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Hans Weinhengst

TURMSTRASSE 4

Roman

Aus dem Esperanto übersetzt von Christian Cimpa

Mit einem Nachwort von Kurt Lhotzky


Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Hans Weinhengst und die Geschichte des Esperanto

Glossar

Über den Autor

1.

Ein grauer, heruntergekommener Wohnklotz. Das ist das Haus Nummer 4 in der Turmstraße. Wenn ich »grau« sage, beschreibe ich die Farbe der Mauern nicht ganz treffend. Sie sind in Wahrheit undefinierbar widerwärtig. Das Eckhaus, bei dem die Turmstraße die Trostlos-Straße schneidet, unterscheidet sich nicht merklich von den Nachbarbauten oder den vielen anderen Gemäuern in diesem Wiener Arbeiterviertel. Allerdings vereint es alle üblen Eigenschaften solcher Zinskasernen in besonderem Ausmaß. Die verfallene Fassade ist altmodisch verschnörkelt mit allerhand künstlichen Vorsprüngen und halb verwitterten Figuren über den Fenstern. Die Farbnuancen der Fensterrahmen sind nicht in ein, zwei Worte zu fassen – vor vielen Jahren waren sie vielleicht braun. Insgesamt bietet das Haus nichts dem Auge Schmeichelndes, mit Ausnahme verschiedenster Blumen, Blattpflanzen und Kakteen, die in fast jeder Fensternische zu sehen sind. Das Hausinnere zeigt auf den ersten Blick unverhohlen, dass die gesamte Konstruktion einzig dem Streben nach Ausbeutung folgt: Das Stiegenhaus und die Gänge sind schmal, der erdrückend enge Hof – »Lichthof« genannt – ist der den Bauvorschriften geschuldete einzige freie Raum, die Wohnungen sind winzig, dafür aber zahlreich.

Das vierstöckige, nicht auffallend große Haus umfasst sechsundfünfzig Wohneinheiten, die größtenteils aus je einer kleinen, dunklen Küche und einer Kammer mit einem einzigen Fenster bestehen. Das ganze Treppenhaus, und mit ihm mehr oder weniger auch die Wohnungen, sind erfüllt vom ekelhaften Gestank aus den alten Aborten, pro Stockwerk sechs an der Zahl. An heißen Tagen im Sommer und kalten im Winter, wenn die Fenster wegen des Frosts geschlossen bleiben, wird dieses Odeur unerträglich, vor allem zur Mittagszeit, wenn sich mit ihm diverse Gerüche aus fünfzig oder mehr Küchen vermengen. Aus vierzehn Türen, eng aneinandergereiht, strömen die Menschen zum einzigen Wasserhahn der Etage. Und Menschen gibt es hier viele: Im ganzen Haus wohnen an die dreihundert, in den winzigen Wohnungen oft zu siebt oder zu acht zusammengepfercht, aneinander klebend, einander in die Quere kommend bei jeder Bewegung.

Natürlich sind solche Massenquartiere unweigerlich auch Nistplätze finsterer Dämonen: Armut, Stumpfsinn, Hass, Verdruss, Verzweiflung und andere. Das edle Gewächs der Nächstenliebe kann unter solchen Umständen nur vegetieren, auch wenn die Herzen gerade der Menschen dieser Klasse grundsätzlich ein guter Nährboden dafür wären.

Unfrieden, Krawalle und lärmende Auseinandersetzungen sind Alltag im Haus Turmstraße Nummer 4. Ob Tratsch oder unvereinbar scheinende Ansprüche einen Konflikt zwischen Hausparteien auslösen oder ob ein Familienkrach aus diesem oder jenem Grund die Gemüter erhitzt – die wahre Ursache ist wohl meistens das Elend, das doch allen gemeinsam ist …

Eines Abends, in der ersten Märzwoche des Jahres 1929, hörte man aus der Wohnung Nummer 16 im ersten Stock lautes Geschrei. Das wüste Schimpfen eines Mannes hallte durch das halbe Haus. Eben die Treppe zum ersten Stockwerk hinaufsteigend hielt ein etwa achtzehnjähriges Mädchen unwillkürlich inne, um zu horchen – und erbleichte, als sie die Stimme ihres Vaters erkannte. Langsam und offensichtlich schweren Herzens nahm sie die weiteren Stufen der abgewetzten Steintreppe.

Schon konnte sie das Geplärre verstehen. Der Auslöser für den Zorn des Vaters war sie selbst. Eben drohte er, ihr die Knochen zu brechen, sobald sie heimkäme. Die Hände vors Gesicht schlagend zögerte sie wieder.

Als sie aus der Wohnung deutlich das haltlose Schluchzen ihrer Mutter vernahm, öffnete sie zitternd die Tür und trat ein. Die Mutter, tränenüberströmt in der Küche beim Ofen kauernd, sah weder zu ihrer Tochter auf, noch antwortete sie auf deren leisen Gruß. Nur ihr Weinkrampf wurde mit einem Mal heftiger und unkontrollierter. Im Zimmer, äußerlich nun etwas zur Ruhe gekommen, lauerte der Vater.

Nichts Gutes ahnend betrat das Mädchen den Raum. Der Vater stand am Fenster und starrte auf die Straße. Martha grüßte und legte Mantel und Mütze ab.

Sofort schwoll der Zorn des Mannes erneut an und brach unvermittelt aus ihm heraus:

»Du Kanaille! Jetzt kommst du heim? Seit mehr als einer Stunde bist du überfällig! Um sechs hast im Büro aus, und jetzt ist es halb acht! Warst wieder unterwegs, Arm in Arm mit dem Nichtsnutz vom zweiten Stock, du falsche Katz! Am Sonntag hast dich mit deiner Freundin weggeschlichen, und ums Eck hat er schon gewartet, dein Liebling! Ausgerechnet der arbeitsscheue Tagedieb mit seinen Flausen im Kopf! Vielleicht bildest du dir ein, dass du mir was vormachen kannst, du Luder, aber ich werd dir noch zeigen, was sich gehört!«

Laut und mit wütender Gebärde schritt er auf die Tochter zu, die bis zur Wand zurückwich. Sein Gesicht, von einem Granatsplitter im Weltkrieg zerfetzt, war grundsätzlich grauenerregend, und die schwarze Klappe, die die leere rechte Augenhöhle verdeckte, machte den Anblick kaum erträglicher. Aber jetzt, vor Wut zur Grimasse verzerrt, war es scheußlich und abstoßend. Im selben Augenblick verlor die junge Frau jegliches Gefühl von Angst oder Respekt, und auf ihrem sonst anmutigen und zarten Gesicht spiegelte sich ein unbeschreiblicher Ausdruck von Hass und Ekel.

Der Vater hatte den letzten Satz kaum fertig gesprochen, als sie, fest in seine entstellte Fratze blickend, ruhig und gefasst erwiderte:

»Ich hasse es, zu lügen. Wenn ich’s getan hab, dann nur, weil’s für mich die einzige Möglichkeit ist, ein bissl Freude zu haben im Leben. Ich hab auch ein Recht auf mein Stück vom Glück, wie jeder andere. Und ein Tagedieb ist der Karl sicher nicht! Was kann er dafür, dass er keine Arbeit findet?«

Für einen Moment stand der Vater wie versteinert da. Noch nie hatte sich ihm das Mädchen direkt widersetzt. Doch dann tobte er wie von Sinnen. Mit tierischem Gebrüll fiel er über seine Tochter her und prügelte wild auf sie ein. Wahrscheinlich hätte er die Unglückliche totgeschlagen, wären nicht Nachbarn, von den Hilferufen der Mutter alarmiert, rettend eingeschritten. Sie überwältigten den von allen guten Geistern Verlassenen, hielten ihn von seinem Opfer ab und riefen die Polizei, die den Mann schließlich abführte.

Eine mitfühlende Nachbarin half der Mutter, die bewusstlos geschlagene Tochter zu entkleiden und zu Bett zu bringen. Martha blutete aus Nase und Mund, ihr Gesicht war geschwollen, und ihr zarter Körper zeigte deutlich die Spuren der furchtbaren Hiebe.

Als Martha erwachte, saß die Mutter mit gesenktem Kopf an ihrem Bett, das Gesicht in die Hände vergraben. Martha stieß einen tiefen Seufzer aus, als Schmerzen die Erinnerung an das Geschehene zurückbrachten.

Schwach fragte sie, während sie zärtlich den Kopf der Mutter streichelte: »Wo ist der Vater?«

»Sie haben ihn verhaftet«, antwortete die Mutter mit tonloser Stimme.

Nach einer kurzen Pause sagte das Mädchen: »Es wird immer schlimmer mit ihm. In letzter Zeit ist er unerträglich.«

»Ja, Kind, aber an dem bist auch du ein bissl schuld. Es wär gescheiter, du würdest ihm nicht so viel widersprechen. Komm ihm mehr entgegen, gib halt öfter nach. Denk dran, er ist ein Krüppel.«

»Ich kann nimmer, Mamsch. Ich hab doch eh getan, was er wollte, ich hab auch immer Verständnis gehabt für ihn. Und ich hab den Glauben nie aufgegeben, dass er sich bessert. Aber er schikaniert und malträtiert uns beide immer ärger und jetzt schon ganz ohne Grund. Ja, ich weiß, er ist ein Kriegsopfer und bedauernswert, und mir tut’s auch leid, dass er wegen mir eingesperrt ist. Ich werd in Zukunft gehorchen so gut es geht und auf ihn Rücksicht nehmen – Respekt oder Liebe kann er allerdings nimmer von mir erwarten.«

Die Mutter hob den Kopf und sah ihre Tochter voll Schmerz und Tadel an: »Er ist immerhin dein Vater!«, sagte sie. »Und er war nicht immer so. Ein fescher Mann war er einmal, strotzend vor Kraft und herzensgut. Ich hab ihn furchtbar gern gehabt, und wenn ich an damals denk, dann hab ich ihn heut noch lieb. Ein armer Kerl ist er. Der Krieg hat ihn kaputt gemacht.«

»Ja, Mamsch, wenn er nicht so jähzornig wär und wenn er mich lieben tät, wie das ein Vater halt tut,« – Martha betonte das Wort »Vater« – »wär ich froh und er könnt alles von mir haben. Aber, Mamsch, er ist ja nicht nur zu mir so gehässig, sondern auch zu dir. Und mir geht’s nur noch um dich, sonst wär ich schon lang davongelaufen. Wieso regt er sich überhaupt auf, wenn ich mich mit dem Karl Weber treff? Der ist doch so ein guter und anständiger Mensch!«

»Geh, das brotlose Armutschkerl! Der Vater sagt, so wie du ausschaust, so wie du den Männern g’fallst, kannst Glück haben und einen ganz Reichen finden. Außerdem weißt du ja, was er von dir will.«

»Dass ich den Buckligen heirat’? Nie! Und wenn der drei Häuser hätt, würd ich ihn nicht zum Mann nehmen. Der ist so hässlich, dass mir vor ihm graust. Und primitiv ist der auch, und ein Trankler.«

»Aber reich! Er hat ein Haus und eine gutgehende Firma. Und er sagt, dass er dir zuliebe ein anderer Mensch werden will«

Martha gab keine Antwort mehr. Und auch die Mutter verfiel jetzt in Schweigen.

Zwar lag dem Mädchen noch etwas auf dem Herzen, aber sie konnte nicht darüber sprechen. Sie betrachtete das Gesicht der Mutter. Noch jung – zweiundvierzig – und schon voller Falten. Aber irgendwie immer noch hübsch. Die Mutter hatte dieselbe Anmut in den Gesichtszügen wie die Tochter.

Arme Mamsch! Welch großes Leid hatte in diesem Gesicht seine Spuren hinterlassen! Trotz alledem war sie immer geduldig, zuvorkommend und verständnisvoll. Würde sie allerdings ein wenig mehr Stärke zeigen, wäre der Vater vielleicht doch zurückhaltender und nicht so despotisch. Er war indes nicht nur herrisch, streitsüchtig und brutal, nein, er trank obendrein bis zur Bewusstlosigkeit, zuletzt immer öfter. Völlig besoffen verlor er alle Hemmungen und benahm sich wie ein wildes Tier.

Martha erschauderte bei dem Gedanken. Nichts, was sie bisher erlebt hatte, ließ sich mit dieser wahnsinnigen Angst vergleichen, die ihr letzten Samstag das Herz abgeschnürt hatte, als der Vater die Abwesenheit der Mutter ausnützte, um sie, seine eigene Tochter, mit Gewalt ins Bett zu zerren. Er hätte sie – vor Geilheit beinahe von Sinnen – überwältigt, wenn nicht im entscheidenden Augenblick die Mutter am Eingang geklopft hätte. Aber wäre ihr das Glück beim nächsten Mal wieder hold und würde der Vater sein Ziel dann nicht mit noch größerer Brutalität und Vehemenz zu erreichen suchen?

Nein, der Mutter konnte sie das nicht erzählen. Ihretwegen hatte sie den Vater auch nicht bei der Polizei angezeigt. Ihn hätte sie nicht verschont. Er verdiente keine Gnade.

Plötzlich bemerkte das Mädchen, dass die Mutter – am Sessel sitzend, den Oberkörper aufs Bett gelegt – eingeschlafen war. Martha erhob sich vorsichtig, dämmte die Flamme der Petroleumlampe und legte sich wieder hin. Bald befand sie sich im grenzenlosen Land der Träume. Dort konnte sie Schönheit, Freude und Liebe erfahren – Dinge, nach denen sie sich im wirklichen Leben sehnte und denen sie doch so selten begegnete.


Wohnung Nummer 32 im zweiten Stock des Gebäudes Turmstraße 4 war das Zuhause der Familie Weber. Diese bestand aus dem Familienoberhaupt Herrn Anton Weber, einem achtundfünfzig Jahre alten, hochgewachsenen Mann, an dessen Kopf- und Barthaaren man bereits die eine oder andere graue Stelle erkennen konnte, seiner Ehefrau Amalie, vierundfünfzigjährig, die zwar deutlich älter aussah, aber eine bemerkenswerte Rührigkeit und mitunter auch Konfliktbereitschaft an den Tag legte, den beiden Söhnen Anton und Karl und den zwei Töchtern Anna und Erna. Letztere war zwar verheiratet, wohnte aber in Ermangelung eines eigenen Heims mit ihrem Ehemann Heinrich und dem kleinen Sohn Heinz ebenfalls in der bescheidenen Wohnung der Eltern.

Anna war eine einunddreißigjährige ledige Frau, die schon zweimal kurz vor der Hochzeit gestanden war. Außerdem wäre sie bereits Mutter zweier Kinder, hätte ein gnädiges Schicksal sie nicht von dem stets zur Unzeit eintreffenden Segen befreit: Zuerst nahm es ihr in Gestalt eines Mitleid empfindenden Todes den neugeborenen Buben, das andere Mal unterbrach eine Komplizin des Schicksals, die Hebamme, Annas Schwangerschaft. Bedauerlicherweise verursachte diese wertvolle Hilfe wohl durch ungeeignete Werkzeuge irreparablen Schaden an Annas Gesundheit. Enttäuschungen und chronische Leiden hatten sie innerlich verhärmt, sie war aufbrausend und leicht erregbar. In jungen Tagen ein auffallend hübsches, lebenslustiges Mädchen, welkte sie nun mehr und mehr dahin. Während fröhlicher Momente ließ sich aber manchmal noch ihr früherer Charme erahnen.

Ihre um sechs Jahre jüngere Schwester Erna, ein kleines, zierliches Wesen, war nicht im wirklichen Sinne schön, aber auch weit davon entfernt, hässlich zu sein. Ihr fahles ovales Gesicht mit der Stupsnase und den dunklen, träumerisch wirkenden Augen spiegelte Herzensgüte und Milde, das schlicht in den Nacken fallende braune Haar unterstrich den Eindruck des bescheidenen, anspruchslosen Gemüts. Sie war so etwas wie der wohltätige, versöhnende Engel der Familie. Als sie vor zwei Jahren den Eltern gestehen musste, guter Hoffnung zu sein, erhielt sie von der Mutter eine endlose Reihe vorwurfsvoller Moralpredigten und vom Vater zwei schallende Ohrfeigen. Danach verheiratete man sie mit ihrem Geliebten, und man gewährte den beiden vorübergehend Obdach in der elterlichen Wohnung. Glücklicherweise war der nunmehrige Ehemann bei der Bahn, also ein Staatsbediensteter. Diese halbwegs sichere Anstellung garantierte seiner jungen Familie ein zuverlässiges Einkommen – ein Segen in Zeiten allgemeiner Arbeitslosigkeit. Zudem erwies er sich als besonnener und fürsorglicher Gatte, der weder rauchte noch trank. So hätten Erna und Heinrich vielleicht ein zufriedenes Paar sein können, erfüllt von gegenseitiger Liebe und gemeinsamer Verantwortung für ihren Spross Heinz, wäre ihnen ein eigener Hausstand vergönnt gewesen und hätte Erna eine kräftigere und gesunde Lunge besessen. Das Zusammenleben mit fünf erwachsenen Menschen in der kleinen Zimmer-Küche-Wohnung war dem ehelichen Glück mehr als abträglich und hatte einen zermürbenden Einfluss auf die Gesundheit der an Schwindsucht leidenden jungen Frau.

Anton war achtundzwanzig und seit zwei Jahren ohne Arbeit. Von Beruf Metalldreher fand er nur ab und zu kurzfristig Beschäftigung und brachte daher den Großteil der Zeit zwangsläufig mit Nichtstun zu. Er war ein ungeschliffenes Raubein mit Hang zu Alkohol und Kartenspiel, ein rücksichtsloser Ichmensch und zuweilen ein echter Familientyrann, dem einzig der strenge, unbeugsame Vater beizukommen vermochte.

Welch ein Unterschied zum Charakter seines Bruders Karl! Der Zwanzigjährige, mittelgroß und von schöner Statur, zeigte starke Ähnlichkeit mit seiner Schwester Erna und war gutmütig, harmoniebedürftig und ausgesprochen träumerisch veranlagt. Sein ebenfalls ovales Gesicht unter dunkelblondem Haar zeigte weibliche Züge, und aus seinen blauen Augen blickten stets staunende Neugier und herzliche Fröhlichkeit. Bisweilen ließ ihn sein ausgeprägter Hang zur Poesie weltvergessen in Büchern versinken, selbst wenn alles um ihn herum hetzte und lärmte.

Karl verfasste auch Gedichte und kurze Geschichten, die für gewöhnlich von Liebe und Leid handelten. Lange Zeit hatte er nur für sich selbst geschrieben und, was die Musen ihm schenkten, eifersüchtig vor fremden Blicken bewahrt. Zuletzt aber hatte er einen Menschen gefunden, den er an all seinen Geheimnissen teilhaben lassen konnte und in dem er einen bewundernden Zuhörer fand, wenn er – fernab vom Getriebe der Welt – seine Verse vortrug und voll innerer Anteilnahme Erzählungen von verlorenem Liebesglück oder den Entbehrungen eines notleidenden Waisenkinds vorlas.

Dieser Mensch war die vom Leben schwer geprüfte Martha Groner aus dem ersten Stock, Nummer 16. Wie er, der schüchterne Bursche, diese bezaubernde junge Frau kennenlernen und ihr nahekommen konnte, darüber wunderte sich Karl insgeheim oft. Lange schon hatten die beiden sich zueinander hingezogen gefühlt, und die Liebe, diese wunderbarste Form schöpferischer Energie, hatte Mittel und Wege gefunden, sie als Paar zusammenzuführen. Martha liebte Karl voll Temperament und Leidenschaft, während das Herz des Burschen erfüllt war von seliger Schwärmerei für sie. Seit dem Moment ihres gegenseitigen Liebesgeständnisses wirkte er noch mehr in sich versunken, und er lebte in einem Traum, in dem ihn der bedrückende Alltag nicht zu erreichen schien.

Wie ein Schatten auf einem Lichtbild trübte jedoch ein Umstand das Liebesglück der beiden jungen Menschen: Martha hatte sehr unter ihrem Vater zu leiden, der sie nicht nur unmenschlich behandelte, sondern ihr auch die Beziehung mit Karl untersagte – wie übrigens mit jedem anderen Mann, außer natürlich mit jenem, den er für sie auserkoren hatte. So mussten sie ihre Liebe verbergen und konnten das Glück ihres Zusammenseins nur verhältnis mäßig selten auskosten. Dieser Umstand beschenkte sie allerdings mit Stunden voll bitterer Süße und Romantik.

An jenem Abend, an welchem sich die hässlichen Szenen in Marthas Familie abspielten, hatte Karl sie von ihrem Arbeitsplatz heimbegleitet. Aber er ging danach selbstverständlich nicht mit bis zum gemeinsamen Wohnhaus. Er wagte es nicht einmal, ihr in angemessenem Abstand zu folgen, sondern verbrachte trotz der empfindlich kühlen Abendluft etwa eine halbe Stunde im nahe gelegenen Park. Als er schließlich heimkam, war der tobende Groner von den Polizisten schon abgeholt worden, und es herrschte wieder die gewohnte Ordnung im Haus.

Seltsam war, dass Familie Weber von jenem Aufruhr so gar keine Notiz genommen hatte. Wohl, weil derartige Vorkommnisse keine Seltenheit darstellten unter diesem Dach, weder bei den Groners noch bei sonst einer Hauspartei. Die Bewohner hatten sich an ein gewisses Maß an Aufregung und Tumult gewöhnt. Daher erfuhr Karl an diesem Abend nicht mehr, was seiner Freundin zugestoßen war. Sonst hätte er sicher nicht so gut geschlafen und vermutlich kaum bis zum späten Morgen in süßen Träumen geschwelgt, aus denen ihn ein grober Stoß seines Bruders Anton riss.

»Hallo, du faule Ratte, raus aus dem Bett! Die Mutter hat dich schon zweimal geweckt. Und mich mit! Der Teufel soll dich holen und mit dir in einem Bett schlafen! Einmal rollst dich ein wie ein Igel, dann schlägst du im Traum wild um dich, wälzt dich herum oder hüpfst im Bett wie eine Ziege auf der Alm. Das halt ich nimmer lang aus!«

Anton bellte diese Worte in seiner polternden, ungeschliffenen Art. Wie aus dem Himmel vertrieben rieb sich Karl die Augen und zog eine Grimasse, als könnte er seinen Tränen nicht mehr Einhalt gebieten.

»Ich kann doch nichts für das, was ich im Schlaf tu. Außerdem brauchst du fast das ganze Bett für dich allein und mir bleibt überhaupt kein Platz.«

»Halt den Mund und verschwind aus dem Wanzenstall! Wenn dieses Weibsbild nicht für mehr Sauberkeit sorgt, frisst uns sowieso bald das Ungeziefer. Die Leintücher schauen aus wie Miniatur-Schlachtfelder. Pfui Teufel!«

»Nörgeln ist alles, was du kannst, du Blindgänger!«, verschaffte sich Anna mit schriller Stimme aus der Küche Gehör, »den ganzen Tag treibst dich rum, spielst Karten, versäufst das Arbeitslosengeld und stänkerst – was anderes kannst du nicht. Und wir rackern uns die Seele aus dem Leib! Vergiss mich!«

»Pass auf, was du sagst, du aufgeblasene Gans, oder du kriegst von mir eine aufs Maul, dass dir die Lippen anschwellen wie Salatgurken!«

»Kruzifix! Ihr Falotten!« Jetzt mischte sich auch die Mutter in den Streit ein, die gerade die Schmutzwäsche aus dem unteren Kastenfach einsammelte: »Ist es notwendig, schon in aller Früh die Luft im Zimmer mit Schreien und Streiten zu verpesten? Ich schau da nicht mehr lang zu. Noch ist das meine Wohnung und noch werd ich hier wohl das Sagen haben. Karl, es ist schon acht und du musst unbedingt vor zehn am Arbeitsamt sein, oder du verlierst deine Unterstützung! Ihr seid elende Mistviecher! Die ganze Woche flaniert ihr nur in der Gegend rum, und wenn ich mich nicht am End drum kümmern würd, würdet ihr nicht einmal rechtzeitig losgehen für die paar Schilling, die ihr vom Staat kriegt. Mir scheint, ich muss andere Saiten aufziehen!«

Karl war unterdessen aufgestanden und schlüpfte in sein Gewand.

Frau Weber keppelte noch eine Weile weiter. Hatte sie einmal begonnen zu predigen, hörte sie gewöhnlich nicht auf, bis sie den Familienangehörigen ihr Repertoire an immer gleichen Vorhaltungen heruntergebetet hatte. Und diese Liste war ziemlich lang.

Murrend drehte Anton das Gesicht zur Wand. Anna räumte mit zorniger Miene die Küche auf und schepperte dabei mit dem Geschirr mehr als nötig. Die tiefbetrübte Erna verschwand wortlos zum Einkäufen. Ihren Buben nahm sie mit. Trotz der erheblichen Anstrengung, die das für sie bedeutete, konnte sie es dem Kleinen nicht antun, ihn alleine zu lassen unter diesen aufgebrachten, wüst schimpfenden Menschen.

Der alte Herr Weber, der in einer Maschinenfabrik beschäftigt war, und der auf einem Bahnhof Dienst versehende Heinrich hatten das Haus schon früh am Tag verlassen.

Auch Karl beeilte sich nun, fortzukommen. Nicht nur, um zu gebotener Zeit am Arbeitsamt zu sein, sondern auch, weil es morgens besonders ungemütlich war in der kleinen Wohnung, selbst wenn zufällig einmal keine derart geladene Stimmung herrschte. Trotz der beiden geöffneten Fenster hielten sich in den Räumen hartnäckig die ekelhaften Gerüche des Schlafs, der menschlichen Ausdünstungen und der zerdrückten Wanzen.

Karl wollte eben gehen, als ihn Anna zurückhielt.

»Du gehst mir hoffentlich nicht mit so einem verdreckten Mantel außer Haus! Geh her da und putz dich ab!«

Folgsam schlüpfte er aus den Ärmeln, ergriff eine Bürste und stellte sich auf den Gang. Dort stand schon eine Nachbarin, die den Staub aus ihren Kleidungsstücken klopfte. Und eben erschien eine zweite, einen Korb voller Lebensmittel und Gewürze in der einen, den zweijährigen Sohn an der anderen Hand.

Karl und die beiden Frauen tauschten Grüße aus. Die eben Hinzugekommene beeilte sich, die Wohnungstür aufzusperren und den Korb auf dem Küchenboden abzustellen, um sich sofort an die Nachbarin zu wenden.

»Frau Hesky, was sagen Sie zum Groner? Dieser Wahnsinnige wird irgendwann noch Frau und Tochter erschlagen. Wenn’s so weit ist, denken Sie an meine Worte!«

»War er wieder rabiat?«, fragte die andere neugierig. »Ich hab gestern schon Lärm heraufghört von da unten, mich aber nicht drum gekümmert.«

»Verhaftet ist er worden!«, antwortete die erste mit bedeutsamer Miene. »Der hätt die arme Martha umgebracht, wenn nicht die Nachbarn gekommen wären und die Polizei gerufen hätten. Die armen Frauen!«

»Hätt ich so einen Mann, ich würd ihn erschlagen – und kein Gericht würd mich verurteilen!«

Karl, der zu bürsten aufgehört hatte, lauschte dem Gespräch. Er verspürte einen Stich im Herzen und seine Wangen erbleichten. Unterdessen beschäftigte sich der kleine Bub der Nachbarin mit dem Essenskorb in der Küche. Plötzlich waren Geräusche zu hören, als ginge Glas zu Bruch, und schon kam das Kind weinend aus der Wohnung gelaufen, die kleine blutende Hand in die Höhe gestreckt.

»Mama, Mama!«, piepste sein Stimmchen unter Tränen, »aua, aua!«

Die schwatzhafte Mutter lief aufgeregt in die Wohnung und erstarrte für einen Moment. Dieser Unglücksrabe! Der Korb lag umgefallen da, zwei Flaschen waren zerbrochen, Zucker, Fett, Mehl und Salz schwammen in einer Pfütze aus Essig und Petroleum! Eilig versuchte die Frau zu retten, was zu retten war. Dann stürzte sie sich auf den Kleinen, der immer noch weinte, und schlug unter heftigem Gezeter erbarmungslos auf ihn ein.

»Du Hund, du, du Teufelsbraten! Groschen um Groschen spart man sich vom Mund ab, und so eine Missgeburt richtet nur Schaden an! Ich werd noch wahnsinnig! Aber ich bring dir schon noch bei, dass du deine Finger nicht überall dran haben musst!«

In diesem Moment erschien ein fünf- oder sechsjähriges Mädchen, die Tochter der aufgebrachten Frau. Angesichts der furchteinflößenden Szenerie näherte es sich ängstlich und versuchte, sich an der Mutter vorbei in die Wohnung zu schwindeln. Die aber ließ den wie am Spieß brüllenden Buben los, schnappte sich die Kleine und verpasste ihr eine Ohrfeige. Mit einer Schimpforgie drosch sie mehrmals in das zarte Gesicht der Tochter und riss sie an den Haaren.

»Du unnötiger Parasit, du! Die ganze Zeit frisst du nur und faulenzt oder streunst auf der Gasse herum, aber einmal auf deinen kleinen Bruder aufpassen – dazu bist nicht imstand! Aber ich brech dir deine Knochen, bevor du zur Hure wirst und zur Verbrecherin!«

Jetzt konnte sich Karl, der zunächst wie gelähmt schien, nicht mehr zurückhalten. Rasch entriss er das Mädchen der überraschten Mutter und maßregelte diese in ungewöhnlicher Schärfe. Da mischte sich aber die zweite Nachbarin ein, sodass das laute Geschrei weitere Personen herbeilockte und schließlich ein gewaltiger Wirbel entstand, weil die gute Mutter das Eingreifen eines Fremden in ihre mütterlichen Rechte selbstverständlich nicht widerspruchslos hinnahm.

Karl sah zu, dass er wegkam, während aufgeregte Worte der Entrüstung noch lange von einer Tür zur anderen quer über den Gang hallten.


Es war noch dunkel, als Martha Groner erwachte. Sie setzte sich im Bett auf, um ein Streichholz auf dem Nachtkästchen zu suchen. Augenblicklich flammte der Schmerz in ihrem Kopf und an anderen Körperstellen, auf und erneut schossen ihr die furchtbaren Ereignisse des letzten Abends in den Sinn. Im Licht des Streichholzes erkannte sie, dass die Uhr noch nicht fünf zeigte und ihre Mutter im Bett des Vaters schlief, der also nicht heimgekommen war.

Weil noch mehr als eine Stunde Zeit war, legte sich Martha wieder hin, auch wenn sie nicht mehr einschlafen konnte. In ihrem Inneren jagte ein Gedanke den anderen, und sorgenvolles Grübeln trug dazu bei, dass ihr Kopfweh nicht nachließ.

Der Vater verbrachte die Nacht offensichtlich in der Gefängniszelle, vielleicht geplagt von Gewissensbissen. Martha war nun fast selbst überzeugt, dass er im Innersten nicht so schlecht war, wie es manchmal den Anschein hatte. Er war invalide, und wer weiß, was er schon alles an körperlichen und seelischen Qualen durchgestanden hatte! Vermutlich war das, was die Mutter sagte, richtig: Sie wären eine glückliche Familie, wenn der unselige Krieg nicht alles kaputtgemacht hätte.

Aber wie sollte es jetzt weitergehen? Der Vater würde sicher bald wieder daheim sein. Sie hatte trotz allem nicht vor, gegen ihn auszusagen. Wenn wenigstens Karl ein Einkommen hätte! Dann könnten sie eine Heirat in Erwägung ziehen. Einen »arbeitsscheuen Tagedieb« nannte ihn ihr Vater ungerechterweise. Karl würde gerne eine Anstellung annehmen, wenn er nur eine bekäme. Bestimmt litt er selbst schwer unter seiner Arbeitslosigkeit. Er war ein so feiner, mitfühlender junger Mann! Bedauerlicherweise etwas zu weich. Martha wünschte sich einen Lebenspartner mit mehr Energie und Entschlossenheit …

Schließlich wurden ihr das Herumliegen und das Sinnieren unerträglich. Sie stand auf, machte Licht und kleidete sich an. Davon erwachte auch die Mutter und erhob sich.

»Guten Morgen, Mamsch!«, grüßte Martha leise. »Du kannst im Bett bleiben. Es ist noch sehr zeitig, und ich mach heut das Frühstück.«

»Nein, nein! Ich kann eh nicht mehr liegen. Ich muss nachschauen, was mit dem Vater los ist. Mir hat heut Nacht was Furchtbares geträumt.«

»Kennst du die Sprichwörter: ›Träume sind Schäume‹ und ›Was der Traum dir bringt – mit dem Traum verklingt‹«.

»Wenn’s nur so wär. Schon öfter hat sich ein Unglück durch einen Albtraum angekündigt. Zum Beispiel, als der Vater verwundet worden ist, hab ich eine fürchterliche Vision gehabt. Wie geht’s dir, Martha, kannst arbeiten?«

»Danke, Mamsch! Ich bin gesund, ich geh heut ins Büro.«

Sie tranken ihren Kaffee ohne etwas dazu. Weder die Mutter noch die Tochter brachten eine Scheibe Brot hinunter. Ihre Kehlen waren zugeschnürt von Trauer und einer düsteren Ahnung. Schweigend gingen sie los. Ein Stück des Weges legten sie gemeinsam zurück, danach lenkte Mutter Groner ihre Schritte in Richtung Bezirkshauptkommissariat, während Martha mit der Tramway zur Arbeit fuhr.

Es war ein schöner Morgen im März. Weil noch Zeit blieb, bevor sie ins Büro musste, verbrachte das Mädchen eine halbe Stunde mit einem Bummel durch die nahe Umgebung. Die sanften Strahlen der noch milden Sonne streichelten angenehm ihre Wangen, zeigten ihr die Welt in einem freundlichen Licht und verliehen den Menschen um sie herum einen Ausdruck von Fröhlichkeit und Güte. Die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse verblasste mehr und mehr, und in ihrem Herzen keimte neue Hoffnung.

Der Frühling kommt!, dachte Martha verträumt. Und am Ende kommt er auch für mich!

Später, an ihrem Schreibtisch im Büro, konnte sie sich des unangenehmen Eindrucks nicht erwehren, dass die Kollegen sie eigenartig, ja, mitleidig ansahen. Offenbar wechselten sie vielsagende Blicke, und anders als sonst herrschte sogar in Abwesenheit des Büroleiters drückendes Schweigen im Zimmer.

Hatten sie etwas bemerkt? Martha betrachtete ihr Gesicht heimlich im Taschenspiegel und musste sich eingestehen, dass Spuren der Schläge des Vaters sehr wohl sichtbar waren. Im Übrigen wirkte sie ziemlich blass und kränklich. Aber konnte man daraus die Wahrheit erahnen? Warum fragte man sie nicht, was geschehen war, wie üblich, wenn jemand unpässlich, traurig oder irgendwie verletzt schien?

Dieses Schweigen irritierte sie zunehmend. Und sie brach es selbst mehrere Male mit gespielter Fröhlichkeit, aber ihre Blicke trafen auf derart seltsame Mienen, und die Antworten der Angesprochenen waren so knapp und einsilbig, dass Martha schließlich verstummte. Tief gekränkt beschloss sie, ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Arbeit zu richten. Was war nur los? Was wussten sie? Welche Schande, wenn man hier über ihre familiären Angelegenheiten im Bilde wäre!


Karl stand wartend in einer unabsehbaren Reihe Arbeitsloser, die sich vom Auszahlungsschalter über einen sich endlos erstreckenden Korridor, durch das Haustor und noch dutzende Meter auf dem Trottoir vor dem Arbeitsamt wie eine gewaltige Schlange dahinzog. Polizisten sorgten für Ordnung.

Dennoch musste er nicht lange anstehen. Die Reihe bewegte sich behäbig, aber stetig vorwärts, und Karl zwängte sich bald durch den Eingang in das Innere des Gebäudes. Nach wenigen Minuten nahm er seine Unterstützung – siebzehn Schilling – in Empfang und konnte gehen. Als er vor zwei Jahren zum ersten Mal hier gewesen war, hatte die Organisation noch sehr zu wünschen übrig gelassen, und der wöchentliche Auszahlungstag war für einen Arbeitslosen ein Martyrium des Wartens gewesen.

Aber heute erschien Karl sogar die Viertelstunde, die er hier zubringen musste, beinahe endlos. Eine seltsame, unerklärliche Unruhe bohrte in ihm. Als er das Haus durch ein anderes Tor verlassen hatte, lenkte er seine Schritte nicht wie üblich zur nächsten Tramwayhaltestelle, sondern in Richtung des achten Wiener Gemeindebezirks, zu Marthas Arbeitsplatz. Er hatte vor, dort auf sie zu warten und sie nach Hause zu begleiten.

Bis zum Arbeitsschluss zu Mittag war noch reichlich Zeit, dennoch lief Karl mehr als er ging, bis er schließlich vor dem riesigen Firmengebäude stand. Dort wurde ihm klar, dass seine Freundin erst nach Ablauf einer vollen Stunde herauskommen würde, wenn sie heute überhaupt da war. So schlenderte er erst ein wenig vor dem Haus auf und ab. Als ihm das zu eintönig wurde, beschloss er, einen nahen Park aufzusuchen. Die Sonne schien frühlingshaft und wunderbar warm, also nahm er auf einer Bank Platz. An einem Kiosk hatte er eine Zeitung gekauft, die er nun zu lesen begann.

Es war widerlich! Die Arbeitslosigkeit stieg und stieg, aber die Regierung war entschlossen, das Gesetz zur Arbeitslosenunterstützung zu verschärfen. Gleichzeitig kündigte sie an, die Umsatzsteuer auf Massenartikel zu erhöhen … Acht Menschen hatten mit unterschiedlichem Erfolg versucht, ihr armseliges Leben wegzuwerfen … Alkoholexzesse, Familientragödien – diese Rubrik beachtete Karl nicht, es waren doch immer die gleichen traurigen Geschichten … Brutale Angriffe der Polizei gegen eine Demonstration verzweifelter Arbeitsloser und wieder schamlose Urteile von Klassenjustiz. Ein Fall zeigte auf ganz besonders empörende Weise die barbarische Willkür des heimischen Strafrechts: Ein wegen Diebstahls vorbestrafter und der Stadt verwiesener Mann war unerlaubt wiedergekommen und hatte aus einem Geschäft eine Wurst gestohlen. Und weil selbiges »nach Überwindung gewisser Hindernisse« geschah, wie die Anklage des Staatsanwalts blumig formulierte, wurde der Mann wegen »Raubes« und unerlaubten Betretens der Stadt zu einem Jahr Kerker verurteilt. Ein faschistischer Rotzbengel hingegen, der einen Arbeiter schwer verletzt hatte, ging straffrei aus – »weil seine Handlung in Notwehr erfolgte« … Eine Frau hatte zwei Monate in Untersuchungshaft verbracht, bis schließlich ihre vollständige Unschuld erwiesen war. Und jetzt wollte man ihr nicht einmal die Haftentschädigung erstatten, die ihr als Schadenersatz und Schmerzensgeld zustand. Widerlich! Widerlich!

Karl steckte die Zeitung ein. Er sah auf die Uhr des Kirchturms, der sich über den Platz erhob. Halb zwölf, also noch eine halbe Stunde, bis Martha das Büro verlassen würde. Die Sonne hatte sich hinter Wolken versteckt, und jäh empfand Karl die Kälte. Er stand auf und ging im Park umher. Dann nahm er die Zeitung wieder heraus und las zum Zeitvertreib nun auch die Rubrik »Aktuelles«. Kind von Auto überfahren, tot … Sturz eines Hausmädchens aus einem Fenster des dritten Stocks, weil die Herrschaft nicht – wie gesetzlich vorgeschrieben – dafür gesorgt hatte, dass sie beim Fensterputzen einen Sicherheitsgurt anlegte … Messerstecherei unter Betrunkenen … Familientragödien – die eine aufgrund großen Elends, die andere aus Eifersucht … Selbstmord in Arrestzelle …

Karl überflog all diese Berichte beiläufig, ohne besonderes Interesse. Aber beim letzten Artikel blieb er mit weit aufgerissenen Augen hängen, und nach den ersten Zeilen las er den folgenden Beitrag aufmerksam noch einmal von Anfang an:

»Selbstmord in Arrestzelle. Montagabend wurde der fünfzigjährige Kriegsinvalide Matthias Groner, Wien X, Turmstraße 4, ein leicht erregbarer, bereits zweimal in der Nervenheilanstalt ›Am Steinhof‹ internierter Mann, wegen eines heftigen Tobsuchtsanfalls verhaftet. Betrunken und offenbar aufgebracht wegen des späten Heimkommens seiner Tochter prügelte er auf diese ein und drohte, sie umzubringen. Die verzweifelten Hilferufe der jungen Frau und der Mutter alarmierten die Nachbarn. Diese drangen in die Wohnung ein und überwältigten den Rasenden. Die daraufhin verständigten Polizisten führten den Mann, der auch heftigen Widerstand gegen die Staatsgewalt leistete, ins Bezirksgefängnis ab. Dort wurde der wild um sich Schlagende in eine Einzelzelle gesperrt. Als man nach einiger Zeit nach ihm sah, fand man Groner an seinen Hosenträgern erhängt. Alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos.«

Erschüttert faltete Karl die Zeitung zusammen und steckte sie ein. »Schrecklich, schrecklich!«, murmelte er.

Mit einem Mal kam ihm ein Gedanke, ein hässlicher, egoistischer, aber durchaus natürlicher Gedanke: Jetzt ist Martha frei, wir müssen unsere Liebe nicht mehr verstecken. Und er erhob sich mit einem freudigen Gefühl. Gleich darauf schämte er sich dafür. Wie würde Martha das aufnehmen? Dieser Mann war immerhin ihr Vater!

Plötzlich wurde Karl wütend. Mit zorniger Stimme sprach er halblaut zu sich selbst:

»Und sogar den vollen Namen gibt die Polizei preis! Dieselbe Polizei, die taktvoll die Privatsphäre von korrupten Bankdirektoren und anderen Schurken aus der bürgerlichen Klasse in ihren öffentlichen Berichten schützt, kennt weder Anstand noch Gnade, wenn es sich um einen Arbeiter handelt! Arme Martha, sogar deinen Namen hat man in den Schmutz gezogen mit den bösartigen Worten ›wegen des späten Heimkommens seiner Tochter‹!«

Als Karl schließlich mit seiner Freundin im Wagen einer Elektrischen saß, war er sich nicht sicher, ob sie schon über das Schicksal ihres Vaters Bescheid wusste. Aber er wagte nicht, sie zu fragen. Schweigend saßen sie nebeneinander. Gedankenverloren blickte er vor sich hin, wie in eine unbestimmte Ferne. In seiner linken Hand hielt er Marthas rechte und mit der anderen streichelte er unaufhörlich dieses zarte Händchen. Martha saß da, als würde sie sich schämen, mit gesenktem Kopf und halb geschlossenen Augen. Mehrmals setzte Karl an zu reden, aber er konnte keinen Anfang finden. Auch wollte er in der Öffentlichkeit nicht wirklich über den Zeitungsartikel sprechen. So schleppte sich die Fahrt, die den beiden so lang vorkam wie nie zuvor, zu ihrem Ende.

Nachdem sie ein Stück des Weges von der Haltestelle nach Hause gegangen waren, blieb Martha stehen und flüsterte: »Karl, danke, dass du gekommen bist. Aber jetzt müssen wir uns trennen, damit man uns nicht zusammen sieht. Wir werden uns jetzt wohl auch länger wieder aus dem Weg gehen müssen.« Und als sie sah, dass Karl traurig den Kopf sinken ließ, fügte sie hinzu: »Ich bin ja selber unglücklich darüber, aber wir müssen uns eben in Geduld üben.«

Nach kurzem Überlegen antwortete Karl mit mitleidigem Blick: »Martha, mein Engel, es fällt mir wirklich schwer, aber ich muss dir was sehr Trauriges zeigen. Weil du anscheinend noch nichts drüber weißt und es besser ist, du erfährst es jetzt von mir, als später von jemand andern. Sei tapfer, Schatz, und lies das!«

Mit diesen Worten überreichte er ihr die Zeitung und zeigte auf den Artikel, der vom tragischen Tod ihres Vaters berichtete. Alarmiert begann Martha zu lesen und sank dann mit einem Aufschrei des Entsetzens in Karls Arme.

»Jessas, Vater! So ein schreckliches Ende …! Arme Mamsch! Und ich bin schuld! Das überleb ich nicht!«

Sie weinte so bitterlich, dass Passanten neugierig stehen blieben. Karl brachte die Willenlose unter zärtlich tröstendem Zureden in ihre Wohnung, die er zum ersten Mal in seinem Leben betrat. Unterwegs begegnete er sonderbar fragenden Blicken und auf der Treppe vernahm er hinter sich mitleidiges Tuscheln.

Als sie durch die dunkle Küche gingen, hörten sie aus dem Zimmer heftiges Schluchzen. Frau Groner saß auf dem Kanapee und wurde von Weinkrämpfen durchbebt. Wer weiß, wie lange sie da schon saß! Ihr Gesicht in den Händen vergraben, achtete sie nicht auf das Kommen der beiden jungen Leute.

Karl grüßte sie rücksichtsvoll und drückte mit einfachen Worten sein Beileid aus, aber die Frau schien ihn nicht zu hören. Martha sah die Mutter für einen Moment aus tränenverschleierten Augen an, dann ging sie auf sie zu und setzte sich zu ihr. Sie umarmte sie und drückte sie an sich in stillem, schmerzlichem Einvernehmen und mit dem bitteren Gefühl der Schuld.

Selbst schwer erschüttert zog sich Karl zurück, Mutter und Tochter diskret ihrer Trauer überlassend.

2

Acht Wochen waren seit Groners Tod vergangen.

Das Leben der beiden Hinterbliebenen, Witwe und Tochter, ging ruhig und ereignislos weiter. Mit anderen Menschen hatten sie jetzt weniger denn je zu tun. Bloß Karl Weber war ein oft und gern gesehener Gast. Nicht nur Martha freute sich über seine Besuche, auch der Mutter wuchs der ruhige, empfindsame Bursche mehr und mehr ans Herz. Er konnte mit zärtlichen Worten Trost spenden, und es gelang ihm, die beiden von ihrer Unschuld an Groners tragischem Tod zu überzeugen, ohne ihnen zu nahe zu treten oder ihre Gefühle zu verletzen. Auch in praktischen Belangen machte er sich mithilfe seiner Kraft und Geschicklichkeit nützlich.

Da Martha ihre Mutter nicht alleine lassen wollte, diese aber nur selten Anlass sah, außer Haus zu gehen, verbrachte Karl, um mit seiner Liebsten zusammen zu sein, ausgiebig Zeit in der Groner’schen Wohnung. So saß er auch eines Samstagnachmittags Martha gegenüber beim Tisch, auf dem verschiedene Handwerksutensilien lagen: Spulen mit isolierten und nicht isolierten Drähten, kleine Holzbretter, Schrauben, Nägel, Schalter und anderes für die Herstellung eines Radioapparates Erforderliche.

Frau Groner war für zwei bis drei Stunden fortgegangen, und die beiden jungen Leute wollten diese Zeit nützen, um sie bei ihrer Rückkehr mit einem selbst gefertigten Radio-Empfangsgerät zu überraschen.

Martha hatte mit ihrem ersparten Taschengeld nach Karls Anweisungen das nötige Material besorgt und dieser hatte ein geliehenes Buch über den Selbstbau von Radiogeräten studiert. Nun entstand unter ihren Händen in fröhlicher Zusammenarbeit ein einfaches, aber ansehnliches Kästchen, in dem Spulen, Kondensatoren, Elektronenröhren und andere Dinge montiert und miteinander verbunden wurden, die elektrische Impulse einer Antenne in geeigneten Strom umwandeln sollten, stark genug, um einen Lautsprecher zum Klingen oder Reden zu bringen. Schweigsam, mit vor Eifer rot glühenden Wangen machte sich das Paar mehr als zwei Stunden lang daran zu schaffen. Plötzlich warf Karl den kleinen Hammer von sich und sprang auf.

»Und fertig!«, rief er freudig. »Probieren wir unser Werk gleich einmal aus! Wir müssen das Gerät nur noch mit dem Akkumulator und dem Lautsprecher verbinden – und los geht’s! Halt! Wir brauchen noch Antenne und Erdung!«

»Als Antenne können wir eine Matratzenfeder nehmen!«, schlug Martha vor. »Mit der Erdung wird’s schwierig, weil wir weder Leuchtgas- noch Stromanschluss in der Wohnung haben. Wir werden bald beides kriegen, ich hab schon um die Einleitung angesucht. Nur, müssen wir wirklich so lang warten?«

»Aber nein!«, war Karls entschiedene Antwort. »Ich frag die Hausmeisterin, ob sie uns erlaubt, dass wir einen Draht an der Wasserleitung befestigen, den wir dann von dort über den Gang in die Wohnung legen.«

Die im Erdgeschoß wohnende Hausbesorgerin war eine ehrwürdige Matrone, deren rundlicher Körper einem wandelnden Fass ähnlich sah. Nachdem der Liegenschaftseigentümer nicht vor Ort ansässig war, lag die Vollmacht in allen verwaltungstechnischen oder die Hausordnung betreffenden Fragen in ihren Händen. Das machte sie zu einer Ehrfurcht gebietenden Respektsperson. Sämtliche Arbeiten überließ sie ihren Kindern, während sie sich selbst ausschließlich in leitender Funktion sah. Sie hasste Geschwätzigkeit und Klatschsucht – bei anderen.

Als Karl seine Bitte ausgesprochen hatte, wiegte sie gravitätisch das kugelförmige Haupt mit dem roten Gesicht, in dem eine riesige Nase saß, die auch jeder männlichen Physiognomie beherrschend ihren Stempel aufgedrückt hätte.

Das Kopfwackeln war offenbar zustimmend und signalisierte Einverständnis, denn nach einem tiefen Seufzer sagte sie: »Na ja, wieso nicht? Das wird doch der Wasserleitung hoffentlich nicht schaden, wenn Sie einen dünnen Draht drüberwickeln. Und das Haus wird auch nicht schäbiger, wenn ein Draht am Gang liegt. Passen S’ aber auf, dass der niemanden stört. Sie wissen ja selber, was für streitsüchtige Kanaillen da herinnen wohnen.«

Karl wollte sich schon zufrieden davonmachen, aber so einfach ließ die Alte gewöhnlich kein Opfer gehen, das einmal in ihre Fänge geraten war.

»Na, na, junger Herr, nur nicht so eilig! Sie haben doch Zeit! Leider sogar viel Zeit, gell? Es ist zum Heulen heutzutag, dass junge, fleißige Leut mehr Freizeit haben, als ihnen lieb ist! So kommen der ganze Unfug zustande und all die Gaunereien! Es ist ja furchtbar, wenn man heut in die Zeitung schaut. Sagen Sie, wie geht’s denn den armen Frauen, den Gronerischen? Haben sie sich in ihrem Schmerz schon gefasst?« Sie atmete tief auf. Aber als Karl antworten wollte, fuhr sie rasch fort: »Dass sie nur nicht zu arg trauern, gell! Ehrlich gesagt haben sie nicht allzu viel verloren, ihr Leben ist jetzt sicher ruhiger. Der alte Groner – Gott hab ihn selig! – hat sie ja nur sekkiert. Es ist wirklich nobel, wie Sie sich um die zwei Frauen kümmern, die wären jetzt ganz auf sich gestellt, und bestimmt spricht das Herz da ein Wörterl mit, gell? Das Mädel ist aber auch eine Hübsche – und so anständig! Das muss ihr sogar der Neid lassen.« Bei diesen Worten rollte das schwatzende Fass vielsagend die Augen. »Wenn man heutzutag nur leichter Arbeit fänd – Sie haben ja auch keine, oder? Schauen Sie, ich hab zwölf Kinder, sieben sind verheiratet und die fünf ledigen wohnen noch bei mir. Von denen sind vier Söhne arbeitslos, und den Gatten von drei Töchtern geht’s nicht anders.«

»Zwölf Kinder!«, rief Karl staunend, eigentlich nur, um irgendetwas zu sagen.

»Ja, zwölf Kinder!«, ratschte die Frau weiter. »Aber, was glauben Sie denn: Ich hätt neunzehn, wenn nicht sieben schon tot wären. Was hab ich getrauert und geweint um jedes einzelne, besonders um den letzten Buben! Der ist mit siebzehn an einer Verletzung gestorben, die er sich beim Fußballspielen zugezogen hat. Ich rat Ihnen: Spielen Sie um Gottes Willen nie Fußball, gell! Aber heut denk ich mir fast, es ist besser, dass sie tot sind. Die würden vielleicht Gott weiß was mitmachen, wenn sie noch am Leben wären. Na ja! Also, montieren Sie ruhig Ihren Kontakt am Wasserhahn, dass Sie schön Ihre Radiomusik hören, gell! Und grüßen Sie mir die lieben Frauen!«

»Danke! Auf Wiedersehen!« Karl, der die ganze Zeit nur ungeduldig auf das Ende des Wortschwalls gewartet hatte, wandte sich rasch zur Tür.

»Auf Wiederschauen, junger Herr!«

»Zwölf Kinder, neunzehn Mal gebären!«, murmelte Karl in Gedanken, während er die Treppe nach oben lief. »Furchtbar!«

Er entschuldigte sich bei Martha für sein langes Fortbleiben, aber sie lächelte nur.

»Ich hab selbst schon erlebt, wie schwer es ist, der Hausmeisterin zu entkommen. Es ist jetzt meine Aufgabe, jeden Monat bei ihr den Zins abzuliefern.«

Nun sahen sie zu, dass sie mit ihrer Arbeit fertig wurden. Schon bald drehte Karl an den Skalenscheiben, mit denen man die Funktion des Rheostats, der Kondensatoren und des Variometers graduell regulieren konnte. Und mit einem Mal war das Zimmer erfüllt von der Musik eines ganzen Orchesters, und das alles kam aus diesem Gerät!

Wie Kinder freuten sich die beiden jungen Menschen über das Werk ihrer Hände. Vor allem die musikbegeisterte Martha, die bisher leider nicht oft Gelegenheit gehabt hatte, gute Musik zu hören, war hingerissen. Es ist leicht, Angehörigen der besitzlosen Klasse eine Freude zu bereiten.

»Aber jetzt verlang ich eine Belohnung«, sagte Karl, als die Radiosendung Pause machte, »und ich will sie sofort!«

»Die sollst du haben!« Hingebungsvoll bot Martha ihre Lippen dar, denen Karl einen feurigen Kuss entriss.

»Na, ihr amüsiert euch ja prächtig!«, war im selben Moment Mutter Groners Stimme zu vernehmen. Ihr Eintreten war unbemerkt geblieben, weil die Liebenden in ihrer Seligkeit das Öffnen der Wohnungstür und die Schritte durch die dunkle Küche überhört hatten.

»Das war ein Honorar, Mamsch, das ich dem Karl schuldig war. Er hat sichs aber wirklich verdient«, erklärte Martha, ein wenig errötend. »Schau, was er für dich gemacht hat!«

Sie wollte eben auf den Radioapparat zeigen, aber in diesem Moment begann die Musikübertragung von neuem und das Gerät zog ganz von selbst die Aufmerksamkeit der Mutter auf sich.

»Zum Zeitvertreib«, sagte Karl, »wenn Sie allein zu Haus sind.«

»Na, ihr seid so lieb! Und ich sag euch noch was: Jetzt müsst ihr nicht mehr mit mir in der engen Wohnung hocken! Draußen lacht der Frühling! Gleich morgen macht ihr einen Ausflug, wenn das Wetter so schön ist wie heut. Die Martha braucht dringend frische Luft. Ich würd auch gern mitkommen, wenn ich an den Beinen nicht so bedient wär mit dem Rheumatismus. Das Heimgehen war für mich jetzt schon sehr anstrengend.«

Martha und Karl protestierten anfangs dagegen, die Mutter alleine zu Hause zu lassen. Aber schließlich fügten sie sich gerne und begannen voll Begeisterung, eine Route für ihre Wanderung zu planen.


Beim Abendessen mit seiner Familie war Karl so sehr von Gedanken an den bevorstehenden Ausflug vereinnahmt, dass er die außergewöhnlich beklemmende Stimmung, die über der Tischrunde hing, gar nicht wahrnahm.

Unvermittelt brach er das Schweigen und sagte freudig erregt: »Morgen mach ich einen Sonntagsausflug in den Wald. Kann mich bitte wer um fünf wecken? Ich zieh mich auch ganz leise an und werd niemanden stören.«

»Kauf dir lieber eine Zeitung und studier die Stellenanzeigen!«, schnalzte Anna in scharfem Ton.

Verdutzt blickte Karl in die Runde. Erst jetzt fiel ihm das verzagte Gesicht des Vaters auf, in dessen Zügen Schmerz und Sorge zu lesen waren. Auch bemerkte er jetzt die roten, verweinten Augen der Mutter und den ungewohnten Ernst in Antons Miene.

»Was ist passiert?«

»Jetzt hat der Vater auch noch seinen Posten verloren«, antwortete Anton düster.

Schweigen. Langes, drückendes Schweigen. Man hörte nur noch die unvermeidlichen Geräusche des Suppe-Essens: das Klimpern der Löffel und das Schlürfen der Münder.

Jetzt war die gesamte Familie brotlos. Erna und ihr Mann gehörten gewissermaßen nicht mehr dazu. Sie hatten vom Magistrat endlich eine Wohnung bekommen.

»Ja, Kinder«, fing der Vater gebrochen an, »es kommen schwere Zeiten auf uns zu! Fast fünfundvierzig Jahre hab ich mit meinen Händen hart geschuftet, und jetzt kann ich untätig herumziehen und verhungern. Undankbare Welt! Ich hab seit dem Tod meiner Mutter nie mehr geweint. Das war vor vierzig Jahren, aber heute hab ich die Tränen nicht zurückhalten können, als ich von meiner Kündigung erfahren hab. Wenn euch junge Leut schon keiner braucht – ich Alter, halb Ausgemergelter, bin vollkommen überflüssig in dieser Welt.«

»Kränk dich nicht so, Vater!«, versuchte Karl zu trösten. »Gleich werden wir nicht verhungern. Du kriegst ja Unterstützung von der Arbeitslosenversicherung und als langjähriges Mitglied auch von der Gewerkschaft. Die Zeiten müssen schließlich einmal besser werden! Und ich werd mich ab jetzt doppelt um Arbeit bemühen.«

»Ausgerechnet du!«, rief Anna spöttisch. »Du bist in deiner Verliebtheit nicht zu gebrauchen, und du sitzt viel zu viel über deinen Büchern. Und wenn du wirklich Arbeit findest, denkst sicher nicht an uns, sondern wirst deinen Augenstern heiraten wollen.«

Karl errötete. Anna hatte seine längst gehegten geheimen Absichten herausposaunt. Und doch protestierte er: »Na sicher werd ich euch nicht vergessen. Auch wenn ich heirate, werd ich immer schauen, dass ich wenigstens einen Teil meiner Schuld bei euch abbezahl.«

»Geh, Karl, plausch nicht!«, wieherte Anna auf. »Als hättest du mit dir und deiner Familie nicht genug zu tun, wenn du heiratest.«

»Lasst bitte wenigstens heut das ewige Streiten! Mein Kopf platzt jeden Moment, und ich bin nicht gewillt, mir eure Blödheiten noch länger anzuhören.« Mutter Webers Tonfall war trotz des müden Klangs ihrer Stimme gebieterisch.

Das Abendessen – Gemüsesuppe mit Erdäpfeln und Butter – war beendet und die Familie zerstreute sich. Die Männer gingen ins Zimmer, die Frauen brachten die Küche in Ordnung und spülten das schmutzige Geschirr. Gesprochen wurde kaum mehr. Der Vater las Zeitung, Anton blickte durch das offene Fenster auf die dunkle Straße, von der das übermütige Geschrei der immer noch spielenden Arbeiterkinder heraufschallte, und Karl war mit Vorbereitungen auf die bevorstehende Wanderung beschäftigt.

Als die Familie schließlich zu Bett ging, sagte der Vater zu Karl: »Mach du nur deinen Ausflug morgen! Ich weck dich!«

Und seine Stimme klang ungewöhnlich mild und freundlich.


Ein herrlicher Maitag brach an. Strahlend präsentierte sich die Feuerscheibe der Sonne über dem östlichen Horizont und spendete der ganzen Region Licht und angenehme Wärme. Auf Gräsern, Blumen und Blättern glänzten Tautropfen wie kleine Opale. Die Luft war erfüllt von vielfältigem Piepsen, Zirpen und Summen.

Tief berührt von dem herrlichen Schauspiel des Sonnenaufgangs, von der Schönheit der Natur im Glanz des jungen Tages und vom Glück, das zwei Menschen empfinden, die den Genuss der Liebe teilen und ihres Lebens froh sind, marschierten Martha und Karl einen Steig bergan in den grünen Wald. Außer ihnen waren zahlreiche andere Wanderer einzeln oder in Gruppen auf Straßen, Wegen und Trampelpfaden ausgeschwärmt, sich an Wiesen und Feldern, Hügeln und Tälern ergötzend. Immer wieder wurde das Trillern, Piepsen, Zirpen, Summen und Krähen von Gelächter und lärmenden Stimmen übertönt. Karl und Martha nahmen das als Störung wahr, weil sie darin eine Entheiligung dieses feierlichen Morgens sahen. Sie suchten einen weniger begangenen Weg, um Abstand zwischen sich und die anderen Ausflügler zu bringen.

»Ich bin heuer zum ersten Mal aus der Stadt draußen«, sagte Karl nach langem Schweigen.

»Ich auch«, gab Martha zurück. »Wir müssen unbedingt meine Mamsch einmal mitnehmen. Sie liebt die Natur! Trotzdem hat sie schon seit Jahren keinen Wald und keine Wiese mehr gesehen. Vielleicht hat mein Vater wirklich nichts dafür können, aber in den letzten Jahren hat er keinen Sinn mehr gehabt für das Schöne im Leben.«

Der Weg wurde allmählich steiler, und die Sonne sandte ihre Strahlen immer gleißender vom wolkenlosen Himmel. So kamen die beiden Wanderer bald ins Schwitzen, vor allem Karl, der den großen Rucksack schleppte. Aber schon hieß sie ein naher Wald mit seinen Schatten spendenden Baumkronen willkommen.

Am Waldrand blieben Karl und Martha stehen, drehten sich um und genossen mit freudestrahlenden Augen die Aussicht auf die ausgedehnte Landschaft. Ihre Blicke sprangen von Hügel zu Hügel und glitten dann langsam von den nahe gelegenen Gehöften und kleinen Siedlungen in die Ferne, wo einzelne Gebäude und selbst ganze Dörfer zwergenhaft erschienen, bis hin zu den ausgefransten Rändern der Großstadt. Sie berauschten sich am Anblick des unermesslichen Grüns, das die gesamte Gegend mit vielfältigsten Nuancen überzog, durchschnitten von den weißen Linien der Straßen und Wege und zwischendurch belebt von eingestreuten Häusern und kleinen Ortschaften. So blieben sie, eng aneinander geschmiegt, lange stehen.

»Sollten wir da nicht ein bissl rasten?«, fragte Martha schließlich.

»In Ordnung. Aber im Schatten! Und essen wär jetzt auch nicht schlecht«, meinte Karl, den die frische Morgenluft und das Gehen hungrig gemacht hatte.

Aber die Ruhepause dauerte nicht lange. Die noch nicht gestillte Wanderlust trieb sie weiter. Ein solcher Spaziergang durch den Wald verzaubert frisch Verliebte auf eine ganz besondere, kaum erklärbare Weise, vor allem, wenn sie zum ersten Mal – und dann noch bei herrlichem Wetter – gemeinsam unterwegs sind.

Das Paar lauschte den Gesängen der Vögel und dem Rauschen der Blätter, imitierte den Ruf des Kuckucks und spielte Fangen. Karl, leichtfüßig trotz des schweren Rucksacks, lief suchend umher, während Martha sich im dichten Buschwerk verbarg. Bald bewarfen sie einander mit Tannenzapfen, bald balgten sie sich in scheinbarem Ringkampf inmitten des abgefallenen Laubs auf dem Waldboden. Derart übermütig und ausgelassen erreichten sie die Hügelkuppe.

Bei all diesem Spaß war neben harmloser Fröhlichkeit und unschuldigem Vergnügen durchaus noch etwas anderes im Spiel. Erwachende Triebe eroberten im Unterbewusstsein der beiden jungen Leute immer mehr Raum, und die Anziehung des anderen Geschlechts würzte ihr Geplänkel mit einem erregenden Kitzel.

Auf der Anhöhe folgten sie einem Pfad entlang des Grats. Der von Fichten und Föhren durchsetzte Laubwald wich hier dürftigerem Baumbestand, in dem Nadelhölzer – vor allem Kiefern – überwogen. Nach einiger Zeit führte sie der Weg erneut abwärts. Mit einem Satz sprang Karl, der eben noch vor seiner Liebsten gegangen war, auf die Seite und verschwand im Dickicht hinter Sträuchern und jungen Kiefern.

Bald darauf tauchte er wieder auf und rief: »Martha, komm! Hier ist es gemütlich, grad richtig zum Ausruhen. Ein freier Platz mitten im dichtesten Gebüsch – schattig und trotzdem wunderschön!«

Er nahm ihre Hand und zog sie durch eine schmale Öffnung im Gesträuch hinter sich her. Beiden steckte schon die Müdigkeit in den Gliedern, vor allem Martha, die so langes Marschieren auf holprigen Wegen nicht gewohnt war. Nachdem Karl eine Decke auf der Erde ausgebreitet hatte, ließen sie sich mit einem freudigen Seufzer darauf nieder.

Sie aßen Brot mit billiger Wurst, Marthas selbst gebackenen Kuchen und Äpfel. Danach tranken sie aus einer Blechbüchse etwas kalten Tee. Sie teilten alles, von jedem noch so kleinen Rest kosteten beide und jeder bemühte sich, dem anderen das bessere Stück zu überlassen und es ihm in den Mund zu schieben. Und dieses einfache Essen war köstlicher als jedes noch so aufwändige Mahl.

»Und jetzt lies mir was vor. Hast wieder was Neues geschrieben?«, verlangte Martha, nachdem sie sich gestärkt hatten. »Ich hab gesehen, du hast ein Heft eingesteckt.«

Karl gab ihr einen flüchtigen Kuss und entnahm dem Rucksack sein Notizbuch. Und schon trug er mit seiner angenehmen, ausdrucksvollen Stimme Gedichte vor, die von Liebessehnsucht, schicksalhafter Verbundenheit und von einem hungernden Mädchen handelten, das eine wohlhabende Dame vergeblich um ein Stück Brot bittet und dieser unmenschlich geizigen Frau dennoch das Leben rettet. Er las eine »Hymne an das Schweigen« und die tiefsinnige Geschichte über einen Knaben, der sein Lieblingsspielzeug verliert und darüber so traurig ist, dass er auch durch neue, schönere Dinge nicht getröstet werden kann. Noch nach Jahren weckt die Erinnerung an das alte, verlorene Spielzeug sentimentalen Schmerz. Als man es schließlich doch wiederfindet und dem Jungen in die Hand gibt, wundert der sich darüber, dass er den Verlust einer solchen Lappalie je hatte betrauern können.

Dann schwiegen beide. Ein einsamer Kuckucksruf war aus der Tiefe des Waldes zu hören. Von Zeit zu Zeit summte ein umherirrendes Insekt vorbei, und manchmal drangen Stimmen ferner Wanderer an ihr Ohr. Karl legte das Notizbuch beiseite und umfasste mit der Rechten Marthas Taille. Martha, die beim Zuhören in traurig-schönen Bildern versunken war, schlang einen Arm um seinen Hals und legte den Kopf auf seine Brust. Schweigend saßen sie lange so da.

»Karl«, flüsterte Martha plötzlich, »ich bin so glücklich, dass ich dich hab!«

»Meine liebe, teure Martha!« Karl drückte sie fester an sich. »Du bist mein Ein und Alles!«

Und sie begannen, sich ihre gemeinsame Zukunft in hellen Farben und mit Worten voller Hoffnung auszumalen: Wie sie vorhatten, sich gegenseitig das Leben zu versüßen, wie sie sich ein bescheidenes, aber schönstmögliches und gemütliches Nest bauen würden und wie sie versuchen wollten, immer den Gleichklang zu bewahren und nie ein böses Wort füreinander zu haben. Niemand wäre Herr und niemand wäre Knecht, ihre Beziehung ein frei gewähltes Zusammenleben gleichberechtigter Partner.

»Und wenn wir Kinder haben«, sagte Martha, »dann – gell, Karl – dann schlagen wir sie nicht, sicher nicht! Und wir schimpfen sie nicht so grob, wie es viele bei der Erziehung machen.«

»Freilich, Martha. Ich hab das schon immer ausgesprochen feig gefunden, wenn Erwachsene sich an den wehrlosen Kleinen vergreifen. Außerdem sind die eh so leicht zu lenken, wenn sie Zuwendung und Liebe spüren.«

»Ein Kind erziehen, muss was Schönes sein, weil man selber wieder irgendwie zum Kind wird! Und es verbindet die Eltern noch einmal, und es gibt dem Leben einen echten Inhalt und ein Ziel. Dabei bedeutet für viele Menschen ein Kind nur Arbeit und Belastung. Aber für uns wird’s ein Grund sein, dass wir uns miteinander freuen! Sogar den Sorgen und Entbehrungen, die wir vielleicht deswegen haben, werden wir schöne Seiten abgewinnen, und es wird uns noch mehr zusammenschweißen.«

Martha bedachte in diesem Augenblick freilich nicht die schrecklichen Lebensbedingungen, mit denen die gegenwärtige – ach so schöne – gesellschaftliche »Ordnung« viele Eltern und Kinder konfrontierte und die im Volk weit verbreitete Geringschätzung von Bildung und Wissen, die zu den schlechten Beziehungen innerhalb der Familien beitrug. Kinder waren allzu oft unerwünscht wegen der erbärmlichen Umstände, in denen zu leben die Eltern gezwungen waren. Aber weder Martha noch Karl dachten in dieser Stunde an die raue Wirklichkeit. Sie hatten die Arbeitslosigkeit und das Elend verdrängt, und wenn sie doch einmal daran dachten, dann wirkte das alles so fern und unwirklich und schien kein echtes Hindernis darzustellen für ihre Liebe und ihr Streben nach Glück.

An diesem Tag, in diesen wenigen Stunden, ließen die beiden ihren trostlosen, von Mangel und Not geprägten Alltag vollständig hinter sich und genossen den Augenblick der Seligkeit und den Traum von ihrer strahlenden Zukunft.

Die Zeit verging und der Abend kam. Die tief stehende Sonne sandte nur noch vereinzelte Strahlen zwischen den Stämmen der Bäume und Sträucher hindurch zu den Liebenden. Diese waren einander nach und nach näher gekommen, versanken mitunter in wortlose Träumereien und vergaßen die große Welt immer mehr, die irgendwo, fernab von ihnen, lärmte und sich weiterdrehte mit ihren kleinen und großen Schmerzen, Ungerechtigkeiten und Banalitäten. Schon wurde es dunkel um Martha und Karl, die sich immer noch eng umschlungen in ihrer Zuflucht verbargen.

Ihre Münder flüsterten schmeichelnde und kosende Worte, tauschten Liebesschwüre aus und bekräftigten diese mit heißen Küssen. Dazwischen herrschte oft über längere Zeit Stille, während der sie gegenseitig dem Pochen ihrer Herzen lauschten. Unterdrückte, kaum beherrschbare Leidenschaft ließ ihren Atem schwer werden und die Nähe des jeweils anderen verwirrte ihre Sinne. Begierig sog Karl die Wohlgerüche des weiblichen Körpers ein. Sehnsucht, ein neuartiges Verlangen und eine unerklärliche Angst ließen Martha erschauern.

»Karl!«, flehte sie flüsternd. »Wir sollten jetzt gehen!«

»Nein Martha! Noch nicht! Zwei liebende Herzen, weit weg von all den anderen Menschen – ist das nicht wunderschön?«

»Karl! Mir ist ein bissl bang! Ich weiß nicht …«

»Wovor fürchtest dich, Schatz?« Und nach einem tiefen Seufzer setzte er nach: »Martha, ich kann nicht weggehen, bevor wir uns nicht vollständig gehören!«

»Nein, Liebling! Nicht vor der Hochzeit! Und schon gar nicht da, es könnt ja wer kommen!«, widersprach Martha schwach.

Karl blieb beharrlich. »Martha, meine Angebetete«, drang er in sie, »jetzt zeig mir, dass du mich gern hast! Du brauchst keine Angst haben, hierher verirrt sich niemand. Außerdem würden wir den schon lang vorher hören.«

Mit diesen Worten zog er sie an sich und küsste sie auf ihren Mund mit einer Leidenschaft, deren Glut ihr Blut derart erhitzte, dass sich durch die heftige Erregung in ihren bebenden Atem seufzende Laute mischten. Karl, berauscht vom brennenden Wunsch sie zu besitzen, war sich plötzlich seiner Worte so sicher wie nie zuvor und brach mit der unüberwindlichen Kraft der Überzeugung ihren Widerstand, sodass sie sich schließlich hingab.

Den Heimweg legte das junge Paar überwiegend in Stille zurück, beider Brust erfüllt von diesem großen Ereignis, ihre Mienen getragen von feierlichem Ernst.


Der Abend dieses wunderbaren Sonntags hielt für Karl schließlich noch Schmerzliches bereit. Müde hatte er sich bald von seiner noch erschöpfteren Geliebten und deren Mutter verabschiedet. Gerade als er vom ersten Stock in den zweiten stieg, waren Schreie des Entsetzens, aufgeregte Stimmen und hektisches Wirrwarr zu vernehmen. Türen fielen krachend ins Schloss, hysterisches Kreischen erschallte.

Karl beschleunigte seine Schritte die Stufen aufwärts. Frauen, Männer und Kinder hatten ein Ziel: das oberste Geschoß. Auf der schmalen Treppe herrschte reges Gedränge.

Karl erblickte seinen Vater und rief ihn an: »Warum rennen die alle so – und wohin?«

»Ein Unglück ist geschehen!«, antwortete der und lief weiter.

Karl folgte ihm, einem Impuls der Neugier gehorchend. Im vierten Stock angekommen, konnte er zunächst weder selbst etwas erkennen noch auf anderem Wege das Geringste in Erfahrung bringen. Eine dichte Menschenmenge drängte sich im hinteren Teil des Ganges zusammen. Schreien, Stoßen, Nachfragen. Es roch nach Leuchtgas. Immer noch strömten die Menschen aus den unteren Etagen herauf. Bald war Karl völlig eingekesselt. Jetzt schämte er sich, blind seiner Sensationslust gefolgt zu sein.

Da erschien der Kugelkopf der Hausmeisterin. Mit ihrer Autorität bahnte sie sich einen Weg durch das Menschengewimmel. Und schließlich erfuhr auch Karl den Grund der allgemeinen Aufregung.

In Wohnung Nummer 53 lebte bei Familie Capka ein alter Arbeiter, Peter Müller, als Untermieter. Am Samstag war er gleichzeitig mit Karls Vater aus der Fabrik entlassen worden. Der alleinstehende Alte hasste und fürchtete das Elend der Arbeitslosigkeit so sehr, dass er sich das Leben genommen hatte. Er hatte auf einen Moment gewartet, in dem die Familie außer Haus und er alleine in der Wohnung war. Die Capkas fanden ihn später tot neben seinem Sessel. Die Wohnung war voll des giftigen Gases, alle Ritzen an der Tür und den Fenstern waren sorgfältig verstopft worden.

Niedergeschlagen ging Karl in seine Wohnung. Auch seine Angehörigen, die alle in den vierten Stock gelaufen waren, kamen bald erhitzt und tief betroffen zurück.

Das Gesicht des Vaters zeigte schmerzliche Trauer und seine Stimme zitterte merklich, als er sagte: »Der arme Kerl! So viele Jahre waren wir Arbeitskollegen. So ein End hat er sich nicht verdient. Ein ganzes Leben schuftet man und verbraucht seine ganze Kraft, und dann sind es nur der Strick oder das Gas, die einen vor Elend und Hunger bewahren. Es ist eine furchtbare Welt!«

Die schönen Bilder des Tages verblassten in Karls Erinnerung, und wieder erschien ihm alles trostlos und deprimierend. Der gnadenlose graue Alltag lag ihm schwer auf der Brust. Ein Rundblick durch die enge Wohnung mit den schäbigen Möbeln, die auch das letzte bisschen freien Raum beanspruchten, schmerzte ihn. Allerhand Gewand hing auf Haken an den Wänden, weil der einzige Kasten zu klein und für einen weiteren kein Platz war. Den nahmen größtenteils die zwei riesigen Bettgestelle ein, deren eines den Eltern, das andere ihm und seinem Bruder gehörte. Anna schlief auf einer faltbaren Liege, die untertags in einer Ecke stand. In einem anderen Winkel befand sich ein weiteres Klappbett, das früher Erna und Heinrich als Ruheplatz gedient hatte. An einer Wand, die stumm, aber deutlich nach frischem Anstrich schrie, hingen ein blinder Spiegel und einige Bilder, von denen eines die Eltern in jungen Jahren zeigte, während auf den anderen verschiedene Heilige zu sehen waren. Als Karl ein kleiner Bub gewesen war, hatte die Mutter jeden Abend gemeinsam mit den Kindern vor diesen Bildern zu Gott und den Heiligen gebetet. Aber im ausweglosen Elend war vor langem schon die fruchtlose Frömmigkeit der Familie erfroren.

»Diese Hunde!« Jäh unterbrach Antons laute, angriffslustige Stimme Karls düstere Gedanken. »Habt ihr das heut in der Zeitung gelesen, dass in Amerika Getreide vernichtet wird? Mit Weizen werden dort Schweine gefüttert und Lokomotiven geheizt, weil sonst wegen der Überproduktion die Preise fallen würden! Und bei uns sind letzte Woche Brot und Mehl teurer geworden!«

»In Amerika hungern ja auch Millionen! Das hab ich vor ein paar Tagen gelesen«, brachte sich Anna aus der Küche ein, deren Türe wie üblich offen stand.

»Zerstückeln sollte man diese Gauner, die in Zeiten wie diesen mit vollgefressenen Bäuchen aus Profitgier Lebensmittel vernichten!«, rief die Mutter aufgeregt.

»Was für ein herrliches Dasein«, murrte der Vater. »Die Fruchtbarkeit der Erde ist für manche Leut ein Unsegen, und mitten im größten Überfluss fehlt vielen Menschen das Allernotwendigste! Ehrlich, das Leben ist nimmer lebenswert. Ich beneid den alten Müller. Der hat’s hinter sich, der ist draußen aus der Irrenanstalt, die man Welt nennt.«

Karl schüttelte geistesabwesend den Kopf. Nein, sterben wollte er trotz allem ganz sicher nicht! Er hatte ja seine Martha, und es warteten im Leben noch viele glückliche Stunden auf ihn. Für immer konnten die Umstände nicht so schlimm bleiben. Er interessierte sich genauso wenig für Politik wie der Großteil der Arbeiter, die in indolenter Resignation ihr freudloses Dasein ertrugen. Aber er hatte dennoch vom Kampf der Arbeiterklasse gegen die Ausbeutung durch das Kapital gehört, über die sozialistische Bewegung, die eine Veränderung der Welt anstrebte, und er hegte die vage Hoffnung, dass irgendetwas passieren könnte, was dem herrschenden Elend ein Ende setzte.

Er malte sich die Zukunft nun wieder schöner aus. Er dachte an das eheliche Zusammenleben mit seiner Angebeteten und an die Freuden als Vater von geliebten Kindern, die einst um ihn herumtollen würden. Unter ihren Liebkosungen würde sich seine Müdigkeit verflüchtigen, wenn er von einem anstrengenden Arbeitstag heimkäme. Er sah sich in einer hellen, einfachen, aber gemütlich eingerichteten Wohnung in einem der modernen Bauten, wie sie die Gemeinde Wien laufend errichtete. Im Kreise seiner Familie würde er jeden Sonntag Ausflüge machen und die Schönheit der Natur genießen, im Sommer wandern, im Winter Skifahren oder auf dem weichen Schnee rodeln gehen. Tiefes Mitleid mit seinen Eltern und Geschwistern, deren trostloses, sorgenvolles Alltagsgrau nicht durch solch heilsame Hoffnungen erhellt wurde, überkam ihn. Und er verspürte den lebhaften Drang, ihnen etwas Aufmunterndes, etwas Tröstliches zu sagen, aber so sehr er auch nach passenden Worten suchte – er fand keine und blieb still.

3

Die Tage verstrichen einer wie der andere bei Familie Weber: freudlos und eintönig. Draußen zog der Frühling vorbei, mit blauem Himmel und dann und wann mit Leben spendendem Regen, der aber, wenn er in langen, nassen Schnüren vom Himmel fiel, alles noch trister und farbloser erscheinen ließ. Herr Weber war immer wieder auf Arbeitsämtern anzutreffen, wo er ehrenamtlich in der Gewerkschaftssektion mithalf und Beitragsmarken klebte. Hin und wieder spazierte er durch die Straßen, plauderte mit ebenfalls arbeitslosen Freunden und ehemaligen Kollegen, oder er fuhr mit der Tramway zum Stadtrand, von wo er zu Fuß in den Wald ging, um seiner neuen Leidenschaft zu frönen: dem Schwammerlsuchen. Dabei lief er trotz seines Alters so rastlos zwischen den Bäumen bergauf und bergab, dass sich nur selten jemand fand, ihn zu begleiten.

Die meiste Zeit saß er aber zu Hause, wo er ein aus der Bezirks-Arbeiterbibliothek geliehenes Buch nach dem anderen verschlang. Und jeden Morgen studierte er sorgfältig die Zeitung, neben den Nachrichten auch die Stellenangebote, deren es leider nur wenige gab – die Annoncen von Arbeitssuchenden waren deutlich in der Mehrzahl.

Er war nie ein Freund vieler Worte gewesen, aber seit seiner Entlassung zeigte er sich überaus schweigsam. Er sprach selten und dann nur über den schlimmsten Schicksalsschlag seines Lebens: die Arbeitslosigkeit. Nachts redete er oft im Traum und gestikulierte wild mit den Armen, zum Leidwesen seiner Frau, die neben ihm im gemeinsamen Bett lag. Sein Kummer verfolgte ihn mit höhnenden Albträumen bis in den Schlaf. Einmal stand er bei seinen geliebten Maschinen, die ihm allerdings entglitten, sobald er sie zu berühren versuchte. Schließlich flohen sie vor ihm in wildem Galopp. Ein andermal war er im Laufschritt zu seinem Arbeitsplatz unterwegs, der aber unauffindbar blieb. Er rannte durch alle Straßen, sah die gewaltigen Schlote der Fabrik in der Ferne, konnte sie jedoch nicht erreichen, welche Richtung auch immer er einschlug. Wenn er dann morgens schweißgebadet aus solcher Pein erwachte – der alte Wecker in seinem Kopf, der ihn Tag für Tag pünktlich um halb sechs aus dem Bett gerufen hatte, funktionierte noch einwandfrei –, stand er sofort auf, wusch sich und schlüpfte in sein Gewand, als würde er sich zum Weggehen fertig machen. Doch dann setzte er sich für gewöhnlich ans Fenster und beobachtete die Frauen und Männer, die auf ihrem Weg zur Arbeit unten an ihm vorbeiliefen.

Hin und wieder fragte jemand: »Geh, Vaterl, warum bleibst nicht im Bett? Wozu stehst so zeitig auf?«

»Ich kann nimmer liegen«, gab er dann meist zurück. »Ich hab das vierzig Jahre so gemacht und kann jetzt nicht anders.«

Seine Frau versuchte bald im Guten, bald im Bösen, ihn von dieser Gewohnheit abzubringen. Anton verwünschte ihn jedes Mal halblaut, wenn er von unnötigen Geräuschen geweckt wurde, und Anna murmelte etwas von Rücksichtslosigkeit und Kaprizen eines alten Dickschädels, wenn er viel zu früh am Morgen an ihrer Klappliege anstieß. Einzig Karl blieb ruhig. Sein Herz zog sich in bitterem Schmerz zusammen, wenn er sah, wie sehr der Vater litt.

Arbeitslosigkeit wirkt sich auch auf Körper und Geist eines jungen Menschen fatal aus, bei einem älteren jedoch beschleunigt sie den Prozess des Niedergangs. Der alte Weber verfiel zusehends. Es war erschütternd zu beobachten, wie dieser kräftige Arbeitsmann mit dem entschlossenen Gesichtsausdruck oft gedankenverloren dasaß und mit den Fingern auf die Tischplatte trommelte, nicht wissend, was er mit seinen Händen anfangen sollte. Dabei starrte er mit gequälter Miene vor sich hin, während sich in seinen dunklen Augen eine verzweifelte Frage spiegelte. Nach Wochen erfolgloser Stellensuche war er schließlich überzeugt, nie wieder Arbeit zu finden und zu ungewollter Untätigkeit verdammt zu sein. Wenn er so den Untergang der ganzen Familie bis hin zum Verlust der Wohnung in Riesenschritten auf sich zukommen sah, sanken die dichten Brauen über seinen großen Augen zusammen, seine erschlaffenden Gesichtszüge fielen in Falten und sein ganzes Auftreten wirkte müde und kraftlos. Viele seiner Leidensgenossen suchten erbärmlichen Trost im Suff, aber das wollte der alte Weber nicht. Sein Vater war seinerzeit wegen Alkoholismus und daraus erwachsender Exzesse der Schrecken der Familie gewesen, und der Sohn hatte sich schon früh geschworen, das Gift namens Alkohol zu meiden. Es kommt häufig vor, dass Kinder von Säufern – so sie nicht an ihren Lebensumständen und den erlittenen Schlägen zerbrechen – Rauschmitteln konsequent aus dem Wege gehen.

Anton war trotz seiner grobschlächtigen und ungeschliffenen Art in Wahrheit weder dumm noch skrupellos. Oft fühlte er Unbehagen ob seiner moralischen Unzulänglichkeit und beneidete Menschen wie seinen Bruder Karl oder seinen Schwager Heinrich. Stets aufs Neue bedrückte ihn die Inhaltsleere seiner Existenz, und mehrmals schon hatte er sich entschlossen, ganz von vorne zu beginnen, dem die Lebensenergie aussaugenden Alkohol abzuschwören, nicht mehr mit Kartenspiel sinnlos die Zeit totzuschlagen und Geld zu sparen, um es für nützliche Dinge wie Bücher oder Ausflüge zu verwenden.

In diesen einsichtigen Phasen war er oft über mehrere Tage hinweg freundlicher und weniger reizbar als sonst, sprach kaum, las viel und machte sich Gedanken über die Welt. Dann mied er seine »guten Freunde«, seine »Spezln«, völlig und sein Zigarettenkonsum halbierte sich. Einmal war es ihm derart ernst damit, sein Leben von Grund auf zu ändern, dass er tatsächlich den Vorsatz fasste, das Rauchen ganz aufzugeben. Allerdings hielten sich diese Zustände nie besonders lange. Gewöhnlich wischte ein plötzliches Ärgernis oder ein zufälliges Zusammentreffen mit seinen Saufkumpanen die guten Vorsätze abrupt vom Tisch. Eventuelle Gewissensbisse beruhigte er, indem er sich einredete, irgendwann in der Zukunft, aber spätestens, sobald er eine dauerhafte Beschäftigung gefunden hätte, einen neuen Anfang suchen und sich über die Realisierung seiner bescheidenen, doch ambitionierten Pläne Gedanken machen zu wollen.

Seine Angehörigen wussten wenig über sein Innenleben. Sie nahmen ihn so, wie er sich für gewöhnlich gab, und wenn er seine »guten Tage« hatte, schrieb man die Veränderung einer Krankheit oder einer Depression zu.

Auch er empfand die Arbeitslosigkeit als drückend, vor allem, weil er sich ihretwegen kaum Vergnügungen leisten konnte. Zudem verdammte sie ihn zu ziellosem Nichtstun und hielt ihn in Abhängigkeit von anderen. In seinem schönsten Zukunftstraum sah er sich als Besitzer eines Geschäfts oder einer Werkstatt, kurz: als selbstständiger Unternehmer in bescheidenem Rahmen. Doch dieses Ziel durch eigener Hände Arbeit zu erreichen, war ihm schon als ein zu langwieriges, wenn nicht gar aussichtsloses Unterfangen erschienen, als er noch ein regelrechtes Einkommen gehabt hatte. Für einen Arbeitslosen war das nicht zu machen. Daher zerbrach er sich den Kopf, wie er mit einem Schlag reich werden könnte. Kein Wunder, dass er, der immer schon beachtliche Summen von seinem Verdienst für Lotto und Glücksspiele abgezweigt hatte, selbst jetzt noch einen Teil seines Arbeitslosengeldes dafür ausgab. Ein nennenswerter Gewinn stellte sich allerdings nie ein.

Eines Morgens brachte der Briefträger ein Schreiben. Es enthielt die Mitteilung, dass Antons Antrag auf Verlängerung der Arbeitslosenunterstützung wegen Überziehung der Anspruchsfrist abgelehnt worden war.

Zunächst wusste er nicht, wie er es den anderen beibringen sollte, aber nach einiger Zeit sorgenvollen Grübelns überreichte er den Brief wortlos seiner Mutter. Diese las, was sie in Händen hielt, langsam, beinahe Buchstaben für Buchstaben. Als sie verstand, ließ sie mit einem Aufschrei des Entsetzens das Papier fallen. Die Hände über den Kopf zusammenschlagend rief sie: »Großer Gott! Jetzt können wir wirklich verhungern! Das hat uns noch gefehlt!«

»Was ist passiert?« Herr Weber sah von seinem Buch auf und warf seiner Frau einen fragenden Blick zu.

»Der Anton verliert die Arbeitslose!«, antwortete sie, mit Tränen kämpfend. »Da haben wir’s! Jetzt können wir zu fünft mit dreißig Schilling in der Woche leben! Vom Karl und von dir, aber wer weiß, wie lang der Karl noch sein Geld kriegt! Mit dreißg Schilling alles zahlen: Zins, Heizung, Gewand, Wäsche, Essen, Licht – und rauchen wollt ihr ja auch! Aber das eine kann ich dir jetzt schon sagen, Anton: Wirtshaus, Kino und Zigaretten sind gestrichen für dich! Keinen Groschen bekommst von mir. Vielleicht schaust dich auf die Art schneller nach Arbeit um.«

»Na geh«, mischte sich Herr Weber beschwichtigend ein, »verlier nicht gleich den Kopf, Mutter! Freilich ist das ein Unglück. Aber so ist es halt im Leben. Dass der Anton nicht freiwillig auf der faulen Haut liegt, das glaub ich ihm jetzt gern, weil ich das selber kenn, dieses ungewollte ›dolce far niente‹. Und solang ich noch ein bissl von dem verdammten Tabak hab, so lang kriegt auch der Anton hin und wieder seine Zigarette. Der Karl kann froh sein, dass er sich den Unsinn nicht angewöhnt hat, jetzt fehlt’s ihm nicht.«

Karl war bereits am frühen Morgen aufgebrochen, um sich auf eine Stellenanzeige hin zu bewerben. Auch Anna war nicht daheim. Sie hatte die Wohnung einige Minuten zuvor verlassen.

»Das Rauchen ist so was Unnötiges«, keppelte Frau Weber ihrem Ehemann hinterdrein, während sie das zweite Fenster öffnete, das trotz der späten Morgenstunde und des schönen Tages noch geschlossen war. »Schau, wie schwarz die Vorhänge schon wieder sind! Vor acht Tagen hab ich sie ganz sauber aufgehängt. Das macht der unselige Tabakrauch. Und wie viel Geld blast ihr Mannsbilder einfach so in die Luft und vergiftet sie auch noch dabei!«

»Irgendeine Freude braucht der Mensch im Leben«, verteidigte sich Herr Weber, der eben seine Pfeife fertig gestopft hatte. »Wenn ich nicht einmal mehr das haben darf, dann pfeif ich auf das ganze Elend da.«

»Von euch Alten red ich ja gar nicht, ihr könnt euch eure Dummheiten eh nimmer abgewöhnen. Obwohl – was haben denn eigentlich wir Frauen, kannst du mir das sagen? Aber die Jungen, die noch nichts geleistet haben im Leben, die sollten sich schämen, den ganzen Tag an so einem grauslichen, stinkenden Glimmstängel zu lutschen! Und du, Anton, du solltest jetzt schnell schauen, dass du was verdienst! Trag Zeitungen aus oder geh von mir aus als Vertreter.«

»Ja, ja! Ich werd schon was tun«, murrte Anton angewidert. »Mich kotzt das ja selber an, auf eure Gnade angewiesen zu sein. Und eins sag ich euch: Wenn man mich mein Brot nicht mit ehrlicher Arbeit verdienen lässt, dann geh ich stehlen oder einbrechen.«

»Du lieber Himmel!«, schrie Frau Weber auf. »Was sagst du da? Das sind die heutigen Jungen! Hat man als Mutter deshalb so viele Entbehrungen auf sich genommen und sich aufgeopfert für sein Kind, dass es ihr dann nur Schande macht und am End im Häfen sitzt?«

»Geh, der Anton meint’s doch nicht so«, beruhigte Herr Weber. »Eh klar, dass er sich ärgert, er hat’s halt ein bissl übertrieben mit seiner blöden Rede. Aber eins sag ich dir schon, Anton«, und die Stimme des Vaters wurde sehr ernst, »spiel dich nicht mit solchen Gedanken! Wer sich mit dem Teufel einlässt, wird am End von ihm geholt. Und auf Unehrlichkeit gedeiht kein Glück!«

Anton grinste voll Trotz und Verachtung. »Vater, solche moralischen Stubenpredigten sind von gestern. Heutzutage muss jeder selber schauen, wo er bleibt, also ist jeder für sich selbst verantwortlich. Du kannst mir nicht helfen, drum muss ich meinen eigenen Weg gehen.« Bei den letzten Worten hatte Anton den Hut genommen und wollte aufbrechen.

»Anton!«, rief der Vater mit gebieterischer Stimme, sodass der junge Mann automatisch stehen blieb. »Anton, hüt deine Zunge! Noch brauchst du uns. Und wenn du krumme Dinger drehst, gehörst du nicht mehr zur Familie. Hast mich? Mach unserem Namen keine Schand, das bist du uns und deinen Geschwistern schuldig. Ich bin mit Anstand alt worden, und wenn mein eigener Sohn mich in Verruf bringt, das würd ich nicht überleben!«

Anton ging wortlos.

Seine Mutter keppelte noch eine ganze Weile aufgeregt weiter: »Impertinenzler! So ein undankbarer Bengel! Der wird uns noch was anschauen lassen! Wieso ist der nicht wie die andern, so wie der Karl? Ich hab doch immer alle gleich behandelt und erzogen! Jessas, wer weiß, was mir noch blüht! Als ob mein Leben nicht schon traurig genug wär mit all den Sorgen! Was für Zeiten! Arbeitslosigkeit, Teuerung, überall Hunger und Not, und gleichzeitig vollgstopfte Geschäfte! Heut zu leben, ist beileibe kein Vergnügen …«

Die Wohnungstür ging auf, und durch die dunkle Küche kam Karl ins Zimmer geschlichen.

»Tag«, grüßte er niedergeschlagen und setzte sich erschöpft auf einen Stuhl. »Es ist schrecklich, zum Verzweifeln. Überall.«

»Also nichts?«, fragte die Mutter. »Haben sie dich wieder nicht genommen?«

»Nein«, war Karls knappe Antwort.

Der Vater sah ihn mit besorgter Miene an. »Waren viele Leut dort?«

»So zirka zweihundert. Und einer hat eine Anstellung kriegt. Wir anderen wollten die Fahrtkosten rückerstattet. Die Firma hat sich natürlich geweigert, es hat einen Krawall gegeben, und schließlich haben sie die Polizei grufen. Die hat uns mit Schlagstöcken auseinandergetrieben. Ein paar haben sie ordentlich erwischt, sogar verhaftet haben sie welche, und ich bin davonglaufen. Ich lass mich nicht hauen oder einsperren.«

»Recht so«, stellte Frau Weber fest. »Es hätt ja nichts genützt. Die Herren sind die Herren, und die Herren haben das Geld und das Gesetz auf ihrer Seite. Ein Arbeiter ist nichts wert.«


Karl plagte die Eifersucht. Er sagte sich zwar selbst, dass dieses im Herzen nagende Gefühl in Wirklichkeit unbegründet war, aber er litt sehr darunter.

Martha erzählte ihm immer alles, was im Büro vor sich ging, all die unbedeutenden Zwischenfälle und all die kleinen Freuden ihres beruflichen Alltags. Karl hörte stets aufmerksam und mit so viel Anteilnahme zu, dass er die Geschichten beinahe nacherlebte. Er genoss die vertrauensvolle Mitteilsamkeit seiner Geliebten, die ihm allerdings so auch vor Augen führte, dass er Tag für Tag nur die Zeit totschlug, während sie hart arbeitete und ihr eine wichtige Rolle zukam, indem sie den Lebensunterhalt für sich und ihre Mutter verdiente.

Nun hatte Martha schon vor Tagen von der Einstellung eines neuen Konzipienten erzählt und dabei beinahe mit zu großem Eifer über ihn berichtet. Sie beschrieb ihn als einen attraktiven jungen Mann mit guten Manieren und herausragenden Fähigkeiten. Er beherrschte neben seiner Muttersprache obendrein Französisch und Englisch in Wort und Schrift und präsentierte sich gegenüber seinen Kolleginnen als perfekter Gentleman. Gestern hatte er Martha angeboten, ihr Englisch beizubringen, das zu lernen sie schon die längste Zeit vorhatte. Jetzt bat sie Karl mitzumachen, weil sie es schön fände, wenn sie sich in einer Fremdsprache unterhalten könnten, die nur wenige verstehen. Außerdem wären Englischkenntnisse möglicherweise beiden einmal von Nutzen. Jeden Samstagnachmittag würde Herr Kerner – so hieß besagter Kollege – sich nach Arbeitsschluss mit Martha in einem Kaffeehaus treffen und mit ihr eine Lektion durchnehmen. Am Sonntag wollte sie dann ihrerseits das Gelernte an Karl weitergeben. So würde erst sie Unterricht in Englisch erhalten und danach mit ihm gemeinsam üben. Natürlich suchte sie dafür Karls Einverständnis, aber sie ging voll Hoffnung davon aus, dass er ihr dieses kleine Vergnügen nicht versage.

Als Martha vergangenen Abend in einem fröhlichen Wortschwall alles das auf Karl einprasseln ließ, stimmte der zwar – mit spürbarer Zurückhaltung – zu, doch er fühlte einen schmerzhaften Stich im Herzen.

Auch ihr entging seine plötzliche Beklommenheit nicht, darum umarmte sie ihn stürmisch und rief aufmunternd: »Na, na! Mein kleines Dummerchen, wirst doch nicht eifersüchtig sein, oder? Brauchst keine Angst haben, ich bleib für immer die Deine!«

»Aber wenn dir der andere am Schluss besser gefällt? Er hat doch so gute Manieren – und eine Arbeit.«

»Karl, wenn du noch einmal so was sagst, bin ich beleidigt und nehm keine Englischstunden. Ich hab eh kein bissl Freude im Leben, da kann ich auf die eine auch noch verzichten.«

Und Martha zauberte mit impulsiven Küssen und neckischen Worten wieder ein Lächeln auf seine Lippen.

Samstagnachmittag, zu einer Zeit, die er sonst regelmäßig mit seiner Geliebten verbracht hatte, saß Karl schwer bekümmert im Wohnzimmer bei seiner Familie und versuchte, für Marthas bevorstehenden Geburtstag ein Gedicht zu verfassen. Er wollte etwas besonders Berührendes schaffen, war aber zu zerstreut, um passende Verse und gute Reime zu finden. Bald hatte er sein Vorhaben sogar völlig vergessen und starrte mit leerem Blick in eine Ecke.

Wenn er bloß Arbeit hätte! Selbst mit einem bescheidenen Einkommen würde er Martha auf der Stelle heiraten, damit sie ihm niemand mehr streitig machen könnte. Mutter Groner hatte sich schon einverstanden erklärt, beide bei sich aufzunehmen. Er wiederum sehnte sich danach, endlich den derzeitigen Verhältnissen zu entfliehen. Wenn er auch seinen Eltern und Geschwistern in Liebe verbunden war: Aber seit der Kündigung des Vaters herrschten innerhalb der Familie niederschmetternde Schwermut und abstoßende Gereiztheit.

Zu seinem bisherigen Elend und zu den Widrigkeiten seines hoffnungsleeren Arbeitslosendaseins kam nun eine neue Sorge: Er fürchtete um seine Geliebte. Ihn bedrückte nicht einfach nur Eifersucht, sondern die lähmende Angst, ihm würde das bei weitem Beste genommen, das er je gehabt hatte, das einzige Licht in seinem dunklen Alltag, von dem er hoffte, es könnte seine herzerwärmende Sonne in einer kalten, egoistischen Welt sein.

Aber welches Recht hätte er, sie zurückzuhalten, wenn das Glück tatsächlich einen gebildeteren und fähigeren Lebensgefährten für sie auserkoren hatte, der ihr ein sichereres und angenehmeres Leben versprach, als er es ihr je bieten könnte? Wenn er bloß Arbeit hätte! In diesem Fall wäre seine Antwort auf diese Frage eindeutig, denn Wissen lässt sich erwerben und nichts wiegt je den Wert ehrlicher Liebe auf. Er war überzeugt, dass niemand Martha mehr lieben konnte als er.

»Hörst du das, Mutter? Seit der Mann arbeitslos ist, streiten die Nachbarn auch pausenlos.« Annas Worte brachen das Schweigen im Raum und rissen Karl unvermittelt aus seinen Gedanken. Anna bügelte, während Frau Weber mit der Brille auf der Nase beim Fenster saß und Socken und Strümpfe stopfte. Sonst war niemand daheim.

Aus der Nachbarwohnung war durch die Wand ein lautstark ausgetragener Streit vernehmbar. Man konnte deutlich zwei Stimmen unterscheiden: eine scharfe weibliche und eine dunkeltönende männliche. Einige Wörter verstand Karl, manchmal sogar Sätze, meistens die der Frau. In das Gebrüll der Erwachsenen mischte sich das Weinen der verängstigten Kinder.

»Wenn sie sich wenigstens vor den Kindern nicht so ungeniert ausdrücken würden«, sagte Frau Weber empört. »Die verstehen mehr, als man glaubt. Ihr Ältester muss schon so um die zehn sein. Hörst die zwei Kleinen weinen? Aber das kümmert die zornige Mutter nicht. Jessas, wie die mit den Kindern herumschreit!«

Die unflätigen Beleidigungen, die sich die zornigen Nachbarn gegenseitig an den Kopf warfen, waren klar verständlich: Kreteu, Dreckshur, Blindgänger, Kanaille, Hundsviech, Schrapnön, hirnloser Trankler – du bist arbeitsscheu, du lässt uns alle im Dreck ersticken, du trägst unsern letzten Groschen zum Wirt und zu den Huren, und die Kinder hungern, du gibst mein schwer verdientes Geld aus für deinen depperten Schmuck und lauter unnötiges Glumpert … Diese und ähnliche Beschimpfungen drangen aus der Nachbarwohnung zu Karl, Anna und der Mutter, die aufmerksam und doch voll Abscheu lauschten.

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