Читать книгу: «Tod im ewigen Eis»
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung oder Vervielfältigung des Werkes oder seiner Teile bedarf der Zustimmung des Autors. Alle im Buch enthaltenen Angaben wurden nach bestem Wissen erstellt. Es wird keine Verantwortung für etwaige Unrichtigkeiten übernommen. Alle Rechte liegen beim Autor:
Dr. Hans Säurle, Ruiter Str. 37/1, 70329 Stuttgart
hsaeurleweb.de
Umschlaggestaltung:
Sarah Richter www.sarah-richter.illustration.de
Bild: Hans Säurle
Lektorat:
Lisa Rill-Säurle
Herstellung:
ePubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
Zweite, überarbeitete und leicht gekürzte Auflage
September 2021

Zum Buch
Dies ist die Geschichte des Mannes, dessen Mumie 1991 in den Alpen gefunden und als „Ötzi“ weltbekannt wurde. Bald stellte sich heraus, dass der vor 5.300 Jahren im ewigen Eis eingefrorene Mann ermordet worden war. Wer aber war der „Mann aus dem Eis“? War er ein Häuptling oder ein Schamane? Wer waren seine Feinde und wer hat ihn so gehasst, dass er ihn getötet hat?
Der spannende Roman erzählt kenntnisreich und phantasievoll vom turbulenten Leben des mit 45 Jahren getöteten Mannes. Als Kind verliert er unter dramatischen Umständen seine Familie; er muss unter harten Bedingungen in einer Kupfermine schuften. Gefangen und versklavt entwickelt er eine unersättliche Gier nach Reichtum und Macht. Eine Geschichte von Verrat, Schuld und Vergeltung nimmt ihren unerbittlichen Verlauf.
Der Autor
Hans Säurle, geboren 1950 in Stuttgart, studierte Medizin und Archäologie in Heidelberg. Als junger Arzt arbeitete er unter einfachsten Bedingungen inmitten des peruanischen Regenwalds. Dort lernte er die Denkmuster indigener Völker kennen, ihre Kultur und ihre Religion sowie auch die Schwierigkeiten, die sich beim Übergang in eine andere Zivilisationsstufe ergeben. Dieser Roman über das harte Leben in der zu Ende gehenden Steinzeit ist sein erstes literarisches Werk.
Tod im
ewigen Eis
Ein prähistorischer Roman
vom Leben und Sterben des Mannes aus dem Eis
„Menschen miteinander gibt es nicht.
Es gibt nur Menschen, die herrschen,
und solche, die beherrscht werden.“
Kurt Tucholsky
Vorwort
Im Herbst 1991 kletterte ich zusammen mit meinem Bergkameraden Reinhold Messner entlang der Südtiroler Landesgrenze. Unser Anliegen und unser Auftrag war, die öffentliche Aufmerksamkeit verstärkt auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Südtirols zu lenken.
Nachdem Reinhold und ich schon mehrere Achttausender im Himalaya zusammen bestiegen hatten, legten wir in 40 Tagen über 1200 Kilometer zurück und erklommen 300 Gipfel. Das unerwartete Highlight dieser Kletterei fand sich an der Grenze zu Österreich in der Nähe des Tisenjochs, hier blickten wir tief in Südtirols Vergangenheit.
Wir saßen noch keine halbe Stunde in der gemütlichen Similaunhütte, als uns der Hüttenwirt Pirpamer vom Fund einer Gletscherleiche erzählte. Er habe die Leiche teilweise ausgepickelt und ein Stück Birkenrinde und einen seltsamen Eispickel gefunden. Es handele sich wohl um einen verunglückten Bergsteiger oder einen Flüchtling aus einem der beiden Weltkriege, vermutete er. Den eigenartigen Eispickel hätten inzwischen die Gendarmen schon nach Innsbruck in die Gerichtsmedizin gebracht. Pirpamer beschrieb uns das sonderbare Gerät, das so gar nicht aussehe wie die Eispickel, die wir von unseren Vorgängern her noch kennen. Damit war unsere Neugier geweckt und wir stiegen zum Fundort auf.
Die mumifizierte Leiche lag in einer sonderbar verdrehten Stellung auf dem Bauch, mit dem Gesicht nach unten in einer Mulde, nur der Oberkörper ragte aus dem eisigen Wasser. Trotzdem war gut zu erkennen, dass die Beine mit Lederfetzen umwickelt waren und die Füße in mit Gras gefütterten Schuhen steckten. Neben der Mumie lagen ein Stück Fell, eine weiteres Stück Birkenrinde und ein kleines gelochtes Holz.
Im Himalaya hatte ich schon viele tote Bergsteiger sehen müssen, diese Leiche aber beeindruckte mich, wir nannten sie Similaunmann. Mitleid mit dem Verunglückten empfand ich nicht, auch keine Trauer. Stark aber war das Bedürfnis, mehr über diesen sonderbaren Toten zu erfahren, der meiner Meinung nach aus einer sehr frühen Zeit zu stammen schien. Wie hatte er gelebt, woran war er gestorben? Viele Fragen zu dieser eigenartigen Mumie gingen mir durch den Kopf. Dass es sich um einen wichtigen Fund handelte, war mir sofort klar. Um den freigelegten Similaunmann vor dem Zerfall zu schützen, deckte ich ihn mit Eisbrocken zu, damit er später sorgfältig geborgen werden könnte.
Dass allerdings vor uns, noch halb im Eis festgefroren, eine veritable Weltsensation lag, hatte ich nicht vermutet. Bald schon hatte die Wissenschaft festgestellt, dass der Similaunmann schon vor ungefähr 5.300 Jahren lebte und starb. Und erst im Frühjahr 2001 wurde bei der inzwischen nach Bozen überführten Leiche entdeckt, dass in ihrer Brust eine Pfeilspitze steckte: der Mann war erschossen worden!
Wer hat den Mann aus dem Eis wohl umgebracht? Und weshalb? War er ein Dieb auf der Flucht, ein schlechter Schamane oder ein entmachteter und verfolgter Häuptling? Diese Fragen gehen mir heute noch durch den Kopf. Jeder, der sich mit diesen Fragen beschäftigt, erhält mit dem Krimi „Tod im ewigen Eis“ eine Fülle von Anregungen.
Der in einen fesselnden Roman verpackten Geschichte über das Leben in der zu Ende gehenden Steinzeit wünsche ich einen großen Leserkreis.
Hans Kammerlander

Prolog
Bisher hat er ihnen entkommen können, doch sie brauchten nur seinen Spuren zu folgen, mehrfach haben sie ihn fast eingeholt. Drei dick vermummte Gestalten sind es, das hat er klar sehen können, erkennen aber kann er sie nicht.
So lange als möglich hat er versucht, im Wald zu bleiben, um nicht gesehen zu werden. Doch irgendwann musste er die Baumgrenze überschreiten und nun ist er in großer Höhe unterwegs. Auf den freien Flächen beschleunigt er seinen Schritt und trotz der dünneren Luft kommt er gut voran. Aus dem Schneefall ist inzwischen ein Schneesturm geworden, das ist gut, denn Schnee und Wind decken seine Spuren zu. Der eisige Wind treibt ihm die harten Schneekristalle direkt in Augen und Gesicht, er achtet nicht darauf, konzentriert sich auf seinen Weg. Sein Vorteil ist, dass er sich auskennt, er hat diesen Pass schon mehrfach überschritten. Öcetim denkt an die Wanderungen mit den Schafen in diesen eisigen Höhen, hin zu den saftigen Weiden auf der anderen Seite.
Da er seine Verfolger schon lange nicht mehr gesehen hat, wagt er eine Rast einzulegen. Er ist müde und hungrig, seine rechte Seite schmerzt bei jedem Atemzug. In einer mit vom Wind verkrüppelten Sträuchern bewachsenen Senke sucht er Schutz vor dem Schneesturm, legt seinen Bogen und den Glutbehälter ab, setzt sich und verschlingt gierig seinen Proviant. Er ist froh, dass ihm seine Frau so viel eingepackt hat: getrocknetes Steinbock- und Hirschfleisch, Dinkelfladen und sogar Ziegenkäse, den sie so schmackhaft zubereiten kann.
Öcetim streckt sich, schaut über den Rand der Senke. Da er auf der weiten weißen Fläche noch immer niemanden sieht, hofft er, dass seine Verfolger bei diesem scheußlichen Wetter aufgegeben haben. Prüfend wiegt er sein Kupferbeil in der Hand, befühlt die in seinen Lendenschutz eingenähten Goldklümpchen, tief zieht er die kalte Luft in die Lunge und wärmt seine kalten Finger über dem Glutbehälter.
Bei einem Schusswechsel am Tag zuvor war die Entfernung zu groß gewesen. Sie hatten ihn nicht getroffen, aber auch seine Pfeile hatten ihre Ziele verfehlt. Diese Pfeile fehlen ihm, er muss sie dringend ersetzen. Glücklicherweise wächst in Reichweite ein schöner weißer Strauch mit kerzengeraden Trieben. Mit seinem Steindolch schneidet Öcetim gleich ein Dutzend davon ab, entrindet und kerbt sie ein, später würde er die Klingen einsetzen und die Schäfte glätten. Dazu ist jetzt keine Zeit, er muss weiter, den Pass noch heute bezwingen, die Verfolger abschütteln. Er darf sich nicht aufhalten lassen, er hat eine Aufgabe zu erfüllen.
Die kurze Rast und das Essen haben ihm gutgetan. Öcetim macht sich auf, verlässt die schützende Senke, steigt höher, erreicht das Gebiet des Gletschers. Immer wieder blickt er zurück, auf der weißen Fläche kann er schemenhaft nur ein paar Gämsen erblicken.
Die Verfolger haben sich getrennt, einer ist schon vorausgeeilt. Schneller und kräftiger als die beiden Anderen will er unbedingt der Erste sein, die Sache alleine zu Ende führen. Die zwei anderen Verfolger quälen sich im Schneesturm keuchend weiter den Berg hinauf, sich nur selten eine Rast gönnend, auch sie wollen Rache nehmen.
Auf dem Gletscher kommt Öcetim nur langsam voran, vorsichtig setzt er seine Schritte. Immer wieder muss er innehalten. Gerade als er nach einer kurzen Pause seinen Aufstieg fortsetzen will, spürt er einen heftigen Schmerz in der linken Schulter. Ein Pfeil hat ihn getroffen. Öcetim fällt, sein Kopf knallt gegen einen Felsbrocken. Der Schmerz ist brennend, stark, Öcetim fühlt das warme Blut auf seinem Rücken und auf seinem Gesicht, seine Sinne schwinden. Er ahnt, dass er sterben wird, sieht Bilder von seiner Familie, sein ganzes Leben zieht an ihm vorbei. Er hat viel gesehen, viel erlebt und viel erfahren. Doch wie es weiter gehen wird mit ihm, nach seinem Tod, das weiß er nicht. Er riecht Blumen und Wind, bedauert, dass er den Aufgang der Sonne und den ewig sich wandelnden Mond nicht mehr sehen kann.
Sein Mörder geht auf ihn zu. Er ist alleine, steht noch eine Weile neben dem Sterbenden, genießt seinen Triumph und hat gleichzeitig das Gefühl, dass jetzt etwas Unerwartetes geschehen müsste. Doch nichts geschieht, nur der Wind heult. Dann macht er sich an Öcetims sterbendem Körper zu schaffen, durchsucht seine Gewänder. Endlich fühlt er in Öcetims Lendenschurz, wonach er gesucht hatte. Mit klammen Fingern reißt er das feine Leder auf, greift nach den kleinen Steinen, betrachtet und befühlt sie. Vorsichtig steckt er sie ein, als ob sie Schaden nehmen könnten. Mehr interessiert ihn nicht.
So plötzlich wie der Sturm gekommen war, so schnell hat er sich auch wieder gelegt. Schon kreisen die ersten Geier in der Luft. Als die beiden Männer schon ganz nahe an der Felsrinne sind, erkennen sie nur einen dunklen Fleck in einer Mulde. Langsam kommen sie näher, ihre Herzen klopfen schnell, nicht nur wegen der Höhe, es ist die Anspannung, die Angst, dass der Alte plötzlich aufstehen und sie angreifen könnte.
Es kostet sie Überwindung, Öcetim zu berühren. Ein seltsamer Schauer durchläuft die beiden vermummten Gestalten, trotz ihrer dicken Fellmäntel rinnt ihnen kalter Schweiß über den Rücken. Der ältere der beiden dreht den Leichnam auf den Bauch und zieht vorsichtig an dem Pfeil, der in Öcetims Rücken steckt. Niemand soll anhand des Pfeils auf den Mörder schließen können. Doch weil sich das Geschoss in der Schulter des Alten verhakt hat, versucht er es nochmals mit einem kräftigeren Ruck. Der Pfeil bricht ab, die Spitze aus Feuerstein bleibt in der Schulter stecken.
Inzwischen schneit es wieder stärker. Wie ein Leichentuch legt sich der Schnee über den Toten. Nach und nach lässt der Schnee ihn ganz verschwinden, füllt die ganze Felsrinne, keiner wird den gottlosen Alten jemals finden. Doch nicht für immer bleibt die Leiche in Eis und Schnee gefangen…
Nach mehr als fünftausend Jahren kommt die Leiche wieder zum Vorschein…
Erster Teil Kindheit und Jugend
I
Die Angst schnürte ihm die Kehle zu, sein Hemd war trotz der Kühle schweißnass. Tote Männer und Frauen lagen neben oder auf ihm, ihn hatte man offenbar übersehen oder auch für tot gehalten. ʼOb es das Ende ist?ʼ fragte er sich.
Nach dem ohrenbetäubenden Lärm war es nun still geworden, nur die Schläge seines Herzens dröhnten laut wie Kriegstrommeln in seinen Ohren, übertönten jedes andere Geräusch. Sein Herz pochte so fest, dass er meinte, es müsse seine Brust zersprengen und überall zu hören sein.
Von allen Seiten waren fremde Krieger gekommen. Mit Speeren und Lanzen hatten sie auf seine Leute eingestochen, die Kinder und Alten mit Keulen erschlagen, die Fliehenden wurden von ihren Pfeilen niedergestreckt. Nur kurze Zeit dauerte dieser gemeine Überfall. Jetzt war fast die ganze Dorfgemeinschaft tot, ein paar junge Frauen waren von den fremden Kriegern verschleppt worden, drei kleine Kinder hatten sie aus den Armen ihrer Mütter gerissen und ihre Köpfe an Felsen zerschmettert, anschließend hatten sie den Müttern die Köpfe eingeschlagen.
Langsam öffnete Öcetim die Augen, schaute sich um. Nicht lange konnte er die furchtbaren Bilder aushalten, schnell schloss er wieder die Augen. Er nahm den Gestank von versengtem Haar, verbranntem Fleisch und brennenden Hütten wahr, den Gerüchen konnte er sich nicht entziehen. Eine innere Stimme flüsterte ihm ein, dass nicht er es war, der dieses Grauen erlebte, sondern dass all das einem Anderen zustieß. Öcetim wollte Gewissheit. Unter großer Anstrengung öffnete er erneut seine Augen und musste in ohnmächtiger Klarheit erkennen: Sein Dorf, seine Familie, seine Freunde, sie sind nicht mehr, alle waren tot oder verschleppt.
Endlich wagte es Öcetim, sich zu erheben. Seine Knie schlotterten, die Beine wollten ihm nicht gehorchen, ihm wurde schwindelig und übel; er musste sich an einen Baum anlehnen. Angewidert vom Gestank suchte er unter den Leichen nach seinen Angehörigen, fand seine Mutter, die im Tod noch sein kleines Schwesterchen an ihre Brust drückte, entdeckte seinen Vater, dessen Kopf zerschmettert war und dem der rechte Arm fehlte. Dann stieß er auf seinen älteren Bruder, auch sein Onkel, seine Tanten und seine Freunde lagen erschlagen im blutdurchtränkten Gras. Seine Schwester fand er nicht.
Angeekelt von diesem Gemetzel und unfähig, auch nur eine Träne zu vergießen, schleppte er sich in den Wald. Trotz seiner Angst vor den unheimlichen Geräuschen, dem Rascheln und Ächzen und Knarzen, hielt er sich dort versteckt. Er hörte das Wispern der Blätter und die Stimmen der Toten, wilde Schatten kletterten von den Bäumen herunter. Gesichter seiner Nachbarn und seiner Familie tauchten auf, kurz nur, um gleich wieder zu verschwinden. Mit klappernden Zähnen wachte er auf und wartete auf die aufgehende Sonne. Endlich konnte er weinen.
Nach drei langen Tagen und Nächten waren ihm die Tränen ausgegangen, er wagte sich seinem Dorf Tocolom zu nähern. Noch immer war der Gestank kaum auszuhalten. Die Toten sollten beerdigt werden, dachte er. Aber er konnte das nicht, es waren so viele, und er war nur ein kleiner Junge. Auch seine Schwester war noch immer nicht da, laut rief er ihren Namen, suchte sie. Doch vergeblich, sie blieb verschwunden. Er hatte niemanden mehr. Öcetim wimmerte leise und wusste, dass er jetzt ganz auf sich gestellt, dass er mutterseelenallein war.
Die Sonne brachte nur einen fahlen Schein zustande, es roch verbrannt, selbst der Wind schmeckte süßlich und widerlich. Öcetim wollte sterben, wollte bei seinen Leuten sein, die jetzt in einer anderen Welt lebten. Es wäre so leicht, einfach nur loslassen, fortfliegen, träumte er vor sich hin. Er legte sich zum Sterben auf den Boden und wartete auf den Tod. Er wollte an einen Ort, wo die Geister wohnen, wo es schön sein soll und es immer ausreichend zu essen und zu trinken gibt; so wurde es von den Alten gesagt. Auch soll es dort keinen Streit geben und keinen Krieg. Seltsame Gedanken schwirrten durch seinen Kopf, suchten nach Gründen für das fürchterliche Geschehen. Hatten denn seine Familie und die ganze Sippe den Göttern nicht immer ausreichend geopfert? Oder hatten sie vielleicht zu wenige oder die falschen Opfer gebracht?
Doch Öcetim starb nicht, die Todesgötter verschmähten ihn. Jetzt fiel ihm wieder ein, dass er noch für die toten Dorfbewohner sorgen sollte, damit sie nicht unbeweint ins Reich der Finsternis geworfen wurden. Ihr Schmuck und ihre Waffen waren von den fremden Kriegern einfach mitgenommen worden. Dabei hätten die Toten in der anderen Welt diese wertvollen Dinge doch gebraucht. Er kannte natürlich das Begräbnisfeld auf der von Birken umstandenen kleinen Anhöhe, erinnerte sich an große Feuer und dass die Wände der Gräber mit roter Farbe angestrichen wurden. Rot, das war die Farbe des Blutes, das er jetzt überall um sich herum sah. Doch wie sollte er die Toten zu dem Begräbnisfeld schaffen, wie die Gruben ausheben und die Wände rot streichen? Und was wäre sonst noch zu tun? An die vorgeschriebenen Rituale konnte er sich nicht mehr erinnern. Das bekümmerte den Jungen zusätzlich.
Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, saß Öcetim lange bewegungslos auf dem Boden. Schließlich empfahl er die vielen Toten tränenüberströmt allen Göttern, die überall in den Bäumen, Büschen, den Steinen, dem Bach und den Felsbrocken hausten und ihm zuschauten. Vor allem bat er die mächtigsten von ihnen, die launischen Götter der Berge, des Wassers und der Luft, dass die Verstorbenen zu ihnen in ihre himmlischen Reiche gelangen dürfen und nicht als Gunchis wie Totenvögel nachts durch die Lüfte fliegen und ihren Angehörigen Krankheit, Tod und Unheil bringen müssen.
Die Gedanken an seine eigene Zukunft quälten ihn. Er würde weiter leben, doch wo und wie? Müsste er nochmals zurück in sein niedergebranntes Dorf, um Messer, Speere, Beile und andere Waffen zu suchen? Seine Augen wollen das Unglück nicht wieder sehen und seine Nase wollte den Gestank nicht nochmals riechen müssen. Weil er aber diese Dinge brauchte, lenkte Öcetim schweren Herzens seine Schritte zum Dorf und suchte in allen Häusern. Doch die fremden Krieger hatten Messer und Beile, Waffen und Felle, gewebte Tücher, einfach alles mitgenommen. Endlich fand er ein altes Hasenfell, ein paar Stricke aus Tiersehnen und einen Feuersteinkern. Alles nahm Öcetim mit, und als er einen Pyritknollen und trockenen Zunder sah, nahm er auch dies mit, um Feuer entfachen zu können.
Angewidert vom Gestank und dennoch froh über die gefundenen Werkzeuge rannte Öcetim in den Wald, marschierte immer weiter. Seine Füße brannten, seine Haut war aufgerissen von den dornigen Sträuchern, nur fort von hier, weit weg von diesem grausigen Ort.
Er durchwanderte sanft gewellte Landschaften und durchquerte ein Sumpfgebiet, wo er von Mückenschwärmen fast gefressen wurde, bis er endlich ein Gebiet erreichte, wo es genügend Beeren, Buchen und Eichen gab, von deren Früchten er sich ernähren konnte. Auch hatte er viele Rehe und Hirsche gesehen, doch um die zu jagen, brauchte er unbedingt Waffen: Messer, Pfeil und Bogen und Speere.
Das aber war ein Problem, noch nie hatte er Waffen selbst hergestellt, er musste es jetzt einfach versuchen. Mit einem Schlagstein schlug er wie mit einem Hammer aus dem Feuersteinkern ein größeres Stück und ein paar kleine Splitter. Mehrfach versuchte er eine weitere Klinge aus dem Feuersteinkern heraus zu schlagen - so lange, bis er den schönen Feuersteinkern völlig zerschlagen hatte. Immerhin hatte er nun aber ein Messer und drei Speerspitzen.

Vor ihm lag eine mächtige Bergkette, deren Gipfel in der Ferne seltsam weiß schimmerten, die Sonne strahlte auf die mächtigen Berge, alles wirkte schön und sauber dort. Da wird es keine Krieger geben, dort sollte die Welt friedlich sein, hoffte der Junge. Im Bergwald wuchsen große Kastanienbäume, deren Früchte vorzüglich schmeckten. Öcetim fühlte sich wohl in dieser waldreichen Gegend. Zufällig entdeckte er einen Felsvorsprung, dessen Überhang ein schönes Dach bildete. ʼMit ein paar Ästen und Zweigen vergrößert könnte das eine schöne Lagerstätte gebenʼ, murmelte er halblaut vor sich hin. ʼVon dort werde ich gleich beim Aufwachen die Berge mit ihren weißen Spitzen sehen.ʼ
Allmählich fühlte sich Öcetim wieder etwas wohler, er freute sich an der Sonne und den angenehm warmen Tagen. Tagsüber hatte er genug zu tun, er musste seine Nahrung suchen und sich vor wilden Tieren schützen. Abends jedoch, wenn er auf seiner Grasmatte lag, war ihm oft zum Heulen zumute. Dann hörte er die Geräusche des Waldes, nirgends jedoch Laute von Menschen. Wie sehr hätte er sich gefreut über ein Grunzen oder Schnarchen. Keine Geräusche von sich paarenden Menschen, kein Singen, keine Beschimpfungen und kein Streit, er hörte nur seinen eigenen Atem. Sein Blick ging zu den funkelnden Sternen hoch oben am Himmel, aber auch die sagten kein Wort, sie funkelten nur ausdrucklos – ohne ihm irgendeinen Hinweis zu geben.
In der Nacht suchten ihn schreckliche Gespenster heim, Er hörte ihr Kampfgeschrei und hatte das Gefühl, die Geräusche hätten sich gegen ihn verschworen. Nichts konnte er dagegen tun, selbst lautes Schreien half nicht dagegen an, und auch die Ohren zuzuhalten nützte nichts. Er hatte niemanden, an den er sich anlehnen konnte, der ihm Geborgenheit und Wärme hätte vermitteln können.
Endlich fiel er in einen unruhigen Schlaf. Doch mitten in der Nacht wachte er auf, konnte nicht mehr schlafen, der volle Mond hatte ihm mitten ins Gesicht geschienen. Öcetim erhob sich und stieg hinunter zu dem im hellen Mondlicht glitzernden Bach, sein geheimnisvolles Plätschern lockte ihn weiterzugehen. Er folgte dem Wasser flussauf, an einer engen Kurve des Bachs hatten sich alte Knochen und Geweihstücke am Ufer angelagert. Noch nie hatte er sich so weit von seinem Lager entfernt. Nach einer weiteren Biegung wurde der Pfad steiniger und steiler, Öcetim wollte seine nächtliche Wanderung schon beenden, als er von ferne das Rauschen eines Wasserfalls hörte. Von einem überkragenden Felsen fiel klares Wasser in einen kleinen See, dort war es noch heller und irgendwie wurde es Öcetim feierlich zumute.
An den Stellen, wo das Mondlicht auf den See traf, schimmerte das Wasser in einem dunklen Rot. ʼSicherlich wohnt in diesem See eine mächtige Gottheit,ʼ dachte Öcetim bei sich. Er beugte sich über die kristallklare Wasserfläche und sah in den See, ihm war als ob sich dort etwas bewegte. Er sah genauer hin, und tatsächlich, unten am Grund war undeutlich die Göttin des Wassers zu erkennen. Ihre langen blonden Haare schwebten im Wasser, langsam schwamm sie nach oben. Immer deutlicher konnte er ihre silbrig glänzende schlanke Gestalt erkennen, zwischen ihren Fingern und Zehen schimmerten Schwimmhäute, doch ansonsten sah sie aus wie eine richtige Frau. Ihre dunklen Brustwarzen und die Haare auf ihrer Scham waren deutlich zu sehen. Ihm war als lächelte sie ihn an.
ʼOb ich es wagen darf in diesen herrlichen See zu steigen, aus dem mir die Göttin zulächelt?ʼ Die Versuchung war übermächtig, und so sprang Öcetim mit einem Satz in das kalte Wasser. Er schwamm zu der rötlichen Stelle des Sees, wo er die wunderschöne Gestalt gesehen hatte. Weil er aber außer Schlingpflanzen und Algen dort nichts Auffälliges bemerkte, stieg Öcetim nach mehreren vergeblichen Tauchgängen wieder aus dem Wasser.
Enttäuscht stellte er sich unter den Wasserfall, ließ das Wasser auf seinen Kopf fallen, auf seine Schultern, seinen Rücken und seinen Bauch. Er dachte an die schöne Frau im See, fühlte die Gegenwart der Göttin und spürte ihre Nähe. Sein Geschlecht richtete sich auf, und schon nach wenigen Handbewegungen brachte er der Göttin ein spezielles Opfer.
Befriedigt sprang er in das kalte Wasser, tauchte bis auf den Grund, doch die Göttin fand er noch immer nicht. Bekümmert watete er aus dem See ans Ufer, schüttelte sich, sah sich um. ʼTrotzdem,ʼ dachte er, ʼdas ist eine gute Gegend, hier will ich bleiben, ich will die schöne Göttin suchen.ʼ Auf dem Rückweg fand Öcetim zu seiner großen Freude Seifenkraut am Bach wachsen. Damit würde er sicherlich besser riechen, vermutete er, wenn er die sich noch zierend im See versteckt haltende Göttin wieder besuchte.
Diese entzog sich zwar weiterhin seinen lüsternen Blicken, meinte es aber ansonsten gut mit ihm, denn er fand in der Umgebung des Sees Vogeleier, Nüsse und Beeren in Hülle und Fülle. Erfolgreich jagte er Fische, Frösche und Mäuse, mehrmals hatte er Hasen erlegt, einmal auch ein junges Reh. Das war wichtig vor allem wegen der Felle und der Sehnen, die Mägen und Blasen der erlegten Tiere konnte er als wasserdichte Vorratsgefäße nutzen.
Doch oft hatte Öcetim kein Jagdglück, entweder hatten ihn die Rehe zu früh gewittert und waren geflüchtet oder seine Speere hatten das Ziel verfehlt. So musste er wohl oder übel mit kleineren Tieren vorlieb nehmen. ʼWas soll ich nur tun?ʼ fragte sich Öcetim. ʼSee und Bäche werden zufrieren und Fische nicht mehr zu fangen sein, viele Tiere werden sich in Höhlen verkriechen und der Schnee wird alles zudecken, da kann auch die Göttin im See nichts dagegen machen. Ob ich doch weiter ziehen soll, um vielleicht freundliche Menschen zu finden?ʼ
Täglich suchte er nach der Göttin im See und brachte ihr seine speziellen Opfer, doch eine Antwort erhielt er nicht. Öcetim war enttäuscht, schließlich gab er seine Suche auf. Als es kälter wurde und der erste Raureif morgens auf den Gräsern lag, packte er Proviant und seine Sachen zusammen und machte sich auf den Weg. Hoffnungsfroh folgte er dem Bach, der größer und größer wurde und schließlich in einen Fluss mündete. Den konnte er noch durchwaten, den nächsten Fluss musste er schwimmend durchqueren. Nebenbei fing Öcetim Fische, erlegte mit seiner Wurfschleuder Enten und Haubentaucher, fand Preisel - und Blaubeeren, so dass er nur selten auf seinen Proviant zurückgreifen musste.
Aus der Ferne betrachtet stellte der ganz in Leder gekleidete Junge bereits eine stattliche Erscheinung dar. Er war hochgewachsen und breit, größer als die Jungen in seinem Alter. In seine kastanienbraunen Haare waren Muscheln und Federn eingeflochten, sie fielen ihm in sanften Locken bis auf die Schultern, doch bei näherer Betrachtung fielen seine in tiefen Höhlen liegenden dunkelbraunen Augen auf. Sie blickten unruhig umher, auch seine Nasenflügel waren stets in Bewegung als witterten sie überall Gefahr. Über seiner Oberlippe sprossen erste Barthaare und um seinen Mund spielte trotz seiner Jugend bereits ein harter Zug.
Nach vielen Tagen der Wanderung sah er Rauch aufsteigen. Tagelang beobachtete er das Dorf und die Menschen dort, wagte aber nicht, Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Zu tief saß der Schock des Überfalls auf sein Dorf noch in seinem Herzen. Obwohl er sich nach Menschen sehnte, hielt er sich weiterhin versteckt.
Es war ein großes Dorf, viele Felder mit abgeerntetem Getreide und Herden von Schafen, Ziegen und kleinen Rindern lagen um es herum. Leute drängten in die befestigte Siedlung durch das Tor im Palisadenwall. Andere kamen aus der Siedlung heraus, die Menschen dort waren sehr beschäftigt. In seinem alten Dorf hatte es zwar auch viel zu tun gegeben, doch hatten seine Leute viel mehr Muße gehabt, Zeit um nichts zu tun oder einfach nur um beieinander zu sitzen und zu reden. Die herrschende Unruhe kam Öcetim seltsam vor. Da ihm aber nichts Verdächtiges auffiel, nahm er seinen ganzen Mut zusammen und näherte sich vorsichtig dem Dorf.
II
Etwas Besonderes schien in der großen Siedlung vor sich zu gehen. Viele Menschen bewegten sich auf den Straßen und Plätzen, die meisten waren gut gekleidet, viele hatten Kleider aus gewebten Stoffen, nicht wenige trugen hübsche Halsbänder um ihren Hals mit Steinen in leuchtenden Farben. Viehherden und Getreide waren in diesem Jahr gut gediehen, dafür opferten die Menschen in einem großen Dankfest den Göttern einen Teil der Feldfrüchte, Ziegen und Schafe. Sie verbanden damit die Bitte auf eine gute Ernte und den Erhalt ihrer Viehbestände im kommenden Jahr. Opferplätze wurden aufgebaut, Getreide aus den Speicherkammern herangeschafft und Tiere in Pferche getrieben.
An zentralen Plätzen hatten sich Gruppen von Musikern postiert. Sie bliesen ihre aus Knochen gearbeiteten Flöten und die aus den Stängeln der Engelwurz gefertigten dicken Blasrohre und schlugen ihre Rasseln und Trommeln in einem drängenden wilden Rhythmus. Die Musikergruppen wetteiferten miteinander, und die Menschen spendierten ihnen einen Becher Pastosaako nach dem anderen.
Öcetim legte seine Scheu ab. Nach der langen Zeit der Einsamkeit berauschte sich der junge Mann an dem Lärm, genoss die Ausgelassenheit und das wilde Treiben. Der stampfende Rhythmus ging ihm in die Beine und er bewegte sich im Takt der Musik. Nicht weit von ihm wurde Pastosaako ausgeschenkt und er verspürte große Lust auf dieses süffige Getränk.
Öcetim erinnerte sich, auch in seinem Heimatdorf hatte es dieses Getränk gegeben, das den Geist beschwingte. Pastosaako gab es allerdings nur, wenn die ungefähr daumengroßen gelblichen Wurzeln zu finden waren, aus denen dieser leckere Trank gemacht wurde. Die Wurzeln wurden gekocht, dann von den Frauen gekaut und dabei mit ihrem Speichel vermischt und wieder ausgespuckt. Die dicke Flüssigkeit wurde mindestens drei Tage lang in einem Gefäß aufbewahrt, je länger sie dort lag, desto stärker konnte der Pastosaako den Geist anregen. Öcetim hatte dieses Wohlgefühle erzeugende Getränk geliebt.
Einer Frau hinter dem Tresen fiel der Junge mit dem dichten schulterlangen Haar und den dunkelbraunen Augen auf. Sie hatte ihn noch nie gesehen. Sie winkte Öcetim zu ihrem Stand und schenkte einen Krug für ihn ein. Doch bevor sie ihn Öcetim reichte, hob sie einen Finger in die Höhe. Öcetim schaute sie verständnislos an. „Einen Rad kostet der Krug“, meinte sie.
„Einen Rad? Was ist denn das?“
„Du bist wohl neu hier? Kann man ja auch sehen…“, amüsierte sie sich über den großen Jungen. „Einen Rad musst du mir geben für einen Becher Pastosaako, normalerweise. Aber weil Du so ein hübscher junger Mann bist, bekommst Du diesen Krug heute ausnahmsweise von mir geschenkt.“
„Die Götter mögen immer gnädig mit Dir sein“, bedankte sich Öcetim und setzte den Krug an seine durstigen Lippen. „Schmeckt gut, nicht wahr?“ lächelte ihn die Frau an.
Öcetim nickte und wischte sich den Schaum vom Mund. „Wunderbar, wie der Saft der Göttinnen“, entgegnete ihr Öcetim, in dem er einen Trinkspruch seines Vaters benutzte. Den hatte er zwar nie verstanden, aber er erinnerte sich, dass die Leute dann immer gelacht hatten.
„Schau, das ist ein Rad, er ist mit einem besonderen Zeichen aus Lehmerde gebrannt, speziell für diese Tage des großen Opferfestes. Du kannst eine ganze Hand voll Rad eintauschen gegen ein lebendes Huhn oder gegen drei geschossene Enten, für ein Schaf bekommst Du sogar einen Mond voll Rad“, erklärte sie, indem sie ihm die Finger ihrer beiden Hände insgesamt drei Mal zeigte. Öcetim lächelte ihr freundlich zu, verstanden hatte er sie allerdings nicht. Doch wusste er nun, dass er Rad brauchte, um Pastosaako kaufen zu können. Er trank seinen Krug aus, gab ihn der Verkäuferin mit einem unsicheren Lächeln wieder zurück und ging zu einer der Musikgruppen.
ʼDas ist wirklich berauschend schönʼ, dachte er. ʼAber was mache ich hier, ohne Rad? Ob’s besser wäre, zurück in den Wald zu gehen, um erst mal zu schlafen? Morgen ist auch noch ein Tag, dann wird man ja sehen…ʼ Tief drinnen im Wald suchte sich Öcetim einen Schlafplatz, konnte aber nicht schlafen, er war ganz verwirrt. Noch nie hatte er so viele Menschen gesehen, und so ein riesiges Fest hatte er sich gar nicht vorstellen können.

Am nächsten Morgen ging Öcetim schon früh auf Entenjagd. Anschließend wusch er sich besonders gründlich und zog sich sorgfältig an. Er versteckte seine Speere und einen Großteil seiner Ausrüstung in einer Baumhöhlung, sein scharfes Feuersteinmesser steckte er an seinen Gürtel. So gerüstet ging er erneut in die große Siedlung. Schon vor Mittag war es laut und bunt und der Pastosaako floss in Strömen. Auf den Opferplätzen wurden Tiere geschlachtet, aus deren Innereien weise Leute die Zukunft lasen. Nachdem er seine Enten eingetauscht hatte, ging er wieder zu dem Pastosaakoausschank, wo er tags zuvor schon gewesen war. „Einen Krug Pastosaako bitte“, bestellte er.
„Aber gerne“, lächelte ihn die Verkäuferin an.
„Schwer was los hier“, begann ein Mann mittleren Alters ein Gespräch mit ihm. „Neu hier in der Gegend?“
„Ja, ich komme von weit her. Tolles Fest hier, und so viele Menschen.“
„Ja, hier gibt es alles – und man kann alles haben, was das Herz begehrt. Pastosaako, Kleider, Waffen und sogar so manche hübsche Frau“, erklärte ihm sein Gesprächspartner. „Ich heiße übrigens Celso und komme von der Mine. Darf ich Dich zu einem Pastosaako einladen?“
Öcetim hatte gerade ablehnen wollen, als schon ein Krug Pastosaako vor ihm stand. „Du kennst die Mine nicht?“, fragte der kahlköpfige Celso und bestellte ungefragt zwei weitere Pastosaakos. Mit listig blitzenden Augen fuhr er fort: „Die Mine ist nicht weit von hier, da leben und arbeiten viele Menschen, sie holen wertvolle Erze und Steine aus der Erde.“
„Sind das die Steine, mit denen sich die Leute schmücken? Wozu braucht man denn Erze?“
„Ja, solch schöne Steine sind das, besser aber noch ist das Erz. Dafür geben Dir manche Leute alles was Du willst.“ Öcetim schluckte und schaute Celso verwundert an, denn er konnte sich unter „Mine“ und „Erze“ noch immer nichts Konkretes vorstellen. „Hier, Dein Pastosaako, Öcetim, auf die Mine und das Erz.“
Öcetim fühlte sich geschmeichelt, mit einem so erfahren Mann reden zu können, obwohl er vieles nicht verstand. Weil er noch viel mehr erfahren wollte, und da sich ihm so eine Gelegenheit so bald wahrscheinlich nicht mehr bieten würde, begann er stockend: „Die Mine…, aus der Mine, die nicht weit von hier ist, holen die Menschen Erze. Was aber sind Erze? Und warum bekommt man dafür alles was man will?“
„Weil sich aus dem Erz ein ganz besonderes Material gewinnen lässt, woraus geschickte Leute Beile und Dolche machen können, die viel besser sind als die aus Stein“, antwortete ihm der glatzköpfige Celso. Öcetim hatte so etwas noch nie gehört und konnte sich Messer und Beile aus diesem ganz besonderen Stoff auch nicht vorstellen. Von jeher wurden Messer, Äxte, Beile und alle anderen Werkzeuge und Waffen aus Feuerstein gemacht. Was sollte nun bloß mit diesem anderen Stoff sein?
„Schau Dir diese zwei hübschen Dinger an, wie die mit ihren Ärschlein wackeln.“ Der Glatzkopf deutete auf zwei hübsche junge Frauen, die gerade am Ausschank vorbei schlenderten. Mit diesen Worten lenkte er Öcetims Aufmerksamkeit auf andere Dinge. „Das ist es, wofür es sich zu arbeiten lohnt.“ Öcetim verstand ihn nicht recht und schaute Celso verdutzt an. „Auf Junge, noch ein Pastosaako!“ Celso bestellte nochmals zwei weitere Krüge. „Auf die Frauen“, prostete er Öcetim zu.
„Wie schon gesagt, für Erz bekommt man alles was man will“, nahm Celso den Gesprächsfaden wieder auf. „Alles!“ und damit deutete er erneut auf die beiden jungen Frauen.
„Wie kommt man zur Mine und was arbeiten die Menschen dort?“ wollte Öcetim von ihm wissen.
„Es sind nur drei Tagesmärsche bis dahin. Und die Arbeit: naja, sie ist nicht leicht, man muss kräftig sein und ausdauernd arbeiten können. Aber es gibt immer genügend zu essen und Du kannst etwas verdienen, Rad zum Beispiel.“
„Kräftig bin ich und ausdauernd arbeiten kann ich auch“.
Das war genau das, worauf Celso hinaus wollte.
„Wenn Du willst, kannst Du mit mir kommen. Übermorgen schon werde ich mit ein paar anderen Jungen in Deinem Alter dorthin aufbrechen. Wir sehen uns…“
Im Vertrauen auf eine gesicherte Zukunft, auf eine Gemeinschaft mit anderen Menschen, auf einen Platz, wo er arbeiten und leben und vielleicht auch seine Stelle im Leben finden könnte, sagte ihm Öcetim zu. Nachts in seinem Waldlager aber gingen ihm wirre Gedanken durch den Kopf. Im Traum stapfte er durch kniehohen Schlamm, dann war er in einer dunklen Höhle eingesperrt, später kämpfte er sich durch Eis und Schnee, immer wieder fallend und beinahe im tiefen Schnee versinkend, während hungrige Wölfe ihn gierig umrundeten.
Am nächsten Morgen brummte sein Schädel. An seinen Traum konnte er sich nur noch schemenhaft erinnern, doch er schien ihm ein Zeichen zu sein, besser nicht mit Celso zu den Minen zu gehen. Öcetim grübelte, wälzte die verrücktesten Ideen in seinem Kopf, konnte sich aber nicht entscheiden. Auch wenn er sich immer wieder einzureden versuchte, dass ein Besuch in der Mine ja nicht schaden könne, er diese ja zu jeder beliebigen Zeit wieder verlassen könne. Irgendein böser Geist des Zweifels nagte an ihm.
Auf seinem Weg in die Siedlung tauchte Celso plötzlich vor ihm auf. „Du schaust nicht zufrieden aus. Was bekümmert Dich, mein Freund?“ Celso schaute ihm neugierig in die Augen. „Kann ich Dir irgendwie helfen?“
ʼDen wahren Grund kann ich ihm nicht nennen,ʼ dachte Öcetim und antwortete: „Es ist ein tolles Fest, alles was man begehrt ist hier zu haben. Pastosaako, gutes Essen – und Frauen.“ Öcetim bemühte sich wie ein erfahrener Mann zu wirken, großspurig tönte er. „Nur gibt es nichts umsonst, alle wollen die komischen Rad haben.“
Celso nickte bestätigend, drängte ihm mehrere Krüge Pastosaako auf und schließlich gelang es ihm, Öcetim das Versprechen abzunehmen, sich mit ihm am nächsten Morgen zu den Minen aufzumachen.
III
Hinter jedem Gebüsch und jedem Strauch versteckte sich ein Geist. Alles war heilig, die Quellen und Flüsse, der Wind, jeder Berg und jeder Baum, die Erde, die Seen, der Mond, die Sonne, die Sterne, besonders aber der Blitz. Auch die Tiere waren heilig, vor allem Hirsche, Biber, Schlangen, Adler und Schwäne. Ihnen allen erwiesen die Menschen Ehre, denn auch gnädige Götter können zürnen.
Dank der Gunst der Götter mussten die Aschkanen keine Not leiden. Sie lebten zufrieden und ihre Familien vergrößerten sich. Sofern es Streit und Krankheiten gab, waren spezielle Mittler gefordert. Die fanden in aufwändigen Zeremonien mit Hilfe der Götter die Schuldigen und die Ursachen, auch die Wege zur Lösung dieser Probleme wurden von den Göttern aufgezeigt.
Mehrere Familien, meistens zwei bis drei Dutzend, wohnten in größeren Siedlungen zusammen. Da sie Vorratshaltung betrieben, es bei ihnen also etwas zu holen gab, mussten sie ihre Dörfer vor Dieben schützten. Sie umgaben ihre Runddörfer mit Erdwällen, mit Palisaden und Zäunen. Die überwiegend an Seen und Flüssen wohnenden Aschkanen hatten große Boote, die sie in harter Arbeit mit ihren Feuersteinbeilen aus großen Bäumen herausschlugen. Sie fischten mit Netzen und Reusen aus Weidenzweigen, benutzten aber auch Bogen und spezielle Pfeile, die nicht eine, sondern gleich drei Spitzen hatten.
Im Hauptdorf der Aschkanen lebte die Schwänin, eine allseits geachtete Frau. Aus lehmiger Erde fertigte sie wunderschöne Keramikwaren, indem sie einen Wulst Tonerde auf den anderen setzte. In ihre Gefäße ritzte sie verschlungene Muster, auch Dreiecke und einfache Symbole von Tieren und Göttern. Dafür war sie weit über ihr Gebiet hinaus berühmt, viele Henkelkrüge konnte sie gegen bunt gewebte Stoffe und manchmal auch gegen ganze Kleidungsstücke eintauschen. Immer wieder wurde sie auch zu Kranken gerufen, denn sie war eine Mittlerin und stand somit auf derselben Rangstufe wie der Häuptling des Dorfes. Der wurde allerdings immer nur für ein Jahr gewählt, während sie von den Göttern als Mittlerin zwischen ihnen und den Menschen dauerhaft auserkoren worden war.
Vor langer Zeit, sie war damals noch eine heranwachsende Frau und hatte gerade erst ihre ersten Blutungen erlebt, war sie am See zum Fischen gewesen und eingeschlafen. Ein Schwan kam auf die Schlafende zu und begann leicht an ihren Fußzehen zu knabbern. Sie erlebte diese Berührung des Tieres als würde sie zärtlich liebkost, sie stöhnte wohlig, wollte weiter träumen. Beim Erwachen jedoch sah sie einen großen weißen Schwan vor sich stehen, der ihr direkt in die Augen blickte. Das Erstaunlichste war, dass sie verstehen konnte, was er zu ihr sagte.
„Du und ich – wir sind eines! Obwohl wir in verschiedenen Gestalten leben. Wenn ich am Himmel fliege, sehe ich die Welt und alle verborgenen Dinge. Ich sehe nicht nur, was die Menschen tun, ich kenne auch ihre Absichten und geheimen Gedanken. Ich kann bis zu Göttern hoch am Himmel oben fliegen und ihnen berichten. Sie tun mir ihre Absichten kund und sie geben mir Aufträge, die ich den Menschen zu vermitteln habe. Ich komme Dich wieder besuchen - und Du kannst mich jederzeit rufen“, krächzte der weiße Schwan, nahm Anlauf und hob sich hoch in die Lüfte.
Erschrocken und verwirrt blieb die junge Frau am Ufer zurück. ʼSoll ich eine Mittlerin werden?ʼ fragte sie sich.
Alle wussten, dass Krankheiten nicht von ungefähr kamen, dass sie immer von den Göttern gesandt waren. Vielleicht zur Strafe für ein Vergehen, für ein vergessenes Opfer oder vielleicht auch aufgrund eines bösen Zaubers. Da nichts auf der Welt ohne Grund geschah, mussten die Götter befragt werden. Ohne deren Anweisung bliebe jede Heilung nur vorgetäuscht, die Krankheit würde sonst über kurz oder lang wieder in den Körper zurückkehren.
Der Schwan besuchte sie immer wieder und forderte sie auf, von dem alten Schamanen ihres Dorfs die geheimen Dinge des Lebens zu lernen. Anfänglich eher widerwillig tat der alte Mann dies, freute sich aber bald, da das wissbegierige Mädchen schnell lernte. Sie lernte den Gebrauch von Weidenrinde, um Schmerzen zu lindern, von Beinwell und Kamille bei Verletzungen und Entzündungen, von Odermenning bei Durchfall und vieles andere mehr. Auch lehrte ihr der alte Schamane die Wirkung und die richtige Dosierung von verschiedenen Pilzen und von Schlafmohn, um in eine andere Welt zu treten und zu ihrem Totem, dem Schwan zu werden.
Im Lauf der Zeit wurde die Schwänin zu einer geachteten Schamanin. Sie heilte mit Erfolg Knochenbrüche, in dem sie die gebrochene Extremität mit Holzschienen ruhig stellte, sie behandelte die Entzündungen der Atemwege mit Inhalationen von Efeudämpfen und die Atemnot mit Extrakten von Weißdorn. Auch die Erkrankungen der Frauen und der alten Männer wusste sie mit großem Einfühlungsvermögen und den passenden Kräutern, Wickeln und Dämpfen zu kurieren. Die Leute im Dorf und auch in den anderen Siedlungen nannten sie bald nur noch voller Respekt die Schwänin.
Die Heilungen folgten einem vorgeschriebenen Ritual. In einem Haus mit steinernem Boden wurde der Kranke auf ein Lager aus Heu gelegt. Ein Feuer brannte in der Mitte der Hütte, in dem auch seltene Kräuter, Tierknochen und Vogelfedern verbrannt wurden. Die Schwänin saß dicht neben dem Kranken und blies auf ihrer aus einem Schwanenknochen gefertigten Flöte unaufhörlich dieselben Melodien. Danach rauchte die Schwänin einen mit zerriebenem Mohn versetzten Stängel aus Schilfgras und blies den Rauch dem Kranken ins Gesicht. Dann saugte sie aus seinem Bauch und seiner Brust kleine Steine heraus, spuckte sie ins Feuer, wo sie unter lautem Geprassel verbrannten. Die Schwänin sprang über und um ihren Patienten, schlug die Arme wie ein Vogel auf und nieder und krächzte wie ein Schwan, so dass sie in der dunklen und verrauchten Hütte von einem wahren Schwan bald nicht mehr zu unterscheiden war.
Jetzt konnte sie Kontakt zu den Göttern aufnehmen, ihnen vom Schicksal ihres Patienten berichten und Anweisungen der Götter erhalten, die genau und sofort umzusetzen waren. Es konnte sein, dass der Patient ein großes Opfer bringen musste für eine bestimmte Gottheit, gegen die er sich vergangen hatte, oder dass er das Dorf für eine Weile meiden musste. Es konnte aber auch sein, dass die Schwänin ihn verletzen musste, seinen Körper mit einem Stein aus scharfem Feuerstein zu öffnen hatte. Oft flossen aus diesem Schnitt Eiter oder andere übel stinkende Flüssigkeiten. Die Zeremonien dauerten üblicherweise die ganze Nacht und gingen bis zur Erschöpfung aller Beteiligten. Denn nur bei vollkommener Aufgabe seiner irdischen Person konnte ein Schamane den Kontakt zu den Göttern herstellen.

Auch die Schamanin hatte einen Mann genommen und drei Kinder bekommen, wobei eines gleich bei der Geburt und das zweite – noch ohne einen Namen erhalten zu haben – schon wenige Wochen nach der Geburt gestorben waren. Ihr drittes Kind hatte die gefährlichen ersten Monde überlebt. Der kleine Junge wurde den Göttern und allen Dorfmitgliedern bei einem Fest zu seinen Ehren vorgestellt und hatte bei dieser Gelegenheit seinen Namen bekommen: Gilger. Sein linkes Bein war in seiner Beweglichkeit ein wenig eingeschränkt, dieses Hüftleiden fiel zunächst nur der Mutter auf.
Gilger wuchs zufrieden und glücklich in der kleinen Dorfgemeinschaft auf, wo sein Vater Rodo und die Schwänin ein paar Ziegen und Schafe hielten. Gilger liebte diese Tiere. Er genoss ihren Geruch und mochte es gerne, wenn die Tiere sich an ihm rieben. Dies erzeugte wohlige Gefühle in ihm.
Mit der Zeit lernte er die einzelnen Tiere nach ihren Eigenheiten zu unterscheiden. Als er größer geworden war, arbeitete er als Hütejunge. Diese Arbeit gefiel ihm, denn dabei hatte er Muße und konnte unbehelligt auf seiner Flöte spielen. Wenn sein Vater ihn aufforderte, begleitete er ihn auch zur Jagd, aber lieber war er draußen bei der Herde, bei den friedlichen Tieren. Häufig schlief er nachts unter freiem Himmel bei den Ziegen und Schafen, ihm schien, als funkelten die Sterne draußen auf den Weiden strahlender als in ihrem Dorf.
Ziegen und Schafe hatten verschiedene Besitzer, wurden aber gemeinsam in Herden gehalten. Die Tiere waren sehr wertvoll, denn außer der Wolle lieferten sie Fleisch, Fett, Leder, Sehnen, Knochen und nach dem Lammen auch Milch. Ihre Weiden lagen oft weit entfernt von den Dörfern. Hirten bewachten sie und schützten die Herden vor Raubtieren. Im Frühsommer wurden die Tiere ins Dorf getrieben, wo ihre wenige harte Wolle geschoren wurde. Winters blieben sie in Pferchen in der Nähe des Dorfes. Wenn die Weiden von Schnee bedeckt waren, gab man ihnen Laubheu zum Fressen. Dazu mussten im Sommer viele Zweige von Laubbäumen geschnitten und getrocknet werden. Schließlich musste das Laubheu bis zum nächsten Austrieb reichen.
Ohne ersichtlichen Grund wurde Gilgers Vater krank. Er begann zu husten, Blut zu spucken, wurde immer schwächer und konnte schließlich nicht mehr gehen. Die Schwänin und Gilger versorgten ihn aufopferungsvoll in seiner Hütte, brachten ihm die leckersten Speisen und Getränke. Trotz vieler aufwändiger Zeremonien hatte die Behandlung der Schwänin keinen Erfolg. In diesem Fall versagten sich ihr die Götter. In ihrer Not rief die Schwänin auch andere Schamanen zu Hilfe, doch auch die konnten nicht den bösen auf Gilgers Vater liegenden Zauber bannen. Blutspuckend und bis auf Haut und Knochen abgemagert verstarb Rodo. Gilgers Vater hatte diese Welt verlassen und sich auf die lange Reise zu den Göttern begeben. Gilger vermisste seinen Vater sehr.
Da es nun an ihm lag, ab und an Fleisch nach Hause zu bringen, musste er jagen lernen. Er hatte nie gerne gejagt und deshalb auch nicht richtig aufgepasst, wenn sein Vater ihn in der Jagd unterwies. Um seine Bogenschusstechnik zu verbessern, übte er immer wieder mit Pfeil und Bogen, wenn keiner ihn sehen konnte. Mit dem großen Bogen seines Vaters zu schießen war nicht einfach, allein ihn zu spannen kostete viel Kraft. Dann begannen seine Arme zu zittern, was seine Zielgenauigkeit deutlich minderte.
Bei seinen Übungen schoss er auf eine Zielscheibe, die er in den Formen einer Frau in eine große Buche ritzte. Oft stellte er sich dabei die Mädchen vor, die sich wegen seines hinkenden Gangs über ihn lustig machten. Insbesondere die kichernde Maluga war sein bevorzugtes Zielobjekt. Allmählich wurde er ein besserer Schütze, er zielte auf die Stirn von Maluga, auf ihre Brüste, ihren Bauch und am liebsten noch etwas tiefer. Wenn sein Pfeil diese Stelle seiner Zielscheibe traf, stieß er einen Freudenschrei aus. Schließlich hatte er seine Treffsicherheit soweit verbessert, dass er mit Aussicht auf Erfolg auf die Jagd gehen konnte. Gelegentlich brachte er ein kleines oder krankes Reh, eine Ente oder einmal sogar einen Biber mit nach Hause.
Die Schwänin war inzwischen eine der anerkanntesten Heilerinnen im weiten Umkreis geworden. Die Kranken kamen von weit her, um sich von ihr behandeln zu lassen. Zu ihren Zeremonien kamen Männer und Frauen mit chronischen Wunden, mit Potenzstörungen, Leistungsschwäche und Kurzatmigkeit. Menschen, die in tiefer Dunkelheit und Traurigkeit lebten, Frauen, die keine Kinder gebären konnten, Kinder mit Durchfall und Hautauschlägen, mit Eiterbeulen und mit Knochenbrüchen. Für sie alle erhob sich die weiße Schwänin unter Aufgabe ihrer eigenen irdischen Identität in große Höhen empor, um mit den Göttern die Angelegenheit des Kranken zu besprechen und ihre Anweisungen zu hören.
Eines Tages wurde eine junge Frau zu ihr gebracht. Maluga war erst vor Kurzem von ihrem ersten Knaben entbunden worden. Nun hatte sie eine entzündete Brust, außerdem Fieber und sie stöhnte vor Schmerzen. Die Schwänin untersuchte Maluga, gab ihr einen Sud aus Weidenrinde, band die entzündete Brust hoch. Weil dies der kranken Frau aber keine große Linderung verschaffte, flößte sie ihr auch eine genau bemessene geringe Menge an Mohnsaft ein. Maluga fiel daraufhin in tiefen Schlaf, am nächsten Morgen ging es ihr nur wenig besser. Deshalb mussten nun in einer speziellen Zeremonie die Götter um Rat gefragt werden.
Die Schwänin tanzte um den Körper der jungen Frau, immer wilder tanzte sie und plötzlich trug sie ihr weißes Federkleid. Sie bewegte sich wie ein Vogel und begann zu fliegen, bis hinauf zum Sitz der Götter flog sie, um deren Rat zu erhalten.
„Ein vergifteter Pfeil durchdrang ihre Brust,“ sprachen die Götter. „Wer hat auf diese unschuldige junge Frau geschossen?“ fragte die Schwänin mit gesenktem Kopf. Denn nie wagte sie es, den Göttern ins Gesicht zu blicken. Die geflüsterte Antwort der Götter ließ ihr Gesicht und sogar ihren Schnabel bleich werden. Der weiße Schwan kehrte zurück in die Hütte, zu ihrer Patientin und ihrem Helfer. „Sie wurde durch einen magischen Pfeil verletzt.“
„Ein Pfeil fliegt nie von selbst, immer gibt es einen Schützen. Wer sollte auf diese junge Frau schießen?“ fragte der Helfer.
Noch halb in Trance flüsterte die Schwänin mit versagender Stimme: „Die Götter sagten, es sei Gilger gewesen, mein Sohn.“ Sie hämmerte mit beiden Fäusten auf Maluga ein, sah mit irrem Ausdruck ihren Helfer an. „Was machen wir nur?“ fragte die Schwänin mit krächzender Stimme. „Wir können Gilger doch nicht…“ Ihr Helfer aber hörte sie schon nicht mehr.
„Menschen, die Pfeile auf andere Dorfbewohner schießen, haben in unserer Siedlung nichts verloren. Bist Du denn ganz sicher, dass Du auch alles richtig verstanden hast?“ Der Häuptling blickte streng auf den Helfer der Schwänin, fragte mehrmals nach und formte seine Gedanken langsam zu Worten: „Der Sohn der Schwänin hat auf Maluga mit einem Pfeil geschossen und deshalb ist Maluga erkrankt, das hat die Schwänin selbst gesagt. Wenn es die Götter ihr selbst mitgeteilt haben, dann kann daran wohl kein Zweifel bestehen.“
Er wiegte bedächtig seinen Kopf, stützte ihn in beide Hände und atmete langsam aus. Hatte er nicht gehört, dass Gilger seine Pfeile auf Zielscheiben schoss, die Frauen abbildeten? Das hatte ihn bisher nicht gestört, doch jetzt sah die Sache anders aus. Ihm oblag es, Schaden vom Dorf abzuwehren, dessen Schutz ihm von seinen Bewohnern und den Göttern anvertraut worden war. Woran also noch zweifeln? „Gilger hat seinen Platz in unserer Dorfgemeinschaft verwirkt!“ sprach der Häuptling laut und bestimmend. „Nehmt ihn gefangen und bring ihn gefesselt zu mir!“

In dieser Nacht konnte die Schwänin nicht schlafen. Sie wälzte sich auf ihrem Lager hin und her. ʼGilger darf nicht sterben, er ist noch so jung, Es war doch keine böse Absicht, als er auf Maluga als Zielscheibe in den Baum ritzte. Erst kürzlich hatten die Götter ihren Mann sterben lassen. Und jetzt Gilger? Wofür wollen sie uns strafen?ʼ
Die Schwänin erhob sich und eilte auf die kleine Anhöhe, von wo sie auf ihren geliebten See sehen konnte. Der schon zu drei Vierteln volle Mond spiegelte sich silbern im ruhigen Wasser. Zwei Schwäne nahmen Anlauf im Wasser, hoben schwerfällig ab in die Luft und flogen hoch und höher. Sie flogen über den Wald und ihr Dorf. Seufzend schaute sie ihnen nach, bis sie aus ihrem Gesichtskreis verschwanden.
In drei Tagen wird der Mond gerundet sein, in drei Tagen wird der Dorfrat sein Urteil fällen. Was konnte sie schon erwarten? Hatte sie doch selbst in jener denkwürdigen Sitzung den Ratschluss der Götter mitgeteilt. Maluga war inzwischen wieder wohlauf. Wofür sollte Gilger jetzt noch sühnen? Die Schwänin streckte sich, schüttelte ihren Kopf. Dann besann sie sich auf ihre Stärken. Sie konnte sich völlig geräuschlos bewegen, beinahe fliegen. Und sie hatte die schärfsten Messer, mit denen auch die dicksten Stricke rasch durchschnitten werden konnten.
Die Schwänin musste sehr vorsichtig sein, denn der fast volle Mond verbreitete ein helles Licht. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass alle Dorfbewohner schliefen, schlich sie zu dem an einen Pfosten gebundenen Gilger. Rasch schnitt sie seine Fesseln durch und drückte ihn kurz an ihre Brust. So schnell sie konnten, flüchteten sie aus ihrem Dorf. Sich an den Händen fassend, passierten sie den Durchgang im Erdwall, bald schon hatte sie das Dunkel des Waldes verschluckt. Kein Dorfbewohner hatte etwas bemerkt.
Leise führte die Schwänin ihren Sohn durch dichtes Unterholz bis zu einem Bach. In diesem wateten sie eine lange Strecke, so dass selbst Hunde ihre Spur verlieren würden. Endlich kamen sie zu einem kleinen Platz, wo die Schwänin schon tags zuvor an einem Baum zwei Tragegestelle mit allem Notwendigen aufgehängt hatte, das für eine längere Reise gebraucht wurde: In Gilgers Tragegestell hatte sie Messer und Beile, Schnüre und aus Wolle gewebte Kleider gepackt, selbst Gilgers Flöte hatte sie nicht vergessen. In ihren Sack hatte die Schwänin eine kleine Notapotheke mit Weidenrinde und Birkenporlingen gesteckt sowie ein Päckchen mit gelber Tonerde, das sie Okra nannte und für rituelle Zeremonien benutzte. Außerdem hingen an einem Ast ein Bogen und ein Köcher mit mehreren Pfeilen, in einem Sack waren Fladenbrote, und gedörrter Fisch. Gilger stopfte gierig das Brot und den Fisch in sich hinein und trank in großen Zügen. Die Schwänin schaute ihrem Sohn zu und freute sich, dass es ihm so gut schmeckte. Sie hingegen wollte weder essen noch trinken.
Immer weiter dem Bach folgend, marschierten sie die ganze Nacht weiter, bis sie im Morgengrauen eine kleine Höhle fanden. Dort aßen sie den Rest ihrer Vorräte und ruhten sich für ein paar Stunden aus. Gilger war sofort eingeschlafen, in tiefen Zügen atmete er ein und aus. Die Schwänin jedoch fand keinen Schlaf. ʼHatte sie richtig gehandelt? Hatte sie sich an den Göttern versündigt? Würden sie und Gilger dies zu büßen haben? Jetzt schon bald oder sehr viel später erst?ʼ Diese Gedanken quälten sie sehr. Ihr Körper war todmüde, doch ihr Geist fand keine Ruhe. Sie fürchtete nicht so sehr, dass die Dorfbewohner sie finden könnten. Viel mehr ängstigte sie sich vor der Rache der Götter, der sie nicht entgehen konnten.
Knackende Geräusche weckten sie aus einem schweren Traum. Gilger war aufgestanden, hatte trockenes Holz gesammelt, das er jetzt klein brach, um damit ein Feuer zu machen. Fröstelnd und schweißgebadet stand sie auf und setzte sich zu ihrem Sohn ans wärmende Feuer.
„Was ist mit Dir?“ fragte Gilger und nahm sie in den Arm. „Du hast Fieber, Du wirst doch jetzt nicht krank werden.“
Die Schwänin hüllte sich fest in ihre Kleider und zog ihren Fellumhang eng um sich. Der Kräutertee, den Gilger für sie gekocht hatte, wärmte sie. Sie trank ein paar Schlucke, essen konnte sie aber nicht. „Wir müssen weiter...“, sagte sie nur, stand auf, packte ihr Bündel und legte schon die ersten Schritte zurück. Gemeinsam marschierten sie in eine ungewisse Zukunft.
Seit Tagen wanderten sie an einem großen Fluss entlang. Ansiedlungen von Menschen umgingen sie weiträumig, vermieden Begegnungen und Gespräche mit fremden Menschen. Die Schwänin wurde immer schwächer, nur noch kurze Wegstrecken bewältigte sie. Sie war verstummt, lebte in ihrer eigenen Welt. Von der Umgebung und selbst von ihrem geliebten Sohn nahm sie kaum mehr Notiz. Sie ließ sich von ihm führen und tat widerspruchslos alles, was er von ihr verlangte. Müden Schrittes schleppte sie sich voran. Sie aß nicht mehr, selten trank sie noch etwas Wasser.
Eines Morgens stand sie nicht mehr auf. Abgezehrt bis auf die Knochen konnte sie nicht mehr, und sie wollte auch nicht mehr. „Was soll ich nur machen mit Dir?“ klagte Gilger. „Du hast mich vor dem Tod in unserem Dorf gerettet, und nun willst Du hier sterben. Wozu das alles?“
„Ich werde nicht wirklich sterben. Ich fliege zu den Göttern. Der weiße Schwan wird sich um mich kümmern.“ Sie deutete mit schwacher Hand zum Himmel. „Dort oben werde ich weiter leben, von da aus werde ich auf Dich aufpassen. Lass mich hier liegen, hier ist ein schöner Platz. Ich kann einen See sehen, auf dem viele weiße Schwäne schwimmen. Kannst Du sie nicht sehen?“
Die ganze Zeit war Gilger neben seiner Mutter gesessen, innerlich hatte er sich wie ausgetrocknet gefühlt. Vor lauter Müdigkeit musste er eingeschlafen sein – als eine Berührung ihn plötzlich aufschreckte. Er hatte im Schlaf die Hand ausgestreckt und den kalten Körper seiner Mutter berührt, ihm war als würde ein Messer mitten in seine Brust gestochen. Unfähig sich zu rühren, blieb er lange neben seiner toten Mutter liegen. Erst spät stahl sich eine Träne aus seinem Auge, dann aber setzte eine ganze Tränenflut ein.
Gilger war jetzt alleine. In ihr Dorf konnte er nicht zurückkehren. Und auch nicht in andere Siedlungen der Aschkanen. Die würden ihn in sein altes Dorf bringen, wo ihn der sichere Tod erwartete. Jetzt erst recht, nachdem sie geflüchtet waren und es so aussah, als habe er in der Tat auf Maluga mit einem Pfeil geschossen und sie fast umgebracht.
Eine große Leichenfeier konnte er für seine Mutter nicht organisieren, niemand würde zu ihrem Begräbnis kommen. Schweren Herzens hob er eine Grube aus und legte die Schwänin hinein, ganz vorsichtig, als wolle er ihr nicht wehtun. Er färbte ihr Gesicht und die Hände mit Okra, der gelben Erde, die sie in einem Säckchen die ganze Flucht über mit sich geschleppt hatte. Gilger zog ihr Schuhe und Mütze an und legte ihr den schönen Fellumhang um.
Noch fehlt etwas, dachte er bei sich. Daheim hätte sie noch allerhand andere Dinge mit ins Grab bekommen, insbesondere Sachen, die sie als Mittlerin oft benützt hatte. Nicht weit entfernt lagen ein paar schöne weiße Federn, ihm dünkte, als ob sich ihr anderes Ich dazu gesellen wollte. Daneben lag ein wunderschöner Stein mit schwarzer Maserung. Als er ihn in die Hand nahm, veränderte er seine Farbe, von einem matten grau über gelbgrün bis tiefgrün.
Einen so schönen lebendig erscheinenden Stein hatte Gilger noch nie gesehen. Das war zweifellos ein Zeichen der Götter, dass sie die Schwänin bei sich aufnehmen wollten. Dankbar nahm Gilger den Stein und legte ihn auf die Brust seiner Mutter. Damm bedeckte er den Leichnam mit frischen Gräsern und schaufelte mit beiden Händen das Grab zu. Auf die Erde steckte er weiße Schwanenfedern, mit denen er einen Kreis als Symbol für die Unendlichkeit bildete.
Gilger trauerte noch drei Tage am Grab seiner Mutter. Dann erst raffte er sich schweren Herzens auf, um seinen eigenen Weg zu suchen. Er wanderte weiter dem großen Fluss entlang, bog in ein hübsches Seitental ein, wo er einem munter rauschenden Flüsschen bergwärts folgte. Aus der Ferne beobachtete er ein paar Mädchen, die volle Körbe mit leckeren Beeren nach Hause trugen. Er folgte ihnen, ohne sich ihnen zu zeigen. Ihm schien es sicherer, abzuwarten und weitere Erkundungen zu machen. Die Menschen in der nahe gelegenen Siedlung schienen friedlich zu sein, nachts hörte er sie von Weitem singen.
Am nächsten Morgen verließen die Mädchen erneut ihr Dorf. Wieder hatten sie ihre Körbe dabei. Gilgers Herz klopfte bis zum Hals. Er musste seinen ganzen Mut zusammennehmen, um auf die Mädchen zuzugehen und sie anzusprechen. Stotternd erzählte er, dass er von weit her komme, seit vielen Tagen schon unterwegs sei. Er wolle sich die Welt anschauen, Neues erkunden.
„Dann komm doch einfach mit uns“, sagten die Mädchen. „In der Zwischenzeit kannst Du uns ja beim Beerensammeln helfen“, antworteten sie kichernd. Mit vollen Körben kehrten sie gegen Nachmittag ins Dorf zurück, vorbei an großen abgeernteten Getreidefeldern. Dabei fiel ihm auf, dass eine von ihnen einen schönen grün schimmernden Schmuck an ihrem Halsband trug. Einen Stein, wie er ihn erst vor Kurzem gefunden und seiner Mutter ins Grab gelegt hatte.
Im Dorf wurde kein großes Aufheben um den Neuankömmling gemacht. Offenbar waren die Dorfbewohner an Fremde gewöhnt. „Suchst Du auch Arbeit in der Mine?“ wurde er mehrfach gefragt. Wobei Gilger dann jedes Mal ein unbestimmtes „Ja“ brummte. Denn er wusste nicht, was darunter zu verstehen ist, wollte seine Unwissenheit aber nicht zugeben. Ihn erstaunten die riesigen Felder, die in keinem Verhältnis zur Größe des Dorfes standen. So viel konnten die Menschen hier auf keinen Fall selbst verzehren.
In sein Auge stachen die hübschen Mädchen und Frauen, von denen sich einige mit den schönen grünen Steinen geschmückt hatten. Andererseits sah er nur wenige Männer. Er fragte das Mädchen, das er als erstes mit dem grün schimmernden Halsschmuck gesehen hatte, nach der Herkunft dieser schimmernden Schmuckstücke.
„Sie sind alle von der Mine. Unsere Männer bringen sie manchmal mit; wenn sie uns eine besondere Freude machen wollen“.
„Oder wenn sie eine ganz besondere Freude von uns erwarten…“ kicherte ihre Freundin. „Hast Du denn keinen mitgebracht?“ fragte sie ihn, in dem sie ihn schelmisch ansah und dabei leicht mit ihren Hüften kreiste. „Die Mine, wo ist denn die?“ stammelte Gilger, dem plötzlich die Röte ins Gesicht stieg.
IV
Am Morgen nach dem Fest regnete es in Strömen, heftige Windböen schlugen Äste und Zweige umher, ein kalter Wind pfiff in Öcetims Lager und weckte ihn unsanft. Öcetim kauerte sich eng in seinen Umhang, am liebsten wäre er bei dem scheußlichen Wetter liegen geblieben; zumal sein Schädel brummte und ihm nicht wohl war. Doch er hatte sich mit Celso verabredet – und mit dem Kahlköpfigen schien nicht zu spaßen zu sein. Schon früh am Morgen wollten sie aufbrechen. Celso, er und noch ein paar Jungen in seinem Alter, hatte Celso gesagt. Missgelaunt und nur notdürftig gewaschen zog er über seine Felljacke einen aus Schilfgras selbst gefertigten Umhang, der ihn gegen Wind und Regen schützte.
Mit geringer Verspätung kam Öcetim zum ausgemachten Treffpunkt. Verlassen lag die Siedlung da, kein Mensch war zu sehen, nur aus den Hütten quoll Rauch, die Leute zogen es offensichtlich vor, ihren Rausch auszuschlafen. Öcetim überlegte, ob er nicht zurück zu seinem Lagerplatz gehen sollte. Sollte er wirklich tagelang in solch einem Regen marschieren, sich durch den Matsch quälen, um zu einer Mine zu gelangen, wo ihn eine ungewisse Zukunft erwartete? Was ihm noch vor wenigen Tagen verlockend erschien, ängstigte ihn nun zunehmend. Ihm schien, als wolle ihm der Regengott ein Zeichen geben, dass er nicht zu den Minen gehen solle - zumindest jetzt noch nicht.
Von Zweifeln geplagt wollte Öcetim schon dem Wink des Wettergottes folgen und seine Schritte zurück zu seinem einfachen Lager wenden, als Celso mit zwei jungen Männern um die Ecke bog. „Einer ist wohl abgehauen, ein Hasenfuß, der die neue Welt nicht erleben will. Den Feigling werde ich mir bei nächster Gelegenheit vorknöpfen, zumal er mir noch zwei Hände voll Rad schuldet“, brummte Celso mit drohendem Unterton, während seine Hände einem imaginären Burschen den Hals umzudrehen schienen. „Wir gehen. Der Hinkende dort ist Gilger und der dort heißt Hirgelo, der Andere nennt sich Öcetim, und wenn einer umkehren will, dann schlag ich ihm den Schädel ein! Jetzt aber los! Dass mir ja keiner schlapp macht, in der Mine werdet ihr schon erwartet.“
Schweigend stapften Celso und die drei jungen Burschen im Gänsemarsch durch den Wald. Vereinzelt war ein Ächzen und ein Stöhnen zu hören, als wollten die Waldgeister ihr Mitleid mit dem kleinen, von Wind und Regen zerzausten Trupp ausdrücken. Kein Wild war zu sehen, die Tiere hatten einen trockenen Unterschlupf gesucht. Der Regen peitschte ihnen ins Gesicht, das Wasser rann unter ihren Kleidern kalt am Körper herunter. Mit hohem Tempo lief Celso voraus, blickte aber immer wieder zurück, um sich zu vergewissern, dass auch alle mitkamen und keiner sich verdrückte.
Das Sonnenlicht war schon verschwunden, als sie spätabends unter einem Felsüberhang Schutz vor dem nicht nachlassenden Regen suchten. Vom langen und anstrengenden Marsch erschöpft, ließen sich die drei jungen Burschen auf ein trockenes Fleckchen Erde fallen. Auch Celso gesellte sich zu ihnen. „Habt Ihr auch Proviant dabei?“ fragte er die Jungen und zog eine Hammelkeule aus seinem Beutel. „Wenn nicht, dann müsst Ihr Euch was besorgen, Jagdwaffen habt Ihr ja.“
Die nächsten beiden Tage regnete es ununterbrochen weiter. Die Rastpausen waren ähnlich ungemütlich wie die erste, doch fanden sie immer ein einigermaßen trockenes Plätzchen zum Schlafen und ein paar kleine Tiere und Wurzeln, aus denen sie ein Abendessen zubereiten konnten. Während dieses dreitägigen anstrengenden Marsches lernten sich die drei jungen Männer kennen. Ihren Führer Celso hatten sie alle auf dieselbe Weise kennen gelernt. Alle hatte er trickreich genötigt, mit ihm zu kommen, um in der Mine zu arbeiten. Keiner hatte bisher von einer Mine gehört. Die neue Art der Arbeit und die seltsamen Steine, die aus der Erde gefördert werden mussten, interessierten sie und regten ihre Phantasie an. Wenn sie Celso danach fragten, brummte der nur unverständliche Worte und wies sie darauf hin, dass sie schlafen und ihre Kräfte schonen sollten.
Am letzten Tag ihres Marsches hatte endlich der Regen aufgehört, der Wald dampfte vor Feuchtigkeit und es schien, als wollten die Vögel um die Wette singen. Die Sonne wärmte die Körper der noch Schlaftrunkenen, die sich nach der Nässe und Kälte wie neugeboren fühlten. Nur mit ihren Lendenschürzen bekleidet sprangen sie wie kleine Kinder auf einer Waldlichtung umher und erfrischten sich in einem klaren See. Celso knurrte und schimpfte wegen dieses jugendlichen Übermuts und mahnte zur Eile. Nach einem Frühstück mit gebratenen Wachteln und einem Stück Fladenbrot, das Celso jetzt großzügig mit den drei jungen Männern teilte, zogen sie wieder los.
In der Ferne war ein Hügel erkennbar, er sah irgendwie seltsam aus, auch die Landschaft hatte sich verändert. An manchen Stellen wuchsen die Bäume nur zu geringer Höhe, als ob der Boden sie schlecht ernährte.
Ihr Weg führte stetig bergauf, oben gab es keinen Wald mehr, der war komplett abgeholzt worden. In der Ferne waren einige Feuer zu erkennen, wuchtige Schläge waren zu hören und Öcetim nahm einen schwefeligen Geruch wahr. Gelegentlich trafen sie auf Menschen, die ihnen einzeln oder in Gruppen entgegen kamen. Sie wechselten mit Celso ein paar Grußworte, die drei Jungs sahen sie mit einem Ausdruck des Bedauerns an, sagten zu ihnen aber kein Wort. Manchmal überholten sie Frauen, die Fladenbrot und in irdenen Krügen Pastosaako trugen; einmal auch einen Jungen, der vier Ziegen bergauf trieb.
Bestimmt waren diese Nahrungsmittel für die Mineure, die im oder am Berg arbeiteten und deshalb keine Zeit hatten, sich um ihr Essen zu kümmern. Das würde ihnen von der „Leitung“ gestellt, fühlte sich Celso auf ihre Fragen genötigt zu sagen. Gegen Mittag des vierten Tages traf der kleine Trupp auf einem Sammelplatz ein.
Überall wurde in der Erde gegraben, gebuddelt und Steine aus der Erde geschleppt, ohne Rücksicht auf die Erdgöttin. Die Haut der Mutter Erde war übersät mit Kratern, wie offene Wunden sahen die Gruben aus. Außerdem standen an kleinen Rinnsalen sowohl alte und kaputte, aber auch neue Öfen aus Steinen und Lehm, in einigen brannte Feuer, stinkender Rauch stieg in den blauen Himmel empor.
Ein dicker, wichtig dreinblickender Mann kam auf sie zu, begrüßte Celso mit Handschlag und warf prüfende Blicke auf Öcetim, Gilger und Hirgelo. „Mehr als diese drei Hänflinge hast Du nicht mitgebracht? Wir hätten mehr gebrauchen können. Na ja, sie werden dann eben doppelt arbeiten müssen“, meinte der Dicke.
„Mein verehrter Marabeo“, entgegnete ihm Celso, „sie werden doppelt arbeiten, ihr müsst sie nur richtig anfassen.“
Marabeo rief einen seiner Helfer herbei, damit er sich um die drei Jungen kümmere. Er selbst ging mit Celso beiseite und sie tuschelten geheimnisvoll. Dabei schielte Celso unablässig auf Marabeos Gürtel, an dem ein großer lederner Beutel hing, dessen Inhalt bei jedem seiner Schritte dumpf und hart schepperte. Marabeo hatte einen rötlich glänzenden Dolch in seinem Gürtel stecken, einen Dolch, der ganz sicher nicht aus Feuerstein gefertigt war. ʼOb so das Kupfer aussieht, das hier in der Mine gefördert wird?ʼ fragte sich Öcetim im Stillen.
Marabeos Helfer stellte sich ihnen als Wurkaz vor, er war Marabeos rechte Hand. Er bat sie Platz zu nehmen und bot ihnen Pastosaako, Fleisch und Fladenbrot an. Ausgehungert vom langen Marsch machten sich die drei Jungen über das Essen her und bestürmten Wurkaz mit Fragen. Der blickte sie nur griesgrämig an, antwortete aber nicht. Stattdessen deute er auf eine alte und windschiefe Hütte und meinte, dass sie dort würden schlafen können. Morgen bei Sonnenaufgang sollten sie sich genau hier an dieser Stelle einfinden. Er oder ein Wächter wären tags und nachts unterwegs, um nach dem Rechten zu schauen. „Nicht dass hier noch was verloren geht….“, erklärte er ihnen mit bösem Grinsen.

Die drei Jungs schauten sich unschlüssig an, schulterzuckend brachten sie ihr weniges Gepäck in die vor Dreck starrende Hütte. Nachdem sie den Unrat aus der Hütte geschafft und das Ungeziefer vertrieben hatten, streiften sie ziellos auf der Bergkuppe umher. Überall waren geschäftige Menschen zu sehen, viele Männer, einige Jugendliche in ihrem Alter, jedoch nur wenige Frauen. Auffallend waren die vielen Kinder, die aber nicht spielten, sondern arbeiteten und auch keinen fröhlichen Eindruck machten.
Am nächsten Morgen wurden Gilger, Öcetim und Hirgelo verschiedenen erfahrenen Arbeitern zugeteilt und erhielten knappe Unterweisungen über die zu erledigenden Tätigkeiten. Den Anweisungen ihrer Vorgesetzten hatten sie unbedingt Folge zu leisten. Wurkaz stellte ihnen das recht drastisch dar, in dem er auf einen Pfahl deutete. „Arbeitsverweigerer werden dort angebunden. Sie bekommen nichts zu essen und zu trinken, nur etwas Honig, aber der ist nicht für die Elenden gedacht. Er wird ihnen auf die Haut geschmiert und lockt die Insekten an, die an den Gefesselten hochkrabbeln, um den Honig zu fressen. Ihr seid doch ganz erpicht hier zu arbeiten, oder nicht?“ Dabei blickte er jedem fest in die Augen. „Jedenfalls hat es Celso so Marabeo berichtet, bevor er für seine Vermittlungsdienste von ihm entlohnt wurde. Diese Rad schuldet ihr jetzt uns, die habt ihr hier abzuarbeiten! “
Niedergeschlagen gingen Öcetim und Gilger mit dem ihnen zugewiesenen Mann zu einer Stelle, wo keine Bäume wuchsen und auch das wenige Gras nicht gesund aussah, nur Moose und Flechten konnten sich auf diesem kargen Boden behaupten. Der steinige Boden war von rotbraunen Streifen durchzogen.
„Hier liegt das Erz verborgen. Wenn es Kupfer enthält, wächst fast nichts mehr. Das ist gut für uns, denn dann müssen wir nicht tief graben, sondern es einfach nur freihacken“, sagte ihnen ihr Meister, der sich Golgor nannte. Er war von kräftiger Statur, hatte einen langen Bart und trug eine Mütze auf dem Kopf. Sie war aus kleinen Kaninchenfellen zusammen genäht und wurde mit einem Lederriemen um das Kinn gebunden.
„Gestern hatte ich auf diesem Stück ein Feuer gemacht, hier am Rand sieht man noch das verbrannte Moos. Die Hitze mag der Fels nicht, er erschrickt, wenn anschließend kaltes Wasser darauf gegossen wird und bekommt dann feine Risse. Dann lässt es sich für uns leichter arbeiten, hier könnt ihr das sehen.“ Golgor fuhr mit seinem Finger den zarten Rissen im Fels nach. „Hier ist der Stein schon gesprungen. Nehmt diese Schlägel, und immer feste auf den rotbraunen Streifen schlagen, bis sich handliche Steine herauslösen.“
Golgor drückte jedem von ihnen eine Astgabel aus Eichenholz in die Hand, auf deren kürzerem Ende ein gut faustgroßer Serpentinstein mit Lederriemen festgebunden war. Er wies sie an, gut auf diese besonders harten Steine zu achten, weil diese nur auf den höchsten Berggipfeln gefunden werden und deshalb sehr wertvoll waren.
Mit aller Kraft hauten Öcetim und Gilger auf den rotbraunen Fels, Schweiß rann ihnen vom Körper herab, doch trotz ihrer Anstrengungen sprangen nur kleine Splitter ab. Als Öcetim gerade wieder kräftig auf das Gestein schlug, löste sich der Serpentinstein aus seiner ledernen Verbindung mit der Astgabel und fiel direkt auf seinen Fuß. Öcetim schrie auf, fasste instinktiv an die Stelle, wo der Stein seinen Fuß getroffen hatte. Es tat höllisch weh. Öcetim wurde blass, vor Schmerzen wurde ihm schwindlig und er musste sich auf den steinigen Boden setzen.
Gilger rannte zu ihm so schnell er mit seinem behinderten Bein nur konnte. Er nahm Öcetims Fuß in beide Hände, um ihn genau zu untersuchen, die Haut war geschürft und blutig. Gilger drückte auf den Knochen, der blieb fest, verschob sich nicht. „Nur eine Schürfung, kein Knochenbruch, also nur halb so schlimm“, beruhigte er seinen neuen Freund.
„Ihr müsst Euch Schuhe besorgen. Schaut her“, sagte Golgor und zeigte ihnen seine Fellschuhe. „Die Sohlen sind aus Bärenleder. Ich habe sie mit Heu ausgestopft, damit Schläge wie der, den Öcetim gerade erhalten hat, abgefedert werden. Am besten besorgt Ihr Euch große Treter, damit ihr sie gut ausfüttern könnt.“
„Wie sollen wir uns jetzt Schuhe machen? Gras oder Heu gäbe es ja, aber wir haben kein Leder.“
„Es gibt schon welches hier oben“, belehrte sie Golgor. „Aber nicht umsonst.“
Mit Gilgers Unterstützung konnte Öcetim zu einem Schuppen humpeln. Marabeo, der auch hier das Kommando hatte, zeigte ihnen große Schuhe, die gut auszustopfen zu waren. „Die könnten passen, probiert sie mal an“, sagte er zu den beiden und fischte zwei Paar Schuhe aus einem hölzernen Kasten. „Sie haben eine Bärenfellsohle, feste Lederriemen und sind sauber gearbeitet. Ich gebe sie Euch für wenig Rad. Einverstanden?“ Öcetim und Gilger setzten sich auf den Boden, nickten zustimmend und zogen die Schuhe an.
Daraufhin nahm Marabeo zwei frische Haselnussstöcke und ritzte ein paar seltsame Kringel hinein. „Das seid Ihr“, bedeutete er ihnen mit Blick auf die Haselnussstöcke, dann schnitt er in das Haselholz ein paar Striche. „Und das ist der Preis für Eure Schuhe“, erklärte er mit wichtiger Miene. „Damit ist alles festgelegt.“ Öcetim und Gilger schauten ihn verständnislos an, wagten aber nicht nachzufragen.
Es war ein angenehmes Gefühl, in den weichen Schuhen auf dem steinigen Boden zu gehen. „Da drüben wächst noch Gras“, sagte Golgor, als sie wieder zu ihm kamen. „Stopft Eure Schuhe damit aus, dann aber mit doppelter Kraft weiter, noch habt ihr keinen einzigen Stein aus diesem Felsband gelöst.“
Öcetim fühlte scharf den Schmerz, achtete aber nicht auf das heftige Stechen in seinem Fuß. Mit voller Kraft hieb er auf den harten Fels, jetzt endlich bröckelte ein kieselgroßes Stück ab und ein großer Riss entstand im rotbrauen Felsen. Auch Gilger hatte einen Riss im rotbraunen Gestein verbreitern können, mit genau platzierten Schlägen gelang es ihnen, die gewünschten faustgroßen Brocken aus dem Stein zu schlagen.
In der Pause gab es gutes und reichliches Essen: Ziegenfleisch, Emmerbrei und Pastosaako. Frisch gestärkt arbeiteten Gilger und der verletzte Öcetim bis zum Einbruch der Dunkelheit weiter, trotz ihrer schmerzenden Körper und den Blasen an ihren Händen fühlten sie sich gut. Sie waren stolz, so viele Steinbrocken aus dem harten Felsen gelöst zu haben.
Am Lagerfeuer auf dem großen Platz hörten sie den Geschichten der erfahrenen Arbeiter zu. Sie erzählten von kleinen Berggeistern, die tief im Inneren der Berge wohnten, von ihrem Herrscher, dem alle Berggeister zu dienen haben und den rauschenden Festen, die dort im Inneren der Berge gefeiert werden. Die Berggeister besitzen jede Menge an gelben, roten, blauen, grünen Steinen. Steine, die sich ganz kalt anfühlen und glänzen und schimmern wie der Mond am Himmel. Wegen dieser Steine gäbe es immer wieder Streit zwischen den Berggeistern, dann stampfe ihr Anführer mit seinem Fuß fest auf den Boden, so dass auch hier oben bei den Menschen die Erde wackelt.
Über all diesen seltsamen Geschichten schliefen Öcetim und Gilger ein. Erst als das Lagerfeuer niedergebrannt und ihnen kalt geworden war, wachten sie wieder auf und schleppten sich müde und mit schmerzenden Gliedern in ihre Hütte, wo sie Hirgelo schon fest schlafend vorfanden. Er hatte sich Heu besorgen können, auf dem er nun weich ruhte. „Morgen holen wir auch Heu“, flüsterte Öcetim, um Hirgelo nicht zu wecken. „Für unsere Schlafplätze und für unsere schönen neuen Schuhe.“
Morgens bei Sonnenaufgang sammelten sich alle Männer und Kinder auf dem großen Platz. Es waren so viele, dass mehrere Hände nicht ausreichten sie zu zählen, sie hatten ganz unterschiedliche Arbeiten zu erledigen.
Öcetim und Gilger hatten wieder Steinbrocken aus dem Felsen zu schlagen, Hirgelo durfte zu den Schmelzöfen. Erst hier wurde das reine Kupfer gewonnen, nicht das mit Eisen und Schwefel und anderen Dingen vermischte, sondern das Kupfer, das so viele Leute heiß begehrten.
Diese Arbeit war interessant und schwierig, denn in den Öfen musste eine ganz bestimmte Temperatur erreicht werden, damit das Kupfer flüssig werden und sich von den Verunreinigungen lösen konnte.
„Hier musst Du ein Loch lassen“, erklärte ihm Golgor. „Hier stecken wir später die Düse hinein, durch die Luft in das Innere des Ofens geblasen wird. Damit das Feuer noch besser brennen und eine große Hitze entwickeln kann. Der Ofen muss ungefähr so hoch werden“, dabei deutete er auf seinen Bauchnabel, „und auch ungefähr so breit.“
Hirgelos Meister ging zu einem Bach, an dessen Ufern sich besonders guter Lehm befand. Er rollte kleine Lehmschlangen daraus und legte diese spiralförmig übereinander, so dass ein kleines Rohr entstand. Als es getrocknet war, band er es an einen Lederbalg und legte es vorsichtig in das von Hirgelo frei gehaltene Loch in den Ofen. Der bestand aus großen, kreisförmig aufeinander geschichteten Steinen, die mit Lehm verbunden wurden. Mit weiteren Lehmbatzen wurde das Loch nun zugeschmiert.
Glühende Holzkohle war in den Ofen gelegt worden, dann eine dünne Schicht der zuvor zerkleinerten und in großen Steinbeeten gerösteten erzhaltigen Steine, darauf war wieder eine dicke Schicht mit glühender Holzkohle gelegt worden. Nun hatte Hirgelo unter der Aufsicht seines Meisters den Blasebalg zu bedienen. Er musste sehr gleichmäßig arbeiten, um nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Luft in den Ofen zu blasen. Eine letzte Schicht Holzkohle wurde oben in den Ofen geschaufelt, dann wurde der Ofen mit großen Steinen und Lehm verschlossen. Vorsichtig und konzentriert drückte Hirgelo auf den Blasebalg, um ausreichend Luft in den Ofen zu bringen und das Feuer immer heißer werden zu lassen.
Golgor hatte sich niedergekniet, schaute einmal auf den Ofen, dann wieder zu Hirgelo und dem Blasebalg. Den Meister schien nichts mehr um sich herum zu interessieren, er hatte nur noch Augen für den Ofen und Hirgelos Blasebalg, dabei bewegten sich seine Lippen unaufhörlich. Hirgelo vermutete, dass er den Gott des Feuers und des Blitzes um seinen Segen bat. Sein Meister tanzte nicht, er hatte auch keine Zaubergetränke oder berauschenden Drogen wie ein Schamane eingenommen. Dennoch war er tief versunken in seiner Andacht, als redete er von Angesicht zu Angesicht mit den Göttern. Dabei war er hellwach und registrierte jede Veränderung des Feuers, das durch die Wand des Ofens flackerte. Durch die oberste schon weit nieder gebrannte Holzkohlenschicht züngelten gelbrote Flammen. Plötzlich veränderten sie ihre Farbe und wechselten ins Grünliche.
Da schien Golgor aus seiner Trance zu erwachen, mit einem Stock stieß er ein Loch in den Ofen, eine schwarze Flüssigkeit quoll heraus. Der Meister nickte zufrieden und wies Hirgelo an, die heißen Ofensteine abzutragen. Er erklärte ihm, dass er zuvor nassen Lehm dick auf seine Hände und Unterarme auftragen solle, um sie gegen die enorme Hitze zu schützen und sich keine Brandverletzungen zuzuziehen.
Stück für Stück kam nun schwarze Schlacke zum Vorschein, die Hirgelo wegzuwerfen hatte, da sie kein Kupfer enthielt. Unten, am Boden des Ofens, lag ein schwarzer Kuchen, an manchen Stellen schimmerte er rot wie Lachs. „Das ist es“, sprach der Meister ehrfurchtsvoll, dabei jedes Wort betonend: „Hier steckt das drin, weshalb sich alle hier so plagen. Kupfer! Woraus sich die schönsten und wertvollsten Dinge machen lassen, die ein Mensch je gesehen hat.“
Die Arbeit in der Mine war hart und sie wurde zunehmend eintönig. „Manche Leute sind an den Öfen eingesetzt und manche arbeiten in den Stollen im Berg drinnen“, sagte eines Tages Öcetim zu Hirgelo und Gilger. „Wir klopfen uns mit unseren Steinschlägel hier draußen bucklig, fast immer müssen wir in gebückter Stellung arbeiten, kein Wunder, dass mich abends der Rücken schmerzt.“
Hirgelo dagegen wurde die Arbeit am Schmelzofen zunehmend langweilig. Er wollte auch in einer Höhle arbeiten, weil da der Wind nicht so kalt wehe und es einfach wärmer sei. Er wurde deshalb bei Wurkaz vorstellig, der ihn von oben bis unten ansah und ihn grob an der Schulter fasste. „Die Kinder, die bisher dort gearbeitet hatten, sind nicht mehr zu gebrauchen, sie sind krank oder auch schon tot, Du kannst sie ersetzen und gleich mit mir kommen.“ Wurkaz sagte dies ohne eine Gefühlsregung, er hatte schon viele Kinder hier kommen und sterben sehen. Sie hatten keine Eltern, niemand wusste genau, woher sie kamen. Manche sagten, Celso habe sie geraubt oder ihren Eltern abgekauft. Aber das kümmerte oben in der Mine niemanden. Die Leute, die in der Mine arbeiteten, waren einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt und abends froh, wenn sie selbst den Tag heil überstanden hatten.
Wurkaz brachte Hirgelo zu Walober, einem untersetzten Mann mit missmutiger Miene, der Hirgelo gleichgültig ansah, seine flache Hand in seinen Rücken drückte und ihn nach vorne in die Höhle stieß. „Da schau und duck Dich, hier rieseln immer mal wieder Steine herunter, manchmal kleinere, manchmal größere. Es wäre gut für Dich, wenn Du Dir eine Mütze besorgen würdest.“
Hirgelo ging zum Schuppen am großen Platz, wo er auch schon seine Schuhe erstanden hatte. Dort traf er aber nicht Marabeo, sondern einen jungen Mann. Seine schwarzen, leicht gelockten Haare hatte er kurz geschnitten, über seinen weit auseinanderstehenden Augen und seiner scharf geschnittenen Nase zogen sich feine Augenbrauen. Sie gaben seinem Gesicht einen weichen, fast weiblichen Anstrich. Sein muskulöser Hals und seine kräftigen Schultern aber erzählten von harter Arbeit. Das Erstaunlichste an ihm war jedoch seine dunkle Haut. Noch nie hatte Hirgelo einen derart dunklen Menschen gesehen.
Der dunkelhäutige junge Mann war erst am Tag zuvor in die Mine gekommen und sprach ihre Sprache nur schleppend. „Ich Namos“, stellte er sich vor. „Ich hier arbeiten jetzt, neu.“ Hirgelo schaute ihn neugierig an, besann sich dann und bedeutete ihm, dass er eine passende Mütze für sich suche. Namos nahm ein paar Mützen von einem Ast am Dach des Schuppens und bat Hirgelo sie anzuprobieren. Der entschied sich für eine größere Zipfelmütze, die er mit Heu auspolstern konnte und somit Schutz gegen herabfallendes Gestein bot. Während Namos ihm den Lederriemen unter dem Kinn festband, ermahnte er ihn, dies nie zu vergessen, wobei er seine Worte durch eindringliche Gesten unterstrich.
Als Namos auch in Hirgelos Haselnussrute ein paar Striche schnitzte, betrat Marabeo den Schuppen, schaute sich Hirgelos neue Kopfbedeckung genau an, prüfte die Haselnussrute mit Hirgelos Zeichen und die jetzt frisch von Namos darauf angebrachten Schnitzereien. „Gut“, brummte er und nickte Namos zu.
V
Abends saßen sie um das Lagerfeuer, sie hatten gut gegessen und ein paar Schluck Pastosaako getrunken. Gilger schnappte seine Trommel und schlug gedankenverlorenen einen langsamen Rhythmus. „Wir haben einen Neuen bei uns am Feuer, den Namos meine ich, scheint ein netter Kerl zu sein, obwohl er etwas anders aussieht als wir.“
Öcetim wandte sich an Namos: „Du hast schnell gelernt und sprichst schon ganz gut unsere Sprache. Ich würde gerne mehr wissen von Dir, von Deinem Land, Deinen Leuten, mich interessiert Deine Geschichte.“
„Ja“, schloss sich Hirgelo an, „erzähl mal, Namos, wie es Dir bisher so ergangen ist, und weshalb Du so eine dunkle Haut hast.“
„Also gut“, begann Namos. „Man sieht ja schon an meiner Haut, dass ich nicht von hier stamme. Von einem Land jenseits des großen Meeres komme ich, Unterstromland heißt es bei uns. In meiner Heimat haben alle Menschen solch eine dunkle Haut wie ich, das ist dort normal. Das Land liegt an einem großen Strom, der mit seinen Überschwemmungen alljährlich neue Fruchtbarkeit bringt. Viele Menschen leben dort, sie wohnen eng zusammen, dicht an dicht stehen unsere Hütten. Es gibt keine hohen Berge und schon nach einem Tagesmarsch endet das fruchtbare Gebiet, dann beginnt das todbringende heiße Sand-Land. Meine Eltern bauten Getreide an, daraus backten die Frauen Fladenbrot und brauten das berauschende Pirritu. Wir hatten Geflügel und Schafe, nie fehlte es uns an Essen und Trinken.“
„Wie kann das sein?“ fragte Öcetim ungläubig. „Dass man nie Hunger leiden muss?“
„Bei uns gibt es keine Nomaden oder Jäger, nur Bauern. Und Priester, die beobachten die Sterne und sagen dann, wann die Bauern aussähen sollen, welche Opfer den Göttern zu bringen sind. Die Priester wissen sehr viel, auch hatten sie die Zeit eingeteilt, sie nennen das Kalender.“
„Wie? Das verstehe ich nicht“, unterbrach ihn Hirgelo. „Wozu soll das gut sein und wie soll das funktionieren?“
„Ganz einfach, aber auch ganz wichtig ist das. Damit man den richtigen Zeitpunkt der Aussaat kennt und man messen kann, wie lange alles dauert. Die Priester sagen, wann ein neues Jahr beginnt, das haben sie in Monde eingeteilt, auch die einzelnen Tage sind in verschiedene Abschnitte gegliedert. Gemessen werden diese tagsüber am Schatten der Sonne und nachts am Lauf der Sterne. Die Priester vom großen Strom sind nämlich sehr klug. Sie haben ihr Wissen von dem Einen mit den drei Gürtelsternen am Himmel.“ Namos deutete nach oben. „In seinem Namen regeln sie auch die Vorratshaltung und die Verteilung der Güter, in unseren Dörfern gibt es nämlich große Vorratskammern, in denen alles Wichtige gelagert wird, so dass wir bei schlechten Ernten darauf zugreifen können.
Diese gut gefüllten Speicher reizten unser Nachbarvolk, das weiter oben am großen Fluss wohnte. Auch sie hatten meistens genügend Nahrung, litten keine Not. Doch sie waren faul und gierig, wollten immer mehr, konnten nie genug kriegen. Immer wieder überfielen sie uns, raubten unsere Vorratskammern aus, verschleppten die Frauen, bezwingen aber konnten sie uns nie. Denn der große Eine – Namos deutete auf den nächtlichen Himmel – an dessen Gürtel die drei Sterne der Gerechtigkeit, der Reinheit und der Mäßigung funkeln – war bei uns. Zusammen mit Uto, der Schlangengöttin, die sich um seinen Gürtel und um seine Lenden windet, beschützte uns dieser große Eine.“
Namos holte tief Luft, fuhr mit den Händen durch sein wirres Haar, dann sprach er weiter: „Die vom oberen Fluss waren schlimm. Bisweilen meinte der große Strom es nicht ganz so gut mit ihnen, er schenkte ihnen manchmal etwas zu viel und manchmal zu wenig Wasser. Dann waren ihre Felder nicht so fruchtbar wie sonst und ihre Ernte fiel geringer aus. Vor allem aber waren sie maßlos und neidisch auf uns.
Bei einem ihrer Überfälle wurde ich – damals noch ein Jüngling – gefangen genommen und verschleppt, sie verkauften mich an Männer, deren Sprache ich nicht verstand. Mit großen Schiffen brachten sie mich und andere Gefangene auf eine Insel, wo es Kupfer in großen Mengen gibt. Die Arbeit in der Mine war auch dort hart, das Essen war gut und jeden siebten Tag hatten wir frei. In diesen freien Tagen lernte ich, dass man durch Striche ziehen sich die Zahl der geförderten Kupferbarren besser merken konnte. Das Strichzahlensystem funktioniert gut, es zu erlernen fiel mir nicht schwer, vielleicht weil ich es als Kind schon im Unterstromland gesehen hatte.“
„Durch Striche ziehen kann man feststellen, wie viele Dinge gefördert werden? So ähnlich wie Du es bei meinem Haselnussstecken gemacht hast?“ fragte Gilger erstaunt.
„Ja, das geht. Das Striche machen ist einfach, im Grunde genommen ist es wie das Zählen mit den Fingern, nur eben nicht begrenzt auf zehn Finger, sondern Du kannst damit weiter zählen. Der zehnte Strich wird immer als ein Kreuz geritzt, damit man schnell die ersten zehn Zeichen erkennen kann. Bei uns wurden die Striche in feuchte Tontafeln geritzt, man setzte sein Zeichen dazu, damit man später noch wusste, wer gezählt hatte. Bei den Haselnussstöcken ist das genau dasselbe, nach neun Kerben macht man ein Kreuz, nach weiteren neun Zeichen ein Doppelkreuz, man muss also sehr genau arbeiten. Die Zahlen zusammen zu zählen ist nicht besonders schwierig. Aber schwierig ist es, sie wieder voneinander abzuziehen, wenn das mal sein muss, aber das kommt eigentlich fast nie vor.“
“Gute Sache“, lobte Hirgelo anerkennend. „Das musst Du mir mal zeigen.“
„Einverstanden, das machen wir mal. Auf alle Fälle machte ich meine Sache wohl nicht allzu schlecht und wurde somit Zähler und deshalb ein wertvoller Sklave, zu einem höheren Preis wurde ich weiter verkauft. Auf einem großen Schiff segelten wir mit Tüchern, die den Wind hielten, nach Westen zu einer kleinen Insel. Dort gab es kein Kupfer, sondern einen seltenen schwarzen, harten Stein, sie nannten ihn Obsida-un, aus diesem lassen sich extrem scharfe Messer, Beile und andere Waffen herstellen. Deshalb und vielleicht auch weil er so selten vorkommt, ist er sehr wertvoll. Auf dieser kleinen Insel war ich zwar nicht frei, aber ich hatte dort kein schlechtes Leben. Inzwischen hatte ich das Strichzahlensystem so gut beherrscht, dass ich es zu meinen Gunsten anwenden konnte.“
Namos schnäuzte sich. Seine dunklen Augen leuchteten im Spiegel seiner Erinnerungen. „Manchmal, ganz selten, ließ ich einen kleinen Splitter Obsida-un in meine Tasche wandern und „vergaß“ einfach einen Strich zu machen. Das war nicht richtig von mir, jetzt weiß ich das. Aber damals…“ Er musste mehrfach schlucken. „Anfangs fiel das nicht auf, aber irgendwann eben doch. Ich wurde gefasst, gefesselt, mit Peitschenhieben bestraft – seht hier: auf meinem Rücken sind noch die Narben der Peitschenhiebe. Doch der Eine mit den drei Gürtelsternen, der oben am Himmel thront, meinte es gut mit mir. Sie peitschten mich nicht zu Tode, sondern verkauften mich weiter. Von Menschenhändlern wurde ich mit einem kleinen Boot auf das nahe gelegene Festland gebracht, dort ging es in vielen anstrengenden Märschen immer weiter nach Norden, durch Sümpfe, über Gebirge und große Flüsse – die aber lange nicht so groß waren wie mein Strom jenseits des großen Meeres. Mehrfach wäre ich an Hunger und Erschöpfung fast gestorben. Ich will Euch damit nicht langweilen, denn ihr kennt das ja auch. Jedenfalls, nach vielen Tagesmärschen, kam ich hier in dieser Kupfermine an. Jemand muss erzählt haben, dass ich das Strichzahlensystem beherrsche, also habe ich hier gleich die Arbeit im Laden erhalten, den Rest kennt ihr ja….“
„Du hast am meisten von uns erlebt und kommst vom entlegensten Punkt der Erde“, meinte Öcetim nach einer längeren Pause.
„Von einem seltsamen Land, von dem ich noch nie gehört habe“, ergänze Hirgelo. „Das unvorstellbar weit weg ist.“
„Wohl viel zu weit weg, um jemals wieder heim zu gelangen“, sinnierte Gilger.
„Ja, so wird es wohl sein, auch wenn ich die Hoffnung nicht aufgebe“, seufzte Namos mit einem sehnsüchtigen Blick zu dem hell am Himmel erstrahlenden Sternenbild mit den drei Gürtelsternen.
VI
Öcetim wurde zu Walober befohlen, der in einem Stollen drei schwer arbeitende Kinder beaufsichtigte. Zwei Buben und ein Mädchen schufteten darin, keines schien älter als zehn Jahre alt zu sein. Ohne Kopfschutz schlugen sie auf die sich nach rechts und nach links verzweigenden Erzadern. Der niedrige Stollen war in seinem Anfangsteil ungefähr so tief in den Berg geschlagen wie ein Mann lang war. Weiter drinnen teilte sich der Stollen in zwei niedrige Gänge, hier mussten die Kinder in Hockstellung arbeiten. Walober wachte streng darüber, dass ihre Steinschlägel ununterbrochen auf das erzhaltige Gestein einhämmerten und pausenlos Erze gebrochen wurden. Die Erzbrocken wurden in einem Holzschlitten gesammelt. Sobald dieser voll war, zog ihn Walober ins Freie und brachte ihn zu einer der Röststellen. Dabei hatte er immer ein Ohr für das Klopfen in der Höhle. Wurde dieses rhythmische Geräusch während seiner Abwesenheit unterbrochen, gab es Hiebe für alle Kinder, denn Walober machte sich nicht die Mühe, den Grund der Unterbrechung herauszufinden.
„Der Junge dort und das Mädchen“, sagte er und deutete auf die beiden Kinder. „Die machen es nicht mehr lange, Du Öcetim kannst an deren Stelle klopfen.“ Walober stieß ihn grob in die Mine hinein. In dem niedrigen Minengang konnte Öcetim nur im Knien auf das Gestein einhauen. Dabei beobachtete er aus dem Augenwinkel den andern Jungen, der Öcetims Blick zu spüren schien, ihn aber nicht erwiderte. Mit grimmigem Gesichtsausdruck schlug er auf den Stein, als wolle er ihn vernichten. So entriss er dem Berg viele schöne und große rotbraune Brocken, viel mehr als Öcetim in derselben Zeit aus dem Gestein heraus schlagen konnte.
„Wie heißt Du“, fragte ihn Öcetim, als Walober gerade mit seinem Holzschlitten die erzhaltigen Stücke zur Röststelle brachte. „Wo kommst Du her? Und wo sind Deine Eltern?“ In diesem Augenblick kam Walober zurück und Horgol antwortete nicht.
Wie von Ferne war ein tiefes Dröhnen zu hören, ein anhaltendes Grollen kam aus der Erde. Was war das? Kündigte sich hier ein Unwetter an? Plötzlich zitterte der Boden unter ihren Füßen, es entstand ein Lärm, als ob alle Götter auf einmal losbrüllten und der Herrscher aller Berggeister sich schütteln würde, ein gewaltiges Steingewitter prasselte von der Decke nieder. Horgol versuchte mit einer schnellen Bewegung nach hinten auszuweichen, doch es gelang ihm nur zum Teil. Öcetim fasste ihn am linken Arm und zog ihn weiter weg vom Höllenlärm des tobenden Gesteins.
Horgol hatte eine blutende Platzwunde am Kopf und der rechten Wange, sein rechter Arm war seltsam gebogen und hing kraftlos nach unten. Öcetim erkannte sofort, dass er gebrochen war. Er lud den jammernden Buben auf seinen Rücken und trug ihn ins Freie, vorsichtig legte er ihn auf den Boden, jemand drückte ein altes Fellstück auf seine Platzwunden. Eine Frau eilte herbei, sie schien eine Heilkundige zu sein, denn sie trug Birkenporlinge bei sich. Sie zog das alte Fellstück wieder weg, schaute sich die blutenden Wunden genau an, entfernte ein paar Gesteinssplitter und presste dann die Birkenporlinge auf die Wunden. Erst als diese zu bluten aufhörten, verband sie die Wunden mit den Blättern eines Nussbaumes, währenddessen sie nach frischen Ästen rief, mit denen sie den gebrochenen Arm schienen konnte.
Abends am Lagerfeuer wurde über den Einsturz des Stollens und den Unfall des Buben gesprochen. So etwas dürfte nicht geschehen, war die überwiegende Meinung der Leute. Was aber konnten sie tun? Sie waren doch alle abhängig von der Mine – und von Marabeo und Wurkaz, die hier allein zu bestimmen hatten. Viele Leute arbeiteten hier schon einige Jahre lang, sie hatten schon mehrere Unfälle erleben müssen: Stürze und Knochenbrüche gab es immer wieder. Daran hatten sie sich gewöhnt und glaubten, dass dies nicht allein durch Unachtsamkeit kam. Sie waren der Auffassung, dass immer die Götter ihre Hand im Spiel hätten und nichts zufällig geschähe, denn bekanntlich bestimmten die Götter das Schicksal der Menschen.
Darüber hinaus wussten alle, dass Marabeo für jeden Arbeiter einen Stab mit den seltsamen Strichen und Zeichen hatte. Sie vermuteten, dass ein Geist in dem Haselnussstab hausen und dieser Geist Marabeo Macht über die Arbeiter verleihen würde. Keiner konnte das verstehen – außer vielleicht Namos, dem dunkelhäutigen Mann aus einem fernen Land. Doch der äußerte sich nicht dazu. Ob es nun der Glaube an ein unabänderliches Schicksal, die Furcht vor den Haselnussstäben mit ihren seltsamen Zeichen oder die nackte Furcht vor dem Pfahl mit den gefräßigen Insekten war, die Männer konnten sich nicht entschließen, gegen Marabeos Herrschaft aufzubegehren.
VII
Abends am gemeinsamen Lagerfeuer erzählten die alten Leute gerne von früher, von Zeiten, als sie noch keine Schweine, Ziegen und Schafe gehabt hätten. Die Dörfer seien klein, aber sauber gewesen und es hätte nicht überall Tierkot herumgelegen. Es sei eine andere, ärmere Zeit gewesen, aber sie wären glücklicher gewesen – damals. „Wir hatten wenig Besitz, eigentlich gar keinen, aber wir waren trotzdem nicht arm, wir hatten Zeit – und Muße für die schönen Dinge des Lebens.“ So berichteten sie mit Wehmut in ihren Stimmen.
Viel hatte sich geändert in relativ kurzer Zeit. Dank des Ackerbaus und der Tierhaltung konnten jetzt sehr viel mehr Menschen ernährt werden. Die Familien wuchsen – und der von ihnen verursachte Abfall ebenso. Die großen Häuser für ganze Sippen waren aus der Mode gekommen, nun lebten die größer gewordenen Familien getrennt in ihren Häusern. Der Zusammenhalt innerhalb der Sippen wurde schwächer, denn die Menschen waren nicht mehr vom gemeinsamen Jagderfolg abhängig. Jetzt konnte jede Familie selbst entscheiden, wie viel Getreide sie anbauen wollte, sie musste nur fleißig genug sein. Im Winter war die Ernährung recht einseitig, und aufgrund der Tierhaltung kam es häufig zu Infektionen mit Würmern und anderen Parasiten. Die Menschen wurden kränker und starben früher. Wenn die Ernten schlecht ausfielen und die jagdbaren Tiere ausblieben, kam es zu Hungersnöten. Die Hungernden versuchten dann durch Überfälle die Vorräte der Anderen zu rauben, ihnen das letzte Stück von getrocknetem Fleisch und Fett zu stehlen. In diesen schlechten Zeiten nahmen die kriegerischen Auseinandersetzungen gewaltig zu.
Hirgelo war noch ein Junge, er kannte diese Zusammenhänge nicht. Er wusste nur, dass er und seine Geschwister viel arbeiten mussten. Insbesondere die anstrengende Feldarbeit war Hirgelo zuwider, viel lieber hätte er gespielt oder einfach faul in der Sonne gelegen und geträumt. Beeren sammeln war ihm noch die liebste Arbeit. er mochte die überreifen Früchte, besonders wenn sie zu vergären begannen, seinen Kopf benebelten und ihn dann noch schöner träumen und die schwere Feldarbeit vergessen ließen.
Die Felder lagen nicht weit von den Siedlungen. Sie waren aber nur für ein paar Jahre zu benutzen, dann war die Erde ausgelaugt und konnte keine nennenswerten Erträge mehr bringen. Deshalb mussten jeden Winter in mühseliger Arbeit neue Felder gerodet werden.
Sobald die Tage wärmer wurden, musste die Erde mit einer Hacke aus Holz oder Horn aufgebrochen werden, manche Familien hatten einen neuartigen Hakenpflug, der aus einem Stück einer starken Astgabel angefertigt worden war. Die Männer zogen ihn, während die Jungen den Pflug in die Erde zu drücken hatten. Nie machte Hirgelo dies nach Ansicht seines Vaters richtig, nie drückte er den Pflug tief genug in die Erde. Hirgelo hasste die schweißtreibende Arbeit.
Auch das Säen war mühsam und schon nach wenigen Stunden schmerzte Hirgelos Rücken. Jedes Korn musste er sorgfältig in die Furchen legen, keines durfte daneben gesät werden, weil es sonst von den Vögeln gefressen wurde. Später mussten die Feldfrüchte regelmäßig gehegt und gepflegt werden sowie sorgfältig mit Erdhacken vom Unkraut befreit werden.
Hirgelos Vater ging gerne zu seinen Feldern. Er freute sich, wenn die Pflanzen zu sprießen begannen. Zufrieden blickte er dann auf den grünen Schleier, der im Wind sanft über die Felder wogte, allmählich größer wurde und seine Farbe in ein goldenes Gelb änderte. Außerdem konnte er bei seinen Besuchen auf dem Feld die von Hirgelo und seinen Geschwistern geleistete Arbeit begutachten – und häufig seinem Ärger über die seiner Ansicht nach schlampige Arbeit Luft machen. Er machte dann nicht viele Worte, sondern schlug sofort zu. „Wir alle wollen leben. Und-das-geht-nur-wenn-die-Früch-te-gut-ge-dei-hen.“ Mit diesen Worten und rhythmischen Schlägen auf ihre Rücken versuchte er in bester Absicht, seine Kinder auf ein hartes und mühseliges Leben vorzubereiten.
Mit Faustmessern und Sicheln wurden die Halme geschnitten, in der Sommerhitze war die Arbeit noch schweißtreibender als im Frühjahr, Immer musste schnell gearbeitet werden, damit die Ernte trocken ins Haus gebracht werden konnte. Denn oft standen dunkle Wolken am Himmel, immer wieder war ein dumpfes Grollen zu hören, das Gewitter ankündigte. Wenn nicht die Arbeit eines Jahres zerstört werden sollte, musste die Ernte unbedingt noch vor dem Unwetter eingebracht sein. Das war harte Arbeit.
Irgendwie sah Hirgelo ein, dass diese Arbeiten erledigt werden mussten. Aber wenn sein Urgroßvater von früheren geruhsamen und friedlicheren Zeiten erzählte, war er sich nicht mehr so sicher. ʼFrüher hatten die Menschen doch auch ohne die stumpfsinnige Feldarbeit gelebt. Warum sollte das heute nicht mehr funktionieren?ʼ Wenn sein Rücken und seine Gelenke abends so stark schmerzten, dass er nicht einschlafen konnte, nahm er sich fest vor, später so zu leben, wie die Alten gelebt hatten. ʼAufregende Jagden - und süßes Nichtstun, das gefällt mir.ʼ
Angeblich waren die Menschen früher auch geselliger gewesen, hatten mehr Spaß miteinander gehabt. Wenn es stimmte, was der Urgroßvater sagte, waren sie früher auch zufriedener und gleicher gewesen. Jetzt gab es in jedem Dorf ein paar Familien – oder besser gesagt: Männer – die mehr hatten, die bestimmten, wie und wann was zu machen war. ʼWas hatten diese Besserwisser eigentlich den Anderen voraus? Nichts, als dass sie einfach ihre Familien härter arbeiten ließen.ʼ Solche Gedanken ließen Hirgelo nicht los.
Nach einem Winter, in dem die Nahrungsmittelvorräte wieder einmal knapp geworden waren, schien die Sonne wieder kräftiger, laue Winde durchfluteten das weite Tal. Die Bäume begannen zu sprossen, die Blumen zu blühen und die Vögel zwitscherten und hüpften in den sich grün färbenden Büschen aufgeregt umher. In dieser schönen Zeit, in der man den ganzen Tag fröhlich im Wald und auf den Auen hätte umherstreifen können, an einem dieser herrlichen Morgen bestimmte Hirgelos Vater, dass man heute pflügen werde. Gehorsam ging Hirgelo mit seinem Vater auf das neu gerodete Feld. Er strengte sich diesmal besonders an, in diesem Jahr wollte er seinem Vater keinen Grund zur Klage und keinen Anlass zum Schlagen geben. Doch auch diesmal hatte Hirgelo den Pflug nicht tief genug in die Erde gedrückt. Wieder hatte ihn der Vater angebrüllt und geschlagen. Hirgelo verzog keine Miene, doch er war gekränkt und fühlte sich ungerecht behandelt. ʼKeinen einzigen Sommer mehr bleibe ich hierʼ, hatte er sich geschworen.
VIII
Am nächsten Morgen kam Wurkaz zusammen mit Walober zum Stollen, um den eingestürzten Gang zu inspizieren. Sie nahmen ein paar Steinbrocken in die Hand und betrachteten sie prüfend von allen Seiten. „Da ist ziemlich viel Erz drin“, murmelte Wurkaz und schnalzte mit der Zunge. „Hier graben wir, das wird sich echt lohnen.
„Holt die beiden Kinder wieder, die sind jetzt wieder kräftig genug um zu arbeiten,“ befahl Walober. „Den verletzten Jungen schicken wir weg. Es dauert zu lange bis sein gebrochener Arm geheilt ist, solange können wir keinen unnützen Arbeiter durchfüttern.“
Mit ihren Schlägeln lösten Öcetim und die beiden Kinder das Gestein, bei jedem Schlag fürchteten sie, dass erneut dicke Felsbrocken auf sie fallen könnten. Doch sie hatten Glück, nur kleine Steinchen rieselten vereinzelt auf sie herab. Der rotbraunen Erzader folgend, erweiterten sie die beiden Gänge auch nach oben und dank ihrer harten Arbeit konnte Öcetim bald schon aufrecht stehen. Der kleine Junge fing an zu husten, entkräftet wie er war, konnte er nicht mehr arbeiten. Bald darauf erging es dem Mädchen genauso.
Beide wurden in die Hütte zu ihren Zieheltern geschickt. Nach zwei Tagen sah man auch sie mit ihrer wenigen Habe den Berg hinunter stolpern, sie wurden zu den Hirten geschickt, um diesen zu helfen. Ihre Stelle nahmen neu auf den Berg gebrachte junge Männer ein. Celso hatte auch sie in einem Dorf mit Versprechungen auf Kostbarkeiten und viele Rad in die Mine gelockt.
Namos war im Laden tätig, dort gab es außer warmen Kleidungsstücken auch berauschende Getränke und heilende Kräuter zu kaufen. Es war als hätten die Götter diesen Laden mit allen erdenklichen Gütern gesegnet. Man brauchte nur einen Wunsch zu äußern und schon händigte Namos einem die gewünschte Ware aus, es schien als gäbe es alles umsonst. Doch da Namos in die Haselnussstöcke mit einem kupfernen Messer Kerben einritzte, ahnten die Käufer, dass sie für die erstandene Kleidung oder die berauschenden Getränke irgendwann einmal zu bezahlen hätten. Was aber die erworbenen Dinge kosteten, das wusste außer Wurkaz und Marabeo niemand. Man wusste lediglich, dass man für die harte Arbeit in der Mine und den Schmelzöfen entlohnt wurde, dass man sich mit den verdienten Rad alle möglichen Wünsche würde erfüllen können. Selbst Kupferdolche, Schmucksteine, scharfe Feuersteinbeile und Pastosaako sowie die schönsten und wämsten Kleidungsstücke ließen sich dafür eintauschen. Doch die Arbeiter verstanden die seltsamen Zeichen und Einritzungen nicht. Sie wussten nicht, welcher Betrag von ihrem verdienten Lohn abgezogen wurde.
Auch konnte keiner der Arbeiter ausrechnen, wie viele Rad er in einem Monat erhalten würde, niemand wusste, wie viele Rad Pastosaako oder Kleidungsstücke wert sind, die sie im Laden erstehen konnten. Sie wussten nur, dass Celso für ihre Anwerbung mit vielen Rad belohnt worden war.
Eindeutig geregelt war, dass niemand ohne Erlaubnis von Marabeo oder Wurkaz das Gelände der Mine verlassen durfte. Versuchte es doch einmal einer, wurde er mit Sicherheit von den Coyos gefangen. So nannten sich die Wächter selbst, die Tag und Nacht um die Mine herum patrouillierten und denen kein Flüchtling entwischte. Der gefangene Flüchtling wurde nackt ausgezogen, an Armen und Beinen gefesselt und an den Pfahl am großen Platz gebunden.
Damit die schlimme Strafe nicht in Vergessenheit geriet, wandte sie Marabeo auch bei Faulheit an. Zwar wurden die wegen angeblicher Faulheit Bestraften nicht mit Honig eingeschmiert und sie mussten auch höchstens für einen Tag – und manchmal auch für eine Nacht zusätzlich – am Pfahl ausharren. Strafen hagelte es allerdings auch für geringere Vergehen, angefangen bei Entzug des Essens für einen oder mehrere Tage für Raufereien, die Arbeitsausfälle zur Folge hatten bis zum Auspeitschen für Diebstahl.
Niemand hatte zuvor von derart schlimmen Strafen gehört oder sich ein solch hartes System überhaupt vorstellen können. Doch alle beugten sich, ertrugen mehr oder weniger klaglos Marabeos Herrschaft. Marabeo verhängte die Strafen und Wurkaz führte sie umgehend aus. Es schien, als warte Wurkaz geradezu auf irgendwelche Vergehen, die von Marabeo hart geahndet wurden und die er erbarmungslos vollstrecken konnte. Dann wurde die Arbeit für alle unterbrochen, denn jeder musste der Bestrafung zusehen.
Namos nahm keinen großen Anteil am Leben auf der Mine, lediglich abends saß er mit Hirgelo, Öcetim und Gilger am Lagerfeuer. Er war ein stiller Mensch, trug nur wenig zur Unterhaltung bei und gab auf Fragen meist nur kurze Antworten. Kam die Unterhaltung aber auf das Strichzahlensystem und die Einritzungen in die Haselnussstöcke, begannen seine Augen zu leuchten und Namos versuchte, ihnen dieses komplizierte System zu erklären.
Durch seine korrekte Art hatte Namos im Laufe der Zeit Vertrauen bei Marabeo und Wurkaz erlangen können. Bei ihren argwöhnischen Kontrollen hatten sie weder Fehler noch Unterschlagungen feststellen können. Nach mehreren Gesprächen mit ihnen konnte Namos sich ausrechnen, welch große Summen Celso für seine hinterlistige Arbeit erhielt. Was aus den Kindern wurde, die die Mine zu verlassen hatten, wussten auch Marabeo und Wurkaz nicht, es interessierte sie auch gar nicht.
Nach Namos Schätzungen hatten Öcetim, Hirgelo und Gilger ungefähr vier Monde in der Mine zu arbeiten, um allein Celso die für ihre Anwerbung ausgehändigten Rad abzuzahlen. Für Essen und Trinken wurde jedem von ihnen ein Rad pro Tag von ihrem Lohn abgezogen, für ein Paar Schuhe mussten sie ungefähr einen Mond lang arbeiten, für eine Mütze die Hälfte. Da sich Gilger, Hirgelo und Öcetim abends nach anstrengender Arbeit gerne einen Pastosaako gönnten, schätzte Namos, dass sie zur Begleichung ihrer Schulden vielleicht noch ein halbes Jahr auf der Mine arbeiten müssten, bevor sie von ihrem Verdienst selbst etwas behalten könnten.
„Das ist ja ungeheuerlich! Das wussten wir nicht. Das weiß keiner in der ganzen Mine“, riefen die drei zusammen.
„Das hat uns niemand gesagt! Das machen wir nicht mit!“
„Alles ist fein säuberlich notiert, das alles hier hat seine eigene Ordnung“, bemerkte Namos trocken. „So sind die Bedingungen, auch für mich. Und geflohen ist noch niemand...“
„Angeblich nicht“, entgegnete Hirgelo. „Wegen der Coyos und der harten Bestrafung.“
„Wenn die Coyos nach einer Strafaktion zu viel Pastosaako getrunken haben und unaufmerksam sind, im Schutz der Nacht…“, überlegte Öcetim.
„Wir holen hier Kupfer aus dem Berg, davon will ich etwas mitnehmen“, meinte Hirgelo. „Ohne Lohn gehe ich nicht weg von hier!“
„Manchmal rollt so ein kleines Stückchen Rohkupfer fort oder vielleicht bricht auch ein kleines Stück vom Kupferfladen ab.“
„Ja schon, aber das wird fein säuberlich zusammen gekehrt, kein Stück darf davon verloren gehen, da passt immer einer genau darauf auf.“
„Nicht immer. Manchmal geht beim Transport etwas verloren, kleine Stücke, die nur lose mit dem großen Rest des Kupfergusskuchens verbunden sind, die müssten wir sammeln“, schlug Namos vor.
„Prima Idee“, fasste Öcetim zusammen. „Jeder von uns, der beim Schmelzen oder beim Transport der Kupferstücke beschäftigt ist, achtet auf diese kleinen Stücke, schiebt sie unauffällig zur Seite und nachts können wir sie dann heimlich einsammeln.“
„Mühsam und gefährlich“, bemerkte Hirgelo. „Aber machbar. So kommen wir zu Kupfer. Wir brauchen lediglich Geduld und etwas Glück. Die Götter werden uns zur Seite stehen.“

Auch nach wochenlangem Abbau war die Erz führende Schicht noch immer mächtig. Um auch an die wertvollen oberen Schichten heran zu kommen, wurden Steigbäume in den Stollen aufgestellt. Auf diesen mit Aussparungen versehenen Baumstämmen konnte man hochsteigen, um das Erz auch ganz oben abzubauen.
Wie üblich wurden abends Feuer entzündet, um durch die Hitze Sprünge im Gestein entstehen zu lassen. Weil in der Tiefe der langen Stollen der Rauch nicht mehr abziehen konnte, wurden spezielle Rauchlöcher von oben her gegraben. Dabei wurde noch mehr Gestein gelockert und immer wieder brachen größere Felsbrocken in den Stollen hinab. Manchmal entgingen die Minenarbeiter diesem Schauer aus großen und kleinen Steinen nur um Haaresbreite.
„Wenn wir nicht erschlagen werden wollen, müssen wir den Stollen abstützen, mit kräftigen Stämmen, die die herabfallenden Felsbrocken auffangen“, forderte Öcetim.
Walober dachte an das viele Holz, das dafür geschlagen werden müsste. Er zuckte nur mit den Schultern und gab unbeeindruckt von diesen Befürchtungen Befehl, das bislang gebrochene Erz nach außen zu schaffen und anschließend – wie jeden Abend – Feuer zur Erhitzung des Gesteins zu entzünden.
Mit großen Schritten und hochrotem Gesicht stapfte am nächsten Morgen Wurkaz zum Stollen. „Du Mistkerl willst hier die Arbeit einstellen“, schrie er und packte Öcetim am Kragen. „Hier an der ergiebigsten Schicht, die wir seit Jahren haben!“ Er schüttelte Öcetim heftig und verpasste ihm einen harten Fausthieb in den Bauch. „Hinein mit Dir in den Stollen und doppelte Leistung heute! Sonst gehst Du an den Pfahl.“
Öcetim ballte seine Fäuste, senkte den Kopf und wollte schon auf Wurkaz losgehen, Gilger konnte ihn gerade noch zurückhalten. „Lass es“, flüsterte er Öcetim zu. „Du hast keine Chance.“
Wütend drehte sich Öcetim um und schlug mit seinem Schlägel so heftig auf die Felsen ein, dass sich ein großer Brocken von der Decke löste und nur knapp neben Wurkaz auf den Boden fiel. Wurkaz bückte sich, nahm einen abgebrochenen Schaft eines Schlägels und wortlos hieb er damit Öcetim so fest er konnte in den Rücken. Dann stapfte er mit wutverzerrtem Gesicht so schnell als möglich nach draußen. „Das wirst Du mir büßen, Du nichtsnutziger Steineklopfer!“ schrie er. „Doppelte Arbeit für alle heute! Walober, Du bist mir dafür verantwortlich.“
Öcetim rieb seinen schmerzenden Rücken und wollte widersprechen. Doch Gilger kam ihm zuvor. „Du musst Dich heute besonders hart quälen, Öcetim. Ich werde für Dich doppelt hart arbeiten.“ Er hatte schon wieder seinen Schlägel in der Hand. „Auch für angebliche Faulheit droht der Pfahl. Und diese Möglichkeit uns hart zu bestrafen, gönnen wir dem Wurkaz lieber nicht.“
„Heute Nacht ist irgendetwas anders. Hört Ihr einen Wolf heulen, ein Käuzchen schreien?“ fragte Namos. „Alles ist seltsam still, eine Ruhe herrscht, als ob sich alle Tiere still in die Erde verdrückt hätten.“
Trotz ihrer schweren Glieder konnten sie nur schwer einschlafen, unruhig wälzten sie sich im Schlaf herum. Sie waren noch nicht richtig eingeschlafen, als ihre Hütte zu zittern begann. Namos und Öcetim erhoben sich und traten ins Freie. Es war eine mondhelle und kalte Nacht, doch nicht wegen der Kälte, sondern wegen der seltsamen Stille fingen sie an zu frösteln. Gleichzeitig bemerkten sie, wie die Erde kurz erschauerte, als wolle sie durch die kurze Zuckung diejenigen abwerfen, die in ihr Inneres vordringen wollten.
Öcetim und Namos schauten sich verwundert an, doch schon war die beunruhigende Erscheinung wieder verschwunden, die Erde regte sich nicht mehr. „Lass uns versuchen zu schlafen.“
Wie üblich marschierten sie am nächsten Morgen zu ihren Arbeiten. Namos ging zum Laden, Hirgelo zu den Röstbeeten und Schmelzöfen und Gilger und Öcetim zum Schacht. Dort warteten schon Walober und Wurkaz auf sie. „Heute wieder doppelte Arbeit, Ihr Mistkerle“, begrüßte sie Wurkaz mit einem Groll in der Stimme, der nichts Gutes verhieß. Breitbeinig stand er dort, als wolle er ihnen den Eingang versperren. Gilger und Öcetim drückten sich am Schachteingang an Wurkaz vorbei, ihre Schlägel fest in der Hand haltend. Mit all ihrer Kraft schlugen sie auf das Gestein ein, bei jedem Schlag lösten sich größere und kleinere Brocken. „Doppelte Menge!“ rief ihnen Wurkaz drohend zu.
Plötzlich bebte die Erde erneut. Der Steigbaum, auf dem Gilger gerade arbeitete, fiel krachend um, aus der Decke lösten sich Felsbrocken und knallten mit lautem Getöse auf den Schachtboden. Öcetim eilte zu dem am Boden liegenden Gilger. Der hatte sich – den Göttern sei Dank – nicht verletzt. Die zu Boden gefallenen Felsbrocken hatten eine dicke erzhaltige Gesteinsschicht freigelegt.
„Eine neue Erzader da oben“, schrie Wurkaz erfreut. Noch heute wird die abgebaut! Habt Ihr mich verstanden? Sonst…. Der Pfahl wartet bereits auf Euch…“
Öcetim richtete den umgefallenen Steigbaum wieder auf, kletterte hoch und schlug mit grimmiger Miene auf die eben zutage getretene Erzader. Eine geraume Zeit lang musste er über Kopf arbeiten, was die Arbeit noch anstrengender machte. Er hatte gerade den Steigbaum umgestellt, als ein leises Brummen den Stollen erfüllte. Öcetim und Gilger schauten sich ängstlich an, unschlüssig was dies zu bedeuten hatte. Sie fühlten, wie ihre Herzen immer schneller schlugen, irgendetwas schien sich tief unter ihnen bemerkbar machen zu wollen. Ohne Vorwarnung löste sich ein großes Stück aus der Erzader und fiel genau dahin, wo eben noch der Steigbaum gestanden hatte. Plötzlich wurde das Brummen lauter.
„Raus hier!“ brüllte Gilger. „Die Erde bebt!“ Jetzt schienen sich die Wände zu bewegen. Steine polterten auf den Boden, Staub verfinsterte das eh schon geringe Licht, drang in ihre Nasen und Münder. Immer bedrohlicher wackelten die Wände, große und kleine Felsbrocken fielen aus der Decke des Stollens und versperrten den Weg nach draußen. Es herrschte ein ohrenbetäubender Lärm.
Öcetim und Gilger zitterten vor Angst, kalter Schweiß rann ihnen die Rücken hinab. Sie rannten in Richtung des Schachtausgangs. Doch sie kamen nicht weit, bald schon fielen sie über die am Boden liegenden Steinbrocken, rappelten sich wieder hoch, stolperten erneut. Gilger fasste an seinen Fuß, ein großer Felsbrocken hatte ihn dort getroffen. Er stürzte, kleine Steine fielen auf den am Boden Liegenden herab. Geschockt blieb er unter einer Schicht Steine liegen, konnte sich nicht mehr bewegen. „Das war es wohl“, dachte er schon resigniert, bis er merkte wie Öcetim ihn ausgrub, an den Armen packte und nach oben zog. Gestützt von Öcetim humpelte er in Richtung des Ausgangs, doch kurz vor dem Ausgang hatten große Gesteinsbrocken den Weg versperrt.
Draußen standen mit offenen Mündern schon Wurkaz und Walober, staunend über dieses seltsame Ereignis. Auch Marabeo und viele Minenarbeiter eilten herbei. Alle hatten den lauten Knall gehört, und gleich anschließend die Hilferufe von Öcetim und Gilger. Mit vereinten Kräften räumten die Minenarbeiter die großen Gesteinsbrocken am Schachteingang beiseite und drangen in den Schacht ein. Doch die im Inneren des Schachts liegenden riesigen Brocken konnten sie trotz aller Anstrengungen nicht bewegen.
Gleich mehrere schwere Hölzer schleppend, die eigentlich als Brennholz für die Röstbeete gedacht waren, eilte Namos hinzu. Mit den Stangen konnten die Männer die Steinbrocken ein Stück weit beiseite stemmen. Öcetim zwängte sich als Erster durch den schmalen Spalt, dann folgte Gilger, dessen Fuß blutig verfärbt war. Namos und Hirgelo zogen ihn an seinen Armen ins Freie. Nachdem er seinen Schock überwunden hatte, konnte er trotz seiner Schmerzen den Fuß wieder belasten. Glücklicherweise stellte sich Gilgers Verletzung als nicht allzu schwer heraus. Marabeo, Wurkaz und Walober hatten sich an der Rettungsaktion nicht beteiligt. Von außen hatten sie der gefährlichen Befreiungstat im einstürzenden Schacht nur stumm zugesehen.
Das aus der Tiefe der Erde kommende Brummen und das Beben der Erde waren inzwischen stärker und heftiger geworden. Plötzlich bebte die ganze Erde. Mit Ohren betäubendem Krach stürzte ein großer Teil der Mine in sich zusammen, riesige Staubfahnen stiegen aus den einstürzenden Schächten, Steine flogen umher und es wurde stockdunkel.
Auch aus den anderen kleineren Schächten drängten Arbeiter, bleich und zitternd vor Angst, ihre Augen huschten ängstlich hin und her. Einen hatte es schwer erwischt, ein großer Felsbrocken hatte sein Bein zerquetscht, vor Schmerzen schreiend wurde er von seinen Kollegen aus dem Schacht gezogen. Die Hütten in der Umgebung und selbst die stabiler gebauten Häuser wie auch der Laden brachen zusammen, als ob ein Riese sie geschüttelt hätte. Feuer setzten die Hütten in Brand, sie brannten sofort lichterloh. Es entstand ein Sturm, nichts mehr blieb an seinem Ort, Dächer und Holzbalken flogen durch die staubige Luft und verletzten die Menschen. Starr vor Entsetzen starrten alle auf die wie entfesselt wütende Erde.
Nur Öcetim bewahrte einen kühlen Kopf. „Das ist unsere Chance, dieses Beben haben uns die Götter gesandt“, flüsterte er.
„Holen wir die kleinen Kupferstücke aus unserem Versteck“, entgegnete Hirgelo, der sich auch wieder gefasst hatte. „Und dann nichts wie weg von hier!“ Öcetim, Hirgelo, Gilger und Namos rannten zu der Stelle, wo sie ihre Schätze versteckt hatten. Doch die lagen jetzt unter riesigen Steinen verschüttet.
„Die Coyos rennen verängstigt und ganz blind umher, die achten auf keine Flüchtenden. Lasst die Kupferstücke liegen, wo sie sind.“ Der sonst eher zurückhaltende Gilger hatte das Kommando übernommen und befahl die sofortige Flucht. „Lieber ohne Kupfer in der Freiheit, als mit Kupfer weiterhin in diesem Gefängnis! Los jetzt, laufen wir so schnell wir können!“
In dem allgemeinen Chaos achtete niemand auf die vier Flüchtenden. Öcetim, Hirgelo und Namos rannten zuerst zu der Stelle, wo ihre Hütte gestanden hatte. Dort fanden sie tatsächlich noch ein paar Steinklingen, Namos nahm Gilgers Trommel an sich, Hirgelo Pfeil und Bogen. Unbemerkt von den Coyos erreichten sie vor Anstrengung keuchend den Wald, wo Gilger schon auf sie wartete. Erschöpft ließen sie sich auf den Boden sinken. Doch Namos mahnte zur Eile. „Ausruhen können wir später. Meint Ihr, dass Wurkaz unser Fehlen nicht bald bemerken und die Coyos auf uns hetzten wird? Er wird sich bei allem Unglück die Gelegenheit auf unsere Marter am Pfahl nicht entgehen lassen.“
Die Angst vor der zu erwartenden Folter beflügelte sie und ließ sie neue Kräfte mobilisieren. Ohne auf Gestrüpp und dornige Zweige zu achten, stürmten sie durch den Wald, erst am späten Abend gönnten sie sich eine Pause. „Bis hierher werden uns die Coyos kaum gefolgt sein“, meinte Öcetim und ließ sich todmüde in den weichen Waldboden fallen.
IX
Das Wasser des Sees war warm, die Sonne schien kräftig und die Blüten der Bäume verwandelten das ganze Tal in eine Oase des Lichts und des Friedens. Die Tiere schienen fröhlicher als in den Wochen zuvor durch die Gegend zu springen und auch die schneebedeckten Berge in der Ferne sahen mit ihren weißen Spitzen irgendwie festlich gewandet aus. In den Seen und Tümpeln lebten mehrere Fuß lange Aale, Hechte und Lachse, im Schilfdickicht nisteten Vögel und das Land war bevölkert von zahlreichen Hasen, Rehen und kleinen Wildpferden. Abends mischten sich die Geräusche der Grillen und das Quaken der Kröten und Frösche zu einem Konzert, in das bisweilen die Wölfe mit ihrem Jaulen und Heulen einfielen. Enten, Hasen, Rehe und Schneehühner waren nicht scheu und leicht mit der Speerschleuder zu erlegen.
In dieser schönen Gegend, nicht weit vom See entfernt, entdeckte Hirgelo eine auf einer kleinen Anhöhe liegende Höhle, die einen schönen Blick auf den See bot. Davor lagen einige Pfosten, die als Stützen einer vor die Höhle gebauten Hütte gedient hatten. Früher hatten hier wohl Menschen gelebt, doch die hatten das schöne Tal offenbar schon vor langer Zeit verlassen.
Die früheren Bewohner hatten einiges von ihrer Ausrüstung zurück gelassen. Im hinteren Teil der Höhle fanden die vier Freunde nicht nur trockenes Brennholz, sondern auch einen großen Feuersteinkern, aus dem sie brauchbare doppelkantige Faustkeile und Steinbeile schlagen konnten. Auch scharfe Messer und Speerspitzen fertigten sie an, zudem Pfeile und Bögen. Aus den am Ufer des Sees wachsenden Riedgräsern und Binsen flochten sie bequeme Schlafunterlagen. Sogar angenehm riechende Kräuter wuchsen in der Nähe, die sie unter ihre Schlafunterlagen mischten, nicht nur um ihnen angenehme Träume zu bereiten, sondern auch um lästige Blutsauger wie Stechfliegen und Wanzen fern zu halten.
„Lasst uns im See schwimmen“, rief Hirgelo seinen Kumpanen zu. „Es ist so ein schöner Tag heute.“ Hirgelo hatte sich ausgezogen und war schon ins Wasser gesprungen. „Wunderbar weich und warm ist das Wasser hier.“ Auch Gilger und Öcetim liefen schnellen Schrittes in den See, so dass das Wasser hoch aufspritzte.
Namos schlenderte gemächlich ans Ufer, missgelaunt lief er vom Ufer fort zu einem umgefallen Baumstamm. Dort – in sicherer Entfernung – grollte er insgeheim seinen Kumpels, die anscheinend nur Blödsinn im Kopf hatten. ʼKaum sind wir außer Gefahr, da haben sie schon alle Vorsicht vergessenʼ, schmollte er. Gleichzeitig richtete sich sein Groll auch gegen sich selbst, er wäre gerne auch so ausgelassen wie Hirgelo, Öcetim und Gilger gewesen. Doch seine Art war es nicht, sorgenfrei das Leben zu genießen und sich einfach an dem zu erfreuen, was es gerade um ihn herum gab. Er war irgendwie anders als die Menschen, mit denen er hier in den Bergen fern seiner Heimat zusammen kam, auch im Jagen und Fischen war er weniger erfolgreich als die Anderen. Auch er hätte sich ganz gerne mit seinen Freunden im Wasser gebalgt, sich gegenseitig nassspritzen und untertauchen wollen, doch seine Wesensart hinderte ihn daran.
Sein Blick schweifte über die liebliche Landschaft zu einer Gruppe Fichten. Dort lag ein Geweih, das vermutlich im vergangenen Herbst von einem dreijährigen Hirsch abgeworfen worden war, es hatte kleine rückwärtsgewandte Sprossen. Mit seinem scharfen Flint-Messer machte er sich an die Arbeit. Er trennte die Geweihspitze ab, bohrte ein Loch an ihrem dickeren Ende, zog eine Leine durch es, spießte einen Regenwurm auf seinen neuen Haken und warf die Angel ins Wasser. Wenig später schon hing ein großer fetter Karpfen daran. Mit einem kräftigen Schlag auf den Kopf tötete er den zappelnden Fisch, dann suchte er Brennholz, zündete es mit Hilfe seiner Flintsteine an und grillte den fetten Fisch.
„Das riecht ja köstlich! Ist der Fisch vom Himmel gefallen oder sollte Namos ihn tatsächlich gefangen haben?“, frotzelte Hirgelo.“ Voll Übermut klopften sie ihm anerkennend auf die Schultern, aßen mit großem Appetit den fetten Karpfen und erfuhren erst dann, dass Namos ihn mit einer aus einer Geweihspitze angefertigten Angel gefangen hatte.
„Gute Idee“, stellte Gilger fest. „Das lässt sich ausbauen, ich brauche ein richtig großes Geweih, dann fange ich die größten Fische im ganzen See.“
„Also sollten wir uns bald auf die Hirschjagd machen“, forderte Öcetim.
Die vier jungen Männer hatten zwar noch nie bei einer Hirschjagd mitgemacht, doch aus den Reden der Jäger nachts an den Lagerfeuern hatten sie eine Vorstellung davon, wie Hirschjagden erfolgreich durchzuführen sind. „Wenn wir die Fährte des Herrschers des Waldes gefunden haben, müssen wir ihr nur folgen“, begann Gilger seine Überlegungen.

Am Horizont war eine Rauchsäule zu sehen, senkrecht kräuselte sie sich zum blauen Himmel hoch. Sie registrierten gleichzeitig, dass sie nicht alleine waren in dieser friedlichen Gegend und blickten sich erschrocken an. Hirgelo fand als Erster seine Sprache wieder: „Feuer aus!“ rief er. „Wir müssen nachsehen, wer sich dort aufhält - bevor sie uns entdecken.“
Im Schutz der Dunkelheit erreichten Gilger und Öcetim eine kleine Anhöhe, wo sie den Geruch von gegrilltem Wildfleisch wahrnahmen. Vorsichtig bewegten sie sich weiter, sich hinter jeder sich bietenden Deckung versteckend, bis sie auf einer Lichtung eine aus dünnen Baumstämmen, Ästen und belaubten Zweigen kunstvoll errichtete Hütte erblickten. Dort war eine große Familie versammelt: zwei Männer, zwei Frauen mittleren Alters, eine weißhaarige alte Frau, zwei Buben, die etwas jünger als sie selbst zu sein schienen, und ein Mädchen mit langen blonden Haaren. An der Hütte lehnten große Speere, Bögen, drei Steinbeile lagen daneben. Die Familie ließ sich ein fettes Wildschwein schmecken, lachte und unterhielt sich angeregt miteinander. „Wie das riecht“, flüsterte Öcetim, „Hoffentlich hören die meinen Magen nicht knurren.“
„Das Mädchen würde mir gefallen“, entgegnete Gilger. „Schau nur die schönen Haare – und hübsche Brüste hat sie auch schon.“
“Sich verstecken, weggehen oder den Kontakt mit der fremden Familie suchen, das ist die Frage“, fasste Namos ihre Möglichkeiten zusammen, nachdem die beiden Späher Bericht erstattet hatten.
„Mir gefällt es hier“, sagte Hirgelo. „Sie wissen nichts von uns, sie haben keine Wachen aufgestellt. Also überfallen wir sie“, schlug er vor.
„Aber das blonde Mädchen töten wir nicht“, warf Gilger ein.
„Vorsicht ist immer besser als unüberlegtes Drauflosschlagen. Lasst uns auf der Hut sein, und jede Nacht eine Wache aufstellen“, versuchte Namos den wilden Übermut seines Freundes zu zügeln.
„Wir sollten mehr über sie wissen, woher sie kommen, ob noch mehr Menschen in der Nähe sind, ob sie auf Wanderschaft sind“, riet Öcetim. So diskutierten die vier Freunde die halbe Nacht, bevor sie sich die restliche Nacht in Schichten aufteilten, um Wache zu halten.
„Ich gehe nochmals zu ihrem Lager, allein“, sagte Öcetim mit Bestimmtheit. „Wir müssen mehr über sie erfahren.“ Schon vor Mittag kam er wieder zurück und berichtete über seine Eindrücke: „Es scheinen friedliche Leute zu sein, sie haben kein festes Haus, es sieht aus, als wären sie noch nicht lange hier.“
„Sich auf Dauer verstecken, das mag ich nicht, Weggehen kommt auch nicht in Frage, also doch Kontakt mit der fremden Familie suchen?“
„Aber dann nur mit einem Gastgeschenk“, warf Gilger ein. „Ein Reh für die Familie“, schlug Hirgelo vor.
„Und ein paar schöne Federn für das Mädchen“, ergänzte Gilger.
Öcetim und Gilger schritten auf die fremde Familie zu, während Hirgelo und Namos mit gespannten Bögen im Hintergrund Waffenschutz gaben. Einer der beiden fremden Jungen bemerkte sie zuerst und schlug Alarm, die beiden Männer griffen sofort zu ihren Speeren, die Frauen nahmen ohne zu zögern die Steinbeile in ihre Hände und die beiden Jungen ergriffen Pfeil und Bogen, die Alte und das Mädchen verschwanden rasch in der Hütte. „Wir kommen als Freunde“ sagte Öcetim und legte das kleine Reh auf den Boden, während er hoffte, dass man das Zittern in seiner Stimme nicht bemerken würde. Gilger, dem das Herz bis zum Hals schlug, bückte sich und steckte dem Reh die Federn in die Ohren, was das kleine Tier sehr niedlich aussehen ließ.
Die Buben senkten ihre Pfeile, die Frauen nahmen eine etwas entspanntere Haltung an, doch die Männer hielten ihre Speere wurfbereit in ihren Händen. „Waffen runter, ihr da hinten“, rief einer der beiden Hirgelo und Namos zu. Diese lockerten die Spannung in den Sehnen ihrer Bögen, senkten die Pfeilspitzen Richtung Boden und traten vorsichtig aus dem Wald heraus.
„Die Götter mögen mit Euch sein. Wir sind keine Räuber.“ Bei diesen Worten versuchte Gilger ein Lächeln. Der größere der beiden Männer lächelte zurück und beide senkten ebenfalls ihre Speere. „Willkommen in unserer bescheidenen Hütte.“
„Wir haben noch ein wenig Wildschwein, köstlich gebraten und mit süßen Wurzeln und Sellerieknollen gefüllt. Frau, hol das Essen für unsere Gäste“, ergänzte der andere Mann. Die in einen mit kleinen Stickereien verzierten Umhang gekleidete Frau bückte sich nach dem geschmückten Rehkitz, häutete es ab und briet es über dem Feuer.
Der Duft des gebratenen Rehs stieg den vier hungrigen Freunden in die Nase und der Speichel lief ihnen im Mund zusammen. Sie setzten sich um das Feuer, bald schon entspann sich ein angeregtes Gespräch. Die vier jungen Männer erzählten über die Mine, ihre Flucht von dort und über ihre anderen Abenteuer. Die Familie berichtete, dass sie ursprünglich aus einer sumpfigen, ehemals wildreichen Gegend komme. Viele Menschen ihres Stammes hatten dort gelebt, die jagdbaren Tiere aber hatten sich verzogen. Aus Nahrungsmangel war es häufig zu Streit gekommen, eine Familie mit drei kleinen Kindern sei vor Kurzem im Streit um ein Reh totgeschlagen worden. So hätten sie entschieden, diese zerstrittene Gruppe zu verlassen.
Auf ihrer Reise in Richtung der aufgehenden Sonne kamen sie in ein schönes weites Tal, wurden aber von den dort siedelnden Menschen unfreundlich aufgenommen. Dieses Volk – sie nannten sich Rumedullu - lebe straff organisiert in einer großen Gemeinschaft, mit einer kleinen Oberschicht, die sich von den Übrigen aushalten lasse und streng über ihre Vorteile wache.
Als Fremdlinge mussten sie immer wieder den höher gestellten Familien Knechtsdienste leisten. Die Frauen dort hätten fast keine Rechte, die Männer würden über sie nach Belieben verfügen. Ihrer Tochter, De Thuate, sei ihrer blonden Haare wegen von den Männern dort dauernd nachgestellt worden. Sie waren deshalb weiter gezogen. Ein paar Tage folgten sie dem in Richtung Sonnenaufgang fließenden Strom. Doch da die Gegend immer sumpfiger wurde, folgten sie einem großen Nebenfluss, später dann einem kleineren Fluss und erreichten vor drei Tagen dieses schöne Tal, hier wollten sie bleiben.
Beim Essen herrschte eine freundliche und vertrauensvolle Atmosphäre. Momola, so hieß die nicht mehr ganz junge, aber immer noch schöne Frau mit ihren langen schwarzen Haaren, holte einen Krug mit vergorenem Saft aus Wildäpfeln, aus dem alle der Reihe nach tranken. Alle freuten sich, wieder mit anderen Menschen zusammen zu treffen, mit Menschen, die offenbar nicht beabsichtigten, sie zu hintergehen, zu bestehlen oder gar zu töten.
Die jüngere der Frauen brachte eine Trommel und eine kunstvoll geschnitzte Flöte, aus diesen beiden Instrumenten zauberten Momola und De Thuate fröhliche Melodien hervor. Manche waren auch Hirgelo, Öcetim und Gilger bekannt, so dass sie mitsummten. Besonders laut, aber nicht unbedingt schön, sang Hirgelo, der sich dicht neben De Thuate gesetzt hatte. Spät am Abend nahmen sie Abschied von dieser sympathischen Großfamilie, nicht ohne sie zu einem Gegenbesuch in ihrer Höhle eingeladen zu haben.
„Wir werden ihnen Hirschbraten anbieten“, meinte Gilger großspurig. „Auf die Lichtung am kleinen See kommt jeden Morgen ein Rudel; das wird von einem gewaltig großen Bullen angeführt – mindestens ein Zwölfender muss das sein.“
X
Im fahlen Licht des dämmernden Morgens erschien die Silhouette eines großen Hirsches. Ihm folgten mehrere Junghirsche, Kirschkühe und Kälber. Majestätisch und nach allen Seiten witternd schritt der Bulle aus dem dunklen Wald auf die Lichtung, gefolgt von seinem Rudel, langsam bewegte sich die Herde in Richtung des silbern schimmernden Sees. Öcetim, Hirgelo, Gilger und Namos fassten sich an den Händen, ihre Herzen schlugen schneller beim Anblick dieser edlen Tiere. „Der Herrscher des Waldes“, flüsterte Hirgelo.
Sie hatten sich am Waldrand hinter einer umgestürzten alten Buche versteckt. „Namos und Öcetim schleichen zu dem Felsen dort drüben“, bestimmte Hirgelo. „Der Wind steht günstig, die Tiere können uns nicht wittern. Seid leise, damit sie uns nicht bemerken.“ Mit ihren schussbereiten Waffen in den Händen erreichten Öcetim und Namos einen ungefähr mannshohen Felsbrocken, der ihnen einen guten Ausblick gewährte.
Im ersten Tageslicht leuchten die Bergspitzen in einem zarten Rosa, noch drang das Licht nicht hinunter ins Tal, doch Felsen und Gras lösten sich allmählich aus der Dunkelheit, das Hirschrudel war jetzt schon deutlicher zu sehen. Die Tiere waren am See angekommen und stillten ihren Durst, der Bulle warf seinen mächtigen Kopf hoch und schaute sich witternd nach allen Seiten um, bemerkte seine gut versteckten Verfolger aber nicht.
Die vier Jäger waren dem Rudel inzwischen bis auf Speerwurfweite nahe gekommen, vorsichtig und ohne einen Laut zu verursachen schlichen sie weiter, jede Deckung nutzend. Hirgelo blickte jeden an, durch ein Nicken gaben sie ihrem Anführer zu verstehen, dass sie bereit waren. Hirgelo hob seinen Speer, führte die Speerhand nach hinten und zielte auf den Hirschbullen. Seine Kumpane taten es ihm nach. Ihre Körper waren gespannt, ihre Herzen hämmerten wild. Auf Hirgelos Zeichen flogen vier Speere zischend durch die Luft, alle trafen den stattlichen Bullen. Getroffen gab der einen erschütternden Laut von sich, brach aber nicht zusammen. Sein Gefolge, die Hirschkühe, die Junghirsche, die Kälber und auch der verletzte Hirsch selbst, sprangen auf und rannten in Richtung des schützenden Waldes. Mit Geschrei richten sich die Jäger auf und feuerten ihre Pfeile auf das blutende Leittier ab. Zwei davon trafen, aber nicht an entscheidenden Stellen, so dass der waidwunde Geweihträger mit seinem Rudel die Flucht fortsetzen konnte. Nochmals flogen ihre Pfeile durch die Luft, Gilgers Pfeil traf den Bullen in die rechte Hinterbacke, doch auch das konnte seinen Lauf kaum verlangsamen.
Bis auf den verletzten Bullen hatte das Rudel den schützenden Wald erreicht. „Ihm nach, bevor wir ihn im Wald verlieren“, kommandierte Hirgelo. Auf dem Grasboden sahen sie sowohl hellrot-blasiges als auch dunkles Blut, was auf einen Lungen- und auf einen Leberschuss hin deutete. Der Hirsch musste also doch schwer verletzt sein. Sie folgten der blutigen Spur des mehrfach getroffenen Bullen. Endlich – nach einer langen Verfolgungsjagd – sahen sie, wie der Herrscher des Waldes zusammenbrach. Erst knickten seine Vorderläufe ein und mit ihnen sank sein Kopf mit dem gewaltigen Geweih auf den Boden, der Rest seines mächtigen Körpers folgte kurz darauf. Als seine Jäger sich ihm näherten, raffte er seine ganze Kraft zusammen. Es gelang ihm, sich kurz aufzurichten, doch seine Vorderbeine trugen sein Gewicht nicht mehr, er brach erneut zusammen und blieb zuckend auf dem feuchten Waldboden liegen. Mit großen Augen blickte er verwundert die vier jungen Männer an, als wolle er nicht glauben, dass diese ihn zur Strecke gebracht hatten.
Gespannt und in respektvoller Entfernung stehend betrachteten ihn Hirgelo, Gilger und Namos, als wollten sie ihm die letzte Ehre erweisen. Öcetim wollte nicht auf das bald bevorstehende Ende des Herrschers des Waldes warten, sondern ihm mit einem raschen Schnitt die Kehle durchschneiden. Mit seinem Messer in der Hand umschlich er den sterbenden Hirsch. Von dem Bullen unbemerkt, war er hinter dessen Rücken getreten.
Mit seiner linken Hand drückte er das prächtige Hirschgeweih nieder und überstreckte dadurch den Hals des mächtigen Tieres, während seine rechte Hand das Messer zum Hals des Hirsches führte. Mit einem letzten, nicht mehr erwarteten Aufbäumen senkte der Hirsch sein Haupt, um es dann plötzlich nach hinten zu werfen. Damit benutzte er sein großes Geweih zum letzten Mal als Waffe. Eine der Geweihspitzen bohrte sich in Öcetims linke Brust, eine andere in den Oberarm seiner Messerhand. Laut vor Schmerzen schreiend ließ Öcetim das Messer fallen. Zum letzten Mal röhrend, sank der Kopf des Herrschers des Waldes auf den Boden, ein letzter Atemzug, ein letztes Zucken durchlief seinen mächtigen Körper – dann war er tot.
Alles im Wald war plötzlich still geworden, als hätten selbst die Vögel aus Ehrfurcht vor dem Tod des Herrschers des Waldes ihr Gezwitscher eingestellt. Fassungslos blieben Namos, Hirgelo und Gilger wie angewurzelt stehen, Öcetim fasste sich an die verletzte Brust und begann leise zu jammern. Glücklicherweise hatte die Geweihspitze nicht sein Herz getroffen. Dunkelrotes Blut tropfte aus seiner linken Brustseite und seinem Arm, doch schien er zu überleben. Mit einer leichten Drehung löste er sich von der Geweihspitze und legte sich auf das weiche Moos des Waldbodens.
„Du wolltest der Hirschtöter sein, stattdessen warst Du ein Käfer; aufgespießt auf einem Hirsch.“ Hirgelo fand als erster seine Sprache und seinen Humor wieder. Namos untersuchte Öcetims Wunden, drückte feuchtes Moos darauf und band es mit ein paar Lianen zu einem Druckverband zusammen. Nachträglich baten sie den toten Hirsch um Verzeihung für ihre Jagd und legten ihm einen Zweig ins Maul als Dankeszeichen für seinen Tod.
Sie schlitzten dem Hirsch den Bauch auf, nahmen seine Gedärme heraus und stapelten Herz, Lungen, Leber und Nieren auf einem großen sauberen Stein. Fliegen umschwirrten sie und ließen sich in den Pfützen aus tierischem und menschlichem Blut nieder. Sie trennten den Kopf mit dem gewaltigen Geweih ab, Hirgelo wollte schon den Schädel aufschlagen, um an das Hirn zu kommen. Denn rohes Hirn schmeckt nicht nur köstlich, sondern soll auch die Kraft und das Wissen des Toten weiter geben.
„Halt“, rief Namos, „das bewahren wir für die Götter auf! Gilger und ich bringen den Körper in unsere Höhle, wo wir ihn weiter verarbeiten können, Hirgelo nimmt die Innereien und sucht unsere Waffen wieder zusammen. Wir treffen uns in der Höhle, der verletzte Öcetim bleibt einstweilen hier.“
Der Kopf mit dem prächtigen Geweih lag auf einem großen Felsbrocken, Öcetim konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Hirschbulle mit seinen großen toten Augen ihn direkt ansehe. Ihm wurde ganz schummerig. Ob es am Blutverlust lag? Oder ob der Herrscher des Waldes mit ihm sprechen wollte? Öcetim setzte sich auf und versuchte eine straffe Haltung anzunehmen.
„Du hast mich getötet“, schien der tote Hirschkopf zu sagen. „Warum? War mein Fleisch der Grund, dass ihr mich getötet habt?“
Öcetim schluckte. Redete der Herrscher des Waldes mit ihm? War der Hirschbulle nicht tot?
„Ihr hattet keine Erlaubnis mich zu jagen! Vielleicht hätten die Götter sie Euch gegeben, wenn Ihr sie gebeten hättet.“
Öcetim fühlte sich unwohl an diesem Ort, das lag nicht nur an den vielen Fliegen, deren Surren ihn verrückt zu machen drohte. Er fragte sich, ob es vielleicht noch helfen könnte, die Götter nachträglich um Erlaubnis zu bitten und speziell dem Hirschgott ein Opfer zu bringen.
Bevor er den Gedanken zu Ende bringen konnte, fuhr der Hirsch fort: „Ich, der Herrscher des Waldes, bin nun nicht mehr auf dieser Welt. Aber auch nicht in der Oberwelt, wo nie Winter herrscht und es immer genug zu fressen gibt, wo auch andere Tiere leben und sogar manche ausgezeichnete Menschen. Doch Du hast mir den Weg in die immergrüne Oberwelt abgeschnitten.“
Öcetim seufzte tief. Er fühlte, wie sich eine schwere Last auf sein Herz senkte. ʼBin ich nun verloren? Was will der Bulle ausgerechnet von mir?ʼ Schuldbewusst blickte er zu Boden, wagte nicht, in die toten Augen des Hirsches zu blicken. ʼOb es nicht doch eine Möglichkeit gibt, dem Hirsch auf seinem Weg ins Reich der immer satten und glücklichen Tiere zu helfen?ʼ fragte er schließlich leise.
„Es gibt Möglichkeiten, wenn die Götter es wollen, das aber liegt nicht in meiner Hand, auch wenn ich der Herrscher des Waldes bin, das liegt nur bei Dir und Deinen Freunden“, brummelte der Hirsch. Er blickte ihn durchdringend an: „Ihr werdet alle Opfer bringen müssen, nur so wird es einen Weg für mich in die Oberwelt und vielleicht auch Vergebung für Euer schändliches Handeln geben können.“
Immer mehr Fliegen surrten um Öcetim herum, stachen ihn und labten sich an seinem Blut. Seine Beine und seine Arme begannen zu zucken, er konnte nichts dagegen tun, dann sackte er zusammen.
Namos, Gilger und Hirgelo kehrten erst spät zurück, sie hatten zuvor den Hirsch abgehäutet und sein Fleisch weit oben in der Höhle zum Schutz vor Aasfressern aufgehängt. Gilger und Hirgelo zimmerten aus dicken Ästen und Zweigen eine behelfsmäßige Trage und transportierten ihren wirr phantasierenden Freund zurück in die Höhle. Namos trug auf seinem Kopf den Hirschkopf mit dem mächtigen Geweih, so dass er wie ein lebender Hirschgott aussah. Zu Hause flößte er Öcetim Wasser ein und kochte aus den Überresten einer Ente eine Suppe, die Öcetim wieder Kraft geben sollte. Öcetim redete in seinen wirren Fieberträumen unverständliches Zeug von einem Hirschparadies, welches dem Herrscher verwehrt werde und dass sie alle sterben müssten. Auch am nächsten Tag ging es ihm trotz ihrer Fürsorge nicht besser. Kaltschweißig ruhte Öcetim auf einem gepolsterten Lager, sein Atem ging schwer. „Wir müssen etwas tun, sonst wird er noch sterben. Wir müssen Hilfe holen“, sprach Gilger.
Die gesamte Großfamilie kam, die beiden Männer, die drei Frauen, die weißhaarige alte Frau, die zwei Buben, die etwas jünger als sie waren und auch De Thuate, das Mädchen mit den langen blonden Haaren und smaragdgrünen Augen. Sie brachten ein Bündel mit Kräutern und ein Gefäß mit einer bräunlichen Flüssigkeit mit. Nach einer herzlichen Begrüßung setzten sich die Männer ans Lagerfeuer, während sich die Frauen Öcetim zuwandten, der immer noch im Fieberwahn vor sich hin phantasierte.
Eine der beiden Frauen entfernte den behelfsmäßigen Verband, das Moos war völlig mit altem Blut getränkt, die Wunde an der Brust war schmierig belegt und verströmte einen üblen, leicht süßlichen Geruch. „Das muss eröffnet werden“, meinte die Alte und zog ihr Messer aus der Tasche. Bevor sie noch jemand hätte hindern können, stach sie in Öcetims verletzte Brust und mit einer schnellen Drehung des Messers erweiterte sie die kleine Wunde, süßlich stinkender Eiter ergoss sich aus ihr. Öcetim schrie kurz auf, fiel dann gleich wieder in Ohnmacht.
„Wir haben den Hirschgott nicht um seine Erlaubnis gefragt und den Göttern vorher auch nicht geopfert,“ begann der verzagte Namos.
Dies anscheinend einfach überhörend, wies die Alte Namos an: „Gib ihm dies regelmäßig zu trinken. Er wird bald wieder aufwachen. Das ist ein Sud aus Weidenrinde, in den ich Schimmel und Honig gelegt habe. Es wird noch ein paar Tage dauern, doch er wird es überleben. Täglich müsst Ihr ihn mit frischen Weidenblättern verbinden und darauf achten, dass sich die Wunde nicht schließt. Und ihr müsst ihm täglich auch diesen Sud aus Kräutern geben.“ Sie öffnete ihr Bündel und drückte Namos die mitgebrachten Heilpflanzen in die Hand.
Danach setzten sich die Frauen zu den Männern ans Feuer, Hirgelo und Gilger schleppten den schweren Hirschkörper aus der Höhle und legten ihn auf ein vorbereitetes Gestell, um ihn langsam über dem Feuer zu rösten. „So ein großes Stück Fleisch könnte auch als pachatera zubereitet werden“, schlug De Thuate vor. „Wir heben ein großes Loch aus, schlagen es mit großen Blättern aus, legen heiße Steine hinein und dazwischen immer wieder eine Schicht Fleisch, dann wieder heiße Steine, dann essbare Wurzeln, wieder Steine, wieder Fleisch und so weiter. Dann breiten wir große Kastanienblätter drüber, schaufeln das Ganze zu und lassen es in der Erde garen.“
„Ja, so machen wir das, mit wilden Äpfeln, Pilzen und Beeren dazu, es wird ein Festmahl werden“, wusste Momola.
„Das ist Beverob“, erklärte der jüngere der beiden Männer und goss die bräunliche Flüssigkeit aus dem Gefäß in einen Becher. „Probiert mal, es schmeckt etwas säuerlich, aber es entspannt und regt den Geist zum Fliegen an, für mich gibt es nichts Besseres.“
Momola erklärte, dass Beverob aus vergorenem Obst hergestellt werde, indem man dieses zermansche, mit Wasser mische, lange ziehen lasse und schließlich die gröberen Teile abschöpfe. Währenddessen spannte sie das Hirschfell über ein hölzernes Gestell und schlug die rasch angefertigte Trommel. De Thuate sang diesmal, der Schmelz ihrer jugendlichen Stimme ging unter die Haut, mit ihrem glockenhellen Gesang erreichte sie die Gemüter ihrer Zuhörer. Der schlafende Öcetim schien sie ebenfalls zu hören, denn er seufzte mehrfach vernehmlich und streckte sich. Wie sein ausgebeulter Lendenschurz vermuten ließ, hatte seine Träume nun andere, wohligere Themen zum Inhalt.
Das Feuer war schon fast nieder gebrannt, als die Alte auf das versäumte Opfer an die Götter zu sprechen kam. „So einfach werdet ihr es nicht haben. Die Götter sind erzürnt, sie haben sich an Öcetim gerächt und bestimmt wollen sie nun ein weiteres Opfer.“
„Warum hattet ihr es ausgerechnet auf den Bullen abgesehen? Warum nicht eine Hirschkuh oder ein junges Kalb mit seinem besonders zarten Fleisch?“, fragte sie.
„Ihr wolltet Euch etwas beweisen, nicht wahr? Oder vielleicht auch meine De Thuate beeindrucken?“ meinte der jüngere der beiden Männer, dem nicht entgangen war, wie Gilger und Hirgelo damals die Aufmerksamkeit seiner Tochter zu erregen versucht hatten.
Plötzlich begann die Alte wie in Trance zu surmeln. „Es wird in den nächsten Nächten etwas ganz Sonderbares geschehen, es kann gut sein oder auch böse.“
Noch in derselben Nacht wanderte die freundliche Familie wieder zurück in ihre Hütte. De Thuate aber kam schon am nächsten Morgen wieder, um sich um den kranken Öcetim zu kümmern. Sie gab ihm den heilenden Sud aus den Kräutern ihrer Großmutter, fütterte ihn mit fetter Suppe, wechselte seinen Wundverband, legte Beinwellblätter auf und wusch ihn mit warmem Wasser. „Morgen besuche ich Dich wieder“, flüstere sie ihm zu und hauchte einen Kuss auf seine Stirn. De Thuate kam nun täglich um Öcetim zu pflegen. Der verkniff sich bei den Verbandwechseln jedes Zeichen von Schmerz und genoss es, wenn das blonde Mädchen seinen Körper wusch, er stellte sich kränker und hilfsbedürftiger als er war. De Thuate entging dies nicht, auch sie genoss seine Gegenwart, ihre Waschzeremonien wurden immer ausgiebiger, ihre Hände immer mutiger. Bis Öcetim, der inzwischen wieder einigermaßen zu Kräften gekommen war, sie an sich zog und sie auf den Mund küsste. Ein wohliger Schauer durchfuhr sie, als seine Hände über ihre Brüste glitten und sie liebkosten. „Warte noch, noch bist Du nicht ganz gesund. Und Deine Freunde sind auch nicht weit, schau, da kommt wie zufällig Gilger vorbei.“

Die erste richtige Kälte ließ den bereits kommenden Herbst ahnen. Noch fiel kein Schnee, es wehte kein Wind. Als der Mond an diesem klaren Abend über den Fichten auftauchte, war er von ungewöhnlicher grünweißer Farbe.
Dies war die vorhergesagte Nacht. Die Nacht für das Opfer, die Nacht um die Götter zu versöhnen. Sie holten den Hirschkopf aus dem Inneren der Höhle, wo er die ganze Zeit über auf seine Bestimmung gewartet hatte. Rasch wurde auf einer kleinen Anhöhe ein Gerüst aufgebaut, an dessen Spitze der Hirschkopf mit Gehirn und Geweih befestigt wurde. Trockenes Holz wurde unter das Gerüst geschichtet und angezündet. ʼDas Feuer und der Rauch mögen Dich, großer und edler Hirsch, in das Reich der immer satten und glücklichen Tiere tragenʼ, betete Öcetim still. Helle Flammen loderten zum mächtigen Haupt des Tieres empor, das prächtige Geweih fing Feuer und tauchte den Platz in ein gespenstisches Licht. Unter schrecklichem Gestank brannte es langsam nieder, bis nur ein verkohltes Gerippe übrigblieb. Die Götter hatten anscheinend ihr Opfer angenommen! Das Gleichgewicht schien wieder hergestellt! Vor Dankbarkeit und Freude banden sie sich frische Zweige ins Haar und tanzten ausgelassen zum Lob der Hirsche, immer wilder tanzten sie um das Feuer. Irgendwoher kam Beverob und kreiste von Einem zum Anderen, alle tranken so viel sie konnten, die Stimmung wurde immer ausgelassener, bis sie sich schließlich betäubt von dem berauschenden Getränk auf den Boden fielen und bald einschliefen.
De Thuate und Öcetim hatten sich beim Beverobtrinken zurückgehalten, sie entfernten sich vom Ort des allgemeinen Besäufnisses, Hand in Hand wanderten sie in der mondhellen Nacht zum See. „Diese Nacht ist etwas Besonders!“ Öcetim drückte De Thuate liebevoll an sich. „Die Anderen sind jetzt sicher müde.“ Öcetim lenkte ihre Schritte zu einer kleinen mit Moos bewachsenen Mulde. „Die Götter sind gnädig und sie sind mit uns.“
Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und presste seine Lippen auf ihren Mund. Sie überließ sich seinem Kuss und öffnete ihre Lippen, er zog sie eng an sich. Sie spürte das Klopfen seines Herzens an ihrer Wange. De Thuate fühlte sich wie benommen und aufgewühlt zugleich. Er half ihr aus ihren Kleidern und entledigte sich auch rasch seiner Bekleidung. Öcetim liebkoste ihre Brüste, wie von selbst streichelten De Thuates Hände seine kräftigen Schultern und seinen Rücken, glitten zu seinem Bauch hinunter. Eine Woge der Lust überflutete sie, trug sie davon und sie glaubte in seinen Küssen zu ertrinken, sie flüsterte seinen Namen, ihr Körper nahm ihn hungrig auf, wildes Verlangen durchströmte sie. Sie bewegten sich im gleichen Rhythmus und beide spürten das Hin und Her des pulsierenden Stroms des Lebens.
Ihren ermatteten Liebhaber zärtlich und voller Liebe streichelnd, blieb sie noch eine Weile eng bei ihm liegen. „Komm“, sagte sie, stand auf und reichte ihm die Hand, um ihm aufzuhelfen. „Lass uns baden.“ Sie stiegen in den See, bis das Wasser ihnen bis zur Taille reichte, Öcetim zog sie fest an sich und küsste sie. „Jetzt will ich schwimmen“, sagte sie, löste sich von ihm und schwamm mit kräftigen Zügen in den See voraus zu einer kleinen schilfbewachsenen Insel. Dort stellte sie sich in ihrer ganzen Nacktheit hin und blickte ihn verlangend an. Sie ging ihm entgegen und als sie sich im seichten Wasser trafen, nahm er ihre Hand und führte sie aus dem Wasser heraus auf den Strand der Insel. Sie küssten sich wieder, und als sie ihre Brüste, ihren Bauch und ihre Schenkel an seinen Körper presste, war ihm, als schmelze sie in seinen Armen.
„Dies soll unser Ort sein“, meinte Öcetim. „Hierher werden wir immer wieder kommen.“ Überglücklich wateten sie ins Wasser und schwammen ruhig zum Strand zurück.
ʼDas war ein Geschenk des Himmelsʼ, dachte De Thuate. ʼDie Götter meinen es gut mit uns.ʼ Sie hatte schon von eigener Hand Befriedigung erlebt, aber solch ungeahnte Höhen der Lust hatte sie noch nie erklommen, und sie wunderte sich, dass sie Muskeln hatte an Stellen, wo sie nie welche vermutet hätte.
Schnarchend schliefen die Männer und die Alte, nur Momola und ihre Schwägerin waren noch wach und unterhielten sich. Sie unterbrachen kurz ihr Gespräch und lächelten die beiden freundlich an. De Thuate hob grüßend ihre Hand, führte Öcetim in die Höhle und in ihrem gemeinsamen Lager schmiegte sie sich eng an ihn.
XI
Sie waren noch nicht richtig wach und den meisten brummten noch die Schädel vom ausgiebigen Beverobgenuss, als lautes Geschrei sie abrupt aus dem Schlaf riss. „Ihr elenden Räuber, ihr räudiges Gesindel, Ihr habt unsere Höhle benutzt, das habt Ihr zu büßen.“ Mit lautem Rufen stürmte ein knappes Dutzend halbnackter Männer mit bemalten Körpern auf sie zu, ihre pechschwarzen Haare hatten sie bis auf einen schmalen Streifen in der Mitte des Schädels geschoren.
Dem Vater und dem Onkel De Thuates, die sich vor der Höhle zum Schlafen hingelegt hatten, steckten schon Speere im Leib. Tot waren sie noch nicht. Sie versuchten, zu ihren Waffen zu kriechen, erreichten sie aber nicht mehr. Kurz bevor sie ihre Waffen greifen konnten, wurde De Thuates Vater mit einer scharfen Steinaxt der Arm abgetrennt und dem anderen der Kopf gespalten. Die Alte hob fürchterlich zu kreischen an, bis ein brutaler Beilhieb sie verstummen ließ. Gilger und Hirgelo rieben sich noch verwundert die Augen, als sie von harten Hieben nieder gestreckt wurden.
Die beiden Jungen hatten offenbar überhaupt nichts mehr bemerkt. Sie lagen mit eingeschlagenen Schädeln auf dem Lagerplatz, aus ihren Köpfen rann Blut auf den Boden. Nur mit Messern bewaffnet warfen sich Momola und ihre Schwester Akaba den Angreifern entgegen, doch vergeblich. Mit Holzkeulen wurden sie bewusstlos geschlagen, bevor sie ihre Gegner erreicht hatten und ihnen ihre Messer in den Leib hätten stoßen können.
Noch hatten die Krieger Öcetim und De Thuate im Inneren der Höhle nicht entdeckt. Das Liebespaar hielt sich ängstlich umschlungen und musste hilflos mitansehen, wie aus dem Arm von De Thuates Vater das hellrote Blut spritzte und Namos von einer Keule getroffen bewusstlos zusammensackte. Sie verzogen sich weiter nach hinten in die Höhle, wo sie zuvor roh bearbeiteten scharfkantigen Feuerstein gefunden haten, der sich zur Not als Waffe eignen würde. Sie hofften auf einen Überraschungsangriff, nur dann hätten sie die Chance, der ungleichen Übermacht mit Aussicht auf Erfolg zu begegnen.
Hirgelo und Gilger begannen sich wieder zu regen. Doch kaum hatten die Feinde dies bemerkt, erhielten sie schwere Faustschläge auf den Kopf und in den Unterleib. Andere zogen Momola und ihre Schwester wüst aus der Höhle, um ihnen Hände und Füße zu binden. Gilger, Hirgelo und Namos erging es ebenso, brutal wurden sie nach außen gezerrt, geschlagen und getreten und schließlich mit festen Stricken an Bäume gebunden.
Ihre Freunde waren entweder gefesselt oder tot, auch De Thuates Vater atmete nicht mehr, er war verblutet. De Thuate wurde übel, sie war kurz davor sich zu übergeben. „Lieber tot als Gefangene von diesen Monstern“, flüstere De Thuate und umklammerte die scharfkantige Steinscheibe so fest, dass sie sich in die Hand schnitt. Öcetim hatte einen schweren Feuersteinkeil genommen. „Aber wir nehmen so viele wie möglich von denen mit in den Tod.“ Neben sich hatte er einen nahezu runden Steinbrocken gelegt, der sich zur Not als Wurfgeschoss eignete. Von einander Abschied nehmend, schauten sie sich tief in die Augen und hauchten ein letztes Mal ihre Namen.
„Auf drei“, flüsterte Öcetim. Mit Tränen in den Augen und dem Mut der Verzweiflung stürzten sie aus ihrem Versteck hervor. De Thuate hieb ihre Steinscheibe einem verdutzten Angreifer in die Seite, so dass der blutend und vor Überraschung laut schreiend zusammen brach. Öcetim erwischte mit seinem Feuersteinkeil den Kopf eines Mannes, der schon die Höhle nach Wertgegenständen durchsuchte. Er traf ihn an der Schläfe und brachte ihm so einen schnellen Tod, doch weiter kamen sie nicht. Nach der ersten Überraschung hatten sich die kampferfahrenen Männer schon wieder gefasst. Ein Hagel von Steinen prasselte auf Öcetim und De Thuate nieder.
Taumelnd fielen sie zu Boden und wurden sofort überwältigt, mit derben Tritten und Hieben verschafften die Männer ihrer Wut Luft. Überall blutend wurden De Thuate und Öcetim über den felsigen Boden der Höhle nach draußen geschleift. „Ihr räudigen Wölfe“, „Ihr feigen Säcke“ wurden sie beschimpft. „Euch werden wir Respekt vor den Urugels lehren!“
Grob wurden beide zusammen an einen Baum gezerrt und daran gebunden. Hände und Füße wurden ihnen so stark gefesselt, dass die Stricke sich blutig in ihr Fleisch drückten. Die Sprache der Urugels war rauh und auch ihre Worte klangen irgendwie eigenartig, waren aber ihrer eigenen Sprache durchaus ähnlich. Doch obwohl Öcetim und De Thuate nicht alles verstanden, konnten sie anhand der Mimik und der eindeutigen Gesten die Absichten der Urugels deuten.
Namos, Gilger und Hirgelo sowie auch die beiden Frauen waren durch den Tumult wieder aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht. „Unsere Söhne, unsere Männer, die Mutter, sind sie alle tot?“ Sie wollten es nicht glauben und riefen verzweifelt ihre Namen, mit heftigen Schlägen wurden sie zum Schweigen gebracht. „Hier sprechen nur wir, wir sind die Urugels. Die Welt hat zu schweigen, wenn wir das wollen. Wir sind die Herren der Welt!“ riefen sie und tanzten um das neu entfachte Feuer. Der von De Thuate verwundete Urugel gab sich keine Blöße vor seinen Kumpanen. Seine verletzte Flanke mit den Händen schützend, hüpfte auch er mit hölzernen Bewegungen umher. Wie Betrunkene und ohne Zeichen von Trauer um ihren toten Kameraden sangen sie laut, durcheinander:
„Ohne Land und ohne Vieh - sind wir auf dieser Welt. Wir hungern nie - und nehmen uns, was uns gefällt!“
„Wir wussten nicht, dass Euch die Höhle gehört“, versuchte Namos entschuldigend zu klären.
„Du dummer Gänserich“, schrie ihr Anführer und hieb ihm mit seiner Keule auf den Kopf, Blut rann aus der tiefen Kopfwunde und Namos fiel erneut in Bewusstlosigkeit. „Wir wollen keine Erklärungen hören, wir bringen Euch auch so um! Kein Wort mehr von Euch!“
„Nein“, flüsterte De Thuate, als sie merkte wie einer der Urugels mit finsterer Miene und festen Schritten auf sie zukam. Sie drückte sich noch fester an den Baum, weil sie dadurch Öcetims Nähe spüren konnte. Der Urugel stürzte sich auf sie, riss sie von ihren Fesseln los und zerrte sie an den Haaren mitten auf den Platz neben das Lagerfeuer. „Du bist zwar keineswegs nach meinen Geschmack“, rief er roh. „Knochig, hässlich und bleich bist Du. Ich liebe dralle Frauen, die rund und gut zu nehmen sind. Aber Dich nehme ich heute trotzdem!“ Er presste sie an seine Brust, sein grobschlächtiges Gesicht und sein übel riechender Mund kamen ihr immer näher. De Thuate wehrte sich, bekam einen Arm frei und hieb ihm ihre Faust mitten auf den geifernden Mund. Es knirschte und sie sah wie er einen Zahn ausspuckte, der Urugel drosch nun wie besessen auf sie ein. „Damit ist jetzt Schluss“, brüllte er. „Du wirst erleben, wer Dein Herr und Meister ist. Nämlich ich, Mirkulo!“
Er zwang sie auf den Boden, riss ihr die Kleider vom Leib und schlug sie wieder brutal in Gesicht und Bauch, während er sich zwischen ihre Beine kniete und sie grob auseinanderschob. De Thuate schrie entsetzt auf. Ihr wurde speiübel, als sich sein schmutziger Körper auf sie legte, sein stinkender Atem nahm ihr die Luft. Vor Schmerzen wie von Sinnen schrie De Thuate nochmals auf, als er sein Geschlecht in sie stieß, doch ein kräftiger Hieb brachte sie endgültig zum Schweigen.
Namos, Hirgelo und Gilger zerrten an ihren Fesseln, konnten aber nichts ausrichten. Ohnmächtig mussten sie die brutale Machtdemonstration der Urugels mit ansehen. Öcetim hing wie tot in seiner Fesselung, bleich und mit verdrehten Augen, sein Bauch zuckte gelegentlich, er musste erbrechen. Momola und Abaka klagten laut, sie litten mit ihrer kleinen Schwester De Thuate, tränenüberströmt baten sie die Urugels um Gnade. Doch statt Gnade walten zu lassen, kamen vier Männer auf sie zu, rissen auch sie zu Boden, schlitzten ihre Kleider auf und schlugen sie halb bewusstlos. Zu zweit jeweils fielen sie über die armen Frauen her. Schluchzend lagen sie auf dem Boden und mussten die Urugels gewähren lassen.
Mirkulo pumpte wie ein Käfer, dann fiel er wie ein nasser Sack von der vor Schmerz fast irre gewordenen De Thuate und rollte sich zur Seite. „Du bleibst genauso liegen“, befahl er ihr. „Mit Dir sind wir noch lange nicht fertig.“ Zwei andere Urugels, die bisher die Gefangenen im Auge behielten, entledigten sich nun auch ihrer Beinkleider und fielen einer nach dem anderen über die inzwischen bewusstlose De Thuate her. Auch an Momola und an Abaka hatten sich noch nicht alle Urugels befriedigt; auch sie mussten noch mehrere Männer mit ihren geschundenen Körpern zufrieden stellen.
Inzwischen hatte die Sonne ihren Höchststand erreicht, Hunger und Durst quälte die Überlebenden, die noch immer gefesselt an den Bäumen hingen. Schlimmer aber war noch das Leid der vergewaltigten Frauen miterleben zu müssen und die Schmach, dass sie ihnen nicht hatten zu Hilfe kommen können, dass sie dem wüsten Treiben der Urugels hatten ohnmächtig zusehen müssen. Die Frauen waren wieder gefesselt worden, blutbeschmiert und bewegungsunfähig lagen sie auf dem Boden, ihre leeren Augen blickten ausdruckslos zu Boden. Immerhin hatten die Männer ihnen ihre Kleider übergeworfen, so dass sie nicht nackt ihren Blicken ausgesetzt waren. Die Frauen fühlten sich sterbenselend. Sie waren erniedrigt und missbraucht worden, vor den Augen aller. Am Rande des Lagerplatzes ragte das verkohlte Gerippe des Hirschgeweihs wie ein Menetekel von seinem erhöhten Platz, als wolle es diesem schlimmen Schauspiel beiwohnen. Hatten ihnen die Götter den Tod des Herrschers des Waldes doch nicht verziehen?
Die Urugels hatten sich inzwischen über die Reste der übrig gebliebenen Mahlzeit hergemacht. „Auf, ihr lahmen Wichte“, riefen sie Öcetim, Namos, Hirgelo und Gilger zu. „Grube ausheben!“ Zwei Urugels banden sie los und gaben ihnen Grabstöcke in die Hand. „Unser Gefährte ist zu begraben“, raunzte ihnen Mirkulo zu. „Und den da drüben“, er deutete auf Öcetim, „den stecken wir gleich zu ihm ins Loch, damit er im Tod wenigsten einen Sklaven hat.“ Mit hölzernen Grabstöcken machten sich die vier durch Schläge, Hunger und Durst geschwächten Freunde an die Arbeit. Der Boden war hart und trocken, so dass sie mit der schweren Arbeit nur langsam vorankamen.
„Ich will’s Euch zeigen“, schnaubte Mirkulo und zog mit einer rasch aus Lindenbastfasern gefertigten Peitsche über Öcetims Rücken. Endlich hatten sie eine große mannstiefe Grube ausgehoben, völlig entkräftet setzten sie sich auf de Boden. „Nichts da, weiter geht’s. Da liegen noch ein paar dreckige Freunde von Euch herum.“ Die zweite Grube musste ebenfalls so groß wie die für den toten Gefährten der Urugels werden, aber nur halb so tief. „Für diese Drecks-Kreaturen genügt das“, riefen sie hämisch den vier Freunden zu, die völlig ausgelaugt auf dem Boden lagen, unfähig zu Widerspruch.
Das Grab des Urugels hatten sie mit frischem Grün auszukleiden und den Leichnam darauf zu betten. „Den Kopf genau nach Osten, Du Trottel!“ schrie Mirkulo. In das Grab wurden seine Waffen, seine Schuhe aus Hirschleder, sein Halsband mit schwarzen und roten Steinperlen, ein abgegriffener Hornbecher und direkt neben ihm sein verzierter Speer, seine Keule aus Eichenholz und zwei Feuersteinklingen gelegt. Dies sollte auch im Jenseits belegen, dass der Tote ein wohlhabender und geachteter Krieger gewesen war. „Das genügt!“ schrie Mirkulo. „Den Sklaven dort, den bekommt er doch nicht!“ befahl er auf Öcetim deutend. „Der kommt nicht in sein Grab, den können wir selber gut gebrauchen.“
Schweigend umstanden die Urugels das Grab, ihre Gefangenen hatten vor dem offenen Loch zu knien. „Der Durchgang zwischen Leben und Tod ist offen, mein Gefährte. Schreite mutig voran, hinauf zu unserem Vater, der strahlenden Sonne“, murmelte Mirkulo. „Geh zu ihm, ins Reich der himmlischen Geister, dort ist nun Dein Zuhause. Aber bleibe dort! Zurückkehren kannst Du nur durch den Schoß einer Frau als neugeborener Knabe. Wandere mit der Sonne, aber nicht auf dieser Welt hier unten. Begleite uns auf unseren Beutezügen von oben – vom Ort wo die himmlischen Geister wohnen. Aber bleibe dort und verfolge uns nicht auf unserer Welt!“
Die Urugels lauschten den Worten ihres Anführers, steckten ihre Arme der hoch am Himmel stehenden Sonne entgegen und tanzten mit wilden Gesängen um das Grab ihres toten Gefährten. Jeder von ihnen riss einen Teil seiner Haare aus und warf ihn als Zeichen seiner Verbundenheit mit dem Toten ins Grab. “Hier hast du ein Andenken an uns. Totes schwarzes Haar. Damit Du uns von weit oben noch erkennen kannst. Du sollst oben bleiben, oben bleiben, oben bleiben – und keine Macht über uns haben.“
„Die anderen Kerle und die Alte in das zweite Loch!“ herrschte Mirkulo die vier Freunde nach einer Weile an. „Auf, auf! Nicht faul, ihr Lumpen!“ Namos und Öcetim begannen zuerst die alte Frau behutsam zu dem zweiten Loch zu tragen. Sie wollten sie in Seitenlage mit angehockten Beinen in ihr Grab legen, so als wolle sie lediglich schlafen. Als sie ihr auch noch ihre wenige persönliche Habe hinzu geben wollten, bekam Mirkulo einen Tobsuchtsanfall. Er zog ihnen seine Peitsche über die gebückten Rücken und schrie, dass die ganzen Gerätschaften und auch der Schmuck allein den Urugels gehören.
Sie schlossen die ausdruckslosen Augen der Toten und beschwerten die Lider mit kleinen Steinen, das war alles, was ihnen die Urugels gestatteten. Stumm empfahlen sie ihre toten Freunde den jenseitigen Mächten, auf dass sie in der anderen Welt glücklicher seien, dass sie dort in einer Welt ohne Feinde und ohne Gier und Habsucht leben könnten. Ohne weinen zu können, verharrten sie kurz vor dem offenen Grab, während die gebunden am Boden liegenden Frauen vor Trauer und Entsetzen schluchzten. Schließlich hatten sie die beiden Gräber zuzuschaufeln und auf das Grab des Urugels einen schweren Stein zu wälzen. Anschließend wurden sie wieder an die Bäume gefesselt, während die Urugels zur sich schon rötlich färbenden Sonne schauten, sich ins Gras setzten und beratschlagten.
Am nächsten Morgen durften sich die Gefangenen unter Bewachung durch zwei Urugels im See waschen, bekamen kleine im Feuer gebratene Nagetiere und ausgerissene Schilfwurzeln zu essen. „Ihr sollt es gut haben bei uns“, grinste Mirkulo sie an. „Und uns als kräftige junge Männer einen guten Preis bringen.“
„Doch die Frauen behalten wir“, ergänzte ein anderer Urugel, indem er gierig auf die halbnackten Frauen starrte und sein Becken provozierend in Richtung von De Thuate bewegte.
Mit festen Stricken wurden die Gefangenen an den Hälsen aneinander gebunden. Jeder der Gefangenen hatte einen schweren Packen zu schleppen, weil ihnen auch die Sachen aus dem Lager der Urugels aufgeladen wurden. Es war ihnen untersagt, zu reden oder den Urugels ins Gesicht zu schauen, doch sie erhielten ausreichend Nahrung.
Deprimiert und ohne Hoffnung auf eine absehbare Änderung ihrer unerträglichen Situation, trotteten die vier Freunde und die drei Frauen in Richtung der untergehenden Sonne. Erniedrigt, gefesselt und von den Urugels streng bewacht schritten sie dem Tod entgegen, so kam es Namos vor. So viel er auch nachdachte, er sah keine Möglichkeit einer Flucht, schon gar nicht mit den Frauen zusammen. Zumal sich bei genauerer Betrachtung schnell herausstellte, dass sie bei einer Flucht nicht weit kommen würden, selbst wenn sie die zähen Fesseln durchschneiden und sie schneller laufen könnten. Denn die Urugels waren gute Fährtenleser und Jäger, was sie durch ihre Jagderfolge täglich bewiesen.
De Thuate wurde nachts immer wieder von einem oder gar mehreren Männern mit Gewalt genommen, ihr Blick war leer geworden, als ob sie in einer anderen Welt lebte. Obwohl sie nur leichtes Gepäck zu tragen hatte, schleppte sie sich mühsam vorwärts. Sie war innerlich und körperlich verletzt, wies jede freundliche Geste zurück, niemandem konnte sie ins Gesicht schauen. Sie hatte das Gefühl, dass sie das Unglück über die gesamte Gruppe gebracht habe, hätte sie sich damals - es erschien ihr wie eine Ewigkeit – Öcetim nicht hingegeben, dann würden ihr die Urugels nicht jede Nacht Gewalt antun. Diese absurden Gedanken beherrschten sie Tag und Nacht. Sie war so verzweifelt und fühlte sich jeglicher Hoffnung beraubt, so dass sie am liebsten auf der Stelle gestorben wäre. Die beiden älteren Frauen schwiegen, nur manchmal rang sich ein Schluchzen aus ihren Kehlen. Sie konnten ihre Schmach nicht verwinden und die Trauer um ihre Männer und die beiden Jungen lag schwer auf ihren Seelen.
Öcetim, der sonst gerne andere Leute in ein Gespräch verwickelte und so Lösungsmöglichkeiten auslotete, war in eine tiefe Traurigkeit verfallen und blieb stumm. Über sein Gesicht hatte sich ein dunkler Schatten gelegt, seine Augen starrten ausdruckslos ins Leere. Gesenkten Hauptes stapfte er Schritt für Schritt voran. Sie waren der Plackerei in der Kupfermine entronnen, sie hatten am See ein freies und wildes Leben geführt, aber leider nur für kurze Zeit. Er war mit De Thuate zusammen gewesen, hatte sich den schönsten Hoffnungen hingegeben, schon von einer eigenen Familie mit der schönen De Thuate als seiner Frau und Mutter von vielen gemeinsamen Kindern geträumt. Er hatte gehofft auf ein Leben in einer friedlich zusammenlebenden Sippe, von gelungenen Jagden und von einem ihm treu ergebenen Hund. Ziegen und Schafe wollte er haben und ein angesehenes Mitglied in seinem Stamm sein. Aber nein, dachte er verzweifelt, jetzt ist alles vorbei.
ʼDer Hirsch, der Hirsch, wir hätten den Hirsch nicht töten dürfen.ʼ so dröhnte es bei jedem Schritt in seinem Kopf. Die Götter hatten ihr Opfer doch nicht angenommen, und jetzt rächten sie sich bitter. Nicht nur an ihnen, den Jägern, nein, an allen, die von seinem Fleisch gegessen hatten, auch an De Thuate und ihrer Familie, die wirklich nichts dafür konnten. Das war nicht richtig, die Götter waren ungerecht. ʼWas ist los mit all den Gottheiten? Sind nur die Götter der Jagd böse auf uns? Oder alle? Auch die Geister, die in den Bäumen, den Flüssen und Bächen, der Luft, den Bergen, in den Sternen am Himmel leben?ʼ
Die Urugels verehrten einen anderen Gott: die Sonne. ʼOb dieser Gott mächtiger war als unsere Götter?ʼ Auch die Urugels baten vor der Jagd nicht die Götter um ihre Erlaubnis und um ihren Segen. Und trotzdem geschah ihnen nichts. Mit diesen Gedanken im Kopf stapfte Öcetim hinter Hirgelo her, hinter ihm ging Namos. Das gelegentliche Stöhnen und einzelne Wortfetzen, die Öcetim vor sich hin murmelte, drangen an Namos Ohren. „Du bist verzweifelt“, flüsterte er. „Du zweifelst an den Göttern, mir geht es ganz genauso. Wie können sie so etwas zulassen?“
Nachts lagen die Gefangenen an den Füßen gefesselt auf dem nackten Boden, schlafen konnten sie kaum. Ihre Gedanken kreisten unablässig um die Themen, wie sie sich aus dieser fürchterlichen Lage befreien könnten und weshalb die Götter es zuließen, dass sie gefangen und erniedrigt wurden. „Wegen des mangelnden Respekts vor den Geistern der Hirschjagd, das kann doch nicht sein“, murmelte Öcetim leise.
Dieses Thema ließ ihn nicht los. Die Urugels wurden von den Göttern nicht zur Rechenschaft gezogen und bestraft, weder wegen einer fehlenden Erlaubnis für die Jagd noch für das, was sie mit ihm und seinen Gefährten anstellten. Er haderte schwer mit seinem Schicksal und den ungerechten Göttern.
„Die Sonne ist der oberste Gott. Wenn man ihr huldigt, dann ist man auf der Seite der Sieger.“ Nach schier endlosen Tagen sprach Öcetim seine Gedanken laut aus.
„Nicht unbedingt“, schaltete Namos sich ein. „In meiner Heimat wurde die Sonne von allen verehrt, und dennoch gewannen die vom Oberlauf des mächtigen Flusses, sie taten uns Gewalt an und verleibten das Unterreich ihrem Reich ein. Die Sonne mag vielleicht mächtig sein, aber gerecht ist sie nicht.“ Er machte eine Pause, blickte zum Himmel hoch. „Die Sonne scheint über die Guten und die Bösen.“
„Auf der bevorzugten Seite sind die Urugels, die die Sonne als höchsten Herrscher verehren“, entgegnete Öcetim. „Sie sind auf der Sonnenseite des Lebens. Und das zählt, nur das allein zählt!“
„Und später, wenn Du ins Reich der Geister eintreten wirst, was wird dann sein?“ fragte kopfschüttelnd Namos.
„Wenn Du von den Geistern als schlecht eingestuft wirst und als Laus oder als armselige Maus wieder zur Welt kommst. Was ist dann?“ fragte Hirgelo, der ebenfalls nicht schlafen konnte und dem dieselben Gedanken durch den Kopf gingen.
„Dann fängst Du wieder ganz unten an“, flocht Gilger den Faden weiter. „Ob sich das lohnt im Vergleich mit unserer zwar verzweifelten, aber hoffentlich nicht ewig andauernden Situation? Auch meiner Mutter wurde übel mitgespielt. Und trotzdem hat sie die Götter weiter verehrt.“
„Und was hat sich dann geändert?“ Öcetim schaltete sich wieder in ihr nächtliches Gespräch ein. „Den Frauen wird jede Nacht Gewalt angetan von diesen Bestien. wir liegen gefesselt dabei und müssen ohnmächtig zusehen. Das verhindern unsere alten Geister nicht, ebenso wenig wie sie es mit Gilgers Familie gut gemeint hatten. Schaut Euch diese Urugels doch an. Nicht dass ich so werden will wie sie, aber so ohnmächtig will ich auch nicht sein - nie mehr! So übel soll es mir nie mehr in meinem Leben ergehen. Es muss sich etwas ändern!“
„Und wie soll das funktionieren?“ fragte Namos ganz nüchtern. „Es dürfte der Sonne egal sein, ob Du sie gefesselt oder als freier Mann anbetest. Wir müssen fliehen, bevor es zu spät ist, auch bevor sie die Frauen vollends zu Tode geschändet haben. Das ist unsere Aufgabe!“ erwiderte Namos mit Bestimmtheit.
„Klar, wir müssen uns befreien und fliehen. Aber wie nur?“ stimmten ihm Gilger und Hirgelo zu. „Vielleicht helfen uns ja unsere Götter doch…“, warf Hirgelo ein, worauf Öcetim sie barsch unterbrach: „Unsere Götter haben uns so oft im Stich gelassen. Vielleicht kann uns die Sonne helfen, sie sollten wir um ihre Hilfe bitten.“ Sein Blick wurde starr, seine Miene hart. „Es dreht sich um die Sonne, immer. Tagsüber – auch nachts, wenn sie nicht da ist. Wir wollen Kinder der Sonne sein. Wir wollen oben sein, Sieger sein. Nie mehr geknechtet werden!“ Öcetims Worte klangen wie ein Gelöbnis.

Viele Wochen marschierten die Urugels mit ihren Gefangenen weiter. Ihr Lebensmut war am Verglühen, ihre Gespräche verstummt und ihre Haut durch die Fesseln wundgerieben. Am liebsten hätten sie sich niedergelegt, um nie mehr aufzustehen. Sie waren zu erschöpft und geschwächt, um noch zu bemerken, dass im Licht der untergehenden Sonne vor ihnen ein See silbern schimmerte. Sie hatten das Gebiet der großen Seen erreicht. Mitten in der sumpfigen Seenlandschaft befand sich eine kleine Siedlung, die auf Pfählen stehenden Hütten waren mit Stegen verbunden, unter denen Boote vertäut waren, um die Häuser schwirrten Myriaden von Fliegen,
Das war Mirkulos Ziel, hier lebte sein alter Kamerad Ubo, mit dem er in seiner wilden Jugend plündernd, mordend und vergewaltigend umhergezogen war. Ein Junge kam auf einem verschlungenen, kaum sichtbaren Pfad auf sie zu. „Folgt mir, bleibt genau hinter mir, abseits des Weges versinkt ihr.“
Zur Begrüßung von Mirkulo und seinen Kumpanen legte der Häuptling des Pfahldorfs seine schmutzigen Hände auf ihre Schultern und blickte sie mit schmierig-grauen Augen an „Friede!“ krächzte er mit einem dreckigen Grinsen. Die Gefangenen der Urugels würdigte er mit keinem Blick. Im Gegensatz zu Mirkulo war Ubo nicht nur sesshaft, sondern auch reich geworden. Um dem alten Kameraden seinen Reichtum deutlich vorzuführen, hatte er einen Umhang aus dem Fell eines Fischotters angelegt und über seine Schultern ein prächtiges weißes Wolfsfell geschlungen. Das Auffälligste aber war ein an seinem Gürtel hängendes Beil, dessen Klinge in den Strahlen der untergehenden Sonne blinkte und funkelte wie die Sonne selbst.
Die Urugels schauten mit unverhohlener Gier auf dieses sonderbare Beil. Sie konnten ihre Augen nicht davon abwenden, noch nie hatten sie ein derart blendendes Stück gesehen. „Kupfer“, flüstere Hirgelo, seine Freunde nickten zustimmend.
Der für seine Grausamkeit bekannte Ubo zeigte mit einer einladenden Geste auf das größte der Pfahlhäuser, dessen Giebelpfosten mit großen Tierköpfen geschmückt waren und über dessen Hauseingang ein prächtiges Geweih der seltenen Schelkhirsche hing. „Ihr seid Gäste in meinem Haus.“ Mit einer verächtlichen Geste auf die Gefangenen deutend, fuhr er fort: „Die können auf dem breiten Steg in der Dorfmitte bleiben. Auch wenn von hier keiner wegläuft, wir haben ein Auge auf sie.“ Lüstern blickte er bei diesen Worten auf die kaum verdeckten Brüste von De Thuate.
Barsch herrschte er die Frauen des Dorfes an, sofort ein Festessen vorzubereiten. Seine Männer hatten in der Nacht einen dicken Wels gefangen, was nur in mondhellen Nächten gelang, wenn die großen Fische ans flache Ufer kamen, nur dann konnten sie harpuniert werden. Außerdem gab es fetten Aal und schöne schwarz und gelb gefleckte Quappen, dazu wurden Fladen gereicht, die aus einem Mehl von geriebenem Moos und zerstampften Pilzen gebacken wurden. Eine Gruppe aus jungen Männern und Frauen begleitete das Festmahl mit Musik von Flöten aus Schwanenknochen, Trommeln und einem hölzernen Blasinstrument. Gilger wurde es beim Klang der Musik schwer ums Herz, er dachte an die Musik, die sie zu Hause so gerne gespielt hatten, er erinnerte sich schmerzlich an seine tote Mutter und an seine Jugend, die so abrupt endete. Auch Öcetim, Namos, Hirgelo, De Thuate, Momola und Abaka seufzten tief, sie vergruben ihre tränennassen Gesichter in ihren Händen, zu essen bekamen die Gefangenen lediglich die kärglichen Fischreste.
„Was habt Ihr vor mit Euren Gefangenen?“ nahm Ubo das Gespräch nach dem Essen wieder auf. „Wollt Ihr die noch lange mit Euch herum schleppen?“
„Sie haben Schlimmes verdient, sie haben einen Urugel getötet“, antwortete ihm einer der Urugels.
Ubo blickte durch die Tür zu den Gefangenen und hob anerkennend eine Augenbraue. „So, so…“ brummte er vor sich hin. „Und die drei Weiber?“
„Sie sind recht stattlich; wir werden für sie einen guten Preis erzielen. Oder wollt Ihr eine von ihnen haben?“ fragte Mirkulo, dem Ubos gieriger Blick auf De Thuate nicht entgangen war.
„Ich habe schon zwei Frauen, was soll ich mit denen dort?“ Ubo versuchte gleichgültig zu wirken.
„Zeig mir doch mal das Beil, das vorher in der Sonne geglitzert hat.“ Mit beiden Händen wollte Mirkulo Ubos Beil fassen, doch der wehrte ihn ab. „Das ist etwas ganz Besonderes, unbezahlbar und nicht zu tauschen, aber ansehen darfst Du das Sonnenbeil.“ Er löste das kupferne Beil von seinem Gürtel und reichte es Mirkulo, der mit seinen Fingern prüfend über die scharfe Klinge strich und anerkennend tief Luft einzog.
„Sehr schön, und scharf. Woher hast Du es?“
„Eine lange Geschichte, seinem Vorbesitzer hat es leider nicht helfen können.“ Bösartig grinsend schaute Ubo Mirkulo an. „Er hat es nicht überlebt.“
„Du kannst die drei Weiber haben für das Sonnenbeil“, schlug Mirkulo vor.
„Besten Dank für Dein Angebot, Weiber gibt es viele. So ein Beil aber, das bekommst Du nirgends.“
Noch lange redeten die Männer ihre gemeinsamen jugendlichen Abenteuer, über die Jagd auf Menschen und Tiere und über die Beutezüge der Urugels. Schließlich waren sie sich einig und tauschten De Thuate gegen Ubos prächtiges weißes Wolfsfell.
Momola und Abaka brach es fast das Herz, als sie am nächsten Morgen Abschied von De Thuate nehmen mussten. Sie drückten ihre kleine Schwester fest an sich und bittere Tränen rannen über ihre Wangen. „Mein Kind, mein Kind.“ Momola nannte De Thuate gerne ihr Kind, weil sie deutlich älter war und ihre kleine Schwester aufgezogen hatte. „Ich wünsche Dir alles Gute. Wenn die Götter uns gnädig sind, werden wir uns wiedersehen.“ Sie konnte De Thuate nicht aus den Armen lassen, bis Ubo sie grob von ihrer Schwester trennte.
Öcetim war außer sich, er konnte sich nicht mehr zurückhalten. Ungestüm zerrte er an seinen Fesseln, um auf Ubo und die Urugels loszugehen und De Thuate zu befreien, doch er war gebunden; ein derber Schlag von Mirkulo streckte ihn nieder. „Ich liebe Dich!“ rief er ihr zu. De Thuate beugte sich zu ihm, schlang beide Arme um ihn und küsste ihn. „Ich liebe Dich auch. Die Götter werden uns beistehen, wir werden uns wieder begegnen.“
Sie hielten sich fest umklammert, schauten sich tief in die Augen als ob sie sich ein Versprechen geben wollten. „Die Götter …“ seufzte Öcetim und wandte sich von ihr ab. Er ertrug es nicht mehr, sie weiter anzusehen.
Nachdem auch Hirgelo, Namos und Gilger sich von De Thuate verabschiedet hatten und sie sich gegenseitigdem Schutz der Götter empfohlen hatten, brachen die Urugels mit ihren Gefangenen auf. Sie wurden auf dem schmalen Pfad von einem der Bewohner des Pfahldorfes sicher auf festen Boden geleitet, wo sie ihren Marsch fortsetzten. Heiße Tränen rannen über De Thuates Wangen, sie schaute ihrer Familie und ihren Freunden noch lange nach, bis sie hinter einer Kuppe verschwanden.
Noch niedergeschlagener als zuvor trotteten die Gefangenen hinter den Urugels her. Mirkulo hatte sein schönes neues weißes Wolfsfell stolz um seine Schultern gelegt und überlegte, wie auch er an ein Sonnenbeil gelangen könne. Leider hatte ihm dies Ubo nicht verraten, er hatte aber angedeutet, dass es in Richtung der morgendlichen Sonne Männer gebe, die aus Erz solche Beile machen würden. Der Wunsch nach einem derart wertvollen, blinkenden und scharfen Beil wurde immer stärker bei ihm, er fraß sich in sein Gehirn ein, so dass er an nichts Anderes mehr denken konnte. Abends teilte er seinen Kumpanen mit, dass sie morgen den Weg nach Osten einschlagen werden, um sich - wie er sich nach langem Überlegen ausdrückte – „ mit den neuen Materialien zu beschäftigen.“
Die Urugels grinsten, taten so, als ob sie Bescheid wüssten, und redeten die halbe Nacht über Ubos Kupferbeil und die anderen Kunstgegenstände, die auch aus diesem Material gemacht werden könnten. In ihren Träumen sahen die Urugels sich bereits mit einem sonnenhell blinkenden Kupferbeil, selbst die beiden Frauen hatten sie in Ruhe gelassen. Am nächsten Morgen brachen sie früher als gewohnt auf, sie hatten jetzt nur ein Ziel vor Augen: eine Kupferschmiede und deren Produkte.
Der Weg wurde steil und schlängelte sich einen Pass hoch. Die ausgemergelten Gefangenen kamen nur langsam voran, insbesondere den misshandelten Frauen fiel der anstrengende Marsch schwer. Der Wind frischte auf und trotz der Anstrengung begannen sie zu frieren. Die herbstliche Landschaft mit ihren buntgefärbten Bäumen lag weit unter ihnen, heftige Windstöße heulten durchdringend und bliesen die kalte Erde von Sand und Humus frei. Es begann zu schneien, der Schnee wehte ihnen mitten ins Gesicht, es fühlte sich an wie körniger Sand. Sie keuchten schwer in der dünnen Luft, ihre Kehlen schmerzten. Als sie die Passhöhe erreicht hatten, machten sie endlich in einer vor dem scharfen Nordostwind geschützten Mulde Rast.
Von hier oben war in der Ferne eine Karawane, bestehend aus einigen wenigen Zugtieren und mehreren Menschen, zu sehen. „Ob das Pferde sind?“ fragte Namos. „Ich habe noch nie welche gesehen“. Namos wiegte bedächtig seinen Kopf, dann nickten Momola und Akaba bestätigend. „Ja, das sind Pferde.“
Die Augen der Urugels wurden schmal und der Speichel sammelte sich in ihren Mündern, denn sie vermuteten Kupfer, herrliche und lang schon erträumte Gegenstände aus dem neuen göttlichen Material. Die Karawane zog gemächlich auf ein Tal zu, das sich nach Osten hin zu einer Schlucht verengte. „Die nehmen wir uns“, entschied Mirkulo. „Sie führen Kupferdinge mit sich; es blinkt so herrlich.“
Im Eilmarsch stieg die Gruppe ab, bis sie ein geeignetes verstecktes Plätzchen fand, dort trennten sie sich. Die sechs Gefangenen hatten an einer von unten nicht einsehbaren Stelle zu bleiben, ein Urugel blieb zu ihrer Bewachung bei ihnen.
Die anderen fünf Urugels stiegen rasch ins Tal hinunter, dabei gaben sie Acht, kein Geräusch zu verursachen. Sie waren zwar in der Minderzahl, fühlten sich aber stark und unbezwingbar, zudem setzten sie auf den Überraschungseffekt. Mit schnellen und leisen Schritten eilten sie voran, überholten die Karawane, am Eingang der Schlucht wollten sie die Händler überfallen. Mirkulo verteilte seine Kumpane auf die Ränder der Schlucht, wo sie geeignete Verstecke fanden, von denen sie die Schlucht einsehen konnten, von unten aber nicht zu sehen waren. Siegesgewiss und blind vor Gier legten die Urugels ihre Speere und Pfeile griffbereit neben sich.
Die Karawane kam nur langsam vorwärts, denn die Lasttiere hatten ihre Mühe in dem bergigen Gelände. Sie bestand aus drei Packpferden und zwölf bewaffneten Männern. Für ihre Verteidigung führten sie Äxte, Keulen und Dolche an ihren Gürteln mit sich, außerdem hatten sie jeweils einen Bogen und gut gefüllte Köcher mit Pfeilen um die Schulter gebunden, drei von ihnen hatten sogar Beile und Dolche aus Kupfer. Diese stachen den Urugels ins Auge, darauf hatten sie es abgesehen. Die Packpferde trugen Ballen, weshalb die Urugels vermuteten, dass sie gewebte Stoffe enthielten. Die waren sicherlich das wichtigste Transportgut der Karawane, für die Urugels bedeuteten sie aber nur eine gute Dreingabe, ihr diebisches Interesse galt den kupfernen Waffen.
Noch war die große Karawane nicht ausreichend nahe, noch hatte Mirkulo nicht das Zeichen zum Angriff gegeben, als ein Schrei durch das Tal gellte. Öcetim schrie so laut er nur konnte, um die ahnungslose Karawane vor dem Überfall zu warnen. Sein Bewacher schlug ihm dermaßen hart in die Magengrube, dass Öcetim die Luft weg blieb. Gilger, der die Absicht Öcetims erkannte, schrie ebenfalls so laut er nur konnte.
Die Händler unten im Tal waren jetzt gewarnt. Sofort nahmen drei von ihnen die scheuen Pferde am Zaumzeug und führten sie hinter eine Biegung des Weges zurück, um die Tiere vor den Pfeilen und Speeren der Urugels zu schützen. Die anderen Händler suchten Schutz hinter am Wegesrand liegenden Felsen, griffen zu ihren Waffen und formierten sich zu einer abwehrbereiten Kampfgruppe.
Der Überraschungsplan der Urugels war durch Öcetims und Gilgers Schreien gescheitert. Noch hätten sie sich zurückziehen und über die Berge flüchten können. Doch die kupfernen Waffen blendeten ihre Augen, die Aussicht auf diesen wertvollen Besitz vernebelte ihren Verstand. Auch wenn sich ihre Erfolgsaussichten drastisch vermindert hatten, so mussten sie jetzt angreifen, wenn sie die kupfernen Beile und Dolche an sich reißen wollten.
Auf Mirkulos Kampfschrei hin schossen sie ihre Pfeile ab. Doch aufgrund der großen Entfernung traf ein Pfeil nur den Oberschenkel eines Mannes. Nicht einen Mann der Karawane hatten sie außer Gefecht setzen oder gar töten können. Mirkulo tobte, verfluchte seine Gefangenen und schwor ihnen Tod und Verderben.
Rein zahlenmäßig stand es nicht schlecht für die Männer der Karawane. Der am Bein durch den Pfeilschuss leicht Verletzte blieb bei den Pferden, um sie ruhig zu halten, zwei schlichen Schutz suchend zu ihren Kollegen zurück. So standen elf bewaffnete Männer der Karawane fünf Urugels gegenüber, wobei diese allerdings den Vorteil hatten, oben auf den Felsen zu stehen und auf die Männer der Karawane hinunter blicken zu können.
Die Karawanen-Leute verhielten sich ruhig, offenbar hatten sie schon mehrere derartige Überfälle erlebt. Mit ihren Augen nahmen sie Kontakt zueinander auf, nickten sich gegenseitig zu, nachdem sie sich überzeugt hatten, dass sie unverletzt waren und sich hinter großen Felsbrocken in Sicherheit hatten bringen können. Sie warteten ruhig ab, was die Urugels nach dieser misslungenen Attacke tun würden. Denn diese mussten aktiv werden, wenn sie die Schätze der Karawane erbeuten wollten.
Öcetim, Hirgelo, Namos und Gilger sowie Momola und Abaka konnten von oben den erfolglosen ersten Angriff der Urugels beobachten. Das gab den ausgemergelten Gestalten Zuversicht und neue Kraft.
Öcetim musste an De Thuate denken, sah sie so deutlich vor sich, als ob sie bei ihm wäre und hörte sie ihm flüsternd einen Rat geben. Er begriff sofort, nahm einen faustgroßen Stein und warf ihn in Richtung des Kopfs des Urugels, verfehlte ihn aber knapp. Mit ungestümer Wut rannte der Urugel auf Öcetim los und rammte seinen Schädel so fest gegen Öcetims Brust, dass der das Gleichgewicht verlor und den steilen Abgrund hinunter zu stürzen drohte. Geistesgegenwärtig konnte Momola ihn gerade noch auffangen, aber dabei stürzten die Gefesselten gemeinsam zu Boden. Außer sich vor Wut trat der Urugel wie wild gegen die am Boden liegenden Körper, die sich vor Schmerzen krümmten.
Hirgelo, Namos und Gilger blickten sich nur kurz an. Wie auf ein geheimes Kommando griffen sie sich schwere Steine. „Jetzt!“ brüllte Namos. Der Urugel hielt in seiner Raserei kurz inne, drehte sich halb um und schaute zu den anderen Gefangenen. Schon trafen ihn harte Felsbrocken an Kopf, Schulter und Brust, Blut rann aus seiner Stirn. Der Urugel fasste an seinen Kopf, blickte mit großen verständnislosen Augen auf seine Gefangenen. Er taumelte, versuchte sich mit der anderen Hand an den Fels zu klammern. Doch Abaka schlug mit aller Kraft auf seinen Arm und gab ihm mit ihrer anderen Hand einen Stoß. Mit einem lauten Schrei stürzte der Urugel in die Tiefe, schlug mehrfach mit Kopf und Rücken auf dem harten Fels auf, bis er bewegungslos mit gebrochenem Hals auf einem kleinen Vorsprung liegen blieb.
Steine rollten den Hang hinab und lösten einen Steinschlag aus, immer mehr Felsbrocken kamen ins Rollen, bis eine ganze Steinlawine grollend in die Schlucht hinunterstürzte. Namos hatte seine Armfesseln schon gegen eine scharfe Felskante gerieben und gelöst. Dann fiel sein Blick auf ein Steinmesser, das dem toten Urugel entfallen war. Wie ein Geschenk der Götter lag es hart an der Felskante. Namos hob es vorsichtig auf und zerschnitt wortlos die Fesseln seiner Mitgefangenen, jetzt erst fühlten sie sich richtig frei. Sie fielen sich jubelnd in die Arme.
„Es sind Rumedullos“, meinte Momola. “Sie sind erfahrene Händler aus dem Süden, ich erkenne das an ihren Pferden und den Gestellen, die sie ziehen, auch ihre Beinkleider sind nach der Art der Rumedullos.“
„Rumedullos?“ mischte sich Namos ein.
„Es ist ein großes und starkes Volk mit einem mächtigen Häuptling. Sie leben nach strengen Regeln, keiner darf machen, was er will“, erklärte Akaba.
„Ja, das stimmt. Sie beten die Sonne an, der sie auch gefangene Feinde opfern“, ergänzte Momola. „Hoffentlich feiern sie in nächster Zeit kein Sonnenfest…“
„Wir schleichen uns weiter nach drüben.“ Mit ausgestreckter Hand zeigte Gilger auf eine Stelle oberhalb der Urugels. „Von dort können wir die Teufel mit Steinen bewerfen. Dann sind sie zwischen uns und den Rumedullos – in einer sehr ungünstigen Lage.“
Öcetim nickte: „Wir kämpfen mit den Rumedullos gegen sie, wenn auch nur mit Steinwürfen. Aber so können wir sie aus ihren Verstecken zwingen, so dass die Rumedellos sie sehen und auf sie schießen können. Das werden die Rumedullos zu schätzen wissen - hoffentlich.“
„Also los!“ Auf Öcetims Kommando prasselte eine ganze Batterie großer und kleiner Steine auf die ungeschützten Urugels, viele wurden von den mit großer Wucht geworfenen Steinen getroffen. Außer einem Treffer am Kopf eines Urugels, der blutend zusammen sackte, richteten sie allerdings keinen großen Schaden an, erreichten aber damit, dass die Urugels ihre Stellung aufgeben mussten. Mit wütendem Geschrei und nur mit Schlägeln und Beilen bewaffnet rannten die Urugels nach unten, um die Männer der Karawane in einer Blitz-Aktion zu überrennen. Denn in diesem tollkühnen Angriff sahen sie ihre einzige noch verbliebene Chance.
Бесплатный фрагмент закончился.
