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Helmut G Götz

Simons Weg

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Simons Weg

Mit dem Kopf nach hinten

Die ersten Jahre

Liebe mit Hindernissen

Das erste Wochenende

Anfang mit Hindernissen

Sarahs Besuch

Veränderung

Ferienzeit

Trügerischer Friede

Männliche Einsamkeit

Die Aussprache

Neubeginn und alte Probleme

Mit der Weisheit am Ende

Der Verzweiflung nahe

Selbstvorwürfe

Urlaub mit Delfinen

Verstehen

Die letzten Tage

„Wie friedlich“

Impressum neobooks

Simons Weg

Claudia wusste, noch bevor man sie in den Entbindungssaal geschoben hatte, dass die Geburt nicht normal verlaufen würde. Dieses Gefühl hatte sich ihrer schon bemächtigt, als die Wehen frühmorgens in immer kürzeren Abständen einsetzten. Unfähig sagen zu können, woher diese Vorahnung so plötzlich gekommen war, beließ sie es dabei und nannte sich eine Närrin. Gab ihrem ohnehin durcheinandergeratenen Hormonhaushalt die Schuld, für die Besorgnisse, die in ihrem Kopf herumschwirrten. War die Schwangerschaft bis dahin doch ohne größere Komplikationen verlaufen. Zudem bestätigte ihr Gynäkologe, dass alles normal sei. Dass keine Auffälligkeiten festzustellen wären. In der 15. Schwangerschaftswoche hatte derselbe ihr mitgeteilt, dass sie einen Jungen erwarten durfte. Alles sah gut aus. Keinerlei Ungewöhnlichkeiten waren auf dem Ultraschall auszumachen gewesen. Bis auf ein paar unwesentliche Übelkeitsanfälle – wie sie es nannte, den einen oder anderen eigenartigen Gelüsten – so wie das Nutella Brot, dass sie mit Salzgurken verdrückte - verlief die Schwangerschaft in einem für sie erträglichen Maße. Mitunter machte sie sich darüber Gedanken, ob sie jemals wieder in eine ihre Jeans passen würde. Etwas, das zur Folge hatte, dass sie sich schwor nie wieder eine Tafel Schokolade auch nur anzusehen. Ein Vorhaben, von dem sie wusste, dass es ähnlich erfolgversprechend enden würde, wie der Menschheit die Erde doch als Scheibe glaubhaft zu machen. So beschloss sie, mehr oder weniger erfolgreich, auf die Befürchtungen in ihrem Kopf, nicht mehr einzugehen, um die Schwangerschaft so zu genießen, wie es einem in den Hochglanzmagazinen angeraten wurde.

Am Morgen des 8. August meldete sich plötzlich Simon unter Zuhilfenahme heftiger Wehen, zu Wort. „Er wollte genau an diesem Tag geboren werden“, sagte Claudia später jedem, der es hören wollte. Und immer noch wunderte sie sich darüber, wie sie sich selbst dazu entschließen konnte, ihr Kind, mit dem Namen Simon durchs Leben laufen zu lassen. War sie doch nicht gerade der größte Fan der römisch-katholischen Kirche. Anfangs, als sie sich noch gegen die plötzliche, und für sie unerklärliche Namenseingebung gewehrt hatte, konnte sie sich später – warum konnte sie sich selbst nicht erklären - keinen anderen mehr vorstellen. Wie zufällig war ihr der Name plötzlich ins Auge gesprungen, als sie eines Tages an einem Souvenirstand vorbeischlenderte. Dort stach ihr eben dieser Name, Simon, an einem der hässlichsten Kaffeebecher ins Auge den sie jemals gesehen hatte. Dabei hatte sie sich redlich bemüht, das hässlichste Stück bemalter Keramik so schnell wie möglich zu vergessen. Alleine schon der Gedanke an den lilagefärbten Kaffeebecher mit dem fetten Engel darauf, verursachte ihr eine Form der Übelkeit, die mit allen anderen - die sie während ihrer Schwangerschaft bis dahin erleben durfte - mühelos mithalten konnte. An eben diesem Sommertag im August, der schon am Morgen um 7 Uhr zeigte, dass er zu den heißesten des Jahres gehören würde, war es soweit. Simon der sich weder mit den Streicheleinheiten seiner Mutter auf seine Wohnstatt, ihrem Bauch, noch davon beeinflussen ließ, dass es außerhalb desselben ziemlich heiß werden würde, bestand darauf geboren zu werden. Claudia, ganz auf ihren mütterlichen Instinkt vertrauend, rief die Hebamme an, die sie sich ausgesucht hatte. Keine fünfzehn Minuten später, nachdem Claudia bei dieser Alarm geschlagen hatte, stand sie vor der Tür. „Wir wollen uns zuerst mal anschauen, ob der kleine Mann wirklich schon Hallo sagen möchte“, ließ die Hebamme Claudia wissen. Claudia, die es nur unter Aufbringung all ihrer Kräfte an die Tür geschafft hatte, sah sich außerstande, sich mit der seltsamen Wortwahl – ganz zu schweigen von dem süßlichen Ton, abzufinden. „Einen Scheiß werden wir uns anschauen“, fuhr Claudia die Hebamme an. „Wir fahren jetzt. Jetzt sofort!“ Die Hebamme, an Ausbrüche von Schwangeren gewöhnt, beließ es dabei, packte Claudia, den noch ungeborenen Simon, als auch die vorsorglich gepackte Tasche in ihren Wagen, und fuhr los. „Geben sie ja Gas“, forderte Claudia die Hebamme auf.

„Ich habe keine Lust, diesen kleinen Quälgeist auf der

Landstraße auf die Welt zu bringen.“

Die Hebamme, eine Frau, die laut ihren eigenen Aussagen, mehr als dreihundert Müttern bei deren Geburt beigestanden hatte, behielt die Nerven und fuhr zügig weiter. Eine halbe Stunde später erreichten sie das Krankenhaus der nächstgelegenen größeren Stadt, Mistelbach. Zum ersten Mal, seit sie in die niederösterreichische Kleinstadt mit dem seltsamen Namen, Laa an der Thaya, nahe der tschechischen Grenze gezogen war, verfluchte sie die Tatsache, dass sie sich ein Haus ausgesucht hatte, dass unendlich scheinende 30 Kilometer, von eben dieser entfernt lag. Die Hebamme, hatte sie bereits telefonisch angekündigt und so wartete bereits eine Schwester der Gynäkologie mit einem Rollstuhl auf sie, als sie am Haupteingang ankamen. „Guten Morgen“, sagte die Schwester mit dem Rollstuhl. „Wie geht es ihnen denn“, fragte sie Claudia, deren Tür sie geöffnet hatte. Der Ton mit der sie diese Schwester begrüßte, klang für sie etwas zu sehr nach „na-was haben-wir-denn-da.“ Es brachte sie auf die Palme. Claudia, keinen Nerv mehr für Höflichkeitsfloskeln antwortete: „Wie soll es einem schon gehen, wenn man das Gefühl hat, dass etwas in der Größe eines Basketballs aus einem raus will?“ Der Blick, den sie der Schwester zuwarf, ließ diese wissen, dass diese sich ihre nonchalante Art sonst wohin zu stecken könnte. Nachdem man ihr in den Rollstuhl geholfen hatte, wurde sie in den zweiten Stock gefahren, wo bereits ein leeres Zimmer auf sie wartete.

Blaue Elefanten, grüne Entchen und menschlich aussehende Wesen mit Flügeln an den Wänden, empfingen sie in diesem. In diesem Moment, ein Schmerzlevel erreicht, das bis dahin jenseits ihrer Vorstellungskraft gelegen war, fragte sie sich, ob der Künstler, der die Dinge entworfen hatte, auf Speed oder Ähnliches gewesen sein mochte. Die Tatsache, dass sie das Zimmer für sich allein haben würde, ließ sie ein „Gott sei Dank“ ausstoßen, dass aufrichtiger nicht hätte sein können. Das Letzte, das sie jetzt brauchen konnte, waren Weisheiten einer Dauerschwangeren. Kaum, dass man ihr aus ihrer Kleidung geholfen, ihr einen kaum weniger bunten Krankenhauskittel übergestreift und sie ins Bett verfrachtet hatte, kam auch schon der Gynäkologe zur Tür herein. „Einen wunderschönen guten Morgen, Frau Stahlheimer“, sagte dieser zu Claudia. „Wie ich gehört habe, soll es bei ihnen heute soweit sein“, meinte er gut gelaunt.

„Guten Morgen …“, erwiderte Claudia den Gruß des Arztes. Sie versuchte, sich an den Namen des Arztes zu erinnern, beschloss dann aber, dass es ihr, zumindest im Moment herzlich egal war, ob dieser nun Mayer oder Müller hieß. Eigentlich fand sie es diesem gegenüber nicht fair, dass sie sich an dessen Namen partout nicht erinnern konnte. Ein Bedauern, das nur bis zur nächsten Wehe anhielt.

„Dann schauen wir mal, wie weit wir sind“, sagte der

Arzt und machte sich daran den unförmigen Kittel über Claudias Knie zu ziehen.

Nachdem er sie höflich dazu aufgefordert hatte, die Knie anzuheben, beugte er sich nach vorne, beäugte ihren Muttermund, tastete diesen ab, um nach wenigen Augenblicken wieder zum Vorschein zu kommen. Kaum, dass er das getan hatte, stand er schwungvoll vom Drehstuhl auf, um den Wehen Schreiber, den eine Schwester in der Zwischenzeit hereingeschoben hatte, näher zu sich heranzuziehen. Sie freute sich auf das kalte Gel, dass er auf ihren Bauch schmieren würde, dass sich angenehm auf ihren, kochend-heißen Bauch anfühlen würde. Kurz darauf, nachdem er sie vorgewarnt hatte, dass es nun etwas kalt werden würde, verschmierte er tatsächlich das eiskalte Gel auf ihren Bauch und begann mit dem Gerät darauf herum zu manövrieren. Konzentriert sah der Gynäkologe auf das Bild, das sich auf dem Bildschirm abzeichnete. „Hmm“, hörte sie den Arzt sagen, an dessen Namen sie sich noch immer nicht erinnern konnte. „Warum legst du deine Stirn so in Falten“, fragte Claudia sich.

Nachdem der Gynäkologe sich davon überzeugt hatte, dass Simon tatsächlich so lag, wie er liegen sollte, befreite er Claudias Bauch von dem Gel, um Dioden an ihr zu befestigen. Geschäftig drehte er an Knöpfen des Gerätes und eine Sekunde später hörten sie den Herzschlag Simons.

„Dann wollen wir uns mal anhören, wie das kleine Herzchen so schlägt“, meinte der Arzt.

„Wie hast du es jemals durch die Uni geschafft“, dachte sich Claudia, kaum dass der Arzt den Satz beendet hatte. Für sie einem Menschen, der sich nicht damit brüsten konnte, dass Geduld zu ihren stärksten Seiten gehört, dauerte das Betrachten ihres Inneren zu lange. „Was ist. Es ist doch alles in Ordnung, oder?“ Dieser, seine Stirn in Falten legende Arzt, antwortete nicht sogleich, sondern starrte weiter auf den Bildschirm. Schon wollte sie nachsetzen, als wieder eine Wehe einsetzte. „Scheiße“, entkam es Claudia. Bereits nach wenigen Augenblicken, sagte er: „Ja, sieht gut aus“, hörte sie ihn sagen. „Warum nicht gleich du A…“; fluchte sie still in sich hinein.

Ihr Fluchen und die dafür aufgebrachte Energie, halfen dabei die Wehe, wenn auch nur für einen Moment, etwas abzumildern. Kaum, dass sie diese Tatsache wahrgenommen hatte, war die Wehe auch schon wieder vorbei. „Schwester“, sprach der Arzt die Schwester an die direkt neben ihm stand. „Wir machen Frau Stahlheimer für den Entbindungssaal fertig.“

„Alles klar, dann wollen wir mal“, erwiderte diese nur. Sie streifte den Kittel Claudias zurück über ihre Knie, schob den Wehen Schreiber auf die Seite und deckte Claudia mit der Decke locker zu.

Der Arzt, sah sie an und sagte zu ihr: „So Frau Stahlheimer. Es sieht so aus, als möchte sich ihr Kind nicht länger gedulden.“ „Der Muttermund ist bereits an die 7 Zentimeter weit geöffnet. Ich denke, wir sollten dann mal.“

„Wenn du das sagst“, dachte sich Claudia. In diesem Moment kündigte sich die nächste heftige Wehe an.

„Wir bringen sie dann gleich in den Entbindungssaal“, ließ er sie wissen. „Gut“, sagte sie zu ihm.

„Ich will das Ganze möglichst schnell hinter mich bringen“, gab sie zu. Der Arzt, lächelte sie nur an und sagte: „Glaub ich ihnen gerne. Sie werden sehen, bald haben sie alles hinter sich und sie werden ein gesundes kleines Baby in den Armen halten.“ Mit diesen Worten hatte er sich schon aus dem Zimmer bewegt, um sich für die Entbindung vorzubereiten. Keine fünf Minuten später, befand sie sich auf dem Weg in den Entbindungssaal. Als man sie in den Saal schob, erinnerte sie sich augenblicklich wieder an das Gefühl, dass sie hatte, als sie diesen zum ersten Mal besucht hatte. Auch hier und trotz der bunten Aufmachung, haftete dem Raum noch immer etwas Kaltes an. „Was solls“, sagte sie sich.

„Rein, raus und du siehst den Raum nie wieder.“ „So“, begann die Hebamme zu ihr zu sagen.

„Wir schieben das Bett jetzt ganz nahe an den Entbindungsstuhl heran und dann nehmen sie einfach darauf Platz. Wir helfen ihnen dabei.“

Gerade war es Claudia gelungen, auf dem Stuhl Platz zu nehmen, kam auch schon die nächste Wehe an. Heftiger wie alle anderen zuvor.

„Gott im Himmel, mach das es vorbei ist“, betete sie. Kaum war die eine Wehe vorbei, kam auch schon die nächste angerollt. Doch plötzlich, mit einem Mal, völlig unerwartet, ebbte diese wieder ab. Claudia verblüfft, wartete darauf, dass diese gleich wiedereinsetzen würde. Aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen verspürte sie ein Ziehen, das vom Ausgang ihrer Vagina ausging. Ein Ziehen, das stärker wurde, wieder nachließ, um dann nochmals einzusetzen. Der Arzt betrat den Raum, sah auf Claudia, dann auf den Wehen Schreiber. „Na, hat es sich da wer anders überlegt“, versuchte er zu scherzen. Plötzlich war das Ziehen wieder da. Nur dass es diesmal nicht wieder abebbte, sondern sich in Dauerschmerz verwandelte. Eine erneute Wehe setzte sein. Welche, wie die Letzte, genauso schnell wieder abebbte, wie sie gekommen war. Sie glaubte, der Schmerz, der nicht aufhören wollte, würde ihr das Becken sprengen. Plötzlich verringerte sich der Druck wieder.

„Oh“, stöhnte sie. „Was ist denn jetzt!“

Der Arzt sah auf den Wehen Schreiber, dann auf das Gesicht Claudias. Sah, wie sich ihre Augen vor Überraschung weiteten.

Der Arzt, der auf dem Stuhl vor Claudias gespreizten Beinen Platz genommen hatte, stand auf.

„Frau Stahlheimer“, sagte er zu Claudia. „Wenn die nächst Wehe kommt, müssen sie kräftig pressen!“

„Echt jetzt“, fragte Claudia sich, während sie den Arzt mit einem teils erstaunten, teils hasserfüllten Blick ansah. „Ich dachte, wir legen eine kleine Pause ein, gehen einen Café Latte trinken und machen dann weiter!“ Etwas in der Stimme des Arztes sagte ihr, dass etwas nicht stimmte. Sie sah nur, wie er immer wieder auf den Wehen Schreiber und dann wieder zwischen ihre Beine sah. Sie spürte seine Finger an dem Körperteil, dass bis vor Kurzem noch ihre Vagina gewesen war und das sich jetzt anfühlte, wie etwas das kurz davor war zu zerreißen. „Pille“, dachte sie sich in diesem Moment. „Von jetzt an nur mehr mit Pille!“

Der Wehen Schreiber meldete sich wieder, um sie wissen zu lassen, dass eine neue Wehe anstand. „Und jetzt pressen“, sagte der Arzt.

Claudia presste. Doch so sehr sie sich auch bemühte …, es schien nichts weiterzugehen. Wieder spürte sie wie der Arzt mit seinen Fingern am Rand ihrer Vagina entlangfuhr und ihr kam es vor, als würde er tatsächlich versuchen, nach etwas zu greifen. Erneut kam eine Wehe. „Pressen“, sagte der Arzt, kaum dass die nächste Wehe einsetzte.

Claudia presste. Presste solange, bis sie meinte, ihre Lungenflügel würden zerspringen. „Ein bisschen mehr anstrengen,“ hörte sie ihre Hebamme sagen. Claudia zwischen Angst, Schmerz und Panik hin und hergerissen, glaubte sich verhört zu haben.

„Sagen sie mir noch einmal, dass ich mich nicht genug anstrenge, und ich fahre ihnen mit dem Arsch ins Gesicht!“ Irgendetwas hatte sie an dieser Hebamme schon immer gestört. Jetzt wusste sie was. Sie sah in das Gesicht der Hebamme. Sah wie diese sie mit überraschtem Gesichtsausdruck ansah.

Der Wehen Schreiber gab plötzlich keinen Ton mehr von sich. Auch die Herztöne, so glaubte Claudia, schienen auf einmal ungleichmäßiger, weniger rhythmisch zu sein. Doch da, noch bevor sie richtig in Panik verfallen konnte, meldete sich das Gerät wieder mit seinen nervigen Piep-Tönen zu Wort als auch schon die nächste Wehe einsetzte.

Auch diese ebbte so schnell ab, wie sie gekommen war. „Was ist los“, fragte sie den Arzt, nachdem es ihr gelungen war, genug Sauerstoff in ihre Lungen zu bekommen.

„Die Herztöne …!“

Der Arzt sah auf den Monitor des Überwachungsgerätes und seine Stirn legte sich abermals in Falten. Doch anstatt auf ihre Frage mit einer Antwort zu reagieren, sagte er zur Schwester: „Schwester, wir machen alles für einen Kaiserschnitt fertig. Das dauert mir zu lange.“

„Das geht mir jetzt aber ein bisschen zu schnell“, protestierte Claudia, noch immer im Stillen.

„Ich würde es gerne noch einmal versuchen“, sagte sie zum Arzt, bevor dieser richtig von seinem Stuhl aufstehen konnte. Dieser sah sie an. Er schien zu überlegen und willigte nach ein paar Sekunden ein. „Gut“, sagte er. „Wir versuchen es noch ein Mal.“ Woraufhin er sich wieder zwischen ihre Beine setzte und sich in Position brachte. Den Wehen Schreiber mit seinen Augen fixierend, so als könnte er diesen mit seinem strengen Blick dazu bringen, endlich das von sich hören zu lassen, was er hören wollte, ruckelte auf seinem Stuhl herum.

Nach einer Minute, kündigte sich die nächste Wehe an. „Okay“, sagte der Arzt. „Da kommt die Nächste. Noch einmal tief Luft holen und wenn ich es ihnen sage, pressen was sie können!“ Als die Wehe ihren Höhepunkt erreicht hatte, presste Claudia, so stark es ihr nur möglich war. Doch wieder, kaum als sie das Gefühl hatte, dass der Kopf des Babys drauf und dran war durchzukommen, schien es ihr, als würde der Kopf feststecken. Der Arzt versuchte mit seinen Fingern, um den Kopf Simons herum zu gelangen. In diesem Moment wusste Claudia, dass definitiv etwas nicht stimmte. Nicht nur das etwas nicht stimmte, sondern dass etwas gehörig schief zu laufen schien. Claudia war es schließlich, die, noch vor dem Arzt, jenes Wort aussprach, dass bereits im Raum schwebte.

„Kaiserschnitt!“

„Ja“, bestätigte der Arzt nickend.

„Ich denke, es ist das Beste, wenn wir einen Kaiserschnitt vornehmen, Frau Stahlheimer! Sieht so aus, als möchte der junge Mann weder vor noch zurück.“ Das Wort hatte ihm eine Art Erleichterung auf sein Gesicht gezeichnet und bewirkte, dass es weniger angespannt aussah. Er stand auf. „Die Wehen kommen mir etwas zu unregelmäßig und ich möchte kein Risiko eingehen“, fügte er hinzu. So sehr er sich auch um Ruhe bemühte, die Anspannung auf seinem Gesicht sprach Bände. „Wir sollten schnellstens den kleinen Mann aus seiner engen Behausung befreien.“ Das was er als Scherz gewusst haben wollte, wirkte auch diesmal nicht. Zumindest nicht bei ihr. Unter den Umständen, in denen sie sich befand, war sie nicht wenig versucht, gegen die Bezeichnung „Behausung“ zu protestieren. Angesichts der Tatsache, dass der Arzt sich nicht weniger zu sorgen schien, wie sie selbst, hielt sie von der Versuchung ab, dagegen zu protestieren.

Zwei Stunden später wachte Claudia in dem Zimmer auf in das man sie anfangs gebracht hatte. Mit halbgeöffneten Augen sah sie sich um. Das Licht, das durch die Jalousien hereinfiel, tat ihren Augen weh. Ihr war übel, dachte, sie müsse sich jeden Moment übergeben. Der Schmerz, der von ihrer Leibesmitte ausging wurde, von Sekunde zu Sekunde stärker. Wäre nicht die unbändige Neugier auf ihren neugeborenen

Sohn gewesen, hätte sie sich sehnlichst zurück in den tranceartigen Zustand gewünscht, aus dem sie eben erst erwacht worden war. Schmerzen, waren noch nie ihr Ding gewesen. Schon gar nicht solche, die einem glauben ließen, dass ihre Vagina für den Rest ihres Lebens, nie wieder für etwas anderes zu gebrauchen wäre, als in der Gegend herumgetragen zu werden. Gerade in diesem Moment betrat eine ihr unbekannte Krankenschwester, ihr Zimmer.

„Hallo Frau Stahlheimer“, sagte diese mit einem warmen Lächeln auf ihrem Gesicht. Claudia wollte den Gruß erwidern, merkte aber, dass ihre Kehle staubtrocken war. „Kommen sie“, sagte die Schwester.

„Sie können ruhig einen Schluck trinken.“ Womit sie zum Nachttischchen ging, ein Glas Wasser einschenkte, um dann Claudia dabei zu helfen, sich aufzusetzen. Beim Versuch, sich aufzusetzen, durchfuhr sie ein Schmerz, der sie aufstöhnen ließ. „Ganz langsam“, sagte die Schwester. „Warten sie, ich helfe ihnen.“ Die Stimme der Schwester klang weich, fast melodiös in Claudias Ohren.

Die Schwester – sie konnte an dem Namensschild deren Vornamen, Veronika erkennen, hielt Claudia das Glas hin und stützte ihr den Rücken ab, sodass sie kleine Schlucke trinken konnte. Als sie sich wieder zurückgelehnt hatte, fasste sie sich einen Moment und fragte die Schwester: „Wie geht es meinem Kind?“

Die Schwester stellte das Glas auf das kleine fahrbare

Kästchen und sagte: „Dem Buben geht es gut.“

„Wir haben ihn auf die Neugeborenen Station gebracht.“ „Sobald der Arzt mit den Untersuchungen fertig ist, wird er ihnen gebracht“, ließ sie sie wissen. Claudia schloss kurz die Augen, fasste neue Kraft und fragte dann: „Geht es ihm wirklich gut?“

„Ja, alles in Ordnung“, bestätigte ihr die Schwester. Claudia versuchte herauszufinden, ob diese ihr etwas verschwieg, konnte aber an ihrem Verhalten oder gar ihrem Gesichtsausdruck, nichts erkennen. Die Schwester verließ das Zimmer, nicht ohne Claudia wissen zu lassen, dass sie nicht zögern sollte die Glocke zu bedienen, wenn sie etwas brauchen sollte. Claudia bedankte sich, wobei sie ein Lächeln zustande brachte. Doch, so sehr sie sich auch bemühte, das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, wollte sich nicht vertreiben lassen.

Eine Woche nach der Entbindung, verließ Claudia mit

Simon das Krankenhaus. Ihre Eltern, die jeden Tag zu Besuch gekommen waren, bestanden darauf sie persönlich nach Hause zu bringen. Claudia, von den Fahrkünsten ihres Vaters nicht begeistert, fügte sich notgedrungen. Zuhause angekommen, brachten sie das Gepäck in das kleine Häuschen, das am Rande der kleinen Stadt lag, in dem sie, vor noch nicht allzu langer Zeit gezogen war.

Noch immer fragte sie sich, wie das gerade einmal sechstausend Einwohner zählende Örtchen wie sie es nannte, zum Titel Stadt gekommen war. Besaß es doch gerade einmal einen Stadtkern, den man in knapp zehn Minuten durchlaufen konnte. Ganz zu schweigen davon, dass es im Grund nur eine sogenannte Hauptstraße gab, an der sich die Mehrzahl der Geschäfte drängte. Im Industriegebiet (die Alteingesessenen liebten diesen

Begriff) fanden sich drei Supermärkte, die diesen Begriff auch tatsächlich verdienten, ein Sportcenter und ein Restaurant, das sich damit über Wasser hielt, „All-you-can-Eat“ für Fernfahrer anzubieten. Dennoch, sie liebte diese dörflich wirkende Stadt. Ihr kleines Häuschen, dass sie sich mit dem Geld ihres schwanzgesteuerten Ex-Ehemannes gekauft hatte. Eine Bezeichnung, mit der sie ihn ab dem Zeitpunkt bedacht hatte, als sie dahintergekommen war, dass er die kleine und um zwanzig Jahre jüngere Brünette aus seinem Büro, mit schöner Regelmäßigkeit gevögelt hatte. Anfangs, nachdem sie dahintergekommen war, dass ihr Exmann, der Brünetten das gab, was eigentlich und alleinig ihr zustand, fühlte sie sich wie ausgemustert und abgelegt. Dachte an Rache. Daran ihm das Gleiche anzutun. Ihm sein heißgeliebtes Cabrio zu zerkratzen. Ihn eventuell zu ermorden. Schließlich besann sie sich aber eines Besseren. Als sie schließlich begriffen hatte, dass in der Ruhe die Kraft lag (eine Ansicht die sie früher zum Würgen gebracht hatte) packte sie ihn bei dem, was ihm am Wichtigsten war. Geld!

Dieses und damit das Häuschen, dass sie nun mit ihrem Sohn bewohnen würde, als auch die Tatsache, dass eben diese Brünette, ihn, den Schwanzgesteuerten, einen fabelhaften Tripper angehängt hatte, glich den Schaden einigermaßen wieder aus. Die Tatsache, dass sie sich gerade von diesem …., (manchmal benutzte sie nur den leeren Wort Raum) anstatt der vollen Bezeichnung, schwängern hat lassen, verbuchte sie mittlerweile als eines der wenigen guten Dinge, die sie durch ihren Ex erfahren hatte.

Angesichts ihrer mittlerweile 45 Jahre, hatte ihr die Schwangerschaft zu Beginn Kopfzerbrechen bereitet. Bis sie eines Tages aufwachte und feststellte, dass ihr nichts Schöneres hätte passieren, können. Ungeachtet der besorgten Mienen die sie an anderen Frauen feststellte. Vor allem von jenen, die ihrem Ruf, als neidische, weil kinderlose Zwangshausfrauen, gerecht wurden.

Als sie Simon das erste Mal in ihren Armen halten durfte, war sie hin und hergerissen zwischen dem Wunsch ihn so fest wie nur irgend möglich an sich zu drücken und ihn gleichzeitig so vorsichtig zu halten wie es gerade noch ging. Die Zerbrechlichkeit, die Simon Zeit seines Lebens beibehalten sollte, erlaubten es nicht anders. Mit gerade einmal 2100 Gramm, Armen und Beinen die so zart schienen wie feinstes Porzellan und eine Haut die so durchsichtig war, dass selbst die feinsten Äderchen durchschienen, ließen Claudias mütterlichen Drang ihn fester zu drücken – so schwer es ihr auch fiel – auf ein Späteres verschieben. Ungleich anderen Müttern, wollte sie von den Ärzten - welche alle erdenklichen Untersuchungen an Simon durchführten – garantiert bekommen, dass alles mit ihm stimmte.

Es fehlte nicht viel und sie hätte darauf bestanden, selbst bei allen dabei zu sein. Der Grund dafür, waren die Äußerungen des Kinderarztes – dessen Namen sie ebenso wenig behalten hatte – der meinte, dass es aufgrund der Probleme, die es bei der Geburt gegeben hatte, sich negativ auf die Entwicklung Simons, auswirken könnten. Äußerungen, die wenig dazu beitrugen, die Befürchtungen, an denen alle frisch gebackenen Mütter leiden, abzuschwächen. Doch, wie sich herausstellte, schienen sich die Befürchtungen des Arztes, wenigstens im Moment, nicht zu bestätigen.

Als ihr derselbe, völlig unnötigerweise empfahl, dennoch keine der Vorsorgeuntersuchungen zu versäumen, nahm sie sich vor, dessen Namen – sollte er ihr entgegen aller Erwartungen wieder einzufallen - aus ihrem Gedächtnis zu streichen.

Eine Woche nach der Geburt, verließ sie mit Simon die Klinik.

Ihre Eltern, die bereits um sieben Uhr morgens in der Tür standen, hatten ihr Wort gehalten, und fuhren sie nach Hause. Schließlich und ohne das Opi einen veritablen Unfall gebaut hatte, erreichten sie schließlich ihr bescheidenes Häuschen. Erholung war in Sicht! Simon, der die ganze Fahrt über quengelig war, schien die Ruhe und den Frieden des Hauses zu fühlen und begann sich fast augenblicklich zu beruhigen. Kaum, dass sie das Haus betreten hatte, machten sich ihre Eltern daran ihr alles abzunehmen, dass in irgendeiner Form, nach Arbeit aussah. So hatte ihre Mutter bereits für eine ganze Woche im Voraus gekocht. Etwas, wofür sie mehr als dankbar war. Zählten ihre eigenen Kochkünste doch nicht gerade zu den Fähigkeiten, die sie und andere zu den ausgeprägtesten hielten. Nachdem ihre Mutter, die Essenspakete, alle säuberlich in Tupperware verpackt, in den Kühlschrank gestellt hatte, machte sie sich umgehend daran, die liegengebliebene Wäsche in die Maschine zu packen und das ebenerdige Haus nochmals mit dem Staubsauger von Staub und ähnlichem zu befreien. Ihr Vater hatte sich des vertrockneten Gartens angenommen und die Laubtonne geleert, in welcher sich kaum so viel Gartenabfall befand, dass es der Rede wert war. Hätte Claudia der Umtriebigkeit ihrer Eltern keinen Einhalt geboten, hätten diese es sich nicht nehmen lassen, ihr beim Umziehen zu helfen.

Schließlich gelang es ihr unter Aufbringung der letzten Energiereserven, ihre Eltern davon zu überzeugen, dass sie allein klarkommen würde. So sehr sich das schlechte Gewissen auch Zutritt zu ihrem Gehirn verschaffen wollte. Sie wollte nur mehr eines. Ruhe! Nach den Tagen in der Klinik, die vollgepflastert waren mit Untersuchungen, Sorgen und dem ständigen Kommen und Gehen, stand ihr nur mehr der Sinn, mit ihrem Sohn eine Zeit der Ruhe und des Friedens, zu genießen.

Simon jedoch, hatte anderes vor. Kaum waren ihre Eltern aus dem Haus, meldete er sich zu Wort, und begann aus Leibeskräften zu schreien.

Nie hätte sie gedacht, dass er in all seiner Gebrechlichkeit, derartige schrille und laute Töne von sich geben könnte. Erst nach mehreren Anläufen und unter Aufbringung sämtlicher Tricks, ließ er sich von ihr die Brust geben. Nachdem sie ihn gestillt und kurz darauf gewickelt hatte, schlief er auch schon wieder ein. Claudia, von den Strapazen der letzten Tage mitgenommen, gönnte sich eine Verschnaufpause. Auf die Couch des Wohnzimmers gelegt, das linke Ohr mit einem Kopfhörer bedacht, döste sie alsbald ein. Doch die Ruhe, die sich so plötzlich eingestellt hatte, währte nicht lange. Nach einer Stunde meldete sich Simon erneut. Auch diesmal mit Gebrüll. Erschrocken fuhr sie hoch, holte ihn aus seinem Bettchen und legte ihn sich auf die Schulter. „Was hast du denn mein Süßer“, fragte sie ihn, hin und her tragend. Dass schien zu wirken. Langsam beruhigte er sich wieder. Nach dem letzten Füttern des Tages und nachdem sie ihn gewaschen und eine neue Windelhose gegeben hatte, legte sie ihn zum Schlafen für die Nacht nieder. Nicht wissend, dass dies eine lange Reihe von ganz besonderen Nächten werden würde.

Nächte, in denen Simon bewies, dass er, Zerbrechlichkeit hin und her, über ein scheinbar endloses Energiereservoir verfügte. Und ein solches musste er haben, denn sein Schreien schien mit jedem Mal an Intensität zuzunehmen. Nach gut drei Wochen, Claudia hatte in keiner Nacht kaum mehr als vier Stunden geschlafen, vereinbarte sie zwischen den üblichen Kontroll-Terminen, einen Extratermin bei ihrem Kinderarzt.

Claudia kam mit Simon in die Praxis und fand den Wartesaal leer vor. Die Sprechstundenhilfe sah von ihrer Arbeit auf und begrüßte sie mit einem Lächeln. „Guten Morgen Frau Stahlheimer“, sagte sie und hielt ihr die Hand zur Begrüßung hin. „Und da ist ja der liebe Simon wieder!“ Claudia, die das Gefühl hatte, dass ihre Augenlider sich in Kinn Höhe befanden, brachte ein Lächeln zusammen, dass als solches, wie sie hoffte, zu erkennen wäre. „Ich sage Herrn Doktor Breitner gleich Bescheid das sie da sind! Es dauert sicher nur einen Moment“, wonach sie hinter ihren Schreibtisch zurückging.

Keine zwei Minuten später befand sich Claudia mit Simon am Arm im Ordinationszimmer des Kinderarztes. „Guten Morgen Frau Stahlheimer“, begrüßte er sie. „Und da haben wir ihn ja“, meinte er lächelnd, während er sich zu Simon hinunter beugte. Dr. Breitner nahm mit seiner Hand ein wenig die Decke zurück, die Claudia um Simon gelegt hatte, um einen besseren Blick auf ihn zu haben. „Na junger Mann“, sagte er. „Dir scheint es aber gut zu gehen.

„Und wer fragt mich wie es mir geht“, gestattete sich Claudia zu denken, die sich, kaum dass sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, sich für den Anflug an Selbstmitleid, zu schämen begann.

„Legen sie ihn doch bitte hier oben hin“, bat er Claudia und wies auf eine gepolsterte Liege.

Sie folgte seiner Bitte. Dr. Breitner trat einen Schritt an die Liege heran, schlug die Decke zur Seite und knöpfte Simons Strampler auf.

Er nahm sein Stethoskop zur Hand, hauchte es mit seinem Atem etwas an und legte es auf Simons Brust. Nach ein paar Sekunden ließ er ein ominöses „Hmm“ hören.

„Der Herzschlag des kleinen Mannes scheint in Ordnung zu sein“, sagte er nur ohne den Blick von Simon zu nehmen. „Können sie ihn bitte einmal kurz hochnehmen, damit ich seine Lungen abhören kann“, forderte er Claudia auf. Dr. Breitner zog Simons Strampler am Rücken nach oben und hörte seine Lungen ab. „Auch in Ordnung.“ Worauf er sein Stethoskop wieder, in typischer Arztmanier über die Schultern schwang. „Sie haben gesagt, dass er alle zwei, drei Stunden wach wird und zu schreien beginnt“, fragte er Claudia über den Rand seiner Bille hinweg. „Ja. Und zwar so heftig, dass es kaum auszuhalten ist.“ Ich weiß schon nicht mehr, was ich machen soll.“ Dr. Breitner schien zu überlegen. „Legen sie ihn doch bitte noch einmal hin“, forderte er Claudia auf, die tat, worum er sie bat. Der zog daraufhin eine kleine Stabtaschenlampe aus seiner Brusttasche und begann in die Augen Simons zu leuchten.

Claudia kam es vor, als würde dieser Schritt, viel zu langer dauern. Schließlich schob der Arzt jeweils einen Finger zwischen die zarten Finger Simons. Etwas, dass Simon, nicht zum Anlass nehmen wollte, um danach zu greifen. Als Claudia ihre Ungeduld, nicht mehr zu zügeln wusste, fragte sie den Arzt: „Ist etwas mit seinen Augen, oder seinen Armen?“

Dr. Breitner steckte die kleine Lampe wieder zurück in seine Brusttasche und sagte: „Mit dem Herzen und den Lungen scheint wie gesagt, alles in Ordnung zu sein.“ „Hat es Komplikationen während der Geburt gegeben“, wollte er von ihr wissen. Irgendetwas in seinen Augen drückte Besorgnis aus. Angesichts der Tatsache, dass sie in den vergangenen zwei Wochen, kaum ein Auge zugetan hatte, konnte sie aber nicht mit Bestimmtheit sagen, ob sie richtig lag. „Na ja“ setzte Claudia an. „Wie sie wissen, sind eine Zeit lang keine Wehen mehr gekommen und zwischendurch wollte der Entbindungsarzt schon einen Kaiserschnitt vornehmen, weil es ihm zu lange gedauert hatte.“

„Ja, richtig“, erinnerte sich Dr. Breitner. Wie, um den Befürchtungen, die abermals im Raum standen, die Schwere zu nehmen, fügte sie hinzu: „Aber es wurden doch alle Untersuchungen gemacht und die haben nichts dabei gefunden!“ Dr. Breitner ging um seinen Schreibtisch herum, setzte sich und sagte: „Die Augen eines Neugeborenen sind normalerweise recht empfindlich“, begann er zu erklären. „Außerdem ist der Greifreflex“; er machte mit seinen eigenen Händen eine Art Greifbewegung; „...bei Neugeborenen recht gut ausgeprägt.“

„Bei Simon“, fuhr er langsam fort; „scheinen beide

Reflexe nicht ganz so gut ausgebildet zu sein.“ Dr. Breitner sah sie an, so als würde er erkennen wollen, ob Claudia ihn verstanden hätte. Claudia stand bei Simon, hielt ihn mit sanftem Griff.

Nachdem sie einen Blick auf ihren, ruhig daliegenden Sohn gemacht hatte, sah sie wieder zum Arzt.

„Und was bedeutet das jetzt“, fragte sie diesen, während sie Simons Jäckchen, wieder zuzuknöpfen begann. Dr. Breitner zog den vor sich liegenden weißen Block näher zu sich heran und begann darauf zu schreiben. Ohne auf die Frage Claudias näher einzugehen, sagte er: „Ich stelle ihnen eine Überweisung aus. Diese ist für einen Untersuchungstermin bei Dr. Haslauer“, fuhr er fort. „Dr. Haslauer ist Neurologe am Krankenhaus in

Mistelbach. Er ist auf Kinder spezialisiert“, woraufhin er den beschriebenen Zettel vom Block abriss. Schon beim Fallen des Wortes Neurologe, war Claudia in eine Art Starre verfallen. Während sie Simon hielt, sah sie den Arzt mit fragendem Blick an. Neurologe…, das konnte nichts Gutes bedeuten!

Dr. Breitner war mittlerweile, um den Tisch herumgekommen, und ging auf sie zu.

„Hier bitte“, sagte er, während er Claudia den zusammengefalteten Überweisungsschein, hinhielt. Das Lächeln auf seinem Gesicht, war noch immer von jener warmen Herzlichkeit gezeichnet, die ihm so zu eigen war. Doch Claudia, die, seit sie das Wort Neurologe gehört hatte in Alarm versetzt war, war sich nun nicht mehr ganz so sicher, ob sie diesem trauen konnte. Dr. Breitner schien die unausgesprochenen Befürchtungen Claudias zu spüren.

„Mache sie sich keine unnötigen Gedanken“, begann er.

„Wir wollen nur alle in Betracht kommenden

Möglichkeiten ausschließen.“ Wieder zeigte er dieses Lächeln, mit dem er sie versichern wollte, dass schon alles in Ordnung sein würde.

Als sie mit Simon nach Hause kam, befreite sie ihn von der Decke, um ihn in sein Bettchen zu legen, wo er nach wenigen Minuten eingeschlafen war. Ihre Gedanken begannen zu kreisen, ließen ihr keine Ruhe. Die folgende Nacht, gestaltete sich wieder so, wie alle anderen zuvor. Nach den ersten beiden Stunden – es kam ihr weniger vor – begann Simon wieder aus Leibeskräften zu brüllen. Nachdem es ihr gelungen war, ihn zu beruhigen, etwas das zunehmend schwieriger zu bewerkstelligen war, legte sie ihn zurück in sein Bettchen, wo er fast augenblicklich eingeschlafen war. Nach einigen Tagen war sie von dem immer wiederkehrenden Prozedere so aufgezehrt, dass sie, kaum dass sie selbst eingeschlafen war, wieder hochfuhr, weil sie irrtümlich dachte, Simon schreien zu hören. Es reichte!

Mit den Nerven soweit am Ende, dass sie schon Schreie zu hören glaubte wo keine waren, würde sie den noch verbliebenen Rest ihrer Nerven einbüßen. Wissend, dass sie in zwei Tagen den angesagten Termin in der Klinik haben würde, beruhigte sie wenigstens einigermaßen. Dennoch, sie wusste nicht was die Untersuchungen dort bringen würden! Doch alles, alles war besser, als die Ungewissheit die sich ihrer bemächtigt hatte. Ganz zu schweigen, von der Tatsache, dass sie selbst bald einen Arzt brauchen würde.

Mit dem Kopf nach hinten

An einem Sonntag, war sie bei ihren Eltern zum Mittagessen eingeladen. So sehr sie die beiden auch liebte ...! Es würde ein anstrengender Tag werden. Ihr Vater, Horst, ein ehemaliger Maurer und ihre Mutter Hannelore, eine ehemalige Postbeamtin, hatten sich ein beschauliches Leben aufgebaut. Trotz ihrer beiden geringen Einkommen, aber dank eisernen Sparens, war es ihnen gelungen sich ein kleines Häuschen am Stadtrand von Poysdorf, einer kleinen, beschaulichen Stadt, wenige Kilometer vom Wiener Stadtrand, zu bauen.

Claudias Vater, ein leidenschaftlicher Sammler aller

Dinge die älter als 40 Jahre waren, hatte sämtliche

Wände des Hauses mit, seiner Meinung nach mit „Antiquitäten“ tapeziert. Etwas, das ihrer Mutter sauer aufstieß, weil sie den überbordenden Anblick von „altem Kram“, wie sie es nannte, kaum mehr ertragen konnte. Die Sammlerleidenschaft ihres Vaters ging so weit, dass er einen alten Schuppen, der im hinteren Teil des kleinen Gartens stand, zu einer Aufbewahrungsstätte umfunktioniert hatte und diesen alle paar Jahre erweitern musste, weil er Platz für neue, alte Sachen brauchte. Auch an diesem Sonntag, Claudia war kaum mit Simon im elterlichen Haus angekommen, startete ihr Vater einen Angriff auf sie. Nicht ohne zuvor, ganz dem Gebaren eines typisch stolzen Opas nach, Simon mit Liebesbezeugungen einzudecken.

Nebst den zahllosen „Hey, du Süßer. Wie geht`s dir denn“ und „Was-bist-du-doch-für-ein Goldiger“ Attacken, musste er alles erdulden, was das großelterliche Zuneigungsregister hergab.

Dann aber kam es schon! „Du musst dir unbedingt die neuen Porzellanteller ansehen, die ich gestern bekommen habe“, sagte Claudias Vater, kaum dass er mit seinen großväterlichen Liebesbekundungen fertig waren. „Die hab` ich günstig bei eBay ersteigert“, ließ er sie wissen. Claudia erhaschte den Blick ihrer Mutter, die ihre Augen schräg nach oben gerichtet hatte. „Papa“, sagte Claudia. „Wir sind doch gerade erst angekommen.“ „Lass und erst mal einen Kaffee trinken, ja“, forderte sie ihn bittend auf. Ihr Vater, sah die Notwendigkeit ein und ließ den Einwand seiner Tochter gelten. „Na gut“, sagte er. „Aber später musst du dir unbedingt die Sachen ansehen.“ Claudia wusste, dass sie nicht umhinkommen würde seine neuen Errungenschaften zu begutachten. Ungeachtet der Tatsache, dass sie ihn einst hat wissen lassen, dass Teller für sie eben nur Teller waren. Einer Äußerung, die er gerade für so würdig hielt, um sie mit einem Kopfschütteln, abzutun. Doch für den Moment, dem Kaffee sei Dank, war die Gefahr gebannt. „Was hat der Neurologe gesagt“, wollte ihre Mutter von ihr wissen, während sie den Kaffee aufgoss. Welches sie, den Sitten des Hauses angepasst, nicht einem dieser neumodischen Vollautomaten überließ. „Das Zeug, dass die Dinger machen, schmeckt einfach nicht!“ Womit die Sache für sie erledigt war. Während sie das heiße Wasser, andächtig über das Kaffeepulver goss, stellte sie jene Frage, vor welcher Claudia sich am meisten gefürchtet hatte.

Claudia, die sich in der Zwischenzeit von ihrer Jacke befreit hatte, um anschließend Simon von der seinigen zu befreien, tat einen Schnaufer. „Er hat zum x-ten Mal ein EEG und ein CTG gemacht, wie bei den letzten Malen auch. Und wie bei den letzten Malen auch konnte er nichts Abnormales feststellen.“

„Er hat aber gemeint, dass es, wenn Simon bei der Geburt zu lange keinen Sauerstoff bekommen hat, er früher oder später unter einer Beeinträchtigung leiden könnte. Eine andere Bezeichnung für eine Behinderung.“ „Tatsache ist, dass man das in diesem Alter noch nicht feststellen kann!“ Nun war es ausgesprochen. Sie hatte das gesagt, was sie wie ihre Eltern auch, befürchtet hatten. Ihre Mutter, kaum dass ihre Tochter den Satz ausgesprochen hatte, ließ den Kaffee, Kaffee sein und sah ihre Tochter mit bekümmertem Gesicht an. „Was soll das heißen“, fragte ihre Mutter.

„Von welcher Beeinträchtigung redet er?“

Claudia begann sich unwohl zu fühlen. Nicht genug, dass sie mit der Ungewissheit leben musste, ob Simon beeinträchtigt sein würde. Die Sache, hier und jetzt in der Küche ihrer Mutter, erklären zu müssen, kostete sie alle Überwindung, die sie nur imstande war, aufzubringen. „Euch ist vielleicht aufgefallen, dass Simon seinen Kopf immer nach hinten gedreht hat“, sagte Claudia. „So gut wie nie, sieht er nach vorne. Noch nicht einmal dann, wenn andere sich, direkt vor ihm, unterhalten. „Ja klar“, bestätigte ihre Mutter etwas zögernd. „Aber ich ..., ich habe mich nicht getraut, etwas zu sagen.“ Claudia erkannte die Verlegenheit ihrer Mutter. Deren Verlegenheit machte sie selbst nur noch verlegener. Diese Verlegenheit, die unweigerlich mit dem unausgesprochenen Vorwurf gegen sich selbst einherging, schuld am Zustand Simons zu sein, ließ sie innerlich zusammensinken. Noch einmal atmete sie tief durch. Da sie schon mal das Thema angesprochen hatten, konnten sie es auch gleich ganz durchkauen. „Das ist auch Dr. Haslauer, dem Neurologen aufgefallen“, begann Claudia. „Er kann aber jetzt noch nicht sagen, ob dies mit der Komplikation während der Geburt zusammenhängt! Alles was wir momentan tun können, ist abwarten!“ Jetzt, da es raus war, fühlte sie sich noch schlechter als zuvor. Sie sah zu Boden, um dem Blick ihrer Mutter nicht zu begegnen.

Stille breitete sich im Raum aus. Nach einer kleinen Pause war es Claudia, die wieder zu reden begann.

„Außerdem …, spannen sich seine Muskeln in den Armen und Beinen unwillkürlich an.“

Claudia hatte begonnen, sich mit beiden Händen an der Stuhllehne festzuhalten. Die ganze Sache fiel ihr um einiges schwerer, als sie gedacht hatte. „Du meinst, dass er Krämpfe hat“, wollte Claudias Mutter wissen.

„So kann man das auch nennen“, bestätigte sie ihrer Mutter. „Dieser Doktor Haslauer meinte, dass das auch Spastiken sein könnten! Sie können es noch nicht mit Genauigkeit sagen!“ Claudia zeigte ein Schulterzucken, dass das Gefühl der Hilflosigkeit in ihr noch mehr verstärkte.

Sie hasste dieses Gefühl. Diese formlose, durch nichts zu greifende Emotionen, welches sie auszuhöhlen schien. Umsonst hatte sie versucht sich einzureden, dass, da auch die Ärzte nicht wussten, ob es Spätfolgen geben würde, sie sich nicht völlig umsonst, verrückt machte. Claudia, die für einen Augenblick den Blick angehoben hatte, um zu sehen, wie ihre Mutter auf die Neuigkeit reagierte, sah den Schrecken auf deren Gesicht. Als diese sich einer kleinen Weile vom Schrecken erholt hatte, fragte sie Claudia: „Deswegen wacht er auch alle zwei Stunden auf, oder? Weil er Krämpfe, weil er Schmerzen hat!“ Claudias Mutter sah für einen Augenblick auf Simon, der friedlich in seiner Tragetasche lag. „So genau können sie es noch nicht sagen“, erwiderte Claudia ausweichend. „Es ist noch zu früh, um das mit Bestimmtheit sagen zu können. Auf dem CT sieht alles normal aus. Was aber nicht heißen will, dass es so ist, weil man in diesem Alter noch nicht sagen kann, ob das Gehirn …, ob das Gehirn, weil es eventuell bei der Geburt, einen…, Schaden erlitten hat!“ Die Stille, die sich wieder breitgemacht hatte, drückte auf beide, wie eine schwere Last, derer sie sich nicht erwehren konnten. Der Raum schien mit einem Mal kleiner geworden zu sein. Ihre Mutter war die erste, die wieder imstande war, etwas zu sagen. „Genaues wissen sie aber noch nicht“, fragte ihre Mutter sie in einem Ton, mit dem sie ihrer Tochter zu verstehen geben wollte, dass noch nichts feststand. „Nein“, bestätigte Claudia. „Sie nehmen es aber an“, sagte Claudia, die den Kopf gesenkt hatte. „Auch wenn sie das nicht ausdrücklich gesagt haben. Jedenfalls glauben sie, dass, sollten es Spastiken sein, diese mit dem Älterwerden zunehmend schwerer werden“, setzte sie nach. Claudia hatte im Bruchteil einer Sekunde gehofft, dass, wenn sie die unausgesprochene Vermutung erst einmal ausgesprochen haben würde, sie sich leichter anfühlen würde. Das Gegenteil war der Fall. Tränen traten ihr in die Augen. Tränen, die seit Langem geweint sein wollten. Ihre Mutter stellte den Topf mit dem Wasser zurück auf den Herd, der dabei ein für Claudia, viel zu lautes Geräusch von sich gab. Claudia versuchte, einen Punkt mit ihren Augen zu erfassen, an dem sie sich fixieren konnten. Nur ein Augenzwinkern davon entfernt, und die Tränen würden ihr die Wangen herablaufen. Plötzlich stand ihr Vater in der Tür. „Wie siehts denn jetzt aus mit dem Kaffee“, fragte er.

„Du wirst es erwarten können“, fuhr seine Frau ihn an.

„Ist ja schon gut“, wehrte er erschrocken ab. „Was ist denn los mit euch beiden“, fragte er die beiden, als er erkannte, dass irgendetwas nicht stimmte. „Ihr seht ja aus, als wäre der Himmel eingestürzt.“

„Ganz so schlimm ist es nicht“, entgegnete ihm seine Frau.

„Andererseits sind wir nicht so weit davon entfernt.“ Als die beiden nichts weiter dazu sagten, wurde er ungeduldig. „Möchte mir vielleicht endlich jemand sagen, was hier los ist?“ Es war seine Frau, die den Mut fand, ihm die Situation zu erklären. Horst, dem man nicht nachsagen konnte, dass er zu den Schnellsten gehörte, erst recht nicht was das Denken anging, stand mucksmäuschenstill da. Mit halboffenem Mund, betrachtete er die beiden, während er versucht war, die richtigen Worte zu finden, die auf solch eine Hiobsbotschaft passen würden. Schließlich gab er es auf. Es war noch nie seine Sache gewesen, einer Situation mittels Worte, die Schärfe zu nehmen. Stattdessen ging er zu den beiden hin, umfing seine beiden Frauen mit seinen immer noch kräftigen Armen und begann sie zu drücken.

Den Rest des Tages, inklusive dem gemeinsamen Mittagessen, hing ein Schatten über dem Haus. Fragen standen im Raum, Vermutungen, die beantwortet und besprochen werden wollten.

So sehr sich alle drei bemühten, der Neuigkeit nicht noch mehr Macht zu geben. Am Ende hatte diese sie, zumindest für diesen Tag besiegt. Ungewissheit, lag träge über allen, die sie fast zu erdrücken schien. Immer wieder sah einer der Dreien auf Simon, der sich manchmal meldete, um entweder gefüttert oder gehalten zu werden. Die Tatsache, dass Simons Kopf, immer wieder nach hinten glitt, fiel allen nun umso mehr auf. Es war Claudias Vater, der Claudia schließlich fragte.

„Weiß Martin davon“, fragte er seine Tochter. „Natürlich weiß er davon“, erwiderte sie auf die Frage ihres Vaters. „Er ist immerhin der Vater von Simon.“ „Und was sagt er dazu?“ Claudia begann die Fragerei, die ihrer Meinung nach völlig unnötig war, zu nerven. „Papa“, begann sie. „Was soll er schon dazu sagen?“ „Er ist genauso betroffen wie ich.“ Claudia zuckte mit den Schultern, hoffte, dass die Fragerei damit ein Ende haben würde. Der Tag begann für alle drei mühsam zu werden. Für Claudia, der das Berichten über die Neuigkeit, den letzten Rest an Energie aus dem Leib gezogen zu haben schien, als auch für ihre Eltern, weil sie, die sie Zeit ihres Lebens jede noch so große Schwierigkeit gemeistert hatten, nun vor einem Problem standen, dem sie nichts entgegen zu setzen hatten. Nun begann auch bei ihnen jenes Gefühl Einzug zu halten, dass einer Ohnmacht nicht unähnlich, Besitz von ihnen ergriff.

„Wenn das stimmt, was die Ärzte sagen ...“, setzte Claudias Mutter an. „Dann steht dir noch einiges bevor.“ Schon immer war sie eine Frau gewesen, die die Dinge lieber beim Namen nannte. Aufgewachsen und groß gezogen von einer Mutter, die selbst nichts davon hielt, um den heißen Brei herumzureden, hatte sie sich selbst angewöhnt, deren Beispiel zu folgen. „Alles ist besser, wie Unklarheit“, war einer ihrer Leitsprüche. Auch, so hoffte sie in diesem Augenblick, noch nichts Genaues, feststand.

Ihre Mutter sah sie an, suchte im Blick ihrer Tochter nach etwas, das ihr sagte, dass sie sich dessen bewusst war. „Ich weiß“, sagte Claudia.

„Wie ihr euch denken könnt, hab` ich mich in der Zwischenzeit im Internet informiert. Für den Fall, dass wirklich das eintritt, was die Ärzte für möglich halten!“ Der Gedanke daran, machte sie schwindelig und sie musste einen Moment lang innehalten, um tief Luft zu holten. „Sollte es wirklich so sein, wie die Ärzte vermuten, wird es mit der Zeit auch zu Veränderungen an den Gelenken kommen. Die Krämpfe werden schlimmer werden. Und das ist noch nicht alles“, sagte sie weiter. „Sollte es stimmen, dass Simon ..., Spastiker ist, wird er nie in der Lage sein stehen oder gehen zu können. Er wird im Rollstuhl landen!“

Claudias Mutter sah die Tränen in den Augen ihrer Tochter, noch bevor sie ihr über die Wangen liefen. Sie stand auf, ging um den Tisch herum und umarmte sie. „Wir werden das zusammen schon hinkriegen“, sagte sie aufmunternd zu ihrer Tochter, während sie ihr beruhigend über den Rücken strich.

Danach ging sie auch zu Simon, der ruhig und scheinbar zufrieden in seiner Tragetasche lag. „Und um dich werden wir uns ganz besonders gut kümmern“, sagte sie in leisem, fast flüsterndem Ton zu ihm. Ihr Vater saß auf seinem Stuhl sah zu Simon hin und begann seinen Kopf zu schütteln. „Da soll mir noch einmal einer mit einem liebenden Gott kommen“, sagte er vorwurfsvoll, ohne dabei den Blick himmelwärts zu richten. Er hatte schon vor Langem damit aufgehört, an jenen Gott zu glauben, den ihm die Kirche von früh an schmackhaft machen wollte. „Gott hat damit nichts zu tun“, entgegnete Claudia ihrem Vater. „Und wenn doch ...“, setzte sie an, um den in ihrem Kopf bereits beendeten Satz, dann doch nicht zu beenden.

Zwar gehörten ihre Eltern – ihr Vater am allerwenigsten

nicht zu jenen, die der Kirche all jene Geschichten abkauften, die diese so gerne geglaubt haben würde, doch den Satz, den Claudia nur gedanklich zu Ende geführt hatte, ließ sie dann doch unausgesprochen. Claudias Vater sah sie an und sagte dann: „Wie auch immer, wir sind eine Familie und wir stehen auch das noch durch.“ Damit stand er auf, ging zu Simon und drückte ihm einen Kuss auf beide Wangen.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte er zu ihm.

„Wir machen das schon, gell!“

Die ersten Jahre

Trotz aller Gebete, die sie sich angewöhnt hatte, im Stillen zu sprechen und entgegen jeder Hoffnung, die sie im Geheimen gehegt hatte, entwickelte sich der Gesundheitszustand Simons so, wie die Ärzte es vermutet hatten. Im Alter von 8 Monaten hatte Claudia die ersten

Versuche unternommen, Simon gerade in einen Sitz für Babys zu setzen. Als die ersten Versuche nicht den gewünschten Erfolg brachten, hieß sie sich ungeduldig und eine Närrin. Ihre Mutter und kurz darauf den Kinderarzt um Rat fragend, wurde ihr von beiden gesagt, dass Kinder zu unterschiedlichen Zeiten das alleinige Sitzen erlernen würden. Eine Meinung, die sie in den verschiedensten Büchern, wieder und wieder bestätigt fand. Als jedoch die Zeit vorangeschritten war und Simon auch zum Ende seines ersten Lebensjahres, nicht in der Lage war, aufrecht in seinem Kindersitz bleiben zu können, sah sie sich zunehmend mit der Wahrscheinlichkeit konfrontiert, dass die Vermutungen der Ärzte, grausame Wirklichkeit werden würden. Wieder und wieder setzte sie ihren Sohn in seinem Sitz auf, richtete seinen Rücken gerade – der bereits in diesem Alter eine Verformung aufzuweisen begann, brachte seinen Kopf in eine gerade Position, der kurz darauf wieder nach hinten an die Stuhllehne glitt. Nach dem ersten Lebensjahr, hatte sie unzählige Male versucht, ihn zum Gehen zu animieren. Eines um das andere Mal hatte sie ihn auf seine viel zu dünnen Beinchen gestellt, ihn an den ebenso viel zu dünnen Ärmchen gehalten, ihm gut zugeredet. Hielt ihn gleichzeitig am Kopf und am Rücken, wollte es ihm so ermöglichen jene ersten Schritte zu tun, auf die Mütter genauso stolz sind wie auf das erste „Mama-Sagen.“ Doch alles Bemühen – etwas das sie genauso viel Kraft kostete wie Simon auch – brachten nicht den Hauch eines Erfolges. Dr. Haslauer, so war sie mittlerweile dahintergekommen, gehörte zu jenen Ärzten die es nicht über das Herz brachten, ihr das letzte bisschen Zuversicht zu nehmen. Irgendwann, unfähig es sich durch ausgesprochene Worte einzugestehen, war ihr bewusst geworden, dass Simon niemals ein normales Leben führen würde. Die Arztbesuche, welche zahlreich geworden waren, endeten entweder mit einer Überweisung an einen weiteren Spezialisten, oder einer Empfehlung für diese oder jene Therapie. Derweilen verliefen die Monate in gewohnter Manier. Des Nachts wachte er alle zwei bis drei Stunden auf, um sie auf seine besondere Art zu rufen, weil er, wie Claudia schnell herausgefunden hatte, umgedreht werden wollte oder durstig war. Wenn er jedoch zu schreien begann, wusste sie, dass er, wo auch immer Schmerzen hatte. Endlos lange saß sie dann an seinem Bett um ihm gut zuzureden und ihm über die verhärteten Muskeln der Beine, Arme oder Schultern zu streichen, welche, egal wie viel Zeit auch verging, nicht zunahmen. Anfangs weinte sie stille Tränen, welche sie sich erst dann zu weinen getraute, wenn sie alleine war.

Etwas, dass sie ohnehin nur selten war.

Mit zwei Jahren - die Befürchtung das Simon Spastiker war, hatte sich längst bestätigt, war es nötig geworden, ihm einen eigens für seine Bedürfnisse angepassten Rollstuhl zu besorgen. Selbst Dr. Haslauer, jener Arzt der wie es ihr vorkam, kam nun nicht mehr umhin, das zu bestätigen, was zumindest für sie, feststand. Das Gehirn Simons, hatte bei der Geburt Schaden genommen. Vom zweiten bis zum fünften Lebensjahr verschlimmerten sich die Spastiken so sehr, dass sie gezwungen war, ihm relaxierende Medikamente zu verabreichen. Mitunter …, (das Bild ägyptischer Tänzerinnen kam ihr dabei in den Sinn), hatten sich die Armmuskeln Simons so weit verkürzt, sodass er diese meistens, ab dem Ellbogen aufwärts, nur in erhobener Art und Weise, die Händen nach außen gebogen, halten konnte. Dankbar darüber, dass diese es ihm und ihr erlaubten, dass er damit mehr wie nur zwei bzw. drei Stunden am Stück schlafen konnte. So sehr dies auch eine Erleichterung mit sich brachte, so war es auch eine Zeit, die es den kleinen Dämonen, die ihren Kopf als Spielplatz ansahen, ein Vergnügen, sie mit Fragen zu quälen. „Bin ich daran schuld? Hätte ich mich mehr anstrengen müssen?“

Fragen, die sie öfters bejahte denn verneinte. Sich

Vorwürfe machend, die sie nahe an die Grenze zur Selbstzerfleischung brachten, brachten den Gedanken in ihr hervor, es nicht verdient zu haben ein glückliches und gesundes Kind zu haben. Zwischendurch, in Zeiten, wo sie es leid war, sich selbst die Schuld zu geben, richtete sich ihr ganzer Zorn gegen einen Gott an den sie schon lange nicht mehr glaubte. Wenigstens, so fand sie heraus, schwächte dies die Wut die sie mit Vorliebe gegen sich selbst zu richten gewohnt war.

So wuchsen die Bedürfnisse Simons je älter er wurde, während ihre eigenen bis zur Unkenntlichkeit in den Hintergrund verschwanden. Bereits früh war ihr klar geworden, dass ihr Sohn, ihr eigenes Kind, nie (eine Tatsache, die sie sich selbst untersagt hatte als wahr anzusehen, selbstständig laufen, essen und trinken könnte. Ganz zu schweigen vom Benutzen der Toilette. War es für andere Eltern die größte Herausforderung die Kleider ihrer Kinder sauber zu halten, sie dazu anzuhalten das Gemüse auf ihrem Teller nicht als ihre persönlichen Feinde anzusehen und zu akzeptieren, dass Einsen und Zweien im Zeugnis ebenso eine Möglichkeit darstellten, so war es für Claudia, das ständige Wachsen mit den Aufgaben, die das Leben eines behinderten Kindes, mit sich brachte. Eine Aufgabe, die ihr alles abverlangte.

Irgendwann, war ihr klar geworden, dass sich in ihr ein Wandel vollzogen hatte. Ein Wandel, der ihr leichter gefallen war, als sie vermutet hatte und der sich so leise vollzogen hatte, dass es ihr wie von einem Tag auf den anderen vorkam. Hatte sie zu Beginn, als die Behinderung Simons mehr Vermutung, denn eine Tatsache war, an sich selbst gezweifelt, dass sie der Aufgabe jemals gewachsen sein würde, so wusste sie mit einem Mal, dass sie (von wem auch immer) alles zur Verfügung gestellt bekommen hatte, dass sie brauchen würde. Aus Verzweiflung war Zuversicht, aus beginnender Ohnmacht war Gewissheit geworden, die es ihr ermöglichten, den Umständen und Zuständen, mit einer liebevollen Selbstverständlichkeit zu begegnen, die sie nicht für möglich gehalten hatte. Bis zum Zeitpunkt, an dem sie diesen Wandel erfahren hatte, war sie abgemagert und mit tiefschwarzen Ringen unter den Augen (die sich auch mit dem besten Makeup nicht mehr vertuschen lassen wollten), dem Rest der Menschheit begegnet. Etwas, das sie mit annähernd ausreichendem Schlaf und einer mehr oder weniger gesunden Ernährung, einigermaßen wieder in den Griff bekam.

Anders als wie jene Änderung, die sich in ihrem Bekannten- und Freundeskreis vollzog. Hatte sie sich zu Anfang noch mit der Hoffnung getragen, auf Verständnis in diesen zu treffen, wurde ihr alsbald bewusst, dass sie mehr Bekannte wie Freunde hatte. Keiner in diesem Kreis, hätte es jemals gewagt, offen jene Ansichten zu äußern, die ihnen im Gesicht geschrieben standen. „Ein behindertes Kind! Und auch noch so missgestaltet! Was da wohl passiert ist? Was soll denn aus dem einmal werden? Ob sie wohl daran Schuld hat?“

Anfänglich enttäuscht, wie sich diese sogenannten Freundinnen verhielten – die Einladungen zu diesen wurden seltener bis gar nicht mehr ausgesprochen – hielt sie es bald mit dem Ausspruch ihrer Mutter: „Die Familie bekommst du mit, die Freunde kannst du dir aussuchen!“

Ohnehin ließen ihr, Simons Bedürfnisse, kaum Zeit, für solche Dinge, wie sich den neuesten Tratsch über dieses und jenes anzuhören. Erstaunt darüber, wieviel zusätzliche Qualität ihr Leben dadurch erhalten hatte, sich nicht mit dem Geschwafel unbefriedigter und gelangweilter Hausfrauen, abgeben zu müssen, sagte sie ihrem Sohn Dank dafür, dass er sie davor bewahrt hatte, so zu werden, wie jene Frauen, die sie als Freudinnen, bezeichnet hatte. Simon, von dem sie nicht wusste, wie viel er wirklich von dem verstand, was sie zu ihm sagte, schenkte ihr auch hierbei ein Lächeln. Es war einer jener Augenblicke, in der ihr eine der Tataschen bewusst geworden war, die sie, so sie dazu fähig gewesen wäre, aus ihrer beider Leben, entfernt hätte.

Simon würde nie in der Lage sein, auch nur einen Satz, kaum ein Wort so aussprechen können, wie es ein anderes Kind tat. Nie würde er in der Lage sein, aufzustehen, um nach draußen zu gehen, weil er das Verlangen danach hatte, mit anderen Kindern zu spielen. Niemals würde er ein Bild malen, dass sie sich dann auf den Kühlschrank kleben würde oder ein Lied singen, wofür sie ihm, ganz stolze Mutter, applaudieren würde. Eine Katze oder einen Hund streicheln können.

Nue würde er ihr direkt sagen können, wenn ihm etwas weh tat, ihm etwas ge -oder missfiel.

Immer wieder war sie versucht, jenen Gott den ihr die römisch-katholische Kirche, als alles und jeden liebenden Gott verkauft hatte, zum Teufel zu wünschen. Hätte dieser, der Teufel, sich auch darüber gefreut. Als jedoch der Verdacht in ihr aufkam, dass, wenn es den himmlischen Vater nicht geben würde, auch der Sohn keine Daseins-Wahrscheinlichkeit haben würde, sparte sie sich die Energie.

So wich ihre innere Unausgeglichenheit, welche nicht zuletzt deswegen entstanden war, dass sie – wenn auch nur zwischendurch - auf einen weißbärtigen Gott gehofft hatte, der partout nicht gewillt war, einen Finger zu rühren, der Gewissheit, dass es besser wäre, sich auf das zu verlassen, wozu sie selbst in der Lage war zu tun.

Nichtsdestotrotz verspürte sie in ihrem Inneren, dass sie nicht alleine war. Irgendetwas, so war sie sich sicher, gab es etwas zwischen Himmel und Erde (oder sonst wo), dass die Sache, wie sie das Leben manchmal nannte, zusammenhielt. Etwas, an das sie sich wenden konnte.

Gedanken, die sie für sich behielt. Es reichte ihr, sich dieses Gefühls zu erinnern.

Als es darum ging, Simon auf die Einschulung vorzubereiten, besuchte sie zwei infrage kommende Schulen für beeinträchtigte Kinder, wie der Amts Esel jene Kinder betitelte, die mit einer Behinderung geboren worden waren. Die nächste Herausforderung mit der sie sich konfrontiert sah. Mit Simon im Rollstuhl hatte sie sich auf den Weg gemacht, um beide zu besuchen. Das Gefühl, dass sie dabei beschlich, glich einer Hilflosigkeit, derer sie sich, kaum dass das Problem anstand, kaum entledigen konnte. „Wie soll das funktionieren“, fragte sie sich immerzu. „Was ist, wenn er einen Krampfanfall bekommt? Wer wird ihm die Beine massieren? Was ist, wenn ich gerade unterwegs bin und ich nicht schnell genug hier sein kann, um mich um ihn zu kümmern?“ Fragen, welche die Lehrerinnen bemüht waren zu beantworten. Doch so groß es deren Bemühen auch war, ihre Bedenken zu zerstreuen, blieb immer noch jenes Quantum Zweifel, dass sie zu Beginn fast verzweifeln ließ.

Schließlich hatte sie sich für jene Schule entschieden, die näher an ihrem Zuhause lag. Claudia, ganz stolze Mutter, brachte Simon am ersten Tag zur Schule. Nachdem sie ihn im Rollstuhl in die Klasse geschoben hatte, wobei sie ihren Abschied so lange wie nur eben möglich, hinausgezögert hatte, ging sie nach draußen zu ihrem Wagen und setzte sich hinein.

Zum ersten Mal seit sechs Jahren, würde sie von ihrem Sohn für eine so lange Zeit getrennt sein. Erst nachdem eine halbe Stunde vergangen war, und sie keinen Anruf der Schulleitung erhalten hatte, entschied sie sich, loszufahren.

Die ersten Tage vergingen, ohne dass etwas vorgefallen wäre. Doch dann, am Freitag der ersten Woche, kam der Anruf, vor dem sie sich so sehr gefürchtet hatte. „Frau Stahlheimer“, meldet sich die Direktorin, die sich offensichtlich um eine ruhige Stimme bemühte, am anderen Ende der Leitung. „Könnten sie bitte schnell kommen.“ Claudia war augenblicklich in Alarmstellung. „Es sieht so aus, als hätte Simon einen Krampfanfall gehabt. Es geht ihn mittlerweile wieder einigermaßen gut, aber ich denke, es wäre besser, wenn sie ihn abholen kommen.

„Ja, natürlich“, sagte Claudia. „Ich mache mich sofort auf den Weg.“ Kaum hatte Claudia das Telefonat beendet, hatte sie sich bereits ihre Jacke und ihren Schlüsselbund gegriffen und war auf dem Weg zu ihrem Auto. Es fiel ihr schwer, sich zu beruhigen, doch es half nichts. Es würde nichts bringen, wenn sie ihren Wagen, um einen der sechs Bäume wickeln würde, die irgendein Pseudo-Grüner, ausgerechnet am Rand jener Straße hingestellt hatte, die sie entlangfahren musste.

Nachdem sie ein paar Mal tief Luft geholt hatte, steckte sie den Zündschlüssel in das Zündschloss und drehte ihn um. Binnen einer viertel Stunde hatte sie - mehr als nur einmal hatte sie unterwegs das Tempolimit überschritten - die Schule erreicht.

Laufend legte sie die paar Meter zum Klassenzimmer zurück. Dort angekommen riss sie die Tür, ohne vorher angeklopft zu haben auf, und stürmte hinein. Hektisch blickte sie sich um, suchte Simon, den sie schließlich an einem der Fenster in seinem Rollstuhl sitzen sah. Ohne irgendjemand zu begrüßen ging sie zu ihm hin, beugte sich zu ihm hinunter, um ihm mit zittrigen Händen, über sein schweißnasses Gesicht zu streichen.

„Hallo mein Süßer“, sagte sie zu ihm.

Simon lächelte sie an.

„Es waren nur wenige Minuten“, hörte sie eine der Lehrerinnen sagen, die von hinten an sie herangetreten war. „Plötzlich hat er einen Krampf bekommen. So schnell konnten wir gar nicht bei ihm sein, da war er…, irgendwie weggetreten.“ Claudia die hörte, was die Lehrerin sagte, reagierte nicht darauf. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt Simon. Aus seinen blaugrauen Augen drang ihr ein Lächeln, ein zartes kaum wahrnehmbares Funkeln entgegen, kaum dass sie vor ihm hingekniet hatte. „Wollen wir nach Hause fahren“, fragte sie ihn.

Simon, noch immer schwach, ließ ein gezogenes leises „Jaaaa“, hören. Eines der beiden Worte die er zu sagen imstande war und das schönste „Jaaa“, dass sie seit Langem gehört hatte.

Von diesem Tag an war die Zeit, in der Simon in der Schule war, eine Zeit des nervösen Wartens. Viele Tage, manchmal Wochen passierte nichts. Bei jedem Läuten ihres Telefons fuhr sie zusammen. Darauf gefasst, dass es wieder die Schule war die anrief, um sie wissen zu lassen, dass es wieder ein Problem gegeben hatte.

Liebe mit Hindernissen

Claudia, die sich, nach der Trennung von ihrem Ex-Mann Martin, Simons Vater geschworen hatte, das Thema Mann sein zu lassen, bemerkte schnell, dass es eine Sache war einen Schwur zu leisten, eine andere diesen auch einzuhalten. Da half es auch nichts, sich einzureden, dass sie, eine alleinerziehende Mutter, ohnehin keine Zeit, geschweige denn das Verlangen haben würde, wieder eine Beziehung einzugehen. Dass sie der Ansicht war, dass sie als solche auf dem freien Beziehungsmarkt, so gut wie keine Chance haben würde. So beließ sie es bei diversen Geplänkeln, um ihren Hormonhaushalt, wenigstens einigermaßen im Gleichgewicht zu halten. Jedoch, so merkte sie bald, viel es ihr ausgesprochen schwer, dass ihr einziger Sexpartner, ihr der immerhin Attraktiven-und-nicht-auf-den-Kopf-Gefallenen, ein batteriebetriebenes Stück Kunststoff sein sollte. Abends, nachdem sie Simon zu Bett gebracht hatte, besah sie sich nach dem Duschen des Öfteren vor dem angelaufenen Badezimmerspiegel. Wobei sie immer wieder zum Entschluss kam, dass es eine Verschwendung wäre, das Ganze ungenützt dahinwelken zu lassen. Schließlich musste sie es zugeben, war dies nicht der einzige Grund vor dem sie sich insgeheim fürchtete. Nun, da sie sich im besten Alter befand, spürte sie, trotz aller Grenzen die sie sich selbst gesetzt hatte, den Wunsch, nicht alleine durchs Lebens gehen zu wollen.

Auch sie, als Frau, mit einschlägiger, nicht gerade positiver Beziehungslandschaft, verspürte zunehmend das Verlangen, jemanden an ihrer Seite zu haben, der nicht nur daran interessiert war, sie über das Bett zu scheuchen. Da ihre Möglichkeiten, sich nach potenziellen Kandidaten umzusehen, begrenzt waren, richtete sie, dem Internet sei Dank, ihr Augenmerk auf Online Dating Plattformen. Wissend, dass sie ihre Einstellung gegenüber Parship und Co ändern musste. Wozu sie sich, wenigstens teilweise, durchringen konnte. Nachdem sie das eine oder andere Abo abgeschlossen hatte – nur um aus diesen Abo-Fallen, wie sie sie betitelte, wieder auszutreten, fand sie eine, deren Hauptaufgabe nicht darin bestand, ihr das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wieder frohen Mutes, sah sie sich dabei bald mit der nächsten Hürde konfrontiert. Nämlich jener, dass sie lernen musste, die echten von den Fake-Profilen zu trennen. Eine Aufgabe, die sie mehr und mehr als unterhaltsam ansah. Spätestens, als der jeweilige potenzielle Kandidat - von dem sie anfangs dachte, zu mehr zu taugen, als nur eine Nacht zu überstehen - sich aus fadenscheinigen Gründen virtuell verabschiedete, war sie drauf und dran, das Handtuch zu werfen. Dabei war Ansturm an sogenannten, jedoch selbst ernannten Traummännern, überwältigend. Bereits in der ersten Woche bekam sie über 50 Zuschriften von allen möglichen Typen, die die Single Männerwelt hergab.

Darunter nicht wenige die keineswegs Single waren.

Welches die Auswahl drastisch reduzierte. Nach und nach mit Enttäuschungen zugepflastert, meldete sich ein Mann bei ihr, der entgegen den meisten anderen, einen auf sie vernünftigen Eindruck machte. Der, wie er von sich behauptete, Ende 40, gutaussehend, intelligent und berufstätig sei. Einer Selbstbeschreibung der sie, aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen, eher misstrauisch gegenüberstand. Nichtsdestotrotz, gewillt dem Prinzip Hoffnung noch eine letzte Chance einzuräumen, beschloss sie, es mit diesem zu versuchen. Leise zum Himmel betend, dass ihre Bemühungen nicht ganz umsonst sein würden. „Es muss doch einen geben, den man als normal bezeichnen kann. Der einen Job hat, statt einem Bierbauch und der mich nicht gleich beim ersten Treffen auf der Toilette vernaschen will“, stöhnte sie.

Die Überraschung ihres relativ kurzen Dating-Daseins, erlebte sie nachdem sie sich tatsächlich dazu entschlossen hatte, auf seine Kontaktaufnahme zu reagieren. Zum ersten Mal traf sie ihn in einem Café, in der nahe gelegenen Stadt Mistelbach. Sie war bereits eine gute viertel Stunde früher eingetroffen, und nippte an ihrem Café Latte herum. „Was bist du doch für eine dumme Kuh“, schimpfte sie mit sich selbst. „Selbst wenn der Typ überhaupt auftauchen wird, wird er aller Wahrscheinlichkeit nach, klein, fett, hässlich und Sozialhilfeempfänger sein.“ Noch ganz in diesen missmutigen Gedanken verfangen, hörte sie plötzlich eine Männerstimme, die sie ansprach. „Guten Morgen Claudia!“

Sie war gerade dabei gewesen einen Schluck von ihrem Kaffee zu nehmen und hätte sich fast verschluckt.

Schnell stellte sie ihr Glas ab, wischte sich einen Tropfen von ihrem Mundwinkel, um überrascht zu ihm hochzusehen. Sie war schon dabei aufzustehen, um ihn zu begrüßen, als er sagte: „Nein, nein, bleib bitte sitzen! Ich bin Markus. Ich glaube, wir sind verabredet“, wobei er ihr höflich die Hand zur Begrüßung hinhielt. „Ich hoffe, ich habe dich nicht warten lassen“, sagte er.

„Nein, nein, alles gut“, sagte sie nur kurz, während sie versuchte das nervöse Lächeln aus dem Gesicht zu bekommen, dass sie dort vermutete. „Der sieht gut aus“, sagte sie sich selbst, wobei sie hoffte, dass er ihre Gedanken nicht an ihren Augen ablesen konnte. „Ich freu` mich, dich kennenzulernen“, sagte Markus.

Das erste das Claudia auffiel war, neben der Tatsache, dass ihm seine online Fotos nicht gerecht wurden, sein charmantes Lächeln, und seine offensichtlich ruhige selbstsichere Art. Da stand er nun. Einer der potenziellen Kandidaten.

Wofür auch immer. Und dass was sie sah, gefiel ihr.

Er war, etwas das ihr ganz besonders gefiel, gute 1,80 Meter groß, schlank und machte auch im Casual Look eine gute Figur.

„Sportlich“, sagte sie sich selbst. Er trug seine Haare, die bereits ein wenig graumeliert waren, recht kurzgeschnitten. Seine Augen, die sie aus seinem gleichmäßig geschnittenen Gesicht ansahen, schienen Grün zu sein. Etwas worüber sie sich noch nicht ganz sicher war. Sie meinte, sich an das After Shave oder was immer es auch war, zu erinnern. Konnte es aber augenblicklich nicht einordnen und wusste, dass es sie den Rest des Tages verrückt machen würde. „Terre de Hermes, Davidoff Adventure“, überlegte sie.

„Auf jeden Fall kein billiges Parfum“, stellte sie mit Zufriedenheit fest. Etwas, dass sie an Männern partout nicht ausstehen konnte.

Fast wäre sie versucht ihn danach zu fragen ließ es dann aber. „Ein weiterer Pluspunkt. Check“, ging es ihr durch den Kopf.

„Und er kann sich ausdrücken. Check!“

„Ok“, dachte Claudia sich. „Wo ist der Haken?“ „Stimmt irgendwas nicht“, fragte er sie, mit einem jenem charmanten Lächeln, dass sie noch öfters in Verlegenheit bringen sollte.

Erst da bemerkte sie, dass sie ihn angestarrt hatte.

„Entschuldige bitte“, sagte Claudia.

„Schon gut“, erwiderte Markus. „Bin ich denn solch eine Überraschung“, wollte er mit einem warmen Lächeln von ihr wissen. „Nein“, sagte sie zuerst, um sich gleich darauf mit einem „Doch“, selbst zu widersprechen.

Claudia nahm aus reiner Verlegenheit heraus einen Schluck von dem mittlerweile kalten Kaffee und verzog unwillkürlich ihr Gesicht. Sie hatte das Gefühl, rot angelaufen zu sein.

Markus musste lachen. „Ich habe dich eigentlich nicht in Verlegenheit bringen wollen“, sagte er und lächelte sie an. Eine Kellnerin tauchte an ihrem Tisch auf.

„Was darf´s denn sein“, fragte sie, an Markus gewandt. „Ich hätte gerne einen großen schwarzen Kaffee“, sagte er zu der Kellnerin. Was hältst du von einem Kaffee, der weniger kalt aussieht“, fragte er Claudia. „Ja, bitte gerne“, erwiderte sie zur Kellnerin gewandt.

Diese notierte sich die Bestellung und ging davon. „Also, Claudia“, begann Markus. „Nachdem es mir schon mal gelungen ist, dich in Verlegenheit zu bringen …;“ Wieder zeigte er sein charmantes Lächeln, dass Claudia mehr gefiel, als sie es sich selbst eingestehen wollte. „Und um es mit der Regel … Ladies First … zu halten“; „Erzähl mir doch ein bisschen was von dir“, forderte er sie auf. Diese, fühlte sich ein wenig überrumpelt. Eigentlich war sie es gewesen, die diese Aufforderung als Erste aussprechen wollte. „Na ja, das Wesentliche weißt du ja schon“, sagte sie. Markus erkannte, dass es ihr schwerfiel den Anfang zu machen und kam ihr entgegen. „Du hast gesagt, du hast einen Sohn, stimmt`s“, fragte er sie. „Ja, stimmt. Den Simon.“

„Ja genau, Simon,“ wiederholte Markus kopfnickend.

„Du hast erwähnt, dass er im Rollstuhl sitzt, richtig?“ „Ja, das stimmt, leider“, bestätigte Claudia ihm. Beide bemerkten, dass die Unterhaltung, kaum dass sie begonnen hatte, holperig zu werden schien. Die Kellnerin kam mit der Bestellung zurück und stellte diese auf den Tisch. „Darf ich fragen, wie das gekommen ist“, fragte er Claudia, nahm dabei die Tasse hoch, um einen Schluck von seinem Kaffee zu nehmen. „Es hat eine Komplikation bei der Geburt gegeben“, setzte sie an. „Er hat für eine Zeit lang zu wenig Sauerstoff bekommen!“ Er sah sie an, erkannte das es ihr nicht leichtfiel, über das Thema zu reden. Claudia holte tief Luft, bevor sie weitererzählen konnte.

So schwer es ihr im ersten Moment fiel, über das Thema, vor allem mit einem ihr noch Fremden zu sprechen, spürte sie in ihrem Inneren, dass es ihr guttat. „Auf jeden Fall hat das gereicht, um einen Schaden an seinem Gehirn zu verursachen“, sagte sie. „Er ist Spastiker.“ Markus nickte. Sein Gesicht war ernster geworden. „Auf jeden Fall braucht er immer jemanden, wird immer jemanden brauchen, der sich um ihn kümmert“, fuhr Claudia fort, die Markus Gesicht genauer zu beobachten begann. „Ich kann mir vorstellen, dass das nicht immer so einfach ist“, sagte Markus nachdenklich. „Nicht so einfach, trifft es auf den Punkt“, bestätigte Claudia, kopfnickend.

Völlig überrascht, welche Richtung die Unterhaltung genommen hatte, fragte sie sich nach dem Warum. „Irgendwie hab‘ ich mir die Unterhaltung ein wenig anders vorgestellt“, sagte sie sich.

„Wenn wir schon beim Persönlichen angelangt sind“, begann Claudia, die nun ihrerseits darauf bedacht war, in die Offensive zu gehen. „Ich weiß ja nicht so genau, wonach du auf der Suche bist“; sagte sie, um den Ball an ihn abzugeben. Kaum, dass sie den Satz zu Ende gesprochen hatte, wurde ihr bewusst, wie direkt der Satz in seinen Ohren klingen musste. Zu direkt. „Ich meine, ich bin aus deinem Profil nicht so ganz schlau geworden!“ Markus spitzte die Lippen und lächelte. „Ich sehe, du gehst die Dinge gerne ebenso direkt an“, stellte er schmunzelnd fest. Nachdem er kurz die Augenbrauen hochgezogen hatte, etwas das seiner Stirn zu ein paar Falten verhalf, die ihm außerordentlich gut standen, wie Claudia fand, sagte er zu ihr: „Wonach ich suche ...“, wiederholte er die Frage. „Na ja“, begann er zögerlich. „Im Grunde genommen, bin ich nicht wirklich auf der Suche, nach dem was man „One-Night-Stands“, nennt. Jedenfalls hoffe ich, dass die mein Profil nicht den Eindruck vermittelt hat.“ Claudia sah ihm direkt in die Augen, so als wolle sie herausfinden, ob das was er gesagt hatte, der Wahrheit entsprach oder einfach nur eine Masche war. Langsam wurde ihr die Pause zu lang. Schließlich sagte sie: „Gut, dann sind wir schon mal Zwei!“ Wieder erschien dieses warme Lächeln auf seinem Gesicht, von dem sie nicht wusste, wie sie darauf reagieren sollte. „Wenn du mich noch einmal so anlächelst, schlepp` ich dich heute noch ab“, dachte sie sich. „Versteh` mich bitte nicht falsch“, setzte Markus an, wobei er, wie um Verständnis bittend, seine Hände hob. „Ich glaube, aus deinem Profil herausgelesen zu haben, dass du erst einmal schauen willst, wie und ob sich … etwas, entwickeln kann.“

Claudia hatte noch einmal einen Verlegenheitsschluck von ihrem Kaffee genommen.

„Na ja“, begann Claudia. „Ich geh` die Sache lieber langsam an“, hörte Claudia sich sagen.

„Gebranntes Kind“, fragte Markus sie.

Sie war sich nicht sicher, ob ihr die Frage etwas zu persönlich war, wischte aber den Eindruck so schnell beiseite, wie er gekommen war. War sie es doch gewesen, die damit begonnen hatte. „Das sind wir doch alle. Auf die eine oder andere Weise“, setzte sie schnell hinzu.

„Das stimmt wohl“, bestätigte Markus ihr. „Auf jeden Fall“, begann Claudia; „… hat man es als alleinerziehende Mutter, auf dem Single-Markt nicht so einfach, wie du dir sicher vorstellen kannst. Erst recht nicht, mit einem Kind, dass…, beeinträchtigt ist“, fügte sie hinzu. Markus nickte und sagte: „Das kann ich mir gut vorstellen.“ „Du möchtest aber deswegen nicht auf einen Partner verzichten“, vermutete Markus. „Deswegen bist du auch auf dieser Partnerwebseite.“

„Stimmt“, erwiderte Claudia.

„So sehr Simon mich auch braucht. So viel Zeit und Energie ich auch aufwenden muss. Es fehlt mir einfach ..., etwas. Ganz einfach“, fügte sie zum Abschluss hinzu. „Warum erzählst du ihm das alles“, wunderte sie sich selbst. Sie wusste, dass sie den letzten Satz stotternd von sich gegeben hatte und ihr war unwohl dabei. Gerade ihm gegenüber. Diesem charmant-lächelnden, gutaussehenden Typen, der sich so gekonnt auszudrücken wusste.

Wenigstens hatte sie ihm reinen Wein eingeschenkt.

Markus sah sie an.

Zu lange, wie es Claudia schien.

Um die Stille zu unterbrechen, sagte sie: „Wenn du also auf der Suche nach einer harmonisch-unproblematischen Beziehung bist“, setzte sie an. „Die wird es so nicht geben. Zumindest nicht so wie es in einer normalen Familie der Fall ist.

„Zeig mir mal eine normale Familie oder eine, in der es keine Probleme, gibt“, forderte Markus, sie mit einem Lächeln auf. Die Antwort gefiel ihr. Es war genau jene, die sie sich erhofft hatte. Auch auf ihrem Gesicht war nun ein Lächeln erschienen.

Eines, dass er gerne sehen konnte.

„Na ja, da hast du sicher recht“, bestätigte sie ihm. „Aber trotzdem, das Leben mit einem behinderten Kind ist schon etwas ganz anderes! Simon ist trotz seiner Behinderung ein sehr aufgeweckter Junge“, fuhr sie fort. Sehr sensibel und intelligent. Auf jeden Fall nimmt er das meiste meiner Zeit in Anspruch …, und die meiste Energie“, gestand sie, lächelnd.

„Hörst du wohl auf, so blöd nervös zu sein“, schimpfte sie in Gedanken mit sich selbst. „Was machst du da eigentlich? Willst du den Kerl absichtlich vertreiben?“ Sie beschloss solange den Mund zu halten, bis er wieder etwas von sich geben würde. Dieser aber saß da, seine Tasse in der Hand und sah sie konzentriert an.

Das Interesse und das Verständnis, dass er ohne Worte auszudrücken verstand, schien aufrichtig zu sein, wie sie zu erkennen glaubte. „Ich kann mir, glaube ich, gar nicht wirklich vorstellen, wie es wirklich ist“, gestand er ihr. „Ich meine, ich habe noch keine Erfahrung damit machen können.“ Halb fürchtete sie sich vor dem Entschluss, von dem sie dachte, dass er ihn fällen würde. Umso mehr überraschte sie sein Vorschlag. „Warum lässt du mich Simon nicht einfach kennenlernen“, fragte er sie. Claudia sah ihn mit offensichtlich überraschtem Blick an, welches er natürlich umgehend registrierte. „Was sagst du dazu“, setzte er nach.

Die Frage hatte sie wachgerüttelt. „Äh nun...,“ meinte sie. „Das kommt etwas plötzlich“, gestand sie ihm. „Wir machen es einfach so …“, begann Markus vorzuschlagen. „Du unterhältst dich mit Simon, ob und wann es euch passen würde und ihr lasst mich wissen, wie ihr entschieden habt. Was hältst du davon?“

„Äh, ja. Klar. Warum nicht“, stotterte sie vor sich hin. Am liebsten hätte sie sich über den Tisch gelehnt, diesen seltsamen Mann mit dem warmen Lächeln geschnappt um ihm einen Kuss zu geben. Zumindest auf die Wange! „Gut“, sagte Claudia schließlich. „Ich werde mich heute mit Simon darüber unterhalten und ich lass dich dann wissen, wie, was und wann.“

„Das klingt wunderbar“, sagte Markus und trank den letzten Schluck seines Kaffees. Ihm fiel auf, dass auch Claudia nur mehr einen kleinen Schluck ihres, wie er sich denken konnte, lauwarmen Latte im Glas hatte, und fragte sie: „Magst du noch etwas?“ Claudia sah auf ihr Glas, dachte kurz nach und sagte dann: „Ja, gerne, ich hätte gerne einen Tee.“ Markus rief die Kellnerin mit einem Winken seiner Hand herbei und bestellte für Claudia und sich.

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9783753188737
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