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Das Letzte Steak

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Hansjörg Anderegg

Hansjörg Anderegg

Das Letzte Steak

Der 3. Fall mit BKA-Kommissarin Chris

Thriller

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://www.d-nb.de abrufbar.

Print-ISBN: 978-3-96752-195-5

E-Book-ISBN: 978-3-96752-693-6

Copyright (2021) XOXO Verlag

Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag

unter Verwendung der Bilder:

Stockfoto-Nummer: 36166654, 1526045249

von www.shutterstock.com

Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag

Hergestellt in Bremen, Germany (EU)

XOXO Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Gröpelinger Heerstr. 149

28237 Bremen

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 1

Tübingen

»Jetzt ist er hin, der Neger!«, rief der Mann auf dem Steg.

Halb entsetzt, halb belustigt starrte er in den nur vom fahlen Mondlicht erhellten Ammerkanal hinunter.

Die laute Stimme weckte den langen Kurt, der eben erst auf der harten Steinbank eingenickt war. Mühsam hob er den schweren Kopf und schimpfte:

»Halt dei Gosch, Schmitz!« Leise fügte er hinzu: »Gottverdammter Nazi.«

Es musste gegen zwei Uhr morgens sein. Eins hatte er noch schlagen gehört vom Turm des Stifts. Schmitz, der zwanzig Jahre älter aussah, als er war, weil seine chronisch schlechte Laune schon tiefe Furchen ins Gesicht gegraben hatte, begann aufgeregt zu gestikulieren. Kurt versuchte, ihn nicht zu beachten, ließ den Kopf wieder sinken und schloss die Augen. Es lohnte sich nicht, sich über Schmitz aufzuregen. Der Nazi hatte so viel Scheiße im Kopf, dass man am besten nicht hinhörte, wenn er den Mund aufmachte.

»Er ist hin, sag ich. Seid ihr alle taub?«

Kurt regte sich nicht, doch er hörte, wie ein anderer sich aufrichtete und an ihm vorbei zum Steg schlurfte. Es war der Benjamin unter den Sandlern am Ammerkanal, denn kurz danach rief er mit seiner Fistelstimme:

»Heiligs Blechle, es stimmt. Da liegt ein Toter im Wasser.«

Mit einem Mal war Kurt hellwach. Er trat an den Kanal und sah den leblosen Körper. Der Mond schien auf das schwarze Gesicht, dessen Augen ihm überrascht entgegenblickten, als wäre er der Letzte, den er hier erwartet hätte.

»Was ist das, Blut?«, fragte Kurt benommen.

Die kurzen Hemdsärmel und der Kragen waren weiß, doch auf der Brust schimmerte ein nasser Fleck, schwarz wie das Wasser.

»Wir müssen die Rettung rufen. Vielleicht lebt er noch«, murmelte er.

Der Benjamin lachte nervös. »Mit der Nase unter Wasser und diesem Loch in der Brust?«

Kurts Augen waren zu schwach, um die Verletzung zu erkennen, aber so wie der Schwarze dalag, vollkommen reglos und halb unter Wasser, musste er dem Benjamin zustimmen. Für diesen Mann kam jede Rettung zu spät. Der Gedanke, sich aus dem Staub zu machen, schwirrte ihm kurz durch den Kopf, drehte eine Ehrenrunde, dann entschied er sich für die andere Alternative. Er ging über den Steg zur Kneipe, um den Wirt zu alarmieren. Geduldig drückte er auf den Knopf an seiner Wohnungstür, bis im oberen Stock eine Lampe aufleuchtete, begleitet von einem herzhaften Fluch.

»Hast du sie noch alle?«, herrschte der Wirt ihn aus dem Fenster an.

»Franz, du musst die Bullen rufen.«

»Genau das werde ich tun, wenn du nicht sofort Ruhe gibst.«

»Da liegt einer im Kanal.«

»Das musste ja so kommen, so wie ihr säuft.«

»Ein Schwarzer, er ist tot.«

Das Gesicht verschwand vom Fenster. Sekunden später stand Franz in Unterhosen und Leibchen am Steg und schüttelte den Kopf.

»Hattet ihr Streit?«

»Spinnst du?«, brauste der Benjamin auf.

Der Wirt klappte sein Handy auf. Während er den Notruf wählte, brummte er:

»Dem Nazi ist alles zuzutrauen, so wie der daherredet.«

Kurt sah sich um. Schmitz war verschwunden. Der Georg schlug schon drei, als endlich Leben in die Gegend ums Nonnenhaus kam. Scheinwerfer erhellten den Platz, Fenster öffneten sich, Neugierige des ganzen Viertels versammelten sich wie an der Fasnetserweckung. Nur widerwillig ließen sie sich hinter die Schranken weisen, die Kalle, sein Bekannter bei den Stadtbullen, errichtete. Sanitäter stiegen in den Kanal, hoben den Toten aus dem seichten Wasser und hievten ihn auf die Trage. Der Notarzt wartete mit verschränkten Armen, bis sie den Leichnam fachgerecht vor seiner Heiligkeit aufgebahrt hatten, dann schnäuzte er sich in ein rot–weiß kariertes Taschentuch und sagte:

»Ertrunken ist er wohl nicht.«

»Das sieht ein Blinder«, murmelte Kurt und provozierte damit ein kaum unterdrücktes Gelächter bei seinen Leidensgenossen.

Er stand mit dem Benjamin in der Nähe neben dem Wirt. Als Zeugen hatte Kalle sie nicht hinter die Schranken gewiesen, ein Privileg, auf das er gerne verzichtet hätte. Die klaffende, blutverschmierte Wunde in der Brust des Schwarzen war nicht zu übersehen im hellen Scheinwerferlicht. Der Mann war erstochen worden, das verstand auch ein Laie mit Löchern in der Netzhaut wie er. Der Arzt entschloss sich endlich, neben die Trage zu knien, um den Leichnam zu untersuchen. Die Sanitäter warteten mit versteinerten Mienen in respektvollem Abstand auf Anweisungen des Hohepriesters.

Eine Polizeisirene unterbrach die Zeremonie. Von der Metzgergasse herunter schoss ein Dienstwagen auf sie zu. Er bremste kurz vor dem Steg. Kurt erkannte die hochgeschossene, kräftige Gestalt sofort, die sich mühsam aus dem Fahrersitz schälte: Polizeihauptmeister Uwe Schröder, raue Schale, weicher Kern. Der Hüne stürmte auf den Platz, nickte dem Arzt kurz zu, besah sich die Bescherung und wandte sich an seinen Untergebenen:

»Was haben wir?«

Kalle antwortete so leise, dass Kurt kein Wort verstand.

»Zeugen?«

Kalle deutete auf das Grüppchen beim Wirt. Die beiden kamen auf sie zu.

Schröder musterte ihn, den Benjamin, den Wirt, der inzwischen immerhin seine Jeans angezogen hatte, wie ein Gärtner seine verkümmerten Setzlinge.

»Ist das alles?«

»Ich fürchte ja«, bestätigte Kalle kleinlaut.

Schröder bedachte das armselige Häuflein mit dem Muss-das-denn-sein-Blick, bevor er sich den Wirt vorknöpfte, aus Rache für die Störung der Nachtruhe, wie Kurt annahm.

»Ich glaube, wir alle könnten einen Kaffee vertragen«, schlug der Wirt eilig vor, der die Schwächen von Polizeihauptmeister Schröder ebenso gut kannte wie die Sandler. Schröders Miene hellte sich auf. Sie nahmen am runden Stammtisch Platz. Wie erwartet, entwickelte sich die Zeugenbefragung so zu einem zivilisierten Gespräch unter alten Bekannten.

»Schade um den Kaffee«, brummte Kurt nach dem ersten Schluck.

Der Benjamin grinste, die andern stutzten.

»Ist doch wahr«, fuhr er fort mit einem wehmütigen Blick zur Theke, wo der ganze Geist des Schwabenlands in trinkbarer Form nur darauf wartete, die braune Brühe zu veredeln.

»Vergiss es, hier geht’s um Mord, verstanden?«, wies ihn Schröder zurecht.

Er verstand nicht, was der Klare auf der Theke mit dem Mord zu tun haben sollte, aber er war eben nicht der Hellste. Mit hängenden Schultern wagte er einen zweiten Schluck, um wach zu bleiben.

Der Wirt konnte nur wiederholen, was er der Polizei schon erzählt hatte. Der Lange und seine Kollegen hatten die Leiche entdeckt. Er selbst war nur der Mann mit dem Telefon.

»Hat einer von euch das Opfer früher schon mal gesehen?«, fragte Schröder.

Kopfschütteln. Es gab zwar nicht wenige dunkelhäutige Menschen in der Gegend, aber die meisten waren blutjunge Leute, die an der nahen Uni studierten.

»Der Doktor meint, der Mann wäre um die Vierzig«, murmelte Schröder mehr zu sich selbst. »So einer müsste hier doch verdammt noch mal auffallen.«

»Nachts sind halt alle schwarz«, grinste der Benjamin, der sich unbedingt in die Diskussion einbringen wollte.

Zu seinem Glück betrat der Arzt in diesem Augenblick die Wirtsstube. Er setzte sich dazu und wartete schweigend auf den Kaffee, bevor er seinen Befund bekanntgab. Dass die Zeugen mithörten, störte weder ihn noch Schröder.

»Der Tote ist männlich, eins fünfundsiebzig groß, schlank, ein Schwarzer, wahrscheinlich Afrikaner. Er hat eine Stichwunde in der Brust. Ein einziger Stich genau ins Herz führte zum sofortigen Exitus. Die Hämatome sind alle postmortal entstanden. Identifikation negativ. Wir haben weder Papiere noch Geld oder Handy bei ihm oder im Kanal gefunden.«

»Raubmord?«, fragte Schröder.

»Möglich, aber das herauszufinden ist euer Bier.«

»Tatzeit?«

»Der Mann starb vor höchstens zwei Stunden. Genaueres wissen wir erst nach der Obduktion in Stuttgart. Ich schätze, das Opfer ist zwischen eins und halb zwei hier in der Nähe erstochen und in den Kanal gestoßen worden.«

»Hier in der Nähe!«, rief der Wirt und erblasste.

Er sprang auf, holte eine Flasche mit dem kostbaren klaren Wasser und stellte jedem ein Schnapsglas hin. Ohne zu fragen, goss er ein, dann leerte er sein Glas in einem Zug, genauso wie die andern Zeugen.

»Ein Raubmord direkt vor meiner Tür – ich fass es nicht«, seufzte er, während er sich nachschenkte.

Kurt traute seinen Augen nicht, als er die Flasche wegstellte. Beleidigt deutete er auf ihre leeren Gläser, doch der Wirt beachtete ihn nicht. Stattdessen schob ihm Schröder sein volles Glas hin. Der Benjamin bekam den Klaren des Arztes. Damit war die Welt wieder in Ordnung.

Nicht für lange Zeit, denn der Wirt machte eine Bemerkung, die Kurt besser nicht kommentiert hätte.

»Vor meiner Haustür wird einer geschlachtet, und keine Sau merkt etwas.«

»Vielleicht hat ja der Nazi etwas gesehen.«

Es war ihm herausgerutscht. Er wusste sofort, dass er einen kapitalen Bock geschossen hatte. Schröder durchbohrte ihn mit Blicken, als hätte er ihn angespuckt.

»Was meinst du damit?«, fragte er gefährlich leise.

»Schmitz hat ihn doch zuerst gesehen, den Toten. Ich meine ja nur …«

»Herrgottsdonderwettr aber au! Das fällt dir erst jetzt ein? Wo ist der Kerl?«

»Abgehauen. Er – hat uns geweckt, dann habe ich ihn nicht mehr gesehen.«

Schröder stand auf und polterte: »Mir reicht’s. Los, mitkommen, Langer. Wir unterhalten uns auf dem Revier.«

Der Hüne packte ihn unsanft am Kragen, zog ihn hoch und schob ihn zur Tür hinaus. Auf dem Weg zum Wagen brüllte er Kalle zu:

»Fahndung nach Schmitz – ja, der Nazi! Er soll die Leiche entdeckt haben. Ich will den Kerl stante pede auf dem Posten, verstanden?«

Felixstowe, Suffolk

Thomas Stuart nahm den ersten Zug und blies den Rauch durch die Nase, dann warf er die Zigarette angewidert weg. Der Geruch des Tabaks ekelte ihn an. Nichts war mehr wie früher, außer dem grau verhangenen Himmel, aus dem es seit Tagen in kurzen Abständen regnete, als wären die Wolken inkontinent. Er hatte wieder kaum geschlafen. Wie auch? Seit seine Frau am Dienstagabend nicht nach Hause gekommen war, lebte er in einem falschen Film, in einer unwirklichen Zwischenwelt, aus der er verzweifelt einen Ausgang suchte.

In der Morgendämmerung regte sich weit und breit nichts an seiner Straße, als wären alle Bewohner ausgezogen, selbst die Vögel und Stechmücken. Er betrachtete das Haus, in dem er seit der Heirat mit der wunderbaren Felicity wohnte. Das schmale Reihenhaus im roten Backsteinbau war der Mittelpunkt seines Lebens gewesen bis letzten Dienstag. Es war ein bescheidenes Haus und nicht die beste Gegend in Felixstowe, aber hier lebten sie glücklich. Er wollte nicht mehr. Felicity liebte ihn, er liebte sie, und sie war die beste Mutter, die er sich für seinen Sohn wünschen konnte. Warum ich?, fragte er sich zum hundertsten Mal. Warum konnte der Herrgott seine kleine Familie nicht einfach in Ruhe lassen? Was hatten sie getan, dass es plötzlich so enden musste?

Jetzt, ohne Felicity, war das Haus nur noch Kulisse im falschen Film. Er wusste, dass das nicht stimmte, aber manchmal übermannte ihn die Bitterkeit. Dann vergaß er Scotty, der ihn jetzt ganz besonders brauchte. Sein Sohn war sechzehn und hing sehr an seiner Mutter. Scotty war ein guter Junge, das spürte er, obwohl sie mit den Jahren immer weniger miteinander gesprochen hatten. Am Dienstagabend war die Verbindung ganz abgebrochen. Scottys Mund blieb versiegelt. Weder er noch die Polizei brachten auch nur ein einziges Wort aus ihm heraus. Er verstand die Reaktion des Jungen auf den Schock und die unerträgliche Ungewissheit. Trotzdem verwünschte er ihn manchmal, wenn er nicht mehr ein noch aus wusste.

Bedrückt kehrte er ins Haus zurück. Schmutziges Geschirr stapelte sich im Spültrog. Die Luft roch abgestanden trotz des offenen Fensters. Die Vorräte im Kühlschrank gingen zur Neige. Die zuletzt gewaschene Wäsche lag immer noch im Korb in Felicitys Arbeitszimmer. Die Lage wurde mit jeder Stunde unübersichtlicher. Er wusste nicht, wo er hinsehen sollte, ohne ein neues Problem zu entdecken. Als wäre dies nicht genug, plärrte oben in Scottys verschlossenem Zimmer von morgens früh bis spät in die Nacht aggressive Musik. Heavy Metal, Lärm, mit dem er seit jeher auf Kriegsfuß stand.

Einmal mehr stieg er die Treppe hoch und klopfte an die Tür des Jungen.

»Scotty, dreh die Musik leiser! Lass uns reden.«

Nichts geschah. Die Musik hämmerte weiter. Der Junge widersprach ihm nicht einmal mehr. Es war unmöglich, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Er schwänzte die Schule, blieb dem Fußballtraining fern, und sein Vater stand im eigenen Haus vor verschlossener Tür wie ein Aussätziger, den alle mieden. Er gab auf und ging zurück ins Wohnzimmer. Ich muss ihm mehr Zeit lassen, redete er sich ein, bloß glaubte er selbst nicht daran, dass Zeit die Wunden heilte. Je länger die Ungewissheit dauerte, desto erdrückender wurde das Gefühl, dass Felicity etwas Unaussprechliches zugestoßen sein musste. Nein, Zeit heilte keine Wunden. Zeit war die reinste Folter. Niemand in der Nachbarschaft oder in der Fabrik, wo Felicity seit Jahren als Vorarbeiterin angestellt war, hatte etwas bemerkt, was ihr Verschwinden erklären könnte. Die Polizei fand keine Spur, obwohl sie die Gegend mit Hunden durchkämmt hatte. Die Küstenwache suchte immer noch nach ihr. Alles umsonst. Was von ihr blieb, waren nur Erinnerungen und die Unordnung im Haus, für jedermann sichtbares Zeugnis ihres Fehlens.

Er fand ein paar alte Teebeutel im Küchenschrank. Er brühte Wasser auf, spülte die benutzte Tasse auf der Anrichte kurz aus, hängte einen Beutel hinein und goss das siedende Wasser darüber. Er wartete, bis das Wasser die richtige Farbe annahm, rührte abwesend, dann schüttete er den Inhalt der Tasse in den Ausguss und verließ das Haus.

Das Transportunternehmen, bei dem er als Magaziner arbeitete, lag an der Einfahrt zur A14, ein Fußweg von zehn Minuten. Es begann wieder zu regnen. Er stülpte die Kapuze über den Kopf. Wasser rann ihm übers Gesicht. Die Hosenbeine waren nach kurzer Zeit nass bis über die Knie, als watete er durch die Trimley Marshes. Er bemerkte es kaum. In Gedanken stellte er sich immer wieder dieselben Fragen: Was war geschehen? Warum? Wo ist sie? Die wichtigste Frage wagte er nicht einmal zu denken, so unerträglich war die Vorstellung, Felicity könnte nicht mehr am Leben sein. Er versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was er als Nächstes unternehmen musste. Offensichtlich brauchte er eine ordnende Hand zu Hause und jemanden, der einen Zugang zu Scotty finden würde. Diese Person gab es, doch er hasste den Gedanken, seine Schwester um Hilfe zu bitten. Je mehr Gründe er suchte, es nicht zu tun, desto deutlicher erkannte er, dass es keine bessere Lösung gab.

Die Menschentraube vor den Lagerhallen unterbrach seinen Gedankengang. Etwas stimmte nicht. Warum versammelten sich die Kollegen draußen vor dem Tor im strömenden Regen? Als er nähertrat, sah er, dass das Haupttor verschlossen war. Magaziner, Fahrer und die Angestellten aus dem Büro sprachen und riefen aufgeregt durcheinander. Am Tor standen Polizisten und über dem Schloss klebte ein leuchtend gelbes Siegel. Bei diesem Anblick wich das Blut aus seinem Gesicht.

»Felicity?«, schrie er heiser und drängte sich nach vorn.

Walt aus der Buchhaltung fing ihn ab.

»Nein, es hat nichts mit Felicity zu tun. Es geht um die Firma. Verdammt, Thomas, wir sind pleite.«

Ungläubig starrte er ihn an und fragte albern:

»Was heißt das?«

Zwei andere antworteten gleichzeitig außer sich, sodass er den Zusammenhang erraten musste. Es war die Geschichte, die er in letzter Zeit immer häufiger in der Zeitung gelesen hatte, nur betraf es diesmal ihn selbst und seine Kollegen. Die Firma schrieb seit Langem Verluste, musste stets teurere Kredite aufnehmen, bis die Bank den Schlussstrich zog. Über Nacht war der Laden, in dem er das halbe Leben verbracht hatte, insolvent. Was für ein harmloses Wort für die beschlagnahmten Lkws, die gepfändeten Lager und die Arbeiter im Regen ohne Aussicht auf einen weiteren Penny.

»Wo ist Ben?«, fragte er Walt nach einer Weile.

Ben war der Juniorchef, der das Familienunternehmen erst vor drei Jahren vom Vater übernommen und seine Sache gar nicht so übel gemacht hatte, seiner Meinung nach.

»Spital, Nervenzusammenbruch.«

Das gelbe Siegel am Tor markierte nicht nur das Ende der Firma. Es war auch das Ende der Straße für die versammelte Belegschaft. Manche unter ihnen hatten das Verfalldatum überschritten, er eingeschlossen. Sie würden kaum neue Jobs finden. Ihr Leben ging gerade mit dem verfluchten Regen den Bach runter. Das verstand er zwar, doch berührte es ihn kaum. Sein Leben hatte er schon vorher verloren. In Gedanken versunken machte er sich auf den Heimweg.

Die Musik dröhnte noch lauter aus Scottys Zimmer. So ging es nicht weiter. Oben an der Treppe stutzte er. Die Zimmertür stand halb offen.

»Scotty?«

Er stieß die Tür vorsichtig auf. Sein Junge war ausgeflogen. Die Laufschuhe standen nicht mehr unter dem Bett. Scotty war draußen im Regen am Joggen, wie früher, als kein Hudelwetter ihn davon abhalten konnte. Erleichtert schaltete er das Radio ab. Ein Lächeln huschte über sein zerfurchtes Gesicht. Der Junge war dabei, sich wieder aufzufangen, Gott sei Dank. Ein Rascheln hinter seinem Rücken erschreckte ihn. Ein Papierknäuel rollte auf ihn zu. Der schwarze Kater stand breitbeinig in der Tür. Er blickte ihn vorwurfsvoll an und krächzte ein paar Mal laut zur Begrüßung.

»Cromwell!«

Der Kater strich ihm um die Beine, dann schüttelte er sich und protestierte mit der heiseren Stimme des fortgeschrittenen Alters. Thomas kraulte ihm beruhigend den Hals.

»Um dich kümmert sich auch niemand mehr, tut mir leid.«

In der Küche fand er noch eine Büchse mit Katzenfutter. Er schob Cromwell den Teller hin, doch der Kater sah ihn nur an und stieß sein lang gezogenes, weinerliches Krächzen aus, mit dem er sonst die Krähen erschreckte.

»Ich glaube, ich weiß, was du meinst«, murmelte er. »Warte hier, ich bin gleich zurück.«

Er klingelte bei der Nachbarin und bat sie um ein Ei. Cromwell war süchtig nach Eigelb, und er hatte etwas Gutes verdient.

»Gibt es Nachrichten von Felicity?«, fragte die Frau nach kurzem Zögern.

Er schüttelte den Kopf. »Sie mussten die Suche einstellen – bei diesem Wetter.«

»Es tut mir so leid, Thomas. Ich bete jeden Tag für sie.«

Das hatte er aufgegeben. Wenn es einen Herrgott gäbe, müsste er ein Sadist sein. Trotzdem bedankte er sich artig und fragte:

»Hast du zufällig Scotty gesehen?«

»Ja, der arme Junge. Er ist vor zwanzig Minuten weggefahren.«

»Gefahren?«

»Mit unserm Fahrrad. Du weißt, er kann es nehmen, wann er will. Wir brauchen es nicht mehr.«

Die Nachricht alarmierte ihn. »Hatte er etwas dabei? Hast du gesehen, wohin er gefahren ist?«

Sie blickte ihn entsetzt an. »Du meinst, er ist abgehauen? Nein – auf keinen Fall – nicht Scotty! Ich sah ihn aus dem Haus rennen. Er schnappte sich das Rad und brauste in Richtung Fabrik davon. Mach dir keine Sorgen. Der Junge kommt bald wieder.«

Cromwell schnurrte lauter als sonst, als Thomas das Eigelb verrührte, denn er spürte, dass sein menschlicher Butler nicht bei der Sache war. Die Nachbarin hatte gut reden. Natürlich machte er sich Sorgen um Scotty. Er machte sich nur noch Sorgen in letzter Zeit, die Sorge um den Arbeitsplatz noch nicht mitgezählt. Der Kater gab endlich Ruhe und verschlang seinen Eidotter.

Schweren Herzens rief Thomas seine Schwester an. Sie hätte sich sowieso nach seinem Befinden erkundigt, wie jeden Tag, aber er wollte die Initiative nicht ihr überlassen, wenn er schon um Hilfe bitten musste. Das Gespräch war noch nicht zu Ende, als er Scotty in irrem Tempo aufs Haus zu rasen sah. Er warf das Rad hin und stürmte in die Stube.

»Dad!«, keuchte er völlig aufgelöst.

Dabei hielt er ein blau-weiß gestreiftes Tuch hoch, bei dessen Anblick Thomas der Atem stockte. Wortlos legte er den Hörer auf und griff nach dem Tuch. Es war nass und verschmutzt, doch es gab keinen Zweifel: Felicity hatte diesen Schal am Dienstag getragen.

Scotty blickte ihn angstvoll an.

»Er hat sich im Gebüsch verfangen«, flüsterte er. »Dad, sie liegt irgendwo da draußen.«

»Red keinen Unsinn!«, wies er ihn zurecht, obwohl er genau dasselbe dachte.

Vor ihm stand nicht mehr der selbstbewusste Teenager, der den Rest der Welt mit schriller Musik und Unordnung provozierte. Scotty war wieder der kleine Junge, der den starken Arm des Vaters brauchte.

»Wo hast du ihn gefunden?«

»Ich bin hinter der Fabrik weiter gegen die Marshes gefahren, dort …«

»Die Sümpfe«, wiederholte Thomas nachdenklich.

Die Polizei hatte die Suche dort wegen der Überschwemmung abbrechen müssen. Er drückte das Tuch, als müsste er Felicity festhalten. Es fühlte sich weich und zart an wie sie.

»Wir müssen die Polizei rufen«, drängte Scotty.

»Ich weiß.«

Eine Stunde später stampfte er mit seinem Sohn an der Spitze des Suchtrupps durch das nasse Gras auf die Fundstelle zu. Die Männer schwärmten aus und begannen Gebüsch und Marschland zu durchkämmen. Sie konnten keine Hunde einsetzen. Das Wasser stand zu hoch. Scotty reichte es bisweilen an die Hüfte, doch er ließ sich durch nichts davon abbringen, bei der Suche nach seiner Mutter zu helfen. Thomas benötigte seine ganze Aufmerksamkeit, um den Jungen im Auge zu behalten. So bemerkte er erst, dass ein Constable die Hand hochhielt, als der Rest der Truppe auf ihn zu watete.

»Bleiben Sie, wo Sie sind«, wies ihn der Sergeant an, der den Einsatz leitete.

Er dachte nicht daran. Scotty erst recht nicht. Hals über Kopf stolperten sie zur Stelle, wo sich alle im Halbkreis versammelten.

»Felicity? Habt ihr sie gefunden?«, rief Thomas verzweifelt.

Der Sergeant versuchte, ihn aufzuhalten.

»Sie sollten sich das nicht ansehen«, sagte er hastig.

Die Beamten versuchten, Scotty zurückzuhalten, aber der Junge war schneller. Er drängte sich zwischen ihnen hindurch, und sein Vater tat es ihm gleich.

»Mom! Nein!«, brüllte der Junge.

Er sank auf die Knie, ergriff die Schuhe, deren Spitzen ihm entgegen ragten, versuchte, den Leichnam seiner Mutter aus dem Wasser zu ziehen. Zwei Polizisten waren damit beschäftigt, ihn zurückzuhalten und zu beruhigen, während Thomas nur noch das wächserne Gesicht im schmutzigen Tümpel sah. Die toten Augen lasen direkt in seinen Gedanken.

»Felic …«

Seine Stimme versagte. Da lag die Frau, ohne die er sich kein Leben vorstellen konnte, vor ihm im Dreck. Als hätte sie sich nur kurz ausgestreckt und wäre vom Regen überrascht worden – und vom Messerstich in ihr Herz. Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, konnte er den Blick nicht von ihr wenden, als müsste sie jeden Moment erwachen. Er nahm nichts anderes wahr, als diesen geschundenen Körper, den seine Felicity für immer verlassen hatte. Reglos stand er da und reagierte auf nichts, was um ihn herum vorging, doch plötzlich brach es aus ihm heraus. Er schloss seinen Jungen in die Arme, drückte ihn fest an sich, und beide begannen, hemmungslos zu schluchzen.

Allein in den Trümmern seiner Träume, nahm er die Befehle des Sergeants, die aufgeregten Funksprüche, die Blaumänner der Spurensicherung, das Eintreffen des Gerichtsmediziners nur am Rande wahr. Willenlos ließ er sich mit dem Jungen wegführen. Er kehrte erst im Rettungswagen in die Gegenwart zurück, wo eine Sanitäterin unablässig in beruhigendem Ton auf ihn einredete.

»Verstehen Sie mich? Wir bringen Sie und den Jungen nach Hause. Ich habe Ihnen etwas zur Beruhigung gegeben.«

»Beruhigung«, lallte er verständnislos.

»Sie stehen unter Schock. Es ist wichtig, dass Sie sich jetzt ausruhen. Die Nachbarin wird sich um Sie beide kümmern. Können wir jemanden aus Ihrer Familie anrufen, um Sie zu unterstützen?«

Familie – was bedeutete das Wort noch? Er starrte durch sie hindurch auf der Suche nach einer Antwort.

»Wo ist sie?«, fragte er unvermittelt.

»Man bringt sie in die Gerichtsmedizin.«

Er setzte sich auf und machte Anstalten, von der Trage zu steigen. »Ich muss zu ihr.«

Scotty saß mit versteinertem Gesicht auf der Bank an der Wand.

»Wir müssen zu ihr«, ergänzte er rasch.

»Das geht jetzt leider nicht, Mr. Stuart. Die Gerichtsmedizin muss Ihre Frau zuerst untersuchen, um festzustellen, was genau geschehen ist. Das möchten Sie doch auch wissen, nicht wahr?«

»Sie dürfen Mom nicht aufschneiden!«, rief Scotty entrüstet.

Danach verfiel sein Sohn wieder in teilnahmsloses Schweigen. Es war die letzte Äußerung, die Thomas für lange Zeit aus seinem Mund hören sollte. Auch ihm stand der Sinn nicht nach Reden. Die Nachbarin, die Freunde aus dem Quartier, Arbeitskollegen, die nach und nach in seinem Haus eintrafen, brachten kaum ein Wort aus ihm heraus. Selbst die Schwester, die am frühen Nachmittag einzog, schwieg er beharrlich an. Scotty hatte sich wieder in sein Zimmer eingeschlossen, diesmal ohne Musik. Es kam ihm vor, als bewohnten Fremde das Haus, als wären sie beide nur ungebetene Gäste. Der leere Magen rettete ihn schließlich aus der Depression. Die Schwester stellte ihm eine Komposition aus Eiern, Würstchen und gegrillten Tomaten hin, deren Duft er nicht widerstehen konnte. Es war das erste anständige Essen seit Tagen. Der frische Tee beschleunigte den Heilungsprozess, sodass er allmählich wieder vernünftige Sätze formulieren und Fragen stellen konnte.

»Wie ist es geschehen?«, wollte er von der Polizeipsychologin wissen, die neuerdings auch in seinem Haus wohnte und gerade unverrichteter Dinge vom oberen Stock herunterkam.

»Die Untersuchungen sind noch im Gange. Fest steht, dass das Opfer an einem Stich ins Herz gestorben ist.«

»Das Opfer heißt Felicity«, brummte er.

»Ja natürlich, Entschuldigung.«

»Hat sie gelitten?«

Die Psychologin schüttelte den Kopf. »Der Gerichtsmediziner meint, der Tod sei augenblicklich eingetreten.«

»Wie können Sie da so sicher sein?«

»Felicity hat nicht leiden müssen, glauben Sie mir.«

»Wer tut so etwas Schreckliches?«, fragte die Schwester. »Alle haben Felicity geachtet und geliebt. Ich verstehe es nicht.«

»Niemand kann so etwas verstehen«, stimmte die Psychologin ihr zu, »aber wir werden alles unternehmen, um diese Tat aufzuklären.«

»Das bringt sie uns auch nicht zurück«, brummte er.

»Nein, da haben Sie natürlich recht. Trotzdem wird die Aufklärung Ihnen helfen, den Verlust mit der Zeit zu akzeptieren.«

Er sah sie ratlos an. Was meinte sie mit akzeptieren? Wie würde er diesen Wahnsinn je verstehen können? Die Psychologin las ihm die Zweifel vom Gesicht ab. Sie sagte, was sie wohl schon manchen Betroffenen geraten hatte:

»Es ist jetzt ganz wichtig, dass Sie sich nicht zurückziehen. Reden Sie mit Bekannten und Freunden, mit Ihrem Sohn. Versuchen Sie, zu Ihrem gewohnten Tagesablauf zurückzufinden. Das gibt Ihnen Halt und die Kraft, für Ihren Sohn da zu sein. Er braucht Sie jetzt mehr als zuvor.«

Schöne Worte, dachte er bitter. Was wusste sie schon über ihn. Von einem gewohnten Tagesablauf konnte keine Rede sein, selbst wenn er wollte. Seit diesem Morgen war er arbeitslos. Er hatte keine Ahnung, wie er den nächsten Zins fürs Haus bezahlen sollte, doch das war im Moment seine geringste Sorge. Er ließ die Psychologin im Glauben, geholfen zu haben, nickte ihr zu und bedankte sich. Sie überreichte ihm die Visitenkarte mit der üblichen Floskel, die er oft im Fernsehen gehört hatte, dann verabschiedete sie sich.

»Ich sehe mal nach Scotty«, murmelte er und stieg schweren Herzens die Treppe hoch.

Kaum oben angekommen, hörte er unten Josh Sorins dröhnenden Bass:

»Wo ist er?«

Josh gehörte die Konservenfabrik, deren Vorarbeiterin Felicity gewesen war. Ein Patron alter Schule, kümmerte er sich um seine Schäfchen wie um eine große Familie. Seit Scottys Geburt ging er regelmäßig ein und aus in ihrem Haus, denn er war auch Scottys großzügiger Pate. Thomas stieg wieder hinunter.

»Wen meinst du?«, fragte er mit gequältem Lächeln.

Josh drückte ihn an seine breite Brust. »Verdammt, Thomas, es tut mir so leid. Ich kann es immer noch nicht glauben.«

»Da bist du nicht allein.«

Hinter Josh trat Aaron Poynter ein, Joshs zweiter Vorarbeiter, Felicitys Kollege und jetzt wohl Nachfolger. Er streckte die Pranke aus, die kaum in einen Boxhandschuh passte, und murmelte verlegen:

»Mein Beileid. Ich – weiß nicht, was ich sagen soll.«

»Was ist genau geschehen?«, fragte Josh.

Thomas zuckte die Achseln. »Sie sagen, es war ein einziger Stich ins Herz. Mehr weiß ich nicht.«

Josh starrte ihn mit großen Augen an. »Wie ist es passiert? Wann, wo?«

Wieder konnte er nur mit den Schultern zucken, worauf Josh rot anlief.

»Was sagen die Bullen?«

»Gar nichts oder sie wissen nichts.«

Josh warf seinem Vorarbeiter einen Blick zu, als wollte er ihm dafür die gebrochene Nase noch einmal polieren.

»Bullen«, knurrte der verächtlich. »Auf die kannst du dich nicht verlassen, aber wir werden die Bestie finden, die deine Felicity auf dem Gewissen hat. Das verspreche ich dir.«

Seine Hand verkrampfte sich zur Faust, als hätte er den Hals des Täters schon gepackt.

»Wie kommt Scotty klar?«, fragte Josh.

»Gar nicht, fürchte ich. Er mauert sich ein in seinem Zimmer und heult.«

»Ich sehe mal nach ihm.«

Er stieg hinauf. Thomas setzte sich mit Aaron an den Küchentisch.

»Bier?«, fragte er, obwohl es seit Tagen nur noch leere Flaschen im Haus gab.

Aaron schüttelte den Kopf. »Danke, nur keine Umstände. Was für ein elender Scheißtag!«

»Das kannst du laut sagen. Passt alles wunderbar zusammen: das Verbrechen, das Wetter und jetzt bin ich auch noch den Job los.«

»Das ist nicht wahr!«, rief Aaron aus.

»Leider schon. Die Firma ist pleite.«

Aaron schüttelte ungläubig den Kopf. »Pleite«, wiederholte er dumpf. »Und das an diesem Tag.«

Aaron war kein Meister der Rhetorik, doch Thomas verstand, was er damit sagen wollte.

»Eine Riesenschweinerei ist das«, rief Aaron aus, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen.

Sie saßen sich eine Weile schweigend gegenüber, bis Josh sich wieder zu ihnen gesellte, da klagte Aaron:

»Alles geht den Bach runter.«

»Scotty spielt auf seinem Computer«, sagte Josh mit einem Lächeln, das ihn aufmuntern sollte.

Tatsächlich war es das erste Mal, dass er den Computerspielen seines Sohnes etwas Positives abgewinnen konnte.

Josh wandte sich an seinen Vorarbeiter: »Was geht den Bach runter?«

»Thomas steht auf der Straße. Seine Bude ist pleite.«

Josh sah Thomas vorwurfsvoll an. »Warum sagst du denn nichts?«

»Was soll ich dazu sagen? Mir gehen jetzt andere Dinge durch den Kopf, wie du dir vorstellen kannst.«

Josh überlegte nicht lange. »Mach dir mal keine Sorgen um den Job«, beruhigte er. »Aaron kann einen guten Magaziner brauchen, nicht wahr?«

Die Frage war an den Vorarbeiter gerichtet. Der grinste erfreut und antwortete:

»Jederzeit. Du kannst morgen anfangen.«

Flüchtig streifte Thomas der Gedanke an einen üblen Scherz, doch Josh streckte ihm die Hand entgegen und fragte:

»Deal?«

Er schlug zögernd ein. »Ich weiß nicht, ob ich morgen schon …«

»Ach, war nicht so gemeint«, stellte Aaron klar. »Lass dir ruhig Zeit, aber ich rechne mit dir.«

»Ein Problem weniger«, lächelte Josh. »Siehst du, schon geht es wieder aufwärts.«

Er stand auf und zog das Telefon aus der Tasche, während er murmelte: »Jetzt wollen wir mal der Polizei Beine machen.«

Während des Gesprächs tigerte der Patron erregt durch die Wohnung, sodass nur Wortfetzen an den Küchentisch drangen.

»Sie wird nach London überführt«, erklärte er, als er sich wieder setzte. »Scotland Yard übernimmt den Fall. Wurde auch Zeit, dass die Profis übernehmen.«

Die Nachricht überraschte und verwirrte Thomas. »London?«, fragte er unsicher. »Was heißt das? Wann kann ich zu ihr?«

Josh klopfte ihm auf die Schulter. »Bald. Lass das nur meine Sorge sein. Ich mache ihnen Feuer unterm Hintern, dass ihnen Hören und Sehen vergehen, wenn sie schlampen.«

Er brauchte gern große Worte, doch der forsche Ton wirkte unter diesen Umständen beruhigend. Thomas traute ihm durchaus zu, selbst bei Scotland Yard etwas zu bewegen. Josh war nicht irgendwer. Er gehörte zum Jetset Norwichs, wo er seinen Landsitz hatte, und zu den besten Steuerzahlern Suffolks, wo seine Fabrik stand. Sein Einfluss auf Politik und Behörden war nicht zu unterschätzen.

Thomas fühlte sich jedenfalls wesentlich besser, nachdem er mit den beiden gesprochen hatte.

»Meinst du, er packt es?«, fragte Aaron, als Josh zu ihm ins Auto stieg.

Josh nickte schweigend.

»Schlimm für deinen Jungen«, murmelte Aaron.

Josh warf ihm einen warnenden Blick zu und sagte nur: »Du solltest dich in der Fabrik umhören – und am Hafen.«

»Darauf kannst du einen lassen. Wir kriegen das Schwein.«

Scotland Yard, London

Detective Chief Inspector Adam Rutherford eilte mit stummem Gruß an der Vorzimmerdame vorbei zur Tür von Chief Superintendent Whitney. Die Dame, die schon zwei Chiefs überlebt hatte, sprang entsetzt auf und rief:

»Halt Sir! Der Superintendent darf nicht gestört …«

Den Rest verschluckte sie, denn Adam betrat nach energischem Klopfen kurzerhand das Allerheiligste seines Vorgesetzten und Freundes.

»Eines Tages wirst du sie umbringen«, warf der ihm vor, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war. »Kannst du dich nicht anständig anmelden wie alle andern?«

»Ich bin nicht alle andern«, brummte Adam. »Hast du zwei Minuten?«

»Die sind schon fast vorbei.«

Er staunte über die ausnehmend gute Laune seines Chefs. Ironie war sonst nicht seine Stärke, wie auch alle andern Formen von Humor. Er nutzte die Gelegenheit, um gleich den heiklen Punkt anzusprechen.

»Ich brauche zehn Leute.«

Ein Wolkenbruch braute sich auf Whitneys Gesicht zusammen, doch dann zog er die Mundwinkel hoch und fragte leichthin:

»Nur zehn?«

Sein Chef war heute wirklich nicht zu bremsen.

»Ich mache keine Witze«, sagte er bestimmt.

Whitney beugte sich vor und blickte ihn an wie sein Mathematiklehrer vor hundert Jahren nach einer verpatzten Arbeit. Ungeduldig fragte er:

»Erinnerst du dich an die Kürzung unseres Etats im Januar? Du musstest selbst zwei Leute entlassen.«

»Habe ich vergessen, mich dafür zu bedanken? Hör mal, ich weiß nicht, wie du dir das vorstellst. Beim Chapham Killer hat sich gerade eine heiße Spur ergeben, in Felixstowe muss die ganze verdammte Fabrik vernommen werden, Hafenarbeiter, Anwohner, Autovermietungen, Taxifahrer und Wirte nicht zu vergessen. Das sind über fünfhundert Leute. Jetzt sollen noch vier meiner Männer die Drugs unterstützen. All das mit elf überarbeiteten Detectives, mich eingeschlossen. Es wird lange dauern.«

Whitney versuchte eine Weile, in seinen Gedanken zu lesen.

»Fünfhundert?«, fragte er schließlich verwundert. »Gibt es denn so viele Menschen in diesem gottverlassenen Felixstowe?«

Er wollte dem Superintendent die gute Laune wirklich nicht verderben, aber sein Problem musste jetzt gelöst werden. Ungeduldig wartete er auf Whitneys konstruktiven Beitrag.

»Ich kann keine zehn Detectives aus dem Hut zaubern, nicht einmal einen«, erklärte der schließlich zögernd, während er sein Gekritzel auf dem Notizblock eingehend betrachtete.

Was schließen wir daraus?, hätte Adam beinahe gefragt, doch er ließ Whitney weiter zappeln. Endlich legte sein Chef den Stift weg.

»Wie weit seid ihr mit den Dealern?«

Die Unterhaltung schwenkte in die richtige Richtung, dachte Adam erfreut.

»Meine Leute sind eben erst daran, sich einzuarbeiten.«

»Die sollen die Akten wieder zurückschicken. Ich sorge dafür, dass die Drogenfahndung allein klarkommt. Konzentriert euch auf die Tötungsdelikte.«

Adam erwiderte den vernichtenden Blick der Vorzimmerdame mit einem zufriedenen Lächeln. Sein Plan war aufgegangen. Whitney würde nach einer oder zwei Stunden auch begreifen, dass er keineswegs seinen Laden aufblähen, sondern sich nur auf den eigentlichen Job der Mordkommission konzentrieren und den lästigen Exkurs in die Drogenfahndung vermeiden wollte. Womöglich würde ihn die Geschichte eine gute Flasche Wein kosten. Ein angemessener Preis, fand er.

Ein Funke von Whitneys guter Laune war auf ihn übergesprungen, doch der erlosch sogleich wieder, als er sein Glashaus neben dem Büro der Detectives betrat. Draußen schien die Sonne, eine gelungene Überraschung in diesem Sommer, deshalb hatten sich die Jalousien automatisch geschlossen. Im kalten Kunstlicht machten seine Sukkulenten traurige Gesichter. Er ging ans Fenster, um seinen stacheligen Freunden etwas Trost zu spenden, doch sie mochten nicht zuhören. Die Lobivia weigerte sich weiterhin, ihre Blüte auszutreiben, als wäre ihr jede Freude am Leben vergangen.

»Irgendwie kann ich dich verstehen«, murmelte er.

Es musste sich etwas ändern, bloß wusste er nicht was. Er und sein düsteres Treibhaus am Rand des eisigen Großraumbüros lebten schon ewig in einer Symbiose, deren labiles Gleichgewicht niemand zu stören wagte, nicht einmal er selbst.

Nach und nach verließen seine Leute die Schreibtische. Es wurde Zeit für die Lagebesprechung im großen Sitzungszimmer. Unterwegs sammelte er die vier zur Drogenfahndung Verdammten ein. Sie nahmen die Nachricht mit freudestrahlenden Gesichtern auf. Vier glückliche Detectives an einem Tag – ungefähr vier mehr als im Durchschnitt.

»Wer zum Teufel isst Ölsardinen aus Blechbüchsen?«, fragte Pete, als er sich neben ihn setzte.

Pete Townsend gehörte zum Inventar seiner Abteilung. Als einfacher Sergeant besaß er mehr Autorität als die meisten Inspectors, dennoch wehrte er sich seit Jahren erfolgreich gegen eine Beförderung. Adam hatte nie wirklich verstanden, was ihn dazu bewog, auf höheres Gehalt und bessere Pension zu verzichten. Möglicherweise bildete er sich ein, als Inspector nicht mehr frisch von der Leber weg reden und fluchen zu dürfen.

Adam brauchte nicht zu antworten. Mad Barclay meinte giftig:

»Man sollte diesen Josh Sorin selbst zu Büchsenfutter verarbeiten.«

Adam pflegte eine ambivalente Beziehung zu seiner Pathologin. Sie hieß eigentlich Dr. Madison Barclay. Er kannte keinen besseren Gerichtsmediziner, doch ihr Spitzname war Programm. Hatte man das Pech, einen ihrer unkontrollierten Wutausbrüche zu erleben, konnte man sie durchaus für verrückt halten.

»Der Fabrikant aus Felixstowe?«, fragte er, um sie zu beruhigen.

»Arroganter Macho. Glaubt, mich mit seinen Beziehungen unter Druck setzen zu müssen. Ich kann’s nicht erwarten, diesen Idioten auf meinem Tisch zu haben.«

Machos zersägen und ausnehmen gehörte zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, denn sie war selbst das weibliche Äquivalent dazu und eine akute Gefahr für den weiblichen Nachwuchs beim Yard, wie jeder wusste.

Die Uhr an der Wand zeigte auf zehn. Zeit, anzufangen. Er blickte in die Runde und legte sogleich die Stirn in Falten. Mit hochgezogenen Brauen fragte er:

»Wo steckt Cornwallis?«

Erst nach kurzem Zögern meldete sich ein blasser junger Mann:

»Sir, ich glaube, DS Cornwallis ist noch in Felixstowe.«

Adams Blicke brachten das bleiche Gesicht zum Glühen.

»So, glauben Sie?«, fragte er lauernd. »Und was wissen Sie?«

Der junge Mann schluckte schwer, versuchte vergeblich, eine Antwort zu finden.

»Richten Sie Ihrem Partner aus, er habe sich gefälligst zur Lagebesprechung einzufinden wie alle andern auch«, wies er ihn zurecht.

»Verstanden, Sir, soll ich ihn …«

Er war aufgesprungen, das Telefon in der Hand.

»Setzen!«

Er brauchte den jungen Computerexperten, um das elektronische Whiteboard zu bedienen, das die gute, alte, einfache Pinnwand ersetzte. Er wartete, bis der eingeschüchterte Detective Constable den Stuhl wieder an den Tisch gerückt hatte, bevor er Pete aufforderte, die Lage im Mordfall Stuart zusammenzufassen. An der Wand erschien das Porträt einer Frau neben dem Ausschnitt aus der Landkarte von Felixstowe.

»Mrs. Felicity Stuart, einundvierzig, wurde am Freitag, 22. August, morgens um 11:20 Uhr in den Trimley Marshes bei Felixstowe, Suffolk, tot aufgefunden.«

Während er sprach, fügten sich mehr und mehr Zeichen, Texte, Figuren und Fotos ins Bild, bis der aktuelle Stand der Ermittlungen als virtuelle Collage fast die ganze Wand bedeckte. Auf Petes Zeichen blendete der junge Mann die Zeitlinie mit allen bis jetzt rekonstruierten Ereignissen ein, von den letzten Stunden vor Felicitys Verschwinden bis zum Fund ihrer Leiche. Es waren nicht viele, genau drei. Pete las vor:

»Dienstag, 19. August, 17:35 Uhr: Felicitys letztes Gespräch mit Aaron Poynter, ihrem Stellvertreter. Unmittelbar danach verlässt sie die Fabrik. Freitag, 22. August, 10:10 Uhr: Der Sohn Scotty Stuart entdeckt Felicitys Schal im Moor. Freitag, 22. August, 11:20 Uhr: Suchtrupp der Suffolk Constabulary findet Felicitys Leiche im Moor.«

Die beinahe leere Zeitlinie ärgerte Adam, doch enthielt er sich eines Kommentars und wandte sich an die Pathologin:

»Wissen wir inzwischen mehr über Todeszeitpunkt und Todesursache?«

»Steht im vorläufigen Bericht für alle, die lesen können«, brummte sie.

Und die Zeit dazu haben, hätte er am liebsten ergänzt. Stattdessen warf er ihr einen aufmunternden Blick zu und wartete.

»Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen«, fuhr sie widerwillig fort. »Mal abgesehen von den zahlreichen postmortalen Hämatomen, die durch unsachgemäße Behandlung des Leichnams zustande kamen, kann ich Folgendes festhalten: Das Opfer ist durch einen einzigen Messerstich ins Herz gestorben. Der Tod muss unmittelbar eingetreten sein, so präzis war der Stich geführt. Ich selbst ich hätte es nicht besser gekonnt. Die Tatwaffe ist bisher nicht gefunden worden. Vermutlich handelt es sich um einen zweischneidigen Dolch mit zirka ein Zoll breiter und mindestens sechs Zoll langer Klinge.«

»Der Täter war ein Fachmann? Ein Arzt?«, fragte er verblüfft.

»Oder ein erfahrener Metzger. Die Präzision kann natürlich auch Zufall gewesen sein, aber das halte ich für eher unwahrscheinlich, denn es gibt wie gesagt nur eine Stichwunde.«

»Kann es eine Frau getan haben?«

»Möglich. Eine kräftige Frau mit der richtigen Portion Wut im Bauch – warum nicht? Der Stichkanal führt leicht schräg nach oben. Das deutet darauf hin, dass der Täter oder die Täterin ungefähr gleich groß ist wie das Opfer.«

»Fünf Fuß sieben, Sir«, rief der junge Mann am Computer dazwischen.

»Also eher klein, gedrungen«, murmelte Adam. »Das ist wenigstens ein erster, konkreter Anhaltspunkt. Wurde das Opfer misshandelt, missbraucht?«

»Vergewaltigt meinst du? Nein, es gibt kein Anzeichen von Missbrauch oder Gewalt, außer dem Messerstich. Er muss sie vollkommen überrascht haben.«

»Todeszeitpunkt?«

»Der Zeitpunkt des Exitus lässt sich nicht mehr genau eingrenzen. Sicher ist, dass der Leichnam schon vor der letzten Regenfront im Moor gelegen hat. Das heißt, er ist irgendwann vor ein Uhr am Mittwochmorgen dort abgelegt worden.«

»Sie ist nicht dort gestorben?«

»Nicht am Fundort. Die Kriminaltechnik konnte den Tatort noch nicht finden. Dürfte auch ziemlich schwierig werden, falls sie im Moor gestorben ist. Das viele Wasser hat fast alle Spuren beseitigt.«

Er warf einen Blick auf die Projektionswand. »Wir gehen also davon aus, dass die Tat zwischen Dienstag, 17:35 Uhr und Mittwochmorgen, 1 Uhr, geschehen ist?«

»Ich hätte es kaum besser formulieren können.«

Wie von Geisterhand gezeichnet, erschien ein roter Balken mit der Beschriftung ›Todeszeitpunkt‹ auf der Zeitlinie. Es gab zu viele weiße Flecke in diesem Fall und entschieden zu wenige Detectives, die er darauf ansetzen konnte. Seine Leute vermochten mit Mühe die Befragung der Fabrikarbeiter zu bewältigen und die Familie des Opfers zu durchleuchten. Mehr lag auch mit Unterstützung der Polizei von Suffolk nicht drin. Mad Barclay fiel das auch auf. Sie reagierte ungehalten:

»Wer nimmt sich den König der Sardinen zur Brust?«

Pete grinste. »Sorin? Der wird von den Kollegen in Norfolk vernommen.«

»Gratuliere!«, schnaubte die Pathologin verächtlich. »Der King wird von seinen Vasallen ausgequetscht. Das könnt ihr euch sparen.«

Adam griff ein, bevor der Schlagabtausch eskalierte:

»Wir können nicht alles allein machen – leider. Konzentriert die Vernehmungen auf den Tatradius und die Suche nach dem Motiv.«

Auf der Karte an der Wand erschien ein schraffierter Kreis mit Sorins Konservenfabrik als Mittelpunkt. Das Programm deutete damit an, in welchem Gebiet sich das Opfer vor der Tat wahrscheinlich aufgehalten hatte.

»Es gibt verdammt wenig Greifbares«, sagte er verärgert. »Im Grunde wissen wir noch gar nichts, was uns weiter bringt.«

Während er aussprach, was alle dachten, ging die Tür leise auf. Eine jugendliche Gestalt, nicht unähnlich dem Neuling am Computer, betrat den Raum.

»Detective Sergeant Cornwallis, schön, dass Sie den Weg zu uns doch noch gefunden haben«, knurrte Adam.

»Sorry, Sir, ich wurde in Felixstowe aufgehalten. Gestern Nacht ist uns gelungen, den Jungen Scotty Stuart endlich zum Reden zu bringen. Er sagt aus, seine Mutter am Dienstagabend gesehen zu haben, als sie die Fabrik verließ. Er behauptet, ein Mann habe kurz mit ihr gesprochen, dann sei sie in sein Auto eingestiegen. Das Auto sei in Richtung Hafen gefahren. Zeitpunkt etwa 17:45 Uhr.«

Das Ereignis erschien auf der Zeitlinie, während die Augen der Kollegen an den Lippen des Sergeants hingen.

»Und weiter?«, drängte Adam. »Wie sah der Mann aus? Wagentyp, Kennzeichen?«

Cornwallis schüttelte bedauernd den Kopf. »Scotty hat sich widersprochen. Er sah die beiden nur kurz, während er auf dem Rad vorbeifuhr. Ab 18 Uhr war er nach übereinstimmenden Zeugenaussagen bereits wieder zu Hause. Sicher ist er sich einzig, dass er Felicity gesehen hat und den Rücken eines untersetzten Mannes etwa in ihrer Größe.«

»Ist uns auch schon bekannt.«

Cornwallis blickte ihn bestürzt an, dann sah er das vorläufige Täterprofil an der Wand und lächelte.

»Ja, Sir, die Größe deckt sich mit Scottys Aussage. Der Unbekannte könnte der Täter gewesen sein.«

Er hüstelte, legte eine Kunstpause ein, bevor er hinzufügte:

»Scotty hat gehört, wie der Unbekannte laut und eindringlich auf seine Mutter einredete. Er hat zwar nicht verstanden, worum es ging, ist aber überzeugt, dass der Mann mit ausländischem Akzent gesprochen hat. Wahrscheinlich Holländisch oder Deutsch, gibt er an.«

»Der Kleine beherrscht ja beide Fremdsprachen, nehme ich an«, spottete Adam.

Cornwallis schüttelte beleidigt den Kopf. »Er kennt den Klang der Sprachen von den Hafenarbeitern und Seeleuten, sagt er. Sir, ich meine, wir sollten den Jungen ernst nehmen. Es könnte eine wichtige Spur sein.«

Das brauchte der Sergeant einem alten Hasen wie ihm nicht zu erläutern. Angenommen, Scotty irrte sich nicht, dann gab seine Beobachtung dem Fall eine neue Wendung, die ihm gar nicht gefallen wollte. Cornwallis traute er zu, den Zeugen richtig einzuschätzen, also entschied er sich, großes Geschütz aufzufahren.

»Wir dehnen die Untersuchung aus«, sagte er. »Täterprofil und Tathergang werden an Interpol weitergeleitet. Ich will wissen, ob sich ähnliche Fälle in Deutschland oder den Niederlanden ereignet haben. Gibt es entsprechende Täter, die seit Kurzem wieder auf freiem Fuß sind, und so weiter, das ganze Programm.«

Wiesbaden

Der Applaus fiel höflich aus. Das Konzert im Atrium riss die Zuschauer nicht von den Stühlen. Chris hatte sich mehr versprochen von der Bigband aus Schweden. Die Musiker spulten die Evergreens routiniert und technisch perfekt ab, doch wurde sie den Verdacht nicht los, die wollten gar nicht hören, was sie spielten. Das Publikum zerstreute sich rasch. Ein paar ältere Herren unterhielten sich auf der Allee, unschlüssig, welche Kneipe es sein sollte. Ein junges Paar kam ihr entgegen. Eng umschlungen, mit sich selbst beschäftigt, traten sie auf die Straße. Chris löste die Kette vom Fahrrad. Sie nahm die schnelle Bewegung am Ende der Straße nur aus den Augenwinkeln wahr. Ein Sportwagen schlitterte mit quietschenden Reifen vom Siegfriedring in die nächtliche Allee und raste mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu.

»Achtung!«, schrie sie. »Weg von der Straße!«

Statt zu bremsen, ließ der Irre im 3er Cabrio den Motor aufheulen. Die Leute auf der Straße reagierten viel zu langsam, wie in Zeitlupe. Chris sprang ins Scheinwerferlicht, ruderte mit den Armen und rief aus Leibeskräften:

»Anhalten, Polizei!«

Der Schock traf den Fahrer hart. Er trat augenblicklich auf die Bremse. Seine motorisierte Waffe rutschte näher, zu schnell, um den Zusammenstoss zu vermeiden. Von der Ringstraße brausten Blaulichter heran. Instinktiv sprang sie auf und landete auf der Motorhaube. Ihr Rücken prallte hart an die Frontscheibe, aber der Scheißkerl stand still.

»Anhalten, Polizei!«, rief sie nochmals, während sie ächzend vom Wagen rutschte.

Der Fahrer, ein süß parfümierter Schnösel, noch grün hinter den Ohren, starrte sie entsetzt an und regte sich nicht.

Sie zückte ihren Ausweis. »Aussteigen!«

Er schien sie nicht zu hören. Die Streifenwagen schlossen auf, da löste sich die Schockstarre. Er griff an den Schalthebel, doch sie war schneller. Ohne Zögern drehte sie den Zündschlüssel und zog ihn heraus. Das Brummen des Motors erstarb.

»Aussteigen, Hände auf die Haube«, sagte sie ruhig und langsam genug, damit es auch schwache Schüler verstanden. Streifenpolizisten eilten herbei. Endlich begriff der Idiot, dass es vorbei war. Er ließ sich mit hängenden Schultern abführen.

»Sind Sie seine Begleitung?«, fragte ein Polizist in vorwurfsvollem Ton.

»Sehe ich so aus?«

Sein Blick auf ihren leuchtend blonden Zopf und in den tiefen Ausschnitt bestätigte genau das. Wütend hielt sie ihm die Dienstmarke unter die Nase und sagte zur Sicherheit:

»Kriminaloberkommissarin Christiane Hegel, BKA Wiesbaden. Und Sie sind?«

»Entschuldigung«, murmelte er verdutzt.

»Ich kam aus dem Konzert und sah, wie der Verrückte auf die Leute zuraste. Ich musste ihn aufhalten.«

»Sie könnten tot sein.«

»Berufsrisiko.«

Ihr Rücken schmerzte. Sie versuchte, sich die Stelle zu massieren. Dabei drohten ihre Brüste, unterstützt vom Push-up, dem Kollegen von der Streife ins Gesicht zu springen. Der junge Mann wusste nicht wohin mit den Augen, bis sein älterer Partner neugierig auf sie zutrat.

»Kommissarin Hegel vom BKA hat ihn gestoppt«, erklärte der Junge hastig.

»Oberkommissarin«, verbesserte sie.

Sie fand die feine Abstufung in der Funktionsbezeichnung lächerlich, aber es tat gut, den Jungen zu quälen.

»Oberkommissarin, Entschuldigung«, murmelte er verlegen.

»Sind Sie verletzt?«, fragte der Ältere.

Sie schüttelte den Kopf. »Danke, ich bin in Ordnung.«

»Sind Sie sicher? Sie haben ein ganz schönes Früchtchen aus dem Verkehr gezogen. Der Mann hat eine Person angefahren und Fahrerflucht begangen, deshalb waren wir hinter ihm her. Er wird wohl für eine Weile von der Straße verschwinden.«

»Hoffentlich ist er schon strafmündig«, lächelte sie.

Dadurch fasste der Junge neuen Mut. »Er ist immerhin schon achtundzwanzig«, grinste er.

Sie nickte ihm verständnisvoll zu. »Manche Leute entwickeln sich eben sehr langsam.«

Das betroffene Gesicht des Polizisten erinnerte sie entfernt an die erste Begegnung mit ihrem Jamie. Milder gestimmt, wehrte sie sich nicht dagegen, den Beamten fürs Protokoll aufs Revier zu folgen. Sie hielt den konfiszierten Zündschlüssel hoch und sagte zum Jüngling:

»Sie könnten mich ja fahren. Mein Fahrrad findet sicher Platz im Streifenwagen Ihres Partners.«

Der Junge blühte auf während der kurzen Fahrt, was nicht nur am schnittigen Sportwagen lag. Sie hatte beschlossen, in den nächsten zehn Minuten richtig nett zu ihm zu sein.

Am nächsten Morgen in der Zentrale des Bundeskriminalamts empfing sie ihr Partner mit besorgter Miene. Sven blickte sonst nicht von der Arbeit auf, wenn sie das Büro betrat, doch nun sprang er gar auf und betrachtete sie eingehend von allen Seiten.

»Bist du auch wirklich O. K.?«, fragte er leise, um sie nicht zu erschrecken.

»Dasselbe wollte ich dich fragen.«

Hatte sie etwas übersehen? Im Spiegel war ihr nur ein blauer Fleck aufgefallen, am Rücken unter dem rechten Schulterblatt. Den konnte er unmöglich sehen.

»Richter hat ganz aufgeregt nach dir gefragt. Es gab einen Verkehrsunfall?«

»So kann man es auch sehen«, lachte sie. »Wollte der Staatsanwalt etwas von mir?«

»Du möchtest dich bitte bei ihm melden, sobald es die Umstände zulassen. Seine Worte.«

»Du meine Güte! Das sind ja ganz neue Töne.«

Oberstaatsanwalt Richter gab sich im Normalfall keine Mühe, besonders höflich zu sein. Woher wusste er überhaupt Bescheid über den nächtlichen Zwischenfall? Andererseits – er war einer der Mächtigen beim BKA, und das besaß große Ohren. Sein Büro stand offen. Er kam ihr freudestrahlend entgegen, sobald er sie entdeckte.

»Dr. Hegel, Gott sei Dank. Wie fühlen Sie sich?«

Nicht besonders wohl in meiner Haut, dachte sie beunruhigt. Sie kannte nur zwei Gründe, die ihn bewogen, sie mit dem akademischen Titel anzureden: Entweder drohte eine Standpauke, oder er wollte etwas Unangenehmes von ihr.

»Es geht mir gut«, log sie. »Warum fragen Sie?«

»Na hören Sie mal. Ich fürchtete schon, sie würden zur Verkehrspolizei abwandern.«

»Die Leute dort sind wirklich nett. Ich werd’s mir überlegen.«

Er schüttelte schmunzelnd den Kopf und bedeutete ihr, Platz zu nehmen.

»Sie sind also wieder voll einsatzfähig? Keine Nachwirkungen? Mein Gott, Sie könnten tot sein!«

Dreimal ja. Sie brauchte nicht lange zu warten, bis sein Mitgefühl erlosch:

»Gut, gut, dann wollen wir – in medias res, sozusagen.«

Er nahm ein Blatt aus der Aktenmappe, die vor ihm lag, und überreichte es ihr.

»Interpol braucht unsere Unterstützung«, bemerkte er dazu.

Sie las die in umständlichem Amtsenglisch verfasste Anfrage. Irritiert legte sie den Zettel schließlich auf den Tisch.

»Ein Dolchstoß ins Herz in einem Kaff in Suffolk – was hat das mit uns zu tun?«

»Drehen Sie das Blatt um.«

»Ach so, Entschuldigung.«

Widerwillig las sie weiter. Offenbar bestand der Verdacht, es könnte sich um einen deutschen Täter handeln. Ziemlich an den Haaren herbeigezogen, fand sie. Vor allem verstand sie immer noch nicht, warum Richter ausgerechnet ihr diese Anfrage zeigte. Es arbeitete in ihrem Gesicht, was ihn zu belustigen schien.

»Sie fragen sich, warum ich die Sache nicht an die Zentralen Dienste leite. Das hatte ich vor, doch dann erinnerte ich mich an diese Meldung aus dem LKA Stuttgart.«

Er schob ihr ein zweites Blatt hin. Es war die Nachricht vom Mord an einem Schwarzen in Tübingen, die sie im Radio gehört hatte. Tod durch einen einzigen Dolchstoß ins Herz, genau wie im Fall aus England.

»Das könnte ein Zufall sein«, sagte sie.

Er nickte. »Genau, darum möchte ich, dass Sie das schnell bestätigen, damit wir die Sache vom Tisch haben.«

Das Damoklesschwert sauste mit voller Wucht auf sie herunter. Das war also der Grund für die akademische Anrede. Noch ein lästiger Auftrag. Sie, ihr Partner und ein paar andere Leute konnten sich ja nicht gerade über Arbeitslosigkeit beklagen, was Richter bestens bekannt war. Sie suchte hastig nach der besten Ausrede, als ihr Blick auf die Information über die zuständige englische Dienststelle fiel. Sie entspannte sich augenblicklich, nahm die Akte an sich und verabschiedete sich vom verdatterten Staatsanwalt mit einem Lächeln.

»Ich werde sehen, was ich tun kann.«

Kapitel 2

Tübingen

Der weiße Porsche Boxster Spyder bog beim Wurstpalast am Holzmarkt rechts ab und hielt nach wenigen Metern in der schmalen Straße an. Sven stieg aus, ohne sich um den Stinkefinger des Fahrers zu scheren, der seinen Kombi millimetergenau an den geparkten Autos vorbei navigieren musste. Er fand die ganze Aktion in Tübingen, zu der Chris ihn verknurrt hatte, schlicht zum Kotzen. Daher versuchte er gar nicht erst, seinen Widerwillen zu unterdrücken, als er sich preußisch kurz bei der Polizei Innenstadt anmeldete:

»Kriminalkommissar Sven Hoffmann, BKA Wiesbaden, Herr Schröder erwartet mich.«

Die Miene des Polizeihauptmeisters ließ darauf schließen, dass auch er alles andere als begeistert war vom Eindringen des Bundeskriminalamts in seine heile Welt. Immerhin stellte er ihm einen Becher Kaffee und ein Kännchen mit Rahm hin, bevor er mürrisch sagte:

»Offen gestanden, weiß ich nicht, wie ich Ihnen helfen kann, Kommissar.«

»Sie brauchen mir nicht zu helfen. Ich bin lediglich an den Akten im Mordfall am Ammerkanal interessiert.«

»Die hätten wir Ihnen schicken können.«

»Sicher, doch ich muss auch wissen, was zwischen den Zeilen steht, und ich möchte den Tatort sehen.«

»Da werden Sie nicht mehr viel sehen. Die Gegend beim Nonnenhaus ist sehr beliebt bei Einheimischen und Touristen.«

»Umso erstaunlicher, dass niemand etwas vom Mord am Schwarzen bemerkt haben soll.«

Schröder errötete und setzte zu einer Bemerkung an, doch dann stand er auf, ging zum Aktenschrank und zog ein dünnes Dossier heraus. Er legte es wortlos auf den Tisch und schaute Sven beim Lesen zu, bis er die Geduld verlor.

»Brauchen Sie mich noch?«

Sven nickte. »Ich habe sicher noch Fragen dazu.«

Ungerührt las er weiter.

»Schießen Sie los, fragen Sie«, drängte Schröder, den es kaum mehr auf dem Sessel hielt.

Wie befürchtet, erwies sich die Aktenlage als dürftig und lückenhaft. Er ließ den Polizeihauptmeister noch eine Weile zappeln, bevor er sich äußerte:

»Ich finde hier nur die Aussage des Notarztes aber keinen Obduktionsbericht.«

Schröder nippte angewidert an seinem Kaffee, bevor er kurz angebunden antwortete:

»Die Obduktion ist noch nicht abgeschlossen.«

»Wie bitte? Nach zwei Tagen?«

Schröder schien seine Empörung zu freuen.

»Die haben viel zu tun in Stuttgart«, erklärte er, als wäre er stolz darauf.

»Na klar, war ja auch der einzige Mordfall im letzten Monat im Ländle. Da braucht man sich nicht zu beeilen.«

Allmählich verlor er die Geduld mit diesem Schwaben. Er breitete die Tatortfotos aus. Das Bild des Opfers im Kanal fehlte. Darauf angesprochen, deutete Schröder ärgerlich auf ein Foto, das zwei weiße Markierungen auf dem Pflaster am Kanal zeigte.

»Dort unten hat er gelegen.«

Sven sah sein Gegenüber mit großen Augen an. Wollte Schröder ihn für dumm verkaufen, oder war dies der unergründliche schwäbische Humor? Er zwang sich, den Spaßvogel ruhig zu fragen:

»Wie hat das Opfer im Kanal gelegen? Gesicht nach unten, oben, Kopf zum Steg oder umgekehrt, Gelenke verrenkt, gerade, krumm, was lag unter Wasser, was darüber? Ich finde nichts dazu in den Protokollen.«

Schröder senkte verlegen den Blick. Innerlich kochend, zog er die Akten zu sich und begann, darin zu blättern, als sähe er sie zum ersten Mal.

»Tatsächlich«, murmelte er nach kurzer Zeit. »Muss ein Versehen sein. Ich kümmere mich gleich darum.«

Er stand auf und ging zur Tür.

»Warten Sie, das hat Zeit. Sagen Sie mir einfach, wie genau Sie das Opfer vorgefunden haben.«

Schröder blieb stehen, schielte unschlüssig zum Ausgang, bis ihm offenbar einfiel, wie er den Kopf aus der Schlinge ziehen konnte.

»Kalle kann Ihnen das erklären. Er war als Erster am Tatort.«

Damit schlüpfte er hinaus. Sven hörte einen lauten Wortwechsel. Kurz danach trat ein Uniformierter, etwa in seinem Alter, kreidebleich ins Zimmer. Die mitleiderregende Gestalt erleichterte es ihm, den Ärger über Schröder zu verdrängen und seine Sonnenseite hervorzukehren. Er erhob sich, ging auf den Mann zu und schüttelte ihm freundlich die Hand.

»Sven Hoffmann«, stellte er sich vor.

Der junge Polizeimeister hieß Kalle Klein. Er war sichtlich erleichtert, vom Kriminalkommissar aus Wiesbaden nicht auch als Fußabtreter behandelt zu werden.

»Als Erstes möchte ich bitte eine Kopie dieser Akten, geht das?«, fragte Sven höflich.

»Selbstverständlich, sofort.«

Sein neuer Freund raffte die Papiere und Fotos zusammen, sauste damit hinaus und saß ihm Sekunden später wieder gegenüber. Er schilderte in allen Einzelheiten, was er in jener Nacht beobachtet hatte. Hin und wieder ließ Sven die Bemerkung fallen, dieses oder jenes doch in den Akten festzuhalten, was Klein pflichtbewusst auf seinen Block notierte. Noch eine, zwei Stunden, dachte Sven, und die Akte Ammerkanal würde zum Vorbild für alle künftigen Ermittlungen in Tübingen.

»Das Opfer konnte also noch nicht identifiziert werden«, sagte er, nachdem er sich ein einigermaßen vollständiges Bild gemacht hatte. »Keine Brieftasche, kein Handy – Raubmord?«

Klein nickte eifrig. »Davon müssen wir ausgehen.«

»Nichts in den Taschen, kein Autoschlüssel, Hotelschlüssel. Besteht kein Zweifel, dass das Opfer nicht aus der Gegend stammt?«

»Kein Zweifel«, bestätigte Klein bestimmt. »Wir haben alle gemeldeten Schwarzen überprüft, ebenso die bekannten Unterkünfte der Illegalen. Da waren ein paar Somalier dabei, sonst viele aus Nordafrika, aber kein Schwarzafrikaner.«

Die Sekretärin brachte die Akten mit den Kopien. Er zog die Fotos des Toten hervor und betrachtete sie nachdenklich.

»Das Opfer sieht gepflegt aus, gut situiert, vielleicht ein Geschäftsmann, würde ich sagen.«

Klein nickte zustimmend und machte eine Notiz.

»Möglich, dass er nur zu einer Sitzung hergekommen ist.«

»Das ist sogar sehr wahrscheinlich, pflichtete Klein ihm bei. »Wir haben alle Hotels und Geschäfte abgeklappert. Niemand hat den Mann gesehen.«

Was hatte ein offensichtlich fremder Geschäftsmann, oder was immer er war, nachts um halb zwei in jener Gegend zu suchen?

»Gibt es Kneipen, Nachtklubs, die zur Tatzeit noch nicht geschlossen waren?«

Klein schüttelte den Kopf. »Nicht in diesem Viertel. Wir haben alle Nachtklubs überprüft: negativ.«

»Und andere Kneipen?«

»Waren alle geschlossen.«

»Habt ihr sie überprüft?«

Klein lief rot an. »Noch nicht«, gab er kleinlaut zu und kritzelte eilig eine Notiz auf den Block.

»Hier steht, ein Alois Schmitz hätte die Leiche entdeckt. Ich finde aber seine Aussage nirgends.«

Klein seufzte. »Das ist eine Geschichte für sich, Herr Kommissar. Schmitz gehört zu den Obdachlosen, den Stadtstreichern, die bei warmem Wetter am Kanal nächtigen. Sein Kollege, der Lange, behauptet, Schmitz habe das Opfer entdeckt. Ein weiterer Sandler bestätigt dies. Leider konnte Schmitz sich unbemerkt aus dem Staub machen in der ersten Aufregung. Wir haben ihn am nächsten Tag aufgegriffen und befragt. Der sture Bock hat keinen Ton gesagt. Wir mussten ihn wieder laufen lassen. Es lag nichts weiter gegen ihn vor.«

»Ich möchte mit ihm sprechen – und mit den andern Zeugen, diesem Langen und dem Wirt.«

Klein nickte. »Am besten führe ich Sie zum Tatort. Dort finden Sie alle.«

Draußen prüfte Sven seinen Wagen von allen Seiten. Kratzer im Lack fand er keine, nur einen Bußenzettel an der Scheibe.

»Halteverbot«, grinste Klein.

Dieses Geschäft beherrschten die Kollegen einwandfrei. Er grinste zurück, wobei er ihm den Zettel in die Hand drückte.

»Das ist ein Dienstwagen. Sie werden es Ihren Freunden sicher erklären.

Er öffnete den Wagen und stieg ein. »Na los, ich folge Ihnen.«

»Wir brauchen kein Fahrzeug. Zum Kanal hinunter sind es nur ein paar Schritte.«

»Zu Fuß? Das ist nicht Ihr Ernst!«

Er mochte sich nicht ausmalen, was die Leute auf dem Land unter ein paar Schritten verstanden. Zudem brauchte er unter Umständen Material aus seinem Kofferraum.

»Kommen Sie schon, steigen Sie ein.«

Klein nahm zögernd neben ihm Platz. Er sprach leise, während er ihn zur Hauptstraße und durch den Fußgängerbereich zu einem prächtigen Fachwerkhaus lotste. Er schien sich davor zu fürchten, als Uniformierter in diesem Sportwagen ertappt zu werden.

Der Weg zwischen Kanal und Nonnenhaus führte in einen überdachten Durchgang. Dort befand sich der Tatort, wie er aus den Akten erfahren hatte. Klein führte ihn an die Stelle, wo das Opfer offenbar zu Boden gesunken war und Blut verloren hatte, bevor der Täter den Leichnam in den Kanal stieß.

»Sie werden nicht mehr viel finden«, meinte er. »Der Tatort ist gründlich gereinigt worden. Die vielen Touristen, wissen Sie.«

Es war düster im schattigen Durchgang. Sven verglich das Tatortfoto mit der Umgebung, stellte sich vor, wie die Tat abgelaufen war, und fand nur bestätigt, was in den Akten stand. Auch bei genauem Hinsehen waren keine Spuren mehr zu entdecken.

»Warten Sie einen Moment, und halten Sie die Leute fern«, bat er. »Ich bin gleich zurück.«

Er holte die UV-Lampe, den Luminol-Spray und eine Decke aus dem Wagen. Die Sachen gehörten zum Instrumentarium der Kriminaltechnik, doch Chris bestand darauf, sie stets dabei zu haben. »Wichtiger als die ›Glock‹«, behauptete sie, und er musste ihr nach vier Jahren als ihr Partner widerwillig zustimmen. Am Tatort faltete er die Decke auseinander und hielt sie so, dass möglichst wenig Licht auf die Stelle fiel, wo das Opfer gelegen hatte.

»Halten Sie sie bitte mal genau so«, forderte er den verdutzten Polizeimeister auf.

Der zögerte, bevor er die Decke mit rotem Kopf um die Schultern schlang und die Arme ausbreitete wie Batman vor dem Abflug.

»Weitergehen, es gibt nichts zu sehen!«, herrschte er die immer zahlreicheren Gaffer an.

Sven sprühte die Chemikalie auf den Boden und schaltete das ultraviolette Licht ein. Trotz der Abschirmung war es immer noch störend hell im Durchgang. Die Hoffnung, doch noch etwas zu entdecken, schwand mit jeder Sekunde. Plötzlich leuchteten jedoch einzelne Flecke auf. Wie auf den Stein projiziert, zeichnete sich die Blutlache grünlich schimmernd ab, deutlich genug, um die Lage des Körpers zu sehen.

»Heidenei!«, rief Klein verblüfft aus. »Ich dachte, die hätten gründlich geputzt.«

»Blut ist eben ein ganz besonderer Saft«, lächelte Sven.

Wie auf dem Foto konnte er den Anfang der Schleifspur zum Kanal erkennen. Noch etwas bemerkte er, was auf dem Bild nicht zu sehen war.

»Was ist das?«

Er deutete auf ein viereckiges Muster am Rand der Spur. Klein beugte sich mit ausgebreiteter Decke über ihn, was den Zuschauern großes Vergnügen bereitete.

»Könnte der Abdruck eines Etuis sein, ein Schlüsselbund vielleicht.«

Sven nickte. »Oder ein Handy, das dem Opfer aus der Tasche gefallen ist.«

Klein beugte sich tiefer. »Leuchten Sie mal hierher.«

Schwach zwar, aber doch deutlich erkennbar, zeichnete sich der Sohlenabdruck einer breiten Schuhspitze mit teilweise fehlendem Profil ab.

»Sieht aus wie ein Militärschuh«, murmelte Klein verlegen. »Davon steht nichts in den Akten.«

»Das Gefühl habe ich auch.«

Sven schluckte seinen Ärger hinunter und wies Klein an, den Tatort nochmals gründlich untersuchen zu lassen.

»Sie müssen wieder absperren«, fügte er hinzu, während er die neuen Spuren zur Sicherheit mit seinem Handy festhielt. Dann erhob er sich und erlöste Klein von seinem Umhang. Er wollte jetzt mit dem Zeugen Schmitz reden.

»Seit wann fährt ihr Bullen Porsche?«, grinste der lange, dünne Mann mit den fettigen Locken auf der Bank am Steg. Typ gescheiterter Künstler, dachte Sven. Der musste der Lange sein.

»Das ist Kriminalkommissar Hoffmann vom BKA«, sagte Klein mürrisch. »Er möchte mit euch sprechen wegen dem Toten.«

Der Lange schoss auf, wobei eine süßliche Alkoholfahne zu ihnen herüber wehte. Er versuchte eine zackige Achtungsstellung und rief aus:

»Lange meldet sich zur Stelle, Gomi – Kommissar.«

»Lass den Blödsinn«, wie Klein ihn zurecht. »Wo ist Schmitz?«

»Der Nazi? Ausgeflogen.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Sven.

»Wie ich es sage. Kurz, nachdem ihr ihn wieder habt laufen lassen, hat er seine Sachen gepackt und ist ausgeflogen, der Vogel.«

Klein hakte ärgerlich nach. »Wie, seine Sachen gepackt. Macht er Ferien oder was?«

Lange ließ seinen Blick unschlüssig vom Polizeimeister zu ihm wandern. Wie es aussah, verspürte er wenig Lust, mit Klein zu reden. Die Alkoholfahne brachte Sven auf die rettende Idee. Er bedeutete Klein, sich um die Absperrung zu kümmern, dann schlug er Lange vor, die Unterhaltung in der Kneipe weiterzuführen. Der Sandler warf seinen Kumpeln einen triumphierenden Blick zu, bevor er mit Riesenschritten voranging.

Sven fragte gar nicht erst nach Kaffee. »Möchten Sie ein Bier?«

Lange rümpfte die Nase.

»Ein Glas Wein?«

»Trester.«

Das Schnapsglas war leer, bevor er selbst den ersten Schluck heißen Kaffee getrunken hatte. Er gab vor, Langes Blick aufs leere Glas nicht zu bemerken und forderte ihn auf, seine Version der Geschichte zu erzählen. Der chaotische Bericht drohte mehrfach auszuufern, denn Lange konnte es nicht lassen, seinem Ärger über die falsche Gesinnung des verschwundenen Zeugen Schmitz Luft zu machen.

»Was ist denn so falsch daran?«, wagte Sven zu fragen.

»Mensch! Der ist ein Nazi! Schwarze sind für den nur Neger, Abschaum. Ich glaube, der war richtig froh, den schwarzen Toten da unten im Kanal zu sehen.«

»Und Sie?«

Lange starrte ihn entsetzt an. »Sehe ich aus wie ein Nazi?«

»Man sieht den Menschen oft nicht an, was sie denken.«

»Hast du eine Ahnung. Schmitz sieht und hört man es von weitem an, mit den Kampfstiefeln und seinem beschränkten Wortschatz und allem.«

»Kampfstiefel?«

Lange nickte heftig und trommelte mit dem leeren Schnapsglas im Takt marschierender SS auf den Tisch. Kampfstiefel! Die Bedeutung des Zeugen Schmitz wuchs gerade exponentiell.

»Haben Sie wirklich keine Ahnung, wo er sich aufhalten könnte?«

Lange konzentrierte sich auf sein Glas. Als das nichts fruchtete, sagte er verschmitzt:

»Hosch abr a schee Audo.«

»Wie bitte?«

»Ein schönes Auto hast du.«

»Was hat das mit Schmitz zu tun?«

»Kann man mal eine Runde drehen?«

Sven lachte laut auf. »Sie haben getrunken, Mann! Besitzen Sie überhaupt einen Führerausweis?«

»Ja, bin i denn halbbache! Ich meine doch, du sollst mich herumkutschieren.«

»Geht nicht. Das ist ein Dienstwagen.«

Lange spitzte die Lippen und hob das Glas, um den letzten Tropfen herauszusaugen.

»Das wäre ja auch eine Dienstfahrt«, sagte er nach einer Weile.

Sven sah ihn verwirrt an und wartete auf eine Erklärung.

»Brauchst nicht so verstört zu gucken. Vielleicht weiß ich ja, wo sich der Nazi versteckt.«

Schwäbische Alb

Sven fluchte leise, als die Tankanzeige aufleuchtete. Er wollte die Fahrt mit dem übel riechenden Beifahrer so schnell wie möglich hinter sich bringen. Schon die zehn Minuten bis Reutlingen reichten ihm. Jeder Unterbruch qualifizierte als Folter und verstieß klar gegen die Menschenrechte. Griesgrämig hielt er bei der nächsten Tankstelle an.

»Gut, ich muss nämlich mal«, grinste Lange.

Sven füllte den Tank, bezahlte, aber sein Beifahrer blieb verschwunden. Hinter dem Haus fand er ihn. Die brennende Zigarette im Mund, pinkelte er sichtlich vergnügt an die Wand.

»He, was soll das? Machen Sie sofort die Zigarette aus. Das ist eine verdammte Tankstelle.«

Dass Langes Abwasser ins Kellerfenster tropfte, störte ihn nicht, aber er war noch zu jung, um lebendig flambiert zu werden. Die Zigarette fiel dem Sandler aus dem Mund und erlosch in seinem Strahl. Zufrieden zog er den Reißverschluss zu, strich die Hände an der Hose ab und kam auf ihn zu.

»Im Haus gibt’s Pissoirs und fließendes Wasser«, brummte Sven angewidert.

»Ich kann nicht in geschlossenen Räumen. Ist schlecht für meine Kreativität, weißt du.«

»Ihre Kreativität wird gleich noch mehr leiden, wenn ich Sie wegen Behinderung der Justiz einbuchte. Ich frage zum letzten Mal: Sind Sie sicher, dass wir Schmitz hier finden?«

»Sicher ist nur der Tod.«

Er verspürte nicht übel Lust, den sturen Langen einfach stehen zu lassen, die Fahndung nach Schmitz einzuleiten und auf schnellstem Weg nach Wiesbaden zurückzufahren.

»Die Albstraße hinauf nach Sankt Johann, du wirst schon sehen«, sagte Lange und setzte sich mit erwartungsfrohem Grinsen auf den Beifahrersitz.

Sein Spyder war kein Auto für Bergrennen, dennoch reizte es ihn, dem Langen ein wenig Angst einzujagen. Auf der Geraden vor der ersten Spitzkehre beschleunigte er weit über die erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Erst kurz vor der Kurve bremste er hart ab, um sogleich wieder abrupt aufs Gas zu drücken. Er schielte kurz zu seinem Beifahrer hinüber. Der hing angespannt, mit weißen Knöcheln, aber glücklich lächelnd im Gurt. Wenigstens kam er so ein paar Sekunden schneller ans Ziel, tröstete er sich. In der Ferne tauchten die ersten Häuser von Sankt Johann auf.

»Wo finden wir nun den Schnapsladen?«, fragte er.

»In Sankt Johann.«

»Sehr hilfreich. Da sind wir jetzt.«

Da sie nun wieder vorschriftsmäßig unterwegs waren, wagte Lange, sich ein wenig zu entspannen. Er reckte den Hals, als würde er sein Zoomobjektiv ausfahren.

»Wahrscheinlich auf der andern Seite am Ausgang des Dorfs«, murmelte er unsicher.

»Ich höre wohl nicht richtig«, fuhr Sven auf. »Sie wissen gar nicht, wo Schmitz’ Schwager wohnt?«

»Sagte ich doch schon. Die Adresse habe ich vergessen, aber das Haus kenne ich, wenn ich es sehe.«

»Das beruhigt mich ungemein.«

Er fuhr langsam durch das Dorf, das aus kaum mehr als der Hauptstraße bestand, gesäumt mit Fachwerkbauten und einigen moderneren Geschäften. Sie hatten die letzten Häuser fast erreicht, da bemerkte er die Reklametafel: ›Scholz Branntwein aus der Schwäbischen Alb‹.

»Da!«, rief Lange überflüssigerweise.

Einen Schnapsladen gab es zwar auch, wie er behauptet hatte, aber der Hauptzweck von Karsten Scholz’ Firma war nicht der Verkauf über die Ladentheke, sondern das Brennen von Hochprozentigem aus Trauben, Obst und Gerste. Scholz betrieb eine der wenigen Whisky-Destillerien auf der Alb. Wahrscheinlich für Kunden, die dem Scotch nicht trauten, dachte er beim Betrachten der Auslage.

»Es gibt heute leider keine Führung«, sagte die Frau hinter der Theke mit einem misstrauischen Blick auf seinen Begleiter. »Schauen Sie sich nur ungeniert um. Sie können auch gerne von unsern Produkten kosten.«

Er schüttelte den Kopf. »Danke, aber wir möchten nur mit Herrn Scholz sprechen, Karsten Scholz.«

»Mein Mann ist im Lager. Vielleicht kann ich Ihnen helfen?«

Lange öffnete den Mund, doch Sven schnitt ihm das Wort ab:

»Das kann ich mir gut vorstellen. Wir sind nämlich auf der Suche nach Alois Schmitz.«

Die Freundlichkeit wich augenblicklich aus ihrem Gesicht. Sie warf ihm einen erschrockenen Blick zu, dann murmelte sie verlegen: »Moment«, und entwischte durch die Hintertür.

Es dauerte nicht lang, bis ein vierschrötiger Mann mit grimmiger Miene den Laden betrat.

»Hier gibt es keinen Alois Schmitz«, behauptete er. »Und jetzt machen Sie, dass Sie weiterkommen, sonst rufe ich die Polizei.«

»Karsten Scholz?«, fragte Sven ungerührt, während er seine Dienstmarke aus der Tasche zog.

»Habe ich mich nicht klar …«

Scholz stockte, sobald er begriff, wer vor ihm stand.

»Kriminalkommissar Hoffmann, BKA«, stellte Sven sich vor.

Lange grinste breit, trat rasch einen Schritt vor und sagte, bevor er ihn daran hindern konnte:

»Lange, verdeckte Ermittlung.«

Sven dachte schnell ans stinkende Leder im Boxster, um den Lachreiz zu unterdrücken, doch auf Scholz schien der Schwindel großen Eindruck zu machen. Er sah ein, dass es zwecklos war, den Bruder seiner Frau weiter zu verleugnen.

»Was wollen Sie von Alois?«, fragte er kleinlaut.

»Wir müssen mit ihm sprechen. Ist er hier?«

Er brauchte Zeit, sich die Antwort zurechtzulegen.

»Ich weiß nicht«, begann er endlich zögernd. »Wir haben kein sehr enges Verhältnis, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Seine Frau kehrte zurück und beobachtete sie ängstlich aus dem Hintergrund.

»Ist er oben in der Hütte?«, fragte Lange unvermittelt zu aller Verblüffung.

Die Frau stieß einen Schreckensruf aus. Sven hatte keinen Schimmer, wovon der verdammte Lange sprach, doch dessen Frage traf offensichtlich ins Schwarze.

»Schmitz ist also in der Hütte«, sagte er mit vorwurfsvollem Blick Richtung Scholz. »Ich muss Sie bitten, uns zu begleiten.«

Wenig später folgte der weiße Porsche mit Mühe dem Geländewagen des Schnapsfabrikanten. Die schmale Bergstraße mündete bald in eine raue Naturstraße, dass der hart gefederte Boxster tanzte und schlingerte wie eine Jolle auf schwerer See.

»Geht das noch lange so?«, fragte Sven mürrisch.

Lange zuckte die Achseln. »War nie in der Hütte.«

Die Straße, nicht viel mehr als ein Saumpfad, führte durch ein Waldstück. Kurz bevor sie den Schutz der Tannen verließen, hielt Scholz an und stieg aus.

»Ich hole ihn«, sagte er. »Ist besser, wenn er nur mich sieht.«

»Kommt nicht infrage. Ich komme mit«, knurrte Sven. Lange schärfte er ein: »Sie bleiben hier und rühren sich nicht von der Stelle. Nichts anfassen, kapiert?«

Die Alm und der angrenzende Wald gehörten zum Besitz der Brennerei. Schmitz verbrachte jedes Jahr im Spätherbst ein paar Tage in der Hütte des Schwagers, wie Lange ihm erzählt hatte. Offiziell um Holz zu hacken, doch jedes Mal kehrte er mit einem Rucksack voll erlesener Wässerchen und einem ansehnlichen Schinken nach Tübingen zurück. Das war der Grund, weshalb die andern Obdachlosen den Nazi am Ammerkanal überhaupt duldeten.

Sie näherten sich der Hütte. Scholz stieß die Tür auf. Schmitz war nicht zu Hause. Schmutziges Geschirr auf dem Tisch, das Stück Brot daneben und der Beutel am Boden neben dem Ofen deuteten auf den Bewohner hin.

»Weit kann er nicht sein«, murmelte Scholz mit einem Blick auf die halb volle Weinflasche, »vielleicht auf dem Abtritt.«

Er meinte das Klohäuschen hinter dem Haus. Sven bemerkte es, als er den Kopf aus dem Fenster streckte. Tatsächlich trat ein Mann mit schütterem Haarkranz unter der Glatze auf die Wiese. Seine Füße steckten in schweren Kampfstiefeln. Er kehrte zur Hütte zurück und blieb erschrocken stehen unter dem Türrahmen, als er die unerwarteten Gäste entdeckte.

»Keine Sorge, Alois«, beruhigte Scholz sogleich. »Das ist Kommissar Hoffmann. Er möchte dir nur ein paar Fragen stellen.«

Schmitz’ blitzschnelle Reaktion verblüffte beide. Als hätte er den Leibhaftigen gesehen, nahm er Reißaus, stürmte auf den Wald zu und verschwand zwischen den Bäumen.

»Herrgottssakrament! Alois! Lass den Scheiß und komm zurück!«, schrie Scholz ihm nach, doch der Wald hatte seinen Schwager verschluckt.

»Vielen Dank für die gelungene Vorstellung«, sagte Sven ätzend.

Scholz rannte hinaus und lief laut rufend und fluchend hinter dem Flüchtenden her.

»Das hast du toll hingekriegt, Kommissar Hoffmann«, brummte Sven zerknirscht.

Er dachte nicht daran, dem Sandler nachzurennen. Falls er nicht wieder auftauchte, würde er die Fahndung auslösen. Er sah sich nochmals gründlich um in der Hütte, fand jedoch außer dem Beutel mit Schmitz’ Habseligkeiten nichts, was ihn interessierte. Er packte den Sack und machte sich auf den Weg zurück zum Auto. Scholz war bereits dort. Er unterhielt sich mit Lange. Daneben stand Schmitz mit einem Gesicht, als ginge ihn das alles nichts an.

Sven zeigte ihm den Ausweis und fragte: »Alois Schmitz, sind Sie jetzt bereit, meine Fragen zu beantworten?«

Statt den Mund zu öffnen, griff Schmitz nach dem Beutel, um ihn an sich zu reißen. Sven war schneller.

»Ihre Sachen sind beschlagnahmt. Zeigen Sie mir bitte die rechte Schuhsole.«

Schmitz duckte sich, als wollte er ihn schlagen, und suchte ängstlich nach einem Ausweg wie ein in die Enge getriebenes Reh. Alles deutete darauf hin, dass er im nächsten Augenblick wieder ausbüxen würde.

»Mir reicht’s«, schnaubte Sven.

Der Beutel fiel zu Boden. Er drehte Schmitz mit geübtem Griff die Arme auf den Rücken und ließ die Handschellen zuschnappen. Schmitz gab immer noch keinen Ton von sich. Sein Schwager protestierte umso lauter, worauf der verdeckte Ermittler Lange ihn sofort in die Schranken wies:

»Er will es nicht anders. Sonst kann er die Klappe doch auch nicht halten.«

Svens Handy klingelte. ›Chris‹ kündigte das Display an. Er ließ es klingeln. Das Letzte, was er jetzt brauchte, waren ironische Kommentare seiner Partnerin. Zuerst musste er diesen Albtraum beenden.

»Alois Schmitz, Sie kommen mit nach Wiesbaden zur Vernehmung«, sagte er kurz entschlossen. »Sie fahren mit Herrn Scholz nach Sankt Johann zurück. Ich sorge dafür, dass Sie eine Streife dort abholt.«

»Das hast du jetzt davon«, grinste Lange zu Schmitz, der immer noch nicht reden konnte.

»Lange, Sie fahre ich nachher wieder zum verdeckten Einsatzort.«

Langes Grinsen drohte das Gesicht zu sprengen, während er seine Spinnenbeine umständlich im Boxster verstaute.

Wiesbaden

Chris beobachtete Sven durch den halbdurchlässigen Spiegel. Seit einer Viertelstunde versuchte er, Schmitz zum Reden zu bringen, doch der saß blass und reglos vor dem Mikrofon, als hätte ihn die Totenstarre erfasst. Das wird nix, dachte sie. Sven zog offensichtlich denselben Schluss. Er stand auf, beugte sich über den Tisch und schaute dem ›Toten‹ tief in die Augen.

»Ihr Schweigen hilft Ihnen nicht«, sagte er mit eindringlicher Stimme. »Sie waren am Tatort, das beweist Ihr Schuhabdruck im Blut. Sie haben kein Alibi für die Tatzeit. Das Handy des Opfers lag in Ihrem Beutel, mit Ihren Fingerabdrücken. Sie hassen Ausländer, insbesondere Schwarze, beschimpfen sie als Neger. Und Sie sind geflohen. Es sieht gar nicht gut aus für Sie, Alois Schmitz.«

Damit ließ er ihn sitzen und verließ den Verhörraum. Gereizt trat er auf Chris zu.

»Sag jetzt nichts! Eine, zwei Nächte in der Zelle, und er wird reden, jede Wette.«

Es klang nicht, als glaubte er selbst daran.

»Kaffee?«, fragte sie.

»Verflucht!«

Sie übersetzte das mit Ja und ging voran zum Automaten. Es dauerte eine Weile, bis er sich beruhigte, dann bemerkte sie beiläufig:

»Vielleicht hat er einfach Angst vor dir.«

»Dazu gibt’s auch verdammt gute Gründe.«

»Sicher, bloß wird er so nicht gesprächiger.«

Er sah sie mürrisch an. »Kannst es gern selbst versuchen, wenn du das meinst.«

Sie nickte lächelnd. »Warte, es dauert nur eine Minute.«

Eilig holte sie ihre Tasche im Büro und zog sich damit auf die Toilette zurück. Vor dem Spiegel löste sie die Masche vom Zopf, schlang ihn um den Kopf und befestigte das Kunstwerk so gut es ging mit den zwei Klammern, die ihre Tasche hergab. Das Spiegelbild entsprach nicht ihrer Idealvorstellung, aber der Effekt musste genügen. Die Lippen glänzten zu stark. Mit einem feuchten Tuch rieb sie etwas Farbe ab. Zuletzt knöpfte sie die Bluse bis oben zu, machte ein strenges Gesicht und hielt nochmals stille Zwiesprache mit dem Spiegelbild.

Sven erschrak, als er sie so sah.

»Ich weiß, die Hosen stören«, grinste sie. »Was meinst du, sieht das arisch genug aus?«

Er räusperte sich verlegen, bevor ihm die passende Antwort einfiel:

»Richard Wagner wäre begeistert.«

»Gut, das reicht.«

Sie betrat das Verhörzimmer mit dem Gesichtsausdruck der Walküre vor dem Ausritt, den sie geübt hatte. Schmitz bewegte sich keinen Millimeter, aber seine Augen erwachten zu neuem Leben, verfolgten jede ihrer Bewegungen. Sie setzte sich ihm gegenüber, rückte nah an den Tisch, damit er nur das altdeutsche Oberteil sehen konnte, dann richtete sie Block und Stifte peinlich genau senkrecht zur Tischkante aus. Sie schaltete das Aufnahmegerät ein und sprach ins Mikrofon:

»Sechsundzwanzigster August, vierzehn Uhr fünfunddreißig. Fortsetzung der Vernehmung von Alois Schmitz. Anwesend sind Kriminaloberkommissarin Dr. Hegel und Alois Schmitz.«

Sie sah ihn schweigend an, bis er den Blick senkte. Zu seiner Verblüffung stoppte sie die Aufnahme wieder und schob das Mikrofon beiseite. Dann formulierte sie die erste Frage in einer Sprache, die er verstehen musste:

»Hat der Neger Sie provoziert? Haben Sie deshalb zugestochen?«

Ein Ruck ging durch seinen Körper, als spürte er selbst den Dolch zwischen den Rippen.

»Ich hab die Sau nicht …«

»Man hat es oft nicht mehr leicht als Deutscher in Deutschland. Ich verstehe …«

»Ich hab ihn nicht – er war schon tot, wie ich …«

»Wie Sie was?«

»Ich bin hingegangen, nachschauen, als er weg war.«

»Wer, der Täter? Haben Sie gesehen, wer es getan hat?«

Er schüttelte den Kopf. »Die haben gestritten.«

Schmitz war soweit. Sachte zog sie das Mikrofon wieder heran und schaltete unauffällig auf Aufnahme.

»Sie haben nichts zu befürchten, wenn Sie unschuldig sind«, beruhigte sie. »Erzählen Sie mir einfach von Anfang an, was in jener Nacht geschehen ist.«

Kaum ein ganzer Satz kam aus seinem Mund, aber er redete, nur das zählte. Am Ende der mühsamen Unterhaltung fügten sich die Bruchstücke zu einer geradlinigen Geschichte zusammen. In jener Nacht konnte er nicht schlafen. Plötzlich hörte er Schritte im Durchgang beim Nonnenhaus, dann Stimmen. Zwei Männer stritten sich, behauptete er. Das Gespräch brach unvermittelt ab. Es blieb kurze Zeit ruhig, bis er hörte, wie etwas Schweres ins Wasser plumpste. Er traute sich nicht, nachzusehen, wartete, bis der Harndrang zu stark wurde. Beim Urinieren entdeckte er die Leiche im Kanal. Etwa zehn Minuten später, als er sicher war, dass alles ruhig blieb, wagte er sich an den Tatort im Durchgang. Er sah das zertrampelte Handy am Boden liegen, hob es auf und steckte es ein, wie er alles erst einmal einsteckt, was er findet. Dabei trat er aus Versehen in die Blutlache. Kurz danach weckte er den Langen und den Benjamin. Soweit hörte sich seine Version ganz plausibel an, dachte sie, bevor sie nachhakte:

»Die Männer, die stritten – haben Sie verstanden, worüber sie sprachen?«

»Wie denn«, lachte er verächtlich. »Die versteht doch keine Sau, die Neger.«

»Wie bitte?«, fuhr sie überrascht auf. »Habe ich Sie richtig verstanden? Sie glauben, es waren zwei Schwarze?«

»Gesehen habe ich nichts, aber die hatten beide so komische Stimmen.«

Sie beendete die Vernehmung und suchte als Erstes die Toilette auf, um sich zu modernisieren. Sven unterhielt sich mit dem Staatsanwalt, als sie hinzutrat.

»Nun, haben wir ihn?«, fragte Richter.

Sein zufriedenes Gesicht ließ nur eine Antwort zu, die falsche.

»Schmitz’ Geschichte passt zu den Indizien und Zeugenaussagen«, gab sie zu bedenken.

Sven rümpfte die Nase. »Du glaubst ihm?«

»Außer dem kaputten Handy haben wir nichts Verdächtiges bei ihm gefunden. Außerdem gibt es keinen Hinweis auf die Tatwaffe. Sein Taschenmesser kommt nicht für die Tat infrage. Und – warum soll er den Streit zwischen zwei Schwarzen erfunden haben?«

»Scheint mir naheliegend bei diesem Nazi«, entgegnete Sven.

»Wir suchen also den unbekannten Dritten«, stellte Richter ärgerlich fest. »Das gefällt mir gar nicht, müssen Sie wissen, ganz und gar nicht. Ich will diese Sache so schnell wie möglich vom Tisch haben. Es gibt wahrlich anderes zu tun.«

Kopfschüttelnd eilte er zu den Aufzügen.

»Kannst du mir verraten, was in seinem Kopf vor sich geht?«, fragte Sven mürrisch.

Sie zuckte die Achseln. »Vielleicht ist es der zunehmende Realitätsverlust im Alter.«

Sven beobachtete durch den Spiegel, wie Schmitz unruhig auf und ab lief. Unvermittelt stand Chris’ Freundin Caro von der Kriminaltechnik neben ihnen.

»Ich fürchte, er muss mal«, schmunzelte sie.

»Den Gedanken hatte ich auch schon«, murmelte Sven.

Caro reichte Chris ein Blatt Papier. Es war ein Fax aus Stuttgart.

»Ich dachte, das würde euch interessieren«, bemerkte sie dazu.

Die Techniker des Landeskriminalamts hatten Schmitz’ DNA mit den Spuren an der Leiche verglichen: Ergebnis negativ. Die Konsequenz lag auf der Hand.

»Wir müssen ihn laufen lassen«, sagte Chris. »Ich informiere Richter.«

»Viel Spaß«, knurrte Sven grimmig.

Tübingen

Er wusste jetzt, wer der Mann war, mit dem der Reporter so lang über seinen Freund gesprochen hatte. An jenem Abend hatte er ihn am Schlossberg aus den Augen verloren. Ein paar grölende Spätheimkehrer, die eigentlich noch keinen Alkohol trinken durften, hatten ihn kurz abgelenkt, da war der Alte zwischen den Häusern verschwunden. Erst am nächsten Morgen bei Tageslicht entdeckte er den Pfad zum Schloss hinauf. Oben im Schutz der Bäume beim Schlossgraben hatte er den ganzen Nachmittag den kleinen Parkplatz und die wenigen Häuser an der Straße beobachtet. Er durfte auf keinen Fall aufgeben. Der Alte war zu gefährlich. Endlich, gegen Abend, geschah es. Sein Mann tauchte oben am Ende des Fußwegs auf und überquerte die Straße. Er ging auf eine altertümliche Villa zu, leerte den Briefkasten und betrat das Haus. Seither hatte er es nicht mehr verlassen. Es war eine einsame Gegend. Neugierige Touristen verirrten sich kaum hierher, sodass er ungestört auf seinen Augenblick warten konnte. Es begann zu dunkeln. Die Vögel im Geäst über ihm gaben endlich Ruhe. Nach und nach erloschen die Lichter in den Häusern. Wer in dieser Gegend wohnte, ging früh zu Bett. Auch im Haus des Alten wurde es dunkel, bis auf einen Lichtschimmer im Garten über dem Neckar.

Es war soweit. Geräuschlos und unsichtbar wie ein Phantom huschte er auf das Grundstück, ums Haus herum zur Terrasse und spähte ins Zimmer, aus dem der Lichtschein drang. Der alte Mann saß lesend am Fenster. Sonst befand sich an diesem Abend niemand im Haus. Das glaubte er sicher zu wissen. Selbst wenn jemand in einem der Zimmer schliefe, spielte es keine Rolle. Das Phantom würde niemanden wecken. Wie aus dem Nichts materialisierte er vor der Terrassentür und klopfte leise an die Scheibe. Der Alte reagierte genau wie erwartet. Statt zu erschrecken, blickte er ihn nur verwundert an, legte das Buch beiseite und öffnete die Tür.

Wiesbaden

Chris hob den Hörer ab.

»Gute Nachrichten«, sagte Caro. »Wir konnten die Daten auf dem Chip des Handys rekonstruieren. Der Telefonspeicher ist im Eimer, aber der Chip war noch lesbar.«

Die erste wirklich gute Nachricht in diesem Fall, der eigentlich gar nicht ihrer sein sollte.

»Na also, schieß los.«

»Ein wenig Begeisterung hätte ich schon erwartet«, gab Caro zu bedenken. »Die meisten Kontakte gehören zu Nummern mit der Vorwahl +264 61.«

Chris tippte die Ziffern wie elektrisiert ins Suchfenster auf ihrem Computer.

»Du brauchst nicht nachzusehen. Es ist die Vorwahl von Windhoek, Namibia. Der Besitzer des Handys heißt Usko Mwilima. Er ist – war – Journalist bei der Zeitung ›Namibian‹ in Windhoek. Du hast alles in der Mail.«

»Jetzt solltest du mich sehen!«, platzte Chris heraus. »Ich glühe vor Begeisterung. Vielen Dank, ich liebe euch Laborratten.«

Caros Mail enthielt nicht nur das Ergebnis der Analyse, sondern ein erstaunlich umfangreiches Dossier über den namibischen Journalisten, Artikel, die er veröffentlicht hatte und die Zeitung, für die er arbeitete. Sie wählte die Telefonnummer der Redaktion. Minutenlang hörte sie dem elektronisch verfremdeten Rhythm and Blues in der Warteschlaufe zu, bis eine Frauenstimme sie erlöste.

»Ich möchte bitte mit Usko Mwilima sprechen«, sagte sie, nachdem sie sich vorgestellt hatte.

Die Antwort kam erst nach langem Zögern: »Ich werde Sie zurückrufen.«

Sie blieb ungeduldig sitzen, hörte mit einem Ohr zu, wie Sven immer abenteuerlichere Argumente vorbrachte, um den Preis der neuen Stoßdämpfer für seinen ruinierten Boxster zu drücken. Schließlich knallte er den Hörer auf die Gabel und holte tief Luft. Er kam nicht dazu, ihr sein Leid zu klagen, denn beide Telefone klingelten gleichzeitig. Die Frau aus der Redaktion hielt ihr Versprechen.

»Sie möchten Mr. Mwilima sprechen?«

»So ist es.«

»Es tut mir leid, Kommissarin. Mr. Mwilima ist außer Haus. Worum geht es?«

»Können Sie mir sagen, wann er zurückkehrt?«

Die Frau zögerte. »Nein – das ist schwer zu sagen, wenn er auf Recherche unterwegs ist.«

»Wo ist er denn unterwegs, woran arbeitet er?«

»Das ist vertraulich. Warum interessiert sich die deutsche Polizei für ihn?«

Die ausweichenden Antworten bekräftigten Chris’ Verdacht, die Redaktion tappte selbst im Dunkeln über Mwilimas Schicksal. Dabei würde es bleiben bis zur sicheren Identifikation des Opfers.

»Wann hatte er zuletzt Kontakt mit der Redaktion?«

»Vor etwa einer Woche, soweit ich mich erinnere. Hören Sie, ich muss jetzt wirklich wissen, weshalb Sie …«

»Es geht um eine Zeugenaussage«, flunkerte sie. »Um sie zu verifizieren, müssen wir mit Mr. Mwilima sprechen. Wir haben versucht, ihn auf dem Handy zu erreichen, aber er meldet sich nicht.«

Sie las die Handynummer von Caros Mail ab und fragte:

»Das ist doch seine Nummer, nicht wahr?«

»Ja!«, platzte die Frau überrascht heraus. »Woher haben Sie die?«

Punkt eins ist immerhin geklärt, dachte sie erleichtert. Aber war Mwilima auch das Opfer? In Caros Unterlagen fand sich nicht ein einziges Foto von ihm. Sie war auf die Mitarbeit dieser Frau angewiesen, also antwortete sie behutsam:

»Ich darf leider keine Einzelheiten über die laufenden Ermittlungen bekannt geben. Das werden Sie sicher verstehen. Trotzdem hätte ich eine Bitte: Wären Sie so nett, uns ein aktuelles Foto von Mr. Mwilima zu mailen?«

»Ein Foto? Warum?«

»Wie gesagt, wir müssen Zeugenaussagen verifizieren.«

Nach dem Austausch der Mailadressen legte sie auf. Der Kontakt zum Umfeld des Opfers war hergestellt, die endgültige Identifikation nur noch eine Frage von wenigen Stunden oder gar Minuten. Ihrem frühen Feierabend stand also nichts mehr im Wege. Diesmal würde der arme Jamie nicht mit herzerwärmend betretenem Gesicht vergeblich am Frankfurter Flughafen warten. Sie begann, den Schreibtisch aufzuräumen.

Sven beendete sein Gespräch und fragte verwundert:

»Was soll das werden?«

»Ich mache Schluss. Heute Abend werde ich bekocht.«

»Oh, ist dein Feinschmecker wieder im Land. Was kocht er denn?«

»Das hängt ganz von seiner Inspiration ab.«

»Und wo holt er seine Inspiration?«

»Also, das geht so.« Sie zog mit dem Finger Kreise um ihre Brüste. »Zuerst beginnt er hier.«

Svens Augen drohten aus den Höhlen zu treten.

Sie stand auf, fuhr langsam mit dem Zeigefinger über die Brust nach unten. »Dann sucht er hier weiter.« Der Finger rutschte in Zeitlupe weiter Richtung Hosenbund.

»Ist ja gut!«, rief Sven mit belegter Stimme, während er weiter glotzte. »Ich habe verstanden.«

»Bist du sicher?«

Sie setzte sich und beobachtete lächelnd, wie er versuchte, seine Verlegenheit zu verbergen.

»Daraus wird leider nichts«, sagte er, als sie zur Tasche griff.

»Eifersüchtig?«

»Quatsch. Es gibt Neuigkeiten aus Tübingen. Das Opfer ist in einer Kneipe gesehen worden. Der Schwarze hat sich dort mit einem älteren Weißen unterhalten, sagen die Kollegen.«

Leider war das auch schon die ganze Information. Kein Hinweis auf die Identität des Weißen, worüber sie gesprochen oder gestritten oder gelacht hatten. Es war noch nicht einmal sicher, in welcher Sprache sich die beiden unterhalten hatten.

»Wenn wir jetzt fahren, sind wir um sieben dort«, fügte er hinzu.

Jamie allein am Flughafen: Eines Tages würde ein Film mit diesem Titel gedreht, dachte sie zerknirscht. Einmal mehr würde eine unangenehme Nachricht auf ihren Geliebten warten nach der Landung, und einmal mehr schwirrte flüchtig der Vorsatz durch ihren Kopf, ihr Leben endlich vernünftig zu organisieren. Wie alle guten Vorsätze überlebte er kaum eine Sekunde. Sie schob die Pistole in die Tasche und stand auf.

»Also, worauf warten wir?«

Tübingen

Chris steckte das Telefon behutsam ein, als wollte sie Jamie nicht noch mehr verletzen.

»Manchmal frage ich mich, wie er es mit mir aushält«, sagte sie.

Sven blickte kurz zu ihr herüber, verzichtete aber auf jeden Kommentar. Ihr Gesichtsausdruck riet ihm, sich nicht in ihr Privatleben einzumischen.

»Du kennst dich aus in Tübingen?«, fragte er, als sie sich der Altstadt näherten.

»Einigermassen. Ich war ein Semester lang Gast bei den Geowissenschaften.«

»Den ›Hades‹ kennst du auch?«

»Wir waren einige Male dort. Da vorn an der Kreuzung biegst du rechts ab, dann zweimal links.«

»Stimmt«, bestätigte er beim Blick aufs Navigationsgerät.

Die Kneipe hatte sich nicht verändert: viel altes Holz, eng, proppenvoll mit jungem Volk, laut, und es roch nach Bier, Schnitzel und Pfannkuchen. Es gab nur ein wenig Platz an der Bar.

»Wir müssen mit dem Wirt sprechen«, antwortete sie auf den fragenden Blick der Frau hinter dem Tresen.

»Günther ist in der Küche. Ich glaube kaum, dass er jetzt Zeit hat. Sie sehen ja, was hier los ist. Möchten Sie essen?«

Sie schob ihnen die Speisekarten hin und kümmerte sich um die nächsten Gäste.

»Pfannkuchen à discrétion«, murmelte Sven, wobei er sich demonstrativ die Lippen leckte. »Scharf wie der Teufel mit Pfeffersalami – genau das Richtige für mich.«

Chris schüttelte den Kopf. »Glaube ich kaum.«

Sie ging um die Theke herum zur Tür, die offenbar in die Küche führte.

»He Sie, da dürfen Sie nicht rein!«, rief die Bedienung.

Sie schwenkte stumm den Dienstausweis und drückte die Tür auf.

»Günther?«

Der spindeldürre junge Mann, der erstaunlicherweise hinten und vorne Günther hieß, stand kurz vor dem Kollaps. Es war sein Normalzustand, wie sie vermutete, nachdem sie kurze Zeit mit ihm gesprochen hatte.

»Es tut mir leid«, keuchte er, während er gehetzt zwei Schnitzelteller garnierte. »Bei uns ist jeden Tag der Teufel los. Ich weiß nur, dass einer der Kellner mit den beiden gesprochen hat.«

»Wie heißt der Kellner? Wo finde ich ihn?«

Er sah ihr gequält und erschrocken in die Augen, als wäre er das Stück Fleisch, das der Koch gerade in die Pfanne haute.

»Sie glauben nicht im Ernst, dass ich mich daran erinnere.«

Er verschwand mit den Schnitzeln in die Gaststube. Ihr blieb kaum Zeit, sich zu ärgern, so schnell kehrte er zurück, um sich den nächsten Tellern zu widmen.

»Wir können uns gerne in Ruhe im Präsidium unterhalten«, schlug sie vor.

Er gestikulierte aufgeregt, dass sie fürchtete, er würde auseinanderfallen. »Hören Sie, wir beschäftigen hier viele Studenten als Hilfskräfte. Manchmal tauschen sie den Dienst. Es ist ein einziges Chaos.«

»Sieht so aus, aber Sie führen doch sicher so etwas wie eine Buchhaltung?«

»Das macht Sonja.«

Sonja unterhielt sich gerade angeregt mit Sven, als sie an den Tresen zurückkehrte.

»Sonja sagt, der Gustav Kramer, ein Student, habe mit den beiden gesprochen«, verkündete er grinsend. »Er ist auf dem Weg hierher.«

»Gustave«, korrigierte Sonja. »Gustave mit ü und weichem v am Schluss. Da legt er großen Wert darauf.«

Gustave mit ü stellte sich als ernsthafter Junge mit guter Beobachtungsgabe heraus. Seine Beschreibung des Schwarzen deckte sich genau mit den Fotos des Opfers. Der Weiße, mit dem er gesprochen hatte, war offenbar ein gepflegter, vornehm erscheinender, grauhaariger Mann, der sich beim Studenten nach Einzelheiten und Professoren an der Uni erkundigt hatte. »Vielleicht ein ehemaliger Prof«, vermutete Gustave mit ü.

Bei diesem Stichwort schlug sie sich an die Stirn. Wie blöd kann man denn sein!, ärgerte sie sich. Hastig kramte sie das Telefon hervor und rief Caro an. Ihre Freundin saß noch vor dem Computer beim BKA.

»Caro, gibt es unter den Kontakten des Opfers eine Nummer in Tübingen?«

Eine Weile blieb es still in der Leitung, dann antwortete Caro:

»In den Kontakten nicht, aber er hat zweimal eine Nummer in Tübingen angerufen an jenem Tag. Sie gehört einem Dr. Wilhelm Lorenz, Professor emeritus der Uni Tübingen.«

Chris’ Puls schnellte in die Höhe.

»Adresse?«, fragte sie lauernd.

Kapitel 3

Tübingen

Professor Lorenz war ein hoch geachteter Biologe, der sein halbes Leben lang an der Universität Tübingen gelehrt und geforscht hatte. Es gab keine weißen Flecke und keine dunklen Kapitel in seiner Biografie, soweit Chris in der kurzen Zeit herausfinden konnte. Worüber mochte er mit dem Reporter aus Namibia gesprochen haben? Bald würden Sie es wissen. Sven fuhr langsam die ruhige Quartierstraße entlang. Die schwarze Silhouette des Schlosses zeichnete sich wie ein drohender Schatten vor dem Nachthimmel ab. Einzig im Haus der Studentenverbindung, das selbst wie ein Schloss aussah, brannte Licht.

»Der wird doch nicht schon pennen«, spottete Sven.

»Er ist ein alter Mann, so wie du in einigen Jahren.«

Es tat ihr leid, den Mann wecken zu müssen, aber bei ihrer Arbeit war Rücksicht die falsche Strategie. Sie drückte lange auf die Klingel an der Tür, zweimal, dreimal. Im Haus blieb es dunkel und ruhig.

»Ausgeflogen«, vermutete Sven. »Wir sollten die Eierköpfe nebenan befragen.«

Sie drückte vorsichtig auf die Klinke. Die Tür war verschlossen.

»Ich sehe mal hinten nach«, sagte sie und ging ums Haus.

Licht schimmerte auf die Terrasse und in den Garten. Die Terrassentür stand offen. Im nächsten Augenblick sprang sie aus dem Licht in Deckung, zog die Waffe und entsicherte sie. Das Haus des Professors war ein Tatort. Der alte Mann lag reglos auf dem Rücken in der Türöffnung. Eine Blutlache hatte sich um seinen Oberkörper gebildet. Das Blut schien weitgehend eingetrocknet zu sein. Vorsichtig, nach allen Seiten sichernd, näherte sie sich dem Körper. Professor Lorenz starrte sie aus toten Augen an. Sie fühlte den Puls, obwohl sie wusste, dass jede Hilfe zu spät kam. Im Haus blieb es totenstill. Dennoch sprach sie leise ins Telefon, als sie ihren Partner alarmierte.

»Ein Stich ins Herz, kommt mir irgendwie bekannt vor«, murmelte er betroffen, als er den Leichnam sah.

»Dieselbe Vorgehensweise«, stimmte sie zu. »Der Täter hat ein einziges Mal zugestochen und eine breite, tiefe Wunde hinterlassen. Ich schätze, der Mann ist seit etwa vierundzwanzig Stunden tot.«

Sven alarmierte die Stadtpolizei, dann begannen sie, das Haus systematisch zu durchkämmen. Soweit sie durch bloße Beobachtung feststellen konnte, gab es keine Einbruchspuren. Entweder war die Terrassentür offen gewesen, oder er hatte den Täter selbst hereingelassen. Nichts deutete auf die Anwesenheit einer dritten Person hin.

»Sieht aus, als hätten sie sich gekannt«, sagte Sven.

»Oder er hat den Täter mit einem Bekannten verwechselt«, entgegnete sie nachdenklich.

Sie deutete auf die Brille, die dem Professor beim Sturz vom Kopf gerutscht war.

»Ziemlich dicke Gläser.«

Sie suchten weiter nach Spuren im Haus, ohne die spätere Arbeit der KT allzu sehr zu beeinträchtigen. Der Professor führte einen gepflegten Single-Haushalt. Alles hatte seine Ordnung, ohne pedantisch zu wirken. Nichts im Haus deutete auf Gewaltanwendung oder auch nur auf eine Durchsuchung hin. Sein Handy lag offen neben einer antiken chinesischen Vase auf dem Bücherregal. Vielleicht war es nur eine billige Nachahmung. Sie kannte sich nicht aus, aber die mindestens fünfhundert Euro in der Geldbörse auf dem Lesetisch waren bestimmt echt. Raubmord konnten sie ausschließen. Wie der Mord am Journalisten war auch dies keine Tat im Affekt. Es war kaltblütig geplanter Mord.

»Der Täter kam hierher, um den Professor zum Schweigen zu bringen«, folgerte sie.

Sven nickte. »Er wusste zu viel. Sieht so aus, als gäbe es einen Zusammenhang mit dem Gespräch im ›Hades‹. Zwei fast identische Morde in dieser Stadt und so kurz hintereinander. Das ist sicher kein Zufall. Vielleicht sind die Recherchen des Journalisten der Schlüssel.«

Unvermittelt legte sie den Finger auf die Lippen und deutete zum Flur. An der Haustür kratzte etwas. Das Schloss knackte. Chris wartete hinter der Tür. Sven sicherte aus einer dunklen Ecke im Flur. Die Tür ging auf.

»Herr Professor, sind Sie da?«, rief eine hohe Stimme.

Sie gehörte einer älteren Frau. Ihre Hand tastete nach dem Lichtschalter. Sie drückte ihn und zuckte erschrocken zusammen.

»Keine Angst«, beruhigte Chris, während sie ihren Ausweis zeigte. »Wir sind von der Polizei. Kriminaloberkommissarin Hegel, mein Kollege Hoffmann. Wer sind Sie und was tun Sie hier?«

Es dauerte eine Weile, bis sich die Frau vom Schock erholte.

»Kriminalpolizei, um Himmels willen, was ist geschehen?«, flüsterte sie schließlich ängstlich.

Sie war eine Nachbarin und alte Bekannte des Professors, die sich gelegentlich ums Haus kümmerte. Sie machte sich Sorgen, weil sie ihn den ganzen Tag nicht gesehen hatte.

»Das ist nicht normal, müssen Sie wissen«, betonte sie. »Wir sprechen jeden Tag miteinander, außer wenn er auf Reise ist, und das hätte er mir gesagt.«

«Wann hatten Sie zuletzt Kontakt mit ihm?«

»Das muss gestern so um halb vier gewesen sein. Er war auf dem Weg zur Uni. Dort hatte er einen Termin um vier. Was ist mit ihm?«

Chris brachte ihr die Nachricht vom Tod ihres Nachbarn schonend bei. Die Erschütterung der Frau war nicht gespielt. Man würde ihr Alibi überprüfen, doch Chris war überzeugt, dass sie nichts mit dem Verbrechen zu tun hatte.

»Haben Sie seither jemanden am Haus gesehen, einen Fremden vielleicht, ein Auto, das Ihnen aufgefallen ist?«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Darf ich ihn sehen?«, fragte sie mit zitternder Stimme.

»Tut mir leid, das geht leider nicht. Das Haus ist ein Tatort. Es wird versiegelt. Ich muss Sie bitten, nach Hause zu gehen. Wir werden uns bei Ihnen melden, wenn wir weitere Fragen haben.«

Die Frau zog sich mit Tränen in den Augen zurück. Chris begleitete sie bis zur Straße. Sie wollte sie nicht allein lassen, doch die sich nähernden Blaulichter drängten sie ins Haus zurück. Ihr Handy klingelte, da überließ sie es ihrem Partner, den Arzt und die Kriminaltechniker einzuweisen. Sie drückte auf Empfang. Caro war am Apparat.

»Immer noch im Büro?«, fragte Chris müde.

»Bin schon unter der Tür. Habt ihr den Professor gefunden?«

»Allerdings. Er ist tot, erstochen, genau wie der Reporter.«

»Mein Gott – derselbe Täter?«

»Einiges deutet darauf hin.«

»Hatte der Professor Verbindungen nach Namibia?«

»Wir wissen es noch nicht. Das wird jetzt untersucht. Warum fragst du?«

»Mir ist da etwas aufgefallen, was vielleicht wichtig sein könnte.«

»Im Zusammenhang mit dem Professor?«

»Vielleicht auch. Es geht um den Mord an Mwilima. Wir haben jetzt endlich den Obduktionsbericht. Da werden Eintrittswunde und Stichkanal genau beschrieben. Wie wir von Anfang an vermuteten, handelt es sich bei der Tatwaffe um eine Art Dolch: zweischneidig mit breiter, dicker und langer, gerader Klinge.«

»Ist nicht überraschend.«

»Nein, aber jetzt kommt’s: Solche Dolche, die genau zur beschriebenen Wunde passen, wurden früher von afrikanischen Stämmen für die Jagd und bei Stammeskriegen benutzt. Bekannt und berüchtigt sind die Dolche der Owambo. Das ist der größte Volksstamm in Namibia.«

Chris brauchte einige Sekunden, um diese Nachricht zu verarbeiten, dann fragte sie:

»Wie verbreitet sind diese Dolche?«

Caro lachte. »Ich dachte, du würdest das fragen. Soweit ich bis jetzt herausgefunden habe, werden die Owambo-Dolche von Sammlern als Antiquitäten gekauft. Der Handel ist allerdings eher bescheiden. Es dürften nicht allzu viele Exemplare im Umlauf sein. Sonst ist die Waffe traditioneller Familienbesitz der Owambo.«

»Du meinst, der Täter stamme aus diesem Umfeld?«

»Spekulieren ist nicht meine Aufgabe.«

»Ich weiß, aber wenn die Tatwaffe ein solcher Dolch ist, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter ein Schwarzer aus Namibia ist. Welcher Volksgruppe gehört das Opfer an? Steht das im Obduktionsbericht?«

»Nein, aber in den Unterlagen, die du von mir bekommen hast. Mwilima stammt aus dem Volk der Herero.«

»Wir werden es hier doch nicht mit einem Stammeskrieg zu tun haben«, murmelte Chris nachdenklich.

»Kaum, außer Professor Lorenz hätte auch eine namibische Vergangenheit.«

Lag der Stadtstreicher am Ende doch richtig? Redete er sich nicht nur ein, einen Schwarzen mit dem Opfer streiten gehört zu haben? Schmitz’ Erscheinung und sein Verhalten machten aus ihm nicht gerade einen glaubwürdigen Zeugen. Andererseits entsprachen seine nachprüfbaren Aussagen den Tatsachen. Ein Namibier als Täter in einem Doppelmord in Deutschland, das hörte sich immer weniger nach einer Routineuntersuchung an, die sie rasch nebenbei erledigen konnten.

»Richter geht durch die Decke, wenn er das hört«, grinste Sven böse, als sie ihm Caros Vermutung schilderte.

Zwei Helfer transportierten den Leichnam des Professors zum Wagen.

»Geht er in die Pathologie nach Stuttgart?«, fragte sie den Arzt, der dabei stand.

Er nickte. »Wenn es so weitergeht, können die hier bald eine Filiale eröffnen.«

Seine Einschätzung des Tathergangs, des Todeszeitpunkts und der Art der verwendeten Waffe deckte sich mit ihrer Vorstellung.

»Derselbe Täter, derselbe Dolch?«, fragte sie.

»Einiges spricht dafür, aber das zu beweisen ist Sache des Pathologen und der Technik.«

Der Rettungswagen wendete. Seine Scheinwerfer streiften die beim Schloss geparkten Autos und die hochgewachsene, schwarze Gestalt am Straßenrand.

»Hast du den Schwarzen gesehen?«, zischte Sven elektrisiert.

Sie rannten los. Der Unbekannte floh in Riesensätzen. Er steuerte auf den kleinen Parkplatz zu, doch Sven schnitt ihm den Weg ab.

»Halt, Polizei«, rief sie, »bleiben Sie stehen!«

Der Schwarze jagte mit seinen langen Beinen elegant wie eine Gazelle in Richtung Park. Er verschwand zwischen den Büschen bei der Treppe zum Neckar. Zu ihrer Überraschung rannte er weiter auf dem Pfad, der um den Rundturm herum zum Hintereingang des Schlosses führte. Sie drosselte das Tempo, um Atem zu schöpfen. Der Weg, den er einschlug, war eine Sackgasse. Sie wusste, dass das Gitter um diese Zeit geschlossen war. Der Fußweg endete dort.

»Das hat keinen Sinn. Sie kommen hier nicht weiter. Geben Sie auf!«, rief sie erst auf Deutsch, dann auf Englisch.

Sie zog die Pistole und entsicherte, während sie sich vorsichtig an der Mauer entlang dem Tor näherte. Der Flüchtige mochte sich schnell und geräuschlos durch die Nacht bewegen, doch er saß in der Falle. Einen Schritt noch, dann musste sie ihn sehen.

»Geben Sie auf«, rief sie nochmals. »Treten Sie langsam hervor mit erhobenen …«

Im nächsten Moment lag sie am Boden. Ihr wurde kurz schwarz vor den Augen. Stiche durchzuckten die rechte Schulter. Die Brust schmerzte. Sie bekam kaum Luft, als hätten sie schwere Reifen überrollt und die Lunge zerquetscht. Ächzend rappelte sie sich auf. Der Schwarze war verschwunden. Ihre ›Glock‹ auch – geladen und entsichert.

»Achtung, er hat meine Waffe!«, versuchte sie zu schreien, doch mehr als ein tonloses Flüstern gelang ihr nicht.

Sie wankte unsicher auf dem Weg zurück, den sie gekommen war. Am Fuß der kurzen Treppe hielt sie an. Sie atmete vorsichtig durch. Der Druck auf der Brust wich allmählich. Gott sei Dank schien sie nicht ernsthaft verletzt zu sein. Nur die Stiche in der Schulter sorgten weiter dafür, dass der Arm wie leblos herunterhing.

»Chris! Verdammt, was ist passiert? Wo steckt der Kerl?«

Sven stürmte die Treppe herunter auf sie zu.

»Er hat meine Waffe«, keuchte sie.

Ihr Partner stieß einen wüsten Fluch aus, bevor er ihr schmerzverzerrtes Gesicht bemerkte.

»Bist du verletzt?«

Sie schüttelte den Kopf. »Wir brauchen Verstärkung. Über die Straße kann er nicht fliehen. Auf der Treppe zum Neckar hättest du ihn sehen müssen. Ich glaube, er versucht, auf dem Fußweg zur Haaggasse hinunter zu entwischen.«

Sie hetzte die Treppe hinauf, so schnell es ging.

»Los, komm, zum Wagen. Wir schneiden ihm den Weg ab.«

Sie dirigierte ihn die Schlossbergstraße hinunter bis zur Kreuzung, dann wieder rechts zurück zur Altstadt. Obwohl sie mit Blaulicht und hoher Geschwindigkeit durchs nächtliche Tübingen rasten, dauerte es zu lang, bis sie die Stelle erreichten, wo der Weg zum Schloss in die Haaggasse mündete.

»Verflucht, der ist längst weg«, schimpfte Sven.

»Er kommt nicht weit«, murmelte sie ohne Überzeugung.

Eine Streife war vom andern Ende der Stadt her Richtung Marktplatz unterwegs. Dem Flüchtigen blieb also nur der Ausweg in die Unterstadt oder wieder hoch zur Burgsteige auf der Vorderseite des Schlosses.

»Genau da rennt er hoch«, rief sie aufgeregt.

Oben am Rathaus standen drei oder vier junge Leute, die sich händeringend unterhielten und dabei immer wieder auf die Treppe zur Burgsteige zeigten.

»Lass mich raus«, sagte sie hastig. »Du fährst am besten weiter, am Marktplatz vorbei, rechts hinauf, da geht’s zum Schloss.«

»Deine Pistole …«, rief er ihr nach, doch sie jagte schon die Stufen hinauf.

Möglicherweise wohnte er im Schlosshotel und wollte dorthin zurück. Die steile, schmale Straße war menschenleer. Sie blieb unschlüssig stehen, da tauchte der Porsche unten an der Ecke auf. Sven musste den Flüchtigen bemerkt haben, denn sein Wagen brach beinahe aus, als er am Faulen Eck um die Kurve schlitterte. Der Wagen verschwand in der Gasse, die zum Holzmarkt hinunter führte. Schwer atmend hetzte sie über die groben Pflastersteine hinter ihm her. Sven wartete mit grimmiger Miene am Anfang der Gasse auf sie.

»Der verdammte Idiot rannte die Treppe hinunter zurück zum Marktplatz. Dort verschwand er rechts um die Ecke. Wo zum Teufel bleibt die Streife?«

Die Antwort kam aus dem Lautsprecher des Funkgeräts:

»Sichtkontakt. Der Verdächtige flüchtet die Lange Gasse hinunter Richtung Hafengasse. Nehmen Verfolgung auf.«

»Endlich«, seufzte Sven erleichtert.

»Freu dich nicht zu früh«, warnte sie. »Dort gibt es überall enge Seitengassen, die kein Fahrzeug passieren kann.«

»Wo will er eigentlich hin? Müsste er nicht eher über den Neckar, wenn er aus der Stadt verschwinden will?«

»Nicht unbedingt«, antwortete sie in Gedanken versunken. »Ich kann mir vorstellen, was er vorhat. Angenommen, er ist nicht in Tübingen abgestiegen, dann wird er wohl mit dem Auto hergekommen sein. Unten am Stadtgraben gibt’s ein Parkhaus. Vielleicht sollten wir dort auf ihn warten.«

Sie beschrieb ihm den Weg und gab den Verdacht über Funk weiter.

»Klein hier, wir sind in der Nähe. Gehen in Stellung.«

Sven grinste. »Polizeimeister Klein«, murmelte er, »das ist wohl eine Nummer zu groß für ihn.« Laut sprach er ins Mikrofon: »Achtung! Der Verdächtige trägt eine schussbereite Pistole. Nur unauffällig beobachten. Wir sind in fünf Minuten vor Ort.«

Kleins Streife hielt sich an die Anweisung. Als sie sich der Einfahrt zum Parkhaus näherten, war nirgends ein Streifenwagen zu entdecken. Sie fuhren ein Stück weiter, hielten an und stiegen aus. Wie aus dem Nichts stand plötzlich ein Uniformierter neben ihnen.

»Klein«, grüßte Sven erfreut.

»Bis jetzt alles ruhig«, meldete der Polizist zackig. »Mein Partner ist im Haus. Keine verdächtige Bewegung. Ein silbergrauer Audi hat vor zwei Minuten das Parkhaus verlassen. Frau am Steuer, weiß.«

»Kennzeichen?«, fragte Chris aus reiner Boshaftigkeit, da die Schulter immer noch höllisch brannte.

Zu ihrer Verblüffung las Klein das Kennzeichen ungerührt von seinem Notizblock ab. Minuten vergingen, ohne dass sich etwas regte. Hin und wieder fuhr ein Auto auf der Hauptstraße vorbei. Aus Kleins Funksprechgerät tönten leise kurze Meldungen. Der Flüchtige verstand es offenbar geschickt, sich unsichtbar zu machen. Seit der Flucht durch die Lange Gasse hatte ihn niemand mehr gesehen.

Es knackte im Funkgerät.

»Kalle, er ist da«, flüsterte eine Stimme im Lautsprecher.

Es ging los. Sie nickte Sven zu, mehr brauchte es nicht, damit jeder wusste, was zu tun war. Ihr Partner rannte zur Ausfahrt, durch die der Flüchtige ins Parkhaus eingedrungen sein musste. Sie blieb mit Klein draußen, um die Personenausgänge zu überwachen. Mit dem Funkgerät hörten sie, was drinnen vorging. Eine Weile blieb es ruhig, bis ein kurzer Piepser verriet, dass jemand eine Autotür öffnete. Das Schloss klickte.

»Halt, Polizei!«, rief Sven. »Hände aufs Dach und keine Bewegung!«

Die nächtliche Stille im Parkhaus verwandelte sich augenblicklich in ein Durcheinander aus hallenden Schritten, Türenschlagen, lauten Befehlen und Flüchen.

»Achtung, er flieht durch das Treppenhaus«, rief Sven.

Die schwarze Gestalt stürzte aus der Tür direkt vor Chris’ Füße. Kleins Partner hatte dem Flüchtenden im richtigen Moment ein Bein gestellt. Im selben Augenblick kniete sie auf dem Mann, drückte ihm das Gesicht auf den Boden und drehte ihm trotz der Stiche in der Schulter die Arme mit aller Kraft auf den Rücken, dass er laut aufstöhnte. Klein half ihr dabei, ihn zu fesseln, während sie seine Arme etwas weiter verdrehte, um zu prüfen, wie laut er werden konnte. Sie zog ihre Waffe aus seiner Hosentasche, dann erst ließ sie von ihm ab.

»Sie sind vorläufig festgenommen«, schnauzte sie ihn an. »Aufstehen!«

Ihre Schulter drohte zu explodieren, doch was sie viel mehr irritierte, war der attraktive Geruch des Scheißkerls.

Wiesbaden

Die elegante Gestalt im Verhörraum nahm ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Mit dem Handy am Ohr beobachtete Chris verwirrt, wie der Schwarze seine Hände peinlich genau untersuchte und die Nägel ausgiebig überprüfte, als säße er im Nagelstudio der unerbittlichen Rosy. Er erhob sich, näherte sich der undurchsichtigen Scheibe, beugte sich vornüber, dass nur das Glas ihre Nasenspitzen trennte. Kritisch betrachtete er sein Gesicht von allen Seiten, fletschte die Zähne, die in makellos weißer Uniform und preußisch präzis ausgerichtet wie die Ehregarde des Alten Fritz auf sie warteten. Jamie am andern Ende der Leitung bekundete Mühe, auf ihre letzte Frage zu antworten, an die sie sich schon nicht mehr erinnerte.

»Ja, ja, ich muss jetzt Schluss machen, bis später«, sagte sie und legte auf.

Sie ließ den Verdächtigen noch zehn Minuten schmoren, bevor sie den Verhörraum betrat. Aus seinen Papieren kannte sie seine Identität. Er hieß Leonard Nuuyoma, stammte aus Namibia und arbeitete als Journalist bei der Zeitung ›Namibian‹ in Windhoek, genau wie das Opfer. »Können die ihren Arbeitskonflikt nicht zu Hause austragen?«, hatte Sven gefragt. Ein mögliches Motiv für die erste Tat wäre es immerhin, musste sie zugeben, wenn auch ein schwaches. Arbeitskonflikte endeten selten tödlich, und wenn, dann mit Schusswaffen. Zudem blieb völlig unklar, wie der bedauernswerte Professor Lorenz ins Bild passte. Sie vermutete eher, dass Lorenz und seine Arbeit an der Uni eine Schlüsselrolle spielten. Nuuyoma erhob sich sofort, als sie eintrat. Mit wachsamen Augen beobachtete er, wie sie ihm gegenüber Platz nahm, die Akten vor sich bereitlegte und das Aufzeichnungsgerät startete. Er wich ihrem forschenden Blick nicht aus. Im Gegenteil: Er schien sich in ihrer Aufmerksamkeit zu sonnen, dass sie fürchtete, er würde jeden Augenblick wieder die, zugegeben schönen, Zähne fletschen. Sie stellte sich vor, worauf er die Hand ausstreckte und mit freundlichem Lächeln sagte:

»Leonard Nuuyoma, nennen Sie mich Leon. Es tut mir leid wegen Ihrer Schulter. Ich wünschte, wir hätten uns unter andern Umständen kennengelernt.«

Sie ignorierte die Hand. »Setzen Sie sich, Mr. Nuuyoma.«

Er gehorchte zögernd, wobei ihm die Enttäuschung so deutlich vom Gesicht abzulesen war wie Jamies Betroffenheit, wenn er ihrem Humor nicht folgen konnte.

»Steht Ihnen ausgezeichnet, der V-Ausschnitt«, murmelte er laut genug, dass sie jedes Wort verstand.

Er sprach ein überraschend sauber artikuliertes Englisch, als gäbe er sich besondere Mühe, gepflegt und gebildet zu wirken. Offensichtlich litt er an narzisstischer Selbstüberschätzung – und er redete Müll.

»Wenn das eine Art Entschuldigung sein soll, dann sagen sie es«, wies sie ihn unwirsch zurecht, »aber lassen Sie meine Brüste in Ruhe.«

Kaum war es ausgesprochen, fühlte sie, wie sie errötete. Was war in sie gefahren? Seine elegante Erscheinung und das selbstbewusste Auftreten verwirrten sie komplett. Sie hatte einen ungehobelten Rüpel erwartet, nun saß sie einem schwarzen Dandy gegenüber, der versuchte, sie sanft um den Finger zu wickeln. Manchmal wünschte sie sich, etwas hässlicher auszusehen. Es würde diese Arbeit um einiges erleichtern. Er zeigte so viel Anstand, nicht auf ihren Ausrutscher zu reagieren, was den Ärger über sich selbst noch verstärkte. Ihre erste Frage klang daher wie eine Anklage:

»Was hatten Sie auf dem Schlossberg zu suchen?«

»Darf ich erfahren, weshalb Sie mich festhalten? Was werfen Sie mir vor?«

»Die Fragen stelle ich, Mister. Aber was halten Sie fürs Erste von Widerstand gegen die Polizei, Diebstahl und Tragen einer Pistole ohne Waffenschein, mal abgesehen von der wilden Flucht durch Tübingen mit geladener Schusswaffe? Wir hätten Sie erschießen können, verstehen Sie?«

Er lächelte verbindlich. »Danke, dass Sie es nicht getan haben.«

»Also?«

»Ich wollte Professor Lorenz sprechen.«

»Nachts um zehn?«

»Ich bin aufgehalten worden, und ich weiß, dass der Professor abends am besten zu Hause zu erreichen ist.«

»Klingt ganz nach Ausrede. Was wollten Sie von Professor Lorenz?«

»Fragen stellen. Ich bin Journalist, wie Sie wissen.«

»Sie leben und arbeiten in Namibia, und da reisen Sie nach Deutschland, um dem Professor ein paar Fragen zu stellen? Gibt es keine Telefone in Ihren Büros?«

»Ich erfuhr erst auf dem Weg nach Deutschland von ihm, hatte aber nicht vor, ihn zu besuchen bis ….«

»Bis was?«

»Bis ich feststellte, dass mein Kontakt wie vom Erdboden verschwunden ist.«

»Klingt nicht sehr überzeugend«, spottete sie.

»Es ist mein voller Ernst. Ich mache mir große Sorgen. Er schickte mir eine Mail, dass er Professor Lorenz treffen wolle. Das war sein letztes Lebenszeichen.«

»Von wem sprechen Sie?«

»Von einem Kollegen aus der Redaktion. Er recherchiert für eine heiße Story in Deutschland, wie er sagte.«

Die Nebel begannen sich zu lichten. Sie glaubte, die Antwort auf die nächste Frage zu kennen.

»Wie heißt der Kollege?«

»Ist es verboten, als Journalist in Ihrem Land Nachforschungen anzustellen? Ich möchte ihn da heraushalten, das verstehen Sie doch.«

»Heraushalten?«

Er zuckte nur mit den Schultern und deutete mit einer ausladenden Handbewegung an, dass er die ungemütliche Umgebung damit meinte.

»Es ist besser, Sie arbeiten mit uns zusammen, glauben Sie mir. Wenn Ihr Kollege nichts verbrochen hat, hat er auch nichts zu befürchten.«

Da er weiter schwieg, beschloss sie, es mit der Schocktherapie zu versuchen. Sie zog eine der Porträtaufnahmen der Leiche aus dem Ammerkanal aus der Akte und schob sie ihm hin.

»Kennen Sie diesen Mann?«

Er zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er das Foto an. Der Mund öffnete sich leicht, die Oberlippe zitterte fast unmerklich. Es war nicht bloße Überraschung, die sein Gesicht ausdrückte. Angst und Entsetzen sprachen aus seinen Augen.

»Was – ist mit Usko – ist er …«

Seine Stimme versagte. Er räusperte sich, bemühte sich, Haltung zu bewahren.

»Möchten Sie ein Glas Wasser?«, fragte sie leise, während sie ihn weiter genau beobachtete.

Er nickte stumm. Als sie ihm das Wasser reichte, schimmerten seine Augen, als hätte er geweint. Das Foto lag umgekehrt auf dem Tisch.

»Das ist Ihr Kollege, nicht wahr? Usko Mwilima.«

»Ist er tot?«, fragte er tonlos.

Die Spannung wich aus seinem Gesicht. Die Wangen schienen zu erschlaffen, die Mundwinkel zeigten nach unten. Er blickte sie unendlich traurig an. Der Tote musste ein enger Freund gewesen sein. Anders konnte sie sich sein Verhalten nicht erklären. Überraschung und Trauer waren nicht gespielt. Dennoch musste sie ihm weiter auf den Zahn fühlen, um sicher zu sein.

»Das haben Sie nicht gewusst?«, fragte sie hart zurück.

Er sprang entsetzt auf. »Nein!«, rief er. »Ich habe so etwas Schreckliches geahnt. Hier drin in meinem Herzen habe ich es gespürt.« Er schlug sich erregt an die Brust. »Seit Tagen hat er sich nicht gemeldet, und im Hotel hat man ihn auch nicht gesehen.«

»Setzen Sie sich bitte.«

Er sank auf den Stuhl, als hätte ihn alle Kraft verlassen. Sie wartete, bis er sich wieder unter Kontrolle hatte, dann forderte sie ihn auf, zu reden:

»Sie sollten mir jetzt alles erzählen, was Sie über Mr. Mwilimas Aufenthalt in Deutschland wissen.«

Eine Pause entstand, während er abwesend durch sie hindurchblickte.

»Wie ist er gestorben?«, fragte er schließlich.

»Ihr Kollege ist einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen.«

»Warum?«

»Das wissen wir nicht, noch nicht. Erzählen Sie uns, was Sie über seine Recherche hier in Deutschland wissen. Vielleicht hilft uns das bei der Aufklärung.«

Er begann, stockend zu berichten. Mwilima arbeitete normalerweise als Einzelgänger, wie er selbst auch. Er war bekannt dafür, nichts über seine Stories zu enthüllen, bis er sie ›im Kasten hatte‹. Noch bis Montag letzter Woche wusste niemand in der Redaktion, dass er in Deutschland recherchierte. Dann kam sein Anruf, er brauche Unterstützung.

»Hat er Sie direkt angerufen, nicht die Redaktion?«

Nuuyoma nickte. »Wir sind – waren gute Freunde. Er vertraute mir mehr als allen andern. Aber darum ging es nicht. Ich glaube, er brauchte mich für Nachforschungen an der Uni. Er sagte, es ginge um Nahrungsmittel.«

»In Deutschland?«

»Das weiß ich nicht, aber die Uni hat damit zu tun. Ich nehme an, er hat eine Spur zu diesem Professor verfolgt. Den sollten Sie befragen.«

»Das geht leider nicht mehr. Jemand hat ihn vorher zum Schweigen gebracht.«

Ruhig und gefasst wartete er auf eine Erklärung.

»Die Nachricht scheint Sie nicht zu überraschen.«

Die Mundwinkel rutschten nach oben. »Ach – Sie glauben, ich hätte ihn umgebracht? Warum sollte ich einen wichtigen Informanten töten?«

»Ich glaube gar nichts. Ich stelle nur Fakten fest. Wir werden Ihre Alibis gründlich überprüfen, und wenn Sie etwas mit einem oder beiden Verbrechen zu tun haben, werden wir das zweifelsfrei feststellen. Davon können Sie ausgehen.«

»Mit deutscher Gründlichkeit, hoffe ich«, murmelte er ohne Ironie.

»Können wir weitermachen? Wie sollte Ihre Unterstützung denn aussehen?«

»Ich habe ursprünglich Agronomie studiert. Das ist die Wissenschaft von …«

»Von der Landwirtschaft. Bei uns gibt’s auch Schulen.«

»Sorry, ich wollte Sie nicht … Also, weil ich mich einigermaßen gut auskenne in der Nahrungsmittelproduktion, habe ich schon etliche Reportagen über kleine und größere Skandale in Namibia geschrieben. Wahrscheinlich brauchte er meine Hintergrundinformationen. Spezialwissen ist manchmal ganz nützlich, um die richtigen Fragen zu stellen.«

»Was Sie nicht sagen.«

Seine Geschichte klang bisher plausibel, doch er schaffte es immer wieder, sie mit solchen Bemerkungen zu reizen. Seltsam nur, dass sie es widerstandslos geschehen ließ.

»Ich möchte ihn sehen«, sagte er unvermittelt.

»Ihren Freund?«

»Ja, Usko.«

Sie nickte. »Ich werde sehen, was sich machen lässt. Hatte Mr. Mwilima Familie, Angehörige, die wir benachrichtigen müssen?«

Er schüttelte traurig den Kopf. »Ich war seine Familie.«

Sein Blick wirkte verloren, wie der des Jungen, der Rat bei der Mutter sucht. Sie wandte sich ab, blätterte scheinbar konzentriert in den Akten, bis er unsicher fragte:

»Sind wir fertig? Kann ich gehen?«

»Sie werden uns noch eine Weile Gesellschaft leisten müssen. Sie bleiben in Untersuchungshaft, bis wir Ihre Angaben überprüft haben. Ach ja – eine Speichelprobe brauchen wir noch.«

Rasch verließ sie das Zimmer, bevor er ihren Verstand mit einer neuen Variante von Betroffenheit vernebelte. Sven empfing sie mit besorgter Miene. Er hatte die Einvernahme durch die Scheibe verfolgt und schien nicht glücklich zu sein über das Ergebnis.

»Habe ich etwas falsch gemacht?«, fragte sie gereizt.

»Nein – und wenn, dann würde ich niemals wagen …«

»Lass das, du brauchst mich nicht aufzuheitern. Verrate mir lieber, was du von seiner Geschichte hältst.«

Er rümpfte die Nase. »Das ist es ja. Vieles deutet darauf hin, dass er die Wahrheit sagt und nichts mit den Morden zu tun hat. Ich habe seine Angaben laufend überprüfen lassen. Er ist tatsächlich wie angegeben direkt von Windhoek nach Frankfurt geflogen und dort im selben Hotel abgestiegen wie Mwilima. Zum Zeitpunkt der Tat am Ammerkanal will ihn ein Zimmerkellner in Frankfurt gesehen haben. Das müssen wir allerdings noch überprüfen. Für den Mord am Professor hat er bis jetzt kein Alibi, aber ich sehe auch weit und breit kein Motiv.«

»Was nicht heißt, dass es keins gibt.«

»Schon klar, und übrigens: Nach übereinstimmenden Aussagen aus Windhoek ist das seine erste Auslandreise seit zwei Jahren. Er kommt also für die Tat in England wohl nicht infrage.«

Oberstaatsanwalt Richter trat aus dem Lift. Er musste Svens letzte Bemerkung gehört haben, denn er eilte mit Riesenschritten auf sie zu, statt den Flur hinunter zur Führungssitzung.

»Die Tübinger Fälle hängen nicht mit dem Delikt in England zusammen?«, fragte er hastig mit einem Blick auf die Uhr. »Wir können die Interpol-Akte schließen und die Fälle nach Stuttgart abgeben, wo sie hingehören?«

»Das steht noch keineswegs fest«, antwortete Sven. »Wir wissen nur, dass der Verdächtige höchst wahrscheinlich nicht als Täter in England infrage kommt.«

»Auf so ein Ergebnis können Sie ja mächtig stolz sein«, knurrte Richter.

Er war in Kampfstimmung. Chris bereitete sich sofort auf einen scharfen Gegenangriff vor. Ihr Chef bemerkte jedoch, dass die Zeit drängte. Er drehte sich angewidert um und hetzte den Korridor hinunter zum nächsten Schlachtfeld. Sven verfolgte ihn mit giftigen Blicken.

»Ich fürchte, ihm steht bald echter Ärger ins Haus«, schmunzelte Chris.

»Hoffentlich.«

Während sie ins Büro zurückgingen, schaltete sie das Handy wieder ein. Das Display zeigte einen verpassten Anruf und vier neue Nachrichten an, alle von ihrer Mutter aus Potsdam. Ihr alter Vater lag mit Fieber im Bett. »Vater geht es nicht gut«, lautete die letzte Meldung. Vater geht es seit Langem nicht gut!, dachte sie bitter. Seit seine Demenz nicht mehr zu verbergen war, mussten sie seinem Zerfall tatenlos zusehen. Sein Umzug ins Heim hatte wenigstens das Leben ihrer überforderten Mutter erträglicher gemacht, aber seither fürchtete sich Chris vor Anrufen aus Potsdam. Jede Nachricht von Vater weckte neue Schuldgefühle. Sie müsste für ihn da sein und für Mama. Die meiste Zeit jedoch blendete sie Potsdam aus und lebte ihr eigenes Leben, als könnte der Mensch das Nest für immer verlassen und wegfliegen wie ein Vogel.

»Scheiße«, murmelte sie bedrückt.

»Ärger mit Jamie?«

»Schlimmer. Vater liegt im Bett.«

»Das – tut mir leid. Ich kann deine Ermittlungen übernehmen, wenn du ihn besuchen willst.«

Sie schüttelte entschieden den Kopf. »Nein, ist nicht nötig. Kümmere dich um Nuuyomas Alibis und die Fremd-DNA an den Opfern wie besprochen. Ich versuche inzwischen, so viel wie möglich über das Umfeld in Namibia zu erfahren, und ich werde mir die Autopsieberichte vornehmen.«

Unschlüssig starrte sie auf das Handy, dann rief sie ihren Geliebten an. Während der nächsten zehn Minuten begrüßte sie dreimal Jamies Anrufbeantworter. Enttäuscht gab sie auf. Sie fühlte sich einsam, verlassen, leer. Sie verdiente nichts anderes, fand sie, als sie Mutters Nummer wählte.

Mariental, Namibia

Thula nahm den Topf vom Feuer. Der Mealie-Pap war etwas dick geraten, zuviel Maismehl, doch das schadete nicht. Ihre Patientin hatte beim letzten Besuch beängstigend schwach gewirkt. Sie zeigte deutliche Zeichen von Unterernährung. Da war sie nicht die Einzige unter ihren Bekannten, doch das Mädchen stand unmittelbar vor ihrer ersten Niederkunft. Thula rührte eine Weile weiter, kostete, dann goss sie einen kleinen Teil für sich in eine Schale und stellte den Topf bereit für den Besuch. Sie mischte zwei Löffel Orangenkompott in ihre Schale und trat damit vor die Tür. Die Sonne stand erst kurz am Himmel. Noch war es angenehm kühl. Keine fünfundzwanzig Grad, schätzte sie. Das trockene Gras der Savanne leuchtete golden wie jeden Morgen. Der Köcherbaum am Fluss warf seinen langen Schatten über ihre Hütte. Für sie waren das die schönsten Minuten des Tages. Sie genoss die Ruhe vor der Arbeit und das süße, nahrhafte Frühstück.

Sie hatte nicht damit gerechnet, die ganze Nacht schlafen zu können. Babys hielten sich nicht an feste Arbeitszeiten. Bald dürfte es vorbei sein mit der Ruhe. Sie schlenderte zum Fluss, der kaum mehr zu erkennen war. Nur einzelne flache Tümpel markierten das Bett des Fish River. Beim traurigen Anblick schüttelte sie den Kopf. Moses hatte ihr erzählt, dieses Rinnsal hätte nur eine Tagereise weiter südlich die größte Schlucht Afrikas ins Gestein gewaschen. Sie glaubte solche Märchen nicht, aber eines Tages würde sie dorthin reisen, um nachzusehen. Eines Tages, wenn der liebe Gott eine zweite Hebamme oder gar einen Arzt hierher schicken würde, damit sie sich nicht mehr allein um all die Armen kümmern müsste.

»Thula, Thula!«, rief eine Kinderstimme.

Sie hörte David, bevor er aus den Büschen sprang und auf seinen dünnen Beinen schnell, wie eine Antilope auf sie zuschoss.

»Es geht los«, keuchte er.

Sie nickte lächelnd, denn der Zehnjährige machte ein Gesicht wie ein erfahrener Geburtshelfer, der diesen Satz jeden Tag ein paar Mal aussprach. Sie winkte ihn ins Haus, gab ihm die Bereitschaftstasche und deutete auf den Topf mit dem Mealie-Pap.

»Kannst du den auch tragen?«

»Klar, was denkst du denn.«

Sie nahm die zweite Tasche aus dem Schrank. Der Behälter aus dem Kühlhaus der Schlachterei fühlte sich immer noch eiskalt an, obwohl sie ihn zur Sicherheit schon am Abend zuvor geholt hatte. Sie stellte noch eine Flasche mit dem Kräutertee dazu. Es war ihre eigene geheime Mischung, die sie über die Jahre perfektioniert hatte. Der Tee regte den Kreislauf an und stärkte ihn, weshalb die Leute ihn als Zaubertrank und sie als gute Hexe verehrten.

»Wie geht es Alexia?«, fragte sie auf dem Weg zum Haus des Farmers.

»Sie schreit.«

»Das sind die Wehen.«

»Ich weiß, aber Dad sagt, sie ist noch trocken.«

»Dad ist bei ihr?«, fragte sie erschrocken. »Das ist nicht gut, es bringt Unglück, das sollte er wissen. Und die Schwester, ist sie da?«

David nickte eifrig. »Mehr als das: Auch ihre Mutter ist gekommen.«

Nangolo Kawana wohnte mit seinen zwei Kindern aus erster Ehe und Alexia in einer einfachen Holzhütte mit Wellblechdach, wie die meisten Kleinbauern in der Gegend. Zwei Schafe, zwei Ziegen, ein paar Hühner, etwas Mais, Spinat und eine Bananenstaude lieferten das Nötigste, um den Hunger zu stillen. Geld gab es nur, wenn Nangolo Glück hatte und für kurze Zeit im Schlachthof aushelfen durfte, oder wenn man ihn bei der Ernte auf den Feldern am Stausee brauchte. Sie ging davon aus, dass sich zurzeit kein Cent im Haus befand. Die Leute bezahlten ihre Dienste mit Eiern und Gebeten, was wollte sie mehr? Auch sie betete für Alexia, die fast noch ein Kind war. Der Herrgott möge ihr Komplikationen ersparen, denn teure Medikamente konnte sich niemand leisten.

Vor dem Haus graste nur ein Schaf.

»Wo ist das Zweite?«, fragte sie.

David warf ihr einen traurigen Blick zu. »Es ist vorgestern gestorben, aber Dad will nicht darüber reden.«

»Tut mir leid, David.«

Die Zuversicht schwand schnell, als sie ans Bett trat, das nur aus einer Matratze am Boden bestand. Sie bedeutete Nangolo, die Hütte zu verlassen, dann fühlte sie Alexias Puls. Ihr Herz schlug schnell, aber immerhin regelmäßig. Die junge Frau sah sie aus angstvoll geweiteten Augen an.

»Muss ich sterben?«, flüsterte sie.

Thula redete ihr beruhigend zu. Sie tat es nicht nur für Alexia. Die andern beiden Frauen brauchten den Trost ebenso, wie es schien. Die Wehen setzten alle fünf Minuten ein, eine Zerreißprobe für die junge Mutter, aber ein gutes Zeichen. Die Fruchtblase platzte. Alexia schrie aus Leibeskräften bei der ersten Presswehe, dennoch befolgte sie die Anweisungen der Hebamme vorbildlich, jetzt, da sie das Ende ihrer Leiden kommen sah. Das Kind lag richtig, nur der Kopf musste ein wenig bewegt werden, damit sich der Muttermund weiter öffnete. Mithilfe der Frauen hob sie Alexia auf einen Stuhl, gepolstert mit Kissen und Tüchern, damit sie sitzend gebären konnte. Die Stellung linderte ihre Schmerzen und beschleunigte den Prozess.

Eine halbe Stunde später hielt Thula den winzigen Wicht in den Armen und legte ihn an Alexias Brust.

»Ein Knabe«, verkündete sie lächelnd.

Die Ankunft des neuen Erdenbewohners verwandelte die düstere Hütte in einen Ort ausgelassener Freude. Lachen und fröhliches Schwatzen erfüllten den Raum und es schien, als weiteten sich die kleinen Fenster, damit mehr warmes Sonnenlicht den Kleinen streicheln konnte. Alexia hielt ihren Sohn mit Tränen in den Augen in den Armen und fand keine Worte für ihr Glück. Vergessen waren die Schmerzen und die Todesangst. Ihr Herz beruhigte sich. Das Neugeborene machte einen gesunden Eindruck, das sah Thula mit ihrem geübten Auge, auch ohne es mit Stethoskop und Thermometer zu untersuchen. Der liebe Gott hatte ihre Gebete erhört. Sie war überzeugt, Komplikationen würden nun auch im letzten Akt ausbleiben.

»Lasst uns jetzt bitte allein«, sagte sie zu den zwei Frauen.

Sie wartete, bis sich die Tür hinter ihnen schloss, dann setzte sie die zwei Klemmen und durchtrennte die Nabelschnur. Der Blutkreislauf des Kindes brauchte diese Unterstützung nicht mehr. Behutsam legte sie den Kleinen wieder an Alexias Brust.

»Ich massiere dich jetzt, damit sich die Nachgeburt ablöst. Keine Angst, du wirst kaum etwas spüren dabei.«

Sie fühlte, wie sich die Fruchtblase verlagerte. Der junge Körper, so schwach er schien, löste auch diese Aufgabe hervorragend. Er schied die Nachgeburt unversehrt und vollständig aus. Alexia blieben gefährliche Blutungen erspart. Thula legte das kostbare Gewebe sorgfältig in den bereitstehenden Behälter.

»Ich bringe euch das Geld am Sonntag nach der Messe«, sagte sie.

Alexia nickte. Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.

»Danke, Thula.«

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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381 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783967526936
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