Читать книгу: «Bewegungen, die heilen»

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Dr. Harald Blomberg

Titel der englischen, für das Erscheinen in Deutschland überarbeiteten Ausgabe:

Movements that heal

© Dr. Harald Blomberg, 2011

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

VAK Verlags GmbH

Eschbachstr. 5

79199 Kirchzarten

Deutschland

© VAK Verlags GmbH, Kirchzarten bei Freiburg 2012

Übersetzung: Rotraud Oechsler

Lektorat: Norbert Gehlen

Illustrationen: S. Almenberg, R. Mauler Gruber, E. M. Rodríguez Diez, F. J. C. Rodríguez

Coverfotos: iStockphoto.com

Coverdesign: Sabine Fuchs

Layout: Karl-Heinz Mundinger, VAK

Gesamtherstellung: freiburger grafische betriebe, Freiburg

Printed in Germany

ISBN 978-3-86731-101-4 (Paperback)

ISBN 978-3-95484-140-0 (ePub)

ISBN 978-3-95484-141-7 (Kindle)

ISBN 978-3-95484-142-4 (PDF)


Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung: Wie das rhythmische Bewegungstraining (RMT) entstand
Kapitel 1: Die traditionelle Behandlung von ADHS
Kapitel 2: Eine alternative Sichtweise und Behandlung von ADHS
Kapitel 3: Kinder mit besonderen Herausforderungen – zwei verschiedene Betrachtungsweisen
Kapitel 4: Umfeldbedingte Ursachen von Aufmerksamkeits- und Lernstörungen
Kapitel 5: Das Stammhirn und die rhythmischen Bewegungen
Kapitel 6: Das Kleinhirn und die rhythmischen Bewegungen
Kapitel 7: Das reptilienhafte Gehirn
Kapitel 8: Wichtige primitive Reflexe bei ADHS
Kapitel 9: Primitive Reflexe bei Lese- und Schreibschwierigkeiten
Kapitel 10: Das limbische System und die rhythmischen Bewegungen
Kapitel 11: Der präfrontale Kortex und die rhythmischen Bewegungen
Kapitel 12: Störungen aus dem autistischen Formenkreis und das rhythmische Bewegungstraining
Kapitel 13: Rhythmisches Bewegungstraining und Psychose
Kapitel 14: Was ist Legasthenie?
Kapitel 15: Sehprobleme und Legasthenie
Kapitel 16: Probleme mit der Phonologie und dem Schreiben
Kapitel 17: Das neuronale Netzwerk für das Lesen

Quellenverzeichnis

Über den Autor: Mein Werdegang (von Dr. H. Blomberg)

Das RMT-Übungsprogramm: Die 15 rhythmischen Bewegungsübungen – Anleitungen und Wirkungen

Hinweis des Verlags

Dieses Buch informiert über Hintergründe und Anwendung des rhythmischen Bewegungstrainings (RMT). Die dargestellten Verfahrensweisen haben sich als sicher und effektiv bewährt. Wer sie anwendet, tut dies in eigener Verantwortung. Autor und Verlag beabsichtigen hier nicht, individuelle Diagnosen zu stellen oder Therapieempfehlungen zu geben. Die Informationen in diesem Buch sind nicht als Ersatz für professionelle therapeutische Hilfe bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen zu verstehen.

Vorwort

Dieses Buch ist für alle gedacht, die nach Methoden suchen, die Kindern bei Problemen helfen; Methoden, die Kindern ermöglichen, sich wohlzufühlen, ihren Aufgaben gerecht zu werden und auf Medikamente zu verzichten. In diesem Buch beschreibe ich die von Kerstin Linde entwickelten einfachen Bewegungsübungen, die die Fähigkeit des Gehirns und des Nervensystems stimulieren, sich ständig zu erneuern und neue Nervenverbindungen zu schaffen. Ich werde erklären, wie die Übungen dem Kind helfen, sich körperlich, emotional und geistig zu entwickeln, zu reifen oder zu gesunden. Diese Bewegungen existieren bereits als angeborene motorische Muster, die aktiviert werden müssen, damit ein Kind sich normal entwickeln kann. Ich nenne meine Methode Rhythmic Movement Training [RMT; zu Deutsch: rhythmisches Bewegungstraining. – Anm. d. Übers].

Manchmal hat es den Anschein, als hätten die Übungen innerhalb kurzer Zeit eine sozusagen „magische“ Wirkung. Das soll jedoch nicht heißen, dass ihre Funktionsweise etwas mit Magie zu tun hätte. Ich habe mich nach bestem Wissen bemüht, wissenschaftlich zu erklären, wie diese einfachen Übungen so kraftvoll wirken können, und ich hoffe, Sie als Leser fühlen sich von meinen Erklärungen nicht „erdrückt“.

Diese Übungen habe ich von meiner schwedischen „Kollegin“ Kerstin Linde gelernt und ich wende sie seit 25 Jahren in meiner Arbeit als Psychiater an. (Seit 2001 betreibe ich in Stockholm mein Zentrum für rhythmisches Bewegungstraining.)

Kerstin Linde war ursprünglich Fotografin und erarbeitete ihre Methode, die hauptsächlich durch die spontanen rhythmischen Bewegungen von Babys inspiriert war, indem sie beobachtete, wie Babys, Kinder und Erwachsene sich bewegen. Ich verfolgte ihre Arbeit in den späten 1980er-Jahren ein paar Jahre lang und schrieb darüber in meinem früheren Buch Helande Liv [zu Deutsch etwa: Das Leben heilen].

Die rhythmischen Bewegungselemente sind für ihre Methode besonders charakteristisch. Andere Ansätze, die Kindern mit Problemen im Bereich der Motorik und des Lernens helfen, sind auch durch Bewegungen von Babys inspiriert – ihnen fehlen jedoch die rhythmischen Elemente. Und wie dieses Buch deutlich macht, sind es gerade diese spontanen rhythmischen Bewegungen, die von fundamentaler Bedeutung für die motorische, emotionale und intellektuelle Entwicklung des Kindes werden.

Zu den vielen Auswirkungen von Kerstin Lindes Methode gehört die Integration der frühkindlichen oder „primitiven“ Reflexe. Sie betonte immer, dass die rhythmischen Übungen diese primitiven Reflexe integrierten, wenn sie korrekt ausgeführt würden. Das mag für kleine Kinder gelten, doch bei älteren Kindern und bei Erwachsenen müssen die rhythmischen Übungen durch andere Methoden ergänzt werden. Die russische Psychologin Svetlana Masgutova entwickelte eine andere wirksame Methode zur Integration der primitiven Reflexe; ihre Übungen sind eine wertvolle Ergänzung zu den rhythmischen Übungen von Kerstin Linde.

Seit vielen Jahren gebe ich Kurse in rhythmischem Bewegungstraining und Reflexintegration (in Schweden und in anderen europäischen Ländern, in Asien, Australien und Amerika). In diesen Kursen wende ich mich an Lehrer, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Masseure und andere Fachleute sowie an Eltern von Kindern mit verschiedenen Problemen.

Dieses Buch basiert auf meinen Kursunterlagen. Mein Ziel beim Schreiben war, die bemerkenswerte Wirksamkeit des rhythmischen Bewegungstrainings bei so vielen verschiedenen Beschwerden wissenschaftlich überzeugend zu erklären. Daher enthält das Buch auch etwas kompliziertere Abschnitte über die Struktur und Funktion des Gehirns und des Nervensystems sowie über die primitiven Reflexe. Vor allem aber enthält es viele Fall­geschichten, die veranschaulichen, wie die Methode funktioniert.

Rhythmisches Bewegungstraining kann nicht durch einen einmal unveränderlich abgesteckten starren Rahmen begrenzt werden. Die Unterstützung von Kindern in ihrer körperlichen, emotionalen und geistigen Entwicklung sowie in ihrem Reifungs- oder Heilungsprozess ist zu einer sehr viel größeren Herausforderung geworden, als das zu Beginn meiner Arbeit mit dieser Methode der Fall war. Nach meiner eigenen Erfahrung und nach den Erfahrungen von Lehrern und Therapeuten, die meine Kurse besuchen, haben die heutigen Kinder wesentlich mehr Probleme als Kinder vor 10 oder 20 Jahren. Es gibt einen dramatischen Anstieg von Aufmerksamkeitsstörungen, Autismus, emotionalen Problemen und Lernschwierigkeiten.

Es kommt immer häufiger vor, dass Kinder mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom), mit Lernschwierigkeiten und motorischen Problemen nicht mehr so schnelle Fortschritte mit RMT machen, wie ich sie zu Beginn meiner Arbeit mit dieser Methode gewöhnt war. In diesem Buch habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, den Ursachen der sich so rasch verschlechternden Gesundheit von Kindern nachzugehen und auch der Frage, wie wir dieser Entwicklung in der Arbeit mit RMT Rechnung tragen können. Daher informiere ich auch darüber, wie Kinder durch negative Faktoren aus ihrem Lebensumfeld belastet werden, zum Beispiel durch Mikrowellen, Schwermetalle, Nahrungsmittelzusätze usw.; ich zeige auch den enormen Stress auf, dem das kindliche Immunsystem heutzutage ausgesetzt ist und der bei vielen zu Nahrungsmittelunverträglichkeiten führt. Stressbelastung durch Mobiltelefone und kabellose Netzwerke (W-LAN) oder durch Nahrungsmittelunverträglichkeiten ist heute eine maßgebliche Ursache des sich rapide verschlechternden Gesundheitszustands bei Kindern; dieser Belastung muss man Rechnung tragen, wenn man RMT wirksam anwenden will.

Danken möchte ich an dieser Stelle der Soziologin Dr. Sophia Lövgren, die mit ihrem großen Expertenwissen großzügig zu diesem Buch beigetragen hat. Ich danke auch Dr. Mårten Kalling für seine Unterstützung in Form vieler wertvoller Erkenntnisse und wissenschaftlicher Artikel, mit deren Hilfe ich die Wirkungsweise des rhythmischen Bewegungstrainings erklären konnte.

Für ihre Hilfe im Zusammenhang mit den Illustrationen in diesem Buch bin ich Sandra Almenberg, Ricardo Mauler Gruber, Eva María Rodríguez Diez und Francisco Javier Carrasco Rodríguez zu Dank verpflichtet.

Dr. Harald Blomberg

EINLEITUNG
Wie das rhythmische Bewegungstraining (RMT) entstand

Im Jahre 1985 lernte ich hier in Schweden Kerstin Linde kennen, die eine Methode entwickelt hatte, die sie als „rhythmische Bewegungspädagogik“ bezeichnete. Damals arbeitete ich als Psychiater in einer psychiatrischen Ambulanzklinik und nahm an Kursen in Neurolinguistischem Programmieren (NPL) teil. Außerdem absolvierte ich eine zweijährige Ausbildung in therapeutischer Hypnose.

Mich faszinierte, was Kerstin Linde über ihre Arbeit, die rhythmischen Übungen mit Kindern und Erwachsenen, berichtete. Sie erzählte von exzellenten Resultaten bei allen möglichen Klienten, von Kindern mit schweren motorischen Behinderungen bis hin zu Erwachsenen mit Psychosen und Depressionen. Ich bat sie um die Erlaubnis, ihr bei der Arbeit zusehen zu dürfen, um zu lernen und zu verstehen, was sie da tat. Liebenswürdigerweise war sie damit einverstanden und riet mir, die Arbeit mit behinderten Kindern zu wählen, da dies am aufschlussreichsten sei.

Die Fortschritte, die ich dann bei vielen Kindern mit schweren motorischen Behinderungen beobachten konnte, übertrafen bei Weitem alles, was ich mir je hätte vorstellen können oder was ich aufgrund meiner medizinischen Ausbildung für möglich halten konnte. Spastisch gelähmte Kinder, die sich kaum bewegen und nicht sprechen konnten und stark schielten oder weitsichtig waren, entspannten ihre Muskeln und schon nach wenigen Monaten waren einige von ihnen in der Lage zu krabbeln, sich an Möbeln hochzuziehen und sogar Drei- und Vier-Wort-Sätze zu sprechen. Ich beobachtete, wie das Schielen aufhörte und die Weitsichtigkeit durch das Training erheblich gebessert wurde.

Die Eltern dieser Kinder waren wegen der raschen Fortschritte ebenso überrascht wie ich, zumal Ärzte und Physiotherapeuten ihnen gesagt hatten, dass sie von der angebotenen medizinischen Behandlung keine wesentliche Verbesserung zu erwarten hätten. In vielen Fällen hatten die Eltern das Gefühl, dass es Ärzten und Physiotherapeuten mehr darum ging, ihnen die Behinderung ihrer Kinder zu erklären und sie dazu zu bringen, den gegebenen Zustand zu akzeptieren, als ihren Kindern wirklich zu helfen.

Rhythmische Bewegungsübungen mit psychiatrischen Patienten

Ermutigt durch die Verbesserungen, die ich nicht nur bei Kindern mit schweren Behinderungen, sondern auch bei Erwachsenen mit Problemen wie Rückenschmerzen, Osteoarthritis oder psychiatrischen Symptomen erlebt hatte, führte ich die rhythmischen Übungen bei meinen Patienten in der Ambulanzklinik ein, wo ich als Facharzt tätig war. Sie lernten ein paar einfache rhythmische Übungen, die sie einmal täglich nicht länger als 10 Minuten machen sollten. Diese Übungen wurden bald sehr beliebt, denn bei vielen Patienten besserten sich die Depressionen, Angstzustände oder psychotischen Symptome. Ich bemerkte, dass sich viele aufgrund der Übungen an ihre Träume erinnern konnten und dass das für manche so war, als tue sich eine neue Welt auf. Ich stellte auch psychische Weiterentwicklungen fest, die sich in vielen Fällen in den Träumen der Patienten widerspiegelten.

Die Krankenschwestern, die sich um schizophrene und psychotische Patienten kümmerten, bemerkten, dass es diesen in vielerlei Hinsicht besser ging. Sie zogen sich weniger zurück, wurden aktiver und zeigten Interesse daran, Kontakte zu knüpfen. Ihre psychotischen Symptome verringerten sich und verschwanden bei zwei Patienten, die schon mehrere Jahre an Schizophrenie gelitten hatten, sogar völlig.

Die Patienten nahmen diese „Behandlung“ sehr dankbar und glücklich an, doch als mein Vorgesetzter davon erfuhr, untersagte er ihre Fortführung mit dem „Argument“, dass sie „nicht anerkannt“ und „kaum bekannt“ sei. Ich weigerte mich, seiner Forderung nachzukommen, und so sah er sich veranlasst, mich der staatlichen Gesundheitsbehörde zu melden, um mir Einhalt zu gebieten. Im Jahre 1988 wurde eine Untersuchung eingeleitet und ich schrieb zehn Fallstudien, die die Wirkung der Behandlung dokumentierten. Viele meiner Patienten wandten sich schriftlich an die Behörde und drückten ihre Dankbarkeit für die Behandlung aus. Die Behörde stellte in ihrem Abschlussbericht fest, dass die Behandlung von vielen Patienten als sehr positiv empfunden worden sei und dass diese Bewegungstherapie in einer als festgefahren oder stagnierend empfundenen Situation ein lobenswerter Beitrag zur Besserung sei. Zudem wurden meine Vorgesetzten von der Behörde kritisiert, da es an der Koordination bei der Behandlung von stationären und ambulanten Patienten mangele. Danach blockierte mein Chef mich ganz und gar; das machte meine berufliche Situation unerträglich und ich entschloss mich, zu kündigen.

Initiative zu einer wissenschaftlichen Studie

Im Jahre 1989 eröffnete ich eine Privatpraxis und ein Jahr später bat mich ein Kollege, Dr. Mårten Kalling, mein Bewegungstraining mit einigen schwer kranken Schizophreniepatienten durchzuführen, von denen die meisten 10 Jahre oder länger in einer psychiatrischen Klinik waren. Ich begann dort zweimal in der Woche zu arbeiten. Im Jahre 1991 wurde mir angeboten, an einem Forschungsprojekt über diese Arbeit unter der Leitung eines Assistenzprofessors für Psychologie von der Universität Umeå teilzunehmen.

Ich musste einen Antrag stellen, um Forschungsgelder für das Projekt zu erhalten, musste eventuelle vorausgehende Forschungen auf diesem Gebiet zusammenfassen, die Wirkungsweise der rhythmischen Übungen beschreiben und erklären, warum sie bei Schizophrenie Erfolg haben würden. Ich fand aber keine Forschungsarbeit über irgendeine Methode, die den rhythmischen Übungen auch nur entfernt ähnlich war. Ich betrat also Neuland, als ich die Arbeitsweise der rhythmischen Übungen zu erklären versuchte.

Die Studie wurde bewilligt, lief über 2 Jahre und zeitigte positive Ergebnisse: Die mit dem rhythmischen Bewegungen behandelten Patienten hatten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe die größten positiven Veränderungen gezeigt. Sie waren ihrer Umgebung gegenüber aufgeschlossener geworden, konnten an sozialen Aktivitäten sowie an der Beschäftigungstherapie teilnehmen und in sich größerem Ausmaß an den täglichen Aufgaben auf der Station beteiligen.

Die Wirkungsweise der rhythmischen Bewegungen nach Kerstin Linde

Kerstin Linde beschrieb die rhythmischen Bewegungen als rhythmische Ganzkörperbewegungen. Ihrer Meinung nach beruht die Methode auf einer funktional-ganzheitlichen Betrachtungsweise: Beseitigt man Funktionsstörungen des Körpers insgesamt, werden die daraus resultierenden Symptome indirekt behoben. Durch das Training lernt das Gehirn, den Körper und die motorischen Funktionseinheiten zu steuern und automatisch die jeweils erforderliche Muskelspannung anzuwenden. Laut Kerstin Linde ist es das Ziel des Trainings, sicherzustellen, dass Zirkulation und Austausch von „Gasen“ (Sauerstoff, Kohlendioxid u. ä.) in allen Körperteilen gewährleistet sind.

Sie wurde zu dieser Methode durch die rhythmischen Bewegungen inspiriert, die Babys spontan machen, bevor sie sich aufrichten und zu laufen beginnen. Dadurch lernen sie, für alle Bewegungen die adäquate Muskelspannung anzuwenden und automatisch mit der Schwerkraft zurechtzukommen. Wenn wir als Babys unsere Muskelspannung nicht in dieser basalen Weise angepasst haben (– sozusagen eine Art „Feintuning“), kann die Muskelspannung, die wir (auch später noch) automatisch anwenden, unseren Gelenken und der Wirbelsäule schaden und/oder die Zirkulation und den Gasaustausch behindern. Das kann schließlich zu Schmerzen und zur Abnutzung der Gelenke führen, insbesondere an Knien, Hüften und der Wirbelsäule.

Eine ergänzende Erklärung für die Wirkung der rhythmischen Übungen

Kerstin Lindes Theorie über die rhythmischen Bewegungen konnte nicht hinreichend erklären, wie dadurch die Sprachentwicklung bei Kindern mit Zerebralparese stimuliert oder psychotische Symptome bei chronischer Schizophrenie gebessert werden können. Ich musste andere Erklärungen für ihre Wirksamkeit in solchen Fällen finden.

Dazu inspirierte mich die Theorie des dreigliedrigen Gehirns von Paul MacLean [engl.: The Triune Brain. – Anm. d. Übers.], nach der für Motorik, Emotionen und kognitive Funktionen verschiedene Lagen oder Schichten des Gehirns verantwortlich sind. Diese Hirnteile sind beim Neugeborenen schon vorhanden, aber noch nicht voll entwickelt und miteinander verbunden. Dies sollte normalerweise während des ersten Lebensjahres vonstattengehen.

Als ich Kerstin Linde bei der Arbeit mit motorisch schwerbehinderten Kindern beobachtet hatte, war mir aufgefallen, dass andere Funktionen (wie Sprache, Emotionen und Kognition) bei ihnen umso weniger entwickelt waren, je schwerer ihre motorische Behinderung war. Und je schneller sie Fortschritte in der Motorik machten, desto schneller entwickelten sich die anderen Funktionen auch. Aus dieser Beobachtung zog ich den Schluss, dass das Gehirn durch die Motorik stimuliert werden muss, um sich zu entwickeln und zu reifen, und dass eine derartige Stimulation die unterschiedlichen Ebenen des Gehirns miteinander verbindet. Diese Tatsache wird jedoch von Hirnforschern und Ärzten im Allgemeinen nicht anerkannt; sie scheinen zu glauben, dass das Gehirn lediglich Sauerstoff und Nährstoffe brauche und sich sozusagen wie ein Kohlkopf entwickle.

Ich konnte dann auch eine plausible Erklärung dafür formulieren, dass die rhythmischen Übungen sowohl sprachliche als auch psychotische Symptome besserten. Später erklärte ich diese Theorie ausführlich in meinem ersten Buch über das rhythmische Bewegungstraining, das 1998 auf Schwedisch erschien.

Rhythmische Bewegungen und primitive Reflexe

Schon bevor ich Kerstin Linde kennenlernte, hatte ich bei Peter Blythe, dem Begründer des Institute of Neuro-Physiological Psychology (INPP) in England, einen Kurs über primitive Reflexe und Lernbehinderung besucht.

Primitive Reflexe sind automatische, stereotype, vom Stammhirn gesteuerte Bewegungen. Diese Reflexe steuern die motorischen Aktivitäten des Fötus und des Neugeborenen und müssen gehemmt und integriert werden, damit sich die Motorik des Kindes richtig entwickeln kann. Das Kind integriert die primitiven Reflexe, indem es rhythmische Bewegungen macht, die die Muster der verschiedenen Reflexe wiederholen. Kerstin Linde pflegte zu sagen, dass sie die primitiven Reflexe beobachten könne, aber nicht speziell mit ihnen arbeiten müsse, da sie durch die von ihr angewandten Übungen integriert würden.

Ab 1994 arbeitete ich ganztags in meiner Privatpraxis. Besonders bei den von Kerstin Linde gelernten rhythmischen Übungen beobachtete ich in meiner Arbeit mit Kindern, dass sie alle für die Integration der primitiven Reflexe genutzt werden konnten. Ich fand auch heraus, dass manche anderen Übungen, die diesen frühkindlichen Bewegungen ähnelten, tatsächlich auch verschiedene primitive Reflexe integrieren konnten.

Zu Beginn des Jahres 2000 lernte ich eine andere Möglichkeit der Integration primitiver Reflexe kennen: als ich Kurse bei der russischen Psychologin Svetlana Masgutova besuchte. Ihre Methode bestand darin, das Reflexmuster mit einem leichten isometrischen Druck zu verstärken, was insbesondere bei älteren Kindern und Erwachsenen von Nutzen war.

Die „Geburt“ meines rhythmischen Bewegungstrainings (RMT)

Während der 1990er-Jahre gab ich gelegentlich Kurse in rhythmischer Bewegung, für Therapeuten, Lehrer und Pflegepersonal. Nach der Veröffentlichung meines ersten Buches (1998) wurden diese Kurse vermehrt nachgefragt und ab 2002 hielt ich diese Kurse in Schweden regelmäßig ab.

Anfänglich hatte ich drei Kurse ausgearbeitet, von denen jeder einer Schicht des dreigliedrigen Gehirns (nach Paul MacLean) entsprach. In meinem ersten Kurs, der sich hauptsächlich auf den Hirnstamm und das reptilienhafte Gehirn konzentrierte [in Fachkreisen als „Reptiliengehirn“ bezeichnet. – Anm. d. Übers.], lehrte ich, wie und warum die rhythmischen Übungen nicht nur zur Verbesserung der Motorik, sondern auch zum Verbessern von Aufmerksamkeit und Hyperaktivität sowie zur Integration der bei ADHS häufig fortbestehenden primitiven Reflexe eingesetzt werden können. Im zweiten Kurs konzentrierte ich mich auf das limbische Gehirn, das für die Emotionen zuständig ist [auch limbisches System oder Säugetiergehirn genannt]. Ich vermittelte, wie die rhythmischen Übungen Emotionen beeinflussen und das Selbstbewusstsein und das Selbstvertrauen erhöhen. Der dritte Kurs konzentrierte sich auf die Funktionen des Neokortex und auf Lese- und Schreibschwierigkeiten sowie darauf, wie visuelle und phonologische Probleme und das Leseverständnis mithilfe der rhythmischen Bewegungen und speziellen Reflexintegrationsübungen verbessert werden konnten.

Ich wollte mich nicht auf das beschränken, was ich von Kerstin Linde gelernt hatte, und entschloss mich, noch andere Themen in meine Kurse aufzunehmen, etwa das Testen und Integrieren der primitiven Reflexe. Die Übungen mit isometrischem Druck nahm ich ebenfalls zusätzlich mit ins Programm. Meine umfangreiche Erfahrung während mehr als 15 Jahren Anwendung der rhythmischen Übungen bei Kindern und Erwachsenen, die an einem breiten Spektrum von Beschwerden litten, war eine unschätzbare Bereicherung bei der Gestaltung dieser Kurse.

Mein Ziel war es, die Wirkungsweise der rhythmischen Bewegungen wissenschaftlich plausibel, doch einfach zu erklären, sodass sie auch von normalen Lesern ohne medizinische Ausbildung verstanden wird. Dr. Mårten Kalling stellte mir viele wissenschaftliche Artikel zur Verfügung, die mir bei meinen Bemühungen sehr hilfreich waren.

In Schweden dürfen nur Menschen mit medizinischer Ausbildung Kinder unter 8 Jahren behandeln. Kerstin Linde betrachtete die rhythmischen Bewegungen als eine Art Lehrmethode und bezeichnete sie als Pädagogik, nicht als Therapie. Ich beschloss schließlich, meine erweiterte Methode, die auf Kerstin Lindes rhythmischen Übungen beruhte, als Rhythmic Movement Training (RMT) zu bezeichnen.

Die weitere Entwicklung des rhythmischen Bewegungstrainings

Ich entschloss mich, meine Kurse Auftraggebern (sozusagen „Sponsoren“) anzubieten, die bereit waren, mich als Dozenten oder Kursleiter zu engagieren, denn ich betrachtete mich in erster Linie als Initiator und Entwickler dieses Bewegungstrainings und nicht als Organisator. In Schweden wurden meine Kurse von einem Zentrum für sensorische Integration und positives Lernen gefördert. Ich wurde auch eingeladen, Kurse im Rahmen der Ausbildung von Vorschulpädagogen zu halten, die mit Kindern zwischen 18 Monaten und 3 Jahren arbeiteten. Das mache ich seit 2004 regelmäßig.

Im Jahre 2003 begann ich, mit Moira Dempsey zusammenzuarbeiten. Ich übersetzte meine schwedischen Kursunterlagen ins Englische und sie bearbeitete sie redaktionell, illustrierte sie und unterstützte meine Kurse in Südostasien, Australien und den USA finanziell. 2005 wurde ich eingeladen, Kurse in Spanien zu halten, wo das rhythmische Bewegungstraining weithin Verbreitung fand und beliebt wurde. Ich halte dort regelmäßig mindestens sechs Kurse im Jahr.

Neben meiner Kurstätigkeit setzte ich die Arbeit in meiner Privatpraxis fort und konzentrierte mich besonders auf Kinder mit motorischen Problemen und Lernschwierigkeiten sowie Störungen aus dem autistischen Formenkreis. Ich entwickelte meine ursprünglichen Kurse weiter, entsprechend den Erkenntnissen, die ich aus meiner Arbeit mit Kindern und durch Erfahrungen beim Unterweisen von Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund gewann.

Neue Kurse in rhythmischem Bewegungstraining

Die rhythmischen Übungen können auf vielen verschiedenen Gebieten erfolgreich angewendet werden, wie bereits Kerstin Linde gezeigt hat. Für die Ausbildung der oben erwähnten Vorschulerzieher(innen) gestaltete ich einen speziellen Kurs, in dem die rhythmischen Bewegungen zusammen mit Liedern, Kinderreimen und Spielen zur Integration der Reflexe gelehrt werden.

Die rhythmischen Übungen eignen sich hervorragend auch für die Psychotherapie, insbesondere, weil sie das Träumen fördern und den Menschen helfen, mit unbewussten Themen in Kontakt zu kommen. Aufgrund meiner umfangreichen Erfahrung in diesem Bereich entwickelte ich einen Kurs über rhythmisches Bewegungstraining und Träume, den ich regelmäßig in Schweden und Spanien halte.

Sowohl in meinen Kursen als auch in meiner Privatpraxis sehe ich oft Menschen, die aufgrund nicht integrierter primitiver Reflexe Schmerzen im Nacken, im Rücken oder in den Hüften haben. Vor mehreren Jahren gestaltete ich einen Kurs für Physiotherapeuten und Masseure, in dem das Hauptaugenmerk auf Übungen zum Lösen von Muskelspannungen liegt, die Schmerzen und Osteoarthritis im Nacken sowie in der Brust- und Lendenwirbelsäule verursachen. In diesem Kurs werden auch einfache Übungen zur Korrektur eines verdrehten Beckens vermittelt.

RMT und Störungen aus dem autistischen Formenkreis

Während der letzten 10 Jahre wurden Störungen aus dem autistischen Formenkreis immer häufiger und viele Eltern brachten ihre autistischen Kinder zu mir zum rhythmischen Bewegungstraining. Damit konnte ich vielen dieser Kinder zu einer Besserung verhelfen, zum Beispiel bei der Entwicklung des Sprechens und der Emotionen, doch andere Kindern machten nur langsam Fortschritte; und als sich andeutete, dass die Übungen bei manchen seltsamerweise Hyperaktivität und starke emotionale Reaktionen auslösten, hörte ich in diesen Fällen natürlich damit auf. Die Kinder, die am meisten profitierten, ernährten sich übrigens gluten- und caseinfrei.

Ich entschloss mich daraufhin, tiefer einzusteigen und einen fundierten Kurs über rhythmische Übungen bei Autismus zu entwickeln. Als ich mich näher mit diesem Thema beschäftigte, kam ich zu der Überzeugung, dass Autismus in hohem Maße durch äußere Faktoren wie Schwermetallbelastung, Impfungen und elektromagnetische Strahlung verursacht wird: Sie schädigen das Immunsystem und den Darm und dadurch kommt es zu Entzündungen im Gehirn, die viele Symptome von Autismus erklären können. Ich kam zu dem Schluss, dass die rhythmischen Bewegungen hier mit anderen Maßnahmen ergänzt werden müssen, zum Beispiel mit entsprechender Ernährung und mit Nahrungsergänzungen, damit die gewünschten Wirkungen erzielt werden können.

Je mehr ich mich mit den umgebungsbedingten Ursachen der Störung befasste, desto mehr wurde mir klar, dass ich ein Buch darüber schreiben musste. Dieses Buch [Autism – a disease that can heal, zu Deutsch etwa: Autismus – eine heilbare Krankheit] ist im Jahre 2010 in Schweden erschienen; bisher wurde es noch nicht in andere Sprachen übersetzt.

„Bewegungen, die heilen“

Die erste Ausgabe des hier vorliegenden Buches [engl. Titel: Movements that heal] habe ich bereits 2008 auf Schwedisch veröffentlicht. Es war eine Zusammenfassung dessen, was ich in meinen Kursen unterrichte, ergänzt durch viele Fallberichte, die die Entwicklung der Betroffenen während des rhythmischen Bewegungstrainings veranschaulichten. Das nun vorliegende Buch ist eine aktualisierte Fassung, in der die zivilisatorisch bedingten Ursachen nicht nur bei Autismus, sondern auch bei Aufmerksamkeits- und Lernproblemen stärker betont werden. Ich habe das Kapitel über Autismus ganz neu geschrieben und ergänzende Abschnitte über wichtige Reflexe hinzugefügt.

KAPITEL 1
Die traditionelle Behandlung von ADHS

Kinder, die überaktiv, unaufmerksam und leicht ablenkbar sind, nicht lange bei einer Sache bleiben können oder Probleme damit haben, ihre Aktivitäten zu organisieren und ihre Impulse zu kontrollieren, gelten als „ADHS-Kinder“: Sie leiden unter dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom.

In den USA werden die Verhaltensmerkmale von Hyperaktivität bereits seit Langem mit zentral wirksamen Stimulanzien behandelt. Das sind Betäubungsmittel mit hohem Suchtpotenzial (die also leicht süchtig machen können), etwa Ritalin und Amphetamine, die seit mehr als 50 Jahren zur Behandlung von Kindern mit Verhaltensstörungen eingesetzt werden. In den 1990er-Jahren verzehnfachte sich die Produktion von Ritalin und nach gegenwärtigen Schätzungen werden 7 bis 10 Prozent der amerikanischen Kinder, vorwiegend Jungen, damit oder mit anderen zentral wirksamen Stimulanzien „behandelt“. Auch lassen sich im Laufe der letzten Jahre immer mehr Erwachsene mit zentral wirksamen Stimulanzien behandeln. Zwischen 2000 und 2004 – so besagt eine Statistik – ist der Umsatz mit diesen Substanzen von 759 Millionen auf 3,1 Milliarden Dollar gestiegen.1

Zentral wirksame Stimulanzien – das konventionelle Mittel der Wahl

Hinter dieser Entwicklung stecken hauptsächlich die großen Pharmakonzerne, die diese Medikamente verkaufen, und das American National Institute for Mental Health [NIMH; zu Deutsch etwa: Staatliches amerikanisches Institut für geistige Gesundheit]. Das NIMH wird von Psychiatern geleitet, die entschiedene Befürworter der Behandlung von hyperaktiven Kindern mit zentral wirksamen Stimulanzien sind.

Zu den Aufgaben des NIMH gehört unter anderem die Verteilung von Forschungsgeldern. Laut einem Artikel in US News & World Report hat das NIMH seine Studien fast ausschließlich auf die Gehirnforschung und die genetische Untermauerung psychischer Krankheiten konzentriert. Die Neuordnung der Forschungsschwerpunkte sei sowohl eine wissenschaftliche als auch eine politische Entscheidung gewesen.2

Der amerikanische Psychiater Peter Breggin, ein erklärter Kritiker der zunehmenden Praxis des Verschreibens von Stimulanzien für Kinder, sagt, das NIMH habe viele Millionen Dollar für Forschung an zentral wirksamen Stimulanzien bewilligt. Fast das gesamte Geld sei an unermüdliche Befürworter von Ritalin gegangen, die Kritiker hätten keines bekommen.

Die Theorie von ADHS als biologischer Störung – von amerikanischen Psychiatern widerlegt

Im Jahre 1998 organisierte das NIMH eine „Konsens-Konferenz“ mit dem offensichtlichen Ziel, dass ADHS als genetisch determinierte biologische Störung anerkannt werden sollte. Bei dieser Konferenz wurde ein Beitrag zur Prüfung der gesamten Bandbreite der Berichte über Gehirnscans vorgelegt, die angeblich für eine biologische Basis von ADHS sprachen. In diesen Gehirnscan-Studien wurde behauptet, dass in bestimmten Gehirnarealen von Kindern mit ADHS-Diagnose Anomalien gefunden worden seien. In vielen dieser Studien waren solche Kinder jedoch mit Stimulanzien behandelt worden. Und keine dieser Studien konnte den Nachweis dafür erbringen, dass sie ausschließlich mit ADHS-Kindern gemacht worden war, die keine zentral wirksamen Stimulanzien erhalten hatten.3

Demzufolge waren die Unterschiede zwischen den Gehirnen normaler Kinder und denen der Kinder mit ADHS-Diagnose mit größter Wahrscheinlichkeit auf die Wirkung der Medikation zurückzuführen, die dafür bekannt war, dass sie zumindest bei Affen Schädigungen in den fraglichen Gehirnarealen hervorrief.

In Laufe der Konferenz wurden auch mehrere Beiträge vorgelegt, die ernsthafte Risiken und Nebenwirkungen von zentral wirksamen Stimulanzien hervorhoben. Nachdem eine Reihe von Vorträgen angehört und zahlreiche Beiträge von Wissenschaftlern studiert worden waren, die über ADHS geforscht hatten, zog das Gremium die Gültigkeit der ADHS-Diagnose mit gutem Grund in Zweifel. Sehr enttäuschend für die Medikationsbefürworter vom NIMH war die Schlussfolgerung in der abschließenden einvernehmlichen Erklärung, die an die Presse verteilt und in der festgestellt wurde, es gebe keine Hinweise darauf, dass eine Gehirnstörung Ursache für ADHS sei.

Im Jahre 2000 gab es eine ähnliche Erklärung der American Academy of Paediatrics [zu Deutsch etwa: Amerikanische Akademie für Kinderheilkunde], die besagte, dass Gehirnscans und ähnliche Studien keine zuverlässigen Aussagen über Unterschiede zwischen Kindern mit ADHS und Kontrollgruppen machten.4

Die MTA-Studie von 1999

Obwohl seit über 50 Jahren einer ständig zunehmenden Zahl von amerikanischen Kindern zentral wirksame Stimulanzien verschrieben werden und ungeachtet der Tatsache, dass viele Kinder diese Medikamente fünf Jahre oder länger nehmen, waren bis vor Kurzem keine Fördergelder des NIMH mit dem Ziel bewilligt worden, die Gefahren der Langzeit-Einnahme von Ritalin und anderen Stimulanzien aufzudecken. Im Jahre 1999 wurde die sogenannte MTA-Studie veröffentlicht (Multimodal Treatment Approach = multimodaler Behandlungsansatz), die Kindern galt, die ein Jahr lang mit Stimulanzien behandelt worden waren. Davor wurden die behandelten Kinder bei den meisten Studien höchstens ein paar Monate beobachtet. Einer der an dieser ersten MTA-Studie maßgeblich beteiligten Forscher, Professor Peter Jenson, äußerte sich folgendermaßen:

„Wir haben die beste Studie gemacht, die es auf unserem Planeten je gegeben und die Eltern und Lehrern dieser Kinder geholfen hat – und was kam dabei heraus? Es kam heraus, dass die medikamentöse Therapie bei diesen Kindern immer noch die wirksamste war.“5

Laut Eric Tailer, einem renommierten britischen Kinderpsychiater, war die wichtigste Schlussfolgerung der Studie, dass eine sorgfältig durchgeführte Medikation besser sei als jede andere Behandlung; aufgrund dessen sei zu fordern, dass die medikamentöse Therapie allen Kindern mit ADHS zugänglich gemacht werde.

Diese erste MTA-Studie war ein Triumph für die Pharmaindustrie und für die Befürworter von Ritalin bei ADHS. Gleichzeitig erwies sie sich als Blamage für die weltweite Gemeinschaft der Kinderpsychiater und als Katastrophe für die steigende Zahl von Kindern, die infolge dieser Studie als „ADHS-Kinder“ abgestempelt und mit Stimulanzien behandelt wurden.

Das Studienergebnis wurde weltweit publiziert und führte dazu, dass immer mehr Kinder auf der ganzen Welt das Etikett „ADHS“ erhielten und mit zentral wirksamen Stimulanzien behandelt wurden. In mehr als zehn Ländern, die ich besuchte, um Kurse in rhythmischem Bewegungstraining zu geben, habe ich Berichte über eine ständig steigende Zahl von Kindern gehört, die seit dem Jahr 2000 mit zentral wirksamen Stimulanzien behandelt werden.

Die MTA-Nachfolgestudie von 2007

Im Jahre 2007 wurde vom selben Forschungsteam eine Nachfolgestudie veröffentlicht. Sie hatte die Kinder, die medikamentös behandelt wurden, über drei Jahre beobachtet.

Das Ergebnis dieser Studie war für das Forschungsteam eine große Enttäuschung. Einer der wichtigsten Beteiligten, Professor William Pelham, trat bei BBC Panorama, einer investigativen TV-Sendung, auf und erklärte, im Gegensatz zu den Erwartungen des Forschungsteams hätten sich auch nach 36 Monaten Behandlung keinerlei positive Wirkungen eingestellt. Laut Professor Pelham gab es keine Hinweise, dass Medikamente auf lange Sicht besser seien als keine Behandlung, und er betonte, diese Information solle man den Eltern eindeutig klar machen.6

Laut Professor Pelham zeigte der Bericht, dass die anfänglich guten Behandlungsergebnisse bei den Kindern mit den schwerwiegendsten Problemen vollständig verschwanden, als sie älter wurden. Der Bericht stellte außerdem fest, dass zentral wirksame Stimulanzien das normale Wachstum von Kindern hemmten und dass davon auch das noch wachsende Gehirn beeinflusst werde.

Zudem veranschaulichte die Studie, dass zentral wirksame Stimulanzien mit aggressiverem und unsozialerem Verhalten korrespondieren sowie mit einem erhöhten Risiko, später kriminell und drogenabhängig zu werden. Kinder im Alter zwischen 11 und 13 Jahren, die an der Studie teilnahmen, griffen im Gegensatz zu einer Kontrollgruppe von Klassenkameraden öfter zu Alkohol und illegalen Substanzen. Der häufigere frühe Beginn des Missbrauchs, so die Schlussfolgerung des Berichts, mache klinische Behandlung erforderlich.7 Mit typisch englischem Understatement äußerte Professor Pelham in der oben erwähnten BBC-Sendung:

„Ich glaube, wir haben die positiven Wirkungen der Medikation in der ersten Studie überschätzt.“

Wenngleich das Ergebnis dieser neuen Studie in den USA, in Großbritannien und in Australien veröffentlicht wurde, schwiegen sich die schwedischen Medien darüber aus. Meines Wissens haben diese Erkenntnisse nirgendwo auf der Welt Diskussionen unter den Psychiatern oder in den Medien ausgelöst. Medizinische Fachleute geben Fehler selten oder niemals zu und im Fall der zentral wirksamen Stimulanzien scheinen die Psychiater ein „Vogel-Strauß-Verhalten“ vorzuziehen. Vielleicht warten sie auf eine neue Studie, die das Ergebnis der vorherigen widerlegt? Die Pharmaindustrie wird zweifellos alles daransetzen, dass es dazu kommt.

Zentral wirksame Substanzen verringern das Wachstum

Hätten die verantwortlichen Forscher der MTA-Studien ihre Hausaufgaben gemacht und die zahlreichen vorausgegangenen Studien analysiert, dann wären sie vom Ergebnis nicht so überrascht gewesen. Dutzende von Studien haben tatsächlich gezeigt, dass zentral wirksame Stimulanzien das Gesamtwachstum verringern. Eine offensichtliche Ursache ist, dass sie den Appetit zügeln, doch noch heimtückischer ist, dass sie die Produktion des Wachstumshormons stören. Das wurde bereits 1976 von einer norwegischen Forschergruppe gezeigt.8

In einer Studie von 1986 mit 24 jungen Erwachsenen, die als Kinder wegen Hyperaktivität mit zentral wirksamen Stimulanzien behandelt worden waren, wurde in mehr als 50 Prozent der Fälle ein Schwund an Gehirnmasse festgestellt.9

Zentral wirksame Substanzen verbessern den schulischen Erfolg nicht

Entgegen allen Behauptungen der Befürworter von Ritalin bei ADHS kommt es bei den mit zentral wirksamen Stimulanzien behandelten Kindern nicht zu verbesserten schulischen Leistungen. Bereits im Jahre 1976 konnte eine Doppelblindstudie bei mit zentral wirksamen Stimulanzien behandelten Kindern keine verbesserten Schulleistungen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe zeigen, wenngleich das Verhalten der behandelten Kinder als besser eingestuft wurde. Ganz im Gegenteil, die Forscher fanden heraus, dass zentral wirksame Stimulanzien wünschenswerte Verhaltensweisen, die das Lernen erleichtern, unterdrücken. Im Jahre 1992 warnten James Swanson (ein prominenter Befürworter von Ritalin bei ADHS) und seine Kollegen, dass es bei den üblicherweise verordneten klinischen Dosen zur toxischen Wirkung auf die geistigen Fähigkeiten, zur kognitiven Toxizität, kommen könne. Die Kinder würden verschlossen und überfokussiert und viele erschienen „zombiartig“. Laut Swanson ist kognitive Toxizität weit verbreitet und kann bei 40 Prozent der behandelten Fälle auftreten; und die Überfokussierung der Aufmerksamkeit kann das Lernen eher beeinträchtigen als verbessern.10

Erhöhtes Risiko von Drogenmissbrauch

Frühere Forschungen ergaben auch ein erhöhtes Risiko von Drogenmissbrauch. Die amerikanische Drogenbehörde (Drug Enforcement Administration, DEA) hat wiederholt große Bedenken geäußert, dass die Behandlung mit Ritalin zum Missbrauch anderer Drogen führen werde. Im Jahre 1995 berichtete die DEA, neuere Studien, Fälle von Drogenmissbrauch und Trends unter den Jugendlichen (aus verschiedenen Quellen) wiesen darauf hin, dass Methylphenidat (Ritalin) ein Risikofaktor für Substanzenmissbrauch sein könne.11

Bei der 1998 vom NIMH organisierten „Konsens-Konferenz“ legte die Professorin Nadine Lambert von der Universität von Kalifornien in Berkeley eine ungewöhnliche Langzeitstudie über den (späteren) Drogenmissbrauch in zwei ADHS-Gruppen vor. Die Studie verglich eine Gruppe, der im Kindesalter Stimulanzien verschrieben worden waren, mit einer Gruppe, die keine Medikamente erhalten hatte.

Die Wissenschaftlerin stellte eine deutliche Korrelation zwischen der Behandlung mit Stimulanzien und späterem Drogenmissbrauch fest. Sie erklärte, dass die Verordnung von Stimulanzien bei Kindern über einen Zeitraum von einem Jahr oder länger mit einem erhöhten lebenslangen Konsum von Kokain und Aufputschmitteln korreliere. In ihrer Abhandlung schlussfolgerte sie, dass die Einnahme von Stimulanzien in der Kindheit maßgeblich und durchgängig daran beteiligt sei, dass mit dem regelmäßigen Rauchen begonnen werde, dass im Erwachsenenalter täglich geraucht werde und dass es zu Kokainabhängigkeit und lebenslangem Konsum von Kokain und Aufputschmitteln komme.12

Aus ersichtlichen Gründen wäre es schwierig, Nebenwirkungen zentral wirksamer Stimulanzien wie Wachstumshemmung oder das Risiko späteren Drogenmissbrauchs zu demonstrieren, indem man die Kinder nur ein Jahr oder sogar kürzer begleitete. Solche Wirkungen zeigen sich erst Jahre später. Viele Kinder nehmen 5 bis 10 Jahre oder noch länger zentral wirksame Stimulanzien. Was mit diesen Kindern in Zukunft geschehen wird, darüber kann vorläufig nur spekuliert werden. Bisher fand keine Langzeitbeobachtung über mehr als drei Jahre statt und es darf bezweifelt werden, dass sich das jemals ändern wird, da die Ergebnisse solcher Studien für die Pharmaindustrie wahrscheinlich noch verheerender sind als die bisher jüngste veröffentlichte MTA-Studie.

Anfänglich gute Wirkungen – nach 3 Jahren verschwunden

Hätten die für die MTA-Studien verantwortlichen Forscher die früheren Studien an Affen über zentral wirksame Stimulanzien untersucht, so hätten sie vorhersagen können, dass die scheinbar „guten“ Wirkungen nach 3 Jahren verloren gehen.

Gemäß einer von den Befürwortern von Ritalin unterstützten Hypothese wird ADHS verursacht durch eine mangelhafte Funktion des Neurotransmitters Dopamin in zwei Hirnarealen, dem präfrontalen Kortex und den Basalganglien. Der präfrontale Kortex ist für die sogenannten exekutiven Funktionen verantwortlich: Aufmerksamkeit, Urteilsvermögen, Planung, Impulskontrolle; und die Basalganglien steuern unter anderem unsere Fähigkeit, still zu sitzen. [Exekutive Funktionen = Gehirnfunktionen, mit denen Menschen ihr Verhalten steuern. – Anm. d. Verlags]

Der Wirkungsmechanismus zentral wirksamer Stimulanzien besteht darin, die Freisetzung von Dopamin zu erhöhen und seine Aufnahme an den Synapsen des präfrontalen Kortex und in den Basalganglien zu verhindern. Infolgedessen vermehrt sich die in den Synapsen dieser Areale verfügbare Dopaminmenge; dadurch kommt es zu einer unmittelbaren klinischen Wirkung: Ein überaktives Kind, das die meiste Zeit herumgesprungen und -gelaufen ist und eine Belastung für die Menschen in seiner Umgebung war, ist oft schon nach der ersten Dosis in der Lage, ruhig zu sitzen und sich auf jede „langweilige“ Aufgabe zu konzentrieren. Dies hinterlässt bei vielen Lehrern und Eltern natürlich einen „nachhaltigen“ Eindruck.

Diese Wirkung ist jedoch nicht nur von kurzer Dauer, sie fordert auch einen hohen Preis. Die Erhöhung von Dopamin verursacht ein kompensatorisches Absterben von Dopaminrezeptoren im Gehirn, das die akute Drogenwirkung und den nachfolgenden Tod von Gehirnzellen bei Weitem überdauert.13 In einer Studie an Affen im Jahre 1997 konnte gezeigt werden, dass die Verabreichung von zwei relativ kleinen Dosen Amphetamin (2mg/kg Körpergewicht, im Abstand von 4 Stunden) eine dauerhafte, deutliche Abnahme der Dopamin-Synthese und -Konzentration bis zu 3 Monaten zur Folge hatte. Ein Tier zeigte selbst 8 Monate später noch eine fortgesetzte Fehlfunktion.14

Bei Kindern, die mit Amphetamin und anderen Stimulanzien behandelt werden, kann die Medikamentenmenge in mg/kg so hoch sein wie diejenige, die in mehreren Studien bei Tieren zu Gehirnschäden geführt hat.

Laut MTA-Studie verlieren zentral wirksame Stimulanzien ihre positive Wirkung, wenn Kindern länger als 1 Jahr und bis zu 3 Jahren damit behandelt werden. Dies ist logisch, wenn man die Langzeitwirkung zentral wirksamer Stimulanzien auf das Gehirn betrachtet, die die Verminderung der Dopamin produzierenden Nervenzellen zur Folge hat. Also muss die Dosis der zentral wirksamen Stimulanzien erhöht werden, damit dieselbe Wirkung erzielt wird, und auf lange Sicht haben diese aufgrund des massiven Verlustes von Dopamin produzierenden Gehirnzellen überhaupt keine positive Wirkung mehr.

Eine australische Langzeitstudie bestätigte die MTA-Studie

Anfang 2010 veröffentlichte das westaustralische Gesundheitsministerium eine Langzeit-Outcome-Studie15 über den Einsatz stimulierender Medikamente bei der Behandlung von ADHS. [Eine „Outcome-Studie“ untersucht, ob bzw. in welchem Maße eine bestimmte Behandlung die angestrebten oder überhaupt angemessene Ergebnisse liefert. – Anm. d. Übers.]

Die zugrunde liegenden Daten betreffen 131 Patienten, die 20 Jahre lang von der Gesundheitsbehörde überwacht wurden. Diese Patienten wurden verglichen mit einer ähnlichen Gruppe mit der Diagnose ADHS, die nicht mit zentral wirksamen Stimulanzien behandelt worden waren. Die Studie ergab, dass die Medikation mit Stimulanzien den Blutdruck erhöhte, keinerlei Ergebnisse hinsichtlich der Lernleistung sowie keine Besserung des Verhaltens zeigte. Diejenigen, die damit behandelt werden, zeigen mit zehnfacher Wahrscheinlichkeit eine unterdurchschnittliche schulische Leistung. Die körperlichen Auswirkungen der Medikation verfolgen das Kind bis ins Erwachsenenleben.

In einem Interview des australischen Rundfunks zeigte sich der Koautor, Professor Lou Landau, bezüglich dieser Ergebnisse betroffen, da sie vielen der veröffentlichten (von der Industrie finanzierten) Kurzzeitstudien widersprachen.

Die Autoren schlussfolgerten: Da eindeutige Langzeitverbesserungen der sozialen, emotionalen und schulischen Leistungen in Verbindung mit dem Einsatz stimulierender Medikation ausgeblieben seien, sei eine speziell auf diesen Zweck zugeschnittene Langzeit-Forschungsstudie angezeigt, damit die „mutmaßlichen“ langfristigen sozialen, emotionalen und erzieherischen Vorteile der Stimulanzienmedikation zur Behandlung von ADHS „besser verstanden“ würden.

Die Entwicklung in Schweden

Zwischen 2000 und 2011 nahm die Zahl der Kinder, denen zentral wirksame Stimulanzien verschrieben wurden, um mehr als das Zehnfache zu: von 2000 Kindern auf 25 000 im Jahre 2011. Dies ist insofern eine bemerkenswerte Entwicklung, als Ritalin im Jahre 1968 wegen seiner großen Beliebtheit und des infolgedessen weitverbreiteten Missbrauchs vom Markt genommen wurde. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurden Kindern nur selten zentral wirksame Stimulanzien verschrieben. Sie durften nur mit einer Sondererlaubnis der nationalen Gesundheitsbehörde verschrieben werden. Ende der 1990er begann die Anzahl der Kinder, denen zentral wirksame Stimulanzien verschrieben wurden, erheblich zu steigen. Führende Kinderpsychiater schätzten die behandlungsbedürftigen Kinder mit ADHS auf etwa 10 000. Doch im Jahre 2010 wurden bereits 20 000 Kinder behandelt.

Im Jahre 2004 veröffentlichte die staatliche schwedische Gesundheitsbehörde eine Broschüre mit dem Titel „Kurzer Abriss über ADHS bei Kindern und Erwachsenen“.16 Die Behörde unterstrich die Vererbung als Ursache von ADHS und schrieb:

„Vererbung vollzieht sich über die Gene. Gene steuern die Transmittersubstanzen, die Informationen zwischen den Neuronen des Gehirns übertragen. Ein Mangel oder die ungenügende Wirkung dieser Substanzen in bestimmten Hirnarealen verursacht Veränderungen der psychischen / kognitiven Funktion, wodurch es zu Problemen mit der Verhaltenssteuerung des Kindes kommen kann. Das wiederum führt zu typischen ADHS-Symptomen wie Unruhe, Problemen mit der Aufmerksamkeit und Impulsivität.“

Diese Aufsehen erregende Aussage über die Ursache von ADHS entbehrte jeglicher wissenschaftlichen Grundlage und widersprach der bei der amerikanischen „Konsens-Konferenz“ (1998) vorgestellten Forschung und ihrem gemeinsamen Abschlusspapier.

Die Behörde empfahl den Einsatz zentral wirksamer Stimulanzien als Behandlung bei ADHS und betonte, wie gut diese Medikamente insbesondere in großen Studien mit Kindern dokumentiert seien, wie wirksam sie seien und wie geringfügig ihre Nebenwirkungen seien. Es gebe, so die Behörde, keine anderen psychoaktiven Medikamente, die so sorgfältig untersucht worden seien wie die zentral wirksamen Stimulanzien, und sie traf folgende Feststellung:

„Aufgrund des rasch anwachsenden Wissens über ADHS in Schweden und der Tatsache, dass wir nun an internationalen Erfahrungen mit der Medikation teilhaben, hat die Anzahl der mit zentral wirksamen Stimulanzien behandelten Kinder genauso wie in anderen Ländern schnell zugenommen.“

Die staatliche Gesundheitsbehörde rühmte die zentral wirksamen Stimulanzien für die Steigerung der Konzentration und die Senkung der Hyperaktivität; zudem schienen die Medikamente geistige Fähigkeiten wie das Lösen von Problemen zu verbessern. Bezüglich der Gefahr der Abhängigkeit und des künftigen Missbrauchs erklärte die Behörde, dass es kein solches Risiko gebe, und behauptete, die Behandlung mit zentral wirksamen Stimulanzien scheine das Risiko eines künftigen Missbrauchs vielmehr zu verringern.

Die Folgestudien mit ADHS-Kindern, so schrieb die Behörde allerdings auch, böten oft ein düsteres Bild mit geringem schulischem und beruflichem Erfolg und häufigen psychischen Problemen im Erwachsenenalter. ADHS müsse als öffentliches Problem behandelt werden, da es viele Menschen betreffe und sich gravierend auf ihre Gesundheit, Entwicklung und die Möglichkeiten für ein vollwertiges Leben als Erwachsene auswirke.

Neueste MTA-Studie widerlegt die Ansichten der Behörde

Die jüngste MTA-Studie ergab, dass die Stimulanzien nach dreijähriger Einnahme keinerlei positiven Wirkungen haben. Sie sind schlichtweg nicht besser, als wenn überhaupt keine Behandlung erfolgt. Sie als wirksame Medikamente gegen ADHS zu bezeichnen muss ein Irrtum gewesen sein.

Im Gegensatz zur staatlichen schwedischen Gesundheitsbehörde ist die MTA-Studie weit davon entfernt, das Risiko künftigen Drogenmissbrauchs herunterzuspielen; sie hat gezeigt, dass die Einnahme der Stimulanzien zu einem aggressiveren und antisozialen Verhalten führt und ein erhöhtes Risiko für künftigen Drogenmissbrauch und Kriminalität in sich birgt.

Aufgrund dieser Erkenntnisse bestätigte die jüngste MTA-Studie auch, dass es nicht die Diagnose ADHS sei, sondern die Medikation mit zentral wirksamen Stimulanzien, die sich gravierend auf die Gesundheit der Kinder, ihre Entwicklung und die Möglichkeiten für ein vollwertiges Leben als Erwachsene auswirke.

Da die schwedische Behörde nun wissen sollte, dass die Stimulanzien nach dreijähriger Anwendung überhaupt nicht mehr wirksam sind, würde man die Veröffentlichung einer Korrektur ihrer früheren Aussage erwarten. Man würde auch erwarten, dass sie dem Rat eines der leitenden Forscher der MTA-Studie folgte und den Eltern ganz eindeutig klar machte, dass es keine Hinweise darauf gibt, dass auf lange Sicht Medikamente besser seien als gar keine Behandlung.

In dieser Richtung ist jedoch nichts geschehen. In den 4 Jahren, die die Behörde über die Wirkungen Bescheid weiß, hat sie sich noch nicht zu der Studie geäußert. Es scheint auch wenig wahrscheinlich, dass sie sich überhaupt dazu äußern wird. Worin könnten die Gründe dafür liegen?

Gründe für das Vertuschen der jüngsten MTA-Studie

Schwedische Psychiater und Kinderpsychiater haben Politiker äußerst erfolgreich davon überzeugen können, Mittel Verfügung zu stellen, damit sie bei Kindern und Erwachsenen ADHS diagnostizieren und sie mit zentral wirksamen Stimulanzien behandeln können. Zudem wurden Psychologen und Sozialarbeiter eingestellt und speziell dafür geschult, die Ärzte bei der Diagnosestellung von Personen zu unterstützen, die angeblich mit Stimulanzien behandelt werden müssen. Zu Beginn gab es in einigen Teilen Schwedens Widerstand dagegen, Kinder unter Stimulanzien zu setzen, doch dank der vereinten Kräfte der Medien und der staatlichen Gesundheitsbehörde schwamm die Pharmaindustrie bald auf einer Erfolgswelle, die einen Schneeballeffekt hervorrief: Je mehr Kinder diagnostiziert und behandelt wurden, desto mehr Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter wurden gebraucht, die wiederum dafür sorgten, dass noch mehr Kinder diagnostiziert wurden usw. Mittlerweile ist ein Heer von Fachleuten für die laufend zunehmende Diagnostizierung und Behandlung von ADHS zuständig.

Die staatliche Gesundheitsbehörde und ihre psychiatrischen Fachleute wollen ihre Glaubwürdigkeit natürlich nicht dadurch einbüßen, dass ihre Inkompetenz öffentlich gemacht wird. Ärzte und Beschäftigte im Gesundheitswesen wollen ebenfalls ihre Arbeitsplätze und ihren Lebensunterhalt schützen. Politiker wollen sich nicht als diejenigen bloßstellen lassen, die lediglich aufgrund von Informationen – ohne ordnungsgemäße Studien – das Geld der Steuerzahler für einen Schwindel aus dem Fenster werfen.

So werden die schwedischen Steuerzahler weiter zahlen müssen. Und schwedische Kinder werden ohne Einschränkungen und ohne positive Wirkungen auf lange Sicht weiterhin unter Medikamente gesetzt werden. Doch diese Medikamente werden zweifellos eine Menge Schaden anrichten, der im Einzelfall umso größer sein wird, je länger die Medikation fortgesetzt werden darf.

KAPITEL 2
Eine alternative Sichtweise und Behandlung von ADHS

Durch sorgfältige Beobachtung unserer Kleinsten ist es möglich, die Aufmerksamkeitsstörung und ihre Behebung von einer anderen Seite zu betrachten: Es ist normal, dass Kinder im Alter von etwa 1 Jahr ein ähnliches Verhalten wie ADHS-Kinder zeigen, wenn sie sich frei bewegen dürfen und nicht lange Zeit am Stück in Babystühlen oder Auto-Kindersitzen sitzen müssen!

Sie sind in Bewegung, klammern sich fest und klettern und haben Probleme damit, still zu sitzen. Sie sind impulsiv, leicht abzulenken und verlieren schnell das Interesse an dem, was sie tun. Sie können schlecht zuhören und haben Schwierigkeiten damit, Anweisungen zu befolgen und ihre Aktivitäten zu organisieren. Sie können ihre Emotionen und ihr Temperament schlecht steuern.

„Aufmerksamkeitsprobleme“ und Überaktivität bei normalen Babys

Anders als ältere Kinder mit einer ADHS-Diagnose können normale Kinder ihre Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität mit zunehmendem Alter ganz allein bewältigen und überwinden. Wie kommt es, dass Kinder, deren Verhalten sich normal entwickelt, sich von Kindern mit ADHS unterscheiden, und welches „geheime“, den Experten unbekannte Wissen ermöglicht es ihnen, ihre Aufmerksamkeitsprobleme zu überwinden?

Sollte es etwa stimmen, dass Kinder mit ADHS unter einem genetisch bedingten Mangel an Transmittern im Gehirn leiden, oder könnte es noch andere, einleuchtendere und weniger weit hergeholte Erklärungen geben?

Das plastische Gehirn

Der englische Geburtshelfer und Forscher Robert Winston hat viele populärwissenschaftliche Bücher geschrieben und Fernsehserien gemacht. In seinem Buch The Human Mind [zu Deutsch etwa: Der menschliche Verstand] beschreibt er die Regenerationsfähigkeit des Gehirns und bezeichnet es als plastisches Gehirn.

Bereits in den 1940er-Jahren haben Hirnforscher herausgefunden, dass die Kommunikation zwischen Neuronen in beide Richtungen verläuft: Wenn eine Hirnnervenzelle (ein Neuron) ein Signal von einem anderen Neuron erhält, gibt es das Signal an andere Neuronen weiter und meldet gleichzeitig ein Signal an die ursprünglich aussendende Zelle zurück.

Ist dieser erste Prozess vorüber, beginnt ein anderer. Die betroffenen Neuronen vervielfältigen ihrerseits die Verbindungen miteinander, indem sie neue Nervensynapsen bilden und ihr Angebot an Transmitterstoffen erhöhen, wobei das Feuern von Nervensignalen im neuen Muster erleichtert wird:

„Dieser Feedback- und Lernmechanismus des Gehirns bedeutet, dass jede Nervenverbindung des Gehirns darüber informiert wird, in welchem Ausmaß sie zum Endergebnis der Kommunikation beigetragen hat, … um das nächste Mal neue Nervenverbindungen zu schaffen und mehr Transmitterstoffe freizusetzen.“17

Das Gehirn eines Babys ist noch nicht entwickelt

Das Gehirn von Babys ist noch sehr unreif. Beim Neugeborenen funktioniert nur der Hirnstamm ordnungsgemäß, während die anderen Teile nur in geringem Maße genutzt werden. Bevor ein Mensch sein ganzes Gehirn nutzen kann, müssen sich Axone zwischen den Gehirnnervenzellen entwickeln und die Nervenfasern eine isolierende Myelinscheide bilden, sodass ein Netz entsteht. Die Gehirnreifung findet während der gesamten Kindheit statt; der wichtigste Zeitraum, in dem der Grund für die spätere Entwicklung gelegt wird, ist jedoch das allererste Lebensjahr. Schätzungen zufolge bilden sich im Gehirn eines Neugeborenen in jeder Lebensminute mehr als 4 Millionen Axone.


Nervenzelle mit Axon und Myelinscheide

Dieser Prozess geschieht nicht von selbst. Damit die Verzweigung und Myelinisierung stattfinden kann, muss das Gehirn von den Sinnen stimuliert werden, insbesondere von Gleichgewichtssinn, Tastsinn und Tiefensensibilität. [Tiefensensibilität = Wahrnehmung bestimmter Reize aus dem Körperinneren; auch als Eigenwahrnehmung des Körpers bezeichnet; sie umfasst im Einzelnen Lagesinn, Kraftsinn und Bewegungssinn. – Anm. d. Übers.] Das Baby erhält diese Stimulation durch die Berührung und das Wiegen der Eltern sowie durch ständige alterstypische rhythmische Eigenbewegungen. Diese entwickeln sich in bestimmter Reihenfolge nach einem angeborenen Programm mit individuellen Variationen. Umdrehen, Robben, Schaukeln und Krabbeln auf allen Vieren sind wichtige Abschnitte dieser Entwicklung. Die Stimulation, die das Gehirn des Babys im ersten Lebensjahr durch solche rhythmischen Bewegungen erfährt, ist für die spätere Entwicklung und Reifung des Gehirns von fundamentaler Bedeutung.

Mit der zahlenmäßigen Zunahme der Nervenverbindungen und Synapsen des Gehirns nehmen weitere Gehirnteile ihre Funktionen auf, in neuen Nervenmustern, die durch die Bewegungen des Kindes stimuliert werden. Wie oben beschrieben, setzt sich dieser Prozess automatisch fort, selbst wenn die Nervenzellen nicht direkt stimuliert werden. Gleichzeitig werden alten Verhaltensmustern entsprechende Nervenverbindungen, die das Kind nicht mehr braucht, reduziert.

Bei Kindern, die auf diese Weise nicht genügend stimuliert wurden, ist die Gehirnreifung verzögert oder beeinträchtigt. Eine so verzögerte Entwicklung kann sich in Gestalt der Aufmerksamkeitsstörung mit oder ohne Hyperaktivität zeigen.

Das dreigliedrige Gehirn

Der amerikanische Wissenschaftler Paul MacLean hat – wie bereits erwähnt – die Gehirnentwicklung von Reptilien, Säugetieren und Menschen studiert. Nach seinen Erkenntnissen besteht das menschliche Gehirn aus drei Schichten, die den Hirnstamm umgeben bzw. überlagern. Der Hirnstamm ist Teil des „neuronalen Fahrgestells“, von dem MacLean sprach und zu dem auch das Rückenmark gehört. Die drei Schichten des dreigliedrigen Gehirns umgeben den Hirnstamm sozusagen wie Zwiebelschalen.18

Laut MacLean könnte man das „neuronale Fahrgestell“ mit einem fahrerlosen Auto und die drei den Hirnstamm umgebenden Strukturen mit drei „Maschinenführern“ oder Fahrern vergleichen – jeder mit einem eigenen Intellekt, einer eigenen Speicherbank und anderen Funktionen ausgestattet.

Oberhalb des Hirnstamms liegt das reptilienhafte Gehirn, das den im Zuge der Evolution von Reptilien entwickelten neuen Hirnteilen entspricht. Beim Menschen besteht das reptilienhafte Gehirn unter anderem aus den Basalganglien, zu deren Aufgaben die Steuerung der Haltungsreflexe gehört, das heißt, unsere Fähigkeit zu gehen, zu stehen und das Gleichgewicht zu halten.

Das reptilienhafte Gehirn muss auch die „primitiven“ Reflexe hemmen, angeborene, stereotype, vom Hirnstamm gesteuerte Bewegungsmuster. Die primitiven Reflexe bilden die Bewegungen des Fötus und des Neugeborenen und müssen in die Haltungsreflexe umgewandelt werden, damit das Kind aufstehen, laufen und das Gleichgewicht halten kann. Die Basalganglien regulieren auch den Aktivitätsgrad des Kindes und sorgen dafür, dass es nicht die meiste Zeit „auf Touren“ ist.

Auf dem reptilienhaften Gehirn sitzt das limbische Gehirn, das unter anderem unsere Emotionen, unser Gedächtnis, das Lernen und Spielen steuert. Dieses wird vom Neokortex umschlossen, dem Sitz unserer rationalen, kognitiven Funktionen. Signale aus den Sinnesorganen müssen beim Neokortex ankommen und dort verarbeitet werden, damit wir wahrnehmen, was um uns herum vor sich geht, und bewusst handeln können. Der vorderste Teil des Neokortex, der präfrontale Kortex, ist für Urteilsfähigkeit, Aufmerksamkeit, Entschlusskraft und Impulskontrolle von entscheidender Bedeutung.

Die Bedeutung der rhythmischen Bewegungen für die Vernetzung des Gehirns

Bei der Geburt sind alle Bestandteile des dreigliedrigen Gehirns ausgebildet, arbeiten aber noch nicht ordnungsgemäß. Damit sie als Einheit funktionieren, müssen sie entwickelt und miteinander vernetzt werden. Das geschieht durch die rhythmischen Bewegungen des Säuglings, die das Wachstum und die Verzweigung der Nervenzellen sowie die Myelinisierung der Nervenfasern stimulieren.

Dazu ist ein ausreichender Muskeltonus erforderlich. Damit dieser sich ausbildet, muss das Kind berührt, umarmt und geschaukelt werden und es muss sich frei bewegen dürfen. Diese Art der Stimulation sendet Signale aus den Sinnesorganen zum Tastsinn, dem Gleichgewichtssinn und zur Tiefensensibilität, zu denjenigen Zentren des Stammhirns, deren Aufgabe die Regulation des Muskeltonus ist. Wird ein Baby in dieser Hinsicht wenig stimuliert, ist der Tonus seiner Streckmuskeln schwach.19 Dadurch kann es Schwierigkeiten haben, den Kopf und die Brust zu heben und sich zu bewegen, was wiederum die Stimulation weiter herabsetzt, sodass es in einen Teufelskreis gerät …

Kann sich das Baby nicht frei bewegen, wird der Neokortex über das retikuläre Aktivierungssystem des Stammhirns (RAS) zu wenig stimuliert. Die Aufgabe dieses Systems ist es, den Neokortex anzuregen, in Gang zu setzen. Geschieht dies nur ungenügend, wird das Kind schwerfällig und unaufmerksam gegenüber sensorischen Signalen. Außerdem entwickeln sich dann die Nervenzellen und Nervennetze des Neokortex nicht richtig.

Auch das Kleinhirn ist wichtig für die Vernetzung des Gehirns und die Fähigkeit, aufmerksam zu sein. Die Aufgabe des Kleinhirns besteht darin, für rhythmische, koordinierte und fließende Bewegungen zu sorgen. Vom Kleinhirn aus führen wichtige Nervenverbindungen zum präfrontalen Kortex und zu den Sprachzentren im Frontallappen der linken Hemis­phäre.

Bei der Geburt ist das Kleinhirn noch nicht entwickelt; es wächst ab dem sechsten Monat beträchtlich. Die rhythmischen Bewegungen des Babys entwickeln die Nervennetze und Nervenzellen des Kleinhirns und seine Verbindungen zu den Frontallappen. Das ist ein Grund dafür, dass diese rhythmischen Bewegungen so wichtig sind für die Vernetzung des Stirnhirns und für Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit und Sprechen.

Warum es Babys schwerfällt, still zu sitzen und aufmerksam zu sein

Die Nervennetze des Gehirns sind, wie erwähnt, noch nicht entwickelt und die verschiedenen Schichten des Gehirns sind noch nicht verbunden; das erklärt, dass Kinder sich nicht wie kleine Erwachsene verhalten. Kinder können ihre Aufmerksamkeit nicht lange aufrechterhalten und sich nicht lange auf eine bestimmte Aufgabe konzentrieren oder ihre Impulse steuern, weil eben die Nervennetze des Neokortex und insbesondere der Frontallappen noch nicht entwickelt sind.

Kinder haben Probleme damit, ihren Aktivitätsgrad zu steuern; normalerweise sind sie im Alter von 10 bis 12 Monaten die meiste Zeit in Bewegung und tun sich schwer damit, still zu sitzen. Eine Aufgabe der Basalganglien ist es, den Aktivitätsgrad zu steuern. Da sie sich noch nicht richtig entwickelt haben und nicht mit den anderen Ebenen des Gehirns vernetzt sind, wirken die meisten normalen Babys in diesem Alter überaktiv.

Dagegen werden Babys, die sich aufgrund eines schwachen Muskeltonus nicht ausreichend bewegen können, eher schwerfällig, hypoaktiv, unaufmerksam und sie entwickeln sich spät.

Ähnlichkeiten zwischen Babys und ADHS-Kindern

Wie aufgezeigt sind Aufmerksamkeitsdefizit-Probleme und Hyperaktivität gemeinsame Merkmale von ganz kleinen Kindern und solchen, die unter ADHS leiden. Bei beiden Gruppen gibt es viele Anzeichen dafür, dass die Basalganglien (noch) nicht richtig arbeiten; dazu gehören Schwierigkeiten, den Aktivitätsgrad zu steuern, sowie Probleme mit primitiven Reflexen und dem Gleichgewicht.

Es ist außerdem bekannt, dass Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen nicht in der Lage sind, einfache Bewegungen rhythmisch und fließend auszuführen, was darauf hinweist, dass die Nervennetze des Kleinhirns sich nicht richtig entwickelt haben. Da das Kleinhirn für die ordnungsgemäße Funktion der Frontallappen von wesentlicher Bedeutung ist, kann dieses Unvermögen ein entscheidender Faktor hinter den Problemen mit Aufmerksamkeit und Impulsivität sein.

Viele Kinder mit ADHS haben einen schwachen Muskeltonus und eine vorn übergebeugte Körperhaltung; das führt zu Flachatmigkeit und ungenügender Aktivierung des Neokortex. Solche Kinder können zwischen Hyperaktivität und Passivität schwanken, wobei die Hyperaktivität eine Möglichkeit darstellt, den Neokortex durch Bewegung zu stimulieren.

Die Aufmerksamkeitsstörung als verzögerte Gehirnreifung

Wie wir gesehen haben, betrachten die „Experten“ ADHS als genetisch bedingt. Eine alternative Betrachtungsweise wäre, dass die entsprechenden Verhaltensmerkmale Folgen eines verzögerten oder behinderten Gehirnreifungsprozesses sind. Aus irgendeinem Grund wurde das Gehirn des Kindes nicht genügend stimuliert, sodass die Neuronen zu wenig Axone und neue Synapsen bilden konnten. Ein Mangel an Stimulation kann auch die Myelinbildung um die Nervenfasern blockieren. Reicht die Myelinisierung nicht aus, wird die Geschwindigkeit der Weiterleitung von Nervensignalen beeinträchtigt. Zusammen kann dies die Entwicklung der verschiedenen Hirnteile und ihre Vernetzung blockieren und die Gesamtfunktion des Gehirns behindern.

Alles, was die motorische Entwicklung des Kindes blockiert und seine Bewegungen behindert, blockiert auch die Entwicklung des Gehirns. Es gibt viele Umstände, die die motorische Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen können: Frühgeburt, Verletzung des Gehirns bei der Geburt, erbliche Faktoren, Impfungen, elektromagnetische Felder und Mikrowellen von Mobiltelefonen, Toxine oder Krankheiten. Solche Faktoren können dazu führen, dass das Kind wichtige Schritte seiner motorischen Entwicklung auslässt und die Entwicklung und Reifung des Gehirns erschwert wird.

Sorgen die Angehörigen oder Bezugspersonen des Kindes nicht für genügend Stimulation, wird es also ohne Anregung des Tast- und des Gleichgewichtssinns sich selbst überlassen oder muss es übermäßig lange in Babystühlen, im Laufstall oder in einer Babyschale fürs Auto sitzen, anstatt seinem Bewegungsdrang auf dem Fußboden nachzugehen, wird die ordnungsgemäße Reifung des Gehirns ebenfalls behindert.

Nachreifung des Gehirns mit rhythmischen Bewegungsübungen

Wie ich gezeigt habe, gibt es zwischen Babys und ADHS-Kindern hinsichtlich des Verhaltens und der mangelnden Gehirnreifung viele Ähnlichkeiten. Daher drängt sich die Frage auf, ob Kindern mit ADHS oder ADS durch Nachahmung der spontanen rhythmischen Bewegungen von Babys geholfen werden kann. Ein solches Bewegungstraining gibt es in Schweden seit mehr als 25 Jahren.

Die rhythmischen Bewegungsübungen wurden (wie bereits berichtet) von Kerstin Linde entwickelt und basieren auf den natürlichen rhythmischen Bewegungen von Babys. Es handelt sich um aktive oder passive rhythmische Ganzkörperbewegungen; sie werden im Liegen, Sitzen oder auf allen Vieren durchgeführt. Passive Bewegungen können durch rhythmisches Drücken von den Füßen gegen den Körper des auf dem Rücken liegenden Kindes oder von den Hüften aus (– das Kind liegt dann in Fötalstellung) zum Kopf hin hervorgerufen werden. Liegt das Kind (oder auch der erwachsene Klient) auf dem Bauch, kann das Gesäß rhythmisch von einer Seite zur anderen hin- und herbewegt werden. In Rückenlage können die Beine aufeinander zu gerollt werden, sodass sich die Großzehen in der Mitte treffen. [Nähere Beschreibungen finden Sie am Ende des Buches, Seite 237 ff.]

Diese Bewegungen kann das Kind (der Klient) auch aktiv durchführen. Auf dem Rücken liegend kann es mit gebeugten Knien rhythmisch drücken oder seine Beine hin- und herrollen, sodass sich die Großzehen in der Mitte treffen. Andere aktive Bewegungen sind etwa Schaukeln auf allen Vieren oder Krabbeln. Um eine Wirkung zu erzielen, sollten die Übungen täglich 10 bis 15 Minuten lang gemacht werden

Ob aktiv oder passiv ausgeführt – diese Bewegungen sind für jedes Kind und jeden Klienten geeignet, wie eingeschränkt sie auch sein mögen. Sie sollten idealerweise ganz exakt gemacht werden. Bei schwerbehinderten Menschen ist das natürlich nicht möglich; in solchen Fällen ist es ein langfristiges Ziel, sie zu einer immer genaueren Durchführung zu befähigen.

Man kann leicht beobachten, dass durch diese Bewegungen mehrere Sinne stark angeregt werden. Die Kopfbewegungen stimulieren den Gleichgewichtssinn. Das rhythmische Drücken entlang der Wirbelsäule, von den Füßen oder vom Gesäß aus, stimuliert die Tiefensensibilität in vielen Gelenken und in den Beckenorganen. Die rhythmischen Bewegungen stimulieren durch die Reibung zwischen der Körperrückseite oder -vorderseite und dem Boden auch die taktilen Rezeptoren der Haut.

Auswirkungen der rhythmischen Bewegungen auf das Verhalten

Die sensorische Stimulation durch die rhythmischen Bewegungen regt auch die Entwicklung der Nervenverknüpfungen in Stammhirn, Kleinhirn, Basalganglien und Neokortex an. Dadurch verbessern sich Aufmerksamkeit und Konzentration, während Hyperaktivität und Impulsivität abnehmen.

Die rhythmischen Bewegungen erhöhen den Muskeltonus der Rückenstrecker und halten den Kopf in aufrechter Position. Körperhaltung, Atmung und Durchhaltevermögen werden besser und der Neokortex wird durch die Stimulation über das Stammhirn erregt, was eben zu der Verbesserung von Aufmerksamkeit und Konzentration führt.

Das rhythmische Training regt zudem die Basalganglien zur Reifung und Integration der primitiven Reflexe an und damit wird es für das Kind leichter, seinen Aktivitätsgrad zu steuern und sich ruhig zu verhalten.

Die Bedeutung des Rhythmus

Die spontanen rhythmischen Bewegungen des Babys stimulieren, organisieren und entwickeln sein Gehirn; dies geschieht durch Nervenimpulse aus den Sinnesorganen und durch schwache elektromagnetische Frequenzen.

Dem Zellbiologen James Oshman zufolge ist der Körper eine lebendige Matrix, in der alle Teile, von der Haut bis zu den Zellkernen, miteinander in Kontakt sind. Die Informationsübertragung zwischen den verschiedenen Teilen passiert nicht nur durch Nervensignale, sondern auch durch elektromagnetische Impulse unterschiedlicher Frequenzen.

Die rhythmischen Bewegungen verursachen eine periodische, sich ständig verändernde Stimulation des Gehirns, die vom Gleichgewichtssinn, dem Tastsinn und der Tiefensensibilität ausgeht. Bei diesem Prozess werden die Nervensignale durch Transmitterstoffe übertragen (zum Beispiel Dopamin, Glutamat oder Gamma-Amino-Buttersäure). Solche wechselnden, oszillierenden Stimulationen sind wesentlich wirksamer als die kontinuierlichen, da die kontinuierlichen oder ähnlichen Signale eine geringere Reaktion auf den Reiz hervorrufen; das ist die sogenannte Gewöhnung.

Informationen werden auch durch unterschiedliche Arten von Energie in das gesamte System des Körpers übertragen. Energie ist im Wesentlichen Schwingung, und zwar in Form von Licht oder elektromagnetischer Strahlung, Geräuschen, chemischer oder mechanischer Energie. Viele der wichtigsten Bestandteile der Muskeln und des Skeletts liegen spiralförmig vor. Dadurch erhalten sie Elastizität und eine gute Resonanzfähigkeit. Wenn der Körper durch die rhythmischen Bewegungen in Schwingung versetzt wird, entstehen schwache elektromagnetische Felder, die Informationen in alle Körperteile und ganz besonders in das Nervensystem und das Gehirn übertragen.

Wie man erkennt, welche Übungen Kinder mit Aufmerksamkeits- und Lernproblemen brauchen

Dazu ist es erforderlich, dass man sich mit den Schwierigkeiten des Kindes vertraut macht. Eine sorgfältige Befragung, etwa unter Zuhilfenahme eines Fragebogens, ist wichtig, um die Vorgeschichte und die Probleme zu verstehen, die das Kind am meisten beeinträchtigen. Ergänzend sollten die motorischen Fähigkeiten des Kindes untersucht werden. Es ist besonders wichtig herauszufinden, welche primitiven Reflexe nicht integriert wurden und ob das Kind Probleme mit der Durchführung einfacher rhythmischer Übungen hat. Eine gewissenhafte visuelle Beurteilung sowie ein Audiogramm könnten ebenfalls wertvoll sein, vor allem bei Lernproblemen. Aufgrund der so gewonnenen Erkenntnisse kann man sich ein grobes Bild davon machen, welche Funktionen das Kind verbessern sollte.

Bei Kindern, die ADHS-Merkmale und Lernschwierigkeiten zeigen, sind immer persistierende primitive Reflexe im Spiel. Offensichtliche motorische Probleme sind jedoch nicht zwangsläufig vorhanden. Manchmal haben solche Kinder sogar gute motorische Fähigkeiten und sind gute Sportler und Turner. Kinder mit Aufmerksamkeitsproblemen haben häufiger einen schwachen Muskeltonus, eine schlechte Körperhaltung und Schwierigkeiten beim Ausführen einfacher rhythmischer Bewegungen. In solchen Fällen treten die motorischen Probleme meist deutlicher hervor.

Das Trainingsprogramm eines solchen Kindes sollte sich danach richten, was die Befragung und die Untersuchung der Motorik ergeben haben. Zumindest am Anfang sollte dieses Programm nicht mehr als 10 Minuten in Anspruch nehmen und täglich oder mindestens fünfmal pro Woche durchgeführt werden. Im Zuge der Verbesserung der motorischen Fähigkeiten und der Integration der Reflexe sollte es abgewandelt werden. Gleichzeitig bessern sich die Verhaltensauffälligkeiten des Kindes und damit die Aufmerksamkeit, die Impulskontrolle und die Fähigkeit, still zu sitzen. In den meisten Fällen muss man mit 1 Jahr oder mehr rechnen, bis die ADHS-Merkmale dauerhaft verschwunden sind. Werden die Übungen nicht ausreichend lange gemacht, so ist die Zeit eventuell zu kurz für eine neue Bahnung des Gehirns und einige der unerwünschten Verhaltensweisen können wiederkehren.

Viele Kinder und Erwachsene mit persistierenden primitiven Reflexen hatten nie Aufmerksamkeits- oder Lernprobleme. Sie können aber stattdessen Probleme mit dem Sehen, mit der Motorik, mit ihren Emotionen oder aber Muskel- und Gelenkschmerzen haben.

Fallbeispiel: Anna

An diesem Beispiel möchte ich die Wirkungen des RMT bei Aufmerksamkeitsstörungen veranschaulichen und zeigen, wie die rhythmischen Bewegungen die Aufmerksamkeit erhöhen und die Impulsivität und Hyperaktivität senken.

Anna war 10 Jahre alt, als sie mit dem rhythmischen Bewegungstraining begann. Mit Ausnahme der Feinmotorik war ihre motorische Entwicklung normal verlaufen. Als Baby durchlief sie die Krabbelphase und konnte im Alter von 1 Jahr laufen. Doch sie hatte große Schwierigkeiten mit der Konzentration und dem Stillsitzen in der Schule. Sie war leicht ablenkbar und zeigte eine sehr geringe Ausdauer. Lesen und Schreiben bereiteten ihr keine Probleme, aber sie hatte große Schwierigkeiten beim Rechnen. Während der Mathematikstunden stand ihr eigens eine pädagogische Assistentin zur Seite, und wenn diese nicht da war, lief sie nur in der Klasse herum und störte die anderen.

Anna handelte spontan und hatte große Schwierigkeiten, aufzupassen und Anweisungen zu befolgen, insbesondere im Sportunterricht, an dem sie gar nicht teilnehmen wollte. Sie hatte schwache Knöchel und verstauchte sich leicht. Große Probleme hatte sie mit der Feinmotorik, insbesondere mit dem Binden von Schuhbändern und dem Zuknöpfen von Kleidungsstücken, und ihre Handschrift war schlecht.

Anna hatte auch emotionale Probleme. Sie fürchtete sich im Dunkeln, war verunsichert und beklommen, vor allem nachts. Beziehungen zu Gleichaltrigen gestalteten sich äußerst schwierig. Die Mädchen in ihrer Klasse hänselten sie oft; dann rannte sie weg und versteckte sich.

Als sie zum ersten Mal zu mir kam, testete ich ihre primitiven Reflexe, von denen viele aktiv waren. Der Spinale Galantreflex war besonders aktiv – das war die Erklärung dafür, dass sie nicht still sitzen und keine eng anliegenden Kleidungsstücke tragen konnte. Auch der Moro-Reflex war äußerst aktiv – und damit verantwortlich für ihre Geräusch- und Berührungsempfindlichkeit sowie für ihre emotionalen Probleme.

Ebenfalls aktiv waren der Palmar- und der Greifreflex – die Ursache für ihre Probleme mit der Feinmotorik.

Annas Trainingsprogramm

Anna kam etwas mehr als 1 Jahr lang etwa einmal im Monat zu mir. Sie machte zu Hause täglich 10 bis 15 Minuten lang ihre rhythmischen Übungen. Bei jedem Besuch bekam sie neue. Einige davon behielt sie die meiste Zeit bei. Bei ihren Übungen wurde sie unterstützt und korrigiert, damit sie sie so exakt wie möglich machte. Zusätzlich bekam sie spezielle Übungen zur Reflexintegration, bei denen ihre Mutter ihr half.

Nach 4 Monaten stellte die Mutter fest, dass Anna „aufsässiger“ und „übellauniger“ sei als vorher. Nach 5 Monaten hatten sich diese Verhaltensmerkmale wieder gebessert und sie war selbstsicherer.

Anna konnte sich in der Schule besser konzentrieren und die Schularbeiten gingen ihr besser von der Hand, auch das Rechnen. Wenige Wochen später hatte sie im Rechnen das Niveau ihrer Klassenkameraden aufgeholt. Auch im Sport lief es besser und sie ging gerne hin. Ganz besonders mochte sie Weit- und Hochsprung.

Nach einem halben Jahr wechselte sie nach den Sommerferien auf eine andere Schule und ihre Mutter verschwieg dort ihre Probleme. Es stellte sich heraus, dass sie sich gut konzentrieren konnte und keine zusätzliche Hilfe brauchte. Die Beziehung zu ihren Klassenkameraden gestaltete sich ohne Probleme und sie wurde nicht mehr gehänselt. Ihre Knöchel waren viel stärker geworden und so begann sie mit Fußballtraining. Auch ihre Feinmotorik hatte sich erheblich gebessert.

Nach etwas über einem Jahr Bewegungstraining war die Angst vor der Dunkelheit verschwunden. Sie war auch nicht mehr überempfindlich gegenüber Geräuschen und Berührung und ließ sich nicht so leicht ablenken. Sie konnte problemlos still sitzen und enge Kleidung tragen. Obwohl sich die feinmotorischen Fähigkeiten sehr gebessert hatten, hatte sie immer noch gewisse Schwierigkeiten mit dem Zuknöpfen von Kleidungsstücken. Die Konzentration machte ihr praktisch gar nicht mehr zu schaffen und ihre Ausdauer war gut.

KAPITEL 3
Kinder mit besonderen Heraus­forderungen – zwei verschiedene Betrachtungsweisen

Wie wir gesehen haben, ist es unter wissenschaftlichen Fachleuten (Ärzten, Psychologen oder Forschern auf dem Gebiet der Legasthenie) üblich, Problemen wie ADH, ADHS, Autismus, Legasthenie oder Ähnlichem Krankheitswert beizumessen und Kindern mit diesen besonderen Herausforderungen ein entsprechendes „Etikett“ zu verpassen. Die Soziologin Sophia Lövgren hat darauf hingewiesen, dass es sich bei solchen Diagnosen um soziale Konstrukte und kulturelle Phänomene handelt. Verschiedene als krankhaft angesehene „Symptome“ werden zu Krankheitsbildern zusammengefasst, die von Ärzten und anderen Fachleuten identifiziert und „behandelt“ werden können. Um eine Krankheit aber gemäß ihrer Diagnose erfolgreich behandeln zu können, ist es von Vorteil, ihre Ursache zu kennen. Nachdem die medizinischen Fachleute eine Krankheit identifiziert und charakterisiert haben (was der einfachere Teil zu sein scheint), machen sie sich auf die Suche nach ihrer Ursache.

Krankheiten als kulturelle Phänomene

Im Allgemeinen sucht die wissenschaftliche Medizin bei jeder Krankheit oder Diagnose nach einer einzelnen Ursache. Diese Vorgehensweise wurde insbesondere durch die Entdeckung von Bakterien und Infektionskrankheiten gefördert. In unterschiedlichen Epochen gab es jedoch unterschiedliche gängige Ursachen. Nach den Bakterien kamen die Viren und heute sind genetisch bedingte Krankheitsursachen in der Ärzteschaft am „beliebtesten“. Offenbar sind nicht nur Diagnosen, sondern auch anerkannte Ursachen für Krankheiten und Störungen kulturelle Phänomene; das lässt sich an der Entwicklung auf dem Gebiet der Psychiatrie veranschaulichen.

Der Siegeszug des medizinischen Modells in der Psychiatrie

Während meiner ärztlichen Ausbildung in den 1960er-Jahren wurden psychische und emotionale Faktoren insbesondere bei „Geisteskrankheiten“ als relevante Krankheitsursachen betrachtet. Psychiater, die das traditionelle medizinische Paradigma vertraten, dass der Geist nur eine Auswirkung körperlicher Prozesse sei, wurden ins Abseits gedrängt. Psychologen und Sozialarbeiter, Berater, Familientherapeuten und andere Berufsgruppen außerhalb der Psychiatrie nahmen den Bereich der geistigen Gesundheit für sich in Beschlag. Anfang der 1980er-Jahre entschloss sich die American Psychiatric Association zu einer Partnerschaft mit der Pharmaindustrie, die der Psychiatrie Zugang zu deren Forschungsgeldern verschaffte und das medizinische Modell, die Psychopharmakologie sowie die Autorität und den Einfluss der Psychiatrie förderte.20 Dies erwies sich als äußerst erfolgreiche Strategie, wenn auch nicht für die Patienten, so doch zumindest für Psychiater und Pharmaindustrie.

Dieser Prozess beschränkte sich nicht auf die USA, sondern fand weltweit Verbreitung. In Schweden förderten führende Psychiater das medizinische Modell und die medikamentöse Behandlung (insbesondere von Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern) ganz besonders erfolgreich. Schwedische Kinderpsychiater scheinen hier gewissermaßen die Führung innerhalb ihres Fachgebietes übernommen zu haben. Während sich die amerikanischen Pädiater und Kinderpsychiater noch nicht einig darüber sind, ob ADHS durch eine Fehlfunktion im Gehirn hervorgerufen wird, stellt die schwedische Gesundheitsbehörde kühn fest, dass die „typischen Symptome“ von ADHS (wie Unruhe, Aufmerksamkeitsdefizite und Impulsivität) Folgen eines genetisch bedingten Mangels an Transmittersubstanzen seien. Zudem ist es schwedischen Psychiatern auch gelungen, die Psychologen und Sozialarbeiter unter ihren Landsleuten zum medizinischen Modell zu bekehren und sie zu ihren Unterstützern bezüglich der „Etikettierung“ der Kinder und ihrer Behandlung mit Psychopharmaka zu machen.

Eine anrüchige Verbindung: Rassenbiologie und Genetik in Schweden

Die große Bereitwilligkeit, mit der schwedische Psychiater sich das genetische Erklärungsmodell für ADHS zu eigen gemacht haben, mag merkwürdig erscheinen. Ich glaube jedoch, dass es historische und kulturelle Gründe dafür gibt, und auch dafür, dass es nicht infrage gestellt wird.

In den 1930er-Jahren und Anfang der 1940er-Jahre war die Rassenbiologie wie in anderen Ländern eine allgemein akzeptierte Ideologie in Schweden. Von politischer Seite war ein Institut für Rassenbiologie in Uppsala finanziert worden, dessen Aufgabe in der Untersuchung und Dokumentation verschiedener Rassengruppen in Schweden bestand. Durch Schädelvermessungen und Fotografieren der nackten Körper von Lappen und Finnen in Nordschweden glaubten die Forscher, die rassische Minderwertigkeit dieser Volksgruppen im Vergleich zur überwiegenden, sogenannten arischen schwedischen Bevölkerung wissenschaftlich beweisen zu können. Viele Menschen in Lappland können noch heute darüber berichten, wie sie als Kinder gegen ihren Willen gezwungen wurden, an diesen Studien teilzunehmen. Es ist ihnen durchaus bewusst, dass viele von ihnen in Vernichtungslager transportiert worden wären, hätten die Nationalsozialisten den Krieg gewonnen. So sind sie lediglich mit dem Schrecken und der Demütigung davongekommen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt die Rassenbiologie als veraltet und das Institut in Uppsala musste seine Tätigkeit einstellen. Es wurde sang- und klanglos der Abteilung für Genetik der medizinischen Fakultät angegliedert, die das Forschungsmaterial nimmer noch aufbewahrt. Als ich während meiner medizinischen Ausbildung in den 1960er-Jahren in Uppsala Genetik studierte, diskutierten die Studenten untereinander, aber niemals offen mit den Professoren über die Geschichte der Abteilung. Auch in den folgenden Jahren hat es keine ideologische Aufarbeitung der Rassenbiologie unter Ärzten und Genetikern gegeben; ebenso wenig haben sich Historiker und Soziologen dieses Themas angemessen angenommen. Anders als die Ureinwohner Australiens warten die Bevölkerungsgruppen der Lappen und Finnen im Norden Schwedens immer noch auf eine offizielle Entschuldigung für ihre Diskriminierung und den Rassismus vonseiten des Staates.

Ich glaube, dass nicht nur Schwedens Mediziner, sondern auch viele weitere Kreise der schwedischen Gesellschaft immer noch von dieser Ideologie beeinflusst sind, mit der nie offiziell abgerechnet wurde. Dass die Sichtweise von ADHS als genetisch determiniertem Mangel an Transmittersubstanzen im Gehirn in keiner Weise infrage gestellt wird, ist insofern besonders bedeutsam; ebenso die Bereitschaft der Mediziner, die entsprechend abgestempelten Kinder mit solch abhängig machenden und gravierend schädlichen Medikamenten wie den zentral wirksamen Stimulanzien zu behandeln; und schließlich auch die Unterstützung dieser Praktiken durch die Medien und ihre wohlwollende Finanzierung durch die Politik. Wie gezeigt wurde, beruht die Annahme, dass ADHS ein genetisch determinierter Mangel an Transmitterstoffen im Gehirn sei, auf keiner solideren wissenschaftlichen Grundlage als diejenige, dass die schwedischen Volksgruppen der Lappen und Finnen genetisch minderwertig seien, und sie steht im Widerspruch zu vielen Fakten.

Diagnose ADHS – überwiegend in den unteren sozialen Schichten

In Schweden hat Christoffer Gillberg, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Göteborg, Kinder untersucht, die als an ADHS erkrankt galten. Er gehört zu denjenigen „Experten“, die die Ansicht vertreten, ADHS sei eine genetisch bedingte biologische Störung. Als die Soziologin Eva Kärve sein Forschungsmaterial analysierte, fand sie zu ihrer eigenen Überraschung heraus, dass acht von zehn Kindern mit der Diagnose ADHS aus den unteren sozialen Schichten stammten. Dafür gab es keine einleuchtende Erklärung. Für Wissenschaftler, die der genetischen Erklärung anhängen, wäre die Schlussfolgerung naheliegend, dass bei unteren sozialen Schichten eine genetisch prädisponierte höhere Inzidenz von ADHS vorliegt als bei höheren sozialen Schichten. Mit anderen Worten: Sie seien genetisch minderwertig. Eine derartige Haltung gilt in Schweden jedoch als politisch nicht korrekt und wird von der wissenschaftlichen Gemeinschaft nicht angenommen. Daher kann sie von der staatlichen Gesundheitsbehörde nicht vertreten werden. Wenn andererseits die genetische Prädisposition für ADHS in allen sozialen Schichten dieselbe ist (was als akzeptierte Auffassung gilt), können wohl nicht acht von zehn Kindern mit ADHS zu den unteren sozialen Schichten gehören. Ein derartiges Ergebnis würde die Theorie widerlegen, ADHS sei eine genetisch bedingte biologische Störung. In diesem Zusammenhang würde Gillbergs Ergebnis vielmehr auf soziale und zivilisationsbedingte Umstände als ursächliche Faktoren von ADHS hinweisen.

Wäre es andererseits unter Wissenschaftlern ein allgemein anerkanntes Prinzip, dass die unteren sozialen Schichten eine genetische Prädisposition für ADHS haben, würde Gillbergs Ergebnis nicht nur deren genetische Minderwertigkeit, sondern auch die Auffassung von ADHS als genetisch bedingte Krankheit wissenschaftlich bestätigen.

Behandlung mit zentral wirksamen Stimulanzien ist Körperverletzung!

Die Effizienz und die Gründlichkeit, mit der schwedische Politiker und die Ärzteschaft Diagnose und Behandlung von Kindern mit ADHS organisiert haben, scheint der Effektivität, mit der das Institut für Rassenbiologie in den 1930er- und 1940er-Jahren dies bezüglich der Schädelvermessungen der Lappen und Finnen getan hat, nicht nachzustehen. Sie wäre beinahe bewundernswert, wären Zweck und Folgen nicht so destruktiv.

Wie damals haben auch die heutigen Kinder, die mit ADHS diagnostiziert werden, keinerlei Mitspracherecht. Sie bekommen zentral wirksame Stimulanzien verschrieben, ob sie das wollen oder nicht. Sollten sie auch anfänglich vielleicht noch dagegen protestieren, so macht sie die Droge schon bald gefügig und fördert ihre Bereitschaft, zu tun, was man von ihnen verlangt.

Anders als die damaligen Kinder sind die heutigen nicht von physischer Vernichtung bedroht – nur ihre Gehirnzellen! Wie bereits erwähnt, haben viele Tierversuche an Affen gezeigt, dass relativ geringe Dosen zentral wirksamer Stimulanzien zur Zerstörung von Gehirnzellen und zu dauerhaften Gehirnschäden (vor allem im Frontallappen und in den Basalganglien) führen. Werden die Synapsen infolge der zentral wirksamen Stimulanzien durch Dopamin überstimuliert, so gehen sie zugrunde und die Funktion in diesen Gehirnteilen wird geschädigt. Bei Kindern, die mit einem Amphetamin behandelt werden, kann der Medikamentenspiegel (berechnet in mg/kg Körpergewicht) genauso hoch sein wie der, der gemäß dem wissenschaftlichen Bericht bei Tieren den Gehirnschaden verursachte.

Stimulanzien machen Kinder gefügig – auf Kosten ihres Temperaments

Die Verfechter von zentral wirksamen Stimulanzien, zum Beispiel die schwedische Gesundheitsbehörde, betonen, wie diese Medikamente die Funktionsfähigkeit von ADHS-Kindern verbessern und den Umgang mit anderen Kindern erleichtern.

Was wirklich geschieht, wenn Kinder mit zentral wirksamen Stimulanzien behandelt werden, steht jedoch auf einem ganz anderen Blatt. Sie werden gefügiger und bereitwilliger und sind in der Lage zu tun, was man ihnen sagt, insbesondere was die „langweiligen“ und sich ständig wiederholenden Aufgaben in der Schule betrifft. Zusätzlich büßen sie ihre Spontaneität und Neugier ein und ziehen sich oft vom Umgang und Spiel mit anderen Kindern zurück.

Zahlreiche Studien an Tieren mit zentral wirksamen Stimulanzien weisen verblüffende Ähnlichkeiten mit den Reaktionen von Kindern auf. Peter Breggin fasste das Ergebnis dieser Studien auf der NIMH-Konferenz wie folgt zusammen:21

„Erstens unterdrücken die Stimulanzien die normale spontane oder selbst gesteuerte Aktivität, auch die Neugier, den sozialen Kontakt und das Spiel.

Zweitens fördern die Stimulanzien stereotype, zwanghafte, übermäßig fokussierte Verhaltensweisen, die ständig wiederholt werden und ohne Bedeutung sind.“

Selbst wenn solche Reaktionen dazu führen, dass es weniger Konflikte mit der Umgebung gibt und so der Umgang mit anderen erleichtert wird, muss man fragen, ob das wirklich bedeutet, dass bei den Kindern eine Besserung eingetreten ist. Sollte ein solches Verhalten nicht eher Anlass zur Sorge geben und eine sorgfältige Überprüfung erfordern?

In den USA strengt ein Anwaltskonsortium eine Reihe von Sammelklagen gegen Novartis (den Hersteller von Ritalin) und die American Psychiatric Association an. Einer der Anwälte schreibt im Vorwort von Peter Breggins Buch Talking back to Ritalin [zu Deutsch etwa: Erwiderungen auf Ritalin]:

„Ich fragte mich, ob die riesigen Summen, die die Pharmaindustrie verdient, zu der gleichen Korruption der Forschung führen könnten wie bei der Tabakindustrie. Ähnlich wie bei dieser, die ihre Produkte bewarb und vermarktete und dabei schon die Kinder im Kopf hatte, begann ich mich zu fragen, ob unsere verletzlichen Kinder wieder Ziel von Unternehmensgewinn werden sollen. Letztendlich stehlen ihnen die Stimulanzien die Kindheit. Sie machen die Kinder gefügiger – auf Kosten ihres Temperaments.“

Nebenwirkungen der zentralen Stimulanzien

Befürworter der zentral wirksamen Stimulanzien behaupten, diese Medikamente hätten relativ wenig Nebenwirkungen. Die Tatsachen sehen jedoch ganz anders aus. Aus Breggins Erhebung geht hervor, dass die Nebenwirkungen der Stimulanzien alles andere als unbedeutend, vielmehr ernst und äußerst häufig sind. In mehreren Studien liegt die Häufigkeit von Nebenwirkungen bei über 50 Prozent. Die häufigsten sind Appetitverlust, Benommenheit, Rückzug, Verlust des Interesses an anderen und Depressionen. Bei einer Studie mit 41 Kindern zwischen 4 und 6 Jahren litten 75 Prozent an Appetitverlust, 62 Prozent an Benommenheit und 62 Prozent hatten kein Interesse an anderen. In einer anderen Studie mit 83 etwas älteren Kindern hatten 45 Prozent Nebenwirkungen, die hauptsächlich in Form von Rückzug, Traurigkeit und Weinen in Erscheinung traten.

Zu den sehr häufigen Nebenwirkungen gehören Zwangssymptome: Sie zeigen sich als zwanghaftes Wiederholen einfacher Aktivitäten (wie endlose Beschäftigung mit Computerspielen). In einer Studie mit 45 Kindern entwickelten 51 Prozent Zwangssymptome, die in bestimmten Fällen sehr ernst waren. Ein Junge war so darauf versessen, das Zusammenrechen von Blättern besonders gut zu machen, dass er darauf wartete, bis sie vom Baum fielen – einzeln! Ein anderes Kind spielte 36 Stunden lang ohne Essens- oder Schlafenspausen mit LEGO. 22

In einer weiteren Studie zeigten 42 Prozent der Kinder nach einer Einzeldosis des Stimulans eine zwanghafte Überfokussierung. Manchmal waren die Kinder nicht in der Lage, mit einer ihnen übertragenen Aufgabe wieder aufzuhören.

Tics und Bewegungsstörungen sind ebenfalls sehr häufige Nebenwirkungen. In einer Studie mit 45 Kindern entwickelten 58 Prozent Tics und anormale Bewegungen. In einer anderen Studie mit 122 Kindern kam es bei 9 Prozent dazu. Ein Kind erholte sich nicht mehr und entwickelte ein irreversibles Syndrom mit Gesichtszuckungen, Drehen des Kopfes, Schmatzen, Abwischen der Stirn und Lautäußerungen.23

Eine kanadische Studie von 1999 konnte zeigen, dass zumindest 9 Prozent, aber wahrscheinlich ein größerer Teil der 98 mit einem zentral wirksamen Stimulans behandelten Kinder Symptome einer Psychose entwickelten.

Es ist seit Langem bekannt, dass zentral wirksame Stimulanzien die Blutzufuhr zum Gehirn vermindern, die Blutgefäße schädigen und Blutungen verursachen. In einem Lehrbuch der Psychiatrie schreibt Jaffe: „Bei Affen gehören zu den toxischen Nebenwirkungen chronischen Amphetamingebrauchs die Schädigung der Blutgefäße im Gehirn, Verlust von Nervenzellen (Absterben von Gehirnzellen) und Mikroblutungen.“24

Solchen Nebenwirkungen bei Kindern und Erwachsenen wird erst seit Kurzem Aufmerksamkeit zuteil, nachdem es viele Berichte über Blutdruckanstieg, Schlaganfälle und plötzlichen Herztod bei damit behandelten Menschen gab. Im Jahre 2005 wurde das Amphetamin Adderall vom Markt genommen, nachdem es Berichte über 20 Fälle von plötzlichem Herztod und 12 Fälle von Schlaganfällen gab.25 Im Februar 2006 berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, dass 51 Patienten, die ein zentral wirksames Stimulans erhalten hatten, plötzlich verstorben waren. Dies veranlasste die amerikanische Zulassungsbehörde FDA zu der Aufforderung an die verschreibenden Ärzte, ganz besonders das Risiko von Herzinfarkten und Bluthochdruck zu berücksichtigen.

Zum Beispiel Strattera

Strattera wird von der Pharmafirma Eli Lilly hergestellt; es war ursprünglich als Antidepressivum gedacht, das sich aber bei Depressionen als wirkungslos erwies. Stattdessen wurde es im Jahre 2002 als Mittel gegen ADHS auf den Markt gebracht. Es macht nicht abhängig wie andere Medikamente, die bei ADHS eingesetzt werden. Seine Wirkungen sind jedoch fraglich und seine Nebenwirkungen beängstigend. Laut einer schwedischen Studie mit 100 Kindern zeigte die Verabreichung von Strattera keinerlei positive Wirkungen. Viele Kinder beklagten sich jedoch über eine oder mehrere negative Nebenwirkungen. Magenschmerzen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Appetitverlust und Übelkeit gehörten mit 40 Prozent zu den häufigsten. Ungefähr 10 Prozent der Kinder bekamen psychische Nebenwirkungen wie Reizbarkeit oder Depressionen.26

Bereits im Jahre 2005 waren bei Eli Lilly Berichte über rund 11 000 Reaktionen aus dem psychiatrischen Bereich eingegangen.27 Im selben Jahr hatte die europäische Agentur für die Beurteilung von Arzneimitteln vor Strattera gewarnt, da es bei Kindern Feindseligkeit und emotionale Instabilität verursache. Es gab auch internationale Warnungen vor einem durch dieses Medikament erhöhten Suizidrisiko.

Im Jahre 2006 untersuchte die FDA alle Berichte über negative psychische Nebenwirkungen, nach denen es 992 Fälle von Aggressivität oder gewalttätigem Verhalten und 360 Fälle von Psychosen gab. In 90 Prozent dieser Fälle gab es vorher keine ähnlichen Symptome.28 Man sollte nicht außer Acht lassen, dass über höchstens 10 Prozent der negativen Arzneimittelreaktionen überhaupt berichtet wird.

Eine neue Recherche der Fälle mit tödlichem Ausgang, die der FDA bekannt gemacht wurden (2004–2007), zeigte, dass in den USA 31 Kinder und Jugendliche während der Behandlung mit Strattera verstorben waren; 19 von ihnen verübten Selbstmord. Außerdem wurde berichtet, dass in Europa 6 Kinder und Jugendliche verstorben waren. Im selben Zeitraum waren in den USA und in Europa 37 Erwachsene verstorben, 17 von ihnen durch Selbstmord. Insgesamt waren innerhalb von drei Jahren 78 Menschen verstorben, die mit Strattera behandelt wurden.

Trotz Nebenwirkungen – die Verschreibungen nehmen zu

Zentral wirksame Stimulanzien sind nicht die einzigen Medikamente, die bei vielen Patienten zu schweren und lebensbedrohlichen Nebenwirkungen oder sogar zum Tod führen. Solche Arzneimittelwirkungen sind häufig und werden von der Ärzteschaft unter der Voraussetzung hingenommen, dass mit der medikamentösen Behandlung mehr Patienten „überleben“ als ohne. Auch dann, wenn ein Medikament das Leben der Patienten grundsätzlich verlängert, wird eine gewisse Todesrate in Kauf genommen.

Doch nicht einmal die glühendsten Verfechter der zentral wirksamen Stimulanzien behaupten, dass ADHS eine lebensbedrohliche Krankheit sei oder die Lebenserwartung der betroffenen Kinder verkürze. Daher sind sie gezwungen, die Schwere der Nebenwirkungen herunterzuspielen und zu behaupten, sie seien relativ belanglos. Daher müssen sie auch so tun, als seien ihnen all die Studien, die das Gegenteil belegen, unbekannt.

Eine Sache können sie jedoch nicht leugnen, nämlich das Ergebnis der neuesten Nachfolgestudie mit Kindern, die zentral wirksame Stimulanzien erhielten: die MTA-Studie von 2007. Sie ergab, dass nach 36 Behandlungsmonaten ganz im Gegensatz zu den Erwartungen der Befürworter keine positiven Wirkungen irgendeiner Art erkennbar waren und dass zentral wirksame Stimulanzien mit einem aggressiveren und antisozialen Verhalten und dem erhöhten Risiko, später in Kriminalität und Drogenmissbrauch abzurutschen, korrespondieren.

Wie bereits erwähnt, wurden die Ergebnisse der MTA-Studie im Jahre 2010 durch die australische Langzeitstudie bestätigt, in der 131 mit zentral wirksamen Stimulanzien behandelte Kinder beobachtet wurden. Die Studie ergab, dass sich diese Medikamente nicht auf die schulischen Leistungen auswirkten und auch das Verhalten nicht besserten. Es kam jedoch zu einem deutlichen Anstieg des Blutdrucks und die behandelten Kinder blieben mit zehnfach höherer Wahrscheinlichkeit in ihren Leistungen hinter den Altersgenossen zurück.

Trotzdem werden diese Medikamente bei Eltern und Lehrern immer beliebter, denn in vielen Fällen scheinen sie geradezu „übernatürliche“ Kurzzeitwirkungen auf das Verhalten der Kinder auszuüben; sie scheinen sie gefügiger und bereitwilliger zu machen und der Umgang mit anderen Kindern gestaltet sich ebenfalls einfacher. Lehrer finden wohl, dass diese Medikamente den Aufruhr im Klassenzimmer in Grenzen halten und ihnen einen sinnvollen Unterricht ermöglichen. Und sie sind meist erfreut, dass die Kinder das tun, was man ihnen sagt.

Gewiss mag den Lehrern auffallen, dass die Kinder mit der Zeit weniger spontan und neugierig werden, sich von anderen Kindern zurückziehen und nicht mehr mit ihnen spielen. Eine Lehrerin äußerte sich über ihre Erfahrung mit diesen Kindern folgendermaßen: „Das Rad dreht sich, aber man bemerkt, dass der Hamster tot ist.“ Selbst wenn Lehrer solche negativen Auswirkungen der zentral wirksamen Stimulanzien feststellen, betrachten sie sie oft als den Preis, der bezahlt werden muss, damit Unterricht stattfinden kann.

In vielen Fällen verschlechtern diese Medikamente jedoch die problematischen Verhaltensweisen der Kinder, sie werden aggressiver, depressiv oder sogar lebensmüde oder sie entwickeln schwere Zwangsstörungen; in solchen Fällen wird die Behandlung oft abgebrochen. Und wie aus den Langzeitstudien hervorgeht, gibt es nach 3 Jahren keine positiven Auswirkungen mehr.

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