Читать книгу: «Dunkel und Licht»

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Vorwort

Zu den besonders befriedigenden Momenten in meiner psychotherapeutischen Arbeit gehörte es, wenn Menschen Zugang fanden zu ihren bis dahin verdrängten prägenden Erfahrungen der Kindheit und wenn diese „Aufdeckung“ einen wichtigen Beitrag zur Heilung leisten konnte. Manche meiner Patienten hatten nicht nur Schlimmes, sondern Furchtbares erleben müssen und ich habe sie bewundert dafür, wie sie trotzdem ihr Leben meisterten. Neben Kriegserlebnissen, Überfällen, Unfällen, Schicksalsschlägen oder Ähnlichem, waren es Vergehen und Verbrechen nahestehender Menschen an ihnen als unschuldigen Kindern, die sie ihr ganzes Leben lang schwer belasteten.

Es ist nicht Aufgabe der Psychotherapie und es gab meistens für mich und meine Patienten auch keine Möglichkeit, in solchen Fällen für Gerechtigkeit zu sorgen, indem die Täter zur Rechenschaft gezogen wurden. Aber das war schwer auszuhalten, besonders, wenn es Täter gab, die in der Öffentlichkeit standen und für ihre Verdienste ums Gemeinwohl geehrt wurden, während ihre Opfer ums Überleben kämpften.

Den Opfern widme ich diese Erzählungen, den Tätern wünsche ich Gerechtigkeit andernorts.

Die Darstellung der Krankheitsverläufe, Behandlungen und Therapiebesprechungen in diesem Buch orientiert sich an der beruflichen Realität, wie ich sie in meiner Zeit als Psychotherapeut erlebt habe, doch die Handlung ist frei erfunden! Die Erzählungen geben einen Einblick in den Beruf einer Psychotherapeutin und in das Leben einiger ihrer Patienten. Es werden nebenbei einige Vorgehensweisen und Grundlagen der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie veranschaulicht.

Selbstverständlich sind auch alle Personen frei erfunden und Namensgleichheiten wären reiner Zufall! Ich wollte keinen meiner „Fälle“ beschreiben, aber mehrere meiner Patienten hatten ähnliche Symptomatiken und ähnliche Lebensschicksale. Das ist nicht verwunderlich, da Angststörungen, Somatisierungen, posttraumatische Syndrome, depressive und schizophrene Erkrankungen in jeder Psychotherapiepraxis eine wichtige Rolle spielen.

Natürlich waren bei mir auch viele Patienten mit ganz anderen Problemen und viel weniger kritischen Kindheitserfahrungen!

Hier, wie in allen meinen Büchern, verwende ich aus Gründen leichterer Schreib- und Lesbarkeit die traditionellen männlichen Formulierungen (z.B. Patient statt Patient/in), auch wenn aus dem Zusammenhang klar wird, dass damit beide Geschlechter gemeint sind. Ich hoffe, das wird mir nachgesehen und nicht als störend erlebt.

Helfried Stockhofe

Die Vergifteten

1

Träuschling. Eigentlich kann ich mit meinem Namen zufrieden sein. Dr. Träuschling klingt doch blöd, oder? Der Doktortitel war überflüssig. Doktortitel also nur, wenn es unbedingt sein muss! Aber Träuschling ist immer noch besser als Mist-Kahlkopf oder Mäuseöhrchen, dachte sich Träuschling, als er wieder einmal sein Pilzbuch durchblätterte. Wenngleich er zugeben musste, dass die beiden anderen Pilze doch mehr seinem Äußeren entsprachen. Aber halt, der Purpurgraue Träuschling hat doch auch eine gewisse Ähnlichkeit, stellte er amüsiert fest.

Träuschling gönnte sich den zweifelhaften Spaß, sich aus seinem Stuhl hochzuquälen, um sich vor den Spiegel zu stellen. Wenn er über sich selbst lachte, sah das freundliche Gesicht noch gar nicht so alt aus. Man ist so alt, wie man sich fühlt. Von allen blöden Sprüchen war das für ihn einer der blödesten. Warum um Himmels willen muss ich immer alles so genau nehmen? Sein Gesicht wurde ernst und er quälte sich mit schmerzenden Knien wieder zum Tisch zurück. Jetzt fühlte er sich alt.

Träuschling war sich sicher: Wegen seines Namens war er zu einem begeisterten Pilzsammler geworden. Namen prägen die Menschen. Leider lebte Träuschling nicht in einer von der Natur bevorzugten Pilzgegend. In den wenigen Wäldern rund um die Stadt pflegten auf den sauren Fichtenwaldböden nur bestimmte Pilzgattungen zu wachsen. Und im November dort noch einen Steinpilz zu finden, das grenzte schon an ein Wunder.

Es war ein riesiges Exemplar eines Fichten-Steinpilzes, Boletus edulis, uralt natürlich, ausgefranst und angenagt von allerhand Leben, aber noch stattlich gerade dastehend, Wind und Wetter trotzend, so, als ob auch der kommende Winter machtlos gegen diese Größe sein könnte. Vermutlich würde er nächstes Frühjahr noch dastehen und dem Rentner zeigen, wie zäh das Alter sein kann. Auf jeden Fall war klar, dass Träuschling diesen Pilz nicht mitnehmen würde. Er sollte in Würde seinem natürlichen Schicksal entgegensehen. Bei Träuschlings nobler Geste spielte auch die Überzeugung eine gewisse Rolle, dass dieser Pilz ohnehin nicht mehr genießbar war. Vermutlich war er Heimat und Nahrung für viele Tierchen, die den Eiweißgehalt dieses Nahrungsmittels zwar erhöhten, aber nicht Träuschlings Geschmack trafen. Er ging noch öfters an seinem Pilz vorbei und freute sich, wie standhaft und gleichmütig er ausharrte zwischen den dahinwelkenden Gräsern in seiner Umgebung.

Vielleicht hätte Träuschling anders gehandelt, wenn er es vorher gewusst hätte:

Eine Woche danach war nämlich das Schicksal des Unverwundbaren besiegelt! Auf einem großen Foto in der Zeitung sah Träuschling seinen Steinpilz in den Händen eines strahlenden alten Mannes: Was für ein Glück er gehabt habe, sagte der Alte, so ein Riesenexemplar, so spät im Jahr, eineinhalb Kilo schwer und durch und durch gesund...

Träuschling gehörte zu jener Generation junger Intellektueller, die Ende der 60er und in den 70er-Jahren den Regierenden und ihren Exekutivorganen in Demonstrationen schwer zu schaffen gemacht hatten. Und er fühlte sich noch heute wie ein 68er! Jetzt war er wieder in den 60ern, diesmal leider aufs Lebensalter bezogen... Und nun fühlte er sich eher reaktionär als revolutionär. Positiv ausgedrückt war er ein weiser Rentner, der nach seinen alten Werten lebte und ständig meinte, davon noch etwas an die Jungen weitergeben zu müssen. Und er sah in all den Lebensvollzügen um sich herum, selbst im Schicksal eines alten Pilzes, philosophische Parabeln, die er deuten oder zumindest psychologisch interpretieren musste. Leider fand er dafür nur wenige Zuhörer …

2

In derselben nebligen Herbstwoche, in der der Steinpilz sein jähes Ende fand - es war zu Beginn der ersten Adventswoche im Jahr 2013 - da geschah es, dass mitten auf einer beleuchteten Ausfallstraße der Stadt ein Radler von einem teuren schweren Auto angefahren wurde. Sein Rad hatte kein Licht, die Dunkelheit war schon längst über das Land gefallen und nur die Stadtstraßen widerstanden mit energiearmen orangefarbenen Straßenleuchten dem Schwarz der Nacht, konnten aber den undurchdringlich scheinenden Nebel nur in eine orangegelbe Suppe verwandeln, die den armen Radfahrer verschluckte. Das Auto fuhr schnell und der Radler hatte keine Chance: Er wurde zur Seite geschleudert und blieb schwerverletzt liegen.

Der Radler hieß Albert Schimmelpfand. Der 59-Jährige war ein seltsamer Kauz, ein Einzelgänger. Und wenn er samt Fahrrad im Sommer zwischen den großen Blutjohannisbeersträuchern gelandet wäre, die schon vor Jahren von Asylanten im Auftrag der Stadtverwaltung gepflanzt worden waren, hätte ihn vielleicht lange keiner gefunden – und es hätte keiner nach ihm gesucht, denn er wurde nicht vermisst. So aber war es Spätherbst und die Ziersträucher trugen keine Blätter, die einen Radfahrer verbergen könnten. Außerdem lag er noch vor diesen Sträuchern und sein Fahrrad lag sogar noch auf der Straße, wenn auch direkt am Straßenrand.

Eine alte Frau, die wegen des Nebels langsam und besonders weit rechts mit ihrem Auto daherschlich, übersah das nach dem Unfall auf der Straße liegende Fahrrad. Obwohl sie altersbedingt auch schwerhörig war, bemerkte sie, dass sie etwas überfahren haben musste. Danach bemerkte sie nur noch wenig. Zumindest konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, dass sie angehalten, ausgestiegen und das demolierte Rad und auch den armen Albert entdeckt hatte. Dann war sie zurückgewankt, um sich geschockt ans Steuer zu setzen und mit letzter Kraft die Polizei zu rufen. Später war sie mit dem zweiten Rettungswagen direkt hinter dem Albert ins Krankenhaus gefahren worden. An all das konnte sie sich nicht mehr erinnern.

Albert lebte in einem alten Wohnwagen auf einem aufgelassenen Fabrikgelände. Um den Wohnwagen herum standen immer rostige Einkaufswägen, Holzkisten und große Abfalltüten, in denen Albert Gemüse und Salat anbaute. Er hatte ein absolutes Faible für eine autarke und freie Lebensweise. Im Innern des Wohnwagens stapelten sich neben einem türlosen Schrank mit alter Kleidung, viele Bücher, Zeitschriften und Kartons. Dazwischen lag eine Matratze. Zum Wohnwagen gehörten einige „Dependancen“: In einer Garage in der Nähe hatte Albert seine „Wohnküche“ installiert, also einen Gaskocher, Geschirr und eine Wanne zum gelegentlichen Spülen von Kleidung und Geschirr. Durch langes Tragen seiner Kleidung und Abschlecken seines Geschirrs sparte Albert aber viel Wasser. Denn das gesammelte Regenwasser brauchte er für seinen „Garten“. Sein Trinkwasser besorgte er sich aus einer öffentlichen Sanitäranlage, die zugleich sein „Bad“ war. Dorthin musste er eine Viertelstunde mit dem Rad fahren.

Ansonsten verließ Albert selten seinen Wohnwagen. Meist saß er, was keiner, der den „Penner“ nur vom Sehen kannte, vermuten würde, über seinen Büchern und Zeitungsartikeln! Ja, er war ein intelligenter Mann, der sogar Artikel schrieb, die er in manchen Zeitungen veröffentlichen konnte! Sein Interesse galt der Zeit des sog. Dritten Reichs und den Nachkriegsjahren, was aber nichts mit einer rechten Gesinnung zu tun hatte. Ganz im Gegenteil: Er galt zu recht als linker, leicht paranoider „Ökospinner“ bei seinen Lesern. Mit seiner Schreiberei verdiente er das wenige Geld, das er benötigte – das meiste für seine Bücher.

Albert und die alte Autofahrerin, die sein Fahrrad überfahren hatte, waren nun im Krankenhaus, der eine lebensgefährlich verletzt, die andere traumatisiert.

Aber der Verkehrsunfall brachte zwei weitere Menschen in Behandlung, die auch nicht mehr die Jüngsten waren, zwei Schwestern aus einer reichen, aber vor allem noblen Familie: Die eine war die Autofahrerin Magda Maller, die mit ihrem Mercedes den Albert angefahren und Fahrerflucht begangen hatte. Die andere war ihre ältere Schwester Reinhilde Sturm. Jede für sich suchte eine psychotherapeutische Praxis auf, also zwei verschiedene Praxen, aber die beiden schon etwas älteren Damen kamen vielleicht mindestens zwanzig Jahre zu spät. Doch besser zu spät als nie. Unter dem Druck der aktuellen Ereignisse schien eine psychotherapeutische Behandlung jetzt offenbar „alternativlos“. Keine der beiden wusste von diesem Schritt der anderen. Denn, obwohl sie Schwestern waren, mieden sie den Kontakt zueinander, so gut es eben ging. Trotzdem hatte die Reinhilde von dem Unfall ihrer Schwester Magda erfahren, weil sie deswegen zu ihren Eltern befohlen worden war, um im Kreis der Familie die Lage zu besprechen. Eine Familie muss ja schließlich zusammenhalten!

Die alten Eltern waren „die Zwickenbauers“, 94 und 93 Jahre alt und immer noch sehr rüstig. Die Zwickenbauers hatten eine Strumpffabrik, die früher vielen Menschen Arbeit gab. Der jetzt 94-jährige Adolf war nach dem Krieg in die Fabrik seines Vaters eingestiegen und hatte sie bis zu seinem 80. Lebensjahr geführt. Die letzten Jahre waren vom Niedergang geprägt, die Fabrik wurde geschlossen. Adolf mischte in der Stadt in vielen Vereinen und Gremien mit, galt als Wohltäter, war lange Stadtrat und wurde vor einigen Jahren zum Ehrenbürger gekürt. Er lebte mit seiner Frau in seiner „Villa“.

Die Frau spielte nie eine besondere Rolle, außer der der Gastgeberin und gelegentlichen Begleiterin ihres Ehemanns. Als Mutter zeigte sie Fürsorge für die Kinder allenfalls aus Pflicht- und Schuldgefühlen heraus, statt aus Liebe zu ihren Töchtern. Sehr bald schon hatte sie sich der Meinung ihres Mannes angeschlossen, dass die Kinder nicht das Leben der Eltern beschweren, sondern es erleichtern sollten. Glück und Freude angesichts ihrer beiden Töchter konnte sie nie empfinden.

Reinhilde Sturm war die älteste Tochter der Zwickenbauers. Sie war verheiratet, ebenso wie die zweite Tochter Magda Maller, die Unfallfahrerin. Beide lebten mit ihren Familien nicht weit entfernt von den Eltern und schauten regelmäßig, und immer abwechselnd, bei ihren noch erstaunlich rüstigen Eltern vorbei.

Magda erzählte den Eltern von dem Unfall, obwohl sie ihr Mann gewarnt hatte – und bereute es. Die vorher gesunden Zwickenbauers holten plötzlich Erkrankungen aus der Kiste fürs Alterskrankheiten, die sie bisher dort gut verwahrt hatten. Und sie machten Ärger, viel Ärger! Sie zeterten, dass die Ehre der Familie Zwickenbauer beschmutzt sei, und dachten nicht im Traum daran, ihre jüngere Tochter nach dem Unfall psychisch zu unterstützen. Daran hatten sie eh noch nie gedacht, dass Eltern ihre Kinder unterstützen sollten – außer finanziell natürlich. Nein, die Kinder haben sich um das Wohlergehen der Eltern zu kümmern, egal in welchem Alter!

Zu einem Geständnis der Unfallflucht bei der Polizei kam es vorläufig nicht. Aus Gründen der Ehre. Es hätte ja dem Schwerverletzten sowieso nicht geholfen... Außerdem galt vorerst eine alte Frau als Unfallverursacherin.

Magda Maller aber hatte ein Gewissen. Oder war es nur die Angst vor der Aufdeckung, die sie in Behandlung trieb? Vermutlich war es aber nur ihre Fahrangst, die sich nach dem Unfall entwickelt hatte. Und bei ihrer Schwester Reinhilde Sturm verschlimmerten sich alle ihre körperlichen Leiden so dramatisch, dass sie sich zu einer Psychotherapie von ihrer überforderten Hausärztin überreden ließ. Medizinisch wäre nämlich nichts mehr zu machen.

3

„Wenn du sie nicht nimmst, dann stirbt sie mir!“ Nadja legte sich mächtig ins Zeug, um Alina dazu zu bringen, eine ihrer Patientinnen in Psychotherapie zu nehmen. Die Psychotherapeutin Alina Winner war die Freundin von Reinhilde Sturms Hausärztin Nadja.

„Und wenn ich sie nehme, dann stirbt sie wohl nicht?“, erwiderte skeptisch Alina, der bekannt war, dass Reinhilde Sturm unter irgendeiner lebensgefährlichen internistischen Erkrankung litt.

Erstaunlicherweise stimmte Nadja gleich zu. Sie wusste, wie sie mit ihrer Freundin umgehen musste:

„Du hast Recht, Wunder kann man nicht erwarten. Und eigentlich stimmt´s: Nur ein Wunder kann diese Patientin noch retten. Ich verstehe schon, dass dich das unter Druck setzt.“

Und Alina Winner fiel auf die Finte herein. Denn wenn man mit einer Freundin spricht, dann hinterfragt auch eine Tiefenpsychologin nicht gleich mit psychologischen Hintergedanken das Gesagte!

„Ach was, du weißt doch, dass es uns Psychologen entlastet, wenn uns die Ärzte hoffnungslose Fälle schicken. Dann können wir nur noch gewinnen!“

„Ja, so kann man das auch sehen“. Nadja schmunzelte trotz der ernsten Lage ihrer Patientin in sich hinein. „Aber warum sträubst du dich denn gar so sehr?“

„Nun, weil ich mir vorgenommen habe, mich nicht von dir immer wieder breitschlagen zu lassen. Ich habe doch eh so viele Patienten!“ Aber noch während Alina das sagte, war ihr klar, dass sie ihren Vorsatz doch wieder aufgeben würde. Noch dazu, weil Nadja nachlegte: „Mensch, deine Position möchte ich haben. Ein Schild an die Tür hängen: Wegen Überfüllung geschlossen!“

Das klang bissig. Auch etwas neidisch. Alina kannte diesen Vorzug der Psychotherapeuten den Hausärzten gegenüber. Einen der wenigen Vorzüge, wie sie meinte. Aber noch einer fiel ihr ein: Wir können uns die Patienten aussuchen!, dachte sie. Aber das war alles so etwas wie ein Sachzwang und kein unzulässiges Privileg. Psychotherapeutisch arbeiten kann man nicht mit zu vielen und nicht mit zu ungeeigneten Patienten. Sie pflegte ihren Patienten immer zu verdeutlichen, welches Privileg sie hatten, nämlich, dass sie zu den Geeigneten gehörten, denen es gelungen war, einen Therapieplatz zu ergattern.

„Ich habe dir noch nicht erzählt, dass diese Patientin nicht zu den Hochmotivierten gehört“, begann Nadja wieder das Thema.

„Auch das noch!“, stöhnte Alina. „Du scheinst dir deiner Überredungskünste heute aber sehr sicher zu sein!“

„Nein, ich will dir nur meine Situation verdeutlichen“, wehrte sich Nadja. „Ich habe jahrelang an sie hingeredet, aber sie nie so weit gebracht wie jetzt.“

„Und warum könnte sie sich gerade jetzt Psychotherapie vorstellen?“

Und Nadja wusste die richtige Antwort: „Das muss irgendwie mit einem Unfall zusammenhängen. Sie hat da etwas angedeutet. Oder vielleicht doch mit ihrem letzten Besuch beim Internisten.“ Nadja machte es spannend.

„Was hat denn der Internist gesagt?“, fragte Alina.

„Eine weitere Operation sei nicht mehr möglich. Wenn der Darm sich nicht bewegt, dann werde die Patientin sterben!“ Und schon wieder machte Nadja eine Kunstpause und setzte eine sorgenvolle Mimik auf.

„Sie hat also eine Darmerkrankung … Mensch, Nadja, lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“

„Ja, ja. Eine jahrelang schon bestehende Atonie unbekannten Ursprungs und viele Operationen. Vom Darm ist nicht mehr viel übrig.“

„Und der bewegt sich nicht?“

Nadja nickte.

„Und das andere? Das mit dem Unfall?“, drängte Alina.

„Damit ist sie nicht so richtig herausgerückt.“

„Ja, wurde sie denn verletzt?“

„Nein, nein, der Unfall muss in der Verwandtschaft gewesen sein. Sie ist eine Tochter der alten Zwickenbauers. Du weißt schon, die Familie mit der Strumpffabrik, also der früheren Strumpffabrik.“

Dann schwieg Nadja. Sie schaute Alina nur noch treuherzig an. Wie der „ewige Stenz“: Schau Spatzerl, wie ich schau!

„Du bist einfach unwiderstehlich!“, sagte Alina lächelnd.

„Und du ein Schatz!“ reagierte Nadja erleichtert. „Ich habe der nämlich gesagt, dass ich sie nur zu der Besten schicke!“

4

Albert Schimmelpfand, der verunglückte Radfahrer, rang derweilen im Krankenhaus mit dem Tod. Vorsichtshalber schaute einmal ein Kommissar der Polizei vorbei, ob denn nicht bald mit einer Vernehmungsfähigkeit zu rechnen sei. Kommissar Flinker ging persönlich dort hin. Er nahm lieber alles selber in die Hand, wollte sich von allem selbst überzeugen, obwohl er sich gar nicht gerne in einem Krankenhaus aufhielt. Er hatte zwar keine Angst vor Ansteckung und auch keine eigenen schlechten Erfahrungen mit Kliniken gemacht, aber er wusste, dass ihn dort alle Leute mitleidig anschauen würden. Wer ihn nicht kannte, glaubte ihm anzusehen, dass seine auffallende Gesichtsblässe mit einer schweren Erkrankung zusammenhängen müsste, zumindest aber mit einer knapp überstanden langen Krankheit. Und genau solche Blicke wusste er auf sich gerichtet, als er durch die Krankenhausflure schlich.

Er kam umsonst, denn Albert war wirklich nicht vernehmungsfähig. Flinker hoffte, dass sich der Radler eines Tages an den Hergang des Unfalls würde erinnern können, denn er war sich nicht sicher, ob die alte Frau ihn wirklich angefahren hatte. Die Aussage, die er aus der Betagten herausholen konnte, sprach dafür, dass sie extrem langsam mit ihrem Auto unterwegs war, weil sie sich im orangegelben Nebel der Ausfallstraße völlig unsicher vorangetastet hatte. Und weil der Radfahrer ein Stück weg lag von seinem Gefährt, müsste ihn eigentlich ein schnelleres Auto angefahren haben. Die Kriminaltechniker würden das wohl bald herausfinden, da war er sich sicher.

Im Krankenhaus traf Flinker die Mutter des Radfahrers an. Ihm war da noch nicht klar, dass die Begegnung zwischen Mutter und Sohn ein sehr seltenes Ereignis war, denn der Albert wollte nichts wissen von seiner Mutter. Hier in der Klinik und in seinem Zustand konnte er sich jedoch nicht wehren gegen den unerwünschten Besuch. Nein, sagte die Mutter zu Flinker, sie kenne nicht diese alte Frau, die ihren Sohn angefahren habe. Und außerdem sei der Sohn sicher selbst schuld! Dann merkte sie, dass es wohl ungeschickt war, so mit dem ermittelnden Kommissar zu sprechen. Und so gab sie sich lieber tief betroffen und unfähig, weitere Aussagen zu machen.

Neben der Mutter bangte noch eine Schwester um das Leben des Albert Schimmelpfand. Sie war 5 Jahre älter und hieß Rosamarie. Sie war wohl das, was man eine Symptomträgerin im Familiensystem nennen könnte und sie galt, trotz des seltsamen Bruders, als die eigentlich Gestörte in der Familie. Sie war schon lange in psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung und war wegen psychischer Erkrankungen frühberentet. Auch bei ihr war die Intelligenz kein Garant für ein gesundes Leben. Zu ihrer Mutter hatte sie „gelegentlich“ Kontakt, den Bruder sah sie noch seltener.

Es ist nicht bekannt, warum sie „Rosamarie“ hieß. Vielleicht war es ein Schreibfehler des jungen Standesbeamten, der in den Nachkriegsjahren seinem Vorgesetzten, dem Bürgermeister, ins Amt gefolgt war. Beim Bürgermeister war der Deckel löchrig geworden, den viele seiner Mitstreiter in der Stadt über seine Nazi-Vergangenheit gestülpt hatten. Als die nationalsozialistischen Aktivitäten ruchbar und die einstigen Verteidiger zu den schnellsten Anklägern wurden, kam der junge Standesbeamte ins Spiel.

Womöglich aber hatte Rosamaries Vater dem Standesbeamten den Namen so vorgegeben, nicht wissend, dass „Rosemarie“ die richtige Schreibweise ist. Oder war namensgebend die Hautfarbe des Säuglings, die der inzwischen 64-Jährigen ein Leben lang geblieben war? Keiner wusste es, nicht einmal die Mutter. So konnte man sie jedenfalls auch Rosa nennen. Am häufigsten war sie jedoch die Rosmarie, was ihr auch am liebsten war.

Kommissar Flinker begegnete in der Klinik auch der Rosamarie – und ihm gefiel ihre Hautfarbe.

5

Der Pilzkenner Träuschling kannte den alten Zwickenbauer nur von Bildern und vom Hörensagen. Er war kein Freund alter patriarchalischer Herrschaftsfamilien, sah nicht, was die alles Gutes getan hatten für die Stadt, sondern nur, wie man ihnen trotz ihrer Hochnäsigkeit in den Arsch kroch. Das war nichts für einen alten Revoluzzer. Und es machte ihm Spaß, wenn ihm die „Großkopferten“ einen Anlass gaben, sich über sie aufzuregen. Zum Beispiel mittels eines Leserbriefs in der Lokalzeitung.

Mit dem alten Zwickenbauer verband ihn die Leidenschaft für Pilze. Als er den Zwickenbauer mit seinem spätherbstlichen Steinpilz in der Zeitung sah, erinnerte er sich an einen Streit mit dem Alten:

Der Lionsclub hatte damals den Zwickenbauer soweit gebracht, einen Vortrag über Speisepilze anzubieten. Die Lokalzeitung druckte einen Artikel darüber, wie der damals noch nicht Alte seine Vasallen aufklärte. Und Träuschling konnte eine Nacht lang seine Argumente gegen Zwickenbauers Ausführungen ausfeilen und schließlich per Leserbrief veröffentlichen. Zwickenbauers Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Er hatte aber letztlich keine Chance gegen Träuschling. Dass der Streit völlig unsinnig war, bemerkte nur der „kleine Rest“ der Leserschaft. Die beiden Kontrahenten dachten, es sei jetzt das Wichtigste auf der Welt, ob das Schweinsohr oder der Schafporling schützenswert wären und auf dem Speiseplan des Pilzkenners stehen dürften. Nur daher kannten sich die beiden, gesehen hatten sie sich nie. Und nur in diesem Zusammenhang hatte Träuschling einmal das Gefühl, dass sein Doktortitel etwas wert war und seine Argumente unterstreichen konnte. Ansonsten hatte er ja schon längst begonnen, geflissentlich auf seinen akademischen Grad zu verzichten, ja er genierte sich dafür, diesen irgendwann einmal erworben zu haben. Besonders geschmerzt hat ihn sein Titel, als die Zeit kam, in der reihenweise die Doktorarbeiten bekannter Politiker sich als Plagiate entpuppten. Wie konnte er seinerzeit als junger Mann ebenso gierig sein auf diese Form der Kompetenzzurschaustellung? Beruflich gebraucht hatte er seinen Titel nie. Er war ein diplomierter Psychologe mit psychotherapeutischen Zusatzausbildungen und das reichte für alle seine beruflichen Alternativen, eine Universitätskarriere einmal ausgenommen. Als er später einmal eine eigene psychotherapeutische Praxis führte, begann seine Titel-Ablehnung. Das Eingebundenwerden in das System der Kassenärzte, regte in ihm seine Abgrenzungsbedürfnisse zu den Ärzten an. Er wollte keinesfalls mit einem Arzt verwechselt werden, war er doch stolz darauf ein Psychologe zu sein. Damit fühlte er sich per se in seinem Psychotherapiebereich den Ärzten überlegen. Die Ärzte konnten mit viel geringerem Ausbildungsaufwand zu „Ärztlichen Psychotherapeuten“ werden und dieselben Leistungen anbieten wie die „Psychologischen Psychotherapeuten“ und sie wurden dafür auch noch besser bezahlt. Nein, er war kein Arzt, er hatte sich alles hart erarbeitet und war hervorragend ausgebildet. Wehe, es sprach ihn jemand mit Herr Doktor an. Fast immer dachten die Patienten, er sei ein Arzt. Und die Unterschiede zwischen ärztlicher und psychologischer Psychotherapie interessierten die Patienten natürlich überhaupt nicht. Und mit den Jahren weiser geworden, musste Träuschling anerkennen, dass es auch weniger gut ausgebildete Ärzte gab, die bessere psychotherapeutische Arbeit leisteten als mancher Psychologe.

Er war immer überzeugt von der Qualität seiner Arbeit und konnte sich auch gut innerhalb des Systems verkaufen. So gehörte er in seinen mittleren Berufsjahren sogar Gremien der Kassenärztlichen Selbstverwaltung an, saß da in Ausschüssen mit Krankenkassen- und Arztvertretern zusammen. Von deren psychologischer Ignoranz angeekelt, stieg er aber bald wieder von dieser Karriereleiter und beschränkte sich ganz auf seine Praxis. Angeknockt von den Schicksalen und der intensiven Arbeit mit seinen Patienten und dem immer bürokratischer werdenden Kassenarzt-System, entschied er sich für einen frühzeitigen Ausstieg, gab seine Praxis ab und beschränkte sich in den letzten Jahren auf Supervisorentätigkeit für ausgewählte Kolleginnen und Kollegen.

6

„Meine Hausärztin hält ja große Stücke auf Sie!“, versuchte Reinhilde Sturm einen freundlichen Einstieg ins erste Gespräch mit ihrer Psychotherapeutin.

„Das freut mich. Ja, wir schätzen uns gegenseitig.“ Alina schaute die Neue lächelnd an und wartete. Aber von dieser kam nichts.

„Ist das denn wichtig für Sie, Frau Sturm?“, führte Alina das Gespräch weiter.

„Sie hat Ihnen doch sicher gesagt, dass ich eigentlich nichts von dem psychologischen Gerede halte!“, bekannte Reinhilde, die dieser in ihren Augen jungen Therapeutin gleich einmal zeigen wollte, dass sie sich nicht einem Goodwill unterzuordnen gedachte.

Na immerhin hat sie nicht Hokuspokus gesagt, dachte Alina.

„Die Ärztin ist aber fest davon überzeugt, dass unser Gerede für Sie lebensrettend sein kann!“, fuhr Alina ihr trotzdem gleich in die Parade.

Reinhilde stockte der Atem. Gerne würde sie ihre bedrohliche Erkrankung verdrängen. Und schon gar nicht hatte sie mit einer so direkten Therapeutin gerechnet.

„Und? Glauben Sie das auch?“, fragte Reinhilde.

„Wenn es Ihnen nicht so schlecht gehen würde und ich nicht glauben könnte, dass ich Ihnen helfen kann, hätte ich Sie nicht ins Gespräch genommen. Wir müssen ausloten, wie Psychotherapie die Lawine noch stoppen kann.“

So scharf wollte Alina es gar nicht formulieren, aber vermutlich war es richtig, der Neuen mit schweren Geschützen zu kommen. Dann setzte sie aber eine andere Betonung:

„Es hängt ganz von Ihnen ab. Sie müssen es sich hart erarbeiten, sich überwinden, darauf einzulassen. Schaffen Sie das?“

Das gefiel Reinhilde besser. „Hart arbeiten konnte ich schon immer. Aber auf was ich mich hier einlassen kann oder einlassen soll, weiß ich ja gar nicht.“ Und leiser fügte sie hinzu: „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie durch Reden mein Darm wieder lebendig werden soll.“

„Sehen Sie, das hat mir gefallen!“, sagte Alina nun entgegenkommend, wenn auch etwas schulmeisterlich. „Mir gefällt, dass Sie von lebendig sprechen! Ich merke, dass Sie wirklich wissen, dass es um Totsein oder Lebendigsein geht!“

Reinhilde sprach auf das Lob an, obwohl sie nicht so recht wusste, warum sie es bekommen hatte. Sie fühlte sich bei der Therapeutin aber schon etwas sicherer.

Sie ahnte natürlich nicht, dass die Therapeutin damit vorbereitete, dass es bei ihrer lebensbedrohlichen Erkrankung auch ursächlich irgendwie um Leben und Tod gehen musste: Sie bringt sich nicht grundlos zu Tode, dachte Alina, da steckt Tod dahinter!

Reinhilde schwieg, wirkte nachdenklich. Alina führte das andere Thema ein.

„Da ist nun ja zusätzlich etwas passiert!“

„Ja? Aber ich weiß nicht, was Sie meinen.“

„Irgendein Unfall, hörte ich.“

„Ach so. Da hat Ihnen die Ärztin wohl etwas erzählt?“

Alina nickte.

„Das betrifft nicht mich. Es geschah in der Familie“, versuchte Reinhilde abzulenken.

„Sie wollen es mir nicht erzählen?“, lockte sie Alina.

„Vielleicht später. Nicht heute. Aber die ganze Familie war sehr betroffen.“

„Die ganze Familie? Wer ist das denn alles?“, stieg Alina nun in die Familienanamnese ein.

„Meine jüngere Schwester Magda …“

„Wieviel jünger?“, unterbrach die Therapeutin und signalisierte, dass sie mitschreiben wollte, indem sie einen Block zur Hand nahm. Reinhilde ließ sich gerne darauf ein. Über andere konnte sie jetzt leichter reden:

„Ich bin 1940 geboren, meine Schwester 1946. Meine Eltern sind jetzt 94 und 93.“

„So alt schon und noch rüstig?“

„Die beiden versorgen sich sogar noch alleine. Aber wir schauen öfters nach ihnen. Besonders seit sich die Mutter vor zehn Jahren den Oberschenkelhals brach.“

„Und eine eigene Familie haben Sie auch?“

„Mein Mann ist so alt wie ich, also 74, und unsere Kinder haben auch schon ihre eigenen Familien.“

„Und alle sind besorgt wegen des Unfalls.“ Alina konnte es einfach nicht lassen, im Geheimnis herumzustochern.

„Ja, und die Eltern regen sich auch auf, weil in ihrer Familie so etwas natürlich nicht vorkommen darf.“

Reinhilde hatte nicht aufgepasst und fast zu viel verraten. Und der zynische Unterton fiel Alina auch auf.

„Eine Vorzeigefamilie?“, fragte sie provozierend.

„So sagen manchmal die Leute“, bestätigte Reinhilde.

„Und Sie sind da jetzt so etwas wie das Oberhaupt?“, fragte Alina. Aber das hätte sie nicht sagen dürfen …

„Was? Wo denken Sie hin! Der Vater hat alles noch im Griff!“ Richtig empört schien Reinhilde wegen Alinas Vermutung. In Wirklichkeit galt die Empörung natürlich der patriarchalischen Macht des Vaters und der Angst seiner „Untergebenen“. Aber sie hatte tatsächlich noch nie darüber nachgedacht, was sich nach dessen Tod einmal in der Familienhierarchie abspielen würde.

„Vielleicht widmen wir uns der Familie doch lieber ausführlicher ein anderes Mal“, schlug die Therapeutin vor. „Können Sie mir heute vielleicht noch etwas sagen zu Ihrer langen Darmgeschichte?“

Und Reinhilde erzählte, dass sie seit der Kindheit schon einen empfindlichen Darm gehabt habe. Später waren es Durchfallprobleme, die im Vordergrund standen. Die mussten schließlich medikamentös bekämpft werden. Ab dem Erwachsenenalter, besonders seit ihrer Heirat, sei der Darm „gekippt“. Statt Durchfall waren es zunehmende Verstopfungen, die sie plagten. Auch da konnte sie bald nur noch mit Medikamenten für eine einigermaßen geregelte Verdauung sorgen. Es habe sich eine richtige Medikamentenabhängigkeit eingeschlichen. Damit kam sie dann zum ersten Mal in eine stationäre Behandlung. Das sei vor etwa 25 Jahren gewesen. Aber statt eine Verbesserung zu erreichen, habe der Darm immer mehr „gesponnen“. Die ersten Lähmungen von Teilabschnitten des Darms wurden vor ca. 10 Jahren festgestellt. Seitdem musste immer mehr am Darm operiert werden, sprich, Stücke des Darms entfernt werden. Immer stärker wurden die Folgeerkrankungen des zu kurzen und zu langsamen Darms. Nun sei der Punkt gekommen, an dem eine Operation nicht mehr möglich sei. Wenn der Darm sich nicht besser bewege, werde sie sterben. Das habe man ihr so angedroht.

7

Frau Rosamarie Schimmelpfand, die Schwester des Radfahrers, war eine langjährige Patientin bei Alina Winner. Mit ihren 64 Jahren hatte sie wegen ihrer psychischen Erkrankungen schon viele Nervenkliniken kennen gelernt, auch mehrere Therapeuten. Es wurde von niemandem mehr eine Heilung der Erkrankung erwartet. Zu Alina kam sie nur noch alle 4 Wochen, was beide als ausreichend erlebten. Dieser Rhythmus wurde nie unterbrochen, egal ob es der Patientin sehr schlecht ging oder sie eine gute Phase hatte. Beständigkeit war das A und O. Alina konnte sich nicht erinnern, dass diese Frau einmal wegen Krankheit gefehlt hätte. Und wenn sie selbst wegen Krankheit den Termin verlegen musste, dann war die Hölle los. Frau Schimmelpfand vermutete dann sofort, dass irgendein schlechter Einfluss von ihr die Therapeutin getroffen und krank gemacht hätte. Wenn Alina mehrere Wochen krank war, was zum Glück selten geschah, stand die Patientin nahe vor einer Einweisung. Ansonsten schien die Patientin vieles mit Gleichmut zu ertragen. Aber das täuschte. Manchmal bekämpften sich gute und böse Stimmen, meist schienen die bösen zu siegen. Und nach außen erstarrte in diesen Phasen die Patientin mehr und mehr, weil sie sich nie unvorsichtig verhalten durfte, nie die Aufträge und Verbote der Stimmen ignorieren, sie aber auch nie erfüllen durfte, weil die Selbstkontrolle der Patientin doch noch so weit intakt war, dass sie in ihrem Handeln den Stimmen nicht folgte. Also wurde sie, wenn es wieder einmal so weit war, ganz starr, tat nur das zum Überleben Nötigste, redete auch nur das Nötigste, um ja nichts falsch zu machen.

Dieses Mal kam die Patientin wie gewohnt pünktlich und still zum vereinbarten Termin und erzählte, scheinbar unbeteiligt, dass ihr Bruder Albert einen schweren Unfall gehabt habe. Alina kannte die Patientin gut genug, um sofort zu wissen, dass das nun nicht ihrer kranken Fantasie entsprungen war, sondern real geschehen sein musste.

„Das ist ja schlimm! Wie geht es ihm denn?“

„Er liegt im Krankenhaus.“

„Hatte er einen Autounfall?“

„Nein. Er war mit dem Rad unterwegs.“

„Ist er vom Rad gefallen?“

„Nein, er wurde von einem Auto angefahren?“

Nun begann es bei Alina zu rattern. Ist ja kein Wunder, sagen da die Tiefenpsychologen, das Unbewusste erkennt sofort die Zusammenhänge und eine fähige Psychologin wie Alina kann das ins Bewusstsein heben. Die Verhaltenstherapeuten aber sagen: Es ist nur der zeitliche Zusammenhang der Geschehnisse und der Aussagen dazu! Auf jeden Fall kam bei Alina sofort der Gedanke, es könnte der Unfall in der Familie ihrer neuen Patientin Reinhilde Sturm gewesen sein. Schicksals-Verknüpfungen zwischen ihren Patienten schienen ohnehin an der Tagesordnung zu sein. Wichtiger war jetzt aber, ob sich ihre Patientin Schimmelpfand involviert fühlte in diesen Todesfall und wie sie ihn verkraften würde.

„Soviel ich weiß, waren Sie mit Ihrem Bruder nicht so eng?“

„Nein, eigentlich nicht. Wir sehen uns vielleicht ein Mal im Jahr.“

„Wie ist es denn passiert?“

„Er ist ohne Licht gefahren und eine Autofahrerin hat ihn übersehen.“

Alina war froh, dass ihre Patientin alles realistisch verarbeitete, fragte aber noch einmal direkt nach:

„Und wie geht es denn nun Ihnen damit?“

„Er hat das nicht verdient!“

Die Patientin bringt also wieder ihre Muster rein, dachte Alina. Statt zu bangen oder zu trauern, fragt sie immer nach Schuld. Die Strafe als gute Möglichkeit, Schicksal zu verstehen. Schuld und Strafe, die zwei zentralen Anker, um die sich alles rankt im Leben der Schimmelpfand. Eigentlich der Schimmelpfands, denn die Mutter war diesbezüglich noch extremer gewesen. Erst jetzt in ihren letzten Lebensjahren wurde die Mutter ruhiger mit ihren Schuld-Selbst- und Fremdvorwürfen. Alina kam es manchmal so vor, als hätte die Mutter sechs Jahrzehnte lang ihre Aufgabe der Indoktrination der Tochter erfüllt und jetzt die Schuld-Fackel endgültig an die Tochter weitergegeben. Wie froh muss man sein, dass keine weitere Generation in den Startlöchern stand, um die Fackel weiterzutragen! Ihre Patientin Schimmelpfand hatte keine Kinder. Aber vielleicht trägt der Radfahrer auch eine Fackel mit sich herum. Langsam, Alina, ermahnte sie sich, mit dir gehen wieder einmal alle Gäule durch.

8

Auf dem Tisch stand eine brennende Kerze. Die Verhaltenstherapeutin Inge wollte es ihren Kollegen heimelig machen, ein bisschen Adventsstimmung reinbringen. Es war ihr letztes Intervisionstreffen in dem ablaufenden Jahr und niemand war so recht nach ernsthafter Besprechung von psychologischen Fällen zumute. Alina brachte Plätzchen mit. Die Analytikerin Ilona legte auch einmal ein wenig ihre Strenge ab und befand für sich, dass das in Ordnung sei. Man könne im Kollegenkreis auch einmal etwas gegen eine nüchterne Arbeitsatmosphäre tun. Max, ein ärztlicher Verhaltenstherapeut, nahm alles, wie es kam. Er ließ sich die Plätzchen schmecken und trank auch den mit Heilsteinen angereicherten Kräutertee, eine Harmoniemischung, obwohl ihm ein Glühwein sicher lieber gewesen wäre.

„Habt ihr von dem Unfall mit dem Radfahrer gehört?“, begann er plätzchenbeißend.

„Du meinst den Autounfall mit dem Mann, der im Nebel angefahren wurde?“, fragte Ilona.

Max nickte und kaute weiter. „Ich glaube, bei mir ist die Unfallfahrerin!“

„Was?“ Alina verschluckte sich am Tee. „Ich las, die Unfallfahrerin läge im Krankenhaus.“

„Nein, das ist ja nur das Bauernopfer. Ich glaub ja, dass meine Patientin aus dieser Nobelfamilie den Radler überfahren hat.“ Den Namen der Familie konnte er sich gerade noch verbeißen.

„Aber das wäre ja Fahrerflucht!“

Max nickte und schob das nächste Plätzchen ein.

„Wie kommst du denn da drauf?“, fragte Alina nach.

„Der zeitliche Zusammenhang! Meine neue Patientin war noch nie in einer Therapie und kommt plötzlich mit einer Fahrangst daher und druckst rum, ihr sei etwas passiert, über das sie aber nicht reden will, das ihr aber zu schaffen mache. Ein Unfall, hab ich gerade noch aus ihr herausbekommen.“

„Aber in unserer Stadt gibt es schon noch mehr Unfälle als diesen!“, gab Ilona zu bedenken.

„Dann ist das halt mein Bauchgefühl!“, grinste Max. „Oder wie ihr Tiefenpsychologen sagen würdet: Mein Unbewusstes weiß es!“

„Könnte es sein, dass sie eine ältere Schwester, so Mitte 70 hat?“, fragte Alina.

„Ja, genau! Woher weißt denn du das?“

„Die ist bei mir!“, sagte Alina mit einem leichten Triumphgefühl, wie es sich einstellt, wenn man einen anderen überraschen kann.

Die vier Psychotherapeuten nickten lächelnd und wissend. Und es war für keinen von ihnen eine besonders große Überraschung, dass ihre Patienten miteinander verwandt oder bekannt sind.

„Wie klein wieder die Welt ist“, bemerkte Inge.

„Vor allem unsere Stadt“, präzisierte Ilona.

„Aber das ist noch nicht alles“, sagte Alina. „Wenn wir schon mal dabei sind … Es bleibt ja alles unter uns … Bei mir ist auch noch eine Patientin aus der Familie des Unfallopfers.“

„Natürlich. Klar. War vielleicht bei jemanden das Unfallopfer selber?“, fragte Max, grinsend in die Runde schauend. Und zu Alina gewandt. „Was weiß man denn über den Verunfallten?“

„Ich jedenfalls weiß kaum etwas über den. Muss ein seltsamer Vogel sein, der isoliert in seinem Wohnwagen lebt. Bei mir ist schon ewig seine schizophrene Schwester. Über die habe ich euch schon oft erzählt. Sie hat aber kaum Kontakt zu ihrem Bruder.“

„Nochmal zurück zu den Unfallschwestern aus der Nobel-Familie. Meine Patientin hat nicht erwähnt, dass ihre Schwester auch in Therapie ist“, sagte Max zu Alina.

„Das wissen wahrscheinlich beide nicht voneinander. Ich nehme an, das verbietet die Familienehre! Meine tut sich jedenfalls sehr schwer mit ihrer Therapiebedürftigkeit. Wer weiß, ob sie bleibt.“

„Da müssen wir beide aber aufpassen, dass wir ihnen nichts verraten!“, blinzelte Max seiner Kollegin zu.

„Und, wie kommst du zurecht mit deiner?“, fragte Alina nach.

„Sie ist ganz schön durch den Wind. Schiebt sich unbewusst“, bei diesem Begriff sah er lächelnd zu seinen tiefenpsychologisch orientierten Kolleginnen, „wohl auch selber Schuld an dem Unfall zu. Aber da ist noch mehr im Busch. Mal schauen, ob ich mit meinen eingeschränkten verhaltenstherapeutischen Mitteln dahinter komme“, grinste er ironisch Ilona und Alina zu.

Den beiden psychoanalytisch Denkenden fiel es nicht leicht, spaßig mit solchen Breitseiten umzugehen, weil sie bei der Aufdeckung verborgener Geschichten ja tatsächlich von der Überlegenheit ihrer tiefenpsychologischen Verfahren ausgingen. Aber Inge spürte die aufkommende Spannung sofort und wiegelte ab:

„Unser Max, der macht das schon!“

Manchmal war Alina auch dankbar für Inges harmonisierende Art.

„Bei meiner geht es nicht um den Unfall. Sie ist körperlich sehr schwer krank und ich bin sozusagen ihre letzte Rettung. Also momentan überschneiden sich unsere Fälle noch nicht so sehr“, schaffte auch Alina den Sprung ans rettende Ufer.

Ilona kaute aber noch auf einem Problem herum: „Was ist, wenn es sich tatsächlich um diesen Unfall handelt und wir wissen, wer die Unfallflüchtige ist? Müssen wir das nicht der Polizei melden?“

„Das ist nicht unsere Sache!“, erwiderte Max trocken. „Wir können doch nicht unsere Schweigepflicht brechen.“

„Und da soll die andere Fahrerin womöglich für etwas bestraft werden, das sie gar nicht gemacht hat?“, wandte Inge ein.

„Ach, wartet doch einmal ab! Kommt Zeit, kommt Rat!“, meinte Max.

9

Alina begann die zweite Sitzung mit einer direkten Frage: „Frau Sturm, haben Sie sich schon einmal mit Entspannungsverfahren beschäftigt?“

Reinhilde nickte: „Dazu hat mir schon ein jeder Arzt geraten! Aber ich bin halt nicht so der Typ, der sich einschläfern lässt.“

„Ich dachte, das wäre eine sinnvolle Alternative oder besser eine Ergänzung zu Gesprächen. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihnen einmal etwas zeige? Es ist ganz einfach.“

„Das müssen Sie mir vorher schon erläutern, was Sie vorhaben!“, bremste die Patientin.

„Okay. Ich habe mir gedacht, dass wir ein paar Muskelentspannungsübungen machen. Also zum Beispiel so:“ Nun ballte Alina ihre Hand zu einer Faust und ließ nach einigen Sekunden die Hand wieder schlaff werden. „Also immer nach dem Prinzip anspannen und wieder entspannen – beides beobachten. Und das bei mehreren Muskelgruppen des Körpers, in den Armen, in den Beinen et cetera. Und nach diesen Muskelentspannungen könnten wir ein Vorstellungsbild probieren.“

„Und was soll denn das nun wieder sein?“ Reinhilde schien nicht besonders begeistert.

„Also: Sie stellen sich zum Beispiel eine schöne Wiese vor und genießen die Stimmung.“

Reinhilde schaute skeptisch. Und Alina warb weiter um ihre Idee:

„Ich würde Ihnen das halt gerne schon jetzt in der Anfangszeit anbieten, damit Sie sich eine Vorstellung davon machen können, wie wir miteinander weiterarbeiten könnten. Also, dass wir nicht nur reden brauchen, sondern auch etwas Konkretes machen.“

„Und da soll ich mich jetzt hinlegen dazu?“ Reinhilde war bei aller Skepsis offenbar gewillt, einen Versuch zu wagen.

Alina war es zuwider, Patienten zu irgendetwas zu drängen. Ihr saß aber die Zeit im Nacken. Es mussten schnell sinnvolle Behandlungsmöglichkeiten gefunden werden. Sie hoffte, dass die Patientin diesem Vorgehen etwas abgewinnen könnte. Letztlich ging es der Therapeutin aber nicht um Entspannung, aber diese Wahrheit durfte sie der Patientin nicht zumuten, wenn sie sie nicht verschrecken wollte. Alina wollte imaginative Therapie einsetzen, um schneller an die unbewusste Inhalte zu gelangen, die hinter der lebensbedrohlichen Erkrankung stehen. Und wenn das nicht gelingen sollte, dann stünde wenigstens das Erlernen der Progressiven Muskelrelaxation als Entspannungstechnik zu Buche.

Reinhilde konnte sich tatsächlich auf die klaren Anweisungen der Therapeutin einlassen und ging mit ihr viele Muskelpartien des Körpers an- und entspannend durch. Sie spürte deutlich den Gegensatz in der Muskulatur, wenn sie fest anspannte und wieder losließ. Sogar ein leichtes Wärmegefühl registrierte sie. Alina lobte sie dafür und Reinhilde war zufrieden. Dann ging es ans Vorstellungsbild, das Alina ohne jeglichen Leistungsdruck ihrer Patientin nahebringen konnte. Eine Wiese sich vorstellen? Wie geht das? Am einfachsten eine Wiese, auf der man schon einmal war, also ein Erinnerungsbild. Schauen, was man da „sieht“, also eher „sich vorstellt“, anfangs nicht unbedingt ein anschauliches Bild. Dann etwas hinzufantasieren, schöne Blumen womöglich, vielleicht einen Waldrand oder einen Zaun. Dann etwas die Sonne und Ruhe genießen.

Beide waren zufrieden mit diesem Einstieg. Sie redeten noch allgemein über den bisherigen Umgang der Patientin mit Stress im Leben und über Auszeit, Entspannen und Genießen. Es war nicht überraschend, dass Reinhilde bisher ihren Körper und ihre Psyche stets überfordert hatte. Sie hatte dem Ganzen nie besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Es sollte halt alles einfach funktionieren. Jahrzehntelang hatten ihr Medikamente und Operationen das Gefühl gegeben, dass sich vieles irgendwie wieder richten lässt und der immer größer werdende Rest als alters- und schicksalsbedingte Einschränkungen ertragen werden muss. Und, ehrlich gesagt, sie hatte ja schon ein Alter erreicht, in dem man nicht mehr unbedingt mit einer langen Zukunft rechnen brauchte. War also doch ihre Strategie die richtige gewesen? Nur, dass ihre Eltern sie womöglich überleben sollten, das fuchste sie. Und dass sie womöglich doch 20 Jahre herschenkte, wenn sie eigentlich so alt wie ihre Eltern werden könnte.

Nach ihrer zweiten Sitzung keimte doch tatsächlich ein wenig Hoffnung auf. Reinhilde wusste noch nicht, dass sie nach der nächsten Therapiestunde alles verfluchen und ihre alte Strategie wieder herbeisehnen würde. Die alte Strategie blieb ihr danach aber für immer verschlossen!

10

Magda Maller hatte sich nach dem Unfall mit dem Radfahrer sehr erschreckt: Dass sie die Angst überfiel, als sie sich hinters Steuer ihres Leihwagens setzte, hatte sie nicht erwartet. Sie riss die Tür auf, sprang heraus und hielt sich an der Dachreling des Autos fest. Nach einigen Minuten probierte sie es wieder. Dann ließ sie eine Stunde vergehen und traute sich ein weiteres Mal. Immer dasselbe! Als ihr die Tränen kamen, die Tränen ihrer Kindheit, und sie ihr Weinen nicht stoppen konnte, wusste sie, dass sie Hilfe brauchte. Der Unfall hatte ihre Stärke zerstört. Sie erinnerte sich an gut gemeinte Ratschläge. Wenn sie früher ihren Ärzten von ihren Problemen am Arbeitsplatz oder mit der Familie berichtete, endeten die Gespräche oft mit dem Hinweis, es gäbe dafür auch professionelle Hilfen. Auch in den ewigen Streitereien mit ihrem Mann waren Sätze wie Du gehörst auf die Couch keine Seltenheit. Sie verstand nie, warum man glaubte, sie sei verrückt. Aber jetzt erinnerte sie sich daran. Nun war es wohl so weit. Oder könnten Medikamente helfen?

Ihr Arzt empfahl eine Verhaltenstherapie. Mit ihr könnte man die Angst schnell wegtrainieren. Das wäre eine Desensibilisierung, wie bei einer Allergie. Das verstand sie. Und wenn es schnell half, umso besser.

So also war sie bei Max in Behandlung gekommen.

Der Therapeut konnte ihr sehr bald einen Termin geben. Magda berichtete Max von ihrem Angstanfall, wollte aber keinesfalls den konkreten Ablauf des Unfalls erzählen. Vor allem wollte sie sich selbst damit nicht mehr konfrontieren. Sie schilderte, dass sie unachtsam gewesen sei und von der Straße abgekommen wäre. Max nannte ihre Angst eine Amaxophobie, die sich gut behandeln lasse. Sie müsse dazu aber ein Entspannungsverfahren erlernen: Und so ballte sie ihre Faust, das konnte sie schon immer, und ließ sie wieder los, das ging auch noch. Dabei sollte sie den Unterschied beobachten zwischen der Anspannung und der Entspannung. Das war schon schwieriger. Der Therapeut ging mehrere Muskelpartien auf diese Art und Weise mit ihr durch, die Bizeps, die Waden, ja sogar Gesichtsmuskeln, von denen sie gar nicht wusste, dass sie so etwas besaß. Er nannte das Verfahren die Progressive Entspannung nach Jacobson.

Dann wurde gemeinsam eine Reihenfolge von angstauslösenden Situationen festgelegt, von der geringsten zur stärksten Angst. Diese Situationen sollten zuerst während der Entspannung vorstellungsmäßig Schritt für Schritt durchgearbeitet werden. Der erste Schritt im Behandlungsplan sah vor, dass sich Magda, nachdem sie sich entspannt hatte, ihr Auto vorstellen sollte, dann wie sie darauf zuging, schließlich wie sie Tür öffnete und sich hinters Steuer setzte. Der Therapeut bedeutete es ihr, wie wichtig es wäre, sich alles nur so weit vorzustellen, wie sie es angstfrei aushalten könne. Er sprach von einer Systematischen Desensibilisierung oder Desensitivierung – als ob ihr das nicht egal gewesen wäre.

Es ging ihr alles auf den Keks! Der Therapeut war so locker, nahm alles so leicht, verbreitete einen unerschütterlichen Optimismus. Das kriegen wir schon wieder hin. Was hatte der schon erlebt, wo konnte der schon mitreden? Und dann war der auch noch empfindlich, wenn sie etwas dagegenredete… Immer dieses Misstrauen! Was will der eigentlich? Will er mir wirklich helfen? Was verbirgt sich hinter seiner freundlichen Maske? Wahrscheinlich würde er bald sein wahres Gesicht zeigen, ungeduldig werden, sie herabsetzen, lächerlich machen, sie als unheilbar wieder wegschicken. Wieder einmal würde es sich herausstellen, dass die Menschen nichts mit ihr zu tun haben wollen, sich keine Zeit für sie nehmen und so tun, als könne man nicht mit ihr klarkommen.

11

Es hatte sich alles so schön angelassen. Eine einfache Fahrangst. Mit phobischen Erkrankungen kannte sich Max aus. Seine Patientin war wohl mit dem Auto vom Weg abgekommen und fürchtete eine Wiederholung des Unfalls. Oder war sie doch in den Unfall mit dem Radfahrer verwickelt? Er kam nicht so recht ran an diese Frau. So sind die halt in diesem Alter. Sie schilderte nicht einmal den konkreten Hergang des Unfalls. Aber na ja. Ein paar Sitzungen und sie kann wieder fahren... Auf jeden Fall lohnt es sich nicht, groß in der Kindheit zu kramen – bei der alten Frau. Die Entstehung der Phobie ließe sich leicht mit dem Unfall erklären, zumal der in diesem Alter eine noch größere Verunsicherung auslösen musste.

Dann wurde sie aber widerspenstig! Sie wirkte nicht mehr kooperativ, unterstellte ihm, oberflächlich und ungeduldig zu sein. Außerdem warf sie ihm vor, er reagiere empfindlich, wenn sie etwas Kritisches anmerke. Max erkannte, dass die Persönlichkeit dieser Frau womöglich die Behandlung sehr erschweren würde. Oder musste er ihre Kritik ernst nehmen und sich wirklich an die eigene Nase fassen?

Kam es, wie es kommen musste? Schon bald unterlief ihm ein folgenreicher Behandlungsfehler:

Die Patientin kam meist überpünktlich. So war er erstaunt, als sie sich einmal verspätete. Erst als er aus dem Fenster schaute, bemerkte er den dichten Nebel, der schon am späten Vormittag die Stadt verdunkelte. Da war vielleicht auch das Taxi vorsichtig gefahren, mit dem Magda vorfuhr. Er sah ihr zu, wie sie sich aus dem Rücksitz herausmühte. Eine alte Frau eben … Bei der Begrüßung seiner Patientin wollte er eigentlich über den Nebel sprechen, aber die Magda schaute ihn so eisig an, dass ihm jeglicher Smalltalk verging. Er konnte das Gesicht nicht deuten. Versteckte sie so ihr schlechtes Gewissen, dass sie zu spät kam? Oder war sie verärgert, überhaupt zu einer solchen Behandlung kommen zu müssen. Vermutlich verärgerte und kränkte es sie, zu einer Verspätung gezwungen worden zu sein, für die sie sich womöglich entschuldigen sollte. Der junge Kerl schaute schon wieder so vorwurfsvoll…

So passierte es Max, dass er während der Behandlung, bei der Sensibilisierung das abgesprochene eher harmlose Vorstellungsbild veränderte und beiläufig mit einem dichten Nebel „anreicherte“. Die Patientin reagierte prompt. Sie riss erschrocken die Augen auf, richtete sich auf und blieb mit geballten Fäusten und hereingezogenem Kopf sitzen. War sie so verärgert? Ihr ganzer Körper zitterte.

Es dauerte, bis Magda sich beruhigt hatte. Max war ebenso wie seine Patientin beeindruckt von dieser heftigen Reaktion. Schließlich sprach er sie direkt darauf an und endlich erzählte sie ihrem Therapeuten, was bei dem Unfall im Nebel wirklich vorgefallen war. Max begriff nun, dass nicht die Phobie, sondern das Trauma im Vordergrund stand. Und über allem schwebte die Unfallflucht!

Später überlegte er, ob der Fehler, den Nebel anzusprechen, nicht die Rettung für die Therapie gewesen war. Vielleicht wäre diese sonst im Sande verlaufen oder wäre bald abgebrochen worden. Es kam ihm sogar der Gedanke – und dabei dachte er schmunzelnd an seine ach so schlauen tiefenpsychologischen Intervisionskolleginnen – dass er wegen einer unbewussten Aggression gegen seine Patientin das abgesprochene Vorstellungsbild „angereichert“ hatte. Aber von solchen analytischen Interpretationen wollte er sich nicht aufhalten lassen. Er plante nun eine Traumabehandlung mit EMDR, einem Verfahren, das er schon vor Jahren in einer umfangreichen Fortbildung erlernt hatte.

12

„Nun, Max, hast du eigentlich schon mit deinem EMDR begonnen?“

Max glaubte ein Schmunzeln in Ilonas Mimik zu erkennen, als sie ihm diese Frage stellte. Und Ilona fuhr fort: „Du weißt schon, bei deiner Unfallverursacherin, die du das letzte Mal angesprochen hast.“

„Es freut mich, dass du dich daran erinnerst!“, gab er etwas pikiert zurück. „Und ja, ich habe mit der Traumatherapie angefangen.“

„Sag mal Max, arbeitest du dabei auch mit einem sicheren Ort?“, lenkte Inge das Gespräch sofort auf eine sachliche Ebene, um die Spannung zwischen dem Verhaltenstherapeuten und der Psychoanalytikerin zu besänftigen. Inge wusste, dass normalerweise alle in der Intervisionsgruppe froh darum waren, wenn sich Auseinandersetzungen in Grenzen hielten.

„Natürlich Inge“, antwortete er kurz, weil er spürte, dass es nur um Streitvermeidung ging.

Auch Alina stellte sich etwas dumm und lenkte ab: „Das erinnert mich an eure Tresorübung.“

„Ja, aber in den Tresor sollen die Patienten ihre Ängste, Erinnerungen oder Zwangsgedanken einschließen“, belehrte Max, „zum sicheren Ort können sich die Traumapatienten vorstellungsmäßig hinflüchten, wenn sie es anders nicht mehr aushalten.“

„Also Max, noch mal zum eigentlichen EMDR“, mischte sich Ilona wieder ein. „Wenn du mit deinem Finger so vor dem Gesicht der Patienten hin und her wedelst, machen die denn das einfach so mit?“

„Also Ilona, ich weiß nicht, was du willst!“ Nun war Max doch angepisst. „Du tust ja so, als ob das irgendein Hokuspokus wäre! Ich denke, das Verfahren ist genügend untersucht und seine Wirksamkeit bewiesen.“

„Ja, Ilona“, legte nun auch Inge nach, die sich freute, einmal etwas besser zu wissen als ihre gescheite Kollegin, „einfach gesagt, ist beim Trauma offenbar im Gehirn einiges an falsche Stellen geraten – was man übrigens hirnphysiologisch mit bildgebenden Verfahren beweisen kann – und das Eye Movement Desensitization and Reprocessing …“ – Inge wollte gar nicht mehr aufhören mit dem Glänzen und die anderen begannen zu schmunzeln - „… scheint durch die Gleichzeitigkeit von traumabezogenen Vorstellungsbildern und dem Verfolgen der Handbewegungen des Therapeuten da wieder etwas in Ordnung zu bringen.“

Max nickte. Er war wohl einverstanden mit Inges Erklärungen.

Ilona machte einen kleinen Rückzieher: „Es kommen halt alle paar Jahre irgendwelche neuen Methoden in Mode, die selbstverständlich schon Jahrzehnte erforscht sind.“ Ilona rollte mit den Augen, um die Ironie ihrer Aussage sichtbar zu machen. „Denkt mal nur an die Kneiferei oder Klopferei!“

„Meinst du TaKeTiNa?“, fragte Inge.

„Was? TikiTaka?“, warf Max, der Fußballexperte ein.

„Oder Titicaca?“ Alina schloss sich lachend der Blödelei an. „Aber im Ernst: Du meinst sicher NLP und EFT oder MET“.

„Ja“, sagte Ilona. „Und das erscheint mir alles so einfach und schnell. So unkompliziert kann die menschliche Psyche wohl nicht sein!“

„Trotzdem bestätigen die Erfolge die Wirksamkeit“, erwiderte Max.

„Ich muss zugeben …“ und dabei wandte sich Alina an Ilona, „dass wir Tiefenpsychologen uns manchmal zu wenig auseinandersetzen mit diesen Verfahren. Und das Neurolinguistische Programmieren oder die Klopftherapien sind sicher komplexer als wir glauben. Und das EMDR, selbst wenn es noch nicht gänzlich erforscht ist, wird inzwischen ja auch bei anderen Krankheitsbildern eingesetzt und manchmal kombiniert, übrigens auch mit NLP.“

„Und natürlich eingebaut in ein Gesamtkonzept der Behandlung, das oft viel umfangreicher ist als diese Einzelverfahren“, ergänzte Inge.

Kurve gekriegt, dachte Max. Und alle schienen erleichtert. Inge verteilte ihren heilsteinangereicherten Harmonietee und jeder bediente sich am Teller mit den leckeren Keksen. Dann kam man endlich wieder auf die leidigen Abrechnungs- und Praxisorganisationsthemen zu sprechen, schimpfte gemeinsam auf die Kassenärztliche Vereinigung, die Kassen und die unmöglichen belehrenden Gutachter, die die Gescheitheit mit Löffeln gefressen haben.

Zum Schluss des Intervisionstreffens entschloss sich Max, den Kolleginnen doch reinen Wein einzuschenken:

„Ich hab es inzwischen übrigens herausgefunden. Der Radfahrer wurde wirklich von meiner Patientin angefahren, mit ihrem Mercedes – und sie hat Unfallflucht begangen.“

„Da haben wir den Salat!“, kommentierte Ilona trocken. „Jetzt schau mal, wie du damit klar kommst!“

13

Alina ließ die Aufdeckung der Straftat keine Ruhe. Eigentlich eher die Verdeckung! Die Psychotherapeuten in freier Praxis haben in der Regel mit Opfern zu tun und nicht mit Tätern. Bei Straftaten, die ihnen durch die Patienten bekannt gemacht werden, ist das schwierig genug, zusammen mit den Betroffenen den richtigen Weg zu finden. Aber wenn der Täter in Behandlung ist, gilt da nicht auch die Schweigepflicht wie bei einer Beichte? Erschwerend kam in diesem Fall hinzu, dass eine unschuldige alte Frau für die Unfallverursacherin gehalten wurde und diese mit einem „Schock“, wie es hieß, im Krankenhaus lag. Was, wenn die alte Dame suizidal wäre? Oder vor Gram krank zu werden oder gar zu sterben drohte? Alina überlegte, ob sie nicht ihre alten Verbindungen spielen lassen müsste – auch ohne den Kollegen Max mit hineinzuziehen? Wenn Kommissar Flinker mit dem Fall befasst war und herausbekam, dass die Schwester des Unfallopfers bei ihr in Behandlung ist, würde er vielleicht ohnehin Kontakt zu ihr aufnehmen. Sollte sie ihm zuvorkommen?

„Ich bin ja gespannt, was Sie mir zu sagen haben!“, begrüßte Flinker sie mit einer herzlichen Umarmung.

„Wieso? Ich wollte Sie halt einfach einmal wieder sehen!“

Flinker lachte. „Mich freut es auch, sie zu treffen, aber natürlich steckt da etwas dahinter!“

Alina grinste: „Sie kennen mich eben schon zu gut!“

Sie setzten sich im Café an den hintersten Tisch, von dem aus sie den ganzen Raum im Auge hatten – und der Ihnen größtmögliche Diskretion erlaubte. Der kleine Flinker bestellte zum Kännchen ein großes Stück Sachertorte - man gönnt sich ja sonst nichts. Und Alina einen Cappuccino zu einem süßen Schokoladenpfannkuchen.

„Wirklich ein schönes Café!“

„Wie geht es Ihnen denn?“

Sie lachten, denn die Bemerkungen kamen fast zeitgleich von beiden!

„Ja, genau das ist es!“, sagte Alina. „Diese Zeitgleichheit im Leben. Das passiert uns Psychotherapeuten dauernd!“

„Und ich dachte schon, es hat etwas mit unseren besonderen Beziehung zu tun!“, schäkerte Flinker.

Er schaute Alina auffordernd an. Vom Alter her könnte sie fast seine Tochter sein. Trotzdem dachte er bei seiner Bemerkung nicht an eine Vater-Tochter-Beziehung.

Alina hatte verstanden. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. Sie saßen über Eck, um sich näher zu sein. Der Diskretion wegen, versteht sich – sie hatten sich schließlich Wichtiges zu erzählen! Flinker zog die Hand natürlich nicht weg, sondern klopfte mit der freien Hand auf ihre und himmelte Alina an. Es war mehr als Freundschaft, das spürte er in solchen Situationen. Er dachte an das gemeinsame Abenteuer am Berg, es war wohl der Osser, als sie beide in der Dunkelheit abstiegen und Alina sich ganz fest an ihn anklammerte.2 Ja, sie hatten schon vieles miteinander erlebt und waren sich schon öfters nähergekommen!

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9783741844546
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