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HARRY GATTERER
ICH MACH MIR DIE WELT
WIE WIR MEHR LEBEN IN UNSERE ZUKUNFT BRINGEN


Für Felix und Fabian

INHALT

0/STERNSTUNDE MEINER ZUKUNFT. 2039

Hier und jetzt, es geht los!

1/NEUGIERDE: FASZINATION ZUKUNFT

Von den Besten lernt man am besten – Von der Zukunft zur Zukunftsforschung – Zukunft ist heute überall. Auch in Ihrem Leben – Wahlumfragen und Wachstumsraten: alles Prognosen – Wir leben in einer prognostisch verseuchten Zeit – Prognosen sind nicht die Zukunft – Die populärste Prognose unserer Zeit – Wie wahrscheinlich ist Wahrscheinlichkeit – Hinter den Kulissen der Wahrscheinlichkeit – Die Zukunft ist ein Raum voller Möglichkeiten – Erkennen, was möglich ist – Wahrnehmung gegen den Strom – Möglichkeiten nutzen: das Noch-nicht-Wissen – Kontexte sind die Landkarten des Unbekannten – Drei kleine Übungen für zwischendurch – Mutig voran – Unmarkierte Beobachtungen und neue Begriffe – Ihre Zukunft steht auf dem Spiel

2/WIE ZUKUNFT ENTSTEHT

Dialog mit meiner Welt – Zukunftskino – Planen macht glücklich – Entscheidungen verbrennen Möglichkeiten – Zukunft entsteht im Kopf – Menschen brauchen Zukunft – Es gibt keine objektive Zukunft, auch nicht in Zukunft – Wie Gewohntes zu Gewolltem wird – Die Kraft der Enttäuschung – Wirklich wirklich – Ich bin … – Sprache formt Wirklichkeit – Identitäten verdichten Weltanschauungen – Der Stoff, aus dem die Dramen sind – Wer nicht an sich zweifelt, irrt sicher – Technologie ist nicht die Zukunft – Anti-Enttäuschungs-Welt – Plädoyer für die Zukunft – Bäumchen pflanzen und Zukunft säen

3/ICH BIN ZUKUNFT

Ich bin. Eine Hypothese von sich selbst – Unsere Wirklichkeit ist subjektiv, aber nicht exklusiv – Ich bin: Zukunft! – Körper, Geist und Emotion – Die Zukunft sinnlich erleben – Zutrittsorte der Zukunft – Siegeszug der Emotionen – Der digitale Boost-Effekt – Emotionen sind unsere Alarmanlage – Von der Emotion ins Denken – Me-Motions: Emotionen mit höchster Zukunftsrelevanz – Die Zukunft ist unaufgeregt optimistisch – Wie die Zukunft stabil wird – Distanzierte Leidenschaft – Overview-Effekt – Rhythmus der Zukunft – Zyklus des Wandels – Die Lazy 8 der Zukunft – Umschaltkompetenz in der Dynamik – Zukunft braucht Standpunkt – Go with the Flow – Ja oder Nein

4/KONTEXTE DER ZUKUNFT

Zukunft ist Zeit – Denken in Systemen – Systeme sind die modernste Form, die Welt zu denken – Unser Wissen ist großartig, unsere Ignoranz noch viel mehr – Einmalerfindungen prägen die Zukunft – Soziale Systeme sind, wie wir denken – Das digitale n-ich-t – Wir suchen, was uns finden will – Hintergründe werden Vordergründe – Vitale Wirklichkeit durch denken in Systemen – Wie Sie in Systemen denken – Was ist das System? – Vor frischer Tat ertappt – Weltbilder, ein Exkurs in universelle Wirklichkeiten – Zukunft braucht Zeit – Whitaker Works

5/ZUKUNFT NEU DENKEN – ZUKUNFT FÜR FORTGESCHRITTENE

Hyperobjects: außerhalb der Zukunft denken – Vom Prozess zum Hyperobject – Warum die Zukunft in Objekten denken? – Hyperobjects helfen, Zukunft zu lesen – Zu theoretisch – Zukunft ist endlich – Was bleibt von der Zukunft? – Verrückt sein lohnt sich – Paradoxie als Kompetenz – Warum wir besser auf die Zukunft achten sollten – Die wichtigste Sprache der Welt

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DER AUTOR

SO BRINGEN WIR MEHR ZUKUNFT IN UNSER LEBEN


Meine Nasenspitze drückt sich an das kalte Fenster. Ich kann es kaum fassen. Mein Blick ist auf das Großartigste gerichtet, das ich je gesehen habe: unseren Planeten Erde. Ich bin überwältigt. Gänsehaut. Mein Atem ist intensiv, mein Puls rast. Und doch erfasst mich eine Ruhe. Nur selten zuvor in meinem Leben habe ich diese Intensität erlebt. Am Traualtar, bei der Geburt unserer Söhne. Und jetzt hier. In der Raumstation GeniusX. 470 Kilometer von der Oberfläche der Erde entfernt.

Der Anblick unseres blauen Planeten ist dermaßen ergreifend, dass niemand um mich herum auch nur ein Wort von sich geben könnte. Wir alle spüren die Bedeutung, die dieser Moment für unser Leben hat. Glück. Freude. Hoffnung. Mitgefühl. Und: Trauer. Weil es immer noch Menschen gibt, die glauben, dieser Planet sei unverwüstlich.

Sofort wird mir klar: Niemandem will ich mehr zuhören, der nicht zumindest erahnt, dass wir Menschen eine große Verantwortung für diese robust zerbrechliche Kugel haben. Niemals mehr werde ich jemanden verstehen, der glaubt, Zäune wären eine Lösung für unsere Probleme. Es geht nicht. Hier oben gibt es daran keinen Zweifel. »Von hier oben ist klar, Europa gehört zusammen.« Das twitterte schon 2018 der Astronaut Alexander Gerst bei seinem Flug über Europa. Die Astronauten gaben diesem ganz besonderen Moment der Ergriffenheit den Namen Overview-Effekt. Keiner der bisher 1845 Menschen, die jemals in den Weltraum gereist sind, kann sich diesem Effekt entziehen. Die Distanz zur Normalität, der Abstand zum scheinbar sicheren Boden, die Isoliertheit der Raumstation mit ihren dünnen Wänden zum Nichts, und das Schwarz. Dieses unfassbar tiefe Schwarz, das unseren Planeten von hier oben umgibt. Das alles zusammen versetzt jeden, der diese Reise antritt, in einen Zustand großer Betroffenheit. Overview-Effekt. Aber was sind schon knapp zweitausend Menschen im Verhältnis zu den neun Milliarden auf dem Planeten, die dieses Erlebnis nicht haben. Was sind ein paar Dutzend Menschen, die bereits den Mars betreten haben, verglichen mit dem Alltag, den wir auf der Erde durchleben. Dennoch: Für mich ist dieser Moment eine wahre Sternstunde. Heute, hier und jetzt ändert sich mein Leben. Meine Sicht auf die Welt hat sich im wahrsten Sinne erweitert. Ich sehe nun vieles mit anderen Augen. Auch meine Zukunft.

Mir wird zum Beispiel klar: Keine Entscheidung von globaler Tragweite dürfte jemals mehr auf dem Planeten getroffen werden. Kein G7, kein G38-Gipfel oder auch kein Summit of Mayors darf mehr auf der Erde stattfinden. Die Nähe in einer solchen Konferenz führt allzu schnell zu Trennung, ideologischen Kämpfen und Egoismen. Hier oben erkennt man die Einheit. Von hier oben hätte man viel besser über Handelskriege, Brexit oder den Klimawandel verhandeln können. Die Führer der mächtigsten Nationen und Städte müssen in Raumfahrzeuge steigen und im Orbit tagen. Das Ergebnis von Verhandlungen wäre ein drastisch anderes. Da bin ich mir ganz sicher.

Umso mehr wünschte ich mir, ich könnte dieses Gefühl des Overview-Effekts mit allen Menschen teilen. Und ich werde es teilen – auf allen mir zugänglichen Kanälen. Trotzdem weiß ich: Wie auch immer Menschen meine Eindrücke aufnehmen, sie können nur erahnen, was ich beim Anblick unseres Planeten fühle. Daher bin ich froh, dass sich mehr und mehr Weltraumprogramme etablieren. Viele Tausende Weltraumreisende werden die Gelegenheit haben, diese herausragende Erfahrung machen zu können. Und zwar nicht nur virtuell, sondern wirklich. Das ist ein gigantischer Unterschied. Wie oft war ich selbst schon im Simulator, wie oft hab ich von diesem Overview-Effekt gelesen, mir Geschichten von Astronauten angehört. Doch dieser Moment: 470 Kilometer von der Erdoberfläche entfernt. Einzigartig. Wie das Leben selbst.

Solche Momente prägen uns. Sie erzeugen einen neuen Blick auf unsere Welt und eine erweiterte Zukunft breitet sich aus. Jeder Mensch kennt diese Momente. Wo und wann haben Sie zum Beispiel ihren Lebenspartner getroffen? Wie kamen Sie auf den Geistesblitz, der sie beruflich weiter gebracht hat, als Sie je dachten? Was war das für eine Begegnung, die Ihnen geholfen hat, eine tiefe Krise zu überwinden? Wann haben Sie für sich verstanden, dass Sie ab sofort aufhören zu rauchen? Sternstunden der eigenen Zukunft. Es sind emotionale Momente, in denen uns neue Wegweiser und Ressourcen zur Verfügung stehen. Klarheit kommt auf. Wenn wir diese Momente erkennen und richtig deuten, sind es echte Wendepunkte. Die Reise beginnt aufs Neue. Unser Leben bekommt Schwung und die Gegenwart öffnet sich für neue Facetten der eigenen Zukunft. Manchmal im Großen, manchmal im Kleinen. Aber immer von Bedeutung.

HIER UND JETZT, ES GEHT LOS!

Zurück im Hier und Jetzt soll es nun genau darum gehen. Wie bekommen wir Schwung in unsere Zukunft? Wie erkennen wir die Sternstunden der eigenen Zukunft? Was liegt vor uns? Welche Hoffnungen dürfen wir haben, welche Ängste sind berechtigt? Viele Fragen. Wir werden diese Fragen schrittweise und zum Teil detailliert erörtern und überraschende Antworten entdecken. Und wir werden neue Fragen stellen. Denn Fragen öffnen unser Denken und unser Fühlen. Fragen – nicht Antworten – sind die Eintrittskarten in die eigene Zukunft. In Anbetracht einer Zeit voller guter wie auch schlechter Optionen und Möglichkeiten benötigen wir neue Qualitäten im Umgang mit unserer eigenen Zukunft. In den letzten zwanzig Jahren habe ich mich umfassend und ausgiebig mit diesem Möglichkeitsraum beschäftigt. Die Zukunft wurde mein persönliches Faszinosum, mein Spezialgebiet und meine Leidenschaft. Aber anders, als man sich das vielleicht erwarten würde.


Als Kind saß ich häufig auf dem elterlichen Balkon. Ich beobachtete die Umgebung und fragte mich irgendwann: Was wäre, wenn das, was unser Haus umgibt, nicht mehr da wäre? Der Baum vor dem Haus, der Zaun. Das Nachbarhaus. Mit ein bisschen Übung gelang es mir, das Haus auszublenden, mit etwas mehr Anstrengung konnte ich mir den gesamten Ort mitsamt der Kirche, den Straßen und Wäldern als einfach nicht da vorstellen. Der Gebirgszug, auf den ich blickte – das Tiroler Kaisergebirge –, war allerdings schwer wegzubekommen. Aber auch das gelang mir irgendwann. Ich machte Fortschritte, bis ich sogar die Erde wegradieren konnte.

Meine Grenze waren die Sterne. Was wäre, wenn es auch die nicht mehr gäbe? Aber dann wäre ja nichts mehr da! Und was wäre dieses Nichts? Ich fand keine Lösung. Daraufhin habe ich mit diesem Spiel aufgehört. Was mir hingegen geblieben ist, ist dieses Gefühl von Leere. Was ist dieses Nichts? Das hat mich fasziniert. Kindlich naiv, jugendlich aktiv. Bis heute.

Dieses Nichts, das ich als Kind entdeckte, nenne ich Neugierde. Die unbändige Lust, den Dingen auf den Grund zu gehen. Die Versuchung, herauszufinden, was wäre, wenn. Ohne es zu wissen, habe ich dabei eine Technik der Zukunft erlernt: Denken in Möglichkeitsräumen. Man sagt auch Szenario-Technik dazu. Wenn ich das nur schon früher gewusst hätte! Stattdessen habe ich meine Neugier-Schübe immer auf die gleiche Weise ausprobiert. Da war zum Beispiel der Impuls zu erkunden, wie es wäre, wenn ich in Tirol Techno-Raves veranstalte! Als 18-Jähriger habe ich mit Freunden einen Verein gegründet, um genau das in meiner Freizeit zu machen – obwohl das damals völlig unvorstellbar war. Oder was wäre, wenn ich mit zwanzig ein Unternehmen gründe, obwohl ich dafür überhaupt keine Vorbilder hatte. Auch das habe ich gemacht. Oder was wäre, wenn man Virtual Reality nutzt, um Möbelplanungen zu machen; in einer Zeit, in der etablierte Möbelhändler mit dem Aufkommen von Ikea kämpften. Wieder etwas, das ich gemacht habe. Stets blieb ich neugierig und in Probierlaune.

Ganz offensichtlich war ich kein theoretischer Denker, eher ein Unternehmer. Gleichwohl habe ich früh verstanden, dass Theorie die Basis jeglicher Ideen sein sollte. Mit zwanzig habe ich mich nicht nur selbstständig gemacht, es war auch der Start in mein Leben mit den Büchern. Ich wollte auch auf Wissen bauen, das andere Menschen entwickelt und erforscht haben. Kein Tag vergeht seither, an dem ich nicht ein Buch in der Hand habe. Doch auch das Lesen war mir nicht genug. Buchinhalte sind das eine, der Mensch hinter den Zeilen noch mal etwas ganz anderes. Wie meine ich das? Wenn jemand ein Buch schreibt, reiht er Buchstaben aneinander. Als Leser interpretieren wir diese. Sie machen das übrigens auch gerade. Wenn man mit Autoren Gespräche führt, offenbaren sich Facetten, die nicht in Buchstaben passen. Hintergründe, biografische Begebenheiten, Emotionen. Betonungen, Motive und ungeklärte Assoziationen. Ich wollte die Menschen hinter den interessantesten Schriften kennenlernen. Dafür rief ich sie einfach an oder besuchte Veranstaltungen. Es ging mir um den persönlichen Kontakt. Dabei habe ich unterschiedlichste Erfahrungen gemacht. Es gibt Menschen, die schreiben Bücher, und wenn man sie trifft, kommt man drauf: Das Buch ist eigentlich schon das Interessanteste. Und es gibt Autoren, deren inspirierende Kraft und Vielfalt explodiert förmlich durch die Begegnung noch einmal neu.

Auf diese Weise hatte ich inspirierende Begegnungen mit vielen interessanten Menschen. Mit einigen haben sich langjährige Freundschaften ergeben. Diese Gewohnheit halte ich seither aufrecht. Wie auch die Neugierde, die mich überhaupt antreibt. Dadurch habe ich viel gelernt: Was kann man eigentlich wissen, was ist Leben, was ist Wirklichkeit, wie geht man an komplexe Sachverhalte ran, wie sind Zusammenhänge zu begreifen? Ich bin immer wieder dankbar für die Lernchancen, die mir mein Leben bietet.

VON DEN BESTEN LERNT MAN AM BESTEN

Natürlich nimmt meine Neugierde viel Zeit in Anspruch. Manchmal vielleicht zu viel. Weshalb ich eine zweite Leitidee in meinem Leben eingeführt habe: die Leidenschaft für herausragende Qualität. Ich kann nicht jeden Autor anrufen, nur weil ich das Buch gut finde, auch kann ich nicht jeder Intuition folgen, obwohl es mich reizen würde. So habe ich mit der Zeit herausragende Qualität zu meinem Maßstab gemacht.

Nach Qualität zu suchen, ist für mich inzwischen essenziell. Es macht den Unterschied und die Freude am Leben aus. Jeder von uns kennt das. Es gibt Bereiche, in denen man nicht auf Qualität verzichten möchte. Ob beim Espresso am Morgen, beim Besuch von Konzerten und Ausstellungen oder bei der Wahl der Seife.

Wo Qualität einen hohen Stellenwert hat, begegnet man immer interessanten Menschen. Beim Winzer, im Technologielabor, im Hotel oder auf einem Filmset. Qualität zieht Menschen an, die sich auf etwas einlassen wollen. Das setzt Intensität und Freude voraus. Ich mag das. Außerdem lernt man enorm viel und schnell. Für mich war das tatsächlich ein Gewinn an Zeit. Ich habe verstanden, dass ich von den Besten am besten lerne. Ich suchte die Nähe immer unter dem Aspekt des offenen Lernens und Austauschs. Nach und nach wurde dabei mein Interesse auf einen Begriff gelenkt, nämlich: Zukunft. In diesem Wort fand ich so vieles wieder, was mich antreibt: Neugierde, die Qualität des Lernen-Wollens und die herausragenden Menschen, die sich damit beschäftigen.

Zukunft ist offen und unsicher. Zukunft ist überraschend und voller Möglichkeiten, daher ein idealer Nährboden für jemanden, der sich per se dafür interessiert, wie sich die Dinge entwickeln, und es liebt, Fragen zu stellen. Fragen öffnen die Türen in die Zukunft, sie leiten uns, fokussieren unsere Aufmerksamkeit. Und sie regen zum Denken an, wohingegen Antworten unseren Denkprozess zunächst einmal beenden.

VON DER ZUKUNFT ZUR ZUKUNFTSFORSCHUNG

Von wem kann ich nun lernen, wie die Zukunft funktioniert? Unweigerlich landete ich bei einer Institution, die sich »der einflussreichste Think Tank der Zukunftsforschung« nannte: das Zukunftsinstitut. Das hat, Sie können es erahnen, mein Interesse geweckt. Ich wollte wissen: Wer ist das, was tun die und wie tun die das? Bald lernte ich den Gründer kennen: Matthias Horx. Er hat im Jahr 1998 das Institut in der Nähe von Frankfurt am Main gegründet. Mit einem kleinen Team an Weggefährten baute er es die folgenden Jahre auf. Ziel: Den gesellschaftlichen Wandel beobachten und die Erkenntnisse den Unternehmen in Deutschland vermitteln. Recht schnell hat sich um die Jahrtausendwende diese Idee verbreitet. Angefeuert um die Aufregung des Jahres 2000 und dem damit aufkommenden Internet-Hype hat sich das Zukunftsinstitut im deutschsprachigen Raum schnell etabliert. Mit eigenen Trendstudien und Vorträgen erreichte man die Aufmerksamkeit von vielen Menschen in der Wirtschaft. Diese waren damals zukunftsfroh: Man hatte Hoffnungen und Ideen für die Zukunft, die neuen Technologien versprachen viel. Trend- und Zukunftsforscher waren geeignete Projektionsflächen, um sich an dem Neuen der Zukunft zu reiben. Und damit stimmte diese selbst gewählte Aussage: Das Zukunftsinstitut war recht schnell eine sehr einflussreiche Institution. Ein Denkraum für Vordenker. Die Geburtsstunde lag in einer Zeit, in der Aufbruchsstimmung herrschte. Der Wind wehte in Richtung Zukunft. Dies ebnete den Weg für eine qualitative Auseinandersetzung mit der Zukunft. Seit mehr als zehn Jahren bin ich nun Teil dieses Instituts.

Seit 2013 in der Verantwortung als Geschäftsführer. Mit einem herausragenden Team darf ich jeden Tag meiner Neugierde folgen und an der Zukunft forschen. Die Voraussetzungen haben sich geändert: Heute ist Zukunft kein Hoffnungsraum mehr. Zukunft ist im Alltag angekommen. Auch in Ihrem.

ZUKUNFT IST HEUTE ÜBERALL. AUCH IN IHREM LEBEN

Heute ist die Zukunft omnipräsent. Sogar überpräsent. Zukunft ist still und leise zum Alltag geworden. Denken Sie beispielsweise an den Wetterbericht. Mittels Vorhersagen zum Wetter wollen wir uns auf die kommenden Tage einstellen. Was kann man unternehmen und wie sollte man sich kleiden? Wir versuchen der Zukunft die Unsicherheit zu nehmen, indem wir Prognosen folgen. Wird es regnen heute oder nicht? Häufig liegen diese Prognosen daneben. Aber das ist das Wesen von Prognosen. Sie haben nicht die Aufgabe, uns die Zukunft wirklich vorwegzunehmen. Sie sollen uns einen Rahmen geben, innerhalb dessen wir uns eine Zukunft vorstellen können. Man könnte sagen: Prognosen designen unsere Vorstellung von einer Zeit, die noch nicht da ist – eben wie beim Wetter. Prognosen sind Orientierungssysteme. Sie zeichnen ein Lagebild. Damit lernen wir einzuschätzen, was kommen könnte.

Derartige Prognosesysteme gibt es viele. Ein weiteres Beispiel: Versicherungen. Überlegen Sie einmal kurz, wie viele Versicherungen Sie in Ihrem Leben schon abgeschlossen haben. Jede Versicherung ist eine Prognose. Versicherungen versuchen ein Risiko zu nehmen, das potenziell – aber sehr unwahrscheinlich – auf Sie zutreffen könnte. In der Zukunft natürlich. Dabei stellt sich die Prognose in den allermeisten Fällen als falsch heraus. Zum Glück. Viele von uns brauchen die Versicherungen, die wir abgeschlossen haben, niemals. Aber dennoch gehen wir prognostisch von möglichen Bedrohungen unseres Lebens oder unseres Eigentums aus. Wir schließen Wetten auf diese Zukunft. Wenn ein Schaden eintritt, haben wir die Wette gewonnen. Dann sind wir das sprichwörtliche Glück im Unglück. Tritt der Schaden nicht ein, hat die Versicherung die Wette gewonnen. Und wir sind dennoch froh, immerhin ging dieser Kelch an uns vorüber.

Bei den Modellen der Berechnung dieser möglichen Schäden tätigen Versicherungen allerdings keine Vorhersagen. Im Gegenteil. Versicherungen wenden für ihre Modelle Daten aus der Vergangenheit an. Dabei wird errechnet, wie oft ein gewisser Schaden bisher aufgetreten ist. Es wird statistisch erhoben, wie hoch das Risiko ist, dass solche Schäden auftreten. Mit anderen Worten: Versicherungen, die zukünftige Risiken abdecken, spielen mit Zukunftserwartungen. Die Modelle, die dafür angewandt werden, sind vergangenheitsbezogen.

WAHLUMFRAGEN UND WACHSTUMSRATEN: ALLES PROGNOSEN

Haben Sie heute schon Zeitung gelesen? Gab es was zu aktuellen Wahlen? Gibt es neue Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes (BIP)? Alles Zukunftserwartungen. Wie werden sich Handelsströme entwickeln? Erwartete Absätze von Elektroautos des VW-Konzerns? Wieder der Versuch, die Zukunft vorwegzunehmen. Alles Prognosen, Kalkulationen des Wahrscheinlichen.

Nutzen Sie öfter eine Karten-App auf Ihrem Smartphone: Sie geben ein Ziel ein, das Sie in einer gewissen Zeit erreichen wollen. Die App gibt ihnen Hinweise darauf, wie lange es dauern wird und welche Route die im Moment beste für Sie ist. Dabei unterscheidet sich die Art der Datenerhebung bei diversen Apps am Handy im Vergleich zu klassischen Navigationssystemen. Die Apps nutzen die Smartphones der Menschen, um zu erkennen, in welchen Straßen gerade wieviel Verkehr ist. Jedes Handy ist ein Datenpunkt, wohingegen die meisten Navigationssysteme auf die offiziellen Staumeldungen angewiesen sind. Diese sind zeitverzögert und ungenauer als die Datenpunkte, die von den Apps in Echtzeit genutzt werden. Was diese Systeme eint: Sie entwickeln Prognosen auf Basis von aktuellen und vergangenen Daten. So wird eine Wahrscheinlichkeit erstellt. Jeder Nutzer dieser Technologien weiß das. Wenn man sich auf den Weg macht, ändern sich die Daten. Die Verkehrslage wandelt sich. Nicht zuletzt wegen der Prognosen. Je mehr Menschen dieselben Datenlagen zur Grundlage ihrer Zukunftserwartung nutzen, desto mehr bewegen sie sich in eine Richtung. Je mehr Menschen erkennen, dass eine spezielle Straße frei ist, werden sie versuchen diese zu nutzen. Die Prognose hat also die Zukunft verändert – und: Die Prognose hat sich als falsch herausgestellt. In dem Moment, wo ich als Autofahrer in diese Straße einbiege, ist dort Stau. Weil andere genau dieselbe Straße wählten. Damit erkennen wir ein spannendes Phänomen: Je mehr wir Prognosen in unseren Alltag einbauen, desto sicherer können wir sein, dass die Prognosen falsch sein werden oder zumindest anders eintreten werden.

Je mehr Menschen der Prognose einer freien Straße folgen, desto voller wird die Straße sein. Somit ist der Inhalt der Prognose falsch. Ähnliches passiert beim Wetter. Wenn wir auch das Wetter nicht dadurch verändern, dass wir einen Regenschirm mitnehmen. Je mehr wir uns mit der Prognose des Wetters beschäftigen, desto mehr Prognoseanbieter kommen auf den Markt. Je differenzierter der Markt, desto unterschiedlicher die Berechnungsmodelle. Es entsteht ein Kampf um das richtige Wetter. Wir alle kennen das aus unserem Alltag:

»Welche Wetter-App benutzt du?«

»Ah, das von … das kannst du vergessen. Ich habe hier ein viel Präziseres. Das kommt aus der Formel 1.«

»Aus der Formel 1? Meines kommt aus der Landwirtschaft. Die müssen das ganz genau wissen.«

WIR LEBEN IN EINER PROGNOSTISCH VERSEUCHTEN ZEIT

Am Ende stehen wir da und sind unsicher, welche Meinung über eine Wetter-App nun die richtigere ist. Welche Prognose ist die validere? Wir können sicher sein, dass wir uns nicht sicher sein können. Wir sind prognostisch verseucht, permanent von Prognosen umgeben und können die Zukunft gerade deswegen kaum noch deuten. Dabei ist es genau das, was uns alle Prognosetools so innig versprechen: Zukunft zu deuten, den besseren Weg für uns zu finden, die richtige Versicherung abzuschließen, das Wahlergebnis vorherzusagen – vielleicht den Partner fürs Leben zu entdecken. Alle diese Prognosen kämpfen um unsere Aufmerksamkeit für Zukunft. Ich kann verstehen, dass sich viele Menschen zurücksehnen in eine Zeit, in der das alles noch keine Rolle gespielt hat.

Bis vor Kurzem gab es keine Wetter-Apps und auch keine Maps auf dem Smartphone, die die beste Route von A nach B prognostizierten. Vor dem 19. Jahrhundert gab es keine Wachstumsraten, Wahlumfragen oder Prognosen für die Entwicklung des BIP. Bis zum 18. Jahrhundert war man im Großen und Ganzen davon ausgegangen, dass die Welt sich nach einer göttlichen Vorhersehung entwickle. Dass man sich als Individuum Gedanken über die Zukunft gemacht hat, war die Ausnahme. Dies war wenigen Vordenkern vorbehalten. Heute ist die Zukunft zu unserem Alltag geworden. Wir alle brauchen einen kompetenten Umgang mit der Zukunft, sonst landen wir im Dickicht von Prognosen und sind überfordert mit deren Interpretation.

PROGNOSEN SIND NICHT DIE ZUKUNFT

Im Zukunftsinstitut ist es unsere Vision, die Zukunftskompetenz der Menschen in der Wirtschaft und in der Gesellschaft stärker zu machen. Wir wollen Menschen begeistern für ihre Zukunft und daher forschen wir für ihre Entwicklung. Dabei unterscheiden wir zwischen zwei Zugängen: Zukunft als Wahrscheinlichkeit und Zukunft als Möglichkeit. Mit Wahrscheinlichkeiten zu arbeiten ist ein statistisches Vorgehen. Man versucht zu verstehen, mit welcher prozentualen Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Ereignis eintreten könnte. Hier handelt es sich um Prognosen und damit um die Art von Zukunft, die uns allen im Alltag vermehrt unterkommt. Nimmt man sich Möglichkeiten vor, sucht man Potenziale und erzeugt Bilder (Ausblicke) und Szenarien. Der größte Unterschied zwischen den beiden Zugängen: Bei Wahrscheinlichkeit nutzt und interpretiert man Daten. Das Ergebnis sind Prognosen. Diese helfen uns zu verstehen, welche Entscheidungen im Moment anstehen. Wie beim Wetter: Nehme ich den Regenschirm oder die Sonnencreme. Möglichkeiten gehen von Potenzialen aus und helfen uns alternative Vorstellungen zu entwickeln. Sie regen unsere Fantasie an und sind gewissermaßen fiktiv, nicht statistisch. Das Ergebnis ist eine umfangreichere Vorstellung von Zukunft. Neue Richtungen können sich daraus ergeben.

Die Unterscheidung zwischen Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit ist nicht trivial. Fangen wir mit den Wahrscheinlichkeiten an: Vorhin haben Sie von alltäglichen Prognosen gelesen: Von der Wetter-App bis hin zu Wahlprognosen. Diese Prognosen handeln von Wahrscheinlichkeiten und werden mit statistischen Werten ausgedrückt. Es gibt dann zum Beispiel eine 60 %ige Wahrscheinlichkeit auf Regen. Oder: Ihr Routenplaner sagt Ihnen, dass die eine Strecke um 5 Minuten schneller sein wird als eine andere. Beides sind errechnete Wahrscheinlichkeiten. Beide sagen nichts über die Zukunft aus. Wie meine ich das? Nehmen wir nur das Wetter. Wenn es eine 60 %ige Chance auf Regen gibt, was tun Sie dann? Nehmen Sie einen Schirm mit oder nicht? Die Prognose hilft Ihnen in dem Fall nicht, diese Entscheidung zu treffen. Das liegt ganz bei Ihnen. Vielleicht schauen Sie dann in den Himmel und denken sich »Na, lieber nehme ich mal einen Schirm mit.« Sollte es den ganzen Tag nicht regnen, hat Ihnen die Prognose nicht geholfen. Aber war sie falsch? Nein. Denn 60 % sind ja immerhin nicht 100 %. Die Prognose war nicht falsch: Sie setzt ein Thema auf den Plan. Nämlich, dass Sie überhaupt darüber nachdenken, einen Schirm mitzunehmen oder eben nicht. Prognosen können nicht die Zukunft vorhersagen: sie sensibilisieren dafür, welche Themen wir berücksichtigen müssen. Ähnliches gilt für die Route. Wenn auf einer Fahrtstrecke von einer Stunde ein Unterschied von 5 Minuten angezeigt wird, liegt es letztlich wieder bei Ihnen, sich zu entscheiden. Die Prognose sagt nur aus, dass es – momentan – fast keinen Unterschied macht. Wählen Sie dann eine Route aus und landen in einem Stau, hat Ihnen die Prognose wieder nicht geholfen. Aber: Zum Zeitpunkt der Erstellung war sie nicht falsch. Ein Unfall hat diesen Stau verursacht. Dieser war um diese Uhrzeit auf dieser Strecke äußerst unwahrscheinlich, daher konnte das Prognosetool nicht helfen.

Ähnliches passiert bei Versicherungen. Wenn wir eine Versicherung abschließen, wird das Risiko auf Basis von statistischen Rechenmodellen eingeschätzt. Die Prognosen können nur mit Daten agieren, die in der Vergangenheit beziehungsweise – mittels Einsatz von Big Data – in der Gegenwart einsichtig sind. Das bedeutet, wir haben es mit Wahrscheinlichkeiten im statistischen Sinne zu tun. Ob das Risiko, das wir versichern, für uns wirklich schlagend wird, kann niemand wissen. Es ist ausschließlich ein statistisches Modell. Aber: Ist die Prognose, dass eine spezifische Versicherung Sinn macht, daher falsch? Nein. Auf Basis unseres aktuellen Wissens und den uns zur Verfügung stehenden Modellen ist sie richtig. Die Qualität einer Prognose liegt nicht darin, dass sie sich bewahrheitet. Sie soll uns helfen, im gegenwärtigen Zeitpunkt ein Bild der Lage vom Heute und einem möglichen Morgen zu geben. Noch mal der Regenschirm: Das Einzige, was eine Prognose hier kann, ist, uns darauf zu sensibilisieren, dass es Sinn macht, über den Regenschirm grundsätzlich nachzudenken.

Gute Prognosen helfen zu verstehen, was wir überhaupt entscheiden sollten. Im Alltag ist das den meisten Menschen nicht klar. Auch vielen Profis nicht. Sehr häufig verlassen sich heute Manager auf Prognosemodelle und Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Sogar immer mehr: Denn das Versprechen von technischen Prognosetools klingt großartig. Ganz automatisch und ohne Zutun sollen aus großen Datenmengen wahrscheinliche Entwicklungen sichtbar werden. Aber nimmt uns das Entscheidungen ab? Unsere Welt ist komplex. Es ist schwierig, Entscheidungen zu treffen. Da ist es nur verständlich, dass man gerne Systeme hätte, die uns die Entscheidung abnehmen. »Das hat ja der Computer errechnet, also machen wir das.« Aber so funktioniert die Welt leider nicht. Wenn es darum geht, dass Sie Ihre eigene Zukunftskompetenz erhöhen, dann ist diese Erkenntnis wesentlich: Prognosen helfen nicht, Entscheidungen zu treffen. Sie helfen nur zu verstehen, was überhaupt entschieden werden sollte.

DIE POPULÄRSTE PROGNOSE UNSERER ZEIT

Die populärste Prognose unserer Zeit ist die der Erderwärmung. Wiederum werden auf Basis von statistischen Daten und komplexen Modellen Wahrscheinlichkeiten errechnet. Die Erderwärmung wird, so die Prognosen, in einem Korridor von plus 2 Grad bis plus 5 Grad im Jahr 2100 zu messen sein. In einem Bericht der Vereinten Nationen (IPCC-Sachstandsbericht) wird davon ausgegangen, dass die angestoßene Erderwärmung für über Tausend Jahre irreversibel bleiben wird. Eine 2019 erschienene Studie des Crowther Lab der ETH in Zürich zeigt die Veränderungen für 520 Metropolen der Welt im Jahr 2050. Wien soll dann ein Klima wie Skopje haben, Hamburg wie San Marino und New York wie Virginia Beach.

All diese Aussagen sind Prognosen. Keine davon kennt die Zukunft wirklich. Dass all diese Aussagen nach heutigem Stand valide sind, steht außer Zweifel. Laut einer Untersuchung von John Cook et al. gibt es mehrere Hunderttausend Studien zum Klimawandel, das Team untersuchte knapp 11.000 davon, wovon wiederum 97 % den wissenschaftlichen Konsens der Erderwärmung stützen. Die Entwicklung der Erderwärmung ist eine Prognose, die einen wuchtigen Unterbau hat. Wir alle erahnen sehr besorgt die Auswirkungen. Und trotzdem: Das Jahr 2050 oder 2100 ist noch nicht da. Die Auswirkungen auf diese Jahre sind Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Auch hier wird nicht die Zukunft vorweggenommen. Wiederum liefert uns eine Prognose auf den Tisch, welches Spektrum an Entscheidungen wir haben. Es liegt letztlich an uns selbst, aus diesen Prognosen Ableitungen zu treffen. Greta Thunberg hat eine Entscheidung getroffen. Sie kämpft für einen radikalen Wandel. Donald Trump hat sich ebenfalls entschieden: Er pfeift auf den Klimawandel. Am Ende ist es unsere Verantwortung im Leben, die Schlüsse selbst zu ziehen. Darauf kommt es an. Egal ob Sie Topmanager, Präsident oder Schülerin sind. Es geht schlicht um Ihr Leben.

WIE WAHRSCHEINLICH IST WAHRSCHEINLICHKEIT

Die Bloomberg-Journalistin K Oanh Ha wollte mittels eines Gentests herausfinden, welche Krankheiten sie in Zukunft erwarten kann. Dabei hat die in Hongkong lebende Ha ein Experiment gewagt: Sie ist nicht nur zu einem Genlabor gegangen, sondern gleich zu zwei. Eines davon ist das Unternehmen 23 and Me. Ein amerikanisches Labor, gegründet von der Exfrau des Google-Gründers Sergey Brin. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben mittlerweile 10 Millionen Kunden und eine Sammlung von einer Milliarde genetischen Datenpunkten. Das andere Labor liegt in China, in Chengdu. Es heißt 23 Mofang und ist ein Startup, das gerade versucht, den aufkommenden Gen-Boom in China für sich zu nutzen. Das chinesische Labor hat nach eigenen Angaben rund 700.000 Kunden.

Die Resultate der beiden Gentests haben Ha sehr überrascht: Die chinesischen Auswertungen waren wesentlich ambitionierter und umfangreicher. So hat dieser Test Angaben zu einer hohen Wahrscheinlichkeit von schlaffer Haut geliefert. Inklusive Hinweisen, welche Creme von Estée Lauder Ha zukünftig nutzen sollte. Wie auch einen Hinweis, auf eine hohe Wahrscheinlichkeit, 95 Jahre alt zu werden. »Lächerlich«, sagt dazu Eric Topol, ein Genetiker am Scripps Research Translational Institute in La Jolla, Kalifornien, »es gibt keinen Weg, eine konkrete Jahreszahl zur Lebenserwartung zu bestimmen.« Dennoch wird es gemacht, zumindest im chinesischen Labor! Erneut mein Hinweis: Es ist eine Prognose, eine Wahrscheinlichkeit – ganz offensichtlich eine nicht besonders seriöse. Aber auch in der Wahrscheinlichkeit von Erkrankungen haben die beiden Tests überaus unterschiedliche Ergebnisse gebracht. Das amerikanische Labor hat eine überdurchschnittliche Neigung zu Depressionserkrankungen festgestellt, was dem chinesischen Labor nicht aufgefallen ist. Beide Labors haben eine überdurchschnittliche Wahrscheinlichkeit für Diabetes bei Ha festgestellt. Die Auswertung von 23 and Me lag dabei auf 48 %, die des chinesischen Pendants 23 Mofang sagt 26 %. Was sollen wir nun glauben? Welche Prognose stimmt, und hilft diese Prognose? Die Journalistin Ha hat von beiden Laboren einen Onlinezugang erhalten, in dem ihre Daten abgebildet werden. Verwundert stellte sie fest, dass sich diese Wahrscheinlichkeiten in Bezug auf Diabetes im Laufe von ein paar Wochen änderten – ohne dass Sie einen neuen Test gemacht hätte. Der Gründer des chinesischen Start-ups meinte dazu: »Es besteht die Möglichkeit, dass Sie später Resultate bekommen, die das Gegenteil von den heutigen Analysen ergeben.« Was nun? Wir machen einen Gentest, erhalten Aussagen über Wahrscheinlichkeiten und müssen damit rechnen, dass sich diese total verändern – obwohl sich unsere Gene nicht verändern! Wie kann das sein? Der Hintergrund sind die zur Verfügung stehenden Daten sowie die Rechenmodelle und Algorithmen. Im Laufe der Zeit ändern sich diese und damit ändern sich die möglichen Prognosen und Aussagen der Tests.

Wieder gilt in Sachen der eigenen Zukunftskompetenz: Jede Prognose ist nur eine Prognose. Sie ist so gut, wie die im Moment dafür herangezogenen Informationen und Modelle funktionieren. Prognosen sind immer gegenwarts- und vergangenheitsorientiert. Keine Prognose nimmt uns eine Entscheidung ab. Je besser die Prognose, desto mehr hilft sie uns, zu verstehen, welche Entscheidung wir überhaupt treffen können. Verwechseln wir Prognosen daher nicht mit Zukunft! Prognosen sind in Zukunft verpackte Vergangenheit.

HINTER DEN KULISSEN DER WAHRSCHEINLICHKEIT

Einen wichtigen Lerneffekt hatte dieses Gentest-Experiment zusätzlich für die Journalistin Ha. Bei den Tests wurden auch ihre ethnischen Grundlagen untersucht. Ha ist gebürtige Vietnamesin, deren Familienstamm bis nach China zurückreicht. Aufgewachsen ist sie in Amerika. Der amerikanische Test hat ihr diese Mischung bestätigt. Der chinesische nicht: Laut diesem ist sie zu 63 % Han-Chinesin, zu 22 % Dai-Chinesin und zu 3 % Uigurin. Die vietnamesischen Wurzeln wurden nicht erkannt. Das chinesische Labor gleicht seine Daten ausschließlich mit der chinesischen Bevölkerung ab. Uiguren sind ein unterdrücktes Volk in China, und die Frage, die sich Ha nun stellen muss: Wer wird jemals die Daten dieses DNA-Tests erhalten? Ist sie dadurch in China noch sicher?

Wenn wir uns auf Prognosen einlassen, ist es wichtig, so viel wie möglich über die Prognostiker und ihre Modelle zu erfahren. Denn der Hintergrund jeglicher Prognose vermittelt ein Weltbild. An den beiden Gentests können wir die Differenz zwischen chinesischem und amerikanischem Weltzugang erahnen. Aber selbst jede Wetter-App ist auf Basis von gewissen Weltbildern und Anschauungen gemacht. Daher lohnt es sich, immer hinter die Kulissen von jenen zu blicken, deren Prognosen wir verwenden. Wer sind diese Menschen, was machen sie, und wie hat dies wiederum Einfluss auf deren Prognosen? Die Systemtheoretikerin Elena Esposito fasst die Antwort darauf so zusammen: »Eine Vorhersage, die aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung abgeleitet wird, ist also keine (mehr oder weniger gelungene) Vorherbestimmung der Zukunft, sondern ein permanenter Prozess auf der Grundlage provisorischer Prognosen, die kontinuierlich überprüft und angepasst werden müssen. Aber das lässt sich machen, und so wird es möglich, sich auf die Zukunft vorzubereiten, während man sie konstruiert.« Esposito forscht selbst in einem großen Projekt über die Zukunft der Prognostik. Deren alltäglicher Einsatz ändert, wer wir als Gesellschaft sind. Die Folgen daraus können wir noch nicht abschätzen. Daher meine Empfehlung: Seien Sie aufmerksam, wenn Sie das nächste Mal eine Prognose nutzen!

DIE ZUKUNFT IST EIN RAUM VOLLER MÖGLICHKEITEN

Wahrscheinlichkeiten sagen viel über Vergangenheit und Gegenwart aus. In der Wahrscheinlichkeit sehen wir, was wir heute an Daten und Modellen zur Verfügung haben. Die Zukunft wird dadurch nicht vorweggenommen. Diametral dazu arbeiten wir im Zukunftsinstitut mit dem Begriff der Möglichkeiten. Wahrscheinlichkeit liefert Prognosen, Möglichkeit nutzt Potenziale. Für mich persönlich war der Begriff der Möglichkeit immer faszinierend. Er beinhaltet gar nicht erst den Versuch, die Zukunft in statistischen Werten zu erfassen. Der Möglichkeitsraum ist erst mal unbegrenzt groß. Er wurzelt in Potenzialen. Wir können in der Gegenwart feststellen, welche Potenziale wir haben, und daraus Möglichkeitsräume konstruieren. Diese sind nicht in Zahlen und Daten zu fassen. Möglichkeiten sind diffuser und offener. Aber sie erzeugen einen Kontext, einen Denkraum, in dem sich Zukunft entfalten kann. Möglichkeitsräume lassen mehr Freiheiten und determinieren nicht unser Denken – wie Prognosen es tun. Sie öffnen es. Wenn wir uns mit Möglichkeiten beschäftigen, brauchen wir einen Blick für das pozentiell Mögliche.

Häufig treffen wir dies in der Kunst an. Jeder Film, den wir sehen, ist reine Fiktion. Geschichten sind immer erfunden. Selbst wenn diese auf wahren Begebenheiten beruhen, liegt es in der Hand von Drehbuchautoren und Regisseuren, eine Interpretation der Story zu finden. Filme sind Erfindungen und beschreiben Möglichkeiten. Insbesondere Filme, die in einer Zukunft spielen, wie Science-Fiction das zeigt. In Serien und Filmen von Star Trek beispielsweise werden Szenen gezeigt, die in einer fiktiven Zukunft spielen. Als Zuschauer staunen wir über die Kreativität und gleichen das Gesehene mit unseren Erfahrungen ab. Wir erweitern dadurch unseren Möglichkeitsraum. Werden wir in einer kommenden Zeitepoche in Raumschiffen per Lichtgeschwindigkeit durchs Weltall rasen? Jedenfalls können wir es für möglich halten. Jeder, der schon einmal Star Trek gesehen hat, weiß, wie das aussehen könnte. Die Fiktion eröffnet uns einen Blick für Zukünftiges. Sehr häufig höre ich auch, dass die Autoren von Star Trek ohnehin die Zukunft vorhergesehen hätten. Ihre Kommunikatoren erinnern uns an das, was wir heute Handy nennen. Auch so etwas wie iPads kamen schon vor. Nun ist also die Frage: Haben die Autoren die Zukunft vorhergesehen? Oder haben sie Fiktionen und damit den Möglichkeitsraum für Handys geschaffen?

Für mich liegt die Antwort zu dieser Frage genau in der Mitte. Wer sich mit Sience-Fiction beschäftigt, muss ein Gespür für das Mögliche entwickeln. In der Fantasie malt sich ein Autor eine Zukunft aus und dockt diese an die Lebensbedingungen der Menschen im Heute an. Menschen haben schon lange telefoniert und dafür immer Kabel gebraucht. In Star Trek konnten sie den Kommunikator ohne Kabel benutzen. Diese Möglichkeit war potenziell vorstellbar und die Produzenten haben es umgesetzt. So wie viele Dinge, die wir im Hier und Jetzt erleben, wurden schon in unterschiedlichen Formen fiktiver Zukunftsdarstellung gezeigt.

In der aktuellen Version der Serie, Star Trek Discovery, wird die gesamte Crew inklusive dem Raumschiff per »Spur Drive« in eine Parallelwelt befördert. Dort finden sie all die Menschen und Charakteren wieder, die sie auch in »ihrer« Welt kennen. Nur hier, in der parallelen Realität, werden die Rollen vertauscht, die Welt hat sich anders entwickelt. Die potenziell vorhandenen Möglichkeiten haben sich anders realisiert. Die Idee, die die Drehbuchautoren aufgreifen, stammt aus der Quantenphysik. Dort gibt es eine Viele-Welten-Interpretation. Also im Grunde genau diese von Star Trek umgesetzte Vorstellung, dass es parallel zu unserer Realität ein Vielfaches an existierenden Welten gibt.

Diese Theorie ist umstritten. Aber das sagt noch nichts aus, vor allem dann nicht, wenn man daraus Fiktionen baut, wie das ein SciFi-Drehbuchautor tut. In dem Fall können wir nur erkennen: Potenziell ist diese Vorstellung nicht abwegig.

Was wir daraus für unser eigenes Leben lernen: Möglichkeitsräume handeln mit Potenzialen. Sie spielen mit unserer Fantasie und erzeugen Vorstellungen der Zukunft. Und genau das ist die Zukunft: ein Raum voller Möglichkeiten. Welche der Möglichkeiten sich realisieren wird, kann niemand sicher sagen. In vielen Fällen macht es keinen Sinn, aus den Möglichkeiten Wahrscheinlichkeiten zu machen. Wie wahrscheinlich ist es, dass wir die Viele-Welten-Realität erleben werden? Dennoch helfen diese Art Theorien und Vorstellungen des Möglichen, uns in eine Zukunft hineinzubewegen. Die Zukunft ist per se unbekannt. Sie ist nicht fertig und kann von nichts und niemandem errechnet werden. Daher benötigen wir Denkweisen, um uns der Zukunft zu nähern oder um die Zukunft zu gestalten. Das Arbeiten mit Möglichkeiten ist ein wesentliches Mittel: Was wir für möglich erachten, kann sich realisieren. In der Geschichte gibt es viele Beispiele. Eine ehemalige Entwicklerin bei Apple hat über die Kultur von Steve Jobs gesagt: »Es gab bei Apple keine Vorstellung davon, dass etwas nicht möglich sei.«

ERKENNEN, WAS MÖGLICH IST

Wie findet man den Zugang zum Raum der Möglichkeiten? Mit einem ausgeprägten Sinn für Beobachtung, einem Verständnis für Zusammenhänge und Mut. Eine wesentliche Grundlage ist Gabe der Beobachtung: Frei von Wertung und ohne Kommentare. Das ist anspruchsvoll in einer Welt, die einen dauernd zum Bewerten und Kommentieren einlädt. Das Wahrnehmen und Erkennen von Möglichkeiten setzt einen Geist voraus, der offen ist. Wertungen verschließen das potenziell Mögliche.

Dazu hatte ich ein schönes Erlebnis: Auf einer Trendreise mit 20 UnternehmerInnen nach Berlin stand auch ein Besuch des Institute for Healing Architecture auf dem Programm. Dieses an der Technischen Universität angesiedelte Institut beschäftigt sich mit der Frage, wie Architektur dem Menschen helfen kann, gesund zu werden – und zu bleiben. Eine spannende Frage. Vor allem, wenn man weiß, dass immer mehr Menschen an psychischen Krankheiten leiden oder Schlafprobleme haben. Außerdem bewegen wir Mitteleuropäer uns über 90 % unserer Zeit innerhalb von Räumen. Der Einfluss der Räume auf unseren Gesundheitszustand ist durchaus relevant.

Wir erreichen das Institute for Healing Architecture. Die Räume wirken nüchtern, geradezu unwirtlich. Es empfing uns eine junge Frau, sie stellte sich als wissenschaftliche Assistentin vor. Die Frau Professor war kurzfristig indisponiert. Wir bewegten uns durch das Institut in Richtung Konferenzraum. Dort fiel uns auf: Die meisten Schreibtische waren leer. Die Assistentin erwähnte, dass fünf ihrer sieben Kollegen krank seien. Die Räume waren kahl eingerichtet, man fühlte sich nicht besonders wohl. Und die Zimmerpflanzen, allesamt Ficus Benjamini, trugen kaum mehr Blätter. Es war gespenstisch in diesem Institut, das für Heilung sorgen soll.

Nach einem detailreichen wissenschaftlichen Vortrag saßen wir in diesem Konferenzraum, kühl, still und ratlos. Allesamt haben sich mehr von diesem Besuch erwartet. In dem Moment wurde mir klar, dass ich die Gruppe auf die Beobachtungsfähigkeit hinweisen muss. Die räumlichen Erlebnisse haben uns zu sehr beeindruckt, als dass wir darin noch Potenziale sehen könnten. Enttäuschung wäre die Folge. Gleichzeitig ist das Thema der Healing Architecture mit enormem Potenzial ausgestattet. Die Notwendigkeit, unsere Häuser und auch Stadtteile gesund zu bauen, ist heute enorm groß. Auch wenn es in diesen Räumen des Instituts nicht direkt erlebbar war: Man hatte sich dort viel Kompetenz in genau diesen Fragen aufgebaut. Die Beispiele, an denen gearbeitet wird, und die akribischen Publikationen beweisen dies. Mir wurde klar: Wir sollten versuchen, das Potenzial des Moments zu erkennen. Dadurch bewegen wir uns im Raum der Möglichkeiten. Als ich der Gruppe dies gespiegelt habe, hat sich ad hoc die Stimmung gedreht. Den Menschen wurde bewusst, das hier kann zu einem ganz wichtigen Moment der Reise werden. Wir blicken in ein Zukunftspotenzial, das erst wenige kennen. Dieser Moment wurde zu einem der Highlights der Reise. Nicht aufgrund einer Sensation oder einer Euphorie, sondern weil es der Gruppe gelungen ist, ihre Beobachtung auf das Potenzial des Moments zu lenken. Werten verschließt die Tür zum Möglichen. Oft zu schnell. Halten Sie sich diese Türe offen: Der Preis ist gering. Beobachten und das Geschwader an Meinungen, Begründungen und Assoziationen im Kopf einfach ziehen lassen.

WAHRNEHMUNG GEGEN DEN STROM

Das Erkennen von Potenzial ist nicht selbstverständlich – gerade in einer Welt der Sensationen und Newsstürme. Stellt man im Silicon Valley ein Software Update, ist das wie bei einem Rockkonzert. Showtime, viel Licht und enormes Getöse. Unweigerlich schaut man hin. Unweigerlich glaubt man Zeuge einer Zukunft zu sein. Was wir aber wirklich sehen, ist Marketing. Gut gemacht, unterhaltsam und voller Ehrerbietung. Durchgeführt wie Gottesdienste in der Zukunft. Doch das stimmt nicht. Es bleibt Werbung.

Ähnlich verhält es sich mit den Großkundgebungen der Technologie-Szene: Events wie das SXSW in Austin oder das Web Summit in Lissabon. Abertausende Menschen pilgern dorthin, um dabei zu sein, wenn Zukunft passiert. Aber Achtung. Diese Veranstaltungen sind gar nicht so viel Zukunft, wie man glauben könnte. Vielmehr sind sie Showoffs der Technologie-Szene und Prognosen auf Basis dieser. Das ist spannend und zugleich aufregend und vor allem sehr gut gemacht.

In Sachen Zukunftskompetenz sind diese Events nur Randerscheinungen. Die Zukunft zeigt sich üblicherweise nicht im grellen Licht, sie kreuzt eher an unerwarteten Plätzen und Momenten auf. Oder wo haben Sie Ihre Partnerin fürs Leben kennengelernt?

Es ist eine ganz besondere Qualität, wenn es gelingt, in solchen Situationen das Zukunftspotenzial zu erkennen. Dafür sollte es Ihnen gelingen, sich nicht von Scheinwerfern und großen Guru-Ansprachen blenden zu lassen. Sie erkennen dadurch Möglichkeiten, wo die allermeisten nichts Besonderes wahrnehmen. Das ist Zukunft. Das ist eine ganz spezielle Form der Beobachtungsgabe.

MÖGLICHKEITEN NUTZEN: DAS NOCH-NICHT-WISSEN

Das Fundament des Möglichen ist das Noch-nicht-Wissen, das nicht zu berechnen ist. Was wir dafür brauchen, ist diese trainierte Beobachtungsgabe. Eine Art Intuition für das Kommende. Damit beginnen Sie vieles an Zukunft in der Gegenwart zu erkennen. In Garagen, Versuchslabors oder mitten unter uns, diese können Türöffner in ein Wissen sein, das wir noch nicht haben. Daher lebt die Zukunft von dem Erkennen von Möglichkeiten. Am ehesten kennt man diesen Zugang, wo es darum geht, Talente zu entdecken. Wie im Sport. Schon ganz früh will man diejenigen erspähen, die einmal Top-Skiläuferin oder -Fußballer werden sollen. Ein wahrer Boom der Talentescouts ist in den letzten Jahren entstanden. Die Potenzial-Sucher versprechen sich Ähnliches wie ich in Berlin: Man will die Zukunft entdecken: in einem Hinterhof in Nizza oder auf einem Futsal-Platz in Salvador. Man sieht einen talentierten, jungen Menschen. Man kann sich vorstellen, dass dieser alles hat, was man braucht. Potenziell. Daher wird man versuchen, dieses Talent zu fördern. So ist es auch mit Potenzialen im Leben: ob in Form einer Architekturrichtung oder einer flüchtigen Begegnung. Sie können lernen zu erkennen, ob es sich um ein Potenzial handelt oder eben nicht. Was Sie dafür brauchen: eine im ersten Moment wertfreie Beobachtungsgabe und ein Gespür für sich selbst. Denn unser bewusstes Denken stellt nur einen Bruchteil unserer Verarbeitung von Informationen dar. Wenn es um Potenziale geht, brauchen wir ein Vertrauen in den unbewussten Teil unseres Denkens. Gemeinhin würde man sagen, dass man sich auf sein Bauchgefühl verlassen sollte. Doch das wäre mir zu wenig. Es ist wesentlich mehr als Bauchgefühl. Potenziale zu erkennen bedeutet die Verbindung aus Denken und Fühlen. Vor allem wenn es um Möglichkeitsräume für Zukünftiges geht. Dann erschließen wir Noch-nicht-Wissen. Das kann man lernen; durch das Vermeiden von schnellen Wertungen einerseits. Durch das Denken in Zusammenhängen andererseits.

KONTEXTE SIND DIE LANDKARTEN DES UNBEKANNTEN

Erinnern wir uns noch mal an die Geschichte in dem Institut in Berlin. Bewerten wir die Situation zu schnell, drehen wir uns um und sind enttäuscht. Dann sehen wir die Zusammenhänge nicht. Was bedeutet das? Bleiben wir noch einen Augenblick in Berlin: Gesundheit hat einen riesigen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Viele Menschen leiden an chronischen Krankheiten: ein Drittel zum Beispiel an chronischen Schlafstörungen, ein weiteres Drittel hat Schlafprobleme – beides mit steigender Tendenz. Außerdem wird die Gesellschaft älter. Und wir leben in sehr verdichteten Wohneinheiten bei gleichzeitig steigender Einsamkeit. Alles Faktoren der Gegenwart. Wenn wir diese Zusammenhänge erkennen und mit der Idee von heilender Architektur verbinden, sehen wir Potenziale. Es sind die Kontexte, die uns helfen eine Situation einzuschätzen. Welche Kontexte beziehen sich auf das, was wir beobachten? Welche Arten von größeren Zusammenhängen können wir heute schon sehen? Können wir daraus Rückschlüsse ziehen auf das, was wir gerade beobachten?

Ein kleiner Tipp: Achten Sie sowohl auf Details wie auf das große Ganze – den Kontext. Die meisten Informationen dazwischen sind Allgemeinwissen, und daher wenig potenziell. Viel zu schnell wird unsere Aufmerksamkeit von Allgemeinplätzen verbraucht. Wenn ein Talentescout einem jungen Burschen beim Fußballspielen zusieht, achtet er nicht darauf, ob dieser das Tor trifft. Er schaut darauf, wie er sich bewegt, welche natürlichen Laufwege er nimmt. Er achtet auf Blickkontakte und Gesten. Kleinigkeiten, die für den normalen Zuschauer kaum auszumachen sind. Aber für den Scout machen diese Dinge den Unterschied. Zugleich sieht er das größere Bild, das er in seine Entscheidung mit einbezieht: Welche Talente werden gesucht, welche Clubs suchen welchen Stil? Wohin hat sich der Sport in den letzten Jahren entwickelt? Welches Talent kann den Unterschied machen? Details und Kontexte! Darauf kommt es an. Das Denken in Kontexten ist für viele Menschen schwer, es wird unseren Kindern sogar abtrainiert. Eine junge Mutter hat mir unlängst von ihrer Tochter erzählt. Diese sei ein sehr lebhaftes Kind und besucht die Volksschule. Ein Gespräch mit der Lehrerin des Kindes schilderte mir die Mutter so:

»Ihre Tochter ist sehr lebendig und wissbegierig.«

»Ja, das weiß ich. Auch zu Hause fragt sie mir ständig Löcher in den Bauch.«

»Tatsächlich denkt sie sehr vernetzt. Sie bringt in jeder Unterrichtsstunde Erfahrungen aus anderen Fächern mit.«

Eine kurze Pause.

»Aber gut. Wir werden sie trotzdem irgendwie durchbringen!«

Die Mutter war sehr aufgeregt. Sie konnte diesen Befund kaum fassen. War es nicht genau das, was wir in der modernen Arbeitswelt von den Menschen verlangen? Eigenständiges vernetztes Denken! In dieser Volksschule jedenfalls war es ein Problemfall. Ich vermute, das ist kein Einzelfall. Spielerisch zwischen Kontexten wechseln zu können, ist Basiswissen für das 21. Jahrhundert. Lassen Sie niemals zu, dass man Ihnen oder Ihren Kindern das abtrainiert.

Noch wesentlicher ist das beim Erspüren von Potenzialen. Darauf werden wir kaum sensibilisiert. Es lohnt sich, dieses vernetzte Wahrnehmen zu trainieren. Das können Sie jederzeit tun. Auch jetzt.

DREI KLEINE ÜBUNGEN FÜR ZWISCHENDURCH

Aus einem Arbeitsbuch des Zukunftsinstituts stammen die folgenden drei Übungen. Diese sind kleine Augenübungen. Das Visuelle ist unser primärer Sinneskanal. Über die Augen nehmen wir am meisten Informationen auf. Wir interpretieren auch visuell, indem wir Bilder im Kopf entwickeln. Die folgenden visuellen Übungen trainieren den Sehsinn, um Zusammenhänge besser erkennen zu können. Lehnen Sie sich zurück und machen Sie den Spaß mit.

Peripheres Sehen: Erweitern Sie Ihr Blickfeld, indem Sie bewusst auf Randphänomene achten, die sich eigentlich nur in Ihren Augenwinkeln ereignen. Unser Blickfeld ist weiter, als wir das normalerweise nutzen. Im Alltag fokussieren wir häufiger, als wir loslassen. Daher: Lassen Sie den Fokus los und verlassen Sie sich auf Ihr ganzes Blickfeld. Sie werden erstaunt sein, was sich in der Peripherie alles abspielt.

Wenden Sie es auf eine Situation an, die Ihnen wichtig ist. Gehen Sie in den breiten Blick. Könnten sich dort, in Ihrem peripheren Sichtfeld, Dinge abspielen, die für Sie eine unerwartete Relevanz entwickeln könnten?

Langsames Sehen: Nehmen Sie sich Zeit und betrachten Sie die Welt, ohne direkt an Pflichten, Nutzen und Interpretationen zu denken. Blicken Sie nicht nur auf das unmittelbar um Sie Liegende, sondern auch in die weitere Ferne. Worauf verweilt Ihr Blick, wenn er nicht gelenkt wird?

Defokussiertes Sehen: Haben Sie den Mut, Ihren Blick zu entschärfen und ihm die Klarheit zu nehmen. Zum Beispiel, indem Sie die Augen etwas zukneifen. Was sehen Sie Neues, wenn Sie sich die Freiheit nehmen, sich beim Blick auf ein Detail nicht sofort das Gesamtbild hinzuzudenken? Wenn Sie Vorannahmen und vermeintliches Wissen über Bord werfen?

Kontexte und Zusammenhänge sieht man besser in Unschärfe, im Nicht-Fokus. Die meisten Menschen sind in ihrem Alltag darauf angehalten, fokussiert zu sein. Wer kennt das nicht: Jedes Meeting muss sofort ein Ergebnis haben, jeder Tag ein Ziel erfüllen. Andererseits sind wir auch sehr schnell abgelenkt: Soziale Medien zerren unsere Aufmerksamkeit in die Belanglosigkeit. Dazwischen einen Raum des stillen Wahrnehmens von Zusammenhängen zu finden, ist nicht leicht, aber für die Zukunft essenziell: Leidlich erfahren habe ich das vor mehr als zehn Jahren, als ich in einer solchen Unschärfe das Thema »Sharing« am Radar hatte. Ich hatte zu dieser Zeit viel mit der Tourismusindustrie zu tun. Mehrfach versuchte ich meine Trend-Wahrnehmung mit Menschen aus der Branche zu besprechen, das ging dann wiederholt etwa so:

»Sharing wird vermehrt zu einer Haltung und einer Kultur. Gerade junge Menschen springen auf diese Idee an. Sie wollen Dinge benützen, nicht besitzen.«

»Ich versuche zu verstehen, was Sie mir sagen. Nur kann ich mit dem Blick auf unsere Branche da keine Zukunft erkennen. Im Gegenteil: Das hat mit uns nichts zu tun.«

»Aber es handelt sich um einen Wandel in der Haltung. Es werden Angebote folgen, auch wenn diese heute noch nicht klar sind.«

»Das sehe ich anders. Das wird an uns vorübergehen.«

In einem »Stern«-Interview vom 19. September 2013 hat Nathan Blecharczyk, einer der Gründer von Airbnb, im Grunde dasselbe gesagt: »Uns hat niemand ernst genommen.« Heute sieht das anders aus. Nach Angaben des Unternehmens vermittelt Airbnb zwei Millionen Übernachtungen täglich! Man kann nicht mehr behaupten, dass dies nichts mit der Tourismusindustrie zu tun hat. Aber wie heißt es so schön: Im Nachhinein ist man immer klüger. Aber darum geht es hier. Wie gelingt es, dass man in seinem eigenen Leben nicht nur im Nachhinein klüger ist? Das Erkennen von Kontexten und Zusammenhängen ist eine essenzielle Qualität genau dafür. Verschaffen Sie sich Blick für Potenziale. Üben Sie sich im Erfassen von Kontexten – das sind Grundsteine für das Arbeiten mit Möglichkeiten.

MUTIG VORAN

Die dritte Zutat zum Erkennen von Möglichkeiten ist der Mut. Oder genauer formuliert: der Zukunftsmut. Zukunft erfordert, dass wir uns auf das Ungewisse und Unsichere einlassen. Die Zukunft per se ist unbekannt. Prognosen helfen uns dabei zu erkennen, welche Entscheidungen heute anstehen könnten. Aber sie sagen nicht die Zukunft voraus. Potenziale geben uns Hinweise darauf, welche Möglichkeiten sich in Zukunft realisieren könnten. Doch diese sind keine Garantie. Also bleibt uns Menschen der Mut. Dabei ist Mut nicht mit Wagemut zu verwechseln. Mutig ist jeder Mensch, der sich über seine gewohnten Komfortzonen hinwegsetzt und sich selbst überwindet. Mut hat nichts zu tun mit Heldentum. Es ist eine klare Entscheidung für sich und seine Zukunft. Peter Sloterdijk hat dafür einen ganz hervorragenden typologischen Begriff entwickelt. Er spricht von »Zukunftsprovokateuren«. Damit meint er Menschen, die sich auf die Zukunft einlassen wollen. Der potenzielle Möglichkeitsraum ist groß, aber eben nicht schicksalshaft vorgezeichnet. Um Möglichkeiten zu erkennen, sollte man sie auch ergreifen wollen. Denn ob es eine Möglichkeit ist oder nicht, ergibt sich oft erst durch das Tun oder durch das Provozieren von Zukunft. Potenziale zu erkennen, ist das eine. Sie zu entfalten, das andere.

Boyan Slat, ein junger Mann aus den Niederlanden, wollte eigentlich Astronaut werden, doch stattdessen hat er ein Verfahren entwickelt, um das Meer von Plastik zu befreien. Die vorausgehende Beobachtung hatte er bei einem Familienurlaub in Griechenland im Jahr 2011. Bei Tauchgängen fiel ihm der Müll auf, er wollte etwas tun. Das Potenzial entdeckte er dann im Labor. Er entwickelte ein Verfahren, um das Plastik aus dem Meer zu fischen. Niemand hielt es für möglich. Aber er fasste Mut und fing an. Heute hat er sein eigenes Unternehmen – The Ocean Cleanup. Und er reinigt. Ein wahrer Zukunftsprovokateur.

Nicht jeder Mensch ist zu jeder Zeit dazu in der Lage oder auch bereit. Die Möglichkeiten herauszufordern, ist keine ganz simple Aufgabe. Nicht umsonst verbreitet sich eine vermehrte Diskussion über Fehler. In einer Null-Fehler-Umgebung werden wir uns nicht dem Möglichen zuwenden, sondern immer nur dem statistisch Belegten. Doch Wahrscheinlichkeiten, so haben wir gelernt, zeigen nicht die Zukunft. Sie helfen uns, rückwirkend zu behaupten, nichts Falsches gemacht zu haben. Wer mutig ist, wird auch Fehler machen. So viel steht fest. Daher ist es schlau, sich auf Fehler einzustellen. Zum Leben gehört die Ungewissheit. Sie ist unser ständiger Begleiter. Ungewissheit ist die Quelle des Möglichen.

UNMARKIERTE BEOBACHTUNGEN UND NEUE BEGRIFFE

In der Trendforschung beschäftigt man sich mit den vorher beschriebenen Potenzialen. Die Basis dafür bilden Beobachtungen. Dafür werden unterschiedlichste Quellen herangezogen: wissenschaftliche Untersuchungen, öffentliche Meinungsentwicklung, Datenauswertungen und Expertenwissen; ebenso wie ein ständiger Dialog mit Vordenkern und Pionieren. Die Vielfalt der Quellen ist wichtig. Es entsteht eine differenzierte Wahrnehmung der Welt. In den Korrelationen dieser Beobachtungen erkennen Trendforscher Muster. Diese werden markiert, aber noch nicht benannt.

Hier ein Beispiel solcher Beobachtungen: 1. Immer mehr Menschen leiden daran, dass sie ihre Aufmerksamkeit nicht mehr selbstbestimmt einsetzen können. Die ständige Flut der Social Media fordert ihren Preis. 2. So viele Menschen wie nie zuvor besuchen Yogastudios und buchen Entspannungskurse. 3. Immer mehr Unternehmen setzen auf Maßnahmen, die nicht die Effizienz, sondern das Wohlfühlen steigern sollen. 4. Ein soziologisches Buch von Hartmut Rosa zu »Resonanz« landet auf den Bestsellerlisten.

Diese vier Beobachtungen haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun, dennoch erkennt man darin ein Muster. Jede der Beobachtungen erzeugt eine Distanz zur klassischen Leistungsidee unserer Gesellschaft. Die Frage, die unscharf zu erkennen ist: Wie gelingt es Menschen, in einer Zeit der Beschleunigung ruhig und selbstwirksam zu bleiben?

In der Trendforschung markieren wir diese Entwicklungen und schauen eine Zeit lang zu. Ohne zu werten, ohne zu kommentieren. Bis zu dem Moment, an dem klar wird, dass all diese Entwicklungen einen größeren, gemeinsamen Kontext haben. Erst dann benennen wir diese Veränderung. In dem beschriebenen Beispiel haben wir das »Die neue Achtsamkeit.« genannt: Durch die Begriffsgebung entsteht nun eine Wahrnehmung für den größeren Zusammenhang. Der Begriff »Achtsamkeit« wird zum Griff für den Möglichkeitsraum. In ihm drückt sich ein Trend aus. Wir erfassen durch den Begriff das Potenzial für Zukünftiges. Begriffe wie diese nehmen nichts vorweg. Sie sagen nicht: »So ist die Zukunft«, aber sie erzählen die Geschichten, die der Wandel bereithält, und machen Möglichkeitsräume begreifbar.

Dieses Vorgehen lässt sich auf den persönlichen Umgang mit Möglichkeiten übertragen. Dazu ein kleiner Leitfaden:

•Seien Sie aktiv neugierig und interessiert an dem Wandel der Welt.

•Nutzen Sie Prognosen als das, was sie sind: Hinweise.

•Achten Sie auf Potenziale. Diese zeigen sich meist unerwartet.

•Seien Sie sensibel für Details. Sie machen den Unterschied.

•Beobachten Sie die Kontexte. Überblicken Sie das größere Bild.

•Finden Sie einen Be-Griff für das, was Sie als Potenzial erkennen.

•Haben Sie Zukunftsmut. Provozieren Sie das Mögliche.

IHRE ZUKUNFT STEHT AUF DEM SPIEL

Ich möchte um Ihre Faszination für Zukunft werben. Schließlich geht es um alles. Die Zukunft, die wir uns gestalten, ist die Gegenwart vom Heute und Morgen. Das trifft auf uns als Gemeinschaft zu. Das trifft auf Sie als Individuum zu. Ein wichtiges Fundament Ihrer Zukunft ist Ihre Neugierde. Wenn Sie diese wecken können, haben Sie schon viel erreicht. Darüber hinaus benötigen Sie eine gute Beobachtungsgabe, ein wahrnehmendes Bewusstsein, das über unser Alltagsbewusstsein hinausgeht. Unsere Gegenwart ist geprägt von Überforderung und Ablenkung. Wir sind eingebettet in eine Welt der Shows, Gigs und Sensationen. Daher ist es nur allzu leicht, dass man unsere Aufmerksamkeit verführt und ablenkt mit vermeintlichen Zukünften. Dann starren wir auf Produktshows aus dem Valley oder das Staatstheater in China. Und wir sagen dann: »Wow, dort ist Zukunft.« In den allermeisten Fällen ist es dies aber nicht. Wir müssten sagen: »Wow, was für eine Show.« Die wirkliche Zukunft verbirgt sich oft im Undeutlichen. Die spannenden Entwicklungen sind meist nicht die offensichtlichen. Aber gerade weil wir so eingebunden sind in ein Dauerfeuer von Prognosen und Zukunftspredigten, sind wir prognostisch verseucht. Zu erkennen, wo echte Potenziale liegen, ist alles andere als einfach. Umso wichtiger ist es, dass wir ganz bei uns selbst sind, wenn wir uns mit der Zukunft unterhalten. Damit wir unseren Kopf und unser Gefühl freibekommen für das, was wirklich zählt.


DIALOG MIT MEINER WELT

Hallo Welt.« »Hallo Du.«

»Sag mal, wie bist du eigentlich entstanden?«

»Ich bin mit dir geboren.«

»Wie mit mir? Du warst doch schon längst da. Auch vor mir.«

»Nein. War ich nicht.«

»Wie meinst du das?«

»Ich bin deine Welt. Ich bin mit dir geboren.«

»Aber meine Eltern waren schon vor mir da, und da hat es die Welt auch schon gegeben.«

»Nein, das war deren Welt. Ich bin erst da, seit es dich gibt. Cool, oder?«

»Quatsch. Du bist die Welt. Du bist die Erde, das Meer, das Internet. Das bin nicht ich.«

»Doch, das alles bist du. Du sagst es ja gerade. Wenn du nicht da wärst, wäre auch die Welt nicht da. Ich wäre nicht da.«

»Was willst du mir damit sagen?«

»Na ja, wie kann es die Welt geben, wenn es dich nicht gibt. Wer weiß dann, dass es eine Welt gibt?«

»Na, alle anderen, die dann da sind.«

»Ja, aber die kennen ja nur ihre Welt. Nicht die deine. Das ist was anderes. Die Welt, das bist du. Du machst dir deine Welt.«

»Ich mach mir meine Welt?«

»Ja, so ist das. Und weil du dir deine Welt machst, bist du auch Schöpfer, Gestalter, Verwalter. Du bist Autor, Regisseur und Produzent. Du bist auch Darsteller und Publikum. Alles bist du.«

»Du meinst im Film meines Lebens? Das kann ich verstehen. Aber noch mal: Da gibt es eine Welt unabhängig von mir.«

»Woher kannst du das wissen?«

»Aber bitte: Ich bin doch nicht dämlich. Schau raus aus dem Fenster. Da sind doch alle. Das Haus dort wird es auch geben, wenn ich nicht mehr da bin. Und es hat es auch schon vorher gegeben.«

»Solange du das glaubst, bin ich also nicht deine Welt. Dann bin ich irgendeine Welt.«

»Wie meinst du das schon wieder?«

»Wenn du glaubst, dass es eine allgemeine Welt gibt, so lange bin ich – deine Welt – nichts wirklich Besonderes. Aber hey, ich könnte was Besonderes sein. Ich bin echt cool. Deine Welt ist wirklich cool.«

»Meine Welt ist cool?«

»Ja, ich bin cool. Und außerdem: Ich weiß schon, was du meinst. Da sind Bäume, Häuser, Tiere; viele Menschen, Technologie; Flüsse, Meere und das Weltall. Und noch vieles mehr. Aber das alles interpretiere ich für dich. Ich bin deine Welt. Und ich bin nicht vollständig. Ich bin nie all das, was es geben könnte.«

»Hmm. Wenn ich auf ein Haus schaue, dann gefällt es mir oder nicht. Das ist meines. Und ich interessiere mich sehr für Tiere. Da kenn ich mich aus. Das ist meine Welt! Ach so, jetzt verstehe ich langsam, was du meinst. Das ist aber ein bisschen kompliziert, oder?«

»Ja, du bist nicht einfach gebaut. Aber du bist ja auch ein Mensch. Tiere können sich nicht ihre Welt machen.«

»So gesehen kann ich das nachvollziehen. Ich mach mir meine Welt.«

»Ja, genau. Und hier bin ich.«

»Aber dann kann ich dich ja beliebig formen. Super. Dann wünsch ich mir jetzt von meiner Welt …«

»Stopp, warte mal. So einfach geht das nicht. Ich bin mit dir entstanden. Und du hast mich schon sehr lange trainiert, zu sein, wie ich bin. Ein einfacher Wunsch hilft da nicht. Wenn du mich verändern möchtest, muss du schon was dafür tun.«

»Ah, anspruchsvoll auch noch, meine Welt?«

»Ja, so ist das nun mal. Ich bin auch nicht mehr die Jüngste. Wenn du meinst, ich müsse nun anders werden, dann bitte hilf mir dabei. Nicht wünschen.«

»Gut, das ist fair. Du, meine Welt. Ich würde mich gerne entwickeln. Wie muss ich dich ändern, damit das gelingt?«

»Bau dir eine Zukunft!«

»Du verwirrst mich schon wieder. Wie soll ich mir eine Zukunft bauen? Die kommt ja auf mich zu!«

»Nein. Zukunft baust du. In deinem Denken und Fühlen. Du musst daran arbeiten. Zukunft ist vor allem eine Vorstellung der Welt. Stell dir also mich vor, wie ich anders wäre.«

»Doch wünschen?«

»Nein. Dran arbeiten. Zukunft ist ein Raum voller Möglichkeiten. Da musst du durch. Deine Potenziale erkennen. Die Möglichkeiten realisieren. Sie für dich in Beziehung bringen mit den Welten der anderen. Dir Bilder entwickeln, was Zukunft für dich ist. Außerdem musst du Teile von mir loslassen. Ich bin dir vielleicht manchmal sogar im Weg, wenn es um Zukunft geht.«

»Meine Welt? Du bist mir im Weg?«

»Ja, nicht ganz und gar. Aber klar. Wir beide haben schon so manche Gewohnheiten entwickelt. Die könnten einer Zukunft im Wege stehen. Also: einer anderen Vorstellung von Welt. Ich bin bereit, du?«

»Autsch. Das ist aber schade. Ich mag dich eigentlich gern!«

»Ja. Zukunft tut manchmal weh, ist aber geil.«

»Hey, Zukunft tut weh, ist aber geil. Das hört sich super an.«

»Also. Was meinst du. Bist du bereit?«

»Bereit, wenn du es bist.«

»Ja. Lass uns Schwung holen!«

»Auf in die Zukunft!«

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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187 стр. 13 иллюстраций
ISBN:
9783990405628
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