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HARALD HAARMANN

DIE ANFÄNGE
ROMS

GESCHICHTE EINER MOSAIKKULTUR


INHALT

Einleitung: Die römische Zivilisation als Entwicklungsprojekt

1. Who is who in der Frühzeit Italiens? Völker und Kulturen von den Alpen bis Sizilien

Italische Sprachkulturen

Indoeuropäische Außenlieger in Italien (Nicht-Italiker)

Nicht-indoeuropäische Völker und Sprachen in den Randgebieten

2. Die Big Players und ihre Einflusssphären in vorrömischer Zeit: Regionalkulturen im Spannungsfeld zwischen Griechen im Süden und Etruskern im Norden

Tyrsenoi/Tyrrhenoi – Rasenna – Tusci

Die griechischen Siedlungen der Magna Graecia

Die Verflechtung der politischen Interessen von Etruskern und Griechen

Handelsrouten und Handelskontakte

Handel, Gewerbe, Unternehmertum

Ideentransfer

3. Der Sprung ins »moderne« Zeitalter: Die Verbreitung der Schrifttechnologie bei den Völkern Italiens

Kulturkontakte der Etrusker und die Konfrontation mit der Schriftlichkeit

Die Übernahme der etruskischen Schrift durch die Latiner und die Entstehung einer Schrifttradition in lateinischer Sprache

Die Ausstrahlung der etruskischen Schrifttradition in die Regionalkulturen Nord- und Mittelitaliens

Die Ausstrahlung der griechischen Schrifttradition in die Regionalkulturen Süditaliens

4. Ursprungsmythos und Legitimation römischer Vorherrschaft: Die Kapitolinische Wölfin und ihre Zöglinge

Die trojanische Genealogie bei den Etruskern

Die Übernahme des trojanischen Ursprungsmythos durch die Römer und seine Monopolisierung

Ab urbe condita: Wer hat Rom gegründet?

5. Zwischen Mythos und Realität: Die Königszeit in Rom (8.–6. Jahrhundert v. Chr.)

Die Regenten der latinisch-sabinischen Königslinie

Die Regenten der etruskischen Königslinie

6. Die etruskische Zivilisation und ihr Vorbildcharakter für die römische Stadtbevölkerung

Urbanisierung, Stadtarchitektur und Hausbau

Formen politischer Herrschaft, Kommunalverwaltung und öffentliches Ordnungswesen

Etruskische Rechtsbegriffe und ihr Transfer in die lateinische Rechtsterminologie

Das etruskische Militärwesen und sein Widerhall bei den Römern

7. Religion, Augurenwesen und die heiligen Bücher der Etrusker: Ein Leben nach religiösen Vorschriften

Etruskische Gottheiten, ihre Kulte und ihr Ritualwesen

Die Auguren und ihre heiligen Bücher

Tempel für das Diesseits und Nekropolen für das Jenseits

Etruskische religiöse Feste

Nachwirkungen etruskischer Kulttraditionen und religiöser Vorstellungen

8. Die Menschen und ihre Umwelt

Die natürliche Umwelt

Die kultivierte Umwelt: Landwirtschaft

9. Das Wirtschaftsleben der Etrusker und ihr Verkehrswesen

Handwerkssparten, Erwerbszweige, Unternehmertum

Das Goldschmiedehandwerk

Hauswirtschaft, Hausrat

Das städtische Wirtschaftsleben

Das städtische Verkehrswesen

10. Die etruskische Gesellschaft und ihre Sozialkontakte mit den Römern

Urbaner Lebensstil, Sozialkontakte und Verwandtschaftsbeziehungen

Das Modell der aristokratischen Namengebung nach etruskischem Vorbild

Zeitvertreib und Vergnügungen

11. Kommunikationssysteme unter etruskischer Ägide: Konsolidierung der Schriftlichkeit, Zahlenschreibung und die Modernisierung des Lateinischen

Einflussbereiche des Etruskischen im Lateinischen

Kalender, Zeitbestimmungen, Zeitmessung

Das System der Zahlennotation im Etruskischen und sein Einfluss auf das Lateinische

Entstehungsgeschichte und Ausbildung der klassischen lateinischen Schriftsprache

12. Machtwechsel in Rom: Von etruskischer Obrigkeit zur Römischen Republik

Machtwechsel in Athen als Vergleichsfall: Hatte die Einführung der Athenischen Demokratie Vorbildcharakter für die Römische Republik oder war sie deren Nachahmung?

Der Umsturz in Rom und seine Hintergründe

Weltanschauliche Konfrontationen: Die Königszeit im Spiegel republikanischer Allüren

Niedergang und Eroberung der Stadtstaaten Etruriens

13. Wie aus Etruskern Römer wurden: Der dynamische Prozess der Akkulturation

Prominente romanisierte Etrusker während der republikanischen Zeit: Etruskische Zivilisiertheit in lateinischer Verpackung

Prominente romanisierte Etrusker zu Beginn der Kaiserzeit: Die Story von den Männern um Augustus

Etruskische Nostalgie der Spätzeit: Die Tyrrhenika von Kaiser Claudius

14. Die Zeitlosigkeit etruskischer Traditionen

Etruskische Themen in der römischen Weltliteratur: Horaz und Ovid

Die Renaissance des etruskischen Kunststils in der Moderne: Die Skulpturen von Alberto Giacometti

Humangenetische und sprachliche Spuren der Etrusker in der heutigen Toskana

15. Was bedeutet ›Römer sein‹? Von der rustikalen Idylle auf den sieben Hügeln zum Weltbürgertum

Römer (= gebürtiger Römer)

Römer (= zugewanderter »Neurömer«)

Römer (= Einwohner der Stadt mit Bürgerrecht)

Römer (= Bewohner in Territorien Italiens unter römischer Kontrolle)

Römer (= Bürger des römischen Imperium)

Römer (= Bürger des weströmischen Reichs)

Römer (= Bürger des oströmischen Reichs)

Soziale Funktionen des gesprochenen Lateins

Elementare Variationen des Sprechlateins (einschließlich fach- und sondersprachlicher Varianten)

Die Charakteristik sprechlateinischer Regiolekte

Epilog: Die römische Drehscheibe der westlichen Zivilisation – Eine Symbiose multikultureller Strömungen

Bibliographie

Abbildungen

Appendices

Appendix I: Vorrömische (altmediterrane) Sprachen im Mittelmeerraum

Appendix II: Etruskische Lehnwörter im Lateinischen nach Sinngruppen

Appendix III: Register der etruskischen Entlehnungen im Lateinischen

»Der kulturelle Einfluss der Etrusker auf Italien überschreitet […] die territorialen und historischen Grenzen National- Etruriens bei weitem […]; die römische Kultur hat er so durchdrungen, dass er am Ende das etruskische Volk als historische und sprachliche Wirklichkeit überlebte«

(Pallottino 1965: 77)

EINLEITUNG: DIE RÖMISCHE ZIVILISATION ALS ENTWICKLUNGSPROJEKT

»Rom«, »Römer« und »römisches Weltreich« sind Begriffe, die jeder kennt und die in jedem Schulbuch zu finden sind. Keine Geschichte Europas kann geschrieben werden ohne Erwähnung der römischen Zivilisation, und dies gilt für die Weltgeschichte ganz allgemein. Der Ruhm Roms strahlte weit über die Grenzen des Römischen Imperiums aus, und im Horizont der Zeit blieb das prestigereiche Image lange erhalten. Der Byzantiner sah sich als Römer und das Byzantinische Reich wurde als das »zweite (christliche) Rom« zum Nachfolger des oströmischen Reichs. Als Byzanz im Jahre 1453 unter dem Ansturm der Türken zusammengebrochen war, trat das Moskowiterreich als das »dritte Rom« stolz dessen Erbe an, als Bollwerk des Christentums im Osten. Im Westen bestand jahrhundertelang das »Heilige Römische Reich Deutscher Nation«, das 1254 erstmals urkundlich belegt ist. Die Auswirkungen der napoleonischen Kriege führten zur Gründung des Rheinbunds, der aus dem Reichsverband ausschied. Das Reich löste sich im August 1806 mit der Niederlegung der Kaiserkrone durch Kaiser Franz II. auf.

Es gab eine Zeit, da war ein Römer ein Dörfler, der in einer der lokalen Siedlungen auf einem der sieben Hügel lebte, wo später die Stadt Rom erbaut wurde. Es gab eine Zeit, da war Rom als politische Macht unbekannt, weil andere das Land beherrschten. Es dauerte Jahrhunderte, bis die Stadt Rom zum politischen und kulturellen Mittelpunkt ganz Italiens wurde, und noch viel länger, bevor die Römer das Mittelmeer Mare nostrum (›unser Meer‹) nennen konnten, als sämtliche Küstenregionen unter römischer Kontrolle standen. Parallel zur militärischen Expansion ist eine rasante Entwicklung im römischen Kulturschaffen zu beobachten. Der Aufschwung war enorm.

Was die Geschichte der römischen Zivilisation auszeichnet, ist der Umstand, dass diese von Anbeginn im Zeichen multilateraler Kultur- und Sprachkontakte steht. Die herausragende Stellung des Lateinischen als Medium des öffentlichen Lebens und als Ikone römischer Lebensart ist der Firnis, unter dem der Kulturaustausch und sprachliche Interferenzen mit Kontaktsprachen verdeckt bleiben. Es lohnt sich, hinter die Kulissen der römischen Selbstglorifizierung zu schauen, denn dort liegt der Schlüssel zum Verständnis der Kulturströmungen, die das Römertum geprägt haben und Rom zu dem gemacht haben, was uns seit Langem vertraut ist: zur historischen Drehscheibe der westlichen Zivilisation.

Die Römer haben nicht aus eigenem Antrieb ihre Zivilisation aufgebaut, zivilisiert wurden sie von anderen, deren Zivilisationen viel älter sind als die römische, von Etruskern und Griechen. Diese waren bereits Jahrhunderte in Italien präsent, bevor aus den Bewohnern der rustikalen Idylle auf den sieben Hügeln Stadtbewohner geworden waren. Die Etrusker im Norden und die Griechen im Süden unterhielten ein ausgedehntes Netz von Handelsbeziehungen und kontrollierten weite Teile der Halbinsel auch politisch. Die Römer profitierten von ihren Beziehungen zu diesen Trägern früher Zivilisation in Italien. Im Anfang waren diese Beziehungen friedlicher Natur, später aber maßen die Römer ihre Stärke militärisch mit den mächtigen Nachbarn. Am Ende waren nur noch die Römer tonangebend, und sie behaupteten sich erfolgreich gegen alle Invasoren, gegen die Kelten im Norden und die Karthager im Süden.

Die Geschichte, die hier erzählt werden soll, hat den Charakter einer Saga über die frühen Kontakte der Römer zu ihren Nachbarn, über das dynamische kulturelle Erwachen, über das Zusammenleben verschiedener ethnischer Gruppen im Stadtgebiet von Rom, über die Entwicklung der Stadtverwaltung und später von staatlicher Ordnung unter etruskischer Ägide, über die dramatischen Ereignisse im Zusammenhang mit dem Machtwechsel in Rom und der Entstehung der Römischen Republik, über den Wechsel zur Schriftlichkeit und über den Aufbau eines Kulturwortschatzes für das Lateinische. Kurzum: es geht hier um die Beschreibung der Umstände, die für die Ausbildung der Mosaikkultur maßgeblich waren, die wir als römische Zivilisation kennen.

Das Lateinische hat den modernen europäischen Sprachen eine Vielzahl von Kulturwörtern vermittelt. Deren Zahl geht in die Hunderte. In lateinischer »Verpackung« sind auch viele Ausdrücke in die Sprachen, die wir heute sprechen, gelangt, die ursprünglich gar nicht lateinisch waren, sondern aus anderer Quelle stammen. Es mag vielen überraschend erscheinen, dass die wichtigste dieser Quellen das Etruskische ist. Dieser Sprache verdanken die Römer viele Elemente ihres Wortschatzes, u. zw. in den verschiedensten Bereichen. Wie breit das Spektrum der etruskischen Einflussnahme auf das Lateinische war, kann man an bestimmten Kernelementen erahnen, die Bestandteil des deutschen Kulturwortschatzes sind:

Austragungsort:

Arena (← latein. harena, ›Sand; Kampfplatz‹ ← etrusk.)

Zeitrechnung:

April (← latein. Aprilis ← etrusk.)

Technik:

Antenne (← latein. antenna, ›Querholz für das Rahsegel‹ ← etrusk.)

Gebäude, Bauwerke, Einrichtungen:

Atrium-(Hof) (← latein. atrium, ›offener Innenhof‹ ← etrusk.)

Fenster (← latein. fenestra ← etrusk.)

Küche (← latein. culina ← etrusk.)

Taverne (← latein. taberna ← etrusk.)

Zisterne (← latein. cisterna ← etrusk.)

Gerätschaften:

Kette (← latein. catena ← etrusk.)

Kriegswesen:

Triumph (← latein. triumphus, ›Triumph‹; ursprünglich nur im Sinn von ›militärischer Sieg‹ ← etrusk.)

Ritualwesen:

Zeremonie (← latein. caerimonia ← etrusk.)

Urne (← latein. urna ← etrusk.)

Lebensmittel:

Käse (← latein. caseus ← etrusk.)

Begriffe der Intimsphäre:

Vagina (← latein. vagina ← etrusk.)

Verwaltung:

Magister, Magistrat (← latein. magister ← etrusk.)

Gemeinschaftsbildung:

Population, Pöbel, engl. people, franz. peuple (← latein. populus, ›Volk, Leute‹ ← etrusk.)

(Etruskische Lehnwörter sind im Folgenden mit dem Verweise »B …« nach Breyer 1993 zitiert)

Es heißt, das Etruskische sei ausgestorben. Angesichts der Vielzahl an Kulturwörtern aus dieser Sprache, die das Lateinische weiter vermittelt hat und die fester Bestandteil unseres lebenden Wortschatzes sind, fällt es schwer, das zu glauben. Wenn man zusätzlich in Betracht zieht, dass es sich bei diesen Entlehnungen nicht um isolierte Wörter handelt, sondern dass diese Elemente eingebettet sind in Kulturmuster etruskischer Prägung, dann ist es sinnvoller, von einer langfristigen Transformation des etruskischen Kulturerbes – sozusagen in römischer »Verkleidung« – in unserer westlichen Zivilisation zu sprechen.

Die Geschichte der Antike wird bis in die heutige Zeit allgemein verstanden als die Geschichte der Griechen und der Römer. Die Stellung der Etrusker im Kontakt mit beiden und deren Hochkultur als Inspirationsquelle für die Römer sind den wenigsten vertraut. Um die Etrusker rankt sich bis heute das Mysterium ihres Schattendaseins, das es lohnt zu belichten. Wenn man nun aber, wie die Römer, vorhat, seine Meister zu übertreffen, dann neigt man dazu, deren Wertschätzung herunterzuspielen. Das haben die Römer mit Erfolg getan und die Nachwelt ist ihnen darin gefolgt. Es ist an der Zeit, die Etrusker aus der Versenkung zu heben und ihnen einen gleichrangigen Platz neben Griechen und Römern einzuräumen, den sie verdienen. Denn ohne Kenntnis der Rolle der Etrusker als Mittler zwischen der griechischen und der römischen Welt bleibt die Entwicklung des römischen Kulturerbes mysteriös verklärt und letztlich unverständlich.

Beispielhaft für die Vermittlerrolle der Etrusker zwischen Römern und Griechen steht der Name, unter dem die Griechen bei den Römern bekannt waren: Graeci. Die Griechen selbst nennen sich Hellenes. Woher also stammt die lateinische Namensform? Bei den Etruskern hießen die Griechen Kreike, und diese Namensform ist die Quelle für lat. Graeci. Warum nannten die Etrusker die Griechen bei einem ganz anderen Namen als diese selbst? Um die Hintergründe dieser Diskrepanz in der Namengebung aufzudecken, müssen wir die Bedingungen betrachten, unter denen sich die Kontakte zwischen Etruskern und Griechen entwickelten.

Griechische Kolonisten waren im Süden Italiens seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. präsent. Die ältesten Kolonien waren Pithekoussai (Ischia) in der Bucht von Neapel (vor 750 v. Chr.) und Syrakus auf Sizilien (bald nach 750 v. Chr.). Es dauerte nicht lange und die Etrusker aus dem Norden begannen, mit den Griechen aus dem Süden Handel zu treiben. In der Anfangszeit rekrutierten sich die Kolonisten vorrangig aus dem wenig bekannten Stamm der Kraikoi (Graikoi), deren Angehörige aus Zentralgriechenland in die neu gegründeten Kolonien migrierten. Die etruskischen Kaufleute gewöhnten sich daran, die griechischen Kolonisten Süditaliens im Etruskischen als Kreike (← Kraikoi) zu benennen, und diese Namensform wurde auf alle Griechen angewandt, unabhängig von deren Stammeszugehörigkeit. Die Römer unterhielten in der Frühzeit keine direkten Kontakte zu den Griechen im Süden Italiens. Und griechische Waren tauschten sie über die Vermittlung etruskischer Kaufleute ein. Von denen erfuhren sie auch, wie die Leute im Süden genannt wurden, nämlich Kreike, und daraus machten die Römer in ihrer Sprache Graeci.

Ähnliche Namenbildungen im Sinn von pars pro toto (Teil für das Ganze) findet man auch in anderen Kulturen. Die Franzosen kennen die Deutschen als Allemands, eine Namensform, die sich ursprünglich nur auf den germanischen Stamm der Alamannen bezog. Die Benennung der Engländer im Deutschen leitet sich ab vom Namen eines der Stämme, die an der Landnahme Britanniens beteiligt waren, den Angeln. Im Finnischen heißen die Deutschen saksalaiset, was eine Verallgemeinerung des Stammesnamens der Sachsen ist.

In dieser Studie werden die multikulturellen Verflechtungen der römischen Zivilisation mit anderen Kulturen ausgeleuchtet, u. zw. mit solchen Kulturen, mit denen die Römer in Langzeitkontakten standen. Im Horizont der Zeit waren diese Kontakte politischen Wandlungen unterzogen, was auch einen Wandel der Prestigewerte in der römischen Öffentlichkeit bewirkte. Die anfängliche Bewunderung der etruskischen Zivilisation schlug in ihr Gegenteil um, in Ablehnung und Tabuisierung.

Dies hängt wohl in erster Linie mit dem negativen Image des letzten Regenten der etruskischen Königslinie in Rom, Tarquin dem Jüngeren, zusammen. Das negative Image zog sogar sprachliche Veränderungen nach sich. Der lateinische Ausdruck rex, einst glorifiziertes Statussymbol der Könige Roms, verlor diesen Glanz und nahm eine neue Bedeutung an: ›Gewaltherrscher, Tyrann‹. Mit der Vertreibung des letzten Etruskerkönigs im Jahre 510 v. Chr. verbreitete sich eine neue Mentalität, die römisch-republikanisch geprägt war.

Doch außerhalb der politischen Sphäre normalisierte sich die Einstellung der Römer bald, und die Wertschätzung des etruskischen Bildungsstands blieb als Erziehungsideal lebendig. Auch als Rom in den Auseinandersetzungen mit den etruskischen Stadtstaaten militärisch die Oberhand gewann, veränderte sich die Einstellung der Römer zum etruskischen Kulturerbe nicht, und die meisten waren sich weiterhin des Umstands bewusst, dass die römische Kultur ausgiebig vom etruskischen Einfluss profitiert hatte.

Wie während der Königszeit, so schickten die römischen Patrizier auch in der republikanischen Epoche ihre Kinder zu etruskischen Lehrern nach Caere (Caisra, Cisra). Gestützt durch etruskisch geprägte Erziehungsideale hielt sich der etruskische Einfluss in vielen Domänen des öffentlichen und privaten Lebens.

Die Prestigewerte der etruskischen Zivilisation erlebten eine nostalgische Nachblüte, als die Römer zu Beginn der Kaiserzeit im ausgehenden 1. Jahrhundert v. Chr. die historische Retrospektive zur Strategie für ihre Identitätsfindung machten und sich verstärkt an ihre Altertümer erinnerten. Und im Zusammenhang mit dieser Bewegung begann die Beschäftigung mit etruskischer Kultur in den römischen intellektuellen Kreisen en vogue zu sein. Aber das war zu einer Zeit, als sich die meisten Etrusker bereits akkulturiert und römische Lebensgewohnheiten angenommen hatten.

Die Erinnerung an die Etrusker ist auch über die Antike hinaus durch alle Epochen wach geblieben, obwohl das Interesse an deren Kultur von allerlei Schwankungen des jeweiligen Zeitgeistes abhängig war. Insbesondere Humanismus und Renaissance produzierten allerlei exotisch anmutende Fantasien über die Herkunft der Etrusker. Dazu gehören die Ausführungen im Werk des Dominikaners Giovanni Nanni (1437–1502), besser bekannt als Annius von Viterbo. Annius preist die Etrusker wegen ihrer hochentwickelten Zivilisation. Er deutet Passagen des Alten Testaments aus, macht die Etrusker zu Nachkommen Noahs und lässt sie nach der Sintflut aus dem Osten nach Italien wandern. Der ägyptische Gott Osiris hätte sich in Italien als Vertumnus den Etruskern und als Janus den Latinern eröffnet (Grafton et al. 2010: 339).

Fantasievolle Erzählungen entstanden auch in der Folgezeit, und diese mischten sich mit Informationen über Funde etruskischer Altertümer, die seit dem 18. Jahrhundert häufiger und systematischer gemacht wurden. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten fundierten wissenschaftlichen Studien über die Etrusker und ihre Sprache. Aber es sollte noch lange dauern, bevor sich ein Gesamtbild abzuzeichnen begann (Camporeale 2015: 20 ff. zur Forschungsgeschichte). In den letzten Jahrzehnten sind immer mehr Funde gemacht und ausgewertet worden. Die Flut an immer neuen Daten wächst ständig an. Häufig jedoch hat der moderne Beobachter den Eindruck, dass die Forscher den Wald vor so vielen Bäumen nicht mehr sehen.

Eine Gesamtdarstellung der Lebensbedingungen der Etrusker fehlt ebenso wie eine umfassende Analyse der Prozesse, über die etruskische Kultur und Sprache im Kontakt mit der römischen Kultur und der lateinischen Sprache auf diese eingewirkt haben. Es geht hier nicht darum, die Entwicklung der etruskischen Kultur und der römischen Kultur als separate Blöcke – entsprechend der konventionellen Kulturgeschichte – darzustellen, sondern vielmehr darum, deren Interaktion auszuleuchten, und dabei das rezeptiv-kreative Potenzial der römischen Kulturgemeinschaft herauszustellen. Die Analysen sollen helfen, den Stellenwert des etruskischen Einflusses zu bemessen, u. zw. unter dem Gesichtspunkt seiner Langzeitwirkung. In der historischen Retrospektive entsteht der Eindruck, dass sowohl Römer als auch Griechen die Rolle der Etrusker verklärt haben, und dass »die Etrusker von der mythischen Tradition dieser beiden Kulturen getarnt worden sind« (Shipley 2017: 15).

Das etruskische Kulturerbe (und ebenso das über etruskische Vermittlung in die römische Lebenswelt übernommene Kulturerbe der Griechen) blieb erhalten und wurde in vielerlei römischen Transformationen tradiert. Die westliche Welt trat das Kulturerbe der römischen Zivilisation an, und auf diese Weise ist auch vieles vom etruskischen Kulturerbe in spätere Epochen transferiert worden. Es gibt sogar Bereiche des modernen Lebens, in denen die etruskische Komponente gar nicht wegzudenken ist. Ein solcher Bereich ist die Tradition des »Römischen« Rechts. Viele Darstellungen lassen sich darüber aus, wie grundlegend diese Tradition unsere westliche Rechtsauffassung beeinflusst hat.

Was einer näheren Betrachtung ebenso wert ist, ist der grundlegende Einfluss, der für die Prägung des Römischen Rechts selbst verantwortlich ist. Das ist die vorrömische, etruskisch geprägte Rechtstradition, deren Einfluss auf das öffentliche Leben und die Rechtsordnung während der Königszeit und noch im republikanischen Rom spürbar ist. In der westlichen Tradition des Römischen Rechts gehören lateinische Kernbegriffe wie causa, damnum, norma, titulus (im Sinn von ›Rechtstitel‹), vitium (im Sinn von ›Sachschaden‹ in der Marktwirtschaft) u. a. seit altersher zur juridischen Nomenklatur. All diese und etliche andere Kernbegriffe sind etruskischer Herkunft. Die etruskische Rechtstradition ist nur wenig bekannt und soll hier näher vorgestellt werden.

Das Gleiche gilt auch für all die anderen Einflussschneisen, über die sich etruskischer Einfluss nachhaltig geltend gemacht hat. Die Etrusker vermittelten den Römern das elementare Know-how zum Aufbau einer Zivilisation im Sinn von »Hochkultur«: Schriftlichkeit, Urbanisierung und Stadtplanung, Architektur (Rundbau, Wasserleitungen), urbane Kommunalverwaltung, Basiselemente des öffentlichen und privaten Rechts, Kalenderwesen, religiöse Feste, Metallverarbeitung (Eisen-, Silber- und Goldschmiedehandwerk), Schiffsbau, Militärwesen, Weinkultur und das Theater. Den etruskischen Fingerabdruck in der Prägung der römischen Zivilisation sichtbar zu machen, ist eine faszinierende Aufgabe, die hier angegangen werden soll.

Die Namen etruskischer Herrscher, von Kulturschaffenden und politisch einflussreichen Patriziern gehören der Geschichte an, und ihre Bedeutung kommt für bestimmte Perioden zum Tragen. Der Name von zumindest einem Etrusker ist durch alle Zeiten im kulturellen Gedächtnis der Europäer lebendig geblieben. Dieser Etrusker war Maecenas, ein politisch einflussreicher Beamter, der auch die Rolle eines Stellvertreters für Kaiser Augustus übernahm. Maecenas war den Künsten gesonnen, und sein Reichtum ermöglichte ihm eine weitreichende Förderung dichterischer und künstlerischer Talente. Sein Mäzenatentum machte Schule, und sein Name (Maecenas → Mäzen) wurde zum Prestigebegriff im Kulturschaffen (s. Kap. 14).

Es war ein langer Weg von der rustikalen Idylle auf den sieben Hügeln, als in Italien die Angehörigen vieler Völker lebten und viele Sprachen gesprochen wurden, bis hin zu der Zeit, als das mächtige Rom zur Metropole aufgestiegen war und soviel Autorität besaß, dass es im Jahre 90 v. Chr. verfügen konnte, das Lateinische als alleinige Amtssprache in ganz Italien einzuführen. Und es war ein ebenso langer Weg, bis sich aus dem gesprochenen Latein eine romanische Sprache ausgliederte, das Italienische. In der Vielfalt der Dialekte Italiens spiegelt sich das Erbe der vorrömischen Regionalkulturen. Und was sich in Italien über die Jahrhunderte entwickelt hat, findet seine Parallelen in vielen der ehemaligen Provinzen des Imperium Romanum, wo es zur Ausbildung romanischer Sprachen gekommen ist.

Die westliche Zivilisation ist ohne den Input der römischen Traditionen nicht vorstellbar. Ebenso wenig vorstellbar wäre die römische Zivilisation ohne den Input des etruskischen Kulturerbes. Unsere Welt ist multikulturell und multilingual geprägt. Multikulturell und multilingual geprägt waren bereits die Anfänge der römischen Welt mit ihrem Charakter einer Mosaikkultur.

1.
WHO IS WHO IN DER FRÜHZEIT ITALIENS? VÖLKER UND KULTUREN VON DEN ALPEN BIS SIZILIEN

Italien ist altes Kulturland und hier haben Menschen seit der Altsteinzeit gelebt. Die Präsenz des archaischen Homo sapiens (bzw. auch des Neandertalers) ist durch Funde in Mittelitalien (u. a. in der Grotta Guattari nahe San Felice Circeo südlich von Rom) bezeugt, deren Alter auf ca. 50 000 Jahre datiert wird. Vertreter des anatomisch modernen Menschen (moderner Homo sapiens) sind in Italien seit ca. 43 000 Jahren nachgewiesen (Grotta del Cavallo). Die ältesten Hinweise auf das Kunstschaffen des Frühmenschen findet man in den Höhlenbildern Siziliens und in weiblichen Figurinen (z. B. die Venus von Savignano, Provinz Modena; ca. 25 000 Jahre vor der Jetztzeit); (Leighton 1999). Die Entstehung der Höhlenbilder und Figurinen ist zeitgleich mit der altpaläolithischen Höhlenkunst in Südwestfrankreich und Nordspanien.

Während der mittleren Steinzeit (Mesolithikum) und in der frühen Jungsteinzeit (Neolithikum) werden in Sizilien und auf Sardinien Megalithbauten errichtet, was auf die Zugehörigkeit Italiens zur Kultur der Großsteinsetzungen in der westlichen Mittelmeerregion hindeutet. Die Entwicklung während des Neolithikums steht im Zeichen des Übergangs zum Ackerbau und der Übernahme der Keramikherstellung als innovativer Technologie. Die Jäger und Sammler Unteritaliens waren die Ersten, die in Kontakt mit Ackerbauern auf der anderen Seite der Adria traten. Grund für die Kontakte und die damit verbundenen Fahrten über das Meer war der Tauschhandel mit Obsidian. Aus diesem Grundmaterial konnten vielerlei Werkzeuge (scharfe Klingen, Schaber und Messer) hergestellt werden. Obsidian wurde überwiegend auf den vorgelagerten Inseln im Küstengebiet gewonnen.

Im Kontakt mit den Handelspartnern an den Küsten der Balkanregion und des griechischen Festlandes lernten die italischen Jäger die Welt der Ackerbauern kennen, machten sich mit dem Agrarpaket vertraut und fingen selbst mit der Pflanzenkultivation an. Die Verbreitung des Ackerbaus auf italischem Boden beruht weitgehend auf dem Akkulturationsprozess der einheimischen Jäger und Sammler (Abb. 1).

Abb. 1: Der Obsidianhandel und die Regionen mit frühem Ackerbau (Cunliffe 2008: 116)

Die einheimische Bevölkerung Italiens waren Nachkommen der Urbevölkerung des anatomisch modernen Menschen und dies war die Mehrheitsbevölkerung bis zur Ankunft der Indoeuropäer. In der Zeit zwischen der Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. und der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. gelangen Migranten in mehreren Wellen nach Italien und dringen bis in den Süden vor (Cocchi Genick 1994). Die Migranten kamen aus Mitteleuropa, und ihre Verbreitungsrouten in Italien sind an der materiellen Hinterlassenschaft zu erkennen, u. a. an neuen Waffentypen (Bronzedolche, Streitäxte aus Stein). Eingeführt wurde auch eine Tierart, die den altmediterranen Bewohnern Italiens bis dahin unbekannt war, das Pferd.

Die Einwanderer aus dem Norden stellen schon bald die Bevölkerungsmehrheit, und ihre Kultur und Sprache gliedern sich entsprechend von ihren Siedlungsgebieten regional aus. Die Sprachen der seit der späten Bronzezeit in Italien heimischen Populationen, der Italiker, bilden einen eigenen Zweig der indoeuropäischen Sprachfamilie (Beekes 2011, Haarmann 2016). Zu den antiken Völkern mit indoeuropäischer Sprache gehören auch Nicht-Italiker, wie die Veneter (im Nordosten), die Lepontier (im Norden), die Messapier (im Südosten) und die Sikeler (in Sizilien). Ob das Elymische, eine der vorgriechischen Sprachen in Sizilien, indoeuropäisch war, ist bislang umstritten. Jedenfalls besteht keine nähere Verwandtschaft mit dem italischen Sprachzweig. Altmediterrane Sprachen und Kulturen haben sich bis in römische Zeit bei den Ligurern (im Nordwesten), Kamunern und Rätern (im Norden), bei den Paläosarden (auf Sardinien) sowie bei den Sikanern (in Sizilien) erhalten.

Italische Sprachkulturen

Die Hauptrichtung der Jahrhunderte andauernden Migrationen indoeuropäischer Bevölkerungsgruppen aus Mitteleuropa in die Regionen der Apenninhalbinsel war von Norden nach Südosten gerichtet. Als Folge einer Konzentration regionaler Gruppen im Adriaraum kam es zu einer Ost-West-Drift von Migranten. Einige Gruppen wurden damals ins westliche Küstengebiet am Tyrrhenischen Meer abgedrängt. Dazu gehörten die Latiner mit ihrem Verbreitungsgebiet in der historischen Landschaft Latium und die Falisker nordöstlich davon. Im Norden (Lokalkulturen von Remedello und Rinaldone) und im Süden (Lokalkultur von Gaudo) haben sich Spuren des ältesten Kulturstadiums italischer Prägung bis ins ausgehende 3. Jahrtausend v. Chr. erhalten.

Im Horizont der Zeit (u. zw. im Zeitraum zwischen ca. 1500 und ca. 900 v. Chr. haben sich die in den antiken Quellen bezeugten italischen Regionalkulturen ausgegliedert (Abb. 2).

Von diesen entwickelte sich die Regionalkultur der Latiner mit ihrer Sprache, dem Lateinischen, zur wichtigsten der italischen Sprachkulturen. Während sich im Lauf der Antike die Vertreter aller anderen Bevölkerungsgruppen akkulturierten und sich sprachlich ans Lateinische assimilierten, blieb die Regionalkultur der Latiner erhalten, und ihre Sprache verbreitete sich mit der militärischen Expansion des römischen Staats in ganz Italien. Zu den Bevölkerungsgruppen der Gründerzeit in Rom gehörten neben Etruskern und Sabinern auch die Latiner, die sich als Einwohner der Stadt Römer nannten.

Abb. 2: Sprachen und Regionalkulturen im antiken Italien (Haarmann 2005: 148)

Die Regionalkulturen der Latiner und Falisker

Diese Regionalkulturen bilden eine eigene Gruppe eng verwandter Kulturen und Sprachen. Frühe Siedlungen der Latiner lassen sich in die Zeit um 1100 v. Chr. datieren. Die Sprachentwicklung des Faliskischen ist konservativer als vergleichsweise die des Lateinischen. Viele der Eigenheiten des ältesten Stadiums der italischen Sprachen sind im Faliskischen erhalten. Die Entwicklung der beiden Sprachen geht seit Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. eigene Wege.

Das Verbreitungsgebiet der beiden Regionalkulturen grenzt an das Kernland der Etrusker an, und sowohl bei den Faliskern als auch bei den Latinern macht sich früh (u. zw. im 8. Jahrhundert v. Chr.) etruskischer Einfluss bemerkbar. Die faliskische Sprachkultur hat sich zu keiner Zeit diesem Einfluss entziehen können. Anders die Latiner, die sich schon früh in Städtebünden organisiert haben. Die bedeutendste dieser überregionalen Organisationen war der Latinische Bund. Dessen politischer Hauptort war Alba Longa (nahe Castel Gandolfo). Als kulturelles Zentrum fungierte der Albanus Mons (Monte Cavo) in den Albaner Bergen. Dort wurden die Feriae Latinae als Ausdruck latinischer Solidarität gefeiert. Nach der Zerstörung von Alba Longa im 6. Jahrhundert v. Chr. durch die etruskischen Herrscher Roms wurde diese Stadt zum Veranstaltungsort für die Feriae Latinae.

Die Städtebündnisse der Latiner setzten unterschiedliche Prioritäten, was die Beteiligung Roms betraf. Als sich im 5. Jahrhundert v. Chr. ein Bund um das Heiligtum der Diana von Aricia (das moderne Ariccia) ausbildete, war Rom kein Mitglied. In dem um 460 v. Chr. geschlossenen Foedus Cassianum war Rom zeitweise beteiligt, und zu anderen Zeiten (so zwischen 386 und 358 v. Chr.) gehörte die Stadt nicht dazu. Ab 338 v. Chr. dominierte Rom die Politik der latinischen Städte. Es sollte noch lange dauern, und zwar bis zum Jahre 89 v. Chr., bis den latinischen Nicht-Römern das römische Bürgerrecht zuerkannt wurde.

Die Regionalkulturen der Osker und Umbrer

Diese Gruppierung – auch als sabellische Gruppe der italischen Sprachen benannt – umfasst zwei Verbreitungsgebiete, einmal das Umbrische und verwandte Sprachen im nördlichen Mittelitalien und zum anderen das Oskische in Süditalien. Bislang ist umstritten, ob auch das Sikulische (verbreitet im Südosten Siziliens) eine Sprache des italischen Zweigs ist. Außer dem Umbrischen und Oskischen gehören zur sabellischen Gruppe die folgenden Sprachkulturen: Äquisch, Marrukinisch, Marsisch, Pälignisch, Prä-Samnitisch, Sabinisch, Nord-Picenisch, Süd-Picenisch, Vestinisch und Volskisch.

Indoeuropäische Außenlieger in Italien (Nicht-Italiker)

Das Mosaik der vorrömischen Sprachkulturen in Italien setzt sich zwar in der Hauptsache aus solchen des italischen Zweigs des Indoeuropäischen zusammen, aber in Randgebieten waren darüber hinaus auch andere indoeuropäische Regionalkulturen und Sprachen verbreitet, die nicht näher mit dem italischen Zweig verwandt sind.

Die Regionalkultur der Veneter

Namengeber für die Region Venetien (ital. Veneto) im Nordosten Italiens sind die Veneter (griech. Evetoi, latein. Veneti). Das Verbreitungsgebiet dieser vorrömischen Population reichte bis ins Podelta und erstreckte sich im Inland bis in die Region von Padua. Die venetische Regionalkultur nimmt ihr typisches Gepräge im Laufe des 9. Jahrhunderts v. Chr. an, u. zw. im Milieu der früheisenzeitlichen Villanova-Kultur. Hauptorte der venetischen Stadtkultur, deren Namen in ihrer römischen Form bekannt sind, waren Ateste (Este) – von dort stammen auch die meisten der venetischen Inschriften (s. Kap. 3) –, Bellunum (Belluno), Tarvisium (Treviso) und Patavium (Padua).

Einfluss auf die Veneter nahmen die Etrusker und auch keltische Völkerschaften wie die Gallier in Norditalien. Im ausgehenden 3. Jahrhundert v. Chr. übernahmen die Römer die politische Kontrolle im Gebiet der Veneter. Als den Venetern im Jahre 89 v. Chr. das römische Bürgerrecht zugesprochen wurde, hatten viele bereits römische Lebensweisen angenommen und bevorzugten das Lateinische.

Die venetische Sprachkultur zeigt indoeuropäisches Gepräge (Marchesini 2009: 60 ff.). Mit dem Venetischen entfernt verwandt sind das Illyrische in der Balkanregion und das Messapische in Süditalien (s. u.).

Die Regionalkultur der Messapier

Kulturelle und sprachliche Eigenheiten der Messapier bildeten sich im Verlauf des 9. Jahrhunderts v. Chr. aus, nachdem illyrische Kolonisten aus der westlichen Balkanregion die Adria überquerten und sich in der historischen Landschaft Apulien niederließen. Dies waren die aus antiken Quellen bekannten Iapyges, die sich in mehrere regionale Gruppen ausgliederten: die Messapier (griech. Messapioi, lat. Messapii) im Süden, die Peucetier im mittleren Teil Apuliens und die Daunier im Norden. Zwar entwickelten die drei Stämme im 7. Jahrhundert v. Chr. ein eigenes kulturelles Gepräge, aber sprachlich dominierte die messapische Variante (Carpenter et al. 2014).

Nach der Eroberung von Salento durch die Römer (266 v. Chr.) wurden für die Region mit messapischer Bevölkerung unterschiedliche Namen verwendet, u. zw. Messapia, Iapygia, Calabria und Salentina. Der griechische Geograph Strabon teilte im 1. Jahrhundert v. Chr. die Bevölkerung Apuliens in zwei Gruppen auf: die Salentinoi (Sallentini) im Süden und die Kalabroi (Calabri) im nördlichen Teil. Aufgrund einer Verwaltungsreform unter Kaiser Augustus wurde der Name Regio II Apulia et Calabria verwendet. Die Namenkomponenten (Puglia, Calabria) sind bis heute gebräuchlich.

Seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. wurde das Messapische geschrieben, u. zw. in einer Variante des griechischen Alphabets (s. Kap. 3).

Die Regionalkultur der Lepontier

Die Regionalkultur der Lepontier gehört zu den ältesten Gruppierungen der Festlandkelten mit Eigengepräge. Ihre formative Periode steht im Zusammenhang mit der eisenzeitlichen Golasecca-Kultur des 7. Jahrhunderts v. Chr. Vermutlich zeitlich vor der Ausgliederung der keltischen Sprachen bildete sich in der lepontischen Kultur ein goidelischer (gälischer) und ein britannischer Zweig aus (Cunliffe 1997: 23).

Kelten aus der Region nördlich der Alpen sind um 400 v. Chr. in einer Migrationswelle nach Norditalien vorgedrungen und haben sich im Tal des Po niedergelassen (Galli cisalpini). Damals existierte die Regionalkultur der sprachlich verwandten Lepontier bereits im Alpenvorland (im Gebiet des Lago Maggiore, des Luganer Sees und des Comer Sees). Der Name dieser Region – Alpi Lepontine (»Lepontiner Alpen«) – erinnert bis heute an die vorrömische Bevölkerung.

Schon früh standen die Lepontier im Kontakt mit den anderen Populationen in Norditalien. Die Kontakte mit den Etruskern, die ihren Einflussbereich militärisch, wirtschaftlich wie auch kulturell über Etrurien hinaus nach Norden erweiterten, waren zunächst konfliktbeladen. Hinweise darauf findet man in einer Grabstele aus Bologna, auf der ein etruskischer Reiter im Kampf mit einem keltischen Krieger abgebildet ist.

Langfristig jedoch waren die Beziehungen zwischen Etruskern und Lepontiern friedlicher Natur und sie betrieben Handel miteinander. Die Schriftlichkeit gelangte zu den Lepontiern über etruskische Vermittlung (s. Kap. 3). Das Lepontische ist als Schriftsprache fast ebenso alt wie das Lateinische. Frühe Inschriften werden ins 6. Jahrhundert v. Chr. datiert.

Die Römer wurden auf die Lepontier im Zusammenhang mit der Ausdehnung des römischen Machtbereichs in das keltische Siedlungsgebiet (im Alpenvorland und in Gallien) aufmerksam. Erste Erwähnung finden die Lepontier in Julius Caesars De bello gallico (IV, 10, 3). Im letzten Jahrhundert vor der Zeitenwende haben sich die Lepontier verstärkt akkulturiert, haben römische Lebensweise angenommen und sich ans Lateinische assimiliert.

Die Regionalkultur der Elymer in Sizilien

Als im ausgehenden 8. Jahrhundert v. Chr. die griechische Kolonisation in Sizilien begann, trafen die Griechen dort auf eine vorgriechische Bevölkerung, die sie Elymoi (Elymer) nannten. Die Elymer siedelten im Nordwesten der Insel. Griechische Historiographen wie Thukydides (5. Jahrhundert v. Chr.) nahmen an, die Elymer seien trojanischer Abstammung, und sie wären als Gefolgsleute von Aeneas nach Westen gezogen, auf der Suche nach neuen Wohnsitzen. Die Griechen in den Kolonien an der Ostküste Siziliens trieben seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. Handel mit den Elymern. In jener Zeit übernahmen die Elymer auch die griechische Schrift zur Schreibung ihrer eigenen Sprache (s. Kap. 3). Das sprachliche Material (Textfragmente auf Keramik und wenige Münzlegenden) ist allerdings so spärlich, dass eine eindeutige Identifizierung des Elymischen als indoeuropäisch nicht gesichert ist. Vielleicht gehört das Elymische zum Kreis der nicht-indoeuropäischen (altmediterranen) Sprachen Italiens.

Schon im Verlauf des 4. Jahrhunderts v. Chr. wurden die Elymer hellenisiert und gaben ihre eigene Sprache zugunsten des Griechischen auf. In einer sekundären Akkulturationsphase wurden sie romanisiert.

Nicht-indoeuropäische Völker und Sprachen in den Randgebieten

Die nicht-indoeuropäischen Regionalkulturen, deren Angehörige sich während der Antike an römische Lebensweise akkulturierten und sich sprachlich ans Lateinische assimilierten, waren sämtlich an den Peripherien Italiens verbreitet. Dies waren Restkulturen der einst weit verbreiteten altmediterranen Populationen, die von den bevölkerungsstarken italischen Gruppen marginalisiert worden waren.

Die Regionalkultur der Camuner

In den norditalienischen Alpen datieren die frühesten Spuren menschlicher Präsenz ins 7. Jahrtausend v. Chr. Dabei handelt es sich um Felsbilder aus der Tallandschaft von Valcamonica (Provinz Brescia). Eine kontinuierliche Besiedlung der Alpentäler reicht bis ins 6. Jahrtausend v. Chr. zurück. Die Bergbewohner, die ihre Felsbildkunst über Jahrtausende tradiert haben, wurden von den Römern Camunni genannt. Zwar gibt es keine Berichte über die Geschichte der Camuner bei antiken Autoren, die Entwicklung der Siedlungsgemeinschaften in den Alpentälern scheint aber in den Felsbildern auf, die seit den 1960er-Jahren erforscht worden sind. Dies sind in Felswände und auf die Oberfläche von Felsblöcken eingravierte Bilder, deren Motive sich in vielerlei Kompositionen formieren, mit narrativen Szenen aus dem Leben und der religiösen Vorstellungswelt der Alpenbewohner.

Die Darstellungen reichen von Jagdszenen über Ackerbau und Viehhaltung bis zur Organisation dörflicher Gemeinwesen. Der Motivschatz ist reichhaltig. Es herrschen figürliche Motive vor, zusätzlich aber treten auch verschiedene abstrakte Symbole auf.

Bis über die Antike hinaus entstanden hier Felsbilder, doch während des Mittelalters erlosch diese Tradition des Kulturschaffens bei den Alpenbewohnern, die damals bereits ihre eigene Sprache aufgegeben hatten und eine lokale Variante des Frühromanischen (italienischer Prägung) sprachen. Unter den Bildkompositionen gibt es auch einige Inschriften, die in einer Variante des etruskischen Alphabets geschrieben wurden (s. Kap. 3).

Die Camuner sind wohl Nachkommen der einheimischen alteuropäischen Bevölkerungen, die ähnlich wie die Räter (s. u.) nicht von den indoeuropäischen Migranten assimiliert worden waren. Einige Forscher vermuten, dass das Camunische und das Rätische verwandte Sprachen sind. Das Material der camunischen Inschriften ist allerdings so spärlich, dass eindeutige Aussagen über eine ethnische Verwandtschaft der beiden Populationen oder über eine engere Zugehörigkeit von deren Sprachen nicht möglich sind.

Die Regionalkultur der Räter

Die Räter (lat. Raeti) bewohnten eine Region auf beiden Seiten der Alpen, von Graubünden bis nach Südtirol und ins südliche Bayern. In antiken Quellen ist davon die Rede, die Räter hätten ursprünglich auch in der norditalienischen Tiefebene gesiedelt und wären von dort von den Galliern vertrieben worden. Für eine historische Präsenz der Räter in der Poebene gibt es jedoch keine archäologischen Hinweise. Im Kernland der Räter (in den italienischen Provinzen Trento und Bozen/Bolzano) hat sich die Erinnerung an die Räter im Namen der »Rätischen Alpen« erhalten.

Römische Autoren wie Livius (V, 33) und Plinius (NH III, 133) betrachteten die Räter als stammverwandt mit den Etruskern. Dafür hat die moderne Forschung allerdings ebenfalls keine eindeutigen Beweise ermitteln können. So wird zwar auf bestimmte lexikalische und morphologische Parallelen im Rätischen und Etruskischen hingewiesen (z. B. rät. tenace: etrusk. zinace, rät. sfuras: etrusk. spuras, rät. klan: etrusk. clan), dabei kann es sich auch ohne Weiteres um Einflüsse des Etruskischen auf das Rätische handeln, nicht aber um eine genealogische Verwandtschaft (Rix 1998). Das Etruskische hat dem Rätischen auch die Schriftlichkeit vermittelt (s. Kap. 3).

Anhand des inschriftlich überlieferten Sprachmaterials lässt sich das Rätische als eine nicht-indoeuropäische Sprache identifizieren. Die Räter sind wohl nicht eingewandert, sondern die Nachkommen der einheimischen alteuropäischen Bevölkerung. In der Abgeschiedenheit ihres Wohngebiets hat sich die rätische Regionalkultur in Nachbarschaft zu den Kulturen der eingewanderten Indoeuropäer (überwiegend Italiker) bis in römische Zeit erhalten. Die Räter haben sich in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung ans Lateinische assimiliert.

Die Regionalkultur der Ligurer

Die Ligurer (griech. Ligues bzw. Ligyres, lat. Ligures) im Nordwesten Italiens gehören zu den altmediterranen Populationen im Mittelmeerraum, und das Ligurische gehört zu den nicht-klassifizierten Sprachen, was bedeutet, dass es keiner der bekannten Sprachfamilien zugeordnet werden kann (Hammarström et al. 2017). Noch in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. erstreckte sich das Verbreitungsgebiet der Ligurer entlang der nördlichen Mittelmeerküste von den Pyrenäen bis in die Tiefebene Norditaliens. Die historische Präsenz der Ligurer spiegelt sich bis heute in der Namengebung für das ehemalige Kernland: Ligurien. Auch die Namen von Berglandschaften erinnern an deren historische ligurische Besiedlung: Ligurische Alpen, Ligurischer Apennin.

Die Ligurer waren nach Stämmen organisiert, deren Namen aus antiken Quellen bekannt sind: Dekiaten, Salasser, Salluvier, Statieller, Stoener, u. a. Im Zuge der Ausdehnung des etruskischen Einflussbereichs im 6. Jahrhundert v. Chr. wurden die Ligurer aus der norditalienischen Tiefebene verdrängt. Im Westen dagegen schrumpfte das ligurische Siedlungsgebiet als Folge der Expansion der Gallier im 4. Jahrhundert v. Chr., die die Ligurer nach Osten abdrängte. Seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. waren die Ligurer in militärische Auseinandersetzungen mit den Römern verstrickt. Diese zogen sich lange hin, bis es den Römern schließlich gelang, die Ligurer im Jahre 175 v. Chr. endgültig zu unterwerfen.

Im 19. Jahrhundert gab es Vermutungen, das Ligurische wäre eine Sprache des keltischen Zweigs des Indoeuropäischen. Heute ist jedoch geklärt, dass die Basis vorindoeuropäisch ist, wiewohl ligurische Sprache und Kultur Einflüsse von den Kelten Galliens erfahren haben (Boano 2008: 147). In einigen Gebieten kam es zur ethnischen Fusion von Ligurern und Kelten, und es bildete sich eine kelto-ligurische Mischkultur aus.

Die Überlieferung des Ligurischen ist spärlich (verstreute Wörter in antiken Quellen, eine Inschrift, Personen- und Ortsnamen). In einigen Fluss- und Ortsnamen hat sich ein typisch ligurisches Suffix erhalten. Dies sind Namen, die auf -asco/-asca enden, wie Bogliasco, Bergamasco, Vinelasca, Veraglasca. Das Ligurische hat einige Spuren in Form von Lehnwörtern im Lateinischen hinterlassen. Verschiedene Ausdrücke für Flora und Fauna der alpinen Region stammen aus dem Ligurischen; z. B. camox, ›Steinbock, Gemse‹; larix, ›Lärche‹. Auch im regionalen Dialekt des Italienischen in Ligurien gibt es den Ausdruck barga (›Heustadel‹), der als ligurisches Substratwort erklärt wird.

Die Regionalkultur der Paläosarden

Sardinien, die größte der zu Italien gehörenden Inseln, ist seit ca. 12 000 Jahren bewohnt. Migranten kamen vom Festland in mehreren Schüben auf die Insel. Die materielle Hinterlassenschaft der neolithischen Kulturstufe auf Sardinien (5. und 4. Jahrtausend v. Chr.) zeigt Ähnlichkeiten mit dem Kulturerbe Alteuropas, der Donauzivilisation in Südosteuropa (Lilliu 1999: 18 ff.). Zu den Leitmotiven in der darstellenden Kunst gehören weibliche Idolfiguren, sogenannte »Venusstatuetten«, die nach den wichtigsten Fundorten benannt werden: Venus von Macomer, Göttin von Olbia, Göttin von Decimoputzu. Die kulturelle Zusammengehörigkeit Sardiniens mit der ägäischen Kunst späterer Zeit kommt in der Ähnlichkeit der Stilformen der weiblichen Plastik mit denen des minoischen Kreta und den altkykladischen »Violinidolen« zum Ausdruck.

Zu den ältesten von Menschen errichteten Konstruktionen gehören Grabkammern der Megalithkultur, deren Bauten auch von anderen Inseln bekannt sind (die Tempel Maltas und die Steinsetzungen von Menorca). Die Architektur der Steinsetzungen entwickelte auf Sardinien einen unverwechselbaren Baustil. Dies sind Rundbauten, Nuraghen genannt, die während der Bronzezeit auf der Insel errichtet wurden. Die ältesten Nuraghen stammen aus der Zeit um 1800 v. Chr, monumentale, einzeln stehende Rundtürme. Später entstanden auch Wohnkomplexe mit Rundbauten verschiedener Größe (Nuraghen-Dörfer). Die meisten dieser Nuraghensiedlungen findet man im mittleren und nördlichen Teil Sardiniens. Am bedeutendsten sind die Anlagen mit Nuraghen-Bauten in Abbasanta (Losa-Nuraghen), Torralba (Santu Antine) und in Barùmini (Su Nuraxi).

Das Zeitalter der Nuraghen-Bauten Sardiniens endet um 500 v. Chr. Allerdings setzen sich Traditionen der Nuraghen-Bauer an einigen Orten bis in die römische Zeit fort. Typische Leitformen der Nuraghen-Kultur sind Geräte und Kunstgegenstände aus Bronze. An den Orten mit Nuraghen-Bauten sind mehr als 1500 Bronzeskulpturen gefunden worden.

Die Paläosarden waren keine Seefahrer sondern Inlandbewohner. Daher waren diejenigen, die die Küstengewässer rings um die Insel erkundeten und Handelsstützpunkte an der Küste anlegten, auswärtige Händler. Seit dem 10. Jahrhundert v. Chr. legten Phönizier Stützpunkte in Nora, Sulcis, Tharros, Olbia und an anderen Orten an. Seit dem ausgehenden 6. Jahrhundert v. Chr. gehörte Sardinien zur politischen und wirtschaftlichen Interessensphäre der Karthager. In der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. ging die militärische und politische Kontrolle der Insel an die Römer über. Dies betraf zunächst nur die Küstenregionen, denn es sollte noch Jahrhunderte dauern, bis sich römischer Einfluss auch im Inland bemerkbar machte.

Sardinien war ein Rückzugsgebiet, in dem sich paläosardische Kultur und Sprache noch lange erhalten haben. Die paläosardische Bevölkerung hat sich erst allmählich an das Lateinische assimiliert. Die Bewegung des sich seit dem 3. Jahrhundert infolge der Mission verbreitenden Christentums hat der Akkulturation Vorschub geleistet. Aus der Alltagssprache der Sarden, dem Sprechlateinischen mit Lokalkolorit, hat sich im Verlauf des frühen Mittelalters eine romanische Sprache, das Sardische, entwickelt. Im Wortschatz dieser Sprache sind zahlreiche Substratwörter aus dem vorrömischen Paläosardischen erhalten geblieben. Dabei handelt es sich um Ausdrücke, mit denen Dinge der natürlichen Umwelt der Inselbewohner bezeichnet werden; z. B. kallúttsu, ›Wolf‹; aláse, ›Klee‹; tsèppara, ›steinige Ebene‹ (Wagner 1960–64).

Das erhaltene Sprachmaterial des Paläosardischen ist allerdings begrenzt, und auf dieser Basis ist es nicht möglich, verwandtschaftliche Beziehungen dieser Sprache zu anderen altmediterranen Sprachen aufzuzeigen (Ligurisch, Iberisch, Sikanisch, Minoisch).

Die Regionalkultur der Sikaner

Im Nordwesten Siziliens siedelten in vorrömischer Zeit die Sikaner, die von den Griechen Sikanoi und von den Römern Sicani genannt wurden. Die Sikaner waren die Nachkommen der einheimischen alteuropäischen Bevölkerung und ihre Sprache gehört zum Kreis der altmediterranen Sprachen. Es wird vermutet, dass bestimmte Heilige Stätten auf Sizilien von Sikanern begründet worden sind, so das Heiligtum der Diana bei Cefalù. Dies erscheint durchaus schlüssig, denn die Tradition einer Göttin der Natur geht auch in anderen Kulturkreisen auf alteuropäische Ursprünge zurück. Dies trifft beispielsweise auf Artemis zu, deren Kult und Name vorgriechischer Herkunft sind.

2.
DIE BIG PLAYERS UND IHRE EINFLUSSSPHÄREN IN VORRÖMISCHER ZEIT: REGIONALKULTUREN IM SPANNUNGSFELD ZWISCHEN GRIECHEN IM SÜDEN UND ETRUSKERN IM NORDEN

Im Kreis der zahlreichen vorrömischen Völker Italiens heben sich zwei ab, die bereits früh die Geschicke aller anderen entscheidend bestimmt haben. Dies sind die Etrusker im Norden und die Griechen im Süden. Genau genommen liegt das Kerngebiet der Etrusker, Etrurien, in Mittelitalien, doch vom Standpunkt der frühen politischen und kulturellen Kontakte dominieren die Etrusker in der nördlichen Hälfte Italiens, während sich die Einflusssphäre der Griechen im südlichen Italien konzentriert. Während die Herkunft der Griechen aus dem östlichen Mittelmeer unbestritten ist, sind sich die Forscher über die Herkunft der Etrusker bis heute nicht einig.

Was die Kulturchronologie der Präsenz beider Populationen in Italien betrifft, so sind die Kontakte der Griechen mit den Einheimischen in Italien älter als die der Etrusker. Griechen, genauer gesagt mykenische Griechen, haben bereits zu einer Zeit Handelsstützpunkte in Süditalien angelegt, als es die Etrusker als ethnische Gruppierung noch gar nicht gab. Archäologische Hinweise auf mykenische Griechen in Italien gehen auf das 13. Jahrhundert v. Chr. zurück. Die Besiedlung Siziliens und Süditaliens durch griechische Kolonisten datiert dagegen in eine jüngere Periode, mit Anfängen im 8. Jahrhundert v. Chr.

Umstritten ist, ob das Volk der Etrusker seine ethnisch-sprachliche Charakteristik in nachmykenischer Zeit in Italien entwickelte, oder ob sich eine solche Identität bereits im ägäischen Raum ausgebildet hatte, von wo sie mit Migranten nach Italien transferiert wurde. Um die Aufklärung des Mysteriums der Herkunft der Etrusker haben sich Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen bemüht: Sprachwissenschaftler, Archäologen, Ethnizitätsforscher, Kulturwissenschaftler und in den vergangenen Jahren verstärkt auch Humangenetiker. Von welchem Standort auch immer das Herkunftsproblem angegangen wird, die Forschungsmethodologie muss sich interdisziplinär orientieren. Konstruktive Einblicke in die Problematik sind nur unter der Bedingung zu erwarten, dass Erkenntnisse der vergleichenden Sprachwissenschaft mit solchen der Kontaktforschung sowie mit Analysen zur ethnischen Identität und zusätzlich mit Daten der humangenetischen Forschung korreliert werden, um ein Gesamtbild zu vermitteln.

Tyrsenoi/Tyrrhenoi – Rasenna – Tusci

Die Etrusker nannten sich selbst Rasenna (bzw. in spätetrusk. Form Rasna). Nach Herodot (I.94) war Rasenna der legendäre Führer, der die Vorfahren der Etrusker aus Kleinasien nach Italien führte. Bei den Griechen hieß dieses Volk Tyrsenoi (bzw. Tyrrhenoi), und in ägyptischen Texten aus der Zeit des Pharao Ramses III. (20. Dynastie, 12. Jahrhundert v. Chr.) werden die Etrusker (Teresh genannt) unter den »Seevölkern« aufgeführt (Cultraro 2012).

Der Name, den die Römer ihren Nachbarn gaben (Tusci), lebt bis heute im Namen der Toscana weiter. Die griechische Namenform dagegen setzt sich fort in der Benennung für den Teil des Mittelmeeres im Nordwesten Italiens, das Tyrrhenische Meer. Mit Etrurien (lat. Etruria) wird das Kernland etruskischer Siedlung bezeichnet.

Tyrsenoi/Rasenna

Für die griechische Namenform sind die verschiedensten Deutungen vorgeschlagen worden (Briquel 2004, de Simone 2013). Die wahrscheinlichste dieser Deutungen ist wohl die, wonach sich die griechische Form Tyrsenoi aus zwei Grundkomponenten zusammensetzt. Die eine ist Tur-, das sich wohl von etrusk. tur, ›Gefolgsleute, Angehörige‹, herleitet. Die andere Komponente, -senoi, ist eine Verkürzung des Namens Rasenna (mit der griech. Pluralendung -oi).

Nach mythologischer Überlieferung waren die Tyrsener Verbündete Trojas im Krieg gegen die Mykener und gehörten damit zu den Verlierern des wohl berühmtesten Krieges der griechischen Antike. Vielleicht gab der verlorene Trojanische Krieg den Ausschlag, dass ein großer Teil der proto-etruskischen Elite – womöglich die gesamte Aristokratie – auswanderte. Der Seeweg nach Italien war seit Langem bekannt, denn die Mykener unterhielten in Süditalien zahlreiche Handelsniederlassungen. Obwohl die Mykener den Krieg gegen ihre Rivalen, die Trojaner, gewannen, konnten sie sich ihres Sieges nicht lange erfreuen. Denn schon im 12. Jahrhundert v. Chr. zerfiel ihre eigene Macht. Damit waren die Handelsrouten auch für die einstigen Feinde der Mykener, die Proto-Etrusker frei. Deren Landung in Mittelitalien vollzog sich ohne Behinderungen, denn es gab damals kein italisches Volk, das es mit einer politisch so gut organisierten Elite, wie es die Proto-Etrusker waren, hätte aufnehmen können.

Historiker und Archäologen tun sich bis heute schwer mit der Vorstellung von den Etruskern als Einwanderern (s. Shipley 2017: 28 ff. zu den Argumentationen für Bodenständigkeit einerseits und für Einwanderung andererseits). Es wird immer wieder dasselbe Argument angeführt, wenn es um die Ablehnung der Einwanderungsthese geht: Die Etrusker können nicht eingewandert sein, weil sich das typische Gepräge ihrer Kultur erst in Italien ausgebildet hat. Dies klingt logisch, und von der Einwanderung eines voll entwickelten Volkes der Etrusker kann deshalb auch keine Rede sein. Tatsächlich sind auch nicht die Etrusker eingewandert, wie wir sie aus Italien kennen, sondern deren Vorfahren, die Proto-Etrusker, in deren Kultur wahrscheinlich noch viel mehr ägäisches Erbgut lebendig war, als es sich im Profil der etruskischen Kultur der vorrömischen Ära identifizieren lässt. Die Frage nach der Einwanderung der Etrusker als des historischen Volkes, das uns in Italien entgegentritt, ist also abwegig, eben weil sie falsch gestellt ist. Damit erübrigt sich aber nicht die »richtige« Frage nach der Herkunft des unübersehbaren ägäischen Kulturerbes. Woher kamen die Vorfahren der Etrusker, die Proto-Etrusker? In dieser Form gestellt, wird die Frage wiederum den Realitäten ethnischer Transformationsprozesse gerecht, mit denen wir es hier zu tun haben.

Bei den Einwanderern, die im Verlauf des 11. und 10. Jahrhunderts v. Chr. nach Italien gelangen, handelte es sich um »eine zahlenmäßig wahrscheinlich gar nicht starke Gruppe von ›Tyrrhenern‹, die aus dem kleinasiatisch-ägäischen Bereich kommen« (Pfiffig 1989: 8). In den vergangenen Jahren hat die archäologische und sprachhistorische Forschung Erkenntnisse geliefert, die für die Migrationsthese sprechen, und die Annahmen von der Urheimat der Proto-Etrusker im ägäischen Raum stützen.

In einer Gesamtschau von Charakteristika der etruskischen Zivilisation wird eine Reihe von Parallelen mit altägäischen Kulturen hervorgehoben (Haarmann 1995: 154 ff.):

–Die prominente Rolle der Frau in der etruskischen Öffentlichkeit;

–Die Vorliebe für bestimmte Hutformen (konisch, mit Dekor geschmückt, mit Spitze) in der weiblichen Mode;

–Verbreitung der Doppelflöte als Musikinstrument (bekannt von kykladischen Statuetten, minoischen Fresken und etruskischen Wandmalereien);

–Die Rituale in Verbindung mit der Ahnenverehrung;

–Der Typ der sogenannten »Hüttenurne«, der in den Kulturen der ägäischen Bronzezeit und in Etrurien verbreitet war;

–Geflügelte Greifen in der figuralen Kunst;

–Der spezielle Typ der Grabstele für Krieger (Lemnos und Etrurien);

–Die Rolle religiöser Prozessionen;

–Die Rolle von Masken und ihre Verwendung in Ritualen;

–Die Sitte, Votivgaben in Heiligtümern zu deponieren, die Körperteile wiedergeben;

–Die Sitte, Skulpturen von Kindern als Votivgaben zu deponieren;

–Die religiöse Bedeutung von Tieren (Stier, Schlange);

–Die graphischen Parallelen ägäischer und etruskischer Zahlensysteme;

–Die Sitte, anthropomorphe und zoomorphe Votivgaben zu beschriften;

–Die Sitte, Spiraltexte zu verfassen.

Lemnische Kultur und Sprache, und frühe Schriftzeugnisse

Seit Ende des 19. Jahrhunderts v. Chr. sind in der Forschung die Beziehungen zwischen der etruskischen Kultur Italiens mit der der vorgriechischen Bevölkerung auf der Insel Lemnos in der nördlichen Ägäis bekannt. Früher wurde angenommen, dass vielleicht etruskische Piraten auf der Insel Station gemacht hätten. Heutzutage sieht man die Dinge jedoch anders. Aufgrund neuerer Erkenntnisse wird die materielle Hinterlassenschaft (z. B. Keramik) auf Lemnos mit einer proto-etruskischen Kulturstufe assoziiert (Cultraro 2012: 106 f.).

Auch die Sprache, das Lemnische, ist durch eine Grabstele bekannt, die im Jahre 1885 auf der Insel in der nördlichen Ägäis gefunden wurde. Diese Stele, auf der ein Krieger abgebildet ist, und die eine längere Inschrift mit insgesamt 33 Wörtern trägt, stammt aus dem späten 7. oder frühen 6. Jahrhundert v. Chr. (Abb. 3).

Die Schrift, in der die Grabinschrift wie auch Beschriftungen auf der Wandung lemnischer Keramikgefäße abgefasst wurden, zeigt deutliche Ähnlichkeit mit der ältesten Version des etruskischen Alphabets in Italien. Inzwischen ist auch nachgewiesen, dass das auf der Insel verwendete etruskische Alphabet altertümliche ägäische Eigenheiten aufweist (Agostiniani 2012). Es kann sich also bei dem Kriegergrab nicht um eine späte Bestattung eines etruskischen Seeräubers handeln, der aus Italien bis nach Lemnos gesegelt wäre.

Abb. 3: Grabstele von Lemnos (Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr.; Facchetti 2000a: 27)

Die Sprache der Etrusker ist nicht-indoeuropäisch (Facchetti 2000a, 2008) und sie gehört zum Kreis der altmediterranen Sprachen (Kausen 2013: 196 ff.). Lemnos mit seinem ägäisch-anatolischen Kulturgepräge liegt nicht weit von der Westküste der heutigen Türkei, und es bleibt die Frage, ob die Insel die einzige Region war, wo Proto-Etrusker lebten, oder ob sich deren Verbreitungsgebiet in der Bronzezeit auch auf den Nordwesten Anatoliens ausdehnte. Das Gebiet südlich des Marmarameeres – den antiken Regionen Hellespont und Bithynien entsprechend, die an Lydien angrenzen – ist von Robert Beekes (2003: 6) als proto-etruskische Urheimat identifiziert worden.

Eine weitere Stütze für die Anatolien-These findet man in Erkenntnissen der Humangenetik. Moderne Untersuchungen zur mitochondrialen DNA der Bevölkerung in der Toskana (wo sich das Genom der etruskischen Bevölkerung nachweisen lässt) haben ergeben, dass deren Merkmale auf Anatolien als Ausgangsgebiet weisen (Achilli et al. 2007, Brisighelli et al. 2009). Die geographische Nähe der Urheimat zu Troja stützt die Annahme, dass die Proto-Etrusker in spätmykenischer Zeit Verbündete dieses Stadtstaates waren.

Sprachlich lässt sich das Lemnische zweifelsfrei mit dem Etruskischen assoziieren. In der lemnischen Grabstele findet sich die Formel avis sialchvis, ›(im Alter) von 40 Jahren‹, die sprachlich der etruskischen Formel avils machs sealchls, ›(im Alter) von 45 Jahren‹, entspricht. In der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. wurde Lemnos von den Athenern erobert, und die lemnische Bevölkerung assimilierte sich allmählich ans Griechische.

Kultur- und Sprachkontakte im ägäischen Raum: Pelasgisch-griechisch-etruskische Beziehungen

Das Etruskische hat dem Lateinischen zahlreiche Ausdrücke vermittelt, die in die Fachterminologie des Schiffsbaus und der Schifffahrt integriert sind. Dazu gehören auch einige Wörter, die das Etruskische selbst als Entlehnungen aus dem Griechischen aufgenommen hat (z. B. lat. anchora, ›Anker‹; aplustra, ›Schiffsknauf‹; guberno, ›steuern‹ ← etrusk. ← griech.). Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob die Etrusker im Kontakt mit den Griechen der Magna Graecia diese Ausdrücke von griechischen Seefahrern übernommen hätten. Das kann aber nicht sein, u. zw. aus chronologischen Gründen.

Als die Etrusker anfingen, mit den Griechen Süditaliens Handel zu treiben, waren sie selbst bereits erfahrene Seefahrer: »Neuere Erkenntnisse zur Seefahrt der Etrusker zeigen technisch hochqualifizierte und weitgereiste Leute, die die Gewässer jenseits von Italien bereits vor dem 8. Jahrhundert v. Chr. befahren haben« (Turfa 2007: 165). Die etruskischen Seefahrer beherrschten also bereits das Know-how des Schiffsbaus, bevor die ersten griechischen Kolonisten nach Süditalien gelangten. Insofern war es gar nicht erforderlich, technische Ausdrücke für den Schiffsbau von den Griechen zu übernehmen.

Wie aber kann der Transfer technischer Terminologie aus dem Griechischen ins Etruskische erklärt werden? Dieser Transfer fand sicherlich viel früher statt, zu einer Zeit, als die Vorfahren der Etrusker Italiens, die Proto-Etrusker, in der ägäischen Region als Nachbarn der mykenischen Griechen lebten. Im Kontakt mit diesen lernten die Etrusker, wie man Schiffe baut, und damals machten die Etrusker ihre ersten Erfahrungen mit der Seefahrt im Ägäischen Meer. Ihre Lehrmeister, die Mykener, hatten selbst das Einmaleins der Seefahrt von ihren Vorgängern gelernt.

Als die Vorfahren der Griechen im 3. Jahrtausend v. Chr. vom Nordwesten des Schwarzen Meeres nach Süden migrierten, wussten sie noch nichts von der Seefahrt. Das lernten sie erst vor Ort in ihrer neuen Heimat, Hellas, u. zw. von den Nachkommen der seeerfahrenen Alteuropäer, den Pelasgern. Im kulturellen Gedächtnis der Pelasger war das Know-how des Schiffsbaus tradiert worden, und dieses Know-how gaben die pelasgischen Schiffsbauer an die Griechen weiter. Zusammen mit den technischen Fertigkeiten wurden auch spezielle Ausdrücke der Fachterminologie in den altgriechischen Wortschatz integriert.

Der Transfer dieser griechisch anmutenden, aber ihrer Herkunft nach pelasgischen Ausdrücke in das etruskische Vokabular findet im Kontext der Kontakte zwischen Griechen und Etruskern im Norden der Ägäis eine schlüssige Erklärung. Es ist aber durchaus vorstellbar, dass die Etrusker die betreffende Terminologie direkt von den Pelasgern adaptiert haben, d. h. ohne Vermittlung durch das Griechische. Es kommt auch noch die Verbindung zu den Minoern Altkretas in Betracht, die ebenfalls erfahrene Seeleute waren. Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Etruskische und das Minoische verwandte Sprachen waren (s. dazu Facchetti 2002a: 111 ff.). In jedem Fall bot das multikulturelle Milieu in der Inselwelt der Ägäis und in der balkanisch-anatolischen Kontaktregion ausreichend Gelegenheit für die Verbreitung von Kenntnissen im Bereich Schiffsbau und maritimen Handelskontakten bei den verschiedenen ethnischen Gruppen.

Von den drei im Kontakt stehenden Populationen, den Etruskern, Griechen und Pelasgern sind die letzteren immer noch weitgehend mit dem Schleier des Mysteriösen verdeckt. Das hängt wohl in erster Linie damit zusammen, dass erst in den letzten Jahren in der Forschung Klarheit über die ethnische Zuordnung der Pelasger und über die genealogische Affiliation ihrer Sprache erreicht worden ist, denn bis dahin war man als moderner Beobachter von den Beschreibungen der Pelasger bei antiken Autoren abhängig. Um sich die Rolle der Pelasger für die Vermittlung vorgriechischen Kulturguts an die Griechen zu vergegenwärtigen, ist ein kurzer Exkurs sinnvoll.

Die Regionalkultur der Pelasger in Südosteuropa

Die bronzezeitliche Kultur der Pelasger muss als zentrale Vermittlerinstanz für alteuropäisches Sprach- und Kulturgut an die Griechen verstanden werden. In Hellas vollzog sich ein Prozess, wie er sich in ähnlicher Form in späteren Perioden wiederholt hat: die Kultur derjenigen, die beherrscht wurden, beeinflusste die Kultur der Herrschenden nachhaltig. In der Balkanregion waren es später die Römer, die politisch den Ton angaben, während sich andererseits ihre Kultur und Sprache vollsogen mit adaptierten griechischen Elementen.

Die Periode zwischen dem 3. Jahrtausend und dem 1. Jahrtausend v. Chr. ist von der bronzezeitlichen Kultur der Pelasger geprägt. Eine Kontinuität pelasgischer Siedlungen im südlichen Griechenland ist bis in die archaische Ära (8.–6. Jahrhundert v. Chr.) dokumentiert. In der älteren Forschung ging man davon aus, dass die Pelasger ein altes indoeuropäisches Volk auf dem Balkan gewesen wären. Allerdings sind alle Ansätze zu einer Rekonstruktion des Pelasgischen als indoeuropäisch fruchtlos geblieben. Basierend auf den Forschungen von Furnée (1972), Beekes (2004, 2010) und Haarmann (2014) ist inzwischen geklärt, dass das Pelasgische eine nicht-indoeuropäische (bzw. vor-indoeuropäische) Sprache war.

Die Griechen der archaischen Zeit waren sich sehr wohl bewusst – selbst wenn sie nicht über ein Wissen gestützt auf Daten archäologischer Forschung verfügten –, dass vor ihnen ein anderes Volk (die Pelasger) in Griechenland gelebt hatte, und dass sie mit der älteren Bevölkerung in langzeitigem Kontakt gestanden hatten. Herodot berichtet darüber, dass die Pelasger sich später assimiliert hätten. In seinem Werk Historien thematisiert Herodot den Sprachwechsel der Pelasger in folgender Weise: »Wenn also alle Pelasger in dieser Weise sprachen [d. h. ihre eigene Sprache sprachen], dann muss das Volk von Attika [Attikon ethnos], da sie Pelasger waren, ebenfalls ihre Sprache gewechselt haben zu einer Zeit, als sie Teil der Hellenen wurden« (Historien 1.57.3).

Die Griechen wie auch die Etrusker profitierten vom Know-how der Pelasger, und die Einflussschneisen zeichnen sich im Wortschatz ab. Als die Vorfahren der Etrusker aus der Ägäis nach Westen fuhren, stand ihr seemännisches Können auf dem gleichen Niveau wie das der Griechen. Und im Wortschatz beider Sprachen haben sich Spuren aus der Sprache der pelasgischen Lehrmeister erhalten. Die Etrusker haben ihre pelasgisch geprägte Terminologie mit nach Italien gebracht, wo sie ihrerseits die Römer beeindruckten und ihre Sprache beeinflussten. Die Pelasger haben auch das Know-how der Goldschmiedekunst an die Griechen und Etrusker weitergegeben, was sich ebenfalls in der Fachterminologie niedergeschlagen hat (z. B. obrussa, ›Feuerprobe des Goldes; Prüfstein‹).

Etruskische Lehnwörter des Lateinischen, mit Parallelen im Griechischen und Pelasgischen:

anc(h)ora, ›Anker‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. ankyra (B 174)

aplustra, ›Schiffsknauf‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. aphlaston (B 175)

curritae, ›Seherinnen der Göttin‹; vielleicht über etrusk. Vermittlung in Beziehung zu griech. Korybantes, ›Priesterinnen der Kybele auf Samothrace‹ (B 107)

guberno, ›führe das Steuerruder, steuere‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. kybernao (B 209)

marmor, ›Marmor‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. marmaros (B 215)

obrussa, ›Feuerprobe des Goldes; Prüfstein‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. obryzon (B 219)

paelex, ›Konkubine‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. pallake (B 220)

Der Begriff der Konkubine war in der griechischen Gesellschaft der Antike nicht stigmatisiert. Jeder freie griechische Mann hatte das Recht, außer einer Ehefrau (Hauptfrau) eine Nebenfrau zu haben. Die Kinder eines freien Mannes mit seiner Konkubine wurden ebenso behandelt wie die Kinder mit der Ehefrau. In beiden Fällen hatten die Nachkommen das Anrecht auf das athenische Bürgerrecht und waren somit vor dem Gesetz gleich.

Das soziale Normbewusstsein in der griechischen Gesellschaft ist aus der Rede eines Athener Orators (Demosthenes 59.122) aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. bekannt, deren Text überliefert ist. Daraus geht folgendes hervor: »Athener Männer können drei Frauen haben: eine Ehefrau (damar) ›zur Zeugung legitimer Kinder‹; eine Konkubine (pallake) ›zur Pflege des Körpers‹, was bedeutet, mit ihr regelmäßige sexuelle Beziehungen zu haben, und eine ›Gespielin‹ (hetaira) ›für die Unterhaltung‹« (Cantarella 2005: 250).

Das Griechische hat noch einen anderen Ausdruck für soziale Beziehungen als Entlehnung übernommen. Dies ist opuio, ›heiraten, zur Frau nehmen‹, und als dessen Quelle wird von vielen Sprachwissenschaftlern das Etruskische (puia, ›Ehefrau‹) identifiziert, erstmals geäußert von Hammarström (1920). Neuerlich wird auch das Pelasgische als mögliche Quelle von opuio in Betracht gezogen (Beekes 2010: 1094). Auch diese Entlehnung – ob vom Etruskischen ins Griechische oder vom Pelasgischen ins Griechische – gehört zum Kreis der altmediterranen Elemente.

spelunca, ›Höhle, Grotte‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. spelynx (B 225)

sporta, ›geflochtener Korb‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. spyris (B 159)

tapete, ›Teppich, Decke‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. tapes (B 230)

Und in einem weiteren Bereich spiegeln sich die Kontakte der Proto-Etrusker mit den Kulturen im ägäischen Raum. Dies ist die Tradition der etruskischen Zahlenschreibung. Die Vorfahren der Griechen, die aus dem Gebiet im Nordwesten des Schwarzen Meeres in den Süden wanderten, kamen in ihrer neuen Heimat Hellas in Kontakt mit der Schriftlichkeit der Minoer Altkretas, deren kultureller Einfluss auf das Festland ausstrahlte. Die mykenischen Griechen adaptierten das minoische Schriftsystem Linear A zur Schreibung ihrer eigenen Sprache (Linear B). Was sie ebenfalls von den Minoern übernahmen, war die Zahlenschreibung. Die Zeichen, mit denen Zahlenwerte bei den Mykenern bezeichnet wurden, zeigen deutliche Parallelen zur alteuropäischen Zahlennotation, und Ähnlichkeiten sind ebenfalls im System der etruskischen Zahlzeichen zu erkennen (Abb. 4).

Die Entstehung der etruskischen Zahlennotation findet ihre Motivation im Milieu der ägäischen Sprachkontakte. Das damals entstandene System wurde von den etruskischen Migranten nach Italien transferiert, und dort wurde es in einer neuen kulturellen Umgebung kontextualisiert (Haarmann 2008: 104 f.; s. Kap. 12).

Tusci

Im Etruskischen gab es zwei Formen für die Selbstbenennung der Etrusker, die sich durch ihren Anlaut voneinander unterschieden. Die eine Form war Kursike, die andere Tursike. Die letztere Form zeigt deutlich die Anlehnung an die griechische Namenform für die Etrusker: Tyrrhenos, aber mit der Angleichung der Anfangssilbe an etrusk. tur (›Sippe, Gefolgschaft‹). Kursike ist eine Nebenform von Tursike. Aus dieser Form entwickelte sich tursko und vereinfacht tusco, und dies ist die Basis für den Namen der Etrusker bei den Römern: Tuscus (sing.) – Tusci (pl.); (de Simone 2015b: 230 ff.). Auch zur Form Tusci gab es eine Variante: Etruscus/Etuscus. Davon leitet sich der Name für das Kernland der etruskischen Siedlung ab: Etruria.

Abb. 4: Etruskische Zahlzeichen (dokumentiert auf der Basis von Inschriften; Ifrah 1987: 168, 182)

Der Transformationsprozess vom Stadium der Villanova-Kultur zur etruskischen Kultur

Die proto-etruskischen Einwanderer waren nicht zahlreich, wohl aber gut organisiert, sodass es ihnen gelang, die kulturelle und politische Entwicklung in ihrer neuen Heimat – inmitten der italischen Völkerschaften – zu bestimmen. Die Integration der proto-etruskischen Eliten zeitigte unterschiedliche Ergebnisse im regionalen interethnischen Kontakt (Malnati/Manfredi 1991):

a)In Lukanien ist eine vollständige Assimilation der Proto-Etrusker an die lokalen italischen Kulturtraditionen zu beobachten;

b)In Etrurien kommt es zu einer gleichgewichtigen Fusion, als deren Endergebnis ein echtes kulturelles Amalgam mit sowohl italischen als auch proto-etruskischen Elementen entsteht;

c)In den von Villanova-Leuten dominierten Siedlungen des Nordens (Tal des Po, Adriaküste) bewahrt die Regionalkultur proto-etruskische Eigenheiten bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. (Abb. 5).

In Italien entwickelt die Kultur der Proto-Etrusker das Profil, das wir aus den Quellen und Monumenten der vorrömischen Zeit kennen. In der archäologischen Hinterlassenschaft Etruriens sind im ausgehenden 9. und beginnenden 8. Jahrhundert v. Chr. revolutionäre Veränderungen festzustellen. Ältere Dorfgemeinschaften werden zusammengeschlossen, und aus ihnen entwickeln sich die ersten städtischen Zentren der Villanova-Kultur. In der Forschung sind die Ansichten über den Charakter der Villanova-Kultur geteilt. Die einen halten sie für einen Import von Außen, die anderen sehen darin eine Mischung aus einheimisch-italischen und importierten Elementen. Diese Kultur zeigt bereits die typischen Amalgamierungsprozesse, nämlich die symbiotische Verflechtung einheimischer Eigenheiten mit Elementen, die die Einwanderer mitgebracht hatten. Denn von Anbeginn treten externe Zusatzkomponenten, u. zw. ägäische sowie auch nahöstliche Merkmale in der Villanova-Kultur in Erscheinung.

Abb. 5: Die Einflusssphäre der Etrusker in Norditalien (Macellari 2014: 17)

Es besteht Einigkeit in der Hinsicht, dass die Villanova-Kultur sich ohne auswärtige Impulse nicht mit der Rasanz entfaltet hätte, die die archäologische Hinterlassenschaft ausweist. Die Träger der Villanova-Kultur waren noch nicht die Etrusker der klassischen Zeit. Da das etruskische Kulturerbe aber auf dem Fundament der Villanova-Kultur aufbaut, ist es berechtigt, die Leute von Villanova als Proto-Etrusker zu identifizieren.

Die Etrusker als das historische Volk sind aus einem ethnischkulturellen Transformationsprozess entstanden, an dessen Anfang die proto-etruskische bzw. Villanova-Kultur stand, und aus deren kontinuierlicher Weiterentwicklung die etruskische Zivilisation aufblühte. Der Wandel vom Volkstum der Proto-Etrusker zu dem der Etrusker ähnelt in mancher Hinsicht der ethnisch-kulturellen Transformation, die Jahrtausende früher in Mesopotamien stattfand, als sich die Identität der Sumerer aus der Ethnizität der Ubaid-Leute entwickelte (Maisels 1999: 147 ff.).

Das kulturelle Erbe von Villanova wandelt sich im Horizont der Zeit zum Eigenprofil der etruskischen Zivilisation, und in deren Eigenarten fallen von Anbeginn die Beziehungen zum östlichen Mittelmeerraum, zur Ägäis und zum Nahen Osten, auf. In diesem Komplex von kulturellen Parallelen ist deutlich zwischen zwei Traditionen zu unterscheiden: (i) das altägäische Kulturerbe, das die etruskische Zivilisation über ihre proto-etruskischen Frühstadien mit den vorgriechischen Zivilisationen des ägäischen Inselarchipels verbindet (Haarmann 1995: 150 ff.); (ii) ein nahöstlicher Modetrend, der im 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. die Vorlieben der etruskischen Aristokratie bestimmte. Dieser zeitlich begrenzte Trend wird die »orientalisierende Periode« (ital. orientalizzante) genannt (Cristofani 1985: 199 ff.).

Die älteren ägäischen Eigenheiten gehen seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. eine enge Verbindung mit den orientalisierenden Elementen ein, sodass sie in ihrer Verwobenheit dem Betrachter wie ein symbiotisches Beziehungsnetz anmuten. Lediglich in der wissenschaftlichen Analyse können die ägäischen von den orientalisierenden Eigenheiten unterschieden werden.

Die griechischen Siedlungen der Magna Graecia

Im Verlauf des 16. Jahrhunderts v. Chr. erkundeten mykenische Griechen die Seerouten in Richtung Westen, und seit dem 15. Jahrhundert v. Chr. gab es ständige Kontakte mit Süditalien. Die Mykener richteten zahlreiche Handelsstützpunkte ein. Die meisten lagen an den Küsten des Ionischen Meers und der Adria. Auf Sizilien waren die Stützpunkte im Südosten der Insel konzentriert (Abb. 6).

Die Handelsplätze von damals sind von Archäologen anhand einer Leitform identifiziert worden: mykenische Keramik. Solche Gefäße sind bis in die Region von Neapel gefunden worden. Die wirtschaftlichen Interessen der Mykener an Süditalien waren in der Hauptsache motiviert durch den Handel mit Metall, mit Kupfer und Eisen. Die Lipari-Inseln (nördlich von Sizilien) waren wegen der dortigen Kupfervorkommen von Interesse. Eisen kam aus dem Norden, von den Inseln Elba und Korsika. In mykenischer Zeit gab es dort keinen festen Stützpunkt und eine griechische Kolonie wurde auf Korsika erst im 6. Jahrhundert v. Chr. von den Phokäern eingerichtet (Alasia). Der Handelsstützpunkt bei Castiglione auf der Insel Ischia in der Bucht von Neapel diente als Umschlagplatz für Metalllieferungen aus dem Norden.

Mit dem Niedergang der mykenischen Macht im östlichen Mittelmeer erlahmte auch der Fernhandel mit dem Westen. Die Seeroute geriet aber nicht in Vergessenheit, denn auf dem früher von mykenischen Handelsschiffen frequentierten Seeweg gelangten die Proto-Etrusker (Tyrsener bzw. Tyrrhener) aus dem Norden der Ägäis an die Küste des Tyrrhenischen Meers.

1, Middle Helladic – Late Helladic II; 2, Late Helladic IIIA1 – IIIB1–2; 3, Late Helladic IIIC1–2; see Table 1.

Apulia. 1: Manaccora (3). 2: Molinella (1). 3: Coppa Nevigata (3). 4: Trani (2, 3). 5: Bari (3). 6: Giovinazzoo (1). 7: Torre S. Sabina (2). 8: Punta Le Terrare (1, 2). 9: Otranto (2, 3). 10: Leuca (2, 3). 11: Porto Cesareo (2, 3). 12: Avetrana (3). 13: S. Cosimo d’Oria (2). 14: Torre Castelluccia (2, 3). 15: Porto Perone (1, 2, 3). 16: Satyrion (2, 3). 17: Scoglio del Tonno, Taranto (2, 3).

Basilicata 18: San Vito di Pisticci (3). 19: Termitito (2, 3). 40: Toppo Daguzzo (3).

Calabria. 20: Broglio di Trebisacce (2, 3). 21: Torre del Mordillo (3). 36: Praia a Mare (2).

Sicily. 22: Molinello (2). 23: Thapsos (2). 24: Matrensa (2). 25: Cozzo del Pantano (2). 26: Serra Orlando (2, 3). 27: Pantalica (3). 28: Floridia (2). 29: Buscemi (2). 30: Milena (2, 3). 31: Agrigento (2).

Aeolian Islands. 32: Lipari (1, 2, 3). 33: Panarea (2). 34: Salina (1, 2). 35: Filicudi (1, 2).

Campania. (36: see Calabria). 37: Polla (3). 38: Paestum (3). 39: Eboli (3). (40: see Basilicata). 41: Vivara (1, 2). 42: Castiglione d’Ischia (2).

Abb. 6: Orte mit Funden mykenischer Keramik in Süditalien (Ridgway 1992: 4)

Abb. 7: Die griechischen Siedlungen in Süditalien (Malkin 2011: 98)

Einige Jahrhunderte später wurden die Kontakte zwischen dem griechischen Festland und Süditalien wiederbelebt. Die Motivation für die Wiedereröffnung des Seewegs nach Westen war allerdings deutlich verschieden von der während der mykenischen Periode. Damals ging es darum, Waren auszutauschen und solche aus Italien nach Griechenland zu transportieren. Die Migration der Griechen nach Westen hingegen, die im 8. Jahrhundert v. Chr. einsetzte, war eine eigentliche Kolonisationsbewegung, eine Auswanderung im großen Stil. Griechen aus dem Kernland wanderten aus mit dem Ziel, entfernt von ihrer Heimat neue Siedlungen zu gründen und dort zu leben.

Die zwischen dem 8. und 5. Jahrhundert v. Chr. in Süditalien gegründeten Kolonien waren weniger zahlreich als die mykenischen Handelsstützpunkte, und sie waren auch in unterschiedlichen Regionen lokalisiert. Es gibt nur wenige Kolonien, die am Ort eines früheren mykenischen Handelsstützpunkts gegründet wurden. Dies gilt für Pithekoussai auf Ischia, für Taras (heute Tarento) in Apulien und für Akragas (heute Agrigento) in Westsizilien.

Im Unterschied zur mykenischen Ära, als es mehr als ein halbes Dutzend Stützpunkte an der Adriaküste gab, wurde dort keine einzige Kolonie angelegt, und auch die Liparischen Inseln blieben von der Kolonisierung ausgeschlossen. Auf Sizilien dehnten sich die Kolonien über die ganze Insel aus, wenn auch die größte Konzentration – wie zu mykenischer Zeit – im Südosten zu beobachten ist.

Koloniegründungen in der Magna Graecia (Osborne 1996: 121 ff., Malkin 2011: 97 ff., Mele 2014)

Im 8. Jahrhundert v. Chr. gegründete Kolonien:

Pithekoussai (Zeit der Gründung: früher als 750 v. Chr.; Mutterstadt: Eretria/Chalkis)

Naxos (750–725 v. Chr.; Chalkis)

Syrakus (750–725 v. Chr.; Korinth; vorgriech. Besiedlung)

Katana (750–700 v. Chr.; Chalkis)

Leontinoi (750–725 v. Chr.; Chalkis)

Kyme (Cumae) (725–700 v. Chr.; Chalkis)

Zankle (750–725 v. Chr.; Kyme/Chalkis)

Rhegion (ca. 720 v. Chr.; Chalkis/Zankle)

Megara Hyblaia (750–725 v. Chr.; Megara)

Sybaris (ca. 720 v. Chr.; Achaia)

Mylai (725–700 v. Chr.; Zankle)

Metapontion (725–700 v. Chr.; Achaia)

Kamarina (725–700 v. Chr.; Syrakus)

Im 7. Jahrhundert v. Chr. gegründete Kolonien:

Kroton (7. Jh. v. Chr.; Achaia)

Taras (ca. 700 v. Chr.; Sparta)

Heloros (ca. 700 v. Chr.; Syrakus)

Kaulonia (ca. 700 v. Chr.; Kroton)

Gela (ca. 700 v. Chr.; Kreta/Rhodos)

Siris (ca. 700 v. Chr.; Kolophon)

Metauros (700–650 v. Chr.; Zankle)

Lokroi Epizephyrioi (ca. 700 v. Chr.; Lokroi)

Akrai (675–650 v. Chr.; Syrakus)

Selinous (ca. 650 v. Chr.; Megara Hyblaia)

Himera (ca. 625 v. Chr.; Zankle/Mylai)

Kasmenai (ca. 600 v. Chr.; Syrakus)

Hipponion (ca. 620 v. Chr.; Lokroi Epizephyrioi)

Im 6. Jahrhundert v. Chr. gegründete Kolonien:

Medma (ca. 600 v. Chr.; Lokroi)

Poseidonia (Paestum) (ca. 600 v. Chr.; Achaia)

Akragas (ca. 580 v. Chr.; Gela)

Herakleia Minoa (ca. 550 v. Chr.; Selinous)

Im 5. Jahrhundert v. Chr. gegründete Kolonien:

Neapolis (ca. 470 v. Chr.; Cumae)

Herakleia in der Nähe der Ruinenstätte von Siris (425–400 v. Chr.; Taras)

Im 4. Jahrhundert v. Chr. gegründete Kolonien:

Issa (ca. 390 v. Chr.; Syrakus)

Tauromenion (358 v. Chr.; Zankle)

Eryx und Segesta im Nordwesten Siziliens, Stadtgründungen der einheimischen Elymer, wurden seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. hellenisiert und standen zeitweilig unter karthagischer Kontrolle

Die Kolonisation Süditaliens war eine systematische und organisierte Bewegung, und sie ging von städtischen Zentren (poleis) in Griechenland, von Mutterstädten aus. Die Mutterstädte stellten Transportfahrzeuge, Ausrüstung und Proviant zur Verfügung, und die Kolonisten bauten in der Folge ein Netzwerk von Handelsbeziehungen mit den Mutterstädten aus Richtung der neuen Siedlungsgebiete auf. Eine neu gegründete Kolonie war in architektonischer wie administrativer Hinsicht zunächst ein Miniaturmodell der jeweiligen Mutterstadt, mit Häusern, Tempeln und Wirtschaftsgebäuden. Viele Kolonien wuchsen ständig an und übertrafen irgendwann nach ihrer Einwohnerzahl die Mutterstädte. Innerhalb weniger Jahrhunderte waren die Griechen in den Kolonien Süditaliens zahlreicher als im Kernland Hellas. Seit der klassischen Ära im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. wurde das Siedlungsgebiet der westlichen Griechen Megale Hellas (›Großgriechenland‹) genannt, bekannter unter dem Namen, den ihm die Römer gaben: Magna Graecia.

Die engen Beziehungen zwischen der Heimat und der Kolonie kommen sprachlich zum Ausdruck. Griech. oikos ist die Bezeichnung für die Heimstätte, und der Ausdruck für ›Kolonie‹, apoikia (apo-, ›von, weg‹ + oikos), ist mit dem Begriff der Heimstätte direkt assoziiert (Haarmann 2013: 49). In der Tat bedeutete die Gründung einer Kolonie keine absolute Trennung vom Kernland. Die Beziehungen zwischen Kolonie und Mutterstadt wurden alljährlich in einem besonderen Festakt ritualisiert. Einmal im Jahr unternahmen Honoratioren der Kolonie eine Fahrt mit dem Schiff zur Mutterstadt, um die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bindungen zu bekräftigen.

Die griechischen Kolonisten, die nach Süditalien einwanderten, trafen dort auf die Einheimischen, von denen die meisten Angehörige italischer Populationen waren und eine der italischen Sprachen sprachen. Einheimische wohnten auch an solchen Orten, wo Griechen für sich neue Heimstätten aufbauten. In Pithekoussai, Metapontion, Naxos, Syrakus, Katana, Leontinoi, Kyme, Taras, Gela und Akragas sind Reste vorgriechischer Siedlungen gefunden worden. Die Einheimischen wurden von den Neusiedlern nicht vertrieben. Die Alteingesessenen wurden in die griechischen Gemeinschaften integriert, in deren Milieu sie sich akkulturierten und sprachlich assimilierten. Die Hellenisierung der Einheimischen zog sich in Sizilien über mehrere Generationen hin. Am längsten konnten die Elymer im Nordwesten ihre kulturelle und sprachliche Eigenständigkeit bewahren.

Jede Kolonie stellte politisch eine unabhängige Einheit dar, und im Hinblick auf die Verwaltung und administrative Institutionen war die Kolonie ein Modellfall der jeweiligen Mutterstadt. Mittelpunkt einer jeden Stadtgemeinde war das Prytaneum, wo das ewige Feuer zu Ehren der Hestia, Göttin des heimischen Herdfeuers und Schutzpatronin der Heimstatt, brannte. Diejenigen, die ausfuhren, um eine Kolonie zu gründen, führten auf ihrem Schiff ein Kohlebecken mit sich, in dem Feuer vom Hestia-Tempel der Mutterstadt brannte. Das ewige Feuer wurde in das neu erbaute Prytaneum der Kolonie transferiert, wo es als Symbol pan-griechischer Identität bei den Einwohnern das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit mit der Mutterstadt wachhielt.

Die Verflechtung der politischen Interessen von Etruskern und Griechen

Schon im 8. Jahrhundert v. Chr. waren die urbanen Zentren in Etrurien, im etruskischen Kernland, wohl organisiert, und von dort dehnte sich die politische Einflusssphäre in die benachbarten Regionen aus (Abb. 8). Der politische Einfluss der Etrusker war damals bereits deutlich in Latium spürbar, im Gebiet der Latiner, das im Süden angrenzte.

Seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. waren die Geschicke Italiens im Wesentlichen von drei politischen Kräften bestimmt, von den Etruskern und ihrer Expansionspolitik, von den Griechen der Magna Graecia und ihrem Machtmonopol im Süden sowie von der politischen Einflussnahme der Karthager, die die Konfrontation mit den beiden anderen Big Players nicht scheuten. Die Etrusker machten ihren politischen Einfluss sowohl zu Lande als auch zu Wasser geltend. Dies galt ebenfalls für die griechischen Kolonien, die ihre politischen Interessen in Süditalien sowohl auf dem Land als auch auf den Seerouten vertraten.

Abb. 8: Stadtstaaten der Etrusker in Etrurien (Camporeale 2015: 54)

Die Kontakte mit den Griechen in Süditalien entfalteten sich über einen langen Zeitraum. Für die Präsenz der Etrusker im Süden gibt es zahlreiche konkrete Hinweise, u. zw. in Form von etruskischen Handelswaren (Keramikgefäße). Besonders intensiv waren die Kontakte im südlichen Kampanien und rings um den Golf von Neapel. In jener Region sind auch zahlreiche Inschriftenfunde gemacht worden (Albore Livadie 2010: 168 ff.). Bereits in der Anfangszeit der griechischen Kolonisation kam es über die Handelsbeziehungen hinaus zu engen sozialen Kontakten und auch Familiengründungen zwischen Etruskern und Griechen (Turfa 2007: 165).

Im Süden waren die Siedlungen der Griechen und die von Etruskern kontrollierten Gebiete (Etruria campana) eng benachbart. Dem Werk Gelehrte beim Gastmahl (Deipnosophistae XIV, 632A) des Athenaios von Naukratis (um 200 n. Chr.) ist zu entnehmen, dass der Streifen entlang der amalfitanischen Küste, um den Golf von Salerno herum bis hinunter nach Poseidonia (Paestum) als »etruskischer Golf« bekannt war.

Allein die Karthager waren auf dem Festland nicht präsent und unterhielten einige Handelsstützpunkte lediglich auf den großen Inseln, Sizilien und Sardinien. Die eigentlichen Kontrahenten im westlichen Mittelmeer waren in der Frühzeit Etrusker und Karthager. Gegen Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. kam es zu einem Interessenausgleich zwischen diesen beiden Seemächten, die sich zu einer Allianz zusammenschlossen. Dieser Zusammenschluss, als politisches Gegengewicht, richtete sich ostentativ gegen die Macht der aufstrebenden Kolonien Siziliens und motivierte koordinierte Operationen der etruskischen und karthagischen Seestreitkräfte.

Die politische Allianz der Etrusker und Karthager war erfolgreich. In der Zeit zwischen 540 und 535 v. Chr. besiegte eine vereinigte Streitmacht der Etrusker und Karthager von 120 Schiffen einen Flottenverband phokäischer Griechen, die ihre Ansprüche auf ein Monopol der Handelsroute bis an die Südküste Frankreichs sichern wollten. Die griechische Flotte wurde in den Gewässern vor der Ostküste Korsikas, bei Alalia, besiegt. Damit waren etruskische Handelsinteressen mit den Häfen in Südfrankreich gesichert. Damals stand die etruskische Seeherrschaft auf ihrem Zenith, aber nur wenige Jahrzehnte später erlitt die etruskische Flotte entscheidende Rückschläge in der Auseinandersetzung mit den griechischen Seestreitkräften (s. Kap. 6).

Handelsrouten und Handelskontakte

Von den politischen Zentren Etruriens gingen die Impulse für die Erkundung von Routen für den Handel aus. Noch bevor die Griechen anfingen, Kolonien in Süditalien einzurichten, erkundeten die Etrusker die Seewege entlang der Westküste und im Süden, um Italien herum. »Schon immer wurden die Etrusker zu den großen Seevölkern der Antike gerechnet, deren politische, wirtschaftliche und militärische Macht ein weites Gebiet umspannte« (Sprenger/Bartoloni 1990: 19). Angesichts der Herkunft der Vorfahren der Etrusker aus der Region der Ägäis ist deren Vertrautheit mit dem Meer nicht verwunderlich. Die Erkundung maritimer Handelsrouten setzt Know-how im Schiffsbau und Kenntnisse in der Navigation voraus, und beides besaßen die Fachleute in Etrurien. Das Material, aus denen etruskische Schiffe gebaut wurden, war Holz in den beiden Arten Eiche und Nussbaum. Aus Eiche wurde der Rumpf erstellt, und Nussbaum diente für die Rahmenkonstruktion (Pomey 2017).

Die spezielle Handwerkssparte des Schiffsbaus entwickelte ihren Fachwortschatz, ebenso wie die Navigation. Das Vokabular der etruskischen Sprache in diesen Bereichen ist nicht direkt überliefert. Wohl aber ist dieser Fachwortschatz in Teilen tradiert worden. Denn die etruskischen Schiffsbauer gaben ihr Know-how an die Römer weiter, und auch die damit assoziierte Fachterminologie. Im etruskischen Lehnwortschatz für den Schiffsbau im Lateinischen finden sich Elemente sowohl für Flussschiffe als auch für seetüchtige Fahrzeuge (Abb. 9).

Etruskische Lehnwörter im Lateinischen (Nomenklatur des Schiffsbaus und der Navigation):

anc(h)ora, ›Anker‹; über etrusk. Vermittlung aus griech.

ankyra (B 174) antemna, antenna, ›Segelstange, Rahe (waagerechtes Rundholz am Mast zur Anbringung der Segel)‹ (B 174)

aplustra, ›Schiffsknauf‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. aphlaston (B 175)

carina, ›Kiel‹ (Ostler 2007: 38)

caudica, ›ein aus einem Baumstamm gemachter Kahn‹ (B 137) corbita, ›langsam fahrendes Transport- oder Lastschiff‹ (B 108)

guberno, ›führe das Steuerruder, steuere‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. kybernao (B 209)

prora, ›Schiffsvorderteil, Bug‹ (B 221)

Abb. 9: Etruskische Schiffsmodelle der Frühzeit (Pallottino 2016, Tafel XV und CXXV), a) Vasenbild aus Veii (8. Jahrhundert v. Chr.), b) Freskenbild aus einem Grab der Nekropole von Tarquinia (6. Jahrhundert v. Chr.)

rudens, ›Schiffstau‹ (B 519)

saburra, ›Schiffsand, Ballast‹ (B 463)

sentina, ›Kielwasser‹ (Ostler 2007: 38)

transtrum, ›Querbank; Ruderbank‹ (B 82)

»Vom 7. Jh. v. Chr. an – zweifellos in Zusammenhang mit der Entdeckung der Erzvorkommen in Etrurien und dem daraus resultierenden Reichtum – expandierte das etruskische Macht- und Einflussgebiet immer stärker, bis sich etwa ab der Wende vom 6. zum 5. Jh. v. Chr. das von den Etruskern kontrollierte Gebiet von den Ausläufern der Alpen bis nach Kampanien, von Korsika bis zur Adria erstreckte« (Breyer 1993: 8).

Die frühesten Verbindungen im Fernhandel gehen auf die Initiative der Städte Caere (Cerveteri), Tarquinia und Vulci zurück. Diese Städte lagen nicht weit entfernt von der Küste, und sowohl Tarquinia als auch Vulci verfügten über Flussverbindungen zur Küste. Jede dieser städtischen Zentren legte einen eigenen Hafen an. Für Vulci war dies Regisvilla, für Tarquinia diente Gravisca (heute Porto Clementino) als Hafen, und Pyrgi bot den Händlern von Caere den Zugang zum Meer. Die günstige Lage von Pyrgi hatten bereits frühe griechische Kolonisten erkannt, die dort als Erste einen Handelsstützpunkt einrichteten, der aber schon bald von den Etruskern übernommen wurde.

Der Transport von Waren auf dem Landweg war mühsam und beschwerlich. Die Etrusker nahmen die Herausforderung an und erschlossen die verkehrstechnische Infrastruktur Etruriens durch zahlreiche Straßenbauprojekte, von denen einige erhebliche technische Herausforderungen stellten, wie die Überlandstraße, die Nepi mit Falerii Veteres verband. Dafür musste eine 200 m lange und 15 m tiefe Schneise durch felsiges Gelände geschlagen werden. Das Straßennetz rings um Caere war das dichteste von allen etruskischen Städten (Nardi 1985: 165).

Der größte Teil der Warenimporte nach Etrurien lief über die maritimen Handelsrouten.

»Die Tyrrhenische Küste bot leichte Verbindungen über die gesamte Länge Etruriens, und die schiffbaren Unterläufe der größeren Flüsse wie Tiber und Arno erleichterte ebenso den Verkehr von Menschen und Waren ins Landesinnere. Das Know-how der Etrusker als Seeleute war grundlegend für die Entwicklung und Aufrechterhaltung ihrer Wirtschaftssysteme« (Barker/Rasmussen 2000: 173).

Die aufstrebenden griechischen Kolonien im Süden waren nicht die Ausgangsorte für den Warenimport nach Etrurien. Vielmehr spielten die griechischen Küstenstädte der Magna Graecia die Rolle von Umschlagplätzen für Luxuswaren aus Griechenland, die für die etruskischen aristokratischen Familien bestimmt waren. In der Zeit zwischen 625 und 550 v. Chr. kam der größte Teil der griechischen Keramikgefäße aus Korinth und aus dem östlichen Griechenland. Später dann (zwischen 550 und 475 v. Chr.) bevorzugte die etruskische Elite Waren aus Athen (Barker/Rasmussen 2000: 213 f.).

Etrurien war für die auswärtigen Handelspartner (Griechen, Karthager) insbesondere wegen der reichen Metallvorkommen von Interesse. Metall wurde bereits während der Bronzezeit (4. und 3. Jahrtausend v. Chr.) in Italien verarbeitet. Dies war in erster Linie Kupfer. Im Unterschied aber zu den maritimen Handelskontakten der Etrusker wurde der Handel mit Kupfer in früherer Zeit über Landrouten betrieben, was auch zu einer Verstärkung der Kontakte zwischen regionalen Bevölkerungsgruppen führte (Bietti Sestieri 2009: 9).

»Auf der Insel Elba und nördlich von Populonia in den Monti Metalliferi fand sich im wesentlichen Eisenerz, außerdem gab es Kupfer-, Zinn-, Blei- und Silbergruben. Dieselben Rohstoffe kamen in Fallonica auf dem Festland gegenüber der Insel Elba, in der Gegend von Massa Marittima und dem Monte Amiata vor. Kupfer und Eisen wurden auch in den Tolfabergen nördlich von Caere/Cerveteri geschürft« (Sprenger/Bartoloni 1990: 19)

Das Material der Bodenschätze diente nicht nur als Rohstoff für die Weiterverarbeitung, sondern auch als Zahlungsmittel im Warentausch mit den Handelspartnern. Aus Metall gefertigte Objekte (vor allem Bronzeartikel) gehörten zu den bevorzugten Exportwaren, die von Griechen wie Karthagern eingetauscht wurden.

Die Etrusker eröffneten auch eine Handelsroute nach Nordwesten, an die Küsten Südfrankreichs. Im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. florierte der Weinhandel. Um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. erlahmt die Handelstätigkeit auf der nördlichen Seeroute, wohl als Folge der allgemeinen Schwächung der etruskischen Präsenz im westlichen Mittelmeer.

Unter den etruskischen Waren, die zu allen Zeiten und bei allen am Handel beteiligten Partnern beliebt waren, gab es einen Exportschlager, der für die Archäologen zur Leitform für die Ausdehnung der etruskischen Handelskontakte wurde, die Keramikgefäße im sogenannten bucchero-Stil.

Bucchero-Gefäße sind von Spanien im Westen bis Ägypten im Osten, von Tunesien im Süden bis Frankreich im Norden, bis in die griechischen Kolonien an der Nordküste des Schwarzen Meeres gefunden worden (Abb. 10).

Zunächst waren die Häfen im Süden Etruriens führend, was den Umschlag von Waren aus den griechischen Kolonien angeht. Allerdings ist um 460 v. Chr. ein drastischer Wandel zu beobachten. Innerhalb eines Jahrzehnts gingen die Importe griechischer Luxusgüter für die Nekropolen von Tarquinia, Caere und Orvieto drastisch zurück und versiegten schließlich ganz.

In jener Zeit ist der Aufstieg von Populonia (etrusk. Pupluna, Pufluna, Fufluna, latein. Populonium, Populonia) zu beobachten. Der Name ist assoziiert mit dem Götternamen Fufluns. Die Stadt wurde im frühen 9. Jahrhundert v. Chr. gegründet. Die Gründung der Stadt steht mit Sicherheit im Zusammenhang mit dem Abbau und mit der Verarbeitung von Metall, insbesondere Eisen. Es waren verschiedene Entwicklungen, die den Ausschlag gaben für den Aufstieg Populonias.

Abb. 10: Die geographische Verbreitung von etruskischer bucchero-Keramik in den Mittelmeerländern (Hase 1989: 329)

Eine wichtige Veränderung im Norden war politischer Natur, als es Populonia nämlich gelang, die Metallvorkommen auf der der Küste vorgelagerten Insel Elba unter seine Kontrolle zu bringen. Damit wurde Metall für den Hafen von Populonia zum Haupthandelsgut. Von dort wurde vor allem Rohmetall exportiert. Nahegelegen waren die Vorkommen von Campiglia Marittima, wo Kupfer, Blei, Zink, Eisen, Siber und Zinn abgebaut wurden (Benvenuti et al. 2004, Chiarantini et al. 2009). Die Bergbautätigkeit in der Gegend hat sich bis heute fortgesetzt. Populonia war eine Art Freihandelszone, vergleichbar mit der historischen Rolle von Hongkong.

Elementare Begriffe der Verarbeitung von Metall (insbesondere von Eisen) sind mit etruskischen Lehnwörtern ins Lateinische transferiert worden:

as, ›Pfund Kupfer‹

ferrum, ›Eisen; eiserne Werkzeuge‹

galena, ›Bleiglanz, Bleiglätte‹

lamina, ›jedes breite und dünne Stück Metall; ungemünzter Gold- oder Silberbarren‹

talea, ›Eisenbarren‹

Auch im Inland machte sich der Einfluss des Fernhandels geltend. Die etruskischen Handelskontakte erstreckten sich in der Blütezeit weit über das östliche Mittelmeer aus, bis nach Ägypten. In der antiken Stadt Praeneste, rund 35 km östlich von Rom gelegen, entfaltete sich ein kultureller Synkretismus besonderer Prägung. Diese Stadt war ein wichtiger Knotenpunkt für die Verkehrsverbindung von Etrurien nach Süden, nach Kampanien. Hier gab es eine heilige Stätte für die Verehrung der Göttin Fortuna Primigenia und war der Sitz eines populären Orakels. Praeneste hatte seit Langem unter etruskischem Einfluss gestanden. Die Handelskontakte mit Ägypten brachten es mit sich, dass in Praeneste nicht nur die Göttin Fortuna verehrt wurde, sondern ebenfalls die ägyptische Isis als ihr Äquivalent.

Den Boden in einem öffentlichen Gebäude auf dem Forum von Praeneste, in der Aula Absidata, zierte ein monumentales Mosaik, das sich über eine Fläche von etwa 30 m2 ausbreitete. Die Motive in dieser Landschaftskomposition sind sämtlich ägyptisch, und alle dargestellten Szenen sind mit dem großen Strom, dem Nil, assoziiert. Damals lebten ägyptische Künstler und Handwerker in Praeneste, und das Mosaik war ein Kooperationsprojekt ägyptischer und etruskischer Kunstschaffender.

Römische Kaufleute übernahmen später die Kontrolle über die von den Etruskern unterhaltenen Handelskontakte und lernten auf diese Weise das Land am Nil sowie dessen Kultur kennen. Diese Vertrautheit mit Ägypten war von Vorteil, als die Römer im 1. Jahrhundert v. Chr. zur Eroberung des Pharaonenreichs ansetzten.

Handel, Gewerbe, Unternehmertum

Die etruskische Handelsmacht dirigierte den Warenverkehr zu Lande und über See zu einer Zeit, als die Latiner und andere italische Völker in dörflichen Siedlungen lebten. Als der Trend zur Urbanisierung auch Regionen außerhalb Etruriens erreichte, profitierten die Nachbarn vom Know-how der Etrusker für die Entwicklung der Regionalwirtschaft (Nijboer 2017). Die Wirtschaftsabläufe wurden komplexer, als das Münzwesen eingeführt wurde. Auch dies ist eine Innovation der Etrusker in Italien. Etrusker waren es auch, die den Römern Kernelemente für Wertmaßstäbe im Handel vermittelten.

Der etruskische Einfluss war besonders nachhaltig in den Hafenstädten sowie in den Städten an der Peripherie Etruriens, die mit dem Meer verbunden waren, wie die Stadt Rom über den Tiber und den Hafen von Ostia.

(i)Ausdrücke für Preiswerte und Maßeinheiten

annona, ›Getreidepreis, Marktpreis‹ (B 508)

arra, ›Anzahlung, Kaufgeld; Pfand‹ (B 177)

as, ›Münzeinheit‹ (B 123)

culleus, ›Maß für Flüssigkeiten‹ (B 36)

instar, ›Einstellen des Züngleins an der Waage‹ (B 505)

pretium, ›Preis, Wert; Geld, Lohn‹ (B 144)

trutina, ›Waage, Waagbalken‹ (B 146)

ulna, ›Ellenbogenknochen, Elle; kleines Ellenmaß als halber cubitus = ¼ passus = 0,37 m‹ (B 235)

(ii)Ausdrücke im Bereich Handel, Gewerbe und Unternehmertum

arillator, ›Makler‹ (B 334)

caupo, ›Schenkwirt, Wirt in der Herberge, im Gasthaus‹ (B 250)

caupona, ›Schenkwirtin; Schenke‹ (B 250)

cocio, ›Makler‹ (B 441)

copa, ›Schenkmädchen‹ (B 250)

crumina, ›Geldbeutel, Börse‹ (B 163)

ganeum, ›Kellerkneipe, Garküche‹ (B 36)

hospita, ›Wirtin‹ (B 107)

lixa, ›Marketender‹ (B 421)

merx, ›Ware‹ (B 92)

pincerna, ›Trankmischer, Mundschenk‹ (B 422)

sequester, ›Vermittler, Unterhändler‹ (B 144)

taberna, ›Gasthaus‹ (B 424)

tocullio, ›Wucherer‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. tokos (B 515)

Insbesondere das Treiben in den Hafenstädten spiegelt sich im etruskischen Lehnwortschatz des Lateinischen. Eine besondere Rubrik sind die Entlehnungen, die sich auf das horizontale Gewerbe und dessen Umfeld beziehen.

agaga, agagula, ›Zuhälter‹ (B 161)

lena, leno, ›Kupplerin, Kuppler‹ (B 262)

lupa, ›Dirne‹ (B 141)

lupanar, ›Bordell‹ (B 503)

scratta, scrapta, scratia, ›Prostituierte‹ (B 116)

Griechische Kaufleute und Kunsthandwerker in Etrurien

Kontakte zwischen Griechenland und Italien gab es seit der Zeit der Migrationen der Proto-Etrusker aus dem ägäischen Raum ins westliche Mittelmeer. Es gab vor allem zwei maritime Routen über die attische Keramik nach Italien exportiert wurde. Die eine Route verlief an der tyrrhenischen Küste entlang nach Pyrgi, dem Hafen von Caere (Cerveteri). Die andere Route verlief durch die Adria bis zum Podelta in der Region der Etruria padana. Die dortige Hafenstadt Spina war eine etruskische Gründung, die im 6. Jahrhundert v. Chr. aufblühte. Damals war das Delta des Po besser überschaubar und schiffbar.

Die Seeroute von der Adria durchs Ionische Meer zum griechischen Festland war für die Handelskontakte und den Ideentransfer ebenso wichtig wie die westliche Verbindung über das Tyrrhenische Meer.

Bereits in der Anfangszeit der griechischen Kolonisation in Süditalien ließen sich griechische Kunsthandwerker in einigen Städten Etruriens nieder, eröffneten Werkstätten und stellten Keramik in den Stilformen her, die im Mutterland Hellas und in der Magna Graecia verbreitet waren.

»Die Präsenz von [Töpfer]Meistern aus Euboia in Veii in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. entwickelt einen bemerkenswerten Einfluss im lokalen Milieu, der von der Einrichtung von Töpferwerkstätten und der damit assoziierten Arbeitsorganisation bis hin zur Erneuerung des Repertoires des griechischen geometrischen Stils reicht« (Camporeale 2004: 53).

Möglicherweise steht die Einführung der Festlichkeit der Symposia (Weingelage) bei den Etruskern in Verbindung mit der Anwesenheit griechischer Handwerker und Kaufleute in Etrurien. Griechische Vertreter des Kunsthandwerks sind seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. auch in anderen Städten wie Caere, Gravisca und Tarquinia ansässig (Colonna 2004, Torelli 2004). In Caere hatten sich griechische Kaufleute als Handelspartner der Etrusker angesiedelt, und die Seeroute über Pyrgi nach und von Athen wurde in jener Zeit häufig befahren.

Im 6. Jahrhundert v. Chr. ist die Präsenz griechischer Kaufleute und Handwerker auch im Norden Italiens bezeugt, in Spina an der Adriaküste. Aus Spina stammen rund 200 Inschriften. Die meisten davon (180) sind auf Etruskisch, ungefähr 20 auf Griechisch und eine auf Venetisch verfasst. Die griechischen Inschriften sind in der attischen Variante abgefasst, und deren Inhalt deutet daraufhin, dass auch in Spina eine Gruppe von Kaufleuten und/oder Kunsthandwerkern aus Athen ansässig waren. Im 5. Jahrhundert v. Chr. haben sich griechische Kaufleute ebenfalls in Populonia niedergelassen (Della Fina 2004).

Die Handelsbeziehungen der Etrusker mit Athen waren im ausgehenden 6. Jahrhundert v. Chr. besonders eng. Wie eng auch die Beziehungen der Etrusker zum Athener Staat und insbesondere zur historischen Landschaft Attika waren, kann man daran ermessen, dass die beiden Handelsmetropolen, Caere in Etrurien und Spina in der Etruria padana, Schatzhäuser auf dem Gelände der Orakelstätte von Delphi unterhielten. Hinweise darauf findet man bei antiken Autoren wie Herodot (I 66), Strabon (5, 220) und Pausanias (5, 12, 5).

Die Präsenz griechischer Kaufleute, Handwerker und Goldschmiede in den etruskischen Handelsstädten bewirkte auch Wissensvermittlung. In den örtlichen Werkstätten haben nicht nur griechische Handwerker griechische Keramik (insbesondere attische Vasen) für den etruskischen Binnenmarkt hergestellt, sondern etruskische Kunsthandwerker haben ihrerseits das Know-how von den Griechen erlernt, Vasen im griechischen Stil herzustellen.

Griechische Lehnwörter, die dem Lateinischen über das Etruskische vermittelt wurden:

Bacchanal, Bacchanalia, ›die römischen Bacchusfeste‹; Ableitung über etrusk. Vermittlung (pacha-na) aus griech. Bacchos (B 500)

brisa, ›Weintrester‹; über etrusk. Vermittlung aus thrak.-griech. brytea, brytia, ›Überbleibsel ausgepresster Trauben oder Oliven‹ (B 94)

bucar, ›Gefäß mit hornähnlichen Aufsätzen‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. boukeros (B 179)

caduceum, ›Heroldstab, Friedensstab‹; ← griech. kerykeion/karykion (B 180)

calpar, ›Weinfass aus Ton; junger Wein vom Fass beim Opfern‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. kalpe (B 182)

catamitus, ›Ganymed, Buhlknabe‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. Ganymedes (B 155)

crapula, ›Weinrausch mit seinen Folgen (Kopfschmerzen, Schwindel)‹; vielleicht etrusk. Vermittlung aus griech. kraipale (B 189)

creterra, ›Mischkrug, Krater‹; vielleicht etrusk. Vermittlung von griech. kreter (B 195)

crocota, ›Safrangewand‹; vielleicht etrusk. Vermittlung von griech. krokote (B 196)

lucerna, ›Lampe‹; etrusk. Vermittlung von griech. lychnos (B 153)

massa, ›zusammengeknetete Masse, Klumpen; Haufen; Landgut‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. maza (B 216)

morio, ›Hofnarr‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. moros (B 514)

mollestras, ›Schaffell‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. melote (B 216)

norma, ›Winkelmaß; Richtschnur; Regel, Norm, Vorschrift‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. gnomon (B 218)

orca, ›Wal‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. oryga (B 219)

pessulus, ›Riegel‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. passalos (B 220)

sannio, ›Grimassenschneider, Hanswurst‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. sannas/sannion (B 515)

scaeptrum, ›Szepter‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. skeptron (B 224)

surena, ›Muschelart‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. solena (B 228)

tunica, ›kurzärmeliges Hemd‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. chiton (ion. kithon) (B 455)

tus, thus, ›Weihrauch‹; über etrusk. Vermittlung aus griech. thyos (B 235)

Ideentransfer

Über die Handelsrouten gelangten nicht nur Waren in die etruskischen Städte, die Seerouten dienten auch als Transportwege für den Transfer von Wissensgut und Ideen. Über die Bildkompositionen der von griechischen und etruskischen Handwerkern hergestellten Keramikgefäße gelangten narrative Inhalte der griechischen Mythologie in die Haushalte der etruskischen Aristokraten. In den Vasenbildern mischen sich Motive der griechischen Mythologie mit solchen der etruskischen Tradition.

Zusätzlich zu Handwerkern und Künstlern waren auch bestimmte griechische Spezialisten bei den Etruskern tätig. Dies waren Lehrer, die die Kinder der aristokratischen Elite unterrichteten. Die jungen Aristokraten wurden mit dem Griechischen vertraut gemacht, und ihnen wurde auch eine Errungenschaft beigebracht, die den modernen Lebensstil in den Mittelmeerkulturen mehr und mehr prägte, Schriftlichkeit. Die Vertrautheit mit der Alphabetschrift wurde zum Marker für die Zivilisiertheit der zeitgenössischen etruskischen Gesellschaft.

3.
DER SPRUNG INS »MODERNE« ZEITALTER: DIE VERBREITUNG DER SCHRIFTTECHNOLOGIE BEI DEN VÖLKERN ITALIENS

Die Kulturkontakte der Big Players standen im Zeichen der damals modernen zivilisatorischen Errungenschaften, und dazu gehörte die Schrifttechnologie. Die Schriftart, die bei den Völkern Italiens in Gebrauch kam, war die Alphabetschrift, die jüngste Entwicklungsstufe in der Schriftevolution. Andere Schriftarten wie die Silbenschrift und die Logographie (nach dem Prinzip einer Korrelation von »1 Zeichen = 1 ganzes Wort, bzw. eine Idee«) wurden nicht verwendet.

Die Verwendung der Alphabetschrift bei den Griechen bedeutete vom Standpunkt der griechischen Kulturgeschichte eine Neuorientierung bzw. Modernisierung für die schriftliche Kommunikation, die in früheren Epochen dem Prinzip der Silbenschrift verpflichtet war. Dies war die Verwendung der Schriftart Linear B bei den mykenischen Griechen sowie des Kyprisch-Syllabischen bei den arkadischen Flüchtlingen, die nach dem Zusammenbruch der mykenischen Macht nach Zypern auswanderten. Die Adaption des phönizischen Alphabets für die griechische Sprache sollte sich als Erfolgsstory erweisen, denn die griechische Schrift diente in der Nachfolge als Modell für eine Reihe späterer Schriftableitungen (→ etruskische Schrift → lateinische Schrift → phrygische und karische Schrift → italische Schriften → kyrillische Schrift).

Als erfolgreichste Version einer Alphabetschrift im globalen Vergleichsmaßstab sollte sich eine Ableitung vom etruskischen Alphabet erweisen, die Adaption der Schrift zur Schreibung des Lateinischen. Diese Schriftvariante setzte sich im Imperium Romanum unter staatlicher Ägide durch. Die Popularität der Lateinschrift bedingte die sekundäre Ableitung zahlreicher lokaler Schriften.

Kulturkontakte der Etrusker und die Konfrontation mit der Schriftlichkeit

Zwar waren in der Anfangszeit die wenigsten der griechischen Kolonisten schriftkundig, aber sie müssen vergleichsweise fortschrittlich gewesen sein, was daran zu erkennen ist, dass zu den ältesten Texten in griechischer Alphabetschrift ein solcher aus Süditalien stammt, der mit einer Inschrift versehene sogenannte Becher des Nestor aus der Kolonie von Pithekoussai (Abb. 11).

Abb. 11: Becher des Nestor (Pithekoussai; ca. 725 v. Chr.; Arena 1996: 192)

In der Folgezeit verbreitete sich der Schriftgebrauch in den neu gegründeten Kolonien, wo die lokalen Institutionen der Verwaltung und die Schriftsteller in ihrem Kulturschaffen zu Garanten der Literalität wurden. Inschriften auf Votivgaben in den Heiligtümern sind zahlreich. Im Wirtschaftsleben spielte die Schrift in späterer Zeit für die Abfassung von Kaufverträgen eine Rolle.

Es ist bis heute nicht mit Sicherheit geklärt, wann und wo die Etrusker die Alphabetschrift für ihre Sprache adaptierten. Allerdings ist klar, dass sie die Schrift von den Griechen, nicht direkt von den Phöniziern übernommen haben. Nun würde man erwarten, dass die ältesten Schriftzeugnisse des Etruskischen in einer Gegend zu finden sind, wo Etrusker mit den Griechen der Magna Graecia in Kontakt standen, also in Pithekoussai auf Ischia. Dies ist aber nicht der Fall. Das älteste Schriftdokument für den Gebrauch der Schrift bei den Etruskern stammt aus dem etruskischen Kernland, aus Etrurien. Offensichtlich haben dort bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. griechische Lehrer gewirkt.

Das älteste Schriftdokument in Etruskisch ist eine Schreibtafel aus Elfenbein, auf dessen Rand ein etruskisches Musteralphabet eingraviert ist. Diese Tafel von Marsiliana d’Albegna wird ins späte 8. Jahrhundert v. Chr. datiert (Abb. 12).

Abb. 12: Die Schreibttafel von Marsiliana d’Albegna (Provinz Grosseto) (Facchetti 2000a: 18)

Die Zeichen in diesem Musteralphabet weisen auf die westgriechische Schrift, die im Rahmen der von Euböa ausgehenden Kolonisation aus der Handelsstadt Chalkis nach Westen transferiert worden war (Abb. 13).

»Die Schriftrichtung schwankte zuerst (rechts-, linksläufig und abwechselnd). Dann setzte sich jedoch schnell die linksläufige Schreibung durch und wurde von den Etruskern, von sporadischen Ausnahmen abgesehen, im gesamten Verlauf ihrer Geschichte beibehalten […]« (Facchetti 2008: 234). Die Frage bleibt jedoch offen, ob die Etrusker die Kenntnis der Schrift von Griechen aus der Region der Magna Graecia übernommen haben, oder ob die westgriechische Version der Alphabetschrift, die die Etrusker über ihre Handelskontakte mit der Hafenstadt Chalkis in Euböa kennengelernt hatten, bereits im Kulturgepäck der etruskischen Auswanderer von dort mit einer letzten Migrationswelle nach Italien gebracht wurde.

Abb. 13: Die prototyrrhenische (archaisch-etruskische) Schrift im Verhältnis zur westgriechischen Schrift (Marchesini 2009, tav. XII)

Die Annahme von einem frühen Transfer der Alphabetschrift von außerhalb Italiens zu den Etruskern ist im Licht neuerer Schriftfunde keineswegs abwegig. Es gibt Beweise dafür, dass die Kenntnis der Alphabetschrift in Italien zu einer Zeit verbreitet war, als es noch gar keine griechischen Kolonien gab. Ein Schriftfund aus Latium, der in die Zeit um 770 v. Chr. datiert wird, ist einige Jahrzehnte älter als die Gründung der ältesten griechischen Kolonie in Süditalien, Pithekoussai. In einem Frauengrab (Grab 482) bei Osteria dell’Osa, dem antiken Gabii, haben Archäologen ein Tongefäß gefunden, das eine Inschrift trägt.

Die Buchstabenfolge eulin oder euoin ist als Name einer Etruskerin identifiziert worden. Dass ein früher Schriftfund des Etruskischen im Kontext einer Bestattung inmitten der von Latinern besiedelten Landschaft Latium auftritt, ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass der politische und kulturelle Einfluss der Etrusker bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. weit über das Kernland Etrurien hinaus ausstrahlte.

Lange bevor Texte in lateinischer Sprache abgefasst wurden, hatte sich in Etrurien eine Gesellschaft mit literaler Tradition entwickelt. Es ist bemerkenswert, dass frühe Schriftzeugnisse des Etruskischen nicht nur im Kernland der etruskischen Schriftlichkeit sondern auch an dessen Peripherie gefunden worden sind, nämlich in Rom. Im Kriegsjahr 1941 wurde ein aufsehenerregender Fund gemacht:

»Am Fuße des Kapitols war ein Buccherogefäß mit etruskischer Inschrift der ›redenden Inschriften‹ gefunden worden, noch ins 6. Jh. datierbar, d. h. älter als der [lateinische] Forumscippus [der ›schwarze Stein‹] und die Duenos-Inschrift. […] Es folgten die Funde von drei weiteren etruskischen Inschriften aus Rom: eine auf einem Buccherofragment, gefunden auf dem Palatin, eine auf dem Fragment eines Impastogefäßes, gefunden im Bereich von S. Omobono auf dem Forum Boarium, von Pallottino in das 7.–6. Jh. datiert und somit als das früheste Zeugnis etruskischer Präsenz in Rom anzusehen; eine auf der Rückseite eines ebenfalls im Gebiet von S. Omobono gefundenen Elfenbeinlöwens« (Breyer 1993: 10).

Der italienische Etruskologe Massimo Pallottino hat die Etrusker das »Volk der Bücher« genannt. Dies bezieht sich nicht allein auf literarische Texte im Sinn von belles lettres, sondern auch auf Sammlungen religiöser Texte wie Anweisungen für Tempelrituale, Kommunikation mit übernatürlichen Kräften im Augurenwesen. Die Divinationspraktiken waren hochgeschätzt, und die Etrusker feierten die mythische Figur eines Wahrsagers, Chalchas.

Der längste bisher bekannte Text in etruskischer Sprache mit religiösem Kontext ist die sogenannte Agramer Mumienbinde, eine Leinenbinde, mit der der mumifizierte Körper einer Frau eingehüllt war. Die Mumie wird im Nationalmuseum von Zagreb aufbewahrt, wobei die Binde (liber linteus zagrabiensis) das besondere Interesse der Schriftforscher erregt hat. Ursprünglich stammt die Mumie aus Ägypten, u. zw. aus einem Grab bei Alexandria, das in die ptolemäische Epoche zu datieren ist. Michael von Barich hatte die Mumie im Jahre 1849 als exotisches Reiseandenken angekauft und in seine Heimatstadt, nach Wien gebracht. Von Barichs Bruder hat nach dessen Tod die Mumie an das Nationalmuseum von Agram (früherer Name von Zagreb) weitergegeben. Die Schriftzüge sind danach vielen Besuchern des Museums und auch Forschern aufgefallen, und lange Zeit wurde darüber nur spekuliert. Man hielt die Schrift für Hieroglyphen und die Sprache für Ägyptisch, später auch für Koptisch, Libysch oder Karisch.

Erst im Jahre 1892 gelang es Jakob Krall, den Text als Etruskisch zu identifizieren (Krall 1892). Die Mumienbinde ist 3,4 m lang und 39 cm breit. Der etruskische Text des Liber linteus »[…] ist ein nach Art einer Ziehharmonika gefaltetes Leinentuch, das ursprünglich aus 12 Spalten zu 34 Zeilen bestand. Heute verbleiben ungefähr 1350 Wörter, aus denen man zirka 400 unterschiedliche lexikalische Einheiten gewinnen kann. Das Dokument ist erhalten, weil man es in Streifen schnitt, mit denen eine ägyptische Mumie eingewickelt wurde« (Facchetti 2008: 222). Dieser Text, der ins 3. Jahrhundert v. Chr. datiert wird, enthält Anweisungen für rituelle Handlungen in Verbindung mit kalendarischen Daten (van der Meer 2007).

Relativ gut dokumentiert ist die Rechtstradition der Etrusker, denn es sind eine Reihe juridischer Texte erhalten, unter denen amtliche Verfügungen und Kaufverträge zu finden sind (z. B. die Tafel von Cortona). Der etruskische Ausdruck zich bedeutet sowohl ›Text, Geschriebenes‹ als auch ›Buch‹. Dieser Ausdruck tritt häufig in formelhaften Wendungen auf, beispielsweise als abschließende Bekräftigung auf dem als Cippus Perusinus bekannten Grenzstein (gefunden 1822 in der Nähe von Perugia): cecha zichuche, ›wie geschrieben steht‹ (Facchetti 2000a: 176).

Nach den Hinweisen in den Werken antiker Autoren zu urteilen, gab es eine reiche Textüberlieferung in Etruskisch, von der allerdings nur Fragmente erhalten sind. Als die römischen Historiographen in späterer Zeit über die Etrusker, ihre Gesellschaft, Kunst und Religion berichteten, hatten sie noch Kenntnis von den in Etruskisch verfassten heiligen Büchern mit Anweisungen für das Augurenwesen. Dies waren Bücher

»[…], die die Vorschriften genau festlegten und die nur durch ihre Erwähnung bei römischen und griechischen Schriftstellern der Kaiserzeit bekannt sind: libri rituales (Bücher über profane und sakrale Vorschriften), libri haruspicini (Bücher über die Eingeweideschau), libri fulgurales (Bücher über die Blitzkunde), libri fatales (Bücher über das Schicksal), libri archerontici (Bücher über das Los im Jenseits)« (Sprenger/Bartoloni 1990: 14)

Am Besten überliefert sind die in Stein gemeißelten Inschriften an den Wänden von Sarkophagen und auf Gedenksteinen. Auf solchen dauerhaften Schriftträgern sind auch einige Textfragmente aus den heiligen Büchern überliefert, so auf der Schriftrolle als Teil einer Skulptur des Priesters Laris Pulena auf dem Deckel seines Sarkophags aus Tarquinia (Abb. 14). Dieser Priester verfasste Texte über die Eingeweideschau.

Inschriften finden sich außerdem in Form der Beschriftungen auf Keramikgefäßen und auf den berühmten etruskischen Bronzespiegeln. Die Zahl der bekannten etruskischen Inschriften beläuft sich auf über 14 000.

Abb. 14: Darstellung des Priesters Laris Pulena (Sarkophag aus Tarquinia); (Moretti et al. 1969: 69)

Die Schriftlichkeit als zivilisatorische Errungenschaft wird auf einem Bronzespiegel aus Volterra der archaischen Epoche gefeiert, im Zusammenhang mit einer mythologischen Szene. Dargestellt ist die Göttin Uni (Juno), die den Heroen Herkules als ihren Sohn »adoptiert«, ihn an ihrer Brust hält und säugt. Ein Gehilfe hält eine Tafel hoch, auf der zu lesen steht: eca sren tva ichnac hercle unial clan thrasce, ›dieses Bild zeigt, wie Herkules Junos Sohn wurde‹.

Die Kulturen sowohl der Griechen als auch der Etrusker waren seit dem ausgehenden 8. Jahrhundert v. Chr. literal. Zunächst war die Schriftlichkeit auf diese beiden Regionen im Norden und Süden Italiens beschränkt. Es dauerte aber nicht lange, bis auch andere Regionalkulturen im Kontakt mit Etruskern und Griechen ihre Kommunikationssysteme modernisierten und die Schrift zur Schreibung ihrer Lokalsprachen verwendeten. Die größte Erfolgsstory der Schriftadaption in Italien ist ohne Zweifel die Übernahme der etruskischen Schriftversion durch die Latiner zur Schreibung ihrer Heimatsprache, des Lateinischen. Die Annahme der Alphabetschrift erfolgte im bikulturellen Milieu Roms.

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