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Inhalt

Titel

Impressum

Klappentext

Der Autor

Widmung

Vorwort

Vorwort zur zweiten Auflage

Früheste Kindheitserinnerungen

„Heim ins Reich“

Eine frühe „Begegnung“ mit Adolf Hitler

Beginn des Zweiten Weltkrieges

Radio Beromünster oder Meine erste Notlüge

Schulzeit im Egerland

Die Fahrt mit dem Panjewagen

Unsere „Aussiedlung“

Die Familie 1945-1949

Schulzeit in Dömitz

Verlobungsanzug zur Jugendweihe

Wahl zum FDJ-Sekretär

Die ersten Wochen bei der Volkspolizei

Priemerwald

Stern-Buchholz im Herbst 1952

Ausbildung in Leipzig

Die große Kartoffelpufferwette

Leo Trotzki

Die „Falle“ – unsere Studentengaststätte

„Briefe ohne Unterschrift“

Ein Extra-Brötchen für Ungarn

Die erste „Aussprache“

Meine Zwangsexmatrikulation

Die „Aussprache“

Brief meines Freundes Herwig Zichel

Stellungnahme meiner Freunde Kay und Herwig

Vaters Suizidabsicht

Heinz oder Heinrich?

„Bewährung“ in der Produktion

Die Reimmatrikulation

Vier seltsame Prüfungen

Ludwigsfelde 1959-1961

Ein deutscher Diabetologe mit Weltgeltung

Walter Ulbricht – echt oder falsch?

Jeder stirbt für sich allein

Unerwartetes Wiedersehen

Ein Bandwurm „erblickt“ das Licht der Welt

Die Knollenblätterpilzvergiftung

Ein „dunkler Fleck“ in meiner Kaderakte

Die Diabetesabteilung in Prenzlau

Wie es in Prenzlau weiterging

Dr. Buchwald aus Oberfranken und die Stasi

Die falsche Trauer

Die kurze „Flucht“ nach Nowgorod

„Westpakete“

„Staatssicherheit“ oder „Versicherung“?

Die 80er Jahre in Prenzlau

Armlos, harmlos und trotzdem gefährlich?

„Nobby“ Blüm?

Schneider kommt mit!

Unerwartet benötigtes Englisch

Das Telefongeheimnis in der DDR

Baku 1986

Späte Genugtuung

Erster und einziger politischer Auftritt im Westen Deutschlands

Die Verleihung der „Gerhardt-Katsch-Medaille“

Klassentreffen 2010

Resümee

Nachwort

Briefe und Dokumente

Dank

Titel

Heinz Schneider

Die Normalität des Absurden

Impressum

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Spiegelberg Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2011

1. digitale Auflage 2015

ISBN 978-3-939043-70-6

© Spiegelberg Verlag, Schweiz 2015

Covergestaltung: Marcel Christen

www.flyerdesign.ch

Lektorat: Silvio Pankratz

Datenkonvertierung: Marktfotografen GmbH, www.marktfotografen.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung vom Spiegelberg Verlag reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Spiegelberg Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.

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Sie finden uns im Internet unter www.spiegelberg-verlag.com

Klappentext

Was ist normal, was ist absurd? Kann man mit absurden Situationen normal leben? Diesen Spagat musste Heinz Schneider, geb. 1934 im Sudetenland, meistern. Der anerkannte Diabetologe erhielt 1999 mit der Gerhardt-Katsch-Medaille eine hohe Auszeichnung auf seinem Fachgebiet. Rund vier Jahrzehnte zuvor war er aus politischen Gründen vom Medizinstudium zwangsexmatrikuliert worden. Die Autobiografie ist ein beeindruckendes Zeugnis von der konsequenten Verteidigung geradliniger humanistischer Gesinnung des Arztes unter den undemokratischen Bedingungen der Alleinherrschaft durch eine Partei, deren führende Rolle er anzweifelte. Erst die politische Wende erlaubte es dem Autor, die 1958 mit zwei Gedächtnisprotokollen begonnene Niederschrift seiner Lebensgeschichte zu vervollständigen und jetzt zu veröffentlichen.

Der Autor

Der Autor Heinz Schneider, Jahrgang 1934, stammt aus Schlackenwerth/Sudetenland. Im Herbst 1946 wurde er aus dem Egerland in die Sowjetische Besatzungszone nach Dömitz/Elbe ausgesiedelt, beendete dort 1952 die Schulzeit und wurde zunächst an der Feldscherschule der Kasernierten Volkspolizei in Leipzig zum militärmedizinischen Beruf eines Feldschers ausgebildet. Ab 1953 studierte er an der Universität Leipzig und ab 1955 an der Universität Greifswald Medizin, um Militärarzt zu werden. 1958, wenige Wochen vor dem Staatsexamen, wurde Heinz Schneider aus politischen Gründen aus der Nationalen Volksarmee entlassen und zwangsexmatrikuliert. Nach einer „Bewährung in der Produktion“ als Landarbeiter in Blankenfelde erfolgte 1959 die Wiederzulassung als Zivilstudent an der Rostocker Universität, im gleichen Jahr Staatsexamen an der Greifswalder Universität, 1962 Promotion bei Prof. Dr. Gerhard Mohnike zum Doktor der Medizin mit einer Arbeit zu Dosis-Wirkungsbeziehungen des Insulins. Nach Beendigung der internistischen Facharztausbildung 1967 erfolgte die Subspezialisierung für Diabetologie. Von 1967 bis 1998 leitete Heinz Schneider als Chefarzt die Diabetesabteilung des Kreiskrankenhauses Prenzlau. Während der politischen Wende war er Abgeordneter des Prenzlauer Kreistags und leitete den Sozialausschuss. Für seine Verdienste in der Forschung und Diabetikerschulung wurde Heinz Schneider 1999 mit der Gerhardt-Katsch-Medaille, einer hohen Auszeichnung auf dem Fachgebiet, geehrt.

Widmung

Kay Blumenthal-Barby gewidmet

Vorwort

Die politisch motivierte Exmatrikulation von der Universität Greifswald im Jahre 1958, die ich noch heute als ungerecht empfinde, schnitt in meine Seele eine tiefe, bis heute nicht heilende Wunde. Man sagt, die Zeit heile alle Wunden. Das mag sicher auf die Mehrheit meiner Mitbürger zutreffen. In mir heilte die noch immer schmerzende Verletzung jedoch nicht aus. Allerdings half mir die Aufzeichnung meiner Lebensgeschichte bei der Milderung dieses Dauerstresses, der mich über zwei Drittel meines ansonsten schönen und unbeschwerten Lebens als Arzt und Rentner begleitet.

Für eine gewisse Zeit hatte ich die DDR durchaus als „meinen Staat“ betrachtet. Ich beschreibe lediglich die Fakten, so wie ich sie – oft besonders drastisch – erlebt habe, versuche, jede Einseitigkeit zu vermeiden, und will auch nicht vergessen, dass mir hier als typischem Kind einer Arbeiterfamilie ein qualitativ hochwertiges Studium, wenn auch unter ungerechtfertigten Schwierigkeiten, ermöglicht wurde, für das weder meine Eltern noch ich je einen Pfennig zu bezahlen brauchten. Doch auch sie litten erheblich unter den damaligen brutalen Geschehnissen, die mich zu einer „Bewährung in der Produktion“ als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft geführt hatten, während gleichzeitig in diesem Land ein erheblicher Ärztemangel bestand.

Nur wenige Wochen trennten mich damals vom Beginn des medizinischen Staatsexamens, das von Vertretern der Staatsmacht zunächst in eine ungewisse, mehr oder weniger ferne Zukunft verlegt wurde. Somit möchte ich aus meiner persönlichen und damit sicher subjektiven Sicht daran erinnern: Vieles war absurd, was damals als „normal“ galt. Das Misstrauen des nicht vom Volke gewählten, lebensfremden Politbüros der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), das sich eine „führende Rolle“ anmaßte, war nach meiner Auffassung der Hauptgrund für den Untergang des sogenannten „Arbeiter- und Bauernstaates“, der als Diktatur einer einzigen Partei niemals demokratisch legitimiert gewesen war.

Ich selbst habe noch den Untergang des Dritten Reiches erlebt und mich immer als „Deutscher“ und niemals als „DDR-Bürger“ gefühlt, auch nicht, als ich in meiner frühen Jugend vorübergehend glaubte, in der DDR eine echte Heimat gefunden zu haben. Mir wurde bald klar, dass dieser Staat nichts anderes war als ein Produkt der Siegermacht Sowjetunion und ihrer von dort heimgekehrten Vasallen und somit nicht das Recht hatte, für alle Einwohner dieser später eingemauerten Gemeinschaft ein wahrhaftiges Vaterland zu sein. Insofern war ich unendlich froh und überglücklich darüber, dass durch die friedliche Revolution in der DDR und die dadurch ermöglichte Wende der Weg für die Wiedervereinigung Deutschlands geebnet werden konnte. Noch heute freue ich mich täglich über dieses einmalige, zu einer echten Demokratie führende historische Ereignis, das man mit Recht als ein Wunder der Geschichte, welches ohne Blutvergießen zustande kam, bezeichnen kann.

In meinen Aufzeichnungen werden öffentliche Personen von mir namentlich genannt, ebenso alle Personen, mit denen mich eine bleibende positive Erinnerung verbindet. Alle anderen – selbst der ungerechte Parteisekretär meines Studienjahres und auch die namentlich in den Urkunden genannten Mitarbeiter der Staatssicherheit – werden von mir anonymisiert, denn es geht mir nicht darum, Vergeltung zu üben. Die Decknamen der Inoffiziellen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (IM) habe ich beibehalten.

Mahlow, Mai 2011

Heinz Schneider

Vorwort zur zweiten Auflage

Nach dem Erscheinen der ersten Auflage teilten mir mehrere Leser ihr eigenes Schicksal in der DDR mit. Durch diese partiell gravierenden Berichte erfuhr ich mit Betroffenheit, dass es viel schlimmere Schicksale gab als meines. Leider sind diese Bücherfreunde jedoch bisher nicht bereit, ihren Lebensbericht zu veröffentlichen. Aus Gründen des gegenseitigen Vertrauens bin ich darüber zum Schweigen verpflichtet. Ihre Schilderungen bestätigen mir jedoch indirekt, dass es sicher sinnvoll war, zumindest meine persönlichen Erfahrungen Interessierten mitzuteilen und als Verbuchtes für die Nachwelt festzuhalten, obwohl ich als Sohn eines Altkommunisten – trotz meines Nonkonformismus – sicher noch immer als ein Privilegierter galt. Denn nach meiner ungerechtfertigten „Bewährung in der Produktion“ konnte ich Diabetologe werden und als langjähriger Chefarzt – wenn auch unter unangebrachten Schwierigkeiten und Schikanen – meinen Berufswunsch in der DDR realisieren.

Einige Leser stellten in meinen Schilderungen eine mir selbst nicht bewusste hintergründige Ironie fest. Sie baten mich, aus meiner Studenten- und Berufszeit noch einige unpolitische Anekdoten beizusteuern, ein Wunsch, den ich meinen Lesern gerne erfülle.

Mahlow, d. 31.10.2014

Heinz Schneider

Früheste Kindheitserinnerungen

Zu meinen ersten Erinnerungen zählt ein Erlebnis, vermutlich aus dem Jahr 1937, das sich in meinem zweistöckigen Geburtshaus in der Fleischergasse 118 in Schlackenwerth im Egerland zugetragen hatte. Eilig war ich zwischen dem ersten Stock und dem Erdgeschoss um eine haarnadelartig angeordnete Treppenkurve durch eine Glastür marschiert, die prompt in hundert Stücke zerschellte, ohne dass mir etwas passierte. Seitdem galt ich im Kreise meiner Familie als ein „geborener“ Dickschädel, denn mein Kopf hielt wohl schon in der frühen Kindheit viel aus, wie daraufhin öfter behauptet wurde. Das traf offenbar nicht nur auf den knöchernen Schädel zu, sondern auch auf den Charakter. Hatte ich mich erst einmal zu einer festen Meinung durchgerungen, war ich davon nur schwer wieder abzubringen. Insofern hatten es manche Zeitgenossen mit mir nicht leicht und mich ständig anzupassen, fiel mir sichtlich schwer. Damit waren Schwierigkeiten in meinem künftigen Leben, das durch zwei Diktaturen geprägt werden sollte, vorprogrammiert. Und zum Wendehals war ich nicht geboren.

Meine Mutter erzählte mir, dass ich bereits mit knapp vier Jahren die Uhr gekannt und so das Erstaunen eines Hausarztes Dr. Wehner in meiner Heimatstadt ausgelöst hätte, der im Beisein vieler Patienten sein Chronometer immer wieder verstellt hätte, ohne dass ich ihm je eine falsche Zeitangabe lieferte. Doch daran kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.

Anders verhält es sich hingegen mit einem sogenannten „Kommunistenfest“ in Chodau westlich von Karlsbad, zu dem mich Vater und sein Gesinnungsfreund Paul Leicht mitnahmen. Vor vermutlich Hunderten von Teilnehmern sprach ein aus dem Altreich (Synonym für das Deutsche Reich) stammender Kommunist, der offenbar aus der Sowjetunion eingereist war, über die besorgniserregende Entwicklung des Nationalsozialismus in Deutschland. Zum ersten Mal sah ich Abbildungen von vier bärtigen Männern, wahrscheinlich Marx, Engels, Lenin und Stalin. Als Geschenk erhielt ich ein mit einem Sowjetstern (Symbol der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei) versehenes rosarotes Zelluloidschild mit einem Gummiband um den Hinterkopf, sodass ich alles in einem rosaroten Licht sehen konnte. Dieser optisch gefällige Eindruck entwickelte sich für mich jedoch zu keinem Dauerzustand, denn später, als ich aufgefordert wurde, alles in dieser Farbqualität zu sehen, konnte ich verschiedene Farben sehr gut differenzieren. Somit litt ich nicht an jener politischen Blindheit, die in Diktaturen gerne von den Staatsbürgern erwartet wird.

Auch deshalb hatte ich später meine Schwierigkeiten, denn ich wurde kein bedingungsloser Jasager. Selbst die Nationalsozialisten, die einen unbedingten Gehorsam bleibend einforderten, bestätigten in meinem Oberschulzeugnis in Karlsbad 1944/45 treffend die Charaktermerkmale „kritisch, noch etwas scheu“. Ob die Zurückhaltung nun angeboren oder erworben war, weiß ich bis heute nicht. Jedenfalls waren beide Eltern desgleichen mit diesen aus meiner Sicht nicht negativen Kennzeichen versehen. Ein kritischer Dickschädel, den der spätere Gesundheitsminister der DDR, Prof. Dr. Ludwig Mecklinger, mit dem Attribut Kritikaster warnend umschrieb, war ich allemal und brachte andere damit bisweilen zur Raserei – und freute mich darüber. Niemals aber war ich ein Provokateur, denn ich war immer „noch etwas scheu“ und hatte trotz eines innerlichen Aufbegehrens gegen Diktatur und Willkür den Widerstand gelegentlich wohl herbeigesehnt, aber niemals aktiv ausgelöst. Damit sind wesentliche Merkmale meines Charakters genannt und sicher nicht untertrieben.

„Heim ins Reich“

1937 zogen wir nach Neudau, einem kleinen Dorf ca. zwei Kilometer von Schlackenwerth entfernt. Da die Eltern aufgrund der etwa sieben Jahre währenden Arbeitslosigkeit meines Vaters die Miete in der Schlackenwerther Fleischergasse 118 nicht mehr bezahlen konnten, nahmen wir das Angebot der Tante Marie, der jüngsten Schwester meiner Mutter, dankbar an, in ihr neu gebautes Domizil zu ziehen, in dem wir uns sehr wohl fühlten.

Ich erinnere mich an zahlreiche deutsche Jagdflugzeuge, die Anfang Oktober 1938 über Neudau kreisten und beim Tiefflug einen Höllenlärm entfachten, außerdem an Panzer, die offenbar am Vormittag des 4. Oktobers auf dem Bahngelände in Zügen der Deutschen Reichsbahn standen und mit freundlichen deutschen Soldaten besetzt waren. Sie wurden von uns Kindern begeistert empfangen. Die Freude nahm noch zu, als wir das Innere eines Panzers sehen durften. Ein Soldat gab uns ein Silberstück mit einem Porträt von Paul v. Hindenburg im Wert von fünf Reichsmark und bat meinen sechs Jahre älteren Bruder Rudi, mit diesem Geld Wurst für die Panzerbesatzung bei einem nahe gelegenen Fleischer zu kaufen, was wir gerne taten. Vom Metzger Schwengsbier erhielten wir eine große Menge an böhmischen Knackern, Schinken und Braunschweiger Wurst. Als wir nach wenigen Minuten auf das Bahngelände zurückkamen, hatte der Panzerzug Neudau bereits in Richtung Karlsbad verlassen, sodass wir unerwartet zu stolzen Besitzern mehrerer Kilogramm Wurst und Schinken geworden waren.

Kurz darauf kamen wir zu Hause an und sahen, dass das Haus von vier Mann – offenbar Helfershelfern der Sudetendeutschen Partei – umstellt war. Sie erklärten meinem Vater, dass er das Gebäude nicht verlassen dürfe. Die befürchtete Verhaftung, denn er hatte nach Hitlers Machtantritt zahlreichen kommunistischen Emigranten aus dem Altreich geholfen, in der Tschechoslowakei einen Unterschlupf zu finden, geschah jedoch nicht. Später erfuhren wir, dass ein entfernter Verwandter aus unserer Großfamilie mit nationalsozialistischer Gesinnung für meinen Vater gebürgt hatte. Bald fand er sogar in der nahe gelegenen Porzellanfabrik in Lessau eine Arbeit, in der auch meine Mutter seit vielen Jahren beschäftigt war. Obwohl meine Eltern als Antifaschisten über den Einmarsch der Hitlertruppen nicht froh waren und Schlimmes befürchteten, waren sie über die Möglichkeit einer geregelten Arbeit für meinen seit sieben Jahren arbeitslosen Vater überglücklich.

Eine frühe „Begegnung“ mit Adolf Hitler

Am Nachmittag des 4. Oktobers 1938 gingen meine Mutter, mein Bruder und ich nach Schlackenwerth einkaufen. Dutzende von Autos, Panzerspähwagen, Geschützen und Wehrmachts-Lkw kamen uns entgegen. Aber es fiel kein Schuss. Von der tschechischen Armee, die offenbar bis zum 3. Oktober 1938 aus dem Karlsbader Bereich abgezogen war, war nichts zu sehen. Die deutsche Wehrmacht überschritt in unserer Nähe am 4. Oktober 1938 die nur 10 Kilometer entfernte Grenze und wurde von der Bevölkerung herzlich begrüßt. Doch der Tag war noch nicht vorbei.

Plötzlich und unerwartet fuhr in einem Konvoi ein schönes Cabriolet vor, in dem sich ein relativ unscheinbarer Mann mit erhobenem rechtem Arm befand, der von der Bevölkerung in gleicher Weise freudig begrüßt wurde. Es war Adolf Hitler auf der Rückfahrt von Karlsbad nach Berlin, der in Schlackenwerth bei der Gaststätte „Zur wilden Henne“ kurz anhielt. In Karlsbad hatte er zuvor auf dem Dr.-David-Becher-Platz eine Ansprache gehalten und – laut Dokumentation in den Printmedien – Folgendes gesagt:

„Es war ein harter Entschluss, der mich hierher geführt hat. Hinter dem Entschluss stand der Wille, wenn nötig, auch die Gewalt zu Hilfe zu rufen, um euch frei zu machen. Umso glücklicher und dankbarer wollen wir sein, dass dieser letzte und schwerste Appell nicht notwendig war, um uns zu unserem Recht zu verhelfen ... Ich wusste nicht, wie und auf welchem Wege ich einmal hier herkommen würde. Aber dass ich einmal hier stehen würde, das habe ich gewußt.“

Das Auto hielt zufällig direkt vor uns. Ich sah Adolf Hitler aus einer Entfernung von ca. zwei bis drei Metern, umgeben von zahlreichen Stabsoffizieren und Generälen in ihren schmucken Uniformen. Dass es sich bei dem im Vergleich zu ihnen relativ unscheinbaren, eher bescheiden wirkenden Hitler um den „Führer“ des Deutschen Reiches handeln könnte, war aus meiner kindlichen Sicht kaum zu begreifen. Ich hielt ihn wohl eher für den Kraftfahrer. Warum ihm unsere offenbar glückliche Bevölkerung frenetisch zujubelte, als sei er ein „Messias“, habe ich zu dieser Zeit nicht verstanden, denn mit meinen knapp fünf Jahren konnte ich nicht wissen, dass die Tschechen und Slowaken die dreieinhalb Millionen Sudetendeutschen in den vergangenen zwanzig Jahren (1918-1938) nicht als ein gleichberechtigtes „Staatsvolk“ anerkannt hatten und dass 1919 zahlreiche unserer sudetendeutschen Landsleute von der tschechischen Soldateska erschossen worden waren.

Am 2. Dezember 1938 regnete es – nach meiner Erinnerung – blaue und pinkfarbene Flugblätter und Hakenkreuzfahnen vom Himmel, denn es zog das deutsche Luftschiff LZ 130 („Graf Zeppelin II“) wie eine silbergraue Zigarre lautlos-langsam seine Bahn. Da ich des Lesens mit knapp fünf Jahren noch nicht mächtig war, hatte ich den Inhalt der Botschaften nicht erfasst. Es ging offenbar um eine Propagandaaktion für die am 4. Dezember im Sudetenland durch „Führererlass“ anstehenden Wahlen zum „Großdeutschen Reichstag“. Der Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich war von der übergroßen Mehrheit unserer Landsleute begrüßt und seit Längerem auch gewünscht worden. Selbst der britische Sonderbotschafter, Lord Walter Runciman, der sich seit dem 8. August 1938 im Sudetenland aufgehalten hatte, empfahl am 21. September, „die Grenzgebiete mit überwiegend deutscher Bevölkerung unverzüglich von der Tschechoslowakei zu trennen und Deutschland anzugliedern.“

Beginn des Zweiten Weltkrieges

Im Sommer 1939 zog unsere Familie von Neudau in das nahe gelegene Rodisfort, einem Kirchdorf an der Eger. Hier besaßen die Eltern meines Vaters eine große Bauernwirtschaft, die aber in der zweiten Hälfte der 30er Jahre aufgegeben werden musste, denn die Großeltern waren aufgrund ihres hohen Lebensalters nicht mehr in der Lage gewesen, die große Fläche zu bewirtschaften. Von den fünfzehn noch lebenden Kindern wollte niemand Landwirt werden oder einen Bauern heiraten, der die Wirtschaft hätte fortführen können.

Wir bezogen im ersten Stock des sehr schönen Wertz-Hauses (örtlicher Hausname) eine geräumige Zweiraumwohnung – Wohnküche und Schlafzimmer – und fühlten uns inmitten der Wertz-Verwandtschaft (Großeltern väterlicherseits und ihre Nachkommen) sehr wohl. Die Miete war mit zwölf Reichsmark sehr preiswert und erschwinglich.

Die Eltern hatten eine Arbeit in der Lessauer Porzellanfabrik „Concordia“. Rudi, mein sechs Jahre älterer Bruder, besuchte weiterhin die Bürgerschule in Schlackenwerth. Als typischer Draufgänger fand er schnell Kontakt zu den Rodisforter Gleichaltrigen. Mir fiel das mit meinem eher zurückhaltenden Charakter etwas schwerer. Wir spielten oft auf dem hinter dem Haus gelegenen Stengelberg oder auch in der mit einem Holzdach gedeckten Rodisforter Egerbrücke, die schon in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, in der Regierungszeit Kaiser Karl IV., 1364, sieben Jahre nach der Grundsteinlegung für die Karlsbrücke in Prag, errichtet worden war und als architektonische Besonderheit galt. Vater hatte als Kommunist einen sehr guten Kontakt zur Belegschaft seines Betriebes entwickelt. Dennoch wurde ihm in seiner Fabrik von leitenden Mitarbeitern nahegelegt, in die NSDAP einzutreten. Doch dazu konnte er sich nicht entschließen. Noch immer glaubte er, dass Hitler Krieg bedeute, und er behielt seine Meinung nicht für sich.

Nur wenige Wochen später, am 1. September 1939, begann der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen. Kurz darauf erklärten Frankreich und England aufgrund ihrer Bündnisverpflichtungen dem Deutschen Reich den Krieg. Im Radio lösten sich zahlreiche Sondermeldungen ab, die nur von den Siegen der deutschen Wehrmacht berichteten. Kurz vor dem Ende des Polenfeldzugs fiel die Rote Armee vom Osten her in das geschwächte Polen ein und besetzte große Teile des Landes. Auch dabei handelte es sich um einen reinen Aggressionskrieg, wobei der größte Teil der gefangenen polnischen Offiziere von den Sowjets bei Katyn getötet wurde. Somit bedeutete letztlich auch Stalin keinesfalls Frieden. Der Mord an den polnischen Offizieren war ein Kriegsverbrechen, das niemand je ahndete.

Zum eisigen Entsetzen meines Vaters verbündete sich die flächenmäßig riesige Sowjetunion, die er bis dahin als das „Vaterland aller Werktätigen“ betrachtet hatte, mit „unserem“ Führer Adolf Hitler und schloss sogar einen Nichtangriffspakt mit ihm. Für meine Eltern, die von den fürchterlichen Verbrechen Stalins an der sowjetischen Bevölkerung nichts wussten, war das ein unglaublicher Verrat des Anführers aller Kommunisten an der deutschen und internationalen Arbeiterklasse. Später glaubte Vater jedoch der offiziellen Version der Kommunistischen Internationale, dass der Sowjetführer durch dieses Zweckbündnis den Krieg für einige Zeit von den alten Westgrenzen der Sowjetunion fernhalten konnte.

Als Sechsjähriger bekam ich von all diesen Problemen nichts mit. Es gab Lebensmittelkarten und ein paar französische Kriegsgefangene, die bei Rodisforter Bauern beschäftigt waren. Wir kannten als Kinder ihre Vornamen und fanden sie im Allgemeinen alle recht nett. Sie unterhielten sich mit uns und machten auf uns keinen bedrückten Eindruck, sondern schienen lustig zu sein und waren auch gut ernährt.

Am 20. Mai 1940 wurde unser Vater zum Militär einberufen und kam zunächst nach Deggendorf in Niederbayern. Mit meiner Einschulung am 1. September 1940 in Rodisfort begann ein neuer Lebensabschnitt. Drei Wochen nach dem Schulbeginn kam meine Schwester Gerti zur Welt. Die Mutter war jetzt Hausfrau und erhielt vom Staat 101 Reichsmark im Monat als Unterstützung.

Bald hatte Vater seinen ersten Urlaub und wir waren froh, ihn wiederzusehen. Wir besaßen ein großes, leistungsstarkes Radio vom Typ Lumophon, welches wir in Schlackenwerth für 238 Reichsmark gekauft hatten. Vater besorgte sich in seinem ersten Urlaub eine sehr lange, gut sichtbare Kupferlitze als Antenne, die in der Sonne golden glänzte und sich ca. achtzig Meter in Richtung des steil aufsteigenden Stengelbergs ausdehnte. Damit hatten wir einen sehr guten Empfang und Vater hörte die verbotenen Sender Radio Moskau, Radio London und Radio Beromünster, womit er umfassend über das Kriegsgeschehen informiert war. Das Abhören von „Feindsendern“ war damals streng verboten und konnte mit dem Tode bestraft werden. Ich musste im Hof aufpassen, ob die Briefträgerin oder sonst jemand kam. Bevor Fremde unsere Wohnung betraten, hatten wir das Radio auf einen genehmigten Reichssender umgestellt.


Schwester Gerti, Mutter Anna, Heinz und Bruder Rudi (von rechts), Frühjahr 1941

Ich besaß vier Bücher, die mir von Verwandten geschenkt worden waren: „Mein Weg nach Scapa Flow“, ein blaues Buch im Lexikonformat über Kapitänleutnant Günther Prien, dem Kommandanten des legendären U-Bootes U 47, das am 8. Oktober 1939 seinen Heimathafen Kiel verließ und am 12. Oktober das Ziel, den britischen Marinestützpunkt Scapa Flow auf den Orkneys, erreichte. Dort versenkte er das berühmte Kriegsschiff „Royal Oak“, das mit 833 Personen unterging. Ein weiteres wurde stark beschädigt. Nach der Rückkehr am 17. Oktober 1939 wurde er von der deutschen Bevölkerung als ein Kriegsheld begeistert empfangen. Auch ich war stolz auf seinen Husarenstreich gewesen wie überhaupt auf alle Siege der Wehrmacht auf dem Land, in der Luft und auf der See. Ferner besaß ich „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ von Mark Twain, außerdem „Die Sklavenkarawane“ von Karl May, ferner „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe. Meine Eltern verfügten lediglich über ein „Doktorbuch“, welches zwei Abbildungen des menschlichen Körpers beinhaltete. Man konnte dort, aufklappbar, die inneren Organe eines Mannes und einer Frau sehen. Besonders beeindruckte mich die Beilage der Frau mit einem ungeborenen Kind in ihrer Gebärmutter. Bereits damals interessierte mich das Kapitel über die Zuckerkrankheit. Während in der Kriegszeit die meisten gleichaltrigen Jungen Panzerkommandant oder Flugzeugführer werden wollten, kam für mich bereits in meiner Schulzeit der Beruf des Arztes in Betracht.

Gern hätte ich – wie die meisten anderen Jungen – auch Kriegsspielzeug besessen. Meine Eltern erlaubten es mir aber nicht. So besaß ich anstelle eines Papp-Stahlhelms und eines entsprechenden Koppels lediglich einen Metallbaukasten, den mir die Betriebsleitung der in „Melitta“ umbenannten Porzellanfabrik in Lessau auf einer Weihnachtsfeier geschenkt hatte. Die Eltern kauften mir für 150 Reichsmark eine Geige und finanzierten auch den erforderlichen Musikunterricht bei einem bekannten Musikprofessor in Karlsbad. Leider war ich völlig unbegabt und konnte nach einem Jahr gerade einmal „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ spielen, und auch das nur mit zahlreichen Fehlern.

Inzwischen besitzt die Enkeltochter meiner Schwester Gerti die Geige. Sie verfügt über ein großes musikalisches Talent, zaubert hervorragende Melodien aus dem Instrument hervor und freut sich sehr über dieses. Ich indessen bin froh, dass die Großnichte Wiebke an der Geige ihre Freude findet und die damalige Anschaffung meiner Eltern vor ca. sieben Jahrzehnten noch heute auf wunderschöne Weise wirkt.

Radio Beromünster oder Meine erste Notlüge

Mein Vater hörte während seines Fronturlaubs, wie bereits erwähnt, immer drei Sender, und zwar Radio Moskau, Radio London und den Schweizer Landessender Radio Beromünster. Er hatte mir beigebracht, nie zu lügen, niemals, unter keinen Umständen.

Eines Tages wurde ich aus dem Unterricht der ersten Klasse herausgeholt und von zwei Männern im Ledermantel freundlich „empfangen“. Einer sagte: „Du bist doch so ein schöner (?), blonder, deutscher Junge, möchtest du eine Tafel Schokolade haben?“ Natürlich wollte ich. Prompt erhielt ich sie auch. Dann kam die nächste Frage: „Welche Sender hört dein Vater?“ Ich hatte ein durch und durch ungutes Gefühl. Die auffallende Freundlichkeit kam mir irgendwie verdächtig vor. Sollte ich den beiden nett wirkenden Herren wirklich die Wahrheit sagen? Der Begriff der Notlüge war mir noch nicht geläufig. Auch hatte ich als Schulkind bisher keine Bekanntschaft mit der Gestapo gemacht, von deren Existenz ich nichts wusste und deren Praktiken mir völlig unbekannt waren. Die Unwahrheit sollte ich aber – nach dem festen Grundsatz meines Vaters – unbedingt vermeiden. Was tun? Schon Schweigen wäre damals verdächtig gewesen. Gott sei Dank, wich ich instinktiv vom strikten Wahrheitsgebot ab und sagte, dass wir immer den „Großdeutschen Rundfunk“ hören. Die anderen Sender erwähnte ich mit keinem Wort, obwohl sie mir bekannt waren. Nachdem die Frage mehrfach in verschiedenen Versionen wiederholt worden war und ich fest bei meiner Ansicht blieb, wohl wissend, dass ich damit gelogen hatte, erhielt ich noch eine zweite Tafel Schokolade, ohne dass irgendwelche Weiterungen folgten. Ich bedankte mich höflich und hatte mein erstes Verhör, als freundliches Gespräch getarnt, mit gerade sieben Jahren heil überstanden.

Welch ein Glück! In engem zeitlichen Abstand wurden in unserem Heimatdorf Rodisfort im Egerland damals mehr als sechs Widerstandskämpfer verhaftet, darunter auch eine Frau. Die Männer wurden in das KZ Dachau eingeliefert. Meinem Vater blieb das Konzentrationslager erfreulicherweise erspart.

Schulzeit im Egerland

Die Schule bereitete mir keine Schwierigkeiten. In der Volksschule erhielt ich fast nur gute und sehr gute Noten und unser schon etwas betagter Oberlehrer Josef Fischer, der in seinen jungen Jahren auch meinen Vater unterrichtet hatte, erwartete von meiner Mutter, dass sie mich nach dem Abschluss der vierten Klasse im Gymnasium in Karlsbad anmeldete. Als er ihr seinen Vorschlag unterbreitete, wollte Mutter zunächst nicht, dass ich das Gymnasium besuche. Sie war von ihren Eltern zu Bescheidenheit, Demut und Untertänigkeit erzogen worden und offenbar der Ansicht, es gezieme sich nicht, dass ein Arbeiterkind eine höhere Schulbildung besitzen müsse, obwohl sie sich andererseits stets über meine guten Noten gefreut hatte. Vielleicht wollte sie mich aber auch wegen der häufigen, in den Nachrichten gemeldeten Bombenangriffe einfach nur in ihrer Nähe haben. Schließlich setzte sich mein Oberlehrer durch und ich bestand eine entsprechende Aufnahmeprüfung an der Oberschule für Jungen in Karlsbad, die ich ab 1. September 1944 besuchte.


Klassenfoto 1942 in Rodisfort, Heinz Schneider in zweiter Reihe rechts, unterhalb der Klassenlehrerin, Frau Grund

Leider wurde der Unterricht durch den ersten schweren Bombenangriff, der am 12. September 1944 Karlsbad schwer erschüttert hatte, für einige Zeit unterbrochen. Etwa zwanzig Meter neben unserem Schulgebäude, das mit einem roten Kreuz auf dem Dach versehenen worden war, weil die oberen Räume zeitweilig auch als Lazarett genutzt wurden, war eine britische, 750 kg schwere Sprengbombe eingeschlagen. Die Sprengbombe hatte einen großen Trichter in die Tepel und die parallel zu ihr verlaufende Straße gerissen und nicht nur alle Fenster unseres sehr schönen Schulgebäudes zerstört, sondern auch die Uhr zum Stehen gebracht. Das Sprudelsalzwerk, das „Haus Egerland“, Teile der Markthalle und des Hauptbahnhofs, die Hauptpost, die zweite Volksschule und die Sparkasse in Fischern waren ebenfalls getroffen worden.

In Karlsbad gab es mehr als fünfzig Tote und viele Verletzte. Uns Schülern war aber bis auf den großen Schreck und einigen Kratzern im Gesicht nichts Ernsthaftes passiert. So konnten wir den Luftschutzraum am frühen Nachmittag verlassen, obwohl es an diesem Tag keine „Entwarnung“ gab, denn offenbar war das System der Luftschutzsirenen nicht mehr intakt. Da der Bus nach Rodisfort neben der Markthalle einen Volltreffer erhalten hatte, sodass von ihm und seinem Fahrer buchstäblich nichts mehr übrig war, musste ich die sechzehn Kilometer auf der Straße an der Eger nach Rodisfort zu Fuß zurücklegen. Erst am Abend kam ich zu Hause an und wurde von meiner besorgten und dann überglücklichen Mutter in die Arme genommen. Nie wieder betrat ich in der Folgezeit einen Luftschutzkeller, in dem man praktisch eingesperrt war und bei einem Angriff keine Möglichkeiten besaß, dem Geschehen irgendwie auszuweichen und zu entkommen. Schon beim Voralarm flüchtete ich in ein nicht weit entferntes Waldgebiet in Drahowitz und verließ dasselbe erst nach einem langen Sirenendauerton, der die Entwarnung verkündete.

Der Unterricht machte Spaß, wurde aber durch häufigen Fliegeralarm meist schon in den späten Vormittagsstunden vorzeitig beendet. Wir lernten Englisch, wovon ich in meinem späteren Leben große Vorteile hatte, und im Biologieunterricht die sogenannte Rassenkunde der Nazis. Danach gab es vier deutsche Rassen mit unterschiedlicher Wertigkeit. Besonders „wertvoll“ waren Menschen mit blauen Augen, blonden Haaren und einem länglichen Gesichtsschädel. Von Juden erfuhren wir nichts. Russen und Polen galten generell als „Untermenschen“. Unser Deutschlehrer, der einen Doktortitel besaß, erklärte uns den Demokratiebegriff, wobei er durchaus moderne Ansichten vertrat und kein Blatt vor den Mund nahm. Erstaunlicherweise nahm niemand Anstoß daran. In der Beurteilung wurde ich, wie erwähnt, als „noch etwas scheu, kritisch“ bezeichnet. Ich bin der Ansicht, dass diese Einschätzung auf mich zutrifft, auch heute noch. Besonders meine Eigenschaft, Kritik zu üben, machte mir in der zweiten deutschen Diktatur mitunter arg zu schaffen. Gott sei Dank war ich „noch etwas scheu“. Diese Zurückhaltung war in der DDR im Gegensatz zu einer freien Gesellschaft eher ein Vorteil als ein Hindernis, denn dadurch hielt sich eine auch öffentlich geäußerte Kritik meist in den erlaubten Grenzen.

Vom Vater erhielten wir zahlreiche Feldpostbriefe. Er hatte die Feldpostnummer 30826 und kam nach dem Überfall auf die Sowjetunion noch im Jahre 1941 als Angehöriger eines Pionierersatzbataillons der 6. Armee an die Ostfront. 1941 wurde er zum Gefreiten und ein Jahr später zum Obergefreiten befördert. Auf dem Vormarsch nach Stalingrad wurde er 1942 bei Kalatsch verwundet und berichtete darüber im anschließenden Genesungsurlaub schier Unglaubliches.

Er war durch einen Schuss aus dem Lauf eines deutschen Feldwebels aus Zwickau rücklings niedergestreckt worden. Dieser hatte eine Gasmaske vor den Schützengraben geworfen und Vater befohlen, dieselbe zurückzuholen. Indem er diesen Befehl ausführte und den Schützengraben verließ, erhielt er, sich vorwärts bewegend, einen glatten Lungendurchschuss von hinten, rechts, direkt neben dem Herzen. Als Beweis brachte er seine perforierte Erkennungsmarke mit, deren Schussöffnung eindeutig nach vorne verbogen war. Dem war offenbar ein politischer Streit vorausgegangen. Vater hatte sich für sowjetische Zivildienstbeschäftigte eingesetzt, die unter fast sklavenhaften Bedingungen ihre Tätigkeit in der Regimentsküche verrichten mussten. Er setzte sich wohl lautstark für eine menschliche Behandlung dieser entsetzlich unterernährten Beschäftigten ein. Dabei wurde ihm vermutlich eine Sympathie für die Kommunisten unterstellt, sicher nicht ganz zu Unrecht.

Vater war damals achtunddreißig Jahre alt, ziemlich gesund und überlebte trotz großen Blutverlusts die Verletzung. Während seine Truppe nur kurze Zeit später in ihr Verderben nach Stalingrad weiterzog, wurde er Stunden später von Sanitätern gerettet und gelangte nach kurzem Aufenthalt in frontnahen Lazaretten in ein Lazarett in Sagan in Niederschlesien und später in Wien. Von dort kam er zum Genesungsurlaub nach Hause. Als er wieder an die Ostfront zurückmusste, war seine Truppe im Stalingrader Kessel bereits eingeschlossen worden. Kein Bekannter kehrte je zurück. Auch der Feldwebel aus Zwickau war verschollen und war selbst nach Kriegsende nicht wiederzufinden. Vater erhielt das Verwundetenabzeichen in Bronze und die Ostmedaille, seine einzigen Auszeichnungen im Krieg. Und wir freuten uns, dass er nicht wie seine Kameraden in Stalingrad eingeschlossen worden war.

Mein Bruder Rudi hatte inzwischen die Wirtschaftsschule in Karlsbad erfolgreich absolviert. Im Rahmen des sogenannten „Reichsarbeitsdienstes“ gelangte er nach Südost-Österreich, erfror sich in Kärnten die Füße und kam nach seiner Rückkehr – offenbar im Rahmen einer vormilitärischen Ausbildung – auf die dänische Insel Bornholm. In der Hitlerjugend (HJ) war er zuletzt zum Jungzugführer aufgestiegen. Irgendwelche Nazigrößen legten ihm 1945 nahe, doch freiwillig zur Waffen-SS zu gehen. Das wurde ihm vom Vater, der sich wegen einer Furunkulose erneut zu einem Genesungsurlaub zu Hause befand und regelmäßig zur militärärztlichen Behandlung nach Karlsbad fahren musste, strikt untersagt. Nachdem Vater Ende März 1945 wieder als kriegsverwendungsfähig befunden wurde und meine praktisch veranlagte Mutter in Erwartung des baldigen Kriegsendes den Heilungsprozess verzögern wollte, indem sie Zwiebelstücke und Salz in die Inzisionswunden eingebracht hatte, bewirkte diese Prozedur eher das Gegenteil, denn die Verletzung heilte schneller als erwartet und Vater wurde an die Westfront verlegt. Rudi meldete sich als Kriegsfreiwilliger zur Marine und wurde – noch nicht siebzehnjährig – am 16. April 1945 vom Wehrkreiskommando Karlsbad eingezogen. Mit der Deutschen Reichsbahn gelangte er über das zerstörte Dresden und die Hauptstadt Berlin bis nach Greifswald-Ladebow, seinem Einsatzort, wo sich für uns in der Heimat zunächst seine Spur verlor. Auch von Vater hatten wir nach dem Ende des Genesungsurlaubs nichts mehr gehört.

An der grauen Mauer, die das Gartengrundstück von der vorbeiführenden Straße trennte, konnte man einige Tage vor Kriegsende zwei Durchhalteparolen in großer, weißer Schrift lesen, die lauteten: „Räder müssen rollen für den Sieg“ und „Sieg oder Sibirien“.

Dass wir Deutschen den Krieg verlieren könnten, glaubte ich nicht, denn unsere Techniker hatten ja wahre Wunderwaffen, wie die V-1, V-2, Panzerfaust, den ersten Düsenjäger und den Einmann-Torpedo, entwickelt und die in der Kriegswirtschaft Beschäftigten hatten sie der Wehrmacht auch zur Verfügung gestellt. So glaubte ich als damals Elfjähriger bis zuletzt an ein Wunder auf dem Kriegsschauplatz. Nur so ist meine völlig schizophrene Antwort auf die freudige Mitteilung meiner Mutter vom Kriegsende am 8. Mai zu erklären: „Na und – haben wir ihn (den Krieg) gewonnen?“ Dennoch kann ich mich an eine zielgerichtete nationalsozialistische Erziehung in der Schule, bis auf den Biologieunterricht, wirklich nicht erinnern. Und der aus Köln stammende Dechant Beys, unser Dorfpfarrer, war keinesfalls ein Hitler-Befürworter. Auch das Deutsche Jungvolk (DJ) bestimmte unseren Alltag nicht.

Das Gebiet um Karlsbad war bis zum Kriegsende nicht von fremden Truppen besetzt worden, es herrschte „Ordnung“. Die Ansprüche auf Lebensmittel, die man laut Lebensmittelkarten beziehen konnte, wurden vollständig abgedeckt. Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) verkaufte sogar in großen Mengen billig Wein, blaugrauen Militärstoff der Luftwaffe und neue Filzstiefel. Mein Onkel (Himmel) Pepp, der in Rodisfort Vorsitzender der NSDAP gewesen war, kümmerte sich in seiner braunen Uniform um die zahlreichen Flüchtlinge, die mit ihren Trecks aus Niederschlesien bis zu uns gelangt waren und stets in westliche Richtung weiterzogen. Auch in der Wehrmacht, die bei uns zuletzt vom legendären Generalfeldmarschall Schörner geführt worden war, schienen aus meiner Perspektive Ordnung und Disziplin zu herrschen. So erlebte ich das unmittelbare Kriegsende zunächst nicht als die „Befreiung“ von etwas Schrecklichem durch die gegnerischen Soldaten. Erst später erkannte ich das große Unrecht, das die Nationalsozialisten der Welt, aber auch unserem Volk angetan hatten.

Die Fahrt mit dem Panjewagen

Es war im Sommer 1945, als meine Mutter, aus Haid kommend, mit meiner damals erst fünfjährigen Schwester Gerti auf das Sitzbrett des Panjewagens eines russischen Soldaten stieg, der beide mit seinem Pferdegespann in das ca. vier Kilometer entfernte Rodisfort mitnahm und vermutlich nur hilfsbereit war. Unterwegs ließ er gesprächsweise erkennen, dass er am Nationalgetränk der Russen, Wodka, interessiert war. Als Gegenleistung bot er Schweinefleisch, welches mit unserer sehr knapp bemessenen „Lebensmittelkarte für Deutsche“ im Sommer 1945 gar nicht beziehbar war.

Wir hatten keine entsprechende Spirituose zu Hause und hochprozentige Alkoholika waren in unserem Haushalt verpönt. Meine praktisch denkende Mutter hatte aber – noch im April 1945 – bei der NSV relativ billig mehrere Flaschen Wein erstanden, denn offenbar wurden die letzten Reserven im April 1945 verkauft. Zum Feiern war den Erwachsenen unmittelbar nach Kriegsende sowieso nicht zumute, denn in der desolaten Lage und bei dem völlig ungewissen Schicksal der Männer bestand dafür kein Grund. Somit konnten wir den Wein, bevor ihn Tschechen beschlagnahmten, gut entbehren. Für fünf Flaschen Wein erhielten wir von dem freundlichen russischen oder ukrainischen Soldaten ca. fünfzehn Kilogramm frisches Schweinefleisch und fragten natürlich nicht, woher er es hatte. Mutter weckte das meiste davon ein. Bis zum Jahresende hatten wir drei genügend Fleisch, sodass ein eigentlicher Hunger gar nicht erst aufkam und sich das Tauschgeschäft für unsere kriegsbedingt entstandene Kleinfamilie als wahre Glücksquelle entpuppte. Dennoch habe ich mich dafür geschämt, dass die Mutter mit einem Angehörigen der Besatzungsmacht im offenen Wagen durch unser schönes Dorf Rodisfort fuhr, während sie sich nachts – zusammen mit anderen Frauen – im Akazienhain des Stengelbergs vor den gleichen, meist angetrunkenen Besatzern versteckte, um einer drohenden Vergewaltigung zu entgehen.

Ich konnte es damals einfach nicht fassen, dass fremde Mächte den Krieg gewonnen hatten, obwohl unsere Soldaten so tapfer gewesen waren und in meinen Kindesaugen die Wehrmacht die besten Waffen der Welt besessen hatte. Dass wir ein Jahr später über den Krieg hinaus auch unsere schöne Heimat verlieren würden, konnten wir zu dieser Zeit noch nicht ahnen. Und von den Potsdamer Beschlüssen erfuhren wir so gut wie nichts, da wir unsere Radios abgeben mussten.

Die meisten Tschechen waren sicher damals nicht daran interessiert, dass wir Sudetendeutschen von der Art und Weise unserer geplanten Vertreibung erfahren, die als „humane“ und nicht als „wilde“ Vertreibung erfolgen sollte –, eine Vertreibung, die durch nichts zu begründen ist, nachdem unsere Landsleute mehr als siebenhundert Jahre in Böhmen und Mähren in friedlicher Eintracht mit den Tschechen gelebt und durch fleißige Arbeit den Reichtum des Landes gemehrt hatten.

Unsere „Aussiedlung“

Im August oder September 1945 hatten sudetendeutsche Antifaschisten bei den tschechischen Behörden und dem aus Roßbach im Sudetenland stammenden und aus dem Exil in der Sowjetunion zurückgekehrten Freund meines Vaters Rudolf Dölling (* 1902, † 1975) erwirkt, dass sudetendeutsche Kommunisten keine weiße Armbinde mehr zu tragen brauchten, bessere Lebensmittelkarten (sogenannte Tschechkarten) erhielten und auch ihre Kinder in eine tschechische Schule schicken durften. Gleiche Bedingungen erreichten auch die Sozialdemokraten.

Statt der Armbinde trug ich jetzt am linken Revers meiner Jacke ein rotes Nummernschild mit einer vierstelligen Zahl in Weiß. In Ermangelung tschechischer Sprachkenntnisse hatten wir jedoch zu den neuen Machthabern keinerlei Kontakt. Aus dem ehemaligen „Protektorat Böhmen und Mähren“, wie die restliche Tschechei nach dem 15.3.1939 offiziell geheißen hatte, waren gleich nach Kriegsende zwei nach dort geflüchtete Geschwister meines Vaters mit ihren Angehörigen nach Rodisfort zurückgekehrt, darunter mein Onkel Wenzel Schneider, der früher einmal Ortsvorsteher in Rodisfort gewesen war, und Tante Milly, die vor dem Krieg den Onkel Franz Lebr, einen tschechischen Gerichts- oder Justizangestellten aus Karlsbad, geheiratet hatte. 1938 hatten ihn die Nationalsozialisten einige Monate in Zwickau inhaftiert, ohne dass ich bis heute die wahren Gründe kenne. Da wir jetzt im gleichen Haus wohnten, hatten wir nach dem Krieg sicher einen gewissen Schutz vor etwaigen tschechischen Zugriffen. Sie kümmerten sich in aufopferungsvoller Weise um meine hochbetagten Großeltern und konnten immerhin verhindern, dass sie im hohen Alter unsere schöne Heimat noch verlassen mussten und aus Rodisfort vertrieben wurden.

Mutter fand Arbeit in der ehemaligen Zwirnfabrik Willy Melzer in Wickwitz, die jetzt dem tschechischen Staat gehörte. Da wir unser Fahrrad gleich nach Kriegsende abgeben mussten, legte sie täglich den weiten Weg zu Fuß zurück. Das von ihr verdiente Geld reichte zum Lebensunterhalt gerade aus, sodass wir eine eigentliche Not in dieser Zeit nicht erlebten.

Ich besuchte die sechste Klasse der tschechischen Schule, die nur einen einzigen Lehrer, Pan Koloros, hatte, der sich als ein wahrhaft guter Mensch erwies und redlich bemühte, uns wenigen deutschen Schülern die tschechische Sprache beizubringen, ohne dass er auch nur ein einziges deutsches Wort mit uns sprach oder sprechen durfte. Die Vermittlung der uns völlig fremden Sprache war ihm relativ gut gelungen. Er lehrte uns mindestens zwei Dutzend melodisch schön klingende tschechische Volkslieder, von denen ich einige noch heute in der Originalsprache beherrsche, ohne sie allerdings zu verstehen. Im Sommer 1946 beherrschten wir den Stoff der sechsten Klasse. Ein Zeugnis erhielten wir jedoch nicht. Zu den tschechischen Mitschülern, die in immer größerer Zahl in die ehemalige Rodisforter Dorfschule aufgenommen wurden, hatten wir hingegen keinerlei persönlichen Kontakt.

Irgendwann – vermutlich im Sommer 1945 – musste die gesamte gehfähige deutsche Bevölkerung in Karlsbad eine Ausstellung besuchen, in der uns anhand schrecklicher Bilder aus den Konzentrationslagern die Gräuel der Nationalsozialisten demonstriert wurden. Wer nicht in diese Ausstellung ging, sollte künftig keine Lebensmittelkarten erhalten. Da wir den Weg zu Fuß bewältigen mussten, denn Deutsche durften zu dieser Zeit einen Bus nicht benutzen, erschienen mir der Hin- und Rückweg von ca. 24 Kilometern über Haid und Dallwitz ziemlich lang.

Im September 1946 erfolgte unsere Aussiedlung, wobei wir als Antifaschisten sogar unsere Möbel mitnehmen durften und zu unserer großen Überraschung den künftigen Wohnsitz zwischen der amerikanischen und sowjetischen Besatzungszone selbst wählen konnten. Da der Vater ein überzeugter Kommunist war, bevorzugten wir selbstverständlich die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands, was aber zur langfristigen Trennung von unseren in Bayern lebenden Verwandten führte und aus heutiger Sicht sicher eine falsche Entscheidung gewesen war, denn die meisten Verwandten haben wir nie mehr gesehen. So landeten wir nach einem sechswöchigen Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in der Nähe des Ludwigsluster Bahnhofs schließlich in Dömitz an der Elbe, einer bis auf die beiden Elbbrücken unzerstörten Mecklenburger Kleinstadt. Trotz der den Mecklenburgern allgemein sicher zu Unrecht zugesprochenen Sturheit wurden wir freundlich und ohne Vorurteile aufgenommen und schlugen als Kinder schnell Wurzeln.

In der Festung Dömitz wurde uns in dem Haus, in dem 107 Jahre zuvor der berühmte niederdeutsche Dichter Fritz Reuter (*1810, † 1874) wegen angeblicher Majestätsbeleidigung zunächst zum Tode verurteilt worden war und nach Begnadigung mehrere Jahre Festungshaft verbüßte, ein Zimmer von circa zwölf Quadratmetern mit Ofen zugewiesen, das für die Mutter und uns zwei Kinder mit unseren damals geringen Bedürfnissen zunächst ausreichte. Der größte Teil der Festungsbewohner, darunter drei mit uns eingezogene Familien Eisenkolb, Grund und Kraus/Donner aus Rodisfort, stammte ebenfalls aus dem Sudetenland, und wir fühlten uns in der neuen Umgebung bald wie zu Hause. Ganz allmählich lernten wir Kinder auch etwas Plattdeutsch, denn es gab auch einige echte betagte Mecklenburger, die Hochdeutsch nur unvollkommen verstanden. Und unseren schönen egerländischen Dialekt haben wir Kinder ganz allmählich vergessen, obwohl die Eltern mit uns nicht „nach der Schrift“ sprachen. Schade!

Und dann geschah ein wahres Wunder: Der Erste, der am nächsten Morgen an unsere Wohnungstür klopfte, war unser Rudi. Er war inzwischen ca. fünf Zentimeter größer geworden und als ein stattlicher Mann von 18 Jahren aus einer englischen Dienstgruppeneinheit in Pinneberg in britischer Uniform zu unseren nach Oberbayern ausgesiedelten Verwandten geflohen. Dort hatte er bei einem Großbauern gearbeitet, unsere neue Adresse erfahren und war dann über die grüne Grenze nach Dömitz gelangt, wo er von einigen Russen sogar in militärischer Weise begrüßt worden war. Sie hatten ihn in seiner Uniform für einen Verbündeten gehalten. Wir waren überglücklich.

Leider fehlte noch unser Vater. Über den Suchdienst des Roten Kreuzes hatten wir jedoch erfahren, dass er lebte und sich in französischer Kriegsgefangenschaft im Südwesten Frankreichs in Lot-et-Garonne befand. Die Franzosen und die Briten behandelten ihre deutschen Kriegsgefangenen offenbar im Allgemeinen besser als die anderen Alliierten, so war zu hören. Somit hofften wir, dass wir bald wieder alle vereint sein würden. Doch bis dahin vergingen besonders für meine Mutter noch sehr lange achtzehn Monate, während meine Schwester Gerti (sieben Jahre) ihren Vater nicht mehr kannte und ihn daher auch nicht vermisste. Mir fehlte er schon, denn ich hatte ihn und seine interessanten Geschichten, wie den „Schinderhannes“, in allerbester Erinnerung. Als ein echtes Rodisforter Urgestein konnte er sehr gut mit jungen Menschen umgehen und war auch in seinem späteren Leben stets von Kindern umgeben. Einige meiner späteren Mitschüler mochten ihn sehr, schätzten seine Gegenwart und seine unterhaltsamen Gespräche.

Rudi fand eine Arbeit als Zivilangestellter bei den sowjetischen Truppen in Dömitz und sorgte mit seinen neuen Mecklenburger Freunden dafür, dass wir genügend zu essen hatten. Zeitweise schmuggelte er Alkolat, ein stark alkoholhaltiges Getränk, auf den Schwarzmarkt nach Hamburg und brachte uns von dort gelbes Maisbrot mit, welches krümelig war und leicht zerfiel, aber sehr gut schmeckte. 1947 oder 1948 wurde in Dömitz jedoch der Torwart Klatt als erster illegaler Grenzgänger von den Russen auf der Elbe erschossen, sodass der Schmuggel am Grenzfluss zur englischen Zone sehr gefährlich wurde und allmählich unterblieb.

Die Familie 1945-1949

Im April 1945 kam Vater nach einem erneuten Genesungsurlaub nach abgeklungener Furunkulose am Rücken an die Westfront und wurde in Weiden von den Amerikanern gefangen genommen. In der Nähe von Bad Kreuznach wurde er auf den Rheinwiesen interniert, einem damals berüchtigten Kriegsgefangenenlager, erhielt von den US-Truppen fast nichts zu essen und wog schließlich nur noch 42 kg. Sein übliches Gewicht hatte 75 kg betragen. Viele seiner Kameraden waren an Typhus, Ruhr und extremer Unterernährung erkrankt und starben. Zum Glück wurde er bald von den Franzosen übernommen, kam zu einem südfranzösischen Weinbauern und erholte sich prächtig. Offenbar war er dort sehr beliebt, denn im Jahre 1948, kurz nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft, bekamen wir Formulare für eine Einreise und Umsiedlung nach Frankreich übersandt. Sein Patron schätzte ihn sehr und wollte unsere ganze Familie nach Frankreich holen, sodass wir dem Hunger in der Sowjetischen Besatzungszone hätten entkommen können. Wir wollten aber nicht in ein fremdes Land, denn die erst kurz zurückliegende Fremdherrschaft in der Nachkriegs-Tschechoslowakei hatten wir nicht in allerbester Erinnerung behalten und uns in Dömitz schon ganz gut eingelebt.

Mutter war im Krieg fast regelmäßig in die Rodisforter Kirche gegangen und hatte ihren auch in Dömitz fortgesetzten Kirchgang erst beendet, als Vater im April 1948 aus Frankreich nach Dömitz entlassen worden war. Dort trat er sofort der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) bei, der die Mutter bereits seit Ende 1946 angehört hatte, und glaubte an eine sehr gute Zukunft aller arbeitenden Menschen in der Sowjetischen Besatzungszone, aus der am 7. Oktober 1949 nach vorheriger Gründung der Bundesrepublik der zweite deutsche Nachkriegsstaat, die DDR, entstand, in der es künftig keinerlei Ausbeutung durch Kapitalisten und Großgrundbesitzer mehr geben sollte. Er hoffte, dass dieser neue Staat als sinnvolle deutsche Nachkriegsalternative eine positive Ausstrahlung auch auf die Werktätigen in der Bundesrepublik haben würde und sich die dortigen Arbeiter aufgrund der Vorbildwirkung der neuen Republik eines Tages ebenfalls für einen ähnlichen Weg frei entscheiden würden, sodass in Zukunft ein neues, blühendes und besseres Gesamtdeutschland entstehen könnte.

Es herrschte nach dem verlorenen Krieg auch im Osten eine allgemeine Aufbruchstimmung. Schließlich glaubten wir wie viele andere auch an eine, wenn auch zunächst imaginäre, bessere Zukunft, für die es sich zu lernen und arbeiten lohnte. Vater vermutete, dass er viele seiner Ideale in dem neuen Staat verwirklichen könnte. Er freute sich darüber, dass mein Bruder Rudi an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät Rostock, die damals noch „Vorstudienanstalt“ hieß, das Abitur erwarb und sich auf ein Studium an einer Hochschule oder Universität vorbereiten konnte, ein unentgeltliches, nicht rückzahlungspflichtiges monatliches Stipendium erhielt und gute Leistungen erzielte. Auch ich konnte in Dömitz ab 1949 die örtliche Oberschule besuchen und bekam als Arbeiterkind sogar eine finanzielle monatliche Beihilfe in Höhe von 35 bis 45 Mark, die ich durch Einnahmen beim wöchentlich zweimaligen Aufstellen von Kegeln der Kegelbahn des Köhn´schen Gesellschaftshauses regelmäßig aufstockte und selbstverständlich in voller Höhe zu Hause abgab. Meine Schwester Gerti musste sich an Vater, an den sie sich überhaupt nicht erinnern konnte, erst wieder gewöhnen. Auch sie wies in der Grundschule gute Leistungen auf, durfte aber nach Vaters Rückkehr am katholischen Religionsunterricht nicht mehr teilnehmen. Religion war für ihn, wie es vermutlich Karl Marx einst formuliert hatte, nichts anderes als „Opium für das Volk“. An ein Weiterleben nach dem Tode glaubte er nicht. Wenn es einen echten, guten Gott gäbe, wie hätte er dann die Schrecken und unsagbaren Verbrechen des letzten Krieges zulassen können?

Ich las in der Oberschule ein Buch des sowjetischen Wissenschaftlers A. I. Oparin über „Die Entstehung des Lebens auf der Erde“ und hatte zu dieser Zeit ernsthafte Zweifel an der Schöpfungsgeschichte des Menschen aus dem 1. Buch Mose des Alten Testaments. Dennoch konnte ich mich trotz einiger Bedenken niemals entschließen, aus der katholischen Kirche auszutreten. Vater war mir gegenüber tolerant und verlangte auch niemals einen entsprechenden Schritt.

Bald erkannte er, dass es auch in dem neuen Staat Ungerechtigkeiten gab und sich nicht alles so entwickelte, wie er es ursprünglich gerne gewollt hatte. Doch im Vergleich mit der BRD schnitt die DDR nach seiner Ansicht deutlich besser ab, wenn wir auch im Osten durch hohe Reparationsleistungen an die Sowjetunion gegenüber dem Westen Deutschlands ökonomisch arg benachteiligt waren, sodass viele Menschen den neuen Staat bald in Richtung Westen verließen. Er sah ein, dass wir als ein deutscher Teilstaat zu einer Wiedergutmachung besonders gegen Polen und die Sowjetunion verpflichtet waren, hatte er doch die schweren Schäden, welche die Wehrmacht besonders der polnischen und russischen Bevölkerung zugefügt hatte, im Krieg selbst erlebt.

Mir missfiel sehr, dass aus Dömitz und Umgebung zahlreiche völlig unbescholtene Familien im Rahmen der Aktion „Ungeziefer“1 aus dem Sperrgebiet der Zonengrenze nach Zentralmecklenburg ausgewiesen wurden, wie die Familie meines Freundes Peter Nimptsch. Ich meinte, dass man so nicht mit der eigenen Bevölkerung umspringen kann, und entwickelte meine ersten Bedenken, die sich später bis zu einem ausgeprägten Misstrauen gegenüber den neuen SED-Machthabern steigerten, die jegliche Kritik brutal unterdrückten und stets nach dem Prinzip handelten: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Damit waren auch für mich bestimmte Schwierigkeiten in meinem künftigen Leben vorauszusehen.

1 Die Aktion „Ungeziefer“ war die erste Zwangsaussiedlung von Personen, die im fünf Kilometer breiten Sperrgebiet an der Westgrenze der DDR lebten. Aus Dömitz wurden Anfang Juni 1952 offenbar 37 „unsichere Elemente“ in den Kreis Güstrow deportiert. In der gesamten DDR wurden lt. Bennewitz und Potratz (Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze) 8.369 Personen gegen ihren Willen in das Innere der Republik umgesiedelt.

Schulzeit in Dömitz

1946 wurde ich in die Dömitzer Einheitsschule aufgenommen. Meine Mutter konnte nicht erreichen, dass ich in die siebente Klasse kam, denn die tschechische Schule in Radošov, wie Rodisfort nach dem Kriegsende hieß, hatte den wenigen deutschen Schülern mit antifaschistischer Herkunft keine Zeugnisse ausgestellt. Somit konnte ich keinen gültigen Beleg für den Besuch der sechsten Klasse vorweisen.

Vom Inhalt her war der Unterricht in der Nachkriegstschechei keinesfalls schlechter als in Dömitz. Da die Dömitzer Lehrer den Unterricht in einer fremden Sprache dem Deutschen als nicht gleichwertig erachteten, musste ich die sechste Klasse – jetzt in der Roggenfelder Straße – ein zweites Mal besuchen, nun in meiner Muttersprache, ohne dass ich zuvor sitzengeblieben war.

Die Mitschüler und die Klassenlehrerin, Frau Griem, nahmen mich freundlich auf, ich fühlte mich sofort wie zu Hause. Der überwiegende Teil der Schüler war ebenfalls aus der Heimat vertrieben worden und stammte entweder aus Pommern, Ost- oder Westpreußen oder auch aus dem Wartheland. Aus dem Sudetenland war ich zunächst allein. Wir hatten jetzt neben Englisch auch Russisch, ein Fach, das damals unter den meisten Schülern nicht sonderlich beliebt war. Arbeiterkinder wurden gegenüber Kindern mit bürgerlicher Herkunft weder bevorzugt noch benachteiligt.

Das Schulklima kann als durchaus harmonisch bezeichnet werden. Meine neuen Freunde wurden neben dem Schlesier Peter Nimptsch die Mecklenburger Orchi Schulz, ein Kaufmannssohn, und Fritz Henning, der ebenfalls eine kleinbürgerliche Herkunft aufwies und sehr belesen war. Mit ihnen hatten wir 1947 eines Nachts mit Ölfarbe das Wort „Hunger“ an die Mauer rechts neben einem Milchgeschäft in der Nähe der Apotheke geschrieben, welches nicht übertüncht wurde und noch lange erkennbar war. Beide Freunde waren fast täglich in meinem Elternhaus zu Gast, in dem allerdings oft die tägliche Diskussion von meinem Vater auf die aktuelle Tagespolitik gelenkt wurde. Auch mit den Mitschülerinnen Miken Stolle, Dödi Götting und Lotti Saß verstand ich mich gut. Wir wirkten nach Unterrichtsschluss in einer vom Dömitzer Werner Timm gegründeten Laienspielgruppe mit und wurden mit dem zeitkritischen Stück „Die Dachluke“ sogar als Kreis- und Landesmeister und schließlich 1949 als Ostzonenmeister anlässlich des III. Parlaments der FDJ in Leipzig ausgezeichnet. Werner Timm setzte es durch, dass wir einmal in Zinnowitz an der Ostsee einen kostenlosen prächtigen Ferienaufenthalt verbringen konnten, wodurch unser Zusammengehörigkeitsgefühl erheblich gestärkt wurde. So war die Grundschule in einer von Enthusiasmus und Harmonie geprägten Zeit 1949 für mich in Dömitz zu Ende gegangen. Im Februar 1949 war ich freiwillig der FDJ beigetreten, die damals noch eine überparteiliche Organisation zu sein schien und Ähnlichkeiten mit dem sowjetischen Komsomol nicht erkennen ließ.

Verlobungsanzug zur Jugendweihe

Die Motive meiner Teilnahme an der Jugendweihe waren weder edel noch hehr – Grund war der Wunsch nach einem Anzug für meinen Bruder, der sich verloben wollte. Außer zwei englischen Uniformen aus der Zeit seiner Kriegsgefangenschaft besaß er keinerlei dafür brauchbare Oberbekleidung.

Zur Konfirmation erhielt damals jeder Teilnehmer in Dömitz einen Bezugsschein für einen Anzug. Für mich als katholisches Flüchtlingskind kam so eine Unterstützung nicht infrage, da für das gleiche Alter eine analoge katholische Feier nicht anstand und meine Mutter trotz intensiver Bemühungen keinen entsprechenden Bezugsschein für mich erhalten konnte.

Folglich beschloss der Familienrat, dass ich mich an der im März stattfindenden Jugendweihe mit kurzer Hose zu beteiligen hätte, damit die Stadtoberen an meiner frostigen Reaktion erkennen sollten, dass ich ebenfalls dringend einen Anzug benötigte. Die Rechnung ging auf, denn meine Mutter erhielt nach meiner Teilnahme prompt die Berechtigung für den Bezug eines Anzuges. Mein Bruder konnte sich einen neuen Zellwollanzug kaufen und ich hatte meine Schuldigkeit getan. Als Gegenleistung erhielt ich seine beiden warmen britischen Militäruniformen aus reiner englischer Wolle, die mir bis in die neunte Klasse wertvolle Dienste leisteten. Damit hatte sich die Jugendweihe für unsere Familie als wertvolle Bereicherung erwiesen.

Wie verlief die Jugendweihe 1948? Wir waren fünf männliche Teilnehmer unter vermutlich 130 Gleichaltrigen aus Dömitz und der näheren Umgebung. Eine Vorbereitung auf diese Feierstunde gab es nicht. Die anderen Beteiligten aus den nahe gelegenen Dörfern waren mir unbekannt. In der Schule wurde über das Ereignis nicht gesprochen. Es gab einen kleinen Dömitzer Chor und einen Festredner, der eine gute und völlig unpolitische atheistische Rede hielt, in der die künftige und offenbar bald erwartete Einheit Deutschlands viel Raum erhielt, das Wort „Sozialismus“ aber nicht vorkam. Die Organisation lag in den Händen der Ortsgruppe der Dömitzer SED, die vom Genossen Konrad Meier geleitet wurde. Jeder Teilnehmer erhielt ein Buch und einen Spruch, der für das künftige Leben von Bedeutung sein sollte. Mein Buchtitel lautete: „1933-1945. Wie konnte es geschehen?“ Auf dem Titelbild befand sich eine mitteleuropäische Landkarte mit Deutschland im Zentrum. Markierungen zeigten es in den Grenzen von 1937.

Der Autor war Max Fechner (1897-1973), ein bekannter sozialdemokratischer Politiker, der als späterer SED-Funktionär von Oktober 1949 bis Juli 1953 der erste Justizminister der DDR war. Er verteidigte nach dem 17. Juni 1953 im „Neuen Deutschland“ das Streikrecht der Arbeiter und wurde als „Feind des Staates und der Partei“ verhaftet und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Drei Jahre später wurde er rehabilitiert, bekam aber keine vergleichbare Funktion mehr.

Mein Spruch lautete: „Die Zeit braucht Deine Hände, halte Dich nicht fern.“ Dabei handelte es sich um ein Zitat des Berliner Arbeiterdichters Walter Dehmel (1903-1960). Nach der Feier, die ca. 90 Minuten dauerte, war die Festlichkeit zu Ende.

Wahl zum FDJ-Sekretär

Es war vermutlich im Sommer 1950, als ich von den Mitgliedern der FDJ nach der Funktionsaufgabe meiner Vorgängerin Ellen Schwenke mit vielen Gegenstimmen, aber der Stimmenmehrheit der Anwesenden in freier Wahl zum FDJ-Sekretär der Zentralen Oberschulgruppe gewählt wurde. Ich wurde erst auf der Versammlung – zu meiner eigenen großen Überraschung – als Kandidat nominiert und war mit Sicherheit nicht der Wunschkandidat der SED. Die anderen Kandidaten hatten noch mehr Gegenstimmen als ich, sodass ich – quasi in Form einer Kampfabstimmung – völlig demokratisch in die Funktion des FDJ-Sekretärs gelangt war.

Als solcher gehörte es zu meinen Pflichten, auch am Abitur des Jahrgangs 1951, der nur elf Schüler umfasste, teilzunehmen und eine gesellschaftspolitische Beurteilung für jeden Abiturienten zu erstellen. Mein Deutsch- und Lateinlehrer, Hermann Harras, bot sich an, diese für mich, der die Schüler der zwölften Klasse kaum kannte, zu verfassen. Als damaliger Klassenlehrer des Abiturientenjahrgangs fertigte er die gesamten Einschätzungen persönlich an, ich brauchte sie nur noch zu unterschreiben. So konnte er gewährleisten, dass jeder Abgänger seiner Klasse eine gute gesellschaftspolitische Beurteilung erhielt und aus dieser Sicht keine Schwierigkeiten bei der Aufnahme des Studiums bekommen würde. Gerne war ich auf sein Angebot eingegangen, von dem niemand etwas erfahren durfte und erfuhr.

Von den Mitgliedern der FDJ-Kreisleitung in Ludwigslust wurde ich permanent bedrängt, Oberschüler für den Dienst in der bewaffneten Streitmacht der DDR zu gewinnen, die sich damals noch „Deutsche Volkspolizei“ nannte. Es gelang mir jedoch nicht, auch nur einen einzigen Schulkollegen für den Dienst in der „Volkspolizei“ zu werben. Um selbst aber in den Augen der Schulkameraden nicht unglaubhaft dazustehen, blieb mir der eigene Eintritt in die bewaffneten Kräfte der DDR nicht erspart. Ähnlich erging es damals auch anderen FDJ-Sekretären.

Mitglieder der SED gab es in der Dömitzer Oberschule damals nicht. Rudi Koszorek, der in der SED-Kreisleitung Ludwigslust tätig war, hatte mich mit Fritz Henning zum Anhören einer stundenlangen Radiosendung – der Debatte des Deutschen Bundestages – in seine Wohnung in die Dömitzer Walther-Rathenau-Straße eingeladen. Dr. Konrad Adenauer hielt eine lange eindrucksvolle Rede. Offenbar wollte Rudi Koszorek als „Weichensteller“ meine politischen Ansichten und den Grad meines „Klassenbewusstseins“ erkunden. Ich hörte mir die Sendung an und sagte – nichts.

Sicher war ich für die Genossen der SED eher eine arge Enttäuschung. Das geht auch daraus hervor, dass ich – obwohl frei gewählt – auf Drängen höherer Stellen möglicherweise sogar abgesetzt werden sollte, was mir erst jetzt aus einer Broschüre von Dr. Karl-Heinz Ebel (Schwerin) über die Nachkriegszeit in Dömitz bekannt wurde. Denn er als ein früherer, zu Unrecht abgelöster Vorgänger in meiner Funktion wurde von einem mir nicht bekannten Vertreter des damaligen Landesvorstands in der Zeit meiner Wahlperiode gebeten, die Geschäfte der FDJ-Oberschulgruppe doch wieder zu übernehmen, um deren Moral zu stärken und „die Karre aus dem Dreck zu ziehen“. Mir selbst sind damals allerdings keine Anzeichen irgendwelcher Unzufriedenheit des Kreis- oder Landesvorstands an meiner Leitung aufgefallen oder mitgeteilt worden. Im Gegenteil: Ich erhielt sogar die „Friedensmedaille der FDJ“, eine relativ hohe Auszeichnung, und eine Buchprämie vom Ludwigsluster Kreisvorsitzenden der FDJ. Die Kampagne gegen die „Junge Gemeinde“, deren Mitglieder als „Kugelkreuzler“ bezeichnet wurden, begann erst nach meinem Ausscheiden aus der Funktion des FDJ-Vorsitzenden der Zentralen Oberschulgruppe. Mit ihr hatte ich nichts zu tun.

Nach meinem achtzehnten Geburtstag befand ich mich in der elften Klasse und nur noch ein halbes Jahr in der Dömitzer Oberschule. Man hat mich damals wohl bedrängt, zur „Polizei“ zu gehen. Ich kann mich aber beim besten Willen nicht daran erinnern, dass irgendjemand versuchte, mich für die SED zu werben. Nachdem Vater ebenfalls der Ansicht war, dass es gut wäre, wenn ich als Sohn eines Arbeiters zur „Volkspolizei“ ginge, habe ich mich schließlich dazu – ohne jede Begeisterung – entschlossen. Am Sonnabend, dem 5. Juli 1952, war mein letzter Schultag in der elften Klasse. Ich wurde in die zwölfte Klasse versetzt und ergriff laut Abschlusszeugnis den „Beruf eines Volkspolizisten“.

Die ersten Wochen bei der Volkspolizei

Zwei Tage später trug ich die damals noch dunkelblaue Uniform der Volkspolizei, kam nach Schwerin in die Dienststelle Stern-Buchholz. Schon nach wenigen Tagen sah ich innerhalb dieser Einheit einige DDR-Panzer vom Typ T-34 und schnell wurde mir klar, dass es sich gar nicht um eine Polizeiformation, sondern um eine neue, im Aufbau befindliche Armee handelte, die zudem offensichtlich schon seit einigen Jahren als „Hauptverwaltung für Ausbildung“ bestanden hatte.

Ich verpflichtete mich zunächst für drei Jahre, mein erster Dienstgrad war „VP-Anwärter“. Ich lernte zu schießen, zu marschieren, den Schrank in Ordnung zu halten, und erfüllte auch die sonstigen militärischen Übungen zur vollen Zufriedenheit meiner Vorgesetzten. Im Politunterricht erfuhren wir viel vom „Klassenfeind“, der jenseits der Demarkationslinie die Deutsche Demokratische Republik ständig bedroht. Diese Propaganda wiederholte sich in stets monotoner Weise, war allen hinreichend seit Jahren bekannt und wirkte bald ausgesprochen langweilig. Manche Kameraden schliefen beim Politunterricht regelmäßig ein. Zudem war der Intelligenzgrad mancher Politoffiziere damals erstaunlich niedrig, sodass man es als ehemaliger Oberschüler schwer hatte, diese stundenlange „Belehrung“ im Sinne einer typischen Schwarz-Weiß-Malerei bei voller Konzentration über sich ergehen zu lassen.

Als Verbündete der ruhmreichen Sowjetunion galten auch wir stets als die Sieger der Geschichte, während aus der Sicht der DDR der Westen in Form der Bundesrepublik nur die Politik der verbrecherischen Nazis fortführte und alle positiven Veränderungen im Osten Deutschlands, wie die Bodenreform, die demokratische Schulreform, die Enteignung der Kapitalisten usw., rückgängig machen wollte. Aber wir als die legitimen Vertreter der deutschen Arbeiterklasse würden dem Machtstreben unserer Klassenfeinde schon einen Riegel vorschieben und unsere Republik wirkungsvoll – gemeinsam mit der Sowjetunion – schützen und im Bedarfsfall mit der Waffe in der Hand verteidigen. Denn niemandem sollte es erlaubt werden, das Rad der Geschichte jemals zurückzudrehen. Dafür würden wir schon sorgen.

Ich war damals der Meinung, dass wir in der DDR eine Armee brauchten, und betrachtete die Republik als die einzige nur denkbare positive Nachkriegsalternative für unser geschundenes Land. Natürlich bemühte ich mich um gute militärische Leistungen. In meinem Inneren aber war ich, von unseren verantwortungsvollen, hochintelligenten Dömitzer Lehrern, wie Dr. Schimke und Hermann Harras, dazu erzogen, eher ein Pazifist. Das aber behielt ich geflissentlich für mich. Es war auch sicher besser so.

In Korea tobte ein schrecklicher Krieg und die dortige Volksarmee befand sich auf dem Rückzug, nachdem die USA in dieses Gemetzel eingegriffen und die Nordkoreaner aus dem fast vollständig eroberten Süden der Halbinsel wieder zurückgedrängt hatte. Auch die sogenannten chinesischen „Volksfreiwilligen“ konnten einen Sieg der bereits geschwächten Nordkoreaner nicht herbeiführen, sodass der Krieg am 27.7.1953 mit einem Waffenstillstand am 38. Breitengrad ungefähr dort endete, wo er begonnen hatte. Die Kommunisten hatten eine schwere Niederlage erlitten. Gott sei Dank blieb dem geteilten Nachkriegsdeutschland, vermutlich aufgrund der Erfahrungen aus Korea, ein ähnlich hartes Schicksal erspart.

Des Öfteren dachte ich an meine Mitschüler, die sich sicher mit gemischten Gefühlen nach ihren letzen Sommerferien jetzt auf ihr Abitur und ein Studium vorbereiteten. Gerne wäre ich dabei gewesen. Dass ich auch im Rahmen der Armee meinen einstigen Traumberuf, Arzt, ergreifen könnte, stand damals noch absolut in den Sternen. Allerdings wurde ich später kein Truppenarzt, da mich die NVA noch vor Beginn des Staatsexamens wegen eines „nicht klassenmäßigen Verhaltens“ am 7.3.1958 zwangsexmatrikulierte und aus ihren Reihen ausschloss. So konnte ich mein Studium als Zivilstudent erst nach einjähriger „Bewährung in der Produktion“ fortsetzen und 1959 in Greifswald beenden.

Immerhin wurde ich nach der Rückkehr aus Priemerwald (s. u.) innerhalb der Kasernierten Volkspolizei in Stern-Buchholz zum Sanitäter ausgebildet, worüber ich sehr froh war. Mein Lehrer und Ausbilder war damals der Internist Hauptmann Dr. H.-U. Krüger, den ich fünfzehn Jahre später als Bezirksdiabetologe von Schwerin wieder traf, während ich als Chefarzt einer Diabetesabteilung im Kreiskrankenhaus Prenzlau inzwischen die gleiche Funktion im Bezirk Neubrandenburg ausübte.

Priemerwald

Von der Dienststelle der Kasernierten Volkspolizei in Schwerin Stern-Buchholz wurden wir als VP-Anwärter nach Abschluss unserer militärischen Grundausbildung im Rahmen einer Nacht- und Nebelaktion in getarnten Lkw in die „Taiga“ (gängiger Armeeausdruck für ein dünn besiedeltes Waldgebiet im Norden der DDR) verlegt. Nach der Fahrt von einigen Stunden landeten wir irgendwo – ein Zielort war uns nicht mitgeteilt worden – in einem Kiefernwald, bauten unsere Zelte auf, in denen wir auf Stroh schliefen.

Nach einem schönen Ruhetag im Wald wurden wir in der nächsten Nacht barsch von einem Unteroffizier geweckt, brauchten nur einige hundert Meter zu marschieren und landeten an einer inoffiziellen Bahnstation namens „Priemerwald“. Dort erwartete uns schon ein langer Güterzug mit der Aufschrift an einem Waggon: „Eier für unsere deutschen Freunde.“ Offenbar kam er direkt aus der Sowjetunion. Wir entluden Waggons voller Munition, darunter zahlreiche mit kyrillischer Schrift versehene, 84 kg schwere Holzkisten mit je einer Artilleriegranate. Wir schleppten sie ca. 80 m weit in besenreine unterirdische Bunker, die scheinbar die Nazizeit unbeschädigt überstanden hatten.

Nach einigen Wochen avancierte ich zum Schreiber der Kompanie, erhielt ein Extra-Einzelzelt und sogar als einziger aller Kameraden ein Feldbett, unter dem ich die begehrten Ausgangskarten und weitere wichtige Papiere verstaute. Während alle anderen Kameraden jede Nacht heraus mussten, um neue, gerade eingetroffene Munition einzubunkern, hatte ich nach wenigen Wochen gleichartiger Tätigkeit ein sehr schönes Leben und konnte jede Nacht in Ruhe schlafen. Ich musste allerdings ein Lagerfeuer vor meinem Zelt hüten und begrüßte – sicher von vielen ob meines bequemen Jobs beneidet – an jedem Morgen gegen 4.30 Uhr die heimkehrende, singende Truppe, die einen körperlich extrem schweren Nachteinsatz hinter sich hatte und nach einem provisorischen Frühstück bis zum frühen Nachmittag in ihren Zelten schlafen konnte.

Eines Morgens im August 1952 gab es ein besonderes Vorkommnis. Ein lauter Doppelknall erschütterte das gesamte Zeltlager, gefolgt von einem sehr lauten, herzzerreißenden Schmerzensschrei eines jungen Kameraden von ca. 20 Jahren, wie ich vorher noch nie einen gehört hatte. Was war geschehen? Der Soldat hatte einen Schabernack geplant und mich erschrecken wollen, indem er zwei Zwei-Zentimeter-Granaten – vermutlich Fundmunition aus dem Zweiten Weltkrieg – in das leicht glimmende Lagerfeuer warf. Sie krepierten sofort, kurz hintereinander und –eine zerfetzte mein Zelt, ohne mich zu beschädigen. Die zweite durchschlug unmittelbar danach die Bauchwand des Werfers, der sich sehr schwer verletzte, aber anfangs noch ansprechbar war. Er wurde sofort in eine chirurgische Klinik – vermutlich nach Güstrow – verlegt und starb dort zu unserem großen Bedauern einen Tag später. Ich war schwer schockiert, so etwas Schreckliches hatte ich noch nicht erlebt. Drei Tage später wurde der Soldat unter dem Lied „Ich hatt’ einen Kameraden“ auf dem Hagenower Friedhof beerdigt. Ich selbst trug ihn im Beisein seiner nächsten Angehörigen mit fünf weiteren Kameraden zu Grabe. Ein Offizier hielt eine kurze Trauerrede und betonte, dass der junge Kamerad an den Folgen explodierter Fundmunition verstorben sei, die anglo-amerikanische Tiefflieger, als Terrorflugzeuge bezeichnet, während des Zweiten Weltkrieges über dem Gebiet der jetzigen KVP-Dienststelle abgeworfen hätten.

Stern-Buchholz im Herbst 1952

Im September, nach sechs bis acht Wochen, kehrte unsere Truppe in die Stammdienststelle nach Stern-Buchholz zurück. Für meine angeblich guten Leistungen erhielt ich als Prämie das Buch eines italienischen Kommunisten mit einer Widmung meines Vorgesetzten, in der ich für meinen Einsatz gelobt wurde. Ich war froh, dass wir wieder einem geregelten Dienst nachgehen konnten, der derartige Gefahrensituationen nicht befürchten ließ.

Nichts Schlimmes ahnend, wurde ich am 7. Oktober 1952, dem dritten „Tag der Republik“, zu einem Hauptmann in ein Dienstgebäude gerufen, der mir im Beisein mehrerer mir nicht bekannter, bösartig dreinschauender Zivilisten barsch mitteilte, ich hätte an den RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) geschrieben und die Deutsche Demokratische Republik verraten. Als Beleg legte er mir einen von mir vor Wochen geschrieben Brief vor. Es waren einige dem Vorgesetzten verdächtig erscheinende Passagen rot unterstrichen, in denen ich meinem seit Kurzem in Berlin wohnenden Bruder ausführlich über den Todesfall des Kameraden berichtet und die Beerdigung in Hagenow samt Trauerrede des Offiziers geschildert hatte. Mein Bruder hatte kurz zuvor in Berlin-Weißensee eine Wohnung erhalten, was damals ein wahrer Glücksfall gewesen war. Ich hatte das verschlossene Kuvert in einen Güstrower Postkasten gesteckt.

Die Überschrift meines Briefes lautete: „Liebe Berliner“, womit ich ausschließlich meinen Bruder und seine Frau Lilo gemeint hatte und kundtun wollte, dass sie jetzt als stolze Wohnungsbesitzer und Inhaber einer Zuzugsgenehmigung voll anerkannte Bürger der Hauptstadt seien. Dabei hatte ich mir überhaupt nichts Anstößiges gedacht. Mir wurde vorgeworfen, ich hätte an den RIAS geschrieben und ein Waffenlager der KVP verraten. Obwohl der Brief nicht für den RIAS gedacht war und auch keine Angaben über den Ort oder die Waffeneinbunkerung enthielt, wurde mir aber gerade dieser „Geheimnisverrat“ immer und immer wieder unterstellt. Man erwartete während des mehrere Stunden dauernden Verhörs ein umfassendes Geständnis von mir, doch ich blieb fest bei meiner Meinung und wich kein Jota davon ab. Als ich auf die DDR-Verfassung hinwies, in der das Briefgeheimnis ihrer Bürger als ein Grundrecht fest verankert war, wurde ich nur verhöhnt. Ich fürchtete Schlimmes, doch es war schon erstaunlich und grenzte fast an ein Wunder, dass nichts folgte. Hatte ich die „Genossen“ – wir waren inzwischen Angehörige der Kasernierten Volkspolizei geworden und nannten uns „Genossen“ – etwa wirklich von meiner Unschuld überzeugt? Das war in der Zeit des reinen Stalinismus eher ungewöhnlich und ich konnte es mir bei der Schwere der gegen mich in bösartigem, rüdem Ton vorgebrachten Vorwürfe auch nicht vorstellen. Oder war es nur die Ruhe vor dem Sturm? Die befürchtete lange Haft in einem Arbeitslager in Sibirien, womit ich insgeheim schon gerechnet hatte, blieb mir erspart.

Später wurde der Vorfall nicht mehr erwähnt. Anscheinend hatte ich einen imaginären „Schutzengel“. Auch danach spielte erstaunlicherweise dieses „Ereignis“ in der langen Liste der gegen mich vorgebrachten Vorwürfe keine Rolle mehr. Dennoch war es für mich das Schlüsselerlebnis, welches mich von der DDR und ganz besonders von der SED merklich entfernte. Hatten meine Eltern nicht immer für einen Staat wie die Deutsche Demokratische Republik gekämpft? Wenn man so mit den Befürwortern des neuen Staates umspringt, wofür ich mich bis dahin immer gehalten hatte, wie sieht dann erst der Umgang mit echten oder vermeintlichen Gegnern aus? Das bis dahin von mir voll akzeptierte DDR-Regime wurde mir in meinem Innersten abrupt und zutiefst zuwider. Trotzdem trug ich eine Uniform, die mich in der Öffentlichkeit als einen typischen Repräsentanten dieses Systems auswies. Ich aber hatte mich für drei Jahre zum Dienst in den bewaffneten Kräften verpflichtet; eine Entlassung war unter den damaligen Bedingungen nicht möglich.

Ich offenbarte mich niemandem, denn ein Karriereknick wäre sicher – noch unter der Herrschaft Stalins – unausweichlich gewesen. Von diesem Zeitpunkt an stand für mich jedoch fest: Ein Eintritt in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands kommt nie infrage. Und ich würde mich hüten, aus der katholischen Kirche, der ich noch immer pro forma angehörte, auszutreten. So galt ich in der kommunistischen Armee, welche die KVP letztlich geworden war, als ein parteiloser Katholik, eine eher seltene Konstellation, die nicht sehr gerne gesehen wurde. Gewünscht wurde zumindest von künftigen Offizieren eine bedingungslose SED-Mitgliedschaft, die Konfessionslosigkeit voraussetzte. Beides traf auf mich nicht zu. Gewisse Schwierigkeiten im persönlichen Fortkommen würde es sicher auch deshalb geben.

Umso mehr bemühte ich mich, meine militärischen Pflichten optimal zu erfüllen, politische Bekundungen aber möglichst zu vermeiden. Es gelang mir jedoch nicht, jegliche Kritik dauerhaft zu unterdrücken. Auch las ich öfter nicht nur die Tageszeitung der SED „Neues Deutschland“ und die „Junge Welt“ (FDJ), sondern auch die Zeitungen der Blockparteien, wie die „Neue Zeit“ (CDU) oder „Der Morgen“ (LDP), was besonders den Politoffizieren negativ auffiel, die im Lesen sogenannter kleinbürgerlicher Zeitungen eine bewusste Provokation vermuteten. Auch die von mir später gern gelesene Wochenzeitung „Sonntag“ war bei Politoffizieren keinesfalls beliebt. Ich blieb standhaft: Gelegentliche Aussprachen mit den Vorgesetzten mit dem Ziel meines SED-Eintritts und des damit verbundenen Austritts aus der katholischen Kirche veränderten meine Haltung nicht.

Ausbildung in Leipzig

Nach einer Ausbildung zum Sanitäter in Stern-Buchholz wurde ich zum Jahresbeginn 1953 in die neu gegründete KVP-Feldscherschule Leipzig versetzt, um dort zum Feldscher, einem militärmedizinischen Beruf, ausgebildet zu werden. In dieser Offiziersschule wurden uns von zivilen Fachkräften der Leipziger Universität die Grundlagen der Medizin vermittelt, außerdem erhielten wir, ¬allerdings in geringem Umfang, eine militärische Ausbildung.

Nach einer Zwischenprüfung im Sommer 1953 wurde ich, inzwischen Offiziersschüler im 3. Lehrjahr, zusammen mit drei anderen Genossen zu einer Sonderreifeprüfung an die ABF (Arbeiter- und Bauernfakultät) der Universität Leipzig delegiert. Schließlich hatten wir, bis auf einen Offiziersanwärter, die nicht unkomplizierte Prüfung bestanden und damit die Qualifikation für das Studium der Humanmedizin an der Karl-Marx¬-Universität Leipzig erworben.

Noch im September 1953 wurde ich in die KVP-Studentenkompanie in die Döllnitzer Straße versetzt, wo wir in einer vornehmen Villa optimal untergebracht waren und auf zahlreiche neue Genossen stießen, die bereits seit mehreren Jahren als Studenten in Uniform an der Leipziger Universität immatrikuliert waren. In dieser Zeit entstand eine echte Freundschaft zwischen Kay Blumenthal-Barby, Lothar Peter, Herwig Zichel und mir, die sich in den folgenden Jahrzehnten sehr bewährt hat. Das Studium bereitete mir große Freude. Ich traf aber auch auf Genossen, die mir aus nicht politischen Gründen das Leben zur Hölle machten. Wir legten in Leipzig 1955 das Physikum ab.


Heinz Schneider, Medizinstudent der KVP in Leipzig, Frühjahr 1955

Im Sommer 1955 wurde unsere Einheit in das ehemalige Luftwaffenlazarett nach Greifswald verlegt, wo eine große Militärmedizinische Sektion der KVP unter Leitung des ehemaligen Wehrmachts-Generalmajors Prof. Walther entstanden war. Aus allen medizinischen Fakultäten der DDR wurden Studenten in die KVP aufgenommen, womit sich die Zahl künftiger Militärärzte vervielfacht hatte. Daneben gab es aber immer noch einige Zivilstudenten an der Medizinischen Fakultät, mit denen wir die gleichen medizinischen Vorlesungen teilten.

Während wir in der Studentenkompanie in Leipzig nicht über einen Politoffizier verfügten, wurden wir in Greifswald von mehreren Politoffizieren „betreut“, die mir das Leben schwer machten, darunter die Stabsoffiziere Major Heese und Oberst Herold. Major Heese bemühte sich ohne Erfolg, mich zum Austritt aus der katholischen Kirche zu bewegen, während Oberst Herold versuchte, mich für die SED¬-Mitgliedschaft zu gewinnen. Als Arzt in der Armee würde ich eines Tages ebenfalls Stabsoffizier werden, das ginge aber nur, wenn ich ein Parteigenosse wäre. Ich zeigte mich unnachgiebig, weil ich mir ein Leben als Truppenarzt auch als katholischer Nichtgenosse vorstellen konnte, wobei ich nicht gegen die damals gültige DDR-Verfassung verstieß. Ob ich einst Stabsoffizier werden würde oder nicht, war mir völlig egal. Das stieß natürlich auf komplettes Unverständnis.

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22 декабря 2023
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