Читать книгу: «Alles für Allah»
Nina Scholz
Heiko Heinisch

Wie der politische Islam unsere Gesellschaft verändert

INHALT
COVER
TITEL
AUFTAKT: EINE BESTANDSAUFNAHME
DIE ISLAMISTISCHE HERAUSFORDERUNG
POLITISCHER ISLAM: SEINE URSPRÜNGE UND SEIN SELBSTVERSTÄNDNIS
Ein Brief an den IS
WAS IST POLITISCHER ISLAM?
Islamische Unduldsamkeit
ISLAMISMUS – GESCHICHTE UND GEGENWART
DIE ISLAMISIERUNG DER ISLAMISCHEN WELT
DER WEG NACH WESTEUROPA
DER MARSCH DURCH DIE INSTITUTIONEN
ISLAMISTISCHE GRÜNDERZEIT IN EUROPA
Ein eigener Fatwa-Rat für Europa
Rein in gesellschaftspolitische Bewegungen
Rein in die Parteien
SOZIALES ENGAGEMENT ALS MITTEL DER BEEINFLUSSUNG
IDENTITÄTSPOLITISCHE DISKURSE
MUSLIMIFIZIERUNG – GEWOLLT UND UNGEWOLLT
„Hausmuslime“
OPFERDISKURSE
DIE IDEOLOGIE DER GEWALT
HAT DER TERROR MIT DEM ISLAM ZU TUN?
MUSLIME ALS OPFER ISLAMISCHER AGITATION
MIT ISLAMISTEN GEGEN DEN TERROR?
MEINUNGSFREIHEIT
GEWALT ALS MITTEL DER EINSCHÜCHTERUNG
„RELIGIÖSE GEFÜHLE“
KAMPFBEGRIFF ISLAMOPHOBIE
ANTISEMITISMUS
ANTISEMITISMUS IN DER ISLAMISCHEN WELT
Originär islamische Judenfeindschaft
„Schutzbefohlene“ – eine lange Geschichte
FEHLENDES GESCHICHTSBEWUSSTSEIN
MORAL- UND EHRVORSTELLUNGEN: GESCHLECHT ZÄHLT
MORALVORSTELLUNGEN IM GEPÄCK
DAS KOPFTUCH – AUSHÄNGESCHILD DES POLITISCHEN ISLAM
TRENNUNG DER GESCHLECHTER
PARALLELGESELLSCHAFTEN
PARALLELJUSTIZ
RAN AN DIE KINDER!
Ein islamistisches Lehrstück
Koranschulen
Religiöse Konflikte in der Schule
Erziehung zur Segregation
AUSSICHTEN UND EINSICHTEN
INTEGRATION STATT SEGREGATION
DIE FREIE GESELLSCHAFT VERTEIDIGEN
RELIGIONSFREIHEIT UND MENSCHENRECHTE GELTEN FÜR ALLE
ANMERKUNGEN
IMPRESSUM
AUFTAKT: EINE BESTANDSAUFNAHME
„Es gibt keinen Islam und Islamismus.
Es gibt nur einen Islam.
Wer etwas anderes sagt, beleidigt den Islam.“
Recep Tayyip Erdoğan, 2008
Wir haben ein Problem mit dem islamischen Mainstream. Dieses „Wir“ umfasst alle, die – unabhängig von Herkunft und Religionszugehörigkeit – in einer freien, pluralistischen und demokratischen Gesellschaft leben wollen. In den vergangenen 40 Jahren ist innerhalb des Islam eine politische Bewegung herangewachsen, die, auf ältere islamische Konzepte zurückgreifend, im Islam ein ganzheitliches Programm sieht, das den einzelnen Menschen sowie Staat und Gesellschaft von Grund auf bestimmen soll. Diese Entwicklung, die der syrische Islamwissenschaftler Aziz Al-Azmeh als „Islamisierung des Islam“ bezeichnete, hat längst auch die muslimischen Communitys außerhalb der islamischen Welt erreicht. Das vorliegende Buch geht diesen Entwicklungen in Europa, insbesondere in Österreich und Deutschland, nach.
Eine wachsende konservative Bewegung innerhalb des Islam stellt die Werte der europäischen Aufklärung und die pluralistische Gesellschaft infrage, betrachtet sie als Zumutung, als Kränkung und als Angriff auf ihre Identität. Anhänger dieser Strömung wollen zwar in Europa leben, aber nicht als Teil der europäischen Gesellschaft, sondern als nach eigenen Regeln lebende Community.
Im Verbund mit islamistischen Organisationen, Islam-Lobbyisten und -Lobbyistinnen zwingen sie so westlichen Gesellschaften jenen Kulturkampf auf, der seit den 1970er-Jahren in der islamischen Welt tobt und diese in eine Krise geführt hat, deren Ausmaß noch nicht absehbar ist. Sie erzwingen im Namen der Religionsfreiheit eine permanente Debatte über den Islam, über religiöse Anliegen und Forderungen, indem sie die Gesellschaft, in der sie leben, immer wieder mit den Regeln und Moralvorstellungen des Islam konfrontieren. Gleichzeitig versuchen sie, jede kritische Debatte über islamische Vorstellungen und die in Europa tätigen Islamverbände zu unterbinden und als rassistisch und „islamophob“ zu diskreditieren. Letztlich geht es ihnen darum, dem Islam eine exklusive Stellung in der Gesellschaft zu verschaffen und für fundamentalistische Communitys Freiräume für ein Leben nach streng islamischen Regeln durchzusetzen. Einem polarisierenden Weltbild folgend, das die Welt in Muslime und „Ungläubige“ einteilt, ziehen sie eine klare Grenzlinie zwischen die Menschen.
Diese Debatten und Auseinandersetzungen sind für europäische Gesellschaften relativ neu, während sie die islamische Welt schon sehr lange beschäftigen. In nahezu allen islamischen Ländern hat eine puritanische islamische Strömung gesellschaftliche Hegemonie erlangt. Wir haben es letztlich mit einer globalen politischen Bewegung zu tun, die von diversen Organisationen und Staaten (vor allem Saudi-Arabien, Katar, Türkei und Iran) getragen wird, die sich oft genug gegenseitig bekämpfen, aber in ihren Utopien Übereinstimmungen aufweisen.
Im Kern laufen diese Utopien auf eine Gesellschaft hinaus, die sich islamischen – als göttlich imaginierten – Regeln unterwirft. Islamisten träumen von einer unter einem Kalifat geeinten idealen islamischen Weltgemeinschaft, von „der Herrschaft Gottes in der ganzen Welt“1, oder, weniger poetisch ausgedrückt, von der Weltherrschaft. Yusuf al-Qaradawi, der Chefideologe der Muslimbruderschaft und wohl einflussreichste Fernsehprediger der arabischsprachigen Welt, offenbarte bereits vor einem Jahrzehnt unverblümt, was in Europa lebende und wirkende Proponenten des politischen Islam antreibt: „Ich erwarte, dass der Islam Europa erobern wird, ohne zum Schwert oder zum Kampf greifen zu müssen – mittels Dawa [Missionierung, Anm.] und durch die Ideologie. Die Muslime müssen zu handeln beginnen, um diese Welt zu erobern.“2
Die Kraft islamistischer Überzeugungen wird von vielen unterschätzt, obwohl die Geschichte reich an Beispielen ideologischer Verblendung, dem Glauben an das vermeintlich „Richtige und Wahre“ und dem daraus resultierenden Eifer ist. Wir brauchen uns nur den Nationalsozialismus, die Beseeltheit seiner Anhänger, die Begeisterung unzähliger Frauen und Männer vor Augen halten, von denen sich allzu viele zu allem bereitfanden. Oder den Fanatismus der Kommunisten unter Stalin, die Verfolgung von Dissens und den Gulag für eine historische Notwendigkeit hielten. Sie alle waren überzeugt, das Richtige zu tun und für eine gerechte Sache zu kämpfen, die am Ende der ganzen Welt zum Heil gereichen sollte.3 Ihre Ideologen meinten, was sie sagten, und ihre Anhänger haben versucht, die Welt in diesem Sinne zu gestalten. Wir sollten davon ausgehen, dass auch die islamistischen Ideologen ernst meinen, was sie sagen, und dass ihre Anhänger ebenso beseelt sind von der Idee, das „gute und richtige Leben“ in die Welt zu tragen. Sie glauben, im Wortsinn, „Alles für Allah“ zu tun. Mit dem Islamismus ist eine neue totalitäre Ideologie in Europa angekommen, die in muslimischen Communitys wachsenden Zuspruch erhält, andererseits jedoch ihre vehementesten Gegnerinnen und Gegner unter denjenigen findet, die selbst oder deren Vorfahren aus islamischen Ländern stammen.
› Europa befindet sich in einer historisch neuen Situation.
Nach langem Ringen hatten westeuropäische Gesellschaften zu einem Konsens des religiösen Friedens gefunden. Dieser Konsens wird durch fundamentalistische Muslime infrage gestellt, die in ihrer Religion nicht alleine eine Anleitung zur persönlichen Lebensführung sehen, sondern ein Regelwerk aus Geboten und Verboten, die gesellschaftlich durchgesetzt werden und dem Islam eine privilegierte Stellung verschaffen sollen. Hinzu kommen extrem patriarchale, gewaltbegünstigende Traditionen innerhalb muslimischer Communitys, die, ob religiösen Ursprungs oder nicht, gegen die Menschenrechte verstoßen, Autoritarismus, der sich auch in Erziehungsmethoden niederschlägt, daraus resultierende Gewaltaffinität, Kompromisslosigkeit und tradierte Frauen verachtende Moral- und Ehrvorstellungen. Diese im heutigen Europa ungewohnte Erfahrung stößt keineswegs nur bei ressentimentbeladenen Teilen der Bevölkerung auf Befremden, Misstrauen und Angst vor religiöser Unduldsamkeit, Intoleranz und Gewalt. Vor ihrer Ausbreitung fürchten sich auch Angehörige anderer Einwanderergruppen und alle Muslime, die es schätzen, frei von Bevormundung durch Tradition oder Religion leben zu können.
Die Gesellschaft scheint in dieser Frage gespalten, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass das Erkennen von Veränderungen immer auch von der eigenen Lebensrealität abhängt: davon, in welchem Viertel man lebt, in welche Schule die Kinder gehen, welcher gesellschaftlichen Schicht man angehört – kurz gesagt, davon, inwieweit man von den Veränderungen, die der fundamentalistische Islam mit sich bringt, persönlich betroffen ist. So werden die Diskussionen mit Menschen aus Stadtvierteln, deren Kinder in „Problemschulen“ von religiösen Peergroups unter Druck gesetzt werden, anders verlaufen als solche mit Eltern, deren Kinder Privatschulen oder angesehene öffentliche Schulen besuchen und die solchen Konflikten bislang aus dem Weg gehen konnten.
„Tun wir nicht länger so, als stünde kein rosa Elefant im Raum. Er geht nicht weg, wenn wir ihn ignorieren“, schreibt die Schweizer Politikwissenschaftlerin Elham Manea am Ende ihres jüngsten Buches „Der alltägliche Islamismus“.4 Streng islamische Lebens- und Gesellschaftsvorstellungen beeinflussen seit etwa zwei Jahrzehnten zunehmend unser Zusammenleben. Auf die Frage, wie wir als Gesellschaft auf religiös motivierte Forderungen reagieren, auf Moscheen und Koranschulen, in denen zur Segregation vom Rest der Bevölkerung aufgerufen wird, auf islamistische Organisationen und auf Hassprediger, haben Gesellschaft und Rechtsstaat bislang keine angemessene Antwort gefunden. Diesen Problemen, die sowohl rasche Konsequenzen erfordern als auch eine langfristige Strategie, gehen viele politische Entscheidungsträger nach wie vor aus dem Weg; sei es aus Naivität, aus Wunschdenken oder aus wahltaktischem Kalkül.
Die massive Migration aus islamischen Ländern ist ein Novum in der modernen europäischen Einwanderungsgeschichte, obwohl gerade Österreich eine lange Migrationsgeschichte vorzuweisen hat. Spätestens seit 1848 strömten immer mehr Menschen aus verschiedensten Teilen der Habsburgermonarchie in die Hauptstadt Wien, was angesichts der Tatsache, dass damals halb Mitteleuropa zum Habsburgerreich gehörte, zu einem bunten Gemisch aus Menschen verschiedenster Völker führte. Ein echter Wiener ist, wer mindestens eine tschechische Großmutter oder einen ungarischen Großvater hat, behaupten manche. Gängige Familiennamen wie Novak, Swoboda, Novotny oder Horvath legen Zeugnis davon ab.
Auch in Deutschland gab es ähnliche Entwicklungen: Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wanderten circa 500.000 Polen ins Ruhrgebiet ein und stellten dort binnen weniger Jahrzehnte rund 15 Prozent der Bevölkerung. Zwar kam es, wie bei jeder Einwanderung größerer Gruppen, auch hier zu Verwerfungen und Konflikten, aber nach zwei Generationen waren sie bestens integriert. An die Geschichte der polnischen Einwanderung ins Ruhrgebiet erinnern heute nur noch die deutschen Orlowskis, Schimanskis und Kowalskis. Sie waren gekommen, weil sie ein besseres Leben suchten, und die meisten von ihnen waren dem Land gegenüber positiv eingestellt.
Das scheint für einen nicht unerheblichen Teil der Einwanderer aus islamischen Ländern, auch im Unterschied zu anderen aktuellen Einwanderungsgruppen, aber nicht der Fall zu sein, denn im Gegensatz zu diesen bringen viele von ihnen eine Ideologie mit, die in Widerspruch zu der Gesellschaft steht, in die sie einwandern. Wie sollen wir auf Menschen reagieren, die zwar in europäischen Ländern leben wollen, aber die westliche Gesellschaft als unmoralisch und sündhaft verachten und als Gefahr für ihre Kinder betrachten? Was bedeutet die steigende Zuwanderung aus kollektivistischen Gesellschaften jener Länder, die von islamistischen Vorstellungen geprägt sind und in denen der Einzelne und seine Würde eine untergeordnete Rolle spielen, für Europa? Es ist illusorisch, anzunehmen, die Neuankömmlinge würden der Strahlkraft von Freiheit und Selbstbestimmung erliegen, wenn sie ihnen nur gut genug erklärt würde. Das ist nicht nur eine sträfliche Unterschätzung der Macht von Ideologien, es nimmt auch andere und ihre Überzeugungen vom „guten und richtigen Leben“ nicht für voll, sondern hält diese für bloß vorübergehende Erscheinungen.
Der politische Islam ist angetreten, die Gesellschaft nach seinen Vorstellungen umzugestalten. Von den Veränderungen, die er für unsere Gesellschaft mit sich bringt, handelt dieses Buch. Darüber hinaus gibt es einen Überblick über die wichtigsten Akteure und ihre Strategien. Die alte Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, stellt sich angesichts eines neuen religiösen Totalitarismus mit aktueller Dringlichkeit. Es geht um nichts Geringeres als einen Gesellschaftsvertrag, der das friedliche und den individuellen und voraussetzungslosen Menschenrechten verpflichtete Zusammenleben der Menschen weiterhin gewährleisten kann.
DIE ISLAMISTISCHE HERAUSFORDERUNG
„Nicht der Koran muss mit der Demokratie verträglich sein, sondern umgekehrt, die Demokratie muss mit dem Koran vereinbar sein.“
Der Imam einer Moschee der Türkischen Föderation in Wien, 20175
In den vergangenen 40 Jahren ist es fundamentalistischen Strömungen in nahezu allen mehrheitlich islamischen Ländern gelungen, ihre Auslegung der Religion in die Mitte dieser Gesellschaften zu tragen und diese Lesart zum Mainstream zu machen. Diese Veränderung hat auch Auswirkungen auf muslimische Communitys in Europa. Während diese Entwicklung bis vor wenigen Jahren nur in kleinen Zirkeln zur Kenntnis genommen wurde, sprechen inzwischen auch Politik und Medien immer häufiger vom „politischen Islam“. Der Begriff hat sogar Eingang in das Regierungsprogramm der türkis-blauen Koalition in Österreich gefunden. Unter der Überschrift „Kampf dem politischen Islam“ findet sich dort ein eigenes Kapitel, das unter anderem strafgesetzliche Bestimmungen gegen den politischen Islam ankündigt.6
Man gewinnt jedoch den Eindruck, dass weder Politik (quer durch alle Parteien) noch Medien eine adäquate Vorstellung vom Phänomen politischer Islam oder Islamismus haben. Das mag der Tatsache geschuldet sein, dass es sich hierbei um eine für Europa vergleichsweise neue Gegebenheit handelt. Analyse und Faktenwissen hinken den Ereignissen und der öffentlichen Debatte hinterher. Nicht nur der islamistische Terror, sondern die vielen, dem alltäglichen Islamismus geschuldeten sichtbaren Veränderungen treiben heute immer mehr Menschen in europäischen Ländern um, ohne dass die Politik bislang eine hinreichende Antwort auf diese Herausforderung gefunden hätte.
Mit dem Begriff Islamismus verbinden die meisten vermutlich in erster Linie Bilder von Terroranschlägen aus New York, Madrid, Istanbul, Paris, London, Berlin und unzähligen anderen Städten der Welt; Berichte über die Gräueltaten des „Islamischen Staats“, von Sklavenmärkten, auf denen jesidische Frauen und andere Gefangene verkauft werden, und von bärtigen Männern, die schwer bewaffnet und die schwarzen Flaggen mit weißem Aufdruck des Glaubensbekenntnisses schwenkend laut Allahu Akbar („Gott ist am größten“) in die Kameras schreien. Der gewalttätige Islamismus, oft auch mit dem Begriff Dschihadismus beschrieben, stellt jedoch nur die sichtbare Spitze des Eisberges dar.
› Längst haben sich gewaltfrei und legalistisch vorgehende Islamisten auf den Weg gemacht, die Gesellschaft zu transformieren.
Während der Dschihadismus in Europa in Gestalt sogenannter Gefährder und ihrer Sympathisanten ein sicherheitspolitisches Problem darstellt, ist die Herausforderung durch legalistische islamistische Kräfte eine mindestens ebenso große, wenn nicht größere gesellschaftspolitische Aufgabe. Neben der dschihadistischen Szene hat sich eine vielfältige Bewegung etabliert, die Propaganda in islamische Communitys hineintragen will und damit durchaus erfolgreich ist. Auch wenn Letztere den dschihadistischen Weg als fehlgeleitet betrachten, stellen ihre politischen Ziele eine Gefahr für Demokratie und Pluralismus dar, ähnlich wie andere gewaltfreie extremistische Vorstellungen auch. Als warnendes Beispiel für den islamistischen Gang durch die Institutionen und eine Islamisierung von Staat und Gesellschaft unter Ausnutzung des demokratischen Rechtsstaats kann die Türkei gelten, wie im folgenden Kapitel noch ausgeführt wird.
POLITISCHER ISLAM: SEINE URSPRÜNGE UND SEIN SELBSTVERSTÄNDNIS
Als Islamismus im eigentlichen Sinne wird eine moderne politische Strömung innerhalb des Islam bezeichnet, die 1928 mit der Gründung der Muslimbruderschaft in Ägypten die Bühne betrat. Politischer Islam und Islamismus sind Begriffe, die in der wissenschaftlichen wie allgemeinen Debatte meist synonym verwendet werden. Mit ihnen wird das Phänomen einer auf dem Islam basierenden politischen Ideologie bezeichnet. Dieses Phänomen ist keine Erfindung von „Islamfeinden“, wie von manchen ins Feld geführt wird. Es waren vielmehr die Väter des Islamismus selbst, die den Islam als eigenständiges politisches Konzept definierten.
Für den Gründer der Muslimbruderschaft, Hasan al-Bannā (1906–1949), war der Weg des Westens von ökonomischen Krisen und aufsteigenden Diktaturen geprägt. Damit meinte er sowohl die westlichen Demokratien als auch Faschismus und Kommunismus. Dem gegenüber sah er im Weg des Islam eine historisch bewährte und eigenständige politische Alternative. Al-Bannā begriff den Islam keineswegs als rein spirituellen Rahmen, sondern definierte ihn, islamischer Ideengeschichte folgend, als politisch-religiöses Konzept, das die Grundlage der idealen Gesellschaft und des idealen Staates bilden und alle Bereiche derselben umfassen müsste. Um sich von ihren säkular eingestellten Gegnern abzugrenzen, haben in der Folge verschiedenste Gruppen sich selbst als „Islamisten“ (islamiyun) bezeichnet7 und von der islamischen Erweckung (Sahwa) gesprochen.
Einen einheitlichen Islamismus gibt es nicht, aber wie bei anderen Phänomenen gibt es natürlich bedeutungsunterscheidende Merkmale, die es uns erlauben, sie von anderen abzugrenzen und ihr Wesen zu erfassen und zu definieren. Wir haben es beim Islamismus, wie bei jeder anderen größeren politisch-ideologischen Bewegung auch, mit einem Spektrum von verschiedensten Organisationen zu tun. Dazu zählen staatlich-islamische Akteure ebenso wie transnationale und nationale Organisationen, die bei all ihren Unterschieden eine Idee eint: die Umgestaltung von Staat und Gesellschaft nach islamischen Regeln. Das islamistische Spektrum reicht von dschihadistischen Organisationen wie dem IS oder al-Qaida, die sich als internationale Organisationen begreifen und teilweise weltweit als eine Art Franchisesystem funktionieren, bis hin zu legalistischen, also sich im Rahmen der jeweiligen staatlichen Gesetze bewegenden Organisationen. Zu Letzteren zählt etwa die DMG („Deutsche Muslimische Gemeinschaft“) – ehemals IGD („Islamische Gemeinschaft in Deutschland“) –, die nach Einschätzung des deutschen Verfassungsschutzes als wichtigste Organisation von Anhängern der Muslimbruderschaft gilt, die versuche, im gesellschaftlichen und politischen Bereich Einfluss zu nehmen.8
Ein weiterer islamistischer Player des legalistischen Spektrums ist die türkische, neo-osmanisch ausgerichtete Millî-Görüş-Bewegung („Nationale Sicht“), die in Deutschland ebenfalls vom Verfassungsschutz beobachtet wird.9 Sie arbeitet eng mit der Muslimbruderschaft zusammen. Aus der Millî-Görüş-Bewegung stammt der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan. Er vertritt als politischer Ziehsohn des Gründers Necmettin Erbakan (1926–2011) nach wie vor die Ideologie der Bewegung. Von Beginn seiner politischen Karriere an verfolgte er einen Islamisierungskurs entgegen dem in der Türkei herrschenden Kemalismus. Dieser Kurs zeichnete sich schon nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister von Istanbul (1994 bis 1998) ab, als er verlautbarte, man könne nicht gleichzeitig laizistisch und Muslim sein. Unmittelbar nach seinem Amtsantritt wurde der Alkoholausschank in städtischen Gastronomiebetrieben eingestellt. Seine Absicht, gesonderte Badezonen für Frauen und nach Geschlechtern getrennte Schulbusse einzuführen, stieß jedoch auf zu großen Widerstand. Erdoğan hat aus seiner Einstellung und seinen Zielen nie einen Hehl gemacht und sie bei aller notwendigen Taktik konsequent verfolgt, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollten und ihn aus verschiedenen Motiven als demokratischen Erneuerer begrüßten. Daher verwundert es nicht, dass sich unter seiner Ägide nach und nach auch die staatliche türkische Religionsbehörde Diyanet mit ihren Ablegern in sämtlichen Ländern, in die türkische Musliminnen und Muslime ausgewandert sind (in Österreich unter dem Namen ATIB, in Deutschland unter DITIB bekannt), zu einer islamistischen Organisation entwickelt hat.
› Dschihadismus und gewaltfreier legalistischer Islamismus unterscheiden sich in erster Linie in ihren Methoden und in der konkreten Ausformulierung ihrer Ziele und nicht so sehr in den Grundzügen ihrer Ideologie.
Während die einen zur Waffe greifen, um ihre Utopie gewaltsam herbeizuzwingen, haben sich die anderen auf den berühmten „Marsch durch die Institutionen“ begeben. Sie sind heute in politischen Parteien und NGOs vertreten, arbeiten in den europäischen Ländern, in denen sie leben, mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Stellen zusammen und beginnen, sich in eigenen politischen Parteien zu organisieren.
Ein zentrales Anliegen islamistischer Organisationen ist eine gesellschaftliche Sonderstellung des Islam, die mit einer Teilhabe am demokratischen System bei gleichzeitiger Segregation von der Mehrheitsgesellschaft einhergeht. Was auf den ersten Blick verwirrend erscheint, macht aus islamistischer Logik durchaus Sinn. Freiräume für konservativ-islamische Communitys, innerhalb derer nach islamischen Regeln gelebt werden kann, lassen sich in einem demokratischen System zunächst nur nach demokratischen Regeln erreichen, in der Hoffnung, irgendwann über jene politischen Mehrheiten zu verfügen, die es erlauben, die Regeln selbst zu ändern. Erdoğan hat diese Strategie in einer Wahlkampfrede im Jahr 1998 mit einem Zitat aus dem mittlerweile berühmten Gedicht des türkischen Dichters und Politikers Ziya Gökalp (1876–1924) auf den Punkt gebracht: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufspringen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“
Die verschiedenen islamistischen Strömungen weisen neben unterschiedlichen Methoden, wie dieses Ziel zu erreichen sei, natürlich auch eine ganze Menge ideologischer Differenzen auf. Selbst innerhalb einer Organisation treten immer wieder Richtungskämpfe zutage. Dieses Phänomen ist allen größeren politischen Bewegungen eigen, wenn man etwa an die Bolschewiki und ihre internen Richtungskämpfe nach Lenins Tod denkt.
Ein Brief an den IS
Unabhängig von ihrer Einstellung zu Gewalt und Terror eint alle islamistischen Organisationen der Wunsch, Staat und Gesellschaft nach islamischen Regeln umzugestalten und eine ideale islamische Weltgemeinschaft zu errichten. Im sunnitischen Islam ist diese Utopie eng mit jener der Wiedererrichtung des Kalifats als Führung der islamischen Gemeinschaft verbunden. Die schiitisch-iranischen Islamisten hingegen glauben an die Wiederkehr des seit über 1000 Jahren in der Verborgenheit lebenden 12. legitimen Imams, Muhammad ibn al-Hasan al-Mahdī, der schon jetzt offizielles Staatsoberhaupt im Iran ist. Die Mullahs begreifen sich als seine Stellvertreter, bis zu dem Tag, an dem er wiederkehrt und die Weltherrschaft antritt.
Seit Mustafa Kemal Atatürk im Jahr 1924 im Zuge der Konstituierung der Türkei als moderner Nationalstaat das Kalifat abschaffte, ist dessen Wiedererrichtung das Ziel sunnitischer islamistischer Bewegungen jeglicher Couleur. Schon der Gründer der Muslimbruderschaft, Hasan al-Bannā, hatte eben dieses Ziel vor Augen, als er vier Jahre nach der Abschaffung des Kalifats die Bewegung gründete. Auf die Schriften al-Bannās beziehen sich sunnitische Islamisten weltweit. Darin wird nichts Geringeres behauptet als eine im Koran festgeschriebene Vorherrschaft und Souveränität der Muslime über die ganze Welt. Diese postulierte Weltherrschaft wird zur edlen Vormundschaft idealisiert. Pflicht jedes einzelnen Muslims sei es, für den Islam in den Dschihad zu ziehen.10
Dass diese Haltung weitgehend Konsens unter islamischen Gelehrten ist, zeigt nicht zuletzt der berühmte offene Brief, mit dem sich 2014 über 120 der führenden sunnitischen Gelehrten an den Anführer des IS und selbst ernannten Kalifen, Abu Bakr al-Baghdadi, gewandt hatten. Die der IS-Ideologie zugrundeliegende theologische Position zum Dschihad wird darin nicht grundsätzlich zurückgewiesen, der kriegerische Dschihad nicht infrage gestellt. So heißt es zunächst: „Tatsächlich ist es so, dass du und deine Kämpfer furchtlos seid und ihr bereit seid, euch mit der Absicht des Dschihad zu opfern. Keine aufrichtige Person, welche die Geschehen beobachtet – ob Freund oder Feind –, kann dies ablehnen.“ Der Dschihad sei allerdings nur berechtigt, wenn „die rechten Gründe, die rechten Ziele“ und „das rechte Benehmen“ dafür gegeben seien und er sich nicht gegen Muslime richte. 11 Der IS wird abgelehnt, weil diese Voraussetzungen nicht vorlägen und es sich daher nicht um Dschihad, sondern lediglich um „Kriegstreiberei und Kriminalität“ handele. In der Auseinandersetzung geht es also nur darum, unter welchen Bedingungen und zu welchem Zeitpunkt das Vorgehen richtig wäre.
Der Brief dieser Gelehrten wurde von Vertretern europäischer Islamverbände als wichtiges innerislamisches Zeichen gegen den Terror gepriesen. Auf der Website der „Islamischen Gemeinschaft in Deutschland“ (jetzt DMG) etwa war zu lesen: „Gelehrte der ganzen Welt haben inzwischen in aller Deutlichkeit die Machenschaften von ISIS verurteilt und mit Belegen aus der Lehre des Islam untermauert. Selten gab es so eine einhellige Meinung.“12 Ein Redakteur der ZEIT, Yassin Musharbash, lobte in einem Artikel die „islamischen Argumente gegen den Islamischen Staat“.13 Der Brief ist jedoch vor allem ein eindrucksvoller Beleg für die Übereinstimmung von legalistischen und dschihadistischen islamischen Gruppen und Gelehrten in Bezug auf die Grundlagen des Glaubens und die grundsätzliche Verbindung von Islam und Politik.
Der Brief befasst sich aus aktueller islamischer Perspektive mit zahlreichen weiteren Details. Zur Veranschaulichung mögen noch zwei Beispiele dienen: Körperstrafen werden nicht abgelehnt, sie seien vielmehr „gemäß islamischem Recht zweifellose Pflichten“, die allerdings an ein „klares Prozedere“ gebunden seien. Dem IS wird vorgeworfen, sich nicht daran zu halten. Die Gelehrten kritisieren ihn dafür, dass er grundlos Muslime zu Nichtmuslimen und damit zu Abtrünnigen erkläre und daraus für sich das Recht ableite, sie zu töten. Man könne Muslime nur zu Nichtmuslimen erklären, wenn diese „offenkundig den Unglauben kundgetan haben“. Das bedeutet letztendlich, dass ein Muslim, der beschließt, dem Islam den Rücken zu kehren, zu konvertieren oder nicht mehr an Gott zu glauben und das öffentlich kundtut, auch nach Meinung dieser 120 Gelehrten verfolgt und hingerichtet werden kann. In den Ländern, in denen Scharia-Recht gilt, ist genau das auch der Fall. Wir haben hier also einen innerislamischen Streit um den Weg, nicht aber um das Ziel vor uns.
Der aufgeschlossene frühere kuwaitische Kommunikationsminister Saad bin Tafla al Ajami schrieb 2014 in einem kritischen Artikel mit dem Titel „Wir alle sind ISIS“, der IS sei das Produkt eines fundamentalistischen Diskurses, der die islamische Welt seit Jahrzehnten dominiere und Intoleranz bis hin zum Hass gegenüber allem predige, was anders sei. „Die Wahrheit, die wir nicht leugnen können“, schreibt er, „lautet, dass ISIS in unseren Schulen gelernt, in unseren Moscheen gebetet, unsere Medien und religiösen Plattformen gehört, unsere Bücher und Texte gelesen hat. Sie folgen den Fatwas, die wir produziert haben.“ Der IS steigere lediglich die Ideologie des politischen Islam ins Extreme, während sich die Welt und die meisten Muslime an die „sanftere“ Variante des politischen Islam bereits gewöhnt hätten.14 Dieser „sanfteren“ Variante des Islamismus gilt das Hauptaugenmerk des vorliegenden Buches, ohne die gewalttätige aus dem Auge zu verlieren, denn die Auswirkungen von Gewalt und Terror verändern unsere Gesellschaft in nicht unerheblichem Maße und werden von legalistischen Islamisten durchaus bewusst als Faustpfand und latente Drohung eingesetzt.
› Gewaltfreier und gewalttätiger Islamismus weisen nicht nur ideologische Gemeinsamkeiten auf, sondern auch vielfältige personelle und organisatorische Verbindungen.
So dehnt sich etwa das Netzwerk der Muslimbruderschaft in beide Richtungen aus. Auf der einen Seite existiert eine mittlerweile schwer überschaubare Anzahl an Organisationen der Bruderschaft, die in Europa im Rahmen der demokratischen Möglichkeiten in verschiedensten Bereichen operieren. Die Devise lautet hier: Zerstörung der Demokratie mit den Mitteln der Demokratie – ein bislang viel zu wenig erforschtes Feld, auf dem die Islamismusexpertin Sigrid Herrmann-Marschall Pionierarbeit leistet.15 Auf der anderen Seite gab und gibt es militante Zweige der Muslimbruderschaft, wie etwa die Hamas, der palästinensische Zweig der Bruderschaft. Für Letztere wiederum werden in Europa von legal arbeitenden Organisationen des Netzwerks Spenden gesammelt. So etwa in Deutschland von der von Millî-Görüş-Mitgliedern gegründeten „Internationalen Humanitären Hilfsorganisation“ (IHH), weshalb diese im Jahr 2010 verboten wurde. Die Israelitische Kultusgemeinde in Österreich forderte die Regierung auf, mit der österreichischen Zweigstelle ebenso zu verfahren, während der Wiener SPÖ-Gemeinderat Omar Al-Rawi die türkische Dachorganisation der IHH als „Friedensaktivisten“ verteidigte.16
Im Laufe der Geschichte war immer wieder zu beobachten, dass islamistische Organisationen je nach aktuellen politischen Gegebenheiten ihre Strategie von gewaltfrei zu gewalttätig oder vice versa änderten. Auch hierfür ist die Muslimbruderschaft ein gutes Beispiel. Die ägyptische Mutterorganisation etwa durchlief während ihrer wechselvollen Geschichte Phasen der Legalität und solche der Illegalität. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit bestand und besteht aus sozialem Engagement. Man kann dieses Vorgehen durchaus als eine Art Graswurzel-Strategie bezeichnen. Für ihre Ziele greifen Teile der Muslimbruderschaft aber auch immer wieder zu Gewalt und Terror. Die Trennlinie zwischen gewaltbereiten und gewaltfreien oder gewalt-ablehnenden Islamisten ist also nicht immer eindeutig zu ziehen und oft nur eine Frage der Taktik. Auch wer den IS ablehnt und ihn theologisch und politisch bekämpft, ist nicht automatisch ein Demokrat.
WAS IST POLITISCHER ISLAM?
Im Kern ist der Islamismus antiwestlich und verspricht ein Gegenmodell zur aktuellen Weltordnung, zu Säkularismus und Demokratie. Die Kritik an der vom Westen dominierten Weltordnung vereinfacht es legalistisch operierenden islamistischen Organisationen, mit Teilen der antiwestlich ausgerichteten Linken zusammenzuarbeiten. Die Ideologie des Islamismus baut, vereinfacht gesagt, auf folgenden Prämissen auf:
• Einteilung der Welt in „Gläubige“ und „Ungläubige“ — in Muslime und Nicht-Muslime,
• Imagination einer idealisierten weltweiten islamischen Gemeinschaft (Umma),
•Überlegenheit des Islam gegenüber allen anderen Religionen/Weltanschauungen und Gesellschaftsvorstellungen,
• Ablehnung von liberaler Demokratie, allgemeinen Menschenrechten sowie der Trennung von Religion und Staat,
• Gleichwertigkeit von Männern und Frauen vor Gott, aber unterschiedliche Rechte und Pflichten im Diesseits,
• Opferrolle der Muslime als weltweit angegriffener Gemeinschaft.
Die Prämissen der Ideologie werden von den unterschiedlichsten islamistischen Gruppen in verschiedener Gewichtung geteilt und sind mit einer antimodernen und antiaufklärerischen Grundeinstellung verbunden, zu der auch Verschwörungstheorien gehören.
Der Islamismus kann als islamischer Puritanismus17 beschrieben werden. Er sieht in der islamischen Überlieferung von Koran, Sunna (Sammlung der Mohammed zugeschriebenen Aussprüche und Handlungen) und Prophetenbiografie (Sira) die verbindliche Grundlage für soziale Normen, die allesamt als gleichermaßen wichtig und notwendig betrachtet werden. Um in diesem Sinne ein guter Muslim, eine gute Muslimin zu sein, reicht es nicht, die traditionellen fünf Säulen des Islam zu beachten (Glaubensbekenntnis, Pflichtgebete, Almosengabe, Fasten, Pilgerfahrt), vielmehr sind alle Regeln des allgemeinen und alltäglichen Verhaltens zu befolgen. Dazu zählen etwa das Alkoholverbot, Speisevorschriften, Kleidervorschriften, Regeln für den Umgang mit Andersgläubigen, Regeln für den Umgang der Geschlechter und diverse sexuelle Restriktionen.
Diese Sichtweise will das Leben des einzelnen Menschen bis in Details hinein von religiösen, also sakralisierten Vorschriften bestimmt wissen. Diesen Vorschriften kommt dabei der gleiche Rang zu wie rituellen Vorschriften und Regeln.18 Der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann hat hierfür – wie auch für puritanische Bewegungen anderer Religionen – den Begriff „totale Religion“ eingeführt.19 Der französische Staatsrat Thierry Tuot hat das Phänomen Islamismus auf den Punkt gebracht: Islamismus sei das „öffentliche Einfordern von sozialen Verhaltensweisen, die als göttliche Gebote präsentiert werden und in den öffentlichen und politischen Raum eindringen“.20 Für viele Muslime scheint es das klar strukturierte Korsett sozialer Normen, klarer Regeln des Erlaubten und Verbotenen21 zu sein, das die Attraktivität des Puritanismus ausmacht. Er ersetzt jegliche individuelle Verantwortung sowie eigenständige Auseinandersetzung mit dem Islam. Das gute und richtige Leben, das gleichzeitig das Heil im Jenseits garantiert, besteht dann einzig in der Einhaltung eines Regelwerks.
Islamische Unduldsamkeit
Die Befolgung dieses Regelwerks wird zu einer im täglichen Leben sichtbaren Grenze zwischen Muslimen und dem Rest der Gesellschaft. Daher sind die Gebote und Verbote, die Kategorien halal und haram unverzichtbare Bestandteile des islamistischen Diskurses. Mit ihnen soll sowohl eine Grenze nach außen gezogen als auch die Gemeinschaft nach innen zusammengehalten werden. Diese Regeln erlauben es ambitionierten Muslimen, sich unter Verweis auf einige Versatzstücke aus Koran und Sunna zum Wächter über die islamische Gemeinschaft aufzuschwingen.
Besonders bekannt ist etwa der Koranvers 3:114, in dem es heißt, die rechtschaffenen Muslime „gebieten das Rechte und verbieten das Unrechte“, oft ergänzt durch ein dazupassendes Hadith: „Wer von euch etwas Schlechtes sieht, soll es durch seine Hand verbessern. Wenn er dazu nicht in der Lage ist, soll er es durch seine Zunge verbessern. Wenn er auch nicht dazu in der Lage ist, soll er versuchen, es durch sein Herz zu verbessern; und dies ist der schwächste Grad des Glaubens.“22 Das ist der Nährboden, auf dem Intoleranz, Unduldsamkeit und Bevormundung gedeihen. Sein gewaltbegünstigendes Potenzial liegt auf der Hand.
Unter diesem Einfluss verwandeln sich Heranwachsende in Glaubenshüter und Sittenwächter, die sich dazu berufen fühlen, muslimische Mitschüler und Mitschülerinnen im Ramadan zum Fasten anzuhalten, Mädchen aus muslimischen Familien, die kein Kopftuch tragen, als Schlampen zu bezeichnen, die sich wie Deutsche, Österreicherinnen etc. verhielten, und den Umgang der eigenen Schwestern und Cousinen mit dem anderen Geschlecht zu überwachen. Um eine solche Haltung an den Tag zu legen, müssen sie weder im Koran noch in anderen religiösen Schriften bewandert sein: Es geht um Prägung, um Beeinflussung durch das, was als Vorstellung vom Islam, als Geisteshaltung und Essenz in der Familie, der Nachbarschaft, in diversen Moscheen und im Herkunftsland, an dem sich viele Familien nach wie vor stark orientieren, tradiert wird.
› Die islamistische Bewegung setzt ihre Ideologie global als Mainstream immer deutlicher durch und hat die Gesellschaften in mehrheitlich islamischen Ländern zunehmend im Griff.
Das färbt selbstverständlich auch auf muslimische Gemeinden außerhalb ab. Eine „Kultur des Extremismus in muslimischen Gemeinschaften“ bringe weltweit abweichende Stimmen zum Schweigen, bemerkt die Politikwissenschaftlerin Elham Manea.23
ISLAMISMUS – GESCHICHTE UND GEGENWART
„Und wenn sie Euch sagen: ‚Da ist Politik‘, dann sagt ihnen, dass das der Islam ist und wir die Trennung in Religion und Politik nicht kennen.“
Hasan al-Bannā, Gründer der Muslimbruderschaft
Die Idee, sich auf die Vorväter, auf einen als „wahr“ und „unverfälscht“ imaginierten Islam der Anfangszeit zu beziehen, existiert spätestens seit dem 9. Jahrhundert. In der Geschichte der islamischen Welt gab es immer wieder Denker, Prediger und Herrscher, die zu einer Rückbesinnung aufriefen, um die Herrschaft des Islam zu neuer Größe zu führen. Der Islamismus im eigentlichen Sinne kann als spezifisch islamische Reaktion auf die Moderne verstanden werden, wenngleich er sich auf mittelalterliche puritanische Denker24 beruft.
Die westliche Moderne zeichnet sich, beginnend mit der Aufklärung, in erster Linie durch Individualisierung der Gesellschaft aus, das heißt durch die Herauslösung des Einzelnen aus seinen traditionellen Bindungen an Familie, Clan und Stand. Erst durch diesen Schritt wurde der Gedanke der individuellen, voraussetzungslosen Menschenrechte möglich: Rechte, die dem Einzelnen aufgrund seines Menschseins zustehen und nicht aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, einer bestimmten Religion oder seines Geschlechts. Mit der Befreiung des Individuums wurden in Gestalt politischer Ideologien aber auch jene Kräfte geboren, die das Individuum wieder in den Schoß der Kollektive zurückdrängen wollen. Die Auseinandersetzung zwischen beiden Bestrebungen ist Teil der europäischen Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte: vom jakobinischen Terror bis zu den Verbrechen der großen ideologischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts in Europa.
Am Ende des 18. Jahrhunderts brach diese Moderne jäh in die islamische Welt ein. Nach der Landung Napoleons in Ägypten (1798) eroberten die Franzosen binnen weniger Wochen das ganze Land. Drei Jahre später waren es nicht etwa der ägyptische Widerstand oder die osmanische Armee, die die napoleonischen Truppen zum Rückzug zwangen, sondern die Briten.25 Zwar gehörte Ägypten fortan wieder zum Osmanischen Reich, der Einfluss des Sultans schrumpfte jedoch zusehends. Diese drei Jahre hatten der islamischen Welt endgültig vor Augen geführt, dass sie nach eintausend Jahren erfolgreicher kriegerischer Eroberung und dem Aufbau zweier Imperien nicht mehr im Zentrum der Weltpolitik stand, sondern von aufsteigenden europäischen Mächten abgelöst und zu deren Spielball degradiert worden war.
Napoleons Siegeszug war jedoch nur das offensichtlichste Symptom des wirtschaftlichen und militärischen Niedergangs eines Imperiums, das das östliche und südliche Mittelmeer, das Gebiet vom Balkan bis nach Persien und zeitweise um das Schwarze Meer herum jahrhundertelang beherrscht hatte. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts erhoben sich zunächst die Griechen, später auch die Serben und Bulgaren. Binnen weniger Jahrzehnte hatte das osmanische Reich den größten Teil seiner europäischen Gebiete verloren. Gleichzeitig entledigten sich erste arabische Gebiete der osmanischen Hoheit. Die Schwäche der Osmanen nutzten Frankreich, England und Russland aus, um sich Teile der bislang osmanisch regierten arabischen Welt beziehungsweise weite Teile Zentralasiens und des Kaukasus einzuverleiben.
Während christlich bewohnte Gebiete des Reiches diese Entwicklung begrüßten, gerieten erstmals Millionen Muslime unter nicht islamische Herrschaft. Man kann hier aus islamischer Perspektive von einer historisch neuen Situation sprechen, die im theologisch-politischen Konzept des Islam nicht vorgesehen war. Nie zuvor mussten muslimische Gesellschaften unter nicht islamischer Herrschaft leben. Es ist leicht nachvollziehbar, dass der Verlust der Weltmachtstellung in der islamischen Welt zu einem tiefen Trauma führte.
› Diese gravierenden Veränderungen weckten den Ruf nach einer Rückbesinnung auf die als glorreich überlieferte Frühzeit des Islam, mit dem Ziel, die verloren gegangene Größe und Dominanz in der Welt zurückzugewinnen.
Es waren verschiedene islamische Denker, die als Reaktion auf diese Krise eine rückwärtsgewandte Utopie entwickelten26, die als Vorläufer der heutigen islamistischen Bewegungen betrachtet werden kann. Im 19. Jahrhundert entstanden auch die ersten modernen puritanischen Bewegungen, wie etwa die Deobandis in Indien. Letztlich liegt dem Islamismus der Versuch zugrunde, die Diskrepanz zu beseitigen, die sich aus erlebter Realität einerseits und dem Glauben an die von Gott versprochene Weltherrschaft des Islam andererseits ergab.
Neben der rückwärtsgewandten puritanischen Bewegung entwickelte sich auch eine Denkrichtung, deren Ziel Modernisierung und Weiterentwicklung war. Der albanischstämmige osmanische Vizekönig von Ägypten, Muhammad Ali, suchte den Anschluss an die europäische Moderne. Zwischen 1826 und 1831 entsandte er eine große Expedition nach Paris, mit dem Auftrag, dort Wissen zu sammeln. Darauf aufbauend modernisierte er das Land am Nil mit eiserner Hand. Einer der Teilnehmer der Expedition, der ägyptische Gelehrte Rifa’a Rafi at-Tahtawi, beschäftigte sich in seinem Reisetagebuch mit den zivilisatorischen Errungenschaften Europas und sprach sich für eine Bildungsoffensive in der islamischen Welt aus, ohne dabei die westliche Kultur zu übernehmen.27
Etwa 120 Jahre nach Napoleons Ägyptenfeldzug kam es 1924 zum zweiten traumatischen Einschnitt: die Abschaffung des Kalifats durch Mustafa Kemal Pascha (1881–1938), der später mit dem Ehrennamen „Atatürk“ bedacht wurde. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs versuchten Großbritannien und Frankreich, das verbliebene anatolische Kernland des Osmanischen Reiches zu zerstückeln, große Teile sollten an Griechenland, Frankreich, Italien und Armenien gehen. Dagegen mobilisierte Mustafa Kemal den militärischen Widerstand. Nach dem Sieg gegen die Alliierten, der die Türkei als Staat in seinen heutigen Grenzen sicherte, baute er das Land zum Nationalstaat nach europäischem Vorbild um. Das beinhaltete auch die gewaltsame Zurückdrängung des religiösen Establishments, um dessen politische Macht zu brechen. Die religiöse Gemeinschaft der Umma wurde durch eine nationalistische Identität ersetzt.
Mit der Abschaffung des Kalifats war die sunnitische Welt ihres geistigen Oberhaupts beraubt worden. Seit den Tagen Sultan Selims I., also seit mehr als 400 Jahren, hatte sich der Sitz des Kalifen in Konstantinopel/Istanbul befunden. Vier Jahre nach der Abschaffung des Kalifats gründete Hasan al-Bannā wie erwähnt in Ägypten die Muslimbruderschaft, die sich fortan als islamistische Massenbewegung erfolgreich über Ägypten hinaus ausbreitete und binnen weniger Jahrzehnte zur einflussreichsten islamistischen Bewegung entwickeln sollte. Die tunesische ENNAHDA ist ebenso ein Ableger der Muslimbruderschaft wie die Hamas, die „Islamische Aktionsfront“ in Jordanien, die FIS in Algerien oder die „Nationale Islamische Front“ im Sudan.
Aber auch in der Türkei selbst blieb in religiösen Kreisen der Glaube an die Wiedererrichtung des Kalifats virulent. Seit die AKP mit Erdoğan die Wahlen gewinnen konnte, ist die ideologische Rückbindung an die Zeit des Osmanischen Reichs und an das Kalifat unübersehbar geworden. Deutlich wird das auch am Versuch, den kemalistischen Nationalmythos, die Schlacht von Çanakkale (Gallipoli) im Jahr 1915 in einen Sieg des Islam umzudeuten. Galt diese Schlacht im modernen türkischen Nationalbewusstsein als Sieg der türkischen Nation über die Alliierten und damit als Geburtsstunde der modernen Türkei, so wird sie im Denken türkischer Islamisten nun zu einem Sieg über die „Ungläubigen“. Ein Narrativ, das auch in türkischen Moscheen in Westeuropa präsent ist.28 In islamistischen Kreisen wurde Atatürk stets als Feind des Islam betrachtet und mitunter bezichtigt, ein Jude zu sein. Die Abschaffung des Kalifats konnte man sich nur als eine Verschwörung vorstellen. Unter Erdoğans Führung ist eine zunehmende Abwendung vom bislang übermächtigen Gründervater der Türkei zu bemerken.
DIE ISLAMISIERUNG DER ISLAMISCHEN WELT
Zwischen den 1930er- und 1960er-Jahren erlangten alle vormals kolonisierten islamischen Staaten die Unabhängigkeit. Vor allem die Staaten Nordafrikas und der Levante orientierten sich in der Folge an europäischen politischen Systemen. Sozialismus, Nationalismus und verschiedene Mischformen, wie etwa jene der syrischen oder irakischen „Baath-Partei“, hatten ab den 1940er-Jahren Konjunktur, konnten aber letztlich die wirtschaftlichen und sozialen Probleme ihrer Länder nicht lösen. Spezifische, über Jahrhunderte verfestigte autoritäre Strukturen – von der Führung bis auf die untersten Ebenen der Gesellschaft –, Klientelwirtschaft, Korruption und ein damit zusammenhängender Mangel an Gesellschaftsbildung standen dem wirtschaftlichen Aufschwung im Weg und ließen weite Bevölkerungsschichten verarmen.
Das eröffnete der islamistischen Bewegung zahlreiche Entfaltungsmöglichkeiten. So sorgte die Muslimbruderschaft in Ägypten in weiten Regionen für medizinische Versorgung, Armenspeisungen und Schulbildung. Überall dort, wo der Staat abwesend war, war die Bruderschaft zur Stelle und propagierte über Wohltätigkeitsprogramme auch islamische Moral- und Gesellschaftsvorstellungen. Sie mobilisierte auch für die islamische Erweckung Ägyptens gegen die britische Okkupation und gegen den „dekadenten westlichen Einfluss“. Die Parole „Der Islam ist die Lösung!“ wurde dabei zum Leitspruch. Der Kampf der Muslimbruderschaft richtete sich auch gegen den städtischen, modernen Teil der Bevölkerung, der sich ebenfalls Unabhängigkeit von Kolonialherrschaft, aber gleichzeitig eine demokratische Zukunft und individuelle Grundrechte wünschte. Hasan al-Bannā formulierte das Ziel der Organisation in fünf Leitsätzen, die bis heute gelten: „Gott ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unsere Verfassung. Der Dschihad ist unser Weg. Der Tod für Gott ist unser nobelster Wunsch.“
Ab den 1940er-Jahren etablierte die Muslimbruderschaft einen militärischen Arm. Dieser führte eine Reihe von Anschlägen durch, die 1948 zu einem Verbot der Bruderschaft führten. Im folgenden Jahr wurde Hasan al-Bannā von unbekannten Tätern ermordet. 1952 unterstützten die Muslimbrüder den Putsch der sogenannten „Freien Offiziere“ unter Gamal Nasser. Mehrere der Offiziere gehörten der Bruderschaft an, darunter auch der spätere Präsident Sadat. Doch schon bald nach der Machtergreifung kam es zu ersten Zerwürfnissen zwischen Nasser und der Bruderschaft. Schließlich wurde die Bruderschaft 1954 neuerlich verboten. Nach einem kurz darauf gescheiterten Attentat auf Nasser setzten massive Verfolgungen der Muslimbrüder ein. Unter anderem landete ihr wichtigster Vordenker, Sayyid Qutb, im Gefängnis, wo er seine einflussreichen Hauptwerke verfasste.29
Diese Ereignisse sind für die Ausbreitung des Islamismus in Westeuropa von entscheidender Bedeutung, denn in der Folge flüchteten zahlreiche Anhänger der Muslimbruderschaft nach Europa oder in die USA und wurden dort als politische Flüchtlinge anerkannt. Als Nassers Stern 1967 nach der desaströsen Niederlage gegen Israel im Sechstagekrieg sank, begann der neuerliche Aufstieg der Muslimbruderschaft in Ägypten. Der Nasserismus und der Panarabismus waren gescheitert. Die Muslimbruderschaft versuchte fortan, trotz eines nach wie vor bestehenden Verbots, auch die Universitäten und mit ihnen die städtischen Eliten zu erreichen, und es gelang ihr, Teile des Bildungsbürgertums für sich zu gewinnen.30
In Pakistan leitete der islamistisch eingestellte General Zia ul-Haq nach einem Militärputsch 1977 die schrittweise Islamisierung des Landes ein. Die Scharia wurde zur Grundlage des Strafrechts. Das Ergebnis dieses Islamisierungsprozesses können wir im heutigen Pakistan beobachten, wo die beispiellose Verfolgung und Ermordung Andersgläubiger und Andersdenkender durch Justiz und einen regelmäßig aufgebrachten Mob an der Tagesordnung sind, wie nicht zuletzt der traurige Fall der Christin Asia Bibi zeigt.31
Als eigentliches Fanal für die Ausbreitung des Islamismus können drei Ereignisse des Jahres 1979 gelten:
• Anfang des Jahres kehrte der im Pariser Exil lebende Ajatollah Khomeini in den Iran zurück und stellte sich an die Spitze der Aufstandsbewegung gegen den Schah. Das war der Startschuss für die islamische Revolution, in deren Folge Khomeini die Islamische Republik Iran ausrief.
• Im November besetzten bewaffnete Islamisten die Große Moschee in Mekka und riefen zu Aufständen in der gesamten islamischen Welt auf.
• Im Dezember marschierten sowjetische Truppen in Afghanistan ein, um die kommunistische Führung des Landes an der Macht zu halten.
Die Revolution im Iran blieb nicht ohne Auswirkungen auf die restliche islamische Welt und die dortigen islamistischen Kräfte. Die Erfahrung, dass Widerstand erfolgreich sein und die Islamisierung von Staat und Gesellschaft gelingen kann, sollte fortan fester Bestandteil des innerislamischen Diskurses sein.32
In der sunnitischen Welt sah man den schiitischen Iran zwar als religiösen Gegner, galt der Schiismus doch als häretische Strömung, aber die Tatsache, dass es ausgerechnet diesem gelungen war, einen islamischen Staat und ein „islamisches Gemeinwesen“ aufzubauen, schuf einen zusätzlichen Anreiz für sunnitische Islamisten. Die heute weitgehend in Vergessenheit geratene Besetzung der Großen Moschee in Mekka durch 500 schwer bewaffnete Islamisten nur wenige Monate nach dem Sturz des Schahs von Persien kann als erste sunnitisch-islamistische Reaktion auf die Ereignisse im Iran gelesen werden. Ziel war der Sturz des saudischen Königshauses und ein die gesamte islamische Welt umfassender islamischer Staat. Die Aufständischen riefen alle Muslime dazu auf, in ihren Ländern dem Islam und seiner Rechtsordnung zum Durchbruch zu verhelfen, die diplomatischen Beziehungen zum Westen abzubrechen und die Öllieferungen an die USA einzustellen. Diese Forderungen entsprachen fast wörtlich den Ideen, die der islamische Rechtsgelehrte und Gründer der islamistischen Hizb ut-Tahrir, Taqī ad-Dīn an-Nabhānī (1904–1978), in seinem programmatischen Hauptwerk „Die Ordnung des Islam“ (Nizam al-Islam)33 festgelegt hatte – einem Verfassungsentwurf für einen islamischen Staat, der unter Islamisten bis heute diskutiert wird.
Die Besetzung der Moschee konnte von der saudischen Regierung letztlich nur mithilfe französischer Spezialkräfte und nach zweiwöchigen schweren Kämpfen beendet werden.
Der saudische König Chalid hatte dafür eine Fatwa angefordert, die den Einsatz militärischer Gewalt und „Ungläubiger“ innerhalb Mekkas und der heiligen Stätten ausdrücklich erlaubte.34 Im Normalfall dürfen Nichtmuslime die Stadt nicht einmal betreten. Im Gegenzug für die Fatwa wurde den Islamgelehrten mehr Macht im Inland und Unterstützung für die Missionierung im Ausland zugesagt. In den folgenden Jahrzehnten wurde der Islam in Saudi-Arabien selbst immer rigider ausgelegt, gleichzeitig nahm die wahhabitische Propaganda, finanziert durch Petrodollars, bis dahin ungeahnte Ausmaße an. Mittels Moscheenbau, Schulen und Lehrmaterial wurde und wird islamistische Propaganda nach Europa getragen.
Mit dem Bürgerkrieg in Afghanistan tat sich ein weiteres Feld für Islamisten auf. Zwar fand hier ein Stellvertreterkrieg zwischen den beiden Machtblöcken USA und UdSSR und ihrer Verbündeten statt, aber mit dem Islamismus kam gleichzeitig eine Ideologie ins Spiel, die sich sowohl vom Ost- als auch vom Westblock abgrenzte, eine Tatsache, der sich mitten im Kalten Krieg kaum jemand bewusst wurde. Und so kam es, dass vom Westen ausgerechnet jene Islamisten mit Waffen ausgerüstet wurden, die ihre Bomben nur wenige Jahre später gegen genau diesen einsetzen sollten. Die Anschläge auf die US-Botschaften in Tansania und Kenia im Jahr 1998 waren die ersten gegen die USA geführten Anschläge von Osama bin Ladens Gruppe. In Daressalam starben dabei elf Menschen, 85 wurden verletzt. In Nairobi starben 213 Menschen, rund 4500 wurden verletzt.
Der Krieg in Afghanistan entwickelte sich zu einem internationalen islamistischen Kampf, der mit dem Aufbau eines Finanzierungs- und Rekrutierungsnetzwerks einherging, das später auch in Tschetschenien, auf dem Balkan und im algerischen Bürgerkrieg genutzt werden sollte.35 Kämpfer aus nahezu allen mehrheitlich islamischen Staaten, aber auch Muslime aus der Sowjetunion und Westeuropa strömten nach Afghanistan. Rund 30 Jahre später werden über das gleiche dschihadistische Netzwerk Kämpfer aus aller Welt nach Syrien und in den Irak geschleust werden. Das Netzwerk zog aber nicht nur Kämpfer an, es entließ sie nach einiger Zeit auch wieder als ausgebildete Dschihadisten mit ausgezeichneten Verbindungen in ihre Heimatländer. Das trug ebenso zur Verbreitung islamistischer Vorstellungen bei wie die Arbeitsmigration in die Staaten des Golf-Kooperationsrates (Saudi-Arabien, Bahrain, Katar, Kuwait, Oman und Vereinigte Arabische Emirate). Von dort brachten viele der Millionen Arbeitsmigranten eine fundamentalistische Lesart des Islam zurück in ihre Heimatländer.
› Die Ausbreitung islamistischer Vorstellungen und der damit verbundene gesellschaftliche Wandel in mehrheitlich islamischen Ländern ist mittlerweile unübersehbar.
Das Straßenbild hat sich seit Ende der 1970er-Jahre sichtbar verändert. Sah man früher noch eine bunte Vielfalt auf den Straßen, Frauen und Männer gemeinsam in den Cafés sitzen und auf den Boulevards flanieren oder in Badekleidung an den Stränden,36 so prägen heute, sieht man von bestimmten Gegenden und modernen Vierteln großer Städte ab, zunehmend ein homogenes, puritanisch islamisches Outfit und entsprechende Verhaltensvorschriften die islamische Welt.
DER WEG NACH WESTEUROPA
Unter den vielen 1954 aus Ägypten flüchtenden Anhängern der Muslimbruderschaft befand sich auch Said Ramadan (1926–1995), der Schwiegersohn des Gründers der Bruderschaft. Ramadan war in der Folge maßgeblich am Aufbau der Strukturen der Muslimbruderschaft in Europa beteiligt. Ähnlich wie bei der späteren Unterstützung der Taliban betrachtete die westliche Politik die ägyptische Muslimbruderschaft als Verbündete im Kampf gegen den sowjetischen Einflussbereich, dem Ägypten unter Nasser zuzurechnen war. Diese Situation konnte Said Ramadan nutzen, um unter anderem das „Islamische Zentrum Genf“ (1961) und das „Islamische Zentrum München“ (1973)37 aufzubauen. Das Genfer Zentrum wird bis heute von seinem Sohn Hani Ramadan geleitet. Die Muslimbruderschaft verfügte somit über zwei Stützpunkte in Westeuropa. Von München und Genf ausgehend überzogen sie Europa in den folgenden Jahrzehnten mit einem dichten Netzwerk, dem aktuell etwa 200 Organisationen und Institutionen zugerechnet werden können.
Ein weiterer Sohn Said Ramadans ist Tariq Ramadan. Er steht für einen neuen Aufbruch der Muslime in Europa und die Betonung der muslimischen Identität. Das Ziel, so Ramadan, sei nicht mehr die Integration in die bestehende Gesellschaft, sondern die Partizipation, um der Gesellschaft eine islamische Alternative anzubieten. Mit solchen Aussagen avancierte er zum Star vieler junger Muslime und Musliminnen in Europa. Bei Jugendorganisationen, die ein unkritisches Verhältnis zur Muslimbruderschaft aufweisen und im Jugend-Dachverband der Muslimbruderschaft FEMYSO organisiert waren oder sind, wie etwa die französische Union des jeunes musulmans (UJM), die „Muslimische Jugend Österreichs“ (MJÖ) oder die „Muslimische Jugend in Deutschland“ (MJD), war er gern gesehener Gast. Hinter seiner moderaten Fassade verbargen sich stets fundamentalistische Ansichten. So warnte Ramadan etwa vor den Inhalten des Biologieunterrichts, da sie der islamischen Lehre widersprechen könnten. Eltern rief er dazu auf, die Kinder durch Vermittlung des Kreationismus dagegen zu immunisieren. Zudem fiel er auch dadurch auf, dass er die Körperstrafen der Scharia, wie etwa die Steinigung von Ehebrecherinnen, relativierte und es ablehnte, sie zu verurteilen.38
Etwa zeitgleich mit den Anfängen der Muslimbruderschaft in Westeuropa startete Saudi-Arabien seine Bemühungen, den wahhabitischen Staatsislam neben Öl zu einem Exportschlager des Landes zu machen. Berühmt-berüchtigt ist der Deal zwischen dem belgischen König Baudouin und dem saudischen König Faisal im Jahr 1967: Belgien erhielt billiges Öl, im Gegenzug durfte Saudi-Arabien eine religiöse Infrastruktur in Belgien aufbauen. So entstand 1978 die erste und nach wie vor größte Moschee Belgiens mit weiteren assoziierten Institutionen, wie etwa einer islamischen Schule.
Ein Jahr später wurde in Wien das ebenfalls von Saudi-Arabien finanzierte und bis heute von dort gelenkte „Islamische Zentrum“ errichtet, die größte Moschee Österreichs. Der Direktor der Moschee ist Angehöriger der saudi-arabischen Botschaft in Wien. Beide Moscheen werden von der „Islamischen Weltliga“ unterhalten, welche vorwiegend vom saudi-arabischen Königreich finanziert wird. Offiziell als islamische Nichtregierungsorganisation (NGO) geführt, erfüllt sie eine wichtige außenpolitische Funktion in der Missionstätigkeit Saudi-Arabiens.
› Mit diesen ersten Zentren der Muslimbruderschaft und Saudi-Arabiens war der fundamentalistische, politische Islam in Europa angekommen.
Parallel dazu hatten sich durch den Zuzug von Menschen aus islamischen Ländern nach Deutschland und Österreich im Rahmen sogenannter Anwerbeabkommen mit der Türkei und Jugoslawien seit den frühen 1960er-Jahren muslimische Gemeinden etabliert. In den ersten beiden Jahrzehnten schufen die Gläubigen unter diesen Migranten und Migrantinnen in Eigeninitiative und ohne Unterstützung aus den Herkunftsländern erste Ansätze einer religiösen Infrastruktur.39 Diese Phase war auf beiden Seiten noch deutlich vom Gedanken des nur vorübergehenden Aufenthalts geprägt, sinnbildlich erfasst im Begriff „Gastarbeiter“, der auch als Eigenbezeichnung verwendet wurde. Die religiöse Infrastruktur bestand vor allem aus Wohnzimmermoscheen und den provisorisch eingerichteten sogenannten Hinterhof- und Kellermoscheen.40
Mit dem einsetzenden Familiennachzug ab Mitte der 1970er-Jahre wuchsen die muslimischen Communitys. Erst in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren begannen sich die Herkunftsländer für „ihre“ muslimischen Gemeinden zu interessieren und griffen mit finanziellen und personellen Ressourcen in das zuvor „wild“ gewachsene Vereinswesen ein. Verbände wie etwa die türkische Religionsbehörde Diyanet (DITIB in Deutschland und ATIB in Österreich)41 oder die islamistische Millî Görüş („Nationale Sicht“), aber auch der IZBA (Verband bosniakischer Vereine in Österreich) beziehungsweise IGBD (Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland)42 begannen, bereits bestehende Moscheevereine unter ihre Fittiche zu nehmen. Heute wird die islamische Vereinslandschaft von einigen großen Verbänden dominiert, die allesamt finanziell von ihren jeweiligen Mutterorganisationen im Ausland abhängig sind und unter deren ideologischem Einfluss stehen.
Unter Präsident Erdoğan, der selbst aus der Millî-Görüş-Bewegung kommt, hat sich die staatliche türkische Religionsbehörde Diyanet zunehmend der Ideologie von Millî Görüş und Muslimbruderschaft angenähert. Dadurch sind die beiden größten Moscheeverbände in Deutschland und Österreich Teil des islamistischen Spektrums und tragen neben der Muslimbruderschaft maßgeblich zur Etablierung eines politischen Islam in den muslimischen Communitys der beiden Länder bei.
DER MARSCH DURCH DIE INSTITUTIONEN
„Nutzt die Demokratie – das System der Kuffar – nutzt es zugunsten unserer Mission.“
Munir al-Ghadban, ehemaliger Anführer der syrischen Muslimbruderschaft, 198443
Infolge der Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington kam es auch in der Schweiz zu mehreren Hausdurchsuchungen, unter anderem bei Youssef Nada, einem einflussreichen Anführer der Muslimbruderschaft, der am Aufbau des „Islamischen Zentrums München“ beteiligt war. In seiner Wohnung fand die Polizei ein brisantes Dokument: ein Papier der Bruderschaft vom Dezember 1982 mit dem aufschlussreichen Titel „Der Weg zu einer weltweiten Strategie für islamische Politik“. Die Existenz des Dokuments wurde von den Funktionären der Bruderschaft nicht bestritten. Allerdings dementierten sie – obgleich der Titel dieses Dementi ad absurdum führt –, dass es sich um ein Strategiepapier handle. In zwölf Punkten wird ein Plan zur Unterwanderung von Gesellschaften skizziert und das langfristige Ziel der Etablierung eines weltweiten islamischen Staates formuliert.44
Der Islamismus-Experte Lorenzo Vidino bezeichnet das Dokument als den Modus Operandi der Muslimbruderschaft im Westen.45 Die darin ausgeführte Strategie entspricht exakt dem Vorgehen derjenigen Organisationen, die dem Netzwerk der Bruderschaft zugeordnet werden können. Aktivisten werden angehalten, das Terrain genau zu analysieren und Aufgabenbereiche für die islamische Missionierung (Dawa) zu definieren. Kader sollen flexibel und an die lokalen Gegebenheiten angepasst vorgehen, ohne in Konflikt mit der „Generallinie der globalen islamischen Politik“ zu geraten. Auf lokaler Ebene wird die Zusammenarbeit mit anderen islamischen Gruppen, die sich für die gleiche Sache einsetzen, empfohlen.
Der Palästinafrage wird ein eigenes Kapitel gewidmet, sei doch der Kampf um Palästina „der Schlüssel zur Renaissance der arabischen Welt“. Es brauche Studien über Juden, die als „Feinde der Muslime“ bezeichnet werden. Jegliche Versöhnung mit ihnen sei Defätismus, der die Bewegung untergrabe. Daher seien dschihadistische Gruppen in Palästina aufzubauen und mit solchen in der gesamten islamischen Welt zu vernetzen.
In einem anderen Punkt weist das Papier Anhänger der Bruderschaft dazu an, strategisch geschickt vorzugehen und keine Konfrontationen mit Gegnern zu suchen, um nicht unnötige Gegenreaktion zu provozieren, die zur Gefahr für die Bewegung und ihre Mission werden könnte. Muslimbrüder sollen die Freiheiten nutzen, die ihnen die einzelnen Länder bieten, und in Parteien, Gewerkschaften, zivilgesellschaftliche Organisationen und Institutionen aller Art eintreten und sich in Parlamente wählen lassen, um die Sache der Muslime und des Islam zu vertreten.
› Aus den Erfahrungen der Vergangenheit und den zahlreichen Verboten in der islamischen Welt klug geworden, bekennen sich in Europa nur die wenigsten Organisationen und Personen zur Muslimbruderschaft.
Sie in Zusammenhang mit der Bruderschaft zu bringen, birgt das Risiko einer Klage. In der Regel sind es Erkenntnisse des Verfassungsschutzes oder eigene Fehler, die einzelne Organisationen überführen konnten. Die deutschen Verfassungsschutzämter leisten zur Identifizierung islamistischer Organisationen wie der Muslimbruderschaft einen wichtigen Beitrag. Die detaillierten Erkenntnisse inklusive der Nennung von Organisationen und Personen des legalistisch-islamistischen Spektrums werden der Öffentlichkeit in jährlichen Berichten zur Verfügung gestellt. Die dafür nötigen rechtlichen Grundlagen fehlen dem österreichischen Verfassungsschutz. Hier besteht Reformbedarf.
Das Netzwerk der europäischen Organisationen ist mit seinen vielen Unterorganisationen in den Bereichen Jugendarbeit, Studentenvereinigungen, interreligiöser Dialog, soziale Arbeit, Wohltätigkeit und Bildung, Flüchtlingsbetreuung und Deradikalisierungsarbeit und nicht zuletzt den vielfältigen Initiativen gegen Rassismus und „Islamophobie“ nur schwer zu überblicken.46 Das hat durchaus System. Am Ende weiß niemand mehr, wo Muslimbrüder und -schwestern zu finden sind. Zugegeben wird nur, was durch Versehen oder Eitelkeit öffentlich bekannt wurde.
Ende 2018 stritt selbst Ümit Vural, der neu gewählte Präsident der „Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich“ (IGGÖ), eines staatlich anerkannten Dachverbands islamischer Organisationen, jegliche ideologische Nähe zu Millî Görüş, der türkischen Partnerorganisation der Muslimbruderschaft, ab, obwohl er nachweislich seit seiner Studentenzeit dort Funktionen innehatte und Vorstandsmitglied der „Islamischen Föderation Wien“ war. Auf Nachfrage erklärte er, bei Millî Görüş denke er nur an seinen Vater, „der mich mit sechs Jahren in die nächste Moschee mitgenommen hat, weil ihm das ehrenamtliche Engagement wichtig war“. Das habe ihn geprägt, aber mehr sei nicht gewesen.47 Es lässt nichts Gutes erwarten, dass Vurals Präsidentschaft mit einer Verharmlosung von Millî Görüş und der Verschleierung seines Engagements bei der Organisation beginnt.
Anfang Januar 2019 waren er und der „Islamophobieforscher“ Farid Hafez die österreichischen Vertreter auf einer von der türkischen Religionsbehörde Diyanet organisierten Konferenz mit dem Titel „Treffen der Europäischen Muslime II“ in der Kölner DITIB-Zentrale. Dort gaben sich neben Ibrahim El-Zayat auch weitere führende Größen der europäischen Muslimbruderschaft ein Stelldichein. Das Abschlussdokument48 liest sich über weite Strecken wie eine Weiterentwicklung des 2001 gefundenen Strategiepapiers der Muslimbruderschaft. So wird darin ein enger Zusammenschluss der Muslime gefordert, die als kollektive Gemeinschaft ihre Unterschiede gegenüber dem Rest der Gesellschaft bewahren und gemeinsame Handlungsfähigkeit entwickeln sollen. Dafür sollen nach genauer Analyse der Situation in Europa die notwendigen Institutionen geschaffen werden. Während die Konferenz in Deutschland wegen der Einladung von Muslimbrüdern zum Skandal geriet und Innenminister zweier Bundesländer drohten, die DITIB nun durch den Verfassungsschutz beobachten zu lassen, wurde die Teilnahme des Präsidenten der IGGÖ in Österreich bislang lediglich zur Kenntnis genommen. Auch der aktuelle Präsident der „Islamischen Gemeinschaft in Deutschland“ (IGD), Khallad Swaid, leugnete auf Nachfrage des Autors des vorliegenden Buches jegliche Verbindung seiner Person und der IGD zur Muslimbruderschaft. Laut Erkenntnissen des Verfassungsschutzes jedoch ist die IGD ein Sammelbecken für Muslimbrüder in Deutschland.49
Zurück zum Strategiepapier: Um alle Kräfte auf das Ziel hin zu bündeln, einen islamischen Staat auf Erden zu errichten, sollen lokale und weltweite Machtzentren im Dienste des Islam beeinflusst werden, heißt es darin. Gefolgt von der originell anmutenden Aufforderung, „wissenschaftliche Studien über die Möglichkeit der Etablierung der Herrschaft Gottes in der ganzen Welt“ vorzubereiten. Dazu gehöre, lokale und weltweite Machtzentren auf Möglichkeiten der Beeinflussung hin zu analysieren. Muslimbrüder sollen in ihren jeweiligen Aufenthaltsländern in den verschiedensten einflussreichen Institutionen tätig werden, um diese für die Sache des Islam zu nutzen. Und genau dort finden wir sie heute europaweit.
Das Strategiepapier wurde zu einer Zeit verfasst, als die restliche Welt dem Islamismus als eigenständiger ideologischer Bewegung noch keinerlei Beachtung schenkte. Auch heute noch wird die Gefahr des legalistisch operierenden Islamismus, wie er sich am Beispiel der Muslimbruderschaft offenbart, gravierend unterschätzt.
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