Читать книгу: «Ben und Lasse - Agenten hinter Schloss und Riegel»
Harry Voß
Ben & Lasse
Agenten hinter Schloss und Riegel
Harry Voß, Jahrgang 1969, ist seit 1995 als Kinderreferent hauptamtlich für den Bibellesebund e.V. tätig. Auf seinen Lesetouren und bei Kinderbibelwochen, Kinderfreizeiten und Bibelactionpartys ist er als Gitarre spielender Geschichtenerzähler unterwegs.
Nach dem Megaseller Schlunz hat Harry Voß mit Ben & Lasse eine neue erfolgreiche Buchreihe für Kinder ab 8 Jahre ins Leben gerufen.
Mit seiner Familie lebt Harry Voß in Gummersbach.
Impressum
© 2018 Verlag Bibellesebund Marienheide
und SCM Verlag in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen
© 2019 der E-Book-Ausgabe
Bibellesebund Verlag, Marienheide
https://shop.bibellesebund.de/
Coverillustration: Georg Design, Münster (www.georg-design.de)
Covergestaltung: Luba Siemens, Marienheide
ISBN 978-3-95568-314-6
Hinweise des Verlags
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des Textes kommen.
Noch mehr eBooks des Bibellesebundes finden Sie auf
https://ebooks.bibellesebund.de
Inhalt
Titel
Impressum
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
1
„Da kommt der Zug!“
Ich weiß nicht, wer in diesem Augenblick am meisten aufgeregt ist: Mein kleiner Bruder Lasse, der schon seit einer halben Stunde auf dem Bahnsteig herumhüpft, als würde das Abenteuer seines Lebens beginnen? Meine Mutter, die mir inzwischen schon einhundert Mal gesagt hat, wo wir umsteigen sollen und dass ich auf jeden Fall immer auf meinen Bruder aufpassen muss? Oder ich selbst, der ich zum ersten Mal ohne meine Eltern so eine weite Strecke mit dem Zug fahre?
„Pass auf, Lasse!“ Mama fasst Lasse an der Schulter und zieht ihn einen Schritt von der Bahnsteigkante weg.
Lasse greift mit den Daumen unter die Trageriemen seines kleinen Rucksacks und atmet einmal tief ein und aus. „Das wird klasse!“, schnauft er und schaut mich mit großen Augen an. „Was, Ben?“
Ich bin im Moment nicht in der Lage, etwas Sinnvolles zu antworten. Auch ich halte die Träger meines Rucksacks fest umschlossen. Ich starre auf die weiße Schnauze der Bahn, die zwar noch in einiger Entfernung, aber eben doch schon deutlich zu sehen ist. Und damit ist klar: Ab jetzt gibt es kein Zurück mehr. Lasse und ich werden uns mutig und entschlossen ohne Mama und Papa auf den Weg zu Oma machen. Sie wohnt in Hasewinkel. Das bedeutet, wir müssen von hier aus erst mal mit dem ICE, also einem sehr, sehr schnellen Zug, bis Köln fahren. Dort steigen wir aus, haben fünfzehn Minuten Zeit, um in den nächsten Zug umzusteigen, der dann bis Bielefeld fährt. Dort holt uns Oma mit dem Auto ab und bringt uns in ihr Dorf. Fahrzeit insgesamt: dreieinhalb Stunden. Die genaue Reiseroute habe ich in der Seitentasche meines Rucksacks. Dort steht auch, auf welchem Gleis wir in Köln ankommen und von welchem Gleis wir dort weiterfahren müssen. Ist eigentlich ganz einfach. Zumindest für einen Agenten wie mich. Dazu muss man wissen: Wenn ich groß bin, will ich Polizist werden. Wie mein Papa. Der ist jetzt schon Polizist, bringt Verbrecher ins Gefängnis, verfolgt kriminelle Jugendliche und passt auf, dass unser Ort vor Einbrechern geschützt ist. Ich selbst bin auch gut in allem, was ein Polizist können muss: Ich kann gut beobachten, ich kann Menschen heimlich verfolgen, ich kann herausfinden, wer wann was gemacht hat und warum. Na gut, meistens handelt es sich bei den Dingen, die ich untersuche, nicht um Verbrechen. Sondern darum, wer zum Beispiel schon am Nachtisch gefuttert hat, wenn er nach dem Mittagessen auf den Tisch kommt. Eine tiefe Grube im Pudding in der Schüssel, ein abgeleckter Löffel, ein sechsjähriger Junge am Esstisch mit Puddingspuren im ganzen Gesicht, der knallrot wird, wenn Mama streng fragt: „Wer hat denn hier schon aus der Schüssel genascht?“ Spur eins, Spur zwei, Spur drei, kurz überlegen, kombinieren – fertig sind die Ermittlungen: mein kleiner Bruder Lasse ist der Täter. Vielleicht sollte ich noch anmerken, dass Lasse glaubt, ebenfalls ein Agenten zu sein. Natürlich ist er mit seinen Erstklässler-Fähigkeiten noch nicht so weit wie ich. Wenn er sein Portmonee sucht und es nicht sofort findet, platzt er in mein Zimmer: „Du hast meinen Geldbeutel geklaut! Gib’s zu!“ Und wenn ich dann frage: „Wie kommst du denn darauf?“, kommen so Hinweise wie: „Du guckst schon so grimmig wie ein Dieb!“ oder: „In meinem Zimmer liegt er nicht, also muss er ja bei dir sein!“ Wenn ich ihn dann frage, wann er seinen Geldbeutel zuletzt in der Hand gehabt hat, sagt er zum Beispiel: „Gestern, als ich mit Finn ein Eis gekauft habe!“ Dann gehe ich zu Lasses Jacke, und – zack – ziehe ich sein Portmonee aus der Jackentasche. „Den hast du da reingesteckt!“, knurrt mein Bruder dann, weil er nicht zugeben kann, dass er eben doch noch nicht so schlau ist wie ich. Na ja. Das lernt er schon noch. Ich bin immerhin schon elf Jahre alt und gehe in die fünfte Klasse. Klar, dass ich da schon mehr drauf habe als angehender Polizist. Darum habe ich mir vor einiger Zeit mal selbst einen Anstecker hergestellt mit der Aufschrift: „Agent Benjamin Baumann“. Mein Bruder hat daraufhin so lange gebettelt, bis ich ihm auch einen Anstecker gebastelt habe: „Agent Lasse Baumann“. Den habe ich ihm dann zu Weihnachten geschenkt. Und seitdem trägt Lasse ihn Tag und Nacht. Auch jetzt, wo wir am Bahnsteig stehen und auf den herandonnernden Zug starren wie das Kaninchen auf die Schlange.
„Vorsicht“, sagt Mama und zieht Lasse noch ein Stück zurück, obwohl wir meiner Meinung nach wirklich weit genug von der Bahnsteigkante entfernt stehen.
Der Zug brettert mit einer Geschwindigkeit an uns vorbei, dass uns die Haare fliegen. Lasse lacht. „Ich bin so aufgeregt“, sagt er für heute etwa zum tausendsten Mal. Dabei schaut er mich an, als wollte er von mir ein „Ich auch“ hören. Ich sage aber nichts. Ja, ich bin auch aufgeregt. Aber anders als Lasse. Und ich finde, als großer Bruder darf ich das nicht zeigen. Vor allem darf ich Mama keine Spur von Angst oder Aufregung zeigen, sonst macht sie sich noch mehr Sorgen als sowieso schon. Ja, ich habe ein bisschen Angst, dass wir den richtigen Bahnhof zum Umsteigen verpassen. Ja, ich bekomme jetzt schon Schweißausbrüche, wenn ich daran denke, wie wir auf dem riesengroßen Bahnhof in Köln das richtige Gleis zum Weiterfahren suchen und mein kleiner Bruder ausgerechnet dann aufs Klo muss oder sonst irgendwelche Schwierigkeiten macht. Ich starre auf den weißen Riesen von einem Intercity-Express und versuche, in die vorbeifliegenden Fenster zu schauen. Sie sind aber dunkel getönt, darum kann ich fast nichts erkennen, außer es sitzt jemand direkt am Fenster und schaut heraus.
Der Zug bremst. Eisen quietscht. Aus den Lautsprechern macht jemand eine Durchsage, aber die Bremsen des Zuges sind so laut, dass ich kein Wort verstehe.
Mama hält Lasse mit beiden Händen an den Schultern fest, als wollte sie verhindern, dass der Fahrtwind der Bahn ihn mitreißt und hinauf in den weiten Wolkenhimmel schießt.
Endlich ist der Zug stehen geblieben. Es ist 9 Uhr 45. Die Menschen auf dem Bahnsteig versammeln sich vor den Türen und drängeln, als gingen sie davon aus, dass nur die ersten zehn Leute mitgenommen werden. Die Türen öffnen sich, Menschen steigen aus. Einige tragen Koffer, einige zischen ohne Gepäck und mit Kopfhörern in den Ohren nach draußen, ohne nach rechts und links zu schauen. Manche schleppen sich mit dem Gepäck ab. Ein Mann, der draußen steht, hilft einer alten Dame, die sich mit ihrem Koffer plagt, beim Aussteigen. Dann quetschen sich die Menschen von draußen durch die Tür nach innen. Ich habe jetzt schon Angst, dass wir nicht mehr mit reinkommen, wenn sich alle vordrängeln und wir bis zum Schluss hier stehen.
„Also, dann macht’s gut“, sagt Mama und bemüht sich, tapfer zu lächeln. Ich sehe es ihren Augen an, dass sie mindestens so aufgeregt ist wie wir. „Ben, du weißt, dass ihr eine Platzreservierung habt, ja?“
„Ja, Mama, das weiß ich.“
„Wagen fünf, Platz 251 und 252.“
„Ja, Mama.“
Sie drückt mich kurz und fest an sich und flüstert mir ins Ohr: „Pass auf Lasse auf.“
„Ja“, knurre ich. So was können nur Erwachsene sagen. Natürlich passe ich auf Lasse auf. Er ist doch mein Bruder! Das würde ich auch tun, wenn Mama es mir nicht im Fünf-Minuten-Takt eintrichtern würde.
„Und meldet euch, wenn ihr angekommen seid.“
„Ja, machen wir.“
„Wo ist dein Handy, Ben?“
„In der Hosentasche.“
„Steck es lieber in den Rucksack. Nicht dass es dir noch rausfällt oder gestohlen wird.“
„Ich pass schon auf.“
Mama drückt Lasse an sich, als sähe sie ihn zum letzten Mal in ihrem Leben. „Tschüss, Kleiner“, haucht sie in seine Haare hinein. „Passt auf euch auf.“
„Ich bin nicht klein“, quakt Lasse. Aber er drückt sich an Mama wie ein Kleinkind, das seinen ersten Tag im Kindergarten vor sich hat. „Außerdem ist Ben ja bei mir.“
Mama lässt Lasse los und wuschelt ihm über den Kopf. „Ja, das stimmt.“ Sie lächelt mich noch einmal an und ich sehe, dass sie feuchte Augen hat. Jetzt bloß nicht heulen, Mama, sonst heule ich auch! Mamas dürfen nicht heulen! Mamas müssen immer stark sein und die ganze Welt samt ihren Kindern auf den Schultern tragen. Mamas schaffen doch alles. Sie schleppen kranke Kinder zum Arzt, zur Not auch zwei gleichzeitig! Sie haben immer ein Pflaster und ein Taschentuch dabei, können immer trösten und aufgeschlagene Knie gesund pusten. Sie können kochen und dabei Geschichten vorlesen. Sie haben immer alle Termine im Kopf, wissen von allen Kindern dieser Stadt, wo sie wohnen, kennen sich mit den Hausaufgaben aller Schulfächer aus und wissen immer, an welchem Tag welches Kind welche Bücher in seiner Schultasche haben muss. Sie rufen bei Eltern von frechen Kindern an und sagen ihnen, dass die uns in Ruhe lassen sollen. Sie rufen bei Lehrern an und schimpfen, wie sie es wagen können, so viele und so schwere Hausaufgaben aufzugeben. Sie können zur gleichen Zeit bügeln und einen Film im Fernsehen schauen und obendrein Vokabeln abfragen. Und das alles, ohne zu jammern, zu klagen oder zu schwitzen. Und dann, bitte, sollen sie auch nicht losheulen, wenn große, elfjährige Jungen einmal mit ihrem Bruder in einen Zug einsteigen! „Ihr schafft das“, sagt sie zu mir und will mir auch noch mal mit der Hand über den Kopf fahren. Ich ziehe den Kopf schnell zurück. Ich bin doch kein Erstklässler und außerdem soll sie meine Frisur nicht zerstören. „Klar“, sage ich kurz.
„Jo, wir schaffen das!“, brüllt Lasse fröhlich wie Bob der Baumeister auf seiner Lieblings-CD.
Das Gedränge an der Tür ist weniger geworden. Jetzt stellen Lasse und ich uns einfach zwischen die Menschen und lassen uns mit ihnen durch die viel zu enge Tür quetschen.
Etwas klimpert auf dem Boden. Lasse, der gerade die letzte Stufe nach oben erklommen hat, dreht sich um und schaut auf den Steinboden: „Mama, ich habe meinen Anstecker verloren!“
„Welchen Anstecker?“
„Meine Agentennadel! Da!“ Lasse zeigt auf die kleine Plakette auf dem Boden, die jetzt vom Wind angehoben und zur Seite gepustet wird.
Mama achtet nicht darauf: „Das geht jetzt nicht mehr. Der Zug fährt gleich los!“
Lasses Stimme wird sofort weinerlich: „Mama, mein Anstecker!“
Mama geht einen Schritt auf den Anstecker zu, da fliegt er noch ein Stück weiter Richtung Bahnsteigkante. Beim nächsten Windstoß wird er unter dem Zug landen. „Den krieg ich jetzt nicht mehr, Lasse. Ihr müsst euch beeilen.“
„Ich will meinen Anstecker!“ Lasse heult los, als hätte ihn jemand geschlagen.
Wenn das mit meinem Bruder so weitergeht, hab ich jetzt schon keine Lust mehr.
„Ben macht dir einen Neuen“, ruft Mama. Ihre Falten auf der Stirn zeigen, dass sie auch gleich am Ende ihrer Nerven ist.
„Nein, ich will diesen Anstecker!“
Ein junger Mann, der auf dem Bahnsteig steht und uns zugesehen hat, macht einen Schritt nach vorne und tritt genau auf den Anstecker. Dann bückt er sich, hebt ihn auf und reicht ihn Lasse.
„Danke“, schnieft Lasse und im nächsten Augenblick schließt sich die Tür. Durch die Scheibe sehe ich, dass Mama uns noch etwas hinterherruft, aber ich verstehe sie nicht mehr. Und schon setzt sich der Zug in Bewegung und fährt los. Es ist 9 Uhr 48.
„Komm jetzt“, sage ich und ziehe Lasse kurz am Ärmel. Wir quetschen uns ins erstbeste Zugabteil und gehen den Gang entlang. „Wehe, du verlierst ihn noch einmal.“
„Ich kann nichts dafür.“ Lasse zieht die Nase hoch und folgt mir.
„Trotzdem. Wenn wir beim nächsten Bahnhof wegen deiner blöden Agentennadel den Zug verpassen, dann kriegst du Ärger!“
„Das ist keine blöde Agentennadel. Du hast sie mir hergestellt!“
„Hergestellt“, wiederhole ich verächtlich. Ich hab sie in fünf Minuten mit der Bastelschere aus Goldpapier ausgeschnitten und dann mit Tesafilm eine Sicherheitsnadel hinten dran geklebt. Aber hätte ich gewusst, dass das für Lasse so ein Heiligtum wird, dann hätte ich sie wohl besser aus Stahl herstellen lassen. „Steck sie in deine Jackentasche und zieh den Reißverschluss zu. Ich schau nachher mal nach, wie wir den Verschluss fester machen können. Okay?“
„Okay.“ Das klingt schon wieder etwas beruhigter. Ein Glück. Einen heulenden Lasse kann ich jetzt beim besten Willen nicht gebrauchen.
2
Hier im Zugabteil sind bestimmt hundert Reihen hintereinander. Immer zwei Sitze nebeneinander, dann ein schmaler Gang, dann wieder zwei Sitze. Der Boden ist mit Teppich belegt. Alles riecht neu und modern. Ungefähr in der Mitte des Abteils sind jeweils zwei Sitze einander gegenüber angebracht, dazwischen ein Tisch. Da können vier Leute zusammen sitzen und etwas spielen oder essen. Ab der zweiten Hälfte sind alle weiteren Sitze so, dass die Leute rückwärts fahren müssen. Ich gehe durch die Reihe und lese die Nummern, die über den Sitzen angebracht sind: „26 … 27 …“ Puh, bis 251 haben wir ja noch eine kleine Wanderung vor uns. Ein dicker Mann, der einen Rollkoffer vor sich herschiebt, kommt uns entgegen. An dem kommen wir nicht vorbei. „Macht mal Platz“, schnauzt er mich an.
Ich versuche, mich an den Sessel zu pressen, neben dem ich gerade stehe. Dort sitzen aber bereits zwei Frauen und essen je einen Hamburger. Der Mann passt immer noch nicht an mir vorbei.
„Kannst du nicht mal ordentlich Platz machen?“, faucht er mich noch mal an.
Ich beuge mich noch mehr zur Seite. Die Frau direkt neben mir bedeckt mir ihrer freien Hand den Hamburger und schaut mich streng an.
Der Mann mit dem Koffer drängt sich an mir vorbei, drückt mich mit meinem Rucksack aber so zur Seite, dass ich mit meinem Bauch auf dem Hamburger der ersten Frau und mit dem Kopf auf dem Hamburger der zweiten Frau am Fenster lande.
„Iiiih!“, quietschen die Frauen.
Als der Mann an mir vorbeigegangen ist und ich mich wieder aufrichten kann, habe ich einen Ketchup-Fleck auf der Jacke und eine Gurkenscheibe auf der Stirn. Ganz toll.
„Unverschämtheit“, zischt die erste Frau. Lasse lacht: „Ben, du bist ein Hamburger geworden!“
Es dauert mehr als zehn Minuten, bis wir an den Sitzen 251 und 252 angekommen sind. Auf einem der Plätze sitzt ein junger Mann mit brauner Haut und schwarzen Haaren, in seinen Ohren stecken Kopfhörer.
„Entschuldigung“, sage ich vorsichtig zu ihm. „Das sind unsere Plätze.“
Der Mann nimmt einen Kopfhörer aus dem Ohr: „Was?“
„Das sind unsere Plätze.“
„Was?“
Ich stöhne leise. Das darf doch nicht wahr sein. Hinter mir drängt sich Lasse an mich: „Was ist los?“
Ich deute mit dem Kopf auf den Mann mit den Kopfhörern. „Der da sitzt auf unseren Plätzen.“
„Warum?“
„Weiß ich doch nicht. Wahrscheinlich wusste er nicht, dass diese Plätze für uns reserviert sind.“
„Dann sag es ihm doch.“
„Hab ich!“
„Und warum geht er nicht?“
„Ich glaube, er versteht mich nicht.“
„Lass mich mal.“ Lasse drängt sich zu dem Mann vor. „Hallo?“
Der Mann zieht seine dunklen Augenbrauen hoch: „Ja?“
Lasse zeigt auf uns beide, dann auf die Plätze. „Wir sitzen hier!“
„Was?“
„Das sind unsere Plätze!“
„Hä?“
Ich schüttle den Kopf. „Vergiss es, Lasse. Der versteht uns nicht. Komm, wir setzen uns woanders hin.“
„Aber sonst ist alles besetzt!“
Hinter uns stehen inzwischen vier Leute und warten. „Wieso geht das da vorne nicht weiter?“, ruft einer.
Lasse zeigt auf den Mann auf unserem Sitz. „Der da sitzt auf unseren Plätzen!“
Ein Mann mit Glatze, der auf der anderen Seite des Ganges sitzt, erhebt sich und geht auf unseren Mann zu: „Ey, erheb dich, Alter, und lass die Kinder da sitzen! Verstanden?“
Der Mann zuckt zusammen und verteidigt sich mit vielen Worten in einer Sprache, die ich nicht kenne.
Der Glatzköpfige packt den Mann grob an der Jacke: „In unserem Land musst du dich an Regeln halten wie alle anderen auch!“ Er zieht ihn vom Sitz und stößt ihn in den Gang. Der Mann erklärt laut und aufgeregt etwas, das ich nicht verstehe. Ich sehe ihm an, dass er Angst hat. Aber weil der Glatzköpfige einen ziemlich muskulösen Oberkörper hat, wehrt er sich nicht. Er lässt sich in den Gang schubsen und fängt sich an einer der Sessellehnen auf. Er versucht weiter, irgendetwas zu erklären, aber der Glatzkopf schnauzt ihn an: „Halt’s Maul und verschwinde!“ Zu uns sagt er: „So, und jetzt setzt euch. Ist doch immer dasselbe mit denen.“ Dann wirft er dem Dunkelhaarigen noch mal einen drohenden Blick zu und setzt sich auf seinen Platz.
Lasse und ich ziehen umständlich unsere Rucksäcke aus, verstauen sie vor unsere Sitze und lassen uns erschöpft auf unsere Plätze fallen. Ich am Fenster, Lasse am Gang. Mir tut der Mann leid. Wenn er wirklich nicht verstanden hat, was wir von ihm wollten, dann weiß er auch nicht, warum er plötzlich von seinem Platz vertrieben wurde. Sicher denkt er, wir haben etwas gegen ihn. Hab ich aber nicht. Ich will nur sitzen. Und wenn Mama für uns schon einen Platz reserviert hat, dann ist es doch nur richtig, wenn wir auch dort sitzen. Oder?
„Der Arme“, sagt Lasse leise und hat anscheinend dasselbe gedacht.
„Ja“, sage ich und schaue aus dem Fenster. Für die nächsten zehn Minuten will ich einfach nur hier sitzen, über nichts nachdenken und über nichts reden.
„Wie lange fahren wir noch?“, fragt Lasse.
Ich schließe die Augen und muss mich erst mal erholen.
„Ben!“ Lasse klopft mir an den Arm. „Wie lange fahren wir noch?“
Ich stöhne. „Noch sehr lange, Lasse. Wir sind doch gerade erst eingestiegen! Wir fahren jetzt noch ungefähr eine Stunde in dieser Bahn, dann steigen wir in Köln aus und dort in einen anderen Zug. Und bis dahin sollst du mich nicht alle fünf Minuten fragen, wie lange es noch dauert. Okay?“
„Okay.“ Lasse schaut sich im Wagen um. „Sollen wir was spielen?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil ich mich jetzt erst mal ausruhen muss.“
„Ausruhen? Wovon denn? Wir sind doch gerade erst losgefahren!“
„Trotzdem. Die lange Suche nach unserem Platz und deine Aktion mit dem Anstecker und dann die Sache mit dem Mann, der hier gerade für uns rausgeworfen wurde – das muss ich jetzt erst mal verdauen.“
„Verdauen?“ Lasse kichert. „Verdauen kann man doch nur, wenn man was gegessen hat.“ Und dann plötzlich: „Au ja! Sollen wir was essen?“
Gibt es keinen Knopf, an dem man das kleine Plappermaul abstellen kann? Ich lasse die Augen geschlossen, während ich genervt antworte: „Nein.“
„Mama hat uns Brote geschmiert und Eier gekocht!“
„Das weiß ich. Aber ich habe noch keinen Hunger.“
„Ich hab aber Hunger!“
„Wir sind gerade erst in den Zug gestiegen“, seufze ich. „Da können wir nicht sofort mit essen anfangen!“
„Na klar können wir das!“
„Wir essen später!“
„Du hast nicht darüber zu bestimmen, wann ich esse!“
Ich verschränke die Arme und schaue zum Fenster raus. Mach doch, was du willst, denke ich. Der Zug fährt schnell. Die Bäume, an denen wir vorbeidüsen, sehen aus wie durchsichtig, so schnell fliegen sie am Fenster vorbei. Die Landschaft weiter hinten bewegt sich langsamer. Und die Wolken scheinen sich überhaupt nicht zu bewegen.
Neben mir hat Lasse seinen kleinen Rucksack geöffnet. Das meiste Gepäck trage ich in meinem großen Rucksack: Unsere Wäsche, unsere Kulturbeutel mit Zahnbürste und so weiter, unsere Hausschuhe. Außerdem ein Kartenspiel, ein Buch, ein Comicheft, Block und Stifte und natürlich Essen und Trinken für mich. Mama hat mir noch Briefmarken eingepackt, damit ich ihr eine Postkarte schreibe. Typisch Mama. In Lasses Rucksack befinden sich hauptsächlich sein Essen und Trinken, ein kleines Kissen zum Schlafen, sein Kuschel-Elefant und ein paar Playmobilfiguren. Seinen Geldbeutel mit zehn Euro Taschengeld hat er unter seinem Pullover um den Hals hängen. Mein Portmonee steckt im Rucksack. Mama hat mir 50 Euro mitgegeben, falls wir unterwegs etwas essen müssen oder aus anderen Gründen mal dringend Geld brauchen. Es raschelt in Lasses Rucksack. „Zuerst die Eier“, murmelt er vor sich hin. Dann beugt er sich zu mir rüber: „Oder was würdest du sagen, Ben?“
„Ja, von mir aus. Die Eier.“
Lasse beugt sich über den Rucksack, den er auf dem Boden zwischen seine Füße eingeklemmt hat. Raschel, wühl, krusch … dann ein Plopp, plumps, kuller … „Oh nein, jetzt ist mir die Trinkflasche weggerollt!“ Lasse kniet sich vor den Sitz und schaut darunter: „Oh Hilfe, jetzt rollt sie schon zwei Sitze weiter!“ Er springt auf und will den Gang entlanglaufen. Leider hat er sich mit seinen Füßen in den Trägern vom Rucksack verfangen. Er stolpert und schleift den Rucksack hinter sich her. Ein Playmobilauto rollt über den Boden, zwei Tomaten kullern aus einem Plastikbeutel, eine Tüte Gummibärchen purzelt in den Gang.
Jetzt muss ich doch mal eingreifen: „Ach, Lasse, was machst du denn da?“ Ich beuge mich über den Boden, ziehe den Rucksack zurück und packe die Gummibärchen wieder ein. An die Tomaten komme ich nicht dran. Die rollen auf die andere Seite des Ganges und liegen jetzt beide direkt neben dem Schuh einer älteren Dame.
Lasse krabbelt wie ein Tier den Gang auf und ab, zieht die Trinkflasche hinter den Füßen eines Mannes im Anzug hervor, sammelt sein Playmobilauto mitten im Gang ein und greift schließlich nach den entlaufenen Tomaten neben dem Damenschuh. In diesem Augenblick beginnt der Zug scharf zu bremsen, da wir in einen neuen Bahnhof einfahren. Es rappelt im Wagen, Lasse fällt nach vorne und kann sich gerade noch auffangen, indem er sich am Fuß der älteren Dame festhält. Die Frau schreit auf, hebt ihre Füße in die Luft, stampft sie wieder nach unten und tritt auf eine der beiden Tomaten. Es matscht und spritzt, die Dame hat rote Flecken auf dem Schuh. Sie schaut nach unten, als sei sie von einem Hund gebissen worden. „Was machst du da?“, japst sie.
„Ich fange meine Tomaten wieder ein!“ Die zweite Tomate ist durch das Bremsen noch weiter nach vorne gerollt. Lasse springt hinterher und kann sie gerade noch auffangen, bevor sie zur Abteiltür nach draußen kullert. Lasse nimmt die Tomate, kommt zurück und setzt sich wieder. „Schade. Eine Tomate weniger.“
Etliche Leute, die am Bahnhof aussteigen wollen, arbeiten sich durch den Gang.
„Lasse, benimm dich!“, ermahne ich ihn streng.
„Ja, Papa“, brummt er zurück und räumt alles wieder in seine Tasche. Er hat recht. Ich führe mich hier wirklich wie ein Papa auf. Aber wenn Lasse so weitermacht, bin ich mit den Nerven völlig am Ende, bis wir bei Oma angekommen sind.
Der Zug rollt in einen Bahnhof ein, wird unter lautem Quietschen langsamer und bleibt schließlich stehen. Die Menschen drängen nach draußen. Lasse wühlt weiter in seinem Rucksack. „Willst du ein Gummibärchen?“ Er hält mir die geschlossene Tüte unter die Nase.
„Nein. Lass die Tüte noch zu.“
„Es ist meine Tüte. Ich mache sie auf, wann ich das will.“ Lasse zieht. Die Tüte reißt von oben bis unten ein. Mindestens fünfzig Gummibärchen purzeln auf den Boden. „Oh.“
„Hab ich es nicht gesagt?“, blaffe ich ihn an.
Lasse beginnt, die Gummibärchen aufzusammeln. Ich helfe ihm. „Die kann man nicht mehr essen!“, sage ich, während wir mit den Köpfen unter dem Sitz stecken und nach den Gummibärchen greifen.
„Klar!“, sagt Lasse. „Die haben auf dem dreckigen Boden gelegen!“
„Der Boden ist nicht dreckig!“
„Und ob der dreckig ist! Da haben wahrscheinlich schon Hunde hingepinkelt!“
Lasse kichert los. „Hunde haben in den Zug gepinkelt? Du spinnst ja!“ Trotzdem riecht er sofort an einem der Gummibärchen. „Riecht ganz normal.“ Er steckt es in den Mund. „Schmeckt auch ganz normal.“
Wir sammeln weiter. Die Tüte ist komplett eingerissen. Immer wieder kullern neue Gummibärchen heraus.
„Entschuldigung“, hören wir plötzlich eine Männerstimme über uns. Wir schauen nach oben. „Dieser Platz ist reserviert.“
„Ja“, sage ich schnell. „Für uns.“
„Nein“, belehrt uns ein alter Mann im langen, schwarzen Mantel mit einem schwarzen Hut auf dem Kopf. „Platz 251. Das ist mein Sitz.“
„Das kann nicht sein“, sage ich. „Wir haben Platz 251! Das weiß ich ganz genau!“
„Darf ich mal die Reservierungsbestätigung sehen?“
Ich gebe Lasse die Gummibärchen, die ich gerade in der Hand halte. Lasse schüttet sie in die Tüte, und sofort fallen sie wieder auf den Boden. Ich öffne hektisch die Seitentasche meines Rucksacks und suche nach den Zetteln, die Mama mir gegeben hat. Endlich. Zehnmal zusammengeknickt, aber alles beisammen: Fahrkarte, Reiseroute, Platzreservierung. Ich halte ihm den Zettel hin: „Sehen Sie? Platz 251 und 252.“
„Ja, ja“, sagt der Mann und studiert aufmerksam das Blatt. „Aber Wagen fünf. Dies hier ist Wagen sieben.“
Ich spüre, wie mir alle Kraft aus dem Gesicht fällt. „Wagen sieben?“ Ich fühle mich wie ein Trottel. „Wieso sieben?“
„Euer Platz ist in Wagen fünf“, erklärt der alte Mann ruhig. „Und dies hier ist Wagen sieben.“
Ich schaue mich entsetzt im Abteil um. „Und woher weiß ich, wo Wagen fünf und wo Wagen sieben ist?“
Der Mann zeigt auf ein Schild ganz am Ende des Abteils direkt neben der Tür. Darauf steht eine Sieben.
„Oha.“ Mir bricht der Schweiß aus. „Äh … Entschuldigung.“ Ich nehme die Papiere wieder an mich und stopfe sie notdürftig in eins der offenen Fächer im Rucksack. „Lasse, wir sind hier falsch.“
„Was?“ Lasse hält immer noch die aufgerissene Tüte in der Hand und rechts und links fallen ihm Gummibärchen auf den Boden.
„Wir müssen hier weg!“
„Wieso?“
Ich erkläre ihm kurz die Lage, wir verstauen so schnell wie möglich Lasses Trinkflasche und all die anderen verlorenen Sachen im Rucksack und gehen in den Gang zurück. Immer noch liegen unzählige Gummibärchen vor Lasses Sitz, aber die heben wir jetzt nicht mehr auf. Wir haben unsere Rucksäcke wieder auf den Rücken gehoben, Lasse trägt die offene Gummibärchentüte in beiden Händen und versucht, sie so zu halten, dass jetzt keins mehr rausfällt.
Der Mann legt seine Tasche in das Gepäcknetz über dem Sitz und setzt sich hin.
„Entschuldigung“, sage ich noch einmal.
Lasse hält ihm seine Tüte hin. „Möchten Sie ein Gummibärchen?“
Der Mann verzieht keine Miene, als er sagt: „Nein, danke.“
Wieder quetschen wir uns durch das Abteil bis zum Ende, ziehen die Tür auf und gehen ins nächste. Auf dem Boden direkt an der Tür sitzt mit angezogenen Beinen der dunkelhaarige Mann, der vorhin auf unserem Platz saß. Das heißt – vermutlich saß er wirklich auf seinem eigenen Platz. Denn wenn er Platz 252 reserviert hatte, dann wird mir nachträglich klar, was er verzweifelt versucht hat, uns zu erklären. Als wir uns an ihm vorbeidrängen, sieht er uns an und erkennt uns wieder. Ich bemerke, dass er sich wundert, uns hier zu sehen. „Entschuldigung“, sage ich. „Wir haben uns im Platz geirrt. Wahrscheinlich war es doch Ihr Platz.“
Der Mann nimmt den Kopfhörer aus seinem Ohr: „Was?“
Lasse streckt ihm seine Tüte entgegen: „Möchten Sie ein Gummibärchen?“
„Was?“
Lasse hält ihm die Tüte direkt unter die Nase. „Hier. Bitte schön.“
Das hat er kapiert. Er schaut Lasse an, bekommt ein warmes, herzliches Lächeln und nickt. Dann greift er in die Tüte und nimmt sich direkt eine ganze Handvoll heraus. „Danke.“
Lasse mal wieder. Der kriegt alle Herzen zum Schmelzen.
3
Der Zug rollt an. Wieder kommen uns Leute entgegen und wir müssen Platz machen. Zwischendurch schaue ich mich um, in welchem Abteil wir uns jetzt befinden: Nummer acht.
Mist. Wenn wir vorhin in Abteil sieben saßen und zu Nummer fünf wollen, dann müssen wir in die andere Richtung. Lasse kapiert nicht so ganz, was ich meine, als ich es ihm erkläre, aber immerhin gehorcht er mir und kehrt ebenfalls um. Auf dem Rückweg sehe ich alle zwei Meter ein Gummibärchen auf dem Boden liegen. Erst jetzt fällt mir auf, dass Lasse bei jeder Person, die uns entgegenkommt und uns anrempelt, ein Gummibärchen runterfällt. Ich komme mir vor wie bei Hänsel und Gretel. Sollten wir uns hier im Zug jemals verlaufen, brauchen wir nur unserer eigenen Spur zu folgen. Ganz klasse, Lasse!
Endlich sitzen wir auf unseren eigenen Sesseln. Wagen fünf, Plätze 251 und 252. Diesmal müssen wir auch niemanden vertreiben. Schweißgebadet stelle ich meinen Rucksack vor meinen Beinen ab. „Darf ich jetzt endlich essen?“, fragt mich Lasse.
„Von mir aus. Aber verteil nicht wieder alles auf dem Boden.“
„Nein, mach ich nicht.“
Lasse wühlt seine Brote heraus und beginnt zu mampfen. Da höre ich hinten im Abteil eine Männerstimme: „So, bitte die Fahrscheine.“ Alle Leute um mich herum greifen in ihre Jacken- oder Aktentaschen und holen ihre Fahrkarten heraus. Okay. Dann mach ich das auch mal. Ich greife in die Seitentasche meines Rucksacks – sie ist leer. Nein, das darf nicht wahr sein! Unsere vielen Zettel, die ich vorhin noch dem Mann mit Hut gegeben habe, sind verschwunden! Schon wieder bekomme ich Schweißausbrüche. Ich ziehe eine andere Seitentasche auf: mein Kartenspiel, ein Päckchen Tempos, sonst nichts. Nein, bitte, lieber Gott, mach, dass die Fahrkarte nicht verloren ist! Ich greife in meine Jackentaschen. Zerknüllte Bonbonpapierchen, benutzte Taschentücher, sonst nichts. Ich bekomme Panik. Schnell schaue ich über meine Sessellehne nach hinten und sehe, wie der Fahrkartenkontrolleur immer näher kommt. Einer nach dem anderen zeigt seinen Fahrschein, der Kontrolleur steckt sie in ein Gerät, das er in der Hand hält, bedankt sich, geht zum Nächsten. Ich beuge mich über meinen Rucksack und reiße ihn auf. Ich wühle. Meine Brottüte fällt raus, meine Trinkflasche fällt raus. Ich kann darauf nicht achten. Ich brauche meine Fahrkarte!
Lasse beißt in sein Brot und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: „Was machst du da, Ben?“
„Die Fahrkarte ist weg!“
„Jetzt verteilst du ja dein ganzes Essen auf dem Boden! Zu mir hast du gesagt, ich soll das nicht machen!“
„Halt die Klappe, Lasse, hilf mir lieber beim Suchen! Unsere Fahrkarte ist verschwunden!“
„Aber eben hattest du sie doch noch.“
„Ja, eben! Aber jetzt ist sie weg!“ Ich wühle wie ein Verrückter in meinem Rucksack. Unterhosen, Strümpfe, mein Ei, meine Tomate – alles verteilt sich auf dem Boden.
Jetzt steht der Kontrolleur vor uns: „So, die Fahrscheine, bitte.“
Ich klappe den oberen Teil des Rucksacks wieder zu. Da ist noch ein Reißverschluss. Ich reiße ihn auf – heraus kommen die weißen Blätter. Gott sei Dank! Ich ziehe sie mit letzter Kraft aus dem Fach und halte sie dem Kontrolleur hin.
„Immer ruhig bleiben, junger Mann“, brummt er gemütlich, blättert meine Zettel durch, hält sie vor seinen Apparat und gibt sie mir zurück. „In Köln Hauptbahnhof umsteigen.“
„Ja, weiß ich“, japse ich.
„Gleis 12 ist der Anschlusszug.“
„Danke.“
Der Kontrolleur geht weiter und hat keine Ahnung, welchen Schock ich in den letzten Minuten hatte. Lasse grinst mich genüsslich an: „Du bist lustig, Ben!“
„Da gibt es überhaupt nichts zu grinsen!“, schimpfe ich laut. „Wenn wir die Fahrkarten verlieren, dann dürfen wir nicht mehr Zug fahren, verstehst du? Wenn wir ohne Fahrkarte Zug fahren, dann sind wir Schwarzfahrer! Dann müssen wir eine riesige Strafe zahlen!“
„Aber wir haben die Fahrkarte doch überhaupt nicht verloren.“
„Nein. Aber um ein Haar.“ Ich schaue mir das Chaos rund um meinen Rucksack an. „So. Und jetzt wieder alles einräumen.“
„Ich helfe dir.“ Lasse steckt den Rest seines Brotes auf einmal in den Mund und grabscht mit seinen Wurstbrot-Fettfingern alles an, was auf dem Boden liegt. Geldbeutel, Notizblock – alles ist jetzt voller Lasse-Fettflecken. Egal. Ich stopfe meine Wäsche wieder in den Rucksack, lege mich unter dem Sitz auf den Bauch und komme gerade so eben an meine Trinkflasche, bevor sie noch weiter nach hinten rollt.
„Wmpf mpf wmpf mmpf?“, versucht Lasse mir irgendwas mitzuteilen, während er mit dem viel zu großen Brotbrocken in seinem Mund kämpft.
„Was ist los?“ Mit Geächze gelingt es mir, mich mitsamt meiner Trinkflasche wieder vor den Rucksack zu knien und sie einzuräumen. Da sehe ich Lasse auf dem Boden knien mit einem kleinen, braunen Kästchen in der Hand.
„Waff ifft daff demm?“, spuckt er mich von neuem an. Ich reiße ihm das Kästchen aus der Hand. „Her damit!“ Ich stecke es in das große Fach zu den Socken tief unten in den Rucksack. „Kau erst mal zu Ende, bevor du hier rumspuckst!“
Lasse hält seinen Kopf in den Nacken, als könnte er damit das Spucken verringern: „Daf fieht fo auf wie daf Käftfen mmt dm Ring von Oma!“
„Das ist auch der Ring von Oma. Aber jetzt halt die Klappe und iss dein Brot zu Ende!“ Ich schaue noch mal unter die Sitze. Zwei Reihen vor mir liegen mein Ei und meine Tomate.
„Mama hat fefagt, du follft daf nift mmtnnhmmn!“
„Ich versteh kein Wort.“ Ich steige über Lasse in den Gang und gehe zu der Frau, unter deren Sitz meine Sachen liegen. „Entschuldigung, ähm …“
Die Frau schaut von ihrem Buch hoch: „Ja, bitte?“
„Da liegt … ähm … mein Ei …“
Die Frau holt tief Luft: „Wie bitte?“
„Unter Ihrem Sitz … ähm … darf ich kurz?“ Ich hocke mich auf den Boden, strecke meinen Arm zwischen ihren Beinen hindurch und erreiche das Ei und die Tomate. Die Frau schreit erschrocken auf.
Von hinten blökt Lasse: „Mama hat gesagt, du darfst das nicht!“
Die Frau hebt entsetzt ihre Füße nach oben und japst nach Luft. „Da hat deine Mama ganz recht! Das darfst du nicht!“
Ich richte mich wieder auf und zeige der Frau, was ich geholt habe. „Das war mir aus dem Rucksack gekullert. Entschuldigung.“
„Also, so was!“
Schnell gehe ich zu meinem Platz zurück, steige wieder über Lasse und lasse mich in den Sitz plumpsen. Ich bin so erschöpft, dass ich als Erstes in die Tomate beiße. Es spritzt. Der nächste Tomatenfleck auf meiner Jacke. Na toll. Da wird Oma Augen machen, wenn wir bei ihr ankommen. Der große Ben als Tomatenketchup verkleidet.
„Die kann man nicht mehr essen“, belehrt mich Lasse altklug. „Da hat ein Hund drauf gepinkelt!“
„Du bist ein Dummschwätzer, Lasse.“
„Hast du eben selbst gesagt!“ „Na und? Und du hast deine Gummibärchen auch munter weitergegessen.“
„Außerdem“, Lasse hebt seinen Zeigefinger, der immer noch vor Wurstfett glänzt, „hat Mama gesagt, du sollst den Ring von Oma nicht mitnehmen!“
„Das weiß ich. Und ich mach es trotzdem.“ Ich beiße noch mal in die Tomate, der Tomatensaft läuft mir über das Kinn und tropft auf meine Hose. Auch das noch. Schnell stopfe ich den Rest Tomate in den Mund, wische mir mit dem Ärmel über das Kinn und schaue aus dem Fenster. „Das darfst du nicht, wenn Mama es verboten hat“, quakt Lasse noch hinterher.
„Na und?“
Ich habe keine Lust, mich ausgerechnet von meinem naseweisen Bruder belehren zu lassen, was ich darf und was nicht. Natürlich kann ich mich noch an die Diskussion mit Mama erinnern. Vor ein paar Tagen habe ich gehört, wie sich Mama und Papa über den Ring unterhalten haben. Mama hatte ihn sich vor einiger Zeit bei Oma ausgeliehen. Sie hatte ihn bei einer Hochzeit oder irgendeiner anderen Feier getragen. Danach wollte sie ihn wieder zurückbringen, aber weil Oma so weit weg wohnt, kommen wir so selten zu ihr. Da hat Papa zu Mama gesagt, wenn Lasse und ich jetzt sowieso nach Hasewinkel zu Oma fahren, dann könnte ich ihr den Ring doch mitbringen. „Das kommt überhaupt nicht infrage“, hat Mama gesagt, „der Ring ist mehrere Hundert Euro wert. Wenn der verloren geht, dann gibt das riesigen Ärger!“ „Wieso soll der denn verloren gehen“, hat Papa gefragt, „wenn Ben ihn doch in seinen Rucksack steckt?“ Da habe ich mich in das Gespräch eingemischt und gesagt, ich bin doch ein Agent und ich will Polizist werden, natürlich kann ich auf einen Ring aufpassen und ihn ohne Schaden von hier nach dort bringen. Aber Mama ist dabei geblieben: „Ich bin schon froh, wenn die Kinder heil bei Oma ankommen. Da müssen wir ihnen nicht auch noch solche Wertgegenstände mitgeben. Stell dir mal vor, die Kinder werden überfallen oder sie bekommen ihre Sachen geklaut!“ Dann haben Mama und Papa darüber gestritten, wie viel oder wenig sie uns zutrauen und wie hoch wohl die Wahrscheinlichkeit ist, dass wir überfallen oder bestohlen werden und so weiter. Jedenfalls ist mir die Sache danach nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Es hat mich schon ein bisschen gekränkt, dass Mama mir nicht zutraut, dass ich einen Ring zu Oma bringen kann. Es ist Omas Ring. Und ich bin ein guter Agent. Ich kann beschatten, ich kann beobachten, ich kann beschützen. Also ist es doch nur logisch, dass es mir gelingt, Omas Ring zurückzubringen. Darum habe ich gestern, als wir unsere Sachen gepackt haben, heimlich den Ring samt Kästchen aus Mamas Schlafzimmer genommen. Ich habe mir gedacht: Ich werde Mama beweisen, dass ich nicht mehr der kleine, dumme Junge bin, für den sie mich hält. Ich bin schon groß. Ich bin fast erwachsen. Ich gehe nicht mehr in die Grundschule. Und wenn ich schließlich den Ring wohlbehütet zu Oma gebracht habe und sie sieht, dass ich es geschafft habe, dann wird sie ihre Meinung vielleicht ändern und stolz auf ihren Agenten-Sohn sein. Aber dass mein Bruder Lasse diesen Ring findet und mir oberlehrerhafte Vorträge dazu hält, das habe ich natürlich nicht mit eingeplant.
„Dann hast du den Ring ja geklaut!“, reißt Lasse mich aus meinen Gedanken.
„Was?“ Ich schaue meinen Bruder böse an. „Spinnst du? Ich hab nichts geklaut! Im Gegenteil! Ich bringe diesen Ring seiner rechtmäßigen Besitzerin zurück! Klar? Der Ring gehört Oma und ich bringe ihn Oma! Was ist daran geklaut? Ich bin Agent und ich kann Schmuck vor Dieben schützen! Und wenn du auch ein Agent sein willst, dann solltest du nicht so laut davon reden, sondern lieber mithelfen, dass der Ring heil bei Oma ankommt! Kapiert?“
„Aber Mama hat gesagt …“
„Es ist mir egal, was Mama gesagt hat!“, platzt es aus mir raus. „Du solltest dich so langsam mal an den Gedanken gewöhnen, dass Mamas nicht immer nur recht haben! Manchmal muss man den Mamas nämlich zeigen, dass viel mehr in einem steckt, als sie denken!“
Lasse reißt die Augen auf. „Es ist dir egal, was Mama sagt?“
„Nein!“ Puh, was hab ich da bloß gesagt? Ich versuche, mich wieder zu beruhigen. „Nein. Das war dumm. Das hab ich nicht so gemeint. Es ist mir nicht egal, was Mama sagt. Hörst du? Ich meinte nur, ich finde, wir sollten Mama beweisen, dass wir gute Agenten sind, auf die sie stolz sein kann. Verstehst du das?“
Lasse nickt. Aber seine Augen sind immer noch weit aufgerissen.
„So“, sage ich mit einem Großer-Bruder-Lächeln und stupse Lasse an, „und jetzt lass uns was spielen, damit wir wieder auf bessere Gedanken kommen.“
Lasse nickt und grinst breit. Wir spielen eine Weile „Ich sehe was, was du nicht siehst“, bis Lasse unseren kleinen Streit wieder vergessen hat. Dann futtern wir die übrigen Gummibärchen aus Lasses aufgerissener Tüte und schließlich liest jeder von uns in seinem eigenen Comic-Heft.
„Wie weit ist es noch?“, fragt mich Lasse irgendwann.
„Ich glaube, nicht mehr so weit. Bald müssten wir in Köln sein.“
„Mir ist langweilig.“
„Wie gesagt: Bald müssen wir umsteigen.“
„Darf ich ein Spiel auf deinem Handy spielen?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil es mein Handy ist.“
„Och, bitte. Du spielst doch gar nicht auf deinem Handy, sondern liest nur in deinem langweiligen Comic.“
Ich seufze. „Na schön. Aber bring mir nicht wieder alle Einstellungen durcheinander.“
Lasse strahlt: „Mach ich nicht!“
Ich ziehe mein Handy aus der Hosentasche und gebe es meinem Bruder. Er freut sich wie ein Geburtstagskind. Bevor er zu spielen beginnt, betrachtet er stolz die Rückseite des Handys, auf der in voller Pracht meine Handyhülle zu bewundern ist. Ein fettes rotes Herz ist darauf zu sehen. Eigentlich ist mir diese Handyhülle total peinlich. Wenn ich in der Schule mein Handy brauche, halte ich es immer so, dass das Herz nicht zu sehen ist. Lasse hat die Handyhülle von seinem eigenen Taschengeld gekauft und mir zum Geburtstag geschenkt. Ich habe zuerst einen Schrecken bekommen, als ich sie ausgepackt habe. Aber Lasse hat übers ganze Gesicht gestrahlt und sofort erklärt: „Ein dickes Herz, weil du mein Bruder bist und ich dich so dicke lieb habe wie das Herz auf der Hülle dick ist! Das ist cool, was?“ Am liebsten hätte ich so etwas gesagt wie: „Nein, das ist nicht cool, das ist peinlich.“ Aber weil er sich beim Aussuchen so viel Mühe gegeben hat und beim Schenken so gestrahlt hat, habe ich gesagt: „Ja, das ist cool.“ Und dann habe ich ihn in den Arm genommen und war wirklich etwas gerührt über die süße Liebeserklärung meines Bruders. Dann habe ich die Hülle natürlich um mein Handy gezogen und seitdem trägt mein Handy ein fettes Herz auf der Rückseite. Wie gesagt: In der Schule versuche ich es ein bisschen zu verstecken. Aber ich würde es nie fertigbringen, die Hülle abzumachen. Das wäre, als würde ich Lasses Liebesbeweis wegwerfen.
Jetzt sitzt Lasse also im Zug, fährt mit dem Finger liebevoll über das aufgedruckte Herz und freut sich. Dann schaut er mich an und strahlt wie an dem Tag, als er mir die Hülle geschenkt hat. Ich lächle zurück.
„Ich hab dich lieb“, kommt es plötzlich unangekündigt von ihm.
Automatisch schiele ich ein bisschen in der Gegend herum, ob das jemand hier im Zug gehört hat. Dies ist kein Gespräch, das Jungen in meinem Alter führen sollten, finde ich. Da sich aber niemand für uns interessiert, gebe ich leise zurück: „Ich dich auch.“ Dabei lächle ich meinen Bruder herzlich an.
Er lehnt seinen Kopf zurück: „Und ich freu mich, dass wir zusammen das Abenteuer Oma bestehen.“
„Ich mich auch.“
„Und cool, dass wir jetzt schon wieder einen Agentenfall haben.“
Ich runzle die Stirn. „Welchen denn?“
„Na, das weißt du doch! Omas Ring heil und ohne Schaden bei Oma abzuliefern!“
„Ach so, ja.“ Ich muss schmunzeln. So eine große Schwierigkeit dürfte das ja nicht sein. Aber schön, wenn Lasse aus allem ein Spiel oder ein großes Abenteuer machen kann.
4
Bald darauf sitzt Lasse voller Eifer vor meinem Handy, tippt und jauchzt, lacht und stöhnt. Ich kann mich nicht mehr wirklich auf meinen Comic konzentrieren. Also schiele ich immer mal heimlich zu ihm rüber, um zu überprüfen, wie er sich schlägt. Passenderweise spielt er das Spiel, bei dem er einem gezeichneten Männchen helfen muss, als U-Bahn-Springer auf fahrenden Zügen zu laufen und dabei über Hindernisse und manchmal auch von einer Bahn auf die andere zu springen. Ohne abzustürzen natürlich.
„Oh Mann!“, schimpft Lasse. „Schon wieder abgestürzt!“
Ich lache. „Du musst früher hüpfen!“
„Mach ich doch!“
„Pass auf, ich zeig’s dir.“ Ich nehme das Handy und halte es so, dass Lasse mit draufschauen kann. Dann zeig ich ihm, wie geübt ich schon in diesem Spiel bin. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass unser Zug in einen Bahnhof einrollt. Wieder strömen Menschen den Gang entlang, die aussteigen wollen. „Wir dürfen unsere Haltestelle nicht verpassen“, sage ich und lasse meinen Blick nicht von dem Männchen auf dem Display schweifen. „Was steht auf dem Schild in dem Bahnhof, Lasse?“
Lasse beugt sich vor, um aus dem Fenster schauen zu können. „Si … Sieg … Siegburg“, puzzelt er umständlich die Buchstaben zusammen, „dann ein Schrägstrich und dann … B … Bo … Bonn.“
„Dann müssen wir jetzt aufpassen. Ich glaube, die nächste Haltestelle ist es.“ Ich bleibe über das Handy gebeugt. Mein Männchen läuft und hüpft wie ein Profi. Dann fällt es aber doch runter und das Spiel ist zu Ende. Unsere Bahn rollt an und fährt weiter.
„Super, Ben!“, lobt mich Lasse. „Jetzt ich!“
Lasses Männchen läuft und hüpft, er kommt für sein Alter ganz schön weit. Aber dann – platsch – fällt es runter.
„Zeig du noch mal, Ben.“
Ich spiele, Lasse klatscht begeistert. Die Menschen um uns herum erheben sich von den Plätzen. Mein Männchen hüpft von Zug zu Zug. Ich halte mich. Lasse lacht, er hopst auf seinem Sessel. „Klasse, Ben!“ Unser Zug wird langsamer. Aber das Männchen auf meinem Handy-Display ist gerade dabei, eine neue Rekordzeit vorzulegen. So gut war ich noch nie! „Du schaffst das, Ben!“, lacht Lasse. Aber dann stürzt es doch ab. „Oh, schade!“ Lasse grinst breit. „Aber du bist wirklich gut, Ben! Du spielst das wohl oft, was? Obwohl Mama immer sagt, du sollst nicht so oft mit deinem Handy spielen!“
Ich schaue aus dem Fenster. Der Zug steht. „Köln Hauptbahnhof“, steht auf dem Schild auf dem Bahnsteig.
„Oha“, erschrecke ich mich. „Wir müssen aussteigen!“
Schnell verstaue ich das Handy in meinem Rucksack und überprüfe, ob auch die Blätter mit der Fahrkarte und so weiter eingepackt sind. Ja. Alles da. Lasse steckt sein Comic-Heft in den Rucksack. Jetzt geht er nicht mehr zu. „Beeil dich“, dränge ich ihn hektisch.
„Ich beeile mich ja.“
Ich stehe auf und quetsche mich in den Gang. Schon kommen uns die ersten Leute, die neu in den Zug eingestiegen sind, entgegen. „Hast du deinen Anstecker? Nicht, dass wir ihn noch mal suchen müssen!“
„Ja, in meiner Jackentasche!“ Sofort fingert Lasse am Reißverschluss seiner Jacke herum. „Aber du wolltest doch noch nach der Nadel schauen …“
„Jetzt nicht, Lasse!“ Ich bemühe mich, schnell vorwärts zu kommen. Von außen höre ich Lautsprecher-Durchsagen. Die Leute, die mir entgegenkommen, machen nur sehr widerwillig Platz. „Wir müssen hier raus!“, sage ich zu einem Ehepaar, das mit viel Gepäck den Gang verstopft.
„Da müsst ihr euch aber beeilen“, sagt die Frau.
Ich steige über ihren Koffer. Lasse fällt hin. Die Frau hilft ihm beim Aufstehen. Bitte, lieber Gott, bete ich wieder hektisch im Stillen. Ich höre, wie die Zugtüren knallen. Als wir am Ende des Abteils angekommen sind, setzt sich der Zug schon wieder in Bewegung. „Halt!“, rufe ich. „Wir müssen noch aussteigen!“
In dem Bereich zwischen den Abteilen direkt vor der Tür stehen mehrere Leute, die keinen Sitzplatz gefunden haben. Ich renne an die Tür. Jemand zieht mich zurück: „Das geht nicht mehr. Der Zug fährt schon wieder weiter!“
„Wir müssen aber noch raus!“, brülle ich. „Wir müssen hier umsteigen!“
„Das geht nicht mehr!“, wiederholt der Fremde, der mich am Arm festhält.
Ich reiße mich aus seinem Griff los. „Wir müssen aber!“
Der Fremde schaut mich mitleidig an. „Tut mir leid.“
„Kann man den Zug nicht noch mal anhalten? Es gibt doch eine Notbremse!“
„Die ist aber nur für Notfälle. Die darf man nicht betätigen, wenn man nur vergessen hat auszusteigen.“
„Es ist aber ein Notfall!“
Der Mann zuckt mit den Schultern und steckt seine Hände in die Jackentaschen.
Ich fasse mir mit beiden Händen an die Stirn. Das darf doch nicht wahr sein! „Was machen wir jetzt?“
„Ruf Mama an!“, sagt Lasse mit besorgtem Gesicht.
„Die kann den Zug auch nicht anhalten“, gebe ich zurück.
„Aber sie muss wissen, dass wir uns verfahren haben.“
„Zuerst versuchen wir, uns selbst zu helfen. Dann können wir von mir aus Mama anrufen.“
Lasse kneift die Augen zu. „Bitte, lieber Gott, hilf uns. Bitte schön, danke schön, Amen.“
Die anderen, die hier herumstehen, schauen sich gegenseitig an und grinsen. Einer zeigt in ein anderes Abteil: „Da ist der Schaffner. Der kann euch sicher helfen.“
Okay. Ich gehe los. Lasse folgt mir. Bald haben wir den Mann erreicht, der vorhin unsere Fahrkarten kontrolliert hat. „Entschuldigung“, beginne ich aufgeregt. „Wir haben gerade verpasst auszusteigen. Wir müssen in Köln Hauptbahnhof umsteigen. Wir wollen zu Oma. Die wohnt in Hasewinkel. Wir müssen bis Bielefeld fahren. Sie müssen den Zug noch mal anhalten!“
Der Kontrolleur sieht mich prüfend an, dann fasst er sich kurz an die Mütze auf seinem Kopf. „Puh.“ Er greift in eine Tasche, die er umhängen hat. „Da habt ihr ein Problem.“
Danke für den Hinweis, denke ich. Das habe ich auch schon erfasst.
Der Kontrolleur holt einen Block heraus und blättert. „Der Zug hält noch mal in Köln Deutz. Von dort fährt in den nächsten Minuten der IC 214 wieder zurück zum Hauptbahnhof. Gleis 2. Wenn ihr euch beeilt, bekommt ihr den noch.“
„Okay“, schnaufe ich und versuche, mir die ganzen Zahlen zu merken. „IC 214, Gleis 2.“
„Dieser Zug hält auf Gleis 9. Ihr müsst die Treppe runter, die Unterführung entlang und bei Gleis 2 wieder nach oben laufen. Es kann sein, dass der Zug dann schon dort steht.“
„Gut. Danke.“
„Meinst du, das schafft ihr?“
„Ja. Klar.“
„Falls nicht, müsst ihr dort noch mal jemanden von der Bahn fragen. Die helfen euch, einen neuen Zug zu finden, mit dem ihr zurück zum Hauptbahnhof kommt.“
„Alles klar. Danke.“
Ich drehe mich um und gehe zurück zur Ausgangstür. Lasse klopft mir gegen den Arm. „Was ist los?“
Ich erkläre ihm kurz unsere Lage. Lasse nickt und kneift wieder die Augen zu: „Du hilfst uns, lieber Gott, ja? Bitte schön, danke schön, Amen.“ Die anderen Leute um uns herum lächeln aufmunternd.
Bald darauf erreichen wir den nächsten Bahnhof. Bremsen quietschen. Ich greife entschlossen mit beiden Händen an die Trageriemen meines Rucksacks. Plötzlich steht der fremde Mann mit den Kopfhörern im Ohr neben uns, der vor einer Stunde von unserem Sitz vertrieben wurde. Ich bekomme zuerst einen Schrecken, als ich ihn sehe. Aber Lasse lächelt ihn fröhlich an. Der Fremde lächelt zurück und zwinkert ihm mit einem Auge zu. Als der Zug anhält, stürme ich sofort nach draußen. Lasse stolpert beim Aussteigen und wäre beinahe die Stufen nach unten gefallen. Der Fremde mit den Kopfhörern fängt ihn gerade noch auf. Er hält ihn an den Armen fest und hilft ihm, die Stufen nach unten zu kommen.
„Danke“, sagt Lasse fröhlich.
Der Mann sagt etwas in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Aber es klingt freundlich. „Danke, Ihnen auch“, sagt Lasse.
Dann rennen wir los. „Hast du etwa verstanden, was er gesagt hat?“, frage ich im Laufen.
„Die Worte nicht“, sagt Lasse. „Aber den Sinn. Es war irgendwas Nettes.“
Ich bleibe kurz stehen und schaue mich auf dem Bahnsteig um. Wo ist die Treppe nach unten? Dann sehe ich, wohin alle Menschen strömen, die ausgestiegen sind. Und da ist auch die Treppe. Wir stolpern die Stufen nach unten, vorbei an Menschen mit Koffern und Taschen. „Nicht so schnell, Ben!“, ruft Lasse. Ich drehe mich nach ihm um: „Beeil dich!“
Am unteren Ende der Treppe ein riesiger und breiter Gang, der in beide Richtung führt. Ich spreche eine Frau an: „Wo ist Gleis 2?“
Die Frau schaut sich um, dann zeigt sie nach links: „Den Gang ganz runter, dann die Treppe wieder hoch.“
Lasse und ich rennen. Dann sehe ich auch schon Schilder an den Treppenaufgängen: „Gleis 6“, „Gleis 5“ … An der letzten Treppe sind zwei Schilder angebracht: „Gleis 1“ und „Gleis 2“.
„Hier hoch, Lasse!“
Ich bin völlig außer Atem. Als ich oben angekommen bin, steht da schon ein Zug mit offenen Türen. Ein Kontrolleur mit Trillerpfeife im Mund steht vor einer der Türen, sieht mich angerannt kommen, macht mir mit der Hand ein Zeichen, dass ich mich beeilen soll. Ich drehe mich um. Kein Lasse. Auch das noch.
„Lasse!“, plärre ich wie verrückt.
„Warte, Ben!“, höre ich ihn von der Treppe her. Dann sehe ich, wie er mit letzter Kraft die Treppe nach oben gestiegen kommt.
„Komm schnell!“
Endlich ist er bei mir. Wir klettern die Stufen nach oben, der Kontrolleur bläst in die Pfeife, Türen knallen, der Zug fährt los.
Lasse und ich schnaufen wie nach einem Tausend-Meter-Lauf. Ich beuge mich nach vorne und stütze meine Hände auf den Knien ab. Ich kann nicht mehr. Wenn Mama diese Aktion mitbekommen hätte, dann wäre sie verrückt geworden. Hoffentlich haben wir unterwegs nichts verloren.
Бесплатный фрагмент закончился.
