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Hella Heller

BEIM NÄCHSTEN MANN BLEIB ICH SOLO

Roman


Inhalt

1. Erwachen

2. Heiliger Bimbam!

3. Der Entschluss ist gefallen

4. Annabell, oh, Annabell

5. Der Antrag

6. Mamma Mia

7. Ein Abend mit Olivia

8. Durchblick

9. Hoppla!

10. Schwarze Romantik

11. Arbeit am Lebensglück

12. Die Mauer

13. Fraueninsel

14. Wind um die Wohnung

15. Den Abflug machen

16. Ein Schock

17. Fragen über Fragen

18. Noch ein Schock

19. Play the Opossum!

20. Step by step

21. Lebenslauf

22. Erschütterungen

23. Einen Hugo, bitte!

24. Der schwarze Kontinent

25. Bravo, bella!

26. Hellau!

27. Back to the roots

28. Schreibwut

29. Sonntag, der dreizehnte

30. Eisiger Wind

31. Frühlingserwachen

32. Zu viel des Guten

33. Hirsche und Rehe

34. Der Achtsamkeits-Kurs

35. Nachverhandlung

Lesbisch werden in sieben Tagen

36. Dramaturgischer Absturz

37. Töchter trösten

38. Die Antwort

39. Erste Hilfe

40. Der Tanzbären-Kurs

41. Der Mai ist gekommen

42. Die Blätter schlagen aus

43. Umgang mit Alphatieren

44. Der Untermieter

45. Fronleichnamsfest

46. Kontakte mit Folgen

47. Die Luft wird dünn

48. Erstaunliche Mitteilungen

49. Hausnummer

50. Sommeranfang

51. Alte und neue Bindungen

52. Geist, Esprit, Spirit und Käse

53. Überraschung!

54. Es lebe der Widerstand!

55. Da kommt was in Bewegung

56. Knallharter Deal

57. Es lebe die Unabhängigkeit

58. Briefpost

59. Auftriebe und Umtriebe

60. Glibbergene

61. Ich muss, ich muss

62. Flaschenpost

63. Faktencheck

64. Feuersbrunst

65. Geistesflügel

66. Sahneschnitte, bitte

67. So tickt die Welt

68. Einfach genial

69. Miau!

70. Der Knaller

71. Alter!

72. Diverses

73. Wunderbare neue Welt

74. Hellas!

75. Nach Lage der Dinge

76. Fundstücke

77. Gemeinheiten

78. Nestkoller

79. Bonjour, mamie!

80. Frohe Weihnachten

81. Die Jugend von heute

82. Schlussstriche

83. Begegnungen anderer Art

84. Schmalzvoll

85. Doppelpack-Terror

86. Trennungsfreuden

87. Schlechter Empfang

88. Überraschende Begegnung

89. Morgens am Main

90. Erfolgsstory

91. Träum weiter

92. America first

93. Breaking news

94. Das Fest

Noch mal von vorn

Nachwort und Dank

1. Erwachen

Der Alptraum war vorbei. Ich war nicht mehr Kate Middleton, die sich soeben mit Prinz William verlobt hat. Wobei er mir – dreißig Jahre nach der Verlobung seiner Eltern – den brilliantenbekränzten blauen Saphir der Lady Di auf den Finger steckte. »Kate! Nimm den Verlobungsring von Mum als Zeichen meiner ewigen Liebe! Ich wollte ihn dir schon lange geben, habe aber extra bis heute gewartet, damit wir diesen besonderen Tag im Geiste mit ihr teilen können!«, sagt William.

»O Willy-Darling!«, hauche ich, »how rührend!«

Und da ist es, das legendäre Kleinod, extra erweitert, damit es auf meinen Finger passt! Stolz hebe ich die Hand. Prachtvoll glitzert der Saphir in der Sonne Kenias, wohin unsere Verlobungsreise uns geführt hat.

Leider ist der Ring eine Idee zu weit geraten. Denn als ich die Hand wieder sinken lasse, rutscht er mir vom Finger und schwupp, springt das Mistding davon.

Williams Blick treibt mir den Angstschweiß auf die Stirn. Entschlossen werfe ich mich auf die Knie und durchwühle den kenianischen Straßenstaub nach der Preziose. Die Paparazzi, diese Aasgeier, knipsen wie blöd, wie ich im Dreck umherkrieche …

Vor Verzweiflung wurde ich wach. Und obwohl ich nun wieder Constanze Wechselburger-Auerbach hieß und mir Royals und Brillis schnurzpiepegal sind, war mir die Sache peinlich. Der Verlust dieses Ringes würde dem armen William das Herz brechen! Wo er doch gerade dabei war, mir das heilige Band der Ehe zu versprechen!

Zum Glück hat Albert mir vor dreißig Jahren genau den gleichen Ring geschenkt. Er ist zwar nicht ganz so teuer gewesen (89,– Mark bei Tchibo), sieht aber richtig echt aus. Falls William in meinen nächsten Träumen weiter um seinen Verlobungsklunker trauern würde, konnte ich ihm den von Tchibo schenken. Gesetzt den Fall, mir fiele ein, wo Alberts Ring war. Weggeworfen hatte ich ihn bestimmt nicht. Schon weil es das einzige geblieben ist, was dieser Geizhals mir überhaupt je geschenkt hat.

Gerade wollte ich beruhigt wieder eindösen, da rief ein Kuckuck. Ich wusste, was nun kam. Im Abstand von je einer Minute würden sechs weitere rufen. Die übrigen lauerten auf ihren Einsatz, mussten aber stumm bleiben. Das war eine meiner Bedingungen dafür, dass Albert im Flur unserer Wohnung achtundzwanzig Kuckucksuhren aufhängen durfte. Albert und ich bemühen uns beziehungstechnisch um Ausgewogenheit.

Unsere Altbauwohnung liegt im Frankfurter Nordend und ist riesig. Als wir von Berlin-Kreuzberg in die Mainmetropole umgezogen waren, weil Albert hier seine erste Stelle als Assistenzarzt bekam, hausten wir anfangs zu siebt in zwei Tür an Tür liegenden Etagenwohnungen. In der WG wohnten lauter Leute, die Medizin studierten oder gerade in der Chirurgie anfingen. Meist war noch ein Haufen Besuch da, der vom Job her auch Körper flickte, deshalb ging es schon beim Frühstück um unappetitliche Themen. Als Frau mit filmischem Auge war das für mich eine Herausforderung. Andererseits könnte ich seither manch eine Operation medizinisch präzise durchführen – gewusst wie!

In den Jahren darauf kamen Rosa und Ben zur Welt. Die WG löste sich auf, wir rissen die Wand zwischen den beiden Wohnungen ein, und ab da verfügten Albert und ich mit unseren Kindern über 155 Quadratmeter. Der einzige Nachteil ist, dass alle sieben Zimmer von einem endlosen dunklen Flur abgehen. An sich läuft man in unserer Wohnung ewig durch diesen Schlauch. Wir nennen ihn darum den langen Jammer.

Im langen Jammer ist die linke Wand über und über mit Kuckucksuhren behängt. Eine Uhr neben der anderen. Ich finde Kuckucksuhren völlig bescheuert, aber ich stamme auch nicht aus dem Schwarzwald. Albert dagegen kommt vom Titisee. Er behauptet aber, er sammele nicht aus Heimatverbundenheit. Das sei echte Uhrmacherkunst. Der internationale Markt lechze nach der schwäbischen Kuckucksuhr. Als Anlageobjekt! Ein Vogelhaus mit Gehängen dran … haha! In meinen Augen war und blieb das billiger Touristenkitsch.

Zum Ausgleich sicherte ich mir die Gestaltungshoheit über die rechte Flurseite. Auf der gesamten Länge der Wand habe ich selbstgefertigte Kunstobjekte verteilt – Gemälde und Zeichnungen. Mein Stil ist sozialkritisch-feministisch, bewahrt dabei aber das mädchenhaft Naive, mit dem ich als Fünfjährige zu malen anfing. Der Flair des Kindhaften steht im bewussten Spannungsbogen mit der Schärfe meiner politischen Botschaft. »Küss mich, ich bin keine Beischlafmaschine« heißt eines meiner Werke, »Henne und Ei« ein anderes. Mein größtes Kunstobjekt ist einen Meter fünfzig breit und behandelt das Thema »Jugendwahn«. Es ist eine Blümchenwiese aus Plastik, die ich mit Gold- und Silberfarbe übergossen habe, und aus dem Ganzen ragt ein dreckigweißer alter Chuck! Das Objekt trägt den Titel »Fit wie ein Turnschuh!«.

Um die sozialkritisch-feministische Note meiner Bilder noch zu unterstreichen, habe ich meine Flurwand plus Deckenhälfte himmelblau grundiert und mit Schäfchenwölkchen bepinselt. Sozialkritische Kunst gegen Wolkenkuckucksheim! Ha!

Vierundzwanzig Minuten nach dem letzten Kuckucksgeschrei hörte ich die Wohnungstür ins Schloss fallen. Albert war weg. Er frühstückt nie, selbst seinen Kaffee trinkt er in der Klinik. Mir blieben die Leere und die Stille.

2. Heiliger Bimbam!

Gegen die Stille half mir immer schon Madonna. Madonna singt für uns, seit Albert und ich zusammen sind. Unsere Tochter Rosa wuchs mit Madonna auf, ebenso Ben, unser Sohn. Ihm ist sie inzwischen oberpeinlich, seine Schwester sieht in ihr eine historische Ikone. Er steht jetzt auf Punk, sie auf Pink.

Nach »Material Girl« fühlte ich mich stark genug, um aufzustehen und auf den Flur hinauszutreten.

An der Lamperie lehnten drei Ölgemälde nebeneinander. Nicht zu fassen! Der Mistkerl hatte doch glatt Bilder von mir abgenommen und an die Wand gestellt!

Von den anderen hingen vier schief. Weil Albert natürlich wieder drangestoßen war! Um beste Sicht auf seine Uhren zu haben, schiebt er sich immer so eng wie möglich an meiner Wandseite entlang. Dabei ist ihm völlig egal, ob er meine Bilder anschrappt und kaputtmacht. Im Grunde glaube ich, dass ihm das sogar recht wäre. Mein Mann verachtet mein Schaffen.

Dafür macht er einen Riesentamtam um seine Uhren. Heiliger Bimbam! Jeden Abend zieht er sie auf. In Latex-OP-Handschuhen! Mir ist das streng verboten. Ich könnte die Unruhe zerstören, sagt Albert. Pah! Kein Hahn kräht danach, dass diese albernen Dinger meine Ruhe zerstören.

Ich schwor Rache für Alberts Übergriff auf meine Kunst.

Auf dem Küchentisch lag ein Post-it für mich.

Post-its sind Alberts Kommunikationsmittel, wenn er mir etwas mitzuteilen hat. In seinem Arbeitszimmer lagern mindestens noch drei Kartons voll mit Pappzettelblöcken. Noch unsere Urenkel werden aus Alberts Post-it-Vorräten schöpfen dürfen. Wobei schon heute kein Mensch außer Albert mehr Notizzettel benutzt. Ich versende Sprachnachrichten und erwäge Alexa. Albert ist eben hoffnungslos unmodern.

Das am Rand verblichene Post-it war mit ärztlicher Krakelschrift bedeckt.

Guten Morgen, Zuckerlämmchen,

Auge um Auge, Zahl um Zahl!

3 Uhren weniger => 3 Bilder weniger!

1:1 für mich!!!!!!

Vergreif dich nie wieder

an meinen Kuckucksuhren!

Dein dich gleichwohl ewig liebender

Albert

Als Beweis für seinen zwanghaften Geiz hatte er das alles auf ein einziges Post-it gekritzelt! Zum Geiz passte, dass er 3:3 auf 1:1 herunterrechnete. Unentschieden bleibt aber unentschieden! Okay, Albert war kein Mathematiker, sondern Mediziner. Und ja, unsere Vereinbarung lautete eigentlich, dass jeden Morgen zehn Kuckucksuhren krähen durften. Gestern hatte ich kurzerhand dreien davon einen Riegel vorgeschoben. Aus Notwehr! Den Lärm hält einfach niemand aus, den muss man abstellen! Genau dafür bauen die Uhrenmacher den sogenannten Schlagabsteller ein! Nichts, aber auch gar nichts gab Albert das Recht, sich aus Rache an meiner Kunst zu vergreifen! Meine Bilder stellen politische Aufschreie dar, aber sie krähen nicht herum!

Ich riss das Post-it ab und schmiss es zusammengeknäult in die Ecke. Auf dem Zettel drunter stand in Krakelschrift:

ALDI Rasierschaum 1,37 EUR!!

PLUS Uhu zum Preis der Woche!!

PENNY Softis-Sonderangebot!!

Ich riss auch dieses ab und pappte es auf den Tisch. Dann schrieb ich, schon weil Albert sich über meine Verschwendungssucht ärgern würde, auf acht blütenreine Post-its nur je ein Wort und klebte sie im sorgfältigen Kachelmuster über das Einkaufszettelchen.


Dann ging ich in mich. Wie lange wollte ich mir das noch antun lassen? Vom eigenen Mann!

Professor Albert Auerbach hatte Karriere gemacht, aus mir war die unpromovierte Frau Doktor geworden: Als Arztgattin und Mutter hatte ich meine schöpferische und berufliche Selbstverwirklichung hintangestellt. Ich hatte meine Begeisterung für Film und Literatur systematisch beschnitten, erst das Studium geschmissen, dann meinen Job als Buchhändlerin aufgegeben und schließlich sogar mein politisches Engagement bei Femmes sans terres gestrichen.

Wollte ich mich bis ans Ende meiner Tage auf die Jagd nach Sonderangeboten schicken lassen? Wollte ich auf ewig als Künstlerin und Intellektuelle gedemütigt werden? Von einem emotional blockierten Kuckucksuhrensammler?

Die Fragen stellten sich mir nicht zum ersten Mal. Ich kannte sie in allen Variationen. Als nagenden Selbstzweifel, als wütenden Aufschrei, als zarten Verdacht, als wilde Verzweiflung. Immer wieder hatte ich sie von mir geschoben und verdrängt. Heute gab ich die Antwort.

Ich war achtundvierzigdreiviertel und eine Leerstelle in meinem eigenen Leben. Ich hing am Tropf des Herrn Professor Doktor Auerbach, war abhängig von seinen Infusionen. Tag für Tag hielt ich still und ließ mir Alberts Wichtig- und Nichtigkeiten einträufeln.

Es reichte.

3. Der Entschluss ist gefallen

Mein Ziel stand fest: Ich würde eine unabhängige Frau sein. Ich würde mich ab sofort an meinen eigenen Interessen orientieren. Ich würde, was Männer angeht, mir Sahneschnitten gönnen und nicht länger die Zähne an vertrocknetem Altbrot ausbeißen. Wenn Sahneschnitten aus waren, würde ich lieber ganz verzichten, das tat der Gradlinigkeit und der Linie gut.

Nun musste ich nur noch überlegen, wie ich den Entschluss in die Tat umsetzen konnte. Meine Trennung von Albert Auerbach sollte ein echter Kracher sein: endgültig, dabei stilvoll und souverän. Ich würde mir Albert amputieren – ein sauberer Schnitt wie mit dem Skalpell. Hoppla!, würde ich sagen, wenn er abfiele. Wer geliebt hat, muss loslassen können.

Ich griff nach Alberts Post-it-Block und notierte die Möglichkeiten, meinen künftigen Exmann in brutalstmöglicher Härte mit meinem Entschluss zu konfrontieren:

•Ausziehen und ALLES MITNEHMEN (auch seine Uhren!)

•Ausziehen und ALLES DALASSEN (außer meinen Bildern!)

Beide Zettelchen zerknüllte ich, es waren natürlich reine Rachefantasien, die bewiesen, wie sehr ich noch auf Albert fokussiert war.

•Was will ICH?, fragte ich mich schriftlich und unterstrich das Ich doppelt.

•Ich will das Maximum für MICH, schrieb ich als Antwort. Natürlich wäre ich nie so dumm, Alberts ganzen Mist mitzuschleppen, bloß um ihn zu ärgern. Oder gar auf meine Sachen zu verzichten, bloß um ihn zu ärgern! Ich kaute am Kugelschreiber, bis ich die Lösung hatte. Ich würde:

•GAR NICHT AUSZIEHEN! Dafür aber:

•Albert NIE WIEDER IN DIE WOHNUNG LASSEN! Und:

•Sein Zeug AUS DEM FENSTER SCHMEISSEN (zuallererst die Uhren!)

Auch diese Zettelchen zerknüllte ich und schnipste die Knäuel vom Tisch. Die Idee war witzig, aber unrealistisch. Ich überlegte, was realistisch war. Dann schrieb ich:

•Mir eine EIGENE EXISTENZ aufbauen!!!

•Einen Mann kennenlernen (gern Villenbesitzer), der mich wertschätzt! Sogar mithilfe seines Portemonnaies!!!

Um mich der historischen Tragweite meines Entschlusses zu vergewissern, ging ich gucken, was für ein Datum war.

Frankfurt, den 13. Januar 2018, schrieb ich auf den letzten Zettel und unterzeichnete ihn schwungvoll.

Weil mich meine neuen Lebensaussichten mächtig unter Strom gesetzt hatten, ging ich zur Beruhigung zu Yolanda ins Yoga. Als ich nach zwei Stunden zurückkehrte, brauchte ich einen doppelten Espresso, um wieder Kreislauf zu kriegen. Nach so viel Entspannung war ich völlig neben der Spur.

Kaum hatte ich ihn getrunken, flog die Tür auf und ein Wirbelsturm brauste durch die Küche.

»Hei Mom! Ich brauch mal eben ‘n paar frische Slips.«

Seit sie im Studierendenwohnheim wohnte, kehrte Rosa gelegentlich spontan in den Schoß der Familie zurück. Sie wusch da auch gleich ihre schmutzige Wäsche. Ich war stolz auf mich, jedes Gluckentum überwunden und darauf bestanden zu haben, dass sie für sich selbst sorgt.

Hinter dem flammendpinken Haarschopf meiner Tochter erschien der kahle Schädel von Achilles. Die beiden hatten sich als Dreijährige in der Kita kennengelernt und vor ein paar Monaten zufällig im Unicafé wiedergetroffen. Da hatte Achilles noch wallendes griechisches Haupthaar, aber das war im letzten Monat verrutscht und hing ihm nun am Kinn. Achilles studierte Kulturanthropologie, Rosa war angehende Soziologin. Die beiden wohnten inzwischen zusammen in einer WG.

»Hallo, Frau Doktor Wechselburger-Auerbach.« So begrüßte mich der Freund meiner Tochter immer. Für mich schwang da ein doppelter Boden mit. Vermutlich fand er Doppelnamen affig und verachtete akademische Titel, die angeheiratet waren. Seine Mama hieß einfach nur Parapopoulos und führte einen kleinen Malerbetrieb, sein Papa war ihr einziger Angestellter.

Alles in allem mochte ich Achilles aber.

»Na, ihr beiden Turteltäubchen? Alles fein?« Bei der Jugend kam es drauf an, den richtigen Ton zu treffen. Ich stupste Rosa mit dem Ellenbogen. »Wie läuft’s an der Uni?«

Was das Intellektuelle anging, brauchte ich mich nun wirklich nicht zu verstecken. Als Filmwissenschaftlerin konnte ich da voll mithalten. Als ich so alt war wie Rosa, hatte ich schon das Vordiplom in der Tasche und saß an den Vorbereitungen für meinen Abschlussfilm! Leider ist er nie fertig geworden, weil mein Dozent Gottfried Schachtschnabel es an Förderung fehlen ließ. Der Mann schenkte seine Aufmerksamkeit nicht etwa mir als seiner begabtesten Studentin, sondern anderen Frauen, ja sogar der eigenen Ehegattin, die mit ihm in Trennung lebte! Kurz verlor ich mich in Erinnerungen. Gottfried Schachtschnabels Augen waren wunderbar jeansblau, genauso wie sein Benz, in dem ich gelegentlich mitfahren durfte. Aber das ist eine andere Geschichte … Man muss die Vergangenheit loslassen, sie gehört uns nicht, sagt Laotse. Wenn sie uns als Bumerang um die Ohren fliegt, gehört sie uns vielleicht doch, oder so ähnlich.

Gottfried gehörte jedenfalls zu dem, was ich seit langem losgelassen hatte. Und nun würde ihm Albert folgen …

Es wurde dann noch ein netter Nachmittag. Rosa erzählte von ihrem Seminar bei Prof. Dr. Dr. Sabine Maier-Rubinski, der Feminismuslegende am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften. Thema ihres Seminars sei die heteronormative Matrix.

»Kennst du, oder?«

Ich nickte. Klar kannte ich Sabine! Wir hatten zusammen studiert! Damals war sie aber noch die Bini Maier. Den Doppelnamen legte sie sich erst mit Beginn der Karriere zu. Das fand ich witzig, weil Frauen, die heiraten, oft ja gar keine Karriere machen. Andersrum, erklärte mir Bini: Verheiratete Frauen fänden im Beruf mehr Respekt. Das leuchtete mir irgendwie ein. Die Frau wird dann nicht für Freiwild gehalten, sondern gehört einem festen Halter. Da ließen andere Männer sie eher in Ruhe. So fiel ihr die Karriere leichter.

Da Bini einen Doppelnamen wollte, aber keinen Mann, hängte sie sich den Mädchennamen ihrer Mutter an und verlängerte so gleich noch die matriarchale Linie. Das fand ich gut, aber unnachahmbar. Ich hatte hinter meine Mutter längst einen Schlusspunkt gesetzt – ein Bindestrich kam da gar nicht infrage! Außerdem war meine Mutter eine geborene Würgassel.

Rosa erzählte dann genauer von ihrem Seminar bei Sabine: Der gesellschaftliche Knackpunkt sei Gender.

»Das soziale Geschlecht«, bestätigte ich, um zu zeigen, dass ich auf dem Feld der Theorie Schritt hielt.

»Ob du nun cis bist oder genderunkonform«, dozierte Rosa, »das Wichtigste ist: Geschlecht darf nicht binär gedacht werden. Sonst landest du auf der heteronormativen Matrix, und schwups, bist du mitten in der Zwangsheterosexualität.«

Achilles nickte. Sein Bart nickte auch.

Da ich das Cis bisher der Musik zugeordnet hatte und mir diese Norma Trix nichts sagte, hörte ich aufmerksam zu. Die Geschlechterverhältnisse hatten mich immer schon bewegt, aber wie heute darüber gedacht wurde, klang in meinen Ohren ziemlich verquer. Da gab es L-G-B-T-Q, und wenn überhaupt noch von Frauen und Männern die Rede war, trugen sie Sternchen und performten ihr Geschlecht nur. Nun haben die Verhältnisse zwischen Frau und Mann ja nie einfach gelegen. Allerdings war für uns damals in der Frauenbewegung alles eine Frage der Erziehung. Wie schon Simone de Beauvoir sagte, werden wir nicht als Mädels geboren, sondern dazu gemacht. Aus diesen Mädels machten wir Feministinnen dann Frauen – das meint nicht etwa Eierstockträgerinnen, sondern politische Wesen! Und die konnten so einiges bewegen! Das bot auch mir lange Trost: Powerfrauen konnten sogar Männer zurechtbiegen oder aber sie durch Lesbischsein strategisch umschiffen.

Ich hatte zu der feministischen Fraktion gehört, die mit Männern schlief und sogar mit ihnen redete, weil ich dachte, dass selbst dieser Spezies mit Vernunft beizukommen sei. Im Laufe meiner vielen Ehejahre war ich aber zu der Überzeugung gelangt, dass die Geisteskraft des Mannes oder aber die Erziehungsfähigkeit der Frau oder sogar beides historisch überbewertet wurde. (Zugegeben, ich hätte schneller zu dieser Erkenntnis kommen können.) Jedenfalls hatte ich schon vor Jahren aufgegeben, mit Albert zu reden. Er auch mit mir. Ihm reicht ein Post-it, viel zu sagen hat er sowieso nicht. Albert ist kulturell und politisch desinteressiert, liest nur Medizinisches, hält Feminismus für gaga und Geiz für geil. Für mich war er noch nie ein echter Gesprächspartner. Inzwischen ist er nicht mal mehr mein Partner.

Ich ließ mir von Rosa und Achilles noch ein paar steile Gender-Thesen erläutern, dann war der Trockner fertig und die Wäsche wurde in zwei karierten Riesenplastiktragetaschen verstaut.

»Heut Abend ist Orgatreffen im Café Buntpunkt. Da bereiten wir das Programm für unser Sommercamp vor!«, informierte mich Rosa, die dabei die Öffentlichkeitsarbeit übernommen hatte. »Ich freu mich schon voll drauf!«

Achilles hängte sich bereitwillig rechts und links eine von Rosas Riesenplastiktragetaschen über die Schultern und dann zogen sie wieder los. Sinnend blickte ich ihnen nach.

Ich mag Männer, die aus freien Stücken und nach Kräften ihre patriarchale Dividende zurückerstatten.

4. Annabell, oh, Annabell

An der Kasse im Buchladen AnnaBella stand schon wieder so eine junge Frau, die ich nicht kannte. Und sie kannte nicht mal mich! Dabei hatte ich sechs Jahre lang im Laden mitgearbeitet! Gut, das war ein Weilchen her, Anfang der Neunziger, zu der Zeit hieß er noch AnnaConda und war ein Frauenbuchladen gewesen. Damals wechselten die Ladenfrauen kaum. Es waren immer dieselben zehn. Was auch daran lag, dass kaum eine bereit war, zwei Tage pro Woche irgendwo mitzuarbeiten, ohne Geld dafür zu kriegen. Bei AnnaConda gab es nur eine bezahlte Stelle, den Rest erledigte das sogenannte Kollektiv für lau. Diese Organisationsform musste sein, weil der Laden ein politisches Frauenprojekt war und nicht etwa ein kapitalistisches Geschäft. Den sich daraus zwingend ergebenden Überhang an Lehrerinnen, Arztgattinnen und Kinderlosen nahm das Ladenkollektiv in Kauf – welche Frau sonst hatte genug Zeit oder Geld und konnte sich eine Putzfrau leisten, die bei ihr daheim putzte, während sie selbst unbezahlt Bücher verkaufen ging? Gerechtigkeitshalber ließen wir die bezahlte Stelle jährlich rotieren; so erhielt jede im Kollektiv die Chance, im Laufe von zehn Jahren an die Reihe zu kommen. Das Rotationsprinzip an sich war kein Problem, weil damals alle alles oder nichts konnten. Sogar das Klo putzen. Mir fiel ein: Es gab da einen Mann, der sich bei AnnaConda als Kloputzer bewarb. Mit einem echten Bewerbungsschreiben, in dem stand, er wolle den Frauen unentgeltlich dienen, um damit seinen Beitrag zum Abtragen der Schuld für fünftausend Jahre Patriarchat zu leisten. Das Kollektiv diskutierte die Bewerbung und lehnte sie sehr zu meinem Bedauern ab.

Ich nickte der jungen Unbekannten an der Kasse freundlich zu – denn schon bald würde ich ihre neue Kollegin sein. Mein Plan war, bei AnnaBella als Aushilfe einzuspringen, um mich schnell unentbehrlich zu machen und am Ende die Geschäftsleitung zu übernehmen.

Da die Kollegin in spe offenbar noch zu tun hatte, besah ich mir die Ecke mit den Sachbüchern. Die Regalschilder ließen mich ungläubig den Kopf schütteln. Haufenweise »Lebenshilfe«! Sogar ein Fach mit »Trennungsratgebern«! Früher, da zeugten unsere Beschriftungen noch von feministischer Brisanz. Sie hießen »Subsistenzarbeit«, »Internationale Frauenbewegung« oder »Erotik / Sex / §218«! Unser neues Fach »Mager- und Esssucht« platzte bald aus allen Nähten, noch schneller das Brett »Sexueller Missbrauch«. Leider bescherte gerade dieses Schild uns den Besuch der Anarchas von der Roten Willma, die unserem Kollektiv null politischen Durchblick attestierten. Welche, die sexueller MISSbrauch schrieben, unterstellten ja wohl, dass es einen sexuellen GEbrauch gebe, der dann also okay sei?!

Was denn ihrer Meinung nach auf dem Schild stehen müsse, fragte ich die Roten Willmas. Auf dem Schild müsse stehen: »Sexuelle Gewalt gegen Frauen und Lesben unter besonderer Berücksichtigung emotionaler sexualisierter Übergriffigkeit«, lautete die Antwort. (Zu der Zeit waren noch keine Sternchen über der Genderwelt aufgegangen.)

Ich sagte, dann kapiere niemand mehr, was in dem Fach für Bücher stehen. Falls doch, ziehe es Triebtäter und Voyeure an. Eine Rote Willma entgegnete mir zornrot, dass wir Frauen vom AnnaConda-Kollektiv eh alle antifeministische Pseudas seien, weil wir Männer reinließen. Keine echte Frauenbuchlädin ließe Männer rein. Nicht mal Briefträger.

Wir kamen am Ende nicht wirklich zusammen. Die Willmas zogen ab und ließen im Raum stehen, uns gelegentlich einen Molotowcocktail vorbeizubringen, was schon damals keine Einladung zu einem Drink war. Trotzdem blieb ich eisern, was die Beschilderung anging. Ich beharrte außerdem darauf, dass es nicht scheißreaktionär sei, lesbische Liebesromane ins Schaufenster zu stellen.

Auch hierin erwies ich mich als Vorreiterin: Im Fenster von AnnaBella standen heutzutage sogar heterosexuelle Liebesromane! Tja. Generell waren die Zeiten an dieser Buchhandlung nicht spurlos vorübergegangen. Sonst ging aber vieles am Buchhandel vorüber: Der Laden war menschenleer. Was mir momentan nur recht sein konnte; wenn ich mich informieren oder spontan bewerben wollte, war ich am liebsten ungestört.

Ich hielt gerade einen dicken roten Schmöker mit dem Titel »Reich ohne Geiz« in der Hand, als mir eine ältere Dame unverfroren über die Schulter schaute.

»Willst du dich mal wieder von Albert trennen?«

Irritiert sah ich auf und erblickte Sieglinde Lamar-Schadler. So hieß sie jedenfalls vor dreißig Jahren in ihrer Ehe mit Steuerberater Wolf-Dietrich Lamar. Später hatte sie den Lamar vorteilhaft ersetzt, sich sozial hochgeheiratet und hieß heute Mein-Gatte-ist-Zahnarzt-Schadler. Damit war Sieglinde am Ziel, sie stand schon immer auf Ärzte. In der Zeit, als uns ein zaghafter Versuch von Freundschaft verband, hatte sie sogar phasenweise Albert nachgestellt. Da hatte sie sich aber vertan! Man kann Albert vieles unterstellen, aber nicht, dass er blind ist, was Frauen angeht. Als dann der Zahnarztdampfer aufkreuzte, änderte Sieglinde ihren Kurs und wurde sein Beiboot. Soweit ich wusste, begegnete Albert dem Paar gelegentlich noch auf Medizinbällen oder wo man sich ärztlich so trifft. Hin und wieder luden sie ihn auch zu sich ein, auf einen Drink unter Freunden und Kollegen. Ohne mich. Als Nichtmedizinerin und angeheirateter Appendix zählte ich nicht für Sieglinde, die eine Ausbildung als Zahnarzthelferin vorzuweisen hat. So hatten wir uns schon ewig nicht mehr gesehen.

Optisch war Sieglinde ganz bei sich angekommen. Kariertes Wollkostüm – das passte, auch wenn bei ihr der mittlere Knopf spannte. Der überm Bauch, nicht der überm Busen. Dazu Damenhandschuhe. Schon in unserer Jugend hatte sie ausgesehen wie ihre eigene Mutter. Ich verweigerte Make-up, Sieglinde stand die Gediegenheit im Gesicht wie fette Schminke. Ich warf meine BHs weg, Sieglinde trug ein Korsett aus Reife.

Wenn ich sie so ansah, fragte ich mich, ob wohl auch sie sich neun Jahre jünger fühlte. Angeblich tun das ja alle. Ich selbst fühle mich wie achtundvierzigdreiviertel, und nicht nur das: Ich sehe auch so aus.

Was suchte eine bekennende Nichtleserin überhaupt bei AnnaBella? Wenn mit Sieglinde hier an diesem Ort der Kultur öfter zu rechnen war, musste ich mein buchhändlerisches Comeback überdenken.

»Und wann lässt du deinen Zahnarzt ziehen und überbrückst ihn mit einem Professor der Medizin?« Ein gelungener Seitenhieb, der Sieglinde entging, denn sie lachte sich scheckig.

»Hahaha! Wo denkst du hin! Wir feiern nächste Woche fünften Hochzeitstag! Jetzt such ich für ihn ein Geschenk. Ich schenke meinem Mann grundsätzlich Bücher«, verriet sie mir. »Damit gehe ich auf Nummer sicher. Er kauft selber nie welche. Vorher schau ich hier im Laden vorbei und wenn mir eins gefällt, bestell ich es. Das ist heute ja unheimlich praktisch.«

»Wieso kaufst du es nicht gleich an Ort und Stelle?«

»In einer Buchhandlung? Aber da haben es doch schon tausend Leute betatscht!« Sieglinde schüttelte sich vor Ekel, ich verstand nun, wieso sie Handschuhe trug. »Die ganzen Bakterien! Außerdem kriegst du die Internetbestellung per Post zugeschickt. Bildbände sind ja so entsetzlich schwer!«

Sie war sich also auch als Anhängerin abartiger Kauftrends treu geblieben. Einmal hatte sie Wolf-Dietrich ein schlammfarbenes Tandem von Eduscho zum Geburtstag geschenkt.

»Komm, lass uns einen Kaffee trinken«, schlug Sieglinde vor, als seien wir zwei Freundinnen auf Shoppingtour.

Ich winkte ab. »Keine Zeit.« Als ich ihren verständnislosen Blick sah, sagte ich: »Ich recherchiere Literatur.«

»Besuchst du jetzt die Universität des dritten Lebensalters?«, kicherte sie. Ich fand das von Sieglinde ziemlich frech.

»Ich schreibe ein Buch.«

Sieglinde riss die Augen auf. Als sie sich wieder berappelt hatte, flötete sie mit einem Lächeln, das sie für weise hielt: »Das sagen viele!«

»Mag sein. Aber ich tu’s.«

Damit überließ ich sie ihrem ungläubigen Staunen.

5. Der Antrag

Ich schrieb ein Buch – im Gegensatz zu Menschen, die das nur von sich behaupten. Mein Konzept hatte ich in groben Zügen skizziert, seit zwanzig, dreißig Jahren lag es in irgendeiner Schublade. Keine Ahnung, in welcher, aber ich weiß auch so, worum es in meinem Buch gehen soll. Erstens um die Frauen. Zweitens um die Männer. Drittens um die Liebe. Den Rest würde ich ausarbeiten – und zwar bald. Darüber war ich mir soeben klar geworden. Es wurde Zeit, zu tun, was immer schon auf meinem Lebensplan stand: Bücher verkaufen und schreiben!

Nachdem ich im Buchladen alle vorrätigen Trennungsratgeber und Selbstfindungshilfen durchgeblättert hatte, ging ich in aller Ruhe allein Kaffee trinken. Bis Albert zu Hause auftauchte, wollte ich den Tag nutzen, um meine Zukunft voranzutreiben.

Kaum saß ich im Café Läuft, krähte das Handy. Der Hahnenschrei zeigt Nachrichten von Albert an (es gab keinen Kuckucksruf als Signalton). Mein Nochgatte ließ mich per SMS wissen, dass es spät werden könnte. Es stünden heute zwei, drei Not-OPs an.

Früher hatte mir imponiert, dass Albert als Arzt Leben rettet. Inzwischen beschlich mich der Verdacht, dass er auch das nur aus Geiz tat. Er wollte nichts umkommen lassen.

Ich trank zwei Espressi, rief alle meine besten Freundinnen an und unterrichtete sie von meiner Lebenswende. Drei gratulierten mir, zwei kondolierten mir, alle boten Unterstützung an.

Danach fühlte ich mich stark genug, die heimische Frontlage zu klären. Irgendwie und irgendwann musste schließlich auch Albert erfahren, dass ich mich von ihm trennte.

Auf dem Heimweg kaufte ich im Blumenladen Gothic Blooms dreißig schwarze Rosen.

Zu Hause hängte ich als allererstes meine Kunst wieder auf. Abgehängt hatte Albert ausgerechnet meine feministisch-kritischsten Werke: »Er meint es doch nur gut«, »Beim nächsten Mann wird alles besser« und »Hilfe, ich bin die Weltputzfrau!« Das war in meinen Augen kein Zufall!

Sorgfältig arrangierte ich die Rosen in einem Putzeimer (!) auf dem Küchentisch und nahm mein pinkfarbenes Briefpapier aus der Schublade. Mit Füller schrieb ich in Schönschrift:

Albert —

willst Du mein Exmann werden?

Dann sag Ja zur Scheidung

Constanze

P.S.: u.A.w.g. bis morgen.

Ich steckte den Bogen ins magentafarbene Kuvert, bestäubte es mit einem Hauch Parfüm und schob es zwischen die Rosen. Mein Scheidungsantrag machte ziemlich was her.

Zuletzt stellte ich im Flur alle achtundzwanzig Kuckucksuhren auf fünf Uhr achtundvierzig und entsicherte die Schlagwerke. Albert würde ein frohes Erwachen haben! Höchste Zeit …

Dann packte ich meine kleine Reisetasche und verließ das Haus.

Als ich die Wohnungstür hinter mir zuzog, überkam mich Traurigkeit. Wie Albert wohl guckte, wenn er meinen Brief las? Würde er vielleicht sogar weinen? Vergrübe er verzweifelt den Kopf in meinem Duft? Hinge ihm Tinte an Nase und Stirn, wenn er sein tränennasses Antlitz wieder höbe, um dem Himmel seinen bitteren Schmerz zu klagen …?

Wie schade, dass ich das nicht sehen konnte!

6. Mamma Mia

Im Mamma Mia winkte mir meine beste Freundin Mira zu, als sei ich in Seenot und sie Sea-Watch-Kapitänin. Das war nett von ihr, aber unnötig. Die Schlafcouch, die sie mir großzügig für eine Nacht angeboten hatte, reichte vollkommen. Vorher würden wir zusammen essen und ausgehen, damit ich nicht vom Fleisch fiel und mich von dem Ärger mit Albert ablenken konnte. Analytische Gespräche über meine Trennung würde ich heute Abend nicht führen. Mira brachte für das Schicksal anderer Leute Empathie auf, aber höchstens für fünf Minuten. Dann richtete sich ihre innere Kompassnadel wieder auf sie selbst.

Im Mamma Mia war es voll, und das seit Jahren. Sobald Luigi aufschloss, stürmten die Leute den Laden. Die Pizzeria war die Arche im kulinarischen Untergang Bornheims und Luigi der Noah. Auf Archen retten sich gewöhnlich Paare; ich war und bin da die Ausnahme. Als Studentin zog ich allein durch Kneipen, seit meiner Heirat gehe ich allein in Restaurants. Albert arbeitet ja entweder, oder er spart. Bei Luigi esse ich, seit er vor zweiundzwanzig Jahren zum ersten Mal seine Pforten öffnete. Wenn ich ins Restaurant komme, stürzt er gleich auf mich zu, haucht mir einen Kuss auf die Hand und geleitet mich an einen freien Platz. Für mich hat er immer einen.

Ich schob mich durch die engen Reihen in den hinteren Teil des Raumes. »Konnte gerade noch den letzten Tisch für uns ergattern«, versicherte Mira in strahlendem Unwissen. »Gut siehst du aus!« Dabei glitt ihr Blick über mein Outfit.

Das sagt sie immer. Schwer vorstellbar, dass ihr meine Kleidung wirklich gefiel. Ich trage gern Farben. Möglicherweise brachte mein Stil in ihrem tiefsten Innern eine ungekannte Saite zum Klingen. Sie selbst kleidet sich passend zu ihrem blassen Teint. Wenn sie einem Farbrausch verfällt, schmeißt sie sich in dunkelblau. Heute trug sie ein Twinset, darüber ein Perlenkettchen mit Kreuz. Sie kam direkt aus dem Büro.

»Und jetzt erzähl!« Mit dieser Aufforderung tarnt Mira immer den Beginn eines ihrer Monologe. Einen Sepia mit Gemüse später wusste ich alles über ihren neuen Job. Wer wen mag, wer sein Büro neben wem hat, wer wessen Boss ist und wer wessen Bitch. Ihre neue Vorgesetzte glich der alten bis aufs Haar, was Mira nicht davon abhielt, mir auch die neue Vorgesetzte haarklein zu beschreiben. Ich kannte keine von beiden, hätte sie aber sicher auf der Straße erkannt.

»Sie also so: Das und das gehört dann auch zu Ihrem Tätigkeitsfeld. Sie machen das ja wohl nicht zum ersten Mal, oder? Und dann schaut sie mich an, weißt du. Genau so, wie mich früher die Schmitter immer angeschaut hat. Mit diesem Blick, bei dem ich nie wusste, will die mich jetzt provozieren, damit ich was sage, worauf sie dann sagen kann: Aber Frau Birger, das versteht sich doch wohl von selbst – bei Ihrem Portfolio! Wie das die Schmitter halt gemacht hat, du weißt ja.«

Ich wusste es, als hätten wir all die Jahre im selben Büro gesessen. »Was macht die neue Firma nochmal?«

»Financial Outsourcing.«

»Aha. Also dasselbe wie die alte.«

Mira sah mich groß an. »Nee, was ganz anderes! HCPT war ja der Shareholder für den Megadeal mit Forcythe Geografics!«

Wie hatte ich das vergessen können! Ich bestellte mir noch einen Rotwein. Falls es zum Härtesten käme und ich mir einen Job suchen musste, würde ich das Finanzwesen meiden.

Während Mira mir der Reihe nach ihre neuen Chefs vorstellte und einen ausführlichen Überblick über die Aufgaben in ihrem neuen Job gab, dachte ich über den Sinn des Lebens und der Liebe nach.

Wenn man solo lebt wie zum Beispiel Mira, sucht die Libido nach Ersatzbefriedigung und wirft sich schamlos aufs Feld der Arbeit. Das hatte schon der alte Sigmund durchschaut und Triebsublimierung genannt. Geiz ist geil, fand dagegen Albert, und in der Tat war es seit Jahren das einzige, was ihn noch geil machte. Seine protestantische Ethik blies ins selbe Horn. Mir erschien das alles zu lustfeindlich. Warum soll Geld mehr Spaß machen als Sex?

Mira sah mich erwartungsvoll an. Hatte ich laut gedacht? Ich schaute erwartungsvoll zurück.

»Wie auch immer«, gab sie sich selbst die Antwort. »Letzten Endes habt ihr nie wirklich zusammengepasst. Jedenfalls herzlich willkommen im Club! Let’s go!«

Ich nickte, obwohl ich mir nur schwer vorstellen konnte, mit Mira in ein und denselben Club zu gehen. Zuletzt war das vor rund einem Jahrzehnt vorgekommen.

Wir tranken die Grappini, die Luigi uns spendierte, und machten uns auf den Weg.

7. Ein Abend mit Olivia

Im Riverside tanzte der Bär, obwohl es erst kurz vor neun war. Das machte den Laden jeden zweiten Donnerstag im Monat zum Hotspot für das reifere Alter. Man musste nicht erst vorschlafen und um elf Uhr nachts von der Couch hochkommen, um sich müde aufzubretzeln, sondern konnte direkt nach dem After-Shopping-Häppchen in den Club gehen. Um zwanzig Uhr schlossen die Geschäfte und das Riverside öffnete.

FOURTYPLUS hieß das Motto dieser Donnerstagabende und ziemlich viel Plus bot auch Usch, die DJane. Ihre Musikauswahl war aber große Klasse.

Kaum hatten wir die Mäntel abgegeben, verschwand Mira schon wieder aufs Klo. Anscheinend litt sie unter Blasenschwäche. Ich schob mich an die Theke, von der aus man die Tanzfläche im Blick hat, und überflog die wogenden Häupter ein Geschoss tiefer. Nur vereinzelte grauweiße Schöpfe und wenige kahlnasse Glatzen. Also wieder kaum Männer da.

Zwischen den zuckenden Leibern trudelte eine bunte Kugel wie in einem Flipperautomaten. Kaum stieß sie an einen anderen Körper, löste sie sich wieder und trudelte weiter. Offenbar hatte vor Beginn der Disko ein Kontakttango-Workshop stattgefunden. Gerade umkreiste die Kugel einen langen Kerl, der wie ein Mast aus dem Gewoge ragte. Sein weißes Hemd machte sich gut als Segel. Überraschenderweise hatte der Kerl dichtes Haar, ja sogar eine Haarfarbe und war mir kein Unbekannter – sondern mein Quasi-Lover Henri! Was für ein Zufall! Um ein Haar wären Henri und ich vor fünf, sechs Jahren im Bett gelandet, doch mit Rücksicht auf Kinder und Ehepartner hatten wir uns in sexuellem Verzicht geübt. Henri und ich waren zum leibhaftigen Beweis geworden, dass Freundschaft zwischen Mann und Frau möglich ist. Leider mussten wir unseren Angetrauten diesen Triumph verschweigen. Dabei hätten sie stolz auf uns sein können. »Sie haben einen echt tollen Mann! So sexy und dabei unkaputtbar treu!«, hätte ich Henris Frau am liebsten gesagt, als ich die beiden beim Edeka traf.

Während ich mich zu erinnern versuchte, auf welche Weise Henri eigentlich in mein Leben ein- und wieder aus ihm hinausgetreten war, drängelte sich eine aufgedonnerte Diskotussi neben mich an den Tresen. Ihre Parfümwolke drängelte mit.

»Zwei Apero!«

Die Tussi war sehr stark geschminkt und hoch toupiert. Mein Blick blieb an ihrem schillernden Schuppenkleid hängen, das dem Fischschwanz einer Seejungfrau zur Ehre gereicht hätte. Oder dem Kleid einer Dragqueen.

»Hier, für dich!«, sprach die Erscheinung und schob mir einen der Aperos zu. »Alles klar?«, fragte sie, als ich stumm blieb. »Tja, da staunst du, was?« Sie stippte die bauschige Haarwolke zurecht und verzerrte ihren grellroten Mund bis zu den Ohren.

Nun verstand ich. »Du hast eine Wette verloren und musst als Olivia Jones gehen.«

»Wieso, welche Wette denn? Nö, wir lassen heute einfach mal die Sau raus.« Zwei tiefe Grübchen erschienen in Miras Wangen, als sie am Strohhalm sog. Im Nu war das Glas leer. »Und? Hast du die Männerlage gepeilt? Was ich bisher so sehe, macht mir Lust, mich zu besaufen.« Ihr Blick blieb an meinem kaum berührten Prickelzeug hängen. »Wenn du nicht magst, gib her.«

Wortlos reichte ich ihr das Gesöff. »Seit wann haben sie hier eigentlich einen Kostümverleih?«

Mich traf ein strafender Augenaufschlag. »Spaßbremse! Und so was nennt sich beste Freundin! Ich hab natürlich alles dabei, Push-up, Make-up, künstliche Wimpern – oder dachtest du, ich tanze im Businessoutfit?« Damit zuzelte Mira auch meinen Apero aus, ließ den Strohhalm geräuschvoll über den Grund schnorcheln und schob das leere Glas von sich.

»Los, come on! Let’s dance!«

Auf silbernen Riemchen-High-Heels stakste sie vor mir her zum Parkett.

Henri lächelte innig, als er uns kommen sah. Er hatte mich sofort wiedererkannt, schließlich wirke ich heute keinen Tag älter als vor fünf, sechs Jahren. Er dagegen hatte ein paar Falten mehr, das konnte ich sogar im Licht der Spots erkennen. Aber sie standen ihm. Überhaupt sah er sehr gut aus. Sein dunkelblondes Haar war noch immer voll, er trug es etwas länger als damals, das schmeichelte seinem kantigen Profil. Das weiße Hemd saß wie angegossen, womit ich nicht meine, dass es verschwitzt an ihm geklebt hätte. Nein, Henri besaß, wie ich wusste, ein extra Deo für ultraheiße Momente. Der Mann kannte sich aus! Auch seine Hose saß und brachte immer, wenn er sich drehte, einen ausnehmend hübschen Apfelpo zur Geltung.

Und Henri drehte sich oft.

Alles in allem war dieser Mann eine echte Sahneschnitte. Und die begegnete mir gleich am Abend meiner Trennung! Wenn das kein Wink des Schicksals war! Henri und ich würden noch heute mit unserer platonischen Vergangenheit brechen.

Wir tanzten, was Uschs Plattenteller hergaben.

Henri drehte und drehte sich und jedes Mal, wenn er sich drehte, umwehte mich ein Hauch von Zitrus, Zeder und Zaubernuss, und ich sah auf diesen verführerischen …

»I’m so happieee!!!«, schrie Mira in meine Andacht hinein, während sie schon wieder mit wedelnden Armen um uns herstakste, und erneut drehte Henri sich wie am Gummiband gezogen und gönnte mir seine Hinteransicht. »Happy-happy as could beee …«, grölte Mira den Refrain mit und hüpfte wie angestochen am Platz, während Henri um sie herumtänzelte.

Drei, vier Lieder später tanzten sie noch immer. Ich kehrte an die Theke und zu der platonischen Verbindung zwischen Henri und mir zurück. Offenbar war sein Allerwertester für mich das Aussichtsreichste an ihm.

Zum Glück war ich auf diesen Arsch nicht angewiesen!

Bestimmt war er weiterhin verheiratet und genoss genehmigten Ausgang, weil seine Frau heute Mädelsabend hatte.

Ich bestellte mir einen Prosecco und nahm das verbliebene Material in Augenschein.

Wie war ich froh, inzwischen keine faulen Kompromisse mehr zu machen! Es tat gut, sich selbst zu genügen und von keinem abhängig zu sein. Das Letzte, was eine Frau wie ich braucht, ist ein männliches Surrogatextrakt, wie es hier mit Bierflasche in der Hand an der Wand lehnte. Geschweige denn, zu Hause meine künstlerischen Bilder an die Wand stellte!

Erhobenen Hauptes schritt ich zur Garderobe. Als ich bereits im Mantel war, kam Mira-Olivia vom Klo.

»Willst du schon gehen?«

»Wonach sieht’s denn aus?«, versetzte ich.

»Aber ich dachte, du pennst heute bei mir?«

»Ach wirklich?« Ich sandte ihr einen Schlafzimmerblick.

»Aber Conny! Klar schläfst du bei mir! Das war doch so abgemacht. Du wirst ja wohl nicht zurück zu Albert! Warte, bin gleich wieder da!« Entschlossen wandte sie sich zur Garderobe und wedelte mit ihrer Marke.

»Hey, du musst doch jetzt nicht mitkommen«, rief ich, aber da hielt sie schon ihre Sachen in der Hand. Nach kurzem Kramen zerrte sie einen Fellbommel aus ihrer Umhängetasche und reichte ihn mir.

»Hier, mein Zweitschlüssel! Wirf ihn morgen in den Briefkasten. Gute Nacht, meine Süße!«

Sie schmatzte mir zwei Busenfreundinnenbussis auf die Wangen, gab ihr Zeug wieder ab, und weg war sie.

Ich verließ das Riverside im Gefühl einsamer Größe. Was ging mich Henri an. Das Glück einer unabhängigen Frau hängt einzig und allein von ihr selbst ab, nicht vom Begleiter.

8. Durchblick

Nach dem ersten Wein sah ich klarer: Henri hatte mich überhaupt nicht erkannt! Sonst hätte er niemals ein Auge auf Mira-Olivia Jones geworfen. Henri sah so schlecht, dass seine Brillengläser dick wie Glasbausteine hätten sein müssen. Darum trug er Kontaktlinsen. Außer beim Sport und beim Sex, aus Angst, sie zu verlieren. Das hatte er mir irgendwann im Vertrauen gesagt.

Nach dem zweiten Wein sah ich den Mann. Er saß mir gegenüber vor einem Bier und spielte an seinem Smartphone herum. Lange Haare, breite Schultern, schlanke Hände … als Plunderstückchen ginge er durch. Zum Gesicht konnte ich nichts sagen, bisher hatte er kein einziges Mal den Kopf gehoben.

Wir waren die letzten Gäste in der Schleiereule.

Nach dem dritten Wein sah ich, wo es langging. Ich erhob mich von meinem Barhocker und umrundete die Theke.

»Hallo! Und du so?«

»Ich such ’ne Frau«, sagte der Mann, ohne aufzusehen.

»Na, schau mal an!«

»Mach ich ja«, sagte er, ohne zu gucken.

»Hier siehst du beispielsweise mich«, half ich nach.

»Nö«, sagte er und fuhr übers Display. Offenbar war ich heute Abend auf Männer mit Sehstörungen abonniert.

»Ich bin die einzige Frau im ganzen Laden.«

»Du bist aber nicht auf Tinder.«

Da legte ich zwei Finger unter sein Kinn und hob es an.

Einen Wein später stellte Ulf mir die wegweisende Frage.

9. Hoppla!

Ich erwachte, als Sonnenstrahlen mir im Gesicht kitzelten, und sah mich irritiert um. Vorsichtig äugte ich auf die Seite. Außer mir lag niemand im Bett. Dann fiel mir wieder ein, dass ich gestern Nacht nicht zu Ulf mitgegangen war, ihn aber auch nicht mit in Miras Gästezimmer genommen hatte, um Albert den Todesstoß zu versetzen. Ulf hatte mich noch bis zur Haustür begleitet und wäre mir gern weiter gefolgt, aber ich fand den Konjunktiv »hätte mitgenommen werden können« fürs Erste ausreichend. Außerdem war mir kotzübel von zu viel Alkohol.

Auf meinem frühmorgendlichen Weg ins Bad schlich ich an Miras Schlafzimmer vorüber. Die Tür stand offen. Das Designerbett war mit einer dieser sauteuren Bassetti-Garnituren überzogen, die Decke lag glatt und straff und unberührt.

Die Dusche staubtrocken. Auch im Becken keine Wasserspuren. Meine Gastgeberin hatte außerhäuslich genächtigt.

Das Glück, aber auch das Unglück einer Filmwissenschaftlerin liegt in ihrer Vorstellungskraft. Bei mir lief ein Film, den ich gar nicht sehen wollte. Darin wälzte sich Mira Jones ohne Fischkleid mit einem baumlangen Kerl in dessen Lotterbett. Wenigstens war es ein Stummfilm, aber leider in Farbe.

Ich sah aufs Handy. Die Whatsapp, in der ich ihr um halb drei noch viel Spaß gewünscht hatte, war ungelesen. Anscheinend hatte sie die ganze Nacht keine Hand frei gehabt!

Dafür hatte mir Albert, altmodisch wie er war, eine SMS geschickt: »Danke für die Blumen :o))«

Nicht zu fassen. Er bedankte sich für meinen Scheidungsantrag! Das war ja wohl der Gipfel emotionaler Blockiertheit! Oder die Spitze eines Eisbergs an Fiesheiten, die mir das Blut in den Adern gefrieren lassen würden, sobald ich heimkäme …

Ich grübelte die ganze Heimfahrt, was mich wohl erwartete, und überfuhr an der Wittelsbacher eine rote Ampel. Wildes Hupen rief mich zur Besinnung. Und da begriff ich: Was auch immer Professor Auerbach sich ausgedacht haben mochte – es konnte mir egal sein. Ich war von ihm getrennt!

Hoppla!, sagte ich, als Albert von mir abfiel.

Die Wohnung sah so aus, wie ich sie verlassen hatte. Alles wirkte ganz normal. Lächerlich normal. Als sei überhaupt nichts geschehen! Kein zerschlagenes Geschirr, keine verschlossenen Türen, keine gepackten Koffer. Nichts. Die schwarzen Rosen standen voll aufgeblüht in der Küche. Nur das Kärtchen mit meinem Scheidungsantrag fehlte. Und die Post-its waren weg.

Ich schmiss die Tüte mit dem Croissant in die Ecke und kochte mir erst mal einen starken Kaffee. Dann saß ich wie benommen mit der dampfenden Tasse im Museum meiner Vergangenheit.

Etwas tropfte auf meine Hand.

Ich zog die Nase hoch und wischte mir über die Augen.

Weil Kreativität das beste Mittel gegen Trübsal ist, trottete ich durch den langen Jammer in das Zimmer, das ich als Atelier nutze, und machte mich an die Skizze eines neuen Werkes. Auf diese Weise würde ich aktiv meine Trennung verarbeiten.

Den Arbeitstitel hatte ich in null Komma nichts: »Selbst ist die Frau!« Auf meinem neuen Bild bohrt eine Heimwerkerin mit einem Schlagbohrer herzförmige Löcher in die Luft.

Irgendwie fand ich den Entwurf noch nicht ausgereift. Erschwerend kam hinzu, dass Constanze-Wechselburger-Auerbach-Werke bisher in keiner Galerie hingen, sondern nur im Frauenzentrum, als es das noch gab. Ich schuf Politisches, nicht l’art pour l’art. Die Frage war, wie ich meine Kunst zu Kohle machen konnte. Wie man Bücher verkauft, wusste ich – aber Bilder? Dazu braucht man Ausstellungen und Kunstmäzene und Sparkassenstiftungen und … all das rief nach einer Denkpause.

Kurz darauf lag ich in der Wanne und nahm ein Entspannungsbad, als Rosa anrief und mich mit ihrer Orgagruppe und dem Sommercamp vollquasselte. Erst hörte ich nur mit halbem Ohr hin, dann gar nicht mehr.

»Krass, oder? – Mama?!«

Ich nickte.

»Ist irgendwas? Ey, hörst du mir überhaupt zu?«

»Klar, mein Schatz. Alles supi!«

Für einen Moment schwang Skepsis im Äther, dann erklang wieder Rosas Stimme. »Na dann … Ciao-ciao und danke! Du bist einfach die beste Mama der Welt!«

Während ich mich einschäumte, staunte ich, seit wann meine Tochter so euphorisch reagierte, nur weil ich ihr mein mütterliches Ohr lieh. Wahrscheinlich hatten sie an der Uni gerade das Matriarchat oder nahmen Hannah Arendts Prinzip der Gebürtigkeit durch. Dass wir alle so auf die Welt kommen: aus Müttern heraus. Von Müttern niedergekommen werden. Gepressweht. Ins Leben gedonnert. Flutsch! Genau genommen ist das ja auch wirklich ein Hammer! Was für ein unbeschreibliches Gebären auf dieser Welt in endlosem Wehengewoge …!

Vor meinem inneren Auge glitschten blutverschmierte Babys aus geblähten Weiberleibern, Frauenschreie gellten an mein Ohr. Das Wasser verfärbte sich rot. Ich stieg eilig aus der Wanne und ließ es ab. Gurgelnd verschwand die Brühe aus Fruchtwasser und Blut im Siffon.

Zwei Minuten später saß ich in frischen Klamotten am Schreibtisch und fuhr mein Notebook hoch. Ich würde diese ganze brutale Schaffenskraft der mütterlichen Ursuppe jetzt sublimieren und endlich meine eigene Lebenskraft daraus schöpfen!

10. Schwarze Romantik

Ich schrieb ein Buch – also musste ich dranbleiben. Ich würde aber nicht den Fehler von Rowling wiederholen und mir dermaßen viel Arbeit beim Ausdenken machen. Mein Weg zum Erfolg würde Pilchers Pfaden folgen, aber natürlich feministisch gewendet.

Als ich Albert abends die Tür aufschließen hörte, stand der komplette Plot meines Liebesromans. Es ist die Geschichte der griechischen Studentin Gala und des englischen Managers Ron Steward, die sich an einem Kultkinoabend bei »Pretty Woman« kennenlernen. Ron erklärt Gala die Welt. Sein Geschöpf soll sie werden und so denken, wie er es will. Und sie findet das super, bis sie begreift, dass er sie entmündigt und bevormundet. Doch Gala hat einen eigenen Kopf und benutzt ihn. Als sie von Ron um ihrer selbst willen geliebt werden will, nimmt das Elend seinen Lauf, der alte Kampf beginnt …

Mit der Story würde ich meinem Lieblingsschriftsteller George Bernard Shaw ein Denkmal setzen, denn meine Geschichte war natürlich eine Adaption seines »Pygmalion«! Der wiederum die Adaption einer Erzählung aus Ovids »Metamorphosen« war: Bildhauer Pygmalion hat eine so genial weibliche Statue erschaffen, dass er sich in sie verliebt und sie dadurch zum Leben erweckt: Galathea – die antike Gala eben, Vorbild so vieler Traumfrauen, deren Existenz seither von Männern diktiert wurde … Bei Shaw hieß sie Eliza Doolittle und war eine Londoner Blumenverkäuferin. Ein Professor Henry Higgins, Sprachwissenschaftler, wettete, dass sie als Herzogin durchginge, wenn er ihr nur gutes Englisch und gutes Benehmen beibrächte. Wie wir auch aus »My fair Lady«, der Musical-Inszenierung des Stoffes wissen, gelingt das Experiment – doch als Eliza merkt, dass Higgins sie als Frau und Mensch nicht respektiert, verlässt sie ihn.

Ich aber würde die Geschichte nicht so enden lassen! Meine Gala würde nicht wie Eliza einfach nur gehen, sondern sie würde ihren eigenen Weg gehen! Meine Gala würde nicht wie Vivian Ward in »Pretty Woman« zusehen, wie Edward auf ihre Feuerleiter steigt, sondern sie würde ihrem Ron aufs Dach steigen! Ich würde Galatheas Geschichte endlich zu Ende schreiben!

Die ersten drei Kapitel meines Romans standen bereits. Ich hatte sie vor ein paar Jahren runtergetippt, beim Wiederlesen fand ich sie ganz passabel. Jetzt musste ich nur der Handlung eine neue Wendung geben, denn: Das neue Ende sollte ein Happyend sein!

Diese Entscheidung hatte mich viel Hirnschmalz gekostet. Happyend heißt ja im Allgemeinen Unterwerfung der Frau. Kuss, Hochzeit und Schluss. Seid glücklich und mehret euch. Das Glück der Frau geht dann stracks Richtung Entzauberung, seines auch, aber um das Glück des Mannes schert sich sowieso niemand, nicht mal er selbst. Er funktioniert ganz klassisch, und das reicht, denn er ist Funktionsträger. Hinter dem ehelichen Glücksversprechen verbirgt sich das Interesse des Staats. Als idealer Gesamtkapitalist will er Nachwuchs, also die Kontrolle über die Reproduktionsfähigkeit der Frau, das wussten schon Marx und Engels, hatte mir Gottfried Schachtschnabel damals erklärt.

Einer Ideologie, die dazu dient, nackte Staatsinteressen zu versüßen und Frauen wie Männer unglücklich zu machen, sollte meine Heldin auf gar keinen Fall auf den Honigleim gehen. Es reichte, dass ich selbst sie dreißig Jahre lang mit Albert praktiziert hatte. Unsere Ehe gab der Marxschen Theorie recht und der Liebe eine schallende Ohrfeige. Wobei die Heiraterei Alberts Idee gewesen war. Was schlüssig ist, schließlich leben wir im Patriarchat.

Bisher hatte ich für meinen Roman einen offenen Ausgang geplant, um dem Geschlechterkampf Raum zu verschaffen. Jetzt aber wollte ich nicht mehr nur ein Buch schreiben, sondern ich schrieb einen Bestseller. Ich musste mir eine Existenz aufbauen! Der Bestseller an sich ist nicht das Problem, als Buchhändlerin weißt du, wie Bestseller gehen. Aber ein Bestseller braucht ein Happyend, auch mit Blick auf die spätere Verfilmung! Was wäre »Pretty Woman« ohne die Szene mit Julia und Richard auf der Leiter? Ein Flop, so viel stand fest.

Mein Happyend wäre allerdings weit weniger kitschig. Dafür schüfe ich ein emanzipatorisches Vorbild, das kein Herz kalt und kein Auge trocken ließe. Mein Happyend stellte ich mir so vor, dass Gala und Ron sich harmonisch trennten! Ein Triumph für die Geschlechterdemokratie! Schon deshalb und wegen des gigantischen Honorars, das auf eine Bestsellerautorin wartet, konnte ich mit dem geänderten Ende sehr gut leben.

Ich schwelgte noch in dem neuen Schluss, als plötzlich das Licht ausging. Um mich her tiefstes Schwarz. Irritiert tastete ich mich zur Zimmertür. Draußen auf dem Flur war es auch finster. Ich tappte den stockdunklen Jammer entlang. Aua! Etwas Spitzes hatte sich in meinen Oberarm gebohrt, das Geweih einer blöden Kuckucksuhr. Schnell drückte ich das Ding zurück an die Wand. Die ganze Wohnung lag nachtschwarz. Nur hinten in der Wohnküche glomm ein zittriges Licht.

Dort saß Albert vor einer Kerze.

»Irgendwas kaputt? Sicherung rausgeflogen?«, erkundigte ich mich und hielt Ausschau nach durchgeschmorten Küchengeräten.

»Dir auch einen schönen Abend, Zuckerlämmchen«, gab Albert zurück. »Ja, es ist was kaputt. Offenbar unsere Ehe. Sicherungen sind auch rausgeflogen. Und zwar bei dir …«

Das war mal wieder typisch Albert! Den Krug einfach so lange zum Brunnen schleppen, bis er zerbricht und es aus ist, aber dann plötzlich beleidigt rumdüstern.

Ich nahm ihm gegenüber am Küchentisch Platz. Die Kerze flackerte vor seiner Nase und malte ihm ein bizarres Schattenspiel aufs Gesicht.

»Sehr witzig! Ich nehme an, du willst Strom sparen?« Mir kam eine neue Idee. »Wenn das hier ein romantischer Abend werden soll, kann ich nur sagen: Sei nicht albern, Albert.«

»Schwarze Romantik, Constanze! Passend zu deinen Rosen«, murmelte er grimmig.

»Monsieur Auerbach … Lass uns wie vernünftige Menschen reden. Wir sind erwachsen und dreißig Jahre verheiratet.«

»Stimmt. Und für mich gab es bis gestern nicht den leisesten Hinweis, dass du daran etwas zu ändern gedenkst. Ich fand den Brief echt lustig! Die Sache mit der Scheidung hab ich für einen Scherz gehalten! Dass du es ernst meinst, begriff ich erst, als du nicht heimkamst! Scheidung, out of the Blue! Wie sollte ich das ahnen? Du redest doch schon ewig nicht mehr mit mir, Constanze! Du interessierst dich weder für mich noch für meine Arbeit!«

Ich rollte die Augen. Natürlich wollte mein Mann nichts davon mitbekommen haben, dass wir uns schleichend auseinandergelebt hatten. Auseinanderschleichend gelebt hatten. Obwohl das nun schon Jahre so ging. Ich hätte aus dem Stand tausend Belege für unsere eheliche Entfremdung aufzählen können. Aber Albert war nun mal emotional völlig blockiert und ein Weltmeister im Verdrängen. Ein Aldi der Vernunft und des Gefühls. Bloß nicht zu viel investieren! Weder Hirn noch Schmalz!

»Also Albert, jetzt werd mal bitte wieder rational und lass uns eine harmonische Lösung –«

Weiter kam ich nicht, denn da erhob Professor Doktor Auerbach sein Stimmorgan und brüllte, dass die Wände wackelten: »Ich bin rational, Constanze! Ich bin harmonisch und erfülle dir deinen offenbar sehnlichsten Wunsch. Bitte sehr! Ich gebe dich frei! Ich trenne mich von dir! Aber!« Sein Gesicht verzog sich zu einer Fratze. »Auf den Tag, an dem ich mich von dir scheiden lassen werde, kannst du warten, bis du so schwarz wirst wie deine Scheiß rosen! Punkt!«

Damit stürmte er aus der Küche. Im langen Jammer schepperte es, als der Schirmständer umfiel.

Kurz darauf krachte die Wohnungstür ins Schloss.

11. Arbeit am Lebensglück

Am Samstag Vormittag war Albert noch nicht wieder zurück.

Bestimmt hatte er die Nacht bei einer seiner OP-Schwestern verbracht, die ihn immer schon so toll und so süß fanden wegen seiner dunklen Locken. Nun gut, das war inzwischen zwanzig Jahre her und durch Alberts weißgrauen Haarschopf schimmert längst das Knie. Er ist eben älter geworden.

Seine Schwestern dagegen sind nach wie vor meist junge Hühner. Ich habe zwar keine Ahnung, welche ihm gerade nachrennt, Albert erzählt ja nie etwas. Aber, Pflegekräftemangel hin oder her, für ihn gab es immer genug Schwestern, das war klar. Ich sah sie im Pulk hinter Albert über die blanken Flure wetzen. Dicke, dünne, vollbusige, blonde, blauäugige, brünette, rehäugige … Herr Professor Doktor Auerbach, Herr Professor Doktor Auerbach!

Um die Szene loszuwerden, stieg ich unter die Dusche.

Nach dem Duschen ließ ich die Tropfennasen am Glas, meine Haare im Siffon und das Duschhandtuch auf dem Boden liegen. Außerdem quetschte ich einen Strang Zahncreme ins Waschbecken, und zwar schön mitten aus der Tube. Die legte ich unverschlossen auf den Beckenrand. Albert würde ausflippen. Wenn ihn eines noch fuchsiger machte als Verschwendung, dann Unordnung und Hygienemangel, wie er es nennt. Wie schade, dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte, wenn er mein Post-it an der Badezimmertür entdeckte: »Sorry. War in Eile.«

Es stimmte. Ich hatte es wirklich eilig, hier wegzukommen!

Vor der Haustür fiel mir wieder ein, dass ich ja getrennt war. Der Herr Professor Auerbach konnte mir schnurzpiepegal sein. Mit diesem Gedanken schaffte ich es, Albert und seine Schwestern endlich an mir vorüberziehen zu lassen wie eine große weiße, nach Desinfektionsmittel riechende Chloroform-Wolke.

Der Himmel über der Wolke war blau.

Die Sonne schien. Ich setzte die Sonnenbrille auf und radelte in die Stadt, um an meiner neuen Existenz zu arbeiten.

Als Erstes schaute ich im Buchladen AnnaBella vorbei. Dort schließen sie Samstags schon um zwei Uhr, und ich musste dringend die Lage sondieren. Außerdem wollte ich ungern mit diesen sperrigen Einkaufstüten vom Second Chance da rein. Die Kundschaft fällt leicht drüber, und Buchhändlerinnen verdienen ja sehr wenig, sie sehen in vollen Tüten schnell eine Provokation, selbst in solchen aus dem Secondhand-Shop.

Diesmal stand wieder eine andere an der Kasse. Ich besah mir die Frau näher. Jung, aber mit Blümchenmuster wie von Oma. Vor mir standen noch zwei Kundinnen an, die zahlen wollten, eine dritte hielt einen Zettel in der Hand. Während ich wartete, vibrierte mein Handy. Ich warf einen kurzen Blick darauf.

Mira hatte mir ein albernes Filmchen geschickt. Schnäbelnde Flamingos. Vor einer Stunde hatte sie mir schmusende Einhörner gesendet, gestern kopulierende Pandabären. Seit Freitag versuchte ich sie anzurufen, sie ging aber nicht ran. Offenbar hatte die Clubnacht ihr nicht nur den Verstand geraubt, sondern auch die Sprache verschlagen.

Ich klickte die Flamingos weg und besah mir das Angebot an der Ladentheke. Lesezeichen, Schlüsselanhänger, alberner Non-Book-Schnickschnack. Genau dort würde eines Tages mein Bestseller liegen. »Wo habt ihr die Wechselburger? Ich brauch sie unbedingt zum Verschenken!« – »Ich auch!«, »Ich auch!« – »Hier bitte!« Lässiger Griff der Buchhändlerin zum sprichwörtlichen Platz an der Kasse. Wenn mein Werk erst einmal draußen war, hatte dieser Billigkram da nichts mehr verloren!

Die mit dem Zettel drängelte sich vor.

»Sagen Sie, ich such ein Buch. Soll ziemlich gut sein, von einer Julia. Nachnamen weiß ich leider nicht, aber was mit C.«

»Sachbuch oder Roman? Wissen Sie vielleicht den Titel?« Die Neue kassierte weiter, ohne aufzusehen. Auch auf ihrem Unterarm saßen grüne und gelbe und rote Blümchen. Früher waren Buchhändlerinnen nie tätowiert.

»Irgendwas mit Vögeln«, murmelte die Kundin und setzte entschuldigend hinzu: »Ich soll’s jemand mitbringen.«

Haha! ›Irgendwas mit Vögeln‹ war ja mal ein origineller Titel!

Die Buchhändlerin händigte der nächsten Kundin das Wechselgeld aus, in ihrem Hirn lief dabei schon die Suchabfrage. Ich wartete gespannt. Fragen an eine Buchhändlerin sind wie Ich-sehe-was-das-du-nicht-siehst. Die Antwort fiel denkbar enttäuschend aus: »Schauen Sie sich schon mal um. Ich bin gleich bei Ihnen, nur noch die Dame hier.«

Die Dame hier war ich. Die Augen der Buchhändlerin richteten sich auf mich. Im Blick las ich ein: Mach schon. »Was kann ich für Sie tun?«

»Also ich wollte fragen – vielleicht hätten Sie da ja was für mich«, begann ich und brach ab. Ich klang selbst schon wie eine, die weder Titel noch Autor kennt. »Wissen Sie, ich bin früher mal hier im Laden gewesen und darum dachte ich, ob Sie eventuell –«

Das Telefon klingelte. Die Buchhändlerin ging ran.

»Sachbuch oder Roman? Titel? – Ach so ja, das grüne. – Ja. – Haben wir da, stell ich Ihnen gern zurück.«

Als sie aufgelegt hatte, war ihr Blick leer. Ich verdrückte mich mit einem »Hab’s-eilig«-Lächeln. Gerade konnte ich mich jobmäßig nicht sehr gut rüberbringen.

Draußen vor der Tür blieb ich stehen und atmete durch. Bis zum nächsten Mal würde ich meinen Auftritt vorm Spiegel üben. Ich betrachtete mich im Schaufensterglas: Frau zwischen Büchern. Kein Zweifel, ich sah aus wie genau die Buchhändlerin, die in diesem Laden fehlte! Das musste ich ihnen bloß noch klarmachen. In der Auslage alles Romane. Einer stach mir besonders ins Auge.

Ich machte kehrt, riss die Ladentür auf und schrie Richtung Kasse: »Hey, von wegen Vögeln! Sie meint Juli Zeh! Unterleuten! Das mit dem Wiedehopf drauf! Liegt im Fenster!«

Die Buchhändlerin hob den Kopf. »Der Vogel auf dem Cover von Unterleuten ist ein Kampfläufer.«

Und der Vogel an der Kasse war eine Schnepfe! Aber das schluckte ich runter und rief lieber: »Hey, ich kenne mich mit Büchern aus! Hab früher hier mitgearbeitet! Ich bin die Conny! Bestimmt erinnert sich eine noch an mich. Constanze Wechselburger. Ihr könnt mich jederzeit anrufen, wenn ihr im Laden Hilfe braucht.« Ich wuselte ins Geschäft, kramte eine Visitenkarte aus der Tasche und warf sie auf den Tresen.

Die Schnepfe sah mich an, als wollte ich ihr einen Wiedehopf aufbinden. »Das alte Kollektiv gibt’s längst nicht mehr.« Aus ihrem Munde klang das so, als sei es kollektiv auf den Friedhof übergesiedelt. Egal. Ich hatte den Wiedehopf am Schopf gepackt und eine Spontanbewerbung hingelegt.

Dafür hatte ich mir jetzt eine Belohnung verdient.

Auch wenn ich nichts suche, im Second Chance werde ich immer fündig. Leider haben sie dort nicht Männer im Angebot. Aber die Auswahl an Vintageklamotten ist riesig, sodass man der ein oder anderen Versuchung erliegt. Meistens gleich beiden und mehr. Beim Eingang nahm ich mir einen großen blauen Plastikeinkaufswagen und zog los. Männer nehmen den Aufzug, Frauen nehmen sich einen Wagen. Anfangs hatte ich solche Rieseneinkaufswagen albern gefunden. Die Frauen sehen damit so seltsam entschlossen aus. Als ginge es um was. Als zögen sie in die Schlacht, um möglichst viel an sich zu raffen. Kampfkäuferinnen. Aber inzwischen wusste ich aus bitterer Erfahrung, dass spätestens nach drei Gängen die Arme schwer werden unter der Last der Kleider, die du anprobieren willst, und die Bügel hinterlassen Striemen auf der Haut.

Nach einer halben Stunde hatte ich mich mit meinem vollen Wagen in die mittlere Etage vorgearbeitet, wo immer so nette Oberteile hängen. Hier waren alle Umkleidekabinen besetzt, aber ganz oben gab es bestimmt freie. Außerdem findet man dort voll geile Siebzigermode. Man kann da auch eigenes Zeug abgeben, das man loswerden will. Praktischerweise klingelte in diesem Moment direkt neben mir der Aufzug. Die Metalltüren gingen auf und entließen eine runde, bunt gekleidete afrikanische Mutter mit zwei süßen Kleinen. Stimmt, Kinderklamotten gibt es auf dieser Etage. Eilig manövrierte ich meinen Traktor in den Lift. Er war leer bis auf einen älteren Mann. Sicher fuhr der auch hoch, jedenfalls brauchte er dringend neue Klamotten und Schuhe und Herrensachen sind oben. In seinem Zeug sah er aus wie eine Kreuzung aus Klabautermann und Kapitän Blaubär. Er trug eine Windjacke, am Hals leuchtete ein roter Rollkragen. Der Schirm seiner Cap ragte über eine Sonnenbrille, den unteren Teil des Gesichts verhüllte ein weißer Vollbart.

Ruckend setzte sich der Aufzug in Bewegung.

»Fährt ja gar nicht runter«, brummte der Seemann.

Scharfsinnig bemerkt.

Er hatte noch mehr zu sagen: »Dachte eigentlich, ich hätt auf null gedrückt.«

Ich zuckte mit den Achseln. »Tja. Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.«

Mein gehobenes Niveau ließ Kapitän Blaubär verstummen. Verblüfft löste er sich von der Wand, hakte einen Finger hinter den Steg seiner Sonnenbrille und zog sie auf die Nasenspitze. Augen wurden sichtbar, die mir den Atem stocken ließen. Sie waren … honigfarben, mit einem Kranz weißer Wimpern!

»Constanze?«, fragte der Seemann.

Zehn Minuten später saßen Björn und ich im Café am Zoo. Den Kleiderwagen hatte ich mir bis abends zurückstellen lassen. Wenn ich nicht mehr zum Anprobieren käme, war es auch egal. Mit meinem ehemaligen Kommilitonen einen Latte zu trinken ging vor.

Wir schwelgten bald in alten Zeiten. Wie wir in Berlin zusammen auf die Straße gegangen waren! Wie wir zusammen in die Kneipe gegangen waren! Wie wir zusammen ins Kino gegangen waren! Wie wir zusammen ins Bett gegangen waren!

»Und jetzt so? Wohnst du etwa in Frankfurt?«, fragte ich weiter.

Er schüttelte den Kopf und schenkte mir einen seiner Honigblicke. »Ich bin nur kurz hier, die Bude meiner Eltern auflösen. Sind beide gestorben, da bleibt jetzt alles an mir hängen.«

Ich nickte heftig. Da blieb wohl einiges an Björn hängen! Er war, wie ich wusste, Einzelkind und die Bude ein riesiger Edel-bungalow in Kronstein, im Frankfurter Speckgürtel. Das Haus besaß einen Innenpool, den ich von einer Party her kannte, weil ich nach Mitternacht übermütig hineingesprungen war. Björns Vater hatte jahrzehntelang als Stararchitekt den Taunus mit Villen im Edward-Hopper-Stil bebaut, die Mutter die Bauherren und -damen dazu mit edlen Häppchen bewirtet. Sohn Björn hatte für das Leben seiner reichen Erzeuger nichts als Spott und Häme übrig und lieber Häuser besetzt. Jetzt war er millionenschwerer Immobilienerbe. Das fand ich witzig.

»Bin bei dem Secondhand-Laden gerade einen Haufen Hutschi-Gucchi von Muttern losgeworden. Ist ja irre voll da drin! Warum die Leute nur so viel Klamotten kaufen müssen!«

Ich nickte und sagte, dass ich dort immer hingehe, um meine alten Sachen abzugeben, weil mir ökologische Nachhaltigkeit am Herzen liegt. Dass ich jedes Mal einen Haufen Zeug von dort heimschleppe, verschwieg ich ebenso wie die Tatsache, dass ich den gepackten Altkleiderkram meist zu Hause vergaß.

»Und wie lange bleibst du noch?«

Er schaute so traurig wie ein verlassener Hund. »Morgen geht’s leider schon zurück nach Lissabon.«

»Du lebst in Portugal?!« Das wurde ja immer besser!

»Mal hier, mal dort. Die letzten Monate bin ich die Algarve entlanggesegelt, das war supertoll«, versicherte er, sah dabei aber gar nicht glücklich aus. Sein Handy brummte, er überflog eine Nachricht. »Du, ich muss los. War echt toll, dich wiedergetroffen zu haben!«

Er winkte den Kellner herbei, zahlte für uns beide und lieh sich einen Kugelschreiber. Als er meine Hand ergriff, sie umdrehte und mir seine Nummer hineinschrieb, lief mir ein Trupp Tausendfüßler über den Rücken. Wie romantisch!

Ich war die Julia Roberts in einem neuen Film.

Der Titel des Filmes lautete »Second Chance«!

Am Sonntagnachmittag saß ich allein in der Wohnung und war in mein Romanprojekt vertieft. Der Manager Ron hatte die wunderschöne dunkelhaarige Gala nach dem Kino noch in eine Bar eingeladen, da riss mich das iPhone aus meiner schöpferischen Arbeit. Es krähte nicht, also kein Albert. Das war schon mal gut. Ich sprang vom Schreibtisch auf und rannte ins Klo, wo ich es liegen lassen hatte.

Auch kein Björn. Seine Nummer hatte ich natürlich gleich unter den Kontakten gespeichert. Das hier war eine unbekannte Nummer. Zögernd ging ich ran.

Es war Sieglinde. Sie sagte, sie riefe nur an, um mir zu sagen, dass Albert sie angerufen hätte. »Um ein Essen abzusagen, zu dem ich ihn eingeladen hatte. Das fand ich schon seltsam. Natürlich habe ich gleich gefragt, ob es ihm gut geht. Und da hat er mir alles erzählt.« Sie fände es einen Hammer, dass Albert sich von mir getrennt habe! »Er sich von dir! Und da frage ich dich gestern noch, ob du dich von ihm trennen willst!« Sie lachte köstlich über ihre Dusseligkeit. Ach, was lachte ich mit.

Dann hörte sie auf zu lachen und ergänzte mit Grabesstimme: »Wenn du mich fragst: Das ist ein Hilfeschrei. Der Mann braucht dringend therapeutische Zuwendung.« Sieglindes Diagnose ging dahin, dass Albert an Burn-out litt. »Oder an einer Wechseljahresdepression. Männer haben das auch, man merkt es bei ihnen oft bloß nicht«, wusste Sieglinde. Albert sei jedenfalls völlig am Ende. O-Ton Sieglinde: »Ein gebrochener Mann! Ich will dir nur gesagt haben, ich halte Albert für suizidgefährdet.«

Das ließ mich aufhorchen.

»Wie kommst du denn darauf?«

»Er hat gesagt, dass er sich verkleinern will.«

»Na und? Er will doch sonst auch immer sparen!«

»Er hat gesagt, er will in einen Bauwagen ziehen! Als Klinikdirektor und Medizinprofessor!«

Mir gefiel Alberts Idee. Hauptsache, er zog aus. »Und? Soll er doch!«

»Wir haben ihm angeboten, dass er seine Kuckucksuhrensammlung gern bei uns in der Villa aufhängen kann, wir sind gut versichert und das ganze Grundstück ist videoüberwacht.«

»Was hat er dazu gesagt?« Meine Laune schlug Purzelbäume auf geweihbefreitem Flur, aber Sieglindes nächste Worte fuhren schneidend dazwischen.

»Er hat wortwörtlich gesagt, die Uhren seien ihm scheißegal! Und Conny, wenn ein Albert Auerbach so etwas sagt, muss man mit allem rechnen!«

Ich konnte mich nicht bei Albert persönlich nach seinen Suizidplänen erkundigen, denn er kreuzte auch die nächsten Tage nicht zu Hause auf, und anrufen kam für mich nicht infrage. Ich rufe und laufe keinem Mann nach, schon gar nicht meinem eigenen.

Mittwochs dann ein Lebenszeichen per SMS: »Heute 19:00 Abholung Wäsche usw.«

Die nächsten Stunden über wappnete ich mich für den Auftritt Auerbach. Ich trank Magentee, nahm ein Beruhigungsbad und besprühte mein Ego mit Égoïste. Das roch eklig, aber Addicted hatte ich noch am Tag der Trennung in die Tonne geschmissen.

Dann setzte ich mich gesammelt an meinen Schriftstellerinnenschreibtisch und stellte fest, dass mir nichts einfiel, was ich hätte schreiben können. Mir fiel auch nichts Sozialkritisch-Feministisches ein, was ich hätte malen oder zeichnen können. Stattdessen kritzelte ich Strichmännchen aufs Blatt und murmelte dazu mein Mantra der Unabhängigkeit.

Zwischendurch blickte ich in die Abgründe meines Ex. Dass er selbst die Uhren seinem Geiz opferte! Mir kam ein schrecklicher Verdacht. Vielleicht hatte Albert sie gesammelt, um mich zu ärgern? Ich malte dem Strichmännchen ein Hirschgeweih und verwarf den Verdacht. Das wäre für Albert viel zu komplex.

Gegen neunzehn Uhr ließ mich die Türklingel zusammenfahren. Offenbar hatte der Herr Auerbach seinen Schlüssel vergessen. Oder wollte, dass ich für ihn das Hausmädchen gab. Da konnte er lange klingeln! Andererseits wollte ich, dass er sein Zeug einsammelte. Also erhob ich mich und ging öffnen.

Vor der Tür stand ein Engel.

»Guten Tag«, säuselte der Engel und strich sich eine klischeeblonde Haarwelle aus der Stirn. »Der Herr Professor Auerbach schickt mich. Ich soll ein paar Sachen für ihn holen und Ihnen ausrichten, dass er für die nächste Zeit weg ist. Machen Sie sich keine Mühe, ich bin bestens instruiert.« Ein eng bekritzeltes gelbes Zettelchen zwischen Zeige- und Mittelfinger reckend, verschwand die Erscheinung zielstrebig im langen Jammer. Ich folgte ihr durch den Gang ans andere Ende der Wohnung bis ins Frankfurter Bad, wo Albert schlief, seit er aus unserem Schlafzimmer ausgezogen war, schon wegen des Schnarchens. Sein Bett hatte genau an die Stelle der alten Badewanne gepasst. Genial!

Der Engel betrat die Abstellkammer, zog zielsicher Alberts Rollkoffer hervor und ließ Anzüge, Hemden, Unterhosen und Rasierzeug in den Koffer wandern.

»Stopp!«, rief ich, als der Engel den Deckel schließen wollte, riss die schwarzen Rosen aus dem Putzeimer, den ich in Alberts Schlafnische verpflanzt hatte, und schmiss sie oben drauf.

Um halb acht war ich wieder allein und kochte. Sein Gebrochensein hielt meinen künftigen Exmann offenbar nicht von blutjungen Schwesterschülerinnen ab!

Zehn Sekunden später war die SMS an Albert getippt und gesendet. »Wenn du mir die Adresse deines Schutzengels gibst, schick ich das restliche Zeug.«

»Mein Leben geht dich nichts mehr an«, kam es drei Sekunden später zurück.

Ich dachte darüber nach. Wenn Albert im Zuge seiner Wechseljahresbeschwerden oder seines Burn-outs oder seiner Suizidgefährdung unter Engelsfittichen Zuflucht nahm, konnte mir das nur recht sein. Lady Rauschegold würde ein Auge auf ihn haben und die Flügel ausbreiten. Und ich war ihn los.

Allerdings, dachte ich weiter, nur solange, bis sie die Lust am Schutzengeldasein verlor oder Albert wieder nach Hause ziehen wollte.

Mir kam eine Idee. Er sehne sich nach Verkleinerung, hatte Sieglinde gesagt. Nun, dabei konnte ich ihm behilflich sein!

12. Die Mauer

Montagabend war Dimitrios Konstantinos Parapopoulos fertig. Selbst Farbe angelegt hatte er schon. Achilles’ Papa arbeitete schnell, er hatte seit den Sechzigerjahren Erfahrung mit Umbauten. Wenn es etwas an der Wohnung zu werkeln gab, war er seit vielen Jahren unser Mann. Im Handumdrehen zog er in Trockenbauweise mitten im Flur eine Mauer an genau der Stelle hoch, wo die alte Trennwand gestanden hatte.

Ich versicherte ihm, wie sehr Albert sich über die tolle Wand freuen würde, wenn er heimkäme, steckte Dimitrios die vereinbarten Scheine zu und verabschiedete den treuen Helfer.

Zum Glück hatte ich nach einigem Suchen die Schlüssel für die Etagentür von nebenan wiedergefunden, die seit Ewigkeiten nicht mehr geöffnet worden war. Die beiden Zugänge, hübsch mit Bleiglaseinsätzen im Jugendstil, lagen Seite an Seite im Treppenhaus. Für Dekaden hatte die eine ihre Funktion verloren, ab heute führte sie wieder in die Wohnung links.

Sorgfältig setzte ich Alberts Namen aus Nudelsuppenbuchstaben zusammen und pappte sie auf ein Papptellerchen. Die Nudelpackung war abgelaufen, er konnte also froh sein, dass ich den Inhalt noch verwertete. Großzügig klebte ich ihm sogar noch seinen Titel davor. PROF. DR. ALBERT AUERBACH. Ohne Wechselburger.

Dann bastelte ich mir ein neues Namensschild aus einem lustigen bunten Weingummi-Alphabet. CONSTANZE WECHSELBURGER. Ohne Auerbach. Beide Namensschilder pinnte ich draußen an die jeweilige Eingangstür.

Ich nestelte Alberts Türschlüssel an den Anhänger mit dem Plüschherz, den Albert für mich auf der Dippemess beim Blechdosenwerfen gewonnen hatte (die Wurfgebühr hatte ich bezahlt!), steckte den Schlüssel in einen Briefumschlag, schrieb »A.A.« drauf und klebte ihn mit Tesafilm außen an den Holzrahmen von Alberts Wohnungstür. Den Ersatzschlüssel behielt ich.

Bis abends um elf hatte ich alle Kuckucksuhren bei mir abund drüben bei Albert hingehängt und sogar das abgegangene Hirschgeweih wieder angeleimt. Um halb zwölf hing mein Flur beidseitig voll mit Gemälden. Alberts Morgenmantel trug ich freundlicherweise auch noch hinüber und schmiss ihn auf sein Bett im Frankfurter Bad.

Dann zog ich mich in meine Wohnung zurück, öffnete eine Flasche Champagner und begann mein neues Leben.

Der lange Jammer hatte ein Ende!

13. Fraueninsel

»Ich werde jetzt lesbisch«, verkündete Mira am Sonntag drauf und lehnte sich in ihre Couchkissen zurück. Irgendetwas mit Henri musste schiefgegangen sein.

»War was mit Henri?«, fragte ich.

Sie sah mich an, als hätte ich nach dem Weihnachtsmann gefragt.

»Mit Henri? Nichts war mit Henri. Was soll schon mit Henri gewesen sein?«

Nun. Mir war eine Nacht in Erinnerung, die Mira kürzlich nicht im eigenen Bett verbracht hatte. Seither war sie kein einziges Mal ans Telefon gegangen, schickte mir aber alberne Filmchen von turtelnden Tierchen. Daraus ließ sich schließen, dass zwischen ihr und Sahneschnitte etwas lief.

»Ich dachte, du hättest bei ihm geschlafen.«

Ein Blick traf mich, der nicht anders als finster zu bezeichnen war. »Weder bei noch mit, Constanze.« Mira hob den Oberkörper vom Kissen. »Der Kerl hat voll was an der Mütze!«

Ich wollte fragen, was, aber da klingelte es an der Tür, Mira sprang auf und lief los mit den Worten: »Das ist die Sina, meine neue Nachbarin!«

Sina war hübsch und schlank, trug eine stippige schwarze Frisur und war ungefähr im gleichen Alter wie wir. Mira hatte mir schon von ihr erzählt. Sie wohnte seit drei Monaten in der Wohnung, wo vor kurzem die alte Frau Maier gestorben war. Eventuell wusste Sina das aber nicht. Ist auch egal, weil in fast jeder Altbauwohnung irgendwann schon mal jemand gestorben ist, man macht sich das nur nicht klar.

Umstandslos steuerte Sina auf den Eiersessel zu, in dem sonst nur Mira saß, sank hinein und schlug anmutig die Beine unter. Es schien, als habe sie dort schon häufiger gesessen.

»Hi! Du bist also die Conny!« Ihr Lächeln legte eine blitzweiße Zahnperlenkette frei. Sieglinde Mein-Gatte-ist-Zahnarzt-Schadler und ihr Traummann hätten eine wahre Freude daran gehabt.

»Hi. Und du bist die Sina.« Hatten wir das auch geklärt. Falls dieser pfiffige Neuzugang sich Hoffnungen auf meinen Freundinnenkosmos machte, musste er schon noch eine Schippe drauflegen.

»Und du bist frisch getrennt. Stimmt’s?«, freute sie sich. Ihre Stimme klang für meine Ohren leicht schrill.

»Steht mir das auf der Stirn geschrieben?« Ich erwog, mich allmählich auf den Heimweg zu machen.

»Ich hab’s ihr gesagt«, gestand Mira. »Ist ja wohl kein Staatsgeheimnis, oder?«

»Nein. Sondern ein Akt der Befreiung!«, kicherte Sina kess. »Willkommen auf der Fraueninsel! Du wirst sehen, es lebt sich da super entspannt. Eine Freundin von mir war mit einem Frauenarzt zusammen, echt gruselig! Der wollte laufend Abstriche machen, um sicherzugehen, dass sie gesund ist.«

»Völlig überbesorgt!«, konstatierte Mira.

»Voll der Kontrollfreak!«, kommentierte ich.

Sina schüttelte den Kopf. »Nein. Er meinte, es sei total rufschädigend für einen Gynäkologen, wenn seine Frau irgendeine Frauenkrankheit kriegt.«

Wir stöhnten alle drei. Dann tranken wir Kaffee, aßen Miras selbstgemachten Apfelkuchen und klatschten ordentlich Sahne drauf.

»Und was für ein Arzt ist deiner?«, wollte Sina wissen.

»Krankenhaus«, brummte ich indifferent.

Mira grinste wissend. Um von Albert abzulenken, erkundigte ich mich schnell noch, was Henri denn an der Mütze hatte.

Während Mira sich augenrollend ins Sofakissen zurücksinken ließ, erklärte Sina es mir, offenbar stand sie jetzt im Rang der Alleswisserin. Der Henri habe Mira nach Hause begleiten wollen. Sie wollte aber lieber zu ihm. Da rückte er damit raus, dass dort schon seine Ehefrau lag.

Das überraschte mich nicht wirklich.

Henri hatte ihr daraufhin als Kompromiss seinen SUV angetragen, mit Standheizung. Das fand Mira Banane. Daraufhin hatte Henri ein Treffen andermal vorgeschlagen und ihr versichert, für ihn zähle ohnehin mehr die zwischenmenschliche Ebene, denn es sei ein Irrtum, dass Männer und Frauen nicht befreundet sein könnten.

»Wegen mir hättest du ihn ruhig mitbringen können, ich lag doch drüben im Gästezimmer«, wandte ich mich an Mira.

Sie riss die Augen auf. »Kommt gar nicht in die Tüte! Ich nehme nie einen Mann mit nach Hause!«

»Das hast du aber auch schon mal anders gesehen«, erinnerte ich sie.

»Eben drum! Nein danke! Immer diese Flecken auf der Matratze!« Sie rappelte sich aus den Kissen hoch und stellte die Beine auf den Boden. »Der letzte hat mir mit seinem Massageöl das ganze Bett versaut! Hab ich nie wieder rausbekommen. Und gestunken hat es, monatelang! Nach einer Kreuzung von Räucherstäbchen und Gummibärchen!«

»Wie wäre es mit einem Hotelzimmer gewesen?«

»Das war dem Henri zu billig!«

Darauf tranken wir einen Prosecco.

Während ich an meinem Glas nippte, kam mir noch eine Frage in den Sinn.

»Wo hast du dann eigentlich die Nacht verbracht?«

»Na, bei mir! Sie ist mir im Treppenhaus zugelaufen«, lachte Sina und die beiden kicherten wie verrückt.

14. Wind um die Wohnung

Anderntags saß ich in meiner Küche, trank Nerventee und zog Bilanz. Seit elf Tagen war ich nun schon getrennt und eine allein lebende Frau. Ein Riesenfortschritt! Der Buchladen hatte sich noch nicht gemeldet, aber dafür nahm meine Zukunft als Bestsellerautorin Gestalt an: Mein Buch wuchs Seite um Seite.

Meine Einsamkeit leider auch.

Letzte Nacht war ich im Traum durch den langen Jammer gerannt, immer auf und ab, während ununterbrochen die Uhren schlugen. Aus jedem Häuschen sprang ein riesiger Vogel heraus und jeder hatte den Kopf von Albert …

Ich kochte mir noch einen Nerventee.

Dabei dachte ich an Björn. Was er wohl mit sich und seiner Zeit anfing? Er segelte, schön und gut, aber glücklich hatte er nicht gewirkt. Bestimmt lebte er allein. Welche Frau wollte schon auf einem Boot festsitzen! Gut, ich vielleicht, für eine gewisse Zeit. Ich war nicht so konventionell wie andere, für die ohne den wöchentlichen Termin bei immer derselben Kosmetikerin und immer demselben Frisör die Welt unterging. Wie er wohl das Geld seiner Eltern anlegen wollte? Ob er inzwischen bindungswilliger war als damals in Berlin? Wieso hatte ich ihn nicht nach seinem Beziehungsstatus gefragt?

Während ich beim Nerventee über Björn meditierte, fand ich zu mir zurück: Es ging nicht um den nächsten Mann, es ging um gar keinen! Es ging um niemand anderen als mich selbst!

Wie viele Jahre meines Lebens hatte es mich gekostet, zu dieser Einsicht zu kommen! Endlich war ich frei davon, mich über Männer zu definieren! Das durfte ich nicht durch einen Rückfall vermasseln. Björn war mein Lover gewesen – vor dreißig Jahren. Heute war Björn ein alter Mann!

Schlechtgelaunt hockte ich mich vor den Computer, rief das Romanmanuskript auf und tippte Buchstabensalat. Ich googelte, dass die Hauspreise in Kronstein bei zirka dreitausend Euro pro Quadratmeter liegen. Da sank meine Laune in den Keller.

In der Küche begann Pink zu singen. Erfreut sprang ich auf und rannte zum Handy. Mein Töchterlein rief mich an!

»Hallo Mama, wie geht’s?«, hörte ich Rosas Stimme. Noch ehe mir einfiel, womit ich Zuversicht ausstrahlen konnte, redete sie weiter. »Wollen wir uns in der Stadt treffen?«

Mein treues Kind dachte an seine arme, einsame Mutter! Ich hatte alles richtig gemacht bei der Erziehung.

»Ich wollte mich zwar gerade an die Steuererklärung setzen, aber wenn du unbedingt willst«, zeigte ich mich zugänglich.

»Fein! Dann um vier im Tschicki!«

Der Laden war nicht mein Ding, egal – alles besser als zu Hause Löcher in die Luft zu starren.

Als ich auf dem Weg zum Fahrradkeller in den Briefkasten sah, lag zwischen der Werbung ein Brief mit handgeschriebener Adresse. Ich erkannte die Schrift sofort. Noch im Treppenhaus riss ich den Umschlag auf. Er enthielt den Ausdruck eines formellen Schreibens, unter das Albert seine Unterschrift gesetzt hatte. Alberts Unterschrift ist unverwechselbar, sie sieht aus wie ein Strich mit Hasenohren.

Er bot mir seine Wohnung zum Kauf an. Sehr witzig! Seine Wohnung! Hatte der noch alle gestreiften Murmeln im Sack?! Für 1,5 Millionen!!! Ha, lächerlich!

»Raffzahn! Gierhammel! Blutekel!«, hämmerte ich ins Smartphone. Natürlich tat ich Albert nicht den Gefallen, die Nachricht abzuschicken, sondern löschte sie wieder und schrieb: »Frag Sieglinde. Die verfügt über Geld.«

Dann schwang ich mich aufs Rad und strampelte in die Stadt. An der ersten Ampel fasste ich den Entschluss, zur Anwältin zu gehen. So konnte Albert mir nicht kommen! Es war unsere Wohnung! Ich bekäme jeden Cent, der mir zustand! Ich würde ihn in Grund und Boden klagen!

Tratschnass kam ich beim Tschicki an. Ich war viel zu früh, weil ich vor lauter Wut viel zu schnell gefahren war. So hatte ich immerhin noch genug Zeit, eine Beruhigungsrunde zu drehen.

Als ich eine Viertelstunde später wieder um die Ecke bog, leuchtete im Schaufenster des Tschicki Rosas pinker Schopf. Der weißgekachelte Laden aus den Sechzigern war pickepacke voll mit Studierenden aller Art. Dreadlocks, Bärte, Tattoos eng an eng, über allem schwebte der Geruch veganer Ernährungsmöglichkeiten. Nur der Name des Lokals spielte noch auf die Hühnerleichen an, die einst hier feilgeboten worden waren, heute ging es in der alten Metzgerei, von den Gästen abgesehen, fleischlos zu.

Ich bestellte mir einen ayurvedischen Smoothie, Rosa stilles Wasser und Buchweizengrütze. Never ever! Ihr schmeckte sie. Eingangs erzählte sie ein paar lustige Neuigkeiten aus der Uni. Plötzlich wurde sie sehr ernst und betrachtete mich forschend.

»Ich mach mir Sorgen, Mama.«

»Lieb von dir, Kind, aber das brauchst du nicht. Mir geht’s super!« Ich lächelte gechillt.

Sie hörte auf, in ihrem Veggiebrei zu rühren.

»Du, ich rede von Papa. Dem geht’s gar nicht gut.«

»Papa? Wer behauptet das? Albert? Hast du ihn angerufen?«

Sie rührte weiter.

»Sag nicht, er hat dich angerufen!« Seit wann vertraute sich Albert seinem Nachwuchs an?

Rosa schüttelte den Kopf, dass die Magentafransen wackelten. Dann brachte sie einen Augenaufschlag wie früher als Kind, wenn sie um ein großes Eis bettelte.

»Dem Papa geht’s echt voll schlecht …!«

Das war der Hammer. Meine Tochter sorgte sich nicht etwa um die Frau, die sie neun Monate unter dem Herzen getragen, auf die Welt gebracht, am eigenen Busen genährt, von Vollschisswindeln befreit, frisch gepampert, geschaukelt, gepäppelt, getröstet und tausende von Malen zur Schule und zum Rugby-training gefahren hatte, sondern um den Spermaspender!

»Rosa. Wenn dein Vater ein erwachsener, fairer Mann wäre, dann besäße er die Reife, mir das selbst zu sagen, und würde nicht die eigene Tochter vorschicken. Als ob man mit mir nicht vernünftig reden könnte! Mensch, Mensch, Mensch!«

»Mama!«

»Aber nein, dein Vater flüchtet ja lieber vor mir! Wo versteckt er sich überhaupt?«, erkundigte ich mich, obwohl ich es gar nicht wissen wollte.

»Ben sagt, Papa heult die ganze Zeit rum, dass er nicht kapiert, weshalb du ihm das angetan hast.«

»Ben? Erzähl mir nicht, Albert hätte sich bei ihm verkrochen!« Ben bewohnt in seiner WG nur eine Art Besenkammer, weil er sich auf ein Auslandssemester in Frankreich vorbereitet.

»Papa hat sich ein paar Tage freigenommen. Sie sind wandern gefahren. Ich wäre auch gern mit, aber ich brauch noch CPs in Statistik. Schau, Mama«, Rosa fixierte mich mit dem ganzen Ernst einer Siebenundzwanzigjährigen. »Ben und ich haben gar nichts dagegen, dass ihr euch trennt. Die patriarchale Zweierbeziehung ist sowieso am Ende, ob mit oder ohne Trauschein. Wir finden’s voll gut, dass du endlich auf die Beine kommst und nicht länger von Papa abhängig sein willst!«

In ihrer Stimme lag ein gewisser Stolz. So muss ich geklungen haben, als sie das erste Mal ohne Stützräder gefahren war.

»Aber?«, bohrte ich nach und überging, dass meine eigene Tochter in mir offenbar eine Art Junkie sah. Abhängig! Das war ja wohl der Gipfel. Als hätte sie nichts davon mitbekommen, wie ich mir all die Jahre meine intellektuelle Unabhängigkeit bewahrt hatte! Kreativ gewesen war! Mich zweimal pro Woche bei AnnaConda reingehängt hatte! Politisch engagiert war bei Femmes sans terre! Aber nein, für Rosa zählte nur, was Geld einbringt – einfach entsetzlich, dieser blanke Materialismus!

»Ganz im Ernst: Was du da abziehst, ist oberpeinlich! Ich meine – Papa einen Scheidungsantrag machen? Hallooo?!« Sie zog die letzten zwei o in die Höhe und unterlegte sie mit einem Ausrufezeichen der Empörung.

In meiner Tasche krähte es. Ich überflog die Nachricht: »Du kannst sie auch mieten.«

Ich erklärte Rosa, dass ich noch ein paar wichtige Steuerfragen zu klären hätte, zahlte für uns beide und machte mich davon, bevor ich in aller Öffentlichkeit einem Schreianfall erlag.

Dieser Mistkerl! Das sah ihm ähnlich! Also das ging gar nicht, allein schon juristisch! Die Wohnung gehörte uns beiden! Falls nicht, hatte ich einen Teilanspruch! Das hatte Albert sich ja fein überlegt: Die eigene Frau schröpfen, voll die Mietpreissteigerung ausschöpfen und dann noch den Wertzuwachs der Immobilie absahnen wollen! Es war einfach grotesk. Aber nicht mit mir! Ich würde dem feinen Herrn Professor Oberarsch einen fetten Skandal bescheren! Ich würde ihn wegen Gentrifizierung anzeigen und Fernsehteams vor unser Haus bestellen, damit sie filmen konnten, wie ich damit drohte, aus dem Fenster zu springen. Vorher wäre ich noch Femen beigetreten und hätte mir »Nieder mit dem kapitalistischen Aldi-Patriarchat!« auf dem blanken Busen geschrieben. Na gut, ich würde es kürzer formulieren müssen, mein Busen ist klein. Möglicherweise flögen auch ein paar Kuckucke aus dem Fenster, um die Brisanz meiner Aussage zu unterstreichen.

Als ich radelnd in unsere Straße einbog, hatte ich mich wieder so weit eingekriegt, dass ich zu des Pudels Kern vorstieß. Albert hatte sich eine Auszeit vom Krankenhaus genommen und fuhr wandern?!!! Das brachte mich darauf, dass auch ich wieder einmal Urlaub machen wollte.

15. Den Abflug machen

Sonntagnacht um zehn vor drei klingelte Suada Sturm. Wegen mir hätte sie nicht zu klingeln brauchen, ich war längst abfahrbereit und saß auf dem gepackten Koffer. Schließlich hatten wir abgemacht, dass sie mich um halb drei abholen kam. Ihr Geklingel riss leider nicht wenigstens mal Albert aus dem Schlaf. Selbst wenn er hier gewesen wäre. Er schlief mit Wachs in den Ohren. Schon deshalb brachte er eine erhöhte Toleranz gegen Kuckucksuhrenrufe auf. Jahrelang riet er auch mir zu Ohrstöpseln. Wo ich doch so schrecklich geräuschempfindlich sei …

Wie bei den meisten Dingen waren Albert und ich auch bei Stöpseln verschiedener Meinung. Für mich sind sie Körperverletzung. Gezielte Behinderung eines zentralen Sinnesorgans. Sicherheitsgefährdung. Wie soll ich zugepfropft Brandmelder hören? Sirenenalarm? Hilferufe? Das Miauen der Katze? (Gut, wir haben keine, aber das nimmt dem Argument nichts.) Ohren verstöpseln rangiert gleichauf mit Knebelung.

Ich schnappte Rollkoffer und Tasche und zerrte sie die Stufen hinab. Gleich flog ich in Urlaub! Die Freude, dass ich diesem Elend für eine Woche entkommen konnte, machte mich ganz flatterig. Sieben Tage, in denen ich in der Frühjahrssonne liegen und mich neu erfinden würde, um Albert für immer zu entrinnen!

Dass er nun den Spieß umdrehte und vor Sieglinde meine Trennung zu seiner Trennung machte, war wieder typisch. Albert war immer schon reaktiv und einfallslos. Neu war nur, dass er sich obendrein bei seinem Nachwuchs ausheulte und plötzlich sogar Urlaub nehmen konnte. Beides zeigte, dass er immer noch nichts kapiert hatte und ein feiger Hund war. Wann hatte er je mit mir Urlaub gemacht? Wann hatte er sich je mit mir ausgesprochen und sich mir offenbart?

Am Hauseingang wartete eine Wichtelfrau in einem Wollmäntelchen und unförmigen Wildlederboots auf mich, eine fellbesetzte Kapuze auf dem Kopf.

»Olà, chicca«, rief die Zwergin und schmatzte mir zwei Wangenküsse auf die Ohren, dass sie klingelten. »Zeit du kommst, die Taximann wartet!«

Suada ist Brasilianerin, Zumba-Trainerin und meine beste Freundin. Sie hatte vor vier Tagen spontan zugesagt, mich auf meiner Eheflucht zu begleiten. Wir würden es krachen lassen, durch die Clubs ziehen und abtanzen!

Vor dem Haus sprang ein dunkelhaariger Cabdriver aus seinem Auto, warf mein Gepäck in den Kofferraum und schmiss den Deckel zu. Eilig schlüpften wir alle drei in den Wagen. Wir waren spät und vom Himmel stürzte eine wahre Regenfront.

Mit quietschenden Scheibenwischern schob sich das Taxi durch die Stadt, in der die Nässe hing wie schwere graue Tücher. Über der menschenleeren Autobahn klärte der Himmel sich auf. Unser Fahrer setzte seinen Benz auf die äußerste linke Spur und gab Gas. Röhrend rauschte der Wagen durch die Nacht.

»Ist Glück wir fliege Sonntag, da gibt keine LKW!«, lachte Suada den Taximann im Rückspiegel an. Er lachte zurück.

»Vonne wo bist du? Turke?«, fragte Suada.

Das war ihr Lieblingsspiel. Wenn sie jemand Neuen kennenlernte, begann ein munteres Rätselraten.

Ein ratloses Gesicht drehte sich zu ihr.

»Istanbul?«, half ich schnell, damit der Taximann sich wieder nach vorn umwandte.

»Kabul! Ist Afghanistan.« Jetzt strahlte er mich an.

»Würden Sie bitte auf die Straße gucken?« Ich wies mit Zeige- und Mittelfinger Richtung Fahrbahn, als säßen Glubschaugen auf den Kuppen.

»Ah, okay! Gleich da!« Er deutete mein Zeichen auf seine Weise, packte das Lenkrad fester und ließ den Motor aufjaulen. Wir schossen dahin wie der Blitz.

»Du schon lange in Deutschland?«, krähte es von hinten.

»Lenk ihn nicht ab, Suada!«, zischte ich über die Sitzlehne.

»Deutscheland!«, echote es fröhlich vom Steuer her. »Gute Land! Gute Straß!«

»Warum fahren Sie ganz links? Rechts ist alles frei.«

»Links schneller«, erklärte der Taximann. »Fahr ich immer da. Mache alle. Nur Opis und Brummis anner Seit.«

»Aber auf der Autobahn gilt rechts fahren. Wenn man überholen will, wechselt man die Spur. Nach Abschluss des Überholvorgangs wechselt man wieder zurück.« Vielleicht sollte ich über eine Zukunft als Fahrschullehrerin nachdenken.

»Du lass arme Algerier in Ruh mit deine deutsche Scheißspießerei und euer Hitler-Autobahn!«, trompetete es aus dem Fond.

»Afghaner«, kam von links.

Ich gab auf. Die Flughafen-Abfahrt kam in Sicht, doch unser Mann machte keine Anstalten, sie zu nehmen.

»Hier müssen wir raus«, sagte ich. »Da!«

»Da?«, fragte er zurück.

»Ja! Sehen Sie nicht das Schild mit dem Flugzeug?«

»Ah! Ich noch nix fahr Flugzeug.« Immerhin wechselte er nun auf die Abbiegespur. »Ich nur immer fahr Frankfurt. Erst zwei Monat Deutscheland.«

Schnittig röhrten wir in die Kurve. Kurze Zeit später betraten Suada und ich mit unseren Trolleys und Taschen die Abflughalle. Suada blieb bei der Glastür kurz stehen und winkte dem davonfahrenden Taxi nach.

»Nette Afrikaner, oda?«

Das winzigkleine Flugzeug auf dem Monitor zog seit Stunden seine Bahn über dem großen grünen Kontinent. Allmählich schob sich von links her das Meer ins Bild. Eigentlich sah alles aus wie auf einer Kinderzeichnung. Nur war es leider Echtzeit und ich saß mittendrin. Fest. Ohne gehen zu dürfen. Ich verfolgte unseren Flug live auf dem Bildschirm über meinem Sitz, den Fensterplatz hatte ich bereitwillig Suada überlassen.

»Schade, du nix siehe die Pyrenee. Schau da unten!«

»Sehr schön, Suada.«

»Kommte gleich Portugal!« Suadas Finger schlossen sich aufgeregt um mein Handgelenk.

Das war mir bekannt. Schließlich hatte ich unser Reiseziel bestimmt. Möglicherweise hatten Björns Schwärmereien für die Algarve mich dazu inspiriert. Im Moment war mir allerdings völlig egal, in welchem Land ich zerschellen würde. Wie konnte man ein Flugzeug überhaupt Boeing nennen! Boing! stand früher im Comic in der Sprechblase, wenn es Beulen setzte. Ein e mehr machte da auch nichts besser. Nun gut, es gab Parfüms, die hießen Blutrache, und trotzdem besprühten sich Menschen damit.

»Oi! Eauosch ao portugesch eao!«, sprudelte Suada hervor.

»Du weißt schon, dass ich kein Portugiesisch spreche?«

»Machte nix. Sind über die Grenz! Guck da!«

Das waren die vorerst letzten annähernd deutschen Worte, die meine Fluchtbegleiterin an mich richten sollte.

Eine halbe Stunde später zeigte der Bildschirm unseren Landeanflug auf Faro. Dazu flog die Boing! weit über die Stadt hinaus aufs offene Meer. Ich sah es mit gemischten Gefühlen. War ersaufen nicht schlimmer als zerschellen? Wieso kriege ich dann im Flugzeug Beklemmungen, während ich auf einem Schiff völlig cool bleibe, obwohl ich nicht schwimmen kann? Derweil ich nach Antwort suchte, kehrte unser Vogel im weiten Bogen zur Küste zurück und nahm Kurs auf die Piste.

Die Landung war so butterweich wie meine Knie.

Suada saß unter Palmen auf ihrem Trolly. Sie hatte Fellkapuze und Cape abgelegt und blinzelte wie eine träge Katze in die morgendliche Frühjahrssonne, während ich den erstbesten Autoverleih direkt neben der Flughafenhalle betrat. Auf Suadas dolmetscherische Unterstützung hatte ich verzichtet. Bei AllYouCanDrive sprach man ja wohl Englisch, einen Mietwagen zu kriegen war also kein Problem.

Gelassen ging ich zum Schalter. Vor mir stand nur ein einziger Kunde, ein hipper Typ in coolen Klamotten. Schlüssel und Papiere seines Wagens lagen schon auf der Tischplatte. Die junge Frau hinter dem Tresen bearbeitete Unterlagen. Ich hörte sie fröhlich lachen, während sie ein Formular ausfüllte. Der Kunde lachte auch und fuhr sich mit allen zehn Fingern durchs Stoppelhaar. Worte flogen hin und her, er lehnte sich auf den Tresen zu der Frau hinüber, wisperte und schenkte ihr Blicke, die ich nicht sah, mir aber genau vorstellen konnte. Sie kicherte haltlos. Das hier entwickelte sich klar in Richtung Flirt.

Ich reckte mich, damit das junge Ding Notiz von mir nahm, und gab ihr ein Zeichen mit dem Kinn. Das Kichern verstummte, die Übergabe wurde nun offenbar vorangetrieben.

Dazu verschwanden die zwei nach draußen. Es dauerte ewig, bis sie zurückkamen. Wieder wurde herumgekritzelt und herumgekichert. Genervt warf ich einen Blick durchs Schaufenster hinaus auf den Parkplatz, wo Suada weiter die Sonne anbetete.

Neben dem Eingang hingen Werbeflyer. Ich blätterte gerade in einer Hotelanlage an der Algarve und studierte die Fotos vom Pool, als eine hohe, helle Männergestalt hereinstürmte und über meinen Trolley fiel. Koffer und Mann kamen ins Straucheln. Den Koffer konnte ich noch auffangen. Der Mann ruderte heldenhaft mit den Armen, musste sich aber der Schwerkraft beugen und ging hart zu Boden. Sein Panamahut rollte davon und gab dichtes graues Haar frei. Zusammen mit der jungen Frau, die vom Tresen herübergesprintet kam, sank ich auf die Knie.

»Everything’s okay?«, stammelte die Frau und zupfte am Leinenanzug des Klienten.

»Ist alles in Ordnung?«, echote ich.

Der Mann, der vor uns auf dem Noppenboden lag, tastete nach seiner Sonnenbrille, die ihm schief im Gesicht saß, und nahm sie ab. Seine Lider zuckten, dann schlug er die Augen auf.

Sie waren jeansblau.

Wie die von Gottfried Schachtschnabel!

Sein Blick irrte über das Gesicht der jungen Frau. Zum ersten Mal in meinem Leben hoffte ich neben der Jugend zu verblassen, mich in Luft aufzulösen. Ich fühlte mich wie ertappt und der Vorsätzlichkeit überführt. Als sei ich aus einem einzigen Grund an diesem Ort. Wegen Gottfried Schachtschnabel!

Dabei hatte ich bis eben gar keine Ahnung, dass er auch hier war! Ich hatte einfach nach Portugal gewollt. Nur so! Höchstens auf ein Käffchen mit Björn. Aber selbst das bloß vielleicht, darum wusste selbst Björn nichts von meiner Reise. Ich war schließlich nicht wegen eines alten Bettkumpels hier und um dem einzigen Mann über den Weg zu laufen, den ich in Portugal kannte …

Nun aber kniete ich vor Gottfried Schachtschnabel!

Diese Algarve hatte schon beim Landeanflug verdammt klein ausgesehen.

16. Ein Schock

Nigerias Hauptstadt ist nach einem portugiesischen Küstenstädtchen benannt, wo von 1444 bis 1820 mit afrikanischen Sklaven gehandelt wurde. An der Algarve blieb im Hafen von Lagos noch die historische Sklavenhalle erhalten, ein Denkmal steht davor. Ich besah andächtig das Denkmal und ließ die Geschichte auf mich wirken. Überall auf der Welt musste erst die Barbarei zerschlagen und die Freiheit erobert werden! Zuletzt die Freiheit der Frauen! Woman is the n… of the world, sang John Lennon in mir. Das brachte es auf den Punkt.

Ein Punkt in Sachen Freiheit ging klar an mich: Ich war am Flughafen aus dem Autoverleih gerannt, obwohl dort ein Gottfried Schachtschnabel am Boden lag und jeansblau in den Tag blinzelte! Mochte sich das junge Ding um ihn kümmern. Von mir aus auch er sich um sie. Das Allerletzte, was eine unabhängige Frau brauchen konnte, waren die Kellerleichen ihrer Vergangenheit! Erst begegnete mir der kurzsichtige Henri, dann der rastlose Björn, nun fiel mir noch Gottfried vor die Füße! Die Welt war voller Untoter – ich aber würde ihnen entkommen.

Eine Viertelstunde später hatte ich noch einen Punkt, genauer: einen Punto ein paar Verleihe weiter bei CarTakeAway gemietet und war mit der fröhlich singenden Suada von Faro über die Küstenstraße nach Lagos gefahren.

Unser Hotel erwies sich als nagelneu, aber auf Kolonialzeit getrimmt. Der Bau sah mindestens hundert Jahre älter aus, als seine Fertigplatten je würden. Ventilatoren im Außenbereich ließen Rückschlüsse auf die Lärmbelästigung in der Hochsaison zu. Jetzt dagegen war es angenehm ruhig und leer. Unser Appartement besaß zwei Schlafzimmer, ein gemeinsames Wohnstudio, ein Bad und eine kleine Küche.

Wir tranken an der Hotelbar einen Kaffee und einen Prosecco auf unsere Ankunft, dann zog sich Suada gähnend in ihre Kammer zurück, um etwas Nachtschlaf nachzuholen. Ich hing herum und stöberte im Reiseführer, bis es neun Uhr war und die Stadt erwachte. Dann brach ich auf zu einem vormittäglichen Erkundungsgang; die imposante Kathedrale und Museen versprachen spannende Besichtigungen.

Als ich Stunden später mit Einkäufen bepackt wieder zurückkam, war es im Appartement noch immer still. Aus Suadas Kammer drang ein regelmäßiges Pfeifen. Erschöpft warf ich die Tüten in den Sessel und mich selbst auf die Couch. Mir qualmten die Füße. Es ist jedes Mal schrecklich anstrengend, sich in einer fremden Stadt einen Überblick zu verschaffen! Man muss ja in nahezu jeden Laden zumindest einen Blick werfen. Die meisten haben Billigzeug aus China oder Chichi, trotzdem findet man was hier, was da. Je länger man herumrennt, desto mehr Zeug muss man schleppen. Die Kirche hatte ich mir für heute geschenkt, die stand auch morgen noch. Irgendwann kämen die Museen dran. Fürs Erste war ich platt und hatte Hunger.

»Suada?« Ich steckte meinen Kopf in ihr Zimmer. »Hey, du Schlafmütze! Es ist längst Mittag. Gehst du mit mir essen?«

Ein Brummen, die Konturen unter der Bettdecke begannen sich zu regen. Als sie zurückgeschlagen wurde, fielen Bücher zu Boden. Ein wirrer Schopf tauchte auf, Augen blinzelten müde ins Licht.

»Putz Grill!«, fluchte Suada netterweise auf Deutsch. Das war einer ihrer Lieblingsflüche. Ich stelle mir dabei immer vor, dass jemand einen völlig verkohlten Rost schrubben soll.

»Komm! Steh auf! Mir ist nach Fisch! Wir sind in Portugal!«, frohlockte ich und bereute den geografischen Hinweis sofort. Sicher sprach sie gleich wieder mit fremden Zungen.

Im Hafenbecken funkelte das Sonnenlicht. Alle Last fiel von mir ab, während ich an meinem Aperitif nippte. Ich war im Urlaub! Ich war ohne Mann! Ich saß in einem hübschen Bistro mit Blick auf Meeresglitzern – allein, aber nicht einsam. Suada wollte erst noch in Ruhe duschen und dann nachkommen.

Um halb drei war mir schummerig vom Aperitif und mein Magen knurrte. Ich rief Suada an. Sie lag noch immer im Bett. Das Buch sei so spannend! Mit dem Essen halte sie es noch gut aus bis zum Abend, dank der Barra de Chocolate vom Voo.

»Der wie, was, wo?«

»Die Schoko von Flug«, übersetzte sie bereitwillig. »Chiao!«

Und so etwas nannte sich beste Freundin! Eine Frau, die Bett, Buch und Schokolade meiner Gegenwart vorzog! Beleidigt legte ich auf und ließ mir die Speisekarte bringen.

Einen Stockfisch-Bacalhau mit Bratkartoffeln und einen Vinho Verde später war mit dem Hunger auch das Gefühl des Verlassenseins weg. Sollte Suada doch auf ihrer Matratze Wurzeln schlagen! Ich kam allein zurecht. Per Whatsapp wünschte ich meiner Flugbegleiterin weiterhin eine angenehme Lektüre. Dann winkte ich dem Kellner und zahlte. Als ich das Rückgeld einsteckte, sah ich, dass meine Barschaft stark geschmolzen war. Hatte ich heute etwa schon vierhundert Euro ausgegeben? Verdammt! Mein Weg in die Zukunft war offenbar teuer erkauft. Andererseits beginnt man nicht jeden Tag ein neues Leben.

Gemütlich schlenderte ich durchs Labyrinth der kachelgeschmückten Altstadt. Am Eckhaus zur Seitengasse, in der das Sklavereimuseum liegt, leuchtete im Schaufenster einer Boutique ein wunderschönes rotes Kleid. Ob ich es einfach mal anprobieren sollte? Bestimmt konnte man da auch mit Karte zahlen.

Bargeld brauchte ich aber trotzdem. Suchend glitt mein Blick durch die Fußgängerzone. Gleich an der nächsten Ecke hing ein Geldautomat. Drei, vier Leute standen davor, ruckzuck war ich an der Reihe. Ich schob die Karte hinein, wählte die Ziffern. Es piepte, irgendeine Anzeige poppte auf. Anscheinend hatte ich mich vertippt. Ich brach den Vorgang ab und gab alles neu ein. Hinter mir scharrten Füße. Wieder piepte es, dieselbe Anzeige. Bloqueio de cartão. Der Automat spuckte meine Karte aus, aber kein Geld – verdammt! Hinter meinem Rücken hüstelte man und räusperte sich. Bestimmt deutsche Touristen, die hatten es immer eilig. Was war los mit dem blöden Kasten? Lag es an der Karte? War der Magnetstreifen kaputt? Leute tuschelten, jemand stöhnte leise. Auf keinen Fall würde ich mich jetzt nervös machen lassen! Ich starrte auf den grauen Monitor. Wieso bekam ich kein Geld?

Mir wurde heiß und kalt, als ich begriff. Es lag nicht am Automaten, es lag nicht am Magnetstreifen. Es lag an Albert. Der Hund hatte meinen Kontozugang gesperrt!

Ich zog meine Karte aus dem hämisch giftgrün blinkenden Schlitz, steckte sie weg und wandte mich zum Gehen. Hinter mir hatte sich eine lange Schlange gebildet. Ihr Frontmann im Sommeranzug und mit Mafioso-Hut war so dicht aufgerückt, dass ich seine Bartstoppeln hätte zählen können. Wo blieb da die Intimzone?! Offenbar hielt man in Portugal nichts von Diskretion. Der Kerl hatte mir die ganze Zeit mühelos über die Schulter schauen können! So viel zum Thema Bankgeheimnis … Ich linste an ihm hoch bis unter die Hutkrempe und blinzelte in die grelle Sonne, die sein Gesicht im Schatten ließ und seinem Kopf einen Strahlenkranz aufsetzte. Geblendet machte ich mich aus dem Staub.

Das rote Kleid lächelte mich traurig aus dem Schaufenster an. Im Spiegel der Glasscheibe stand es mir ausnehmend gut. Es war so wunderwunderschön! Tausendmal schöner noch als vor wenigen Minuten! Inzwischen war ich blitzartig verarmt. Mittellos. Des Geldes beraubt vom eigenen Mann!

Nie hätte ich Albert so viel Fiesheit zugetraut. Sonst wäre auch ich längst Inhaberin eines eigenen Kontos! Eine Frau braucht ihr eigenes Konto, klar. Nur, was hätte ich darauf einzahlen sollen? Unser Konto lief auf Alberts Namen, was ich sogar ziemlich lustig fand. Auf die Weise zahlte alles, was ich ausgab, Albert Auerbach, ha ha.

Das Kleid verschwamm vor meinen Augen zu einem Klecks. Ich sah nur noch Rot. In mir stieg die Wut wie der Strich im Fieberthermometer. Wie konnte er mir das antun! Wie konnte er mich so behandeln! Das sollte er bereuen! Dreißig schwarze Rosen hatte ich ihm geschenkt … jetzt würde er einen veritablen Rosenkrieg kriegen!

»Nicht weinen.«

Ich fuhr herum. Der Mafioso vom Bankautomat reichte mir ein Taschentuch. Das war freundlich. Wieso sprach er Deutsch? Okay, das halbe Ruhrgebiet war fest in Händen von Cosa Nostra und ’Ndrangheta; jetzt machten sie sich also an der Algarve breit. Wortlos nahm ich das Tuch und schnäuzte mir die Nase.

»Dein Bankgeheimnis ist bei mir so sicher wie in Abrahams Schoß, liebe Constanze.«

Mir wurde flau. Erstens, was war schon sicher im Schoß eines Mannes?! Und zweitens, woher kannte die Mafia meinen Namen?! Außerdem kam mir die Stimme ziemlich bekannt vor. Noch ehe der Mafioso seine Sonnenbrille abnahm, wusste ich, welche Augenfarbe mich erwartete.

»Hallo Gottfried. Danke.«

»Warum bist du beim Autoverleih in Faro so schnell weggelaufen? Ich hätte so gern mit dir auf unser überraschendes Wiedersehen angestoßen! Wer hätte das gedacht! Nach so vielen Jahren! Dreißig, oder? Na, dann machen wir das eben jetzt. Keine Angst, du bist natürlich eingeladen!« Er zwinkerte verschwörerisch, lupfte seinen Hut und fuhr sich durch die dichte graue Mähne.

So kam es, dass ich an meinem ersten Single-Urlaubstag in einem portugiesischen Straßencafé saß und mich von meinem ehemaligen Dozenten Schachtschnabel aushalten ließ.

Als Gottfried erfuhr, dass ich meinen Abschlussfilm an der Berliner Filmhochschule nie eingereicht hatte, fand er das unheimlich schade. Er hatte das gar nicht mitbekommen, weil er da schon weggezogen war.

»Wieso bist du weg?«, fragte ich ihn.

»Berlin hatte mir nichts Aussichtsreiches zu bieten.«

Ich schüttelte den Kopf. Was für eine bescheuerte Stadt! Was für eine bescheuerte Akademie, die einen so brillanten Kopf wie Schachtschnabel ziehen ließ!

»Und wo bist du dann hin?«

»München, Mailand, Manhatten …«

Ich staunte. »Und hast da überall an den Unis gelehrt?«

»Nein. Ich habe mich umorientiert. Die Alma Mater hab ich geschmissen.«

»Dabei fand ich immer, du seiest der geborene Prof«, kicherte ich.

Gottfried zuckte mit den Achseln und grinste. »Und mir ist schleierhaft, wie ausgerechnet meine begabteste Studentin kein Diplom machen konnte!«

»Warum hast du dich umorientiert?«, bohrte ich nach, während mein Ego in Schachtschnabels Kompliment badete. »Du hattest deinen Doktor doch längst in der Tasche!«

»Quasi. Aber dann dachte ich, warum damit noch Zeit verplempern und nicht mal wissen, ob man eine Stelle kriegt.«

»Dir wäre auf jeden Fall eine sicher gewesen!«

Gottfried zog mit dem Daumennagel Rillen über den Tisch.

»Ich war Mitte dreißig. Da gehen an der Uni die Karrierelichter aus. Außerdem wollte ich Geld verdienen.«

Dass er damals schon so alt war, hatte ich gar nicht mitbekommen. Ich rechnete kurz nach. Dann war Gottfried heute ja … Mitte sechzig! Er sah allerdings gesund und fit aus, einfach blendend, auch wenn er so viele Jahre älter war als ich.

»Und auf was hast du dich umorientiert?«

Gottfried schlug die Augen auf. Eine Welle in Jeansblau wogte über mich hinweg.

»Auf Film.«

»Du hast Filme gemacht?!« Vor mir flanierten Julia Roberts, Richard Gere, Brad Pitt und Angelina Jolie.

»Ich habe Filmgeschäfte gemacht. Interessante neue Regisseure und so.«

Zu Roberts, Gere, Brangelina & Co. gesellten sich Pedro Almodóvar, Sofia Coppola, Wes Anderson, Jodie Foster und die Coen Brothers. »Und damit hast du dann also Geld verdient?«

»Kann man so sagen«, lachte Gottfried laut. »Hast du eigentlich schon das Sklavenmuseum besucht?«

»Dazu bin ich leider noch nicht gekommen«, bedauerte ich. »Soll sehr spannend sein! Ich muss da unbedingt noch hin.«

»Na, dann lass es uns zusammen anschauen und vor den Ausbeutern und Menschenhändlern die Faust recken!«, strahlte Gottfried, ganz der alte Revoluzzer.

Die nächsten Stunden verbrachten wir im Bann der Historie. Ich finde es immer wieder ergreifend, anhand von Originalzeugnissen in den Lauf der Zeit einzutauchen. Wie im Film! Die ganze Dramatik der Menschheitsgeschichte rückt auf diese Weise ergreifend ins Bewusstsein, der endlose Kampf um eine bessere Welt, um Rechte und Freiheit. Als Gottfried und ich wieder auf der Straße standen, waren wir beide zutiefst beeindruckt.

»Lass mich das tragen«, sagte er und nahm mir galant die Tüte mit den Büchern ab, die er für mich im Museumsshop erstanden hatte. Ich will nach dem Besuch eines Museums immer alles genau nachlesen, um es in ganzer Tiefe durchdringen zu können. Die Ebene der Anschauung verlangt nach Theorie. Daher hatte ich sie gern griffbereit im Regal stehen. Zum Glück führte der Shop sogar deutschsprachige Geschichtsbücher.

»So. Wenn die Restaurants öffnen, wollen wir eine Kleinigkeit essen!«

Dagegen hatte ich nicht das Geringste einzuwenden. Ich schrieb Suada, dass ich heute ohne sie zum Abendessen ginge, und wünschte ihr eine gute Nacht.

Über die Fratzen von Kolonialismus und Kapitalismus plaudernd, schlenderten wir durch die Museumsgasse zurück zur Fußgängerzone. Vor dem Laden mit dem roten Kleid blieb Gottfried stehen und sagte: »Aber zuvor gehen wir shoppen.«

Dagegen hatte ich noch weniger einzuwenden.

Das Kleid behielt ich gleich an.

Mein Handy surrte. Ich warf einen Blick darauf. Suada hatte eine Nachricht mit Foto von sich im Bett geschickt. Eine Kreuzung aus Pipi Langstrumpf und der kleinen Hexe.

Es wurde noch ein sehr schöner Abend. Wir verstanden uns so gut, als läge unser Vorleben höchstens dreißig Monate, nicht dreißig Jahre zurück. Gottfried erzählte mir, seine Jolle ankere hier im Hafen. Wenn ich Lust hätte, könnte ich ihn an Bord begleiten. Auf welche Art von Begleiten das hinauslief, war mir natürlich sonnenklar. Früher, da wäre ich diesem Mann bis auf den Mond gefolgt. Bis ich begriff, dass Gottfried von seiner Frau Inge zwar getrennt, aber nicht geschieden war. Obendrein hatte er frisch mit meiner Freundin Julia angebandelt. Ha! Der alte Schlawiner würde von mir nicht gleich am ersten Tag unseres Wiedersehens beglitten werden, rotes Kleid hin oder her.

Am Ende begleitete Gottfried mich zum Hotel. Aber nur bis zum Eingang. Aufs Zimmer ging ich allein. Leicht schwankend bestand ich darauf, dass er sich am schmiedeeisernen Zufahrtstor verabschiedete. Mit zwei Wangenküsschen entließ ich ihn in die Nacht.

Wir würden uns auf jeden Fall wiedersehen, morgen oder übermorgen. Als unabhängige Frau darf man bei Männern nichts überstürzen. Erst recht nicht im Urlaub. Ehe man sich’s versieht, hat man den nächsten am Hals. Auch wenn es in diesem Fall zumindest kein Geizhals war.

Vom Fenster unseres Appartements sah ich zum Himmel hinauf und zählte die Sterne. Ein jeder leuchtete für sich. So wie ich. Zwischen ihnen schwebte ein blasser Mond. Obwohl er die Farbe von Sperma besaß, machte er die Nacht gleich viel heller.

17. Fragen über Fragen

»Mach keine Gesicht wie Trauerklotz. Ich leih dir Geld!«, versprach Suada, als ich ihr alles erzählt hatte, und ließ sich das Frühstück schmecken. Ich sah zu, wie sie allerlei frisches Obst verzehrte und anschließend herzhaft in ein Käsebrötchen biss.

Mir war nicht nach Essen. Ich hatte eine schlimme Nacht hinter mir, in der ich Albert auf verschiedenerlei Arten und Weisen umgebracht hatte, von denen eine grausamer war als die andere. Wie konnte dieser Titiseebanause es wagen, mir das Konto zu sperren?! Wer hatte denn seine Kinder aufgezogen und die Au-pairs betreut?! Wer ihm den Haushalt geführt und die Putzfrau von den bescheuerten Kuckucksuhren ferngehalten? Wer hatte den Herrn Professor Doktor die Karriereleiter hinaufeskortiert? Dafür behandelte dieser emotionale Betablocker mich nun wie eine moderne Sklavin! In den Augen meines Ehemannes stand mir kein Geld zu? Pfffü! In welchem Jahrhundert lebten wir eigentlich? Wie war die Gesetzeslage? Wenn ich zurück war, würde ich sofort ein Konto eröffnen! Und wenn ich mir dafür extra Geld leihen musste!

Bei einer zweiten Tasse Kaffee breitete Suada ihre Pläne für unseren heutigen Tag vor mir aus. Es sollte die Küste entlang zu einer Landzunge mit Leuchtturm gehen, entnahm ich der Route ihres Fingers auf einer hübsch bebilderten Landkarte für touristische Ausflüge. »Você ir!«, schloss sie. »Auf zu die Farol!«

»Du, Suada, ich bleib heute lieber hier. Schau dir in Ruhe die Gegend an. Der Schlüssel vom Punto liegt im Flur.« Damit trollte ich mich aufs Zimmer, fiel ins Bett und ließ das Gewicht der Welt über mir zusammenkrachen.

Mittags piepste es. Rosa meldete sich per Whatsapp und schickte Küsse aus Berlin, dazu ein Foto. Es zeigte sie lachend in den Armen einer mir unbekannten Begleitperson. Die beiden lungerten auf der Kühlerhaube eines mir bekannten metallic-limonengrünen Cabrios.

»Wie kommt mein Saab nach Berlin?!«

»Vielleicht kann er fliegen?« Ein augenrollendes Smiley erschien. Als ich nicht gleich antwortete, kam die nächste Botschaft: »Mama?! Schon vergessen? Du hast gesagt, dass ich dein Auto haben kann, um mit Momo zum Queerbeet-Festival zu fahren!«

Hatte ich? Nicht dass ich wüsste. Litt ich etwa an dieser Krankheit? Ich verengte die Augen und besah mir Momo. Grellblonde Igelfrisur, bollerige Löcherjeans, Hoody. Zum ersten Mal leuchtete mir der Sinn von Unisexklos ein. Immerhin wusste ich nun, warum meine Tochter mich unlängst zur besten Mama der Welt erklärt hatte. Und noch eines wusste ich: Beim nächsten Gespräch, in dem Rosa mir wieder die Ohren zusülzte, würde ich sie weit aufsperren!

»Pass bloß gut auf den Wagen auf, Schatz«, tippte ich und ersetzte den Wagen schnell noch durch dich, ehe ich die Message losschickte.

Ich war gerade wieder eingeschlafen, als das Handy von neuem schnurrte. Wer störte jetzt wieder? Albert wenigstens bliebe mir erspart. Der würde sich hüten, mich im Ausland zu kontaktieren. Die Kosten fräßen dem armen Mann ja förmlich die letzten Haare vom Kopf.

Ich riskierte einen vorsichtigen Blick.

»Liebe Constanze. Bitte mach dir keine Sorgen ums Geld«, schrieb Gottfried. »Ich helfe dir gern und bin immer für dich da!«

Seltsamerweise gab mir das Anlass, mein Kopfkissen zu umarmen und nasszuheulen.

Am späten Nachmittag hatte ich mich wieder so weit eingekriegt, um einen großen Eisbecher am Hafen verdrücken zu können. Ich sandte Gottfried ein kurzes Dankeswort. Sehen mochte ich ihn heute nicht. Ich hatte meinen ersten Singleblues. Da musste ich erst einmal zu mir selbst finden.

Die Frage war doch: Wollte ich meinen geizigen Gatten etwa nur verlassen, um mich von einem großzügigen Gottfried abhängig zu machen? Stundenlang grübelte ich über diese Frage am Strand und ließ Sandkörner zwischen den Fingern durchrinnen. Als Wind aufkam und ich fröstelnd in die Kleider stieg, hatte ich noch immer keine Antwort gefunden, dafür eine zweite Frage: Was war eigentlich mit Inge? Ich schuf die Ausgangsbasis zur Klärung dieser Fragen, indem ich Gottfried anrief und mich für den morgigen Abend mit ihm verabredete. Er antwortete mit einem flatternden Herz und einer seltsamen Adresse: der Anlegestelle am Kai.

Offenbar plante er einen Sundowner auf seiner Jolle! Damit segelte er nahe am Kitsch, aber so war das eben mit der Romantik.

Suada kehrte von ihrer Fahrt zum Leuchtturm bestens gelaunt zurück. Sie hatte ein supernettes portugiesisches Paar kennengelernt, das nachher für uns kochen wollte! Ihre deutsche Freundin sei herzlich miteingeladen! Bestimmt waren die Leute sympathisch, aber ich wusste, wenn ich mit Suada und irgendwelchen Leuten aus Portugal oder Brasilien zusammensaß, wurde portugiesisch geredet, bis man sich wieder an mich erinnerte und zwei, drei englische Sätze abrang. Danach verstand ich erneut nur noch estação de caminho de ferro.

Ich wünschte Suada viel Spaß mit ihren neuen Bekannten, ließ mir Fish and Chips aus dem Hotelrestaurant kommen und verbrachte den Abend vor dem Fernseher mit einer Telenovela, der ich prima folgen konnte, weil eh klar war, wer wen kriegte. Darum hielt mich auch nichts davon ab, mitten im Film einzuschlafen. Ich brauchte Erholung, um Kräfte zu sammeln für mein Date mit Gottfried.

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