Читать книгу: «TENTAKEL DES HIMMELS»
Impressum
Deutsche Erstausgabe
Copyright Gesamtausgabe © 2022 LUZIFER Verlag Cyprus Ltd.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Cover: Michael Schubert
Lektorat: Manfred Enderle
Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2022) lektoriert.
ISBN E-Book: 978-3-95835-655-9
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhaltsverzeichnis
Tentakel des Himmels
Impressum
Prolog
Teil 1
Der Friedhof
Das Erbe
Taxi nach Düsseldorf
Die Zentrale der Kirche des Lichts
Anna
Teil 2
Lara
Im Hotel
Das Treffen
Annas Gewissen
Teil 3
Die Siedlung
Eine Patientin
Die Warnung
Teil 4
Der Padre
Annas Anteil
Ein Fest
In der Wohngruppe
Lea
Teil 5
Väterliche Umgarnung
Die Hacienda
Prügel
Teil 6
Die Lehre
Sorge
Gemeinschaft
Grauenvolle Entdeckung
Ein Komplize
Tage kamen und gingen
Lara und Jan
Die Weihe
Teil 7
Leas Ausweg
Angriff auf den Padre
Annas Flucht
David
Wolffs Geheimnis
Teil 8
Zweifel
Die Rückkehr der Rebellion
Ungleicher Kampf
Nicht nur gut und böse
Suche in Annas Haus
Der Kampf
Teil 9
Belastung
Ein Attentat
Erwachen
Das Füllen der Leere
Über die Autorin
Prolog
Im Grunde wusste er um die Aussichtslosigkeit seiner Flucht. Kai war nicht naiv genug, es zu leugnen. Der Gedanke an eine mögliche Rettung schuf eine dünnhäutige Verzweiflungsblase in seinem überlebenshungrigen Hirn – der Instinkt eines Primaten, eines Fluchttieres – das eigene Fleisch war zu retten, um jeden Preis. Trotz dieser Erkenntnis fuhr er weiter in die Dunkelheit hinein. Weil man es nicht wahrhaben will, weil man eben doch hofft, entgegen jeder Vernunft. Dabei hätte er es sich so einfach machen können: Stehenbleiben, aussteigen, auf der Straße die Arme ausbreiten, und sich erschießen lassen … oder was sie sonst mit ihm vorhatten. Dann wäre es schnell vorbei gewesen und er hätte seine Ruhe gehabt – endlose Ruhe. Aber nein, er fuhr immer weiter, mit dem Reisepass in der Innentasche seiner Jacke.
Dabei verdiente er nicht einmal die heißbegehrte Rettung, auch das wusste er. Gäbe es eine übernatürliche Gerechtigkeit, die nur annähernd an menschliche Vorstellungen heranreichte, würde sie ihn niemals so davonkommen lassen. Egal, wie bitter er seine Untaten jetzt bereute.
Ein weiteres Mal huschten Kais Augen auf das Abbild im Rückspiegel über ihm. Die Scheinwerfer eines nachfolgenden Wagens, die ihm eben noch Schweißausbrüche bereitet hatten, als wären sie die bösen Augen eines seelenfressenden Dämons, folgten ihm seit der letzten Kreuzung nicht mehr. Wenig erleichtert atmete er auf. Jetzt also noch nicht. Noch hatte er sein Leben.
Er überlegte, ob er Gott dafür danken müsste. Verächtlich schnaubte er vor sich hin. Gott? Ha! Mit einem Ruck legte er den nächsten Gang ein. Immer, wenn er an Gott dachte, sah er den sehr menschlichen Rücken eines großen, weiß gekleideten Mannes vor sich, der sich von einer Schar aufopferungsvoller Jünger anbeten ließ – diesen scheinheiligen Scheißkerl, von dem er sich hatte einwickeln lassen und für den er gelogen, betrogen und sogar gemordet hatte. Ja, er war ein Mörder – ein hinterhältiger Mörder. Einer, der andere verfolgt und ihnen das Leben genommen hatte. Einer, der jetzt selbst auf der Flucht war, vor noch skrupelloseren und grausameren Mördern, als er es war. Immerhin, in diesem abgründigen Sumpf aus Ausbeutung, Korruption und Gewalt gab es schlimmere Menschen als ihn. Das stimmte ihn versöhnlich, auch wenn ihm ein irdischer Richter das vermutlich nicht angerechnet hätte.
Die Tankanzeige meldete Reserve. Das hieß, er musste unausweichlich die abgelegene Landstraße verlassen, auf der er sich versteckter wähnte; von der er hoffte, dass sie ihn dort nicht suchen würden. So viele Umwege zum Flughafen konnten sie unmöglich einplanen. Im Display blinkte es bereits. Warten half nichts, er musste sich beeilen. Welche Tankstelle hatte um diese Uhrzeit und in dieser öden Gegend überhaupt geöffnet? Für einen Moment überlegte er, ob er den Wagen im angrenzenden Wald stehen lassen und in einer einsamen Pension des nächsten Kaffs unterschlüpfen sollte. Wahrscheinlich würden sie ihn so nah gar nicht vermuten. Von dort aus würde er Lara irgendwann wiedersehen können. Lara, die er zurücklassen musste, im Schoß der falschen Kirche. Die er nicht mitnehmen konnte auf seine Flucht, weil sie ihm niemals geglaubt hätte. Also hatte er ihr alles verschwiegen. Niemand gab ihm das Recht, ihr ideales Weltbild zu zerstören, indem er ihr die Wahrheit angetan hätte, über all die falschen Weisheiten und Versprechungen … und über sich. Ihr junges Leben war ohnehin schon verdorben. Er sollte sie in Ruhe lassen. Mochte sie glauben, was sie wollte. Manchmal war es besser, die Wahrheit nicht zu sagen.
Vor ihm tauchte wieder eine größere Kreuzung auf. Kai verwarf den Gedanken, in einem Dorf zu übernachten, und bog ab in Richtung Bundesstraße.
Er fuhr noch lange durch die Nacht, bis er die nächste Tankstelle ansteuerte – schwitzend, übermüdet und doch aufgekratzt – gerade rechtzeitig, bevor der Balken der Tankanzeige vollends am Anschlag kratzte. Ein paar Minuten blieb er direkt neben der Zapfsäule hinter dem Lenkrad sitzen und spähte aus sämtlichen Fenstern seines Wagens. Dann schüttelte er den Kopf über sich selbst. Jeder Idiot erkannte in ihm einen Flüchtigen. Auffälliger konnte er sich gar nicht benehmen.
Beklommen stieg er aus und sah sich um. Alles schien unauffällig. Eine der Lampen über ihm brummte, aus dem Kassenhaus drang leise Musik, und von irgendwo her erklang der Schrei eines Nachtvogels, was ihm so vorkam, wie das heimliche Signal eines Prärieindianers zum Angriff. Er nahm den Zapfhahn und tankte. In der übrigen Finsternis rund um das beleuchtete Dach der Tankstelle fühlte er sich wie eine fleischgewordene Zielscheibe. Verdammt, so konnten sie ihn problemlos von ein paar Metern Entfernung aus abknallen, ohne, dass er zuvor auch nur einen Schatten von ihnen wahrgenommen hätte. Niemand wusste das besser als er selbst. Unwillkürlich spannte er die Bauchdecke an, in der Erwartung, jederzeit von Kugeln zerrissen zu werden.
Das Benzin kroch quälend langsam durch den Schlauch. Klack! Kai riss den tropfenden Hahn aus der Tanköffnung, presste den Deckel auf das Loch, und lief ins Kassenhaus. Misstrauisch beäugte er den jungen Kassierer, während der auf die Tasten tippte. Sah er nicht aus wie jemand, den er kannte? Hatte er ihn schon einmal in einer der Kirchen des Lichts gesehen? Als er bezahlte, versuchte er, heimlich einen Blick auf den Hals des kräftigen jungen Mannes zu werfen. Was er suchte, war ein Amulett, ein Anhänger mit dem Symbol einer strahlenden Sonne. Zwar trug sein Gegenüber eine silberne Kette, aber was daran hing, versteckte sich wohlbehütet im Ausschnitt des dicken Pullovers. Der Junge hielt ihm das Restgeld hin und lächelte freundlich belanglos, wie es routinierte Verkäufer tun.
»Stimmt so!«, murmelte Kai und er eilte nach draußen, den Autoschlüssel einsatzbereit in der Hand.
Vor der Tür des Kassenhauses sah er sich um, obwohl er ja doch nichts in der Umgebung ausmachen konnte. Dann schritt er zügig auf sein Auto zu. So schnell wie möglich würde er wieder eine dieser verborgenen Landstraßen anfahren, auf denen er sich sicherer glaubte, obwohl es vermutlich nur ein trügerisches Gefühl war. Bevor er die Fahrertür erreichte, bemerkte er etwas vor ihm im Inneren seines Wagens – eine Bewegung, ein Schemen auf dem Beifahrersitz. War es wirklich so oder bildete er sich das bloß ein? Sein Herz führte einen zügellosen Tanz auf. Was nun? Allen Mut zusammennehmen und nachsehen? Oder lieber gleich flüchten? Obwohl er sich kalt fühlte, eisig geradezu, schwitzte seine Stirn heiße Tropfen. Sollten sie ihn tatsächlich jetzt schon aufgespürt haben? Nicht einmal vier Tage nach seiner Androhung, auszusteigen?
Er musste einen klaren Kopf bewahren.
Nachsehen, mach es so kurz wie möglich, keine Kurzschlussreaktion jetzt, beschloss er, auch wenn ihm mehr nach Flüchten zumute war.
Wieder war da dieser unsinnige Schimmer Hoffnung, der inmitten seines Hirnwassers schwappte und der ihn mit dem Glauben an eine Chance überflutete. Vielleicht umspülte er ihn deshalb, weil Kai meinte, dieses eine Mal etwas ethisch Wertvolles zu tun. Diese Verfolgung, das alles hier, hatte er sich selbst eingebrockt. Er hätte sich die ganze Angst ersparen können. Aber nein, er musste ja dem Gottkönig in einem Anfall unfassbarer moralischer Stärke dessen Abscheulichkeit um die Ohren schleudern. Nun musste er da durch. Er selbst hatte an diversen Rückholaktionen Abtrünniger, und somit Verrätern, teilgenommen. Dass manch einer von denen weder zurückkehrte, noch dort ankam, wohin er flüchten wollte, war mehr als einmal seinem eigenen fragwürdigen Verdienst geschuldet gewesen. Warum sollte er annehmen, dass es ihm anders ergehen könnte? Wie konnte er damals nur glauben, alles würde gut gehen, als der Padre ihn einfach so aus seiner Kirche spazieren ließ? Was hatte er sich nur dabei gedacht? Zögernd und mit Rauschen in den Ohren näherte er sich der Wagentür, in dem Wunsch, bloß ein Opfer seiner Angst zu sein. Doch drei Schritte vor dem Fahrzeug starrte ihn aus seinem eigenen Autofenster das Gesicht eines Mannes an, das er kannte, dessen aalglatte, nach hinten gegelten Haare im Licht der Tankstellenbeleuchtung verräterisch glänzten. Die rechte Hand Gottes! Wie gelähmt blieb Kai stehen, den Autoschlüssel in die Handfläche gekrallt. In diesem Moment spürte er eine Luftbewegung im Nacken, die ihm die Haare aufstellte. Kai riss den Kopf herum, sah die Faust des Kassierers auf sich zukommen und bückte sich instinktiv, um auszuweichen. Der Schlag verfehlte ihn. Er kämpfte mit seinem Gleichgewicht, hielt sich gerade noch, sodass er nicht fiel. Mit einem Schrei aus Angst und Schreck warf er sich gegen den Oberkörper seines Widersachers, mehr, um an ihm vorbeizurennen, als ihn umzuwerfen. Sie landeten beide auf dem Boden. Der Brustkorb des Jungen war hart und stieß in Kais Rippen, das Kinn traf ihn schmerzhaft am Jochbein. Kai stöhnte auf, kam auf die Knie und fasste sich ins Gesicht. Im Augenwinkel bekam er mit, wie der Mann aus dem Wagen stieg und langsam auf ihn zuschritt, während der andere sich vor ihm aufrichtete. Kai befahl seinen Beinen, aufzustehen. Taumelnd mühte er sich um Bewusstsein. Dann stieß er die beiden von sich, rannte los, kopflos, ohne nachzudenken. Weg von hier, nach vorn, ins Dunkle, immer weiter, bis in ein Maisfeld hinein, wo er über seine Füße stolperte und sich wieder aufraffte. Ganz so, wie es seine eigenen Opfer getan hatten, denen er gefolgt war. Ob ihm jemand hinterherlief, hörte er nicht. Zu laut pulsierte es in seinem Kopf. Vor ihm sah er nur die Dunkelheit und er spürte das Kratzen der Maisblätter auf seiner Haut, die er blind mit den Armen abzuwehren versuchte. Er rannte, griff orientierungslos in die Finsternis und fasste nach den umknickenden Halmen, als könnten sie ihm helfen.
Auf einmal war all das weg. Seine Beine trugen ihn nicht weiter und die Welt um ihn herum wurde noch schwärzer als zuvor. Sie hielten ihn von hinten fest. Die Flucht endete hier. Es wurde ihm sofort klar. Der Schimmer von Hoffnung in seinem Kopf verglimmte wie auf einem sich krümmenden Docht. Das war das Ende. Auf sein Gesicht legte sich etwas – ein kalter Film, den er mit dem eigenen Atem an Mund und Nase ansog und der auf seinen unbedeckten Augäpfeln kleben blieb. Kai zog nach Luft, wollte das Ding von seinem Kopf lösen, das sie ihm übergezogen hatten, aber sie hielten auch seine Hände fest. Mit aufgerissenem Mund lechzte er nach Sauerstoff, doch er behielt immer nur diese Folie im Mund, statt Luft zu bekommen. Sein Brustkorb schmerzte. Seltsam, jetzt dachte er an Lara – wie sehr er sie liebte und dass er sie vermisste und wie gern er sie in die Arme nehmen würde. Genau jetzt wusste er, warum er all das riskiert hatte: Nicht, weil er ein besserer Mensch geworden war – nein, weil er es nicht mehr ertragen konnte, sie zu belügen. Und nun tauchte sie im Geist vor ihm auf und lächelte ihn an, so nah, als könnte er sie berühren. War das ein Teil seines Lebens, das an ihm vorbeizog, wie es geschehen soll, bevor man stirbt? Aber er sah gar nicht sein gesamtes Leben vor sich, sondern nur Lara, wie sie ihn anlächelte mit ihrem verklärten Blick und jetzt wollte sie ihn küssen … doch dann gewann die Wirklichkeit. In den Ohren knisterte es bei jedem Atemversuch. Es war nicht einmal mehr Platz für ein Geräusch des Röchelns von ihm selbst. Gierig kämpfte seine zusammengefaltete Lunge um jeden Millimeter Ausdehnung. Es fühlte sich an, als wollten die Lungenflügel in ihrer Qual implodieren. Ihm wurde schwindelig … immer mehr … der Schmerz ließ nach, verschwand, und er merkte noch, wie er zu Boden sackte.
Der Friedhof
Eine Mischung aus Moder und Unkrautvernichter drängte sich in Peter Torbergs Nase, wie jedes Mal, wenn er das alte gusseiserne Tor aufschob. Den Geruch verband er mit dem Tod, mit der Beerdigung seiner Frau, und dem Dahinsiechen am Ende ihres Lebens. Er hasste diesen Beigeschmack des Todes, darum ließ er auf ihrem Grab Lavendel anpflanzen. Zumindest in Sommerzeiten maskierte der Duft der Staude den Mief des Friedhofs.
Welke Buchenblätter übersäten jetzt den feinen Schotterweg unter seinen Halbschuhen. Vom Nebel gehauchte Wasserperlen auf Schaft und Vorderkappe ließen das glänzende Leder rau aussehen. Nach ein paar Metern vereinten sich die braunen Blätter auf dem Weg mit den Resten von Nadeln und Zweigen einer vor Tagen geschnittenen Eibenhecke. Dahinter verbargen sich volle Abfallcontainer und Gartengeräte. Durch eine Lücke der mannshohen Einhegung konnte man die Gerätschaften erkennen. Für einen Moment verlor dort die Friedhofsatmosphäre das Stille und Andersartige. Peter schritt langsam vorbei, die kalten Hände in den Taschen seines schwarzen Dufflecoats vergraben. Das Gefühl, belauert zu werden, beschlich ihn angesichts der Hecke. Ob sie ihm bis hierher gefolgt waren? Er zögerte kurz, dann kehrte er um und zwang sich, zwei Meter in die grüne Einfriedung einzutauchen, um sich zu vergewissern. Nichts, auch kein verdächtiges Geräusch. Offensichtlich teilte keine einzige lebendige Seele die Einsamkeit mit ihm und alle anderen hier waren stumm, taub und blind.
Er setzte seinen Weg fort, noch immer schwanger mit der unangenehmen Ahnung, versteckte Augen könnten ihn beobachten. Peter passierte einige Grabsteine ihm unbekannter Toter, deren Namen er ungewollt mit jedem seiner zahlreichen Besuche mehr verinnerlichte. Sicher auch deshalb, weil er sich gern mit dem Lesen der Inschriften ablenkte, bevor er die Grabstätte erreichte.
Da lag sie. Claudia Torberg, geboren 14. Dezember 1960, gestorben 26. Mai 2018. Die Lavendelblütenstängel zeigten sich inzwischen entblößt, ihr Duft war am Anfang des Herbstes mit den vertrockneten Hülsen verflogen. So biss der Gestank der Friedhofsmischung weiter in seine Geruchsgänge und hielt den Gedanken an den alles umgebenden Tod aufrecht. Unwillkürlich malten sich Bilder in seinem Kopf. Nicht nur von ihrem ausgemergelten Leib vor dem Ende und vom wachsblassen Anblick des aufgebahrten Leichnams. Peter quälte die Vorstellung der fortschreitenden Verwesung, die Claudias dünne Haut im Sarg mehr und mehr zersetzte.
Es war früh am Morgen und noch immer dämmerig. Die Luft stand wie ein bewegungsloser Schleier. Feuchte Kälte kroch von unten in seine Hosenbeine. Eine Krähe hüpfte von Claudias Grabstein auf das Nebengrab, als sie ihn kommen sah. Die Mahnung seiner Großmutter fiel ihm ein, die ihn als Kind hatte schaudern lassen. Springe nie über Grabsteine, sonst greifen die Toten mit ihren Händen nach dir! Die beneidenswerte Krähe dachte sicher weder an den Tod noch daran, dass Claudia sie in die Erde ziehen könnte.
Sie hatten gekämpft, gemeinsam, zwei Jahre lang. Und wie! Nichts ließen sie unversucht, jede noch so kleine Chance ergriffen sie. All das blieb fruchtlos.
Peter legte eine frische rote Rose auf den polierten Marmorstein und wischte mit einem Taschentuch und Speichel den Vogelmist der Krähe weg.
»Du wolltest dich Gott zuwenden und verlorst dich in den Fängen eines abgöttischen Tentakels«, flüsterte er. »Und ich machte alles mit. Warum nur haben wir die wenige Zeit nicht anders genutzt?«
Wie konnten sie beide sich nur derart verlieren. Ein Geistlicher und Wunderheiler – was für ein Schwachsinn. Doch damals schien es ihnen die letzte verheißungsvolle Hoffnung gegen Claudias Krebs zu sein. Der charismatische Vater, der Padre, wickelte sie in ein Gespinst aus falschen Versprechungen ein. Peter hatte immer gedacht, so etwas könnte ihm nicht passieren. Ein Mann wie er entschied nicht mit dem Bauch, sondern mit dem Kopf. Zuerst sah er zerknirscht dem Handauflegen des Gottgleichen zu. Sie wollte es unbedingt und sie glaubte daran. Sollte er ihr das verbieten? Als Claudia aber nach all dem Heilfasten und Beten unerklärlich auflebte, weinte er vor Freude und vergaß alle Vernunft. Sie ahnten ja nichts von dem umwerfenden Placeboeffekt, den allein der Glaube an Heilung bewirken konnte. Vielleicht wollten sie es auch einfach nicht wissen. Für diesen Humbug hatte er Geld gespendet, viel Geld. Das halbe Vermögen aus seinem Unternehmen verschenkte er. Dann ließ er sich auch noch überreden, in Gesellschaften dieser Kirche zu investieren … Er hätte es besser der gescheiterten Existenz seines Sohnes hinterherwerfen können, denn man hatte sie betrogen. All die verlogen hingeworfenen Hoffnungsschimmer stahlen ihnen nur Zeit. Der Onkologe sagte später, mit einer palliativen Chemotherapie hätte sie noch Jahre lebenswert verbringen können.
Nun war Claudia für immer fort, viel früher als nötig. Weil er sein Denkvermögen eingebüßt hatte. Wertvolle Zeit war ihnen verloren gegangen. Wochen auf Sylt vielleicht oder sogar auf Neuseeland. Sie hätten all die Dinge genießen können, die sie schon immer erleben wollten. Die eigene Blödheit hatte es verhindert, das war das Schlimmste.
Zu der Wut und der Scham gesellte sich der finanzielle Verlust. Nicht einmal einen Teil des Geldes gaben sie ihm zurück. Selbst seine hartnäckige Drohung, die Forderung über Gerichte klären zu lassen, ließ sie kalt. Ihr Einfluss reichte erschreckend weit. Bereits die dritte Anwaltskanzlei, die er fragte, hatte den Fall abgelehnt und auf andere verwiesen. Einzig die Androhung eines Interviews mit der überregionalen Zeitschrift Weltenecho brachte Unruhe in die Sektenführung. Seitdem bedrohten und verfolgten sie ihn, seit Wochen nun schon. Er sah sich um. Bestimmt lauerten sie auch hier. Gab es da nicht auch den alarmierenden Fall von Kai Holzmann, dem Geschäftsführer einer der Gesellschaften? Er war verschollen, gerade dann, nachdem er Peter gegenüber angedeutet hatte, die Sekte zu verlassen. Was für ein Sumpf aus Lügen und Sünden. Nicht Gott lenkte die Sekte, der Teufel war es.
Doch inzwischen war es ihm fast egal. Peters Motivation, das durchzustehen, versank wie bei jedem seiner Friedhofsbesuche in der Trauer um Claudia. Rache? Wozu? Seine Frau kam dadurch nicht zurück. Ihm blieb nur die Einsamkeit. Er hatte einen Sohn. Der vegetierte als obdachloser Künstler in Berlin. Jan wusste nicht einmal, woran seine Mutter verstorben war, geschweige denn, unter welchen Umständen. Er hatte nie danach gefragt. Jan und er lebten völlig verschiedene Leben. Ihn anrufen? Es widerstrebte Peter. Nicht nur falscher Stolz hielt ihn zurück. Was sollte Jan denken, wenn er von der Verstrickung in die falsche Kirche erfahren würde? Nach dem Tod von Jans Mutter sehnte Peter sich jeden Morgen und jeden Abend nach einem Lebenszeichen seines einzigen Kindes. Er hatte den Jungen vergrault, ihm zu wenig Liebe gezeigt. Wegen ihm war Jan nach Berlin gezogen, möglichst weit weg von Streit und Verständnislosigkeit. Gern wollte er wieder gutmachen, was er in frühen Jahren verpasst hatte. Peter hatte das Testament geändert. Jan sollte das, was noch übrig war, erben. Nicht als Pflichtteil, sondern alles, was in der Vorversion des Testamentes bereits der Sekte zugedacht war. Und ihn, Jan Torberg Junior, den rebellischsten und dickköpfigsten aller möglichen Söhne, würde der Padre mit noch so großer Scheinheiligkeit niemals beschwatzen können. Peter selbst resignierte inzwischen.
Der Nebel zog seinen milchigen Schleier dichter um ihn. Vom Nebengrab aus starrte ihn die Krähe an und schrie auf, als wollte sie ihn fragen, welchen unheiligen Gedanken er gerade nachhing. Ja, er hatte daran gedacht, die Wartezeit bis zur Vereinigung mit seiner Frau erheblich zu verkürzen und zahlreiche Mittel und Wege abgewogen, die es ihm leicht machen sollten. Zu Hause und im Büro seiner Firma dachte er unentwegt daran, die Lügner aus der Sekte mit allen Mitteln zu bestrafen. Doch dann stand er jedes Mal schwach und wie betäubt vor dem Grab seiner Frau und überlegte, aufzugeben und für immer zu verschwinden – dahin, wo Claudia auf ihn wartete.
Er strich mit dem Zeigefinger über die Rose.
»Ohne dich macht alles keinen Sinn.«
Peter hörte das leise Knirschen von Sohlen auf nassem Schotter hinter sich. Gleich darauf überzog Gänsehaut seinen Nacken, als lägen nur Millimeter zwischen ihm und dem Atem eines fremden Menschen. Man merkt, wenn sich jemand von hinten nähert. Jedenfalls dann, wenn man in gänzlicher Stille verharrt. Da waren sie also, die Schergen des Padre, die Schläger Gottes. Er war sich sicher, doch die Enge seines Geistes im Bann des Grabes hinderte ihn daran, sofort um sich zu schlagen. Erstaunt nahm Peter seine Trägheit wahr, panische Angst zu empfinden. Die musste er gewiss haben, denn warum sonst sollte sich jemand an einsamer Stelle an ihn heranschleichen. An Geister glaubte er nicht, auch, wenn er manches Mal insgeheim auf die Hände seiner Frau hoffte, die ihn zu ihr in die weiche Erde ziehen wollten.
Peter nahm das Rauschen von Kleidung neben sich wahr und spürte eine Hand auf seiner rechten Schulter. Nun begann sein Herz doch, kräftig zu klopfen. Aber er sah sich nicht um, weder nach hinten noch zur Seite. Er starrte ohne zu Zwinkern die Krähe an, die wieder auf Claudias Grab hüpfte. Eine Hand fasste nach seinen Fingern. Sie fühlte sich unecht an, künstlich – nicht so warm wie die Haut eines Menschen. Zwischen seinen Fingern wiederum fühlte er etwas schrecklich Kaltes. Man hob Peters Arm, das Kalte drückte gegen seine Schläfe, sein Zeigefinger krümmte sich, ohne dass er etwas dazu tat. Er ließ es geschehen.
Ich komme, dachte er.
Der Atem neben ihm ging fast lauter und schneller als sein eigener. Dann riss es ihm fast den Kopf weg.
Das Erbe
Tot! Der Alte war tatsächlich tot. Ein leichter Schauder kroch Jan beim Anblick des mächtigen Holzschreibtisches den Rücken entlang, als säße sein alter Herr noch immer dahinter und debattiere mit ihm über Jans ineffektives Künstlerdasein. Dabei musste ineffektiv ja nicht gleichzeitig unproduktiv bedeuten. Aber das hatte seinen Vater nie interessiert. Kunst hatte Hobby zu sein, es sei denn, man wäre berühmt wie van Gogh oder Picasso. Dass auch die sich erst einen Ruf hatten erkämpfen müssen, war für den Alten schon zu viel des Geschwätzes gewesen. Das geldgeile Denken seines Vaters und Jans chaotische Lebenskunst … ein bis zum Ende unbefriedetes Schlachtfeld. Darauf zurückgelassen: nur Verlierer, wie in jedem ordentlichen Krieg.
Nun hatte er seinem Leben selbst ein jähes Ende bereitet. Ein Schuss, aufgesetzt auf die Schläfe, dessen Explosionskraft den Schädel zerfetzte, und dessen Spuren von Rauch und Hirngewebe an der rechten Hand von Selbstmord zeugten. So hatte man es Jan erklärt. Es waren ihm zu viele Details. Nie im Leben hätte Jan mit einer derartigen Tat seines Vaters gerechnet. Doch die Menschen, die seinen Vater besser kannten als er, erzählten etwas anderes. Sie sprachen von tiefer Trauer nach dem Tod seiner Frau, von abwechselnd depressiven und aggressiven Stimmungen.
Eine seltsame Mischung aus Schmunzelnmüssen und Schmerz vibrierte in Jan, während er sinnlos auf das Erscheinen der vertrauten grauhaarigen Gestalt mit den herabhängenden Mundwinkeln hinter dem Schreibtisch wartete. Irgendwie vermisste er ihn doch. Es war etwas Unvollendetes im Abgang seines Vaters. Er hatte etwas übrig gelassen, nicht nur die Marketingfirma mit – bis vor wenigen Tagen – 96 Beschäftigten, nicht nur eine Menge Geld … vielleicht hatte Jan sogar gehofft, seinen Vater doch noch stolz machen zu können, womit auch immer – jedenfalls nicht mit den Fotografien aus seiner betagten Nikon, der Zeichnerei und der Grafittikunst … aber jetzt war es zu spät. Der Alte war weg, verstaut im Grab der Mutter, die womöglich nicht besonders glücklich über die unerwartete Gesellschaft nach den letzten Monaten in Ruhe war.
»Tja, und jetzt wühle ich hier herum und bringe mit Sicherheit alles durcheinander. Ob du das so gewollt hast?«, flüsterte Jan.
Er schritt langsam um den Schreibtisch herum, ließ sich mit seiner seit Wochen nicht gewaschenen Jeans in dem durchgesessenen und speckigen Lederungetüm dahinter nieder und streckte seine langen Beine unter der verkratzten Holzplatte aus. Einen Moment lang wippte er gedankenvoll hin und her. Bald näherten sich seine Fingerspitzen dem Griff der Schublade vor ihm. Privatbereich Vater! Fast spürte er einen Klatsch auf seiner Hand.
Die Tatsache, dass ihm sein Vater trotz allem all das bedingungslos vererbt hatte, wertete Jan als letzten verzweifelten Versuch, den einzigen Nachkommen von der Gosse weg in ein normales Leben zu pressen. Was sollte er mit der Firma? Sie interessierte ihn einen Dreck! Das geerbte Geld reichte, um sich ein bescheidenes Leben lang auf die faule Haut zu legen, ein bisschen Künstler heraushängen zu lassen, Freunde zu kaufen. Er war genügsam, gewohnt, mit wenig auszukommen. Die mangelnde Unterstützung der vergangenen Jahre hatte ihn abgehärtet.
Jan spielte mit dem Knauf der Schublade. Als es in der Stille des Raumes an der Tür klopfte, zuckte er zusammen. Ein junger Mann öffnete, ohne eine Aufforderung dazu abzuwarten, und steckte den Kopf durch den Spalt. Jan erkannte Kemal Akdas, den Rechtsberater seines Vaters. Der Einzige, den er hier überhaupt näher kannte. Nun betrachtete er ihn als Teil der Erbmasse, die man ihm ans Bein gebunden hatte.
»Darf ich hereinkommen?«
Jan nickte wortlos. Der Kerl würde sowieso eindringen, egal, was er antwortete.
Zögernd betrat der Mann mit den ordentlich gekämmten schwarzen Haaren und dem gebügelten Anzug das Chefbüro. In den Händen trug er einen langweilig aussehenden Ordner und eine geöffnete Fächermappe, deren aufgeklappter Zustand Jan an ein gähnendes Maul erinnerte.
Kemal stellte sich vor den Schreibtisch und musterte ihn aus tiefdunklen Augen.
»Ich störe Sie nur ungern …«
»Warum tun Sie es doch?«
Der scharfe Ton seines neuen Chefs ließ Kemals Gesichtszüge entgleisen, aber nur kurz.
»Es gibt ein paar laufende Terminsachen, die geklärt werden müssen und in der Post von heute …«
»Kann das nicht die Zicke im Vorraum erledigen? Wofür habe ich sie?«
Kemal räusperte sich.
»Sie meinen die langjährige Sekretärin Ihres Vaters? Nun, Sie haben der Dame eine Kündigung nahegelegt. Da sie noch offenstehenden Urlaub und eine unendliche Anzahl an Überstunden übrig hatte …«
»Sie ist schon weg? Das ging aber verdammt schnell.«
»Ja, vermutlich hatte sie es damit so eilig, weil Sie ›blöde Schnepfe‹ und ›dämliche alte Schachtel‹ zu ihr sagten, als sie Ihnen gestern die Post bringen wollte. Ich schätze, dass da noch ein arbeitsrechtliches Nachspiel auf Sie zukommt.«
Jan runzelte die Stirn. Da war er wohl etwas voreilig und eine Idee zu wenig empathisch gewesen. Egal, nun war es eben so. Er brauchte keine alte Tante, die sich aufführte wie eine Expartnerin seines Vaters – was sie mit Sicherheit nicht war – und die glaubte, einen Anspruch auf ein besonderes Vertrauensverhältnis Jan gegenüber zu besitzen. Sollte sie doch weggehen, völlig bedeutungslos. Sie war ersetzbar.
»Genauso, wie Sie dem Pförtner gekündigt haben, dem Chefbuchhalter, einer Reinigungsfrau, die Ihnen lediglich mit dem Staubsauger im Weg war, und den beiden Sachbearbeitern aus der Organisationsabteilung. Ach ja, und der Personalchefin, weil sie ein ernstes Gespräch über all diese Kündigungen mit Ihnen führen wollte.«
»Und jetzt haben Sie Angst um Ihren Job?«, raunzte Jan Kemal von unten aus ins Gesicht.
»Nein, wohl kaum.«
»Ach nein?«
»Nein, Sie brauchen mich noch. Jetzt umso mehr.«
»Da sind Sie sich aber ziemlich sicher.«
»Allerdings, irgendjemand muss das Geschäft weiterführen, auch wenn Sie es vermutlich so schnell wie möglich veräußern wollen. Dabei könnte ich Ihnen übrigens behilflich sein.«
»Vielleicht will ich das ja gar nicht.«
Jan bemerkte einen Hauch von Enttäuschung in Kemals Miene. Hatte der Kerl doch wahrhaftig darauf gehofft, ihn derart schnell loszuwerden? Selbstredend überlegte Jan vom Todestag seines Vaters an, das Geschäft zu verkaufen. Nur wusste er nicht einmal, wie er das anstellen sollte, genauso wenig, wie er etwas vom Marketinggeschäft verstand, von Geschäften überhaupt. Er brauchte Kemal tatsächlich. Ein Glück, dass er ihm noch nicht gekündigt hatte.
»Ich bin also nach wie vor Ihr Rechtsberater?«
»Ja, seien Sie stolz darauf.«
»Da das nun geklärt ist, wäre ich froh, wenn wir ernsthaft über Geschäftliches sprechen könnten. Es gibt einen Vorgang, der mir Bauchschmerzen bereitet. Es betrifft ein – wie soll ich sagen – besonderes Unternehmen in Düsseldorf.«
Jan seufzte, es blieb ihm nicht erspart. Nun hatte ihn der Alte da, wo er ihn immer haben wollte.
»Was ist denn so besonders an diesem Unternehmen?«
»Es handelt sich um eine christliche Glaubensgemeinschaft. Sie nennt sich Kirche des Lichts.«
»Eine Kirche? Ernsthaft?«
»Ich weiß nicht, was Sie über die letzten zwei Jahre ihrer Eltern wissen. Ihre Mutter war sehr krank und in dieser Kirche wollte sie wohl so etwas wie Erlösung finden.«
»Ich weiß gar nichts. Mein Vater hielt es nicht für nötig, mich über irgendetwas zu informieren. Von der Krankheit und dem Tod meiner Mutter erfuhr ich erst nach ihrer Beerdigung.« Jan betrachtete das goldgerahmte Foto auf dem Schreibtisch, worauf seine Eltern Arm in Arm am Strand von Juist vor dem Meer posierten.
»Das wussten Sie nicht? Ihr Vater sagte, er hätte Sie in Berlin nicht erreichen können. Er meinte, Sie hätten kein Smartphone und keine Adresse, an die er sich wenden konnte.«
»Oh doch, die hatte er. Ich war in einer WG gemeldet. Jede Nachricht an diese Adresse gerichtet, hätte mich erreicht … zumal in einem Zeitraum von zwei Jahren …«
Ein Kloß in Jans Kehle hinderte die nachkommenden Worte, ausgesprochen zu werden. Dafür hasste er seinen Alten. Für diese Sturheit, nicht einmal in Mutters schlimmsten Zeiten den Kontakt zu ihm gesucht zu haben. Für wie undankbar hatte er ihn eigentlich gehalten? Es wurde ihm bewusst verschwiegen. Selbst bei Jans Weihnachtsanruf im letzten Jahr.
Jan wandte sich dem jungen Mann im Büro wieder zu. Er fand ihn etwas herablassend ihm gegenüber. Wer wusste schon, was sein Vater alles über Jan erzählt hatte.
»Was ist denn nun mit dieser Kirche?«, fragte Jan.
»Das, ich nenne ihn mal Oberhaupt, möchte unser Unternehmen kaufen.«
»Das hier? Sie meinen mein Erbe, die Marketingfirma Peter Torberg GmbH?«
»So ist es. Und an einer Marketinggesellschaft der Kirche sind Sie mit Ihren Anteilen zur Hälfte beteiligt. Ich hatte Ihrem Vater damals übrigens abgeraten, da zu investieren. Wie dem auch sei … der andere Anteilseigner möchte einen neuen Geschäftsführer einsetzen und benötigt Ihre Unterschrift dazu.«
»Das bereitet Ihnen Bauchschmerzen?«
»Nicht die Sache mit dem Geschäftsführer, obwohl … der gilt merkwürdigerweise als verschollen. Aber mich beunruhigt vielmehr dieses Geschäftsfeld. Es ist eine Sekte.«
»Verschollen?«
»Ich lasse Ihnen das Schreiben des Herrn aus Düsseldorf da. Vielleicht schaffen Sie es, sich neben Ihren Kündigungen an die Mitarbeiter und den daraus resultierenden Konsequenzen damit zu beschäftigen.«
»Kemal … ich darf Sie doch beim Vornamen nennen?«
»Wenn es sein muss.«
»Was denken Sie über den Selbstmord meines Vaters? War er wirklich so labil, dass er diesen Schritt gegangen ist?«
»Was sagen Sie denn da? Was soll es denn sonst gewesen sein?«
»Ich weiß nicht, das passte nicht zu meinem Vater. Nicht so, wie ich ihn kannte. Das habe ich den Polizisten auch gesagt.«
»Das hieße im Umkehrschluss, dass er ermordet wurde. Wer sollte so etwas tun? Können Sie sich nicht vorstellen, wie traurig und einsam jemand sein kann, der einen geliebten Menschen verloren hat? Der niemanden sonst mehr an seiner Seite hat, auch nicht den einzigen Sohn, der sich seit Jahren nur noch zu Weihnachten meldet.«
Jan hob den Kopf höher. »Sie werden unverschämt!«
»Ich dachte, Sie wollten meine Meinung hören.«
»Nein, nicht wirklich.«
»Ich arbeite immer noch für Sie?«
»Noch.«
Taxi nach Düsseldorf
Regen, dunkle Wolken, die den gesamten Horizont vereinnahmten, und das monotone Fahrgeräusch – seit Stunden zogen Bäume und Felder am Fenster vorbei. Die Scheibenwischer mühten sich unablässig um klare Sicht auf die unendlich scheinende Straße.
Angesichts dieser düsteren Stimmung und der versackten Haltung auf dem Rücksitz des Taxis blieb Jan nichts anderes übrig, als den Schlaf zu suchen. Stundenlanges Sitzen und Warten schien ihm unerträglich. Ohne Sicherheitsgurt an das Fenster gelehnt, die Knie hochgezogen, die verschmutzten Schuhe an den Vordersitz gedrückt, knautschte er sich aus seiner ausgebeulten Lederjacke erneut ein Polster für den Kopf. Immer wieder fiel sein Blick auf das ewig Gleiche am Rande der Autobahn.
»Geben Sie noch mal diese Geschäftsakte her«, brummte er.
Seinen Sitznachbarn Kemal schien die Fahrt ebenso mitzunehmen. Er spielte lustlos auf seinem Smartphone herum.
»Solcher digitaler Scheiß stiehlt Ihnen nur einen Teil Ihres Lebens«, stichelte Jan.
Er sah in umränderte Augen und auf eine angestrengt gerunzelte Stirn. Träge steckte der junge Mann das Handy ein und reichte ihm die Mappe.
»Irgendwann werden Sie so einen digitalen Scheiß dringend brauchen«, gab Kemal zurück.
»Nein, davon habe ich mich verabschiedet. Mein Leben funktioniert auch ohne.«
Jan blätterte und versuchte zu lesen – unmöglich, sich zu konzentrieren. Wortlos klatschte er die Unterlagen auf die Oberschenkel seines Mitarbeiters zurück. Er beobachtete ihn dabei genau – dessen erschrockenes Gesicht, der fragende Ausdruck. Ihn amüsierte die stumme Empörung, die ihm wie erwartet entgegenschlug.
»Ganz schön empfindlich, wie?«
Ein bisschen Provokation als aussichtsreiche Abwechslung zur Öde der Dienstreise – das war es doch.
»Ich bin Justiziar, kein Hafenarbeiter! Im Normalfall ist es heute nicht mehr nötig, eine raue Schale zu besitzen. Wissen ist gefragt und emotionale Intelligenz. Damit lässt sich mehr Geld verdienen.«
»Mein Geld, nicht wahr?« Jan bemühte sich um ein besonders breites Grinsen, von dem er wusste, dass es unausstehlich arrogant wirkte.
»Ihr Vater war diplomatischer im Umgang mit seinen Angestellten«, murrte sein Gegenüber.
»Dafür nenne ich Sie nicht Angestellter, sondern Mitarbeiter. Oder sollte ich Sie besser Alleinarbeiter nennen?«
Zweifelnd fixierte ihn der junge Mann.
»Das war nicht ironisch gemeint, wirklich nicht! Seien wir doch ehrlich, Sie arbeiten und ich ernte die Resultate. Ich habe Sie aus gutem Grund gebeten, mich nach Düsseldorf zu begleiten. Das alles ist Neuland für mich.«
Kemal löste die aufgekommene Starre seiner Gesichtsmuskeln. »Bei Ihnen weiß man eigentlich nie … also gut. Ich schätze, Sie hatten noch nicht viel Gelegenheit, sich mit den Grundlagen für unsere Verhandlungen vertraut zu machen …«
Schon jetzt gelangweilt winkte Jan Torberg nun doch ab. »Ach, wissen Sie was? Ich hab´s mir anders überlegt. Wenn ich schon höre, wie Sie das so monoton vortragen, wird mir schlecht. Bleiben Sie mir mit diesem Mist lieber doch vom Leib.«
In Torbergs Stimme lag etwas derart Abweisendes, dass Kemal vorsichtshalber ein paar entschärfende Minuten verstreichen ließ. Während er durch das Autofenster die ersten vorbeiziehenden Häuser des Ruhrgebietes beobachtete, fragte er sich, wie gefräßig Gier sein konnte. Sie fraß alles, was ihm früher einmal wichtig gewesen war … Selbstachtung, Stolz, Ehre … wo war das geblieben? Er betrachtete Torbergs schwarzen, ungepflegten Flusenbart, der das überheblich hochgezogene Maul umrahmte, das Kemal inzwischen hasste. Dieses Grinsen! Diese ständig zu Schlitzen geformten Augen, die vermuten ließen, dass Torberg gerade darüber nachdachte, wie er Kemal demütigen könnte! Wie lange konnte er das, des lieben Geldes wegen, noch ertragen? Nach diesem Einsatz in Düsseldorf würde Schluss sein, schwor sich Kemal. Danach wollte er sich endlich eine andere Arbeitsstelle suchen, die ihm das Selbstwertgefühl wiedergeben würde, welches er seit dem Tod des alten Torbergs vermisste. Er wollte noch mehr sparen und dann etwas Eigenes gründen – eine Kanzlei. Aber bis dahin musste er sich ducken, kriechen, säuseln, um so lange es ging das dicke, etwas zu üppige Gehalt einzustreichen. Seine einzige Möglichkeit, Torberg zu schaden.
»Hören Sie, Herr Torberg. Ich weiß, dass es Ihnen lästig ist, Papierkram zu studieren, aber wenn wir zu dem Meeting in Düsseldorf erscheinen, sollten Sie wenigstens die wichtigsten Leute mit Namen und deren Stellung kennen.«
»Dann tun Sie, was Sie nicht lassen können.«
»Wenn Sie es wünschen, fasse ich noch einmal alles zusammen. Der Geschäftsführer unserer Beteiligungsgesellschaft …«
»… führt unser Geschäft.« Eine Bemerkung, die sein musste.
»… führte, Herr Torberg … führte! Der Mann ist seit Wochen unauffindbar, einfach verschwunden. Außerdem führte er den Namen Kai Holzmann und einen anschaulichen Lebensstil – etwas zu anschaulich, für ein Mitglied einer angeblich bescheidenen und uneigennützigen Vereinigung, wie ich finde.«
Wortlos lenkte Jan Torberg seinen Blick nach draußen. Verschwunden … was hieß das? Entweder war der Mann Opfer eines Verbrechens geworden oder er wollte bloß nicht mehr gefunden werden. Jan strich sich eine Strähne seiner vernachlässigten Frisur aus den Augen. Unterzutauchen, anonym sein Leben zu verbringen, in einer anderen Stadt, oder in einem fremden Land – weg von allem … manchmal wünschte er sich das. Ein neues Leben anfangen, vieles anders machen, eine neue Rolle in der Gesellschaft spielen, das unbeliebte Alte ablegen. Es wäre nicht die schlechteste Wahl für ihn. Einmal hatte er es bereits versucht, als er nach Berlin gezogen war. Doch selbst im Schmelztiegel multikultureller Künstler, Hipster, Esoteriker, Abtrünniger, und Futuristen, war er nach kurzer Zeit schon wieder Außenseiter. Egal, wo er länger als ein paar Tage blieb, mochte ihn bald keiner mehr.
Jan sah zu Kemal hinüber, der belästigt aussah, wie so oft. Belästigt von ihm, allein durch seine Anwesenheit, von seinem bloßen Anblick wahrscheinlich. Der nur seinen Job machte. Der niemals auch nur entfernt darüber nachdachte, ein Freund seines neuen Chefs zu werden und dass er, Jan Torberg, vielleicht lieber heulen würde als zu belästigen. Kemal mit dem sensiblen Gesicht, den Blick nach draußen gerichtet, genau wie er selbst eben noch. Der saß da mit der Geschäftsakte auf den Knien, das Einzige, das ihn zu interessieren schien an ihrer gemeinsamen Fahrt. Darüber hätte Jan heulen können. Aber er beherrschte sich.
»Wie hieß noch dieser andere Mann … mein Geschäftspartner, zu dem wir jetzt fahren?«, fragte er an Kemals Hinterkopf gewandt. Er ließ das Wort ›Geschäftspartner‹ betont abwertend über seine Lippen fließen.
»Jorge Alonso.«
»Alonso? Ein Landsmann von Ihnen?«
»Ich bin Deutscher!«
»Sie sollten sich einen anderen Namen zulegen, Herr Akdas.«
Kemal Akdas hob den Kopf höher. »Ich bin stolz auf meinen Namen.«
Jan betrachtete den schmächtigen Mann mit den dunklen Augen und der braunen Haut an seiner Seite. Ein empfindliches Gemüt, fast so dünnhäutig wie das seine, nur offenkundiger. Ein Mann, mutig genug, das zu zeigen.
»Sicher, nehmen Sie es nicht so ernst. Sie kennen mich doch inzwischen.«
Er stieß Kemal spaßeshalber in die Rippen. Der zuckte.
»Über Namen scherzt man nicht. Jorge Alonso ist spanischer Herkunft, das sollte auch der Dümmste heraushören können. Er soll übrigens ein Riese sein.«
»Soso, ein Riese.«
»Ja, tatsächlich, einiges über zwei Meter groß. Außerdem hochintelligent und skrupellos. Wenn Sie mich fragen, ein gefährlicher Mann – wenn es stimmt, was man so munkelt. Sektenführer, Guru oder wie man das nennt. Die Sektenbeauftragten der christlichen Kirchen haben bereits ein Auge auf seine Kirche des Lichts geworfen.«
»Wenn es so offensichtlich eine Sekte ist, warum duldet man diesen alten Guru dann?«
»Woraus schließen Sie, dass der Mann alt ist? Sagte ich etwas in der Art? Man duldet ihn, weil wir in einem Rechtsstaat leben und diese Kirche legal ist. Religionsfreiheit – schon mal von gehört? Man kann ihm nichts nachweisen. So ist das – die größtmögliche Freiheit impliziert leider, dass man sie größtmöglich ausnutzt. Diesen Alonso sollten Sie nicht unterschätzen. Solche Menschen beherrschen die Gefühle anderer, stehen aber selbst mit beiden Beinen auf dem Boden.«
»Auf meinem Boden! Das ist also der Mann, der selbstständig einen neuen Geschäftsführer für meinen halben Teil der Firma dort bestimmen will?«
»Entschuldigung, nicht selbstständig … er schlägt Ihnen Herrn Wolff nur vor …«
»… und bittet schnellstmöglich um Zustimmung! Wo ist da der Unterschied?«
»In den Worten ›schlage ich vor‹. Vermutlich wusste er nicht, dass Ihr Vater verstorben ist und das Schreiben Ihnen zugehen würde. Sie haben es ja nicht für nötig gehalten, ihre Geschäftspartner zeitnah über den Tod Ihres Vaters zu unterrichten.«
»Ich verstehe bis heute nicht, warum meine Eltern die Verbindung zu dieser Kirche gesucht haben. Ausgerechnet diese Sekte! Wo mein Alter gerade so religiös war, dass es für die Weihnachtsmesse reichte. Und mir haben sie meine suchenden Reisen nach Asien als Zeitverschwendung vorgeworfen. Ich bin erstaunt, wie viel Geld meine Eltern gespendet und investiert haben.«
»Nicht nur Geld, sie verbrachten auch viel Zeit in Düsseldorf.«
»Was haben sie da gemacht? Gebetet? Meditiert?«
»Wahrscheinlich. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sie sich nach Tuchfühlung mit diesem Alonso, den man dort übrigens Padre nennt, nach und nach sehr veränderten. Als ob man ihnen langsam die Gehirne wusch. Ihre Mutter war zeitweise richtig euphorisch. Das war, bevor sie … bevor sich ihr Zustand rapide verschlechterte. Von da an musste ich mit den Mitarbeitern praktisch die Geschäfte allein führen.«
»Hätte mein Vater mich nicht wenigstens dann ins Vertrauen ziehen können? Früher war er doch so wahnsinnig daran interessiert, dass ich mich endlich in sein Marketinggeschäft stürze. Wissen Sie, ich bin und bleibe Fotograf. Fotograf mit Leib und Seele … oder auch nicht – gut gelebt habe ich davon nie … mit Betriebswirtschaft stehe ich jedenfalls auf Kriegsfuß. Man könnte fast meinen, ich wäre von Beruf aus Sohn.«
»Davon war ich überzeugt!«
Diese kleine Bemerkung erlaubte sich Kemal, obgleich er voraussah, welche Reaktion darauf folgen würde. Tatsächlich verhärtete sich das Gesicht seines Vorgesetzten augenblicklich.
»Und ich bin davon überzeugt, dass Sie von meinem Geld auch nicht gerade schlecht leben. Ich habe Ihre Gehaltszahlung unterschrieben und so viel Geschäftssinn habe selbst ich, dass ich die Summe getrost als völlig übertrieben betiteln kann.«
Kemal nahm sich vor, sich solche Bissigkeiten künftig zu verkneifen. Solange, bis er mit Genugtuung kündigen würde. Für den Rest der Fahrt schwiegen sie, ungeduldig das ausweglose Sitzen ertragend.
Die Zentrale der Kirche des Lichts
»Warum kommt der so spät? Zwei Stunden Verspätung! Ohne jede Entschuldigung. Was maßt der sich an?«
Der Mann, der vom Fenster des Büros aus die Hofeinfahrt überblickte, nahm eine Zigarette, drehte sie ein paar Mal um und zündete sie schließlich an.
Seine Zuhörerin lächelte.
»Der leistet sich so manches«, sagte sie, seine Finger beobachtend, wie sie ständig durchs Haar griffen, wie ein Redner, der nur aus Kopf und Händen bestand. Die Vorstellung von ihm als Kopffüßler rief eine gewisse Heiterkeit in ihr hervor.
Sie war die Einzige, die Torberg Junior schon kannte. Bei einem ihrer Besuche in der Firma seines Vaters vor ein paar Jahren hatten sie und Jan Torberg festgestellt, dass sie sich aus Schulzeiten kannten. Es war ein einmaliges Treffen gewesen und einiges in der Zwischenzeit geschehen, aber die Erinnerung an den jungen Rebellen war geblieben. Unvergesslich, dieser ironische Zug um Torbergs Mund. Eine Hand hatte er ihr damals nicht gereicht, sie dafür ungeniert, geradezu anzüglich, gemustert. Seine herablassende Art hatte, das musste sie sich zugeben, etwas anziehend Unverschämtes. Anna Schuster amüsierte der Gedanke, wie der junge Unternehmer hier ankommen würde, und sie freute sich jetzt schon auf reichliche Abwechslung. Vor allem auf die Reaktionen Ihres Chefs Alonso. So schnell, wie gewohnt, würde er diesen nicht einwickeln.
Sie nippte an ihrem Glas und beobachtete Wolff, der jetzt das Fenster verließ und auf und ab lief. Dermaßen nervös wie heute sah man ihn selten. Aber die wenig umgängliche Art Torbergs hatte sich durch informierte Zungen herumgesprochen – gerade auch durch ihre. Und wie vom Bösen getrieben, fand sie es an der Zeit, noch einmal darauf hinzuweisen.
Ein Grund für die Finger, wieder durchs Haar zu greifen. Dann schwiegen die Hände, nachdenklich verharrten sie am Körper.
»Ach was, der wird sich schon anpassen. So wie jeder.«
Er drehte wieder die Zigarette.
»Wenn nicht, dann wird der Padre schon dafür sorgen. Da können wir sicher sein.«
»So sicher wie das Amen in seiner Kirche!«
Anna fand ihre Bemerkung so passend, dass sie auf dem schwenkbaren Sessel hin und her wippte. Obwohl lautlos, schallte das Lachen in ihrem Kopf. Selbst Wolff schmunzelte heimlich, sie sah es. Wäre freilich der Padre anwesend gewesen, hätte sie niemals eine noch so passende Bemerkung gewagt.
Kurz bevor sie in Düsseldorf ankamen, wäre es Jan fast gelungen, einzuschlafen. Gerade kroch ein Gefühl tiefer Entspannung in seinen Körper. Als der Taxifahrer ihn ansprach, dauerte es einige Sekunden, bis er richtig zu sich fand. Sein Wir sind gleich da, Herr Torberg, schreckte ihn auf, wie ein Schrei. Sie passierten ein wegweisendes Schild am Straßenrand.
»Fahren Sie noch mal zurück«, befahl Torberg.
Der Taxifahrer murmelte unverständliche Flüche vor sich hin, bevor er den Rückwärtsgang einlegte. Fünfzig Meter zurück stoppte er abrupter als nötig mitten auf der Straße.
Mit zusammengekniffenen Augen studierte Jan durch das Autofenster hindurch die Aufschrift auf der Hinweistafel so lange, als wollte er sie ganz und gar verinnerlichen.
Auf silberfarbenem Grund stand in protzend goldener Schrift:
Kirche des Lichts
Zentrale
Marketing und Missionswerk
»Warum halten wir hier?« Kemal war ebenso wie sein Chef aus einem Fast-Schlaf aufgeschreckt.
»Ich wollte es schwarz auf weiß sehen und jetzt sehe ich es golden auf silber.«
»Sie wollten was? Ich kann Ihnen nicht folgen … wie so oft.«
»Ich meine dieses Schild. Kaum zu glauben, dass mir so etwas zur Hälfte gehört.«
»Tja, über einige wesentliche Dinge hat Ihr Vater Sie wohl im Unklaren gelassen. Aber Ihnen gehört von der Zentrale nichts. Sondern nur ein Teil dieses Marketing- und Missionswerks. Missionierung ist auch so eine Art Marketing, wenn man es genau nimmt.« Kemal verzog verächtlich die Mundwinkel.
Zwei Kilometer weiter erreichten sie die Einfahrt zu einem abgelegenen Anwesen. Ein grüner Streifen aus meterhohen Kirschlorbeeren kaschierte den dahinter verborgenen Metallzaun. Doppelstabgitter mit Auslegern, Jan durchdachte reflexhaft seine Chancen, den Zaun zu überwinden. Nicht ganz einfach, aber machbar, entschied er.
Der Taxifahrer seufzte auf, als er seinen übermüdeten Körper aus dem durchgesessenen Autositz hob. Draußen bog er den Rücken ausgiebig durch.
»Wird das heute noch was?«, rief Jan von der Rückbank durch die geöffnete Fahrertür. »Sie wissen schon, dass ich Sie üppig bezahlt habe?«
»Deswegen bin ich nicht Ihr Sklave«, antwortete der Fahrer. Den unbequemen Kunden hatte er nur angenommen, weil er sowieso von Hamburg aus zurück nach Düsseldorf wollte und sich dadurch eine lukrative Rückfahrt anbot. Er formte ein unsittliches Zeichen mit seinem Mittelfinger, bevor er sich vor das verschlossene Tor des Anwesens stellte und einen Knopf drückte. Kemal hob angesichts der frechen Antwort des Fahrers triumphierend die Faust.
Das Tor öffnete sich elektronisch und sie befuhren eine breite Schotterzufahrt, bis sie einen gepflasterten Hof erreichten. Der Hof erschien verschwenderisch groß. Er bot Platz genug für zweihundert Autos, aber nur wenige, höchstens zehn, parkten dort. Einige der Fahrzeuge protzten in Jans Augen wie Ludenkarren, die anderen wirkten auf ihn wie Seifenkisten. Ein großer weißer Transporter ohne Aufschrift rangierte vor dem geöffneten Tor einer Halle.
Kemal und Jan enttäuschte das nüchterne Äußere des Gebäudes vor ihnen. Sie hatten mehr Spiritualität erwartet. So etwas wie eine große Kirche oder Moschee, etwas Heiliges jedenfalls.
»Hier wollte meine Mutter ihren Glauben finden? Es sieht aus, wie ein gewöhnliches Bürogebäude«, sagte Jan.
»Es ging nicht nur um ihren Glauben. Es ging um Heilung. Dem Sektenführer wird die Fähigkeit zugeschrieben, Kranke heilen zu können.«
»Ein Wunderheiler? Ich kaufe Ihnen nicht ab, dass mein Vater an so etwas geglaubt hat.«
»Warum nicht? Niemand weiß, wie er reagiert, wenn er den Tod so dicht vor Augen hat. Tut man dann nicht alles, um sich zu retten?«
»Meine Mutter vielleicht, ja. Das kann schon sein.«
»Tja, wenn die Schulmedizin nicht hilft, suchen viele Trost und Hilfe im Glauben. Der Schritt vom Glauben zum Aberglauben ist vermutlich gar nicht so weit.«
»Was unterscheidet denn Aberglauben vom Glauben?«, fragte Jan. »Jede Religion pachtet für sich die Wahrheit. Warum soll die Wahrheit dieser Sekte falscher sein als die der anderen?«
Kemal dachte eine Weile nach. Diese Frage konnte er nicht einmal für sich selbst beantworten. Also schwieg er dazu. Dass Torberg aber fast philosophisch in die Tiefe fragte, wunderte ihn. Er hatte ihn für einen oberflächlichen Trampel gehalten.
Inzwischen hatte sich der Himmel derart verdunkelt, dass man den Eindruck eines drohenden Unwetters erhielt. Jan ließ den Wagen in einigem Abstand zum Gebäude und mit der Motorhaube zur Einfahrt hin parken. Es gab ihm ein sichereres Gefühl, im Notfall mit dem Gefährt näher am Ausgang zu sein. Er warf einen Blick auf das Tor und registrierte mit Unbehagen, wie es sich verschloss.
»Ich würde gern etwas essen. Wann brauchen Sie mich wieder?«, fragte der Fahrer.
»Sehen Sie hier ein Bistro zum Einkehren? Nein, Sie bleiben hier und warten.«
»Arschloch«, flüsterte es vom Fahrersitz aus.
»Das habe ich gehört.«
Als Jan und Kemal ausstiegen und ihre steif gewordenen Beine endlich wieder ausstreckten, öffnete sich die angesammelte Masse tiefdunkler Wolken und Regen ergoss sich sintflutartig über der Stadt. Binnen Sekunden verwandelte sich die graue Pflasterung in Schwarz und schon flossen kleine Rinnsale den Boden entlang. Kemal hielt es für einen Wink Gottes, sich lieber wieder ins Taxi zu verkriechen und davonzufahren. Trotzdem rannte er mit der Jacke auf dem Kopf über den Hof, um sich in den schützenden Eingang des Gebäudes zu stellen. Direkt dahinter folgte ihm Jan Torberg mit großen Schritten. Jans Füße patschten jedes Mal in kleine Pfützen und erinnerten ihn sofort daran, dass seine Schuhe mit vernünftigem Schuhwerk nichts gemeinsam hatten.
Kaum aber hatten sie den Eingang erreicht, beruhigte sich das Wetter wieder. Der Regen verstummte und nur noch vom Dach des Hauses und den angrenzenden Bäumen plätscherte Wasser, sammelte sich in Pfützen, und alles verlief in kleinen Bächen, um in den Gullys zu verschwinden.
Während sie erst den aufklarenden Himmel und dann sich selbst betrachteten, fragten sich beide, warum sie nicht zwei Minuten gewartet hatten. Kemal lächelte schadenfroh, als er in Jans vor Nässe triefendes Gesicht sah. Und der Taxifahrer lachte im Wagen so laut, dass sie es durch die geschlossenen Fenster selbst aus der Entfernung hörten. Doch Jan grinste ebenso und Kemal bemerkte, wie wenig besser er dastand. Im Gegenteil, ihm war, als wirke ein Mann in einem völlig durchnässten Anzug noch lächerlicher als ein Mann in verschlissener, durchnässter Jeans. Leider war Kemal der Mann im Anzug und es ärgerte ihn, dass es Torberg überhaupt nichts ausmachte, ihm dagegen sehr viel. Das war etwas Grundlegendes, das sie unterschied und das stocherte in Kemals Selbstbewusstsein, seit er den jungen Torberg kannte.
Wortlos folgte er seinem Chef durch eine Glastür in die geräumige Eingangshalle des Gebäudes. Er hatte fast das Verlangen, seine Schuhe auszuziehen, als er den auffallend sauberen Teppich im Eingangsbereich betrat – weinrot auf goldschimmernden Fliesen. Kemal rümpfte die Nase und dachte an den bescheidenen Imam der kleinen Moschee seines Stadtteils in Hamburg. Torberg begrüßte den Pförtner, der hinter einer gläsernen Schutzwand auf ihn wartete. In der Zwischenzeit studierte Kemal einen Ständer mit glänzenden Prospekten und eine Informationstafel, auf der Plakate und Fotos das Leben der Gemeinde illustrierten – zumindest das Leben, das sie nach außen hin führten. An den Wänden hingen Fotografien, welche wohl einige der Kirchen des Lichts zeigten. Auch darauf fand er keine sakral anmutenden Bauwerke. Dafür aber ehrfurchtsvolle Gesichter, glückliches und dummes Lächeln vor den Mauern weiß verputzter Häuser und immer wieder ein riesenhafter Mann in weißem Gewand mit goldenen Ornamenten. Der Mann lächelte kühl und hob die Hände wie zum Segnen, oder er tätschelte den Kopf eines Kindes. Auf einem der Fotos schien er vor einem armen Dorf irgendwo in Osteuropa zu posieren, umringt von lachenden Menschen.
Kemal nahm soeben den Fahrstuhl ihm gegenüber wahr, da sah er Torberg im Treppenhaus daneben verschwinden. Der Pförtner rief ihm mit lauter Stimme etwas hinterher, doch Torberg überhörte ihn schlicht.
Der lässt mich hier stehen, durchzuckte es Kemal.
Noch während sich Kemal mit dem herbeigeeilten Pförtner auseinandersetzte, öffnete sich der Fahrstuhl und ein Mann stieg aus. Mit affektiert erhobenem Haupt trat er Kemal entgegen.
»Wolff … wir hatten Sie eher erwartet!« Unnachsichtig sah Wolff den Verspäteten an. »Sind Sie aufgehalten worden? Hätten Sie sich unterwegs nicht melden können? Wir sind es nicht gewohnt, dass man uns warten lässt.«
Bevor Kemal antworten konnte, trat eine junge Frau in elegantem Kostüm Wolff zur Seite. Sie flüsterte ihrem Kollegen etwas zu.
Verwirrt betrachtete er Kemal. »Sie sind nicht Jan Torberg?«
Der bis dahin verdutzte junge Mann erhob seinen Kopf. »Nein – Gott bewahre! Ich bin nur sein Begleiter. Mein Name ist Kemal Akdas, Sekretär und Rechtsberater des Herrn Torberg«, sagte er, froh, seine Person von dem Verdacht befreit zu haben.
Anna wusste, dass Wolff augenblicklich seine inneren Pläne bedroht sah. Und Pläne brauchte er. Er wagte selten Spontanes. Alle seine kleinlichen Vorbereitungen für dieses Treffen zwischen Torberg und ihrem großen Chef und Vater, wackelten seit zwei Stunden bodenlos.
»Aber wieso…? Ist denn Herr Torberg nicht mit Ihnen gekommen?« Er klang ungehalten und blickte sich suchend um.
»Ein Mann ist vorausgegangen, ohne dass ich ihn aufhalten konnte«, rief der aufgewühlte Pförtner und wies auf das Treppenhaus.
»Sie müssen mir nicht ins Gesicht schreien«, entgegnete Wolff.
Doch der Pförtner schaffte es vor Aufregung nicht, seine Stimme zu dämpfen. »Ich hab sofort Alarm gegeben!«
»Was? Wieso Alarm gegeben?« Kemal fühlte sich wie ein Einbrecher, ertappt und gestellt. Doch Wolff verzog nur seinen Mund, fuhr mit der Hand durch sein Haar und seufzte strapaziert auf. »Also kommen Sie, fahren wir nach oben. Dieser Torberg wird sich schon melden.«
Konzeptlos betrat Wolff mit Kemal und Anna den Fahrstuhl.
»Wieso Alarm gegeben?«, fragte Kemal noch einmal.
Doch darauf bekam er keine Antwort. Stattdessen öffnete sich die Fahrstuhltür schon in der nächsten Etage und vor ihnen stand Jan Torberg. Anna erkannte ihn sofort. Zwar waren Jahre vergangen, doch diese Gestalt war ihr seitdem im Gedächtnis geblieben.
Grußlos stieg er ein und musterte Wolff aus nächster Nähe ausgiebig. Der warf einen fragenden Blick auf Anna – sie bestätigte mit kurzem Nicken und nutzte die Gelegenheit, Torberg heimlich zu betrachten. Dass er und sein Begleiter in einen Regenguss gekommen waren, konnten sie nicht leugnen. Hochgewachsen und schlank stand er da, gerade aufgerichtet und er sah auf Wolff hinab, ohne seinen Kopf zu senken. Sie amüsierte sich innerlich. Wolff hasste es, zu jemand anderem aufblicken zu müssen als zum Padre.
Torbergs Schuhe hinterließen im Fahrstuhl eine beachtliche Pfütze. In ausgebeulter Jeans und abgetragener Jacke entsprach er so gar nicht dem Bild des reichen Firmeninhabers, der er nach Antritt seines Erbes nun war. Aber etwas anderes hatte Anna auch nicht erwartet. Verstohlen lächelte sie, als sie in Wolffs vor Eitelkeit gekränktes Gesicht sah. Während der langen Sekunden im Fahrstuhl ließ Torberg nicht einmal den Blick von ihm.
Sieh an, Torberg ist älter geworden, dachte sie. Sein Gesicht schien ihr wesentlich verlebter als früher, das nasse Haar strohiger. Vielleicht trank er oder, noch wahrscheinlicher, hatte er Drogen genommen, oder beides zusammen. Gesund sah er jedenfalls nicht aus. Nur der Bart, der seine schmalen, aber weich geschwungenen Lippen von der Nase bis zum Kinn dünn umhüllte, war genauso flusig, wie sie es von früher kannte. Er hätte sich lieber rasieren sollen, doch glattrasiert und etwas gepflegt war er sowieso nicht vorstellbar. Sie hatte seine Augenbrauen vergessen, die schwarz und überdeutlich eine dicke Linie über seine hellen Augen zogen. Sie wuchsen in der Mitte fast zusammen und prägten entscheidend dieses eigenwillige Gesicht.
Der Aufzug hielt in der vierten Etage. Wolff führte sie in ein großes, komfortabel eingerichtetes Büro, das mehr an einen luxuriösen Wohnraum erinnerte als an einen Arbeitsraum. Jan blieb eine Weile vor der Tür stehen und sah sich um. An der Tür hing kein Schild, keine Nummer, kein Name. Ein kräftiger blonder Mann mit ernstem Gesicht und grauem Anzug wachte davor. Nachdem er den Raum näher in Augenschein genommen hatte, vermutete Jan, dass es das Büro des Chefs war.
Halber Chef, berichtigte er sich sofort, die Hälfte dieser Nobelfirma gehört mir!
Er nahm nicht an, dass der Mann aus dem Fahrstuhl sein eigentlicher Geschäftspartner war, denn so riesig, wie beschrieben, war dieser keinesfalls. Jan setzte sich in einen der bequem aussehenden, schwenkbaren Ledersessel und hatte zunächst nur einen Gedanken – seine nassen Socken auszuziehen, die sich inzwischen in seinen Turnschuhen wellten. Mit Schwung warf er seine Beine übereinander, zog nach und nach erst seine Schuhe und dann die Socken aus. Beides ließ er achtlos zu Boden fallen, um anschließend seine nackten Füße auszustrecken.
Anna konnte sich ein Lachen kaum verkneifen. Jetzt wusste sie, worauf sie mit Spannung gewartet hatte. Mit hin und her wippenden Füßen lehnte sich Jan nach hinten und schloss für einen Moment die Augen. Da fiel ihm Annas nicht ganz verkniffenes Kichern auf und er beugte sich im Sitzen ein Stück vor, um sich nach hinten umzudrehen, soweit es mit ausgestreckten Beinen eben ging. Dann blickte er von einem zum anderen, und als er das empörte Gesicht von Wolff erfasste, verharrte er eine Weile. Was gab es denn zu sehen, außer seinen nackten Füßen auf diesem Teppich? Ein nackter Fuß war immerhin sauberer als ein beschuhter, und außerdem fühlender, konnte er doch jede Faser des teuren Hochflors spüren, der weich und dicht seinen ausgekühlten Fuß wärmte.
»Aber bitte, nehmen Sie doch auch Platz«, bot Jan vom Sessel aus den anderen gönnerhaft an.
Niemand reagierte und es entstand eine vorwurfsvolle Pause.
»Ich hasse nasse Socken.«
Damit hielt er die Sache für erledigt.
Anna musste hinausgehen. Ihr Maß an Beherrschung war überschritten. Sie schloss leise die Tür hinter sich und lief ein Stück den Flur entlang, bog um eine Ecke, um unbeobachtet die Hände vor das Gesicht zu schlagen und ausgiebig zu lachen.
Kemal wäre ihr aus anderen Gründen gern gefolgt. Er hatte das Gefühl, als Gewissen dieses Mannes umherzulaufen, schämte er sich doch für zwei. Ihm war bewusst, dass man sie bei Besprechungen stets zusammen betrachtete, nicht einzeln, und er konnte sich innerlich nicht von Torbergs skandalösem Benehmen distanzieren. Unaufhaltsam stieg eine peinliche Hitze in seine Kopfhaut, die – Allah sei Dank – mit ihrer natürlichen Bräune die schlimmste Offenbarung seiner Gefühle vorerst verhinderte.
Wolff nahm am Schreibtisch vor der Sitzgruppe Platz und griff zum Telefon. Während er wählte, ließ er seinen ungehobelten Besucher nicht aus den Augen. Torbergs Arroganz stand er ohnmächtig gegenüber. Der Armleuchter war ein Gast des Padre, kein Opfer, das er drangsalieren durfte, und das hätte er am liebsten bereits im Fahrstuhl in die Tat umgesetzt.
»Hier ist Wolff – ja, er ist jetzt da. Wenn Sie jetzt kommen, können wir mit dem Meeting beginnen.«
Er legte den Hörer auf und beobachtete seinen Gegner.
»Wo ist dieser … wie heißt der noch gleich … Alonso?«, fragte Jan mit der verächtlichsten Miene, die er ausdrücken konnte.
»Unterwegs hierher, er wird in fünfzehn Minuten hier sein.«
Wolff ahnte, dass es alles andere als geplant laufen würde. Ein unterschätzter Gegner gewinnt fast jede Schlacht. Und dann stand Torberg auf, nahm seine durchgeweichten Schuhe vom Teppich und verließ auf nackten Füßen wortlos den Raum. Er verschwand einfach, ließ Wolff zurück, wie ein Stück Abfall auf seinem Weg.
Kemal folgte ihm verwirrt bis zur Tür. Was jetzt?
»Äh … wir setzen uns mit Ihnen in Verbindung«, rief er hilflos in den Raum hinein. Wie er das jemals erklären sollte, wusste er nicht.
Wolff starrte ihnen nach – perplex, ratlos. Anna hatte nicht übertrieben. Dieser Mann würde ihn eine Menge Nerven kosten. Er besann sich, griff erneut zum Telefon und versuchte Alonso noch aufzuhalten.
Währenddessen fuhr unten im Hof das Taxi auf das Tor zu. Kemal, der fast nicht mitgekommen wäre, saß mit aufgestütztem Kopf neben Torberg auf dem Rücksitz, voll unerfüllter Erwartungen, nutzloser Aufregung und das unangenehme Gefühl durchnässter Kleidung auf der Haut.
»Das können Sie nicht machen! Sie können jetzt nicht einfach gehen. Herr Alonso ist in diesem Moment auf dem Weg hierher.«
»Warum nicht?« Jans Augen blitzten wütend. »Man lässt mich von Hamburg nach Düsseldorf kommen, um mich warten zu lassen?«
»Bedenken Sie – wir sind zwei Stunden zu spät gekommen. Hätte Herr Alonso etwa zwei Stunden auf Sie warten sollen?«
»Ja, das hätte er. Verstehen Sie nicht, Kemal? Das war pure Absicht. Wäre ich pünktlich erschienen, wäre die Situation nicht anders gewesen. Man wollte mich herabsetzen, Dampf herauslassen, indem man mich wie einen dummen Jungen warten lässt. Glauben Sie mir, das kenne ich. Ich habe es nicht nötig, mich herabsetzen zu lassen.«
Kemal staunte über diese Antwort. Torbergs Abgang eine überlegte Reaktion? Diese Leute in Düsseldorf waren sicher ausgekochte Geschäftsleute. Er hatte sich in Hamburg aus verschiedenen Quellen über die Kirche des Lichts informiert. Was er gelesen und gehört hatte, war alarmierend. Diesem Alonso hingen einige Prozesse und Menschenrechtsorganisationen am Hals, allerdings betraf das Fälle im Ausland. Hier, in Deutschland, stand seine sogenannte Kirche bisher am Anfang, waren die Strukturen der Organisation noch nicht mächtig genug.
Als sie das Tor erreichten, blieb es verschlossen. Der Fahrer hielt an und wartete. Entschlossen verließ Torberg den Wagen, entriegelte das Tor von Hand und stieg wieder ein.
»Woher wussten Sie, wie man es aufbekommt?«, fragte Kemal.
»Lebenserfahrung.« Jan zwinkerte ihm zu. »Von innen muss man es immer manuell öffnen können – als Fluchtweg.«
»Sind wir denn auf der Flucht?«
»Flucht würde ich es nicht nennen, eher taktisches Manöver.«
Der Taxifahrer blickte besorgt in den Rückspiegel.
»Muss ich mir Sorgen machen? Sie sind doch keine Diebe?«
»Würden Sie mich das wirklich fragen, wenn Sie es glauben würden? Fahren Sie einfach.«
»Und wohin, wenn ich fragen darf?«
»Richtung Innenstadt.«
»Und was haben Sie jetzt vor? Sie wollen die Angelegenheit schließlich auch geklärt wissen«, fragte Kemal.
Jan überlegte eine Weile, während er aus dem Fenster sah. Er war müde und hatte die Fahrerei satt. Außerdem hatte Kemal recht. Seine Konfrontation mit diesem Kirchenmann war gewollt. Er musste den Mann kennenlernen, dem seine Eltern zwei Jahre lang wie Äffchen hinterhergerannt waren, dem sie Intimes anvertraut hatten, die sie ihrem einzigen Sohn verschwiegen. Jan wollte wissen, was diese Sekte dort trieb. Jetzt nach Hamburg zurückzufahren, wäre sinnlos gewesen.
»Wir werden uns hier in der Nähe eine Bleibe suchen. Morgen rufen Sie dort an und vereinbaren einen neuen Termin – mit der Bitte um pünktliches Erscheinen! Und für morgen besorgen Sie mir, was man so für einen kürzeren oder längeren Aufenthalt hier braucht.«
Vor seinem geistigen Auge schwebten eine gemütliche Suite, geile Filme, ein kulturelles Highlight oder bloß das Kinoprogramm, Knabbereien und vor allem ein paar kühle Helle.
Anna sah ihnen vom Flurfenster des Gebäudes aus nach. Das war wohl nicht so gelaufen wie vorgesehen. Neugierig schlich sie ins Büro zurück, um nach Wolff zu sehen. Neben dem Sessel, auf dem Torberg sich ausgestreckt hatte, fand sie die nassen Socken auf dem Boden liegend. Angewidert, aber belustigt und mit angehaltener Luft, pickte sie die eingekringelten schwarzen Haufen mit zwei Fingern auf. Herausfordernd hielt sie die Strümpfe Wolff unter die Nase.
»Wollen Sie die nun Alonso vorstellen?«
Ihr Blick war zynisch. Es machte ihr Spaß, ihren eingebildeten Kollegen zu provozieren. Sie wollte ihm die Socken direkt gegen die Nasenspitze tupfen, doch er wehrte sie rechtzeitig ab. Roh drückte er ihren Arm nach unten, sodass sie glaubte, er zerquetsche Elle und Speiche zu einem einheitlichen Mus. Trotzdem grinste Anna schadenfroh.
»Und was wollen Sie dem Padre erzählen, wenn er jetzt kommt?«
»Gar nichts! Er wird nicht kommen. Ich habe ihn noch rechtzeitig erreicht.«
Schade, dachte Anna und wand sich vorsichtig aus seinem Griff. Sie hielt es für besser, ihre Zusammenarbeit nicht durch spontanen Übermut zu gefährden. Wolff war des Chefs rechte Hand und nach Alonso selbst fürchtete sie ihn am meisten. Niemals wollte sie vergessen, dass er ein Schläger war. Auch in den Momenten, in denen er sie gelegentlich hofierte. Ihr Verhältnis zueinander war zwiespältig. Sie hatte sich ihn immer auf Abstand gehalten. Das ärgerte Wolff, sonst gewohnt, sich zu nehmen, was er begehrte. Doch Anna stand unter des Padres schützender Hand.
Sie rieb sich den rot angelaufenen Unterarm. Dann lief sie zur Schrankbar und holte Gläser und eine Flasche heraus.
»Na, einen Wodka haben wir uns wohl verdient«, sagte sie falsch lächelnd und goss Wolff viel, sich selbst aber nur einen winzigen Schluck ein. Wenn solche Angelegenheiten nicht nach Plan verliefen, musste er es vor Alonso verantworten. Darum war er nicht zu beneiden. Während sie tranken, beobachtete sie sein nervöses Augenzwinkern. Fast tat er ihr leid.
Allerdings wird er auch dafür bezahlt und bevorzugt, dachte sie dann und ihr Mitleid verpuffte schnell. Sie behielt die Socken und verabschiedete sich.
Anna
Auf der Fahrt nach Hause wollte Anna alles hinter sich lassen, was ihre Nerven hätte strapazieren können. Eigentlich gab es doch nichts, was man nicht wegduschen konnte. Alle Belastungen abwaschen, wie Schweiß an sich hinunterfließen lassen und sie im Abfluss verschwinden sehen, Gefühle abspülen wie Schmutz – ihre Strategie seit acht Jahren.
Aber seit Kai Holzmanns Verschwinden gelang es ihr nicht mehr so gut. Der unauffindbare Kerl spukte wie ein Mahnmal in ihrem Kopf. Hatte er ihr gegenüber nicht das Undenkbare angedeutet – dass er aussteigen wollte? Als könnte man dort einfach kündigen und den Job wechseln! Wolff sollte zukünftig an seiner Stelle Geschäftsführer der Zentrale werden, was niemand anders erwartet hatte. Obwohl dieser Posten kaum mehr als eine Art Schulterklopfen für ihn bedeutete. Die rechte Hand Gottes! So hatte ihn Kai immer genannt. Gottes Vertrauter, der Einzige, der privat bei dem Padre ein- und ausging und der wirklich in absolut alles eingeweiht war.
Ihre Gedanken blieben bei Kai haften. Was war nur mit ihm geschehen? Irgendetwas sagte ihr, dass Wolff für sein Verschwinden verantwortlich war. Der Vorstellung darüber, wie genau er darin verstrickt sein könnte, verweigerte sie allerdings, zu Ende gedacht zu werden.
Anna parkte im Carport ihres kleinen Einfamilienhauses, öffnete die Wohnungstür einen Spalt und drückte erst einmal das dicke weiß-schwarz gescheckte Kaninchen mit einem Fuß sanft zurück in den Raum, bevor sie eintrat.
»Na, Merlin? Wie war dein Tag?«
Sie sah sich um. Das Tischtuch lag am Boden, der Staubsauger war umgekippt und das Sofakissen haarig.
»Ach, Merlin! Du bist ein stummes, hoppelndes Ungeheuer!«
Noch bevor sie die Jacke auszog, öffnete sie die Terrassentür, nahm einen halben Bund Möhren aus dem Kühlschrank und warf ihn samt Grün in den Garten. Der Riesenschecke sprang in weiten Sprüngen hinterher. Anna blieb kurz am Türrahmen stehen.
»Wenigstens bellst du nicht«, murmelte sie.
Dann lief sie ins Wohnzimmer zurück und hob das Tischtuch auf. Als sie das Kissen ausklopfte, stutzte sie.
»Seit wann stellst du hier die Möbel um?«
Misstrauisch betrachtete sie die Anordnung der Zierkissen auf ihrem Sofa – hatte das Rote heute früh nicht hinter dem Braunen gelegen? Stand dieses halb volle Glas Wasser auf dem Beistelltisch jetzt an einer anderen Stelle? Und der Tisch, war er nicht um einige Zentimeter verrückt worden? Ihr Blick wanderte durch den Raum, tastete die Möbel ab und glitt über den Teppich. Da war es wieder, dieses von tief innen emporkriechende Gefühl, jemand könnte in ihrer Wohnung gewesen sein, ihre Schränke durchsucht haben … womöglich sogar anwesend sein … Aber nein, die flachgedrückten Teppichfasern unter den Füßen ihres Wohnzimmertisches passten genau zur Stellung des Möbelstückes. Nicht zum ersten Mal bereute sie, dass sie so abgelegen wohnte. Damals fand sie das Haus gerade wegen der fehlenden direkten Nachbarn so attraktiv. Von ihrem Büro im Obergeschoss aus konnte sie die Straße sehen, aber sie war weit weg. Niemand würde es mitbekommen, wenn jemand hier eindringen würde.
Sie zwang sich, den Zustand der Wohnung nüchtern zu beurteilen, versuchte, Umschweife und ausufernde Gedankenketten zu unterdrücken, welche zu nichts anderem führen mussten als zu purer Angst. Im Grunde fand sie nichts, was nicht auch das große Kaninchen hätte durcheinanderbringen können – oder doch? Ihr Unbehagen blieb und Anna wurde wieder einmal klar: Seit Kais Verschwinden und Peter Torbergs überraschendem Selbstmord gab es kein Vertrauen mehr in ihr. Nicht eine Spur der Sicherheit, die sie bislang empfunden hatte. Wenn sie ehrlich mit sich war, musste sie zugeben, dass alles an ihrem lässig sachlichen Auftreten inzwischen zu einer Maske mutiert war. Sie trug ein Clownsgesicht, mit dem sie ihre Umgebung täuschte, mit dem sie jeden in ihrem Umkreis betrog – Betrug an sich selbst eingeschlossen. Was sie nach außen zeigte, hatte nichts mehr mit ihrem Innenleben zu tun.
Mit dem Kissen in der Hand ließ sie sich auf das Sofa sinken und schauderte bei der Aussicht, heute Abend aus diesem Zimmer hinaus in ein anderes gehen zu müssen. Wenn nun tatsächlich noch jemand hier war? Die Tür zur Diele lehnte nicht vollständig an, ein düsterer Spalt klaffte ihr entgegen. Dahinter: undurchdringliches, bedrohliches Dunkel. Alles ließ sich dort hineininterpretieren. Jede denkbare Gefahr wanderte aus ihrem Kopf in diese finstere Öffnung. Warum hatte sie sich noch immer keine Waffe angeschafft? Eine für die Handtasche, die sie stets hätte bei sich tragen können. Jetzt saß sie wehrlos hier und die aufkeimende Furcht, die sich schlängelnde Angst, gepflanzt von schlechtem Wissen und Gewissen … sie konnte sie nicht mehr ablegen wie früher.
»Verdammt, Merlin, vielleicht wärst du doch besser ein riesenhafter Hund«, flüsterte sie in die Stille des Zimmers hinein.
Alonso, der Padre – wie alle ihn nannten, sie selbst ihn aber niemals nennen würde – führte eine recht große Glaubensgemeinschaft an. In so vielen Städten standen inzwischen seine Gotteshäuser und Siedlungen. Seine Kirche des Lichts kroch leise durch das Land wie eine bösartige Schlange mit einem unscheinbar wirkenden Kopf, aber fleischigem Körper. Von Düsseldorf aus regierte er wie ein Papst über seine Anhänger und über sein kleines deutsches Imperium. Es gab viele Unternehmenszweige, nach denen er seine Finger ausstreckte, vorausgesetzt, es half ihm irgendwie weiter. Seine Macht war in den letzten Jahren erheblich gewachsen. Niemand gebot ihm hier in Deutschland Einhalt. Sie dachte an die vielen Sympathisanten aus Abhängigkeit, seine bezahlten Unterstützer, Richter, Politiker … sie wusste von ihnen, kannte ihre Namen … wer, verdammt noch mal, würde sich da nicht verfolgt fühlen?
Sie atmete mehrmals tief durch, um sich zu beruhigen. Seine Schäfchen hielt der Padre mit sozialen und realen Zwängen beisammen.
So ein dummes Schaf war sie selber aber nicht. Oh nein! Fest kniff sie in das Kissen auf ihrem Schoß. Ja, sie war eine derjenigen, die ihm gut bezahlt zur Seite standen, Teil der gut geführten Organisation. Für ihre Arbeit bekam sie ein Traumgehalt. Dafür war sie ihm Rechtsberaterin und Managerin auf all seinen Reisen. Das ließ sie zu gewissen Vorkommnissen ihren Mund halten. Es fiel bei dem Geld, das sie dafür bekam, nicht sonderlich schwer. Unbestreitbar verdiente sie mehr, als ihr Gewissen wert war.
Sie entließ das Kissen aus ihren Krallen und legte es zur Seite. Sich selbst etwas vorzumachen, war Unsinn. Letztendlich wusste sie, warum sie noch immer zu vielen Vorfällen schwieg. Aufhören und weggehen? Ihre lang ersehnte Traumreise um die Welt antreten? Das ging nicht mehr – sie wusste längst zu viel. Genau wie Kai zu viel gewusst hatte. Die schrecklichen Verbrechen, die er ihr kurz vor seinem Verschwinden in einem heimlichen Treffen hinter der Siedlung, im Regen zwischen Kirschlorbeeren und Kastanienbäumen, gebeichtet hatte – dass er Menschen im Auftrag des Padre bestraft hatte – sie wusste alles. Er wollte sogar gemordet haben für ihn. Doch das weigerte sie sich, zu glauben.
All das ließ die schleichende Furcht in ihrem Kopf zu, hinderte sie daran, ihr eigenes Bad ohne Angst zu betreten, bevor sie sich nicht zwanzigmal in der Wohnung umgesehen hatte. Sich Alonso entgegenzustellen, war gefährlich. Bisher war sie selbst von seiner strafenden Hand verschont geblieben. Wahrscheinlich dank ihrer Gabe, sich in der richtigen Dosierung anzupassen – nicht zu viel und nicht zu wenig. Doch sie schwankte. Sie balancierte auf einem schmalen Grat über einem sich immer tiefer aufreißenden Abgrund.
Lange Ohren wackelten vor der Terrassentür. Anna erschrak, als sie es im Augenwinkel bemerkte. Dann riss sie sich zusammen, stand auf und öffnete, um das hoppelnde Untier, das weder Hund noch wirklich Kaninchen sein wollte, in die Wohnung zu lassen. Na bitte, sie lebte ja nicht allein in Haus und Garten. Natürlich war dieses feige Zwölf-Kilo-Karnickel kein Schutz. Aber – idiotisch – sie fühlte sich dennoch ein kleines bisschen weniger ausgeliefert. Merlin hoppelte bedenkenlos vor ihr durch den finsteren Spalt der Dielentür. Wie sie dieses Tier beneidete, das sich um nichts als genügend Karotten und Streu Gedanken machte.
Mutig folgte sie ihrem Haustier in die Diele, tastete hastig nach dem Lichtschalter und hasste ihren heftigen Herzschlag währenddessen. Der kleine Gang war menschenleer – wie zu erwarten. Schnell knipste sie das Licht im angrenzenden Schlafzimmer an und wagte einen Blick hinein. Nichts schien angerührt, weder die zurückgeschlagene Bettdecke noch die halb geöffnete Wäschetruhe. Auch der Schrank, hinter dessen Tür sich ein gepackter Koffer versteckte, schien unangerührt. Langsam entspannte sie sich. Im Bad warf sie ihre Jacke über die Badewanne und griff in die Hosentasche. Zwei Fünfzig-Euroscheine, heute nach dem Einkaufen am Morgen zur Seite gelegt, um ihre Ersparnisse aufzufüllen, kamen zum Vorschein. Ein täglicher Betrag, den sie sich seit drei Jahren von ihrem Gehalt in bar abzwackte, um doch noch irgendwann ihre Weltreise anzutreten. Einhundert Euro, Tag für Tag. In bar, damit es auf keinem Konto auftauchte. Geld für den Fall, dass sie es einmal sehr eilig haben würde, von hier wegzukommen. Sie öffnete den Deckel einer großen, leeren Badeschaumflasche und stopfte die Geldscheine zu den anderen. Der größte Teil ihres Gesparten lag jedoch längst auf zwei Schweizer Bankkonten.
Auf das Duschen direkt nach der Arbeit verzichtete sie heute. Es ließ sich nichts mehr abwaschen. Die Zeiten waren vorbei, in denen sie die teuflische Schmiere abseifen konnte. Forschend betrachtete sie sich im Spiegel und überlegte, ob man ihre Mitwisserschaft an Alonsos widerlichen Machenschaften im Gesicht ablesen konnte. Dunkelblondes Haar, halblang und brav gebunden, dezent geschminktes Gesicht – darunter tiefliegende Augen, erste Falten um die Mundwinkel, zu keinem noch so kleinen Lächeln bereit, es sei denn, es wäre ein hämisches Grinsen. So hätte sie die verlockende Stelle damals sicher nicht bekommen.
Nach ihrem Jurastudium war sie unentschlossen gewesen. Eine sichere Anstellung hatte sie gesucht. Hätte sie doch nur das Angebot bei der Stadt angenommen! Stattdessen war sie auf Alonso hereingefallen, der ihr mit seinem großzügigen Geldsegen die Augen verschleierte, obwohl ihr bei seinem Anblick gleich unwohl im Bauch geworden war. Hätte sie vorhersehen können, dass sie sich einmal nichts mehr wünschen würde, als von hier zu verschwinden? Irgendwohin, um nur in Ruhe zu leben? Das Bauchgefühl trügt nicht, das wusste sie jetzt.
Torbergs Socken fielen ihr wieder ein, die sie unsinnigerweise mitgenommen hatte, in einem Anflug von Schadenfreude und Übermut. Mit spitzen Fingern zog sie das feuchte Etwas aus ihrer Jackentasche und schüttelte sich.
Torberg, dieser unbequeme, aufsässige Unruhestifter, und Alonso, sein scheinheiliger, steinharter Gegner, in unvergleichbar besserer Position … einerseits freute sie sich auf das bevorstehende Duell zwischen den beiden, andererseits ahnte sie, was aus einem Streit mit dem Padre erwachsen könnte. Immer größer wurde das Gefühl, Torberg warnen zu müssen. Dieser Sturkopf wusste nicht, mit wem er sich da anlegte, konnte es nicht wissen, sonst wäre er vorsichtiger gewesen. Das glaubte sie, wollte sie glauben – das musste so sein, denn so bescheuert oder so mutig konnte nicht einmal Torberg sein.
Teil 2
Lara
Gleich nach dem Aufwachen zündete Lara eine Kerze an. Die anderen fünf jungen Mädchen und zwei Männer ihrer Wohngruppe dösten auf ihren Futons. Sie schnarchten und wälzten sich müde unter ihren warmen Decken hin und her, hoffend, dass ihre Mentorin sie nicht so bald weckte.
Lara setzte sich im gekonnten Lotussitz auf die Reismatte, direkt vor den kleinen Altar, der als Mittelpunkt des schlichten Raumes die Augen aller Anwesenden sofort in den Bann zog. Ihre Fußsohlen zeigten in den Himmel, die Schultern waren weit, der Nacken locker. Mit den Händen formte sie einen flachen Kelch, um zu empfangen, was Gott ihr an diesem Morgen schenkte. Das Herzstück des Altars, die bronzefarbene Skulptur einer strahlenden Sonne, hellte sich im Schein der sich sanft wiegenden Kerzenflamme auf. Sie schloss die Lider und atmete ein paar Mal tief ein und aus, um sich auf die Meditation einzustimmen. Ihre volle Konzentration galt nun dem Atem. Bald nahm sie nur noch die Luftbewegung wahr, die kaum merklich von ihrer Nase aus auf die Oberlippe strömte. Sie öffnete sich innerlich und registrierte mit entspannt geschlossenen Augen die Geräusche ihrer Umgebung: das Schnarchen, das Rauschen der Decken, Taubengegurre draußen. Ihr Geist nahm all das wahr, ohne es zu bewerten, ganz so, wie sie es gelernt hatte. Dann schickte sie ihn in Richtung Altar. Sie begrüßte die strahlende Sonne, bevor sie weiterwanderte, in einen virtuellen Gottesdienst, zu einem großen, segnenden Mann in weißem Gewand. In ihrer Meditation lächelte er sie an, wie ein Vater ein Kind anlächelt. Seine Liebe ergoss sich über sie, umhüllte ihren Körper und bildete einen Kokon, der sie vor allen Übeln der kapitalistischen Welt da draußen schützte.
Wie gern hätte sie den Padre berührt, wie bereitwillig noch einmal seine Hand auf ihrem Kopf gespürt, wie damals beim Segnen während der feierlichen Weihe. Wenn sie in der Zentrale, ein paar hundert Meter weiter, Unterlagen ihrer Schüler abgab, war sie ihm oft ganz nah. Manchmal konnte sie ihn durch die Glasscheiben eines der Büros sehen. Und doch blieb er stets unberührbar für sie, ein Symbol ihrer brennenden, ungestillten Sehnsucht. Wenn er sie nur mehr wahrnehmen könnte. In der Schar seiner Gläubigen blieb ihre besondere Hingabe zu ihm unentdeckt, wie ein Juwel unter tausend Halbedelsteinen. Lara überschüttete ihn geistig mit Liebe und guten Wünschen. Sie hätte alles getan, um seine Wertschätzung zu gewinnen.
Wie jeden Tag schloss sie den Padre in ihr Gebet zu Gott mit ein, damit er seine unendliche Weisheit behielte und seine Kirche des Lichts in diesem Land weiter wachse. Jeder hatte es verdient, erleuchtet zu sein, wie Lara selbst. Sie hätte am liebsten die ganze Welt bekehrt. Das Glück, das sie empfand – das hatte sie gelernt – lag in der Einfachheit ihres irdischen Daseins. Das hieß Arbeiten, Beten, Meditieren, für die Gemeinde da sein, die Menschen der Gemeinde lieben. Hier war sie wichtig. Als Mentorin nahm sie einen wichtigen Platz ein, für eine Anzahl der Jüngsten, der neuen Schüler auf Gottes richtigem Weg.
Kai tauchte in ihrer Versenkung auf. Lara zuckte. Kai hatte diesen Weg verlassen und den falschen eingeschlagen. Unglücklicherweise konnte sie seine Erscheinung nicht wieder abschütteln. Seine Gestalt blieb vor ihrem geistigen Auge, sosehr sie sich auch bemühte, ihn gehen zu lassen. Das war das Ende ihrer morgendlichen Meditation. Mit einer Mischung aus Ärger und Trauer löste Lara den Lotussitz und streckte die Beine langsam nacheinander aus. Sie lehnte sich zurück, mit den Händen auf der Matte abstützend, und legte den Kopf in den Nacken, sodass sich ihr Zopf in der Kapuze ihres goldschimmernden Pullovers einkringelte. Warum nur hatte er sie verlassen und das so beschämend. Ohne ein Wort war er gegangen. Kai hatte nicht nur sie verlassen, sondern die gesamte Gemeinde, den Padre, ihre komplette Welt. Bei dem Gedanken an ihn schossen Tränen in ihre Augen. Wie konnte er ihr das antun? Er war zum Verräter geworden. Das Schlimmste, was es gab. Schlimmer noch als die ungläubigen, habsüchtigen Menschen außerhalb der Kirche. Das warf auch ein schlechtes Licht auf sie selbst. Jeder wusste, dass sie ein Paar waren. Sein Vergehen war ihr Unheil. Immer wieder fühlte sie sich seither misstrauisch beäugt vom Familienältesten.
Lara seufzte gequält auf. Sie musste Kai vergessen. Er war es nicht wert, dass sie sich von ihm in der Meditation stören ließ. Sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Jetzt erst recht! Sie musste dem Padre zeigen, wie loyal sie ist. Lara stand mit leise knackenden Knien auf. Ihr nach unten gerichteter Blick wanderte über die eingekuschelten Körper ihrer Mitbewohner. Alle sieben waren ihr untergeben. Sie nannten sie nicht nur so, sie fühlte sich auch wie eine Mutter für sie. Diese Stellung hatte sie sich mit strenger Disziplin und großer Leidenschaft erarbeitet. Mentorin konnte nicht jeder werden. Dazu musste sie ihre tiefe Gläubigkeit und die Fähigkeit, anderen ein Vorbild zu sein, beweisen. Kai hätte ihr das fast verdorben. Niemals mehr wollte sie diesen Judas wiedersehen.
Sie klatschte laut in die Hände.
»Los, aufstehen, ihr Schlafmützen!«
Lara musste mehrfach klatschen, bis alle unter den warmen Decken hervorgekrochen kamen. Übermüdet zogen sie sich ihre weißen Kapuzenpullover über. Tiefe Ringe unter den Augen zeugten von zu wenig Schlaf. Ihre Blicke zeigten kaum Regsamkeit, doch sie setzten sich gehorsam um den Altar herum und begannen unter Laras Anweisung die morgendliche Meditation.
»Lea, sitz gerade! Du siehst aus, als ob du gleich einschläfst«, ermahnte sie ein Mädchen mit auffallend gekrümmter Haltung. »Ich kann gar nicht oft genug betonen, dass nur echte Hingabe zur Erfüllung führt.«
Sie ging zu ihr hin und fasste ihre Schulter an. Lea blickte erschrocken zu ihr auf.
»Komm doch bitte nachher zu mir, damit wir darüber sprechen.«
Schnell senkte Lea die Augen wieder. Nach der Ermahnung aber und der zu erwartenden moralischen Belehrung fiel ihr die richtige Versenkung ihres Geistes noch schwerer. Lara sah ihre Augäpfel unter den Lidern während der gesamten Meditation hin und her wandern.
»Lara!« Carstens Stimme zerschnitt die friedliche Atmosphäre der Meditationsgruppe.
Aufgeschreckt drehte sich Lara um. Der Familienälteste der Siedlung stand im Türrahmen und winkte ihr harsch zu. Offenbar hatte er sie und die Schüler unbemerkt beobachtet und sogleich spekulierte Lara, ob sie unbeabsichtigt etwas falsch gemacht hatte. Der überaus ernste Gesichtsausdruck prophezeite ihr ein eher unangenehmes Gespräch mit ihm. Warum nur? Die Unannehmlichkeiten der letzten Wochen seit Kais Verschwinden schienen kein Ende zu nehmen. Sie bemühte sich Tag für Tag, wieder gutzumachen, was Kai der Gemeinde angetan hatte. Was sollte sie denn noch tun, um ihre Treue und Zuverlässigkeit zu beweisen? Leise, um die anderen nicht in der Meditation zu stören, stand sie auf und näherte sich dem Familienältesten.
Der Mann mit der Halbglatze, den etwas zu langen Haaren und der stets kritischen Miene lebte seit der Gründung in dieser Siedlung. Vier Jahre also, bevor Lara hier ein Zuhause gefunden hatte. Sie respektierte ihn als ihren Lehrer, aber mochte ihn nicht besonders, denn sie fürchtete seine Vorträge über die Ansprüche der Gemeinde und ihrer mangelnden Fähigkeit, diesen zu genügen. Das geschah nicht nur in diskreten Gesprächen, sondern ebenso häufig in vielen Bemerkungen über diesen und jenen kleinen Fehler, der ihr unterlief.
»Warum gibt es immer wieder Probleme mit dieser Lea?« Er klang gereizt.
Sie hob ratlos die Schultern.
»Ich glaube, sie ist eine derjenigen, für die es ein sehr langer Weg sein wird, den Pfad der Jüngsten zu verlassen, um die Weihe zu empfangen«, sagte sie.
»So, wie es aussieht, wird sie es nie schaffen«, mäkelte Carsten.
»Vielleicht. Sie ist ein schwieriger Fall.«
»Du, als ihre Mentorin, bist verantwortlich dafür, dass sie funktioniert. Lea ist in jeder Hinsicht mangelhaft. Sie arbeitet langsam, sie ist ungeschickt, und sie bringt nichts ein. So ist sie für unsere Gemeinschaft eine Belastung. Sag ihr das! Sie muss sich schon anstrengen.«
Lara nickte nur. Ihm etwas entgegenzusetzen, stand ihr nicht zu.
Im Hotel
Greller Sonnenschein weckte Jan Torberg am nächsten Morgen. Er kniff die Augen zusammen und drehte sich zur Seite. Aber das Licht durchstach seine Lider, bevor er sie öffnete. Blinzelnd schickte er einen Blick zum Fenster und entdeckte Kemal Akdas, der sich mit ekelhafter Lebensfreude bemühte, die Vorhänge so weit wie möglich aufzureißen.
»Gleich verpassen Sie Ihr Mittagessen.«
Kemal streckte sich ausgiebig am offenen Fenster.
»Heute Nachmittag steht ein neues Treffen mit Herrn Alonso an. Die Herrschaften waren nicht gerade begeistert von Ihrem gestrigen Auftritt, aber ich habe mich richtig für Sie ins Zeug gelegt und die Wogen haben sich geglättet.«
Nun verging Jan erst recht die Lust, aus dem Bett zu steigen. Die Sache nagte schon jetzt an seinen Nerven. Unangenehme Angelegenheiten erledigte er am liebsten knallhart sofort oder gar nicht – meistens das Letztere. Obwohl er diese Sache selbst verzögert hatte, gefiel es ihm nicht, dass es sie noch gab. Um die Nase wehte ihm der kalte Novemberwind und er war froh um die bauschige Bettdecke auf seinem Körper. Kemal überkam indes der pure Leichtsinn. Er zog mit einem Ruck an dieser Wärmequelle, um Torberg aus dem Bett zu locken. Doch der reagierte schnell. An einem Zipfel bekam er sie zu fassen und er klammerte sich daran fest. Kemal ließ nicht los. Er zog, legte sein ganzes Gewicht in sein Vorhaben, gewann, und lag schließlich mit seiner flauschigen Beute an der Tür. Blitzartig folgte ihm ein Kissen, ein unbenutzter Wecker verfehlte seine Stirn, und ein Turnschuh traf ihn schmerzhaft am Oberarm. Ohne zu zögern, hätte ihm Jan auch die Nachttischlampe nachgeworfen, wenn nicht das Hoteltelefon geläutet und ihn abgelenkt hätte.
Kemal waren die überschüssigen Reaktionen seines Chefs eine Nummer zu hart. Freund oder Feind? Für ihn war das nicht einschätzbar. Beleidigt suchte er an seinem Arm nach blauen Flecken und verließ fluchend das Zimmer. Sollte Torberg doch den gesamten Tag lang schlafen! Innerlich verklagte er ihn wegen gefährlicher Körperverletzung.
Das Telefon läutete und verstummte mehrmals. Seufzend kam Jan unter dem Bett hervor, wo er vergeblich nach seinen Socken gesucht hatte. Langsam näherte er sich dem Störenfried. Immer noch hoffte er, dass der Anrufer aufgab, doch letztlich ging er ran.
»Torberg!«
Seine Stimme klang so, wie er sich fühlte: ungeduldig und wütend. Die Anruferin war für einen Moment dermaßen irritiert, dass sie einige Sekunden brauchte, um sich zu fassen. Doch bevor sie sich mit Namen melden konnte, versiegte die Geduld ihres Zuhörers. Er wartete genau diese Sekunden ab, um krachend aufzulegen.
Sprachlos saß Anna mit ihrem Smartphone in der Hand im Büro. Zweifel stiegen in ihr hoch, ob Torberg es wirklich wert war, gewarnt zu werden. Warum ließ sie nicht den Ereignissen ihren Lauf, wie sie es immer tat? Wichtig war für sie doch nur ihre eigene Sicherheit und die hätte sie mit diesem dämlichen Anruf an Torbergs Hoteltelefon fast gefährdet. Als sie ihr Handy einsteckte, war sie längst froh über das Misslingen ihrer Aktion. Nebenbei hatte sie das beste Alibi, das ihr Gewissen brauchte: Sie hatte es versucht! Alles andere war allein Torbergs Sache und sie würde sich heraushalten. Verächtlich warf sie ein Paar muffige Socken auf den nächstbesten, ziemlich hohen Aktenschrank.
Das Treffen
Gereizt erschien Jan in der Empfangshalle des Hotels, um Kemal zu suchen, den er seit dem Beschuss mit seinem Turnschuh vermisste. Kemal hatte alles, was ihm für dieses Meeting fehlte: die Unterlagen, das Wissen und obendrein das notwendige diplomatische Geschick. Er selbst kannte weder Uhrzeit noch Ort des neuen Treffens. Eigentlich wusste er überhaupt nichts, außer, dass er es gestern vermasselt hatte, natürlich … was sonst. Das Einzige, das er noch immer hatte, war Geld. Seit seiner Erbschaft schwamm er darin, gemessen an dem Nichts, das er vorher hatte.
Im Foyer herrschte Betriebsamkeit. Drei Pärchen standen an, um ein- oder auszuchecken. Einer der Trolleys neben ihnen quietschte bei jeder Bewegung. Zwei Kinder liefen im Wettstreit um einen der niedrigen Tische, die zu einer Ruheinsel gehörten, bis sich ein älterer Herr darüber beschwerte. An der Rezeption telefonierte jemand in Englisch, wieder und wieder mit denselben Sätzen, da man am anderen Ende scheinbar nichts verstand. Hinter Jan tauchte aus dem Treppenhaus eine Gruppe junger Touristen auf, die lautstark über die Planung der nächsten Stunden diskutierten. Eine Fliege flog unablässig brummend gegen die Deckenbeleuchtung.
Jan machten all diese Geräusche wahnsinnig. Er hielt sich den Kopf, weil er glaubte, sein Gehirn platze ihm gleich aus den Ohren. Er hasste Lärm und konnte überhaupt nicht verstehen, warum sonst niemand von dem Quietschen, Kreischen, Reden und Brummen Notiz nahm. In seiner Anspannung verlor er für einen Moment fast das Gefühl dafür, wo in all dem Getöse und Gewühle er selbst stand. Schließlich machte er einem der Geräusche ein Ende. Mit langen Schritten sprang er auf den Trolley zu, riss ihn dem Besitzer aus der Hand und stellte ihn polternd mit der Längsseite auf dem Boden ab. Der Mann, dem der fahrbare Quietschkoffer gehörte, glotzte ihn mit geöffnetem Mund an, als wüsste er nicht, ob er vor Jan fliehen oder ihm eine reinhauen sollte. Auch die anderen im Foyer, einschließlich der Kinder, unterbrachen ihr Spektakel für die nächsten Minuten.
Jan drehte an einem der grässlichen, kleinen Räder.
»Quietscht!«, klärte er auf.
Er starrte jedem Einzelnen drohend in die Augen, bevor er zum Ausgang schritt. Vor der Tür empfingen ihn die ersten feinen Schneeflocken des beginnenden Winters. Sie tänzelten federleicht im seichten Wind und legten sich wie kalte Tupfen auf die Lider seiner geschlossenen Augen. Allmählich beruhigte sich das Chaos in seinem Kopf. Das Einzige, was er jetzt hörte, waren die Fahrgeräusche entfernter Autos, doch die Monotonie der laufenden Motoren störte ihn nicht. Es hatte nichts Alarmierendes, nichts Fremdes.
Jan wagte einen Blick in die Umgebung. Ihr Taxi stand wie geplant auf dem Hotelparkplatz. Für einen Augenblick überlegte er, ob er den mürrischen Fahrer aus seinem Hotelzimmer holen, zurück nach Hamburg reisen, und den ganzen Mist hier vergessen sollte. Dann keimte ein schockierender Gedanke in ihm auf. War Kemal etwa auf denselben Einfall gekommen? Wollte sein wichtigster – oder besser einziger – Vertrauter ihn hier zurückgelassen? Jan biss sich auf die Lippen. Verdient hätte er es auf jeden Fall. Er wusste, was er anderen Menschen antat.
In diesem Moment erschien Kemal hinter dem Taxi, beladen mit drei gefüllten Einkaufstaschen. Jan lächelte erleichtert. Er hatte einen Augenblick lang wirklich gedacht, der Mann hätte so viel Rückgrat, ihm einen Tritt in den Arsch zu verpassen.
Zuvorkommend eilte er Kemal entgegen und nahm ihm einen Teil der Last ab. Der blieb verwundert stehen. Hatte er da ein echtes Lächeln in diesem Gesicht entdeckt? Er meinte ein richtiges Lächeln, kein schäbiges Grinsen. An eine plötzliche Wesensänderung seines Chefs glaubte er nicht. Er musste etwas im Schilde führen.
Während sie die Treppe zum Hoteleingang nahmen, fielen ihm Torbergs Schuhe auf. Diese verschlissenen, geizig am Leben erhaltenen Latschen, die Tag für Tag ohne Unterbrechung und Auslüftung dessen Füße schützten oder im besten Fall versteckten. Ob er sie jemals gegen ein vernünftiges Paar tauschen würde? Jedenfalls hatte er nagelneue Sneaker in entsprechender Größe besorgt. Sie waren Bestandteil einer neuen Garderobe, mit der er seinen Chef gesellschaftsfähig machen wollte. Womöglich eine Zumutung für diesen eingefleischten Modemuffel. Die ausgebeulte Jeans sollte eine gepflegte – und vor allem saubere – Edeljeans ersetzen. Während sich Kemals Blick etwas angewidert der Hose in ihrer ganzen Länge widmete, stockte er plötzlich, als er die Füße erreichte. Nackte Haut! Er hatte die Socken vergessen. Seit Torberg gestern überstürzt aus dem Haus seines Widersachers gebraust war, steckten seine Füße barfuß in ihren Möchtegernschuhen.
Beim Betreten der Empfangshalle wunderte sich Kemal, dass sämtliche Anwesenden sie misstrauisch bis ängstlich anstarrten. Ihre Augen verfolgten sie auf ihrem gesamten Weg durch das Foyer. Kemal war das unheimlich. Ihm drängte sich bald der Verdacht auf, Torberg könnte nicht unschuldig daran sein. Schließlich hatte Kemal ihn leichtsinnigerweise unbeaufsichtigt im Hotel zurückgelassen. Er quetschte sich mit der letzten Tüte in den fast belegten Hotelfahrstuhl, während sein Chef wie immer die Treppe nahm. Gefühlte Feindseligkeit drang Kemal entgegen. Es kam ihm vor, als plusterte sich die Menge absichtlich auf, um ihn derart mit dem Rücken an die Fahrstuhltür zu drücken. Wenig überraschend erreichte Torberg zuerst die obere Etage. Solange er ihn kannte, stieg dieser Mann Treppen nie anders hinauf, als dass er mindestens zwei Stufen auf einmal nahm.
Jan schloss mit seinem Chipschlüssel das Hotelzimmer auf und träumte von kühlen Hellen und kulinarischen Genüssen in Form ungesündester Knabbereien. Ein bisschen Gras würde er sich vermutlich selbst besorgen müssen. Das konnte er Kemal nicht zumuten. Der Mann war vermutlich der gesetzestreueste Bürger Deutschlands. Insgeheim plante er einen abendlichen Ausflug in die Düsseldorfer Innenstadt mit einem Abstecher bei den passenden Dealern. In Großstädten ein Leichtes, sie zu finden. Sofort durchwühlte er sämtliche Tüten aus Kemals Einkauf. Die darin enthaltenen Kleidungsstücke warf er achtlos beiseite.
»Ich hatte Sie doch gebeten, für heute alles Notwendige zu besorgen.«
»… und das habe ich!«
Jetzt kam Kemal in Schwung. Er sammelte alle Sachen wieder ein und legte sie glättend auf das zerwühlte Bett.
»Sehen Sie, eine schwarze Hose mit fliederfarbenem Hemd, ein anthrazitfarbener Sakko und hier …«, triumphierend hielt er ein Paar geschmackvolle Sneaker in die Höhe, »… die passenden Schuhe dazu! Größe 46 stimmt doch?«
Enttäuscht saß Jan auf der Bettkante und schluckte den angesammelten Speichel hinunter, der sich vor Erwartung gebildet hatte.
»Was soll das? Wo ist das Bier? Und außerdem passen Ihnen die Sachen sowieso nicht. Die sind Ihnen doch viel zu groß.«
»Natürlich sind sie zu groß für mich. Das ist ja auch nicht für mich!«
Jan runzelte die Stirn.
»Für wen sonst?«
Kemal war sich nicht sicher, ob Torberg nur so tat, als begreife er nicht und überließ es ihm selbst, die Antwort zu finden.
Jans Mund stand unkontrolliert offen, sein Blick traf fragend sein Gegenüber, aber der ließ nicht die geringsten Zweifel aufkommen. Und so tastete er langsam den Sakko ab, befühlte die Wollmischung, den Reverskragen, drehte ihn um, als hätte er nie Ähnliches gesehen.
»Wozu?«, fragte er verdutzt.
Wozu? Kemal schnappte sich die Hose und hielt sie ihm vor die Nase.
»Damit ich mich bei diesem neuen Treffen mit Ihnen sehen lassen kann, ohne mich fremdzuschämen. Dieser Herr Alonso kommt bestimmt nicht in abgetragener Lederjacke und verdreckter Hose. Haben Sie gesehen, wie elegant man sich dort gibt?«
»Eben, man gibt sich so. Mehr ist da auch nicht hinter. Die Etikette interessiert mich nicht. Ich kleide mich praktisch und mehr nicht. Und sehen Sie – empfangen haben die mich auch so.«
»Weil die etwas von Ihnen wollen. Sonst hätten die so was wie Sie gar nicht reingelassen.«
»Die Sachen, die ich gerade trage, sind mir die allerliebsten, insofern gestehe ich dem Treffen sogar ein Maximum an Wichtigkeit zu. Wenn ich das da anzöge, würde ich mich nicht kleiden, sondern verkleiden und das ist nicht meine Absicht. Wir haben November und nicht Karneval.«
Kemal verdrehte die Augen. Was hatte er auch anderes erwartet? Er versuchte sich in Überredungskunst.
»Ziehen Sie es wenigstens ein einziges Mal an. Ob Sie es schließlich tragen, entscheiden sowieso Sie allein … wenn nicht für Sie selbst, dann eben mir zuliebe.«
Jan verzog seinen Mund. Insgeheim reizte es ihn schon, sich einmal im Leben in solchen Klamotten im Spiegel zu betrachten. Nicht mal zur Beerdigung seines Vaters hatte er sich von seiner verschlissenen Jeans getrennt und ja, er gab zu – er hätte sie in der Zwischenzeit schon mal waschen können. Doch frische Wäsche roch so anders. Das mochte er nicht. Aber er mochte auch keine ungewaschene neue Kleidung, die womöglich schon jemand anderes anprobiert hatte. Er schüttelte sich bei dem Gedanken. Nun lag das da und Kemals Hundeblick bohrte sich in sein Gewissen.
»Ich weiß nicht.«
Kemal sah ihn immer noch bettelnd an.
Na ja, warum nicht? Anschließend konnte er den Mist ja wieder ausziehen und sich gründlich abduschen.
»Also wirklich nur Ihnen zuliebe.«
Kemal strahlte.
Jan war, als schlüpfe er mit den ungewohnten Kleidungsstücken in eine andere Identität, als probiere er ein fremdes Ich an.
Die Verwandlung übertraf Kemals kühnste Vorstellungen. Kleidungsstück um Kleidungsstück verwandelte sich Torberg von einem ungepflegten Fastpenner in einen unrasierten und ungekämmten Geschäftsmann. Perfekt! So sah er aus, sein Wunschvorgesetzter. Nicht zu elegant, und nicht zu schlampig. Begeistert schob er seinen kostümierten Chef vor den Schrankspiegel und verglich ihn mit einem Model aus einer Parfümwerbung.
»Nun übertreiben Sie aber!«
Dennoch geschmeichelt drehte und wendete sich Jan vor seinem Ebenbild, die Hände lässig in den Hosentaschen. Nicht ungern ließ er sich von Kemal bewundern.
»Doch wirklich, wenn Sie sich jetzt noch rasieren und einen Besuch bei einem Friseur wagen würden …«
Jan bekam Spaß an der Sache. Lachend tänzelte er um Kemal herum. Dann blieb er dicht vor ihm stehen, sodass er schon die intime Nähe seines Körpers spüren konnte, und hauchte: »Na, gefalle ich dir?«
Kemal prustete unkontrolliert heraus. Tröpfchen seines Speichels trafen ungewollt Jans Nase. Jan zuckte zurück und bekam augenblicklich Gänsehaut. Wieso war er seinem Mitarbeiter bloß so nahegekommen. Igitt! Mit dem Ärmel des Sakkos und zugekniffenen Augen wischte er den ekelhaften Sabber schnell weg.
»Hinreißend!«, sagte Kemal. »Also, wenn ich nicht versprochen wäre …«
Das nahm Jan zum Anlass, Kemal klarzumachen, dass dies nur eine Kostümprobe war.
»Ach so, Sie sind versprochen? Na dann hat sich das erledigt.«
Bei diesem Satz saß Jan bereits auf dem Bett und schlüpfte aus Sakko und Hose. Kemal sah ernüchtert zu, wie er sich aus den Sachen schälte und bekam Jans Unterhose zu Gesicht. Er spekulierte, wollte aber besser gar nicht wissen, ob Torbergs Retroshorts genauso lange keine Waschmaschine gesehen hatte, wie seine unsägliche Jeans. Instinktiv atmete er für einige Augenblicke nur durch den Mund. Am Ende fragte er doch.
»Haben Sie eigentlich so etwas wie Unterwäsche mit?«
Jan sah ihn verständnislos an.
»Was soll denn die Frage?«
»Nun ja, wenn ich an Ihre Jeans denke …«
Torberg stand auf, öffnete den Hotelschrank und seine Reisetasche. Zögernd kam Kemal näher, fast schon mit Herzklopfen, weil er befürchtete, die ekelhaftesten Sachen zu entdecken, die ihn noch Tage und Wochen verfolgen würden. Doch in der Tasche befand sich nur saubere Kleidung, darunter Berge von Retroshorts.
»Und wo ist Ihre Dreckwäsche?«
»Ich werfe sie weg. Zufrieden?«
Räuspernd trat Kemal ein paar Schritte zurück.
»Halten Sie mich für einen Penner?«, fragte Jan in deutlich verärgertem Tonfall.
Er nahm die Schuhe und pfefferte sie mit unnötig heftigem Schwung in eine Ecke des Zimmers.
»Das passt mir nicht. Schaffen Sie das raus.«
»Oh doch, es passt. Aber Sie wollen nicht passen, und zwar nirgendwo hin.«
»Nein, das will ich nicht. Ich werde nie angepasst an diese Scheißwelt sein. Und wissen Sie, warum? Weil einfach nirgends Platz für mich ist. Warum sollte ich mich zwanghaft irgendwo reinzwängen, wo man mich sowieso nicht haben will?«
Kemal erkannte die Sinnlosigkeit, ihn überreden zu wollen. Verbittert suchte er die Sachen zusammen und verstaute alles faltenlos in Torbergs Hotelschrank.
»Tragen Sie bitte wenigstens die neue Hose. Ihre Jeans steht vor Dreck. Das ist eine Zumutung. In einer der Einkaufstaschen liegen die Rechnungen. Das Taxi wartet um 14.30 Uhr.«
Desillusioniert verließ er das Zimmer.
In der Zentrale der Kirche des Lichts war inzwischen alles für das bevorstehende Treffen vorbereitet worden. Diesmal gab man sich mehr Mühe, in der Hoffnung, wenigstens zu einer fruchtbaren Zusammenkunft zu kommen, was auch immer daraus erwachsen sollte.
Anna spielte wieder die Dame, die sie nicht war, trug ein elegantes Kostüm und hohe, spitze Schuhe. Sie hatte für einen gedeckten Tisch gesorgt und schwitzte feuchte Hände. Alles wartete nur auf den Padre und Torberg.
»Ich bin gespannt, welche Überraschungen wir heute erleben.«
Anna fuhr herum. Wolff stand hinter ihr und zündete sich eine Zigarette an. Sie versuchte, den Rauch mit den Händen zu vertreiben. Misslaunig schob sie ihn an den Schultern zum geöffneten Fenster hin. Anna dachte sich nichts dabei, bis sie sah, dass Wolff genüsslich grinste. Reflexartig wollte sie ihre Finger von seinem Körper nehmen, doch er drehte sich um, fasste nach ihr und erwischte im letzten Moment ihre rechte Hand. Anzüglich und spöttisch grienend drückte er ihre Hand an seinen Bauch und schob sie immer weiter nach unten.
»Sie dürfen gern tiefer anfassen.«
Anna versuchte, ihren Arm aus seinem festen Griff zu zerren, aber er hielt sie fest.
»Nehmen Sie sofort die Hände von mir«, zischte sie. »Ich werde mich bei ihm beschweren.«
Wolff ließ los. Sein gehässiges Grinsen versiegte nur langsam.
Obwohl sie den Drang verspürte, hinauszurennen, um von ihm wegzukommen und ihre Hand gründlich zu waschen, blieb sie klopfenden Herzens trotzig vor ihm stehen. Er sollte nicht wissen, wie viel Angst sie vor ihm hatte. So viel, dass er ihr seit Langem sogar in Albträumen erschien.
Sie wollte ablenken und sah auf die Uhr. »Der Padre wird sicher pünktlich kommen, aber wie steht es mit Torberg?«
Anna dachte an die Socken, die sie auf ihren Aktenschrank geworfen hatte. Ob dieser Mann überhaupt so etwas wie Reisegepäck mit sich führte? Da sahen sie Alonsos Wagen wie eine Staatskarosse die Einfahrt passieren. Direkt dahinter fuhr ein Taxi auf den Hof. Wolff zerquetschte die Zigarette in einem Saftdeckel und zog das Fenster noch mehr auf, um den Rauch hinauszufächern.
Kurz bevor sie das Anwesen der Zentrale erreichten, fiel Jan sofort der Mercedes-Benz auf, der ihnen entgegenkam. Der Wagen bog vor ihnen ein und kam vor dem elektronischen Tor zum Halten.
»Donnerwetter«, rief Kemal, »eine Stretch-Limo!«
»Ein Maybach«, ergänzte Jan.
»S600 Pullman Guard, 6,36 Metern lang und gepanzert«, vervollständigte ihr Taxifahrer voller Begeisterung.
»Gepanzert? Wozu braucht der ein gepanzertes Fahrzeug?«
Jan kletterte halb über seinen Rechtsberater, um das Luxusauto zu bestaunen.
»Vielleicht hat er sich ja Feinde gemacht«, mutmaßte er.
Kemal drückte seinen Chef energisch von sich weg, zurück in den Sitz, um nicht mit seiner Jeans in Berührung zu kommen.
»Das Teil kostet mindestens eine Million Euro.« Der Taxifahrer war geradezu ehrfürchtig.
»Ich vermute, Sie sinken gleich zu Boden, um es anzubeten. Sehen Sie lieber zu, dass Sie den nicht anrempeln.«
Jans Sicherheitshinweis entlockte dem Fahrer ein müdes Lächeln.
Aus der Limousine vor ihnen musste niemand extra aussteigen. Das Tor öffnete sich wie von Geisterhand von selbst. Langsam fuhren sie hinterher, über den Hof, bis vor das Gebäude.
Jan ließ den Taxifahrer in größerem Abstand halten und als er ausstieg, vergewisserte er sich, ob Kemal ihm folgte. Im Schlendergang näherte er sich dem Fahrzeug, aus dem von hinten ein hünenhafter Mann ausstieg – schon aus der Entfernung eine eindrucksvolle Erscheinung. Er schien unglaublich breit, nicht dick, aber doch mit deutlichem Ansatz. Selbstverständlich trug er Anzug, wie erwartet. Je näher Jan kam, desto stattlicher erschien er ihm. Jan war sicher, dass der Koloss sich mit Krafttraining in Form hielt. Er selbst war ja nicht klein, aber dieser Mann überragte ihn mindestens um einen halben Kopf – ein Riese, wahrhaftig. Mit ernstem und – anders, als Jan es von einem Spanier erwartet hätte – blassem Gesicht, schmalen Lippen, das dünne schwarzgraue Haar ab den Geheimratsecken streng nach hinten gekämmt, stand Alonso vor ihm wie ein Berg und sah ihn interessiert abschätzend an. Sein Blick schien ihm so durchdringend, als wollte er in den Pupillen seines Gegenübers die Gedanken lesen. Dieser Blick stieß Jan bis in die Eingeweide, wusste der Teufel warum. Kein Mensch, außer seinem eigenen Vater, hatte es je geschafft, ihn innerhalb eines Augenblicks derart zu verunsichern, dass ihm Angst- und Fluchthormone den Bauchraum durchwühlten. Aber Jans Augen verrieten Alonso sicher nichts. Er trotzte dem Berg von unten aus direkt ins Gesicht, stumm, aufsässig, sekundenlang, ohne auch nur eine Miene zu verziehen oder gar zu zwinkern, obwohl er mit dem Theater in seinem Inneren kämpfte.
Kemal sah dem Geschehen von Weitem zu. Es schien ihm ein erster Kampf, eine Art ernstes Spiel, bei dem der verlieren würde, der zuerst seine Augen senkte. Beide sprachen kein Wort. Dann ging Alonso dazu über, Torbergs Äußeres zu mustern. Von oben herab streiften seine Augen Torbergs Körper, der in seiner ungewaschenen Kleidung steckte, und sie blieben stutzend an dessen nackten Knöcheln haften. Nach einem Runzeln der Stirn hielt er ihm überraschend die Hand entgegen, so nah, dass er Jans Brustkorb soeben berührte.
»Sie sind Herr Torberg, nehme ich an.«
Auf seinem Gesicht lag nun ein Lächeln, das Jan noch mehr irritierte als der zuvor abschätzende Blick.
»So ist es.«
Jan hatte nicht vor, ihm die Hand zu reichen. Im Gegenteil, er hatte sie demonstrativ in die Hosentasche gesteckt. Doch der Guru ließ die Finger da, wo sie jetzt ruhten, genau auf seiner Magengrube. Er sah Jan ohne Wimpernschlag an, in sicherer Erwartung einer Erwiderung. Solchermaßen gedrängt, vor allem wegen des durchgehend freundlichen Blicks, tat Jan es letztlich doch. Der Handschlag des Riesen fühlte sich wie die erdrückende Umarmung eines Oktopus an.
»Willkommen in meinem Haus«, sagte Alonso. »Ihr Auftreten gestern werte ich mal als Missverständnis … folgen Sie mir.«
Endlich ließ er Jan los, wandte sich ab und bewegte sich, einem Hünen gleich, begleitet von seinem Chauffeur sowie einem offensichtlichen Bodyguard, zum Eingang des Hauses. Dort hielt er persönlich die Tür auf.
Torberg blieb indes wie angekettet stehen, sodass Kemal ihm einen leichten Schubs von hinten gab.
»Na los, der Bär bittet zum Tanz!«
Mit einem Anflug von Schmunzeln beugte sich Jan zu Kemal und flüsterte ihm ins Ohr.
»Nun sehen Sie sich das an – ich soll mich elegant kleiden und der da trägt einen Zopf.«
Auch Kemal war aufgefallen, dass auf dem maßgeschneiderten Rückenteil des Mannes ein dünner geflochtener Zopf ruhte.
Jan und Kemal folgten der Einladung und während sie den Gastgeber passierten, fühlten sich beide wie kleine Jungen in ihrer Schulzeit. Natürlich ließ Jan sich nichts anmerken, aber Kemal glaubte nicht, dass er seine Unsicherheit verstecken konnte.
Bevor sich der Hausherr weiter mit ihnen beschäftigte, wandte er sich wie selbstverständlich dem Pförtner in der gläsernen Loge zu.
»Wie geht es Ihnen heute, Herr Leitz?« Auch ihm reichte er eine Hand und er drückte sie länger, als man es üblicherweise erwartet.
»Danke, sehr gut, mein Padre, sehr gut.«
»Das freut mich.«
Die Zuwendung zeigte Wirkung. Unterwürfig sprang der Mann aus seiner Loge und geleitete seinen Padre samt Gefolge zum Fahrstuhl, als könnten sie das nicht allein schaffen. Der Bodyguard und der Chauffeur blieben an der Tür stehen.
Im Aufzug wurde es allein aufgrund der einnehmenden Gestalt von Alonso verdammt eng. Der kleine Raum füllte sich mit prickelnder Stille. Alles war offen, nun konnte sonst was passieren. Kemal hätte diese Stille gern gebrochen. Doch blieben ihm die Worte im Leib stecken. Bereits jetzt wirkte Alonso bedrückend auf ihn. Was er von ihm wusste, war nicht viel. Aber das, was man sagte, reichte aus, sich zu fürchten und die Gefahr förmlich zu riechen.
Als sie Alonsos Büro betraten, warteten Wolff und Anna direkt an der Tür auf sie. Anna empfing sie mit routinierter Freundlichkeit.
Torberg folgte nur widerstrebend. Er hielt es nicht für nötig, Anna zu grüßen. Kemal holte das für ihn nach, wie üblich, die Form für seinen Vorgesetzten wahrend.
Anna starrte Torberg giftig nach. Alonso mochte ein Verbrecher sein, aber Benehmen hatte er schließlich. Es schien ihr zwar fraglich, ob das eine das andere entschärfte, doch im Moment wäre es ihr wichtig gewesen, wenigstens zur Kenntnis genommen zu werden. Aber Torberg sah durch sie hindurch, als existierte sie gar nicht. Er klebte an einem Fleck im Raum, schaute sich unschlüssig um, als überlegte er, ob er überhaupt bleiben sollte. Alle anderen saßen bereits und warteten nur auf ihn.
Anna nahm sich zusammen. Sie forderte ihn gezwungen freundlich auf, Platz zu nehmen, indem sie auf die bevorstehende Bewirtung hinwies.
Jan hatte sich inzwischen von dem ersten charismatisch aufgeladenen Eindruck erholt. Er schickte dem Padre ein zynisches Lächeln.
»Sie haben also die Taktik geändert. Heute versuchen Sie es nicht mit gönnerhafter Abfertigung, sondern mit aufgesetzter Höflichkeit.«
Damit ließ er sich rotznäsig auf den angebotenen Sessel fallen und blieb, mit einem Bein über die Lehne baumelnd, sitzen, wartend auf eine Reaktion.
Kemal fasste sich an die Stirn. Dieser Mann war dabei, ihn wahnsinnig zu machen. In dessen Begleitung war Blamage eine Regel.
Anna überging das entstandene Schweigen und begann höchstpersönlich, den Kaffee einzuschenken. Sie bewirtete den Padre zuerst und sah ihn verstohlen an. Er ordnete mit seinen groben Fingern Unterlagen, als hätte er nichts gehört. Aber Anna wusste genau, dass er jedes Wort, jede Bewegung seines Gegners registrierte. Er war dabei, sich ein Bild von Torberg zu machen, um seine Persönlichkeit zu studieren, ihn zu scannen. Mit seiner Menschenkenntnis hatte er meist schon in wenigen Minuten heraus, wie sich ein Mensch manipulieren ließ und es gab nur eine Handvoll, für die er länger brauchte. Dieser hier würde ihm sicher Kopfzerbrechen bereiten.
Sie war zu Torbergs Tasse vorgedrungen und goss sehr, sehr vorsichtig ein – immer in der Erwartung, er könnte die Tasse einfach unter der Kanne wegziehen. Aber, womit man rechnete, das tat er sowieso nicht.
Zum ersten Mal schien er sie wirklich zu sehen.
»Schönen Dank!«, sagte er und sie wusste nicht, ob er es ironisch oder freundlich meinte.
Jan nahm einen kräftigen und geräuschvoll schlürfenden Schluck und starrte sie währenddessen ungehemmt an. Dabei fiel ihm auf, dass sie anscheinend als Einzige hier im Haus keinen dieser auffälligen Anhänger trug, die ihnen, einschließlich diesem Padre, um den Hals hingen. Es waren Anhänger mit dem Motiv einer strahlenden Sonne.
Während sich Torbergs Blicke auf Anna konzentrierten, saß Kemal bedrückt in seinem Sessel. Ihm gegenüber saß Alonso, dieser einflussreiche, mächtige Mann und ihm war klar, dass er zwischen den beiden zu vermitteln hatte. Leider kannte er Torberg schon zu gut und dessen augenblickliche Laune schien alles andere als einlenkend.
Endlich rührte sich Alonso.
»Herr Torberg, ich habe Ihnen noch gar nicht mein Beileid ausgesprochen.«
Das kam unerwartet. Jan zuckte und verschüttete fast den Kaffee. Er zwinkerte ein paar Mal, als ob er einen Tick unterdrücken wollte.
»Für wen jetzt? Für meinen Vater oder meine Mutter?«, fragte er, nachdem er sich gefasst hatte.
»Sie haben recht. Sie müssen einen doppelt so schweren Verlust ertragen. Das tut mir leid für Sie. Ich habe Ihren Vater als sehr integren Menschen kennengelernt.«
»Er hat sich umgebracht.«
»Das weiß ich. So sollte kein Leben enden. Ich hätte nie gedacht, dass Ihr Vater so etwas tun könnte. Er hat sich erschossen, nicht wahr?«
Mit leicht flatterhafter Hand setzte Jan die Kaffeetasse ab. In Gedanken tauchte sein alter Herr vor ihm auf, mit einer Pistole in der Hand, die er langsam an die Schläfe führte und dann aufsetzte. Rauch und Hirnmasse … er sah all das Blut vor sich, das die Beamten vor ihm verschwiegen hatten.
»Nun, Herr Torberg …«
Jan bemerkte, dass er in Gedanken versunken war und alle anderen ihn erwartungsvoll anstarrten.
»… trotz all Ihres Schmerzes, den Sie verspüren. Lassen Sie uns über Geschäftliches sprechen. Deshalb sind Sie doch hier?«
»Sicher …« Jan war noch nicht ganz im Jetzt angekommen. »Ich frage mich, warum mein Vater überhaupt eine Pistole hatte. Wo hatte er sie her? Hatte er sie nur für diesen Zweck angeschafft?«
Alonso runzelte die Stirn.
»Vielleicht sollten wir das Gespräch doch ein anderes Mal führen. Sie sind emotional zu sehr angeschlagen.«
»Was denken Sie darüber?«
»Worüber?«
»Sie sagen, es passte nicht zu meinem Vater. Dasselbe sage ich auch.«
»Nun, dann sind wir uns ja einig. Was wollen Sie denn von mir hören?«
Jan zuckte mit den Schultern. »Vielleicht, dass es Mord sein könnte.«
»Mord? Wenn Sie das glauben, dann sollten Sie mit der Polizei darüber sprechen.«
»Das habe ich, aber es interessiert sie nicht.«
Der Padre fixierte ihn nachdenklich. Anscheinend fiel es ihm schwerer als gedacht, Jan richtig einzuschätzen.
»Also gut. Die Sachlage ist Ihnen bekannt. Da Sie aus rätselhaften Gründen nicht in der Lage sind, den von mir vorgeschlagenen neuen Geschäftsführer, Herrn Wolff, zu akzeptieren, biete ich Ihnen folgendes Geschäft an …«
Kemal, im Sessel neben Jan, ahnte, von welcher Art dieses Geschäft sein würde, und hoffte insgeheim, sein Chef würde schnell und komplikationslos einschlagen.
Alonso schob Jan ein von Anna vorgefertigtes Schriftstück über den Tisch, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen. Wie zu erwarten, würdigte der es mit keinem Blick. Er starrte Alonso regungslos an und Alonso blickte schmal, als erwartete er irgendeine trotzige Antwort.
»Sie sind kein Geschäftsmann. Das Geschäft, das ich Ihnen anbiete, wird dem sehr entgegenkommen.«
Noch immer blieb eine Antwort aus. Alonso schob ihm das Schriftstück näher hin.
»Ich zahle Sie aus – zu einem sehr wohlwollenden Betrag.«
Mit der Spitze seines goldenen S.T. Dupont Füllfederhalters deutete er auf die ausgeschriebene Summe. Kemal rutschte schnell zu Torberg hinüber und lugte auf den noch unwirksamen Vertrag. Was er las, übertraf seine Vorstellungen um einiges. Hektisch stieß er Jan an. Auch der hatte inzwischen die Augen auf das Blatt gesenkt.
»Das ist gut«, flüsterte Kemal, »durchaus angemessen – mehr als das!«
Doch seine Aufregung ging nicht auf seinen Chef über. Auch Jan wusste, dass es mehr als angemessen war. Er kannte die Summe seiner Beteiligung an dieser Firma. Ja, er hatte – was ihm hier sicher niemand zutraute – die Geschäftspapiere gesichtet, wenn auch flüchtig. Was Alonso ihm bot, überschritt den Wert seiner Beteiligung um das Doppelte. Gerade das machte ihn stutzig. Leute, wie dieser Padre verschenkten sicher nichts, selbst aus Bequemlichkeit nicht.
Er will mich loswerden, dachte er, und das so schnell wie möglich. Aber da hat er sich geschnitten.
Warum sollte er es nicht darauf ankommen lassen? Jan brauchte das Geld nicht. Es hätte ihn nicht einmal interessiert, bevor ihm diese unsägliche Erbschaft aufgedrängt wurde. Er begann ein schiefes Grinsen. Eins von der Sorte, seine Mitmenschen innerlich platzen zu lassen. Dann schüttelte er langsam den Kopf. Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn er diesen Padre nicht aus der Ruhe bringen könnte.
Ernste Falten verdunkelten Alonsos Stirn, was Jan mit Befriedigung registrierte. Der Padre nahm etwas zu ruckartig den Vertrag an sich und unterschrieb im Voraus mit geschwungener, großer Schrift und blauer Tinte. Seine edelsteinbesetzte Breguet-Uhr blitzte kurz unter dem Ärmel hervor. Ein paar Blätter weiter unterschrieb er noch drei weitere Male.
»Überlegen Sie es sich nicht zu lange, junger Mann.«
Er wies auf Kemal. »Ihr Berater hat recht. Das ist ein unschlagbares Angebot. Ihnen bedeutet dieses Geschäft doch gar nichts. Bauen Sie sich mit dem Geld etwas auf, was Ihnen mehr liegt. Oder verschleudern Sie es, wenn Sie wollen.«
Kemal war ganz seiner Meinung. Wieder stieß er Jan an. Der grinste nur noch einseitig. Das Wort verschleudern stieß ihm unerträglich auf. Es erinnerte ihn an die Vorhaltungen seines Vaters, wenn es um Kunst und seine Unterstützung ging. Das hätte Alonso nicht sagen sollen.
»Behalten Sie den Wisch. Ich bleibe im Geschäft. Und wer weiß? Vielleicht werde ich Ihre Geschäftspraktiken mal überprüfen. Es interessiert mich, wie Sie Ihre Brötchen verdienen. Man hört da so einiges.«
Damit erhob er sich. Es tat ihm gut, für einen Moment auf seinen selbstgefälligen Widersacher hinunterzublicken.
»Man sieht sich«, warf er dem verdutzten Alonso hin.
Dann drehte er sich um und schritt zum Ausgang.
Jetzt rührte sich Wolff, der hinter Alonsos Sessel stand, und der den Schlagabtausch bisher stumm mitverfolgt hatte. Auf einen Wink des Padre nahm er die Verträge an sich. Er schob sein Kinn nach vorn, strich sich über das Haar, und folgte Jan Torberg zur Tür. Der sollte ihm nicht noch einmal sang- und klanglos entwischen. Mit seinem durchtrainierten Körper versperrte er den Ausgang und hielt Torberg die Papiere direkt unter die Nase. Zu seinem Leidwesen musste er zu Torberg nach oben sehen. Wolffs Stimme klang bedrohlich leise und unnatürlich ruhig.
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