Читать книгу: «Witterung – Lauf so schnell du kannst»
Für meine Tochter
Für diesen Roman habe ich wahre Ereignisse und reale Orte mit fiktionalen Elementen verwoben. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und keinesfalls beabsichtigt.
Heike Ulrich
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eISBN 978-3-8271-8397-2
Heike Ulrich
Witterung
Lauf so schnell du kannst

Die einzige wirkliche Gefahr für den Menschen
ist der Mensch.
PROLOG – Mai 1943
1
Igor fror und zitterte vor Aufregung. Doch mit seinen zehn Jahren gab er sich Mühe, es sich nicht anmerken zu lassen.
Denn Zofias große, blaue Augen blickten gerade alarmiert zu ihm auf. Irgendwo knackte erneut ein Ast, dann war es wieder ruhig. Ihre Panik war unverkennbar, und ausgerechnet jetzt musste Igor darüber nachdenken, wie es möglich war, dass dieser Umstand ihr hübsches Gesicht derart entstellte, dass es zu einer Angstfratze mutierte. Zofia zitterte heftig, ihre Atmung ging stoßweise. Igor befürchtete, entdeckt zu werden. Es war zu laut für die bedrohliche Stille, die sich wie ein schweres, dunkles Tuch über ihnen ausbreitete.
Hoffentlich sah Zofia ihm seine Angst nicht auch so deutlich an! Er legte den Zeigefinger an seine Lippen. Sie nickte, und er sah, wie sie die Augen schloss und das aufkommende Wimmern unterdrückte.
Fast die ganze Nacht hatte das drei Jahre jüngere Mädchen still vor sich hin geweint und leise nach der Mutter verlangt. Dabei hatte es immer wieder trostsuchend das Gesicht in ein mit Spitze besetztes schwarzes Halstuch gedrückt, das Letzte, was der Kleinen von der Mutter geblieben war. Als sie mit dem Schluchzen gar nicht hatte aufhören wollen, hatte der Junge schüchtern nach ihrer kleinen Hand gegriffen und sie so lange gehalten, bis das Mädchen in den frühen Morgenstunden endlich in einen unruhigen Schlaf gefallen war. Da hatte auch Igor einen Moment die Augen geschlossen.
Genau wie Zofia wusste er nicht, wohin sie seine Mutter verschleppt hatten, geschweige denn, wo sein Vater war. Es herrschte Krieg – Warschau war von den deutschen Truppen besetzt, der Aufstand im Ghetto gerade niedergeschlagen. Er erinnerte sich genau an den letzten Moment ihrer flüchtigen Umarmung zum Abschied.
„Vergiss nie, wer du bist, mein Junge“, hatte seine Mutter geflüstert. „Du hast Eltern, die dich lieben. Dein Vater wäre stolz auf dich.“
Ein kleines, grünes Büchlein mit Goldbuchstaben hatte sie unauffällig in seine Jackentasche gleiten lassen.
„Da steht alles drin, hörst du? Und so Gott will, sehen wir uns alle bald wieder.“
Dann hatten die Soldaten sie weggezerrt. Die Mutter hatte nicht einen Moment den Blickkontakt zu Igor unterbrochen – ihn so lange angelächelt, bis er sie aus den Augen verloren hatte. Den Impuls, ihr nachzulaufen, hatte er unterdrückt. Was hätte es schließlich auch genützt? Doch dieses Lächeln von ihr, diese letzte Geste seiner Mutter, die ihn hatte aufmuntern sollen, tat weh, wann immer er daran dachte. Und er dachte oft daran.
Die deutschen Soldaten hatten ihn zusammen mit ein paar anderen Kindern zusammengetrieben und nach einer Art Ausmusterungsverfahren in einen dunklen Zugwaggon gesperrt. Was wohl mit den anderen geschehen war? Er wusste es nicht, auch nicht, wie lange sie nach Deutschland unterwegs gewesen und wie weit weg sie nun von seiner Heimatstadt Warschau waren, und genauso wenig wusste er, wie lange er hier nach der Ankunft an diesem Ort, oben auf dem riesigen Dachboden, zugebracht hatte – eingesperrt mit vier anderen Kindern, die alle jünger als er zu sein schienen.
Unten war es nach dem Fest immer stiller geworden. Doch plötzlich, gerade eben, war die Tür des Dachbodens aufgestoßen worden. Ein paar Männer, offensichtlich betrunken, hatten ihnen lachend bedeutet, dass die Nacht um war und nun ein schönes Spiel beginnen würde. Niemand von den anderen Kindern hatte das geglaubt, auch Igor nicht. Und die Gesichter von ihnen allen hatten vermutlich Bände gesprochen – zur kranken Freude dieser Erwachsenen, unter die sich plötzlich auch ein paar betrunkene, polnisch sprechende Frauen gemischt hatten. Unten im Hof hatten Autos gestanden. Man war mit ihnen zu einem Waldstück gefahren. Wieder war gelacht worden, und die Kinder hatten den Heiterkeitsausbruch der Erwachsenen nicht nachvollziehen können. Dann war ein Jagdhorn erklungen, und man hatte ihn und die anderen vier aufgefordert, in den Wald zu laufen, man würde ihnen, den kleinen Polacken, einen Vorsprung gewähren.
Niemals würde er diesen merkwürdig lauernden Gesichtsausdruck von einem der Männer vergessen, der plötzlich sein Maschinengewehr gehoben und dann ein paar Salven abgefeuert hatte. Da waren er und die anderen Kinder erschrocken in alle Richtungen auseinandergestoben. Igor hatte Zofias Hand gegriffen und das Mädchen mit sich fortgerissen. Nun kauerten sie zusammen im Gestrüpp hinter der großen Eiche.
Das Mädchen hatte sich dicht an ihn gekuschelt. Es zitterte immer noch, genau wie er. Ihre langen, blonden, geflochtenen Zöpfe lösten sich bereits auf und waren ganz schmutzig.
Die Morgendämmerung setzte gerade ein, und er wunderte sich über das Muttermal unterhalb ihres linken Auges. Warum war es ihm nicht schon vorher aufgefallen? Doch es war nicht wichtig. Er wandte sich ab und lauschte. Im Moment war alles mucksmäuschenstill. Niemand schien da zu sein, und doch spürte er das heranschleichende Böse.
Da, plötzlich – wieder ein knackender Ast! Dann war es totenstill, doch nur für einen Moment. Igor hörte deutlich das Atmen und die leisen, immer näher kommenden Schritte.
Aus dem gegenüberliegenden Gebüsch sprang plötzlich eine kleine Gestalt hervor – Marek! Er lief mit seinen krummen Beinchen, so schnell er konnte. Sein Gesicht war zu einer angstverzerrten Fratze erstarrt. Sofort folgte eine Bewegung! Igor hatte sie nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen. Dann sah er das auf Marek angelegte Gewehr, das sich immer näher in Igors Blickfeld schob, samt der Gestalt, die die Waffe hielt.
Paralysiert, unfähig zu irgendwas, hörte er überdeutlich ein metallisches Klicken und den Schuss und noch etwas anderes … ein tiefes lautes Grollen – im selben Moment! Dann sah er den gigantischen Schatten! Der Angriff folgte blitzschnell – ein Sprung, das Gewehr flog durch die Luft, Fleischfetzen wurden herausgebissen, gigantische Kiefer klappten immer wieder auf und zu, während der Mann schrille Schreie ausstieß, die etwas merkwürdig Groteskes – überhaupt nichts Menschliches – hatten und plötzlich in ein ersticktes Röcheln übergingen. Knochen knackten und wurden zermalmt. Nur kurz sah Igor den Sabber, der aus der Riesenschnauze tropfte, dann war der Schatten fort, und weiter weg schien sich ein ähnliches Szenario zu wiederholen, Schreie, Schüsse, unter die sich wieder das wütende Knurren mischte, wieder und wieder, bis der Wald endlich still wurde.
Igor und Zofia trauten sich kaum zu atmen und kauerten weiter im Gebüsch hinter der uralten Eiche. Der Junge sah überdeutlich, wie Zofias Halsschlagader hämmerte, und auch sein Herz wummerte. Er hörte den Widerhall, das rhythmische Rauschen in seinen Ohren.
Plötzlich, nicht weit weg von ihnen, bewegte sich etwas. Igor merkte alarmiert auf. Marek! Tatsächlich, er war es und schien unverletzt zu sein. Er blickte sich vorsichtig um und schlich zu ihnen hinüber. Auch die anderen beiden Kinder krochen zögernd aus ihren Verstecken. Man sah ihnen die Strapazen und den Schrecken des eben Erlebten deutlich an. Es war totenstill – nichts regte sich -, so als würde der Wald die Luft anhalten.
Doch eine Amsel begann plötzlich ihren einsamen Singsang, und nach und nach antworteten ihre Artgenossen. Die Kinder waren wie versteinert – betäubt, paralysiert –, unfähig, einen Gedanken zu fassen, geschweige denn zu verarbeiten, was sie gerade überall um sich herum im Gebüsch und auf dem Waldboden verstreut sahen – die abgebissenen Gliedmaßen ihrer Peiniger. Auf einem größeren Stein, der über und über mit Moos bedeckt war, lag, wie drapiert, ein abgetrennter Arm – das Gewehr immer noch in der verkrümmten Hand.
Igor wandte seinen Blick ab. Was für eine Kreatur konnte so etwas anrichten? Sie musste überirdische Kräfte haben und nicht von dieser Welt sein, wenn selbst Gewehrkugeln ihr nichts anhaben konnten. Er tastete vorsichtig nach dem Tagebüchlein seiner Mutter, als könnte es ihn beschützen. Ein Geräusch ließ die Kinder erschrocken zusammenfahren. Der gigantische Schatten, der sich auf dem hundert Meter entfernten Felsplateau deutlich abzeichnete, sah wie eine Versteinerung aus, die sich langsam im aufsteigenden Dunst des Waldes aufzulösen schien. Zofias Atem stockte – der Kopf dieser Kreatur glich plötzlich dem eines Menschen, nur einen winzigen Moment. Dann hatte der Dunst die Erscheinung, oder was immer es war, endgültig verschluckt. Wie war das möglich? Doch sie hatte keine Zeit, sich darüber schlüssig zu werden. Hinter ihnen knackten plötzlich Äste, und die Kinder drehten sich alarmiert um.
Zeitsprung – Gegenwart
2
Das Fiepen in seinen Ohren hatte den Pegel des gerade noch Erträglichen erreicht. Man hatte ihm gesagt, dass er Achtsamkeit üben sollte.
Heribert Falk nahm eine gemütlichere Sitzposition auf seiner Bank ein und schloss die Augen. Zu dumm, dass man bei all dem Übel auch noch eine posttraumatische Belastungsstörung bei ihm diagnostiziert hatte. Das war für ihn ein Schock gewesen – schließlich war er keine Memme!
Als das Dauerfiepen ihn nicht mehr hatte schlafen lassen, war ihm die Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen von seinem HNO-Arzt empfohlen worden. Ein paarmal hatten sie ihn dort in einer Unterdruckkammer behandelt, und tatsächlich war der quälende Dauerton in seinem Kopf derzeit nicht mehr so präsent.
Er müsse begreifen, nicht der Tinnitus sei das Problem, sondern seine Haltung zu dem Problem, hatte ihm seine Therapeutin erklärt. Die konnte gut reden, aber vielleicht war ja was dran.
Heribert öffnete die Augen wieder und warf die Zeitung in den Papierkorb, der neben der Bank stand. Er hatte genug von kranken Arschlöchern!
Einen Moment ließ er seinen Blick über den Schloss-teich gleiten. Eine Schar Enten zog ihre Kreise, während sie gründelten. Wie friedlich es hier war! Die Sonne kam gerade heraus und ließ die kleinen Wellen, die die Enten hinterließen, aufblitzen. Es war April, und überall spross zartes Grün.
Aber auch jetzt spürte er dieses unangenehme innere Vibrieren. Er streckte seine Arme aus – auch die Hände zitterten. Das alles bloß wegen dieses Artikels in der Zeitung, den er gerade gelesen hatte. Und wie so oft stellte er sich auch jetzt die Frage: Wie konnte jemand zu solch einer Tat fähig sein? Es ging einfach nicht in seinen Kopf: Ein Achtjähriger und dessen Mutter waren am Frankfurter Hauptbahnhof von einem Migranten, der selbst Familienvater war, vor einen einfahrenden Zug geschubst worden – einfach so. Die Mutter hatte noch rechtzeitig aus dem Gleisbett entkommen können, während ihr Sohn vom Zug überrollt und tödlich verletzt worden war. Nur eine Woche zuvor hatte ebenfalls jemand, in einer anderen Stadt, eine junge Frau vor einen Zug geschubst. Auch für sie kam jede Hilfe zu spät, sie hinterließ Ehemann und ein Kind. Die Welt wurde immer verrückter – und brutaler. Wie sollte die Mutter des Achtjährigen weiterleben? Sie hatte doch alles mit ansehen müssen und war vermutlich bis zu ihrem Lebensende traumatisiert. Schon jetzt konnte er sich vorstellen, wie man derlei Tötungsdelikte wieder relativieren und psychische Probleme der Täter bemühen würde, während die Opfer kaum eine Stimme bekamen und schnell vergessen waren. Und was war mit den vielen anderen Zeugen, die diese grausamen Taten hatten mit ansehen müssen – vermutlich auch ein Leben lang seelengezeichnet! Seelengezeichnet, ja, genau das traf es. Wo hatte er diesen Begriff gehört? Ah ja, der Pfarrer hatte ihn bei der Beerdigung eines Kollegen benutzt, vor ein paar Jahren.
Seine Gedanken ließen sich nicht stoppen. All die Tötungsdelikte, die er als Fallanalytiker untersucht hatte, gaben sich wieder ihr Stelldichein. Er rief sich zur Ordnung und stoppte die Bilder.
Die operative Fallanalyse war ein spannendes Thema für ihn – GEWESEN. Nach fast zehn Jahren als Ermittler in Tötungs- und Sexualdelikten bei der Kripo in Frankfurt hatte er es kaum glauben können, als man ihn tatsächlich nach zermürbenden Auswahlverfahren für die jahrelange Weiterbildung zum operativen Fallanalytiker zugelassen hatte. Empathie, soziale Kompetenz, die Fähigkeit, fallanalytisch zu denken, und – nicht zu vergessen, Instinkt, Kreativität und Teamfähigkeit – waren unabdingbare Voraussetzungen, die man in diesem Bereich brauchte. Und diese Fähigkeiten waren ihm nach psychologischen Tests attestiert worden. Er war der Jüngste seines Lehrgangs gewesen.
Noch fasziniert von der dunklen menschlichen Seite, die einen Täter in die Lage versetzte, schrecklichste Taten zu begehen, hatte er begonnen, Tatort und Tathergang zu untersuchen, Fakten gesammelt und analysiert. Das Ziel: ein Täterprofil – welche Motivation trieb den Täter zu seinen Handlungen? Aus Schlussfolgerungen folgten Strategien, wie man des Täters habhaft werden konnte.
Heribert grinste schief – alles nur Arbeitshypothesen. Vielleicht waren sie wichtig. Doch nicht selten hatte er sich auf seinen Instinkt, auf seine Erfahrungen verlassen und war damit erfolgreich gewesen. Nichts gegen die Fallanalyse – bloß ohne Instinkt und Vorstellungskraft war sie in seinen Augen nur die Hälfte wert, war lediglich eine weitere Option, ein weiteres Hilfsmittel bei Tatermittlungen.
Wieder spulten sich filmische Endlosschleifen ab: Er sah die Hinterbliebenen der Mordopfer, wie sie zusammenbrachen – bei der Überbringung der schlechten Nachricht oder bei der Identifizierung ihrer Liebsten.
Wie oft hatten ihm da die richtigen Worte gefehlt – aber verdammt, was sollte man auch jemandem sagen, der einen nahestehenden Menschen auf dermaßen grausame Weise verlor? Irgendwann hatte dann eine merkwürdige Dunkelheit seine Seele eingeholt. Er hatte sich wie unter einem grauen Tuch gefühlt, das immer schwerer geworden war und ihn fast erdrückt hatte. Es war lähmend gewesen, während sein Tinnitus immer lauter geworden war.
Das Schlimme war, dass sich in einem harmlosen, freundlichen, ja sogar bemitleidenswerten Menschen eine Monstrosität verbergen konnte. Ein gewinnendes Lächeln sagte noch lange nichts über die Persönlichkeit aus, die sich dahinter verbarg. Er hatte es erlebt – hatte sie erlebt, Psychopathen, Narzissten, die täuschend echt Sozialkompetenzen vorspielten, ohne sie tatsächlich zu besitzen. Das alles machte die Angelegenheit ja auch so schwierig. Dieser Umstand hatte ihn zunehmend zermürbt und zum Schluss mutlos gemacht. Auch weil das personifizierte Böse manchmal mit unverhältnismäßig milden Strafen davonkam – in Ermangelung von Beweisen oder weil die einzelnen Behörden samt Spurensicherung schlampig zusammenarbeiteten. Auch dass Täter vorzeitig entlassen wurden oder aufgrund psychologischer oder fragwürdiger Gutachten freikamen – quasi auf die Gesellschaft losgelassen wurden –, war in seinen Augen falsch. So etwas war ein Experiment. Ein Experiment, das schiefgehen konnte. War dies der Fall, mussten es Unschuldige büßen. Das alles machte ihn wütend, wenn er daran dachte. Wozu die ganze Mühe überhaupt? Bis heute ertappte er sich dabei, wie er jede Person, die ihm begegnete, auf Charaktermerkmale scannte. Er konnte es nicht lassen.
Kurz – er hatte genug! Und das Beschäftigen mit den Abgründen der menschlichen Seele faszinierte ihn schon lange nicht mehr. Er war inzwischen dünnhäutig und immer weniger belastbar – wie jemand, der ein Lieblingsgericht zu oft genossen und inzwischen beim bloßen Gedanken daran einen Brechreiz bekam.
Plötzlich tauchte ein sportlicher, gut aussehender und sehr höflicher Mann vor seinem geistigen Auge auf – Abraxas Lemm! Dessen zahlreiche Opfer hatte man schrecklich entstellt aufgefunden. Es war sehr schwierig gewesen, ein Täterprofil zu erstellen.
Lemm hatte seine Opfer willkürlich ausgesucht, sie dann aber genau ausspioniert und zu Tode gefoltert. Anschließend hatte er die abgeschnittenen Gliedmaßen neu arrangiert und die Ermordeten grotesk zur Schau gestellt – wie ein Kunstwerk. Ein Kunstwerk des Grauens! Seine Tatorte waren sauber hinterlassen worden, sodass man zum Schluss vermutet hatte, dass es sich um einen Täter aus den Reihen der Kriminalpolizei handeln könnte.
Letztendlich hatte die Täterbeschreibung einer zufälligen Zeugin, die Lemm kurz an einem der Tatorte gesehen hatte, Heribert und seine Kollegen auf dessen Spur gebracht. Er war schockiert gewesen, über den Mann, der ihm und seiner Kollegin später beim Verhör gegenübergesessen hatte – eine Monstrosität mit freundlichem Durchschnittsgesicht.
Doch Lemms heimlicher und verschlagener Blick, mit dem er immer wieder die Kollegin gemustert hatte, war Heribert nicht entgangen. Lemm war tatsächlich in die Falle getappt, als die Kollegin später den Lockvogel gespielt hatte.
Nach Abraxas' Verhaftung war alles schnell gegangen. Dass ausgerechnet an einem seiner letzten Tatorte DNA-Spuren gesichert worden waren, war ein mehr als glücklicher Zufall gewesen. Der DNA-Abgleich war eindeutig gewesen, und Abraxas war beim nächsten Verhör dann auch nicht mehr der höfliche und harmlose Mann gewesen, als der er sich während der ersten Vernehmung noch theaterreif inszeniert hatte. Er war ausfallend geworden, und sein Gesicht war dabei zu einer abgrundtief bösen Fratze mutiert. Bestie! Heribert nickte und atmete geräuschvoll aus. Ja, genau das war er – eine Bestie! Eine Krebsgeschwulst an der Gesellschaft. Doch dieser Bastard saß jetzt, Gott sei Dank, im Knast. Wenn es nach Heribert gegangen wäre, hätten sie Lemm gleich eine Kugel in den Kopf jagen können. Doch vielleicht erledigte das ja noch einer seiner Mitinsassen im Gefängnis.
Heribert rief sich abermals zur Ordnung. Abstand! Noch drei Wochen Reha – er würde sie sich nicht mit solchen Gedanken vermiesen. Ab sofort würde er nur an schöne Dinge denken – Frauen zum Beispiel. Mit fünfundvierzig war er noch alleinstehend – die vermeintliche Unvereinbarkeit mit seinem Beruf! Doch er war entschlossen, neu durchzustarten und sein berufliches Know-how für die weniger nervenaufreibende Arbeit als Privatermittler zu nutzen! Er würde sich seine Fälle sorgfältig herauspicken. Denn was nützten ihm Reputation und Anerkennung, die er sowohl durch die Öffentlichkeit als auch Vorgesetzte erfuhr, wenn er keinen Sinn mehr in seiner Arbeit sah, sie ihn nicht mehr erfüllte, sondern – im Gegenteil – ihn zermürbte? Darüber konnte auch sein sicheres und passables Einkommen nicht hinwegtrösten. Für ihn war Schicht im Schacht. Er hatte bereits seiner Dienststelle das Kündigungsschreiben zugesandt.
Plötzlich dachte er an die kleine Dunkelhaarige von heute Morgen beim Frühstück. Wie herausfordernd sie ihn angelächelt hatte! Heribert wusste, dass Frauen ihn attraktiv fanden. Er war groß, immer noch durchtrainiert, und mit seinen blauen Augen konnte er Frauen in ‚Aufregung‘ versetzen. Schon früh hatte er die Wirkung eines charmanten Lächelns entdeckt. Er reckte sich genüsslich – die kleine Schwarze, heute Abend war sie fällig, heute Abend würde er sie mal ganz genau unter die Lupe nehmen!
Er hielt sein Gesicht in die Frühlingssonne – das Leben konnte schön sein.
Als sein Handy klingelte, ignorierte er es. Was hatte seine Therapeutin noch mal gesagt? Richtig, „Achtsamkeit!“ Ganz genau – Achtsamkeit war der Schlüssel zu seinem neuen Leben.
3
„Juna, beeil dich!“
„Bin gleich fertig, Mama!“ Die Kleine stellte die Zahnbürste in ihr Glas und sauste aus dem Bad. Schnell die Jacke, den Ranzen und los. Ihre Mutter wartete bereits ungeduldig an der Tür.
Michaela Schubert musterte ihre Tochter. Seit der Scheidung von Robert, ihrem Mann, verhielt sich Juna merkwürdig introvertiert. Michaela machte sich Sorgen. Robert nahm es mit den Zeiten, die er mit seiner Tochter verbringen sollte, nicht so genau, und Michaela hatte ihn mehr als einmal um Verbindlichkeit gebeten. Es machte sie wütend, wenn Juna auf ihren Vater wartete, nur um enttäuscht zu werden. Und sie hasste Roberts fadenscheinige Entschuldigungen, die alles noch schlimmer machten. Robert lebte seit zwei Jahren in Ägypten und arbeitete dort als Ingenieur bei einer Baufirma. Sie strich Juna übers Haar.
„Weißt du was, am Wochenende machen wir zwei etwas richtig Schönes – du darfst entscheiden, wie findest du das?“
Das Mädchen strahlte. „Au ja, Mama!“
Unten, vor dem Wagen, wartete bereits Rebecca, Junas neue Schulfreundin. Alles war seit der Scheidung neu. Die Schule, die Wohnung und Michaelas Arbeitsstelle.
Sie startete den Motor und blickte in den Rückspiegel.
„Ihr zwei kommt, wie abgesprochen, nach der Schule zum Frauenhaus. Es sind nur wenige Meter. Ihr kommt nicht herein, sondern wartet gegenüber bei der Bäckerei. Dann fahren wir zusammen nach Hause, okay?“
Die Mädchen nickten, und Michaela sauste los. An ihrem ersten Arbeitstag als Sozialarbeiterin in einer Einrichtung für verfolgte und misshandelte Frauen mochte sie nicht zu spät kommen – heute würde Frank Lindner, der mit ihr bereits vor Wochen das Einstellungsinterview geführt hatte und ihr neuer Chef war, ihr das gesamte Team vorstellen. Sie spürte den Anflug einer plötzlichen Panik, doch sie ging vorbei.
4
Er rappelte sich hoch und sprang von der Krankenhausbahre, stieß die Pflegekraft beiseite, schlug den verdutzten Wachmann nieder und rannte weiter. Er registrierte, dass jemand aufschrie und dass sich der Wachmann wieder aufrappelte, doch Abraxas hatte im Gefängnis trainiert und war gut in Form. Auf jeden Fall besser als der alte Sack, der ihn bewachen sollte. Jetzt musste er nur noch den schmalen, langen Flur entlang, dann war er am Ausgang. Warum zum Teufel musste ihm diese fette Kuh ausgerechnet jetzt den Weg versperren und auch noch dermaßen laut kreischen? Er schubste sie grob zur Seite. Als sie jedoch anfing, um Hilfe zu schreien, drehte er um, packte sie und schlug ihren Kopf mehrmals gegen die Wand. Na bitte, endlich war sie still – das hatte Spaß gemacht! Wie gerne hätte er die fette Sau noch zusammengetreten. Schade, doch dafür war jetzt keine Zeit. Er konnte sich später immer noch irgendwo an irgendwem abreagieren. Der Gedanke hatte etwas Beflügelndes, und ein Gefühl von Freude durchströmte ihn plötzlich, als er den Ausgang passierte.
Er sprintete weiter in Richtung Parkplatz zum ausgemachten Treffpunkt. Wo zum Henker stand der Wagen? Konnte man sich denn auf niemanden mehr verlassen? Sein Kopf ruckte herum – ja, das war schon besser und klang wie Musik in seinen Ohren! Das schwarze BMW-Cabriolet bog gerade mit quietschenden Reifen um die Ecke, und Abraxas hastete los, als die Autotür bereits aufflog. Er stieg ein und stutzte enttäuscht, während der Fahrer das Gaspedal durchtrat. Abraxas wurde in den Sitz gepresst. Einem Automatismus folgend, stemmte er sich gegen die Schwerkraft und zog die Wagentür zu, während er dem Fahrer einen vorwurfsvollen Blick zuwarf.
„Ich dachte, mich holt ’ne Möse ab?“
„Bitte was?“ Der Kopf des Fahrers ruckte herum und blickte Abraxas einen winzigen Moment geringschätzig an.
Lemm machte eine obszöne Geste. Der Mann nickte genervt. „Später, alles zu seiner Zeit, okay?“
Abraxas merkte auf, alles zu seiner Zeit? Er rückte seine Brille zurecht und musterte den Fahrer abschätzend. Machte sich diese Schwuchtel etwa über ihn lustig? Sein Blick fiel auf die gepflegte Hände, und der Gedanke war sofort da – wie schön es sein könnte, ihm die Fingernägel herauszuziehen, einen nach dem anderen, ganz langsam. Er schloss die Augen und gab sich für einen Moment dieser angenehmen Vorstellung hin, während der Polizeifunk gerade die Flucht eines Serienmörders durchgab.
Abraxas verzog das Gesicht, während er sich die Kanüle aus seinem Arm zog. Anschließend presste er Zeige- und Mittelfinger auf seine Armbeuge und warf seinem Fahrer einen auffordernden Blick zu.
Der reagierte prompt. „Im Handschuhfach ist Pflaster.“
Abraxas verarztete sich. Sein Blick fiel auf die Packung Zigaretten, die auf der Ablage lag.
„Scheiße, keine Zigarillos?“
„Gedulde dich, die bekommst du später.“
Abraxas griff nach der Zigarettenschachtel, zündete sich eine an und inhalierte tief.
Sichtlich genervt suchte er einen anderen Sender. Ein alter Vicky-Leandros-Schlager dudelte etwas von einem Theo, der nach Lodz fuhr oder so.
Durch den Rauch musterte Lemm eine ganze Weile den Fahrer. Dieses Abschätzen hatte etwas Gefährliches. Es glich dem Lauern eines Raubtieres. Doch der Mann am Steuer schien diesen Umstand überhaupt nicht zu bemerken. Wusste diese Pfeife überhaupt, wer gerade neben ihm saß? Lemm gab ein verächtliches Geräusch von sich, nahm noch einmal einen tiefen Zug von seiner Zigarette und blies den Rauch in Richtung seines Nachbarn, dann ließ er den Stummel aus dem Spalt der heruntergelassenen Fensterscheibe gleiten.
„Du hast recht, alles zu seiner Zeit, alles zu seiner Zeit!“
Er grinste und spürte sofort dieses angenehme Gefühl, diese heftige Adrenalinausschüttung – so wie sie ein Jäger kurz vor dem entscheidenden Schuss verspürte. Euphorisch summte er den Schlager im Radio mit, den zunehmend genervten Gesichtsausdruck des Fahrers ignorierend. Sollte er sich doch ärgern!
Aus der Ferne hörte man plötzlich Polizeisirenen. Augenblicklich gab der Fahrer Gas und raste in die Dunkelheit einer Unterführung, während Abraxas in seinen Sitz gedrückt wurde und vergeblich versuchte, sich umzudrehen.
5
Sie hielt sich am Waschbecken fest, um nicht umzufallen, und blickte ihr Spiegelbild an. Michaela sah es selbst – sie sah schrecklich aus.
„Nimm dich zusammen“, flüsterte sie, „du ziehst den Job durch!“
Sie kämpfte gegen den plötzlichen Schwindel an und gegen das heftige Gefühl, bewusstlos zu werden. Ausgerechnet in diesem Moment betrat Sigrid Klossek, die Teamleiterin, den Waschraum der Toilette.
Sie warf Michaela einen besorgten Blick zu.
„Ist Ihnen nicht wohl, kann ich irgendetwas für Sie tun, Frau Schubert – wollen Sie vielleicht nach Hause gehen?“ Michaela riss sich zusammen und zwang sich zu einem Lächeln.
„Nein, nein, alles gut. Kleiner Migräneanfall, es geht gleich wieder, habe schon eine Tablette eingenommen.“
Sigrid nickte. „Oje, Sie Arme, das kenne ich.“ Damit suchte sie die Toilettenkabine auf.
Michaela betupfte sich schnell das Gesicht mit kaltem Wasser und ließ den Wasserstrahl über ihre Handgelenke laufen.
Immer noch raste ihr Puls.
Sigrid kam von der Toilette zurück, trat zum Waschbecken und wusch sich die Hände, während sie Michaela über den Spiegel mitfühlend anlächelte.
„Also, dann bis gleich.“
Michaela nickte und erwiderte das Lächeln. „Ja, bis gleich.“
Sigrid verließ den Raum, und Michaela betrat hastig eine der Toilettenkabinen und verschloss sie – dann sackte sie zusammen und bekam einen Heulkrampf. Ihr ganzer Körper schüttelte sich. Sorgfältig verschlossene Erinnerungen – Flashbacks – jagten plötzlich wieder und wieder durch ihren Geist und quälten sie. Sie versuchte, es zu kontrollieren, doch es gelang ihr nicht. Dann bekam sie Schüttelfrost. Die Luft schien verbraucht, und sie atmete heftig, während ihre Hände zu kribbeln begannen. Dann musste sie sich übergeben. Nach einer scheinbar endlosen Zeit wurde ihr Atem ruhiger, und die Panik legte sich allmählich. Sie überlegte fieberhaft – was konnte sie tun? Aufgeben? Das kam nicht infrage! Sie überlegte weiter. Niemand außer Sigrid Klossek hatte ihren Zustand bemerkt. Weder ahnte sie den wahren Grund noch wussten die anderen etwas. Was also diese Sorge betraf –, war alles bestens.
Dann fiel ihr etwas ein. Sie zog ihr Handy aus der Handtasche. Nach einem Moment des Zögerns tippte sie eine Nummer ein, und als sich eine Stimme meldete, löste sich alles. Nicht ein einziges Mal wurde sie unterbrochen – dann hörte sie eine lange Weile nur zu, während sie sich allmählich beruhigte. Zum Schluss bedankte sie sich und drückte die Aus-Taste. Das hatte gutgetan, sie fühlte sich leichter und gestärkt. Noch einen Moment, dann würde sie nach draußen gehen und sich weiter um die traumatisierten Frauen und deren Kinder kümmern. Sie würde ihr altbewährtes Pokerface aufsetzen, doch dabei sehr wachsam sein. Es gab eine Lösung. Diesmal war sie im Vorteil. Gleich war Mittag, dann war sowieso für heute Dienstschluss – Juna und Rebecca würden draußen warten. Sie putzte sich die Nase, legte neues Make-up auf und atmete tief durch, dann verließ sie den Toilettenraum.
6
Eine heruntergekommene Villa, die aus der Welt gefallen zu sein schien und mit Efeu überwuchert war, kam in Sicht.
„Na endlich“, Abraxas' Laune war auf dem Tiefpunkt, „kannst du mir mal sagen, warum wir uns nicht versteckt haben – warum sind wir nicht nachts weitergefahren?“
Der Fahrer antwortete nicht.
„He? Ich meine nur, anstatt das Risiko einzugehen, von den Bullen erwischt zu werden!“
„Was beschwerst du dich, ist doch alles gut gegangen, oder?“
Abraxas' Kopf ruckte herum.
„Was ich mich beschwere? Was ich mich beschwere?! Ist das dein Ernst? Wir sind dem Bullenauto nur ganz knapp entkommen – das beschwere ich mich! Anfänger!“
Abraxas griff nach der Zigarettenpackung und zündete sich eine an. Ein schmiedeeisernes Tor öffnete sich und schloss sich sofort wieder, nachdem der Wagen die Einfahrt passiert hatte und nun den schmalen Kiesweg entlangfuhr. Der Fahrer verlangsamte das Tempo und hielt schließlich an. Abraxas schaute ihn fragend an, als er ein leises Summen vernahm. Das Vibrieren kam vom unteren Teil des Wagens. Die seitlichen Büsche und das Haus, alles glitt plötzlich nach oben weg, während sie offensichtlich mit einer Art Aufzug nach unten fuhren. Etwas später vernahm Abraxas das Summen eines Mechanismus, und etwas rastete ein.
Der Fahrer startete den Wagen erneut und fuhr von der Plattform herunter.
Abraxas blickte sich um. Sie befanden sich in einer Art unterirdischer Halle. Er beobachtete, wie die Plattform langsam nach oben schwebte und die Deckenöffnung wieder verschloss. Weiter ging die Fahrt – einen schmalen Tunnel entlang, der in einem großen Raum, einer Art Kellergewölbe, endete. Neben einem alten, roten Lieferwagen kam der BMW zum Stehen, und nach einem kurzen Moment des Innehaltens grinste der Mann Abraxas vielsagend an. Der reckte sich und grinste zurück.
„Na gut, sieht so aus, als wäre meine Flucht geglückt.“
7
Der Kriminaltechniker verschloss den Beutel, in der sich die Finger- und Fußnägel befanden, die der Täter seinem Opfer während der Folterung herausgerissen hatte.
Er wartete, bis Kriminalhauptkommissar Witzbold das Telefonat beendete, das über den Festanschluss des Getöteten gerade hereingekommen war.
Witzbold machte sich eine Notiz und blickte dann sein Gegenüber fragend an.
„Wir sind hier fertig und schaffen den Mann jetzt in die Gerichtsmedizin. Den abgeschnittenen Zeigefinger haben wir allerdings nirgends finden können. Vielleicht hat ihn der Täter als Trophäe mitgenommen.“
Witzbold nickte nachdenklich und betrat die Terrasse. Die beiden Kriminaltechniker hoben die Leiche des etwa Sechzigjährigen, der immer noch im Garten neben seinem Swimmingpool lag, auf die Bahre.
Witzbold wendete sich ab und marschierte zum Ausgang – auch für ihn gab es hier zunächst nichts mehr zu tun.
„Herr Witzbold, können Sie schon Näheres sagen?“
Die junge Reporterin der hiesigen Lokalzeitung versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken, als der Kripobeamte, der gerade dabei war, in seinen Wagen einzusteigen, sich ihr zuwandte. Auch ihr Kollege war am Feixen.
Witzbold war längst an die Wirkung gewöhnt, die sein Name auf andere ausübte. Schon in der Schule hatte man gelacht, wenn sein Name, Olav Witzbold, bei der Anwesenheitsfeststellung aufgerufen wurde. Er hatte sich angewöhnt mitzulachen – jeden Morgen –, so lange, bis sich seine Mitschüler an seinen ungewöhnlichen Namen gewöhnt und dieser seine Attraktion verloren hatte. Doch es gab Schlimmeres – zum Beispiel, wenn man Annegret Schweinebraten hieß. Die schöne Kollegin war ihm vor zwei Jahren über den Weg gelaufen. Inzwischen waren sie seit über einem Jahr verheiratet. Alle möglichen Kombinationen ihrer Namen waren sie durchgegangen: Schweinebraten-Witzbold, Witzbold-Schweinebraten oder doch nur Witzbold oder Schweinebraten?
Olav Schweinebraten – damit hatte er sich überhaupt nicht anfreunden können. Gott sei Dank war seine Angetraute unkompliziert und hieß nun ebenfalls Witzbold.
Er musterte die Reporterin einen Moment, bevor er antwortete.
„Zu den laufenden Ermittlungen kann ich Ihnen derzeit nichts sagen. Wir müssen noch die gerichtsmedizinischen Untersuchungen und Auswertungen abwarten.“
„Verstehe. Können Sie uns denn wenigstens den Namen des Getöteten nennen, und gibt es bereits einen Verdacht hinsichtlich eines Täters?“
Olav antwortete zögernd: „Bei dem Getöteten handelt es sich um den sechzigjährigen, alleinstehenden Walter Zeller, der hier aus Wolfhagen stammt und vermutlich auch hier in seinem Haus getötet wurde.“
Er nickte dem Reporterduo knapp zu und bestieg seinen Wagen.
8
Heribert Falk öffnete langsam die Augen und reckte sich. Das Fiepen in seinen Ohren war leise – noch. Eine Hand legte sich auf seinen Bauch.
Anita lächelte verschlafen, drängte sich an ihn und nuschelte, während ihre Hand unter die Bettdecke glitt: „Herr Kommissar, ich glaube, ich muss von Ihnen noch mal ganz genau durchsucht werden.“
Er grinste. „Hauptkommissar, wenn ich bitten darf.“
Sie lachte und gab ihm einen Kuss. „Na gut, Herr Hauptkommissar.“
Die dunklen Locken hingen ihr zerzaust ins Gesicht. Anitas ganze Erscheinung, wie sie lächelte, wie sie ihren Kopf beim Lachen nach hinten warf und dabei ihre großen Zähne entblößte, die Grübchen in ihren Wangen – das alles übte einen ungemeinen Reiz auf ihn aus.
Er zog sie an sich. „Aber zuerst muss ich dich verhaften.“
„Au ja – und verhören und anschließend bestrafen.“ Sie kicherte.
Er spürte ihre Rundungen und ihre geschickten Hände, die zaubern konnten. Es war ihr letzter gemeinsamer Tag. Sein Verlangen war unbezwingbar, als sein Smartphone summte.
Verdammt, wer zum Teufel musste ausgerechnet jetzt stören? Das heiße Pochen in seinen Lenden war fast schmerzhaft. Doch es war gar nicht sein Handy, das summte. Er sah, wie Anita nach etwas tastete, das kurz darauf im Sektkübel neben dem Bett landete. Er hörte noch das leise Platschen, und augenblicklich verstummte das Summen.
Am nächsten Tag verstaute Heribert seine Reisetaschen im Kofferraum seines CLK’s. Die Zeit hier war wie im Flug vergangen. Das mit Anita war, was es gewesen war – Sex. Sie hatten sich wie zwei gute Freunde verabschiedet – Anita war glücklich verheiratet.
Den ärztlichen Befund verstaute er in der Ablage. Und los! Heribert startete seinen Wagen und freute sich auf sein Zuhause in Markkleeberg bei Leipzig. Er war inzwischen ein Wossi, ein Wessi, der sich vor fast zehn Jahren für den Osten Deutschlands entschieden hatte – für Leipzig. Das heißt, zunächst war er zum Landeskriminalamt nach Dresden versetzt worden. Er hätte sich zwar dagegen wehren können, doch er hatte dieses Angebot begrüßt. Allerdings war ihm Dresden unwirklich, irgendwie tot vorgekommen, und er hatte sich nicht einleben können. Wann immer es die Zeit erlaubt hatte, war er seinem Einzimmerappartement entflohen und nach Leipzig gefahren. Leipzig, die lang unterschätzte Stadt, die immer schöner wurde. Heribert liebte die vielen kleinen Cafés und Pâtisserien – manche mit eigener Kaffeerösterei, und gelegentlich versackte er am Wochenende in einer der gemütlichen Kneipen auf der „Karli“, der Karl-Liebknecht-Straße – eine der Amüsiermeilen Leipzigs. Heribert grinste in sich hinein: Sachsen, wo die hübschen Mädchen auf den Bäumen wachsen – das wusste doch jeder.
Später hatte er direkt in Leipzig gearbeitet. Man hatte ihn versetzt, auf eigenen Wunsch. Er bewohnte ein gemütliches Historiendenkmal aus der Kaiserzeit – eine sanierte Dreizimmeraltbauwohnung in Markkleeberg, mit Seeblick von der Terrasse. Alles noch günstig erworben – damals, doch diese Zeiten waren vorbei. Markkleeberg gehörte genau genommen nicht zu Leipzig und wehrte sich bis heute entschieden gegen die Eingemeindungsbestrebungen. Heribert war es egal, er fühlte sich dort sauwohl – eingemeindet oder nicht, für ihn war Markkleeberg Leipzig, doch das behielt er für sich.
Sein Smartphone summte.
„Na endlich“, meldete sich eine männliche Stimme, „Mensch, Berti, ich versuche dich schon seit drei Tagen zu erreichen.“
„Botho! Was gibt’s denn so Dringendes?“
„Ich brauche deine Hilfe. Etwas sehr Unangenehmes.“
„Aha?“
„Ja, vor drei Tagen ist mein Steuerberater bei sich zu Hause ermordet aufgefunden worden. Ich war mit ihm in meinem Kasseler Geschäft verabredet gewesen. Als er nicht kam und ich ihn auch auf dem Handy nicht erreichen konnte, habe ich bei ihm zu Hause auf dem Festnetz angerufen. Da hatte ich plötzlich einen Kripobeamten am Telefon!“
„Botho, ich bin nicht mehr im Dienst, das weißt du doch.“
„Ja, ich weiß. Ich will dich als Privatschnüffler engagieren – vielleicht auch zu meinem Schutz.“
„Schutz – was, wieso Schutz?“
„Jemand verfolgt mich, und das nachdem mein Steuerberater ermordet wurde, das ist doch irgendwie merkwürdig, findest du nicht?“
„Nicht unbedingt.“
„Bitte, Berti, tu deinem alten Freund den Gefallen!“Heribert seufzte. „Wo bist du denn?“
„Ich habe in meinem Leipziger Geschäft nach dem Rechten gesehen und komme gerade wieder in Kassel an.“
„Und ich befinde mich auf dem Rückweg von meiner Reha nach Leipzig und bin nicht so weit weg von Kassel. „Bist du im Geschäft?“
„Nein, zu Hause.“
„Okay, bin gleich da.“
In Bothos Stimme war die Erleichterung deutlich zu hören.
„Danke!“
Es waren fast immer dieselben Erinnerungen, die aufblitzten. Hier war er geboren und aufgewachsen.
Später, nach dem Gymnasium und seiner Zeit in Frankfurt, war er wieder hierher zur Kripo nach Kassel versetzt worden – für zwei Jahre.
Heribert blickte in den Rückspiegel – ein Porsche fuhr ihm dicht auf, drängelte eine Weile und hupte dann. Früher hätte es ihn geärgert, doch er blieb ruhig, setzte den Blinker und bog ab, auf die Wilhelmshöher Allee.
Sofort eröffnete sich der weite Blick auf Kassels Wahrzeichen, den Herkules und die dazugehörigen künstlichen, treppenartig angelegten Kaskaden, die Heribert aus dieser Entfernung nur erahnen konnte und die sich nach unten vor dem Schloss Wilhelmshöhe in ein großes Auffangbecken stürzten. Die kupferne Skulptur, die den griechischen Halbgott Herakles darstellte und über und über mit Grünspan überzogen war, stand auf einer Pyramide, die wiederum auf einem Oktogon stand.
Das gesamte Bauwerk ragte über siebzig Meter in die Höhe. Es war beeindruckend – immer wieder –, besonders bei Sonnenschein, wenn das Bauwerk sich aus dem üppigen Grün des Parks erhob, so wie jetzt. Doch wenn die Figur des Herakles – dunkel wie ein Schatten – durch leichte Nebelschwaden waberte, fühlte sich Heribert in die Welt griechischer Mythen versetzt, die von Helden und Göttern flüsterte. Wieder bog er ab, auf das Königstor, jetzt musste er noch einmal nach rechts, dann war sein Ziel erreicht.
Während er nach einem Parkplatz Ausschau hielt, dachte er plötzlich an Anne, mit der er fast sieben Jahre liiert gewesen war. Einmal, noch in ihrer Kennenlernzeit, waren sie, nachdem alle Kneipen bereits dichtgemacht hatten, die Herkuleskaskaden hinaufgelaufen – sexuell aufgeladen und ziemlich betrunken. Der Sonnenaufgang hatte das Schloss Wilhelmshöhe in oranges Licht getauft. Kein Verkehr hatte sich unten auf den Straßen geregt. Alles war still und friedlich gewesen, eben ein anbrechender Tag. Anne hatte ihn von hinten umarmt und eine ganze Weile mit ihm auf die schlafende Stadt geblickt – da hatte er sie „gefragt“. Etwas später waren sie zusammengezogen. Doch das alles schien eine Ewigkeit her zu sein. Heribert war nach Dresden versetzt worden, und Anne hatte nicht mitgewollt.
Er stellte den Motor ab und blickte sich zufrieden um. Sein Wagen stand direkt vor der Altbauvilla seines Freundes Botho Lange – Glück musste man haben, bei der Knappheit von Parkplätzen.
Der Türöffner summte. Ayumi stand oben am Treppenaufgang. Sie sah blass aus und deutete höflich eine Verbeugung an. Dann machte sie eine einladende Geste, dass er ihr folgen sollte. „Danke, dass du gekommen bist.“ Sie drehte sich nach ihm um und lächelte knapp.
Während Heribert ihr folgte, bewunderte er heimlich ihre schlanke, hochgewachsene Gestalt. Sie trug ein kurzärmeliges T-Shirt und eine weite, lange Leinenhose – alles in Schwarz, so wie immer. Es betonte ihren blassen, feinen Teint.
Vor ein paar Jahren hatten sein Freund und Ayumi Jónsdóttir sich während der „dokumenta 14“, gleich am ersten Tag bei der Eröffnung, kennengelernt. Diese Veranstaltung war die weltweit berühmteste Kunstausstellung für zeitgenössische Kunst, die alle fünf Jahre in Kassel stattfand und ganze hundert Tage dauerte.
Botho hatte Heribert erzählt, dass Ayumi Isländerin, ihre Mutter allerdings Japanerin war. Er schwärmte von ihrer Intelligenz, von ihrer Zurückhaltung – einer Zurückhaltung, die seinen Jagdtrieb beflügelt hatte. Ihre Eigenwilligkeit und Selbstbestimmtheit reizten und forderten ihn immer wieder aufs Neue heraus.
Heribert hatte es nicht glauben können. Sein Schulfreund war doch ein bequemer Typ, ein fauler Sack und vor seinem Zusammentreffen mit Ayumi ausschließlich mit Frauen zusammen gewesen, die sich anzupassen pflegten. Nie musste er sich bemühen. Schließlich war der Tisch reichlich gedeckt – Frauen machten es ihm leicht, diesem charmanten und verwöhnten, dabei nie ganz erwachsen gewordenen Einzelkind reicher Eltern.
Okay, Ayumi war also besonders, wenn nicht gar speziell, und dieser Umstand übte auch auf Heribert einen gewissen Reiz aus.
Wenn sie sprach – gepflegt mit nordischem Akzent –, gestikulierte sie lebhaft mit den Händen. Dann bekamen ihre grünen Augen so einen Schimmer und ruhten konzentriert auf ihrem Gegenüber, wenn sie zuhörte.
Das Einzige, das Ayumis asiatische Wurzeln offenbarte, waren ihre hohen Wangenknochen und ihr glattes rabenschwarzes Haar, das sie kurz trug – und natürlich ihr Vorname und die Angewohnheit, niemandem die Hand zu geben. Stattdessen deutete sie zur Begrüßung oder beim Abschied traditionell japanisch lediglich eine höfliche Verbeugung an.
Heribert unterdrückte sein Faible für sie – schließlich war sie die Frau seines Freundes.
Unter dem Pseudonym „Fin Wala“ veröffentlichte Ayumi Krimis, die in Island spielten, inzwischen sogar übersetzt wurden und sich auch in Deutschland gut verkauften. Ziemlich harte und verstörende Brocken, wie Heribert fand. Wie konnte so ein zartes Wesen derartige Schreckensszenarien entwerfen? Sie hatte über Heriberts konsternierten Gesichtsausdruck gelacht.
„So zart bin ich gar nicht, und sag mir jetzt bitte nicht, dass du noch nie Gewaltfantasien hattest – gerade in deinem Job.“
„Schon“, hatte Heribert eingeräumt, „besonders von Menschen, die es verdient hätten. Doch wenn man dich anschaut, traut man dir solche Fantasien einfach nicht zu.“
Sie hatte mokant gelächelt und sich Tee nachgeschenkt.
„Glaub mir, es ist für mich ein reines Vergnügen, diese Tasse Tee zu genießen, während ich“, sie hatte eine ausladende Geste gemacht, „inspiriert durch meine Umgebung, hier oben“, sie hatte auf ihren Kopf gedeutet, „meine Geschichte für den nächsten Roman weiterspinne und dabei nach Belieben Morde begehe. Es macht Spaß, probier‘s aus.“ Genüsslich hatte sie einen Schluck von ihrem Tee genommen und ihn vielsagend angeschaut.
Heribert hatte höflich gelächelt und ihr seine Eindrücke aus der Gerichtsmedizin erspart – all die Körper von Menschen, die aufgrund von massiver Gewalteinwirkung und Brutalität zu Tode gekommen waren, von den Geruchserlebnissen ganz zu schweigen. Ihm drehte sich bereits der Magen um, wenn er nur daran dachte.
Er musste plötzlich grinsen, während er Ayumi folgte. Ausgerechnet Botho, der Kunstbanause, hatte sich diesen besonderen „Leckerbissen“ an einem Ort geangelt, wo ihn normalerweise keine zehn Pferde hinbekamen. Hundert Tage „dokumenta“ und noch mal weitere hundert Tage, und die beiden hatten in Reykjavik Ringe getauscht. Tja, Liebe auf den ersten Blick, das schien es tatsächlich zu geben.
Irritiert registrierte Heribert das leicht aufsteigende Gefühl von Neid und unterdrückte es sofort, während er sich schämte und plötzlich die Stimme von seinem Schulfreund aus dessen Arbeitszimmer hörte. Botho beendete offensichtlich gerade ein Telefonat. Die Tür wurde geöffnet.
„Da bist du ja, alter Freund.“
Botho klopfte Heribert auf die Schulter und schob ihn ins Arbeitszimmer.
Ayumi lächelte. „Tee?“
Heribert nickte. „Sehr gern, danke.“
Botho setzte sich und legte die Füße auf seinem Schreibtisch ab. Heribert platzierte sich ihm gegenüber und musterte ihn. Es war nicht zu übersehen, wie angespannt sein Freund war. Er sah merkwürdig verbraucht, fast alt aus. Vielleicht dachte Botho dasselbe auch von ihm – sie beide waren gleichaltrig, fünfundvierzig Jahre.
Botho holte zwei Gläser hervor und schenkte sich aus einer bauchigen Flasche Branntwein ein.
Heribert lehnte ab, als er auch ihm einschenken wollte. „Ich muss noch fahren. Also, leg los.“
Botho kippte das Glas hinunter und schenkte sich umgehend nach.
„Vor drei Tagen ... ich hatte gerade den Wagen geparkt und bin noch ein Stück gelaufen. Es war schon spät.“
„Wie spät?“
Heribert griff nach dem gelben Block auf dem Schreibtisch und machte sich Notizen.
„Das weiß ich nicht genau. Ich denke, vielleicht so gegen Mitternacht.“
„Du warst genau um ein Uhr zehn zu Hause“, meldete sich Ayumi und servierte den Tee. Dann setzte sie sich auf das Sofa, das am Fenster stand, und fuhr fort: „Das weiß ich deshalb so genau, weil ich noch an meinem Roman gearbeitet hatte und gerade dabei war, den Rechner herunterzufahren.“
„Also, ich hatte schon vorher das Gefühl, dass jemand meinem Wagen folgt“, erklärte Botho. „Dann dachte ich mir, dass es vielleicht nur Einbildung sei. Ich parkte, stieg aus, und als ich Schritte hinter mir hörte, blieb ich stehen. Es war plötzlich ganz still. Ich blickte mich um, niemand schien da zu sein. Ich muss sagen, das war irgendwie unheimlich. Ich fühlte mich beobachtet. Als ich weiterging, verfolgten mich auch die Schritte wieder. Ich ging immer schneller, und die Schritte beschleunigten sich ebenfalls. Dann war ich an unserer Haustür. Ich öffnete sie und verschloss sie sofort, machte aber kein Licht und beobachtete den Gehweg. Eine dunkle Gestalt – vermutlich ein Mann – tauchte nach einer Weile auf, blieb kurz stehen und ging dann weiter ... zügig weiter.“
Heribert blickte von seinem Schreibblock auf. „Okay, das klingt jetzt nicht so verdächtig oder irgendwie gefährlich.“
„Das dachte ich auch“, erwiderte Botho, „doch dann klingelte immer wieder das Telefon. Wenn wir das Gespräch entgegennahmen, war niemand dran.“
„Wie sah denn dein Verfolger aus?“
„Keine Ahnung! Es war ja dunkel. Allerdings schien er zu rauchen, denn ich sah die Rauchfahne.“
Heribert nickte nachdenklich. „Wenn du jemandem etwas antun wolltest, würdest du dann rauchen? Das klingt mir zu gemütlich.“
Botho zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht wollte dir jemand Angst einjagen“, meldete sich Ayumi, „gesetzt den Fall, du wurdest tatsächlich verfolgt.“ Und nach einer Pause fuhr sie fort: „Ich konnte diese Person etwas besser sehen.“
Botho blickte sie erstaunt an.
„Ja! Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich gehört habe, und schaute dann aus dem Fenster. Doch du warst schon im Haus, aber ich habe die Gestalt gesehen, deutlich, als sie unter der Laterne stand.“
Heribert stutzte. „Unter der Laterne – wieso stand sie unter der Laterne?“
„Die Person hat sich einen Zigarillo angezündet, keine Zigarette.“
„Wieso angezündet? Botho sagt doch, dass die Person bereits am Rauchen war.“
„Das stimmt vermutlich auch, denn ich sah, wie sie etwas wegwarf. Doch die Person zündete sich erneut einen Zigarillo an – ich sah es deutlich, als das Feuerzeug aufflammte. Es war eins von diesen Dingern – Gasfeuerzeuge oder so, die eine riesige Flamme erzeugen.“
Sie stand auf, lehnte sich an die Wand, direkt gegenüber dem Schreibtisch, und blickte auf die Männer hinab, während sie ihre Arme verschränkte.
„Die Person war männlich – etwa 1,75 bis 1,80 Meter groß.“ Sie stutzte. „Irgendetwas war allerdings merkwürdig – vielleicht sein Gang, ich weiß es nicht mehr genau, denn ich habe dem Ganzen ja keinerlei Bedeutung beigemessen.“
Heribert nickte und dachte nach, während er einen Schluck von seinem Tee nahm.
„Ist dir sonst noch was aufgefallen?“, wollte er von Ayumi wissen.
Ayumai dachte nach. „Er trug einen Trenchcoat.“
„Farbe?“
Ayumi zuckte mit den Schultern. „Wie sehen Trenchcoats aus – auf jeden Fall war es kein Beige, vielleicht Schwarz, vielleicht Dunkelblau, das konnte ich nicht genau sehen. Und er trug ein rotes Halstuch.“
„Und weiter? Haarfarbe, Alter, andere Auffälligkeiten?“, wollte Heribert wissen.
Ayumi dachte nach.
„Er hat zu mir kurz hinaufgeschaut – er ist Brillenträger, und seine Haare sind vielleicht hell, vielleicht aber auch grau, keinesfalls schwarz.“
„Würdest du sein Gesicht wiedererkennen?“
Ayumi schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, es war ja nur ein kurzer Moment, und so gut war das Licht dann doch nicht. Keinesfalls war er schmächtig oder so, nicht dick, vielleicht sportlich.“
„Alter?“
Ayumi zuckte mit den Schultern und schwieg.
„Okay. Noch was – warum habt ihr nicht gleich die Polizei verständigt?“
Ayumi und Botho stutzten gleichzeitig und warfen ihm dann einen konsternierten Blick zu.
Heribert winkte ab. „Dummer Gedanke.“
„Allerdings“, schnaufte Botho. „Was hätten wir denn sagen sollen? Es ist doch nicht verboten, hinter jemandem herzugehen oder vor einem Haus sich eine anzuzünden.“
„Ihr könntet natürlich eine Anzeige gegen Unbekannt aufgeben, wegen der Anrufe“, erklärte Heribert.
Er hob jedoch sofort abwehrend die Arme, als er erneut den mehr als skeptischen Blick seines Freundes auffing. „Schon gut – vermutlich wird auch das nichts bringen.“
„Genau!“ Botho goss sich vom Branntwein nach, und Heribert registrierte Ayumis kritischen Blick.
Doch Botho ignorierte ihn, kippte das Glas hinunter und fuhr fort: „Aber verstehst du jetzt meine Sorge? Dies alles ist an dem Tag passiert, als man die Leiche meines Steuerberaters gefunden hat.“
„Wie heißt der?“
„Zeller, Walter Zeller.“
Heribert notierte den Namen.
„Könnte es sein, dass dein Steuerberater in irgendeine unseriöse Geschichte verwickelt ist?“
Botho zuckte mit den Achseln: „Woher soll ich das denn wissen? Und selbst wenn, was hätte das mit mir zu tun?“
Heribert verschränkte die Hände hinterm Kopf und dachte laut nach: „Solange man das Motiv von Walter Zellers Mörder nicht kennt, bleibt natürlich alles spekulativ. Zeller könnte nämlich auch bloß das zufällige Opfer eines Einbruchs mit Todesfolge geworden sein, und so gesehen könnte sich das mit deinem nächtlichen Verfolger dann auch relativieren.“
„Relativieren?“
„Na ja, ich meine, dein nächtlicher Verfolger – der ging vielleicht wirklich nur, wie schon erwähnt, zufällig hinter dir her.“
„Glaube ich aber nicht!“
Bothos Einwurf klang fast bockig.
Heribert fixierte ihn eine Weile, während er versuchte, sich einen Reim auf die ganze Sache zu machen. Wieso ging Botho so fest davon aus, dass sein nächtlicher Verfolger etwas mit dem Tod seines Steuerberaters zu tun haben musste?
„Okay, Botho, erstens, welches Motiv könnte denn jemand haben, dir aufzulauern, und zweitens – warum sollte Zellers Mörder sich ausgerechnet auch für dich interessieren?“
Botho blickte seinen Freund ratlos an und zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, du könntest es vielleicht herausfinden.“
„Ich?!“
„Könnte es etwas mit dem neuen Geschäft zu tun haben?“, meldete sich Ayumi und sah ihren Mann alarmiert an.
Heribert horchte auf und blickte zwischen Botho und Ayumi hin und her.
„Moment mal – neues Geschäft? Was für ein neues Geschäft denn? Reichen dir die beiden Geschäfte in Kassel und Leipzig nicht mehr?“
Eigentlich war sein Einwand scherzhaft gemeint, doch Heribert selbst hatte bemerkt, wie forsch er geklungen hatte – fast vorwurfsvoll.
Botho lachte. „Nein!“
Das konsternierte Gesicht seines Freundes schien ihn zu belustigen. „Und ja, tatsächlich eröffne ich in den nächsten Monaten ein neues Geschäft in Polen – genauer gesagt, in Warschau.“
„Und das erfahre ich von dir so ganz nebenbei? Ich bin dein bester Freund, Botho!“
Botho musterte Heribert spöttisch. „Verzeih, alter Freund, ich hätte dich natürlich vorher um Genehmigung bitten sollen!“
Heribert mochte es nicht, wenn Botho ihn „alter Freund“ nannte – es hatte etwas Altbackenes und passte irgendwie nicht zu dessen sonstigen Sprachgepflogenheiten.
„Alter Freund ... welche Art von Geschäft ist das denn in Warschau?“
„Genau wie hier. Kinder- und Jugendbekleidung. Die Umsätze brummen, und ich möchte gern weiter expandieren.“
„Mit einem eigenen Label“, ergänzte Ayumi, „das war meine Idee.“
Heribert nickte und dachte einen Moment nach, bevor es heikel wurde. „Okay, bist du in irgendeine krumme Sache verwickelt, Botho? Nimm’s mir nicht übel, aber ich muss dich das fragen.“
Einen Moment wirkte Botho unentschlossen, und Heribert ahnte, dass er den Finger in die richtige Wunde gelegt hatte, als er die Blicke, die Botho und Ayumi miteinander austauschten, bemerkte und Botho zögernd antwortete: „Na ja, weißt du, ich habe ein paar Leute in Warschau, also, wie soll ich sagen ... na ja ... geschmiert, damit ich dort mein Geschäft eröffnen kann, verstehst du? Das ist inzwischen nämlich gar nicht mehr so einfach. Und ein gelegentlicher Geldumschlag hier und da ist dort normales Prozedere.“
Heribert stutzte. „Ach ...“
Ayumi machte plötzlich ein verärgertes Gesicht.
„Ja, allerdings! Ich war von Anfang an dagegen und habe dich gewarnt. So ein System darf man doch nicht noch unterstützen. Und es ist ja dann auch alles andere als glatt gelaufen.“ Sie blickte zu Heribert. „Botho hat sich mit so einem Typen von der städtischen Baubehörde rumärgern müssen!“
Sie warf ihrem Mann einen fragenden Blick zu. „Kosalski hieß der, oder so – stimmt’s?“
„Kowalski“, erwiderte Botho.
„Genau, Kowalski!“ Sie fuhr fort: „Der konnte nämlich seinen Rachen nicht vollkriegen – hat alles verzögert. Botho war immer wieder gezwungen, sein Portemonnaie aufzumachen!“
Heribert nickte. „Okay, er hat euch also auf eine subtile Weise erpresst.“
„Ja, kann man so sagen, das war wirklich ärgerlich“, erklärte Ayumi und blickte Botho vielsagend an.
Der machte eine wegwerfende Geste. „Es ist aber alles inzwischen geklärt. Ich habe die bittere Pille geschluckt.“
„Ach“, Heribert räusperte sich und konnte die Ironie in seiner Stimme nicht ganz unterdrücken, „sozusagen für das höhere Ziel! Okay, ich hoffe, ihr wisst, dass Bestechung auch in Polen eine Straftat ist?“
Er sah, wie Botho Ayumi einen schuldbewussten Blick zuwarf.
„Aber gut, ich will kein Moralapostel sein. Also, wenn dir weiter niemand einfällt, der dir übel mitspielen könnte, was soll ich dann für dich tun? Ich bin nicht mehr im Dienst.“
„Ja, Berti, du sagtest es bereits. Mehrmals!“
Botho schien genervt und zögerte einen Moment, dann beugte er sich vor und trommelte seine Finger gegeneinander, bevor er weitersprach.
„Kennst du zufällig einen gewissen Kriminalhauptkommissar Witzbold?“
Heribert schüttelte zögernd den Kopf.
„Nein, an so einen Namen würde ich mich, glaube ich, erinnern. Wieso?“
„Er ist der Ermittler in der Mordsache und möchte mich befragen – übermorgen. Ich dachte, du kannst mich vielleicht begleiten. Dann können wir uns eventuell ein besseres Bild machen und herausfinden, ob wir – also Ayumi und ich – in Gefahr sind oder ob an meinen Befürchtungen tatsächlich gar nichts dran ist. Vielleicht rückt dieser Witzbold ein paar Informationen heraus – so von Kollege zu Kollege, verstehst du?“
„Von Kollege zu Kollege? Ich glaube, du träumst. Botho, ich sagte dir doch, ich bin nicht mehr im Dienst! Der rückt bei mir keinen Furz an Information heraus, das darf er auch gar nicht, denn …“
„Ich bezahle dich natürlich“, warf Botho ein.
Heribert wollte etwas einwenden, doch Botho wehrte es ab.
„Keine Widerrede, Berti. Ich zahle dir pro Tag“, er dachte kurz nach, „fünfhundert Euro plus Spesen, wenn du der Sache auf den Grund gehst und mich zur Kripo begleitest. Und du ziehst, bis alles geklärt ist, bei uns ins Gästezimmer.“
„Wie stellst du dir das vor? Ich habe zu Hause noch Sachen zu erledigen.“
„Dann erledige das, und dann kommst du zurück – wird ja nicht Wochen dauern, vermute ich.“
Heribert zögerte und fragte sich, was für Informationen sich sein Freund eigentlich erhoffte, dann nickte er zustimmend.
„Na gut, reicher Mann. Abgemacht – Personenschutz und ein bisschen herumschnüffeln. Von irgendetwas muss der Mensch schließlich leben.“
Draußen, unter der Laterne, suchte er später den Bürgersteig ab und wurde tatsächlich fündig. An der Mauer, die Bothos Grundstück zu seinem Nachbarn abgrenzte, fand er den Stummel eines Zigarillos mit weißer Spitze. Ayumi blickte ihn erstaunt an, als er wieder vor der Tür stand und um ein Plastiktütchen bat.
9
Gestern hatte es geregnet, doch heute würde es ein schöner Tag werden. Durch die Nebelschleier drangen die ersten Sonnenstrahlen. Vom Tau war die Wiese noch feucht und roch würzig. Silbrige Wasserperlchen auf kleinen Spinnennetzen blitzten plötzlich überall auf. Was für ein Zauber, hätte seine Mutter, Gott hab sie selig, vermutlich jetzt gesagt. Ein schlechtes Gewissen beschlich ihn. Denn seine Mutter und er hatten es gut miteinander gehabt – das beste Verhältnis überhaupt, ein Herz und eine Seele, wie man so schön sagte. Nur als es mit ihr zu Ende gegangen war, hatte er, das einzige Kind seiner Mutter, ihr nicht beistehen können – oder wollen. Seinen Vater hatte er nie kennengelernt und so gesehen auch nie vermisst.
Er pfiff vor sich hin, während er seine beiden Möpse von der Leine ließ. Sie versuchten, Schritt mit ihm zu halten, fingen aber bald an zu japsen, und Lude verlangsamte seine Schritte, während er die Umgebung aufmerksam absuchte. Außer ihm schien noch niemand im Park unterwegs zu sein, keine anderen Hundebesitzer – erstaunlich.
Er zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Er war zufrieden, die Geschäfte liefen gut – sehr gut sogar. Langsam konnte er sich zur Ruhe setzen. Nur, wer konnte seinen Platz einnehmen? Er war unverheiratet, und Kinder waren nicht vorhanden. Jedenfalls keine, von denen er gewusst hätte.
Er brauchte jemanden, dem er vertrauen konnte – es musste jemand mit Grips sein, kein Besserwisser. Gehorsam und jung musste er sein – Jan Husemann zum Beispiel! War der eine gute Idee? Er dachte einen Moment nach. Es würde sich zeigen – nur nichts überstürzen.
Zufrieden dachte er an seine klugen Entscheidungen, die er all die Jahre in geschäftlichen Angelegenheiten getroffen hatte – nicht selten gegen die Empfehlungen seiner Finanzberater und Geschäftspartner, und das zahlte sich jetzt eben aus. Er war reich – richtig reich! Neben einer Villa in Hamburg-Nienstedten besaß er diverse Grundstücke in ganz Deutschland und ein Mietshaus in San Francisco. Dort häufig unterwegs, hielt er in besagtem Haus das ganze Jahr über ein Appartement für sich und seine Kunden frei, mit Blick aufs Meer, wenn man oben auf der Dachterrasse mit Swimmingpool stand.
Doch seine Liebe galt einem Haus, das gerade fertiggestellt wurde, in Thailand, mit Blick aufs Meer, auf einer felsigen Anhöhe – von wegen Tsunami und so.
Lude plante alles. Bloß nichts dem Zufall überlassen – Sicherheit in allen Bereichen war das A und O. Feste Rituale bestimmten sein Leben, dabei war er zwanghaft und übte auf alles und jeden Kontrolle aus. Dieses Verhalten hassten seine Leute. Doch sie kannten den Grund nicht. Das Unvorhersehbare machte Lude Angst, wie eben auch das Unabänderliche – kurz, Lude fürchtete sich vor dem Tod.
Er nahm noch einen letzten, tiefen Zug von seiner Zigarette, warf dann den Stummel zu Boden und trat ihn aus. Er blies genüsslich einen Rauchring in die Luft und blickte ihm nach. In Thailand würde er sich nicht mehr die Nächte um die Ohren schlagen, wie bisher. Endlich mal Zeit haben, regelmäßige Tagesabläufe, vielleicht ein bisschen Sport treiben, den Blick aufs Meer genießen, ach und ganz wichtig – einen eigenen Koch, der für ihn gesunde Kost zubereitete. Er lächelte, es war alles bis aufs Kleinste für seine Zeit „danach“ geplant. Er würde sich verwöhnen lassen. Er grinste und gab ein unterdrücktes Stöhnen von sich ... ah, Ganzkörpermassage – auch sein Schwanz hatte es bitter nötig! Er dachte an die Kunststückchen der kleinen Thaimädchen und -jungen. Es war ihm egal – beide Geschlechter hatten ihre Vorzüge. Was ihn betraf: Er war in beide Richtungen spitz und würde sie für ihre Dienste gut bezahlen. So konnte man einem angenehmen und hoffentlich langen Lebensabend beruhigt entgegensehen.
Er wunderte sich, immer noch war es erstaunlich still. Nur aus der Ferne hörte man, wenn man sich konzentrierte, das Rauschen des Großstadtverkehrs. Er liebte seine Spaziergänge bei Tagesanbruch – nach dem Geschäft.
Lude musste plötzlich daran denken, wie er vor ein paar Tagen, hier in der Nähe, nachmittags ein paar Runden gedreht hatte. Dabei war er immer wieder an einem Haus aus der Kaiserzeit vorbeigekommen, das renoviert wurde und gerade neuen Stuck bekam. Bei der ersten Runde hatte einer der Stuckateure seinem Kollegen einen Vortrag darüber gehalten, wie man am besten kackte, ohne dass es im Toilettenraum hinterher stank. Man musste zeitgleich, während die Wurst ins Klo flutschte, die Spülung betätigen – ganz einfach. Wo denn dann die Gemütlichkeit der „Sitzung“ bliebe, hatte der andere Kollege wissen wollen. Lude war schon zu weit weg gewesen, um die Antwort zu hören, gab aber dem, der gefragt hatte, recht. Themen hatten die Leute! Doch er wunderte sich nicht. Die meisten Menschen waren schlicht. Nahrungsaufnahme, Verdauung, Triebbefriedigung. Wenn man das wusste, konnte man damit gut Geschäfte machen. Und war er selbst anders?
Als er bei seiner zweiten Runde wieder an den Handwerkern vorbeigekommen war, war es um die Welt, insbesondere die westliche, gegangen. Zwar würde viel über Empathie gesprochen, doch in Wahrheit sei man ausschließlich am gegenseitigen Benutzen interessiert. Dieses Verhalten bringe immer mehr Narzissten hervor. Das Leben drehe sich nur noch um das eigene Ego, ohne Gewissen und ohne Mitgefühl. Lude hatte unwillkürlich in sich hineinschmunzeln müssen, denn genau von diesen Personengruppen lebte er, und zwar gut.
Und dann, bei der letzten Runde, da hatte sich nun der andere Kollege echauffiert – über Leute, die ständig und überall Kopfhörer trugen und so laut Musik hörten, dass die Umgebung gezwungen war mitzuhören. Die reinste Folter! Dann hatte er einen imaginären Revolver gezogen, ihn an seine Schläfe gesetzt und abgedrückt.
Lude hielt abrupt inne. Apropos ... er begann, in der geräumigen Innentasche seiner weiten Jacke zu kramen ... ah, da waren sie – seine Kopfhörer. Er stöpselte sie ins Ohr, regulierte die Lautstärke und beschleunigte seinen Schritt.
„Slave to the Rhythm“ – er liebte Grace Jones.
Als seine Hunde plötzlich stehen blieben und sich neugierig umblickten, bemerkte er diesen Umstand nicht. Eine krächzende Stimme lockte mit Leckerchen. Lude bemerkte auch dies nicht. Nur seine Hunde drehten plötzlich ab, um der schmeichelnden Stimme aus dem Gebüsch zu folgen, während ihre Schweineschwänzchen sich aufgeregt drehten in Erwartung der Leckerlis.
Eine aufgeschreckte Rabenkrähe flog plötzlich aus dem Gebüsch.
Lude blieb abrupt stehen – wo zum Teufel steckten seine Möpse? Er wollte sich gerade umdrehen und nach seinen Lieblingen pfeifen, als er ein Geräusch hinter sich hörte und sein Kopf fest nach hinten gezogen wurde. Er hörte das Knacken der Wirbel, spürte den Schmerz und erahnte mehr als dass er sie sah – die Klinge, mit der der präzise und tödliche Schnitt ausgeführt wurde.
Noch während er stürzte, sah er, wie in Zeitlupe, den Blutschwall, der sich auf den Boden ergoss und das Gras rot färbte. Ein paar Blutstropfen waren weiter weg auf die filigranen Spinnweben im Gras gespritzt. Lude sah es, während er zu Boden ging, und wunderte sich, wie schön es aussah, während alles bizarr und unwirklich wurde – sein Geist zunehmend dahintrieb.
Von irgendwoher, weit weg, wie durch Watte, drang immer noch Grace Jones zu ihm durch – „Slave to the Rhythm“, was für ein Song. Dann sah er das Paar Turnschuhe direkt vor seinem Blickfeld auftauchen. Irgendetwas war komisch, doch er folgte diesem Gedanken nicht mehr. Er seufzte, rang nach Luft und hörte sein eigenes Gurgeln. Ein letztes Mal bäumte er sich gegen den heftigen Schmerz auf. Durch die gespreizten Beine seines Mörders glitt sein letzter Blick zu den glitzernden Spinnennetzen. Wie bei einem sauguten Foto, dachte er und spürte plötzlich keinen Schmerz mehr.
Dann wurde alles still.
10
Heribert gähnte und blickte Botho von der Seite an. Sein Freund sah müde aus. „Kaffee wäre jetzt gut. Gibt weit und breit keinen Automaten hier – habe ich schon ausgespäht.“
„Die Kripo Korbach kocht eben ihren eigenen Kaffee – schmeckt auch besser als die Plörre aus den Automaten“, erwiderte Botho und gähnte ebenfalls.
Eine hübsche, brünette Polizistin ging mit einem Pott Kaffee bestückt den Flur entlang.
Heribert schloss die Augen. „Riechst du das?“
Botho grinste und blickte der Frau sehnsüchtig hinterher. „Mhm.“
„Herr Lange?“
Ein schlanker Mittdreißiger blickte sie fragend an. Botho stand auf.
Der Mann reichte ihm die Hand. „Ich bin Kriminalhauptkommissar Witzbold, kommen Sie bitte mit.“
Als Heribert Anstalten machte, ebenfalls mitzukommen, ging Witzbolds Blick irritiert zwischen den Männern hin und her.
„Das ist mein Freund Heribert Falk, den ich zu meiner Unterstützung mitgebracht habe“, erklärte Botho, „ich hoffe, Sie haben nichts dagegen.“
„Natürlich nicht. Allerdings verstehe ich nicht, warum Sie glauben, Unterstützung zu brauchen. Ich vernehme Sie nur als jemanden, der Herrn Zeller gut gekannt hat und uns bei den Ermittlungen mit sachdienlichen Hinweisen behilflich sein kann.“
Er reichte Heribert die Hand. „Ich vermute, Sie sind Anwalt?“
„Nein, Kriminalhauptkommissar wie Sie, allerdings außer Dienst.“
Dass er Fallanalytiker war, behielt er lieber erst mal für sich.
„Aha, wie das?“ Witzbold blickte ihn neugierig an.
Einen Moment zögerte Heribert, bevor er antwortete.„Der Wunsch nach Veränderung.“
Er mochte nichts zu den weiteren Umständen seines Ausscheidens bei der Kripo sagen und hielt sich auch später, nach der Vernehmung Bothos – beim Small Talk – eher bedeckt, hörte zu, während er den von Witzbold servierten Kaffee dankbar trank.
Tatsächlich konnte Botho keine nennenswerten Hinweise zu dem Ermordeten geben und musste erstaunt feststellen, dass er Walter Zeller nicht wirklich gut gekannt hatte. Er lebte allein in einem Einfamilienhaus in Wolfhagen, das wusste er, und dass Zeller kinderlos geschieden war.
Ob Zeller noch andere Klienten in Steuerangelegenheiten beraten hätte, wollte Witzbold wissen. Botho gab an, dass er auch darüber keine Kenntnis habe. Auch die Fragen zu seinem Umfeld – ob Zeller eine Beziehung gehabt hätte – konnte er nicht beantworten. Sein Kontakt mit Zeller habe sich ausschließlich auf das Geschäftliche beschränkt, abgesehen von ein paar Arbeitsessen, erklärte er abschließend.
Heribert und Botho tranken ihren Kaffee aus, und Witzbold bedankte sich. Er begleitete beide nach draußen.
Jemand war damit beschäftigt, an der Flurwand ein Plakat zu befestigen. Heribert blieb stehen und drehte um. Er war schon fast an der Fahndungswand vorbei gewesen. Nachdem er den Text auf dem Plakat gelesen und dabei zunehmend schockiert ausgesehen hatte, wendete er sich Witzbold zu.
„Abraxas Lemm konnte aus dem Gefängnis entkommen?“
Witzbold nickte.
„Vor etwa einer Woche. Er saß in der Justizvollzugsanstalt in Butzbach ein, mit anschließender Sicherungsverwahrung. Sie sind mit dem Fall vertraut?“
„Ob ich mit dem Fall vertraut bin? Und ob ich das bin! Ich habe den Hurensohn hinter Gitter gebracht!!“
„Ach, Sie waren das?“
Witzbold warf ihm einen Blick zu, der sowohl Erstaunen als auch Anerkennung zum Ausdruck brachte. Für einen Moment herrschte Schweigen.
„Aber wie konnte dies passieren?“, wollte Heribert wissen.
Witzbold zögerte und blickte zu Botho.
Heribert verstand. „Botho, nur einen Moment, ich komme gleich.“
Der Kripobeamte schloss die Tür und wendete sich Heribert zu, der ihn erwartungsvoll anblickte.
„Lemm musste ins Krankenhaus und hat dort seinen Bewacher niedergeschlagen.“
„Was?“
„Ja. Vermutlich eine Verknüpfung unglücklicher Umstände.“
„Wie bitte?“
„Lemm schien krank – in wirklich schlechter Verfassung – zu sein, als er in die Klinik kam. Als man ihm eine Infusion anlegte und ihm deshalb kurz die Handschellen entfernte, tja, da musste ausgerechnet einer der zwei Sicherheitsbeamten dringend auf Toilette. Lemm hat die Gelegenheit genutzt und konnte entkommen.“
„Nicht zu fassen!“
Heribert konnte sich nur schlecht beherrschen.
„Das ist doch keine Verknüpfung unglücklicher Umstände! Die Wachleute haben sich schlicht und ergreifend nicht an die Vorschriften gehalten!“
„Und haben die Situation und die Gefährlichkeit von Lemm unterschätzt. Das ist grobe Fahrlässigkeit. Ich sehe es wie Sie, Herr Falk. Ein Disziplinarverfahren ist auch bereits eingeleitet.“
Tausend Gedanken schossen Heribert gleichzeitig durch den Kopf. Wie war es Lemm anschließend gelungen unterzutauchen? Hatte er einen Komplizen gehabt? Vermutlich. Wenn dem so war, dann hatte er den Ausbruch wohl geplant. Und warum hatten seine Kollegen – stopp, seine Exkollegen – ihn nicht über Lemms Flucht informiert? Schließlich war Lemm ein gefährlicher Psychopath und alles andere als gut auf Heribert zu sprechen.
„Warum zum Teufel wurde in den Medien nicht darüber berichtet? Die Leute müssen doch informiert werden, wenn ein gefährlicher Serienkiller auf freiem Fuß ist.“
Er gab sich selbst die Antwort.
„Vermutlich will keiner für derartige Schlampereien Verantwortung übernehmen – alles nur Politik! Und wenn niemand etwas erfährt, ist es auch nicht passiert.“
Er rief sich zur Ordnung und beruhigte sich. Dann fiel ihm Witzbolds Blick auf, mit dem der ihn merkwürdig fixierte. Er hatte etwas Unentschlossenes.
Der Kripobeamte gab sich einen Ruck.
„Ich darf Ihnen, wie Sie ja wissen, zu den Ermittlungen eigentlich nichts sagen, und ich bitte Sie inständig, das, was ich Ihnen jetzt sage, für sich zu behalten. Versprechen Sie mir das?“
Heribert nickte und spitzte die Ohren. Was mochte jetzt kommen?
„Die Leiche von Walter Zeller wurde ‚zugerichtet‘. Und ich meine zugerichtet.“
Heribert stutzte. „Zugerichtet!“
Er dachte einen Moment nach, dann fiel der Groschen.
„Sie meinen – es gibt Ähnlichkeiten zwischen den früheren Mordopfern von Abraxas Lemm und Zeller?“
Witzbold nickte. Sein Handy summte. Er hörte eine Weile zu, beendete dann das Gespräch und blickte Heribert vielsagend an.
„Was haben Sie jetzt vor?“
Heribert zuckte mit den Schultern und zog eine Grimasse.
„Weiß noch nicht, mich vielleicht vor Lemm verstecken? Falls er sich an mir rächen will, wie er es ja bei seiner Verurteilung angedroht hat!“
„Das meinte ich nicht. Haben Sie Zeit? Jetzt gleich?“
„Wieso?“
Witzbold antwortete nicht und blickte ihn eindringlich an.
Heribert zuckte mit den Schultern. „Herr Lange und ich wollten jetzt eigentlich wieder zurück nach Kassel fahren.“
„Okay, dann kommen Sie, wir haben denselben Weg. Das wird Sie interessieren, Herr Falk.“
Er schnappte sich seine Jacke, und beide verließen das Büro.
Als Botho von ihm wissen wollte, was los sei, hielt er sich bedeckt und wich Bothos Fragen aus. Heribert hatte vor, sich an sein Versprechen zu halten, das er Witzbold gegeben hatte. Der Freund verstand und insistierte nicht weiter.
Wieder in Kassel, hatte Heribert Botho in der Nähe seines Geschäfts abgesetzt, das der in Kassel auf der verkehrsberuhigten Königsstraße betrieb, und war dann weiter zu der Adresse gefahren, die ihm Witzbold genannt hatte.
Heribert parkte seinen Wagen hinter der Komödie. Dann lief er zur Friedrich-Ebert-Straße. Er ging noch ein kleines Stück geradeaus und betrat das unscheinbare Gebäude. Ein uniformierter Polizist verstellte ihm den Weg. Heribert fiel ein, dass er noch seinen Dienstausweis hatte. Doch bevor er eine Straftat begehen und den Ausweis vorzeigen konnte, kam Witzbold ihm zuvor und erklärte dem Beamten, dass Heribert ein Kollege war.
Das ganze Gebäude war eine einzige Schließfachanlage, die mit biometrischer Authentifizierung arbeitete. Etwas weiter hinten, direkt vor einem geöffneten Schließfach, waren die Kollegen von der Spurensicherung bereits geschäftig. Und dann sah Heribert den abgetrennten Zeigefinger am Boden liegen – und Erbrochenes, vielleicht von der Person, die den Finger entdeckt hatte. Der Finger stammte von einer Männerhand. Derartiges hatte Heribert zwar schon oft gesehen, doch auch jetzt drehte sich ihm der Magen um. Das leise Fiepen in seinen Ohren, das er schon den ganzen Tag vernommen hatte, schien plötzlich lauter zu werden. Er versuchte jedoch, es zu ignorieren.
„Wir vermuten, dass es sich um den abgetrennten Finger Walter Zellers handelt“, erklärte Witzbold.
„Glaub ich auch.“
Beide starrten, während es in ihren Köpfen arbeitete, auf das immer noch am Boden liegende Körperteil. Es war behaart und bereits dunkelblau angelaufen.
„Ich fress ’nen Besen, wenn das nicht Zellers Finger ist“, knurrte Heribert, „das wäre ein bisschen zu viel Zufall, wenn es nicht so wäre, finden Sie nicht auch?“
Witzbold nickte. „Einer der Angestellten schaut gerade nach, wem das Schließfach gehört.“
Heribert stutzte. „Jetzt erst?“
Witzbold zuckte mit den Schultern. „Vielleicht die allgemeine Aufregung. Man findet nicht jeden Tag einen abgetrennten Finger.“
Das stimmte vermutlich.
„Ich erwarte zeitnah die Ergebnisse der Spurensicherung und den Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin.“
Heribert blickte ihn verwirrt an.
Witzbold half ihm auf die Sprünge. „Vom Tatort in Wolfhagen und Zellers Leiche.“
„Ist mir klar.“
„Kann ich auf dich zählen?“
Heribert stutzte. „Zählen, Herr Witzbold, auf was denn?“ Doch ein Blick in Witzbolds Gesicht ließ ihn die Antwort erahnen.
Olav schien sich Unterstützung von ihm zu erhoffen – eine Zusammenarbeit. Schließlich war die operative Fallanalyse Heriberts tägliches Brot … gewesen. Und für den Fall, dass es sich um den Auftakt einer Mordserie handelte, für die Abraxas Lemm tatsächlich als Täter infrage kam, war Heribert geradezu ein Glückstreffer. Schließlich kannte er sich mit Lemms Täterprofil bestens aus. Außerdem würde er ein persönliches Interesse daran haben, den Fall so schnell wie möglich aufzuklären.
Und diese Einschätzung stimmte. Heribert wog das Für und Wider hinsichtlich Olavs Vorschlag ab und kam zu dem Ergebnis, dass er profitieren konnte, wenn er ihn bei den Ermittlungen unterstützte. Im Interesse von Botho und Ayumi – eine Win-win-Situation sozusagen. Doch er wusste, dass dies nicht der einzige Grund war. Wenn Abraxas für den Mord verantwortlich war, dann musste er selbst sich vor ihm vorsehen, schließlich hatte Lemm geschworen, sich an ihm zu rächen – ihn zu töten.
Heribert gab sich einen Ruck. „Klar! Ich unterstütze dich. Und wenn es sich hier tatsächlich um die Tat von Abraxas Lemm handelt … also, wenn, dann findest du vermutlich niemanden, der sich mit dessen Täterprofil so intensiv beschäftigt hat – sprich auskennt – wie ich!“
Witzbold nickte zufrieden. „Genau!“
„Vermutlich werden dann bald auch die Kollegen von Wiesbaden hinzugezogen.“
Olav ging nicht darauf ein. „Wir sind uns einig?“
Heribert nickte.
Jemand von der Spurensicherung verpackte den Finger in ein Plastiktütchen. Heribert wendete sich ab. Verdammt – eigentlich hatte er doch nur noch harmlose Fälle übernehmen wollen, wie etwa das Beschatten von Eheleuten, die ihren Partner der Untreue überführen wollten, oder so etwas in der Art.
Und nun sah es ganz so aus, als wäre er wieder inmitten einer Sache, von der er jetzt schon wusste, dass sie ihm den Schlaf rauben würde. Doch er kam nicht raus aus der Nummer – er hatte seinen Freunden versprochen zu helfen. Schon jetzt lief in seinem Inneren der altbekannte Film ab. Er sah sich an diversen Tatorten inmitten der Leichen, für deren Ermordung Lemm verantwortlich gewesen war – scheußlich!
Einer der Angestellten von der Schließfachfirma kam zu Witzbold und raunte ihm etwas zu.
Olav stutzte und blickte Heribert vielsagend an. „Tja, wie schon vermutet – das Schließfach gehört Walter Zeller!“
„Und ist komplett leer.“
11
Junas Blick fiel sofort auf einen regenbogenfarbenen Baumwollpullover mit grüner Borte und bunten Fransen, als sie das Komm herein, ein Bekleidungskaufhaus für Kinder und Jugendliche, zusammen mit ihrer Mutter betrat.
„Au, Mama, den würde ich gerne anprobieren.“
Michaela nickte und lächelte. Die Kleine schnappte sich den Pullover und entschwand in eine der Kabinen.
„Kann ich Ihnen behilflich sein?“
Eine Mittdreißigerin, mit dunklem Haar und hohen Wangenknochen, lächelte sie an.
Michaela erklärte, dass sie für ihre zehnjährige Tochter ein paar Kleidungsstücke für den Sommer kaufen wollte. Die beiden Frauen waren einander sofort sympathisch und kamen ins Gespräch, während Ayumi ein paar Kleidungsstücke heraussuchte.
Michaela erfuhr, dass Ayumi die Frau des Geschäftsinhabers war und nur aushalf.
Nur zögernd erzählte Michaela, dass sie, frisch geschieden, einen Neuanfang in Kassel wagte und gerade eine Arbeitsstelle als Sozialarbeiterin in einem Frauenhaus angetreten hatte.
Ayumi merkte auf.
„Ich kenne diese Einrichtung. Mein Mann und ich, wir spenden dort regelmäßig. Nicht nur Geld, sondern auch Kleidung für die Kinder. Wie die sich immer freuen!“
Juna kam aus der Kabine und strahlte.
„Das Oberteil steht dir ausgezeichnet. Und weißt du, was noch dazu passt?“ Ayumi fischte aus einem Stapel Hosen eine schwarze Röhrenjeans. „Wie gefällt dir die?“
Juna blickte fragend zu ihrer Mutter und sauste zurück in die Umkleidekabine, als Michaela zustimmend nickte.
12
Als Botho Lange sein Geschäft erreichte, das genau genommen eigentlich eher ein kleines Kaufhaus war, blieb er stehen und beobachtete von außen das Treiben im Inneren. Seine Frau machte sich gut. Sie stand mit einer Kundin zusammen und unterhielt sich scheinbar angeregt.
Als sie lächelte, lächelte Botho mit. Er hatte Glück gehabt – ein richtiger Glückspilz war er! Doch ein Schatten legte sich plötzlich auf sein Gesicht. Wenn bloß nicht diese Sache wäre! Aber vielleicht hatte Heribert recht, und alles war ein Zufall und niemand verfolgte ihn. Aber was, wenn doch? Eine Weile stand er nur so da, dann entdeckte ihn Ayumi und winkte.
Er gab sich einen Ruck und wollte gerade das Geschäft betreten, doch dann hielt er abrupt inne. Im Schaufenster spiegelte sich eine dunkel gekleidete Gestalt. Sie schien ihn anzustarren.
Die Königsstraße war eine verkehrsberuhigte Shoppingmeile, wo nur Straßenbahnen fuhren. Botho drehte sich um. Eine Straßenbahn hielt gerade und versperrte ihm die Sicht. Mist! Er beeilte sich und wollte wenige Meter weiter oben die Bahngleise überqueren, doch in diesem Moment fuhr die Tram an, und er musste stehen bleiben. Als sie vorbei war, war niemand auf der anderen Seite zu sehen. Eine Weile suchte Botho die Umgebung ab, dann ging er langsam zurück und betrat zögernd sein Geschäft.
Juna kam aus der Kabine. Man sah dem Mädchen an, wie gut es sich gefiel. Nachdem Ayumi Michaela und ihren Mann miteinander bekannt gemacht hatte, bezahlte Michaela die Sachen und freute sich, als sie einen Preisnachlass auf die Hose bekam.
„Mein Mann veranstaltet jedes Jahr zum Frühjahr eine Modenschau. Sie findet nächstes Wochenende statt.“ Ayumi warf Botho einen vielsagenden Blick zu.
Botho verstand.
„Ja, ähm – genau. Unsere jungen Modelle bekommen Sachspenden. Hätte Ihre Tochter vielleicht Interesse?“
Juna merkte erfreut auf und warf ihrer Mutter einen flehenden Blick zu. Michaela zögerte, stimmte dann aber zu und freute sich über das glückliche Gesicht ihrer Tochter.
13
Beinahe wäre er entdeckt worden. Es gab Menschen, die spürten, wenn man sie von hinten ansah oder gar verfolgte. Sie drehten sich plötzlich blitzschnell um – die kleinen Bastarde!
Dieses Verhalten musste ein Überbleibsel aus Vorzeiten sein, als die Gefahr überall lauerte und nur ein gutes Gespür und höchste Aufmerksamkeit einen vor seinen Fressfeinden schützen und so das Überleben sichern konnten – eben der siebte Sinn … Intuition!
Er selbst hatte seine eigenen Wahrnehmungen in all den Jahren trainiert und perfektioniert. Er grinste. Er konnte sich in einen ausgezeichneten Fressfeind verwandeln, war dabei kreativ und effizient – und fast unsichtbar. Nur einmal hatte man ihn geschnappt und in den Knast gebracht. Doch das war jetzt Vergangenheit. Er liebte den Blick, wenn sie erkannten, was mit ihnen geschehen würde. Er war auf der Jagd. Es fühlte sich so gut an, er war lebendig, und sie alle verdienten, was er mit ihnen tat.
14
Heribert wartete ab, bevor er nochmals die Klingel betätigte. Das kleine, heruntergekommene Haus wirkte unbewohnt. Hier war Abraxas Lemms letzte Meldeanschrift gewesen, bevor er festgenommen worden war. Er blickte sich um. Das hier gehörte zu einer der trostlosesten Gegenden Frankfurts.
Als er gehen wollte, wurde die Tür einen Spalt geöffnet, und das eingefallene Gesicht eines alten Mannes, Heribert schätzte ihn auf Mitte siebzig, blickte ihm missmutig entgegen.
„Adolf Lemm?“
Der Mann verzog keine Miene. „Wer will das wissen?“
Er zog seine hochgeschobene Brille runter auf die Nase.
„Sie wissen, dass Ihr Sohn flüchtig ist?“
Lemm schwieg.
„Er ist nicht zufällig zu Hause?“
„Willst du mich verarschen? Selbst wenn es so wäre, würde ich es DIR doch nicht verraten!“
Lemm wollte die Tür schließen, doch Heribert war schneller und stellte seinen Fuß in den Türspalt.
„Kann ich verstehen.“
Das Gesicht des Mannes blitzte wütend auf. Für einen Moment hatte er sich wieder unter Kontrolle, doch dann veränderte sich seine Körperhaltung, als machte er sich bereit anzugreifen.
Heribert war gewarnt. Nicht dass er mit dem Mann nicht fertig werden würde, sollte der ihn tatsächlich angreifen. Doch er war nicht sicher, ob Lemm nicht vielleicht bewaffnet war. In diesem Milieu war es Standard, zumindest ein Messer versteckt am Körper zu tragen. Meistens trug man es hinten in der Hose, vom Pullover verdeckt, oder direkt am Inneren des Unterarms.
Er versuchte, die Situation abzuschätzen. Lemm war nur mit einem Unterhemd und einer fleckigen Jogginghose bekleidet – das Abbild eines heruntergekommenen, sehr ungepflegten alten Menschen, und er mochte sich nicht das Innere des Hauses vorstellen.
„Also …?“
„Du bist doch das Bullenschwein, das meinen unschuldigen Jungen in den Knast gebracht hat, ja, genau – jetzt erkenne ich dich …!“
„Unschuldig, ach so! Weißt du was? Das Bullenschwein kostet es nur einen einzigen Anruf, und seine Kollegen erscheinen hier mit einem Durchsuchungsbefehl“, bluffte Heribert, „willst du das?“
Dabei überlegte er, ob sein Ausscheiden bei der Kripo wohl schon die Runde gemacht hatte. Doch dies schien nicht der Fall zu sein, zumindest was Adolf Lemm betraf. Heriberts Drohung mit dem Durchsuchungsbefehl schien Eindruck zu machen. Er sah, wie Lemm nachdachte, ihn aber gleichzeitig abschätzend ‚taxierte‘.
„Nein, ist nicht hier.“
„Und, war er hier?“
Der Mann schwieg.
„Okay, ich kann Sie auch aufs Revier mitnehmen. Einem entlaufenen Sträfling Unterkunft zu gewähren oder dessen Aufenthaltsort der Polizei vorzuenthalten, ist strafbar, das wissen Sie sicher? Auch wenn es sich um Familienangehörige handelt.“
„Ich weiß nichts, und jetzt lass mich in Ruhe!“
Heribert sah erneut die Wut in den Augen Lemms aufflackern und fühlte sich merkwürdig an das Gesicht von Abraxas erinnert, mit dem Unterschied, dass er ihm seine Fähigkeit zur Grausamkeit überhaupt nicht hatte ansehen können. Wohl aber dem alten Sack hier, der vor ihm stand. Um seine schmalen Lippen lag ein brutaler Zug, und Heribert wusste, dass er mehr als einmal wegen Einbruchs und schwerer Körperverletzung eingesessen hatte. Die Kindheit von Abraxas war sicher alles andere als schön gewesen – kein Wunder, dass aus ihm das geworden war, was er war.
„Verpiss dich, Bulle.“
Einen Moment überlegte Heribert, ob er sich mit Gewalt Zutritt zum Haus verschaffen sollte, doch seine einzige Bewaffnung war ein Pfefferspray. Was, wenn sich Abraxas tatsächlich in der Wohnung befand? Gegen zwei Personen würde er sich wohl kaum verteidigen können. Außerdem würde man ihm ein Verfahren wegen Hausfriedensbruchs anhängen. Doch bei einer realen Chance, dass Abraxas sich hier irgendwo aufhielt, wäre er das Risiko vielleicht sogar eingegangen. Aber wie wahrscheinlich war es tatsächlich, dass er sich hierher geflüchtet hatte, an einen Ort, wo man seitens der Polizei vermutlich zuerst nachsehen würde? Andererseits, man konnte nie wissen, und sich kein Bild zu machen, wäre vielleicht eine verschenkte Gelegenheit. Während er noch versuchte, sich schlüssig zu werden, registrierte er, wie der Blick des Alten verstohlen zu Heriberts Fuß wanderte, der immer noch im Türspalt stand. Heribert warf Lemm einen langen, warnenden Blick zu, während er seinen Schuh langsam zurückzog. Dann drehte er sich um und ging zu seinem Wagen. Weder Adolfs Körperhaltung noch sein Gesicht hatten verräterische Spuren einer Lüge offenbart – vermutlich sagte er die Wahrheit, wenn er vorgab, dass sein Sohn nicht bei ihm war.
Als Heribert sich noch mal umdrehte, schob Adolf den oberen Teil seines Gebisses zwischen den Lippen hervor und ließ es zurückflutschen.
„Sag deinen anderen Bullenkollegen, sie sollen sich hier nicht mehr blicken lassen!“
Heribert stutzte. „Andere Bullenkollegen?“
Lemm wiederholte seine Gebissaktion, bevor er antwortete, und Heribert drehte sich der Magen um.
„Tu nicht so blöd, natürlich die von heute Morgen!“
Heribert ärgerte sich. Warum hatte man ihn über diese Aktion nicht informiert? Die Kommunikation zwischen Witzbold und ihm, fing ja gut an – nämlich gar nicht!
Er marschierte zu seinem Wagen und spürte Adolf Lemms Blick in seinem Rücken. Dann wurde die Haustür zugeknallt.
Heribert steuerte seinen Wagen zum Autobahnzubringer. Doch einem plötzlichen Impuls folgend, wendete er und parkte das Auto um die nächste Ecke von Lemms Haus, sodass er einen guten Blick auf das Haus hatte, ohne selbst in Gefahr zu sein, entdeckt zu werden. Und tatsächlich öffnete sich einen Moment später die Tür, und Adolf Lemm verließ zügig das Haus. Als Heribert ausstieg und ihm in einigem Abstand folgte, dachte er darüber nach, dass er sich unbedingt eine neue Schusswaffe zulegen musste. Eigentlich war er überzeugt gewesen, sie nicht mehr zu brauchen, doch da hatte er sich wohl geirrt.
Adolf Lemm marschierte die Straße entlang, überquerte diese, und Heribert sah, wohin er wollte – auf der anderen Straßenseite befand sich ein Internet-Café. Als Lemm sich umdrehte, duckte Heribert sich hinter einen Lieferwagen. Dann wartete er einen Moment und beobachtete das Innere des Cafés. Lemm nahm an einem der Rechner Platz, und Heribert gab ihm einen Moment Zeit, bevor er das Café betrat. Als er sich direkt hinter Lemm positionierte, bemerkte der diesen Umstand nicht einmal, so zugedröhnt war er. Als er Heribert jedoch bemerkte, machte er Anstalten, die aufgerufene E-Mail-Seite zu löschen, doch Heribert war schneller. Die E-Mail-Adresse lautete Saxarba@Saxarba.de – bingo, die Nachricht ging eindeutig an Abraxas, wie nicht schwer zu erkennen war. Die Nachricht warnte den Adressaten, sich nicht zu treffen, da Bullen dagewesen seien. Der nächste angefangene Satz hatte mit Komm begonnen und war der jetzigen Situation wegen unvollständig geblieben.
Heribert zog Lemm aus dem Stuhl. „Interessant! An wen wolltest du diese Nachricht denn senden – an deinen Sohn? Wohin soll er denn kommen, und vor allem wann?!“
Lemm grinste hämisch. „Das geht dich ’nen Scheißdreck an, Bulle.“
Er versuchte sich loszumachen. Doch Heribert hielt ihn weiterhin fest und griff sich Adolfs Smartphone, als der Betreiber des Cafés auf ihn zustürmte und ihn empört aufforderte, den Mann loszulassen und unverzüglich zu gehen.
Doch Heribert konnte den Mann beruhigen und überzeugen, dass er von der Polizei war. Er durchsuchte Lemms Smartphone und war sich gleichzeitig dessen bewusst, dass er gerade erneut eine Straftat beging, und Adolf Lemm wusste es auch. Doch egal, Heribert war bereits zu weit gegangen. Wenn er jetzt einknickte, ließ ihn das in Lemms Augen schwach erscheinen. Und, bingo! Unter den WhatsApp-Nachrichten wurde er tatsächlich fündig. Diese Stimme kannte er nur zu gut.
„Hat geklappt – melde mich.“
Kein Zweifel, diese Stimme gehörte zu Abraxas, und das Fiepen und Zischen in Heriberts Ohren wurde schlagartig laut.
Lemm begann sich unter Heriberts festem Griff zu winden.
„Bulle, das wird für dich Konsequenzen haben. Auch ich habe Rechte.“
„Und Pflichten, du Abschaum, du! Sei froh, dass ich dich nicht einbuchte.“
Später fuhr Heribert von der Frankfurter Autobahn und stattete Witzbold in Korbach einen Besuch ab. Heribert verlangte mehr Transparenz zwischen ihnen beiden – gemäß ihrer Absprache. Wenn jeder Ermittlungsschritt zweimal vollzogen wurde, machte eine Zusammenarbeit samt Informationsaustausch überhaupt keinen Sinn!
Witzbold sah es ein und gelobte Besserung. Frustriert berichtete er Heribert, dass die Kollegen bei ihrem Besuch Adolf Lemms auch keinen Schritt weitergekommen seien.
Als Heribert Witzbold von seiner Aktion mit Lemms Smartphone erzählte, wimmelte der prompt ab.
„Heribert, stopp. Davon will ich gar nichts wissen. Es ist deine Sache, deine Verantwortung, wie du an Informationen kommst. Klar?“
Heribert nickte. Eigentlich machte er sich keine allzu großen Sorgen wegen einer Anzeige – schließlich hatte er seinen Namen gegenüber Lemm nicht genannt. Lemm würde es sich zweimal überlegen, ob er sich wegen der Handyaktion bei einer Polizeibehörde beschwerte. Vielmehr würde er sich vermutlich Gedanken über „das Wecken schlafender Hunde“ machen. Doch selbst wenn er Anzeige erstattete – er würde jemanden beschreiben, den es bei der Kripo gar nicht gab … nicht mehr gab. Doch dann bekam Heribert einen Schreck. Was hatte Lemm zu ihm gesagt? „Du bist doch das Bullenschwein, das meinen unschuldigen Jungen in den Knast gebracht hat!“ Also kannte er ihn. Andererseits konnte Heribert immer noch leugnen, dagewesen zu sein. Dann stand Aussage gegen Aussage. Doch ein kleines Stimmchen in seinem Inneren meldete sich: Der Besitzer des Internet-Cafés konnte ihn beschreiben – und belasten, denn Heribert hatte sich als Beamter der Kripo ausgegeben. Dies war eine Straftat, da biss die Maus keinen Faden ab. Heribert beschloss, das Thema zu vertagen. Er konnte sich zu gegebener Zeit immer noch Gedanken machen, wenn die Anzeige ins Haus flatterte … wenn.
„Wir haben vor, Abraxas’ Vater zu beschatten“, unterbrach Witzbolds Stimme seinen Gedankengang, „irgendwann wird sein Sohn doch zu ihm Kontakt aufnehmen.“
„Wenn das mal nicht zu einfach gedacht ist, Olav. Weder Abraxas noch sein Vater sind so dumm. Gerade jetzt, nach meinem Besuch und dem der Kollegen, sind beide gewarnt und passen auf.“
„Okay, was schlägst du also vor?“
„Wenn ihr genug Kapazitäten an Personal habt, ist gegen eine Beschattung ja nichts einzuwenden. Ich meine nur, dass man sich nicht allzu viele Hoffnungen machen sollte.“
Witzbold unterdrückte ein Grinsen und blickte Heribert plötzlich vielsagend an.
„Was ist?“
„Eigentlich hatte ich an dich gedacht, Heribert.“
„An mich? Mit was?“
„Ich dachte, du könntest dich vielleicht an Adolf Lemm ranhängen.“
„Ich?“
„Als Fallanalytiker und Schnüffler …“
„Moment, Olav! Dass wir uns richtig verstehen: Ich habe meine eigene Vorgehensweise, und wenn ihr einen zum Observieren braucht, dann nehmt mal schön einen der jungen Kollegen, die das sehr gut können. Ich arbeite aber gern mit demjenigen zusammen.“
Witzbold zögerte.
„Wie soll das gehen? Du bist offiziell doch gar nicht in den Fall involviert.“
„Ja, ich weiß. Lass dir was einfallen.“
Wieder in Kassel, aß Heribert mit Botho und Ayumi zu Mittag und versprach seinen Freunden, wieder schnell vor Ort zu sein. Dann fuhr er nach Leipzig – im Moment konnte er nicht viel für die beiden tun, er musste die Ergebnisse der Kripo abwarten. Und zu Hause warteten jede Menge Dinge, die erledigt werden mussten.
15
Heribert zischte das Bier herunter – es war wohlverdient. Dass es für diese Jahreszeit bereits viel zu warm war, hatte er gerade bei seinem Marsch um den Markleeberger See am eigenen Leib erfahren. Der Klimawandel ließ grüßen. Umso schöner, dass er den letzten guten Platz im Restaurant ergattert hatte – nicht nur mit Blick auf den See, sondern er konnte von hier auch einen Teil der Kanuanlage einsehen, wo gerade trainiert wurde. Es war schön, dem Treiben der Athleten zuzusehen, ohne sich selbst körperlich betätigen zu müssen. Heribert fühlte sich angenehm faul.
Die letzten Tage hatte er vor dem Rechner verbracht, den forensischen Bericht gelesen und Fotos von der Leiche Walter Zellers analysiert. Sie waren verstörend gewesen. Wer auch immer der Täter gewesen sein mochte, war mit unglaublicher Brutalität vorgegangen. Die Spuren der Folterungen waren überall. Jemand hatte ihm die Fuß- und Fingernägel herausgezogen. Die sauber abgetrennten Ohren – die Schnitte waren fachmännisch vermutlich mit einem Skalpell ausgeführt worden – hatte der Täter an die Hinterbacken seines Opfers links und rechts genäht – ein Arsch mit Ohren, ging es Heribert durch den Kopf. Die Vorgehensweise der Opferverstümmelung konnte ein Hinweis auf Abraxas sein – musste aber nicht. Denn die für ihn typische Zahlenabfolge, die er seinen Opfern einzuritzen pflegte, fehlte. Diese numerische Abfolge, entsprechend dem Alphabet, stand für seinen Vornamen Abraxas und war ein Pseudonym, hinter dem sich eigentlich Peter Lemm verbarg. Er ritzte die Zahlen entweder unter die Fußsohlen oder in die Achselhöhlen seiner Opfer. Er hatte einen Hang zum Okkultismus, besaß eine Schwäche für dramatische Inszenierungen und hielt sich für einen Künstler, der den Tod zelebrierte – der seinen Opfern durch das Verändern ihrer Körper eine neue Identität verlieh. Heribert hatte den Namen Abraxas gegoogelt und war erstaunt gewesen, als er fündig geworden war. Nach der Überzeugung des ägyptischen Gnostikers Basilides stand der Name für das höchste Urwesen, aus dem die fünf Urkräfte Geist, Wort, Vorsehung, Weisheit und Macht hervorgegangen waren. Mit diesen Eigenschaften konnte man Abraxas keinesfalls in Verbindung bringen. Doch Heribert war sicher, dass Abraxas sich als eine Art Schöpfer sah. Macht spielte bei den Morden, die er beging, eine entscheidende Rolle. Er war der Schöpfer seiner neuen Wesen, ein Gott, und entschied über deren Leben und Tod – oder besser, nur über deren Tod. Er genoss es, die Angst seiner Opfer zu sehen, während er mit ihnen tun und lassen konnte, was er wollte.
Walter Zeller hatte am Waldrand in einer Villa gewohnt. Das erklärte, warum niemand seine Schmerzensschreie gehört hatte.
Seine Leiche war bewegt worden. Das hieß, dass er nicht direkt an seinem Swimmingpool getötet worden war. Heribert stoppte seine Gedanken.
Er lehnte sich zurück und freute sich auf das leckere Gericht, das er sich bestellt hatte. Das Leben konnte, wenn man einfach mal nur seinem limbischen System folgte, sehr angenehm sein. Essen, Schlafen, Sex. Oder Sex, Essen, Schlafen? Heribert musste grinsen, als er an Anita dachte, mit der er den besten Sex seit Langem gehabt hatte.
Sein Smartphone summte. Er ignorierte es und wollte sich gerade in wundervolle Tagträume mit Anita vertiefen, doch wer auch immer ihn erreichen wollte, war hartnäckig.
Als er sah, wer anrief, ging er sofort ran. Witzbold kam gleich zur Sache. Tatsächlich stammten die DNA-Spuren an Zellers Leiche von Abraxas Lemm und waren sogar überall in Zellers Haus nachgewiesen worden.
„Doch ich rufe dich nicht nur deshalb an“, erklärte Witzbold.
Er machte eine längere Pause, und Heribert war ganz Ohr.
„Es gibt eine neue Leiche.“
„Was? Ach du Scheiße!“
„Ja. Eine Frau Ende vierzig. Sie wurde ziemlich“, Witzbold machte eine Pause, „zugerichtet …“
Heribert fiel ihm ins Wort: „Und zur Schau gestellt, und du denkst …“
„Natürlich denke ich das. Oder fällt dir was Plausibleres ein?“
„Ergebnisse der Spurensicherung?“
„Noch nicht ausgewertet.“
„Dann sollten wir noch vorsichtig sein. Wo wurde die Leiche gefunden?“
„Nicht so weit weg von Zellers Wohnort Wolfhagen – in einem Waldstück bei Bad Arolsen. Das kennst du vermutlich nicht.“
„Wieso sollte ich Bad Arolsen nicht kennen? Schon vergessen, ich stamme aus Kassel?“
Dass er sich in Bad Arolsen wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung hatte behandeln lassen, behielt er für sich. Das Risiko, dass ihn jemand für ein Weichei hielt, mochte er nicht eingehen.
Er dachte an Botho und Ayumi. Wenn Lemm tatsächlich auch für die Frauenleiche verantwortlich war, dann war er bereits auf der Jagd, und so gesehen konnten die beiden tatsächlich in allerhöchster Gefahr sein. Selbst wenn Lemm seine Opfer bisher eher willkürlich ausgewählt hatte, so konnte man sich auf das Täterprofil nicht unbedingt verlassen. Manchmal änderte ein Serientäter sein Vorgehen. Außerdem, Lemm musste Zeller und Botho nur zusammen gesehen haben, um auf die Idee zu kommen, Botho töten zu wollen. Auf jeden Fall sprach einiges dafür, dass sein Jagdgebiet in der Gegend Nordhessens liegen könnte. Heribert überlegte weiter. Musste man die Gesellschaft nicht warnen, wenn ein gefährlicher Serienkiller unterwegs war? Doch dies zu entscheiden, war nicht seine Aufgabe.
Die ganze Zeit hatte er es verdrängt, doch es war, als würde er gerade vor eine Wand fahren – Lemm war tatsächlich zurück in Heriberts Leben.
„Also, was ist?“, hörte er Witzbold fragen.
„Ist, was?“
„Wann kannst du hier in Bad Arolsen sein?“
„Ich mach’ mich gleich auf den Weg.“
Dann ging alles schnell. Während Heribert nach Hause fuhr und seine Reisetasche packte, rief er Botho an. Ayumi nahm den Anruf entgegen.
Er machte ihr den Sachverhalt klar, ohne genauere Details des derzeitigen Ermittlungsstands oder gar Namen zu nennen. Er war vorsichtig, damit nicht gleich Panik ausbrach. Doch zu seiner Überraschung stellte er fest, dass diese Vorkehrung unnötig war – zumindest was Ayumi betraf. Denn noch während er ziemlich herumeierte und ihr dabei zu erklären versuchte, dass Bothos Sorge begründet war und sie beide möglicherweise ins Visier eines sehr gefährlichen Serienmörders geraten waren, unterbrach sie ihn plötzlich.
„Mach dir keine Sorgen, Herb, wir werden aufpassen. Halt mich bloß auf dem Laufenden, was deine Ermittlungen betrifft, denn wie du weißt, schreibe ich an meinem neuen Krimi und bin für Inspiration dankbar.“ Sie lachte. „So – we could kill two birds with one stone, wenn du verstehst, was ich meine.“
Heribert schwieg. Er war baff. Ayumis Verhalten war ungewöhnlich und verstörte ihn. Tat sie nur so furchtlos oder war sie schlichtweg naiv und unterschätzte die Situation? Und auch wenn man aus Ayumis Sicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen beziehungsweise töten konnte, ihr Verhalten war in diesem Kontext verwirrend.
Sie schien sein Schweigen richtig zu interpretieren.
„Ich versuche, aus negativen Ereignissen etwas Positives zu ziehen, das ist doch nichts Schlechtes. Das ist meine Natur. Ich habe es mir von meiner Mutter abgeschaut – glaube ich zumindest. Sie ist der Überzeugung, dass wir auf Dinge, die uns widerfahren, keinen Einfluss haben, doch man kann an seiner Haltung zu den Dingen arbeiten. Glaub mir, weder bin ich oberflächlich noch dumm noch unterschätze ich die Situation!“
Als Heribert weiterschwieg, fuhr sie zögernd fort: „Denk doch mal an deine Geschichte, Herb. Auch du hast aus deiner Erkrankung etwas Positives gemacht und startest komplett neu durch.“
Das war nicht dasselbe. Doch Heribert schwieg weiter, auch wenn er einiges dazu zu sagen gehabt hätte. Es war ihm unangenehm, dass ausgerechnet Ayumi seine Erkrankung und die Zeit in der Reha, wo die Entscheidung gefallen war, bei seinem Arbeitgeber zu kündigen, so direkt ansprach. Er war immer noch nicht sicher, ob er nicht bloß aus einer Schwäche heraus entschieden, sprich gekniffen hatte. Und so gesehen gab es da vielleicht auch keinen positiven Effekt. Dass er Aufstiegsmöglichkeiten und finanzielle Absicherung für die unsichere Arbeit eines Privatermittlers aufgegeben hatte, konnte vielleicht auch aus einem Moment geistiger Umnachtung geschehen sein – und vielleicht würde er das eines Tages sogar bereuen! Außerdem, wenn Abraxas Lemm tatsächlich wieder auf der „Jagd“ war – worin bestand eigentlich der Unterschied zu seinem jetzigen Job und seiner vorherigen Arbeit bei der Kriminalpolizei? Derartige Delikte hatten ihn doch zunehmend traumatisiert! Aber er steckte schon viel zu tief in der Sache drin, als dass er sie hätte aufgeben können. Und wenn Botho und Ayumi tatsächlich ins Visier von Abraxas Lemm geraten waren, brauchten sie unbedingt seine Hilfe. Zudem machte es keinen Sinn, das Für und Wider abzuwägen – die Situation war, wie sie war, und Heribert hatte Witzbold längst seine komplette Unterstützung zugesagt, Punkt.
16
Ganz langsam atmete sie aus – endlich, es war vorbei. Vor diesem Tag hatte sie sich unendlich gefürchtet und keine Nacht mehr durchgeschlafen. Immer wieder war sie das ihr bevorstehende Szenario durchgegangen und hatte sich dabei gefragt, ob es wirklich richtig war auszusagen.
Alle würden sie anstarren, auch die Leute der Presse, während der ganze Hergang nochmals – bis ins Kleinste – geschildert und Details preisgegeben wurden, für die sie sich schämte.
Dann würde man sie befragen, während die ganze Zeit jener Mann im Gerichtssaal saß, der ihr all die schrecklichen Dinge angetan hatte. Er würde sie mit seinem höhnischen Blick durchbohren, während er seine Tat glaubhaft abstritt.
Schon Wochen vorher hatte seine Familie Samira unter Druck gesetzt. Sie solle es bloß nicht wagen auszusagen. Dann hatte man sie aufs Übelste beschimpft und beleidigt, um anschließend ihre Familie zu terrorisieren. Sie hatten den Eltern Samiras Vorwürfe gemacht, weil sie ihre Tochter angeblich nicht im Griff hatten und ihr eine Freizügigkeit gestatteten, die sich für eine anständige Frau ihrer Herkunft nicht gehörte und die auch nicht der Tradition oder ihrem Glauben entsprach.
Samiras Vater hatte nichts darauf erwidert. Sein zorniges Gesicht hatte allerdings Bände gesprochen. Nicht etwa, weil seiner Tochter – seinem eigen Fleisch und Blut – Gewalt angetan oder ihre Würde mit Füßen getreten worden war, nein!
Ihr Vater war wütend auf sie – Samira. Er gab der Familie ihres Peinigers recht – zu hundert Prozent!
„Du hast Schande über dich und die Familie gebracht. Akzeptiere das, was dir widerfahren ist, als Lektion und lass es auf sich beruhen!“
Dann war nochmals eine ganze Litanei an Vorwürfen und Drohungen auf sie herniedergeprasselt, und sie hatte sich erneut beschmutzt gefühlt. Doch ihr Vater kannte keine Gnade. Warum musste sie sich auch so „unzüchtig“ kleiden und sich mit diesem Jungen, mit diesem Patrick aus ihrer Abiturklasse, treffen? Waren ihr die Jungen aus der Heimat nicht gut genug? Dieses Verhalten musste die jungen Männer zwangsläufig wütend machen! Deren Familien hielten nun mal nichts von der in Westeuropa gelebten Dekadenz und Freizügigkeit. Sie erzogen – Allah sei Dank – ihre Söhne anders, nach den Gesetzen des Korans. Samiras Verhalten war eine Provokation und verspottete diese Männer, ja forderte sie regelrecht heraus! Die Gleichstellung der Geschlechter in Deutschland mochte für westliche Kulturen gelten, doch für ein Mädchen ihrer Herkunft gehörte sich das nun mal nicht!
Ihre Mutter hatte dazu still genickt und ihr in einem Vieraugengespräch ebenfalls Vorwürfe gemacht. „Männer sind triebhaft geschaffen. Wir müssen sie vor sich selbst schützen. Deshalb liegt es in der Verantwortung von uns Frauen, uns so zu kleiden, uns so zu bedecken, uns so zu verhalten, dass man das andere Geschlecht nicht reizt! Du hast dich trotz meiner Erziehung darüber hinweggesetzt und musst nun die Konsequenzen tragen – zu Recht! Wären wir in unserer Heimat, würdest du dafür sogar bestraft werden!“
„Weshalb?“
„Weil du den Mann nicht vor sich selbst geschützt, sondern – im Gegenteil – ihn gereizt hast ... durch dein ganzes Verhalten.“
Samira hatte es nicht glauben können. Ihr sollte also die rechtmäßige Strafe widerfahren sein, die für Frauen ihrer Herkunft vorgesehen war, wenn diese sich zu sehr an der modernen Welt orientierten? Stellte Vergewaltigung tatsächlich das legitime Mittel einer Art Disziplinierungsmaßnahme dar? Machte eine westliche Lebensweise sie automatisch zu Freiwild?
Da war ihr der Kragen geplatzt, und sie hatte sich nicht mehr beherrschen können. Ihre Wut, die plötzlich stärker als ihre Traumatisierung gewesen war, hatte sie hinausgeschrien.
„Wie bitte? Ist das dein Ernst?! Der arme Vergewaltiger, der seinen Trieb brutal an mir befriedigen musste? Mama, hörst du dir überhaupt zu? Was bist du für eine Mutter, was bist du für eine Heuchlerin? Wie kannst du es wagen, wie kannst du dafür plädieren, dass ein Vergewaltiger nicht zur Rechenschaft gezogen wird? Doch nur zu – propagier’ Rechte für den Abschaum! Ich dulde es jedoch nicht! Selbst wenn ich mich entscheide, nackt herumzulaufen – kein Mann hat das Recht, sich über meinen Willen hinwegzusetzen, hörst du?“ Ihre Mutter hatte plötzlich den Zeigefinger an die Lippen gelegt, um ihr zu bedeuten, leiser zu sein. Doch der Vater hatte bereits in der Tür gestanden und Samira gedroht.
Doch sie war nicht eingeknickt und plötzlich merkwürdig ruhig geworden.
„Egal welcher Herkunft ... ein Mann hat seinen Trieb, ich sage es ganz deutlich – seinen Schwanz – gefälligst unter Kontrolle zu haben. Was für eine Memme, was für ein Schwächling, was für ein Neandertaler, der das nicht kann!“
Da hatte der Vater sie heftig geohrfeigt.
Von der Familie verstoßen, hatte Samira ihre Koffer gepackt und sich von Patrick abholen lassen. In welcher Welt ihre Eltern auch leben mochten, Samira hatte sich längst entschieden. Sie beabsichtigte nicht parallel an der westlichen Gesellschaft vorbeizuleben – einer Gesellschaft, der sie sich zugehörig fühlte. Sie liebte es, Teil des Fortschritts zu sein, aktiv am Geschehen teilzunehmen, und mochte nicht einfach nur an den sozialen und wirtschaftlichen Annehmlichkeiten partizipieren, wie es ihre Eltern propagierten, ohne ihren Beitrag zu leisten.
Ihre Anwältin hatte dafür gesorgt, dass sie zunächst in ein Frauenhaus kam. Dort, wo niemand sie finden konnte. Später war sie in einer Wohngemeinschaft mit zwei anderen Frauen untergekommen. Und nun?
Obwohl sie nicht ernsthaft damit gerechnet hatte, schmerzte es sie plötzlich, dass niemand von ihrer Familie zur Gerichtsverhandlung erschienen war, um ihr beizustehen.
Doch sie hatte heute ihrem Peiniger direkt in seine widerliche Visage sehen müssen und war stark geblieben.
Er grinste immer noch, schließlich gab es keine Zeugen, wie so oft bei derartigen Vergehen. Die Unschuldsvermutung galt. Seine Augen durchbohrten sie immer noch.
Sie betete. Hoffentlich kam er nicht davon. Doch auch wenn – es war richtig gewesen, für sich selbst einzustehen.
Als sie aufstand, um zurück zu ihrem Platz zu gehen, musste sie an ihm vorbei. Einem Impuls folgend, blieb sie plötzlich direkt vor ihm stehen. „Verrecke, du Hurensohn!“ Dann bespuckte sie ihn.
Sofort kamen Ordnungskräfte und führten sie zu ihrem Platz, während die Richterin sie verwarnte und mit einer Ordnungsstrafe drohte. Doch sie fühlte sich gut – sie hatte ihm in seine provokant zur Schau getragene Unschuldsfresse gerotzt und fühlte sich zum ersten Mal befreit – zumindest für den Moment.
Noch ist der Prozess nicht zu Ende, dachte sie und suchte Patricks Augen unter den Zuschauern.
17
Michaela Schubert ging den langen Flur des Frauenhauses entlang, stoppte vor einer Tür und klopfte. Als von innen geantwortet wurde, öffnete sie die Tür und trat ein.
Frank Lindner hob den Kopf und blickte ihr freundlich entgegen.
„Frau Schubert.“
„Sie wollten mich sprechen?“
„Ja, ich wollte mich erkundigen, ob es Ihnen wieder gut geht. Frau Klossek sagte, dass Sie letztens einen heftigen Migräneanfall hatten?“
Er musterte sie, und Michela fühlte sich plötzlich unter diesem Blick unwohl.
„Es ging mir aber schnell besser, und jetzt ist alles wieder gut, danke.“
„Sie hätten nach Hause gehen sollen. Ich möchte, dass keiner meiner Mitarbeiter sich durch den Tag quälen muss. So arbeiten wir hier nicht. Nur für’s nächste Mal.“
„Danke.“
Lindner lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und musterte sie nachdenklich, bevor er weitersprach. „Wissen Sie, wir kümmern uns hier um schwerst traumatisierte Menschen. Um das zu können, müssen wir auf uns selbst gut aufpassen, das gilt auch für Sie, Frau Schubert – verstanden?“
„Schön, dass Sie das so sehen, danke.“ Michaela machte Anstalten zu gehen.
„Sie sind geschieden, Frau Schubert, und haben eine Tochter, richtig?“
Michaela hielt inne. Worauf wollte Lindner hinaus? Sie antwortete zögernd: „Ja. Ist alles eine Frage der Organisation.“
„Oh, natürlich, davon bin ich überzeugt. Ich frage nicht aus Neugier. Frau Klossek sagte mir, bevor sie in Urlaub ging, dass Sie gern auf Vollzeit gehen würden. Das wäre eine ziemliche Umstellung für Sie – und für Ihre Tochter, oder?“
„Das stimmt, aber ...“
Michaela wollte etwas sagen, etwa, dass sie es sich durchaus zutraute, mehr Stunden zu arbeiten und dass sie das Geld unbedingt brauchte, doch Lindner kam ihr zuvor.
„Aber wenn Sie es sich zutrauen, und das tun Sie, schließlich hätten Sie sonst nicht gefragt, tue ich es auch. Ich könnte Sie ab nächsten Monat auf sechs Stunden setzen – zunächst. Das bekomme ich ohne Probleme beim Träger durch. Dann sehen wir weiter, okay?“
„Okay, danke.“
Michaela wollte gehen, doch Lindner hielt sie zurück. „Frau Klossek, verstehen Sie sich eigentlich gut mit ihr?“
Michaela stutzte. Worauf wollte er hinaus? „Schon“, sie zögerte. „Gibt es irgendetwas …?“
„Nein! Nein, überhaupt nicht.“
Lindner hatte abwehrend seine Hände gehoben.
„Ich arbeite wirklich sehr gern mit Sigrid Klossek zusammen“, erklärte Michaela mit Nachdruck.
Lindner lachte verbindlich. „Genau das wollte ich hören. Nur für den Fall, wenn ich unterwegs bin oder Urlaub habe, wie demnächst, dann ist eine gute Zusammenarbeit umso wichtiger. Apropos – Sie haben noch gar nicht Ihren Jahresurlaub eingetragen? Kümmern Sie sich bitte gleich darum, ja?“
„Mache ich. Und noch mal vielen Dank.“
Sie verließ Lindners Büro und schloss die Tür hinter sich. Dann blieb sie einen Moment stehen – ihre Beine schlackerten, und auch ihre Hände zitterten. Sie atmete tief durch und lief den Flur zurück.
18
„Weiß man schon, wer die Tote ist?“, erkundigte Heribert sich und stellte seine Kaffeetasse ab.
Er war gerade erst im Kommissariat der Kripo Korbach eingetroffen. Er griff nach den Fotos, die auf dem Schreibtisch lagen, und betrachtete sie nacheinander.
Witzbold drückte seine Zigarette aus und schloss das Fenster. „Nein, sie war nackt. Keine Kleidung, keine Papiere, nichts.“
„Okay, das sehe ich. Man hat vermutlich auch die Umgebung abgesucht. Aber könnte es nicht sein, dass der Täter die Kleidungsstücke und ihre persönlichen Gegenstände etwas weiter weg vom Tatort entsorgt hat?“
Witzbold schüttelte den Kopf. „Es sind sogar Spürhunde zum Einsatz gekommen.“
Heribert wendete sich wieder den Fotos zu. Der Fundort der Leiche war ein dichtes Waldstück mit Mischbaumbestand, etwa vier Kilometer von der Innenstadt Bad Arolsens entfernt. Im Hintergrund war eine große grünliche Felsformation erkennbar – offensichtlich handelte es sich um Tuffstein. Die Tote lehnte in Sitzposition an einem Baum. Die Arme waren gekreuzt, eine Schlinge lag straff um ihren Hals. Sie war von hinten stranguliert worden.
Heribert stutzte. „Was liegt da zwischen ihren Beinen?“
„Bevor sie stranguliert wurde, hat ihr der Täter die Zunge herausgeschnitten und, wie du siehst, hat er ihr die Augen zugenäht. Erinnert an die Miniaturen der drei weisen Affen, findest du nicht?“
„Mit Ausnahme von ‚nichts Böses hören‘ – die Ohren der Toten sind unversehrt.“
Witzbold nahm eins der Fotos und betrachtete es ebenfalls. „Stimmt.“
Heribert dachte an das Bücherregal seiner Eltern, auf dem diese bekannte Affenminiatur stand. „Vielleicht soll es eine Erweiterung des Ganzen darstellen – nichts Böses tun? Schließlich ist sie gefesselt.“
Nur kurz blieb sein Blick an den verstümmelten Füßen der Toten hängen. Zudem war eine Hand fast abgetrennt und hing nur noch an einem Hautfetzen herab.
„Was ist mit ihren Füßen und ihrer Hand?“
„Vermutlich postmortal.“
„Wieso nicht sauber abgetrennt, warum so zerfleischt?“
„Bissspuren.“
„Bissspuren?“
„Ja.“
„Sicher?“
„Ja!“
Witzbold machte eine ungeduldige Geste. „Also, ich meine nicht Bissspuren vom Täter, sondern von Tieren. Vermutlich liegt die Frau bereits seit dem Wochenende dort – also mindestens vier Tage. Es spricht alles dafür, dass sie dort vor Ort und vermutlich nachts getötet wurde.“
„Wieso in der Nacht?“
„Tagsüber sind hier Wanderer unterwegs. Da wird vermutlich kaum jemand das Risiko eingehen.“
Das klang plausibel. Heribert dachte nach. Wenn auch dieses Morddelikt auf das Konto von Abraxas ging, hatte sich seine Vorgehensweise definitiv verändert. Auch bei diesem Mordopfer fehlten die für Abraxas typischen Signaturen mit den eingeritzten Zahlenabfolgen – seine Unterschrift, wenn man so wollte.
„Die Felsformation im Hintergrund – wo ist das?“
„Ist der Markusstein, einige Kilometer weg von der Bad Arolser Innenstadt.“
Heribert erinnerte sich, dass der Markusstein ein beliebtes Ausflugsziel war. Doch er hatte sich während seiner Reha gegen diese geführte Wanderung entschieden und war lieber mit Anita ins Bett gegangen.
Kurz dachte er an sie, an ihre Grübchen, ihre üppigen Rundungen, und sofort erwachte sein körperliches Verlangen. Er rief sich zur Ordnung und konzentrierte sich erneut auf die Felsformation. Er hatte etwas zu der Geschichte dieses Ortes gelesen. Der Sage nach war ein Adeliger einer weißen Hirschkuh hinterhergejagt. Diese war oberhalb des Markussteins von einer Felsplatte in die Tiefe gesprungen und verschwunden. Als das Pferd des Reiters ihr nachsetzen wollte, war dessen treuer Jagdhund ihm in die Zügel gesprungen. Das Pferd hatte abgedreht, und dem Reiter war auf diese Weise der tödliche Sturz in die Tiefe erspart geblieben. Auch wenn es nur eine Sage war, so konnte man vermutlich in ihr einen Funken Wahrheit entdecken.
Der Markusstein war also uralt und sollte in Vorzeiten eine Kultstätte der Germanen gewesen sein. Verbürgt war, dass ein Einsiedler dort gelebt hatte.
Eigentlich schien es ein lauschiger Ort zu sein, doch mit der Leiche im Vordergrund bekam die ganze Umgebung eine völlig andere, sehr dunkle Ausstrahlung.
„Wir haben bereits die anderen Dienststellen informiert und sind die Vermisstenanzeigen durchgegangen. Bisher noch kein Treffer“, erklärte Witzbold. „Wenn sich auch hier DNA-Spuren von Abraxas Lemm finden lassen, dann werden wir eine Sonderkommission gründen.“
Heribert lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
„Okay, dann lass uns mal Tacheles reden. Was spricht dafür, dass auch dies“, er deutete auf das Foto, „das Werk von Abraxas ist?“
Witzbold räusperte sich.
„Ich sagte es dir bereits am Telefon, doch ich würde gerne hören, was du denkst. Jetzt, nachdem du die Bilder gesehen hast.“
„Also gut.“ Heribert dachte einen Moment nach. „Ich fasse mal zusammen – unter dem Aspekt, dass ich vom Tatort in Wolfhagen auch nur Bilder gesehen habe, deshalb kann ich dazu auch nur begrenzt etwas sagen. Was wissen wir? Erstens: Aufgrund der dort gefundenen DNA-Spuren muss Abraxas der Mörder Walter Zellers sein, richtig?“
Witzbold nickte. „Richtig.“
„Zweitens: Dass Lemm nicht nur mordet, sondern im Fall Zellers auch gezielt raubt – sprich, dessen Finger abtrennt, um so an das Schließfach zu kommen, ist neu. Das Ganze hat etwas Gezieltes. Außerdem stellt sich die Frage, ob Täter und Opfer sich kannten. Drittens: Neu ist das Fehlen der eingeritzten Zahlen, quasi Abraxas’ Signatur auf der Haut der Leichen, und neu ist, dass er jede Menge Spuren hinterlässt. Bisher tötete er aus reinem Vergnügen. Er liebt es, sich an der Hilflosigkeit seiner Opfer zu weiden, und genießt seine Macht – das macht ihn geil. Was ich sagen will, ist: Wir müssen davon ausgehen, dass sich Abraxas’ Vorgehensweise verändert hat und vielleicht sogar weiter verändern wird – auch was seine Motive betrifft.“
Witzbold runzelte die Stirn und schien nachzudenken.
„Er fühlt sich auf jeden Fall sehr sicher. Vielleicht ist das der Grund, warum er Spuren hinterlässt. Verhöhnt er uns, weil er davon ausgeht, dass man ihn nicht kriegen kann?“
„Möglich. Vielleicht hat er aber auch im Fall Zeller keine Zeit gehabt, sein Vorgehen so wie früher akribisch zu planen, und hat deshalb Spuren hinterlassen – oder er ist gestört worden.“
Witzbold stutzte. „Moment, das verwirrt mich jetzt. Hast du nicht gesagt, Abraxas geht willkürlich vor? Also, was jetzt, willkürlich oder geplant?“
„Das habe ich so nicht gesagt. Es stimmt, er sucht seine Opfer willkürlich aus. Damit meine ich, dass er keine Affinitäten zu bestimmten Personengruppen hat. Bisher! Vielleicht hat sich auch das geändert – wir werden sehen. Doch die eigentliche Tat war immer akribisch geplant. Um seine Opfer in Szene zu setzen, muss er ihre Gewohnheiten genaustens ausspionieren.“
„Das heißt also – die Person erregt zufällig Abraxas’ Interesse, und erst dann entwickelt er den Plan, wie er sein Ziel umsetzen kann?“
„Genau.“
Heribert nahm einen Schluck von seinem Kaffee und dachte einen Moment nach. „Deine Anmerkung, dass Abraxas sich sehr sicher fühlt, ist ein wichtiger Punkt!“
„Okay, was sagt uns das?“
Witzbold gab sich selbst die Antwort. „Vermutlich, dass er sich an einem Ort versteckt, wo niemand ihn vermutet.“
„Ein Ort, zu dem er ohne Gefahr immer wieder zurückkehren und unsichtbar werden kann“, ergänzte Heribert.
Witzbold zündete sich eine Zigarette an und öffnete das Fenster. „Was denkst du, was könnte in dem Schließfach gelegen haben, dass es für Abraxas so wichtig war?“
„Keine Ahnung, vermutlich Wertsachen, Geld. Abraxas ist vermutlich pleite.“
Witzbold nahm einen Zug von seiner Zigarette, inhalierte und atmete den Qualm aus, während er den Kopf vehement schüttelte und eine abwinkende Geste machte.
„Zellers Portemonnaie lag gut gefüllt auf seinem Küchenblock.“
Heribert erinnerte sich an das Tatortfoto mit dem Portemonnaie in der Küche.
„Stimmt – dann scheidet dieser Aspekt wohl eher aus.“
„Also muss es etwas Wertvolleres gewesen sein. Das könnte dafür sprechen, dass er gezielt danach gesucht hat.“
Heribert gab Witzbold recht. Es stellte sich also die Frage, wer Abraxas die Sache mit dem Schließfach gesteckt hatte. Konnte es jemand aus seinem unmittelbaren Umfeld sein, Kumpels aus dem Gefängnis? Oder gab es tatsächlich eine Verbindung zwischen Zeller und Lemm? Heribert fröstelte plötzlich und zog sich seine Jacke über, während er registrierte, dass Witzbold sofort aufstand und das Fenster schloss.
„Und was ist mit der Frau?“ Heribert reichte ihm das Foto herüber, „sie wurde gefoltert, die abgeschnittenen Körperteile wurden arrangiert – das passt auf jeden Fall zu Lemm.“
„Sehe ich genauso, aber warum ermordet er sie ausgerechnet an diesem Ort? Und vor allem, wie ist die Frau überhaupt dorthin gekommen?“
„Ihr habt keine Autospuren gefunden?“
„Nein. Dafür Fußabdrücke – jede Menge.“ Witzbold deutete auf die Fotos.
Heribert fischte eins der Fotos vom Stapel und betrachtete es. Auf dem Waldboden waren quaderförmige, metallene Absperrungen verteilt, die alle durchnummeriert waren. Dies war normales Prozedere der Spurensicherung. Um jeden kleinen Fußabdruck wurden diese Absperrungen verteilt, damit nichts verwischt wurde.
„Die Analyse der Gipsabdrücke liegt noch nicht vor. Wird schwierig werden – die Zuordnung, meine ich.“
„Ist es gesichert, dass die Frau vor Ort getötet wurde?“
Witzbold nickte. „Sie wurde nach ihrem Tod nicht mehr bewegt, das ist sicher. Aber erklär mir mal, warum er sich ausgerechnet für diesen Ort entschieden hat?“
Heribert antwortete nicht sofort. Er wusste, Lemm hatte Sinn für Dramatisches. Einmal hatte er eins seiner Opfer direkt auf der Frankfurter Zeil ausgestellt und damit viele der morgendlichen Passanten verstört. Das Opfer war erdrosselt worden. Vom linken Ohr über den Mund bis zum rechten Ohr war ein tiefer Schnitt ausgeführt worden – eine lächelnde Fratze. In der rechten Hand hatte das Opfer einen Hut gehalten, wie beim Betteln. Warum also nicht einen geschichtsträchtigen Ort, eine frühere Kultstätte, für derartige „Schreckensinszenierungen“ nutzen?
Heribert war müde und gähnte.
„Wir werden es noch herausfinden, Olav!“ Doch er war keinesfalls so optimistisch, wie er sich den Anschein gab. Plötzlich fiel ihm etwas ein, es hatte schon die ganze Zeit in ihm gearbeitet.
„Hast du schon ein Ergebnis zu dem Zigarillostummel vorliegen, den ich dir zwecks DNA-Abgleich habe zukommen lassen?“
„Ähm – noch nicht. Die werden sagen, dass sie viel zu tun haben, ich werde denen mal Beine machen.“ Sein Gesicht sprach allerdings Bände, und Heribert ahnte, dass Olav es vergessen und das Zigarillostück noch nicht weitergereicht hatte. Diese Nachlässigkeit ärgerte ihn.
„Wenn beide Morde auf das Konto von Lemm gehen und sich an diesem Zigarillo ebenfalls seine DNA-Spuren finden lassen, dann hat er bereits seine nächsten potenziellen Opfer im Visier, verstehst du? Meine Freunde in Kassel! Und das wäre dann auch ein Indiz dafür, dass er seine Opfer inzwischen gezielt aussucht. Botho Lange fühlt sich seit Walter Zellers Ermordung verfolgt!“
Witzbold blickte alarmiert auf. Genau das hatte Heribert erreichen wollen. Olav konnte, von ihm aus, schlafen, wenn der Fall gelöst war. Er würde ihm Dampf unterm Arsch machen. Dann fiel ihm plötzlich etwas ein.
„Weißt du schon, wer die mögliche Sonderkommission leiten wird?“
Witzbold machte ein erstauntes Gesicht. „Na, ich vermutlich und ein Kollege, ein Fallanalytiker aus Wiesbaden!“
Er registrierte Heriberts skeptischen Blick.
„Und wenn nicht ich, dann werden zumindest alle Fäden bei mir zusammenlaufen, sprich, ich werde über den jeweiligen Ermittlungsstand genaustens im Bilde sein. Muss ich dir doch nicht sagen, du kennst doch den Ablauf.“
„Das tue ich. Bloß, wozu brauchst du dann noch mich?“
„Du weißt es – du hast es selbst gesagt. Niemand kennt Abraxas Lemm besser als du.“
Heribert musste plötzlich über Olavs harmloses Gesicht grinsen.
„Aber vor allem brauchst du mich, weil du dir Rückendeckung erhoffst, wenn die aus Wiesbaden anrauschen.“
Witzbold antwortete nicht. Stattdessen legte er verschwörerisch seinen Zeigefinger an die Lippen und grinste zurück.
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