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Heinrich und Ingrid Kusch
VERSIEGELTE
UNTERWELT
Das Geheimnis der
Jahrtausende alten Gänge …

V. F. SAMMLER
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Abbildungsverzeichnis: Abb. 30 (Seite 36) und Abb. 145 (Seite 118) Bildautor unbekannt (mit freundlicher Genehmigung der Familien Schweighofer / Pongrazen und Wanke / Graz); Abb. 133 (Seite 108) Dr. Johannes Riegl / Horn; Abb. 200 (Seite 160) Archiv Bad Pirawath / NÖ; Abb. 206 (Seite 167), Abb. 215 und Abb. 216 (Seite 174) Dr. Arbeo Scherer-Ottenfels / Klosterneuburg; Abb. 109 (Seite 88) Christa Kainer / Pöllau; alle übrigen Fotos stammen von Mag. Dr. Heinrich und Ingrid Kusch / Graz.
Grafiken: Abb. 7 (Seite 18) aus Pfarrchronik 1883, Kaindorf; Abb. 8 (Seite 18), Abb. 12 (Seite 21), Abb. 14 (Seite 23), Abb. 27 (Seite 34), Abb. 28 (Seite 35), Abb. 43 (Seite 43), Abb. 86 (Seite 75) Mag. Dr. Heinrich Kusch / Graz; Abb. 65 und 66 (Seite 55) sowie Abb. 67 und 68 (Seite 56) DI Dr. Paulo Jorge Mendes Cerveira / Eisenstadt; Abb. 87 (Seite 75), Abb. 118 (Seite 96), Abb. 141 (Seite 112) Prof. Peter Holl / Graz; Abb. 112 (Seite 91) aus Globus (1902); Abb. 134 (Seite 109) Dr. Johannes Riegl / Horn; Abb. 147 (Seite 119) BSc Sascha Speil / Graz; Abb. 205 (Seite 166) Archiv Bad Pirawath / NÖ; Abb. 204 (Seite 165) Fritz Messner / Feldkirchen und Abb. 229 (Seite 187) Monika Messner / Feldkirchen.
Umschlagfoto Vorderseite: Innenansicht der Felskammer in der Franzosenhöhle bei Miesenbach und Kopie einer alten Abschrift aus dem Jahre 1580 aus Klosterneuburg.
Umschlagfoto Rückseite: Lochstein in der Gemeinde Riegersberg und unterirdische Anlage bei Stubenberg.
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© Copyright by V. F. SAMMLER, Graz, 2. Auflage 2020
Druck und Bindung: Livonia Print SIA, Lettland
INHALT
Einleitung
Kapitel 1:
Dogma – Versiegelte Unterwelt
Kapitel 2:
Zum vermutlichen Alter der aus Trockenmauern errichteten unterirdischen Anlagen
Kapitel 3:
Gab es nacheiszeitliche unterirdische Bergsiedlungen?
Kapitel 4:
Die prähistorischen Steinsetzungen in der Oststeiermark
Kapitel 5:
Neue Forschungsergebnisse aus dem Augustiner Chorherrenstift Vorau
Kapitel 6:
Déjà-vu beim Augustiner Chorherrenstift Klosterneuburg
Anhang
Weiterführende Literatur
Danksagung
Ortsregister

„Es besteht wohl kein Zweifel, dass in Steiermark eine grössere Anzahl solcher Höhlen (= Erdstall, Anm. des Verfassers) existirt.
Viele davon dürften wegen ihres gänzlichen Verfalles der Forschung entzogen, viele hingegen noch zugänglich sein, und sind bisher nur deshalb wenig beachtet worden, weil man in der Beurtheilung ihres Alters und Zweckes auf falscher Fährte war.
Es würde der vaterländischen Geschichtsforschung ein grosser Dienst erwiesen, wollte man das Vorkommen solcher Erdbauten zur öffentlichen Kenntnis bringen; denn jede neue Entdeckung und Untersuchung ist ein Baustein, der zur Vollendung des geistigen Gebäudes, welches über diese geheimnisvollen Räume endgültigen Aufschluss gibt, beiträgt.”

Ludwig STAMPFER (1887), Stadtpfarrkaplan von Hartberg
EINLEITUNG
Bevor wir zur eigentlichen Einleitung dieses Buches kommen, möchten wir uns bei den vielen Tausenden Lesern unseres Sachbildbandes „Tore zur Unterwelt“ bedanken, dass sie sich sowohl für dieses außergewöhnliche Thema als auch für unsere Forschungen interessiert haben. Sie sorgten dafür, dass das Buch nach nur drei Wochen nach seinem Erscheinen in den vordersten Rängen (zweiter und dritter Platz) der Bestsellerlisten präsent war. Wir waren vom internationalen medialen Echo auf unser Buch sehr überrascht, denn wir hatten ja nur ein eng begrenztes lokales Gebiet der Steiermark mit seinen archäologisch interessanten Steinsetzungen und unterirdischen Anlagen behandelt und dabei erstmals aufgezeigt, welches Potenzial die weitere Erforschung und Bearbeitung dieser in Vergessenheit geratenen Objekte vielleicht haben könnte. Die archäologischen Fundstätten waren ja seit Jahrtausenden vorhanden, aber der Fachwelt nicht bekannt, sieht man von einigen wenigen Einzelpersonen ab. Wir erhielten in der Folge viele Rückmeldungen aus der Schweiz, Türkei, Russland, Rumänien, Bosnien, Deutschland, Italien, Frankreich, England, Schottland, Irland und den USA, wo es ähnliche Kulturdenkmale gibt und deren Ursprung ebenso ungeklärt ist wie von jenen, die wir in unserem Buch aufgezeigt haben. Viele in- und ausländische Rundfunk- und Fernsehanstalten berichteten über unsere Forschungen und das Thema des Buches wurde gleich viermal verfilmt. Wir waren überrascht von den vielen Hunderten positiven Rückmeldungen (Briefe, E-Mails, Anrufe usw.), die uns neue Informationen lieferten und zu diesem Zeitpunkt unbekannte unterirdische Objekte beschrieben, die wir dann in der Folge auch untersuchten. Viele interessante Anregungen, was unsere Forschungen betraf, haben wir ebenfalls von Kollegen und vielen bis dahin uns unbekannten Personen erhalten. Erfreut waren wir auch von den über 500 positiv verfassten Rezensionen des Buches. Natürlich gab es auch, wie nicht anders zu erwarten war, tendenziös verleumderische Kritiken von Einzelpersonen, die, obwohl sie nie zuvor in der Steiermark Forschungen durchgeführt hatten und die Gebiete bzw. Objekte auch persönlich nicht kannten, unsere Arbeit sofort verurteilten.
Wir stützen unsere heutigen Erkenntnisse und Auswertungen auf ein Wissen, das wir in unserer jahrzehntelangen Praxis bei Forschungs- und Ausgrabungstätigkeit im In- und Ausland erworben haben, und lassen auch die weltweit vorliegenden neuesten wissenschaftlichen Forschungsergebnisse aktuell einfließen. Damit ist jenes Wissen gemeint, das uns heute global nicht nur im Internet (?), sondern vor allem in publizierter Form vorliegt und auf dem wir systematisch aufbauen konnten. Meist hat man früher neue Forschungsergebnisse so interpretiert, dass man sie an die bestehenden Theorien angepasst hat. Im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen darf es keine wie auch immer ausgeformten Einschränkungen geben, denn dann würde die Forschung stagnieren und man würde auch zu keinen neuen Resultaten gelangen. Sehen wir uns einmal das letzte Jahrhundert an: Hätte man ständig Neuforschungen egal in welche Richtung blockiert, gäbe es heute keine technischen Wirtschaftszweige, keine Pharma-, keine Auto- oder Elektroindustrie, keine Flugzeuge, keine Handys und vieles andere mehr. Die meisten Grundlagen von bedeutenden Entdeckungen, egal in welchem Bereich der Wissenschaft auch immer, entsprangen dem Zufall und vor allem der offenen bzw. freien Denkweise der Forscher bzw. Wissenschaftler und daran wird sich auch in Zukunft wenig ändern. Uns geht es bei unseren Forschungen ausschließlich um den geschichtlichen Hintergrund und hier vor allem um die Wurzeln bzw. den Beginn der kulturellen Leistungen der Menschen in unserer Heimat und um die Frage, wer wann und zu welchem Zweck die unterirdischen Anlagen, dazu zählen auch die Erdställe, das erste Mal aus dem Gestein bzw. Untergrund gehauen hat. Dies lässt sich natürlich nicht in einem kurzem Zeitraum klären, aber es besteht die Möglichkeit, wie in einem Puzzle auffällige Einzelteile herauszusuchen, zu prüfen und richtig aneinanderzufügen, um letztendlich irgendwann in Zukunft ein klares Gesamtbild zu bekommen.
Seit dem Erscheinen des ersten Buches waren wir in den letzten fünf Jahren jede Woche oft mehrmals im Gelände unterwegs, um unsere Kenntnisse von unserer Heimat und der Vergangenheit zu erweitern. Wir wurden nicht enttäuscht. Es gelang uns in weit über 1.000 Arbeitstagen und Forschungseinsätzen in der Oststeiermark, viele Hundert neue archäologische Fundplätze wiederzuentdecken. Durch unsere Feldforschung kennen wir heute mehr als 750 unterirdische Anlagen und über 400 Menhire und Lochsteine allein im oststeirischen Raum (Forschungsstand 2014). Vor allem mit der Unterstützung von Hunderten einheimischen Grundstücksbesitzern, Forstleuten, Jägern, Wanderern, interessierten Einzelpersonen, vielen aufgeschlossenen Mitarbeitern, Studenten, Kollegen, Universitätsprofessoren und Experten aus spezifischen Universitätsinstituten gelang es uns, einen kleinen Anteil an unserer steirisch-österreichischen und somit der mitteleuropäischen Vor- und Frühgeschichte weiter zu erhellen und unsere vorerst vermuteten Annahmen aus dem Sachbildband „Tore zur Unterwelt“ teilweise zu bestätigen. Die Ergebnisse übertrafen alles, was wir uns erwartet hatten. Jedoch sind noch viele Fragen, die wir uns damals stellten, unbeantwortet geblieben und es sind wieder eine große Menge neuer Fragen aufgetaucht. Aber dies war nicht anders zu erwarten, denn unserer Meinung nach gibt es hier noch viel mehr zu erforschen und zu entdecken, als allgemein angenommen. Wir bringen mit dieser Dokumentation, symbolisch gesehen, nur die Spitze eines überaus hohen Eisberges an die Öffentlichkeit, der Rest liegt im wahrsten Sinne des Wortes derzeit noch unberührt und geschützt tief unter der Erde! Natürlich galt es für uns auch, die eine oder andere zeitliche und finanzielle Hürde zu überwinden, aber die Forschungsergebnisse nahmen kontinuierlich zu und die zigtausenden Daten ergaben letztendlich ein derzeit vorläufiges Geschichtsbild, das für die steirische Vor- und Frühgeschichte eine völlig neue Grundbasis aufzeigt und jetzt von uns, unserem Team und bekannten steirischen und ausländischen Wissenschaftlern weiterführend im Detail untersucht wird.
Das Spannende an der Forschung ist, dass wir im Rahmen unserer Untersuchungen durch die Informationen von Einheimischen ständig auf neue unterirdische Anlagen stoßen, deren Zugänge aber in den meisten Fällen durch die Natur oder durch den Menschen selbst wieder verschlossen wurden. Besonders interessant war für uns im Herbst des Jahres 2012 die Wiederentdeckung von prähistorischen unterirdischen Siedlungsspuren auf insgesamt 10 Berghängen rund um Vorau, die bis zu diesem Zeitpunkt der Bevölkerung und auch der heimischen Wissenschaft unbekannt waren. Mittels TCN-Datierung belegt, sind vermutlich vor über 10.000 Jahren an den Berghängen mit großem Aufwand Schutzräume von Menschen der Nacheiszeit errichtet worden. Es könnte sich hier, wie bereits im Buch „Tore zur Unterwelt“ angekündigt, um eine megalithische Kultur handeln, die im mitteleuropäischen Raum in den nacheiszeitlichen Epochen vor rund 10.400 bis etwa 14.000 Jahren vor heute vielleicht angesiedelt und präsent war. Speziell in diesem Fall bekamen wir gezielte Informationen von der einheimischen Bevölkerung, die uns letztlich zu den richtigen Erkenntnissen verhalfen. Gewundert haben wir uns schon seit Jahren, dass es, bis auf wenige Ausnahmen, wie Terrassen, Einebnungen an Berghängen usw., keine Hinweise auf prähistorische Siedlungsplätze gab. Wir kannten nur die Streufunde aus jungsteinzeitlichen Epochen, die von der Bevölkerung hin und wieder gemacht wurden. Umso überraschter waren wir, als wir erkennen mussten, dass wir diese Plätze ständig vor unseren Augen hatten, wir sie hundertfach wahrgenommen und auch manchmal fotografiert hatten, aber die Wahrheit einfach nicht erkennen konnten, weil diese wohlbehütet tief unter der Erde lag. Vermutet hatten wir unterirdische Siedlungen schon länger, wir haben dies ja in unserem ersten Bildband im Text angedeutet und die relativ große Anzahl an künstlichen unterirdischen Anlagen lieferte ja schon Hinweise auf diese Möglichkeit, aber wir mussten, wie man so schön sagt, erst mit der Nase darauf gestoßen werden, um die Tatsachen auch zu erkennen.
Gerade in der wissenschaftlichen Feldforschung sind es oft der Zufall und die Erfahrung des Sachbearbeiters, welche eine große Rolle spielen. Meist sind es nur Kleinigkeiten, die die Aufmerksamkeit des Forschers erregen und ihn auf eine neue Spur führen. Wir hatten das Glück, dass wir in den letzten 40 Jahren in Mittelamerika, Europa, Asien und Afrika weit über 4.000 künstliche unterirdische Anlagen, wie beispielsweise Bergwerke, Grabkammern, Tempelkomplexe und Gänge aus allen Kulturepochen, untersuchen und studieren konnten, um uns auf diese Weise genug Erfahrungswerte anzueignen, was die frühe jahrtausendealte Bearbeitung von Felsgestein und dessen Erscheinungsbild betraf. Dadurch waren wir auch sofort in der Lage, die unterschiedlichen Bearbeitungsoder Werkzeugspuren, die wir an den Wänden in den Kammern und Gängen der unterirdischen Anlagen bei Vorau fanden, erstmals vorsichtig zu deuten. Das Interessante daran war, dass die ältesten Werkzeugspuren offensichtlich diejenigen waren, die sich durch eine sehr hohe Präzision in der Arbeitsweise und – art auszeichneten. Das Problem für uns war aber die zeitliche Zuteilung, die wir bis jetzt nur mit „Unbekannte Zeitstellung“ umschreiben konnten. Wir wussten zwar, dass diese Spuren aus dem prähistorischen Zeitraum stammten, weil andernorts Tausende solcher unterirdischen Objekte, durch Funde belegt, manchmal ein Mindestalter von über 7.000 Jahren aufwiesen und auf die gleiche oder ähnliche Art gefertigt worden waren. Wir konnten aber damals, vor rund 5 Jahren, unsere unterirdischen Anlagen nicht eindeutig einer Zeitepoche zuweisen sondern nur Vermutungen zum Alter äußern, in unserem Fall war es die Bronze- und Jungsteinzeit. Dies scheint nun überholt zu sein und wir können, durch Datierungen belegt, vorläufig ältere Richtwerte für einzelne Objekte angeben.
Und was uns persönlich am meisten freut, ist, dass wir durch unsere Arbeit und dieses Buch unserer Heimat und auch der Wissenschaft einen möglicherweise sehr weit zurückreichenden Geschichtsabschnitt von Mitteleuropa übergeben können, den es allerdings noch im Detail aufzuarbeiten und zu erforschen gilt. Wir möchten auf alle Fälle durch die zahlreichen Informationen, die wir von der Bevölkerung und speziell im letzten Jahr von kirchlicher Seite her bekommen haben, die schier unglaubliche Unterwelt der Nordost- und Oststeiermark weiter erforschen und mit neuen Datierungsserien das vorläufig ermittelte Alter stützen oder bei Bedarf korrigieren.
Mag. Dr. phil. Heinrich Kusch und Ingrid Kusch
September 2014
Kapitel 1
Dogma – Versiegelte Unterwelt

Ansicht des Streblganges in Puchegg.
Als wir 2009 begannen, unsere wissenschaftlichen Untersuchungen zu intensivieren und auf Grund von Hunderten von Zuschriften aus dem In- und Ausland, Telefonaten und E-Mails jährlich bis zu 160-mal im Gelände Feldforschung (archäologische Prospektion, Abb. 173) zu betreiben, ahnten wir noch nicht, was auf uns zukommen würde. Die Unterstützung der einheimischen Bevölkerung, von interessierten Personen, Wissenschaftlern, Universitäten, den Augustiner Chorherren und Firmen war einfach einzigartig. (Abb. 1–3) Wir gingen jedem einzelnen Hinweis nach und gelangten auf diese Weise im Rahmen unserer Forschungen zu Ergebnissen, die grenzübergreifend auch international von Bedeutung sind. Zur Erinnerung für jene, die unseren ersten Sachbildband „Tore zur Unterwelt“ noch nicht kennen, wollen wir hier noch einmal kurz gerafft den Inhalt zusammenfassen.
In unserer Heimat, und hier speziell im oststeirischen Bereich, war bisher kaum etwas über künstliche unterirdische Anlagen bekannt, sieht man von einigen Bergwerken und wenigen Erdstallanlagen ab. Durch Zufall stießen wir auf eine Fotokopie einer Abzeichnung (Kopie) einer offensichtlich schon älteren Karte, die um 1976 beim Entfernen der alten Dachkonstruktion eines alten Gehöfts nahe Vorau im Inneren eines neuzeitlichen Hohlbodengeschosses gefunden wurde. Wir fanden die Originalkopie erst Monate später durch Zufall in der Bibliothek des Augustiner Chorherrenstiftes Vorau wieder und ließen sie danach im Steiermärkischen Landesarchiv untersuchen und in der Steiermärkischen Landesbibliothek restaurieren. Wir konnten mit Ausnahme des ursprünglichen Alters des Originals und dessen Verbleib alles über diese Karte in Erfahrung bringen, was notwendig war, um diesen alten Lageplan auch richtig beurteilen zu können. Auf dieser Kopie war im vorigen Jahrhundert durch einen Schüler, den Sohn des Besitzers, mit einem Tintenblei noch ein Wort hinzugefügt und einzelne Striche nachgezogen worden. Auch stand neben einer Signatur, die einen Strich darstellte, das Wort „Gang“ als Erklärung. Wie schon gesagt, es war eine Abzeichnung bzw. Kopie eines älteren, uns bis heute nicht zugänglichen Originalplanes, der sich ursprünglich und auch wohl heute noch im Stift befinden müsste. Denn wie wir in der Zwischenzeit erfahren hatten, wurden solche Pläne, die „Fundamental- und Grundlinien“, also unterirdische Verbindungen, anzeigten, ausschließlich in kirchlichem Besitz aufbewahrt, darüber gibt es heute noch Dokumente. Offensichtlich handelte es sich um einen Lageplan aus dem 15. bzw. 16. Jahrhundert, der laut der Legende unterirdische Verbindungen anzeigte. Es wäre gut möglich, dass diese Skizze aus einem Buch stammte, das über die unterirdischen Anlagen unter dem Stift berichtete. Denn es soll tatsächlich in der einstigen Propstbibliothek von Vorau eine fast DIN-A4 große gebundene Handschrift über die von uns vermuteten und durch mehrere Zeitzeugen teilbelegten unterirdischen Gänge unter dem Stift gegeben haben. Dieses Buch zeigte der vorletzte Propst Gilbert Prenner (Amtszeit 1953–1970) einem ihm gut bekannten Zeitzeugen, der heute noch lebt und der uns dieses Dokument beschrieben hat. Es scheint aber nach Auflösung der Propstbibliothek im vorigen Jahrhundert offensichtlich nicht mehr vorhanden bzw. zugänglich zu sein. Unsere Suche danach blieb bis heute trotz Unterstützung des derzeitigen Propstes Herrn Mag. Gerhard Rechberger bedauerlicherweise ohne Erfolg.
Abb. 1 Gespräch mit Frau Josefine Almer aus Kleinmirthof (Piregg), die im Keller unter ihrem Haus eine sekundär überbaute unterirdische Anlage besitzt. Sie erklärt gerade, wie die Anlage aussah, die drei Fortsetzungen besaß und 1978 zugeschüttet wurde. In Nischen standen mit Lehm überzogene Figurinen, was auf periodische Überflutungen hinweist.
Diese rätselhafte Plankopie war für uns ausschlaggebend, dass wir in Vorau und Umgebung zu suchen begannen, und wir konnten hierdurch gleich neun Zugänge bzw. zerstörte Erdstallfragmente und längere bereits verfüllte Gangteile ausfindig machen. (Abb. 4 und 5) Nun würde dieser Plan ziemlich isoliert dastehen, wenn wir nicht wieder durch Zufall in den letzten Jahren auf zwei weitere solcher Pläne, die unterirdische Verbindungen dokumentieren, gestoßen wären, die allerdings nicht im Stift Vorau archiviert sind, sondern sich im Besitz des Augustiner Chorherrenstiftes von Klosterneuburg befinden. Die beiden Karten sollen mittelalterliche bzw. neuzeitliche Kopien von – der Kirche wohl gut bekannten – älteren Karten sein und die bereits erwähnten unterirdischen „Grund- bzw. Fundamentallinien“ anzeigen, was direkt, wie uns erklärt wurde, mit den so genannten „Schratteln“ – dies ist die mittelalterliche Bezeichnung der Kirche für die kurzen Erdställe und langen unterirdischen Gangpassagen – zu tun hat. Wir werden später noch im Detail darauf zurückkommen. Also existieren derzeit bereits drei solcher Landkarten, die vermutlich aus dem Mittelalter oder aus dem 15. und 16. Jahrhundert, also der Neuzeit, stammen und mit unterirdischen Gängen bzw. Verbindungslinien zwischen den damals bekannten Erdstallplätzen, über denen in dieser Zeit Kirchen, Klöster, Burgen und Häuser errichtet worden sind, übereinstimmen. Allerdings soll noch mindestens eine weitere große „Erdstallkarte“ vom gesamten mitteleuropäischen Raum existieren, wie uns vom ehemaligen Archivar des Chorherrenstiftes Klosterneuburg mitgeteilt wurde. Die uns derzeit bekannten regional begrenzten drei Kartenabschnitte sollen laut diesem renommierten Kirchenvertreter nur Auszüge aus dieser größeren Karte sein.

Abb. 2 Eine Originalaufnahme aus dieser bei Piregg befindlichen Anlage, die in den 1970er-Jahren offen war und heute nicht mehr zugänglich ist.

Abb. 3 Herr Gottfried Wagner zeigt uns die Stelle am Ringkogel, wo vor Jahrzehnten ein unterirdischer Gang auf dem Grundstück der Familie Ferstl eingebrochen ist. Dieser war über 50 m weit mit einer Verzweigung offen begehbar, aber von seinem Vater am nächsten Tag wieder verfüllt worden. Der Felsgang wurde von Herrn Wagner bis zu einem Schlupf begangen. Allein auf diesem Grundstück gibt es vier unterirdische Objekte, davon drei Einbrüche in Gänge und ein offener Schacht.
Abb. 4 Herr Johann Albert, der Besitzer eines Gasthofes in Strallegg, steht genau an jener Stelle, wo man vor Jahrzehnten beim Hauszubau mit einer Schubraupe in 3 Metern Tiefe in einen Gang eingebrochen war. Er erklärt und demonstriert, wie er, gebückt in Richtung Pfarrhof, dieses 1,5 m hohe und 0,7 m breite offene Gangstück begangen hat.
Abb. 5 Der rote Pfeil kennzeichnet die Stelle, an der sich einst die Öffnung zu einem sehr langen Gang befand. Die Stelle in der Mauer ist durch den Austritt der Feuchtigkeit, die aus der unterirdischen Anlage kommt, verschimmelt. Herr Adolf Fleck in Zeil bei Pöllau hat diesen langen Gang selbst untersucht. Er war früher Bergmann in der Schweiz und kennt sich daher mit Stollen gut aus.
Was uns bei unseren jahrelangen Untersuchungen sofort aufgefallen ist, war die Tatsache, dass speziell mit Ende des 19. Jahrhunderts verschiedene Vertreter der Kirche in der Erdstallforschung stark präsent waren. Dies wäre ja nicht weiter auffallend, weil gerade der Klerus aus hochgebildeten Menschen bestand bzw. heute noch besteht, die sich ständig weiterbilden und von denen einige über ein erstaunliches weltliches Interesse und Wissensspektrum verfügen. Bei uns in der Steiermark war es Ludwig Stampfer, der ehemalige Stadtkaplan von Hartberg/Kaindorf, der um 1880 in der Umgebung von Kaindorf einen Erdstall, die Frauenhöhle bei Hinterbühel, vorsichtig freilegen ließ und seine Arbeit auch zukunftsorientiert mit einem Höhlenplan und detaillierten Beschreibungen auch von anderen unterirdischen Anlagen dokumentierte. (Abb. 6) Seine vor über 120 Jahren gezeichnete Planskizze gab den Verlauf der unterirdischen Anlage ziemlich gut wieder, wie der Vergleich mit einer modernen Vermessung zeigt. (Abb. 7 und 8) Die gesamte Erdstallanlage war damals über 100 m lang, beträgt heute allerdings nur mehr 90 m, weil man in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts im vorderen Eingangsbereich der Anlage die verfestigten sandigen Ablagerungen für einen Hausbau abbaute und so den ursprünglichen Zugangsbereich, der einst vom heute noch davor verlaufenden Hohlweg wegführte, abgrub und somit zerstörte. Die Anlage hatte früher, wie auf dem Plan von Stampfer unschwer zu erkennen ist, drei Rundgänge, davon sind heute nur noch zwei erhalten. Ursprünglich waren fast alle Gänge der Höhle stellenweise bis zur Decke mit feinen Sanden verfüllt, die durch die Ausgräber im 19. Jahrhundert vorsichtig herausgeholt worden waren. Durchschnittlich waren diese eingeschwemmten Ablagerungen 0,5 bis 1 m hoch. Allein diese Verfüllungen deuten schon auf ein hohes Alter der Anlage hin. Die ältesten Inschriften in diesem Erdstall stammen laut Ludwig Stampfer aus dem 15. und 17. Jahrhundert, wobei nur die letztere mit der Jahreszahl 1685 im vorigen Jahrhundert noch gut lesbar war. Sie wurde von Unbekannten in den letzten Jahren entweder absichtlich oder unabsichtlich zerstört. Die meisten Inschriften, die sich heute noch in der Frauenhöhle befinden, wurden erst nach der Freilegung der Höhle an den Wänden angebracht, denn sie alle stammen aus der späten zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und sind damit nur maximal 130 Jahre alt, also relativ jung! (Abb. 9) Auch wurden vor Jahrzehnten zahlreiche neuzeitliche Streufunde in der Frauenhöhle entdeckt, darunter auch ein Säbel aus den Napoleonischen Kriegen. Die einzigen älteren Gravuren befinden sich in der hintersten Kammer, sie zeigen gitterartige Strukturen und keine Schriftzeichen bis auf die drei Buchstaben MCC, die vermutlich Reste einer Datumsinschrift sind, aber zeitlich nicht eingeordnet werden können. Drei enge, nicht begehbare Gangabschnitte dieser Anlage wurden von Stampfer nicht freigelegt und konnten aber vor Kurzem mittels moderner Technik befahren und filmisch dokumentiert, d. h. digital, erforscht werden. (Abb. 10) Gerade in der näheren und weiteren Umgebung dieser Höhle gibt es über 10 weitere bekannte Objekte in ähnlicher Bauweise, die einst sehr lang gewesen sein sollen, aber durch Einbrüche von Traktoren und Verfüllungen beim Straßenbau nur mehr fragmentarisch erhalten sind. Die Bekannteste ist zweifelsohne die Frauenhöhle bei Hofkirchen nahe der Kirche St. Stefan, die heute als Erdstallfragment zu benennen ist, weil drei Fortsetzungen verschlossen sind. (Abb. 11) Eine wurde in der Vergangenheit abgemauert und die anderen zwei sind verfüllt. (Abb. 12)
Abb. 6 Hauptgang der Frauenhöhle bei der Familie Buchberger in St. Stefan/Hofkirchen. Der Gang wurde in verfestigten Sedimentablagerungen angelegt. Die Anlage wurde an einer Stelle im Keller des Hauses abgemauert und ist nach 16 m Länge verstürzt.
Abb. 7 Der Originalplan der Frauenhöhle von Hinterbüchel bei Kaindorf von Ludwig Stampfer aus dem Jahre 1883.
Abb. 8 Moderne Vermessung der Frauenhöhle von Hinterbüchl, Kaindorf.
Abb. 9 Eine von vielen rezenten Inschriften „Michael Pichler 1886“ aus dem 19. Jahrhundert in der Frauenhöhle bei Kaindorf.
Abb. 10 Modernste technische Geräte und Computer als Hilfsmittel im Einsatz, um nicht begehbare Gangteile in den Erdställen zu erkunden. HD-auflösende, funkgesteuerte Kamera auf einem fahrbaren Untersatz, um niedere, fast zur Gänze verfüllte Gangteile dokumentieren zu können.
Abb. 11 Der niedere Hauptgang in der Frauenhöhle bei St. Stefan in Hofkirchen.
Wohl einer der bekanntesten Erdstallforscher und -pioniere in Europa war der Benediktinerpater Lambert Karner, ein Mönch aus dem Stift Göttweig in Niederösterreich, der sich fast drei Jahrzehnte lang ausführlich mit dem Phänomen der künstlichen unterirdischen Anlagen beschäftigte. Es gab bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einige Personen und Forscher, die einzelne Erdstallobjekte in Mitteleuropa untersuchten, sie beschrieben und Vorträge darüber hielten. Aber keiner von ihnen konnte die wichtigste Frage beantworten, nämlich zu welchem Zweck und wann diese Anlagen eigentlich wirklich gebaut worden sind. Bis heute hat sich daran auch nichts geändert, denn auch wir besitzen bisher nur Richtwerte über ein Mindestalter der Anlagen. Erstaunlich sind Karners persönliche Aussagen zu diesen Anlagen, die heute noch Gültigkeit besitzen. Er war wahrlich seiner Zeit voraus und versuchte mit seinen persönlichen Erfahrungswerten, logische Schlussfolgerungen und Zusammenhänge mit dem ihm damals zur Verfügung stehenden Wissen herzustellen. So schrieb er in seinem 1903 erschienenen Standardwerk „Künstliche Höhlen aus alter Zeit“ im Abschnitt „Allgemeine Übersicht“ auf Seite 3 (2. Absatz) Nachstehendes:
Wie erwähnt, bildete der Vortrag in Krems im Jahre 1889 den Schluss meiner Publikationen. Wohl war durch dieselben die Kenntnis über die künstlichen Höhlen in weitere Kreise vorgedrungen, aber in Gelehrtenkreisen verhielt man sich gegen dieselben gewissermassen skeptisch und zwar insbesondere aus dem Grunde, weil ich keine Funde aufzuweisen hatte, die über Alter, Herkunft und Zweck der künstlichen Höhlen entscheidende Auskunft geben konnten. Tatsächlich hatte ich keine besonderen Funde gemacht, denn alle Höhlen, so viele ich deren gesehen, waren leer. Die landläufige Meinung, dass sie als Zufluchtsstätten zur Schweden- und Kurutzenzeit angelegt wurden, erhielt sich, indem man auf die Landesgrenzen von Böhmen und Ungarn hinwies; andererseits wurde doch die Meinung ausgesprochen, dass diese Höhlen vielleicht aus dem Mittelalter stammen könnten. Wenn ich nach zehnjähriger Forschung nichts anderes constatiert hätte, als die minutiöse Gleichheit der charakteristischen Merkmale der künstlichen Höhlen in Bayern, Österreich und Mähren, sowie die Gleichheit der Systeme, wenn auch die Form der Anlage variiert, so muss das allein jeden denkenden Forscher zur Überzeugung bringen, dass die Bewohner genannter Länder unmöglich von derselben Idee erfüllt sein konnten, sich künstliche Höhlen nach ganz gleichem System anzulegen, rein nur zu dem Zwecke, um sich vor den Hussiten, Schweden und Kurutzen zurückzuziehen. In der Anlage der Höhlen repräsentiert sich vielmehr eine Idee, die nicht mehreren Volksstämmen sondern nur einem einzigen eigen sein konnte. Dass die künstlichen Höhlen übrigens als Verstecke zur Feindeszeit vielfach benützt wurden, ist erwiesen. Ich werde darüber später noch weiteres erwähnen.
Abb. 12 Plan der Frauenhöhle bei St. Stefan in Hofkirchen. Dieser zeigt nur mehr das Fragment einer einst längeren unterirdischen Anlage.
Abb. 13 Schlupf im Erdstallfragment Vockenberg: Links vor dem Schlupf befindet sich eine der typischen Sitznischen, wie sie weitverbreitet in den Erdstallanlagen Europas vorzufinden sind. Bei uns in der Steiermark wurden diese Nischen immer auf der dem Eingang zugewandten Seite aus dem Fels geschlagen.
Bemerkenswert ist an diesen Zeilen, dass Karner die Gleichheit und Fundleere der Anlagen betont, die er allerdings in seinen Schlussbemerkungen wieder relativierte, weil er doch noch einige Streufunde aus Erdställen bergen konnte, und der vorletzte Satz beinhaltet eine Aussage, die vermutlich sehr nahe an die Wahrheit herankommen könnte, nur das Wort „Volksstamm“ ist nicht ganz zutreffend:
In der Anlage der Höhlen repräsentiert sich vielmehr eine Idee, die nicht mehreren Volksstämmen sondern nur einem einzigen eigen sein konnte.
Jedoch hatte er sinngemäß Recht, wenn er meint, dass gerade diese künstlich geschaffenen unterirdischen Anlagen von besonderer Bedeutung für die Erbauer gewesen sein mussten, weil viele architektonische Elemente, wie runde bzw. rechteckige Räume, Schlupfe, Rundgänge usw., in durchaus ähnlicher Ausgestaltung bei den einzelnen Anlagen immer wieder vorkommen. Bemerkenswert sind auch die Abmessungen der Gänge, Schlupfe, Kreisgänge und Kammern, sofern sie noch im Original vorhanden sind. Hier fallen sofort die engräumigen Gangpassagen auf, die in diesen Anlagen das Gesamtbild prägen. (Abb. 13 und Abb. 14) Viele wurden jedoch in den letzten Jahrhunderten durch die Bevölkerung nachträglich erweitert und verändert, weil man mehr Raum, meist Lagerraum für unterschiedliche Dinge, benötigte und so die Anlagen auch pragmatisch nutzte. (Abb. 15, Abb. 16 und 17)
Wie sehr sich Karner in seiner über 25-jährigen Arbeit in die Erdstallforschung vertiefte, weil er herausfinden wollte, wo der Ursprung der Erdställe zu finden ist, erkennt man an seinen zahlreichen lateinischen Zitaten von antiken Schriftstellern, wie Herodot (Buch LXXI, Cap. 108), Strabo (Buch V, Cap. 4), Plinius (Historia naturalis, Editio Basilensis, Froben 1525, 19, 1), Tacitus (Nat. Hist., VII, 56 und Germania, Cap. 16) und Pausanias (IX. Buch der Beschreibung Griechenlands, Cap. 39), die in ihren Texten unterirdische Anlagen in Europa beschrieben, die in einigen wenigen Fällen ohne Weiteres auch zur Gruppe der Erdställe zählen könnten. Er verglich die Erdställe von Österreich, Bayern und Mähren mit ähnlich gebauten Anlagen in Russland, Japan, Frankreich, Schottland usw. Wir würden seine Arbeit heute mit einem Wort umschreiben, und zwar „global“ oder „international“. Wie gesagt, er war seiner Zeit voraus, denn in den letzten Jahrzehnten gab es nur wenige Forscherinnen und Forscher, die es wagten, internationale Vergleiche zu diesem Thema zu ziehen und zu publizieren, um mögliche Parallelen aufzuzeigen. Das Problem waren in solchen Fällen immer die vielen Jahrtausende, die zwischen den von einigen wenigen Forschern offiziell vertretenen Altersangaben (Mittelalter oder Barockzeit) unserer europäischen Anlagen und den anderen auswärtigen lagen. Die Gefahr bei solchen rein auf Vermutungen aufgebauten Altersangaben von Erdställen liegt immer in der Pauschalierung der Objekte, weil wir nicht jede einzelne Anlage mit einem vermuteten Mindestalter generell mit der direkt danebenliegenden gleichsetzen können. Dazu kommt noch, dass viele der heute bekannten so genannten „Erdställe“ nur mehr Gangfragmente sind und diese Bezeichnung damit falsch wäre. Datierungen von sekundär eingebrachten organischen Materialien aus den Anlagen haben mit den Herstellungszeiträumen der Erdställe und Ganganlagen gar nichts zu tun!
Abb. 14 Plan des Vockenberg-Erdstalles. Diese aus dem anstehenden Fels gearbeitete unterirdische Anlage ist im hinteren Abschnitt verstürzt. Ein größerer Raum ist hier durch die Verwitterung der Höhlendecke eingebrochen und hat dadurch heute im Waldboden eine rund einen Meter tiefe großflächige Senke gebildet.
In seinen „Schlussbemerkungen“, die sich auf Seite 219 bis 235 befinden, machte sich Karner auch Gedanken über die Wächter-, Licht- und Tastnischen an den Gangwänden oder in den Kreisgängen und vor allem über das Phänomen der Schlupfe, jene meist 1 m langen, sehr engen Röhren, vor bzw. hinter denen oft Griffleisten zum Durchziehen oder Durchschieben im Boden oder an der Decke aus dem Fels gearbeitet worden sind. Fragt sich nur warum, denn auch ohne Griffleisten ist eine solche Stelle zu bewältigen, denn diese sind oft sehr nahe am Schlupf. Es gibt die Engstellen in drei Ausführungen, in schräg geneigter, in horizontaler und in vertikaler Ausführung.
Nun kennen wir vor allem aus Süd- und Westeuropa auch unterirdische Anlagen aus dem Neolithikum, die gleichfalls diese Engstellen und Rundkammern besitzen. Also war diese Bauweise, durch Funde datiert, vor etwa 8.000 Jahren bereits gut bekannt. Doch warum tat man sich diese Arbeit an, Schlupfe in das Gesamtarrangement eines Erdstalles oder Schrattels einzufügen, wenn man sich die Arbeit dadurch wesentlich erschwerte, weil durch diese Engstelle das ganze tonnenschwere Material, das von den dahinterliegenden Räumen und Gängen stammte, hindurchtransportiert werden musste? Auffallend ist auch, dass auch keinerlei Spuren von den Hunderten von Säcken oder Behältnissen, die mit Material gefüllt waren und vielleicht bei diesen Arbeiten durch die Engstellen hindurchgezogen werden mussten, an den Wand- und Deckenteilen oder dem Boden der Schlupfe erkennbar sind.
Abb. 15 Ein in der Neuzeit als Wassergang von der Familie Kraußler genutzter Stollen im Steingraben nahe von Vorau.
Abb. 16 Der Einstieg zum über 50 m langen Notter-Felsgang bei Pongrazen in einem Waldabschnitt weit entfernt von den Gehöften. Der Besitzer, Herr Siegfried Notter, erklärt uns gerade den Verlauf des Ganges, den er durch Zufall in über 4 m Tiefe unter dem Waldboden entdeckt hat.
Karner zitiert in seinem Buch „Künstliche Höhlen aus alter Zeit“ auf Seite 233–34 den Griechen Pausanias, der von 160 bis 180 n. Chr. einen Reisebericht (IX. Buch der Beschreibung Griechenlands, Cap. 39) verfasst hat. In diesem Textabschnitt wird die kultische Nutzung einer solchen Anlage, dem Orakel des Trophonius zu Lebedea im alten Griechenland, beschrieben und dabei ist uns etwas aufgefallen, das vielleicht einen Hinweis auf die ursprüngliche Anwendungsform der Schlupfe liefern könnte. So etwas bezeichnet man als Nachleben einer unverstandenen oder in Vergessenheit geratenen Tätigkeit:
Nachdem er alle Vorbereitungen schildert, deren sich der Besucher des Orakels unterziehen muss, auch dass er „ein linnenes mit Binden aufgegürtetes Unterkleid anzieht“, fährt er fort: „Dieses Orakel liegt oberhalb des Haines auf der Berghöhe. Hier steht eine kreisförmige Mauereinfassung aus Marmor im Umfang der kleinsten Tennen und nicht ganz zwei Ellen hoch … Innerhalb der Umfassungsmauern findet sich eine, nicht von selbst entstandene, sondern mit grösster Kunst und Regelmässigkeit gebaute Erdöffnung. Dieser Bau hat die Form des Gefässes zum Brodbacken, seinen Durchmesser kann man auf vier Ellen und auch seine Tiefe nicht höher als auf acht Ellen schätzen.“ Bekanntlich vergleicht auch bei uns das Volk die Erdstallkammern mit Backöfen. „Es führt jedoch kein Weg auf den Grund hinab, sondern wenn jemand dem Trophonius sich nahen will, so holt man eine enge und schwache Leiter herbei; steigt man auf dieser hinab, so sieht man zwischen dem Boden und der darauf gebauten Wand eine Öffnung, die mit zwei Spannen breit und eine Spanne hoch vorkam. Ist man unten, so legt man sich mit Honigkuchen in den Händen auf den Boden, steckt dann die Füsse in die Öffnung und rückt dann auch mit dem übrigen Körper nach, um die Kniee in die Öffnung hineinzubringen; ist es aber soweit, so wird der Körper augenblicklich nachgezogen und muss den Knieen so schnell folgen, wie wenn ein grosser und reissender Strom einen Menschen verschlingt, den der Strudel gefasst hat. Ist man aber in das innerste Heiligtum gelangt, so besteht von jetzt an keine feste Bestimmung mehr darüber, wie man die Zukunft erfahren soll, sondern der Eine erfährt sie durch das, was er sieht, der Andere durch das, was er hört. Wer hinabsteigt, muss auch den Rückweg durch dieselbe Öffnung nehmen, gleichfalls die Füsse voran.“
Abb. 17 Der Notter-Gang ist im hinteren noch im Original erhaltenen Abschnitt nur knapp einen Meter hoch und der Boden ist durchgehend mit Steinplatten bedeckt.
Nun finden wir in diesen über 1.800 Jahre alten Zeilen eine Beschreibung vor, wie sich ein Gläubiger in einer unterirdischen Anlage zu verhalten hat, um zu einer Weissagung im eigentlichen Orakelraum zu gelangen. Interessant sind die Beschreibungen des Einganges und der Räumlichkeiten, die viele Ähnlichkeiten mit Erdstallanlagen aufweisen. Der Einstieg geht in einen senkrechten Abstieg, eine Art Schacht, über. Vom Schachtgrund führt ein Schlupf, also eine Engstelle, in eine interessanterweise nicht näher beschriebene Kammer, in der die Weissagung bzw. Eingebung erfolgte. Bis zu diesen Fakten wäre ja alles in Ordnung, nur die Beschreibung der Bewältigung des Schlupfes ist außergewöhnlich, denn hier wird davon gesprochen, dass der Gläubige mit den Füßen zuerst, und dies auch noch sehr schnell, wie im Sog eines Strudels, durch dieses Loch hindurchgezogen wird. Nun würde kein Erdstallforscher durch einen horizontalen Schlupf mit den Füßen zuerst durchkriechen, es sei denn, dieser führt senkrecht oder schräg in die Tiefe. (Abb. 18) Und der Abstieg kann auch nicht schnell wie in einem Sog eines Strudels erfolgen, denn jeder, der sich durch eine Engstelle durchgezwängt hat, weiß, dass dies nicht mit einer eleganten Leichtigkeit erfolgen kann, sondern eher je nach Größe, Umfang und Alter der Person mit einer gewissen Anstrengung verbunden ist. Je kleiner die Person ist, desto leichter ist es ihr, möglichst elegant durchzuschliefen. Doch versucht jeder erst einmal, mit dem Kopf voran durchzukommen, um zu sehen, was ihn erwartet. Bei dieser sonderbaren, rituellen Beschreibung der Bewältigung dieser Engstelle, könnte es sich um eine alte überlieferte Form der ursprünglichen Nutzungsart von Schlupfen handeln. Der „Honigkuchen“ in den Händen des Besuchers ist offensichtlich eine rituelle Handlung, die aber auch vielleicht eine Nachahmung einer alten überlieferten, aber unverstandenen Handlung gewesen sein könnte, von der wir heute keinerlei Ahnung bzw. tradierte Überlieferung mehr haben.
Weiter zitiert Lambert Karner auf den Seiten 230 und 231 in seinem bereits genannten Buch eine Niederschrift von Erzbischof Dr. Anton von Steichele aus dem zweiten Bande (1864) seines Werkes „Das Bisthum Augsburg historisch und statistisch beschrieben“ auf Seite 418 ff.:
So räthselhaft und geheimnisvoll diese unterirdischen Bauwerke auch erscheinen, so ist doch hinreichender Grund zur Annahme vorhanden, dass dieselben mit der heidnischen Religion der ältesten Landesbewohner in einer Beziehung gestanden (pag. 418).
Abb. 18 Der Schlupf im Erdstallfragment von Alt-Schielleiten. Rechts und links vor dem Schlupf sind zwei Sitznischen angeordnet. Der ursprüngliche Eingang dieses aus dem anstehenden Fels gearbeiteten Erdstalles befand sich rund 50 m von dieser Stelle entfernt vor der Außenmauer der Ruine Alt-Schielleiten. Heute ist der Gangverlauf durch Einbrüche im Keller und im hintersten Abschnitt des Eckturms unterbrochen. Auch hier wurde das Gebäude nachweisbar sekundär über der Erdstallanlage errichtet.
Über den wahrscheinlichen Zweck sagt er auf Seite 421:
Unsere Gänge sind ungeachtet ihrer Spitzbogen anderen Baues und anderer Beschaffenheit (als die mittelalterlichen unterirdischen Gänge), und so wie mir dürfte Jedem, der solche Gänge betreten, ihre Verzweigungen durchforscht hat und in ihre geheimen Kammern eingedrungen ist, der Eindruck geblieben sein, dass sie aus uralter Zeit stammen und einem Volke angehören müssen, welches schon vor dem Einbruche der Römer diese Landstriche bewohnte. Ähnliche Gänge und Räume bestehen nach der Beschreibung von Carmont „Cours antiquités monumentales“, Paris 1830, Seite 163 bis 166, auch in Gegenden Frankreichs und Englands, in welchen sich Kelten niedergelassen haben, dort, gleich der Alraunhöhle bei Schwarzach in Niederbaiern, in Felsen gehauen wie bei uns in Sand. Bei Vergleichung der Gänge untereinander tritt ferner die Wahrnehmung hervor, dass dieselben nach einem einheitlichen Typus, ja nach einem kunstgerechten Systeme, angelegt und gebaut worden seien, daher sie nicht von gewöhnlichen Landbewohnern herrühren können, sondern einem solchen Stande im Volke zugeschrieben werden müssen, welcher mit der Technik unterirdischer Bauten wohl vertraut war und mit unseren Gängen höhere, über die Bedürfnisse des profanen Lebens hinausreichende Zwecke anstrebte, wofür damals nur der Stand des Priesters geeignet sein konnte. …
Wie wir aus den Zeilen entnehmen können, treffen die Schlussfolgerungen des Erzbischofs Steichele so ziemlich die Ansichten von Lambert Karner. Beide vertraten damals schon die Meinung, dass nur eine technisch herausragende Personengruppe diese Bauten europaweit bzw. global gesehen errichtet haben könnte. (Abb. 19 bis 21) Wer sich im Detail mit dem Bergbau im Mittelalter und der Neuzeit beschäftigt, weiß, dass man damals technisch einfach nicht in der Lage war, so präzise gearbeitete Gänge zu schaffen. (Abb. 22 und 23) Es hätte ja auch keinen Sinn, denn in einem Bergwerk sucht man nach Mineralien, also Bodenschätzen, und da folgt man den an der Erdoberfläche ausbeißenden Erzadern in den Gesteinskörper hinein. (Abb. 24 und 25) Wie war diese präzise Technik, mit der die Tunnels entstanden sind, vorher möglich und wo ist das Wissen geblieben? Im Nahen Osten, wo es vergleichbare unterirdische Anlagen gibt, werden diese von den Wissenschaftlern durch Streufunde auf ein Mindestalter von 4.000 Jahren und mehr datiert. Aber auch hier ist der Ursprung, also die Entstehungszeit, unbekannt, denken wir nur an die vielen unterirdischen Städte in Zentralanatolien, die in der Hethiterzeit bereits vorhanden waren und von denen heute niemand weiß, wann sie wirklich gebaut worden sind. Hier gibt es in der Fachliteratur doch einige gute Beispiele, man muss sie nur suchen und sich selbst eine persönliche Meinung bilden. Außerdem wären die Arbeiter in den engen Gängen bei ihren Vortriebsarbeiten wahrscheinlich erstickt, denn sie benötigten ja auch Licht, und wenn wir annehmen, dass sie offenes Feuer als Beleuchtung hatten, so verbraucht die Flamme einer Kerze, Fackel oder eines Kienspans auf Dauer mehr Sauerstoff als ein arbeitender Mensch beim Atmen.
Abb. 19 Spitzbogenförmiger Felsgang in einem Erdstall nahe Stubenberg.
Hier gäbe es viele Beispiele aus der jüngsten Zeit, die aufzeigen, wie schnell langjährige Deutungen und Theorien speziell im Bereich unserer Forschungen nur durch neue gewissenhafte und vor allem globale Recherchen verändert werden können. So besteht bereits über Jahrzehnte hinweg die von einer Person mit Nachdruck vertretene Annahme, dass man die Erdställe ausschließlich zum Zwecke einer Schutzfunktion vor Räubern, Dieben und plündernden Soldaten im Mittelalter und der Neuzeit errichtet bzw. gegraben hätte. Dies wäre eine völlig sinnlose Maßnahme, denn man würde unseren Vorfahren in einem solchen Fall totale Unwissenheit, ja vielleicht sogar Dummheit unterstellen. Dass sich in unruhigen Zeiten die ländliche Bevölkerung in diesen bereits vorhandenen und ihnen gut bekannten unterirdischen Anlagen kurzfristig versteckte, ist gut bekannt, weil dies ja noch im Zweiten Weltkrieg so gemacht wurde. Doch wussten diese Leute sehr wohl, dass sie sich während ihres Aufenthaltes in einer gefährlichen und für sie schwer entrinnbaren Todesfalle befanden. Viele Zeitzeugen, vor allem Frauen, aber auch Männer, die sich im Zweiten Weltkrieg kurzfristig in solchen Hohlräumen bei Gehöften oder im Wald versteckten und die wir in den letzten Jahren kennenlernen konnten, bestätigten uns dies auch in ihren Erzählungen. Der deutsche Erdstallforscher Dr. Walter Kick publizierte 2014 in der Zeitschrift „Der Erdstall“ einen Artikel über „Erdställe als Zufluchtsort und Todesfalle im Grenzgebiet der March“, in dem er die Sterbematrikeleinträge der Kirche aus der Neuzeit, und zwar aus dem 17. und 18. Jahrhundert, untersuchte und dabei feststellte, dass es bei Ein- bzw. Überfällen auf niederösterreichische Dörfer doch viele Todesfälle von Personen gab, die in so genannten Erdställen Zuflucht gesucht hatten. Die meisten Leute sind in den unterirdischen Anlagen erstickt. Also wusste man in der Neuzeit sehr wohl, dass ein Aufenthalt in den unterirdischen Räumen lebensgefährlich sein konnte, es wurde ja auch schriftlich festgehalten und so für die Nachwelt dokumentiert. Solche Anlagen boten meist nur kurzfristigen Schutz für ganz wenige Personen, aber nicht für mehr und wurden auf keinen Fall ausnahmslos für die Nutzung als künftiger Zufluchtsort erbaut!

Abb. 20 Ein schön gearbeiteter Felsgang unter einem Waldhang bei Kleinschlag. An der linken Wandseite sind rezente Kratzspuren von Tieren erkennbar.
Also scheidet die alleinige Nutzungsform als Versteck als genereller Herstellungsgrund der unterirdischen Anlagen einmal aus, denn niemand baut sich selbst Todesfallen, wenn er sein Leben schützen möchte! Also welche Funktionen kommen dann noch in Frage? Natürlich gibt es auch hier viele Möglichkeiten, die berücksichtigt werden sollen und müssen. Eine solche Variante wäre die kultische Nutzung egal welcher Art, die ja über Jahrhunderte hindurch im kirchlichen und ländlichen Raum in einigen wenigen Fällen bekannt ist. Weitere Nutzungsformen wären noch die Deponierung von Wert- oder Nutzgegenständen, die ja auch vereinzelt durchgeführt wurde, oder letztlich die Entsorgung von Müll. Doch waren alle diese Möglichkeiten sekundäre Nutzungsformen, weswegen man auch jahrelang keine Löcher, Schächte und Gänge in Sandstein, Obok bzw. Fels grub, in einigen Fällen auch mit einem oder mehreren Schlupfen, und Tonnen an Gestein zutage förderte, um sich danach in den Gängen nicht einmal richtig bewegen zu können. Sie waren ja zu engräumig, zu nieder und, sieht man von den nachträglich durch den Menschen erweiterten Anlagen einmal ab, gab es oft nicht einmal genügend Atemluft für tagelange Arbeitseinsätze oder Aufenthalte! Also was war der Grund für den Bau dieser unterirdischen Anlagen und vor allem wann wurden sie errichtet? Diesen Fragen geht man schon seit rund 150 Jahren nach und die Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärnutzung ist nur bei den im Mittelalter und in der Neuzeit grob nachgearbeiteten Anlagen leicht erkennbar.
Abb. 21 Ein mit Schwemmsand verfüllter Felsgang auf dem Grund der Familie Glatz in Kleinlungitz, der beim Straßenbau vor mehreren Jahren angeschnitten wurde.
Abb. 22 Eingangsöffnung zu einem neuzeitlich nachgearbeiteten Stollen bei Oberneuberg am Masenberg. Test eines Niederfrequenzgerätes zum Aufspüren von größeren Hohlräumen unter dem Waldboden.
Abb. 23 Das recht grob ausgehackte Gangprofil des neuzeitlichen Stollens bei Oberneuberg am Masenberg. Die sehr rohe Bearbeitung der Wand und der Decke, die auf eine neuzeitliche Nachbearbeitung hinweist, ist hier gut erkennbar. Entlang der Kluft- und Schichtflächen ist der Fels ausgebrochen und bildet so eine unregelmäßige Oberfläche.
Abb. 24 Ansicht eines rezent verfüllten Einganges zu einem in der Neuzeit erweiterten Felstunnel in den Ausläufern des Ringkogels bei Hartberg.
Abb. 25 Ein neuzeitlicher Bergwerksbereich in den Steinberghöhlen bei Waldbach. Sehr schön ist der Versatz des tauben Abbaumaterials, also die nachträglichen Verfüllungen von freien Gangpartien, zu erkennen. Es wurde in dieser Zeit nur das, was wirklich von Nutzen war, an die Erdoberfläche gefördert, der Abraum wurde im Stollen zurückgelassen.
Hier kommen wir auch gleich auf den vermutlichen Herstellungszeitraum der Anlagen zu sprechen. So favorisierten die älteren Forscher des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts den prähistorischen Zeitraum, weil sie beispielsweise in antiken Textstellen Hinweise auf bereits bekannte und vorhandene unterirdische Anlagen gefunden hatten. Allerdings änderte sich diese schon damals richtige Erkenntnis, als man begann, Untersuchungen und Ausgrabungen in den Erdställen durchzuführen. Man stieß dabei vorwiegend auf mittelalter- und neuzeitliche Keramik, aber auch auf ältere Fundstücke, die zwar erwähnt, aber doch meist eher ignoriert wurden, weil man annahm, dass sie sekundär eingebracht wurden. Speziell in Drassmarkt im heutigen Burgenland scheint der gesamte Hügel, auf dem das Dorf steht, mit Gängen und Kammern durchzogen zu sein. (Abb. 26) Immer wieder brachen früher bei Bauarbeiten die Hohlräume ein und legten teilweise verfüllte Gangpassagen frei. Bei den Freilegungsarbeiten und Untersuchungen durch die Bewohner wurde archäologisches Material aus allen Zeiträumen gefunden, darunter auch sehr viele Steinwerkzeuge, die Gott sei Dank auch fotografisch dokumentiert wurden. Bauarbeiter, die vor wenigen Jahren bei Straßenarbeiten vor der Ortschaft auf zwei weitere offene Gänge stießen, erzählten uns, dass diese, nachdem sie von den Arbeitern besichtigt worden waren, danach mit mehreren Betonfuhren verfüllt wurden.
Die wenigen archäologischen Ausgrabungen und Datierungen von organischen Materialien, die bisher in sechs Erdställen durchgeführt worden waren, erbrachten erwartungsgemäß ein mittelalterliches oder neuzeitliches Alter, das korrekt bestimmt wurde, aber mit der Entstehung der Anlagen generell vermutlich nichts zu tun hat, weil die Holz- bzw. Kohlereste wahrscheinlich in diesen Fällen sekundär durch den Menschen, Tiere oder die Natur selbst (Einschwemmungen?) in die Hohlräume gelangt sind. Auch die Verfüllungen in den so genannten Arbeitsschächten können später erfolgt sein, als die Erdställe auf Anweisung von offizieller kirchlicher Seite her zugeschüttet worden sind. Die Auswahl von Auslegungen und Interpretationen ist groß! Das Vorhandensein von Fundstücken (meist sind es Streufunde) aus unterschiedlichen Epochen beweist ebenfalls in keinster Weise den Herstellungszeitraum der Erdställe, sondern sie belegen ausschließlich nur jenen Zeitraum, in dem sich Menschen darin aufgehalten haben, wobei dies auch sehr wichtig ist, weil hier ein mögliches Mindestalter der Existenz dieses Fundortes angegeben werden kann – aber nicht mehr!
Wir konnten in den letzten Jahren einige spezielle Untersuchungen bei den derzeit 754 uns bekannten unterirdischen Anlagen (Forschungsstand 2014) im oststeirischen Bereich durchführen. (Abb. 27 und 28) Vom Entstehungsalter her sind viele, mit Ausnahme der mittelalter- und neuzeitlich nachgearbeiteten Objekte und der Bergwerksstollen, eher älter, also vermutlich dem prähistorischen Zeitraum zuzuordnen.
Speziell im ost- bzw. nordoststeirischen Raum nördlich der Stadt Hartberg und südwestlich des Wechselmassivs (Seehöhe 1.743 m) erstreckt sich ein Gebietsabschnitt, der durch tiefe Taleinschnitte und Hochflächen (bis zu 1.700 m Seehöhe) gebildet wird.
Das gesamte Gebiet besteht geologisch gesehen aus alten Sediment- und Tiefengesteinen. Nur wenige Kalkinseln mit einigen Naturhöhlen befinden sich südwestlich des Bergmassivs Stuhleck (Seehöhe 1.782 m). Gerade in diesen alten Gesteinsformationen, mit Hauptanteilen von Schiefer, Gneis, Granit, Amphibolit u. v. a. m., gibt es ein relativ großes Vorkommen von künstlich geschaffenen unterirdischen Anlagen aus unterschiedlichen Zeitepochen, die heute wohl zu den interessantesten Objekten in der Oststeiermark zählen.
Generell unterscheiden wir derzeit vier verschiedene Arten von unterirdischen Anlagen aus unterschiedlichen Zeiten in unserem Forschungsgebiet:
Abb. 26 Ansicht des Ortes Drassmarkt im Burgenland. Fast die gesamte Kuppe ist mit unterirdischen Anlagen unterhöhlt, jedoch wurden alle wieder verschlossen. Interessant sind die seinerzeit geborgenen archäologischen Funde aus diesen Objekten, die weit in die Vorzeit dieses Raumes zurückreichen.
Abb. 27 Forschungsstand 2014 in der Oststeiermark. Grafik: Dr. Heinrich Kusch
1) Über 440 Felsgänge mit unterschiedlichen Längen (zwischen 6 und 520 m Ganglänge, derzeit sind über 7 km begehbarer Gänge bekannt), viele davon sind durch Einbrüche, Überbauungen oder Bauarbeiten nur mehr fragmentarisch vorhanden (etwa 10 Prozent davon sind mit Erdstallelementen ausgestattet, wie Schlupfe, Kreisgänge und Schachtzugängen).
2) 28 Bergwerke und Stollen (von bekannter und unbekannter Nutzung). Diese Stollen sind der Bevölkerung gut bekannt und sofort an ihrer grob gehauenen Ausführung erkennbar.
3) Mehr als 250 aus Trockenmauern errichtete unterirdische Räume, Schächte, Kreisgänge und Gangpassagen, viele davon wurden von der Bevölkerung wieder verschlossen.
4) Über 30 Schottergänge (Horizontalgänge), auch von ihnen dürfte es wie bei den zuvor genannten unterirdischen Anlagen noch wesentlich mehr geben.
All diese Varianten sind laut aktuellem Forschungsstand nicht nur in der Oststeiermark, sondern auch in der Weststeiermark und teilweise vereinzelt auch in obersteirischen Gebietsabschnitten vorzufinden. Wir können nach unserem derzeitigen Wissens- und Forschungsstand vorsichtig annehmen, dass es weit über 1.000 künstlich geschaffene unterirdische Anlagen bei uns in der Steiermark geben könnte. Da sind die Bergwerke noch nicht dazugerechnet!
Abb. 28 Verbreitungskarte der unterirdischen Anlagen um Vorau und Pöllau. Forschungsstand 2014. Grafik: Dr. Heinrich Kusch
Ein auffallendes Merkmal ist die relative Fundleere vieler Objekte, die abseits von Siedlungsräumen liegen.
Doch berücksichtigt man den langen Zeitraum mit den gebietsbezogenen wechselnden geschichtlichen Epochen, so ist dies nicht weiter verwunderlich, denn gerade in den letzten Jahrhunderten hat man im Rahmen wiederholter Nutzbarmachungen, d. h. auch Freilegungen, sicherlich so ziemlich alles aus den unterirdischen Räumen entfernt, was darin an ursprünglich deponierten Gegenständen zu finden war. (Abb. 29 bis 30)
Das Entfernen von Streufunden oder deponierten Fundstücken aus unterirdischen Hohlräumen (siehe auch Plünderungen von frühen Grabanlagen bei alten Hochkulturen) lag seit jeher in der Natur des Menschen und daran hat sich bis heute nichts geändert. Vereinzelt fanden Besitzer noch neolithische (?), römische, mittelalter- und neuzeitliche bzw. rezente Streufunde in den Gängen vor, die aber zum Teil nur deshalb noch vorhanden waren, weil diese Anlagen in der Folge oft als regionale Müllentsorgungsplätze dienten.
Eingänge, Löcher und Schächte wurden seit Jahrhunderten nicht nur durch die Natur selbst, sondern vor allem, wie gerade erwähnt, aus unterschiedlichen Gründen durch den Menschen verschlossen. (Abb. 31 und 32)
Im Mittelalter und der Neuzeit hat man dort, wo Eingangsöffnungen bekannt waren, diese mit Müll (Keramik, kaputtem Hausrat, Knochen usw.) oder manchmal auf Anweisung der Kirche tonnenweise mit Steinen und Erde verfüllt. Bei uns in der Steiermark werden solche Tagöffnungen von unterirdischen Anlagen, wo man Müll entsorgt, als „Scherbengruabn“ bezeichnet. Ein solches Beispiel erwähnt auch im Jahre 1859 Theodor Bernaleken in seinem Buch „Mythen und Bräuche des Volkes in Österreich“ auf Seite 231 (letzter Absatz):
Abb. 29 Eingangsöffnung zu einer natürlich entstandenen Abrisskluft auf dem Grund der Familie Schweighofer bei Pongrazen, wo in den 1960er-Jahren menschliche Überreste unbestimmter Zeitstellung gefunden wurden.
Abb. 30 Original-Foto von den aus der Abrisskluft geborgenen Skelettresten, die von den Exekutivbeamten nach deren Untersuchung auf einem Friedhof beigesetzt wurden.
Abb. 31 Verschütteter Stolleneingang, aus dem im Winter ein feuchtwarmer Luftstrom aus dem Boden kommt und so für die Vereisung der unmittelbaren Umgebung der Eingangsöffnung sorgt. An solchen Merkmalen ist ein längerer Tunnel, auch wenn er verschüttet ist, leicht erkennbar. Bei einem kurzen Blindstollen würde keine Wetterführung entstehen!
Jetzt wird das Fenesloch nur noch benützt um die Steine der nahe gelegenen Äcker hineinzuwerfen, aber im Munde des Volkes leben die Sagen von den Fenesleuten fort.
Abb. 32 Höhleneingang auf dem Steinberg bei Waldbach mit starker Wetterführung im Sommer und im Winter. Dieser Luftstrom kommt aus einer größeren, über 500 m langen, horizontal verlaufenden unterirdischen Anlage. Jedoch sind nicht die drei Eingänge für diese Wetterführung allein verantwortlich, sondern ein mit Versatz (taubes Material) verfüllter Gang, der in die Tiefe führt und aus dem ein mit hoher Luftfeuchtigkeit angereicherter Luftstrom das ganze Jahr über austritt, was auf noch größere Fortsetzungen schließen lässt.
Wer waren nun die Fenesleute, nach denen die Höhle benannt ist? Auf Seite 228 im oben angeführten Buch beschreibt der Autor kurz diese Wesen, die dem Menschen zwar nichts zuleide taten, aber laut einer Erzählung durch das Austauschen ihrer eigenen Kinder mit den Kleinstkindern der Menschen bei der Bevölkerung unbeliebt waren und letztlich vertrieben wurden:
Im nördlichen Schlesien, bei dem Dorfe Heinzendorf, ist ein Berg, auf dessen Gipfel sich das s. g. Fenesloch befindet. Dort im Innern des Berges wohnten vor langer Zeit die Fenesleute; sie waren nicht größer als ein fünf oder sechsjähriges Kind, aber ihr Kopf, den sie mit einem großen, breitkrempigen Hut bedeckten, war von unförmlicher Größe, und ihre Züge waren unschön.
Dieses Beispiel stammt zwar nicht aus dem steirischen Raum, sondern aus Schlesien, aber es zeigt auf, dass auch noch vor mehr als 150 Jahren Eingänge zu unterirdischen Hohlräumen gerne von der bäuerlichen Bevölkerung in Europa verfüllt wurden. Daran hat sich bis heute nichts geändert, nur wird jetzt Müll, Schotter, Bauschutt oder Beton in offene oder durch Bautätigkeiten geöffnete Löcher hineingeschüttet. Davon sind nicht nur künstliche unterirdische Anlagen betroffen, auch Naturhöhlen in Karstgebieten, insbesondere Schachthöhlen, werden heute noch gerne als Müllentsorgungsplätze genutzt. Hier findet man bedauerlicherweise alles, was der Mensch nicht mehr braucht, von Autobestandteilen über die Waschmaschine bis hin zum Sondermüll (Plastik, Lacke, Öl usw.). Nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ wird hier Umweltverschmutzung betrieben, die vor allem das Grundwasser gefährdet, das dadurch kontaminiert und in der Folge ungenießbar wird.
Sieht man sich die Anzahl der künstlich geschaffenen unterirdischen Anlagen im Detail an, so kann, was deren geographische Lage im Gelände betrifft, eine erste statistische Aussage gemacht werden, die für die Steiermark eine gewisse Wertigkeit besitzt und vielleicht für vergleichende Untersuchungen in anderen Gebieten Mitteleuropas von Nutzen bzw. richtungsweisend sein könnte. Dazu sind eigene regionalspezifische Auswertungen notwendig. Derzeit lässt sich nur sagen, dass etwa Dreiviertel der bekannten und vom Menschen geschaffenen unterirdischen Anlagen in Seehöhen über 500 m im Gelände vorzufinden sind. Ausschlaggebend ist hier ohne Zweifel die geologische Struktur der betroffenen Regionen, da die meisten Anlagen in alten Tiefen- bzw. Sedimentgesteinen oder verwitterten oberflächennahen Felszonen (= Obok) sowie an einigen wenigen Orten in verfestigten Sand- und Schotterablagerungen angelegt wurden. Da bei Weitem noch nicht alle Objekte bekannt und erfasst sind, lässt sich vorläufig daraus nur das einzig Markante ableiten, dass es aktuell in höheren Lagen mehr als doppelt so viele Anlagen gibt wie in den tiefer liegenden Geländestrukturen der Oststeiermark, z. B. im oststeirischen Hügelland. (Abb. 33, Abb. 34 und 35) Jedoch beruht diese vorläufige Aussage auf dem derzeitigen Forschungsstand und kann sich ändern.
Abb. 33 Temperaturmessungen bei einer Schachtöffnung im Wald bei Hintereck in Prätis.
Abb. 34 Messung des Schachtinneren mit einer modernen Wärmebildkamera. Am Display des Gerätes sind die roten warmen Bereiche am Schachtgrund erkennbar, wo es trotz einer Außentemperatur von minus 7 Grad Celsius erstaunlicherweise Plusgrade am Felsboden hat. Dies ist bemerkenswert, denn normalerweise müsste sich auf Grund der wesentlich tieferen Nachttemperaturen ein Kältesack am Boden gebildet haben. Man sieht aber nur einen schneefreien Boden, folglich befindet sich darunter ein Hohlraum.
Untersucht haben wir auch den unmittelbaren Zusammenhang zwischen den heutigen Siedlungsgebieten, den alten Wüstungen und dem nicht verbauten Freiland (Gräben, Felder, Wälder, Wiesen usw.). Hier wird man überrascht sein, dass sich gemäß aktuellem Forschungsstand nur 154 (20,5 Prozent) der unterirdischen Anlagen bei Häusern bzw. in einem Umkreis von 100 m um diese herum befinden und 574 Felsgänge/-räume (76 Prozent) in Gräben, Wäldern, Berggipfeln oder auf Wiesenhängen vorzufinden sind. (Abb. 36) Der Rest von 3,5 Prozent liegt direkt auf Anhöhen oder Berggipfeln. Also fast die dreifache Menge der Anlagen befindet sich heute auf unbewohntem Gebiet, oft Hunderte von Metern vom nächsten Gehöft entfernt!
Von jenen 154 Anlagen bzw. Gangfragmenten, die sich bei Häusern befinden, sind 102 Anlagen (66 Prozent) im Umfeld von 100 m um die Gehöfte anzutreffen, der Rest von 52 Objekten (34 Prozent) wurde ganz oder teilweise von Wohn-, Stall- oder Wirtschaftsgebäuden überbaut. (Abb. 37 bis 39) Darunter befinden sich 41 angeschnittene Räume und Gänge, die in der Neu- und Jetztzeit im Rahmen von Hausbauten gefunden und überbaut wurden. Nur 11 Anlagen (7 Prozent) wurden von mittelalterlichen Gehöften oder Burgen ab dem 12. Jahrhundert überbaut. (Abb. 40 bis 42) Allein diese Zahlen lassen erkennen, dass speziell im Mittelalter der Zufall eine große Rolle spielte, ob eine unterirdische Anlage wiederentdeckt wurde oder nicht! Bei diesen überbauten Hohlräumen handelt es sich meist um nachweisbar bereits vorhanden gewesene Gang- oder Raumfragmente, deren Fortsetzungen teilweise abgetragen, d. h. zerstört, bzw. verfüllt wurden und heute ungangbar sind. Dies lässt zumindest für die Steiermark den vorläufigen Schluss zu, dass in der Vergangenheit unterirdische Anlagen meist erst beim Hausbau wiederentdeckt wurden und teilweise auch heute noch werden. Da einige der alten Gehöfte, die aus dem 12. Jahrhundert stammen bzw. in diesem Zeitraum erstmals erwähnt wurden, über Erdstallanlagen errichtet worden sind, dürften auch hier die Gänge und Kammern zumindest bei diesen Gebäuden bereits vorhanden gewesen sein, wie wir es bei einigen konkreten Fällen auch einwandfrei belegen können. (Abb. 43, Abb. 44) Es scheint, dass man im Mittelalter zwar angeschnittene Gang- und Raumfragmente für unterschiedliche Zwecke, wie Abfalldepot, Versteck, Lagerraum, oder für kultische Bereiche sehr wohl kurzzeitig nutzte, aber der ursprüngliche Sinn der Schaffung solcher Anlagen bereits zu dieser Zeit zumindest bei der Bevölkerung in Vergessenheit geraten war. Doch stellt sich hier gleich die Frage: Wusste die ansässige Bevölkerung wirklich nichts über die Funktion der Anlagen? Oder wollen wir mit unserer rationalen Denkweise etwas unterdrücken und verdrängen, das den Bauern gut bekannt war, weil sie es uns oft beschrieben, wir es aber einfach nicht glauben wollten, weil wir es nicht verstanden hatten?
Knapp ein Sechstel der derzeit uns bekannten unterirdischen Anlagen (über 120 Stück = 16 Prozent) wurde in den letzten Jahrzehnten beim Straßen- und Hausbau oder durch Erdfälle bzw. Einbrüche von schweren landwirtschaftlichen Maschinen von der einheimischen Bevölkerung wiederentdeckt und untersucht. (Abb. 45) In der angeführten Zahl sind selbstverständlich nur jene gemeldeten und von uns teiluntersuchten Einbrüche enthalten, die nicht auf natürliche Einflüsse, wie z. B. Unterspülungen oder vermoderte Wurzelstöcke und Ähnliches, zurückzuführen sind. Es wurden ausschließlich nur jene Objekte von uns erfasst, die künstlichen Ursprungs sind und in denen die Besitzer der Grundstücke bei der Untersuchung der Einbrüche manchmal bis zu 40 m weit in die frei begehbaren Gänge vordringen konnten. Oftmals öffneten die Grundbesitzer selbst die Einbrüche mit Baggern um nachzusehen, wohin die Gänge führten, und verständigten uns danach oder wir erfuhren die Entdeckung eines Ganges durch aufmerksame Nachbarn. (Abb. 46, Abb. 47 und 48) Dies ist schon bemerkenswert, weil diese Plätze meist im Wald, auf Wiesen und Feldern oder neu gewidmetem Bauland, also irgendwo im Gelände, lagen. (Abb. 49 bis 50) Von diesen Einbrüchen führten 14 in mit Trockenmauerbauweise errichtete Gänge und über 100 davon in teilweise gut erhaltene Felsgänge oder Kammern. Auch diese Anzahl ist nur eine vorläufige, weil nicht jeder Grundeigentümer seine Entdeckung sofort meldet, denn in den meisten Fällen sind die oft 2 bis 3 m tiefen Zugangsöffnungen sofort wieder von den Besitzern selbst oder beim Hausbau durch die Baufirmen verfüllt worden. Die Dunkelziffer der tatsächlich in der Vergangenheit eingebrochenen Gänge und Kammern dürfte wesentlich höher sein und allein im letzten Jahrhundert bei etwa 200 bis 300 Stück liegen! Dass es in den letzten 60 Jahren vermehrt zu Einbrüchen von unterirdischen Anlagen kam, ist auf die massiven Oberflächenveränderungen im landwirtschaftlichen Bereich und auf den ständig fortschreitenden Straßen- und Häuserbau zurückzuführen. Durch das Abtragen des ursprünglich verfestigten Bodens können heute aggressive Wässer und die Wurzeln der Pflanzen schneller in den darunter befindlichen Felskörper eindringen und diesen zersetzen. Speziell die oberflächennahen Hohlräume (bis in 6 m Tiefe) sind von solchen Gegebenheiten stark betroffen und brechen dann bei Schwachstellen im Gesteinskörper (z. B. bei steil einfallenden Gesteinsschichten u. a.) ein. (Abb. 51) Auch die zunehmende Feuchtigkeit der letzten Jahre trägt wesentlich dazu bei.
Abb. 35 Messtabelle der Wärmebildkamera, die anzeigt, dass die am Schachtgrund gemessene Stelle um rund 10,3 Grad wärmer ist als jene der unmittelbaren Umgebung.
Abb. 36 An dieser Stelle in der Wiese, weitab vom Gehöft der Familie Haspl in Vornholz, brach eine Kuh in einen unterirdischen Gang ein. Der Besitzer schüttete das Loch mehrmals mit Steinen und Erdreich zu, doch öffnete sich die Stelle immer wieder, weil das Material im Gang selbst durch eindringende Wässer verteilt wurde. Bei der Untersuchung durch Mitglieder des Vereines „Sub Terra Vorau“ konnte in 3 m Tiefe der Deckenbereich des Ganges gefunden werden. Er war auf 6 m Länge kriechend befahrbar, dann aber durch einen zweiten älteren Einbruch verschlossen.
Abb. 37 Vor dem Wohnhaus und dem Stallgebäude der Familie Friesenbichler im Karnerviertel, Mönichwald, wurde von den Besitzern ein alter Zugang mit einem gemauerten Eingangsteil zu einem Stollen, der den Vorbesitzern bereits bekannt war, freigelegt. Die frühere Nutzung dieses Stollens ist nicht überliefert. Er konnte bis auf rund 20 m Länge begangen werden und hat noch Fortsetzungen.

Abb. 38 Ansicht des niederen, fast 2 m breiten und etwas über 1 m hohen, in einem verwitterten Gesteinskörper verlaufenden Ganges, der sich teilt und in zwei Raumerweiterungen führt.
Abb. 39 Die Stallgebäude der Familie Zingl bei Bergen. Unter dem rechten Flachbau liegt ein aus dem Fels gearbeiteter Kreisgang mit einer Gangfortsetzung. Der Zugang ist heute allerdings auf Grund einer Verfüllung nur sehr schwer möglich.
Abb. 40 Die Überreste der Burg und des späteren Schlosses Alt-Schielleiten, das seit 1328 urkundlich belegt ist. Unter dem vorderen Turm befinden sich Fragmente einer alten Erdstallanlage.

Abb. 41 Der heute mit hüfthohem Wasser gefüllte und bogenförmig gestaltete Hauptgang der Erdstallanlage unter der Ruine Alt-Schielleiten am Vockenberg. Dieser ist teilweise zugeschüttet und war bis zu seinem ursprünglichen Eingang außerhalb der Anlage über 50 m lang. Heute sind davon nur mehr 14 m begehbar.
Abb. 42 Erdstall Alt-Schielleiten. An den Schlupf anschließender spitzbogenförmiger Gang, der nach ein paar Metern eingestürzt ist und beim Einbruch abgemauert wurde. Die Vorbesitzerin Frau Agnes Schreiner (†) sprach von insgesamt drei Räumen, die über diesen Gang erreicht werden konnten, darunter ein runder Raum mit sieben Steinsitzen (?).
Abb. 43 Grundrissplan des Schrotter-Gangfragmentes. Auch hier ein schönes Beispiel eines Erdstallfragmentes, dessen Schlupf oberhalb der drei Stufen im Gang später einmal sekundär erweitert wurde, weil er offensichtlich störte. Die Spuren sind heute noch eindeutig erkennbar. Beim Bau des mittelalterlichen Gehöfts wurde der Gang direkt im Fels angeschnitten und größtenteils abgetragen. Dies ist heute noch im Kellerboden gut sichtbar, wo der ehemalige Verlauf zu erkennen ist. Die Verfüllung am heutigen Gangende ist mehrere Meter lang, sie wurde bis auf 2,5 m Länge, ohne ein Ende zu erreichen, sondiert.
Abb. 44 Ansicht des freigelegten Kellerbodens vor dem Schrotter-Felsgang. Hier ist die Felssohle des ehemaligen Ganges zu sehen, rechts und links befinden sich noch 0,2 m hohe Reste der alten Gangwände. Hinter dem Durchbruch in der Kellermauer sind die senkrecht abgemeißelte Felsfläche und ein kleiner Ausschnitt des Gangprofils erkennbar. Auch dies ist ein weiterer sichtbarer Beweis, dass der Gang bereits vor der Errichtung des mittelalterlichen Gehöfts vorhanden war.
Seit Jahren forschen wir nach dem wahren Alter der Gänge, das durch neue Richtwerte, die ein vermutetes Mindestalter von über 10.000 Jahren für die aus Trockenmauerwerk errichteten Stein- und Felsgänge erbrachten, auch uns vorerst einmal sprachlos machte. Doch vor allem wie und mit welchen Werkzeugen wurde in manchen Stollen gearbeitet? (Abb. 52 bis 53, Abb. 54) Experten aus dem Tief- bzw. Stollenbau sprechen von so genannten Schrämspuren, die, für jedermann sofort erkennbar, an den Wänden von manchen Gängen zu sehen sind. Dies ist korrekt, doch bleibt hier die Frage offen, wie geschrämt wurde. Dies kann im Bergbau sowohl händisch als auch maschinell erfolgen. Bei dieser mit der Hand durchgeführten Arbeit wird die Wand mit einem Werkzeug abgezogen, was vielleicht bei weicheren Gesteinsmaterialien, wie verwittertem Sandstein oder Schotterbänken, funktionieren mag, bei konglomeratähnlichen Gesteinsverbindungen und vor allem bei quarzhältigem Felsgestein ist dies allerdings nicht möglich, weil kein Mensch einen so großen Druck auf eine Felswand ausüben kann, der ein Abziehen, also Schrämen, von kompaktem Fels überhaupt möglich machen würde. (Abb. 55 und 56) Auch ein Stemmen mit Hammer und Meißel erbringt keine solchen Resultate, denn dabei würden sofort größere oder kleinere Gesteinsbrocken entlang von Kluft- und Schichtflächen aus der Wand ausbrechen! Wir haben uns Gedanken über verschiedenste Möglichkeiten gemacht, wie man an weiterführende Informationen über die Bearbeitungsart kommen könnte, und unser Mitarbeiter Herr Dr. Peter Ulle hatte die Idee, einen starken Industriemagneten einzusetzen, um zu sehen, ob sich in den Arbeitsspuren noch Metallreste bzw. Abriebe von den Werkzeugspitzen befinden könnten. (Abb. 57 und 58) Dieser Vorschlag war äußerst anregend und wichtig. Wir konnten aus jenem ebenmäßig geformten Gang, dem Streblgang, der auf dem Cover des letzten Sachbildbandes dargestellt ist, kleinste eisenhältige Gesteinspartikel aus den bereits stark verwitterten Arbeits- bzw. Werkzeugspuren herausfiltern und wurden bei der Auswertung doch einigermaßen überrascht. Denn die Innenseite der Werkzeugspuren an den Stollenwänden scheint einst versintert (= verglast) gewesen zu sein, dies belegen eindeutig Rasterelektronenmikroskop-Aufnahmen, die am Institut für Erdwissenschaften an der Karl-Franzens-Universität in Graz durchgeführt worden sind. (Abb. 59 und 60) Man erkennt auf der geschmolzenen Oberfläche des „Augengneises“, der dort vorkommenden Gesteinsart, eine runde Kugel, die einen Eisenkern hat. (Abb. 61) Es gab ursprünglich noch zwei weitere solcher Kugeln auf diesem Probenstück, die allerdings zerstört worden sind. Bei genauerer Betrachtung dieser Kugel wird in der weiteren Vergrößerung ein zusammengerollter Eisenspan erkennbar, der bei der Arbeit vom verflüssigten Gestein eingehüllt bzw. ummantelt worden ist. (Abb. 62) Dies ist auch der Grund, warum der Eisenspan überhaupt noch erhalten geblieben ist, also konserviert wurde. Andernfalls hätte er sich schon längst zersetzt. Solche zusammengerollten Eisen- bzw. Stahlspäne entstehen durch einen Schereffekt, wenn die Werkzeugspitze mit großer Kraft auf eine harte Stelle trifft und sich ein Span von ihr löst. Es ist aber auch der Beweis, dass es an der Werkzeugspitze eine Temperatur von weit über 1.200 Grad Celsius gegeben haben muss, die das Gestein verflüssigt, den Span überzogen und so diesen bis in unsere heutige Zeit erhalten hat. Wir haben einige von diesen Eisenspänen unter dem Rasterelektronenmikroskop dokumentieren können. Viele Proben, die wir untersuchen konnten, waren versintert, selbst ein Quarzkristall war geschmolzen. Er besaß unterhalb einer horizontal verglasten Fläche aus reinem Quarz noch Reste seiner ursprünglichen Kristallstruktur, die eingeschmolzen war. Was für ein Werkzeug kann eine so hohe Temperatur an seiner Spitze erzeugen? Sind es maschinelle Arbeitsspuren von einem stark rotierenden Gesteinsfräskopf? Immerhin verlaufen die Werkzeugspuren an einigen Stellen bis zu 3 cm tief und rund 40 cm lang an den Felswänden. Die Werkzeugspitzen waren stumpf und hatten eine Dreiecksform, dies ist an einigen wenigen Stellen noch klar erkennbar. Kein normaler Eisenmeißel hat eine so stumpfe Spitze, damit scheidet dieses Werkzeug auch für die Herstellung des Ganges aus. Natürlich werfen diese Ergebnisse wieder neue Fragen auf! Was stimmt hier nicht? Hat es Eisen, in unserem Falle Stahl, schon Tausende Jahre früher gegeben? Es ist ja schon der zweite archäologische Fundplatz in der Steiermark, an dem Werkzeugspuren gefunden worden sind, die viele Jahrtausende alt sind und bei denen Eisen- bzw. Stahlwerkzeuge zum Einsatz gekommen sind! Vergleiche dazu Kapitel 8 (Seite 158–171) in „Tore zur Unterwelt“.
Abb. 45 Schwere landwirtschaftliche Erntemaschinen, aber auch Traktoren sorgen fast jährlich für Einbrüche auf Feldern und Wiesen. Diese können durch die starken Vibrationen der Motoren und das Gewicht der Fahrzeuge ausgelöst werden.
Abb. 46 Eine Einbruchstelle in Riegersbach bei der Familie Steiner aus dem Jahre 2010, wie sie typisch für den oststeirischen Raum ist. Der Einbruch wurde durch den Besitzer mit einem Bagger geöffnet, um den Grund ermitteln zu können. Bereits Jahre zuvor brach der Besitzer bei der Baumgruppe im Bildhintergrund schon einmal mit einem Traktor in einen unterirdischen Gang ein.
Abb. 47 Blick aus dem unterirdischen Gang in den 4 m tiefen Einbruch in Riegersbach.
Abb. 48 Einbruchstelle in Riegersbach. Der rund 0,7 m breite, ziemlich gerade gearbeitete Gang liegt in 6 m Tiefe und ist über 1,5 m hoch verfüllt. Der labile Deckenbereich ist durch die nachgebrochenen Gesteinsmassen ausgerissen.
Abb. 49 Einbruchstelle am Wechsel beim Gehöft der Familie Schnur im Schmiedviertel bei Mönichwald. Rechts am Bildrand ist jene Stelle erkennbar, wo der Grundbesitzer mit dem Traktor in den Gang eingebrochen ist, und er erklärt uns, dass er weiter oben früher bereits zwei Einbrüche hatte. Bei einem war er in den freien Gang hineingegangen und nach etwa 50 m zu einem Schlupf gelangt, hinter dem der Gang weiterführte. Er hat an dieser Stelle die Erforschung abgebrochen.
Abb. 50 Der vom Einsturzmaterial gesäuberte Zustieg zum Stollen bei der Familie Schnur, der in einen über 6 m langen Felsgang führte, dessen Ende verstürzt war. Die andere Fortsetzung des Stollens war durch das Einbruchmaterial zur Gänze verfüllt. Solche Felstunnel unterhöhlen an sehr vielen Stellen die Abhänge des Wechsels und auch andere Gebietsabschnitte.
Abb. 51 Wurzeln, die durch die Decke eines Erdstalles in den Hohlraum eindringen. Die Überlagerung zur Erdoberfläche beträgt an dieser Stelle nur 3 m. Diese Baumwurzeln saugen die Luftfeuchtigkeit (annähernd 100 %) des Hohlraumes auf und leiten sie an die Pflanze weiter.
Abb. 52 4,5 m tiefer Einstiegsschacht in einen über 150 m langen Felsgang, dem ein 22 m langer Trockenmauergang vorgelagert ist. Diese im Pöllauertal bei der Familie Schweighofer in Obersaifen gelegene Anlage zählt zu den alten Gängen und hat noch eine unerforschte Fortsetzung, die schräg in die Tiefe führt. Der Einstieg zum Schacht wurde vor rund drei Jahren bei einem starken Unwetter von einer Schlammlawine verfüllt.
Abb. 53 Verfüllter Seitengang auf dem Grund der Familie Schweighofer mit alten Schrämspuren, wie wir sie noch aus sechs weiteren Gängen in dieser Gegend kennen.
Abb. 54 Der Hauptgang der Anlage beim Sternbauer nahe Pöllau. An der linken und rechten Wandseite sind Spuren von Prospektoren zu sehen, die vor Jahrhunderten aus einer schräg einfallenden Schichtfläche Proben entnommen haben.
Abb. 55 Tunneleingang in den Südabhängen des Sternbauerkogels nahe Pöllau.
Abb. 56 In einigen Bereichen dieses Stollens am Sternbauerkogel finden sich nachträglich ausgemeißelte Nischen und Balkenlöcher aus der Neuzeit. Der Gang selbst ist älter, derzeit aber „unbestimmter Zeitstellung“.
Abb. 57 Aufsammeln der bereits seit Jahrtausenden abgewitterten Wandteile im Streblgang in Puchegg, um an Werkzeugabrieb aus den Bearbeitungsspuren heranzukommen.
Abb. 58 Jede einzelne Werkzeugspur wurde mit einem starken Industriemagneten sondiert, um den metallhältigen Abrieb, der noch im Gestein eingeschlossen bzw. übersintert ist, herausfiltern zu können.
Abb. 59 Arbeit am Rasterelektronenmikroskop an der Karl-Franzens-Universität in Graz. Hier wurden die Proben aus dem Streblgang untersucht und mittels Mikrosondenanalyse ausgewertet.
Abb. 60 Das Ergebnis aus dem Rasterelektronenmikroskop wird auf dem Bildschirm dargestellt, wo in einer hundertfachen Vergrößerung die versinterte Probe bzw. ein Objektausschnitt klar zu erkennen ist.
Abb. 61 Ein kleines eisenhaltiges Stück aus einer Werkzeugrille, das mit dem starken Magneten herausgeholt wurde. Sehr schön ist die geschmolzene Oberfläche des Gesteins (Augengneis) erkennbar und am vorderen unteren Rand eine kugelförmige Erhebung. Zwei weitere ehemalige Kugelgebilde sind zerstört. Eine solche Verglasung des Gesteins kann nur bei einer relativ hohen Temperatur von über 1.200 bis 1.400 Grad Celsius während des Arbeitsprozesses zustande kommen. Das heißt, dass an der Werkzeugspitze während des Arbeitsprozesses Temperaturen von weit über 1.200 Grad vorhanden gewesen sein müssen.
Abb. 62 Die kugelförmige Erhebung im Detail. Hier ist eindeutig ein zusammengerollter Metallspan, der von der Werkzeugspitze abgerieben wurde, zu erkennen. Er ist noch während der Arbeit mit flüssigem Gestein überzogen worden und blieb so der Nachwelt erhalten. Dies war ein Glücksfall, sonst wäre das Eisen heute schon korrodiert und nicht mehr vorhanden. Wir konnten viele verglaste Proben bergen und untersuchen. Das heißt aber auch, dass dieser Stollen vermutlich nicht mit Hammer und Meißel geschaffen wurde, denn solche Arbeitstemperaturen können von Hand nie erreicht werden! Siehe ergänzend dazu auch die Scan-Ergebnisse der unterirdischen Anlage.
Es gelang uns auch, einen Gangabschnitt mit einem Laser-Präzisionsgerät von der Firma Surphaser – 3D Laser Scanners (England/USA) in Zusammenarbeit mit den Firmen GEOs3D – Geodetic and Industrial Surveying in Oberhofen (Tirol) und Energie Burgenland Geoservice vermessen zu lassen. (Abb. 63 und 64) Auch diese Auswertungen überraschten uns, denn bei einer Genauigkeit von 0,2 mm und über 172 Millionen Messpunkten müssten normalerweise die Tausenden Schlagmarken von Eisen-Meißeln sofort klar erkennbar sein. Es gibt aber keine, sondern nur gleichmäßig durchgezogene Schrämspuren mit vielen abrupten Enden, die auf großen Wand- und Deckenbereichen Abweichungen von nur 14 mm aufweisen. (Abb. 65 und 66) Eine solche Präzision ist bei einer von Hand durchgeführten Arbeit unmöglich zu erreichen! Einige wenige Stellen wurden nachkorrigiert, auch dies ist erkennbar. Auch die einheitliche Arbeitsrichtung des Vortriebes ist bemerkenswert. Sie unterscheidet sich an der linken und rechten Wandseite etwas, dafür scheint sie aber auf beiden Seiten sehr gleichmäßig über die gesamte gescannte Länge auf. (Abb. 67 und 68) Diese Entdeckung war reiner Zufall, der uns in unseren Forschungen wieder ein Stück weiterbrachte. In der Zwischenzeit hatten wir weiteres Material sammeln und teilweise auch auswerten können.
Abb. 63 Scan der Arbeits- und Werkzeugspuren im Streblgang. Mit einem der modernsten Scanner, den es derzeit gibt, wurde ein 6 m langer Gangabschnitt gescannt, um an genaue Resultate und Datensätze in Bezug auf Werkzeugbewegungen, Eindringtiefe und Arbeitsverlauf an den Stollenwänden zu gelangen.

Abb. 64 Dies ist der Scanner 100 HSX der amerikanisch-englischen Firma Surphaser®, der bei der Untersuchung des Streblganges zum Einsatz kam. Allein an dem mit über 172 Millionen Messpunkten gescannten Gangprofil ist die Genauigkeit der vermutlich im prähistorischen Zeitraum durchgeführten Arbeiten eindeutig erkennbar. Pro Gangmeter sind dies etwa 30 Millionen Scanpunkte, die eine extrem hohe Messgenauigkeit im Millimeterbereich ermöglichen und so auch klare Aussagen über die Entstehung und Bearbeitung dieses Ganges zulassen!
Durch Mikrosondenanalyseauswertungen der Eisenspäne wissen wir heute, dass es sich nicht um natürliche im Gestein vorkommende Eisenreste (= Eisenoxid) handelt, sondern um Eisen, das – von wem und wann auch immer – technisch hergestellt worden ist! Es ist eine Legierung aus Fe (Eisen), O (Sauerstoff), Mn (Mangan), Al (Aluminium), Si (Silicium), K (Kalium), Ca (Calzium), Ti (Titan) und Cr (Chrom). In einer Probe war zusätzlich noch Mo (Molybdän) enthalten. (Abb. 69) Und diese Proben stammten aus einem Felsgang, der vermutlich vor über 10.000 Jahren aus dem Gestein geschrämt worden ist! Dies kann durch den dem Felsgang vorgebauten Trockenmauergang, die über 10 m lange Verwitterungszone im Eingangsbereich und die stark verwitterten Arbeitsspuren im Gang selbst einwandfrei belegt werden. Betrachtet man diese Fakten distanziert, so muss man sich eingestehen, dass hier etwas mit unserer Kenntnis vom frühen Vorkommen von Eisen in den vergangenen Kulturräumen nicht stimmen kann! Die Frage, die in diesem Zusammenhang gestellt werden soll, ist: Was stimmt da nicht? Hatte es schon vor der Eisenzeit Eisenwerkzeuge in der Steinzeit gegeben? Wir können derzeit noch keine Antworten darauf geben, sind aber zuversichtlich, bald welche zu bekommen.
Abb. 65 Mit einer fast unheimlich anmutenden Präzision wurden die Gangwände bearbeitet und die Regelmäßigkeit des Gangprofiles sticht hervor. Die Abweichungen der Schrämtiefen konnten mit einer Differenz von nur 12 bis maximal 20 mm auf der gesamten Scanlänge des Ganges dokumentiert werden. Es wurde der Hohlraum exakt gleichmäßig an beiden Seiten aus dem Gestein herausgefräst bzw. -geschrämt. Für jedermann ist sofort erkennbar, dass hier keinerlei grobe Abweichungen im Profil des Ganges und auch keine maßgeblich durch Schicht- oder Kluftflächen begünstigte Ausbrüche, wie sie auf jeden Fall bei Arbeiten mit Hammer und Meißel entstanden wären, vorhanden sind.
Abb. 66 Diese Abbildung zeigt den 6 m langen gescannten Abschnitt des Streblganges in der Draufsicht, während die rechte Seite wie mit einem Lineal gezogen erscheint, zeigt die linke Gangseite kaum merkbare Abweichungen auf.
Ebenso interessant ist auch das Phänomen der unterirdischen Schottergänge in der Oststeiermark, die bereits seit Jahrhunderten bekannt sind und in einigen alten Überlieferungen bzw. Ortschroniken auch Erwähnung gefunden haben, jedoch nicht als Schottergänge, sondern als unterirdische Gänge mit verschiedenen sekundären Funktionen (Zuflucht, Bergbau u. a.) zu den unterschiedlichsten Zeiträumen. Das ursprüngliche Aussehen der Gänge und der eigentliche Zweck ihrer Errichtung sind heute nicht mehr bekannt, da Decken- und Wandteile oft massiv nachbearbeitet worden oder durch Verwitterung ausgebrochen sind. In den letzten 150 Jahren wurde nachweisbar oftmals Schotter als Baumaterial aus den Stollen gewonnen, indem man die Wand- und manchmal auch die Deckenteile abgekratzt und das so gewonnene Lockermaterial mit Schiebetruhen oder Kübeln ans Tageslicht befördert hatte. Für diese Tätigkeiten gibt es vereinzelt noch Zeitzeugen.
Abb. 67 Leicht nach rechts gekippter 42 x 50 cm großer Deckenausschnitt mit Werkzeugspuren, um deren Verlauf an der linken Deckenseite ungekürzt darstellen zu können. Erstaunlich ist, dass trotz der Rundung der Decke bei den Rillen nur Abweichungen von maximal 14 mm über den gesamten dargestellten Bereich vorkommen. Sehr schön sind auch die bis zu 40 cm langen, ohne Unterbrechung durchgehenden Spuren im linken Bildteil erkennbar, wo am oberen Ende die Werkzeugspitzen (1–3) im Gestein hängen geblieben sind. Es laufen meist drei Spuren parallel zueinander. Wäre die Bearbeitung mit Hammer und Meißel erfolgt, müssten alleine in diesem Bildausschnitt Hunderte Schlagmarken vorhanden sein, weil ja bei jedem Schlag der Meißel im Fels steckenbleibt. Diese fehlen aber!
Abb. 68 Ein 40 x 40 cm großer geschwenkter Ausschnitt der linken Wandseite des Stollens. Auch hier ist die Präzisionsarbeit gut zu kennen. Mit nur 12 mm Differenz im gesamten Bildabschnitt liegen die ebenfalls etwa 40 cm langen Werkzeugspuren leicht gebogen nebeneinander verlaufend an der Wand und bilden so eine fast gleichmäßige Fläche.
Abb. 69 Mit dem Rasterelektronenmikroskop durchgeführte Aufnahme eines abgebrochenen Eisenspans aus den Wandrillen im Streblgang. Das Eisen ist durch die Resultate einer Mikrosondenanalyse nachweisbar nicht natürlichen, sondern technischen Ursprungs. Es ist eine Legierung aus Fe (Eisen), O (Sauerstoff), Mn (Mangan), Al (Aluminium), Si (Silicium), K (Kalium), Ca (Calzium), Ti (Titan) und Cr (Chrom). In einer Probe war zusätzlich noch Mo (Molybdän) enthalten.
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