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Prof. Dr. Martin Zimmermann

Prof. Dr. Ralf Behrwald

Prof. Dr. Hartwin Brandt

ALTE GESCHICHTE

DIE GRIECHISCH-RÖMISCHE ANTIKE

DIE GRIECHISCHE POLIS

ALEXANDER DER GROSSE

KONSTANTIN DER GROSSE

© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH

2011, München/Grünwald

www.komplett-media.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

HEROLD Auslieferung Service GmbH

www.herold-va.de

Inhaltsverzeichnis

DIE GRIECHISCH-RÖMISCHE ANTIKE: EINE EINFÜHRUNG

Was ist die „Antike“?

Griechen und Minoer, Römer und Etrusker

Von der Palast-Kultur zur Polis-Kultur

Die griechische Polis – Keimzelle politischen Bewusstseins

Die große Kolonisation

Zivilisations-Export

Verarmung der Bauern, neue Kriegsführung und Staatssklaventum

Die Tyrannis

Die attische Demokratie

Alexander der Große, Hellenismus und Diadochenreiche

Der Aufstieg Roms

Senatoren und Plebejer

Die Punischen Kriege

Ordnungsmacht im griechischen Osten

Die Krise der römischen Republik

Von der Republik zum Prinzipat

Das Imperium Romanum des Augustus

Pax Augusta und Prinzipat

Adoptivkaisertum

Die Reichskrise

Die Spätantike

Konstantin der Große

West-Rom und Ost-Rom – das Ende des Imperium Romanum

Die Spätantike – Brücke zur Neuzeit

DIE GRIECHISCHE POLIS: STADT UND BÜRGERGEMEINDE

Einführung

Ursprünge der griechischen Polis

Sozialstruktur

Die Agora

Die Chora

Religion

Die Institutionalisierung

Krisen der Poleis

Kolonisation

Solon – eine neue Verfassung

Die Tyrannis

Die Tyrannis der Peisistratiden

Die kleisthenischen Reformen

Die Perserkriege

Sparta

Die absolute Demokratie Athens

ALEXANDER DER GROSSE

Einleitung

Voraussetzungen

Der Kleinasienfeldzug

Der Levantefeldzug

Das persische Kernland und der Osten

Das letzte Jahr

Alexanders Errungenschaften

KONSTANTIN DER GROSSE

Konstantin der Große – ein christlicher Idealkaiser?

Die „Konstantinische Frage“

Biographischer und historischer Kontext

Die Tetrarchie Diokletians

Christenverfolgungen

Konstantins Marsch nach Rom

Das Toleranzedikt des Galerius

Die Schlacht an der Milvischen Brücke

Die „Konstantinische Wende“

Der Donatisten-Streit

Kaiser, Pragmatiker und Realpolitiker

Mehrgleisige Religionspolitik

Arianischer Streit und erstes Konzil von Nicaea

Imperium und Sacerdotium

Christianisierung und Monarchisierung

Taufe am Lebensende

Die Konstantinische Schenkung – eine Legende


DIE GRIECHISCH-RÖMISCHE ANTIKE: EINE EINFÜHRUNG

Von Prof. Dr. Hartwin Brandt

Die Antike (ca. 1200 vor Christus – ca. 500 nach Christus) ist hochaktuell: Das heutige Europa – mit seiner Bürgergesellschaft und der Demokratie, mit der bedeutenden Rolle von Religion(en) und Kirche(n), mit seinem Städtewesen, mit seiner Verwaltung und seinem Rechtssystem – fußt in vielerlei Hinsicht auf der griechisch-römischen Antike. Moderne wissenschaftliche Kontroversen (zum Beispiel über Troja oder die Dichtungen Homers) finden Eingang in die Medien. Wer sich ein eigenes Urteil bilden oder gar mitreden möchte, muss über die Antike Bescheid wissen: über die Entstehung der griechischen Bürgergemeinde (Polis), die Demokratie in Athen, den Aufstieg Roms zur Weltmacht, über die römischen Kaiser und die Christianisierung der antiken Welt in der Spätantike.

WAS IST DIE „ANTIKE“?

Kann man über die Antike heute noch streiten? Man kann und wie!

Man braucht nur die Zeitung aufzuschlagen oder ins Fernsehen zu schauen. So hätte man erkennen können, dass Troja, der trojanische Krieg bis heute unter den Gelehrten aktuell ist und immer wieder neu ausgefochten wird. An der fachgerechten Deutung von Troja entzünden sich immer wieder die Geister.

Nach Troja werden wir auch gleich kommen, denn, wenn man über die Antike redet und nachdenkt, kommt man an Troja nicht vorbei.

Trotzdem muss man sich, bevor man sich auf die Antike einlässt, natürlich klarmachen, was diese eigentlich ist und was sie ausmacht. Sind es nur die Griechen und Römer oder sind es nicht auch ganz andere Hochkulturen, andere Völker, die berücksichtigt werden müssen, die eine Rolle spielen? Mesopotamien, der alte Orient, Ägypten, Israel, Phönizien – gehören die nicht auch alle zur Antike?

Griechen und Minoer, Römer und Etrusker

Die Griechen kamen ja schließlich auch nicht aus dem historischen Niemandsland. Wir wissen, dass das griechische Alphabet dem phönizischen entlehnt ist, also dem Gebiet des heutigen Libanon. Oder die minoischen Kreter, deren Palastkultur im frühen zweiten Jahrtausend vor Christus eine Art archäologische Vorstufe für die mykenischen Paläste bildet diese minoischen Kreter waren keine Griechen.

Wer heute nach Kreta fährt und sich die Paläste von Knossos und Phaistos anschaut, der denkt, er sieht frühgriechische Paläste. So ist es aber nicht. Er sieht Anlagen, die viel mehr mit altorientalischer Palastkultur zu tun haben.

Erst wenn der Besucher nach Mykene kommt, dann ist er tatsächlich im frühgriechischen Kernland: in Mykene selbst, in Tiryns oder in Pylos an der südwestlichen Ecke der Peloponnes. Dort trifft er auf archäologische Reste aus der Zeit der trojanischen Helden.

Dort könnte möglicherweise auch Homer gewesen sein, aber wir wissen nichts von ihm. War er ein Grieche oder war Homer vielleicht ein assyrischer Schreiber (wie heutzutage unter den Gelehrten behauptet wird und worüber man sich streitet)? Was wir wissen, ist, dass Homer, wenn er denn überhaupt als historische Figur existiert hat, im 8. und 7. Jhd. vor Christus geschrieben hat jedenfalls die Werke, die uns unter seinem Namen überliefert sind. Diese stammen aus jener Zeit. Sie sind ungeheuer wirkungsvoll gewesen – in der Antike und über die Jahrhunderte, über das Mittelalter hinweg bis in unsere Zeit. Man kann sagen, dass die homerischen Werke den Beginn der europäischen Literaturgeschichte markieren.

Auch die frühen Römer stehen in diesem Kontext. Sie haben über die Etrusker Verbindungen nach Kleinasien gepflegt, und sie haben schon sehr früh erkennen lassen, dass sie die griechische Kultur wahrgenommen haben, dass sie die griechische Kultur rezipiert haben, dass sie Homer kannten.

Unter der Antike versteht man also im Grunde genommen die gesamte Vorgeschichte der gesamten antiken Mittelmeerwelt. Die kann man nicht in sechzig, siebzig Minuten präsentieren. Wir werden uns auf die Griechen und auf die Römer konzentrieren, aber immer mal wieder ‚nach links und rechts‘ schauen, nach Süden, nach Westen und nach Osten und die antiken Nachbarkulturen in unsere Überlegungen mit einbeziehen.

Von der Palast-Kultur zur Polis-Kultur

Die Griechen selbst brauchten sehr lange, um überhaupt wahrzunehmen, dass sie eine homogene Gemeinschaft darstellten, dass sie „die Griechen“ in ihrer Gesamtheit waren. Politisch gelingt das erst im frühen 5. Jhd. vor Christus, also nach etlichen Jahrhunderten, die wir heute bereits zur griechischen Geschichte zählen. Das gelingt auch erst, als äußerer Druck dafür sorgt, dass sich die vielen kleinen griechischen „Poleis“ darüber bewusst werden müssen, dass sie eigentlich zusammengehören.

Insofern ist die Entstehung eines griechischen Gemeinschaftsgefühls, eines griechischen Gemeinschaftsbewusstseins, eines griechischen Zusammengehörigkeitsgefühls erst das Ergebnis der berühmten, sogenannten „Perserkriege“. Als sich die Perser aufmachen, um nach Griechenland vorzudringen und Griechenland zu erobern (im frühen 5. Jhd. vor Christus), erst da finden die Griechen gewissermaßen zu sich selbst.

Vorher ist die griechische Welt vollkommen zersplittert: Eine Welt voller kleiner Siedlungen, autonomer Gemeinwesen, die wir vielleicht ab dem späten 7. oder frühen 6. Jhd. „Polis“ nennen dürfen. Auf jeden Fall ist es eine Welt, die noch kein hellenisches Gemeinschaftsdenken oder Gemeinschaftsgefühl kennt.

Die sogenannten dunklen Jahrhunderte, die den homerischen Epen vorausgehen (das 10., 9., 8. Jhd. v. Chr.), sind es, in denen sich diese frühgriechische Identität oder Mentalität herausbildet.

Vorläufer lagen – ich habe es bereits gesagt – in der sogenannten mykenischen Zivilisation. Diese mykenische Zivilisation, eine Hochkultur, gekennzeichnet von Palästen (wie in Mykene, Tiryns und Pylos), kannte bereits eine Frühform der Schrift, die so genannte Linear B-Schrift, eine Silbenschrift, die – darüber sind sich die heutigen Sprachwissenschaftler einig – als eine Frühform des Griechischen angesehen werden kann. Insofern waren die Mykener der späten Bronzezeit, also etwa um 1300 v. Chr., tatsächlich frühe Griechen. Die Minoer auf Kreta waren es noch nicht.

In diese Spätzeit fällt der berühmte Trojanische Krieg (wenn es ihn je gegeben hat) oder vielleicht eher die Trojanischen Kriege. Es gab Kontakte zwischen Griechenland und Kleinasien ziviler, aber eben auch militärischer Art. Die mögen den Hintergrund gebildet haben für die berühmten homerischen Epen.

Bevor wir darauf kommen, noch ein Blick auf die mykenische Palastkultur. Diese geht um etwa 1200 v. Chr. unter, und das offensichtlich im Kontext dramatischer Vorgänge, die wir nur auf Grund von archäologischen Forschungen ein wenig beurteilen können. Es scheint eine Ansammlung von Katastrophen gegeben zu haben, Invasionen von sogenannten Seevölkern (aus dem Osten), vielleicht Erdbeben. Die Archäologen haben Brandschichten in Mykene und Tiryns in diese Zeit um 1200 v. Chr. datieren können. Es gibt also eine katastrophale Krise, die zum Untergang dieser Palastkultur führt.

Erst danach, in den dunklen Jahrhunderten, bildet sich dann – wenn man so will – eine Frühform der griechischen Polis-Kultur heraus. Umbrüche und Krisenzeiten sind oft in der Geschichte der Anfang von etwas Neuem. Das scheint auch in diesem Fall so gewesen zu sein. Und zwar nicht nur in Griechenland.

Denn während im frühen ersten Jahrtausend v. Chr. z.B. in Palästina ein hebräisches Königtum unter David und Salomo mit einem eigenen Jahwe-Kult entstand ein Reich, das dann anschließend von Assyrern und Neu-Babyloniern im 8. und 7. Jhd. v. Chr. erobert und schließlich durch die Zerstörung Jerusalems im Jahr 587 v. Chr. seines Zentrums beraubt wurde spielten sich weiter westlich und nördlich Entwicklungen ab, die für die folgenden Jahrhunderte insbesondere im griechischrömischen Raum bedeutsam werden sollten.

DIE GRIECHISCHE POLIS – KEIMZELLE POLITISCHEN BEWUSSTSEINS

Die Phöniker, beheimatet an der heutigen Küste Libanons, waren das aktivste, nach Westen orientierte Volk von Händlern und Seefahrern dieser Zeit. Sie segelten nach Westen und bauten dort Handelsstationen auf, um gute Geschäfte zu machen. Im 9. Jhd. v. Chr. scheinen sie in Karthago, also in Nordafrika beim heutigen Tunis, einen Handelsstützpunkt gegründet und ausgebaut zu haben, der dann im Laufe der Jahrhunderte zu einer der führenden Handels- und Seemächte und schließlich auch der politischen und militärischen Mächte im Westen avancieren sollte.

Im griechischen Ägäisraum existierten damals jedoch vor allem Kleinsiedlungen und Dorfgemeinschaften, die von lokalen Herrschern dominiert wurden. Erst allmählich – und damit bin ich wieder im griechischen Raum – entwickelten sich aus diesen Kleinsiedlungen stadtstaatenähnliche Formen von Gemeinwesen, die wir dann als Polis bezeichnen: als eine Polis, die sich selbst verwaltet, die bestimmte Werte für sich beansprucht (vor allem die innere und die äußere Autonomie, d. h. die Souveränität, auch in der Wahl der äußeren Bündnis- und Vertragspartner).

Es entstehen in dieser Zeit im 8. Jhd. v. Chr. Kultstätten von überregionaler Bedeutung für uns die ersten Indizien dafür, dass die Griechen so etwas wie eine griechische Identität in Ansätzen erkennen und entwickeln.

Zu nennen ist dabei vor allem natürlich das berühmte Zentrum der olympischen Spiele, nämlich Olympia selbst: Ein Heiligtum, wo zu Ehren des Zeus Olympios, also des höchsten Gottes der Griechen, seit 776 v. Chr. Spiele gefeiert wurden.

Daneben ist das zweite, panhellenische Heiligtum in Delphi, geweiht dem Apollon, zu nennen. Dort zelebrierte man die sogenannten pythischen Spiele. An diesen Spielen nahmen seit dem 8. und 7. Jhd. v. Chr. Griechen aus dem gesamten Ägäisraum teil. Was waren das für Griechen?

Es waren vor allem Adelige, vornehme Herren, die Beherrscher der besagten Kleinsiedlungen im griechischen Ägäisraum. Diese Adeligen konnten es sich leisten, zu diesen Spielen zu reisen, sich untereinander zu messen – kulturellen Austausch zu pflegen, würde man heute formulieren.

So bildet sich im Laufe des 8. und 7. Jahrhunderts eine Art von gemein-griechischer Aristokratie heraus. Überall in diesen kleinen Poleis herrschen kleine Schichten von Adeligen, die sich untereinander einem gemeinsamen Komment verpflichtet fühlen, einem gemeinsamen Kanon von Werten, von Ansichten, von Haltungen, von Lebensstilen.

So kommt es dazu, dass sich in dieser Zeit die griechischen Poleis entwickeln, die auch eine gewisse Form von Gemeinsamkeit ausbilden, eine Gemeinsamkeit der Selbstorganisation. Überall beanspruchen die Bürger, am Gemeinwesen teilzunehmen. Sie wollen mitbestimmen, sie wollen ihre Angelegenheiten regeln und so entsteht so etwas wie das politische Bewusstsein der Griechen in dieser Frühzeit.

Das können wir im 7. Jhd. sogar in schriftlicher Form fassen, denn damals entstehen zum ersten Mal die sogenannten Rechtskodifikationen in den griechischen Poleis. In den Gemeinwesen entstand das Bedürfnis, bestimmte Regeln in schriftlicher Form zu publizieren, damit nachprüfbar zu machen und für alle Bewohner der Polis eine transparente Grundlage zu schaffen, auf die man sich berufen konnte, Regeln zu formulieren, die man notfalls auch einklagen konnte. Die Adelsherren der frühen Polis sind es, über die wir am besten Bescheid wissen, aufgrund von schriftlichen Zeugnissen, die später entstehen, vor allem aber auf Grund von archäologischen Zeugnissen. Es sind adelige Herren, die mit ihren Familien jeweils einen so genannten „Oikos“ bilden, ein adeliges Haus. Die Adelsherren sind die unbestrittenen Vorstände dieser Familien. Sie schalten und walten souverän über das gesamte Vermögen, den gesamten Besitz. Sie veranstalten Feste und Gelage, so genannte Symposien. Sie achten auf soziales Ansehen, auf ihre Ehre, und sie tragen ihre Konflikte, die selten zivile Konflikte, meistens kriegerische Konflikte waren, in Form von adeligen Zweikämpfen aus. Diese adeligen Zweikämpfe kennen wir z. B. aus Darstellungen auf griechischen Vasen, auf denen adelige Herren mit ihren Streitwagen gegeneinander antreten.

Die Große Kolonisation

So entsteht seit etwa dem 8. Jhd. v. Chr. eine im Wesentlichen von Aristokraten getragene panhellenische Kultur und Zivilisation, die dann auch in andere Teile der Mittelmeerwelt exportiert wurde. Das geschah im Rahmen der so genannten Großen Kolonisation seit etwa 750 v. Chr. Hintergrund ist das Bestreben von einzelnen Poleis, Handelsstützpunkte zu gründen, internationale Kontakte zu pflegen, Siedlungen anzulegen, aber auch Probleme in der eigenen Polis in der Weise zu lösen, dass man problematische Bestandteile der eigenen Bevölkerung gewissermaßen „exportierte“.

Im Laufe von knapp zwei Jahrhunderten entstanden im gesamten ostägäischen Raum so genannte „Pflanzstädte“, Apoikien – Kolonien würde man heute sagen – aber auch in Unteritalien und Sizilien. Dort fassen die Griechen jetzt Fuß. Heutige italienische Städte wie Messina oder Reggio di Calabria sind von ihrem Ursprung her griechische Apoikien oder Kolonien. Dasselbe gilt auch für das heutige französische Marseille, das als Massilia eine Koloniegründung wahrscheinlich des späten 7. oder frühen 6. Jahrhunderts v. Chr. ist.

Vor allem die Archäologie hat uns Aufschlüsse über die Art und Weise vermittelt, wie diese Kolonisations-Unternehmungen organisiert wurden, wie sie abliefen. Daneben haben wir auch andere Zeugnisse wie Inschriften, Texte, die in Stein eingemeißelt oder auf Bronzetafeln eingeritzt waren; und schließlich die einsetzende Geschichtsschreibung seit dem frühen 5. Jhd. v. Chr., die auf die vorherigen Jahrhunderte zurückblickt und auf diese Weise Informationen vermittelt.

Zivilisations-Export

In der Regel organisierte ein Aristokrat aus der Mutterstadt die Auswanderung. Er nannte sich Oikist. Bevor man losfuhr, hatte man sich der Einwilligung einer Gottheit zu versichern. Nichts ging in der Antike, ohne dass man vorher die Götter befragt hatte. Ein so riskantes Unternehmen wie die Anlage einer Kolonie weit weg von der Mutterstadt bedurfte erst Recht des Schutzes der griechischen Götter. Man holte meistens einen sogenannten Orakelspruch ein. Die allererste Adresse für Orakelsuchende war Delphi. Man schickte Gesandte zum Apollon-Heiligtum nach Delphi, die fragten, ob das Unternehmen, die Wahl des Ortes etc. die Zustimmung der Gottheit finden würde.

Die Auswanderer nahmen dann, wenn sie die Zustimmung eingeholt hatten, gewissermaßen ihren gesamten „Kulturvorrat“ buchstäblich mit. Sie packten die Gottheiten aus ihrer Mutterstadt ein und zwar in Form von Statuen. Sie nahmen ihre Sprache, ihren Dialekt mit, sie nahmen ihre Lebensgewohnheiten mit, sie nahmen ihre Siedlungsweise mit und vieles andere mehr, d. h. es fand ein wirklicher „Zivilisations-Export“ statt.

So kamen griechische Siedler nach Italien und in Kontakt zu den dort siedelnden Etruskern, welche das griechische Alphabet übernahmen. Diese lernten so auch Kunststile und Kunsterzeugnisse im griechischen Stil kennen und produzierten sie nach. Solche Dinge sind uns etwa in den etruskischen Nekropolen der heutigen Toskana erhalten. Aus den Funden dortiger Vasen können wir erkennen, wie sich diese Kulturkontakte tatsächlich dann archäologisch niederschlugen.

Die frühe römische Geschichte ist daher gerade mit Blick auf diese Kolonisation sehr eng mit der griechischen Geschichte verbunden. Doch zur römischen Geschichte kommen wir gleich.

Obwohl etwa die griechische Kolonisation auch in den Heimatpoleis entstandene Probleme milderte, gab es doch in bestimmten Regionen weiter eine dramatische Bevölkerungszunahme, die zu Problemen in der Heimatpolis führte: Landknappheit, Versorgungsengpässe usw. So kam es in den griechischen Heimatpoleis, in den Mutterstädten, im 7. und 6. Jhd. v. Chr. zu wachsenden Problemen. Die Gründe sind vielschichtig:

Verarmung der Bauern, neue Kriegsführung und Staatssklaventum

Die Konkurrenz der Adeligen untereinander eskalierte. Dazu kamen die wachsende Verschuldung des Kleinbauerntums und vor allem aber eine Veränderung der Kriegsführung. An die Stelle der adeligen Zweikämpfe trat die sogenannte Phalanx, d. h. die Kriegsführung in geschlossenen Reihen. Diese Reihen wurden nun nicht mehr von den Aristokraten gebildet, sondern von den Hopliten, gewissermaßen der bürgerlichen Mittelschicht. Wer aber den Kopf hinhält für sein Gemeinwesen, der will auch mitbestimmen, der will auch etwas zu sagen haben. Und so bildeten sich als Folge der Veränderungen der Kriegsführung politische Reformen und Bewegungen heraus. Die können wir am besten in Athen erkennen.

Im frühen 6. Jhd. v. Chr. war es der berühmte Solon, der Philosoph und Denker, der aber hier zunächst als Politiker, als „Schlichter“ eine innere Reform in Athen durchführt. Er entschuldet dabei vor allem das Bauerntum und führt eine Neuordnung der Bürgerschaft mit dem Ziel durch, mehr Bürgern Teilhabe am politischen Geschäft zu ermöglichen. Eine ganz andere Entwicklung sehen wir etwa in Sparta. Sparta hatte sich im 8. und 7. Jhd. v. Chr. auf der Peloponnes zur führenden Macht entwickelt, dabei seine Nachbarvölker erobert und zum Teil versklavt und als so genannte Heloten zu spartanischen „Staatssklaven“ gemacht.

In Sparta gab es ein Doppelkönigtum, ein Miteinander von zwei Königen, die zusammen mit 28 angesehenen Alten in der sogenannten Gerusia, dem Ältestenrat, saßen. Dieser bestimmte maßgeblich die Geschäfte des Gemeinwesens. In Sparta gibt es nicht wie in Athen Prozesse, die bei Solon angefangen zur Demokratisierung Athens im 5. Jhd. v. Chr. führten.

Die Tyrannis

Wie in Athen eskalierten aber auch in anderen Poleis, wie z. B. in Korinth, die genannten inneren Konflikte. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen den wenigen Adelsherren und der Bürgerschaft. Bisweilen konnten sich aristokratische Einzelherrscher etablieren, sogenannte Tyrannen; in Athen etwa das Geschlecht der Peisistratiden zwischen 565 und 510 v. Chr. oder in Korinth das Geschlecht der Kypseliden oder auf der Insel Samos der berühmte Tyrann Polykrates. Wir kennen ihn alle wegen seiner „Ballade“, die aus der Feder Friedrich Schillers stammt.

Die Tyrannis, die wir in verschiedenen, vor allem in den größeren griechischen Poleis antreffen, kann man als eine ins Extreme gesteigerte aristokratische Einzelherrschaft bezeichnen, die aber nicht notwendig mit Gewalt und Unterdrückung einhergeht. So fällt z. B. in die Zeit der peisistratidischen Tyrannis in Athen im 6. Jhd. eine wirkliche Blüte Athens, der Aufstieg Athens zu einer Großpolis, die Entwicklung eines florierenden Siedlungsniveaus, die Gründung des Währungswesens und vieles andere.

Die großen Feste entstehen in dieser Zeit (die Dionysien und Panathenäen), die Akropolis wird wahrscheinlich mit dem alten Athena-Tempel bebaut. Das Ende der Tyrannis in Athen im Jahre 510 v. Chr. ist dann auch nicht eine Art Befreiung gewesen. Nicht zufällig wird durch ein Eingreifen von außen, nämlich von Sparta die Tyrannis in Athen beendet.

Was danach, in den nächsten hundert Jahren kommt, hat, wenn man so will, weltgeschichtliche Bedeutung. Es entsteht die athenische Demokratie, die bis in unsere Tage hinein als eine Art Vorbild, zumindest aber Vorläufer der heutigen, in der westlichen Welt gängigen und angesehensten Form der politischen Selbstorganisation gilt.

Die attische Demokratie

Zunächst müssen wir die 508/07 v. Chr. von einem Aristokraten namens Kleisthenes durchgeführten Reformen erwähnen. Sie sind gewissermaßen die Initialzündung, die den Demokratisierungsprozess in Athen beschleunigt.

Die Bürgerschaft wird neu geordnet. Ein sogenannter „Rat der 500“ wird gebildet, in den alle athenischen Bürger Eingang finden. Es wird außerdem der berühmte, sogenannte Ostrakismos installiert, das „Scherbengericht“, mit dem die Volksversammlung in Athen missliebige oder etwa in den Verdacht einer Tyrannis geratene Mitbürger in die Verbannung schicken kann.

Die Zeit der Demokratisierung Athens fällt mit der Zeit der größten Bedrohung der Griechen zusammen, der bereits erwähnten Perserkriege. Auslöser dieser Perserkriege waren Aufstände an der Westküste der heutigen Türkei, in Ionien. Dort lagen griechische Poleis, die zum Perserreich gehörten und die sich vom Joch der Perser befreien wollten. Natürlich riefen sie die ionischen Athener zu Hilfe, die damals bereits über eine große Flotte verfügten. Auf diese Weise entstand ein Konflikt, der das gesamte griechische Mutterland mit den Persern in eine kriegerische Auseinandersetzung verwickelte. In der berühmten Schlacht des Jahres 490 v. Chr. bei Marathon nördlich von Athen, gewissermaßen vor der Haustür der sich gerade demokratisch gestaltenden Polis, gelang dem Athener Miltiades der große Sieg über die Perser.

Damit löste er weitere kriegerische Bewegungen aus. Denn nach dieser Niederlage beschlossen die Perser eine groß angelegte Invasion in Griechenland, die dann in zwei weiteren Schlachten in den Jahren 480 und 479 v. Chr. von den Athenern, den Spartanern und den übrigen Griechen, die sich nun erstmals in einer Art panhellenischer Selbstorganisation zusammengefunden hatten, siegreich beendet werden konnten.

Was folgte? Folgte jetzt eine große Friedenszeit, ein friedliches Miteinander der nun gewissermaßen miteinander vereinten griechischen Poleis? Nein! Wie so oft folgten den gemeinsamen Siegen Auseinandersetzungen, innere Konflikte, eskalierende Rivalitäten.

Athen hatte Geschmack gefunden am Siegen, betrachtete sich als Hegemonialmacht und machte diesen Platz der traditionellen Hegemonialmacht Sparta streitig. Der Rest des 5. Jahrhunderts besteht in einer Art Wettrüsten, in einer expansiven Politik der Athener einerseits und spartanischen Reaktionen andererseits.

Dieser sogenannte Dualismus wurde maßgeblich von Perikles, dem berühmten Staatsmann und Strategen, angetrieben, der in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. zielstrebig und planmäßig den Konflikt eskalieren ließ. Das führte zu dem wahrscheinlich ersten großen „Weltkrieg“ der Antike – so kann man ihn nennen – dem Peloponnesischen Krieg der Jahre 431 - 404 v. Chr. Das war ein veritabler „Weltkrieg“ aller Griechen. Am Ende hatte Athen seine Hegemonialstellung eingebüßt.

Alexander der Große, Hellenismus und Diadochenreiche

Das 4. Jhd. v. Chr. ist dann eher eine Zeit des Niedergangs der Großpoleis in Griechenland. Athen und Sparta verlieren ihre Vorrangstellung, andere Poleis versuchen, in die entstandene Lücke zu rücken, wie etwa Theben. Aber nicht zuletzt durch die Einflussnahme des Perserkönigs geht der Niedergang der griechischen Poleis weiter. Am Ende des 4. Jahrhunderts steht dann geradezu zwangsläufig der Aufstieg einer neuen Macht. Das ist nicht zufällig eine monarchische Macht, das Königreich Makedonien.

Die Schwäche der griechischen Polis ist gewissermaßen die Voraussetzung für die Hegemonie Makedoniens, das Großreich Alexanders des Großen und die gesamte Epoche des Hellenismus, die dann die letzten drei Jahrhunderte v. Chr. beherrschen wird.

Mit dem Namen Alexanders des Großen verbindet sich eine neue Epoche, die Epoche des Hellenismus, die im gesamten Orient „Akkulturationsprozesse“ einleitete, d. h. vor allem die Ausbreitung griechischer Kultur und Sprache, Kulturbegegnungen zwischen dem Orient und den Griechen. Völkerschaften von Iran bis nach Judäa, Indien und Arabien gerieten nun in den Kontext griechischer Kultur, griechischer Politik, aber auch griechischen Herrschaftsstrebens. Alexander durchmaß die antike Welt bis an die Grenzen, die er erforschen wollte. Aber bevor er sein Riesenreich organisieren konnte, starb er bereits im Jahre 323 v. Chr. in Babylon.

Seine wichtigsten Helfer und Gefährten rivalisierten anschließend um die Nachfolge dieses rasch entstandenen Riesenreiches. Diese Nachfolger, die so genannten Diadochen, teilten dann Alexanders Reich untereinander auf. Es entstanden vor allem drei größere Reiche: Die Reiche der Antigoniden in Makedonien und Griechenland, das Herrschaftsgebiet der Seleukiden im heutigen Iran und in Kleinasien im Bereich der heutigen Türkei und schließlich das Reich der Ptolemäer in Ägypten mit Außenbesitzungen in Zypern und Kleinasien.

Im Laufe der Zeit kamen kleinere Königtümer hinzu. Das uns am besten bekannte ist jenes der Attaliden von Pergamon, deren reiche Hinterlassenschaften uns im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild der hellenistischen Kultur vermitteln.

Die griechischen Poleis waren nur noch ihrem plakativen Anspruch nach souverän. Sie waren längst Untertanen der Monarchen geworden und verwandten ihre Kräfte darauf, ihre „innere Siedlung“ auszubauen, ihr inneres Niveau zu halten, ihre in der Tat kleinen kommunalen Angelegenheiten selbst zu regeln. Alles andere, was wichtig war, entschieden jetzt die königlichen Funktionäre oder die Könige selbst.

DER AUFSTIEG ROMS

Im Zuge der hellenistischen Auseinandersetzungen, insbesondere auch zwischen den Monarchen selbst, schwächte sich der gesamte griechische Osten derart, dass man eine neuentstandene Macht aus dem Westen zu Hilfe rief, um Einfluss zu nehmen. Das waren die Römer. Die Zeit des Hellenismus ist zugleich die Zeit des Ausgreifens der Römer in den griechischen Osten. Das Ende des Hellenismus im Jahre 30 v. Chr., als Oktavian (der spätere Augustus) in Alexandria auf Kleopatra traf, die sich, nachdem der Römer sich ihr verweigerte, das Leben nahm, markiert zugleich auch den Beginn der wahrhaft „provinzialen“ Herrschaft der Römer im gesamten griechischen Osten.

Bevor die Römer auf diese Weise zu den unumschränkten Herren der antiken Welt geworden waren, hatten sie einen erstaunlichen Weg zurückgelegt. Diesen Weg müssen wir uns kurz ansehen.

Seit dem 7. Jhd. v. Chr. hatte sich Rom, eine zunächst bescheidene Siedlung am Flusse Tiber, zu einer Großmacht entwickelt. Der Siedlungskern des späteren Rom liegt im Kern der heutigen Großsiedlung Rom, nämlich um den Bereich Forum Romanum und die beiden Hügel Palatin und Kapitol. Dort finden wir die frühesten Siedlungsspuren aus dem 8. Jhd. v. Chr.

Im Laufe der Zeit legte man das Forums-Tal trocken. Man errichtete die ersten Heiligtümer auf dem Kapitol. Man wuchs zu einem Gemeinwesen zusammen, das allerdings bis zum späteren 6. Jhd. v. Chr. unter der Herrschaft der etruskischen Könige stand.

Erst nach der Vertreibung der etruskischen Könige entsteht das, was die Römer als ihre „Res Publica“ bezeichnen, als ihre Republik, als ihren Staat. Sie selbst haben in späterer Zeit das Jahr 509 v. Chr. als Beginn dieser republikanischen Frühzeit und das Ende der Königszeit der Etrusker gefeiert und zelebriert.

Senatoren und Plebejer

Rom behauptete sich im 5. und 4. Jhd. v. Chr. in vielen kleinen Kämpfen und Auseinandersetzungen gegen seine Nachbarn, gegen etruskische Städte wie Veji, aber auch gegen andere Siedlungen in Latium und Kampanien. Rom erlebt in dieser Zeit einen äußeren Aufstieg und eine innere Entwicklung, die nun nicht wie in Athen zur Demokratie führt, aber zur Entwicklung eines stabilen inneren Gemeinwesens mit politischer und sozialer Partizipation der wichtigsten Gruppen.

Die wichtigsten Gruppen waren die so genannten Patrizier, die „altsenatorischen“ Geschlechter, die Aristokraten, auf der einen Seite und die Plebejer, das einfache Volk, auf der anderen. Im Zuge der sogenannten „Ständekämpfe“ fanden diese beiden Gruppen im Jahr 367 zu einem spektakulären Ausgleich. Die alten senatorischen Gruppen waren nun bereit, auch den Plebejern Anteil an der Politik, an der Ausgestaltung des Gemeinwesens zu geben.

Diese innere Konsolidierung ermöglichte es den Römern im 4. und 3. Jhd. v. Chr., alle äußeren Herausforderungen siegreich zu überstehen: Vor allem die Kriege gegen Latiner und Samniten in Italien, Auseinandersetzungen mit den von Norden her einwandernden Kelten und schließlich vor allem die großen Auseinandersetzungen mit der inzwischen im Westen groß gewordenen Handelsmacht Karthago. Letzteres sind die sogenannten Punischen Kriege im 3. Jhd. v. Chr., in denen Rom an den Rand einer existentiellen Niederlage gebracht wird, aber auf Grund des letzten Endes erfolgreich errungenen Sieges zur alleinigen Groß-macht im Westen aufsteigen kann.

Die Punischen Kriege

Der Erste Punische Krieg, der gegen Karthago 264-241 v. Chr. geführt wurde, erbrachte eine Schwächung Karthagos und dessen Rückzug von der Insel Sizilien, wo man bisher Stützpunkte unterhalten hatte. Danach konzentrierten sich die Karthager auf Spanien. Von hier aus unternahm der berühmte karthagische Feldherr Hannibal dann den Versuch, doch noch einen Sieg über die Römer zu erringen.

Dies ist der sogenannte Zweite Punische Krieg von 218-201 v. Chr. mit der berühmten Schlacht von Cannae im Jahre 216 v. Chr. In diesem Moment stand in der Tat das Schicksal der Römer auf des Messers Schneide.

Aber weil sich die Bundesgenossen der Römer in Italien als loyal erwiesen, gelang es ihnen tatsächlich, Hannibal letzten Endes zu besiegen. Bis zum Jahr 202 v. Chr. zogen sich die militärischen Auseinandersetzungen hin. Dann wurde durch die Schlacht von Zama 202 v. Chr. der endgültige Niedergang Karthagos besiegelt.

Damit war Rom zur Vormacht im Westen geworden. Dies war wiederum die Voraussetzung für das bereits erwähnte Ausgreifen der Römer in den griechischen Osten.

Ordnungsmacht im griechischen Osten

In der Forschung wird nun bis heute darüber gestritten, ob die Römer planmäßig eine expansionistische Politik betrieben hätten. Gab es einen römischen Imperialismus, gab es eine planmäßige Eroberungspolitik, wollte Rom Großmacht werden?

Immer wieder gibt es Gelehrte, die diese These vertreten. Aber die besseren Argumente hat die Gegenseite für sich. Man kann im Laufe der Jahrhunderte tatsächlich nachweisen, dass die Römer meistens ad hoc reagierten, dass sie auch zurückhaltend waren, dass sie Regionen nicht annektierten, sondern sich auch mit einer Form der indirekten Herrschaft zufrieden gaben.

Die „Provinzialisierung“ der antiken Welt ist ein sehr langwieriger, schleichender Prozess und keineswegs Resultat eines kontinuierlichen Expansionsstrebens der Römer. Das kann man gerade mit Blick auf den griechischen Osten gut nachweisen. Es sind immer wieder Hilferufe der Attaliden von Pergamon oder etwa der Insel Rhodos, die die Römer in den griechischen Osten holen. Auf diese Weise werden die Römer fast automatisch zu einer Art Ordnungsmacht.

Diese militärisch-politischen Vorgänge haben ihre Kehrseite in Form sozialer und kultureller Kontakte. Die Römer lernen die griechische Welt kennen, die griechische Kultur, die griechische Sprache. Provinzstatthalter der Römer, die im 2. Jhd. v. Chr. in die neu geschaffenen Provinzen nach Makedonien, nach Griechenland und nach Kleinasien gehen, bringen zusammen mit ihrem Stab bei ihrer Rückkehr griechische Kunsterzeugnisse nach Italien. Sie wirken gewissermaßen als Importeure griechischer Kultur nach Italien.

Wir finden hier die Voraussetzung dafür, dass so etwas wie eine homogene, antike griechisch-römische Kultur entsteht. Das hat langfristige Auswirkungen. Es hat letzten Endes vor allem zur Folge, dass wir in der römischen Kaiserzeit ein stabiles Imperium Romanum haben, in dem Griechen und Römer zusammenleben können.

Die Krise der römischen Republik

Ganz soweit sind wir jedoch noch nicht. Zunächst erlebte Rom eine innere Krise als Resultat dieses äußeren Ausgreifens. Denn Rom war von seiner Struktur her immer noch ein Stadtstaat. Es war mit einer relativ kleinen Führungsschicht, mit einer relativ kleinen Bevölkerung versehen und musste immer mehr Personal in die Welt schicken, vor allem in die neuen Provinzen: Sizilien, Spanien, Makedonien, Griechenland, Asia (also ins westliche Kleinasien). Das überforderte die Personalmöglichkeiten Roms und führte nahezu zwangsläufig zu einer Krise des inneren Gemeinwesens.

Vor allem auch die häufig langwierigen Kriege im Osten führten dazu, dass das alte System des römischen Milizheeres, der sich selbst ausrüstenden Bauern und Bürger, nicht mehr funktionieren konnte. Denn wie sollte man Felder bestellen, wenn die Bauern jahrelang gar nicht zu Hause waren?

So entstand die sogenannte Krise der römischen Republik seit dem späten 2. Jhd. v. Chr. Es bildeten sich die „Einzelherrschaften“ großer exponierter Militärs und Politiker heraus wie Marius, Sulla, Pompeius und Caesar, die unter Missachtung von Rechtsnormen und von Verfassungsregeln zum Teil jahrelang mit einer ihnen ergebenen Gruppe von Soldaten, mit eigenen Heeren, mit einer eigenen, militarisierten Klientel durch die antike Welt zogen und persönliche Ziele verfolgten.

Es gibt die These, dass Caesar gewissermaßen der „Exekutor“ einer natürlichen Entwicklung geworden ist. Er habe gar nicht anders gekonnt, als die Republik ihrem Untergang zuzuführen. Diese These hat manches für sich. Sie geht natürlich im Kleinen nicht immer auf, aber sie ist tatsächlich insofern plausibel, als die Krise der Republik sich so verschärft hatte, dass ein Mann wie Caesar nun in der Tat fast nur noch außerhalb der Regeln dieser Republik agieren konnte.

Caesar hat sich zum „Diktator auf Lebenszeit“ ernannt. Er hat eine Form von Einzelherrschaft in Rom errichtet, die – man kann es vermuten – vielleicht sogar in ein altrömisches Königtum hätte münden sollen. Jedenfalls war es der Verdacht, Caesar habe König werden wollen, der ihn schließlich sein Leben gekostet hat. Senatorische Verschwörer haben ihn an den so genannten „Iden des März“ (in der Mitte des März) 44 v. Chr. getötet.

Von der Republik zum Prinzipat

Mit diesem Ende der Republik, das mit dem Namen Caesars verbunden ist, beginnt etwas Neues. Und auch das Neue ist mit dem Namen Caesar verbunden. Denn es war der Adoptivsohn Caesars, Oktavian, der nun nicht zum „Exekutor“ der alten Republik wurde, aber zum Begründer von etwas Neuem. Dieses Neue nennen wir Prinzipat. Was ist das Neue an diesem Prinzipat?

Oktavian, als Adoptivsohn Caesars in eine Art „informeller Führungsstellung“ in Rom gebracht, hatte seine Lektion gelernt. Er durfte sich nicht dem Verdacht aussetzen, eine Monarchie anzustreben. Deshalb verzichtete er auch, als er sich schließlich gegen seine Mitkonkurrenten Antonius und Lepidus im Jahre 31 v. Chr. durchgesetzt hatte, darauf, in Kontakt mit der ptolemäischen Königin Kleopatra zu treten, den etwa Antonius und Caesar gepflegt hatten.

Kleopatra versuchte im Jahre 30 v. Chr., Oktavian von der Fortdauer eines ptolemäischen Königtums in Ägypten zu überzeugen. Oktavian hat das abgelehnt, den Verführungen der Kleopatra, die in den Filmen der Neuzeit vielfach ins Bild gesetzt worden sind, widerstanden.

Er hat stattdessen das alte ptolemäische Königreich Ägypten provinzialisiert, und zwar in ganz besonderer Weise: Er hat Ägypten gewissermaßen zur „Privatprovinz“ gemacht, zu einer Provinz, die nur von einem Statthalter verwaltet werden konnte und sollte, der von Augustus persönlich ernannt wurde.

Der Prinzipat ist nicht eine reine, klassische Monarchie, sondern er besitzt einen Kompromisscharakter. Oktavian hat im Jahre 27 v. Chr. in einer demonstrativen Maßnahme, öffentlichkeitswirksam in Rom ins Bild gesetzt, die „Res Publica“, den römischen Staat also, an Populus und Senatus – an Volk und Senat – zurückgegeben und sich dann mit Sondervollmachten ausstatten lassen, die in ihrer Summe quasi monarchisch waren, aber jedenfalls nach außen hin einen ganz anderen Charakter hatten.

Oktavian oder Augustus, wie er seit 27 v. Chr. heißt, ist auf diese Weise der Gefahr entgangen, wie Caesar aufgrund des Monarchie-Verdachtes ermordet zu werden.

Das Imperium Romanum des Augustus

Oktavian, wir wollen ihn von nun ab nur noch Augustus nennen, hat die Grundlagen für das Imperium Roma-num der anschließenden vier Jahrhunderte gelegt, die dann in die Spätantike münden und schließlich erst im 6. Jhd. in den Untergang des Imperium Romanum führten. Er hat völlig neue Strukturen geschaffen und dabei seine Lektionen aus der Geschichte der römischen Republik gelernt. Es gab unter Augustus kein römisches Bürgerheer mehr, sondern es entstand ein stehendes Herr von Berufssoldaten, das über das gesamte Imperium Romanum verbreitet war, insbesondere in den Grenzprovinzen: in Germanien, in Spanien, im Donauraum, in Syrien. Dort wurden jetzt Berufssoldaten stationiert, die mit einer Dienstzeit zwischen 16 und 20 Jahren die Dauer der römischen Herrschaft sicherten und garantierten.

Augustus hat daneben eine Verwaltung aufgebaut, die nun den stadtstaatlichen Charakter der römischen Republik ad acta legte und tatsächlich eine Reichsverwaltung wurde, eine Reichsverwaltung mit einem eigenen Stab, mit einer Ausdifferenzierung von Verwaltungsbeamten auf den Gebieten der Rechtsprechung, des Finanzwesens, des Steuerwesens usw. Wir finden hier manche Grundlagen, die in die neue Zeit hinein weisen.

Augustus hat auf diese Weise ein Kaisertum oder ein Kaiserreich etabliert, das, jedenfalls nach seiner eigenen ideologischen Botschaft, viele Fäden aus der Republik weiterspinnen konnte. Es gab weiterhin einen Senat, es gab weiterhin eine Volksversammlung, es gab auch weiterhin Konsuln. Die hatten zwar in ihrer Summe nicht mehr viel zu sagen, aber sie hatten zumindest den Vorteil, den Eindruck zu erwecken, dass die römische Republik noch existierte. Unter Augustus entsteht so ein reichsweites, weltweites (so kann man sagen) Imperium Romanum, das von Spanien im Westen bis nach Syrien im Osten reicht, von Germanien im Norden bis nach Nordafrika und Ägypten im Süden.

Augustus hat einen berühmten Tatenbericht verfasst, seine sogenannten „Res Gestae“, die wir besitzen, weil sie inschriftlich reichsweit publiziert worden sind. Wir haben ausreichend große Reste dieser Inschrift, die vor allem in der Hauptstadt der heutigen Türkei, in Ankara, gefunden worden sind.

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Дата выхода на Литрес:
30 июля 2025
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133 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783831256020
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