihn mit Essig!«
Der Bösewicht wußte selbst nicht mehr, was er sagte, so sehr war er durch den Abscheu, den feine Missetat ihm einflößte, in Verwirrung gerathen.
Mit unsichern Schritten ging er auf eine schwere Thür, fand nach einigem Suchen den rechten Schlüssel und trat in einen langen, dunkeln Gang, der von einem Ende des Gebäudes zum andern reichte. Die kleine Lampe erhellte nur einen geringen Theil der Mauern und umgab ihn mit einem matten Schimmer, der die Finsterniß kaum unterbrach.
Wankend und tastend richtete er sich durch den ihm unbekannten Platz – er zitterte unwillkührlich und horchte vielleicht auf sein Gewissen, das ihm den Zorn Gottes über seinen Gräuel vorhielt. Wie hätte er aber gebebt, wenn er den Schatten hätte sehen können, der ihm aus der Ferne im Gange nachschlich!
Vielleicht hörte er auch das Geräusch hinter sich, denn er sah sich um und blieb einen Augenblick stehen; dann aber ging er weiter, bis er an eine zweite, fremdartige Thür kam. Es war eine niedere, nach oben runde Pforte, an der alles Holzwerk dermaßen mit eisernen Platten und massiven Nägeln bedeckt war, daß beinahe nichts mehr davon sichtbar blieb. Lange Vorhängeschlösser, vom Roste roth geworden, hingen an der Wand; eine Stange, vielmehr ein Querbalken aus Eisen, verrammelte den Eingang in den Keller des Geizhalses.
Nachdem Thys mit klopfendem Herzen Schlösser und sonstige Hindernisse beseitigt hatte, lag eine Treppe vor ihm, welche ihn in ein geräumiges Gewölbe leitete.
So hatte er sich endlich in die Stätte eingedrungen, wo des Onkel Jan Schätze verborgen lagen. Bei diesem Gedanken trat die Erinnerung an ein Verbrechen in den Hintergrund; sein Gewissen war übertäubt, seine Angst hatte sich verloren. In seiner Seele lebte allein der glühende Wunsch, Gold zu sehen, Gold zu betasten, im Golde zu wühlen. Seine Leidenschaft brachte ein frohes Lächeln um seine Lippen und entzündete in seinen Augen ein unheimliches Feuer.
Die Lampe in der Hand, durchsuchte er den ganzen Keller, fand aber, außer den nackten Mauern, nichts, als einen schweren Stein, in der Nähe der Treppe, der offenbar als Sitz gedient hatte. Verdruß und Unwillen traten auf seine Züge.
»Wie,« sprach er entmuthigt, »sollte das Geld nicht hier sein? Doch hat dieser Keller keinen andern Ausgang. Unmöglich! Was sehe ich hier in der Wand? Ein Schlüsselloch?«
Diese Entdeckung gab ihm eine gute Laune wieder; und als er nach einigen Versuchen den rechten Schlüssel fand und er eine in der Dicke der Mauer angebrachte Höhlung erblickte, rief er freudig:
»Ah! hier sind die Schätze geborgen! Drei Beutel! vier! fünf! Gold! Gold!«
Mit zitternden Händen und innerem Jubel langte er einen der leinenen Säcke aus der Nische und wollte eben die Schnur, womit er zugebunden war, losmachen, als ein plötzliches Geräusch ihm Schrecken einjagte, so daß der Sack aus seinen Händen glitt. Er kehrte sich gegen die Treppe und horchte; denn es war ihm vorgekommen, als ob an der Kellerthür sich etwas aus Eisen verschoben hätte.
Er lauschte genauer; Alles war wieder still geworden. Da legte sich auch seine Angst; er hob die Börse auf:
»Es hat nichts auf sich; es ist wahrscheinlich das Schloß, das jetzt erst einschnappt. Schnell den Sack losgemacht!«
Aber bei dem ersten Griff, den er in die Börse that, und bei dem Anblick der Münzen, die er daraus hervorzog, verfinsterte sich ein Gesicht.
»Kupfer! nichts als Kupfer!« Und er wandte sich an einen zweiten Sack.
»Auch hier Kupfer! immer wieder Kupfer!« rief er mit steigendem Zorne.
Und so hieß es »Kupfer« bei jedem neuen Sacke, den eröffnete.
Dieser schlimme Erfolg seiner Untersuchungen machte, daß seine Wangen bleich wurden, der kalte Schweiß auf seiner Stirne perlte und seine Brust sich beklemmte.
So war er an den letzten Sack gekommen; doch als er voll Ungeduld die Schnur weggerissen hatte, schrie er mit Entsetzen: »Auch hier Kupfer!«
Da zerknitterte er krampfhaft in seiner linken Hand den Sack, der seine letzte Aussicht auf Gold so grausam enttäuscht hatte, und scharrte mit der rechten in der Nische, um sich zu überzeugen, daß sie nichts mehr enthielte: aber sie war leer, seine Hand stieß auf nichts. Um ganz sicher zu sein, steckte er den Kopf in die Nische und erhellte sie mit der Lampe, entdeckte jedoch nichts, als die glatten Ziegel.
Jetzt rasselte es in seiner Kehle; er wankte bis an den großen Stein, ließ sich ganz entkräftet auf denselben nieder und stellte die Lampe neben sich.

So blieb er eine Zeit lang sitzen, den Kopf in die Hand gestützt und um sich in die Finsterniß blickend. Dann klagte er in einem Tone, in dem sich Aerger und Entmuthigung paarten:
»Etliche Pfund Kupfer! Das wäre mein Preis für zehnjährige Entbehrung und Knechtschaft! Der Preis eines Mordes – der Preis meiner Seele! Oh, über den verrätherischen, scheinheiligen Dieb! Der Alte hat mich betrogen und bestohlen! Da liegt mein langersehntes Glück, der Talisman, der mich zum reichen, mächtigen Manne umzaubern sollte – ein Kupferhaufen! Und dafür habe ich ihn gemordet! Doch hat er es nicht verdient? Ich hätte den tückischen Verräther vorher martern und ihn langsam ersticken sollen!«
Er schwieg und starrte zu Boden. Da traten ihm die Thränen in die Augen; der feige Schurke weinte und wimmerte wie ein Kind. Doch bald entriß er sich seiner traurigen Stimmung mit einem gräulichen Fluche; er stand auf, nahm den Beutel, der zu feinen Füßen lag, und schleuderte ihn, wie rasend, weit von sich in einen Winkel des Kellers. Im Falle ließ daß Metall einen hohlen Klang vernehmen.
»Ah,« rief Thys froh überrascht, »was hat das zu bedeuten?«
Und die Lampe vorhaltend, ließ er sich in dem Winkel auf die Kniee nieder, schlug mit der Faust prüfend auf den hohlklingenden Flur und nickte sich dazu mit dem Kopfe Beifall zu.
Denn nach kurzer Mühe hatte er eine kleine Fallthür aufgerissen und blickte mit Wollust in eine Art von ausgegrabener Kiste, deren Deckel gesprengt war; auch darin lagen leinene Säckchen.
»Oh, der einfältige Betrüger!« murmelte Thys und holte einen Beutel hervor. »Das Kupfer an der sichtlichen Stelle sollte als Köder dienen und die Aufmerksamkeit ablenken! . . . doch die Finte hat ihm nicht geglückt; hier muß der Schatz liegen!«
»Ja, hier ist wirklich Gold!« rief er plötzlich und jauchzte wie ein Kind. »Gold! Und was finde ich in diesem zweiten Beutel? Gold, wiederum Gold! Und in diesem dritten? Gold, immer wieder Gold!«
So holte er eine gewisse Anzahl von Beuteln hervor und öffnete sie alle; als die Kiste leer geräumt war, kehrte er zu dem Sitze zurück und schüttete, in seliger Sorglosigkeit, den Inhalt aller Säckchen vor seinen Knieen aus.
Dann schaute er mit fixem Blicke auf den Goldhaufen; seinem verzückten Angesichte schien der Himmel selbst in seiner Glorie aufzugehen; die genußsüchtige Wonne grenzte beinahe an Wahnsinn.
»Oh, wie schön,« rief er, »wie bezaubernd schön! Wie blinkt das! Wie belebt es sich in Pracht und Herrlichkeit! Und dazu die Masse! Ja, es ist der Preis meiner Seele – jetzt ist sie mir über ihren Werth bezahlt! Jetzt habe ich das Mittel, in unausgesetztem Jubel zu leben, als Herr über Sklaven zu gebieten, delikat zu essen und zu trinken, in einer Kutsche herumzufahren, die Schmeichler meiner Gewalt um mich zu haben, und umzustoßen, was mir hinderlich werden könnte, oder sich nicht vor meiner Herrlichkeit in den Staub beugt . . . Das Alles liegt in dem unbeseelten Gelde, in dem funkelnden Metalle! Ich muß es betasten und fühlen, daß ich zum reichen Manne geworden bin!«
So wühlte er im Golde, ganz außer sich vor Entzücken, ließ dabei allerlei Freudenrufe hören, und zählte, ohne anscheinenden Zweck, eine Schätze einmal um das andere.
Dieses Spiel trieb er eine geraume Weile, als er plötzlich merkte, daß das Licht der Lampe schwächer und schwächer wurde. Dieß stimmte ihn ernst; ängstlich blickte er um sich, stand auf und rieb sich die Stirne:
»Was wollte ich hier thun? Bin ich denn von Sinnen? Ich will das Gold schnell an einem andern Platze verbergen, wo es Niemand vor mir entdecken kann. Ich muß mich beeilen, denn das Oel ist fast aufgezehrt!«
Zwei der größten Säcke füllte er mit Gold, nahm einen unter jeden Arm und stieg also beladen die Treppe hinauf. An der Kellerthür angekommen, legte er Alles nieder und steckte den Schlüssel in das Loch. Doch, wie sehr er sich auch anstrengte und abmühte, so rührte sich die Thür nicht; sie blieb wie festgemauert, obgleich das Schloß unter dem Druck des Schlüssels zurückschnappte.
Thys fing an zu zittern; es lief ihm eiskalt über den Rücken. Aber noch wollte er sich seiner Angst nicht überlassen, und wandte alle seine Kräfte an, um die widerspenstige Thür aufzubringen. Er wand und drehte den Schlüssel nach allen Seiten und stemmte sich dann gegen die Thür, um sie aus ihren Angeln zu heben – eine Stirne war im Schweiße gebadet. Doch nichts fruchtete, nirgends schimmerte ihm die geringste Hoffnung.
Endlich stellte er, erschöpft und wie vernichtet, die Arbeit ein und sprach, während sich das Haupt über die Brust senkte:
»Entsetzlich! Sie ist nach Außen verschlossen . . . Nein, das ist nicht möglich – ich täusche mich. Wer hätte das gethan? Kaet? die rechnet auf das Erbtheil . . . Da geht auch das Licht aus, oh weh! Schnell noch einen Versuch gewagt!«
Aufs Neue schob er den Schlüssel in’s Loch und rüttelte daran mit fieberhafter Heftigkeit, bis er sich die Hände wund gerieben hatte; auch Rücken, Schultern und Kniee wandte er zum verzweifelten Streite an und stöhnte dazu, obgleich ihm die Kehle fast zugeschnürt war – doch Alles war vergebens – die Thür blieb unbeweglich.
Als Thys die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß fernere Versuche zu nichts führen würden, stürzte er die Treppe hinab und rannte, wie irre geworden, durch den dunkeln Keller. Um ihn herrschte eine vollkommene Finsterniß, in der sein Auge auch nicht den geringsten Schimmer entdeckte – es schien ihn schon die ewige Gericht zu umfangen.
Der Bösewicht raufte sich die Haare aus und zerschlug sich die Stirne; er lief von einer Ecke zur andern, als suchte er einen Ausweg; dann fing er an zu wimmern und zu weinen, zu fluchen und zu toben – kletterte wieder die Treppe hinauf, rief durch das Schlüsselloch nach Kaet, rüttelte nochmals an der Thür, lief im Keller herum, bis er endlich, ganz ermattet, über den großen Stein stolperte und zusammensank.
»Welch furchtbares Ende meiner Bemühungen,« stöhnte er. »Um in den Besitz des Goldes zu kommen, habe ich aus mir einen Teufel gemacht und einem Mitmenschen das Leben geraubt! Und nun bin ich in einer dunkeln Gruft, wo Niemand mich hören kann – vielleicht verurtheilt, darin zu sterben, den qualvollen Hungertod zu sterben! Will Gott mich dafür bestrafen, daß ich den alten Onkel langsam verkommen lassen wollte! Mitten im Golde sterben! Auf einem Goldhaufen verhungern! So hätte ich die Mittel, um hier ein glückliches, angesehenes Leben zu führen, und müßte doch wie ein Hund verrecken, in’s ewige Feuer der Hölle fahren und dort als ein Dummkopf verhöhnt werden, dem sein Verbrechen nicht einmal gelingt. Vermaledeiung!«
Dieser letzte Fluch fand im Keller einen langen Wiederhall, dann fiel Alles in die Grabesstille zurück: man hörte kaum sein Schluchzen und Weinen.
Lange schon hatte Thys auf dem Steine gesessen, und verließ ihn nur auf Augenblicke, wenn ihn seine innere Unruhe aufjagte; da merkte er plötzlich an der Wand einen Lichtstrahl, der durch das Schlüsselloch in das Gewölbe drang.
Da sprang er jauchzend auf, lief bis oben an die Treppe, legte den Mund an das Schlüsselloch und rief, vor freudiger Hoffnung zitternd:
»Kaet, liebe Kaet, seid Ihr es?«
»Ja gewiß bin ich es!«
»Seht doch, liebe Kaet, was draußen an der Thür steckt; ich kann sie nicht mehr aufbringen.«
»Das will ich meinen; ich selbst habe den Querbalken vorgeschoben!«
»Wozu das, liebe Kaet? Treibt den Scherz nicht länger und macht mir um Gottes willen auf.«
»Darauf könnt Ihr lange warten. Ich habe ein wildes Thier in einer Falle gefangen und sollte es jetzt freilassen, um mich und andere seinen Bissen auszusetzen? Thys, die Zeit der Reue ist für Euch gekommen; Euere Rolle ist jetzt ausgespielt: Gott und die arme Kaet haben Euch zu treffen gewußt.«
Jetzt erst blickte Thys klar in das Vorhaben der Bettlerin, und ein gegründeter Schrecken übermannte ihn. Zitternd entgegnete er:
»Kaet, es steht hier ein Sack voll Goldmünze für Euch! Macht nur schnell auf!«
»Ich will das gestohlene Gut nicht haben!«
»Zwei Säcke sollt Ihr haben, liebe Kaet, wenn Ihr mich herauslaßt!«
Da er keine Antwort erhielt, fuhr er fort:
»Vier Säcke stehen für Euch da; es ist lauter Gold!«
Und er ließ eine Handvoll Gold auf die Treppe fallen, in der Hoffnung, daß der Klang die arme Frau verführen würde.
Doch ein Spottgelächter allein antwortete auf dieses Anerbieten.
»Liebe Kaet,« flehte er wieder, »ich will Euch zu meiner Frau machen; so behalten wir Alles für uns Beide. Es ist so viel Geld da!«
»Feigherziger Dieb und Mörder!« schallte es ihm entgegen.
»Liebe Kaet,« klagte Thys, »ich liege hier im Dunkeln auf meinen Knieen und strecke die Arme bittend nach Euch aus. Habt Mitleiden mit mir, seid barmherzig! Oeffnet mir die Thür, ich will Euch zeitlebens danken und lieben!«
»Ich habe Mitleiden mit Euch!«
»Oh,« rief Thys voll Hoffnung, »ich dachte es wohl, daß Ihr mich erlösen würdet!«
»Ja, ich habe Mitleiden mit Euch, ebenso wie Ihr es mit Cäcilia gehabt habt; ich bin barmherzig für Euch, wie Ihr es für Onkel Jan, Eueren Wohlthäter, gewesen seid . . . Doch bin ich nicht deshalb herunter gekommen, Thys; ich wollte Euch etwas zeigen. Guckt durch das Schlüsselloch; seht was ich in der Hand habe und was ich damit anfange.«
Thys legte das Auge an das Schloß; die Beleuchtung draußen erlaubte ihm, die Bewegungen der Bettlerin ziemlich genau zu verfolgen.
Diese entfaltete ein Papier und sprach:
»Seht nur her! Ihr habt den alten siechen Mann gemordet, weil Ihr im Besitze eines Testamentes wart, das Euch zum Erben einer sämmtlichen Habe einsetzte. Er starb nicht schnell genug nach Euerem Wunsche! Und jetzt denkt Ihr, daß Euch die Erbschaft nicht entgehen wird! . . . Dieß Testament fand ich auf Euerem Zimmer, in der untersten Lade Eueres Kastens. Die arme Kaet hat doch lesen gelernt. Hört mir lieber zu:
»Hiermit erkläre ich, daß dieß mein letzter Wille ist, wodurch ich zu meinem Universalerben den Karl Dominik Matthias . . . «
»Mein Testament! mein Testament!« heulte Thys.
»Jetzt seht auch, was ich damit beginne,« fuhr die Bettlerin fort.
»Hilf Himmel! Das Weib zerreißt den Akt in Stücke! Meine Hoffnung, mein Leben! Kaet, Ihr versetzt mir den Todesstreich!«
Da bemerkte er an einer Bewegung des Lichtes, daß die Frau sich entfernen wollte.
Da wagte er einen verzweifelten Versuch und rief in schneidendem Tone:
»Geht doch nicht fort, liebe Kaet, und macht mir die Thür auf. Ihr wollt mich doch nicht in dieser schauderhaften Gruft vor Hunger sterben lassen!«
»Es wäre allerdings eine gerechte Strafe, Euch demselben Tode preiszugeben, den Ihr dem Onkel Jan zugedacht habt – aber diese Todesart ist für Euch noch zu gelinde. Man wird Euch alsbald heraus holen. Ich bin beim Bürgermeister gewesen; er wird den Feldwächter mit Gendarmen herschicken, die Euch erlösen werden – nur könnten sie Euch aus Vorsicht zuerst die Hände über dem Rücken zusammenbinden. Ja, Ihr müßt in’s Gefängniß und von da auf’s Schaffot, um mit Euerem Kopf die Missethat zu büßen. – Dann erscheint Ihr mit einem Mord beladen vor dem ewigen Richter, der wohl weiß, welch höllischer Schurke Ihr seid!«
Thys blieb wie versteinert an der Thür stehen und sah durch das Schlüsselloch, wie Kaet mit ihrem Lichte sich entfernte. Als auch der letzte Schimmer sich seinen Augen entzog, stürzte er, mit einem Schrei des Entsetzens, zusammen und rollte dann, wie eine leblose Masse, über die Treppe in den Keller hinunter.
IX
Der erste bläuliche Morgenschimmer drang in das Zimmer, in welchem Thys seinen Mordanschlag an dem kranken Greise verübt hatte.
Zwei Wachskerzen brannten auf dem Tische; dazwischen stand ein Crucifix und in einem Glase mit Weihwasser ein Palmzweig.
Der Körper des Alten lag auf dem Rücken ausgestreckt im Bette. Seine Unbeweglichkeit und die Blässe der Gesichtszüge hätten zu dem Gedanken führen können, daß der letzte Lebensfunke seit langem aus dieser Leiche gewichen. Nur ein Umstand bekämpfte diese Vermuthung: die Brust des Alten hob sich von Zeit zu Zeit, als ob er im letzten Ringen mit dem Tode begriffen wäre und seine Seele die Bande sprengen wollte, die sie noch an den Leib fesselten.
Ueber den Greis beugte sich ein Mädchen, das mit brennender Ungeduld jedes Lebenszeichen erspähte und, zwischen Schmerz und Hoffnung geheilt, bald weinte, bald bebte, je nachdem der Kranke starr blieb oder eine Althemzüge wieder vernehmlich wurden.
Es war Cäcilia; seit einer Stunde hatte die Ströme von Thränen vergossen, und durch ihre Leiden beinahe erschöpft, suchte sie doch mit liebevollen Küssen ihren armen alten Onkel zum Leben zurückzurufen.
Wanna stand an dem einen Ende des Bettes und war bereit, mit Cäcilien den verscheidenden Greis zu pflegen.
In einer Ecke des Zimmers lagen Bart und seine Mutter auf den Knieen; ihre Hände waren zu einem innigen Gebete gefaltet, das sich aus diesen reinen Herzen wohlgefällig zum Allvater erhob.
Der Pfarrer hatte den Kranken schon besucht und ihm die letzte Oelung gereicht; auch den Doktor hatte man kommen lassen, dessen erster Ausspruch dahin lautete, daß die Entkräftung des Alten wohl vom Hunger herrührte. Deßhalb verordnete er auch, nebst einer Medizin, etwas Fleischbrühe, die man ihm vorsichtig und löffelweise in den Mund flößen sollte. Ein Fläschchen und eine Taffe, die neben dem Bette fanden, enthielten die zwei Heilmittel.
Cäcilia hatte dem Onkel bereits viele Löffel von der Fleischbrühe eingegeben: sie meinte zu bemerken, daß sie ihm wohl bekomme und daß er sie bereits leichter verschlucke; es schien sich bei dem Alten sogar eine gewisse Begierde für diese Nahrung zu entwickeln.
Als sie nun wieder einen Löffel an seinen Mund brachte und ihn zurückziehen wollte, als er die Fleischbrühe zu sich genommen hatte, kam es ihr vor, als ob sich die Lippen des Alten bewegt hätten. Diese Entdeckung brachte sie zum Zittern, sie reichte ihm einen zweiten Löffel, den er mit sichtlichem Vergnügen genoß.
Durch den Erfolg ermuntert, gab ihm Cäcilia noch mehr Brühe und blickte dazu voll Aengstlichkeit in sein Gesicht.
Plötzlich kam ein Fieberfrost über seine Glieder; er streckte sich und blieb ohne alle Bewegung; selbst der Athem blieb ihm aus.
Cäcilia schrie so peinlich auf, daß Bart und seine Mutter erschreckt aufsprangen und an das Bett eilten.
Da hatte Cäcilia ihren Kopf über die Brust des Alten gelehnt; ihre warmen Thränen fielen auf einen Hals. Unendlicher Schmerz und zärtliche Liebe zeigten sich in den abgebrochenen Worten, die ihren Lippen entfielen; dazu küßte sie den armen Onkel, in dem sie schon einen Todten betrauerte.
Doch bald drängte ihr eine freudige Ueberraschung den zweiten Schrei ab: Onkel Jan regte die Lippen und machte den Mund auf und zu, als ob ihn sein Instinkt zum Essen antriebe.
Das Mädchen flößte ihm hinter einander zwei bis drei Löffel Brühe ein und hätte ihm in ihrem Freudentaumel die ganze Taffe eingegeben, wäre es ihr nicht eingefallen, daß die ausdrückliche Verordnung des Doktors dieß nicht zulasse.
Darum legte sie den Löffel zur Seite und wartete auf dem Gesichte des Alten die Wirkung ab, welche der Zuschuß von Nahrung hervorbringen würde.
Bald öffnete der Kranke die Augen und erblickte, seiner noch nicht recht bewußt, das freundliche Gesicht, das ihm entgegen lächelte.
»Onkel, Vater, Ihr lebt! Dafür danke ich dem Himmel, war die erste Aeußerung des guten Mädchens.
Der Kranke schloß die Augen wieder und blieb noch im Schlummer befangen. Als er den Blick dann aufschlug, maß er lange die Erscheinung vor sich und schien allmälig die Erinnerung wieder zu erlangen. Unvermerkt rührte sich ein Arm, schlang sich langsam um den Hals des Mädchens, zog ihren Kopf an sich und drückte ihm einen langen Kuß auf, während er kaum verständlich flüsterte:
»Cäcilia!«
Dieser Kuß der Liebe und dieses einzige Wort machten Cäcilia fast verrückt; sie rang sich los, zog die anderen Personen, die am Bett standen, mit sich und rief ihnen zu: Betet doch; sie selbst kniete vor dem Crucifix nieder und erhob die Hände dankend zum Bilde des Gekreuzigten.
»Wer ist da?« frug der Alte mit schwacher Stimme.
»Gott, er lebt, er spricht, er wird genesen, mein armer Onkel, mein guter Vater!« rief Cäcilia und drückte seine beiden Hände mit der innigsten Zärtlichkeit.
Der Alte lächelte und sah die knieenden Personen an.
»Es ist Bart, der für Euch betet, lieber Onkel,« sagte Cäcilia, »und seine Mutter, und Wanna, eine Schwester, die zu Gott flehen, daß er Euch die Gesundheit wiedergebe!«
»Bart,« wiederholte der Alte, der nicht verstanden zu haben schien – »Bart? Er fleht zu Gott? Für mich?«
»Kommt,« rief Cäcilia, »Bart, Mutter Anna, der Onkel ist wieder gesund und kennt seine arme Nichte – kommt doch!«
Sie standen Alle auf und nahten sich dem Bette.
Der Alte schaute sie Einen nach dem Andern an und verweilte mit besonderer Aufmerksamkeit an dem Jüngling, der dicht neben ihm stand und dem die hellen Thränen über die Backen rollten. Dann reichte er ihm seine magere Hand, zog ihn zu sich, bis er dessen Haupt an seine Lippen gebracht hatte, und gab ihm einen Kuß, den heiligen Kuß der Versöhnung!
Cäcilia fühlte die Beine unter sich zittern und mußte sich an den Tisch stützen, um nicht umzufallen. Die Liebesbezeigung ihres Onkels hatte sie dermaßen getroffen, daß sie an allen Gliedern bebte und sich nur mit Mühe einer Ohnmacht erwehren konnte. Die Andern waren gleichfalls gerührt; aus Aller Augen stürzten Thränen.
Da trat die Bettlerin in das Zimmer und rief:
»Cäcilia, Bart, Wanna, macht schnell! Kommt herunter!«
Sie ging bis zum Bett, sah mit Verwunderung, daß sich der Alte so wohl erholt hatte und bemerkte:
»Dafür sei dem Himmel gedankt! Ihr dürft hier bleiben, Mutter Anna, aber Bart, Cäcilia und Wanna müssen den Ausgang meines Werkes sehen. Kommt schnell mit mir herunter!«
Und da Niemand sie recht zu begreifen schien oder sich anschickte, um ihr zu folgen, nahm sie Bart und Cäcilien bei der Hand und zog sie fast mit Gewalt aus dem Zimmer.
Unten, vor dem Thor des Klosterhofes, stand ein Haufen von Menschen, der auf etwas wartete. Man sprach mit Abscheu und Entrüstung von dem Mord, den Thys an dem alten Manne versucht hatte, und freute sich, daß ihm jetzt die Belohnung für sein Verbrechen werden sollte. Schon waren die Gendarmen durch das Dorf gezogen; und die Neugierde hatte viele Leute vermocht, den Dienern der Gerechtigkeit bis zum Klosterhofe nachzugehen.
Cäcilia und Bart standen mit der Bettlerin im unteren Zimmer, ohne zu wissen, welches Schauspiel die erwartete.
Da hörten sie in einem Gange, der zum Hintergebäude führte, schwere Schritte und Säbelgeklirre.
Während sie voll Schreck und Staunen horchten, und die Bettlerin triumphierend lachte, traten zwei Gendarmen in das Zimmer, und dann wieder zwei, und zwischen diesen Thys, dem sie die Hände auf dem Rücken fest gebunden hatten; der Kopf hing ihm tief in die Brust; er sah bleich und verwirrt aus und bebte ganz vernichtet.
Cäcilia schlug sich die Hände vor die Augen und kehrte sich mit einem Schrei von der unangenehmen Scene ab; Bart beschaute wie versteinert den bösen Thys und sein unheilvolles Geleite.
»Seht,« frohlockte Kaet, »also straft Gott den Missethäter und wählt zum Werkzeuge einer Rache die verachtete Bettlerin!«
Und als die Gendarmen sich mit dem Gefangenen nahten, rief sie ihm noch entgegen:
»Scheinheiliger Bösewicht, elender Mörder! Beeilt Euch! Ihr müßt aufs Schaffot, unter das Beil der Guillotine, und nachher, zum Schlusse, in das ewige Höllenfeuer!«
Thys ward von den Gendarmen von dem Klosterhofe weggeführt. Als die versammelten Bauern und Bäuerinnen ihn gewahr wurden, erhob sich ein einstimmiges Rachegeschrei gegen ihn, so daß er den Kopf noch tiefer senkte und voll Angst seiner letzten Stunde entgegensah. Sein Gesicht war leichenblaß, sein Haar zerrauft, seine Kleider in Unordnung: an seinen Händen klebte getrocknetes Blut; denn in seinen verzweifelten Versuchen gegen die Kellerthür hatte er sich wund gerissen.
Doch die Dorfbewohner schrieben dem Blute natürlich einen andern Ursprung zu und wurden so bis zur Raserei erbittert.
So spornten sie sich wechselseitig durch allerlei Reden zur Rache an; schon wollten sie dem Gefangenen an den Leib rücken und hätten gewiß an ihm ein Beispiel der stürmischen Volksgerechtigkeit statuiert, wenn nicht die Gendarmen, in der Voraussicht der Gefahr, ihre Schwerter entblößt hätten, um zur Noth das Leben des Gefangenen zu vertheidigen.
Bei diesem Anblicke stutzte der wilde Haufe und gab die Selbstrache auf; doch zog er den Gendarmen nach und überhäufte den Mörder mit Schimpfworten und Verwünschungen, bis ihn, auf dem Steinwege, der zur Stadt führt, der beschleunigte Schritt seiner Wächter den Augen der empörten Menge entrückte.
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Seitdem sind zehn Jahre verflossen. Der Klosterhof ist in eine ausgedehnte Bauernwirthschaft umgewandelt. Im Stalle stehen drei Pferde und zwölf Kühe; Knechte und Mägde laufen über den freien Hof; munter schallt das Geräusch der Arbeit vom Morgen zum Abend. Die Fenster sind nach Außen grün bemalt, die Mauern hergestellt und sorgsam geweißt: Alles zeugt von Glück und Wohlstand.
Wenn die Sonne freundlich scheint, so läßt sich, auf der Bank neben dem Hausthor, ein steinalter Mann nieder, dessen Hände beständig zittern. Neben ihm strickt eine alte Frau. Der Greis spielt mit zwei kleinen Kindern, einem Knaben und einem Mädchen, und lobt ihnen die Sparsamkeit als die Quelle des Reichthums. Es sind die Kinder seiner Nichte Cäcilia, Bart ist ihr Vater, und sie nennen die alte Frau Großmutter Anna.
Der Alte hat dem Bart viel Geld geliehen – und bekommt dafür Zinsen – recht mäßige Zinsen. Diese geregelten Einkünfte legt er für den kleinen Jungen bei Seite, der eben auf einen Knieen spielt. Er hat den Knaben so gerne! Er hat ihn auch aus der Taufe gehoben und ihm den Namen Jan beigelegt. So ist der gute Onkel in seinen alten Tagen recht glücklich! Zuweilen findet er Gelegenheit über die zu reiche Kost des Gesindes und die Ausgaben aller Art zu schelten – aber Bart und Cäcilia lassen ihn plaudern und kehren sich nicht an seine Bemerkungen. So sind die beiderseits zufrieden.
Kaet, die arme Wittwe, lebt jetzt auf dem Kapellenhoefken; ihre Kinder sind groß geworden und arbeiten rüstig. Bart unterstützt sie, und mit der Zeit wird sie eine wohlhabende Pächterin werden.
Wanna hat den Schloßgärtner geheirathet; sie lebt mitten unter den lieben Blumen und wird von ihren reichen Herren gern gesehen. So ist sie auch zufrieden und glücklich.
Der Schurke allein leidet die verdiente Strafe; er sitzt in schwerer Haft, aus der er erst erlöst wird, wenn ihn Gott vor seinen Richterstuhl abruft.
