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Helmut Lauschke
Der Bogen in die Zukunft
Der Mensch und sein Erwachen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zu viele Menschen leben in bitterer Armut
Was sich bewegt und werden soll
Der Mensch prüfe es mit eigenem Auge
Denke tiefer von der Welt
Von Blicken und ihren Einsichten
Das Wort ergriff das Gemüt
Menschen der schlichten Erscheinung und des tiefgehenden Verstandes
Sein Leben und Können für die kranken und verletzten Menschen einsetzen
Die Anstrengung soll für sich selbst sprechen
Von den Jahren kommen die Schrunden
Die Hähne krähen die halb Sechs
Kopf und Füße nehmen den Pfad mit Bescheidenheit
Von der alten Palme steht nur noch der Stamm
Den zugezogenen Fenstern gegenüber, die Exilsprache des Russischen war von Vorteil
Weg und Klippen, sie strecken sich weit
Mit Blick auf die Haut
Bescheidenheit und Aufrichtigkeit sind Zeichen der Stärke
Du wirst staunen
Kubanische Zwischentöne
Der Schlüssel zur moralischen Exzellenz
Streckte sich die Regenzeit
Kinder und ihre Füße
Mit dem Morgen endet die erfüllte Nacht
Sprich nicht gut von dir selbst
Anders ist der neue Zeitgeist
Klippen auf dem Weg zum Bergplateau
Bescheiden und schlicht durch die Natur
Freiheit mit dem Blick auf die Uhr
Junge Soldaten, die umsonst verbluten
Die Mittagszeit ist fast vorüber
Sandteppiche wellen den Bränden entgegen
Die Blick- und Lichtschranke zwischen mager und fett
Der Pfad der Menschlichkeit führt durch die Bescheidenheit
Mit dem, was wir wissen, kommen wir nicht weiter
Zwischenbilanz
Wie Endliches ins Unendliche rollt
Ein gewohnter Blick
Im Augenblick, wenn altes Leben geht
Türen sind zum Öffnen
Welt war genug mit den Kriegen
Das Telefon klingelt
Bescheidenheit und harte Arbeit
O Freude, jener Götterfunke, der ersehnte
Dinge, die dem Blick verborgen sind
Steh zu deiner Persönlichkeit
Das Auge braucht das weite Wasser
Ein besonderer Augenblick
Wenn unsere Knie den Boden berühren
Jung bist du geblieben trotz der Falten auf der Stirn
Die schwierigste Tugend
Im Rückblick
Eine Ernte wird es nicht geben
Nächtliche Wirklichkeit
Doch kein Arzt kommt zum kranken Kind auf die Müllkippe
Morgendämmerung
Blutrot hebt sich die Sonne in den Tag
In Demut verstehen
Andere Punkte im Blickfeld
Mit dem Baumschiff den Kontinent zu durchqueren
Von der chirurgischen Bürde
Gib zu, dass du einen Fehler gemacht hast
Rücksichtslos erhebt sich der Mensch über den Menschen
Was leere Kleiderhaken noch erzählen
Der Wert des Menschen misst sich an dem Sittenstand
Mit dem Blick auf den Patienten
Bescheidenheit öffnet den Verstand
Es ist die Scholle, die den Hunger stillen soll
Ein Montag
Denn kurz nur geht das Leben
Schuld und Entschulden
Auch dieser Tag geht bald zu Ende
Im Blickkreuz des Gesehenen und Erkannten
Aufrichtigkeit/Ehrlichkeit
Die Kraalslyrik ist der Natur eng verbunden
Frieden des Herzens und Freiheit des Geistes
Impressum neobooks
Zu viele Menschen leben in bitterer Armut
Der Mensch und sein Erwachen
Schau nicht herab auf abgemagerte Menschen, egal ob alt oder jung, es sei denn, du hilfst ihnen auf. Je höher wir sind, was Bildung und Wohlstand betrifft, desto bescheidener sollten wir gehen. Der große Mensch in Besonderheit sollte das gute Beispiel geben, sich einfach, verständlich und klein zu geben, denn es gibt keinen Grund zu zeigen, wie groß du bist. Wenn du das tust, dann arbeitest du an den Werten der Humanität. Das beginnt mit der Demut als dem Fundament der menschllchen Besserung.
Es ist zuviel, die Menschen in ihrer Armut zu sehn mit den unterernährten Kindern. Welche Art von Leben ist ihnen gegeben, wenn sie nicht einen Cent für Brot und Trinkwasser haben? Natürlich schaue ich nicht herab auf Menschen, die in den Gräben des Schmutzes und des Elends liegen.
Auf den Gesichtern der Kinder ist so etwas wie ein Lächeln, wenn Furchen auf den Gesichtern der Älteren sind. Es ist Morgen, aber das Licht ist trüb wie am Abend, das nie heller wird über den Gräben der Armut. Jeder Gang hat in tiefer Demut zu sein, denn die Aussicht in den Tag bleibt kahl und trüb.
Ein gutes Zeichen wird gebraucht, um den Weg zum Guten zu sehen, was die Richtigkeit bedeutet gegen die Versuche der Falschheit, denn die Arbeit des Menschen ist hart und schwer, und das Verdienst ist klein für das Brot auf den Tisch und die Kartoffeln für die Küche, das Essen zu bereiten, wenn die Kinder im Wachstum und hungrig sind.
Die Werte des ethischen Standards müssen eingehalten werden im Blick der weiteren Betrachtung und Erfüllung zum weiten Maß, dass die Dinge des Lebens zurückgebracht werden zur Ordnung, wo jedes Element an den richtigen Platz kommt, weil die Bildung weitergehen muss für die Jugend, um für den längeren Lauf zu lernen, was gut und was böse ist.
Die Zeichen der Humanität leuchten, sie werden absorbiert in den Wolken der Armut und werden dunkel über den Gräben des Elends. So ist es das Ohr, das hören will, dass die Menschen hier wie um die Gräben einander gleich sind, dass es keinen Platz für Arroganz und Diskrimination gibt, wenn Männer und Frauen hart für eine Verbesserung von Tag und Leben arbeiten.
Was sich bewegt und werden soll
Was wie ein Pendel schwingt, hat mindestens zwei Seiten, wo die eine Seite der anderen Seite gegenüberliegt. Das Pendel ist der Mittler zwischen den beiden Seiten, vermittelt zwischen der Absicht mit dem Anstoß und der Resonanz mit dem Gegenstoß.
Die Bewegung beruht auf der Gegenseitigkeit und gibt der Schwingung ihren Ton bis hin zum gesprochenen Wort. Da öffnet sich der Raum der Sinnhaftigkeit mit dem Verlangen nach Verstehen und Erkenntnis zur bauenden Kommunukation durch Musik und Sprache und der Kunst im Allgemeinen und im Besonderen.
Gegenüberliegende Dinge gehören zusammen als Teile der Einheit im tieferen Verständnis der Wirklichkeit der Bewegungspermanenz von Wandel und Verwandlung, was als die Merkmale der Evolution in wunderbarster und erkenntnisfördernder Weise im biologischen und philosophisch-denkerischen Gang und Werdeprozess zum Ausdruck kommt.
Der Pendelschlag zeugt in einfachster Weise von der Zusammengehörigkeit der gegenüberliegenden Dinge. Es ist der prinzipielle ‚Schlagabtausch‘, der aus der Gegenseitigkeit kommt und dem Sein den unbegrenzten Raum des Schöpferischen gibt und sichtbar macht mit der Mahnung, diesen Raum nach besten Kräften zu nutzen.
Der Mensch prüfe es mit eigenem Auge
Das Schöne ist’s, wonach es mehr verlangt.
Der Halm strotzt nach dem Regen dunkelgrün,
und die weite Krone streckt sich nach oben
und sitzt dem mächtigen Stamm als stolzes Erbe auf.
Der Mensch prüfe es mit eigenem Auge,
für wen und was er sich verbrauchen will.
Gärend raunt die Nacht zum frühen Morgen
mit dem, was das Leben braucht und es bedroht.
Drum nimm den frühen Morgenblick über Feld und Flur,
dass dich aus den Furchen grüßt die frische Saat.
Nach dem Blick nimm Weg und Pfad im Dämmerschein,
lass dich berühren vom Gewürz der nassen Scholle.
Es wird noch viele heiße Sommer geben
mit den Tagen der Prüfung nach Sinn und Wert.
Setz den Fuß fest auf den Boden und ins Leben,
stell dir die Frage, was der neue Tag begehrt.
Dann schick dein Ohr den singenden Vögeln entgegen
und hör aus ihren Gesängen das zeitlose Lied,
das dich bei deinem Flurgang begleiten will.
In allem liegt die Bedeutung von Haus und Hof.
Erinnere dich der Menschen, die es schufen.
Denke tiefer von der Welt
Nimm dich leichter, aber denke tiefer von der Welt, um uns größer zu machen, das ist eben groß in Demut. Wir beginnen den richtigen Weg zu mehr Verständigung und Toleranz mit Wahrheit und Zuversicht zu gehen. Es ist der Weg des Friedens und der Freiheit mit dem hohen Grad an Verantwortung für andere Menschen und an Menschlichkeit im Allgemeinen.
Bring die Wichtigkeiten mit Achtung in die Balance zurück, weil Dinge weggerutscht und niedergegangen sind wie mächtige Lawinen. Es riss mit die Hütten von den Gipfeln und Hängen. Sie alle rollten herab mit Teilen des Lebens und schlugen hart den Grund und das Dorf und den schweren Schichten in seinem Schlaf.
Der Weg war darunter, und der Schnee häufte Berge, dass es keine Markierung und Zeichen mehr gab, die jemand suchte um Hilfe und Schutz, denn es gab überhaupt keinen Einblick im Sturz der Lawine. Sie schlug in vollem Lärm und Zorn und drückte schäumende Wolken gewaltsam nach unten.
Dinge stehen vor den oder im Rücken der Jahre, andere fallen oder bewegen sich vor und zurück. Sag, was ist deine Meinung vom Leben und seinem Drumherum, was ständig nicht nur das Atmen verschlechtert, sondern auch die Augen und Ohren durch Schmutz und Lärm entzündet.
Dein Verstehen ist korrekt und perfekt mit der Zeit,
Menschen laufen nervös von einer Seite zur anderen. Sie haben vollständig die Macht und Orientierung verloren, den Weg in die richtige Richtung zu finden, dass sie in einer hysterischen Manier atmen und bis zur Erschöpfung in die Finsternis von Seele und Verstand gehen.
Ja, Menschen gehen aneinander vorüber ohne ein Lächeln oder einen Gruß. Sie sind ängstlich beim Stehen vor einer offenen Tür, die Entscheidung zu treffen hindurchzugehen mit Bestimmtheit und Mut, weil es nichts ohne Risiko gibt, so mit den größeren, dass das Leben in Löcher und Gräben fallen kann ungeachtet, ob die Situation lärmend, schreiend oder still ist.
Von Blicken und ihren Einsichten
Von den Blicken gibt es die verschiedensten Arten, vor allem wenn es zum Wechseln von Blicken kommt. Es unterscheiden sich der spontane Blick vom verzögerten Blick, der endliche Blick vom unendlichen Blick, der gerade Blick vom ungeraden oder abgewinkelten Blick, der eckige Blick vom runden Blick, der offene Blick vom verdeckten Blick, der feurige Blick vom eisigen Blick, der helle Blick vom trüben oder getrübten Blick, der Liebesblick vom Hassblick, der freie Blick vom irren oder verirrten Blick, der Freudenblick vom Trauerblick, der lebendige Blick vom toten Blick.
Es gibt die verschiedensten Fächer, aus denen man heraus- oder durchsehen kann, meist von innen nach außen, oder in die man hinein- oder hindurchsehen kann, meist von außen nach innen. Auch wenn der Blick sich aus vielen Elementen zusammensetzt, über die man sich bei der spontanen Vorgehens- oder Blickweise meist keine Gedanken macht, bei denen es sich um Vorausgedanken handeln sollte, so ist der Blick ein äußerst komplexes Gebilde, das einem aus vielen Facetten zusammengesetzten Auge beziehungsweise Spiegel vergleichbar ist. Dieser Spiegel hat einen Vorwärtsspiegel und mindestens einen Rückwärtsspiegel. In jedem Fach gibt es Spiegel, die an unterschiedlichen Stellen angebracht sind. In manchen Fächern sind die Spiegel sogar versteckt, dass man sie suchen muss. Das kann je nach Maß und Ausmaß der Blickerfahrungen länger dauern. Aber dass der Vorwärtsspiegel oder der Rückwärtsspiegel in dem Fach fehlen, das ist unwahrscheinlich, ja ausgeschlossen, es sei denn, dass der vorher aus dem Fach Herausgeblickte oder in das Fach Hineingeblickte den einen oder anderen Spiegel mit der Halterung herausgerissen und in die Tasche gesteckt oder anderswie mitgenommen hat.
So wie es Fachspezialisten an den technischen Hochschulen oder in den geistig-geistvollen Disziplinen an den Universitäten gibt, so spezialisieren sich die Blicke für das eine oder andere Fach. Zu viele Fächer können es nicht sein, weil zu viele Vorwärts- und Rückwärtsspiegel den menschlichen Verstand, den man zu gebrauchen hat, verwirren, wenn die Blicke wie Blitze wild durcheinanderzucken. Davon einmal abgesehen, dass mit Zunahme der Zuckungen und Zuckungsgeschwindigkeiten das Anfängliche soweit verzerrt wird, dass es schließlich eine scheußliche Fratze wird, mit der verstandesmäßig nichts mehr anzufangen ist. Da bleibt nur noch der Schreck vor der Fratze zurück, wenn die Schrecksekunde, als hätte der Stromschock das Herz geschlagen oder der Meißel das Hirn gespalten, schon längst verschwunden ist. Ein Nachvibrieren oder Nachzittern nimmt die Atmung oft für eine Zeit in Mitleidenschaft. Dauert diese Zeit länger, so muss mit Komplikationen gerechnet werden, die den Tod nicht mehr ausschließen. Das macht sich mit der Atemnot und dem hypoxischen Herzflattern bemerkbar mit dem möglichen Herzstillstand und dem zentralen Tod durch den hypoxischen Hirnschaden.
Der Blick in den Vorderspiegel ist ein Spiegelblick, der nach hinten geht und sich vom Rückspiegelblick unterscheidet, das umso mehr, je weiter der Blick in die Vergangenheit zurückreicht. Es ist eine allgemeine Erfahrung, dass der Vorderspiegel- mit dem Vorwärtsblick im zunehmenden Alter immer ernster wird. Ihm ist ein Lächeln kaum noch abzugewinnen, weil dem Blickträger das Leben das Lächeln gründlich abgewöhnt hat. Auch weicht mit dem Alter der helle Optimismusblick dem glanzlosen, oft trüben Realitätsblick. Die Blickqualität ändert sich also mit dem Alter, weil dann auch durch andere Fächer geblickt wird, denen die Jugend nur geringe oder keine Aufmerksamkeit beziehungsweise Blickbedeutung beigemessen hat.
Während der Spiegelblick, es trifft für die Mehrzahl dieser Blicke zu, ein Spontanblick in den Spiegel ist, ohne dem Spiegel deshalb tiefgründige Fragen hineinzublicken, ist der Blick, wenn er sich vom Spiegel löst, oft ein gespiegelter Blick. Das in dem Sinne, dass man sich etwas aufs Gesicht gespiegelt hat durch die neue Weichenstellung mit Änderung der Gesichtszüge. Das frappiert und wird mit einem Lächeln plus Bedauerungszusatz quittiert, wenn das Gespiegelte vom ursprünglichen Spiegelblick stark abweicht. Da hat sich das Künstliche oder Gekünstelte doch zu stark in das Natürliche eingemischt. Es ist der Gradierung, die bis in die Clownerie hineinreicht beziehungsweise bis zur Verhohnepiepelung mit den Kratzspuren an der Persönlichkeit führt, wenn sich das Aufgesetzte wie die gespiegelte Fratze mit dem Boden der Wirklichkeit und Tatsache nicht verträgt und mit der Gesichtsnatur nichts mehr zu tun hat.
Bei den Blicken unterscheidet sich der Einwärtsblick, eine Art des Überkreuzblickens, vom Auswärtsblick, bei dem die Blickgeraden von rechts und links divergieren und bei extremer Auswärtsdrehung den hyperbolisch-verlorenen Blick erzeugen. Von allen Blicken ist der Rundblick, der durchaus eckige Blickelemente haben kann, der wichtigste. Dieser Blick kann ein direkter oder ein indirekter sein. Dieser Blick ist deshalb von Bedeutung, weil er um den Kern der Dinge herum blickt. Wie beim Winkelobjektiv gibt es bei den Blicken den Breitwinkel, der sich blickmäßig wohltuend gegen den Engwinkel absetzt, weil er den breiteren Raum für die großzügigere Blickweise gibt. Dagegen drückt der Engwinkel in die eingezäunte Enge hinein, die sich der Sehprozedur nach hinten anschließt.
Gegenstände kommunizieren in dem Maße miteinander, wie ihnen die Bedeutung mit dem Bedeutungsgewicht zu- und entgegengeblickt wird. Es sind Blickwinkel und Blickrichtung, die über die Bedeutung des Gegenstandes entscheiden, bevor der Rundblick den Gegenstand in seiner komplexen Abbildung um den Kern herum erfasst. Wenn Gegenstände in sich selbst verändern, dann können die Blicke verschwimmen. Da kann es blicklings zu Verflutungen und Überflutungen kommen. Dabei muss es aber nicht gleich zum Vogelsterben kommen und dem Treiben mit dem Bauch nach oben.
In vielen Gegenständen finden sich auch die Tu-Wörter. Fürs Finden kommt es darauf an, wie die Fächer aus den Gegenständen hervorgezogen werden, um den erforderlichen Facheinblick zu bekommen.
Das Wort ergriff das Gemüt
Wenn heiße Sommer das Gesicht verstrahlen
und die Zahl der Jahre schon erstaunlich ist,
dann nimmt man sie gelassen mit den Qualen,
weil es an Wasser und an Weide fehlt.
Die Schönheit der Gestalten, die du siehst,
sind die jungen Menschen aus den Dörfern.
Faltig legt sich mit den Jahren ihre Haut
nicht nur an den Stirnen und den Händen.
Das Wort, das du beim Anblick sagtest,
greift die Bedeutung und damit das Gemüt.
Die Geschichte geht unerzählt noch weiter,
wie ausgetretene Wege sie zusammenführt.
So geh den Weg, den du begonnen hast,
und lass dich von dem, was du siehst, belehren.
Die Zeit wird kommen, und das Jahr wird enden,
bevor du auf den Rückweg triffst mit halber Last.
Die jungen Menschen in den Dörfern werden älter,
die, die bleiben, bauen neue Hütten in den Kralen,
denn mit den Jahren ziehen auch die Alten weiter.
Nun bist auch du altgeworden, was du nicht weißt,
weil es der Spiegel - wie den andern - dir nicht erklärt.
Menschen der schlichten Erscheinung und des tiefgehenden Verstandes
Bescheidenheit ist der Schlüssel, der die Türen zur Menschheit, zu den Herzen anderer Menschen und Kinder öffnet, die verschlossen waren durch Arroganz und Fahrlässigkeit. Wahres Wissen sagt, dass die Mensche nichts wissen (Sokrates) Es ist die Wahrheit, die hervorkommt in der Bescheidenheit. Demut im Allgemeinen, sie ist das solide Fundament aller Tugenden (Konfuzius). Eine dieser Tugenden ist Weisheit, die aus diesem Grund hervorkommt.
Konfuzius, du großer Mann und philosophischer Hero für Menschen der schlichten Erscheinung und des tiefgehenden Verstandes, wir haben von dir zu lernen und über deine Worte und Gedanken zu reflektieren, um die Bedeutung des Daseins besser zu verstehen. Das Problem der Zeit mit ihrer Hochtechnologie ist die Stufe der Demut zu finden und den Weitblick.
Wir müssen viel mehr lernen, sorgfältig und demütig zuzuhören, wenn die großen Werte der Wahrheit und Tugend das Auge und den Verstand streifen. Wir müssen auch lernen, ruhig und reflektiv zu sein, um eine Idee zu bekommen von der herrlichen Genealogie und antiken Größe, was moderne intellektuelle Manipulationen oft falsch verstehen, denn die Basis dieser Werte muss elementar respektiert werden.
Nicht kleiner in seinen Ideen und logischen Ableitungen steht Sokrates, als alter Soldat (von 38 bis 48 Jahren) als bewaffneter Fußsoldat im peloponnesischen Krieg (431-404 BC) kämpfend. Philosophisch blieb er ein Soldat für die Wahrheit und gab für sie sein Leben. Seit einigen tausend Jahren lehrt es die Wahrheit, dass das Wissen zu kurz ist, wenn es zu den Werten der Weisheit kommt.
Für all den Mangel der Wahrnehmung, Bildung ist dringend erforderlich, um besser zu verstehen die Basis für das Leben im Sehen, Denken und Tun ist, um die Fahrlässigkeit, Einbildung und Arroganz zu überwinden, die die Hürden der Korrektur und Verbesserung sind. Um die Menschheit vorwärts zu bringen, muss das Umfeld gesäubert werden, damit Menschen leichter den Weg in die richtige Richtung finden.
Die Herausforderung isr groß und damit die Anstrengung, die zu machen ist, den Gang unter besseren Umständen zur rechten Zeit zu beginnen, damit Menschen sich der Gleichheit, Gerechtigkeit und Würde erfreuen können. Es sind Frieden und Freiheit im Denken und Ausdruck, die als Menschenrechte vielen Generationen weggenommen wurde, das Hoffnung und Sehnsucht zu ethischen Höhen hochgewachsen sind.
Sein Leben und Können für die kranken und verletzten Menschen einsetzen
Mit der Unabhängigkeit Namibias als letztes afrikanisches Land und den ersten freien Wahlen in Südafrika wurde der Weg frei für den Ruf nach der afrikanischen Renaissance. Sie sollte den ganzen Kontinent beflügeln und die Menschen zum besseren Leben führen. Der Wandel war deutlich genug, um die letzten weißen Zweifel auszuräumen und zu erkennen, dass der Händewechsel an den Hebeln der Macht ein endgültiger war, der eine Umkehr von schwarz zu weiß für alle Zeiten ausschloss.
In diese Zeit hatte Dr. Ferdinand seine Füße und Gedanken gesetzt. Sollte doch die Renaissance auch für ihn gelten, der nicht in Afrika geboren und aufgewachsen war, sondern vom Gesicht und der Haut ein Europäer war. Er hat seit über zehn Jahren sein Leben und Können für die kranken und verletzten Menschen im Norden des Landes eingesetzt, wo er als Arzt und Chirurg an einem Krankenhaus etwas mehr als dreißig Kilometer südlich der angolanischen Grenze arbeitet. Dr. Ferdinand hat die letzten Jahre der weißen Apartheid und die letzte Entscheidungsschlacht miterlebt, die die Arbeit an den schwarzen Menschen sehr erschwert hatten. Er erinnert sich an den Ausspruch des südafrikanischen Brigadiers in einer Morgenbesprechung im Dienstraum des Superintendenten, dass bei der Entscheidungsschlacht für die Weißen viel auf dem Spiel stehe. Der Brigadier sagte auch, dass er wie alle Weißen auf dem Pulverfass säßen, das jederzeit hochgehen könne.
Die Entscheidungsschlacht war vorüber, und das weiße Kommandoschiff war gesunken. Das neue Schiff mit den schwarzen Masten und der schwarzen Besatzung hatte angelegt. Ob im Bauch dieses Schiffes alles aufgeräumt war, ließ sich nicht sagen. Es sind die Aussagen ehemaliger Freiheitskämpfer, die an Bord des Schiffes zurückgekehrt waren. Sie sagten, dass da noch manches herumlag. Es sind jene Kämpfer, die im Exil waren und aus dem Exil heraus die Freiheit Quadratmeter für Quadratmeter ins Land hinein gekämpft hatten. Dr. Ferdinand hat die letzte Entscheidungsschlacht durch die verschmierten, eingeschlagenen und sonstwie aus den Rahmen gesprungenen Scheiben des Hospitals verfolgt. Er hatte die Schlacht mit den Vibrationen und großen Erschütterungen aus der Nähe miterlebt, wenn er an den Krankenbetten stand und nach den Patienten sah oder bei den Operationen war, als ihm nicht nur einmal ein mächtiger Knall auf die Trommelfelle schlug. Dabei fielen ihm die Instrumente aus der Hand, und der Instrumententisch rollte mit den klappernden, auf- und abspringenden Instrumenten vom OP-Tisch davon.
Die Nähe zum Geschehen bei der täglichen Arbeit blieb, als die neue Mannschaft an Land gegangen und in die Zentren der Macht geeilt war. Sie nahm die Entscheidungshebel schnell aus den weißen Händen und hielt sie seitdem fest im Griff. Viele, die da auf dem Weg zur Macht und den hohen Positionen waren, unterbrachen für kurze Zeit die Fahrt mit dem Auto und statteten dem Hospital einen Erkundungsbesuch ab. Dort wurden sie vom ärztlichen Direktor und dem Superintendenten, beide vom Übermaß an Melanozyten gesegnet, brüderlich begrüßt und über den letzten Stand der Dinge informiert. Der Wunsch nach einer afrikanischen Renaissance im Sinne der schwarzen Wiedergeburt war zu spüren. Dem Beobachter der Besuche fiel die Zielstrebigkeit und Zielsicherheit der Männer und Frauen auf, die auf ihrer Fahrt zur Machtzentrale den Abstecher zum Hospital machten.
Bei der Betrachtung ihrer Gesichter gab es keine Zweifel, dass es ihnen um Macht und ein besseres Leben ging. Ob sie beim Trachten nach dem besseren Leben auch an die Menschen im Lande dachten, die nicht im Exil waren, dafür aber die Armut und das grenzenlose Leid im Lande erlebt und durchlitten hatten, das war ihren Gesichtern weder anzusehen noch aus ihren Worten herauszuhören.
Dr. Ferdinand verschließt die Bauchdecke eines Mannes, der nicht alt war, aber von einem Tumor verzehrt wird, der vom Magen ausgeht und den angrenzenden Querdarm befallen hat. Wie schon so vielen Patienten davor würde ihm das Schicksal in naher Zukunft den Schlussstrich des Lebens ziehen. Da konnte man chirurgisch nicht gegen ankommen. So ist die Operation nicht mehr als ein Öffnen und Schließen der Bauchdecke. Beim Schließen der Bauchdecke geht ihm der alte Mann mit dem fortgeschrittenen Magenkarzinom durch den Kopf, der nach der Operation mit der Hand über den Bauch streicht und spürt, dass sich nichts verändert hat. Von diesem Moment an hat der alte Mann mit dem Leben abgeschlossen und hält die Augen geschlossen. Er will sich am Ende seines Lebens von niemandem mehr stören lassen, auch nicht vom Arzt, dem er sich vergeblich anvertraut hatte.
“Haben Sie mal etwas von dem freundlichen Kollegen gehört, der hier in Leutnantsuniform der südafrikanischen Streitmacht seinen Dienst getan hatte?” Das fragt die Schwester hinter dem Instrumententisch, als Dr. Ferdinand den Nähfaden nach Verschluss der Faszienblätter der Bauchdecke knüpft. “Meinen Sie Dr. van der Merwe?” Es ist ein Name, den Dr. Ferdinand nicht vergessen wollte. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein hervorragender junger Mensch und Arzt, der auf seine Uniform keine Rücksicht nahm, wenn er am Patienten arbeitete. Dazu kommt, dass Dr. van der Merwe wie ein Freund gewesen war, als Dr. Ferdinand unsicher die Füße auf den afrikanischen Boden setzte. Oft hat er seine Hilfe angeboten, damit Dr. Ferdinand als Neuling der afrikanischen Verhältnisse keine weichen Knie bekam. Es war der schonungslos wütende Krieg mit der Vielzahl an Verletzten und die internen Querelen und Intrigen, die die Sicht des Dr. Ferdinand getrübt hatten. An manchen Tagen war die Trübung so stark, dass ihn die Depression erdrückte und er nicht wusste, wo vorn und hinten war. “Dr. van der Merwe ist kurz vor dem Abschluss der Spezialisierung als orthopädischer Chirurg. Er ist glücklich verheiratet mit seiner lieben Frau, mit der er zwei Kinder in die Welt gebracht hat. In seinen Briefen erwähnt er jedes Mal das Hospital, in dem er viel gelernt habe, und richtet Grüße an die Schwestern aus, mit denen er zusammengearbeitet hat.”
Ein Lächeln glättet das Gesicht der Schwester, die diesen Arzt in guter Erinnerung behalten hat, weil er für die Menschen in der schweren Zeit des Krieges ein Arzt mit menschlichem Antlitz war. “Dieser Arzt war anders als die anderen Ärzte in Uniform. Alle haben ihn geachtet, weil er ein gutes Herz für die Menschen hatte und voll in der Arbeit an ihnen aufging. Bei ihm störte es nicht, dass er die Uniform der Besatzer trug, weil unter der Uniform der gute Mensch zu spüren war.” Das sagt die Schwester hinter dem Instrumententisch, bevor sie Pinzette und Nadelhalter mit Nadel entgegennimmt.
Als Dr. Ferdinand das ‘theatre’ verlässt, war Mitternacht überschritten. Er zieht sich die verschwitzte OP-Kleidung vom Körper, reibt den Schweiß mit einem trockenen OP-Hemd ab, zieht das Zivile an, fährt mit den Fingern durchs nasse Haar und macht sich auf den Rückweg zur Wohnstelle. Er hofft, für die letzten Stunden noch etwas Schlaf zu finden.
Die Anstrengung soll für sich selbst sprechen
Demut macht Menschen zu Engeln (Augustin von Hippo). Manchmal müssen Menschen Dinge von niederem Wert verlieren, um etwas von höherem Wert zu bekommen. Ohne ein Wort sollte deine Anstrengung für sich selbst sprechen. Tue gut ungeachtet ob schwach oder hell, du musst nicht angeben mit großen Worten. Die Jüngeren wünschen Vertrauen, die Älteren suchen nach Weisheit in der Demut. Zwei Dinge im Kontrast: Deine Geduld, wenn du nichts hast, und deine Haltung, wenn du alles hast.
Wenn Menschen etwas von niederem Wert verloren haben, dann wird gehofft, dass sie etwas von größerem Wert gewinnen. Denn es ist verständlich, dass nichts ist frei erhältlich, aber der Verlust großer Werte ist, wie die Zeit zeigt, die Katastrophe, die mit derzeitigen intellektuellen Instrumenten kaum hantiert werden kann, weil die mentalen Störungen aufgrund des mangelnden Wissens aus der Hand gehen.
Es ist die Anstrengung dis Arbeit zu tun, die die Wahrheit sprechen sollte, denn die verbleibende Stille ist oft näher zur Bedeutung, dass der Geist der Absicht seine Sprache der Stärke und Erfüllung der Aufgabe spricht, die ihm der große Schöpfer gegeben hat. So berührt Zeit den zeitlosen Raum in der Gestaltung des Vorgangs, die mit dem Anlegen der Asymptote an den Kreis des Glücks einhergeht.
Weisheit ist in der Demut und das mehr als im gesprochenen Wort, was Grund ist, dass du nicht durch Hörkontrolle dich wichtig nehmen must, was Demut zu sein hat, weil das eine groß ist, während du klein bist, um eine Rede über diese Größe abzugeben. Denke mehr und sprich weniger, dann gehst du in die richtige Richtung in den universalen Raum der endlosen Dimensionen.
Nicht weit vom Kreis des Glücks ist der andere Kreis der gegenteiligen Dinge wie Unterdrückung, Schmerz, Trauer und Einsamkeit. Häftlinge kamen zurück von den Arbeitslagern im Zustand der schwersten Erschöpfung und von Hunger, viele fühlten sich verloren und nahmen sich das Leben. Diese Menschen haben die Sprache verloren, um von den Gräueltaten zu berichten, durch die sie gegangen sind mit Folter und Kerkerhaft.
Demut macht den Menschen zum Engel, das sind Augustins Worte, durch Reflexion der Seele in der Helligkeit der großen Tugend. Junge Menschen suchen Vertrauen und Bestätigung, während die älteren nach der Weisheit in der Demut suchen. Zwei Dinge: Was ist deine Geduld, wenn du nichts hast, und was ist deine Haltung, wenn du alles hast?
Von den Jahren kommen die Schrunden
Arm in Arm gehen Arm neben Arm.
Es sind Frauen, die es barfuß tun,
sie sind auf dem Weg zum Brunnen
mit verbeulten Eimern auf den Köpfen.
Von den Jahren kommen die Schrunden
an den Zehen und den Sohlen.
Das Wasser muss herbeigetragen werden,
damit es mit dem Leben weitergeht.
Die Mutter trägt es der Tochter vor,
so tut es die ältere Schwester vor der jüngeren.
Das mit dem Wasser ist ein ernstes Kapitel,
bei dem den Beteiligten das Lachen vergeht.
Arm in Arm gehen dünne Beine weit,
und weiter wird’s in trocknen Jahren,
wenn im Brunnen es kein Wasser gibt,
und die Hoffnung sich zum übernächsten zieht.
Am frühen Morgen muss das Wasserholen sein,
denn nach wenigen Stunden glüht der Stein,
an dem sich die Füße auf dem Weg verbrennen.
Mütter und Mädchen stehen früh am Brunnen.
Sie ziehen die gefüllten Eimer aus großen Tiefen herauf.
Die Hähne krähen die halb Sechs
Es ist halb sechs, als die Hähne das fünfte Mal krähen. Ferdinand stellt sich unter die Brause und wäscht sich den Schlaf vom Gesicht. An diesem Morgen will er früh im Hospital sein, um die Patienten noch vor der Morgenbesprechung zu sehen. Überhaupt will er an seinem Arbeitsstil festhalten, wie er ihn vor der Unabhängigkeit hatte. Doch spürt er die Zeichen der Schwäche, die sich durch die jahrelange Überforderung in ihm eingehängt hat. So vermisst er seit über einem Jahr das Gefühl des Frischseins beim Aufwachen, das Gefühl, wirklich ausgeschlafen zu haben und erholt zu sein. Stets sind Reste der vorangegangenen Tage im Denken übrig, die sich, wenn sich die Ladungen ballen, bis zum morgendlichen Kopfschmerz zusammendrücken. An manchen Morgenden muss er eine Schmerztablette nehmen.
Nach der Tasse Kaffee macht er sich auf den Weg zum Hospital. An diesem Mittwochmorgen nimmt er den kürzeren Weg zwischen dem zerfledderten Lattenzaun und dem ausgerollten Stacheldraht, ein Weg, den er nach beiden Richtungen einige tausend Male gegangen war. Von den fünf aufgestelzten Caravan-Häusern links des Weges stehen nur noch zwei leer. Drei Caravan-Häuser, die dem Hospital am nächsten stehen, sind von Schwestern bewohnt. Im letzten Haus, das dem Hospital gegenübersteht, wohnt Schwester Sarah, die bei der Bombenexplosion am 19. Februar 1988 in der Barclay’s Bank schwere Verbrennungen erlitten und das rechte Bein verloren hat. Sie wohnt mit ihren zwei kleinen Kindern und muss die Straße mit den vielen Schlaglöchern überqueren, wenn sie zum Hospital geht. Ihr Arbeitsplatz ist in der CSD (Central Sterilisation and Disinfection), die sich am Ende des Operationstraktes befindet.
Ferdinand geht durch die Hospitaleinfahrt, deren Torflügel und Pfosten seit Jahren verbeult sind. Der rechte Flügel mit dem verknickten Pfosten steht offen. Dahinter sitzt auf einem Stuhl der Pförtner, der sein Morgenei entpellt und die Schalenstücke mit dem linken Schuh im Sand verreibt. Er stopft das Ei in den Mund, als Ferdinand das Tor passiert und ihm einen guten Morgen wünscht. Der Pförtner nickt mit dem Kopf, während er das Ei zerkaut.
Der Vorplatz riecht nach Urin. Das findet Ferdinand normal, weil es durch all die Jahre so roch. Nur als die britische Königin mit Prinz Philip dem Hospital den Hoheitsbesuch abstattete, war der stechende Geruch zwei Tage vor ihrem Besuch bis drei Tage nach ihrem Besuch verschwunden. Da wurde der Vorplatz mit viel Wasser jeden Morgen und jeden Abend abgespritzt und geschrubbt. Die kleine namibische Flagge ist noch nicht an der überhohen Fahnenstange auf dem für den königlichen Besuch gemauerten Podest des Vorplatzes hochgezogen worden. Ferdinand betritt die Intensiv-Station, die den anspruchsvollen Namen der vielen Mängel wegen nicht verdient, und sieht nach den Risikopatienten. Die klinischen Befunde trägt er in die Krankenblätter ein. Zwei Schwestern aus der Nachtschicht begleiten ihn und berichten von ihrer Arbeit. Ferdinand hört heraus, dass die Seele der Krankenpflege, wie sie vor der Unabhängigkeit so mitfühlsam zu spüren war, nach der Unabhängigkeit verkümmerte. Von der Höhe und Größe des Berufes mit der hohen Verantwortung war beim Großteil der Schwestern und bei den Matronen nichts mehr zu spüren. Der Krankenpflegeberuf ist zur Mussroutine gesunken und seelisch verwelkt.
Als ein Symptom der Unabhängigkeit versteht Ferdinand die abnehmende Zahl der an den Patienten arbeitenden Schwestern. Dagegen nimmt die Zahl der sitzenden Funktionsschwestern in den klimatisierten Büros mit den höheren Gehältern kontinuierlich zu. Die Schwestern in kleinerer Zahl verrichten die Arbeit weiter am Patienten, manche von ihnen mit menschlicher Hingabe, ohne dabei auf die Uhr für die Tee-, Kaffee- und die Mittagspause zu sehen. Das aber tut die größere Zahl der ‘gehobenen’ und vom Patienten weggehobenen Schwestern und Matronen, die sich das vorbildliche Verhalten nach der Unabhängigkeit abgewöhnt haben.
Die Blume der pflegerischen Nächstenliebe ist vertrocknet, die den ganzen Menschen fordert und vor der Unabhängigkeit so großartig tätig war. Den Verlust dieser wunderbaren Blume versteht Ferdinand als Ausdruck der Erschöpfung im Zusammengehen mit der inneren Leere und Orientierungslosigkeit. Das Verlustsyndrom hat auch mit dem Bildungsdefizit zu tun, denn praktizierte Menschlichkeit setzt ein Grundmaß an Herzensbildung voraus.
Eine rühmliche Ausnahme ist der Engel bei den Kinderschwestern. Sie ist sich auch nach der Unabhängigkeit in der Arbeit treu geblieben. Diese Schwester arbeitet mit Herz und selbstloser Hingabe an den kranken Kindern. Sie schaut auf die kleine Armbanduhr mit dem schlichten Armband nicht für ihre Teepause, sondern damit die Kinder zur rechten Zeit gewaschen und gefüttert und die Verbände gewechselt werden. Diese Vorbildlichkeit hat zur Folge, dass diese Schwester sich körperlich verzehrt und bei der verantwortungsvollen Arbeit an Körpergewicht verliert, während viele der anderen Schwestern und die Matronen durch das viele Sitzen an Gewicht zunehmen. Kein Wunder, dass die Kinder den Engel lieben und ihm an den Kittelzipfeln hängen.
Schwund und Mangel an pflegerischer Hingabe ist eine bestürzende Erkenntnis nach dem Sturz der weißen Apartheid mit dem Aufkommen der namibischen Unabhängigkeit. Die Entfremdung vom Patienten als Folge der sitzenden Schreibtätigkeit mit den ‘Meetings’ in den klimatisierten Räumen hat zugenommen. In den ‘Meetings’ erfreuen sich die sandwichbeladenen Teller in den Tee- und Kaffeepausen zunehmender Beliebtheit. Die Folge ist die Gewichtszunahme der zuhörenden und mitschreibenden Teilnehmer. Je mehr palavert wird, je länger dauern die Sitzungen mit dem Sitzen. So bleibt nicht aus, dass auch mehr gegessen und getrunken wird. Die weitere Folge ist die Verkürzung mit Verbreiterung der Hälse und die Schwergängigkeit mit den Auswölbungen der Gesäße. Die Gewichtszunahmen erstaunen, denn solange war Namibia noch nicht unabhängig. Das Verfettungssyndrom der Sitzenden geht mit der Abmagerung der in ständiger Bewegung Verbliebenen einher, die in der Krankenpflege aktiv sind. Es ist eine Art seelischer ‘Kwashiorkor’ bedingt durch das rasche ‘Aufblühen’ der Gesundheitsfunktionäre mit der verbundenen Übergewichtigkeit. Es besteht kein Zweifel, dass die Gesichter der Funktionäre die Züge der besonderen Wichtigkeit angenommen haben. Nun gehen Wichtigkeit und Übergewichtigkeit Hand in Hand, oder Hand und Fuß, oder anders gesagt, sie gehen in einer Person. Die Gesichter der Wichtigkeit haben sich mondartig gerundet. Da sich beides nicht ohne weiteres verträgt, kommt es zur ungewollten Komik im Ausdruck der Gesichter innerhalb dieser Umkreise, was gelegentlich ein Schmunzeln der Betrachter freisetzt.
Der seelische ‘Kwashiokor’ ist ein Erwachsenensyndrom mit dem Mangel an Bildung und vielleicht auch dem Mangel an Ethik. Dagegen ist der körperliche Kwashiokor das Syndrom der malignen Unterernährung bei Kindern durch den chronischen Eiweißmangel. Es wird bei Kindern auffällig durch die ausladenden Wasserbäuche auf den dünnen Stelzbeinen. Die Kinder hielten es mit dem Leben nicht lange durch. Sie fielen um und starrten aus großen Augen in den Himmel, wenn der letzte Atemzug verweht. Die Rippen ihrer Brustkörbe wölben sich weit hervor. Das tiefe Mitgefühl gilt den Kindern:
Ist das Wasser in den Kinderbäuchen,
schreit die Seele auf vor Schmerz.
Große Augen trüben sich dem Ende zu,
früh zieht der Tod ins Kinderherz.
Kopf und Füße nehmen den Pfad mit Bescheidenheit
Innere Stärke in der Bescheidenheit: Dankbar und doch einfach, bestimmt und doch weise, stark und doch liebevoll. Stolz in Bezug auf Arroganz ist das Problem, aber Bescheidenheit in ihrer Einfachheit ist die tiefgreifende Antwort. Wir sind Stotterer, wenn wir versuchen, Dinge zu erklären, die wir nicht ganz verstanden haben. Was noch: ich weiß nichts außer meiner Ignoranz und Dickköpfigkeit.
Bestimmt und doch weise liegen die Dinge auf dem Grund, und Kopf und Füße nehmen den Pfad mit Demut in einfacher Richtung, denn es ist zeit, die Dinge zu korrigieren, die in der Vergangenheit falsch gelaufen sind, was nicht wieder und wieder wiederholt werden muss, wenn das Ziel sichtbar wird, es richtig zu tun.
Es ist auf dem Boden der Bescheidenheit, um zu sehen und zu reflektieren, um an die Zahl der Menschen zu denken, die mit dir gehen wollen durch den Morgen hindurch in die unbekannten Jahre, wie sie kommen. Die Schwächen sind zu überwinden durch Entschlossenheit und harte Arbeit, wenn es eine Zukunft geben soll mit anderen Tagen des besseren Verstehens, der Toleranz und menschlichen Würde.
Schau nicht in den Spiegel, wie du es täglich tust, um herauszufinden, was ist mit der Haut in deinem Gesicht, denn jetzt ist die Zeit, starker in die Greiffläche deiner Hand zu sehen. Es wartet viel Arbeit, die getan werden muss, und dafür brauchst du die Kraft deiner beiden Hände, wenn die Löcher und Gräben von der Armut gesäubert werden sollen.
Die innere Stärke der Demut gibt Antwort auf die Vielzahl der Probleme und Komplikationen. Die Schlichtheit der Festigkeit gibt die klare Antwort, dass es die Geradlinigkeit ist, die einzuhalten ist, um die Menschheit aus der mentalen Paralyse zu retten und die Dinge für die nächste Generation in Ordnung zu bringen.
Wir sind Stotterer, wenn wir versuchen, Dinge zu erklären, die wir selbst nicht ganz verstanden haben. Das ist, dass wir gehen und reflektieren und wieder gehen, um den richtigen Zugang zum richtigen Eingang des Friedens und der Freiheit zu finden, um unsere Gesanken und Erfahrungen auszutauschen und vorbereitet zu sein für den Morgen mit der Kürze des Wissens.
Von der alten Palme steht nur noch der Stamm
Die Dichtung braucht ein neues Wort
dort, wo die Lücke zu schließen ist.
Belanglos fallen abgegriffene Worte
aus dem Zusammenhang heraus.
Still bleibt die gebundene Sprache der Bücher,
die vom Regal zu nehmen und aufzuschlagen sind.
Das intensive Lesen führt zum Dialog,
der in seiner Stille heftig ausgetragen wird.
Der Wind fegt durch den Spalt, und der Regen
wäscht das Innere aus, was die Reste sind,
die einige Leben mit Mühe aufbewahrt haben
wie das weiße Kleid zur heiligen Kommunion.
Von der alten Palme steht nur noch der Stamm.
Die Blätterarme sind ihm abgeschlagen, die zu Körben und anderen Dingen verarbeitet wurden. Tot steht nun der Stamm verloren und erstarrt.
Wo sind die jungen Palmen? Die alten sterben aus.
Wo sind die jungen Hände, Haus und Tradition zu pflegen?
Tief hat Menschenhand in die Natur gegriffen.
Die Verkarstung schreitet unvermindert fort,
deren Tempo Angst und Schrecken bringt.
Den zugezogenen Fenstern gegenüber, die Exilsprache des Russischen war von Vorteil
Nachdem er die Patienten in den anderen Sälen gesehen und mit kurzen Notizen in den Krankenblättern versehen hatte, geht Dr. Ferdinand zur Morgenbesprechung in das Büro des Superintendenten. Er setzt sich den zugezogenen Fenstern gegenüber. Die Klimaanlage rattert und bewegt die verbrauchte Luft des Vortages. Der Superintendent hat die schwarze Hautfarbe und ist nur wenig über die Lebensmitte hinaus. Er sitzt hinter dem großen Schreibtisch, hinter dem andere schon gesessen haben, und drückt den Telefonhörer mit der linken Hand ans linke Ohr. Er spricht englisch mit einigen Oshivambo-Zwischenbemerkungen. Es wird ein längeres Telefonat, bei dem sich die Gesichtszüge des Superintendenten spannen und wieder entspannen. Mit der rechten Hand macht er Notizen in eine Kladde vom DIN-A3-Format.
Der Superintendent ist der vierte mit der schwarzen Haut. Er folgt dem Kollegen, der im Exil in Moskau studiert hatte und nun auf dem Stuhl des ärztlichen Direktors sitzt, der als vorheriger Superintendent der schwarzhäutigen Kollegin auf dem Superintendentenstuhl gefolgt war, deren Exilsprache ebenfalls das Russische war. Diese stand nach der ersten Exilstation mit Schwangerschaft in Sambia an einem Moskauer Hospital, das der Lumumba-Universität angeschlossen war, in der gynäkologischen Ausbildung. Diese Ausbildung wurde wie bei den anderen Exil-Namibiern vorzeitig abgebrochen, um nach Namibia zurückzukehren und an den von der UN überwachten Wahlen im Jahr 1989 teilzunehmen und für die SWAPO zu stimmen.
Der derzeitige und vierte schwarze Superintendent war nicht im Exil, sondern hatte an einer südafrikanischen Universität die gynäkologische Ausbildung gemacht, die er aus persönlichen Gründen, die auch mit der Politik zu tun hatten, nicht abgeschlossen hatte. Er reserviert den Dienstagnachmittag für seine Patienten mit dem privaten Untersuchungsraum im Flachbau neben der Intensiv-Station. Viele dieser Patienten kommen als Privatpatientinnen und zahlen anstandslos ihren Obulus. Von den Nacht- und Wochenenddienst für die Patienten mit den leeren Händen, die sich das Private nicht leisten können, hatte sich dieser Superintendent ausgenommen. Damit folgt er in seiner Dienstabstinenz an der Allgemeinheit der Armen-Klasse seinem schwarzen Vorgänger.
Der Superintendent legt den Telefonhörer zurück und macht weitere Notizen. Die Zeit, wann die Morgenbesprechung beginnen sollte, ist überschritten. Einige Nachzügler treffen ein und besetzen die leeren Stühle. Es sind die kubanischen Kollegen, die die Zeit karibisch verstehen und sich regelmäßig verspäten. Sie sind die größte Gruppe und machen mehr als die Hälfte der Ärzte am Hospital aus. Die schwarze Kollegin, die vor der Unabhängigkeit sporadisch und über lange Strecken gar nicht zu den Besprechungen kam, erscheint auch nach der Unabhängigkeit nur gelegentlich und kommt dann meistens viel zu spät. Sie hat sich vom Stationsdienst im pädiatrischen Kindersaal abgesetzt und füllt nun den Posten eines Managers in der Malariabekämpfung in der Region aus. Das tut sie vom bequemen Sessel hinter dem Schreibtisch mit Telefon in einem gut klimatisierten Büro aus.
Die Gesichter der Anwesenden, die ihre Plätze eingenommen haben, sehen müde und gelangweilt aus. Einige gähnen in den Besprechungsraum hinein, ohne sich die Hand vor dem Mund zu halten. Es sind vorwiegend die kubanischen Kollegen, die so mundoffen gähnen. Der stumpfe oder satte Ausdruck in den Gesichtern steht im krassen Gegensatz zu den gespannten Gesichtern, die im selben Raum saßen, als die Granaten krachten und der Brigadegeneral von der letzten Entscheidungsschlacht sprach, in der für alle viel auf dem Spiele stand.
Davon und von den nächtlichen Ruhestörungen durch die Koevoet (Spezialeinheit der Polizei mit dem symbolträchtigen Namen ‘Brecheisen’), die das Hospital nach versteckten SWAPO-Kämpfern vergeblich absuchte, ist den verschlafenen Gesichtern jetzt nichts mehr anzusehen. Das Feuer der Angst und des Schreckens, von der Granate in Stücke gerissen zu werden, war erloschen. Damit war auch der große Geist der Hilfsbereitschaft erloschen, den es damals gab, als sich die wenigen Ärzte mit ihrem Leben Tag und Nacht für die Kranken und Verletzten einsetzten und sich bis zur physischen Erschöpfung in der Behandlung der schwarzen Bevölkerung forderten. Dr. Ferdinand erinnert sich an die müden Gesichter mit den geröteten Augen, wie sie sich in den letzten Jahren der Apartheid bei den morgendlichen Besprechungen gegenübersaßen und sich gegenseitig in die sorgenvollen Gesichter sahen.
Die Granatlöcher, Schießgräben und Inspektionsgruben an den Kontrollstellen der beiden Zugänge zum Dorf waren zugeschüttet und die Sandsäcke von den ehemaligen MG-Stellungen auf den Wassertürmen waren entfernt worden. Nur der ausgerollte Stacheldraht auf dem schmalen Weg zwischen Dorf und Hospital ist geblieben. Auch steckt noch die Holztafel mit der Aufschrift “For Whites Only” am schiefen Stock nach Passieren der fünf Caravan-Häuser am Dorfeingang neben dem Pfad. Die Löcher der Vergangenheit sind mit Geröll und Sand zugeschüttet worden. Es war unordentlich gemacht, dass die Merkmale des Provisorischen erkennbar blieben.
Der Superintendent führt das, was er zu sagen hat, in emotionsloser Monologsprache aus. Die Art und Weise des Sprechens, Zuhörens, Fragens und Diskutierens ist anders geworden. Alles ist abgeflacht. Das lässt sich mit der Aufmerksamkeit, der Hingabe und Tiefgründigkeit von einst nicht mehr vergleichen. Der Superintendent spricht und schaut in irgendeine Richtung, ohne dass sein Blick auf ein Gesicht zielt. So fahren auch die Blicke der Anwesenden ziellos umher. Die meisten der Gesichter blicken gleichgültig und teilnahmslos. Das Telefon ist’s, dessen Klingeln den monotonen Redefluss des Superintendenten unterbricht, der wie ein Gebieter auf dem erhöhten Stuhl hinter dem großen Schreibtisch sitzt und seine Anweisungen und Erlasse ohne Widerrede gibt.
Es sind die altbekannten Themen, die aufgerollt und abgespult werden, ohne dass sich in den vergangenen Wochen und Monaten etwas in der praktischen Umsetzung getan hätte. Viele der Themen wurden auch vor der Unabhängigkeit vorgetragen und diskutiert. Trotz der Dringlichkeit bezüglich der Hygieneverbesserung und Sanierung der alten Toilettenanlagen sowie der Beschaffung von Antibiotika, Malaria- und TB-Medikamenten, hat sich in den ersten Jahren der Unabhängigkeit nicht viel getan.
Der Unterschied liegt in der wenig konstruktiven Anteilnahme an den Nöten der Menschen, liegt im Fehlen der Bekundung des Helfenwollens und Helfenmüssens unter den gegebenen Bedingungen und Umständen, die in ihrer Mehrzahl nicht in Ordnung waren. Hinzu kommt, dass die Mehrzahl der kubanischen Kollegen kein Englisch sprechen. Doch mit zunehmender Übung werden auch sie auf die Missstände am Hospital hinweisen. Die aus dem Exil zurückgekehrten namibischen Ärzte verhalten sich dagegen bedeckt. Sie schweigen sich zu den Mängeln aus und leisten keinen konstruktiven Diskussionsbeitrag.
Weg und Klippen, sie strecken sich weit
Du bist der Spiegel deiner Mutter,
in dem sie ihr rasches Altern erkennt.
Auch bist du der Nagel in der Wand
mit dem Bild ihrer Jugend und Schönheit.
Bild und Bildnis werden bleiben
weit über den Tod der Mutter hinaus.
Welches Feld du auch pflügen wirst,
ihre Mahnungen gehen dem Pflug voraus.
Die Sonne brennt auf Pfad und Gesicht,
die Jahre runzeln tiefer die Stirnen.
Die Schwere der vollen Eimer drückt
Köpfe und magere Körper in die Sohlen.
Doch die Wirbelsäule krümmt sich nicht,
sie will das Wasser über die Jahre tragen.
Erfahrung und Stolz kerben ihre Marken,
in Rissen und Schwielen tiefer hinein.
Weg und Klippen, sie strecken sich weit
bis hin zum Brunnen, und noch weiter,
wenn der Brunnenboden versandet ist.
Unendliches Blau füllt den strahlenden Himmel,
es ist das Wasser, das auf Köpfen getragen wird.
Mit Blick auf die Haut
Die Menschen haben sich an die Unabhängigkeit und den ersten schwarzen Präsidenten ebenso gewöhnt wie an den aufgeblähten Verwaltungsapparat der Ministerien. Die höchsten Posten mit den größten Gehältern und weiteren Zulagen und Vergünstigungen wurden an die aus dem Exil Zurückgekehrten vergeben. Die Bevorzugten haben fast alle die schwarze Haut. Sie haben als Minister, stellvertretende Minister und Staatssekretäre samt Vertretern das existentiell am höchsten abgesicherte öffentliche und private Leben. Die Kosten im Krankheitsfall übernimmt die Regierung. Die Minister erhalten zum Dienstwagen mit Chauffeur noch einen Wagen der gehobenen Mittelklasse zum privaten Gebrauch. Die Kosten für Haus und Einrichtungen und Bedienstete werden vom Staat getragen und mit großzügigen Zuschüssen versehen. Die teuren Häuser und Grundstücke werden auf Staatskosten rundum die Uhr bewacht. Es gibt Zuschüsse über Zuschüsse, ob bei den monatlichen Zahlungen für Strom, Wasser und Müllabfuhr an die Stadtverwaltung, fürs Telefonieren oder das luxuriöse Reisen und so vieles mehr.
Es wundert deshalb nicht, dass die bevorzugten ‘Staatsdiener’ in kurzer Zeit zu beachtlichem Wohlstand gelangt sind und es weiter bringen, der in krassem Gegensatz zur allgemeinen Armut steht. Nicht nur, dass auch die Frauen der höchsten Staatsdiener hohe Funktionärsposten in anderen Ministerien und halbstaatlichen Unternehmen besetzen. Clan- und Vetternwirtschaft sowie die Korruption mit der Selbstbereicherung stehen seit Jahren in voller Blüte und das vor allem bei den Mitgliedern der regierenden Staatspartei. Dabei ist mehr als jeder zweite Arbeitswillige im Lande arbeitslos. Die HIV-Rate liegt bei zwanzig Prozent, und die alten Menschen bekommen die beschämend kleine Monatsrente, die etwa den Kosten eines Sackes Maismehl entspricht. Es gibt keinen Zweifel, dass die Armut auf dem Vormarsch ist.
Es sind fünf Jahre nach der Unabhängigkeit, wenn über bestimmte Dinge nicht gesprochen wird. Dazu gehört der Vorplatz des Hospitals mit dem ständigen Uringestank, die miserablen Zustände in den Krankensälen mit den tropfenden und klemmenden Wasserhähnen, die mangelnde Sauberkeit in den Waschräumen und Toiletten, die verbrauchten, eingerissenen, verschmierten und nach Urin riechenden Schaumgummimatratzen, die alten Betten mit den angebrochenen Gestellen, die angerosteten Nachttische mit den klemmenden und fehlenden Schubladen, und so vieles mehr. Grundsätzliche Dinge werden verschwiegen, die picobello sein müssen, da an ihnen der Zustand des Hospitals abzulesen ist. Die Mängel werden mit und nach der Unabhängigleit weiter hingenommen, während sie wenige Jahre zuvor mit starken Worten angeprangert worden sind. Hier war es vor allem die hagere, kämpferische Matrone mit dem blassen sorgenzerfurchten Gesicht, die sich für die bessere Hygiene zum Wohle der schwarzen Patienten eingesetzt hatte.
Es erstaunt in erschreckendem Maße, wie der Geist des vollen Einsatzes an den kranken Menschen so rasch nach der Unabhängigkeit bergab gegangen ist. Waren doch die Missstände unverändert geblieben, von denen einige weiter zum Himmel schreien beziehungsweise stinken.
Im kleinen Teeraum neben dem Korridor, den OP-Sälen gegenüber, sind die Stühle mit den ausgesessenen und eingerissenen Sitz- und Rückenpolstern international besetzt. Die kubanische Kollegin trinkt ihren Kaffee aus und geht zum ‘theatre 3’, um eine Bauchoperation durchzuführen. Keiner der Kollegen, die mit dem Kaffee und Tee noch zugange sind, vermittelt den Eindruck des Arbeitseifers. Keiner stürzt sich in die Arbeit oder lässt sich in die Arbeit stürzen, obwohl es mehr als genug zu tun gibt. In der Einstellung dieser Zurücklehnung machen die namibischen Ärzte keine Ausnahme.
Ferdinand leert die Tasse, stellt sie auf die kleine Durchreiche zurück und geht zum ‘theatre 2’, wo der Patient zur Oberschenkelnagelung auf dem OP-Tisch liegt. Der birmanische Kollege mit dem tiefer hängenden Oberlid über dem rechten Auge leitet die Narkose ein und führt den Atemtubus in die Luftröhre des Patienten. Der Tubus wird über zwei Verbindungsschläuche (einen für Sauerstoff, den andern für Lachgas) an das Narkosegerät angeschlossen. Ferdinand und der philippinische Kollege drehen den schlafenden Patienten auf die linke Seite und ziehen breite Pflasterstreifen über den Körper, um die Seitenlage während der Operation zu halten. Die OP-Schwester säubert das rechte Bein mit der braunen Desinfektionslösung und deckt den Patienten mit sterilen grünen Tüchern ab. Operateur und Assistent betreten nach dem Händewaschen in sterilen grünen Kitteln den Op-Raum.
Auch bei dieser Operation muss improvisiert werden. Die verfügbaren Marknägel sind entweder zu kurz oder zu lang. Es ist dieselbe missliche Situation, wie sie so oft in den Jahren der Apartheid erlebt wurde. An diesem Missstand hat sich seit der Unabhängigkeit trotz ständiger Reklamationen nichts geändert. Die Erklärung lautet, dass die Nägel seit Monaten bestellt seien aber nicht geliefert würden, da die Rechnungen für bereits gelieferte Instrumente nicht bezahlt waren. Was früher die rassenpolitische Ausgrenzung war, sind nun die fehlenden Gelder. So ist das Bemühen weiterhin erfolglos, das Instrumentarium für die Knochenchirurgie auf den Stand der Zeit zu bringen. Auch am Schwitzen beim Operieren hat sich nichts geändert. Wenn es die Klimaanlage im OP einmal tut, dann ist sie unfähig, die Bullenhitze auf eine erträgliche Temperatur zu senken.
Auch über die Bullenhitze wird viel geredet. Dabei besteht kein Zweifel am erhöhten Risiko für Patient und Arzt. Theoretisch schlagen die Klöppel des ärztlichen Ethos auf die Trommelfelle. Aber in der Praxis geschieht nichts. Die notwendigen Taten bleiben weiterhin aus. Das schlägt auf die Atmosphäre, die sich deutlich abgekühlt hat und das im Gegensatz zur räumlichen Bullenhitze. Es gibt jedoch atmosphärische Unterschiede von ‘theatre’ zu ‘theatre’, was von den Menschen abhängt, die an der Operation beteiligt sind. Die Kommunikation und der Wille miteinander zu reden, sind nach der Unabhängigkeit enttäuschend zurückgegangen. Man empfindet das Sprechen miteinander nicht mehr für so notwendig und hilfreich, wie es damals empfunden wurde, als die Granaten einschlugen, die OP-Säle vibrierten, die Instrumententische mit aufspringenden Instrumenten davonrollten und das Licht in den OP-Lampen ausging. Damals war das Leben aller tagtäglich bedroht. Man sprach über die Geschehnisse und ihre Gefahren und sprach sich gegenseitig den Mut zum Durchhalten zu.
Es ist die Improvisation mit dem Marknagel, dass die Operation eine halbe Stunde länger dauert, die gewöhnlich eine Stunde und nicht mehr in Anspruch nimmt. Hinzu kommt, dass sich der Kollege aus Birma mit dem herabhängenden rechten Augenoberlid mehr Zeit für die Narkoseeinleitung ließ, als es seine Kollegen vom ‘Schlafdepartment’ tun. Der zweite Grund ist die abhanden gekommene Bereitschaft der Schwestern, unter erhöhten Stressbedingungen zu arbeiten, was vor der Unabhängigkeit die Regel war. Man lässt sich nicht mehr hetzen und sagt es auch in einem Ton, der unmissverständlich ist. Es wird über die unerträgliche Hitze im OP geklagt, die vor der Unabhängigkeit bei der viel größeren Anspannung und Belastung ohne ein Wort der Klage ertragen wurde.
Die Selbstverständlichkeit von ‚gestern‘, Höchstleistungen unter miserablen, kritischen und lebensbedrohlichen Umständen zu bringen, weil die Not unter den Nägeln brannte, diese Selbstverständlichkeit gibt es heute nicht mehr. Der Alltag ist so sicher wie das Gehalt am Monatsende. Da lässt sich keiner auf die höheren Anforderungen ein, wie sie damals zur Zeit des Krieges herrschten. Die Leistungsschraube ist auf eine Norm zurückgedreht worden, die sich mit der einstigen Norm überhaupt nicht vergleichen lässt. Nun wackelt die gelöste Leistungsschraube schon im ersten Schraubenloch. Es ist der neue Geist, dass mit den herabgesetzten, neuen Normen nach der Uhr gearbeitet wird. Die Tee- und Mittagspausen werden pünktlich genommen und ausgiebig eingehalten. Auch gibt es für den Heimweg nach Schichtende keine zeitliche Verzögerung mehr, eher das Gegenteil, und das besonders von jenen, die es mit der morgendlichen Pünktlichkeit zur Arbeit nicht so genau nehmen.
Der Patient atmet spontan, dass der birmanische Narkosearzt den Atemtubus aus der Luftröhre herauszieht und die Sauerstoffmaske aufs Gesicht setzt. Beim Herüberheben des Patienten vom OP-Tisch auf die Trage gibt es genug Hände zum Mitanfassen. Das erinnert Ferdinand an den einstigen Gemeinschaftsgeist, was ihn mit tiefer Befriedigung erfüllt. In Bezug auf diesen großartigen Geist wünscht er sich manches Mal die alte Zeit zurück mit den geröteten Augen der Übermüdung, doch ohne dass die Granaten wieder einschlagen und ohne die Angst, von ihnen zerrissen zu werden.
Bescheidenheit und Aufrichtigkeit sind Zeichen der Stärke
Es ist die Demut, die mich davor zurückhält, mich vor die anderen Menschen zu setzen. (Lao Tzu) Ohne zu wissen, was Weisheit sein soll, weiß ich nicht, wer ich bin. Bescheidenheit wird bedeutsam zusammen mit Aufrichtigkeit. Eine Konsequenz: Menschen suchen nach Sicherheit, doch keine Sicherheit ist im Leben absolut sicher. Ich sehe in das Innere einer Person ohne Rang oder Status oder Titel. Wenn du dich verwundbar machst, weil du die Wahrheit sprichst, dann demonstriest du deine Stärke in dem Augenblick, denn Bescheidenheit und Aufrichtigkeit sind Zeichen der Stärke.
Demut bedeutet: Stehe zwischen oder im Rücken anderer Menschen, aber nicht in der Mitte oder vor ihnen, um zu zeigen, dass du eine sehr besondere und wichtige Person bist, die aus der Gruppe normaler Menschen herausragt. Nimm die Bescheidenheit mit Ernst, um die innere Macht in deinem Leben und deiner Arbeit zu demonstrieren.
Du bringst die Wahrheit und Aufrichtigkeit in Verruf, wenn du versuchen solltest, den Menschen wie ein Dozent an der Universität mit großen Worten und der akademischen Geste der Wichtigkeit zu sagen, auf welcher Grundlage die Bescheidenheit wie Blumen wachsen kann, wenn du das Gegenteil von Größe bist.
Es ist nicht so kompliziert zu verstehen, dass große Dinge, die mehr oder weniger zeitlos sind, nicht zu fassen sind, wenn sie basisch an einfache, aber starke Elemente gebunden sind. Diese Verbindung ist weder auflösbar noch zerreißbar. Das bedeutet: Dir ist nicht erlaubt, mit dem Finger an und um dieses Element herum zu fummeln, weil dein Wissen zu kurz ist, um die Situation der Anbindung zu verstehen.
Ohne zu wissen, was Weisheit ist oder sein soll, du sollst ruhig und tiefergehend reflektiv werden. Es ist die allgemeine Beobachtung, dass ohne den hohen Wert der Offenbarung, was Weisheit tut, du unfähig bist, dich zu erkennen und zu kennzeichnen. Es ist der Mangel an Kapazität, der den Weg des Wissens blockiert.
Die Stärke im engen Verbund mit der Wahheit zu demonstrieren, bleibt für die meisten Menschen ein unerfüllter Traum, weil der Weg von den gehäuften Abfällen des Missverstehens und anderer falscher Interpretationen nicht gesäubert ist. Der Gang muss verzögert oder für eine längere Zeit verschoben werden, bis das Fundament zum Denken und Gehen solide gemacht ist.
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