Читать книгу: «Eine echte königliche Affäre»

Шрифт:

Helen Juliet

Eine echte königliche Affäre

Aus dem Englischen von Marcel Weyers

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2020

http://www.deadsoft.de

© the author

Titel der Originalausgabe: A Right Royal Affair

© 2018 Helen Juliet

Übersetzung: Marcel Weyers

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte: © Andrey Kiselev – stock.adobe.com

2. Auflage

ISBN 978-3-96089-397-4

ISBN 978-3-96089-398-1 (epub)

Inhalt:

Theo Glass glaubt, dass Liebe nur ein Märchen ist. Verleugnet von seiner homophoben Stieffamilie versuchen er und seine Großmutter über die Runden zu kommen, so gut es geht. Doch als die ehrenamtliche Arbeit seiner Großmutter geehrt werden soll, gibt Theo sein letztes Geld dafür her, dass sie auch im Palast erscheinen kann. Bei einer Zeremonie, deren Gastgeber der attraktive Prinz James höchstpersönlich ist.

James ist der 6. in der Thronfolge des Englischen Königshauses und eine Enttäuschung für – jeden. Er fühlt sich nirgends zu Hause, nicht in der Schule, nicht im Rugby Team und schon gar nicht in der Armee. Durch seine königliche Abstammung wird er gezwungen, seine Bisexualität nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Doch als er Theo bei der Ehrungszeremonie kennenlernt, weiß er augenblicklich, dass er ein ernstes Problem hat. Ihre Leben sind einfach zu unterschiedlich und es gibt keine Chance für James ein Coming-out zu haben als erster Prinz des Englischen Königreiches mit einem Mann an seiner Seite. Aber er weiß auch, dass er Theo verlieren wird, wenn er ihm nicht zeigt, wie sehr er ihn liebt. Wird die Liebe dieses Hindernis überwinden können? Oder gibt es das alles doch nur im Märchen?

Für meinen Prinzen, für mein Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Anmerkung der Autorin

Eine echte königliche Affäre ist ein Buch über eine fiktive britische Königsfamilie. Die verwendeten Schauplätze sind alle real, obwohl ich mir einige gewisse künstlerische Freiheiten genommen habe. Bodiam Castle ist eine echte Burg, aber in Wirklichkeit ist das Innere eine Ruine. Es werden keine Mitglieder der gegenwärtigen Königsfamilie erwähnt.

1

Theo

Theo Glass stand in dem Schlafzimmer, in dem er seit seiner Kindheit wohnte, und wischte nervös auf seinem Handybildschirm herum. Sein Hauptaugenmerk lag auf der Anzeige seines Kontostandes. Es sah nicht gut aus.

Er kaute auf seiner Lippe herum und schaute zu seinem „Kylie Minogue“-Poster. Im Laufe der Jahre war der Großteil seiner Jugenddekoration mit weniger peinlichen Dingen aktualisiert worden. Aber Kylie hatte ihn nie im Stich gelassen. Er brachte es nicht übers Herz, sie abzuhängen.

»Oh Babe«, sagte er leise mit einem Seufzer. »Es wird doch alles gut, oder?«

Es überraschte ihn nicht, dass Kylie nichts sagte. Aber ihre Fabelhaftigkeit munterte ihn trotzdem auf. Er konnte das schaffen. Er musste nur an sich und an seine hartnäckige Entschlossenheit glauben, Gold aus Heu spinnen zu können.

»Theo?«, ertönte die Stimme seiner Oma durch die geschlossene Tür. »Alles in Ordnung?«

Theo warf einen Blick auf die Uhr. Scheiße. »Ich mach mich nur noch schön«, rief er fröhlich zurück, sperrte den Bildschirm seines Handys und steckte es in seine Tasche.

Seine Oma kicherte im Flur. »Das dauert ja eine ganze Weile«, neckte sie.

»Oh, du bist ganz schön frech«, rief Theo liebevoll zurück. Sie wusste, dass er es nur spaßig meinte.

Er nahm sich einige Sekunden Zeit, um in den Spiegel zu schauen und ein paar Strähnen seines blonden Haares zurechtzuzupfen. Heute ging es nicht um ihn, aber es kam nicht jeden Tag vor, dass man einen echten Palast besuchen durfte. Oder einen verdammten Prinzen treffen konnte. Seine Oma würde natürlich diejenige sein, die ihm die Hand schüttelte. Aber Theo war trotzdem aufgeregt, Prinz James in Fleisch und Blut zu sehen. Selbst wenn er die Königsfamilie für irgendwie sinnlos hielt, müsste er blind sein, um nicht anzuerkennen, dass James eine absolute Augenweide war.

Theo strich seinen Anzug glatt und sorgte dafür, dass seine besten Schuhe richtig geschnürt waren. Normalerweise steckten seine Füße in einem Paar Converse, selbst wenn er einen Anzug trug. Aber so sehr er auch bereit war, an einem Samstagabend sein Glück in den Clubs zu versuchen, so sagte ihm doch irgendetwas, dass der Palast nicht viel Spielraum für seine Keine-Turnschuhe-Politik haben würde.

Richtig. Er musste sie beide nur ausführen. Er hatte bereits die Tube-Tickets für den Tag und gerade genug auf seinem Bankkonto, um seine Oma danach zu einem richtigen Mittagessen einladen zu können, solange es nichts Ausgefallenes wäre. Er würde in ein paar Tagen bezahlt werden, sodass er bis dahin durchhalten konnte. Er würde nicht zulassen, dass dieser Tag für seine Oma weniger als absolut unglaublich werden würde, also wollte er ihr keinen Grund geben, sich über etwas Sorgen zu machen.

Allerdings war sie nirgends zu sehen, als er endlich sein Zimmer verließ.

»Oma?«, rief er.

Aber sie war weder in ihrem Zimmer noch im Bad, also trabte er ins Erdgeschoss ihres doppelstöckigen Stadthauses, das sie sich gekauft hatte. Es war auch Theos Zuhause für die meiste Zeit seines Lebens gewesen. Aber er kam nicht umhin, es als Omas und Opas zu betrachten, auch wenn es fast zwanzig Jahre lang nur Theo und seine Oma gewesen waren.

»Oma, wir müssen gehen«, rief er und steckte den Kopf in den Salon. Es war so ordentlich wie immer, mit jedem Deckchen und jeder Porzellanverzierung genau dort, wo es sein sollte.

Theo runzelte die Stirn. Die Fahrt nach London würde laut Theos Reise-App nur vierzig Minuten dauern, aber er wollte nichts dem Zufall überlassen. Von der Queen ausgezeichnet zu werden wie ein Angehöriger des Ordens des Britischen Empires, war eine einmalige Ehre. Er wollte früh da sein, und es sollte alles perfekt ablaufen.

Seine Oma war natürlich im Garten und goss die Azaleen in ihrem fliederfarbenen Kleid, ihren Absatzschuhen und mit ihrem großen, schicken Hut.

»Oma«, rief er verzweifelt, als er nach draußen rannte. »Sei nicht dumm. Du wirst noch ganz dreckig und wir kommen zu spät.«

Sie winkte ab und lächelte. »Du machst dir zu viele Sorgen«, meinte sie mit einem Lachen und rüttelte am Schlauch. »Außerdem sind die armen Dinger ganz ausgetrocknet. Ich gebe ihnen nur ein wenig Wasser, und dann können wir los.«

Theo öffnete seinen Mund, um zu protestieren, aber es hatte keinen Sinn. Oma machte die Dinge auf ihre Weise, wie sie es immer getan hatte. Und, ja, ihre Vergesslichkeit bei so trivialen Dingen wie Zeit und Geld hatte sie mehr als einmal in eine Zwickmühle gebracht. Aber es war ihr großes, gütiges Herz, das ihr eine Ehre wie die eines Mitglieds des Ordens des Britischen Empires eingebracht hatte. Dies war ihr Tag, und wenn es sie glücklich machte, ihre Blumen vor ihrer Abreise zu pflegen, dann würde Theo sich einfach auf die Zunge beißen und versuchen müssen, nicht zu oft auf die Uhr zu schauen. Sie hatte immer andere an erste Stelle gesetzt. Es sollte ihn nicht überraschen, dass es heute nicht anders war. Stattdessen sorgte er dafür, dass alle Fenster geschlossen und verriegelt, die Vorhänge teilweise zugezogen und ein paar Lampen eingeschaltet waren. Die Sommertage waren nun lang, aber er war sich nicht sicher, wann sie zurückkehren würden.

Als er das Haus gesichert hatte, drehte seine Oma glücklicherweise das Wasser ab. »Komm schon, Glamour-Kätzchen«, sagte er. Er trabte auf sie zu und hakte seinen Arm unter ihren, um sie sanft, aber entschlossen durch das Haus zu geleiten und abzuschließen. »Wir haben einen anstrengenden Tag vor uns.«

Sie summte und tätschelte seine Hand. »Das ist eine Menge Stress«, meinte sie. Er bemerkte einen Hauch von Angst in ihrer Stimme. »Bist du dir wirklich sicher, dass sie keinen Fehler gemacht haben?«

Wenn man für eine Ehrung durch die Queen ausgewählt wurde, sagten sie es einem mehrere Monate im Voraus. Theo hatte ein halbes Jahr lang alle Einzelheiten organisiert. Was seine Oma wirklich fragte, war, ob sie es wert war. Typisch. Er lächelte sie zärtlich an und nahm sie auf der Stufe der Eingangstür in den Arm. »Kein Fehler, Oma. Du lässt dir einfach von dem netten Prinzen einen glänzenden Orden geben und sagst dir, wie brillant du bist.«

Sie runzelte die Stirn und blinzelte ihn im Sonnenschein an, als er die Tür abschloss und den Schlüssel einsteckte. »Es ist doch ein Anstecker, oder?«, fragte sie pragmatisch wie immer.

Theo kicherte. »Ja, aber Orden klingt schicker. Aber stell es dir mal vor. Du könntest es dem alten Terry im Rose and Crown Pub verpfänden und ein bisschen Geld verdienen.«

Seine Oma schlug ihn leicht mit ihrer alten Lederhandtasche. Sie hatte darauf bestanden, dass sie keine neue brauchte, obwohl diese fünfzehn Jahre alt und am Henkel ganz kaputt war. Theo war die halbe Nacht wach geblieben, um sie zu polieren. »Du frecher Bengel«, sagte sie. »Du würdest alles für eine Rum-Cola eintauschen, oder?«

Theo zwinkerte. »Ich weiß nicht, was du meinst«, erwiderte er unschuldig.

»Misses Smith!«

Theo und seine Oma drehten sich um und sahen Theos beste Freundin seit ewigen Zeiten, Asali Indra, die die Einfahrt schnaufend und außer Atem hinaufgeeilt kam.

»Sal!«, rief Theo vor Freude und öffnete seine Arme, um sie zu umarmen. Sie hatten sich am ersten Tag der Oberstufe kennengelernt und waren seitdem trotz nahezu fehlender Gemeinsamkeiten wie ein Herz und eine Seele.

Sal atmete ein paarmal tief ein und tätschelte Theos Brust mit einem hellrosa Umschlag in der Hand. »Ich dachte, ich hätte dich verpasst«, sagte sie und schob sich ihre Brille auf die Nase, während ihre Arme wieder in ihrem Hidschab verschwanden. Theo war beeindruckt, dass sie sich überhaupt daran erinnerte, welcher Wochentag es war. Sie lernte ständig, Tag und Nacht, um ihre Tierarzt-Qualifikation zu erlangen.

»Wir sind gerade auf dem Weg zur Tube«, sagte Theo betont. Sie hatten anderthalb Stunden Zeit, um zum Palast zu kommen, aber trotzdem.

Sal nickte und drückte die Karte in Theos Hände. »Ich will euch nicht aufhalten. Ich wollte Ihnen nur noch einmal gratulieren, Misses Smith, und Ihnen das hier geben. Ich muss sowieso noch für Mama einkaufen. Immer wenn ich von der Uni zurückkomme, hat sie Angst, dass sie nicht genug Zeit hat, um mich wieder zu mästen.«

Alle lachten.

Theo war froh, dass sie sich nicht aus den Augen verloren hatten, als Sal an die Universität gegangen war. Er wünschte sich trotzdem, er hätte auch gehen können, aber so viel Geld war undenkbar. Außerdem war er vollkommen glücklich damit, für seine Oma in ihrer Wohltätigkeitsorganisation zu arbeiten und LGBT-Jugendlichen in Resozialisierungszentren wieder auf die Beine zu helfen. Obwohl arbeiten ein angemessenes Gehalt implizierte.

»Ich bringe das nur schnell rein«, sagte er, hielt den Umschlag hoch und fischte seine Schlüssel heraus. Er wollte ihn nicht den ganzen Weg nach London mitnehmen, wenn er nicht in Omas Handtasche passte.

Sal blinzelte und rang mit den Händen. »Äh, vielleicht könnten Sie zuerst einen Blick in die Karte werfen. Mama hat eine Nachricht für Sie geschrieben, Misses Smith.« Sie hob ihre Augenbrauen und ging rückwärts den Gartenweg entlang. »Wir sehen uns später, ja?«

Theo runzelte die Stirn, als sie winkte und davoneilte. Sie wusste, dass Oma ohne ihre Brille, die zweifellos irgendwo am Boden ihrer Handtasche lag, nichts lesen konnte. Sie hatten keine Zeit, sie zu suchen. Aber vielleicht konnte Theo ihr die Nachricht laut vorlesen, bevor sie die Karte hineinbrachten.

Sal hatte den Umschlag nicht zugeklebt, also öffnete er ihn leicht und schaute hinein. Die Karte war voller Nachrichten, zweifellos von mehreren Nachbarn. Aber was Theos Aufmerksamkeit erregte, waren die dreißig Pfund in Zehn-Pfund-Noten, die darin steckten. Er blinzelte schnell die Tränen zurück, weil er nicht wollte, dass seine Oma ihn so sah. Freche Kuh. Sal wusste, dass er niemals Geld von ihr annehmen würde, aber, verdammt, jetzt bedeutete es, dass er Oma zu einem richtigen Festessen einladen konnte und sich keine Sorgen machen brauchte. »Ich liebe dich, Baby«, murmelte er, bevor er seine Oma anlächelte. »Die Hälfte des verdammten Becontree-Anwesens hat dir geschrieben«, sagte er lachend und winkte mit der Karte. »Wie wäre es, wenn wir sie später bei einer Tasse Tee lesen?«

»Oh, das klingt wunderbar, mein Lieber«, sagte sie. »Obwohl wir uns jetzt besser beeilen sollten, nicht wahr? Ich will nicht zu spät kommen.«

Theo erwähnte nichts von dem Gießen der Azaleen und kicherte stattdessen. »Da hast du recht, Glamour-Kätzchen«, sagte er.

Er vergeudete keine Zeit damit, die Tür aufzuschließen und die Karte auf den Tisch zu werfen, wo sie normalerweise ihre Schlüssel und ihre Post hinlegten. Er nahm das höchst willkommene Geld und steckte es in seine Tasche.

Er hielt seiner Oma seinen Arm hin, damit sie sich bei Sonnenschein auf den Weg zur Tube machen konnten. Bisher verlief dieser Tag ziemlich gut. Er lächelte vor sich hin und dachte, wenn er jetzt noch einen echten Märchenprinzen treffen würde, wäre es absolut perfekt. Das würde nie passieren, aber ein Junge durfte ja träumen.

2

James

James wusste, dass er spät dran war. Die Tatsache, dass der Verkehr absolut beschissen war, würde jedoch nicht als gute Entschuldigung durchgehen. Eigentlich wurde von ihm erwartet, dass er heute etwas Wichtiges tat, doch er vermasselte es. Er seufzte und schaute noch einmal auf die Uhr.

»Entschuldigung, Boss«, sagte sein Fahrer Manjeet von vorne. Er blickte in den Rückspiegel und sah James in die Augen.

James schüttelte den Kopf und konnte ein beruhigendes Lächeln aufsetzen. »Es ist absolut nicht deine Schuld«, versicherte er ihm. Manjeet war nun schon seit vielen Jahren sein Fahrer und James betrachtete ihn eher als Freund denn als Mitarbeiter. Er war immer geduldig mit James, wenn er, wie so oft, zu spät kam. Die Jahre in der Armee hatten wenig dazu beigetragen, seine charakteristische Unpünktlichkeit zu verbessern. Aber heute war er wirklich pünktlich aus der Tür seiner Residenz im Kensington-Palast gekommen. Es dauerte nur etwa fünfzehn Minuten, um nach St. James zu gelangen, und doch lief er Gefahr, zu spät zu der Zeremonie zu erscheinen, die er eigentlich abhalten sollte. Seine Mutter würde sehr beeindruckt sein, da war er sich sicher.

James seufzte und zog sein Handy heraus. Er wischte durch die Bilder seiner Kontakte, bis er das richtige gefunden hatte. Dann wartete er, während es ein paarmal klingelte, bevor jemand ranging.

»Jimmy!«, äußerte seine jüngere Schwester Olivia. »Wie geht es dir?«

James schnaubte. »Ich kann nicht glauben, dass du mich dazu zwingst«, murmelte er.

»Oh, benimm dich«, züchtigte Livy ihn. »Du wolltest unbedingt etwas tun! Hör auf, dir so viele Sorgen zu machen, und hab Spaß. Das ist doch genau dein Ding, oder? Sich unter die Leute zu mischen.«

James erlaubte sich ein halbes Lächeln, aber es kam mit einem Seufzer. »Ich schätze, ich bin nicht schlecht darin«, räumte er ein.

Livy kicherte. »Dann analysiere nicht alles so viel«, meinte sie. »Du hast doch die Audiodatei mit den Namen und Fotos von allen, oder?«

»Ja«, antwortete er. »Danke, das war eine große Hilfe.«

»Dann wirst du es schon schaffen«, versicherte sie ihm. »Du musst nicht einmal ihre Namen kennen. Es ist nur für den Fall. Schüttle einfach ein paar Hände, lächle mit deinem umwerfenden Lächeln und genieß die Gesellschaft von Menschen, die du sonst nie treffen würdest.«

James kicherte. »Wenn man es so formuliert, klingt es doch ziemlich lustig.«

»Und du wirst gut darin sein«, betonte Livy. »Du musst mehr solche Dinge tun. Ernsthaft, du kannst nicht einfach weiter im Haus herumwuseln, jetzt wo du nicht mehr im aktiven Dienst bist.«

Das konnte er nicht leugnen. »Danke, Liebes«, sagte er.

Er konnte sie am anderen Ende der Leitung förmlich lächeln hören. »Wir sprechen uns später. Kopf hoch!«

In Wahrheit war er ziemlich erfreut darüber, dass er gebeten wurde, die Ehrungen zum Geburtstag der Queen zu überreichen. Die Menschen, die er, wenn auch nur kurz, treffen würde, machten einen unglaublichen Unterschied für die Welt. James bewunderte sie so sehr, wie er sie beneidete. Er wusste, dass das dumm war. Er hatte ein verhätscheltes Leben im Luxus gelebt und hatte alle möglichen Chancen bekommen. Es war nicht richtig, dass er sich so leer fühlte, als ob ihm etwas Entscheidendes fehlte. Aber ein Leben ohne Zweck war manchmal verdammt hart.

Nachdem ihr Gespräch beendet war, trommelte James mit seinen Fingern auf seinem Knie herum und schaute aus dem getönten Fenster auf die vorbeigehenden Menschen, die im Hyde Park die Sommersonne genossen. Er hatte sein ganzes Leben lang versucht, sich einzufügen und einfach normal zu sein; in der Schule und dann während seiner militärischen Ausbildung in Sandhurst. Aber er war immer Prinz James. Seine Großmutter war immer die Queen des Vereinigten Königreichs. Anders sein lag in seiner Natur. Er konnte keine drei Kilometer fahren, ohne eine Autokolonne zu benötigen. Geschweige denn zu Fuß irgendwo hingehen oder die Tube nehmen. Sein älterer Bruder und seine jüngere Schwester schienen es nie so schwer in dieser lächerlichen Blase zu haben, in der sie lebten. Wahrscheinlich, weil sie bereits verheiratet waren und drei Kinder hatten oder weil sie mitten in der Planung ihrer großen Hochzeit steckten. Was James brauchte, war, sich ein nettes Mädchen zu suchen und so besessen von ihr zu werden, dass er von all seinen dummen Problemen abgelenkt war. Wenn es nur so einfach wäre, ein nettes Mädchen zu finden wie einen netten Jungen.

James trommelte noch einmal mit den Fingern, bevor er merkte, was er tat, und setzte sich dann auf seine Hand. Seine Mutter fand diese Gewohnheit äußerst irritierend, sodass es den nervösen Tick am besten abstellte, bevor er sie sah. Das richtige Mädchen war zweifelsohne irgendwo da draußen. Wenn nur James’ soziale Kreise nicht so eingeschränkt wären. Er konnte nicht einfach in einen Pub gehen und sich auf einen Pint treffen. Er war sowieso frustrierend wählerisch, was Mädchen anging, die ihn anzogen. Aber dann mussten sie auch noch aus „guten“ Familien kommen und das richtige Image haben. Wenn er sich an Jungs halten könnte, hätte er mehr Chancen, das wusste er, aber … Nun, er lebte in einem Traum, wenn er glaubte, dass das jemals passieren könnte. Weiter entfernte königliche Verwandte konnten mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen davonkommen. Tatsächlich waren es bereits einige. James freute sich für sie. Es war heutzutage verdammt noch mal an der Zeit. Aber er selbst würde den Segen der Queen brauchen, um heiraten zu dürfen, und die Kontroverse, die losbräche, wenn sie James bei seinem Coming-out unterstützte und er einen Freund hätte, wäre einfach zu viel. Das war mehrmals spürbar angedeutet worden. Offiziell wusste niemand etwas über James’ Sexualleben.

Der Verkehr bewegte sich endlich und James blinzelte sich aus seiner Melancholie heraus. Gott, er musste sich aufraffen. Es schien endlich die Sonne und für die Menschen, die er später träfe, war dies ein bedeutsamer Tag. Er war stolz darauf, ein Teil davon zu sein. Wenn er mit seinem Schicksal unzufrieden war, musste er etwas tun, um es zu ändern. Schließlich hatte er sich in der Armee hervorgetan. Körperliche Fitness war schon immer etwas, in das er sich stürzen konnte und in der er gut war. Nur weil sein Status es unmöglich machte, ohne Gefahr für seine eigene Sicherheit und die der anderen in einen Einsatz geschickt zu werden, bedeutete das nicht, dass er keine andere Berufung finden konnte. Der heutige Tag war ein gutes Beispiel. Er war ein Mäzen vieler Wohltätigkeitsorganisationen, aber vielleicht gab es einen Weg, wie er in Zukunft noch aktiver sein könnte. Wer wusste das schon? Vielleicht würde er sich eine nette Frau suchen, wenn er sich in solchen Kreisen bewegte.

Manjeets Zauber wirkte und er zwängte sich durch den restlichen Verkehr, um schließlich im Hof des St. James-Palastes anzuhalten. »Sie haben noch Zeit, Boss«, beruhigte er James mit einem Daumen nach oben von der anderen Seite der Trennwand aus. »Viel Glück! Ich werde hier sein, wenn Sie fertig sind.«

»Was würde ich ohne dich tun?«, fragte James aufrichtig.

Er sprang aus dem Auto und strich seinen Anzug glatt in der Hoffnung, dass er sich dadurch weniger nervös fühlte. Wieder bezweifelte er, dass jemand mit so wenigen Auszeichnungen derjenige sein sollte, der so erfolgreiche Menschen eine solche verlieh. Aber er konnte keinen Rückzieher machen, also musste er sich einfach einschleimen.

Nun, da er mehr Zeit zur Verfügung hatte, sollte er sein Leben aktiver gestalten. Er wäre ein Narr, die Vorteile seiner privilegierten Erziehung zu ignorieren. Von goldenen Treppen, Marmorböden, Kristalllüstern und Gemälden, die höher waren als er, umgeben zu sein, war eine gute Erinnerung. Ja, er war mit Einschränkungen konfrontiert, aber er hatte auch noch so viel anderes zu seinen Gunsten. Er konnte sein Schicksal schmieden.

Das verkniffene Gesicht und das Schnalzen der Zunge seiner Mutter brachten ihn schnell wieder in die Realität zurück, als er in einem der Nebenräume neben dem großen Zeremoniensaal ankam. Es war ein unscheinbarer Raum mit dunklen, holzvertäfelten Wänden und einigen unscheinbaren Schilden und Schwertern, die aufgehängt waren.

»Du bist spät dran«, sagte seine Mutter genervt. Ihre Arme waren vor ihrem schlanken Körper verschränkt, der in einem ihrer üblichen Bleistiftkleider steckte.

Sie tippte mit ihrem 10 cm hohen Absatz auf den roten Teppich, als James sich vorbeugte und sie auf die Wange küsste. »Ich bitte um Entschuldigung. Der Verkehr war echt scheiße«, sagte er.

»Ausdrucksweise, James«, ermahnte sie ihn automatisch und schloss die Tür hinter ihnen.

James tat sein Bestes, um die Augen nicht zu verdrehen. Sie waren allein. Oder so gut wie.

»Eure Königliche Hoheit«, sagte Ignatius Bellamy-Walters mit einer leichten Verbeugung, als sich James näherte.

James hätte nicht überrascht sein sollen, den Privatsekretär der Queen zu sehen. Aber er war trotzdem verärgert. »Bellamy«, antwortete er steif.

Offiziell war Iggy die Verbindungsperson zwischen dem Monarchen und den Regierungen des gesamten Commonwealth, nicht nur des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland. Inoffiziell bedeutete das, dass er einen verdammt großen Einfluss auf die Königsfamilie hatte und das letzte Wort darüber zu haben schien, was in einem bestimmten Bereich akzeptabel war. Er und James waren selten einer Meinung darüber, was akzeptabel war, da es das verdammte 21. Jahrhundert war. Er sah aus wie immer. Graue Haare, grauer Nadelstreifenanzug und ein Schnurrbart, der so dünn war wie er. Er und James’ Mutter waren ein recht ungleiches Paar. James musste jedoch nicht lange Augenkontakt mit ihm halten, denn schon wurde er von einem wilden Rudel tollwütiger Bestien angegriffen.

»Meine Lieblinge!«, rief er.

Er ging in die Hocke, als die fünf Yorkshire-Terrier durch die Tür am anderen Ende des Raumes herangestürmt kamen und über den roten Teppich huschten, um sich auf ihn zu stürzen, als wäre er von den Toten zurückgekehrt. Wahrscheinlich hatte er sie erst vor ein oder zwei Wochen gesehen, aber für sie war es wie ein Wunder.

»Oh, hallo, ja, hallo«, gurrte er.

Jeder von ihnen trug ein Halsband in einer eigenen Farbe, sodass er, wenn er auch ihre Gesichter nicht erkannte, sie leicht identifizieren konnte. Bertie, Bonney, Bouncer, Blenheim und Beanie. Jeder von ihnen machte auf seine eigene Weise Ärger. Bonney mit dem gelben Halsband begrüßte ihn mit ihrem üblichen Johlen.

»Oh, sei doch ruhig, Bonney«, seufzten James und seine Mutter unisono. Nur so konnte man sie zum Schweigen bringen.

Tatsächlich hörte sie auf zu jaulen und schloss sich dem Rest des Rudels an.

Er merkte, dass jemand seiner Größe und seines rauen Verhaltens wahrscheinlich lächerlich aussah, als er auf den Knien eine Gruppe Hunde begrüßte. Aber einer der Vorteile, sich innerhalb der Palastmauern aufzuhalten, war, dass er sich keine Gedanken darüber machen musste, wer ihn sah, vor allem in einem Privatraum.

Seine Mutter und Iggy sahen das offensichtlich nicht so. »Bitte ruinier deinen Anzug nicht völlig, Liebling«, geiferte seine Mutter und schob sich eine kupferrote Haarsträhne hinter ihr Ohr. »Wir möchten dich wenigstens so lange respektabel halten, bis du die Leute begrüßt hast.«

Die Art und Weise, wie sie die Leute sagte, klang für ihn schon immer eher wie schmutzige Bauern, und es würde auch immer so klingen. Schon vor ihrer Einheirat in die königliche Familie war Celia Grantham nie eine einfache Bürgerliche gewesen. Als Tochter eines Lords hatte sie noch nie Probleme mit dem Privileg gehabt, in das sie hineingeboren worden war, soweit James wusste.

Nachdem James alle fünf kleinen pelzigen Köpfe gestreichelt und die Bäuche der Meute gekitzelt hatte, stand er wieder auf. Es überraschte ihn nicht, dass Iggy jemanden aus dem Nichts herbeigeholt hatte, um sofort mit einer Kleiderbürste seine Hose zu bearbeiten. James war der Einzige, der sich bei ihm bedankte.

»Ist Oma denn hier?«, fragte James. Es war eine logische Schlussfolgerung, wenn ihre Hunde in der Nähe waren. Es wäre schön, sie zu sehen.

Seine Mutter schüttelte jedoch den Kopf. »Sie und der Herzog von Edinburgh sind in Kanada. Dein Vater hat darauf bestanden, auf die Hunde aufzupassen.«

Es war offensichtlich, dass sie die Anwesenheit von Hunden in ihrer Umgebung genauso empfand wie die Interaktion mit einfachen Bürgerlichen. Aber James liebte die Hunde, was er zeigte, indem er wieder nach unten griff, um Bertie zu streicheln, als er seine Pfoten auf James’ Bein legte und mit dem Schwanz wedelte. Der arme Kammerdiener sah gequält aus. Er hob wieder seine Bürste, da es ihn offensichtlich in den Fingern juckte, James haarfrei zu halten.

»Tut mir leid«, sagte James zu ihm.

Seine Mutter lenkte seine Aufmerksamkeit von den Hunden ab, indem sie ihm einen Stapel Karten, auf denen offenbar Namen standen, unter die Nase hielt.

Eiseskälte überkam James, seine gute Laune verschwand. »Das muss ich doch nicht lesen, oder?«, fragte er und versuchte, nicht zu stottern.

Seine Mutter schnaubte und strich ihr cremefarbenes Bleistiftkleid mit ihren perfekt manikürten Händen wieder glatt. »Nein«, antwortete sie und zog das Wort verzweifelt in die Länge. »Einer der Mitarbeiter wird jeden Gast ankündigen. Du musst nur Hände schütteln und jedem ein paar Worte mitgeben, um ihnen zu sagen, wie besonders und wichtig sie sind.«

»Sie sind besonders und wichtig«, murmelte James, als der Diener seine Hose noch einmal abbürstete. Der arme Mann blickte die Hunde an, die James umkreisten, als würde er sie davor warnen, ihn noch einmal anzuspringen. »Sonst würden sie keine Auszeichnungen erhalten.«

»Nuschle nicht, Liebes«, erwiderte seine Mutter fröhlich und richtete seinen Kragen.

»Die Karten sind nur für den Fall, dass Ihr Hilfe benötigt«, sagte Iggy und schenkte James ein kaltes Lächeln.

Zum Teufel damit. Iggy hatte sie ihm nur gegeben, um ihn zu ärgern. »Keine der Informationen hat sich seit Dienstag geändert, oder?« Da hatte Livy ihm die Audiodatei geschickt, wo sie alles vorgelesen hatte. Er hatte den ganzen Mittwoch und Donnerstag damit verbracht, sie als Vorbereitung für heute Morgen auswendig zu lernen.

»Nein, das glaube ich nicht«, sagte seine Mutter abwesend. Sie hatte gerade etwas auf ihrem Handy gelesen.

Na schön.

James würde das tun, was er immer tat. Er würde sich jeden einzelnen Namen anhören, der gesagt wurde, und ihn abspeichern, als hinge sein Leben davon ab. Hoffentlich würden sie mit denen übereinstimmen, die er bereits von der Aufnahme her kannte. Er hatte vielleicht nicht die Gelegenheit gehabt, in seinem Leben bisher viel zu erreichen, aber in den dreißig Jahren hatte er noch nie eine öffentliche Veranstaltung vermasselt. Diese Zeremonie bedeutete für alle Anwesenden etwas. Das wollte er nicht trüben.

Er steckte die Karten in seine Anzugtasche. Er trug heute keine Dienstkleidung, obwohl er, technisch gesehen, immer noch in der Armee diente. Da es sich um eine zivile Veranstaltung handelte, trug er einen seiner maßgefertigten Anzüge aus Savile Row. So schön er auch war, so hatten doch seine blauen und königlichen Insignien etwas, das ihm das Gefühl gab, kampfbereit zu sein. Wahrscheinlich, weil das der eigentliche Zweck war. Die Gäste waren aber nicht seine Feinde. Und auch seine Mutter und Iggy waren es nicht. Es sei denn, er machte sie dazu.

Er sammelte sich und gewann etwas von seiner Entschlossenheit von vorhin zurück. Die Menschen, die er treffen würde, waren fleißig und hatten Außergewöhnliches für ihre Gemeinden geleistet. Es war seine Aufgabe, die Königsfamilie zu repräsentieren und sie für ihr Lebenswerk zu beglückwünschen. Er wollte diesen Tag genießen. Sobald die Feierlichkeiten vorbei waren, könnte er wieder darüber nachdenken, was genau er mit seinem Leben anfangen wollte. Oder mit wem er es möglicherweise verbringen wollte.

3

Theo

Theo schämte sich nicht, dass er weinte. Er war so überwältigt, als seine Oma vorsichtig den Gang im Zeremoniensaal des St. James-Palastes entlangging. Sie stand aufrecht, damit Prinz James höchstpersönlich den Orden an ihre Jacke heften konnte.

Zum Glück gab ihm eine nette Dame, die neben ihm saß, ein Taschentuch und ein warmes Lächeln. »Ich werde auch anfangen müssen zu weinen, wenn mein Mann nach oben geht«, vertraute sie Theo an.

Seine Oma hatte ihr ganzes Leben lang unermüdlich gearbeitet und alles getan, was sie konnte, um den Menschen in ihrer Umgebung zu helfen. Es hatte als Hobby begonnen, als Theos Großvater noch gelebt und in der Ford-Fabrik gearbeitet hatte. Aber jetzt war daraus ein Leben voller Wohltätigkeit geworden. Sie betrieb Suppenküchen im Gemeindezentrum und half freiwillig dabei, Kindern das Lesen beizubringen. Sie organisierte Trödelverkäufe und Backwettbewerbe, um Geld für Kliniken zu sammeln. Sie sorgte dafür, dass die Treffen der Anonymen Alkoholiker immer einen Raum hatten, und organisierte Spielzeugspenden vor Weihnachten für Kinder, die unter der Armutsgrenze lebten. Aber in letzter Zeit leitete sie die Rainbow Houses, mehrere Resozialisierungszentren für LGBT-Jugendliche, die sonst nirgendwo hin konnten. Der Stadtrat war zwar immer noch Eigentümer der Grundstücke, aber sie sorgte dafür, dass sie mit den grundsätzlichen Dingen ausgestattet waren, und brachte die Kinder dazu, sich mit den Beratern ihrer Schulen zu treffen und mit ihnen zu reden, um ihre Möglichkeiten zu besprechen, nachdem ihre Familien sie verlassen hatten. Sie verbrachte eine halbe Woche damit, diesen Jugendlichen das Kochen beizubringen, und half ihnen bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz. Sie konnte selbst kaum einen Computer einschalten, aber sie war mit unaufhörlicher Zuversicht dabei, um die Kinder dazu zu bringen, an ihren Lebensläufen zu arbeiten oder sich an ihren örtlichen Colleges zu bewerben.

Theo wünschte, er wüsste nicht aus erster Hand, wie es sich anfühlte, in dieser Position zu sein. Wenn er nicht seine eigenen Schwierigkeiten gehabt hätte, würde seine Oma dieser bestimmten Minderheit nicht helfen. Also sagte er sich, er sollte stolz und dankbar dafür sein, wie sich sein Schicksal entwickelt hatte. Jetzt half er seiner Oma bei allen Dingen, die sie begonnen hatte, und bemühte sich, damit niemand allein war und jeder die Hilfe bekam, die er brauchte. Es war nie leicht, mit dem Nichts an Budget zu haushalten und Spenden zu sammeln, aber Theo wusste, dass er ein Händchen dafür hatte. Immer wenn er an sich zweifelte oder an seinen Möglichkeiten verzweifelte, erinnerte er sich daran, dass diese Kinder außer ihn und Oma niemanden hatten, auf den sie sich verlassen konnten. Es war erstaunlich, was man mit einer Facebook-Seite und Knochenarbeit erreichen konnte, wenn man es für jemand anderes tat.

Theo klatschte kräftig Beifall, als eine weitere Frau ihren Orden des Britischen Empires erhielt, die Auszeichnung für jene, die sich in herausragender Weise für ihre Gemeinde eingesetzt hatten. Zu sehen, wie so viele anständige Menschen für ihre harte Arbeit anerkannt wurden, reichte aus, um den Glauben an die Menschheit wiederherzustellen. Es war leicht, das Schlimmste von seinen Mitmenschen zu erwarten. Aber da er von so vielen anderen wie seiner Oma umgeben war, musste er seinen Zynismus beiseiteschieben.

Nun war die Zeremonie fast vorbei, Theo entspannte sich ein wenig. Er saß mit den anderen Begleitpersonen im Zeremoniensaal. Die Geehrten wurden einer nach dem anderen nach der Preisverleihung nach hinten begleitet, wo er sich wieder mit seiner Oma treffen konnte. Er musste gestehen, dass das Innere des St. James-Palastes viel schöner war als das Äußere. Mitten im Zentrum von London sah es eher wie ein Gefängnis als wie ein Palast aus. Sein dunkles Mauerwerk, die eckigen Zinnen und die schwarz gestrichenen Türen, die alle von einem Meer aus Beton umgeben waren, wirkten, gelinde gesagt, ein wenig einschüchternd. Aber innen war alles von bunter Opulenz und Theo war völlig verzaubert. Normalerweise würde es ihn ärgern, so viel Reichtum auf einem Fleck zu sehen, wo er doch wusste, wie manche Menschen sich die Finger wund arbeiteten und trotzdem Probleme hatten. Aber er hatte seine zynische Seite vorerst abgestellt, sodass er sich an den unglaublich hohen, bemalten Decken erfreuen konnte. Jede Säule, jede Treppe, jeder Balkon war mit glänzendem Gold und poliertem Mahagoni verziert. Die Eingangshalle war in satten Lavendel-, hellen Rosa- und kräftigen Gelbtönen gehalten, aber alles im Zeremonienraum war rot, golden und cremefarben. Theo genoss es, seinen Blick schweifen zu lassen, bis sich die Zeremonie dem Ende neigte und er alle Kunstwerke der ehemaligen Monarchen und die Beefeaters betrachtet hatte, die seit anderthalb Stunden in ihren schicken Uniformen stillstanden, ohne auch nur einen Muskel zu rühren.

Er bemühte sich nach Kräften, nicht auch Prinz James zu bewundern. Theo fand, dass James in den Zeitungen ein bisschen wie ein Idiot rüberkam. Er schien seinen Job in der Armee nicht halten zu können und konnte nicht aufhören, sich fotografieren zu lassen, wenn er betrunken war und in Springbrunnen hüpfte. Eine Ausbildung in Eton, der besten Jungenschule des Landes, und er hatte trotzdem nicht viel aus seinem Leben gemacht, oder? Aber als Theo ihm leibhaftig gegenübersaß, nur sechs Meter entfernt, musste er zugeben, dass der Adelige etwas absolut Faszinierendes an sich hatte. Er strahlte Charme aus und behandelte jede einzelne Person, der er eine Auszeichnung überreichte, mit Sorgfalt und Augenmerk. Es schadete auch nicht, dass er über 1,80 m groß war, einen straffen, breiten Körper hatte, der unter seinem maßgeschneiderten Anzug deutlich sichtbar war, dunkles Haar und Stoppeln sowie ein Lächeln hatte, das Theo den Atem raubte. Theo achtete jedoch darauf, nicht zu offenkundig zu gaffen. Er wäre gedemütigt, wenn ein echter Prinz ihn dabei erwischen würde, wie er schmachtete. Der Kerl sah auch nicht so aus, als ob er es gut verkraften würde, von einem anderen Kerl angemacht zu werden. Mit diesem markanten Kiefer und den stählernen Augen schrie er förmlich nach heterosexuell. Dennoch war er eine Verbesserung gegenüber den üblichen Jungs, die Theo an seinen Wochenenden in Dagenham bei Fix aufriss. Nicht, dass mit den Jungs aus Essex etwas nicht in Ordnung wäre. Theo war stolz darauf, selbst einer von ihnen zu sein. Aber selten konnte er ein so schickes männliches Exemplar bewundern.

Als James hinüberblickte, konzentrierte sich Theo sofort auf die Frau, die von dem leicht erhöhten Sockel hinunterstieg. Er hoffte, dass sein Starren nicht aufgefallen war, und ermahnte sich streng, sich für den Rest der Veranstaltung zusammenzureißen. Ein Typ wie Prinz James brauchte es nicht, dass sein Ego von einem Bürgerlichen geschmeichelt wurde. Und wenn er sich nicht geschmeichelt fühlte, brauchte Theo keinen Ärger mit den verschiedenen Militärangehörigen und dem Sicherheitspersonal, die überall herumstanden.

Schließlich neigte sich die Veranstaltung dem Ende zu. Es kam zu einem langsamen Aufbruch, als alle in einen anderen Raum gingen, um dort dem Getränkeempfang beizuwohnen. Sehr zu Theos Enttäuschung, gab es nur Wasser oder Apfelsaft im Angebot. Aber er vermutete, dass sie nicht wollten, dass die Leute randalierten und den Ort verwüsteten.

Er wusste, dass er sich unter die Leute mischen sollte, aber seine Oma hielt im Moment mit mehreren Personen Hof. Zweifellos verwöhnte sie sie mit einer ihrer vielen Geschichten und bat das Personal wahrscheinlich um eine Tasse Tee. Theo würde das nachher mit ihr beim Mittagessen besprechen. Nach einer schnellen Onlinesuche hatte er eine gute Lokalität gefunden. Die Art mit großen, fettigen, salzigen Pommes und richtigem Kuchen.

Da er einen Moment für sich hatte, beschloss er, sich in den Korridor hinauszuschleichen. Niemand hielt ihn auf, obwohl er sich nicht ganz sicher war, ob er allein draußen sein durfte. Aber er wollte nicht, dass jemand sah, was er tat. Man sollte sein Handy an der Tür bei dem sehr netten, aber strengen Einsatzteam abgeben. Theo hatte ihnen auch sein Handy gegeben, es war allerdings nur sein altes gewesen. Er hatte wirklich nicht vor, etwas Verbotenes zu tun. Er war erstaunt über seine Selbstbeherrschung, weil er nicht sofort mehrere Selfies machte. Die Wahrheit war, dass er alle Arten von E-Mails hatte, die er nicht stundenlang unbeantwortet lassen konnte, während er höflich mit Leuten plauderte, die er nie wieder in seinem Leben sehen würde. Seine Oma mochte das Herzstück aller Projekte sein, aber Theo hatte vor einigen Jahren erkannt, dass sie auch jemanden mit Geschäftssinn brauchte, der alles am Laufen hielt. Als er die Schule mit achtzehn Jahren verlassen hatte, war er erstaunt gewesen, dass sie noch nicht bankrottgegangen waren, nachdem er sich die Bücher angesehen hatte. Das wenige Geld, das Oma mit ihrer Rente erhielt, gab sie normalerweise für die Versorgung der Resozialisierungszentren aus, und ohne Theos Veranstaltungskalender für die Spendensammlungen wären sie in echte Schwierigkeiten geraten. Aber er hatte nichts, mit dem er arbeiten konnte. Nur Facebook-Seiten und andere Verbindungen, die er im Internet herstellen konnte. Es gab kein Budget, um richtige Wohltätigkeitsabende zu veranstalten, also musste sie mit dem vorliebnehmen, was die Öffentlichkeit hier und da geben konnte. Im vergangenen Jahr hatte er es geschafft, Leute dazu zu bringen, Marathonläufe für sie zu veranstalten; und sein größter Erfolg war eine Auktion gewesen, für die er sich allerlei brillante Preise hatte erschnorren können. Aber die alltägliche Realität war weniger glamourös. Er hatte Vereinbarungen mit örtlichen Bäckereien, um deren alte Ware zu übernehmen, und mit Bekleidungsgeschäften, um ihnen das, was sie am Ende der Saison nicht hatten verkaufen können, mit einem großzügigen Rabatt zu bekommen. Aber es gab immer wieder kleine Probleme mit den Resozialisierungszentren, wie ein kaputter Boiler oder undichte Wasserhähne. Als alleiniger Verwalter der Wohltätigkeitsorganisation hatte Theo das Gefühl, dass er an den meisten Tagen nie aufhörte.

Ein Geräusch hinter ihm ließ ihn zusammenzucken und er drückte sofort die Taste, um sein Handy zu sperren, und ließ es in seine Brusttasche gleiten. Aber als er sich umdrehte, sah er keinen gereizten Wächter vor sich. Stattdessen blinzelte er, als ein kleiner, flauschiger Yorkshire-Terrier mit rotem Halsband zu ihm aufblickte und mit dem Schwanz wedelte. Theos Magen zog sich zusammen. Das musste einer der königlichen Hunde sein. Jeder wusste, dass die Queen immer ein Rudel Yorkies hatte. Der Hund wackelte mit dem Hintern, lief im Kreis und huschte dann den Korridor entlang, weg vom Zeremoniensaal.

»Nein, warte«, flüsterte Theo instinktiv und schnipste mit den Fingern. »Hierher, Hündchen. Nein, lauf nicht weg!«

Aber der kleine Schlingel hatte seinen Spaß. Er trabte los, mit dem Schwanz in der Luft, auf der Suche nach einem Abenteuer. Mit einem Blick über die Schulter, mit dem er Theo absichtlich zu ärgern schien, verschwand er um die Ecke.

»Scheiße«, zischte Theo.

Er stellte sein leeres Glas auf einen Tisch und eilte dem Kleinen hinterher. Er würde wahrscheinlich Ärger bekommen, weil er einen ringförmigen Abdruck hinterließ. Alle Möbel hier waren bestimmt Hunderte Jahre alt. Aber er machte sich mehr Sorgen darüber, dass der Yorkie irgendwo stecken bleiben oder sich aus einem Fenster winden könnte. Es war so heiß, dass sicher mehr als ein Fenster offen war. Er machte Kussgeräusche und pfiff leise, als er dem kleinen Teufel nachjagte, aber als er um die Ecke kam, war er nicht zu sehen. Theo kaute auf seiner Lippe herum und ging den Flur hinunter, seine Augen huschten nach links und rechts.

»Hierher, Hündchen«, rief er so laut, wie er sich traute. Er wollte wirklich nicht herumschnüffeln. Aber er wäre glücklicher, wenn er wüsste, wo der Kleine hingegangen war. Glücklicherweise waren die meisten Türen entlang des Korridors geschlossen.

Als Theo die nächste Kurve nahm, hatte er sein Ziel gefunden. Seine Erleichterung war jedoch nur von kurzer Dauer. Der Yorkie hatte sich in einer Tischdecke verbissen und machte kleine Grunzlaute, als er daran zupfte und versuchte, das verdammte Ding runterzuziehen. Die blau-weiße Porzellanvase, die in der Mitte des kleinen, aber hohen Tisches stand, wackelte gefährlich.

»Nein!«, rief Theo und stürzte nach vorn, als die Vase über den Rand kippte. Er schnappte sie aus der Luft und drückte sie an sich, während sein Herz aus seiner Brust zu springen drohte. »Scheiße«, flüsterte er schockiert, schaute auf die noch intakte Vase und fragte sich, wie viel sie wert war. Die Antwort war vermutlich: verdammt viel.

Der flauschige Hund schien keine Ahnung zu haben, wie viel Schaden er beinahe angerichtet hätte. Stattdessen riss er das Tuch vom Tisch und trottete schwanzwedelnd und stolz mit dem verdammten Ding weg, das wie die Schleppe eines Hochzeitskleides hinter ihm her flatterte.

»Nein, Hündchen!«, zischte Theo und hetzte dem frechen Kerl hinterher. »Komm zurück!« Er trat mit dem Fuß auf das Ende der Tischdecke, wodurch der Hund überrascht stehen blieb. Theo nutzte seinen Vorteil, um zu ihm zu stürzen. Die Vase sicher in einem Arm haltend, beugte Theo sich vor und nahm den Hund mit dem anderen, bevor er wieder weglaufen konnte. »Böser Junge«, sagte er und stellte ziemlich schnell fest, dass er ein Rüde war. Der Hund zappelte in Theos Armen und leckte seine Nase. Theo kam nicht umhin, zu lächeln. Aber jetzt hatte er das Dilemma: Zu wem sollte er gehen? Hatte er überreagiert? Waren die Yorkies die ganze Zeit frei im Palast herumgelaufen?

Als hätte jemand seine Vermutungen gehört, erklang eine Stimme hinter ihm, und Theos Herz setzte aus.

»Was glaubst du, was du da machst?«

Theo drehte sich um, als ein starkes Paar Hände nach ihm langte und den Hund aus seinem Arm riss, sodass Theo nur noch mit der Vase dastand. Dann schaute er auf und Theo erkannte, dass er mit keinem Geringeren als Prinz James des Vereinigten Königreichs von Angesicht zu Angesicht stand. Theos Mund öffnete sich, aber es kam kein Ton heraus. Prinz James blickte mit großen Augen auf ihn herab. Theo brachte etwas hervor, das als Glucksen durchgehen könnte.

James schien zur Besinnung zu kommen. Er schüttelte den Kopf und hielt den zappelnden Hund schützend in der Nähe seiner beeindruckenden Brustmuskeln. »Du warst gerade bei der Zeremonie.«

Theos erster Instinkt war es, auszuplaudern: Ihr habt mich bemerkt? Aber darum ging es nicht. »Äh, ja«, sagte er, seine Stimme war quietschend und seltsam.

James schaute finster drein. »Was machst du hier draußen mit Bertie?«, fragte er. »Oder der Vase, wenn wir schon dabei sind?«

»Bertie?«, wiederholte Theo; der Ton des Prinzen ließ ihn angespannt werden. Der kleine Hund wand sich stolz in seinen Armen. »Oh! Ich bin einfach rausgegangen und habe ihn herumlaufen sehen.«

»Und da dachtest du, du nimmst ihn und die Vase einfach auf den Arm?«

Theo runzelte die Stirn. »Er hätte die hier fast zerstört«, erwiderte er, drückte die Vase neben dem Hund in James’ Arme und nickte dem kleinen Kerl zu. »Außerdem wollte ich nicht, dass er sich verirrt«, fügte er hinzu und versuchte, sich nicht verletzt zu fühlen. »Aber wenn Ihr Euch gleich in die Hose macht, weil ich Eure Sachen anfasse, anstatt Euch bei mir zu bedanken, lasse ich Euch einfach in Ruhe.«

James schaute verdutzt. »Ich … Du solltest nicht hier draußen herumlaufen«, meinte er. »Das ist Vorschrift.«

»Richtig«, sagte Theo irritiert. »Also hätte ich einfach eine unbezahlbare Vase über seinem Kopf zerschlagen lassen sollen? Euch ist es vielleicht egal, ob er verletzt wird, aber mir nicht.«

»Das habe ich nie gesagt«, antwortete James gereizt. »Aber was soll ich denn denken, wenn du mit einer unbezahlbaren Vase und einem geliebten Haustier herumläufst?«

»Dass ich sie stehle offensichtlich.« Theo lachte und schüttelte den Kopf. »Wisst Ihr, Ihr tut so, als ob Ihr Euch um Leute wie meine Oma schert. Aber das ist alles nur Show, nicht wahr? Ihr wollt nur, dass das Publikum wie Schafe blökt und sagt, wie nett Ihr seid. Aber nach all dem seid ihr immer noch hier oben auf Eurem glänzenden, goldenen Thron. Wir helfen den Menschen. Was genau tut Ihr?«

James machte den Mund zu. War es Theos Einbildung oder sah er ein bisschen verletzt aus?

Theo fühlte sich schlecht, aber er war immer noch nicht begeistert davon, des Diebstahls beschuldigt zu werden.

»Du, ähm, arbeitest für die gleiche Wohltätigkeitsorganisation wie Mabel Smith?«, fragte James.

Theo hob eine Augenbraue. »Ja«, sagte er langsam. »Sie ist meine Oma. Woher wisst Ihr das?«

James verlagerte sein Gewicht. Er musste doppelt so groß wie er sein und hatte definierte Muskeln. Jetzt war nicht die Zeit, über all die Last nachzudenken, die auf Theo ruhte …

Er räusperte sich und warf James einen erwartungsvollen Blick zu.

»Ich habe gesehen, wie du dich für sie gefreut hast«, sagte James einfach. »Als sie ihren Orden erhielt. Du sahst sehr stolz aus.«

Seine Aussprache war der vornehmste Akzent, den Theo jemals im wirklichen Leben gehört hatte. Nicht wie er und sein Essex-Mundwerk. »Oh«, sagte er ein wenig ernüchtert. »Nun, ja, ich bin verdammt stolz auf sie. Sie hat jeden Tag ihres Lebens gearbeitet, wisst Ihr? Wurde mit nicht viel geboren. Hat immer noch nicht viel. Sie verschenkt alles«, erzählte er und schüttelte reumütig den Kopf.

James stellte die Vase auf ein nahe stehendes Sideboard und streichelte abwesend Berties Kopf. Der Hund schien sich in seiner Gegenwart beruhigt zu haben. »Sie klingt nach einer außergewöhnlichen Frau.«

Theo zuckte mit den Schultern. »Deshalb ist sie doch hier, oder nicht?«

James sah aus, als wollte er etwas anderes sagen. Doch dann fiel sein Blick auf Theos Brust und sein Gesichtsausdruck wandelte sich von verwirrt zu empört.

Unsicher, was eine solche Reaktion hervorgerufen haben könnte, blickte Theo ebenfalls nach unten. Sein Handy vibrierte, der Bildschirm leuchtete durch seine Hemdtasche.

»Du dachtest wohl, du könntest hier ein gutes Motiv für Instagram bekommen, was?«, fragte James kalt.

Eine Sekunde lang geriet Theo in Panik. Was, wenn sie es konfiszierten? Er konnte sich kein neues Gerät leisten und sie hatten sein Ersatzhandy. Aber dann entbrannte seine Wut. »Einige von uns haben Arbeit zu erledigen«, fauchte er. Er nahm das Handy aus seiner Tasche. Den Anruf hatte er verpasst. Er entsperrte es mit geübter Leichtigkeit. »Schau«, sagte er und öffnete seine Fotogalerie mit dem heutigen Datum. Natürlich gab es dort nichts Belastendes. »Meldet mich, wenn Ihr wollt, aber ich denke, es ist das Beste, wenn ich einfach gehe. Leute wie ich gehören nicht an einen Ort wie diesen. Offensichtlich.« Er schluckte und versuchte, sich nicht von den Tränen der Frustration überwältigen zu lassen, aber er war immer noch emotional von der Zeremonie.

James leckte sich über die Lippen. Im Gegensatz zum Rest von ihm sahen sie weich und zart aus. Theo verfluchte sich, weil sie ihm aufgefallen waren. »Wir haben strenge Richtlinien für die Sicherheit des Personals, nicht nur für die Familie«, sagte James leise, aber bestimmt. »Es ist nicht, weil wir gemein sein wollen. Danke, dass du dich um Bertie gekümmert hast. Ich entschuldige mich für die Anschuldigung.« Er nickte steif und machte auf dem Absatz kehrt. Er ging mit dem Hund den Korridor entlang in die entgegengesetzte Richtung des Festsaals.

Theo steckte sein Handy wieder in die Hosentasche, wo es weniger auffällig war, und beobachtete den Mann beim Weggehen. Als seine Wut abgeklungen war, fühlte er sich nur noch ein kleines bisschen schuldig. Er hatte schließlich die Regeln gebrochen. Aber James hatte kein Recht, so mit ihm zu sprechen. Prinz James erinnerte er sich streng. Er konnte mit Menschen sprechen, wie auch immer er wollte. Verdammt noch mal, Theo hatte gerade ein Mitglied der Königsfamilie getroffen und es angemeckert. Das war nicht gerade ideal. Es war gut möglich, dass er überreagiert hatte. Seine Scham überwog nun definitiv seine Wut. Aber gleichzeitig hätte James nicht so unhöflich zu ihm sein dürfen, wo er doch nur versucht hatte, zu helfen.

Er seufzte. Die vielleicht beste Lösung war, so schnell wie möglich hier rauszukommen und sich eine Rum-Cola zu holen und die Sache einfach zu vergessen. Hoffentlich hatte Oma sich gut amüsiert. Es war nun Theos Chance, sie für alles, was sie erreicht hatte, ein wenig zu verwöhnen. So peinlich die Begegnung auch gewesen war, er musste Prinz James nie wiedersehen. Zweifellos würde der Prinz den großmäuligen Bürgerlichen, dem er begegnet war, schon bald vergessen. Theo hatte in seinem Leben genug zu tun, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was ein hochnäsiger Adeliger von ihm hielt.

Nach ein paar Stunden glaubte er es fast.

4

James

James war ein absoluter Idiot. Er brauchte nur den verdammten Festsaal zu verlassen. Man erwartete nicht, dass er sich danach unter die Leute mischte. Tatsächlich sollte er das ausdrücklich nicht tun. Man hatte ihm gesagt, er sollte direkt zurück in den Saal gehen, in dem er Iggy und seine Mutter zurückgelassen hatte, um mit ihr zu Mittag zu essen. Stattdessen war er dem umwerfenden Blonden gefolgt, den er im Publikum entdeckt hatte. Nach all seiner Selbsterniedrigung an diesem Morgen, wo er sich überlegt hatte, was er mit seinem Leben machen und dass er sich nach einer netten Dame umsehen sollte, war er vom ersten glänzenden Ding, das er gesehen hatte, wie eine Elster geblendet worden. Nur dass James statt eines glitzernden Schatzes einem Essex-Jungen mit einer scharfen Zunge begegnet war. Nein, keinem Jungen. Einem Mann. Der mysteriöse Blonde hatte weit mehr Reife und Verstand besessen, als James erwartet hatte. In Wahrheit hatte er sich in den wenigen Sekunden, die er mit dem Kopf statt mit dem Schwanz gedacht hatte, davon überzeugt, dass sich der Blonde als ein sittsames Etwas entpuppen würde, das sich freut, von einem Prinzen bezaubert zu werden. Und nun war James hier. Getroffen und mit dem Schwanz zwischen den Beinen. Er war auch noch mehr als nur leicht erregt. Wenn überhaupt, dann hatte die Lebhaftigkeit des Blonden ihn noch attraktiver gemacht. Es hatte jedoch wenig Sinn, sich vorzustellen, dass die Dinge zwischen ihnen jemals weiter gehen könnten. Es war klar, dass ein Hitzkopf wie er zu den Leuten gehörte, die die Monarchie für eine Verschwendung von Steuergeldern hielten. Dass der Reichtum der Krone unter der Nation oder sogar dem Commonwealth aufgeteilt werden sollte. Er hatte sicherlich keine Angst davor, sich gegen James zu stellen. Aber es war nicht wie bei diesen Schwachköpfen, die James in der Schule vor seinem Wachstumsschub zu hänseln versucht hatten. Oder wie bei den Drill-Sergeants, die einen Prinzen erniedrigten, nur um besser dazustehen. Dieser Kerl schien wirklich enttäuscht von James’ Verhalten gewesen zu sein. Als hätte er sich Besseres erhofft. Als ob James besser sein könnte.

James brauchte sich wirklich nicht so sehr damit zu beschäftigen, während er zu seiner Mutter zurückkehrte. Aber er konnte die Art und Weise, wie der Blonde ihn angesehen hatte, nicht vergessen. Der Enkel von Mrs. Smith. Machte ihn das auch zu einem Smith? Typisch, dass er einen der gebräuchlichsten Namen im ganzen Vereinigten Königreich hatte. Sie könnten sich nicht mehr unterscheiden.

Als er den Raum erreichte, in dem er zuvor gewesen war, wurde er von einem der Mitarbeiter sofort aufgefordert, sich zum chinesischen Frühstücksraum zu begeben. Mutter war es wohl leid, auf ihn zu warten. Also hatte er noch ein paar Minuten Zeit, um sich zu besinnen. Er hatte sich vor der Zeremonie geschämt, weil er wusste, dass ihm so viele Menschen, die in ihrem Leben unendlich viel mehr erreicht hatten als er, die Schau stehlen würden. Aber er hatte nicht erwartet, von einem von ihnen offen dafür gerügt zu werden, dass er eine Platzverschwendung war. So sehr der Blonde sein Interesse geweckt hatte, so sehr hatte er auch die Gefühle von James verletzt. Nun, der Blonde hätte sein Handy nicht in den Palast schmuggeln dürfen. Das war ein grober Verstoß gegen das Protokoll. Aber James hätte keine voreiligen Schlüsse ziehen und annehmen sollen, dass er mit Bertie und der Vase nichts Gutes im Schilde führte. Schließlich klang es so, als hätte der Blonde nicht nur die Vase, sondern auch Berties Kopf gerettet. Apropos, der unartige kleine Mann wand sich noch immer in seinen Armen und ruinierte zweifellos seinen Anzug. Er hätte ihn nach dem Tragen ohnehin zur Reinigung geschickt. Es war nur ein bisschen peinlich, ihn mit Hundehaaren bedeckt auszuhändigen, als hätte er sich auf dem Boden gewälzt.

Er seufzte, als er sich seinem Ziel näherte. Mutter würde völlig unbeeindruckt sein. Aber als er an eine der Türen des Frühstücksraumes klopfte, war es nicht die Stimme seiner Mutter, die ihn begrüßte.

James’ Erleichterung war immens, als er durch die Tür ging und nur seine Schwester Olivia sah, die auf ihn wartete. »Livy«, sagte er, atmete seine Anspannung aus und schenkte ihr sein bestes Lächeln.

»Jimmy«, sagte sie und nutzte auch den privaten Kosenamen aus ihrer Kindheit. Sie stand auf und öffnete ihre Arme für ihn. »Ich hatte so eine Ahnung, dass du vielleicht etwas Aufmunterung gebrauchen kannst.«

James ließ Bertie los, damit er sich seinem Rudel auf dem rosa-violetten Blumenteppich anschließen konnte, der fast den gesamten Boden des Raumes einnahm. Wie immer war Bonney so glücklich, ihn wiederzusehen, dass sie anfing zu jaulen.

»Oh, sei doch ruhig, Bonney«, seufzten James und Livy gemeinsam.

Bonney jagte ihren Schwanz und ging zurück zu ihren Geschwistern. Fünf wedelnde Schwänze sorgten für ein Rascheln um die Beine des rechteckigen Holztisches. Es konnten sechs Personen bequem Platz nehmen, aber derzeit waren es nur zwei. James umarmte seine Schwester fest.

Der chinesische Frühstücksraum war im Vergleich zu anderen Räumen des Palastes einladend. James hätte wissen müssen, dass es Livy war, die ihn hier traf, und nicht seine Mutter. Sie hatten diesen kleineren Raum schon immer geliebt. Die Wände waren vollständig mit Wandmalereien mit Szenen aus einem chinesischen Fischerdorf bedeckt, die in einem für die Region traditionellen Stil gemalt waren. Als Kinder hatten sie sich Geschichten für alle auf den Wänden abgebildeten Menschen ausgedacht.

»Wo ist Mutter?«, fragte James. »Nicht, dass ich mich nicht freue, dich zu sehen«, fügte er taktvoll hinzu. Die Wahrheit war, dass er das Mittagessen mit seiner Mutter jederzeit gegen Livy eintauschen würde.

Olivia hatte dieselben braunen Haare und blauen Augen wie James und ihr herzförmiges Gesicht verlieh ihr eine klassische englische Schönheit. Obwohl ihre Mutter eine andere Ansicht vertrat, fand James immer, dass sie eine reizende Figur hatte, auch wenn diese etwas runder war als die einer traditionellen Prinzessin. Sie trug ein helles Blumendkleid im A-Linien-Stil der Fünfziger Jahre, das sie zu ihrem Markenzeichen gemacht hatte. Mit einem Hauch von Rockabilly-Flair kam sie einer Rebellion am nächsten.

Sie winkte mit spitzebesetzten Handschuhen und grinste. »Mami hat etwas über einen Ascot-Notfall gesagt, also … habe ich sie ermutigt … sich davonzumachen und sich darum zu kümmern, damit wir uns unterhalten können.«

James grinste, als sie sich auf ihre Plätze setzten. Aus dem Nichts tauchte das Personal auf, um ihnen eine dampfend heiße Tomatensuppe zu servieren. Livy musste bereits für sie beide bestellt haben.

Ihre Mutter war von Pferden besessen. Sie war zu ihrer Zeit bei den Olympischen Spielen im Vielseitigkeitsreiten angetreten, und sie hatten einen Cousin, der in ihre Fußstapfen trat. Beide schienen zu glauben, dass es nichts Wichtigeres gab. Normalerweise konnte James nicht anders, als beleidigt darüber zu sein, dass er wieder einmal wegen eines Pferdestalls zurückgelassen wurde. Aber wenn es bedeutete, dass er und Livy nach seinem furchtbaren Morgen etwas Zeit miteinander verbringen konnten, machte ihm das nicht im Geringsten etwas aus.

Sobald das Personal gegangen war, griff James rüber und drückte Livys Hand. »Danke«, sagte er.

Sie hob eine Augenbraue und pustete leicht in ihre Suppe. »Also«, begann sie betont. »Was hat dich so niedergeschlagen?«

Für eine Sekunde vergaß James, dass er schon vor der Zeremonie und nicht erst danach verärgert gewesen war. Er seufzte, griff nach dem Rotwein und schenkte ihnen beiden ein Glas ein. »Warum bin ich so nutzlos?«

»Unsinn«, widersprach Livy und runzelte die Stirn. »Du bist wunderbar.«

»Ich habe keinen Job«, konterte James.

Aber Livy ließ sich nicht so leicht davon abbringen. »Du bist ein Prinz«, sagte sie entschlossen. »Das ist dein Job. Wir dienen dem Volk und repräsentieren das Land. Nein, Blenheim, runter. Böser Junge.«

Blenheim mit dem blauen Halsband war immer auf der Lauer nach herunterfallendem Essen. Wenn keins runterfiel, hüpfte er gern auf einen Stuhl und versuchte, sich zu bedienen.

»Okay«, sagte James geduldig, als Blenheim sich im Kreis drehte, um einen anderen Ansatz auszuprobieren. Er nahm sich eine Sekunde Zeit, um zu überprüfen, ob Bertie nicht wieder entkommen war, aber er saß völlig unschuldig vorm Kamin. James richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf seine Schwester. »Ich brauche tagein, tagaus etwas zu tun. Die Armee hat mir Struktur gegeben, aber es hatte keinen Sinn, dort herumzuhängen, wenn ich nie wirklich irgendwo eingesetzt werden konnte.«

Er hatte es versucht. Er hatte sogar den Großteil einer Tour in Afghanistan geschafft. Aber die nicht enden wollende Hetzjagd der Presse, ganz zu schweigen von den feindlichen Agenturen, bedeutete, dass er eine ständige und riesige Zielscheibe im Nacken hatte. Ihn in ein Kampfgebiet zu schicken, gefährdete nicht nur ihn selbst, sondern auch jeden, mit dem er im Einsatz wäre.

Livy schenkte ihm ein sympathisches Lächeln. »Ich weiß, dass dir die Armee gefallen hat«, sagte sie. »Sie hat zu dir gepasst. Aber es sollte nicht sein, also sehe ich, dass du nach etwas anderem suchst. Etwas Neuem.« Ohne den Blickkontakt mit James zu unterbrechen, schnappte sie Blenheim wieder vom selben Stuhl, warf ihn wieder auf den Teppich und nahm Beanies Tennisball, um ihn für sie durch den Raum zu werfen. Mehrere krabbelnde Pfoten ließen verlauten, dass die Meute wahrscheinlich zumindest einige Minuten lang abgelenkt sein würde.

James lächelte vor sich hin. Er vermutete, dass sie eines Tages eine furchterregende Mutter sein würde. »Ja«, sagte er. »Kurz und knapp. Ich bin es leid, nutzlos zu sein.«

»Du musst dich verloben«, meinte sie augenzwinkernd. »Das wird dich beschäftigen.«

Olivia hatte einen schnittigen Marine-Lieutenant-Kommandanten geheiratet. Es war etwas umstritten, weil der Bursche, ein Kerl namens Briggs, den James sehr mochte, schwarz war. Es galt als äußerst gewagt und modern, dass die Königsfamilie so etwas in Erwägung gezogen hatte. Iggy war völlig entsetzt gewesen. Livy hatte jedem, der ein Problem damit hatte, unmissverständlich gesagt, er sollte sich verpissen.

»Das würde ich gern«, sagte James wehmütig. Er tunkte ein Brötchen in den Rest roter Suppe. »Aber Livy … was ist, wenn …? Was ist, wenn die Person, die ich heiraten möchte, nicht die richtige ist?«

»Tu, was ich getan habe«, erwiderte sie mit einem verschmitzten Grinsen und warf den Tennisball erneut.

James schenkte ihr ein schwaches Lächeln, aber sein Herz war nicht wirklich dabei. »Findest du es schrecklich, dass ich, ehrlich gesagt, das Gefühl habe, mein Leben hätte einen größeren Wert, wenn ich mit jemandem glücklich wäre?«, fragte er und umging das Thema.

Da wurde Livy ernst. Sie hielt wieder seine Hand und läutete mit der Glocke, damit sie mit dem Hauptgericht begannen, bevor sie weiterreden konnten. James nahm schließlich einen Schluck von seinem Wein, und der erste Schluck des Alkohols beruhigte ihn ein wenig.

»Ich denke«, begann sie, sobald sie ihr Steak-Tatar hatten, »es ist ganz natürlich, dass man sich einen Gefährten suchen will. Nicht viele Menschen wissen, wie einsam dieses Leben sein kann.« Sie seufzte. »Aber das sollte dich nicht vervollständigen, Jimmy. Du solltest dich vervollständigen. Bei der Suche nach einem Ehepartner sollte es um eine Person gehen, die dich erhebt und dir hilft, die beste Version dessen zu sein, was du sein kannst.«

»Oh, du klingst so verdammt verliebt«, neckte James. Aber ihr Lachen brach die rührselige Stimmung.

»Du solltest auf mich hören«, meinte Livy und wedelte mit der Gabel. Dann schaute sie auf die ihr servierte Portion herab. »Ganz ehrlich, haben sie wieder Befehle von Mutter? Nennen sie das genug Kartoffeln?« Sie läutete noch einmal und bat sehr süß, aber bestimmt um eine weitere Portion mit Komplimenten an den Küchenchef.

James schaffte es, Bertie, den Fluchtkünstler, zu fangen, bevor er sich mit dem Personal aus dem Staub machen konnte. Als Bertie sich wieder beruhigt hatte, fühlte sich James mutig genug, die Frage zu stellen, die ihm wirklich im Hals brannte. »Was wäre, wenn …?«, fing er langsam an. Er hielt noch ein paar Sekunden inne, nahm einen Schluck Wein, aber Livy hatte ihre Augen auf ihn gerichtet. Sie waren allein. Er musste tapfer sein. »Was, wenn ich keine … Frau finde?«, fragte er. Er schwitzte verdammt noch mal. Er wusste, dass Livy mehr als jeder andere über seine sexuelle Orientierung Bescheid wusste. Aber es war eine ganz andere Sache, es laut auszusprechen. James war es allerdings leid, sich zu verstecken. Wenn er nicht mit Livy reden konnte, konnte er mit wirklich niemandem reden. »Was wäre, wenn ich einen Ehemann finden würde?«, fragte er ganz schnell.

Livy leckte sich über die Lippen und schwenkte ihren Wein mit einem Funkeln in ihren Augen. »Hast du?«, wollte sie wissen und nahm dann einen Schluck.

James schnaufte. »Nein«, gab er zu. »Aber das wird eher der Fall sein. So funktioniert meine Anziehung nun mal.«

»Also«, sagte Livy pragmatisch, offenbar nicht im Geringsten schockiert, »entweder du bemühst dich, eine wirklich außergewöhnliche junge Frau zu finden, oder du bleibst so, wie du bist; und wenn die Zeit gekommen ist, stellst du den glücklichen Herrn der Welt vor und sagst ihr, sie kann es hinnehmen oder es lassen.«

»So einfach ist das nicht«, protestierte James.

»Ach wirklich?« Ein Hauch von Farbe stieg ihr in die Wangen, aber wieder einmal waren sie gezwungen, nicht mehr zu reden, als man ihr ihre gebratenen Extrakartoffeln auftischte.

Das war das Problem mit den größeren Residenzen. So nett und professionell das Personal auch war, James hatte immer das Gefühl, beobachtet zu werden. Zumindest in den kleineren Schlössern hatte er den Eindruck, dass er die Menschen tatsächlich kannte. Er würde jedoch nie riskieren, dass diese Art von Gespräch belauscht wurde. James hatte Mitleid mit dem Personal, das immer auf Zehenspitzen um die lächerlichen Dramen seiner Familie herumschleichen musste. Normale Menschen mussten das nicht. Er und Livy mussten sich nur auf die Zunge beißen, bis sich die Türen wieder schlossen. Das bedeutete, dass sie beide mehr Wein getrunken hatten, als sie es normalerweise getan hätten.

»Glaubst du, es war einfach für Briggsy und mich?«, fragte Livy, sobald sie wieder allein waren.

»Nein«, sagte James geduldig und mit Wohlwollen. »Natürlich nicht. Aber du musst zugeben, dass es nicht ganz dasselbe ist.«

Livy öffnete ihren Mund, schloss ihn dann aber wieder, als sie darüber nachzudenken schien, was sie sagen sollte. »In Ordnung«, räumte sie ein. »Mit einem Schwarzen zusammen zu sein, ist nicht ganz dasselbe wie ein Mann, der mit einem Mann zusammen ist in der heutigen Zeit. Aber es war kein Spaziergang im Park«, fügte sie ernst hinzu und spießte eine Kartoffel auf. »Das wird es wahrscheinlich nie sein. Du weißt, was Iggy zu diesem Thema gesagt hat.«

Leider wusste James es. Iggy hatte ihrer Mutter einige ekelhafte Dinge über die Optik brauner Babys im Buckingham Palace ins Ohr geflüstert. Ausnahmsweise hatte ihre Mutter ihm nicht zugestimmt. Gott sei Dank. Weder James noch Livy hätten es ihr wohl jemals verziehen, wenn sie es getan hätte.

»Da ist auch noch die Frage der Thronfolge«, sagte James leise.

Livy hob die Augenbrauen und neigte den Kopf. »Ja«, sagte sie unverblümt. »Das hat geholfen. Ich werde nicht lügen.«

Ihre Großmutter saß derzeit als Queen auf dem Thron. Der Thronfolger war ihr Vater, der ein weiterer in der langen Reihe von Georges sein würde, der zum König gekrönt werden sollte. Alexander, der ältere Bruder von James und Livy, war der Zweite in der Thronfolge. Von den dreien hätte kein besserer ausgewählt werden können. Alexander war wirklich seiner Berufung entsprechend geboren und hatte nie mit den Erwartungen, mit denen sie lebten, so zu kämpfen wie seine jüngeren Geschwister. Alexander und seine Frau Laura hatten drei reizende Söhne, die James den sechsten Platz in der Thronfolge des Vereinigten Königreichs bescherten. Der Sechste benötigte die Erlaubnis der Krone, um zu heiraten. Obwohl sie wussten, dass Oma persönlich keine Einwände gegen Briggs gehabt hatte, hatte Livy die Entscheidung komplett aufgehoben, indem sie nach der Geburt von Alex’ Jüngstem auf den siebten Platz gerutscht war. Die Queen hatte die Entscheidung nicht öffentlich befürworten oder ablehnen müssen, sodass eine enorme Menge an Ärger vermieden worden war, die unweigerlich jede Art von Veränderung verursachte. Unter vier Augen hatte sie sich für Livy gefreut.

James war an der Reihe, Beanies Tennisball für sie und Bonney zu werfen. Blenheim kreiste immer noch um die Reste, aber zumindest versuchte Bertie nicht, durch die Tür hinauszurennen. Bouncer war mit den Beinen in der Luft eingeschlafen. James fühlte einen Ansturm der Zuneigung für sie alle. Hunde zu haben, hatte sich immer als ein so beruhigend normaler Teil ihres Lebens angefühlt.

»Jedenfalls«, sagte er und schüttelte sich sowohl physisch als auch psychisch, »ist das im Moment alles hypothetisch. Es gibt niemanden, auf den ich ein Auge geworfen habe.« Er lehnte es strikt ab, an den umwerfenden Blonden zu denken, der ihn so durcheinandergebracht hatte. »Vielleicht wird sich alles zum Besten wenden. In der Zwischenzeit hatte ich gehofft, mir ein Hobby suchen zu können. Etwas, das mich aus Schwierigkeiten raushält.«

»Um nicht mehr in Brunnen zu fallen«, sagte Livy frech.

»Das war ein einziges Mal, ehrlich!«, äußerte James verzweifelt. »So wie die Boulevardpresse es darstellt, könnte man meinen, ich hätte es jedes zweite Wochenende getan!«

Livy kicherte und füllte ihr Weinglas. »Also, hast du etwas im Sinn?«

James fuhr mit den Fingern am Stiel seines Glases auf und ab. »Ich würde gern etwas Wohltätigkeitsarbeit leisten. Echte Arbeit, nicht nur einen Fototermin für einen Tag mit Händeschütteln.«

Livy nickte. »Das klingt gut. Ich nehme an, du hast dich von einigen der heutigen Gäste inspirieren lassen?«

»Ich schätze, schon«, antwortete James, wobei er wiederum nicht an seinen Blonden dachte. »Ich bin eigentlich ganz geschickt mit meinen Händen. Meinst du, ich könnte ein paar Brunnen graben? Ein paar Häuser bauen?«

»Möglicherweise«, sagte Livy. »Obwohl es besser ist, das Geld aufzubringen, um solche Dinge richtig machen zu lassen. Warum einen Brunnen bauen, wenn man die Infrastruktur bereitstellen kann, um ein ganzes Dorf mit Wasser zu versorgen? Du könntest eine Stiftung gründen, einen großen Topf, und dann in die von dir gewählten Wohltätigkeitsorganisationen investieren. Sie könnten dir Vorschläge und Ähnliches zukommen lassen.«

Das klang so überwältigend, dass sich James’ Kopf drehte. »Okay«, sagte er langsam.

Aber Livy warf ihm einen freundlichen Blick zu. »Mach dir keine Sorgen«, sagte sie fröhlich. »Beginn zunächst mit einer großen Spendenaktion. Ein Wohltätigkeitsball oder so etwas. Du weißt ja, dass die Leute verrückt viel Geld bezahlen, um in einen Palast oder ein Schloss zu kommen. Jemima Portescue aus dem PR-Team kann dir bei der Gästeliste und den Einladungen helfen. Such dir einen Veranstaltungskoordinator und organisier das ganz groß. Du kannst wunderbar mit Menschen umgehen.«

Normalerweise, dachte James, als er sich an seinen Fauxpas nach der Zeremonie erinnerte.

Aber etwas ging ihm durch den Kopf. Der Blonde hatte gesagt, dass er mit der Wohltätigkeitsorganisation seiner Oma zusammenarbeitete. Sie war eine Unternehmerin, die sich allen möglichen Projekten zugewandt hatte. Was bedeutete das für den mysteriösen Blonden?

James’ Gedanken schwirrten und er war sich nicht bewusst, dass seine Schwester ihn angrinste, bis es zu spät war. »Du hast doch etwas am Laufen, oder?«, fragte sie verschmitzt.

James tat sein Bestes, um nicht schuldig zu wirken. »Ich denke nur, dass ich vielleicht mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen könnte«, sagte er ehrlich. Aber würde es funktionieren? Es gab nur einen Weg, das herauszufinden.

5

Theo

»Was hat dir der Wasserkocher je getan?«, fragte Sal, als Theo in der kleinen Küche herumstampfte.

Theo seufzte und schenkte ihr ein schüchternes Lächeln. »Nichts«, gab er zu. »Ich bin nur stinkig. Was ein Haufen Schwachsinn ist, wenn man bedenkt, was für einen tollen Tag wir hatten.«

Er schaute liebevoll durch die Gardinen am Fenster, um zu sehen, wie seine Oma herumlief und den Garten wieder bewässerte. Selbst an einem freien Tag musste sie sich noch beschäftigen. Theo hatte seine Irritation nach der Begegnung mit Prinz James gut versteckt. Oma und er waren zu einem absolut köstlichen Mittagessen in einen schicken Londoner Pub gegangen, nachdem sie den Palast verlassen hatten. Sie hatte natürlich nur ihre übliche Tasse Tee getrunken, aber Theo hatte sich mit ein paar Rum-Cola etwas besser gefühlt. Auf dem ganzen Weg nach Hause hatte sie über die Leute gesprochen, die sie getroffen hatte, und was für ein albernes Getue sie ihr gegenüber veranstaltet hatten. Doch tief im Inneren wusste er, dass sie sehr zufrieden war. Nun trug sie wieder ihre übliche Bluse, den langen Rock und die flachen, zweckmäßigen Schuhe, damit sie ihre Blumen pflegen und sicherstellen konnte, dass sie blühten. Sie lächelte in der späten Nachmittagssonne vor sich hin.

Theo nahm einen langen Atemzug, um die Verwirrung, die ihm noch in den Knochen saß, loszuwerden. Es war, als hätte er alles in sich hineingefressen, bis er sicher von seiner Oma weg war. Und dann hatte er alles an der armen Sal ausgelassen. Nicht, dass es ihr etwas auszumachen schien. Tatsächlich war sich Theo ziemlich sicher, dass sie sich über die ganze Angelegenheit amüsierte.

»Also«, begann sie, als er sich mit ihr und zwei Tassen Tee an den Küchentisch setzte. Wie üblich, wenn Sal irgendwo saß, lagen vor ihr ein aufgeschlagenes Lehrbuch und Blätter mit Notizen über die Anatomie von Hunden, Katzen und Kaninchen verstreut.

»Und?«, fragte er und nippte an seinem Tee.

Sie lächelte und schüttelte den Kopf. »Nur du würdest einen Prinzen treffen und es in einem großen Chaos enden lassen. Warum konntest du nicht einfach für ein paar Stunden dein Handy abgeben?«

»Dann hätte ich mehrere Bestellungen für die Wohltätigkeitsorganisation verzögert und einen gefährdeten Jugendlichen verpasst, der um Hilfe gebeten hat«, sagte er scharf.

»Und du hast diese Nachrichten während der Zeremonie beantwortet?«, fragte sie, während sie an ihrer Tasse Tee nippte. Theo murmelte und sie hob triumphierend eine Augenbraue. »Du willst einfach niemanden außer dich damit betrauen, die Dinge zu erledigen. Das ist kein Leben, weißt du? Du musst ab und zu loslassen. Abschalten. Entspannen.«

»Ha«, sagte Theo ungläubig und schielte dabei auf Sals Lehrbuch. »Ein Esel schimpft den anderen Langohr.«

Aber Sal sah nicht verärgert aus. Tatsächlich schien sie sich zu freuen. »Deshalb gehe ich doch klettern, oder?«

Das musste Theo ihr lassen. Er konnte nicht glauben, dass ein muslimisches Mädchen einem Kletterclub in Dagenham beitreten konnte. Aber sie hatte es verdammt noch mal geschafft. Sie hatte einen dieser speziellen Sport-Hidschabs und alles.

»Ich zwinge mich, abzuschalten und etwas Zeit für mich zu haben«, sagte sie. »Weil so ein Scheiß in Lebensläufen gut aussieht.«

Theo schnaubte und sie grinste zurück.

»Im Ernst, ich fühle mich dadurch besser, als würde ich tatsächlich leben. Sich zu betrinken und einmal im Monat Sex zu haben, ist kein Leben.«

»Autsch«, sagte Theo. »So schlimm bin ich nicht.« Er hatte mehr als nur einmal im Monat Sex. Zumindest hatte er das früher gehabt.

Das war es, was er an Sal liebte. Er wusste, dass sie weder das Trinken noch das Vögeln verurteilte. Zum Teufel, sie ging sogar manchmal mit ihm tanzen. Aber sie wollte damit sagen, dass es ein ziemlich oberflächlicher und leerer Spaß war. Was sollte Theo tun? Er wollte keinen Freund haben. Das wäre eine Person, die ihn nur wieder verlassen würde. Er wollte nur Shots trinken, wie ein Freak tanzen und mit, auf oder in jemandem kommen. Seine Hand war auf Dauer langweilig geworden. Er fand nicht, dass das zu viel verlangt war

»Hör mal«, sagte er und versuchte, das Thema zu wechseln. »Es geht nicht um das Handy. Na gut, das war ein ziemlich bescheuerter Zug von mir. Es geht«, er ballte seine Hände zu Fäusten, »um irgendeinen hochnäsigen Wichtigtuer, der so hochmütig gewesen ist und mich für Dinge beschuldigt hat, die ich nicht getan habe, und mich wie einen großen Bösewicht behandelt hat.«

Sal drehte ihren Stift zwischen den Fingern und ließ Theo nicht aus den Augen.

Er wand sich auf seinem Stuhl. »Was?«, fragte er schließlich.

»Du hast kein Problem damit, jeden anzuschnauzen«, sagte sie und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Ich hingegen bin traumatisiert, wenn ich im Supermarkt versehentlich mit jemandem zusammenstoße. Wenn jemand aus der Reihe tanzt, sagst du ihm normalerweise, er solle sich verpissen, und fünf Minuten später kannst du dich nicht einmal daran erinnern, dass es passiert ist.«

Theo verschränkte seine Arme. »Und? Worauf willst du hinaus? Hätte ich wie ein braver Junge einen Knicks vor ihm machen und ›Ja, Eure Königliche Hoheit‹ sagen sollen?«

»Es war nur ein Missverständnis. Zwischen euch ist kaum etwas Schlimmes passiert.« Sal kicherte und biss sich auf die Lippe. »Er hat dir gefallen«, meinte sie mit einem schelmischen Funkeln in den Augen.

»Oh, halt die Klappe«, erwiderte Theo. Aber Sal änderte ihren Ausdruck nicht. »Ach, hör doch auf. Ja, er ist heiß. Wir haben alle die Fotos gesehen. Er ist ein verdammter Prinz. Aber er ist auch irgendwie ein Trottel.«

»Dann ist er genau dein Typ«, konterte Sal.

»Ich habe keinen Typ«, sagte Theo automatisch.

»Doch«, meinte Sal mit einem Augenzwinkern. »Du Flittchen.«

Er schlug sie mit einem Stapel Papier und brachte sie zum Gackern. »Er hat mir nicht gefallen, okay?«, sagte Theo mit Nachdruck. »Es tut mir irgendwie leid, dass ich ein Arschloch zu ihm war, aber er war auch zu mir ein Arschloch. Ziemlich viele Arschlöcher, und das ohne Orgasmus. Also, vergessen wir es einfach, in Ordnung? In ein paar Wochen könnte es lustig werden. Aber im Moment fühle ich mich einfach nur ein bisschen kacke.«

Sal hatte jedoch recht. Normalerweise schüttelte er einfach jeden ab, der für ihn ein Wichser war, ohne darüber nachzudenken. Er hatte schon zu viele Menschen in seinem Leben wie Scheiße behandelt, um noch Zeit damit zu verschwenden, sich darüber einen Kopf zu machen. Die Tatsache, dass er bei seiner Oma lebte, war ein Beweis dafür. Aber James war ihm unter die Haut gegangen.

Sal sah ihn nun doch mitleidig an. Sie stand auf und ging um den Tisch herum, um ihn von hinten zu umarmen.

Theo seufzte und legte seine Hände über ihre, wobei er seinen Kopf auf ihren Arm legte.

»Es tut mir leid«, murmelte sie.

Aber Theo schüttelte den Kopf. »Ich bin derjenige, dem es leidtun sollte«, sagte er. »Ich bin nur froh, dass Oma nicht gesehen hat, dass ich so ein Arsch war. Ich wäre am Boden zerstört, wenn ich ihr den Tag verdorben hätte.«

»Du machst dir einfach zu viele Gedanken«, fand Sal und küsste seinen Kopf. »Das liegt in deinen Genen.«

Beide schauten liebevoll in den Garten hinaus. Oma schien sich mit einer großen, fetten Hummelkönigin zu unterhalten, während diese um die Nelken herumflog.

»Ich wünschte nur, ich könnte ihr mehr helfen«, flüsterte Theo. Er war entsetzt über den Kloß, der sich plötzlich in seiner Kehle bildete, aber er konnte nicht viel dagegen tun. »Was, wenn wir untergehen, weil ich uns nicht über Wasser halten kann? Was wird mit allen anderen geschehen? Mit Oma?«

»Und mit dir«, betonte Sal und umarmte ihn mit einem kleinen Schütteln noch fester. »Hör auf, dich immer an die letzte Stelle zu setzen. Und es wird nicht alles untergehen. Es wird immer Kuchenverkäufe, Bingoabende und Familienfeste geben. Die Leute lieben all die Dinge, die du organisierst, nicht zuletzt, weil sie dich und deine Oma lieben. Also hör auf, so eine Dramaqueen zu sein, okay? Meine Nerven halten das nicht aus.«

Theo kicherte und wischte sich seine Augen trocken. »Du freche Kuh, wegen dir bin ich ganz verheult. Scheiß auf diesen Tee.« Er kippte den Rest hinunter. »Ich glaube, ich brauche etwas Stärkeres. Willst du zum Abendessen bleiben?«

Sal schüttelte den Kopf. »Mama macht Biryani«, erklärte sie, als sie begann, ihre Notizen zusammenzusammeln. »Ich gehe jetzt besser.«

»Ach wirklich? Wenn ich es mir recht überlege, könnte ich ja zu dir kommen.«

Sie lachten, obwohl er es halb als Scherz gemeint hatte. Die Wahrheit war, dass er nach seinem und Omas epischen Mittagessen nicht mehr besonders hungrig war. Er würde ihr wahrscheinlich beim Gießen helfen und ihnen dann Bohnen auf Toast oder etwas Ähnliches zum Knabbern machen.

Es dauerte nicht lange, bis Sal alle ihre Papiere zusammengeräumt hatte. Theo brachte sie zur Tür.

»Danke, dass du mir beim Meckern zugehört hast«, sagte er und versuchte, nicht schuldig zu klingen. Aber er war im Moment ein bisschen durcheinander. Vielleicht brauchte er eine Nacht Auszeit, sollte sein Handy auf stumm stellen und fernsehen.

»Pass auf dich auf, du blöder Tollpatsch«, meinte Sal liebevoll. »Bis bald, ja?«

Theo nickte. »Ich muss es noch ausnutzen, bevor du wieder zur Uni verschwindest.«

Sie waren damit beschäftigt, sich übereinander lustig zu machen, während Theo die Tür öffnete. Sie hielten inne, als sie den Prinzen bemerkten.

6

James

James hatte versucht, seine Entourage auf ein Minimum zu beschränken. Das hatte er wirklich. Schließlich hatte Theo ihn nicht erwartet, sodass das Sicherheitsrisiko minimal war. Theo Glass. Es war nicht der Name, den James erwartet hatte, aber Livy hatte es ihm mit den Notizkarten bestätigt, die ihre Mutter James gegeben hatte. Eine schnelle Anfrage an das Team von der Zeremonie hatte James eine Adresse verschafft, und, nun, hier war er. In Dagenham.

James hatte Mabel Smith erwartet. Aber Theo stand in der Haustür, sein Mund stand offen. James stand mit erhobener Faust da und wollte gerade anklopfen. Eine stämmige junge Frau mit einem purpurroten Kopftuch stand neben Theo, die Arme voller Bücher und Papiere. Ihre braunen Augen hinter einer dicken Brille wurden unvorstellbar groß, als sie James vor sich sah.

Er blickte zwischen die beiden hin und her und war sich des Sicherheitspersonals bewusst, das hinter ihm stand. »Ah«, sagte er und tat sein Bestes, um zu lächeln. »Tut mir leid, euch zu erschrecken. Theodore Glass? Wir haben uns heute Morgen getroffen.« Er streckte ihm seine Hand entgegen.

Theo blinzelte. »Ja«, sagte er schwach, streckte die Hand aus und zitterte. Seine Haut war weich. »Ich glaube, ich erinnere mich.«

In einer verblassten Jeans und einem T-Shirt sah er anders aus als heute früh in seinem gut sitzenden Anzug von der Stange. An seinen Füßen prangten plüschige Shrek-Pantoffeln mit grünen Hörnern. James fand, er sah süß aus, eher wie ein Kind. Es war nicht niedlich oder liebenswert oder etwas anderes, was sein Gehirn ihm sagen wollte. Die Absurdität ließ eher einen größeren Abstand zwischen ihnen entstehen.

»Ich bin James«, sagte er zu der jungen Frau und hielt auch ihr seine Hand hin. »Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen.«

»Sal … Asali Indra«, stammelte sie. »So schön … Ich fühle mich geehrt … Euer Ehren … Euer Gnaden …?«

»Eure Königliche Hoheit«, sagte Theo leise. Er klang verwirrt und hatte James noch nicht aus den Augen gelassen. Er sah nicht gerade erfreut aus, ihn zu sehen. Eher wie ein wildes Tier, das in einem Käfig gefangen war.

James räusperte sich und richtete seine Krawatte. Das war eine monumental schlechte Idee gewesen. »Es tut mir so leid«, sagte er. »Ich hätte angerufen, aber ich wusste nicht, ob du auflegen würdest.«

»Schon gut«, sagte Theo trocken.

Sein blondes Haar hatte etwas von dem verloren, womit es früher am Tag gestylt worden war, und eine Locke ragte über seine Stirn.

Nicht niedlich, knurrte James innerlich.

Warum musste er so süß aussehen, wenn er so kratzbürstig war? »Ich habe mich gefragt, ob ich dich für einen Moment belästigen dürfte?«, wollte James wissen und deutete auf das Haus.

Theo schluckte, sein Adamsapfel wippte in seinem schlanken Hals. »Ich kann meine Oma holen, wenn Ihr wollt.«

»Eigentlich«, sagte James und gab sich Mühe, um sich nicht wieder zu räuspern, »hatte ich gehofft, mit dir zu sprechen.«

»Meine Mom erwartet mich sicher«, platzte es aus Asali heraus und sie drückte sich die Brille auf die Nase. »Zum Abendessen. Sie hat das Abendessen gemacht. Es hat mich gefreut, Euch kennenzulernen, Eure Königliche Hoheit.« Sie stolperte praktisch in ihrer Eile, um von der Haustür wegzukommen.

»Sal«, zischte Theo und warf ihr einen kurzen Blick zu, den James wahrscheinlich nicht sehen sollte.

Aber seine Freundin schüttelte den Kopf. »Wir reden später. Schönen Abend noch!« Sie winkte, drehte sich um und lief praktisch in James’ Sicherheitschef Dave Mills hinein.

James zuckte zusammen. Verdammt noch mal. Die meisten von Theos Nachbarn hingen wahrscheinlich an ihren Fenstern und schauten zu. Eine Schar kleiner Jungen, die auf der Straße Fußball spielte, hatte angehalten, um das Geschehen mit offenen Mündern zu beobachten. James hatte wirklich nicht beabsichtigt, eine solche Szene zu machen.

Asali huschte um das Sicherheitspersonal herum und ließ James und Theo so allein, wie sie sein konnten.

James brachte ein Lächeln zustande. »Also«, begann er und versuchte, lässig zu klingen. Normalerweise war er so cool und ruhig, wenn es um den Umgang mit Menschen ging. »Stört es dich, wenn ich hereinkomme? Mein Team wird draußen warten, sobald es die Räumlichkeiten überprüft hat.«

»Sobald es …?«, wiederholte Theo leise. »Kann ich wenigstens meine Oma vorher warnen?«

James nickte. »Natürlich. Auf jeden Fall«, sagte er.

Theo drehte sich auf dem Absatz um und schüttelte den Kopf. »OMA!«, brüllte er mit einer Lautstärke durch das Haus, die für einen so kleinen Mann beeindruckend war. James zuckte fast zusammen. »Wir haben Gesellschaft!«

James konnte ehrlich behaupten, dass er in seinem ganzen Leben noch nie auf diese Weise angekündigt worden war. Obwohl es ein Reihenhaus war, war es nicht so klein, wie James erwartet hatte. Nicht wie die Reihen an Reihen, die man dicht gedrängt im Zentrum Londons und oben in den Städten des Nordens sah. Angenehm große, rote und cremefarbene Backsteinhäuser standen in einer aufwendig geplanten Bebauung aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in ordentlichen Gruppen von Vieren, Sechsen oder Achten zusammen. Es war offenbar die größte öffentliche Wohnanlage der Welt. Dave ging nie irgendwo hin, ohne vorher Nachforschungen anzustellen.

James folgte Theo, vorbei an den Rollcontainern und überquellenden Hängekörben an der Vordertreppe. Sie gingen durch die rötlich-braune Tür ins Innere des Hauses, dicht gefolgt von Dave. James warf einen Blick zum Auto, wo sein Fahrer Manjeet ihm zwei Daumen hochhielt. James war froh, dass zumindest einer dies für eine gute Idee hielt.

Theo stand in der Mitte des Wohnzimmers mit verschränkten Armen und beäugte James vorsichtig.

James war sich bewusst, dass sein Team die Räume oben und unten inspizierte. »Ich nehme an, deine Großmutter ist zu Hause?«, fragte er in der Hoffnung, die Spannung zu entschärfen. »Das ist ihr Haus, nicht wahr?«

»Ja«, antwortete Theo misstrauisch. »Ich glaube, sie hat mich draußen nicht gehört. Ich schätze, Ihr habt unsere Adresse von dieser Ordensverleihungssache?«

»Du wohnst auch hier?«, versicherte sich James und wich der Anschuldigung aus. Es war ja nicht illegal, die Adresse auf die Art und Weise zu bekommen, wie er sie erhalten hatte. Sie wurde immerhin als Hauptsitz der Wohltätigkeitsorganisation aufgeführt. Aber James musste zugeben, dass die Art, wie er die Dinge angegangen war, ein wenig unheimlich war. Aber wenn Theo nicht so feindselig zu ihm gewesen wäre, als sie getrennte Wege gegangen waren, hätte er es vielleicht riskiert, vorher anzurufen. Sein Plan war es gewesen, zuerst hierherzukommen und mit Mrs. Smith zu reden, sie vielleicht zu ermutigen, ein gutes Wort bei Theo einzulegen. Aber das war jetzt nicht mehr möglich. Er würde improvisieren müssen.

Theo nickte. »Seit ich dreizehn Jahre alt bin«, antwortete er auf James’ Frage.

James schätzte ihn auf Mitte zwanzig. Das hieß, er hatte etwa die Hälfte seines Lebens hier gelebt. Die Lounge sah sehr nach der einer älteren Dame aus. Es gab eine Menge Deckchen und Porzellandekoration. James sah mindestens ein Dutzend Fotos von Theo sowie eine junge Frau, die Theo sehr ähnlich sah. Es gab nur eines von ihnen zusammen, als Theo etwa vier oder fünf Jahre alt war, sodass James vermutete, dass sie seine Mutter, Mabels Tochter, war. Wo war sie jetzt?

»Alles klar«, sagte Dave, als seine beiden Kollegen das Grundstück verließen. »Misses Smith ist immer noch im Garten.«

»Sie hat euch wahrscheinlich nicht einmal bemerkt«, sagte Theo mit einem Augenrollen.

»Nein, Sir«, sagte Dave mit hochgezogenen Augenbrauen. »Es sah nicht so aus.« Er nickte James zu und zog sich durch die Vordertür zurück.

James und Theo waren mal wieder unbeholfen in der Gesellschaft des anderen.

»Hört mal«, sagte Theo und hielt seine Hände hoch. »Wenn es um diese Vase geht, ich schwöre, dass ich sie nicht gestohlen habe.«

James schüttelte schnell den Kopf. »Nein, tut mir leid. Das war mein Fehler. Ich habe völlig überreagiert. Ich entschuldige mich dafür.«

Theo verengte seine haselnussbraunen Augen. »Okay«, sagte er langsam. »Nun … ich entschuldige mich dafür, dass ich mein Handy reingeschmuggelt habe. Das war echt scheiße von mir. Ich weiß, dass man mit einem Handy alle möglichen Dinge anstellen kann, und ich hätte vor meinen E-Mails daran denken sollen.« Er kaute auf seiner Lippe herum. »Also … deswegen seid Ihr den ganzen Weg hierhergekommen?«

»Oh, nein, eigentlich nicht«, sagte James. Er blickte auf die blumig gemusterte Couch und die dazu passenden Sessel. »Macht es dir etwas aus, wenn wir uns setzen?«

Theo zuckte mit den Schultern. »Möchtet Ihr eine Tasse Tee?«

James blinzelte. Er hatte nicht erwartet, dass ihm etwas angeboten würde. »Oh, ja, danke«, sagte er. »Wenn du einen trinkst?«

»Eigentlich«, sagte Theo, »wollte ich eine Rum-Cola trinken. Wir haben auch Bier, glaube ich, und Gin.« Er schmunzelte James an, aber es hatte etwas Verspieltes an sich. »Ich bezweifle, dass wir teure Weine haben, aber Oma hat zu Weihnachten immer Sherry da.«

James fühlte etwas Warmes in seiner Brust. War das ein Waffenstillstand? »Ich hätte gern ein Bier«, gab er zu.

Theo drehte sich um und ging zurück in den Flur, vermutlich um in die Küche zu gehen. James ging davon aus, dass man von ihm erwartete, ihm zu folgen, also tat er es.

Die Küchenschränke und Geräte hatten ins Auge stechende, mintgrüne und rostrot-orangene Farben. Ein grün-weißes Diamantpapier kleidete die Wände aus und braunes Linoleum lag unter ihren Füßen. Es war genauso makellos sauber wie der Salon.

»Wow«, rutschte es James heraus.

Theo schnaubte. »Ich wette, Eure Küche sieht nicht so aus.«

James war sich ziemlich sicher, dass er verspottet wurde, also sagte er nichts. Er war es gewohnt, dass sich die Menschen mit seinem Reichtum nicht wohlfühlten. Aber er war sich nicht sicher, ob er schon einmal in einem Haus von jemandem wie Theo gewesen war.

Theo holte eine Dose Heineken aus dem Kühlschrank und bot sie James an.

James zuckte nur ganz leicht und wollte nicht unhöflich sein. Aber mit einem leisen »Oh« drehte Theo sich um und holte ein Pintglas aus einem der Schränke. James war durchaus in der Lage, sein Bier selbst einzuschenken, aber Theo öffnete die Dose und tat es für ihn, bevor er protestieren konnte. Wahrscheinlich hielt er James für völlig schrecklich, weil er nicht aus der Dose trinken wollte, aber solche Gewohnheiten waren seit seiner Geburt fest in James verwurzelt. »Danke«, sagte James, als Theo ihm sein Getränk reichte. Es war kalt und erfrischend und genau das, was er brauchte, um seine Nerven zu beruhigen, und sei es nur, weil es seinen Händen etwas zu tun gab.

Theo schenkte sich mit geübter Leichtigkeit eine Rum-Cola aus dem Supermarkt ein und fügte ein paar seltsam geformte Eiswürfel hinzu, die wie Legosteine aussahen. Er hielt sein Glas Richtung James. »Prost«, sagte er mit einem fast schon amüsierten Gesichtsausdruck.

Das war definitiv ein Waffenstillstand.

7

James

James war erleichtert, dass Theo sich für ihn zu erwärmen schien. Schließlich war er hier, um einen Gefallen zu erbitten. Theo mochte ihn vielleicht nicht besonders, aber zumindest schien er ihn nicht zu hassen.

James blickte durch die Gardinen, die über dem Fenster hingen, um Mrs. Smith zu sehen, die im Garten dahinter herumwuselte. Sie schien, als wäre sie glücklich in ihrer eigenen kleinen Welt. »Stimmt es, dass du deiner Großmutter bei ihren vielen Wohltätigkeitsarbeiten hilfst?«, fragte er, während er an seinem Getränk nippte.

»Ja«, antwortete Theo. Sein Blick war beobachtend. »Bin ich in Schwierigkeiten?«

»Lieber Gott, nein!«, stotterte James. Er konnte nicht anders, als zu lachen. »Nein, es tut mir leid, wenn ich dir diesen Eindruck vermittelt habe. Ich weiß, dass wir heute mit dem falschen Fuß aufgestanden sind, aber ich war beeindruckt von deiner … äh, Leidenschaft und Ehrlichkeit.«

Theo lächelte darüber. »Du meinst den Teil, wo ich Euch gesagt habe, Ihr sollt Euch verpissen?«

»So in etwa«, bestätigte James.

Theo kaute auf seiner Lippe herum und zog an seinem Ohr. »Hört mal, das tut mir leid«, sagte er. »Es war völlig daneben.«

»Ist schon in Ordnung«, versicherte James ihm.

Theo neigte den Kopf, als er ihn ansah. »Ich wette, das tun nicht viele Leute, oder?«, fragte er. »Mit Euch so direkt reden.«

»Nein«, gab James mit einem reuigen Glucksen zu. Er leckte sich über die Lippen und kostete das dort verbliebene Bier. »Das ist der eigentliche Grund, warum ich hier bin. Ich habe gehofft, dass du mir bei etwas hilfst.«

Theo schaute ihn einige Sekunden lang an. »Ich«, begann er langsam. »Euch helfen? Was könntet Ihr von mir brauchen? Eure Hoheit«, schob er hinterher. Es war offensichtlich, dass Theo sich des Klassenunterschieds zwischen ihnen sehr bewusst war.

»Ich würde mich freuen, wenn du mich James nennen würdest«, meinte er und fühlte sich dabei seltsam verletzlich.

»Oh«, sagte Theo, als ob er das nicht erwartet hätte. »Okay, sicher. Was kann ich für dich tun? James.«

Als James hörte, wie Theo seinen Namen aussprach, spürte we seltsame Dinge in seinem Inneren. Gott, er war umwerfend. Aber er hatte offensichtlich immer noch Angst. Es bestand eine gute Chance, dass er keine Angst haben würde, ihn abzulehnen, was weitestgehend der Grund dafür war, weshalb James überhaupt fragen wollte. Er wollte jemanden, der keine Angst vor ihm hatte. Aber er wollte Theo auch wirklich an Bord haben. »Okay«, begann James und beschloss, gleich zur Sache zu kommen. »Ich habe ein Projekt, das ich recht schnell angehen möchte. Einen Wohltätigkeitsball auf Burg Bodiam. Ein eleganter Abend für etwa dreihundert Gäste. Die Tickets kosten tausend Pfund pro Kopf. Der Gesamterlös geht an Wohltätigkeitsorganisationen meiner Wahl. Ich habe bereits mehrere, die ich in Betracht ziehe, alle mit Sitz im Vereinigten Königreich, die in verschiedenen Bereichen der örtlichen Gemeinden eine enorme Arbeit leisten.«

Jetzt hatte er Theos Aufmerksamkeit. Sein Blick war wertend, als er die Eiswürfel in seinem Getränk schwenkte. »Okay«, sagte er etwas überrascht. »Das klingt ausgezeichnet. Wie passe ich da rein?«

»Ich brauche einen Veranstaltungskoordinator«, erklärte James. Es gelang ihm, die Nervosität aus seiner Stimme herauszuhalten. Es war verrückt. Es gab Hunderte von Menschen, die für eine solche Position mehr als qualifiziert wären. Aber James wollte Theo. Und was nützte es, ein Prinz zu sein, wenn man nicht hin und wieder das bekam, was man wollte?

Theos haselnussbraune Augen wurden auf komische Art groß. »Bietest du mir einen Job an?«, fragte er.

James nickte. »Bezahlt natürlich. Und zwar sofort. Dank einer Absage in letzter Minute gibt es eine Lücke im Kalender von Bodiam am Samstag; morgen in zwei Wochen. Sonst kann ich ihn dort erst nach dem Sommer abhalten, und das verfehlt den Zweck.«

Er konnte das auch woanders veranstalten, aber Bodiam war aus mehreren Gründen sein Lieblingsort auf den königlichen Grundstücken. Von allen Palästen und Burgen, in denen er aufgewachsen war, hatte sich Bodiam immer am meisten wie ein Zuhause angefühlt. Einige der Mitarbeiter dort waren mehr wie eine Familie als seine Verwandten. Für seinen ersten Versuch einer Spendenaktion hielt er es für äußerst wichtig, sie dort zu veranstalten.

Theo starrte ihn noch ein paar Augenblicke lang an, dann schüttelte er sich. »Aber … ich habe schon einen Job.«

»Ich würde dich nur für zwei Wochen unter Vertrag nehmen«, sagte James. »Höchstens drei.« James spürte, dass Theo immer noch mit sich rang, aber er hatte noch ein Ass im Ärmel. »Natürlich verstehe ich, wenn das nicht möglich ist. Unabhängig davon möchte ich den Rainbow Houses auch die Gelegenheit bieten, als eine der Wohltätigkeitsorganisationen an diesem Abend teilzunehmen. Glaubst du, dass das Rehabilitationsprojekt deiner Großmutter davon profitieren könnte?«

Theo spuckte seine Rum-Cola aus. »Was?« Er kaute auf seiner Lippe herum. »Du willst, dass all diese reichen Penner Geld geben, um schwulen Kindern in Essex zu helfen?«

James hätte Theos Kommentar als Beleidigung auffassen können. Er hatte jedoch nicht das Gefühl, dass er ihn so gemeint hatte. James wollte ihm sagen, wie sehr ihm das Projekt wirklich am Herzen lag. Aber natürlich konnte er das nicht. Nicht wirklich. »Niemand sollte sich obdachlos oder verzweifelt fühlen, nur weil er wegen dem, womit er geboren wurde, nicht willkommen ist«, sagte er in gleichmäßigem Ton. »Ich habe derzeit keine andere LGBT-Wohltätigkeitsorganisation im Sinn, und nach der Ordensverleihung deiner Großmutter dachte ich, es sei eine wunderbare Gelegenheit, aus diesem Erfolg Kapital zu schlagen und das Programm auszuweiten.« Er bewegte sich leicht auf den Füßen. Obwohl er Jackett und Krawatte von vorhin abgenommen hatte, war er immer noch mit seinen neuen Schuhen bekleidet, und sie waren ein wenig eng.

»Oh, nun ja«, sagte Theo und nickte. »Das ist richtig. Es ist nicht die Schuld dieser Kinder, dass ihre Familien Wichser sind.«

»Genau«, murmelte James und freute sich, dass sie auf der gleichen Seite standen. Es amüsierte ihn, wie Theo sich nicht davor scheute, vor ihm zu fluchen. Die Jungs, mit denen er in der Armee gedient hatte, waren auch nicht schüchtern gewesen. Aber das waren eben Soldaten. In der zivilen Welt würden die meisten Menschen darauf achten. James mochte es, dass Theo nicht einmal zu bemerken schien, was er tat.

Theo räusperte sich. »Also müsste ich dir nur helfen, diese Veranstaltung zu organisieren«, sagte er.

James gelang es, nicht zu lächeln. Er spürte, dass er gewann.

»Ich nehme an, dass ich das genauso gut tun könnte wie die alltäglichen Dinge für Oma.«

»Genau«, sagte James ermutigend. »Das Schloss hat WLAN. Manchmal muss man sich an die Spitze eines Turms begeben, um es zu finden«, fügte er mit einem Lächeln hinzu, »aber es ist da, irgendwo.«

Theo zuckte mit den Schultern. »Solange du mich nicht hängen lässt, wenn wir wichtige Entscheidungen noch einmal überprüfen müssen … Wirst du lange vor dem Ball da sein?«

Ah. Er hatte es missverstanden. »Oh, nein«, sagte James und versuchte, sich nicht von der Besorgnis überwältigen zu lassen. »Ich dachte, dass wir eine Woche vor der Veranstaltung zur Burg gehen könnten, um alles persönlich zu regeln. Ich meinte, dass du von dort aus deine Arbeit für die Rainbow Houses fortsetzen könntest.«

»Warum?«, fragte Theo. Er schwenkte wieder sein Glas, aber es war jetzt mehr Eis als Getränk darin und es klapperte. »Der größte Teil der Organisation kann online durchgeführt werden. Ich müsste nicht bis zum eigentlichen Tag dort sein, wenn ich dich über E-Mails auf dem Laufenden halten würde.«

James schluckte und weigerte sich, sich aus der Fassung bringen zu lassen. »Ich bin nicht der Beste im Umgang mit E-Mails«, sagte er mit einem zuckenden Lächeln. »Außerdem werden wir alles in letzter Minute machen. Ich weiß es zu schätzen, dass du in der nächsten Woche per E-Mail mit den Auftragnehmern zusammenarbeiten kannst, um alles in die Wege zu leiten. Aber dann würde ich es vorziehen, wenn wir vor Ort wären, um den Ablauf zu beaufsichtigen.«

Theo schüttelte den Kopf. »Äh, ich will nicht unhöflich sein oder so, aber ich glaube nicht, dass ich das tun kann, tut mir leid.«

»Oh, nein«, sagte James. »Ich will mich nicht aufdrängen. Aber dies ist eine unglaubliche Gelegenheit. Willst du sie nicht in Betracht ziehen?«

Theo schürzte die Lippen. »Ähm …«

»Tut mir leid, Theo, ich habe ganz die Zeit … Oh!«

James drehte sich um, als Mrs. Smith durch die Hintertür aus dem Garten kam. Sie hatte einen Anzuchtkasten im Arm mit kleinen grünen Blättern, die aus jeder Zelle sprossen. Zumindest, bis sie einen Prinzen in ihrer Küche stehen sah, ihn fallen ließ und das Ganze in einer spektakulären Erdexplosion auf ihrem schönen sauberen Boden zerschellte.

Sie äußerte »Oh mein Gott!« und hielt sich den Mund zu, als sie in einen Hustenanfall ausbrach. »Eure Hoheit, ich … Was …? Theo?«

Theo war bereits an ihre Seite geeilt und über den Dreck gehüpft, um seinen Arm um ihre Schultern zu legen. »Es ist okay, Oma«, sagte er. »Es ist alles in Ordnung. Prinz James wollte nur mit mir über etwas reden, aber es ist nicht wichtig.«

Mrs. Smith blinzelte, als sie ihren Husten unter Kontrolle bekam. »Nicht wichtig?«, wiederholte sie. »Theo, er ist ein Prinz. Ich weiß, du bist vielleicht jung, aber ich kann dir sagen, wir hatten noch nie einen Adeligen in Becontree.« Sie schaute zu James und schaffte es, ein unsicheres Lächeln aufzusetzen. »Es muss wichtig sein.«

James lächelte sie an, trat näher und reichte ihr die Hand. Er nahm eine der ihren in seine und umklammerte sie sanft. »Das ist es«, sagte er warm. »Es tut mir schrecklich leid, Sie erschreckt zu haben. Bitte lassen Sie mich Ihnen helfen, das Chaos zu beseitigen.«

Mrs. Smith winkte ab und wackelte von den beiden jungen Männern weg, die sie festhielten. »Ist schon in Ordnung. Theo, hast du ihm eine Tasse Tee angeboten? Er sagt, er sei wegen etwas Wichtigem hier.«

»Das habe ich als Erstes getan«, versicherte Theo ihr. »Aber dann hat er stattdessen ein Bier getrunken. Er, ähm, sagt, er möchte, dass Rainbow Houses an einer Wohltätigkeitsballsache beteiligt wird.«

James lächelte ihn und seine Großmutter an. Obwohl Theo viel Feuer in sich hatte, war er offensichtlich unsicher, wie er sich in seiner Gegenwart verhalten sollte. Wieder einmal seufzte James innerlich über all die Hindernisse, die ihm bei seiner Geburt in den Weg gelegt worden waren. Aber wenn sein Titel nicht wäre, würde er Theo niemals diesen Job oder die Chance bieten können, von der die Wohltätigkeitsorganisation seiner Großmutter so umfangreich profitieren würde.

James nahm sein Bierglas und setzte sich neben Mrs. Smith, die ihn mit eulenartigen Augen beobachtete. »Es stimmt, dass ich eine Gelegenheit für Rainbow Houses habe, von der ich sehr hoffe, dass Sie sie annehmen«, sagte er zu ihr. »Aber nachdem wir uns heute Morgen getroffen haben, habe ich einen befristeten Vertrag für Theo.«

»Ihr habt euch bei der Zeremonie getroffen?«, fragte Mrs. Smith skeptisch. Sie warf einen Blick zu Theo, der sich an die Theke neben dem Kühlschrank lehnte. »Das hast du nicht erwähnt?«

»Ich, ähm, habe es vergessen«, sagte Theo, aber täuschte damit niemanden.

Nachdem er gedacht hatte, Theo wäre wütend auf ihn, fühlte sich James nun durch das Missverständnis genauso beschämt wie er. »Ihr Enkel ist bescheiden, Misses Smith«, sagte er. »Ich habe ihn zufällig getroffen, als er nicht nur eine unbezahlbare Vase, sondern auch einen der verlorenen Hunde meiner Großmutter gerettet hat.«

»E-Euer …«, stammelte Mrs. Smith. »Theo, du hast einen Yorkie der Queen gerettet?« Sie sah aus, als würde sie gleich umkippen. »Verdammt, kriegt er dafür einen Orden?«

James kicherte. »Nein, aber um es kurz zu machen: Ich möchte, dass er mir hilft, einen Spendenball zu veranstalten, und Rainbow Houses zählt zu den Begünstigten.«

Mrs. Smith strich ihren Rock auf den Knien zurecht, ihr ängstlicher Blick huschte zwischen James und Theo hin und her. »Und er hat Ja gesagt, nicht wahr?«

Theo seufzte. »Dass wir eine der Wohltätigkeitsorganisationen für den Ball sind, sicher«, bestätigte er, als er sich neben seine Großmutter setzte. »Aber ich kann den Job nicht annehmen, Oma. Jam… Prinz James besteht darauf, dass ich für eine Woche weggehe, und so lange könnte ich dich unmöglich allein lassen.«

»Ach, Unsinn.« Mrs. Smith schnaubte, schlug Theo auf den Schenkel und drehte sich zu James um. Theo sah fassungslos aus. »Er nimmt das Angebot an. Es ist eine Verschwendung, wenn er für mich arbeitet. Er braucht etwas, das ihn herausfordert.«

»Oma!«, äußerte Theo empört. »Ich bin mit meiner Arbeit zufrieden, aber darum geht es nicht. Mit siebenundsiebzig wärst du ganz allein.«

Mrs. Smith verengte ihre Augen bedrohlich. »Ich wurde während des Krieges geboren, du frecher Kerl«, sagte sie. »Ich habe den Blitz überlebt. Ich komme eine Woche allein zurecht, verdammt noch mal. Außerdem weißt du so gut wie ich, dass Sal jeden Tag hier sein wird, egal was passiert.«

Theo öffnete seinen Mund und schloss ihn wieder.

James nutzte das als Gelegenheit, um anzusetzen. »Wir hoffen, dass der Ball erhebliche Mittel für alle beteiligten Wohltätigkeitsorganisationen aufbringen wird«, sagte er. »Nachdem ich Sie heute getroffen habe, war ich von Ihrem Engagement so berührt und dachte, dass Sie und diejenigen, denen Sie helfen, besonders profitieren könnten. Es schien nur richtig, Theo auch die Position des Koordinators anzubieten. Wenn er sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlt, bin ich mir sicher, dass ich einen anderen Kandidaten finden kann.«

»Nein, warte«, stotterte Theo. »Ich habe nicht gesagt, dass ich es nicht kann. Ich war mir nur nicht sicher, ob ich in der Lage bin.«

Bingo. James hatte ihn, und anscheinend auch Theos Großmutter.

»Er ist albern«, sagte Mrs. Smith entschieden zu James. »Er ist sehr talentiert in dem, was er tut.« Sie lächelte ihn herzlich an. »Komm mir nicht mit diesem ganzen Ich-kann-das-nicht-machen-Unsinn«, sagte sie zu ihm. »Du wirst brillant sein. Das ist genau die Chance, die du brauchst. Benutze mich nicht als Ausrede, nur weil du zu viel Angst hast, es zu versuchen.« Sie griff seine Hand und schüttelte sie. »Du kannst das!«

James warf einen Blick zu Theo und erwartete, dass er immer noch den Kopf schüttelte. Aber seine Wangen waren leicht gerötet und seine Augen feucht. »Danke, Oma«, sagte er leise, ein Lächeln zuckte in einem seiner Mundwinkel. Er begegnete schüchtern James’ Augen. »Ähm, okay«, sagte er genauso leise. »Danke. Ja, ich werde es tun.«

James blinzelte. Er konnte es nicht ganz glauben. »Nein, dank mir nicht«, sagte er. »Es wird eine Ehre sein, mit dir zusammenzuarbeiten.«

Jetzt hoffte er nur noch, dass sich dieses Spiel auszahlen würde. Dass Theo es wirklich schaffen und dass ihm der Job, den er ihm aus Schuldgefühlen heraus angeboten hatte, nach ihrer Auseinandersetzung am Morgen nicht zum Verhängnis werden würde. Er ahnte, dass er es schon bald herausfinden würde.

8

Theo

Theo war so nervös, dass er dachte, er könnte krank sein. James musste sich geirrt haben. Er konnte das nicht. Dabei hatte er es schon eine Woche lang getan. Aber eine Veranstaltung von der Sicherheit seines Schlafzimmers aus zu managen, war etwas ganz anderes, als es vor Ort zu tun. Aber als er nun auf dem Weg zur Burg Bodiam war, dachte er, dass es jetzt kein Zurück mehr gab. Er hatte eine Weile gebraucht, um Selbstvertrauen zu gewinnen. Er hatte noch nie mit einem großen Team gearbeitet, geschweige denn als Leiter eines solchen. Er hatte Angst, dass man es ihm übel nehmen würde, dass er aus dem Nichts gekommen war und die Führung übernommen hatte. Aber bisher hatten sie ihn nur unterstützt. Er hatte vor allem mit einer Frau namens Jemima E-Mails ausgetauscht, die einen klaren Kopf zu behalten schien. Sie hatte bei Dutzenden von Veranstaltungen mit der Königlichen Familie gearbeitet, sowohl bei großen als auch bei kleinen. Sie war die Person, mit der man das Protokoll überprüfen und Ideen im Allgemeinen durchgehen konnte. Sie hatte mehrmals gesagt, dass sie mit James in Kontakt wäre, was Theo beruhigend gefunden hatte. Er hatte nicht gescherzt, als er Theo gesagt hatte, dass er keine E-Mails schrieb. Theo hatte nicht ein einziges Mal von ihm gehört, seit er vor einer Woche sein Haus in Dagenham besucht hatte. An diesem Punkt hatte sich Theo gefragt, ob James überhaupt eine E-Mail-Adresse hatte. Aber Jemima hatte Theo mehrmals versichert, dass er mit dem Verlauf der Veranstaltung zufrieden war. Tatsächlich wäre er begeistert, wie sie gesagt hatte. Theo wusste jedoch nicht, ob sie nur nett gewesen war. Er dachte immer wieder, dass er jeden Moment einen riesigen Fehler machen würde. Nachdem er sich anfangs nicht sicher gewesen war, ob er ein Ereignis dieser Größenordnung auf sich nehmen konnte, wollte er nun unbedingt eine gute Arbeit leisten.

»Ist alles in Ordnung, Boss?«, fragte sein Fahrer von vorne über die Gegensprechanlage.

Theo war verblüfft, dass James ihm einen Wagen geschickt hatte. Er hätte sonst einfach den Zug genommen. Aber er musste zugeben, dass die Burg irgendwie mitten im Nirgendwo lag, und er wusste das Auto sehr zu schätzen. Der Chauffeur, ein südasiatischer Typ namens Manjeet, schien ein netter Kerl zu sein. Er hatte einen gewissen Akzent aus Ost-London und sprach mit Theo, als wäre er ein Mensch und nicht bloß ein Bürgerlicher. Theo war so besorgt, dass er mit seinen Manieren und der Veranstaltung ins Fettnäpfchen treten könnte. Aber bisher hatte Manjeet ihn respektvoll behandelt. »Ja, alles in Ordnung, danke«, antwortete Theo, als er durch die Trennscheibe schaute. Er schenkte Manjeet ein unsicheres Lächeln. »Ich weiß nur nicht genau, was uns erwartet, wenn wir ankommen.«

Manjeet schüttelte den Kopf. »Oh, Sie müssen sich keine Sorgen machen. Es ist ein großartiges Team in Bodiam. Sie werden sich gut einfügen.«

Theo war sich dessen nicht sicher, aber er schätzte Manjeets Versuche, seine Nerven zu beruhigen. Theos Handy klingelte, aber es war ausnahmsweise mal keine Arbeitsnachricht.

Eine aufgeregte Nachricht von Sal ploppte auf: Bist du schon da?

Etwa auf halbem Weg, antwortete Theo mit einem Herz-Emoji. Er verfolgte die Route auf der Karten-App seines Handys. Es lag nicht in seiner Natur, sich zurückzulehnen und sich einfach irgendwo hinbringen zu lassen. Er musste die Situation im Griff behalten. Er wusste natürlich von Burg Bodiam. Aber Blenheim, Windsor, Balmoral, Kensington … all diese Orte verschmolzen für ihn einfach zu einem. Sie waren mehr Touristenattraktionen als Orte, an denen Menschen arbeiteten oder lebten. Bis jetzt. Jetzt war er auf dem Weg in den Bauch der Bestie. Bevor James vor einer Woche Dagenham verlassen hatte, hatte er Theo versichert, dass er ein eigenes Zimmer haben würde und sich in der nächsten Woche vollkommen wohlfühlen würde. Theo hatte gehofft, vor seiner Ankunft noch einmal von dem Prinzen zu hören. Nur eine Nachricht oder etwas anderes, um sich zu vergewissern. Aber nichts. Theo war sich relativ sicher, dass James nicht noch immer sauer auf ihn war, weil sie bei der Zeremonie ein Missverständnis gehabt hatten. Es war wahrscheinlicher, dass James seine Zeit nicht mit Personalgesprächen verschwendete. Er war schließlich ein Prinz. Theo war entschlossen, es nicht persönlich zu nehmen. Er hatte eine Aufgabe zu erledigen, eine, für die er sich den Arsch aufriss und sein Bestes gab. Er war nicht da, um mit James befreundet zu sein, auch wenn er extra zu Theo nach Hause gekommen und nett zu seiner Oma gewesen war.

Theo drückte sich das Handy an die Brust und schaute aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft. Verdammt, wenn James nur nicht so umwerfend wäre. Theo hatte versucht, sehr streng mit sich zu sein, um nicht von diesen Augen zu träumen, die blau wie das Meer waren. Als James ihn angelächelt hatte, war es, als ob Theo seinem Charme hilflos ausgeliefert war.

Sein Handy klingelte wieder, aber diesmal war es die Arbeit. Er konnte sich etwa eine halbe Stunde lang ablenken, um Bestellungen mit den Floristen zu besprechen und Rechnungen zu bezahlen. Jemima antwortete blitzschnell auf all seine Nachrichten. Sie sprach auch mit der Küchenchefin, einer Frau namens Margaret McDonald, die viele aufregende Ideen für das Catering hatte. Anscheinend hatten sie seit etwa zehn Jahren keine Veranstaltung mehr in Bodiam ausgerichtet.

Wenn Theo so vertieft in etwas war, begann er zu glauben, dass er das wirklich schaffen könnte. Diese Woche war die anregendste gewesen, seit er die Schule nach seinem Abitur mit achtzehn Jahren verlassen hatte. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, während er mit den Anforderungen jonglierte, die eine solche Großveranstaltung in so kurzer Zeit mit sich brachte. Er hatte sich dadurch auf eine Weise lebendig gefühlt wie seit Jahren nicht mehr. Wenn er Glück hatte, könnte es vielleicht zu weiteren Anstellungen führen. Er würde seine Fähigkeiten bei der Planung von Veranstaltungen gern einsetzen, um mehr Wohltätigkeitsorganisationen zu unterstützen. Es musste alles geben. Wenn er sonst nur etwas mehr Budget zur Verfügung hätte, mit dem er arbeiten könnte, oder zumindest irgendein Budget. Nicht, dass es ihn störte, dass es bei diesem Ball anders war. Es war, ehrlich gesagt, aufregend, so viel Geld zur Verfügung zu haben. Obwohl er alles mit Jemima durchging, war Theo immer noch nervös, weil er so viel ausgab. Wenn überhaupt, dann deutete sie immer wieder an, dass er ruhig noch mehr ausgeben durfte.

Obwohl er wusste, dass die nächste Woche harte Arbeit sein würde, kam er nicht umhin, zuzugeben, dass er sich ein wenig darauf freute, eine Woche lang weg zu sein. Er hatte schon einige Pauschalreisen gemacht, als er jünger gewesen war. Die Reisen für 18- bis 30-jährige, aber speziell für Schwule. Er hatte sich krampfhaft mit Tequila betrunken, seine Tage verkatert am Strand und seine Nächte immer in anderen Betten verbracht. Obwohl es sich hierbei um Arbeit handelte, konnte er den Reiz nicht leugnen, im Hochsommer mehrere Tage in einer malerischen Burg zu verbringen. Und was für eine Burg. Ein Keuchen entfuhr ihm, als Bodiam in Sichtweite kam. Theo drückte seine Nase an die Scheibe, um so viel von dem Anblick aufzusaugen, wie er nur konnte.

Die vor mehreren Hundert Jahren erbaute Burg Bodiam war ein quadratisches Bauwerk, das in einem Tal lag, das so groß war, dass es technisch gesehen ein See war. Eine einzige Brücke ermöglichte den Besuchern den Zugang, die sich von der Straße bis zu den großen Doppeltüren am Vordereingang über das Wasser zog. Das umliegende Land war von Bäumen, Feldern und weiteren Seen umgeben, die sich über mehrere Kilometer in alle Richtungen erstreckten. Es war so friedlich. Theo wusste, dass er, sobald der Motor des Wagens ausging, nur noch Vogelgezwitscher hören würde. Die Burg sah aus wie etwas, das einer Artussage entstammte. Sie hatte riesige runde Türme an jeder Ecke und quadratische Zinnen an der Spitze jeder Mauer.

Als sich das Auto der Einfahrt näherte, entdeckte Theo ein Schwanenpaar auf dem See, das friedlich zusammen in der Sommersonne schwamm. Theo konnte verstehen, warum James hier seinen Ball abhalten wollte. Noch bevor man die Schwelle überschritt, hatte man das Gefühl, in einem Märchen zu sein. Theo war unheimlich froh, dass er und sein Team bereits ein Feuerwerk für den Ball organisiert hatten. Es würde über dem plätschernden Wasser des Sees atemberaubend aussehen.

»Es ist ziemlich umwerfend, nicht wahr?«, fragte Manjeet, der fast so aufgeregt klang, wie Theo sich fühlte. Sie befanden sich auf einer leeren Seitenstraße, die als einzige Zufahrt zu Bodiam diente. Manjeet fuhr zum Sicherheitstor und schaltete den Motor ab.

Schweigen.

Theo grinste. »Es ist richtig opulent«, sagte er und konnte nicht verbergen, wie beeindruckt er war. »Ich meine, auf Fotos und so sieht es umwerfend aus, aber in Wirklichkeit?« Er pfiff.

Manjeet nickte und löste seinen Sicherheitsgurt. »Warten Sie, bis Sie das Innere sehen«, sagte er mit einem wissenden Grinsen.

Theo tat es ihm gleich und stieg aus dem Auto hinaus in die Sonne. Er konnte es nicht fassen, was für einen Sommer sie hatten. Hoffentlich würde das gute Wetter bis zum Ball morgen in einer Woche anhalten.

Manjeet holte Theos Rollkoffer aus dem Kofferraum und zog ihn zur Hütte des Sicherheitspersonals.

»Oh«, sagte Theo und rannte zu ihm. »Das kann ich machen.«

Manjeet schüttelte den Kopf. »Keine Sorge, ich bringe Sie rein«, sagte er fröhlich. »Ich kann Sie nicht zur Tür fahren, also ist es das Mindeste, was ich tun kann.«

Theo war es unangenehm, dass so ein Wirbel um ihn gemacht wurde. Er war schließlich nichts Besonderes. Aber er wollte nicht unhöflich sein oder Manjeets Gefühle verletzen. Also folgte er ihm einfach zur Hütte und zeigte dem Mann dort seinen vorläufigen Führerschein, um seine Identität nachzuweisen. »Ähm, also, du kennst Prinz James ziemlich gut?«, fragte Theo Manjeet, als sie darauf warteten, dass sich die Tore öffneten. So dumm er sich auch fühlte, als er fragte, aber ihm kam der Gedanke, dass er vielleicht einen Einblick von seinem neuen Arbeitgeber bekommen könnte.

Manjeet hob die Augenbrauen. »Oh ja«, sagte er begeistert. »Er ist ein klasse Typ. Er mag Sie«, fügte er mit einem Lächeln hinzu, als er über die Brücke ging. »Sie müssen ihn wirklich beeindruckt haben.«

Theo blinzelte und merkte, dass er auch anfangen sollte zu laufen. »Wirklich?«, fragte er und holte auf. »Ich habe ihn angeraunzt, als er mich verärgert hat.«

Zu seiner Überraschung lachte Manjeet noch mehr. »Ja, das wird gereicht haben.«

Theo war sich nicht ganz sicher, was das bedeutete, hatte aber zu viel Angst, zu fragen. Mochte James ihn wirklich, weil er ein Großmaul war? Nicht zum ersten Mal fragte sich Theo, ob James ihn mochte. Theo war offenkundig schwul, jeder konnte es aus einer Meile Entfernung sehen. Also musste James es wissen. Aber das war verrückt. Prinzen waren nicht schwul. Das passierte einfach nicht. Theo musste darauf vertrauen, dass James wirklich von seiner Einstellung und seiner Arbeitsmoral beeindruckt war. Einmal in seinem Leben musste er ein wenig Lob annehmen und stolz auf sich sein können.

Er schaute über die Brücke, als sie hinübergingen. »Coole Schwäne«, sagte er, um das Schweigen zwischen sich und Manjeet zu unterbrechen.

Manjeet grinste und nickte in Richtung der Stelle, an der die beiden durch das Wasser schwammen. »Sie sind seit über zehn Jahren hier, meint Quintin. Er ist hier der Butler. Sie sind verdammt territorial«, sagte er spöttisch. »Kein anderes Paar würde es wagen, sich auf dem See niederzulassen.« Er stieß Theos Arm mit dem Ellbogen an und zwinkerte ihm zu. »Raten Sie mal. Sie sind schwul.«

Theo überkam ein Schaudern. Aber als er Manjeet ansah, lächelte er immer noch und er sah nicht aus, als würde er sich über Theo lustig machen oder ihn aufziehen. War er nur wegen ihm aufgeregt? »Ach wirklich?«, fragte er.

Manjeet nickte ernst. »Wir hatten vor ein paar Jahren einen Tierarzt kommen lassen, als einer von ihnen krank wurde, und er hat es bestätigt. Wussten Sie, dass auch Pinguine, Giraffen und Affen schwul sein können? Ziemlich cool, was?«

»Ja«, sagte Theo, als er auf die beiden zurückblickte, während sie weiter von ihnen wegschwammen. »Sehr cool.« Offenbar hatte Manjeet kein Problem mit Theos Sexualität. Das war ein gutes Zeichen.

Der Eingang rückte näher. Theo spürte eine weitere Welle der Nervosität. Es war in Ordnung. Er hatte eine Woche Zeit, um sich zu gewöhnen. Eine ganze Woche, um sich zu beweisen und James nicht zu enttäuschen. Er hatte sich darauf verlassen, dass Theo das durchzog, also würde er das tun.

Er holte tief Luft, als Manjeet vor ihm ging und die schwere Holztür aufstieß. »Jetzt geht’s los«, flüsterte Theo sich selbst zu. »Sei tapfer.« Das war allerdings leichter gesagt als getan.

Бесплатный фрагмент закончился.

626,73 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
340 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783960893981
Издатель:
Переводчик:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги