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Helmut Fischer

Einheit der Kirche?

Zum Kirchenverständnis der großen Konfessionen

Theologischer Verlag Zürich

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.

Umschlaggestaltung

Simone Ackermann, Zürich, unter Verwendung von Sigisbert (Gijs) Chrétien Bosch Reitz (1860–1938): »St. Johanniskirche in Laren«, 1893 (Kirchgänger vor der St. Johanniskirche); Öl auf Leinwand, 89 x 129 cm; Singer Museum; Foto: akg-images

Bibelzitate nach: Zürcher Bibel 2007

ISBN 978-3-290-17550-4 (Buch)

ISBN 978-3-290-17679-2 (Epub)

|XX| Seitenzahlen des Epubs verweisen auf die gedruckte Ausgabe.

© 2010 Theologischer Verlag Zürich

www.tvz-verlag.ch

Alle Rechte vorbehalten

Inhaltsverzeichnis

Hinführung zum Thema

1 Was uns die Namen der Kirchen sagen

1.1 Was bedeutet »katholisch«?

1.2 Was bedeutet »orthodox«?

1.3 Was bedeutet »protestantisch«?

1.4 Der Bedeutungswandel von »katholisch«

2 Die Anfänge von Kirche

2.1 Der Ursprung des griechischen Wortes ekklesía (Kirche)

2.2 Die Anfänge von Gemeinde und Kirche

2.3 Der Umbruch um die Jahrhundertwende

3 Die Kirche heute

3.1 Das byzantinische Modell der Orthodoxie

3.2 Das westliche Modell des römischen Katholizismus

3.3 Das Modell des Protestantismus

4 Das Gewicht der Heiligen Schrift für das Verständnis von Kirche

4.1 Die Berufung auf Christus und auf die Heilige Schrift

4.2 Der Kanon der Heiligen Schriften

4.3 Das Schriftverständnis der Orthodoxie

4.4 Das Schriftverständnis der römisch-katholischen Kirche

4.5 Das Schriftverständnis des Protestantismus

5 Der Ursprung von Kirche

5.1 Unterschiedliche Begründungen

5.2 Das römisch-katholische Dogma zum Ursprung der Kirche

5.3 Die biblischen Aussagen

5.4 Die Orthodoxie zum Ursprung von Kirche

5.5 Das protestantische Verständnis des Ursprungs von Kirche

6 Die Ämter der Kirche

6.1 Vom Charisma zum Amt

6.2 Die Ausbildung einer Ämterordnung

6.3 Das Amt wird für Kirchesein unentbehrlich

6.4 Das Amt wird im lateinischen Westen weiter ausgebaut

6.5 Der Papst, die Vollendung der Hierarchie

6.6. Der Ausbau des Papsttums im Westen

6.7 Nachwirkungen des absolutistischen Papsttums

6.8 Das protestantische Amtsverständnis

7 Die Grundstrukturen der Kirchen

7.1 Das ostkirchliche orthodoxe Modell

7.2 Das westkirchliche römisch-katholische Modell

7.3 Das protestantische Modell

8 Vielfalt und Einheit der Kirchen

8.1 Einheit in der Geschichte

8.2 Der Gedanke der Ökumene

8.3 Das Hauptproblem der Einheitsdebatte

9 Einheit und Ökumene in den Konfessionen

9.1 Die Orthodoxie

9.2 Der römische Katholizismus

9.3 Der Protestantismus

9.4 Einheit der Kirche?

Zitierte Literatur

Glossar

|7| Hinführung zum Thema

Viele engagierte Christen wünschen, ja fordern die Einheit der Kirche. Sie nennen dafür gute Gründe:

 Die Christusbotschaft verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie von verschiedenen Konfessionen auf verschiedene Weise verkündet wird, von einigen sogar mit dem Anspruch, dass nur bei ihnen die reine Wahrheit zu finden sei.

 Konfessionell gemischte Ehen und Familien werden in die Konkurrenzkämpfe ihrer Kirchen verwickelt und können noch nicht einmal gemeinsam das Abendmahl feiern, das Symbol der Gemeinschaft.

 Kirchen, die in der Öffentlichkeit nicht mit einer gemeinsamen Stimme sprechen, werden nicht mehr gehört.

 Der einstimmige Ruf nach kirchlicher Einheit löst sich in ein dissonantes Stimmengewirr auf, sobald gefragt wird:

 Was ist denn Kirche überhaupt?

 Wie soll die Einheit von Kirche aussehen?

 Welche Schritte zu dieser Einheit wären von allen zu tun?

 Was Kirche ist, glauben alle zu wissen, aber alle eben auf ihre Weise. Damit ist bereits das Problem umrissen, mit dem jedes Gespräch über Kirche konfrontiert ist. Alle reden von Kirche so, wie sie sie selbst erfahren haben.

Das ist bei Katholiken, Orthodoxen und Protestanten unterschiedlich. Die subjektiven Verständnisse von Kirche stimmen freilich nur zum geringen Teil mit dem Selbstverständnis jener Kirchen, für oder gegen die gestritten wird.

Gespräche, in denen man sich gegenseitig die Gemeinsamkeiten bestätigt tun gewiss der ökumenischen Zusammenarbeit auf Ortsebene gut. Aber die Einheit der Kirche wird ja nicht durch die Gemeinsamkeiten verhindert, sondern durch die Differenzen. Deshalb müssen sich ernsthafte Bemühungen um die Einheit der Kirche auf die Differenzen richten, die bereits in den Selbstverständnissen der Konfessionen angelegt |8| sind. Dazu ist es nötig, das Selbstverständnis sowohl der eigenen als auch der anderen Konfessionen in ihren Grundstrukturen zu kennen.

Von kirchlicher Einheit lässt sich sinnvoll nur reden, wenn man sich dessen bewusst ist, welche Kirchenverständnisse und Kirchenstrukturen zur Einheit zusammengeführt werden sollen.

Was Einheit sein und wie sie verwirklicht werden könnte, das kann nur aus der Logik der jeweiligen kirchlichen Selbstverständnisse erhoben werden. Einheitswünsche und Einheitsforderungen, die jenseits dessen bleiben, wie Kirchen sich selbst und wie sie mögliche Einheit verstehen, bleiben illusionär und haben keine Chance, gehört zu werden. Wenn ökumenische Gespräche nicht Unterhaltungsveranstaltungen bleiben sollen, dann kommen die Gesprächsteilnehmer nicht umhin, sich mit den konfessionellen Gegebenheiten und Perspektiven zum Thema Einheit realistisch auseinanderzusetzen. Für diese geistige Auseinandersetzung versucht dieses Buch die erforderliche Informationsbasis bereitzustellen und einige Hilfen zu geben.

Eine standortlose Perspektive, aus der sich Kirchen objektiv wahrnehmen und beschreiben ließen, gibt es nicht. In jede Aussage über Kirche geht die Perspektive des Autors mit ein. Der Verfasser dieses Textes ist in der protestantischen Kirche beheimatet, aber darin nicht gefangen. Ich bemühe mich darum, die Selbstverständnisse der Kirchen aus deren offiziellen Dokumenten zu entfalten. Die selbstkritischen Gedanken zu meiner Kirche formuliere ich selbst. Die Selbstkritik innerhalb der orthodoxen und römisch-katholischen Kirche lasse ich durch Stimmen aus diesen Kirchen zu Wort kommen.

Der Charakter des Buchs

Das Buch ist für Leser/-innen und für Gesprächskreise verfasst, die elementare Informationen zum Thema »Kirche« |9| und »Einheit der Kirche« suchen. Für die Vielfalt der Zugangsmotive wurde ein offenes Konzept gewählt, in dem sich jeder mit seinen Fragen und Interessen seinen eigenen Leseweg suchen kann. Das Buch ist zwar systematisch aufgebaut, aber doch so angelegt, dass man nach persönlichen Interessen an jeder Stelle »einsteigen« kann. Die einzelnen Kapitel sind so ausformuliert, dass sie in sich selbst verständlich sind und nicht die gesamte Lektüre des zuvor Dargelegten voraussetzen. Zudem sind Verweise auf Ergänzendes eingefügt. Die systematisch Lesenden werden mit Rücksicht auf die Lesegewohnheiten anderer dem Verfasser hoffentlich die Wiederholungen nachsehen, dort, wo sie sie stören.

Der Text beschreibt nicht nur den »Ist-Zustand« der konfessionellen Kirchenverständnisse, sondern zeigt, wie und weshalb das Gewordene so geworden ist, wie es gegenwärtig ist und wo die entscheidenden Weichen dafür gestellt wurden. Er beschränkt sich dabei bewusst auf jene wesentlichen Elemente und Grundstrukturen, die die Leser/-innen kennen müssen, um sich ein eigenes Urteil über die Möglichkeiten und Chancen einer kirchlichen Einheit zu bilden und am Gespräch über die Einheit der Kirche produktiv teilnehmen zu können.

|10| 1 Was uns die Namen der Kirchen sagen
1.1 Was bedeutet »katholisch«?

Seit dem 4. Jahrhundert bekennen alle Christen die »eine heilige katholische und apostolische Kirche«. In diesem Bekenntnis definiert sich die Glaubensgemeinschaft der Christen. Die genannten vier Charakteristika (eine; heilige; katholische; apostolische) sind allesamt erklärungsbedürftig. Sie werden in unterschiedlichen Zusammenhängen zur Sprache kommen. Hier soll zunächst nur auf die mehrdeutige Bezeichnung »katholisch« eingegangen werden.

Unser deutsches Wort »katholisch« ist von gr. katholikós abgeleitet und bedeutet »allgemein«. Seit etwa 100 wurde »katholisch« im Sinn von »allgemein« auf die christliche Kirche bezogen. Während der Auseinandersetzungen mit häretischen Strömungen im 3. Jahrhundert nahm »katholisch« die Bedeutung von »rechtgläubig« an. Das Religionsedikt von 380 (Theodosius I.) erhob das Christentum unter der Bezeichnung ecclésia catholika zur alleinberechtigten Reichsreligion. Der Kirchenvater Augustinus († 430) verstand »katholisch« als »umfassend«, »rechtgläubig«, »über die ganze Erde verbreitet« und »immer, überall und von allen geglaubt«. Diese ungeteilt umfassende Kirche zerbrach freilich. Papst Nikolaus I. von Rom (863) und Photius, der Patriarch von Konstantinopel (867) belegten einander mit Bannflüchen und exkommunizierten die Gegenseite. 1054 trennten sich Ost- und Westkirche definitiv voneinander. Beide Kirchen reklamierten fortan für sich, den einen allumfassenden und rechten apostolischen Glauben zu besitzen und zu bewahren und allein im ursprünglichen Sinn »katholisch« zu sein.

Seit dem 12. Jahrhundert wurde in Rom »katholisch« immer eindeutiger mit »römisch« gleichgesetzt. Im gegenreformatorischen |11| Konzil von Trient von 1545–1563 hat sich die inzwischen rom- und papstzentrierte Kirche des Westens als die »heilige katholische apostolische und römische Kirche« definiert. Im Widerspruch zu ihrem Selbstverständnis, die eine wahre Kirche zu sein, nahm sie aber mit der zusätzlichen Bezeichnung »römisch« den Charakter einer von nun zwei christlichen Konfessionen an, ohne freilich ihren Absolutheitsanspruch aufzugeben. Im Lehrbekenntnis von Trient wurden alle Amtsträger auf die »Heilige Römische Kirche« verpflichtet. Der vom Trienter Konzil angeregte Katechismus wurde mit Bedacht »Römischer Katechismus« genannt. 1568 wurde das »Römische Brevier« und 1570 das »Römische Messbuch« veröffentlicht. Der Begriff »katholisch« wurde damit auf den Traditionsstrang Roms verengt, aber zugleich mit der Fülle und Ganzheit der christlichen Tradition gleichgesetzt.

1.2 Was bedeutet »orthodox«?

In unserer Alltagssprache gilt als »orthodox« derjenige, der an alten Lehrmeinungen starr festhält. In diesem Sinne kann auch zum Beispiel von einem orthodoxen Marxisten gesprochen werden. Die orthodoxe Kirche sieht sich mit diesem Wortverständnis nicht zutreffend charakterisiert.

Das griechische Wort orthodox ist aus zwei Wörtern zusammengesetzt. Das erste Wortelement, orthós, bedeutet »recht/ richtig«. Wir kennen diese Bedeutung z. B. aus dem Begriff »Orthographie/Rechtschreibung«. Das zweite Wortelement, dox, hat zwei unterschiedliche Wurzeln. Es findet sich zum einen in dem griechischen Wort dokein mit der Bedeutung von »meinen/glauben«. Die andere Wurzel liegt in dem griechischen Wort doxázein, »lobpreisen«.

Die orthodoxen Kirchen sehen sich als in allen genannten Wortdeutungen beschrieben. Mit »orthodox« als Selbstdefinition bringen sie zum Ausdruck, dass sie sich als die Kirchen |12| verstehen, die das urchristliche, apostolische und frühchristliche Erbe der Kirchenväter samt den sieben ökumenischen Konzilien unverfälscht bewahrt haben, und zwar im Unterschied zur Kirche des Westens, die aus ihrer Sicht davon abgewichen ist. So ist mit »Orthodoxie« die Kirche der rechten Glaubenslehre gemeint. Aber nach orthodoxem Selbstverständnis ist die Kirche nicht auf rechten Lehren und zeitlosen Dogmen gegründet. Der orthodoxe Theologe N. Thon formuliert zugespitzt: »Die orthodoxe Theologie hat … keine Tradition (im Sinne von Glaubenslehren), sie lebt die Tradition« (Thon, 921) Der orthodoxe Theologe G. Larentzakis verdeutlicht, dass sich seine Kirche »zunächst als Kirche der rechten Lobpreisung des dreieinigen Gottes« (Larentzakis, 15) versteht. Die rechte Lehre erwächst aus der rechten Lobpreisung. Orthodoxe Kirche ist nicht primär lehrende und belehrende Institution, sondern eine Gott preisende und betende Gemeinschaft. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie sich als »katholisch« im ursprünglichen Sinn versteht. In der heutigen Umgangssprache wird »orthodox« aber selbst von orthodoxen Christen nur selten in diesem inhaltlichen Sinn, sondern durchweg als Konfessionsbezeichnung verstanden.

1.3 Was bedeutet »protestantisch«?

Die Reformatoren wollten nicht eine neue Kirche, sondern Reformen in ihrer katholischen Kirche. Insofern stand eine Selbstbezeichnung für sie zunächst gar nicht an. Die Bezeichnung »Protestanten« kam von den Gegnern der reformatorischen Bewegung, die damit auf die »Protestation« der evangelischen Reichsstände beim 2. Reichstag von Speyer 1529 anspielten. Die reformatorische Bewegung charakterisierte sich selbst als »evangelisch« und meinte damit »dem Evangelium gemäß«. In der Umgangssprache gilt »evangelisch« heute |13| als Sammelbegriff für die lutherischen, reformierten und unierten Kirchen.

Mit dem Wort »protestantisch« verbindet man heute oft die Vorstellung von Protest und Widerspruch. Die reformatorische Bewegung bezog ihre Schubkraft aber nicht aus dem Widerspruch. Darauf weist der Wortsinn sehr deutlich hin. Das Wort »Protestant« ist aus den lateinischen Worten pro und testari entwickelt worden. Das Verb testari bedeutet »bezeugen/Zeuge sein«. Und pro bedeutet »für«. Ein christlicher protestans (Protestierender) ist demnach einer, der sein Zeugnis für Christus auch öffentlich zum Ausdruck bringt und der dort seinen Einspruch und Widerspruch äußert, wo nach seinem Verständnis das Christuszeugnis, wie es uns in den neutestamentlichen Schriften vorliegt, verdunkelt, verfremdet oder durch fremde Elemente ersetzt wird. Der Impuls des Protestantischen kommt bis heute also nicht aus dem Protest gegen etwas oder gegen jemanden, sondern aus der Verpflichtung, in Glaubensfragen dem Zeugnis der Schrift Vorrang zu geben. Das kommt in der missverstehbaren Kurzformel sola scriptura (allein die Schrift) zum Ausdruck, worauf noch näher einzugehen sein wird.

Luther, Calvin und die anderen Reformatoren haben ihren Glauben selbstverständlich als fides catholica, als katholischen Glauben im frühchristlichen Wortsinn verstanden und die heutigen Protestanten tun das auch. Die Bekenntnisschriften der lutherischen und reformierten Kirchen definieren sich bewusst als »katholische Bekenntnisse«, als Bekenntnisse zu der einen allgemeinen christlichen Kirche, in die die Christusgläubigen jenseits aller Konfessionsgrenzen als Gemeinschaft eingebunden sind. Es sei freilich auch gesagt, dass römische Katholiken ihren Glauben ebenfalls in der biblischen Botschaft begründet sehen und sich insofern als »evangelisch« verstehen.

|14| 1.4 Der Bedeutungswandel von »katholisch«

Das Wort »katholisch« ist im theologischen Selbstverständnis aller christlichen Konfessionen in seinem ursprünglichen Sinn fest verankert. In der Umgangssprache hat es diesen ursprünglichen Sinn weitgehend verloren und ist zur gängigen Konfessionsbezeichnung der römisch-katholischen Kirche geworden. Diese Reduktion wird von der römisch-katholischen Obrigkeit gefördert. Selbst in offiziellen Verlautbarungen der römisch-katholischen Kirche im deutschsprachigen Raum fällt das »römisch« oft weg und wird nur von der »katholischen Kirche«, vom »katholischen Katechismus«, von der »katholischen Erwachsenenbildung gesprochen«. Oft wird sogar auch die Bezeichnung »katholisch« weggelassen und nur von »der Kirche« oder von der »Deutschen Bischofskonferenz« gesprochen und geschrieben, so, als gäbe es nur die eine Kirche und nur römisch-katholische Bischöfe. Die romfreundliche Presse bezeichnet den römischen Papst als »das Oberhaupt der Christen« Diese Verkürzungen bringen das Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche allerdings sehr wirkungsvoll zum Ausdruck, die sich ja tatsächlich als die christliche Konfession versteht, in der allein die Fülle der christlichen Wahrheit verwirklicht ist.

Die Tendenz, das Wort »katholisch« exklusiv für die römisch-katholische Kirche zu reklamieren, kommt auch in der deutschsprachigen Fassung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses zum Ausdruck. Einer Kommission von Vertretern der römisch-katholischen, der protestantischen und der altkatholischen Kirchen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz war es 1970 gelungen, eine gemeinsame deutschsprachige Fassung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses zu erstellen. Lediglich bei dem Wort catholica war eine Einigung nicht möglich. Die protestantischen Kirchen hielten es für nötig, das Wort »katholisch« wegen seiner konfessionellen Engführung |15| im gegenwärtigen Sprachbewusstsein mit »christlich« zu übersetzen, um so die allen Konfessionen übergeordnete christliche Glaubensgemeinschaft im Blick und im Bewusstsein zu halten, die alle altchristlichen Bekenntnisse meinen.

Die römisch-katholischen Vertreter bestanden darauf, das Wort »catholica« unübersetzt beizubehalten. So bekennen römisch-katholische Christen ihren Glauben mit den Worten: »Ich glaube die heilige katholische Kirche«. Sie meinen in ihrer Mehrzahl ganz unbefangen mit »katholisch« die römisch-katholische Kirche, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass sie sich damit aus der alle Christen umfassenden Glaubensgemeinschaft ausgliedern. Diese volkstümliche Gleichsetzung von »katholisch« mit »römisch-katholisch« ist von römischer Seite deshalb gern gesehen, weil sie dem theologischen Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche entspricht, die einzige Kirche zu sein, in der die allumfassende Einheit der Glaubenden bereits voll verwirklicht ist. Das ökumenische Bekenntnis ist dabei zwar sprachlich gewahrt, aber inhaltlich in exklusiv römischer Weise neu definiert.

|16| 2 Die Anfänge von Kirche

Die Geschichte der Kirche, das Verständnis ihres Wesens und ihrer Funktionen, entwickelten sich nicht aus einem einheitlichen Konzept, sondern entfaltete sich aus vielfältigen Ansätzen. Dieser historische Tatbestand weist bereits auf jenes Spannungsfeld hin, das wir seit einem Jahrhundert als das Problem von Einheit und Vielfalt der Christenheit diskutieren und in dem Begriff »Ökumene« bündeln. Von der lange gehegten Vorstellung, dass am Beginn eine einheitliche Kirche existiert habe, die erst später in mehrere Teile auseinanderbrochen sei, müssen wir uns verabschieden.

2.1 Der Ursprung des griechischen Wortes ekklesía (Kirche)

Was drückt sich in der Selbstbezeichnung ekklesía aus, mit der die Urgemeinde in Jerusalem ihre Gemeinschaft charakterisierte? Die älteste schriftliche Erwähnung finden wir in einer biographischen Notiz des Apostels Paulus in seinem Brief an die Galater, geschrieben 52/53: »Unerbittlich verfolgte ich die ekklesía Gottes und suchte sie zu vernichten« (Gal 1,13).

Ekklesía bedeutet im profanen Griechisch »Volksversammlung«. Bezogen auf die Gemeinde deutet das auf eine überschaubare Versammlung hin, die inhaltlich durch eine besondere Beziehung zu Gott charakterisiert ist. So wird man sich unter ekklesía nicht eine Kirche im Sinne einer Großorganisation vorzustellen haben, sondern eine konkrete örtliche Gemeinde, in der sich Christen versammelten, sei es in Jerusalem oder an anderen Orten.

Unser deutsches Wort »Gemeinde« hält den Charakter der konkreten örtlichen Versammlung fest. Das deutsche Wort »Kirche« ist wohl von dem griechischen kyriakós (zum |17| Herrn gehörig) abgeleitet und charakterisiert die Gruppe, die sich um ihren Mittelpunkt, den Herrn, versammelt. Das gilt entsprechend auch für die späteren Versammlungsgebäude derer, die sich als »zum Herrn gehörig« verstehen.

2.2 Die Anfänge von Gemeinde und Kirche
2.2.1 Der historische Jesus und Kirche

Gemeinde im Sinne einer Versammlung derer, die aus dem Geist Jesu leben, gibt es erst nach Ostern. Es überrascht daher nicht, dass der Begriff ekklesía in der Jesusüberlieferung der Evangelien nicht auftaucht. Die beiden Stellen in Mt 16,18 und 18,17, an denen von ekklesía die Rede ist, gelten in der bibelwissenschaftlichen Forschung seit langem als späte sekundäre Bildungen der palästinensischen Gemeinde. Das Markus- und das Lukasevangelium kennen diese Texte nicht, und auch im Johannesevangelium kommt der Begriff ekklesía nicht vor. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass Jesus die Absicht hatte, eine Kirche zu gründen, oder das gar getan hätte. Ob und inwiefern eine Kirche aus dem Wirken des irdischen Jesus notwendig hervorging, wird an anderer Stelle zu erörtern sein.

2.2.2 Die Urgemeinde

Historisch kann als gesichert gelten, dass sich schon sehr bald nach dem gewaltsamen Tod Jesu im Jahr 30 christliche Gemeinden bildeten. Eine Schlüsselstellung nahm in der Anfangszeit die Urgemeinde in Jerusalem ein. Hier in Jerusalem, der Mitte und dem Heilsort Israels, hatten sich die maßgeblichen Persönlichkeiten des Jüngerkreises Jesu versammelt, zu denen Petrus mit dem »Kreis der Zwölf« gehörten. Sie waren überzeugt, dass mit der Auferstehung Jesu von den Toten die von Jesus verkündigte Endzeit angebrochen sei. Sie wussten Jesus in ihrer Mitte gegenwärtig und verstanden sich als der |18| Kern des erneuerten Gottesvolkes. Sie nannten sich »die Heiligen«, »das heilige Volk«, »die Auserwählten«, »das auserwählte Geschlecht« und »die königliche Priesterschar«. In der Gewissheit der Gegenwart Christi wussten sie sich zur Predigt und zum Handeln in seinem Namen ermächtigt und stark gemacht.

2.2.3 Erste heidenchristliche Gemeinden

Zur Jerusalemer Urgemeinde gehörten nicht nur Juden. Auch Männer, die aus hellenistischen Kreisen der jüdischen Diaspora stammten, hielten sich zur Urgemeinde. Ihr Sprecher war Stephanus. Hellenistische Judenchristen darf man sich auch als die ersten Missionare vorstellen, die außerhalb Jerusalems Gemeinden um sich sammelten. Das geschah ohne jede zentrale Organisation, rein aus dem Impuls heraus, die von Jesus verkündete Heilsbotschaft auch zu den nichtjüdischen Menschen zu bringen. Als Paulus im Jahr 33, also drei Jahre nach Jesu Tod, seine Heidenmission begann, traf er bereits einige nichtjüdische Christengemeinden an.

Bei einem Treffen mit den Leitern der Urgemeinde (Petrus, Herrenbruder Jakobus und Johannes) im Jahr 48 erwirkte Paulus, dass Nichtjuden, die sich der christlichen Gemeinde anschlossen, keinerlei jüdische Ritualgesetze zu erfüllen hatten. Mit dieser Entscheidung war der christlichen Botschaft der Weg in die religiös so vielfältige hellenistische Welt freigemacht. So entstanden durch private Initiativen (oft durch Händler, die in der Welt herumkamen), vor allem in den Zentren des Römischen Reichs christliche Gemeinden.

2.2.4 Charakter und Gestalt der ersten Gemeinden

Das einigende Band zwischen den Gemeinden war die Christusbotschaft. Die Art und Weise, in der die Gemeinden ihr Gemeinschaftsleben organisierten und ihre Versammlungen gestalteten, hing allerdings von den Gegebenheiten und den |19| Möglichkeiten am Ort ab. Von Beginn an war es entsprechend vielgestaltig.

Rechtlich oder kultisch geregelte Ämter gab es in den frühen Gemeinden nicht. Jesus hat nirgends Amtsträger eingesetzt. Er rief Menschen in seine Nachfolge. Damit berief er sie in eine Art Dienstgemeinschaft, die den Auftrag hatte, zur Umkehr zu rufen und die anbrechende Herrschaft Gottes auszurufen. Die Begriffe apóstolos, epískopos und diákonos bezeichneten Funktionen, die aber weder mit einer besonderen Stellung noch einem Rechtsstatus noch einer hohen Würde einhergingen. Diese inoffizielle offene Form einer Glaubens- und Dienstgemeinschaft dürfte der Normalfall von Gemeinde in den beiden ersten Generationen gewesen sein.

2.2.5 »Die Zwölf«

Die synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus,. Lukas) berichten, dass Jesus zwölf Apostel berufen hat, deren Namen – mit kleinen Abweichungen – auch genannt werden. Der älteste dieser Texte liegt in Mk 3,13–19 vor: »Und er steigt auf den Berg und ruft zu sich, die er um sich haben wollte; und sie traten zu ihm hin. Und er bestimmte zwölf, die er auch Apostel nannte, die mit ihm sein sollten und die er aussenden wollte, zu verkündigen und mit Vollmacht die Dämonen auszutreiben. Und er bestimmte die Zwölf: Simon, dem er den Beinamen Petrus gab, und Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, den Bruder des Jakobus, denen er den Beinamen Boanerges gab, das heißt ‹Donnersöhne›, und Andreas und Philippus und Bartolomäus und Matthäus und Thomas und Jakobus, den Sohn des Alfäus, und Thaddeus und Simon Kananäus, und Judas Iskariot, der ihn dann auslieferte.«

Umstritten ist, ob dieser Text einen historischen Vorgang wiedergibt. Plausibel ist die Einsetzung der »Zwölf« hingegen als Zeichenhandlung, mit der zum Ausdruck gebracht wird, |20| dass Jesu Verkündigung darauf zielt, ganz Israel (repräsentiert durch die zwölf Stämme) als das endzeitliche Volk Gottes zu sammeln. Historisch hatte dieser Zwölferkreis wohl keine langfristige Bedeutung. Als Paulus nach seinem Damaskuserlebnis Jerusalem etwa im Jahre 35 erstmals besuchte, verhandelte er nach Gal 1,18f mit den »Aposteln« Petrus und Jakobus, dem Bruder Jesu, der aber nicht zu dem Zwölferkreis gehörte. Der Zwölferkreis verlor bald nach Jesu Tod seine Bedeutung, schon deshalb, weil mit der Heidenmission die Christusbotschaft über Israel hinausdrängte.

2.2.6 Der Charakter der Jerusalemer Urgemeinde

In der Urgemeinde in Jerusalem war eine besondere Organisation zunächst nicht erforderlich, weil sie sich noch im Verband der Synagoge befand. Einer konkreten Struktur bedurfte sie erst dann, als sie sich vom Tempel und der Synagoge löste und als eigenständige Gemeinschaft formierte. In Anlehnung an den jüdischen Ältestenrat bildete man wohl ebenfalls einen Leiterkreis, dessen Sprecher Petrus war. Ob der Kreis der Zwölf dabei noch eine Rolle spielte, ist nicht mehr zu ermitteln. Da sich Petrus wegen seiner Missionstätigkeit unter Juden nur noch selten in Jerusalem aufhielt, übernahm der Herrenbruder Jakobus die Leitung der Gemeinde. Unter seinem Einfluss erhielten die jüdischen Traditionen wieder größeres Gewicht, und das Ältestenamt nahm deutlichere Gestalt als Hüteramt hinsichtlich der Tradition an.

Von einer Besonderheit der Jerusalemer Urgemeinde berichtet Apg 6,1–6. Danach wurde ein Kreis von sieben Personen eingerichtet, der sich der Belange und der sozialen Probleme jener hellenistischen Judenchristen annahm, die in Jerusalem wohnten. Diese Griechisch sprechenden Judenchristen, die nicht am synagogalen und kultischen Leben des Tempels teilnahmen und auch die jüdischen Ritualgesetze nicht einhielten, bildeten wohl schon sehr früh eine eigenständige Gruppe |21| innerhalb der Urgemeinde. Ihr Sprecher, Stephanus, wurde wegen seiner Christusbotschaft und seiner gesetzeskritischen öffentlichen Äußerungen vor der Stadt gesteinigt. In der Apostelgeschichte heißt es dazu: »Und die Zeugen legten ihre Kleider ab, zu Füßen eines jungen Mannes namens Saulus. … Saulus war einverstanden mit dieser Hinrichtung« (Apg 7,58 und 8,1). Daraus ist zu schließen, dass Stephanus unter den Augen des Saulus/Paulus zwischen 30 und 33 wegen seines Christuszeugnisses als der erste Märtyrer der Christenheit zu Tode gebracht wurde.

2.2.7 Die judenchristlichen Gemeinden im syrisch-palästinensischem Raum

Das Zentrum des hellenistischen Judenchristentums der ersten Zeit lag in Antiochia in Syrien, der damals drittgrößten Stadt im Römischen Reich nach Rom und Alexandria. Die Gemeinden in und um Antiochia waren bereits zu Beginn der 30er Jahre von wandernden Charismatikern gegründet worden. In den ländlichen Gemeinden dieser Gegend gab es bis in das 2. Jahrhundert keine erkennbaren Organisationsstrukturen und wohl auch keine örtlichen Leitungsgremien. Das Matthäusevangelium, das zwischen 80 und 100 im syrischen Raum entstanden ist, kennt weder Älteste noch Episkopen, und selbst von Aposteln ist (sieht man von der Berufung der Zwölf ab) nicht die Rede. Auch das Johannesevangelium (zwischen 100 und 125), das ebenfalls aus Syrien stammt, erwähnt diese Bezeichnungen nicht. Ortsfeste Strukturen für bestimmte Dienste beginnen sich zuerst in städtischen Gemeinden herauszubilden.

2.2.8 Gemeinden im Einflussbereich des Paulus

Paulus wusste sich von seiner Christusvision von Damaskus im Jahr 33 zum »Apostel des Herrn« berufen und dadurch auserwählt und ausgesandt, seinen Namen und seine Botschaft unter den Völkern zu verbreiten. An die Galater schrieb er, dass |22| es Gott »gefiel, mir seinen Sohn zu offenbaren, dass ich ihn unter den Völkern verkündige« (Gal 1,15). Paulus verstand seine Berufung so, wie es Jesus seinen Jüngern gegenüber ausgedrückt hatte: »Wer unter euch groß sein will, sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, sei der Knecht aller. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele« (Mk 10,43–45).

Von diesem Verständnis seiner Berufung zum Zeugendienst her hat es Paulus auch als die Aufgabe der Gemeinde und eines jeden Christen betrachtet, die Christusbotschaft durch das eigene Leben vor aller Welt zu bezeugen und in die Welt hinauszutragen. Dieser Dienst erledigt sich nicht spontan und von allein, sondern er muss geordnet geschehen, und zwar sowohl innerhalb der Gemeinde als auch im Wirken nach außen. Dabei geht es nicht darum, Ämter zu verteilen, sondern die Geistesgaben (Charismen) der Einzelnen so einzusetzen, das sie dem Aufbau der Gemeinde und deren Zeugnis vor der Welt dienen.

Was mit »Charisma« gemeint ist, deutet Paulus in 1Kor 12,8–10 an. Er nennt Weisheitsrede, Erkenntnisrede, prophetische Rede, Zungenrede und die Fähigkeit, diese zu übersetzen, sowie Unterscheidung der Geister und Gabe der Heilung. Jeder Getaufte hat danach eine Gabe, die er für das Leben und das Zeugnis in die Gemeinde einbringen kann. Insofern ist jeder seiner Gabe gemäß zum Zeugen- oder Aposteldienst berufen. Es geht dabei nicht um Selbstdarstellung, nicht um Macht und nicht um Ansehen. Denn: »Die uns zugeteilten Gaben sind verschieden, der Geist jedoch ist derselbe. Die Dienste sind verschieden, der Herr aber ist derselbe. Das Wirken der Kraft ist verschieden, Gott jedoch ist derselbe, der alles in allen wirkt. Jedem wird die Offenbarung des Geistes so zuteil, dass es allen zugutekommt« (1Kor 12,4–7).

Innerhalb dieser verschiedenen Dienstfunktionen gibt es |23| keine verschiedenen Grade der Würde. »Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, die Glieder aber nicht alle dieselbe Aufgabe erfüllen, so sind wir, die vielen, in Christus ein Leib, im Verhältnis zueinander aber Glieder« (Röm 12,4f). Prophetisch reden, lehren, trösten, heilen, einfache Hilfsdienste leisten, Almosen geben, leiten u. a. sind gleich wichtig und gleich wertvoll. Weder jeder noch einer allein muss alles beherrschen und tun. Bei Paulus ist noch keinerlei Tendenz zu festen Gemeindeämtern erkennbar. Als nicht geschichtlich kann die Notiz in Apg 14,23 gelten, wonach Paulus in jeder seiner Gemeinden Älteste eingesetzt hat.

2.2.9 Die kirchlichen Ämter

Bezeichnungen wie »Lehrer«, »Älteste«, »Diakone«, »Bischöfe« werden im heutigen Sprachgebrauch der Kirchen als theologisch und rechtlich geordnete Ämter verstanden, die nur in offiziellem Auftrag wahrgenommen werden dürfen. Derartige Ämter gab es in den beiden ersten Christengenerationen nicht.

In den von Charismatikern gegründeten Gemeinden lagen feste Ämter außerhalb des Denkbaren. In den paulinischen Gemeinden kannte man Evangelisten, Hirten, Apostel, Propheten und andere Charismen. Man bezeichnete damit Funktionen, die in ihren Schwerpunkten zunächst noch nicht festgelegt waren, sondern nach den örtlichen Gegebenheiten mit konkreten Aufgaben verbunden wurden. In den palästinensischen Gemeinden nahm zuerst die Funktion der Ältesten (Presbyter) als Leitungsgremium der Gemeinde deutlichere Konturen an. In jenen vier Textstellen, die im Neuen Testament von Bischöfen sprechen, werden diese in ihrer Funktion als Aufsichtführende mit den Presbytern gleichgesetzt oder ihnen zugeordnet.

Bemerkenswert ist, dass die christlichen Gemeinden für ihre Funktionsbezeichnungen auf keinen der sakralen Titel der jüdischen oder hellenistischen Umwelt zurückgegriffen |24| haben, sondern an die säkularen Wortbedeutungen anknüpften. Das wird noch auszuführen sein.

2.3 Der Umbruch um die Jahrhundertwende
2.3.1 Örtliche Improvisation der beiden ersten Generationen

In den von Paulus gegründeten Gemeinden begannen sich je nach den örtlichen Gegebenheiten und Möglichkeiten ab Mitte der 50er Jahre Ansätze für Ämter im Sinne von festen Zuständigkeiten herauszubilden. Den Episkopen (Aufsehern) wurde die Aufgabe übertragen, die Mahlfeiern zu ordnen und zu leiten, erforderliche Verwaltungsarbeiten auszuführen, auf Disziplin zu achten und seelsorgerliche Funktionen zu übernehmen. Diakone erhielten die Aufgabe, über die Dienste bei der Mahlfeier hinaus sich der Armen und Kranken in der Gemeinde anzunehmen und das karitativ Notwendige zu tun oder zu organisieren.

Die anstehenden Aufgaben erwuchsen der Gemeinde aus den Impulsen des Evangeliums. Eine Langzeitperspektive war damit nicht verbunden, denn noch lebte man in der Erwartung des nahen Endes. Es erwies sich als sinnvoll, Zuständigkeiten im Sinne einer Arbeitsteilung zu ordnen und zu bündeln. Der Gedanke an herausgehobene Ämter hat dabei noch keine Rolle gespielt. An besondere Amtsvollmachten war ebenfalls noch nicht gedacht. Angesichts des nahen Endes blieb es bei der Improvisation.

2.3.2 Die christlichen Gemeinden lösen sich vom Judentum

Ein Wandel im Verständnis der Ämter vollzog sich erst in der dritten Generation, und zwar um die Wende zum 2. Jahrhundert als Antwort auf die großen Veränderungen innerhalb und im Umfeld der Gemeinden. Hier seien nur die drei wesentlichen angedeutet.

Erste Veränderung: Die christlichen Gemeinden hatten sich |25| um die Jahrhundertwende überall und endgültig vom Judentum gelöst und zu eigenständigen sozialen Gruppen entwickelt, die sich als solche organisieren und auch nach außen darstellen mussten.

2.3.3 Die Naherwartung erlischt

Zweite Veränderung: Der Kern der Botschaft Jesu ist in dem Satz enthalten: »Nahe gekommen ist das Reich Gottes« (Mk 1,15). Mit seiner jüdischen Religion lebte Jesus in der Erwartung, dass das Ende dieser Welt und das Anbrechen der Herrschaft Gottes unmittelbar bevorstehe. Das Jesuswort »Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen« (Lk 10,18) lässt erkennen, dass Jesus in seinem Wirken die Herrschaft Gottes bereits anbrechen sah. In Lk 11,20 heißt es anschaulich: »Wenn ich jedoch durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes zu euch gelangt.« Die Macht des Bösen ist bereits gebrochen. Nach Mk 9,1 scheint es, als habe Jesus den sichtbaren Anbruch der Endzeit (das Reich Gottes) in naher Zukunft, und zwar noch während der Lebenszeit seiner Zeitgenossen erwartet: »Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bevor sie das Reich Gottes sehen, wenn es gekommen ist mit Macht.« Dieser Überzeugung waren auch Paulus und mit ihm die Gemeinden seiner Generation, wie aus 1Thess 4,15 (geschrieben 50 oder 51) zu entnehmen ist.

Im letzten Viertel des ersten Jahrhunderts begannen die Gemeinden zu erkennen, dass mit dem sichtbaren Ende dieser Welt und der weltweiten Herrschaft Gottes in unmittelbarer Zukunft nicht zu rechnen sein würde. Sie fingen daher an, sich als Inseln des Reiches Gottes in dieser Welt zu verstehen und sich in einer Art Zwischenphase einzurichten, in der es nun galt, die Christusbotschaft vom Reich Gottes vor und in dieser Welt zu bezeugen. Wer sich auf längere Dauer einrichtet, der muss sich organisieren, um zu überleben. Die Erwartung |26| des Endes dieser Welt und der Gottesherrschaft blieb erhalten, sie wurde aber in eine nicht bekannte Zukunft verschoben.

2.3.4 Die häretischen Strömungen nötigen zu Klärungen

Dritte Veränderung: Der Apostel Paulus musste sich in seinen Briefen, die (mit Ausnahme des Briefs an die Römer) Gelegenheitsschriften sind, immer wieder mit Gegnern auseinandersetzen, die seiner Christusbotschaft widersprachen und ihr andere Inhalte zu unterstellen suchten. Er nennt diese Gegner »falsche Brüder«, weil sie unter dem Vorwand, Christus zu verkündigen, sein Evangelium grob verfälschten (Gal 2,4 u. ö.). Die einen wollten den christlichen Glauben in den Rahmen des jüdischen Denkens zurückholen, andere wiederum forderten aus philosophischer Sicht unbehinderte moralische Freiheiten oder strenge Askese. Diese Probleme wuchsen für die Gemeinden in dem Maße, in welchem sie sich in der hellenistischen Welt ausbreiteten und sich mit den dort vorhandenen Religionen, Kulten und philosophischen Strömungen auseinanderzusetzen hatten. Einige dieser Strömungen versuchten, den christlichen Glauben zu vereinnahmen und in ihr System zu integrieren, so z. B. die Gnosis, eine religionsphilosophische Bewegung, die den Glauben durch Erkenntnis zu ersetzen suchte.

Angesichts dieser Herausforderungen und der Gefahr, sich in einem anderen religiösen Konzept aufzulösen, waren die Gemeinden genötigt, sich auf ihre Wurzeln, auf ihre Glaubensinhalte, auf ihren Auftrag und auf ihr geistiges Profil zu besinnen und dies auch klar zu artikulieren. Dazu mussten auch Strategien für innergemeindliche Klärungsprozesse entwickelt und autorisierte Sprecher eingesetzt werden, die gemeindliche Aktivitäten koordinierten, vermittelten und Auskunft darüber geben konnten, was als christlich galt und was nicht. Damit war ein Entwicklungsprozess in Gang gesetzt, |27| der grundsätzlich nie zu einem Ende kommen, und der ebenso grundsätzlich nicht einsträngig verlaufen kann, da für dasselbe Problem oft mehrere Lösungen denkbar und möglich sind.

|28| 3 Die Kirche heute

Von Beginn an haben die christlichen Gemeinden in ihrer Welt je ihren Weg suchen müssen. Die biblischen Schriften zeigen, dass sie dafür ihr Gemeindeleben im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf jene Bedingungen abstimmten, in denen sie lebten. Von ihren verschiedenartigen Ausgangsbedingungen her haben Gemeinden und Kirchen in unterschiedlichen Kulturen, religiösen Umfeldern, Sprachwelten und politischen Begebenheiten in verschiedener Weise Gestalt angenommen und sich entwickelt. Blicken wir nach 2000 Jahren Kirchengeschichte auf die Kirchen, die sich |29| der Christusbotschaft verdanken, so zeichnen sich drei Kirchenmodelle ab, in die sich alle bestehenden Kirchen einordnen lassen:

 das im byzantinischen Raum entstandene Modell der Orthodoxie,

 das im lateinischen Westen ausgeformte Modell des römischen Katholizismus,

 das in der Reformation der Westkirche entstandene Modell des Protestantismus.

Was ist in 2000 Jahren aus den Impulsen geworden, die von dem Galiläer Jesus ausgegangen sind? Wir beschränken uns in diesem Kapitel darauf, die genannten drei Kirchenmodelle mit einigen historischen Hilfen so zu beschreiben, wie sie sich dem aufmerksamen Beobachter heute zeigen.

3.1 Das byzantinische Modell der Orthodoxie
3.1.1 Der historische Hintergrund

Als die Christusbotschaft in die Welt trat, gehörten alle Landschaften um das Mittelmeer zum römischen Weltreich, das sich von Spanien bis Mesopotamien und von Nordafrika bis nach Britannien erstreckte. Galiläa, der geographische Ausgangspunkt der Christusbotschaft, lag am östlichen Ende des Römischen Reichs. In den ersten Jahrhunderten seiner Geschichte entfaltete sich das Christentum vor allem in der Osthälfte des Römischen Reichs, um die Zentren Jerusalem, Antiochia und Alexandria und später auch Byzanz/Konstantinopel.

Obwohl es in der Reichshauptstadt Rom bereits wenige Jahre nach Jesu Tod eine christliche Gemeinde gab, wurden der christliche Glaube und das Selbstverständnis der christlichen Kirche zunächst im Osten des Reiches ausgeformt, und zwar im Medium der griechischen Sprache und der griechisch-hellenistischen Kultur. Diese war von den Nachklängen der griechischen Philosophie, von alten Naturkulten und von Mysterienkulten geprägt. Konstantinopel stieg im 4. Jahrhundert zur Hauptstadt der östlichen Reichshälfte auf. Hier wurde 380 die christliche Kirche zur alleinigen Religion erhoben. Die Kaiser drängten nicht nur auf Einigkeit im Glauben, sondern auch auf Einigkeit im Selbstverständnis von Kirche. Unter diesen geistig-politischen Bedingungen hat die Orthodoxie ihr Kircheverständnis ausgebildet.

3.1.2 Die Einheit in der Vielzahl

Die Orthodoxie umfasst gegenwärtig sechzehn orthodoxe Kirchen. Sie verstehen sich in Glaubensfragen als orthodoxe Einheit und stehen untereinander in voller kirchlicher und sakraler Gemeinschaft. Hinsichtlich der Verwaltung bilden sie allerdings autonome Kirchen. Der Erzbischof von Konstantinopel gilt als der ökumenische Patriarch. Er ist unter den Bischöfen ein primus inter pares (Erster unter Gleichen), dem von der Versammlung der Bischöfe das Recht übertragen wurde, ökumenische Versammlungen einzuberufen, deren Vorsitz zu führen und ökumenische Angelegenheiten der Orthodoxie zu koordinieren. Er wird weder als Papst verstanden, noch hat er dessen Vollmachten.

|30| 3.1.3 Die dreistufige Hierarchie

Die orthodoxen Kirchen haben eine dreistufige priesterliche Hierarchie. Dieser Klerus besteht aus den geweihten Ortsbischöfen als den zentralen Gestalten von Kirche und gottesdienstlichem Leben. In ihrem Auftrag handeln die Priester und die Diakone, die für ihren Dienst vom Bischof geweiht werden. Die Priester können vor ihrer Weihe eine Ehe schließen. Für Bischöfe besteht seit dem 7. Jahrhundert die Pflicht zur Ehelosigkeit.

3.1.4 Die Einheit von Bischof, Kirche und Laien

Die Orthodoxie hat für ihr Kirchenverständnis kein Dogma. Was Kirche ist, das erfährt man, indem man an der göttlichen Liturgie (dem orthodoxen Gottesdienst) teilnimmt, und zwar insbesondere durch die Eucharistie. In der Eucharistie begegnen die Gläubigen dem auferstandenen Christus, hier ereignet sich die Gemeinschaft mit Christus, aus der Kirche lebt. So ist in jeder Ortsgemeinde durch die Eucharistie die Kirche Christi ganz gegenwärtig. Die Eucharistie kann allerdings allein durch den Bischof vollzogen werden oder durch den in seinem Auftrag und in seiner Vollmacht handelnden Priester oder Diakon. So ist der Bischof der tragende Pfeiler der Kirche Christi. Ohne einen konkreten Bischof gibt es demnach keine Kirche.

3.2 Das westliche Modell des römischen Katholizismus
3.2.1 Ausrichtung auf den Papst

Im lateinischen Westen hat sich ein Kirchenmodell entwickelt, das im Bischof von Rom als dem Nachfolger des Apostels Petrus den Stellvertreter Christi auf Erden sieht. Eine feinabgestufte priesterliche Hierarchie ist auf den Papst als die höchste Autorität hingeordnet.

Der Papst besitzt den absoluten jurisdiktionellen Primat (Vollmacht und Vorrang der Rechtsprechung) über alle Nationalkirchen |31| und über alle Christen. Er ist ferner der Inhaber des obersten Lehramts der Kirche und ist dafür mit der Gabe der Unfehlbarkeit und der Irrtumslosigkeit ausgestattet, wenn er in Fragen des Glaubens und der Sitte entscheidet. Kraft seines Amtes als Stellvertreter Christi verfügt er in der Kirche über »höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt, die er immer frei ausüben kann« (CIC 331). Seine Entscheidungen sind aus sich, nicht erst durch Zustimmung anderer, unabänderlich. »Gegen ein Urteil oder ein Dekret des Papstes gibt es weder Berufung noch Beschwerde« (CIC 333). Das römisch-katholische Kirchenmodell hat die Struktur einer romzentrierten päpstlichen Universalmonarchie.

3.2.2 Der Bischof

Das Amt des Bischofs ist für das Kirchenverständnis der römisch-katholischen Kirche konstitutiv. Denn auch hier gilt: »Die Eucharistie baut die Kirche« (KKK 1396). »Das ganze liturgische Leben der Kirche kreist um das eucharistische Opfer und um die Sakramente!« (KKK 1113). Die Eucharistie ist »Quelle und Höhepunkt des ganzen kirchlichen Lebens« (LG 11) und sie »enthält das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle, Christus selbst« (PO 5). Der Eucharistiefeier kann nur der Bischof vorstehen oder ein geweihter Priester im Auftrag und in der Vollmacht des Bischofs.

Dem Bischof wird von anderen geweihten Bischöfen, die in der apostolischen Sukzession stehen, »durch die Bischofsweihe die Fülle des Weihesakramentes übertragen« (LG 21). Er ist in seiner Diözese Nachfolger und authentischer Vertreter der Apostel. Mit der Weihe durch bischöfliche Handauflegung erhält der Geweihte ein Amtscharisma im Sinne eines unauslöschlichen Prägemales (character indelebilis), das ihn bevollmächtigt, »in der Person des Hauptes Christus« (PO 2) zu handeln. Diese Vollmacht kann er durch Weihe in abgestufter Weise auf Priester und Diakone übertragen.

|32| Die Bischöfe werden vom Papst frei ernannt oder bestätigt. Durch einen Treueeid werden de Bischöfe auf den Primat des Papstes verpflichtet. In der Eidesformel von 1987 heißt es: »Ich … werde … dem Papst … stets treu sein. Der freien Ausübung der primatialen Vollmacht des Papstes werde ich Folge leisten und dafür Sorge tragen, seine Rechte und seine Autorität zu fördern und zu verteidigen.« Die kirchlichen Amtsträger unter dem Bischof werden mit entsprechenden Amtseiden ebenfalls auf den Papst und auf ihren Bischof verpflichtet.

3.2.3 Die Rolle der Theologie

Zum Gehorsam gegenüber dem Papst und den Lehren der Kirche müssen sich auch alle in der Kirche Lehrenden in einem Glaubenseid verpflichten. In dessen Fassung von 1989 heißt es: »Mit festem Glauben bekenne ich auch alles, was von der Kirche … als göttlich geoffenbart zu glauben vorgelegt wird … insbesondere hange ich mit religiösem Willens- und Verstandesgehorsam jenen Lehrstücken an, welche entweder der Papst oder das Bischofskollegium bekanntgeben, wenn sie das authentische Lehramt ausüben, selbst wenn sie diese nicht definitiv als verpflichtend zu verkündigen beabsichtigen.«

3.2.4 Kleriker und Laien

Der geweihte Amtsträger wird durch die Weihe in den Stand des Klerikers erhoben, der unter Christus, aber über den Laien, dem ungeweihten Kirchenvolk, steht. Der Klerus hat in jeweils seinem Amtsbereich kraft seiner heiligen Gewalt das Volk zu bilden und zu leiten. Die Laien werden angewiesen, sich von ihrem Bischof und den Lehren der Kirche leiten zu lassen.

|33| 3.2.5 Die einzige Kirche Christi

Die von Christus gewollte und verfasste Kirche ist voll nur »verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird« (LG 8). Gemeinschaft in den heiligsten Dingen (Sakramentale Gemeinschaft) und gemeinsamer Vollzug gottesdienstlicher Handlungen (Konzelebration) ist nur dort möglich, wo der Primat des Papstes und die Lehren der römisch-katholischen Kirche anerkannt werden. Katholiken ist deshalb die Teilnahme am protestantischen Abendmahl untersagt (Fischer 09, 45–61).

3.3 Das Modell des Protestantismus
3.3.1 Der Urgrund von Kirche

Der Protestantismus sieht die Quelle und den Urgrund von Kirche und Glauben nicht in der Eucharistie, sondern im Wort Gottes. Martin Luther schrieb bereits 1519: »Die Kirche ist ein Geschöpf des Evangeliums«. Das auf der Basis der neutestamentlichen Zeugnisse verkündigte Wort Gottes gründet Kirche und stiftet ihre Identität als Kirche Christi. Kirche hat daher keine von Gott verordnete Gestalt. Sie konstituiert sich in der »Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden« (CA VII).

3.3.2 Die Gestalt von Kirche

Das verkündigte Wort Gottes lehrt nicht abstrakte Wahrheiten über Kirche und Glauben, es stellt vielmehr unser konkretes Leben in das Licht der Botschaft von der Liebe. Was sich daraus ergibt, muss unter den jeweiligen Lebensbedingungen der Gemeinde umgesetzt werden. Protestantische Gemeinden können und müssen daher entsprechend ihren kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Lebensumständen verschiedene |34| Gestalt haben. Das, was als die Botschaft der Liebe von der Gemeinde durch Wort und Tat in die Welt hineingetragen werden soll, muss am Ort des Geschehens von der Gemeinde entschieden, verantwortet und gestaltet werden. Die Gestalt der Kirche Christi liegt daher in der Verantwortung der Gemeinden oder Regionen, und sie muss sich auch nach den Möglichkeiten der gemeindlichen Zusammenschlüsse richten. Da dies alles keine stabilen Faktoren sind, muss die Gestalt der Kirche für notwendige Veränderungen offen und grundsätzlich variabel bleiben. Protestantische Kirchen zeigen sich daher in vielfältigen Formen der Organisationen, der Schwerpunkte und der gottesdienstlichen Versammlungen.

3.3.3 Die Ämter

Das verkündigte Wort Gottes, das Ursprung und Grund der Kirche ist, ruft alle dazu auf, die empfangene Botschaft des Heils mit ihren Kräften in der eigenen Lebenswelt zu leben und bekanntzumachen. Das drückt der Protestantismus in der Kurzformel vom »allgemeinen Priestertum aller Glaubenden« aus. Damit wird auch gesagt, dass es zwischen Mensch und Gott keiner priesterlichen Vermittlung bedarf, sondern jeder Glaubende Botschafter Gottes sein kann und sein soll.

Die protestantischen Kirchen kennen grundsätzlich nur ein kirchliches Amt. Es ist das Amt, mit dem die Gemeinde geeignete und qualifizierte Mitglieder beauftragt, öffentlich zu wirken: als Prediger, als Seelsorger, als Lehrende, in der Öffentlichkeitsarbeit, als Verwalter, als Leiter. Die Bezeichnungen für diese öffentlichen Funktionen bis hin zu den Leitungsämtern sind nicht festgelegt. Die Beauftragung und Bevollmächtigung zum öffentlichen Dienst findet in einer Ordination in einem Gemeindegottesdienst statt. Dadurch wird der Ordinierte weder in einen höheren Stand erhoben noch mit besonderen Geistesgaben ausgestattet. Der Ordinierte verpflichtet sich, aus dem Geist der Heiligen Schrift zu leben |35| und zu handeln. Die Gemeinde bittet um Gottes Geist und Beistand für den Ordinierten.

3.3.4 Die Rolle der Theologie

Der Protestantismus kennt keine festgeschriebenen kirchlichen Dogmen. Das protestantische Prinzip besteht in dem bleibenden Bemühen, Glauben und kirchliches Leben an der Christusbotschaft zu orientieren, wie diese in den neutestamentlichen Texten bezeugt ist. Die Bekenntnisschriften gelten als die historisch bedingten Dokumente dieses Bemühens um das rechte Verständnis der Botschaft Christi. Den Kern und die konkreten Impulse für die jeweilige Gegenwart zu finden, ist nicht einem kirchlichen Lehramt überlassen, sondern bleibt die ständige Aufgabe der offenen christlichen Dialog-Gemeinschaft. Die Theologie hat dabei die Aufgabe, dieser Dialog-Gemeinschaft alle verfügbaren wissenschaftlichen Hilfen bereitzustellen, mit denen die Christusbotschaft erschlossen und für die Gegenwart auch sprachlich präzisiert werden kann. Die Theologie ist dabei der wissenschaftlichen Wahrheit und keinem ihr übergeordnetem Lehramt und auch keiner vorgeordneten Lehre verpflichtet. Ihre Aufgabe besteht auch darin, Glauben und kirchliches Leben mit dem Maßstab der Bibel kritisch zu begleiten. Selbstkritik und Selbstprüfung gehören zum Wesen des protestantischen Kirchenmodells. Es bleibt der Auftrag der Dialog-Gemeinschaft aller Glaubenden, diese Selbstkritik gegenüber allen Beharrungstendenzen einzufordern und auch selbst zu leisten.

|36| 4 Das Gewicht der Heiligen Schrift für das Verständnis von Kirche
4.1 Die Berufung auf Christus und auf die Heilige Schrift

Alle christlichen Kirchen führen ihre Existenz und ihre konkrete Gestalt auf Jesus Christus zurück. Sie tun das freilich auf verschiedene Weise. Dabei berufen sich alle auf das Zeugnis der Heiligen Schrift. Wie aber ist es zu erklären, dass sich aus dem recht eindeutigen Schweigen der Evangelien zum Thema Kirche so unterschiedliche Kirchen und Kirchenverständnisse herleiten und begründen lassen? Als Teil einer Antwort soll im vorliegenden Kapitel geklärt werden, welches Gewicht die Heilige Schrift in den drei Kirchenmodellen hat und nach welchen Prinzipien die Schrift ausgelegt wird.

4.2 Der Kanon der Heiligen Schriften

Die Jesusbotschaft ist nach Jesu Tod im Jahr 30 zunächst mündlich überliefert worden. Wir haben Hinweise auf Sammlungen von Worten und Wundern Jesu und der Passionsgeschichte, die ab 40 entstanden sind, besitzen dafür aber keine schriftlichen Dokumente. Die ersten verfügbaren schriftlichen Dokumente sind die sieben authentischen Briefe des Apostels Paulus (1Thess, Gal, Phil, Phlm, 1 und 2Kor und Röm), geschrieben zwischen 51 und 56. Das Markusevangelium wurde kurz nach dem Jahr 70, der Zerstörung Jerusalems und des jüdischen Tempels durch die Römer, verfasst. Die Evangelien des Matthäus und des Lukas wurden zwischen 80 und 100, das Johannesevangelium wurde zwischen 100 und 125 geschrieben. Diese Texte wurden dort, wo sie bekannt waren, in den Gottesdiensten verlesen. Sie traten neben die Verlesung alttestamentlicher Texte. Zu einer Sammlung christlicher Texte |37| kam es ab der Mitte des 2. Jahrhunderts, als die Frage zu beantworten war, was für die Gemeinden und gegenüber fremden Lehren als christlich zu gelten hatte.

Die Gemeinden in Kleinasien und Rom einigten sich zwischen 140 und 180 auf jene Schriften, denen man apostolischen Ursprung zusprach. Da es zu jener Zeit noch keine überregionalen Synoden und erst recht noch keine zentrale Entscheidungsinstanz gab, kam die Einigung über die Auswahl der Schriften im Dialog der Gemeinden ohne Zwang zustande. Nach G. Theissen haben sich zwei inhaltliche Kriterien durchgesetzt: die »Einheit Gottes und die Realität der Inkarnation« (Theissen, 120). Einige Schriften blieben noch bis ins 5. Jahrhundert umstritten. Man verstand den Bibelkanon weder als christliches Gesetzbuch noch als dogmatisches System noch als historisches Archiv, sondern als eine Sammlung frühchristlicher authentischer Zeugnisse von den Begegnungen mit dem in Jesus erschienenen lebendigen Gott. Die neutestamentlichen Schriften sind in allen Kirchen als die »Ur-Kunden« göttlichen Wirkens und als Quelle göttlicher Offenbarung unumstritten. Unterschiedlich wird hingegen die Frage beantwortet, ob sie als die alleinige Quelle christlichen Glaubens zu gelten haben.

4.3 Das Schriftverständnis der Orthodoxie

Die orthodoxen Kirchen verstehen das Neue Testament als »ein lebendiges Zeugnis, das uns zum Heil und zur Wahrheit führt« (Larentzakis 00, 128). Die Heilige Schrift wird als »Urtradition« verstanden und mit der kirchlichen Tradition zur Einheit verbunden. Zu dieser kirchlichen Tradition werden neben der Heiligen Schrift auch die Entscheidungen der sieben ökumenischen Konzilien und die Schriften der Kirchenväter aus den ersten acht Jahrhunderten (bis Johannes von Damaskus, † 754) gezählt. In einem weiteren Sinn werden auch die |38| Liturgien, Ordnungen und geistlichen Ausdrucksformen jener ersten Jahrhunderte dazugerechnet. In diesen Texten sieht die Orthodoxie die sachgemäße und authentische Auslegung der biblischen Texte niedergelegt. Schrift und altkirchliche Tradition bilden eine unauflösbare Einheit, der nichts Neues mehr hinzuzufügen ist.

4.4 Das Schriftverständnis der römisch-katholischen Kirche
4.4.1 Das Konzil von Trient

Die römisch-katholische Kirche sieht die enge Verbindung von Heiliger Schrift und kirchlicher Tradition bereits dadurch gegeben, dass die Christusbotschaft zunächst mündlich überliefert wurde und die Schriften schließlich von den christlichen Gemeinden zum Kanon (Richtschnur, Norm des Glaubens) zusammengefügt wurden. Was hier noch als historischer Vorgang erscheint, wurde 1546 auf dem Konzil von Trient als theologische Aussage festgeschrieben. Das Konzil erklärte, dass die Wahrheit und die Lehre in »geschriebenen Büchern und ungeschriebenen Überlieferungen« enthalten sind (D 1501), die beide »mit dem gleichen Gefühl der Dankbarkeit und der gleichen Ehrfurcht« (D 1501) zu verehren sind.

4.4.2 Das Erste Vatikanische Konzil

Auf dem Vatikanum I (1870) wurde das Verhältnis von Schrift und Tradition bereits deutlich zugunsten der kirchlichen Tradition verschoben. In der Dogmatischen Konstitution Dei Filius über den katholischen Glauben heißt es: »In Fragen des Glaubens und der Sitten … ist jener als der wahre Sinn der Heiligen Schriften anzusehen, den die heilige Mutter Kirche festgehalten hat und festhält, deren Aufgabe es ist, über den wahren Sinn und die Auslegung der heiligen Schriften zu urteilen; und deshalb ist es niemandem erlaubt, die Heilige |39| Schrift gegen diesen Sinn oder auch gegen die einmütige Übereinstimmung der Väter auszulegen« (D 3007). Dieses Prinzip des Auslegungsmonopols der Kirche wurde auf dem Vatikanum I mit dem Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes in Fragen des Glaubens und der Sitte noch zugespitzt, denn in diesem Dogma wird im Entscheidungsfall das Auslegungsmonopol der Kirche zum Auslegungsmonopol des Papstes. So tritt neben Schrift und Tradition nun noch als dritte normsetzende Instanz das kirchliche Lehramt in der Person des Papstes.

Das wurde in der Enzyklika »Humani generis« (1950) durch Papst Pius XII. ausdrücklich hervorgehoben. Er stellte fest, dass Schrift und Tradition »allein dem Lehramt der Kirche« zur authentischen Auslegung anvertraut sind (D 3886). Die Theologie wurde auf die Aufgabe begrenzt, »zu zeigen, auf welche Weise sich das, was vom lebendigen Lehramt gelehrt wird, in der heiligen Schrift und in der göttlichen Überlieferung … findet« (ebd.).

4.4.3 Das Zweite Vatikanische Konzil

Das Vatikanum II (1962–1965) betont noch einmal, dass allein das kirchliche Lehramt die Vollmacht hat, diese beiden Quellen gültig auszulegen. In der Dogmatischen Konstitution Dei Verbum von 1965 heißt es: »Die Aufgabe aber, das geschriebene und überlieferte Wort Gottes authentisch auszulegen, ist allein dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut, dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird« (DV 10) Das päpstliche Lehramt ist damit jeglicher Kontrolle und Kritik entzogen. Die Bibel ist als kritisches Gegenüber zur Kirche ausgeschaltet. Abgesichert wurde das durch die Rolle, auf die man die Theologie beschränkte. Sie soll die göttlichen Schriften »unter Aufsicht des kirchlichen Lehramtes« im Sinne der Kirche erforschen (DV 23). Gegen diese Bestimmung des Verhältnisses von Heiliger Schrift, kirchlicher |40| Tradition und kirchlichem Lehramt wurde und wird innerhalb der katholischen Kirche seit dem Mittelalter Protest erhoben, der freilich an den geltenden Regeln bisher nichts zu ändern vermochte.

Das gesamte Konstrukt der zwei aufeinander bezogenen Quellen (Schrift und Tradition) und der authentischen Auslegung durch das Lehramt beruht auf der Vorstellung, dass der göttliche Geist die biblischen Schreiber und die Schöpfer der Tradition inspiriert hat und auch den Papst leitet. Die verbürgte Gegenwart des Heiligen Geistes in Kirche und Lehramt beruht auf der Theorie der apostolischen Sukzession (siehe 6.3.1). Danach hat Christus den Aposteln den Heiligen Geist gespendet, den diese an ihre Nachfolger, die ordnungsgemäß geweihten Bischöfe, weitergeben.

4.5 Das Schriftverständnis des Protestantismus
4.5.1 Das Verhältnis von Schrift und Tradition

Den Reformatoren war bewusst, dass die Überlieferung der Christusbotschaft von Beginn an eine tragende Rolle spielte. Die reformatorische Theologie verneint nicht die Tradition, wohl aber jenes Traditionsprinzip, wonach die Tradition als die zeitlos normative Auslegung der Schrift zu gelten hat. Gegen dieses Traditionsprinzip setzt sie das Schriftprinzip. Sie reklamiert damit den Vorrang der Heiligen Schrift gegenüber kirchlicher Tradition und lehramtlicher Schriftauslegung. Dieses protestantische Schriftprinzip ist in der Kurzformel sola scriptura (allein die Schrift) ausgedrückt worden, eine Formel, die auch in den protestantischen Kirchen auf mancherlei Weise missdeutet und ad absurdum geführt worden ist.

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