Читать книгу: «Das Zillebuch»

Шрифт:

Hans Ostwald unter Mitarbeit von Heinrich Zille

Das Zillebuch


Heinrich Zille

Mit 223 meist erstmalig veröffentlichten Bildern

Impressum

Covergestaltung: Gunter Pirntke

Illustration: Heinrich Zille

Digitalisierung: Gunter Pirntke

2017 andersseitig

ISBN:

9783961183098 (ePub)

9783961183104 (mobi)

andersseitig Verlag

Dresden

(mehr unter Impressum-Kontakt)

Inhalt

Impressum

Einleitung

Zille als Künstler

Zille in der Liebe des Volkes

Wenn man berühmt ist ...

Zille-Feste.

Zille und seine Modelle

Zille-Studien und -Akte

Zille-Mächens

Die Männer der Mächens.

»Milljöh.«

Freiheit.

Der Budenengel.

Zille-Kneipen.

Zille-Fräuleins.

Zille-Kinder.

Die Jugendlichen.

Kleinbürger und Proletarier.

Der fünfte Stand.

Zille als Sozialkritiker.

Aus Zilles Kindheit.

Aus Zilles Lehrzeit.

Aus der Gesellenzeit Heinrich Zilles.

Heinrich Zille und die Soldaten.

Zilles Lehrer und Kollegen.

Zille-Witze.

Zille-Weisheiten.

Einleitung


Motto:

Am Tage: Arbeit, ernster Wille,

Abends: einen Schluck in der Destille.

Dazu ein bisken Kille-kille,

Das hält munter –

Heinrich Zille.

Das Zillebuch –

Es ist selbstverständlich, dass sich dies Zillebuch nicht mit kunstwissenschaftlichen oder kunsttechnischen Betrachtungen abgibt, sondern vor allem der Persönlichkeit des Künstlers gerecht zu werden versucht.

Seine Bedeutung in der Kunst steht fest. Sie ist offiziell von seinen Kollegen durch seine Berufung in die Akademie der Künste anerkannt worden.

Auch in diesem Buch wird hier und da auf einige wichtige Seiten seines Schaffens eingegangen werden. Es soll eine Darstellung seines Gesamtwerkes werden. Das Wesentliche aber ist der Mensch, der aus seinen Werken und aus seinem Wirken zu uns spricht.

Zille ist immer ein ganzer Mensch gewesen. Als seine ersten Zeichnungen aus dem Volke in den humoristischen Zeitschriften auftauchten, um 1900 herum, empfanden alle Leser, dass hier eine durchaus besondere und bedeutende Persönlichkeit sich äußerte. Eine eigenartige, persönliche Auffassung sprach aus dem kräftigen Strich der Darstellung, die eine ebenso geschulte wie eigenwillige Hand erkennen ließ. Das Dargestellte aber selbst: Volk, elendes, gedrücktes Volk, das sich trotz allem den Humor nicht nehmen ließ, das mit Lachen gegen den Druck und gegen seine kümmerliche Lebenshaltung aufbegehrte.

Zille wurde ein Programm.

Was andere in langen Reden und dicken Büchern sagten, wozu andere jahrelange Untersuchungen brauchten, das teilte er durch seinen Zeichenstift mit wenigen Linien mit. Er übermittelte aber mit seinen humorvollen Darstellungen nicht nur Elendsmenschen und Elendswinkel. Mit voller Liebe und mit vollem Bewusstsein berichtete er auch von der Kraft des Volkes.

Seine Gestalten sind durchaus nicht immer Elendsgestalten. Ja, auf den meisten Blättern sind Kinder und Frauen recht wohlgenährt und die Männer robust und kräftig.

Er glaubte ja auch an das Volk. Er glaubt auch heute noch an das Volk.

Vielleicht oft unbewusst half er mitarbeiten an der neuen Zeit. Häufig aber führte ihm auch Empörung über die Zustände die Hand bei seiner künstlerischen Arbeit.

In welcher Zeit reifte er zum Künstler! Bigotterie und brutaler Materialismus von oben und eine heftige natürliche Reaktion des Volkes auf den Druck von oben umgaben ihn in der Jugend und während der Jahrzehnte, in denen er zum Künstler heranreifte. Näheres darüber ist in dem Kapitel: »Zille als Künstler« und in den Kapiteln von seiner Kindheit, seiner Lehr- und Gesellenzeit zu finden. Das waren jene Jahrzehnte, als die Menschen in Deutschland darauf erzogen wurden, barsch kommandiert zu werden. Diese Gemütslage ging aber gegen die germanische Eigenart. Sie war uns erst in Jahrhunderten anerzogen worden. Die Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege hatte besonders das »Radlertum« (nach oben krummer Rücken, nach unten treten) gefördert. Gegen diese Knechtsgesinnung hat sich Zille immer empört.

In diesen Kapiteln äußert er sich auch ausführlich über das, was ihn zum Schaffen drängte, und über das, was ihn zum Zille werden ließ. Hier möge noch eine Mitteilung stehen, die er selbst nach seinem 70. Geburtstag über sich machte:


1. Pfefferkuchen nach einem Zillebild.

Mitmenschen!

Ja – ich erinnere mich; als ich zum ersten Mal, auf Drängen meiner Freunde, in der ersten Schwarz-Weiß-Ausstellung der Sezession, so um 1901 herum, in der Kantstraße neben dem Theater des Westens, meine Zeichnungen hingegeben hatte – Zeichnungen, die viel besser, wahrer waren als die, die ich später zum Broterwerb geleckter, frisierter bringen musste, die das herbe Leben der Armen zeigten –, da standen vor den Bildern viele Menschen; und ich hörte, als ich mal lauschte, wie ein älterer Herr, wie es schien, Militär in Zivil oder Hauptmann an der Majorsecke, zu seiner Dame sagte: »Der Kerl nimmt einem ja die ganze Lebensfreude« – da schämte ich mich, so verstanden zu sein!

Ja, und wie es mir passierte, dass ein reicher Kunstjünger, der »Armut« malen wollte und sich dachte, wenn er meine Modelle, die vom Wedding, hätte – dass er sich dann in das »Milljöh« könnte hineinarbeiten, oder dass ihm die Sache dann besser liege –, der aber auszusetzen hatte, der Mutter der Kinder gegenüber: »Det se doch so wenig sauber und so sehr dreckig wären« und dass die Mutter ihm entrüstet erwiderte: »Ja – und for Zillen ken'n se jarnich dreckig jenuch sind –« Soll man sich da eigentlich nicht schämen?

Da hab' ich mich, als ich das später erfuhr, doch etwas geschämt. – Und als mein lieber Freund Karl Arnold, der Zeichner im »Simplicissimus«, ein Bild brachte, das mich zeigt, wie ich vor zwei »wohlhabenden« Männern »untertänigst« stehe und der wohlhabendste mich mit den Worten anspricht: »Nehm' Se sich noch ne frische Habana, Meister Zille, Sie ham uns mit Ihren Nutten un arme Leute imma so ville Freude jemacht!«

... Da schämte ich mich, dass das so wahr war.

Z.

Wenn Zille auch hinterher in seinem Alter manchmal sich kränkt, dass seine Schilderungen nur als Humoristika aufgenommen werden, so liegt doch in seinem Wesen und seiner Kunst so viel Humor, dass er selbstverständlich nicht nur als Elendsmaler gelten kann. Er selbst steckt so voller Eulenspiegeleien, dass er sogar in seiner Krankheit und unter den Erscheinungen des Alters seinen Humor immer wieder explodieren lassen muss. Näheres darüber findet der Leser in den letzten Abschnitten dieses Buches.


2. Pennbruder. Studie nach der Wirklichkeit.

Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.

Zille ist aber ganz gewiss der moderne Eulenspiegel. Er löckt mit tolldreisten Streichen und Aussprüchen wider bösartige Erscheinungen aller Art an. Seine humoristische, allerdings manchmal mit einem »Bittern« durchwürzte Lebensauffassung hat zweifellos unsere Weltanschauung und die allgemeine Einstellung zum Volke und zum Leben überhaupt beeinflusst.

Zille selbst blieb allerdings durchaus in seinen Schichten, in seiner Lebensführung sowohl wie in seiner Anschauung. Er blieb im Volksviertel wohnen. Er blieb in seiner Empfindung und seiner Überzeugung kampflustiger Proletarier, der immer auf eine Besserung dieser »besten aller Welten« hindrängt. – Dies aber, dass er sich immer als »Knecht des Kapitals« fühlt, ist seine künstlerische Stärke. Dies befähigt ihn, aus innerstem Erlebnis heraus zu schaffen, jede Linie seiner Gestalten mit ihrem Empfindungsgehalt zu füllen.

Er ist eben aufgewachsen in einer Zeit, als auf der einen Seite das Bürgertum nach außen hin fromm tat, als es aber in Wirklichkeit, verführt durch den Milliardensegen der siebziger Jahre, in übermütigem Genuss viele Ideale verlor. Das einfache Volk fühlte nur die Last der Anforderungen, den harten Druck der Verwaltung und eine quälende Verlassenheit. Die Berufenen, Kirchendiener und Staatsangestellte, fanden nicht den Ton und die Tat, um dem Volke Liebe und reine Lebensfreude zu geben. Zille weiß aus jener Zeit genug volkliche Derbheiten zu berichten und zu schildern. In Wort und Bild.

Gründlich verfehlt wäre es jedoch, nach manchen Zille-Gestalten zu schließen: Zille habe nur die fragwürdigen Elemente des Berlinertums und der Hauptstadt schildern wollen oder er habe nur solche Gestalten als »Volk« gesehen. Nein, er hat alle Schichten des Volkes mit gleicher Liebe geschildert. Das Kleinbürgertum, das arbeitende und werktätige Volk sind in seinem Werk mit gleicher Liebe behandelt worden wie die Außenseiter der Gesellschaft. Ja, wer sein Werk mit Gründlichkeit betrachtet, wird finden, dass er mit besonderer Liebe das sich ehrlich ernährende Volk dargestellt hat. Allerdings ist er an den Außenseitern, an den Entgleisten und Verkommenen nicht lieblos vorbeigegangen.


3. »Wenn man so in de Kintöppe sieht, wie se sich haben – die Lotte Werkmeister, die Cläre Waldoff, die Söneland – der lange Westermeier und der schlacksige Lambert Paulsen – un' wie die Prominenten alle heißen, dann denkt man, det se woll alle in de Kaschemme sind uffgewachsen – aber keene Spur von Klammergast – de janzen Fisimatenten ham se sich von hinten rum abjekiekt und sich so quasi weggestohlen – Kunststück!!«

Nach dem Original.

Er nahm sie als Ergebnis sozialer Bindungen und Vorgänge und erhob durch ihre Schilderung ebenso eine laute Anklage gegen die Verantwortlichen wie in den Darstellungen, in denen er die tausendfachen Nöte und die Duldungsfähigkeit der Werktätigen, besonders aber auch der Kinder und Frauen des Volkes allen jenen Menschen vor Augen führte, die nicht selbst in diesen erbärmlichen Höfen, Hinterhäusern und Mietskasernen leben brauchen. Auch im Bild 3 äußert er das in seiner humoristischen Weise. Über das Mittel der humoristischen Zeitschriften und Bücher führte er die Kenntnis und die Anteilnahme an dem »fünften« Stand auch in die eleganten und in die gutbürgerlichen Wohnungen und Landhäuser der besseren Wohngegenden ein ...

So ist denn Zille selbst auch durchaus nicht begeistert darüber, dass sich der »Hofball bei Zille« ebenso wie die sich daraus entwickelnden Zille-Bälle im riesenhaften Sportpalast zu einem Stelldichein aller nachgemachten Kaschemmenmiezen, unechten Pennbrüder, Schieber und falschen Apachen auswuchsen. Er sagte selbst darüber:

»Das sind alles bloß nebensächliche Sachen. Das ist jerade wie der Zille-Ball, was auch bloß een abjelöster Apachenschwoof is, als wenn es nischt wie blaue Oogen, Schiebermützen und Salonluden uff de Welt jäbe. Das war jarnicht das, was ich zeichnen wollte.«

Und doch ist Zille nicht nur der soziale Kämpfer. Er ist und bleibt in seinem innersten Wesen eine vollblütige Eulenspiegelnatur, eine immer muntere und ermunternde Eulenspiegelseele. Darum werden ihn alle lieben – selbst jene, die seine Überzeugung nicht teilen. Denn ursprünglicher Humor ist immer willkommen.

Und weil in diesem Buch das Wesentliche von seinen Scherzen und Schnurren und viel mehr Bedeutsames und Belustigendes, das noch nirgends veröffentlicht war, gesammelt ist und seinen Freunden und Verehrern dargebracht wird, hoffe ich, dass alle sich gern dem kräftigen und ermunternden Humor Heinrich Zilles hingeben werden.

1929.

Hans Ostwald.

Manche Abschnitte hat Heinrich Zille selbst geschrieben, die anderen schrieb ich nach den ganz persönlichen und sehr anschaulichen Erzählungen Zilles.


4. Mutter aus dem Volke.

Nach dem Original.

Zille als Künstler1

Zille sprach von den Anfängen seiner Kunst:

»Als ich anfing, war es ein großes Risiko, arme Leute zu malen. Damals koofte sowat keen Hammel – nicht einmal der Magistrat.«

Er lächelte verschmitzt über diesen Witz und erzählte aus seiner Jugend:

»Mit neun Jahren kam ich aus Sachsen nach Berlin, so um 1867. Am Anhalter Bahnhof kletterten wir aus dem Zug. Da hätten wir nun in der Gegend wohnen bleiben sollen. Denn die Leute siedelten sich damals in den Stadtteilen an, wo sie mit der Bahn ankamen. Die Pommern blieben am Stettiner Bahnhof, am Schlesischen Bahnhof wohnten die Ostpreußen und die Pollacken und am Görlitzer Bahnhof die Schlesier. Wir zogen aber in die Gegend am Schlesischen Bahnhof mit ihren engen, alten Häusern. Was ich da sah, habe ich schon in der Geschichte vom Kellner-Fränze und von Frau Clara mitgeteilt. Jugendeindrücke – die haften! – Na, und denn,, was man so als Lehrling und als Geselle erlebte. Da gibt's 'ne ganze Menge Geschichten ...«

*

»Das Sehen und Erleben in der Kinderzeit und in der Jugend half mir wohl später manche Bilder gestalten. Oft ist's umgekehrt. Arme Kunstjünger malen Reichtum und dicke Schinkenbrote. Und die reichen Jünglinge quälen sich, die Armut in Wort und Bild darzustellen.


5. Küchentisch bei Frau Clara. Studienblatt nach einem Winkel in einem Schusterkeller.

Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.

Ich bin bei meinem ›Milljöh‹ geblieben. –

Ich wollte ja von meinem Milljöh aus der Jugendzeit erzählen ... Die Bewohner im Hause lernte ich alle gut kennen. Aus'm Vorderhaus, aus'm Seitenflügel und aus'm Quergebäude. Die hatten immer wat für mich zu tun. Da war der Kellner-Fränze, der meist in seiner Kneipe schlief, die Nachtbetrieb hatte. Seine Frau Clara ging schon in der Dämmerung auf die Straße – die Brüste hochgeschnürt, den kleinen Hut ins Gesicht gedrückt, um die Hüfte eine hohe Tournüre; unter dem Hut trug sie hoch aufgetürmte Locken, die am Tage im Tischkasten lagen, zwischen Kontrollbuch, Wurstenden, Schrippen, Schminke, Kämmen, Bindfaden, Gabeln, Löffeln, Mutterpflaster und allerlei anderm Kram. Ich musste ihr schwachsinniges Kind bewachen – bei einem Teller dampfender Bratkartoffeln und einem Haufen gelbgehefteter Schundromane: ›Die Bauernfänger von Berlin.‹

Und wenn Frau Clara kein Geld hatte, wenn's regnete und nichts zu verdienen war auf der Straße – dann musste ich zu ihrem Mann nach Geld laufen. Oft hatte er selbst nichts und gab mir seinen Frack zum Versetzen. Den nannte er im Kreise seiner Sauf- und Spielkumpane sein ›Feigenblatt‹.

Und auch vom versoffenen Kommodentischler im Vorderkeller und von der blinden Rohrstuhlflechterin, vier Treppen hoch im Hinterhaus, wurde ich der Vertraute – und verdiente mir den Taler, den ich monatlich für die paar Zeichenstunden in der Woche an den alten Zeichenlehrer Spanner in der ärmlichen Dachstube in Berlin O, Blumenstraße, zahlen musste.«

*

»Das ist komisch, wie man manchmal zu seinem Beruf kommt!« meinte Zille, zugleich sinnend und lächelnd. »Das Zeichnen machte mir ja schon in der Schule Spaß. Es ging mir eben leichter von der Hand als den andern Schülern. Und als nu die Zeit ran kam, wo man an einen Beruf denken musste, sagte mein alter Zeichenlehrer zu mir:

›Das beste is, du lernst Lithograph. Zeichen kannste – und da sitzt du in 'ner warmen Stube – immer fein mit Schlips und Kragen. Brauchst nich schwitzen und kriegst keene dreckigen Kleider. Wirst mit ›Sie‹ angeredet – un vor allem – du sitzt in de warme Stube! Wat willste noch mehr?‹

Das gefiel mir – un so bin ich eben ›Zille‹ geworden.«

*

In einer Skizze: »Mein Lebenslauf« schildert Zille seine weitere Entwicklung:

»1873 lernte ich Lithograph und ging die Woche zweimal abends in den Unterricht zum alten guten Professor Hosemann in die Kunstschule, die damals in der Akademie war, ebenso zweimal die Woche zum Professor Domschke, Anatomie, der sehr grob war – und die vollste Klasse hatte. ›Wenn Se noch nich mehr kenn', dann setzen Sie sich mit Ihr Brett uff die Treppe un' nehmen nich hier die hoffnungsvollen Jünglinge, die bald nach Italien wollen, den Platz weg!‹ – aber die Klasse war übervoll, die jungen Leute freuten sich über den alten Herrn, der so wie der olle Schadow sprechen sollte – nach ihm hat's P. Meyerheim verstanden, das ›Berlinern‹ weiter auszubilden. Der alte Hosemann ließ mich in seiner Wohnung, Louisenstraße, am Neuen Tor, ganz gern seine Skizzen und Zeichnungen ansehen und auch abmalen, sagte aber: ›Gehen Sie lieber auf die Straße 'raus, ins Freie, beobachten Sie selbst, das ist besser als nachmachen. Was Sie auch werden – im Leben können Sie es immer gebrauchen; ohne zeichnen zu können, sollte kein denkender Mensch sein.‹ Es ist ein nicht grade heiteres, von wenig Sonne erhelltes Feld, das ich wählte: der fünfte Stand, die Vergessenen! Ich bewunderte Hans Baluscheck, den ich so hoch verehre und nie erreichen werde! ...«

Z.

*

In seiner Lehrzeit erlebte er dann auch manches »Milljöh-Stück«. Das findet der Leser in dem Kapitel, in dem jene Lehrjahre beschrieben werden. Hier sei auf seine künstlerische Ausbildung eingegangen:

»Bei diesem Lithographen wurden die deutschen Heerführer und Fürsten dutzendweise in allen Größen fabriziert, ebenfalls nach Photographien verstümmelte und geheilte Soldaten für medizinische Werke auf Stein gezeichnet, Heiligenbilder, Madonnen mit blutenden Herzen, der Gekreuzigte usw., die dann in den Wohnungen der armen Leute, rechts und links neben den Regulatoren hingen. Darunter baumelten die Kriegsgedenkblätter und Kriegsmedaillen der gefallenen oder verstümmelten Väter und Söhne. Wir hatten damals ein merkwürdiges Kunstgewerbe, der Triumph in der Möbelarchitektur war der Muschelaufsatz. All das frühere Gute ist seit jener Zeit aus den Wohnungen der kleinen Leute verschwunden, das Kunstgewerbe ging an die Arbeit. – War auch die Arbeit am Tage nicht so erfreuend, um so mehr waren es die Abende in der Kunstschule und später im Abendaktsaal. Sonntag ging's ins Freie, um Landschaften zu versuchen. Die noch bleibende Zeit mühte ich mich, das auf der Straße Gesehene aus der Erinnerung zu zeichnen. Der Lehre folgte die Gehilfenzeit; ich kam in gute Werkstätten, arbeitete mit R. Friese und Frenzel, den späteren Tiermalern, und vielen tüchtigen Lithographen zusammen und erlernte den Buntdruck. Nach der Militärzeit ging ich zum graphischen Gewerbe, wie Lichtdruck, Zinkographie, Photogravüre usw., da hat mir das Etwas-zeichnen-können geholfen, gute Arbeit zu machen. Mancher Beitrag für Zeitungen war entstanden, die Zeichnungen und Skizzen sammelten sich an, so dass ich auf Zureden von Freunden mich zaghaft traute, in der ersten Schwarz-Weiß-Ausstellung der Berliner Sezession 1901 auszustellen. Man war entrüstet über die Verunglimpfung Berlins und seiner Bewohner.

Nach und nach lernten die Leute sehen, urteilen und mich verstehen. Im Osten und Norden Berlins verstanden sie mich gleich, als meine Gestalten im Simplicissimus und der Jugend, den ersten Zeitschriften, die mir gnädig waren, auftauchten. Seit 1907 bin ich nicht mehr im graphischen Gewerbe und konnte mich mit dem, was mir am Herzen lag, nun ganz und gar befassen ...«


6. Rücken-Akt.

Aus der Zeit, als Zille noch nicht selbständiger Künstler war. Diese Radierung, eine der neben seinem Broterwerb entstandenen Arbeiten, zeigt ihn schon abseits aller akademischen Süßigkeit.

Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.

*

Zille erklärte, dass nicht nur die Kindheitseindrücke auf ihn so stark gewirkt hätten:

»Nie werde ich vergessen, was ich am Dönhoffplatz erlebte. Ich hatte 'ne kleine Privatarbeit und ging so früh in die Werkstatt, dass ich schon vor Arbeitsbeginn ein paar Stunden für mich arbeiten konnte. Es handelte sich um eine Technik, die nicht in der Werkstatt geübt wurde, in der ich mich aber selbst üben wollte. Und da war nu am Dönhoffplatz zweimal Wochenmarkt. Lauter Obdachlose kamen hin, die als Helfer wat verdienen wollten. Und damit sie nich die Zeit verpassten – denn die Bauern aus der nächsten Umgebung, aus Schöneberg und Templow fuhren ziemlich früh an – kamen die armen Markthelfer schon am Abend vorher und pennten da – vor den Haustüren. Wie die Heringe lagen sie in den Hauseingängen. Die Schwächsten und die, die am meisten froren, ließen sie hinten liegen, wo't wärmer war. Die vorne, das waren die Stärksten.

Manchmal aber kamen die Schutzleute. Die zogen die armen Kerle an die Schläfenhaare hoch. Und das tut verflucht weh. –

Über diese Reihen von Ärmsten musste ich wegsteigen, wenn ich meine Früharbeit anfing. Solche Eindrücke vergisst man nicht.

Und wenn ich mal spät Unter den Linden lang ging – ich hatte doch Abendunterricht in der alten Akademie und daran schloß sich manchmal noch 'n kleiner Bummel – da saßen auf manchen Bänken die Obdachlosen. Schlafen sollten sie nicht. Und weil die Schutzleute kontrollieren kamen, stellten die Obdachlosen Wachen aus. Die mussten ›Polente!‹ rufen, wenn Schutzleute kamen. Erwischten die Schutzleute aber doch einen Schläfer, dann fassten sie ihn an den Füßen an und kippten ihn über seinen Kopp weg uff de andre Seite. Im Hotel de Rome und in den andern Hotels drüben neben den Palais aber war's noch hell und da ging's hoch her. Die Equipagen und die Droschkenkutscher warteten und verstauten die Angeheiterten und fuhren sie nach Hause. Und hier wurde den Armen die letzte Ruhe genommen ...«


7. Zerzauste Kiefer in der Nähe von Rummelsburg.

Eine der Studien Arbeiten, die Zille vor oder nach seinen Broterwerbsstunden »für sich« machte.

Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.

*

»Ja, wenn ich meine eigene Arbeit für mich nicht gehabt hätte – dann hätte ich es wohl kaum ausgehalten – jahrzehntelang in der Tretmühle. Aber wenn ich morgens so 'n bisschen nach der Natur gezeichnet hatte, dann hatte ich Ruhe für die Brotarbeit. Ich musste erst ein Bild für mich gemacht haben, ehe ich an die Arbeit ging.

Und abends? Ja, da konnte es wohl vorkommen, dass ich bis vier in der Nacht arbeitete – bis der Hahn krähte. Früher gab's ja noch Hühner – in Rummelsburg, später in Karlshorst und auch hier in Charlottenburg in unserer Nachbarschaft. Als ich damals hierher zog – die Photographische Gesellschaft verlegte doch ihre Werkstatt vom Dönhoffplatz hier 'raus – da war's noch ländlicher. Am Kaiserdamm war große Heide. Da saßen die Weiber mit ihren Kindern – hielten sie ungeniert an die Brust – oder hielten sie ab: da konnte man sie belauschen ... Und überall waren freie Plätze, wo die Menschen sich noch auf die Erde setzen konnten.

Na – und immer habe ich auch nicht bloß gezeichnet. Manchmal wurde es auch so spät über ein Buch: Dickens – – und Zola: Germinal, Nana, Fruchtbarkeit – und was ich sonst alles bekam.

Aber auch später, als ich nicht mehr in die Werkstatt ging, saß ich morgens oft bis vier auf, am Reißbrett mit dem Stift oder stand vor der Staffelei. Na ja – wenn man was schaffen will! – Und ich rühmte mich zu Gaul:

›Du, jetzt geht's schon bis um viere‹!«


8. Zille vor seiner Staffelei.

Hinter der Staffelei Senta Söneland.

Nach einer Photographie.

Über Zilles wirklich ernste und gewissenhafte Einstellung zur Kunst mögen seine folgenden Äußerungen unterrichten und aufklären:

»Es gab so viele, die sich vor eine Sache hinstellten oder hinsetzten und sie mühselig abmalten. Das Volk lässt sich das nicht immer gefallen. Und dann wechselt doch auch das Bild rasch. Auf der Straße – und auch sonst: Licht und Farbe.

Ich machte mir bloß Notizen. Und sagte: ›Das müßt ihr euch ins Auge klemmen – und denn zu Hause verarbeiten! ...‹

Wer das nicht kann, der kommt nicht zu einer fertigen Sache.«

*

»Wie das so ist: erst hat man keine richtige Kritik für seine eigenen Sachen. Und so machte ich denn die Körper immer zu lang und die Köpfe zu klein. Bis mir eines schönen Tages der Bildhauer Krauß sagte:

›Mensch, Ihre Figuren haben ja alle zuviel Kopflängen!‹ Und das stimmte!

Da sah ich mich vor. Und was kam nu!?

Als Hyan mal meine Zeichnungen sah, meinte er:

›Na, Ihre Puppen haben wohl alle eens uff'n Kopp gekriegt!‹

Und das stimmte auch!

Na – nun suchte ich eben das Richtige.«

*

»Liebermann fragte mich mal, warum ich keine Selbstbildnisse male.

Ich antwortete ihm:

›Wenn ich mich früh im Spiegel gesehen habe, wenn ich mich gekämmt habe, habe ich genug von meinem Gesicht!‹ –«

*

»Liebermann fragte mich auch mal: ›Vakoofen Sie? Sie müssen doch mächtig Jeld machen!!‹

›Nich wie Sie bei de Reichen‹, antwortete ich ihm. ›Ich verkoofe bloß an kleene Leute. Die können nich Dausende zahlen: Denen muss ick die Freude schon billiger machen!‹

›Zille, det is schön von Ihnen!‹

Ich schwieg ein Weilchen, überlegte und sagte: ›Ach, Herr Professor, die Leinwand und die Ölfarbe achte ich viel zu hoch. Und denn: es malen schon zu viel Leute in Öl. Ich kritzle lieber auf Papier!‹

›Na, denn kleben Se doch Ihre Zeichnungen uff Pappe und schmieren Lack drüber. Dann kriegen Se mehr Jeld vor!‹ riet mir der berühmte Maler.

›Ich bleibe aber lieber bei meinem Kritzeln!‹ schloss Zille.«

*

»Das ist alles nur mit Gewalt gemacht!« behauptet Zille von seinen Werken. »Nur mit Gewalt!

Weil ich es gewollt habe. Weil ich mich immerzu gezwungen, immerzu geübt habe! Weil ich jedes kleine Ding beobachtete und abzeichnete. Jeden alten Latschen. Jeden krumm getretenen Stiebel. Jede alte Gosse. Jede Küchenecke. Jeden Straßenwinkel.«2 Und wenn man ihm erwidert: Aber auch die Küchenecke, der Stiebel und die Gosse sind doch von Ihnen so gezeichnet, wie es eben nur ein Meister kann!

Dann sagt er, mit einem nach innen flimmernden Zwinkern seiner hellen Augen, halb bescheiden, halb ängstlich sich belauschend, wie wenn er sich vor einer geheimnisvollen Kraft in seinem Innern fürchte:

»Nee, nee – das ist mit Gewalt gemacht! ...

Das habe ich alles nur mit Gewalt erzielt. Nur mit Fleiß! Und immer wieder Gewalt!

Sonst schafft man das nicht!

Das ist nicht Begabung.

Das ist nur Wollen.

Ich wollte eben auch was für mich machen.

Ich wollte nicht immer in der Werkstatt bloß an einer Sache ein bisschen rum arbeiten. Wie etwa so'n Arbeiter, der bloß sein ganzes Leben lang Türklinken macht – vielleicht bloß die Gußnaht abkratzen – oder den Gusskopp abkneifen.

Nee –

Da fragten mich die Herren von der Photographischen Gesellschaft, warum ich denn jeden Morgen schon zeichne – so 'n bisschen nach der Natur – und abends auch noch oft bis in die Nacht. Das hätte ich doch nicht nötig. Ich hätte doch mein Brot.

Ja, ich wollte doch auch was für mich machen.

Was Ganzes wollte ich machen.

Ich wollte was machen, aus mir heraus.

So, wie ich die Welt und die Menschen sah.

Ich sah sie doch ganz anders, als die andern.

Und das musste ich eben machen ...«

*

»Alle möglichen und unmöglichen Kunstjünger – und solche, die sich dafür halten, schicken einem Proben oder rücken einem sogar selbst auf die Bude. Oder die lieben Eltern oder Onkels kommen und bringen Proben.

Ja, was soll man dazu sagen?

Soll man die Verantwortung auf sich laden, dass da wieder so 'n Kunstproletarier erzogen wird? Ich sage meist:

›Werdet Schofför; die leben wenigstens nicht lange – die haben aber Brot‹ ...

Weiß man, wie solch Mensch sich entwickelt?

Manch einer macht als Kind so viel Versprechungen – macht die schönsten Bilder. Überhaupt, wenn Vater selbst Künstler ist oder in der Familie allerlei Liebhaberei getrieben wird. Dazu kommt dann solche kindliche Ursprünglichkeit – und das Genie ist fertig.

›Unser Peter braucht doch kaum was zu lernen – ach, der braucht gar nicht mehr zu lernen. Sehen Sie nur, was der kann!‹


9. Die Jungfernbrücke im Schnee zeichnete Zille, nachdem er, nachts aus einer Kaschemme heimkehrend, sie im frischen Schnee gesehen. Er benutzte diese Skizze zu einem Rodelbild, und zu der Zeichnung, auf der die noch »immer frisch vom Lande« gekommene Dirne die Männer anspricht.–

Und es ist auch manchmal überraschend, was so'n Junge kann. Ja – und dann, wenn die Pubertät vorbei ist – dann soll er selber Charakter haben – und Fleiß – und Erfindung –

Und denn ist er ein hohles Ei. Ausgepustet ....

Nee – ich nehme die Verantwortung nicht auf mich.

Ich sage immer:

›Gehn Sie man auf die Hochschule und holen Sie sich da Bescheid. Die Leute da sind angestellt und werden dafür bezahlt‹ ...«

*

In seinen früheren Jahren ist Zille von manchen Geschäftsleuten rücksichtslos ausgebeutet worden. Seine Zeichnungen wurden, ohne dass er gefragt oder dafür bezahlt wurde, in Massen zum Nachdruck verkauft. Auch erschienen viele Abbildungen von ihm, zu deren Reproduktion er keine Genehmigung erteilt hatte, die von den Verlegern gegen seinen Willen veröffentlicht worden waren. Zuerst hat er wohl manches ruhig geschehen lassen: »Man verliert sonst seine Beziehungen.« Dann hat er gemeinsam mit Kollegen Nachdruckskontrolle geübt, seine Zeit im Dienste der Kollegen geopfert. Jetzt steht er auf dem Standpunkt, von dem er erzählt:

»Der Kunsthändler .... bot mir so recht niedliche Preise für meine Zeichnungen. Am liebsten hätte er den ganzen Schwung so auf Ramsch gekauft. Da sagte ich zu ihm:

›Gewiss doch – ich werde meine Zeichnungen pfundweise verkaufen!‹

Da merkte er denn, was los war und ging. –«

*

Selbstbewusst erzählt er, wie Liebermann immer für ihn eintrat, wie er ihn in die Akademie brachte (siehe Kapitel: »Wenn man berühmt ist«) und wie er auch bei andern Gelegenheiten Zilles Können anerkannte und bewertete: Ein großer Verlag stiftete einen Preis für den besten Illustrationszeichner. Selbstverständlich wollte er – schon um der Reklame wegen – seinen Hauszeichner ausgezeichnet sehen. Aber Liebermann, der neben andern als Schiedsrichter gebeten war, bestimmte Zille als Preisträger. Das gab dann einen langen Streit und Verhandlungen zwischen Liebermann und dem Verlag.

Schließlich einigten sie sich auf Zille und den Hauszeichner.

Der Verlag stiftete eben zwei Preise ....

*

Zu einer berühmten Sängerin sagte Zille nach Schluss des Konzertes:

»Wie glücklich sind Siel Wenn Ihre Arbeit vorbei is, denn is se wech . . . Unsa Dreck bleibt immer!«

*

Einen bekannten, modernen Maler, der alles nach dem Modell zeichnet und malt, belehrte Zille:

»Sie müssen das ins Auge klemm'n un denn nachher zu Hause ausschütten. Wenn Sie das nich können, denn is 'ne Photographie besser.«

Überhaupt steht Zille der jüngsten Kunst – sehr kritisch gegenüber. So sagte er öfter:

»Die soll'n man erst so'n Stiebel malen, wie'n der Anton (Werner) jemalt hat!«

Diese Äußerung ist bezeichnend für seine Kunstauffassung. Ihm ist kein Gegenstand zu geringwertig. Er muss nur künstlerisch durchgearbeitet sein.

Er bleibt dabei, dass »Kunst« von »Können« kommt.

*

Auch von andern Eindrücken sprach Zille, von solchen aus der Kunst früherer Zeit. Er ließ manchen gelten, der eine Zeitlang übersehen worden war. Sprach achtungsvoll von Paul Meyerheim, vergaß nie Hosemann und erläuterte mit der Eindringlichkeit des Schaffenden die Unterschiede zwischen dem Pessimismus von Wilhelm Busch und seiner eigenen, aufbegehrenden, auf Besserung dringenden Weltanschauung.

Und wenn er gefragt wurde, ob das Volk ihm denn für das liebevolle Hinweisen auf seine Leiden und Nöte gedankt habe, fragte er mutwillig:

»Soll es mir verhauen? ... Nee – dazu is't nich gekommen. Aber so'n bißken Liebe merkt man doch, wenn man sich ums Volk kümmert –«

*

Mit gutem Humor sieht er auf sein früheres Leben zurück und lacht über Erlebnisse und Angriffe mannigfacher Art:

»Meine erste eigene Wohnung war im Osten Berlins im Keller; nun sitze ich schon im Berliner Westen, vier Treppen hoch, bin also auch ›gestiegen‹. Einige Radierungen sind ins Kupferstichkabinett gelangt und eine Anzahl Zeichnungen und Skizzen in die Nationalgalerie. Jetzt, 1924, bin ich sogar Mitglied der Akademie geworden. Dazu schreibe ich das, was das völkische Blatt, der ›Fridericus‹ sagt: ›Der Berliner Abort- und Schwangerschaftszeichner Heinrich Zille ist zum Mitglied der Akademie der Künste gewählt und als solcher vom Minister bestätigt worden. – Verhülle, o Muse, dein Haupt.«

Z.

*

Wenn er auch nicht mehr ganz so handelt, wie er im Motto seines Lebens und Schaffens angegeben hat – wenn er auch längst den Schluck in der Destille und das Kille-Kille abgeschworen hat: mit dem Ergebnis seiner frohen Arbeit kann er gewiß zufrieden sein.

Zwar zweifelt er manchmal und meint:

»Das kommt ja doch alles in den großen Müllkasten der Zeit!«


10. Verhülle, o Muse, dein Haupt!

Skizzenblatt, zum 1. Mal veröffentlicht.

Aber er hat auf seine Zeit gewirkt, hat beste Zeitkunst geschaffen, hat Augen und Herzen geöffnet. Und da er das mit wahrhaft klassischem Können und mit ernstestem Willen tat, wird er nicht im Müllkasten der Zeit verschwinden, sondern Zille, der Künstler unseres Volkes bleiben.

Zille in der Liebe des Volkes

Kein heutiger Künstler kann sich rühmen, so wie Zille vom Volke geliebt und gekannt zu sein. Das Volk hat, trotzdem er es in den humoristischen Zeichnungen für die Zeitschriften oft ein wenig komisch und von oben herab darstellen musste, immer seine große Liebe hindurch empfunden – und hat sie ihm auch reichlich vergolten. Er selbst konnte denn auch auf die Frage eines Schriftstellers erwidern:

»Ach ja – man merkt schon, dass man immer fürs Volk gearbeitet hat – so'n bißken Liebe merkt man schon. –«

Im weitesten und gemütvollsten Sinne des Wortes war Heinrich Zille eben ein Heimatskünstler. Nicht zum geringsten schmeichelte er sich in die Liebe des Volkes ein durch das Mitgefühl für die Kümmernisse und für die Freuden, das aus allen seinen Blättern sprach. Nicht zum wenigsten machte ihn beliebt die Darstellung der Berliner Kinder. (Siehe Kapitel: »Zille-Kinder« und die Kinderstudien im Abschnitt: »Studien und Akte«.) Wer Kinder so wie Zille ablauschen und durch seinen Zeichenstift festhalten kann, wird immer beim Volke die allerwärmste Gegenliebe erleben.

Er ging immer mit dem Zeichenstift in der Hand den Weg des Volkes. Nicht nur in die Kaschemmen und auf die Rummelplätze. Als um 1905 die sommerliche Auswanderung der Berliner in die Freibäder an den Spree- und Havelufern eine Wendung in der ganzen Lebensart der Hauptstädter brachte, ward Zille der Maler des Freibads. Aus einer Unzahl von Zeichnungen und Skizzen, in denen er die Lust der Berliner an Luft und Sonne betonte, sei hier wenigstens sein Blatt »Zurück zur Natur«, Bild 13, wiedergegeben. Auch in einigen andern Kapiteln (»Zille-Fräuleins« und »Zille-Witze«) sind mehrere Freibadbilder zu finden.

Heinrich Zille fand auch den richtigen Weg, dem Volk die großen Kriegserlebnisse mit Humor zu würzen.


11. Een kleener Berliner Dickkopp.

Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.

Seine Bilderreihe »Vadding in Frankreich – Vadding im Osten« brachte fast zweihundert heitere Erlebnisse eines Landsturmmannes und seines Freundes »Korl« während des Weltkriegs. Nie kamen auf diesen Blättern blutige Ereignisse vor. Zille wusste sie stets zu umgehen und dem in allen Lebenslagen, selbst im Granattrichter noch aufleuchtenden Humor des Volkes gerecht zu werden.

Den schönsten Grund zur Liebe, mit der ihn das Volk umgibt, legte er aber durch die Schilderungen des Volkslebens und durch die Darstellung der Stadtgegenden und der Häuser und Winkel, in denen das Volk wohnte und wohnt. Er brachte naturgetreue Wiedergaben aus dem Scheunenviertel, aus dem baufälligen »Alt-Berlin«, aus Hinterhäusern und Höfen, wie sie in Neukölln wie am Wedding, in Moabit wie in Schöneberg, eben in allen Volksgegenden sich finden. (Siehe »Studien« und »Milljöh«.)

Er brachte gewissermaßen die Landschaft, in der das Volk lebt.

Das Volk fand sich und seine Umgebung durch die Arbeit eines überaus gutherzigen Künstlers auf den Blättern von Heinrich Zille wieder. Und das vergalt es dem Künstler.

Kaum eine Ausstellung wurde so besucht, wie die Zille-Ausstellung zu seinem siebzigsten Geburtstag im Märkischen Museum. Der Bau an der Waisenbrücke, sonst kaum beachtet, hatte seine großen Tage. Des gewaltigen Andranges wegen musste er oft geschlossen werden. Monatelang konnte man vor dem Eingang die Besucher in langen Schlangen anstehen finden – als gäbe es dort wichtige Lebensmittel. In vielen Familien sind Zeichnungen gesammelt oder wenigstens einzeln an die Wand genagelt worden. Und bei fast allen Gewerbetreibenden und in unzähligen Arbeiter- und Angestellten-Haushaltungen wird irgendein Zillebuch wie ein kleines Heiligtum aufbewahrt und von Zeit zu Zeit vorgeholt, um die Herzen zu erquicken und zu erfrischen.

Wie er selbst zum Volke steht, drückte er einmal in einer kurzen, sehr treffenden Zeitungsplauderei aus:

»Immer hab' ich mit den kleinen Leuten gelebt, mit denen ich aufgewachsen, die für mich die Großen waren: – Volk – die Armen. Die den Besitz und die Wohlhabenheit weniger müssen erhalten, vermehren und sich selbst mit Brosamen sollen abfinden. Ich versuchte mit Bild und Wort die Vergessenen zu bannen, so nach und nach kam ich in die Zeitungen, illustrierten Zeitschriften, in die Witzblätter und wurde so der ›Arme-Leute-Maler‹ – leider Witzblätter – es tut weh, wenn man den Ernst als Witz verkaufen muss.


12. »Det is mein Auto janz alleene!«

Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.

Der Verschönerungsrat, der Barbier, der mich betreute, hielt viel Zeitschriften zur Unterhaltung seiner Kunden, aber auch zu seiner eigenen Belehrung. Er legte mir schmunzelnd immer die neuesten Journale mit Zille-Bildern vor und sagte: ›Großartig!‹ Er kannte mich aber nicht.

Ich fragte mal, wie sich das Publikum, seine Kunden, über die Bilder aussprechen. ›Großartig! Sie könn' jarnich erwarten, jeder will die Zeitung oder das neue Buch haben – aber es sin ooch Jegner dabei, die da sagen: Berlin würde dadurch beleidigt, verschandelt! Da hab' ick ihn' jesagt: ›Meine Herren – det verstehn Se wohl nicht – det is eben Zille sein Milljöh – und aus sein Milljöh kann er eben nich mehr raus!‹ –

Und ich sagte: ›Er will es auch nicht.‹«

Z.

*

Zur Vollendung seines siebzigsten Lebensjahres wurde eine große Übersicht über seine Werke von der Stadt Berlin im Märkischen Museum veranstaltet. Große Eröffnungsfeier. Der Oberbürgermeister – Stadträte – Stadtväter – mancherlei wichtige Personen aus der Staats- und Stadtverwaltung.

Der Oberbürgermeister hält eine gründliche Rede auf Zille und sein Werk. Würdigt sein Wirken. Durch seine Arbeit sei das Berliner Volk in allen seinen Nöten und in seinem humorvollen Wesen erst so richtig in die Kunst eingeführt worden. Ihm sei es zu verdanken, wenn das Berliner Volk nun auch ebenbürtig sei in der großen Kunst. Durch sein Medium habe er es verklärt und habe auch seine scheinbaren Schattenseiten überwunden und auch die Elendesten dem Herzen der andern Schichten näher gebracht. Zille aber, der sich nicht wohl fühlte, dachte:

»Die Brust schmerzt, als wenn sie mich sprengen wollte.«

Und als auch der Direktor des Museums ihm bei anderer Gelegenheit Ähnliches sagte, da bedankte sich Heinrich Zille und wies mit einer Geste auf die Zeichnungen hin, auf denen das Berliner Volk in seiner ganzen ungeschminkten Art erscheint:

»Das gilt ja nur dem Volk. Sie wollen in mir nur das Volk streicheln. ...«

Die Feiern machte er vielleicht nicht ganz ungern mit. Aber bei allem Wohlgefühl, das er über seine Popularität empfand, war es ihm oft im Kreise der ihn umringenden Gratulanten und Standespersonen höchst ungemütlich. Ja, bei der öffentlichen Feier seines Geburtstages, inmitten von mehr als hundert hohen Beamten und andern Prominenten, plagte ihn sein Alter und sein Altersleiden, die Zuckerkrankheit. Und bei den langen Reden dachte er: Wenn's doch zu Ende wäre!


13. Zurück zur Natur.

Aus: »Rund ums Freibad«, Verlag Dr. Selle-Eysler A.-G. Bilder aus den Freibädern.

*

Am schlimmsten wurde Zille von seinen Verehrern bedrängt, als er durch die Feier seines siebzigsten Geburtstags in der Öffentlichkeit, in allen Zeitungen, in vielen Reden und bei allen möglichen Gelegenheiten genannt wurde. Er nahm alle die ihm überreich gespendeten Gaben gern an. Sein langer Arbeitstisch war mit Feinkostkörben und Blumentöpfen und Sträußen gefüllt. Nur über die Blumen war er nicht ganz begeistert. Am wenigsten über die weißen, großblumigen Chrysanthemen, von denen ihm mehrere gebracht worden waren. Er sah sie über seine Brillengläser hinweglugend an und meinte leise abwehrend:

»Die haben was Totes an sich, wie weißes Papier. Ohne Farbe ... Das ist ja, wie wenn sie mich schon beerdigen wollen!«

*

Und eine junge Dame, die gar zu gern doch ein Zille-Autogramm haben wollte und mit einem großen eingehüllten Blumentopf sich durch die Tür hineingezwängt hatte in Zilles Arbeitszimmer, reichte schüchtern und wortlos dem Meister ihren Blumentopfgruß hin, den er schon mit stillem Grausen in die Hände nahm:

Richtig – wieder eine weiße Chrysantheme!

Er stellte sie zu den übrigen – sah mit gerunzelter Stirn zu der angstvoll Harrenden hin – und ging dann doch auf sie zu, ihre Hand zwischen seine Hände nehmend:

»Na – Kindchen – Sie wollen gewiß auch meine Unterschrift haben? ... Und schönen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! ...«

*

Aber er erlebte nicht nur die Schattenseiten des Berühmtseins. Er weiß auch von den heiteren Erlebnissen zu berichten, die ihm begegneten:

»Einmal habe ich mich doch gefreut. Da kam es raus, wie bekannt ich bin. Ich bekam eine Postkarte, auf der nichts als ein Kahn3 auf der Adressenseite gezeichnet war.


14. Vadding in Frankreich. Weihnacht 1914.

»Wenn ick man blot wüßt, wat ›Stille Nacht, heilige Nacht‹ uf französisch heet! Ick möcht de Lütt mal een dütsches Wihnachtslied vorsingen.«

Ulk 1914.

*

Der Postbote gab sie mir:

›Det können Sie doch bloß sein!‹

*

»Neulich musste ich mir'n Auto nehmen, um nach Hause zu fahren. Und als ich nun meine Straße und Hausnummer sagte, nickte der Schofför und sah mir so komisch prüfend an, dass mir ordentlich bange wurde.

Und als wir dann durch den Tiergarten kamen, da stoppte er'n bißchen.

Nanu, denke ich, was soll das werden?

Da dreht er sich um und fragt lächelnd:

›Sie sind doch Zille, der Maler Zille?‹

Ich musste nun ›Ja‹ sagen.

›Na, ick habe Sie doch jleich erkannt – nach den Bildern in der Zeitung. Haben Sie't eilig?‹

›Das gerade nicht‹, antwortete ich. ›Aber ich muss fahren, weil meine Beine mich nicht mehr so weit tragen.‹

›Woll'n Sie nich noch'n bißken spazieren fahren? Ick stelle de Uhr ab. Sie kommen doch jewiß nich mehr ville an de frische Luft! .. Un for Zille'n hab' ick immer'n bißken Zeit!‹

Und er fuhr mich raus bis Spandau und dann wieder nach Hause – So richtig durch die schöne Luft ...«

*

»Ein anderer Schofför hatte mich auch mal nach Hause gefahren. Als ich nach der Taxe sah, war die Uhr nicht eingestellt.

Ich fragte: ›Ja, was habe ich Ihnen denn für die Fahrt zu zahlen?‹

›Nischt. Herr Zille, nischt!‹ sagte er lächelnd.

›Was denn?‹

›Na – Sie sind doch Meester Zille! Ick habe doch zu Hause alle Bücher von Ihnen. Und da müssen Sie mir schon mal das Vergnügen machen ...‹

Was sollte ich tun? Ich konnte ihm nur die Hand schütteln.«

*

»Als die Vorwahlen zur Wahl des ersten deutschen Reichspräsidenten waren (und die Wahl fiel auf Fritz Ebert), saß ich mit am Wahltisch, in einer kleinen Kneipe, als Beisitzer. Gegen 11 Uhr Vormittag kam ein vergnügtes Volk, Masken vom Maskenball – hatten aber keine Ausweise und wurden durch die Verkleidung auch nicht erkannt. ›Na, aber Herr Direktor,‹ sagten die Mädels, ›wir sind doch alles Zillekinder!‹«

*

Sehr hübsche Erlebnisse erzählt Zille von Aufwärterinnen und anderen weiblichen Wesen, die seine Kunst verehrten:


15. Vadding in Frankreich. Vierzehn Tage Urlaub.

»Du Korl, ick glöw, de Unnerstand von dien Patenkind is naß!«

Ulk 1915.

»Eine Aufwärterin fragte mich, ob ich denn nun wirklich Professor sei?

›Nee,‹ sagte ich, ›das gibt's doch jetzt nicht mehr in der Republik, dass einer einen Titel kriegt, der nicht auch das Amt ausübt. Ich lehre doch nicht. Also kann ich doch auch nicht Professor sein.

Ja früher, da kriegte jeder Steißtrommler, jeder Gymnasiallehrer den Professor!‹

›Aber in de Akademie sind Se doch, Herr Zille! Det weeß ick doch. Een Schwager von mir is doch ooch da! Der freut sich immer so über Ihre Bilder!‹

Ich sah sie erstaunt an: ›Kennt er sie denn?‹

»Ja, er kennt sie alle.‹

›Ein Schwager von Ihnen? Wer ist denn das? Was ist er denn? Ist er Dichter?‹

›Nee‹ –

›Macht er laut? (d. h. ist er Musiker?)‹

›Na – er is doch Heizer in de Akademie!‹«

*

»Da habe ich in dem Zimmer nebenan ganze Packen Studien-Blätter und Mappen. Die wollte ich eigentlich mal alle in den Ofen schieben. Was soll der ganze Kram in der Welt, wenn ich nicht mehr bin? ... Das hörte auch meine Aufwartefrau und bat:

›Och nee – machen Se doch det nich. Jeben Sie mir wat! Und wenn't bloß 'n paar Zettel mit so 'n paar Kinderkens oder Frauen sind – ick würde mir det zu jerne an de Wand hängen!'«

*

Ein kleines Geschäftsmädchen brachte Zille ein Paket. Sie bekam ihr Trinkgeld, druckste aber eine Weile und bat dann zögernd, ob sie nicht lieber »ne kleene Zeichnung kriejen könnte«.

»Ja, aber Kind,« erwiderte Zille, »was soll ich Ihnen denn geben? Das ist nicht so leicht – ich werde ohnehin schon so geplündert!«

»Ach,« meinte sie, »wenn't ooch janz wat Rüdijes is, ick freu mir darüber!«

*

Ein andermal erzählte Zille:

»Einmal schrieb ein Konditor aus Chemnitz an mich, er hätte meine Bücher gekauft – und ob denn das wirklich so schlimm wäre mit der Not in Berlin. Ich möchte ihm doch einige Adressen schicken, wo es einen Zweck hätte, zu Weihnachten Stollen hinzuschicken.


16. Im Scheunen-Viertel, Füsilierstraßen-Ecke, inzwischen abgerissen.

Nach dem Original.

Es ist noch viel schlimmer in Berlin! antwortete ich ihm und schickte ihm die gewünschten Adressen. Und dann hörte ich auch, dass mehrere arme Luders so rechte schöne große sächsische Stollen von ihm bekommen haben.

Schließlich tauchte er selbst in Berlin auf und wollte sich überzeugen, ob's so schlimm war. Ging hin zu den Leuten, denen er Stollen geschickt hatte. Und besuchte mich nachher.

›Ja, das ist wirklich schlimmer als bei uns‹, sagte er mir. ›So elend wie hier sind die Menschen bei uns nicht. Wenn einer bei uns Unglück hat, dann kümmern sich doch die Nachbarn oder sonst wer um ihn. Wir kennen doch unsere Armen. Aber hier – so elend – so einsam – so. verlassen ... Es ist ja, als ob hier die Menschen allein sind, wenn sie ins Unglück kommen.‹

Seh'n Sie«, fügte Zille hinzu – »dadrum muss ich zu Weihnachten soviel Päckchen verschicken, damit sich die Leute nicht so allein auf der Welt fühlen ...«

*

Bei diesen unmittelbaren Erlebnissen blieb es nicht. Ganze Stöße von Briefen erfreuten den Meister. Manche kamen spontan, wenn irgendein Bild oder ein neues Album von Zille erschienen war. Viele Freunde aber dachten an ihn zu Weihnachten. Aus der Fülle solcher Festgrüße seien hier einige Proben gegeben. Aus dem Gedicht von zwei jungen Leuten zu Weihnacht 1924, aus dem Zille den mittleren Teil für ein Bild entnahm: »Alle Menschen sin vaeint –« seien hier die ersten und die letzten Zeilen nachgedruckt:

»Stille Nacht, heil'je Nacht«

Und da hab'n wa jedacht,

Unsern lieben alten Zillen

Woll'n wa 'n Weihnachtsjruß vapillen.


17. »Aetsch –Unser Vater is ooch in Tegel.«

Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.

Lieba juta Weihnachtsmann,

Streng dir mal 'n bißken an:

Keenen Haß nich, keene Hiebe,

Frieden wolln wa: Christboomliebe.

*

Mit herzlichem Weihnachtsgruß und allen guten Wünschen unserm lieben und verehrten Herrn Heinrich Zille

W... C... und B... W... Weihnachten 1924

*

Ein sehr hübsches Gedicht bekam Zille von einem Mann, den er bei seinen Fahrten durchs »Milljöh« kennengelernt hatte. Auch hier seien Anfang und Ende wiedergegeben. Hier haben wir gleich den heiteren Widerhall von Dingen, die in einigen folgenden Abschnitten – »Zille und seine Modelle«, »Wenn man berühmt ist« usw. – berührt werden.

Lieber Onkel Heinrich höre

Und verzeihe, wenn ich störe,

Aber ich und meine Olle,

Wir bekamen eine Stolle.

Chemnitz/Sachsen, Anton Müller,

Sandte als Befehls-Erfüller,

Wunschgemäß, in Deinem Namen,

Was wir gestern nun bekamen.

Dieserhalb und derowegen

Wünschen wir Dir Glück und Segen,

Wollen wir uns auch bedanken,

Doch die Sendung traf 'nen Kranken!

Denke Dir, ich armer Schlucker

Laboriere jetzt an Zucker,

War ja stets ein süßer Junge,

Pflegte Gaumen stets und Zunge.

Wenn ich mir das recht bedenke,

Krieg' ich allemal die Kränke,

Möcht' mit »Dichten« mich beeilen

Und sche die n.

verman denn Zeile

*

Käte, wegen ihrer Gicht,

Darf sie gleichfalls essen nicht.

Doch ich bin der Lösung Finder,

Gibt es denn nicht arme Kinder?

Ja wir werden sie verteilen

Und in Freude bei verweilen,

Wenn die kleinen Krabben schlingen,

Werden wir ein Liedchen singen.

Auf das Lied, das altbekannte,

Singen wir 'ne Variante:


18. »Mutta, wächst so ne Wurscht immer wieder?«

Nach dem Original.

Zille Nacht, heitere Nacht,

Die uns den Humor gebracht,

Die uns lachend ertragen lässt,

Lachend das Elend am Weihnachtsfest.

Lachen, das bringt uns Ruh,

Zille, ein Zaub'rer bist Du!

So, mein lieber Onkel Zille,

Klingt der Gruß aus uns'rer Stille,

Nimm' ihn frohen Herzens an,

Denke uns'rer dann und wann!

Karl Maria Völkel.

*

Eine große Zahl von kennenswerten Gedichten brachte dem Meister sein siebzigster Geburtstag. Eine sehr bekannte Vortragskünstlerin schrieb ihm:

An den großen Meister!

Wenn ich nicht war an Grippe erkrankt,

So kam ich zu Dir raufgewankt

Und hätt' Dich als 70er bewundert.

Und so ruf ich nur: Zille bis 100!

Ich wollt' mein Haupt in Deinen Sauerkohl drücken,

Aber du bist ja nicht sehr für ältere Zicken.

Darum schick' ich lieber 'n paar Pullen Mosel hin,

Das ist doch sicher mehr nach Deinem Sinn.

Also bis 100! vielleicht wer'n wir dann

Beide ein Paar – –

Zilleken, das wäre doch wunderbar.

Bis dahin drückt Dir in Verehrung die Hand

Deine Dich liebende

Söneland.

*

Ein Arzt schrieb:

Altmeister Zille zum 70. Geburtstag.

Heinrich heeßt er,

Der große Meester.

Dient als Lito-Graf

Treu und brav

Nur des Volkes Kunst

Und steht hoch in dessen Gunst.

Ihm gehört sein warmes Herz.

Mit ihm teilt er Freud und Schmerz.

Dufte Jungen, leichte Maid

Zeichnet er stets stiftbereit,

Frauen, dick mit ohne Linie,

Andre schlank wie eine Pinie.

Kesse Kinder, kugelrund,


19. »Was Junge – du rauchst?! Ich sollte dein Vater sein!« – »Det kenn' Se hab'n – Mutta is Witwe.«

Nach dem Original.

Nicht gefallen auf den Mund,

Kommen fix,

Machen einen Knix:

Mutta, die is sehr dafür,

Dass man Dir gratulier'.

Hab' für Deine Güte Dank,

Bleibe lang noch mang uns mang.

Und Gott Vater in der Höh'

Erhalt' gesund Dich unserm »Milljöh«.

Ja, beim Meister Zille kann man's sehn:

Es muss der Zeichner mit dem Volke gehn.

Dr. Sch.

*

Und ein anderer Arzt wusste das Fest des 70. Geburtstages recht humorvoll zu schildern:

An Vater Zillen .

Heit liejen de Briefe hochaufjeschichtet.

Se ham Dir stillen, bescheidenen Mann

Von oben bis unten angedichtet,

Und Du heerst allens jeduldig an.

Se ham Dir jemalt, radiert und jekurbelt,

Dir ooch noch interwivt hinterher;

Und Du – Du denkst Dir, festlich umwirbelt:

Wenn bloß der Klamauk schon vorieber wär'! –

Sonst lebste so ruhig, sonst lebste so heißlich –

Heit holen se Dir schon frieh aus dem Bett.

Zu nischt haste Zeit mehr! 's is jradezu scheißlich.

Se warten uff Dir schon vor dem Klosett.

Et kommt von de Acker- und Linienstraße

Der Orje, der Ede, der Fritz, die Marie; –

Die scheenen Blumen! Keener verjaß se!

Et kommt sogar »Max« von de Akademie.

Und dann de Vereine, jroße und kleene –

Wie sich det Volk uff de Treppe steeßt! –

Und Brennert und Ilyan und Heilborn und Behne,

Und wie det Federvieh sonst noch heeßt.

Du – wer kloppt denn an't Fenster? Mensch is det meechlich?

De Spatzen, die kommen ooch alle heit,

De dankbaren Vejelchen, denen Du teechlich

Uff Deinem Balkon det Futter jestreit! – –

Au Backe, nu hätt ick beim vielen Quatschen

Beinahe det Jratulieren verdöst! –

Na also Heinrich, ick drick Der de Patschen

Und winsch Der, dass De den Tach ieberstehst.

Denn biste morjen frieh noch am Leben,

Nach der Strapaze noch uff dem Kiehn, Dann wird's noch manchet Jubiläum jeben, Trotz Fachinger Wasser und trotz Insulin!

Dr. E. H......(der andere H......, weeste, der Leibtierarzt von de Sammetbrieder).

*

Welchen Widerhall Zille im Volke gefunden, erläutern wohl am besten diese kleinen Beispiele und manche Erlebnisse, die in andern Kapiteln geschildert sind. Viele hundert solche Geschichten ließen sich erzählen. Und sie wirken noch überzeugender als die Menschenmassen auf den Zillefesten, als die vielen Zillebälle, die zur Karnevalzeit in ganz Deutschland, in den schlesischen Bergen wie in hinterpommerschen Städten, in Thüringen und im Hannoverschen gefeiert werden. Und auch die Ausstattungen so vieler Kneipen mit Zillebildern reden eine deutliche Sprache.

Das liebste an seiner Berühmtheit aber ist Zille doch jene Liebe des Volkes, wie sie sich immer wieder in solchen kleinen Erlebnissen äußert.

Wenn man berühmt ist ...

»Berühmtheit ist eine schöne Sachel« meinte Heinrich Zille, »aber nicht immer! ... Manchmal nutzt sie einem ja. Man braucht nicht mehr überall so lange zu warten wie sonst. Die Verleger freuen sich mächtig, wenn man kommt – denn sie haben ja bloß Vorteile von den Berühmten und kein Risiko. Man kriegt auch manchmal 'n bißken mehr Geld für seine Arbeit und kann auch öfter mal 'n armen Deibel 'ne Freude machen oder da, wo's nötig ist, ein bißken nachhelfen – Menschen aus dem größten Druck rausholen.

Aber – die Berühmtheit hat auch ihre Schattenseiten. Verflucht unangenehme Schattenseiten – für den, der berühmt ist.«

Und Zille erzählte mancherlei Unangenehmes und Bitteres aus den letzten Jahren, als seine Popularität ihn zu einer maßgebenden Persönlichkeit der Reichshauptstadt, zu einem bestimmten Begriff gemacht hatte:

»Manchmal habe ich ja auch meinen gründlichen Ärger gehabt über meine Berühmtheit. Die ganze Welt denkt, ich habe nun so viel Geld gescheffelt, dass ich gar nicht mehr weiß, wohin damit. Jawohl – 'ne Villa im Grunewald hätte ich.

Na – hier seh'n Sie meine Villa.«

Er machte eine Handbewegung und ließ seine Blicke durch die große Stube laufen.

»Vier Treppen hoch – in dem alten Hause aus den achtziger Jahren. Höhenluft!« lächelte er und wies auf die Dächer mit den vielen Schornsteinen. »Hier mein großer Arbeits- und Eßtisch mit der elektrischen Lampe. Da mein Bett – mein Ruhe- und mein Sorgenlager. Da mein Arbeitsschrank mit der Klappe, an der ich zeichne und tusche. Die Staffelei und der Kleiderschrank – und der kleine Schrank mit den Andenken und den Photos von lieben Freunden. Ja, ja – Wieviel sind davon nicht mehr lebend zu seh'n ... Und denn da hinten meine kleinen Freunde, meine Vögelchen!


20. Die Stütze.

Nach dem Original.

Ja, ja, seid man stille! Ich denke an euch!«

Er geht hin zu ihnen und klopft mit dem Finger an die Stäbe der Vogelbauer.

Und dann weist er auf die Tür zum Nebenzimmer:

»Da liegen meine Bücher – und meine Mappen und sonst mancherlei. – Und dann ist noch 'ne Küche da – und ein Zimmer für meinen Sohn und meine Schwiegertochter.

Det is nu meine Grunewaldvilla!«

Und nun erzählte er, wie seiner Schwiegertochter in den benachbarten Geschäften ganz unerhörte Preise abgefordert wurden nach seinem siebzigsten Geburtstag.

»Die Geschäftsleute sagten: ›Na, Professor Zille is doch jetzt 'n reicher Mann! Der hat doch mindestens Hunderttausende verdient. Der hat doch 'ne Villa im Grunewald und duht doch bloß so, als wenn er hier wohnen muss. Der kann doch zahlen! Der duht bloß so, als ob er noch nischt hat!‹

Meine Schwiegertochter musste in eine andere Gegend zum Einkaufen gehen, wo sie keiner kannte!«

*

»Unzählige Bettelbriefe kamen, als sie von mir soviel in den Zeitungen schrieben.

Manche schrieben ganz frech, ich sollte ihnen ein kleines Kapital stiften zu einer neuen Existenz, zu einem kleinen Laden.

Andere wollten Geld haben für eine kleine Badereise. Sie möchten sich doch auch mal ein Stück Welt anseh'n.

Ich schrieb ihnen zurück:


21. »Ick habe meinen Weihnachten!«

Pfefferkuchen nach einem Zillebild.

Ich bin doch nich Ihr Bankier!

Was die Leute wohl glauben, für wen man alles sorgen soll und sorgen kann!

Und dann die fürchterlichen Menschen, die selber kamen!

Da wohnt da drüben einer, in der Nachbarschaft. Läuft rum mit 'n Hut ohne Krempe. Der geht schon lange bloß auf Fahrt.

Eines Tages klingelt's. Ich gehe an die Tür. Der Schnorrer steht da und sagt bloß:

›Ick bin schon dreiundsechzig Jahr!‹

›So – und ich bin siebzig!‹ antwortete ich. Aber der Kerl wollte nich weichen, wollte sich in die Türe drängen. Wahrscheinlich hatte er auch gehört, ich wäre reich ...«

Zille lachte belustigt auf und sah unter seinen buschigen Brauen mit seinen munteren Augen vor:

»Reich! Ja, wer mich hier so sieht, mang dem vielen Geld!«

Er hatte auf seinem langen Arbeitstisch lauter Päckchen von Kleingeldscheinen geordnet und klopfte zärtlich auf einige: »Ja – man möchte ja so gern an recht viel arme Biester denken. Alle sollen se wat haben ... Das da is für de Lise aus Moabit. Als sie noch nich in die Schule ging, habe ich sie mit ihrer Mutter gezeichnet. Vater war nich da. Jetzt hat sie selber schon ein paar Bälger. Aber 'n Vater hat sie ooch nich dazu. –

Gott ja – wie det so is! Die Marie aus de Fennstraße hat ja auch schon mehrere. Die hat ja nu einen Vater für ihre Göhren. Aber den muss sie noch mit pflegen wie 'n kleines Kind: er is verschütt' worden im Kriege ...

Na – überhaupt der Krieg! Der hat uns wat feines gebracht ... Die meisten Päckchen, die gehen an Witwen aus der großen Zeit. –«

Und ein wehmütiger, von Ironie bewegter Zug zuckte in seinem Gesicht, als er von der »großen« Zeit sprach.

»Nicht alle begnügten sich mit Briefen oder ließen sich an der Tür abfertigen. Einer, der ganz patent aussah, drang ganz dreist bis in mein Zimmer vor. Meine Schwiegertochter, die sonst alle erst abfängt, ist doch kränklich, das arme Wesen – und da hatte sie dem aufdringlichen Kerl wohl nicht energisch die Tür gewiesen.

Da stand er plötzlich in meinem Zimmer:

Er sei abgebaut. Sei Bankbeamter. ›Die Künstler haben doch in der Inflation so schöne Geschäfte gemacht bei der Handelsgesellschaft!‹

›Ich nicht!‹ antwortete ich ihm. ›Ich nich!‹


22. »Mutta, schmeiß Stulle runta!«

Pfefferkuchen nach einem Zillebild.

Und dann redete er lange auf mich ein. Er hätte nicht mal mehr eine feste Wohnung. Und das sei doch das Fürchterlichste. Wenn ein Mensch erst seine feste Bleibe aufgeben müsse ... Plötzlich fragte er mich:

›Kann ick nich da in der Ecke schlafen? Hinter dem Spinde? Ich schlafe im Stehen!‹

›Bauen Sie sich da auf!‹ antwortete ich ihm spöttisch. Aber dann machte ich ihm doch klar, dass mir das nicht passte, wenn hinter mir beim Schlafen ein fremder Mensch im Zimmer sei. – Man kann ja auch nicht wissen, was der in der Nacht vorhatte. – Der dachte doch auch, er findet Schätze bei mir. Und denn: im Schlaf kann sich keiner wehren ... – Er war ja noch ganz gut in Kluft. Also war das bloß Schwindel mit der Obdachlosigkeit. Trotzdem es ja genug Brüder gibt, die keine feste Bleibe haben. Aber das ist auch nicht immer bloß Mangel an Geld. Sie wollen sich eben nicht finden lassen. Oder, das Hin und Her gefällt ihnen besser. –

Na – mit Mühe und Not habe ich den Bruder rausspediert!

Und einer kam und erklärte' mir, wenn ich ihm nicht sofort gründlich helfen würde, dann würde er sich vor meiner Tür aufhängen.

›Wollen Sie einen Strick von mir dazu haben?‹ fragte ich ihn.

Der sah bald ein, dass er an den Richtigen gekommen war – und zog stumm ab.«

Nach einer Weile steckte Zille einige Scheine in alte Briefumschläge, die er aus Sparsamkeit selbst gewendet und wieder verklebt hatte:

»Nee, nee – man hat so schon für genug Arme zu sorgen ...«

*

»Was meinen Sie wohl, wie man um Autogramme angebettelt wird! Aber die Leute, die um Autogramme schreiben, kriegen von mir einen Brief:

›Wenn Sie an die Frau Soundso fünf Mark schicken‹ – ich habe doch immer 'ne ganze Masse arme Witwen und andre arme Luders – ›dann will ich Ihnen gern meinen Namenszug zukommen lassen.‹

Und richtig – meistens schreibt mir dann auch irgendeine arme Alte, sie hätte von Demunddem fünf Mark gekriegt und sollte mir das mitteilen. Und 'n schöner Dank is auch meistens bei.« –


23. Alice Hechy in einer Zille-Rolle.

Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.

»Da kam auch einer aus einer bekannten Großindustriellenfamilie. Einer von den drei großen Hetzern. Der kaufte sich gerade gerne ›mein Volk.‹

›Das ist nicht die schlechteste Kapitalsanlage‹, meinte er. ›Man muss doch jetzt sein Interesse fürs Volk zeigen ... Wenn sie hier mal nachsehen kommen, dann kann ich doch beweisen, dass ich für das Volk was übrig hatte. Das ist gut angelegt für meine Familie; die Sachen behalten ihren Wert!‹

Als ich nun in die Akademie kam als Mitglied, da sagte der Sohn:

›Jetzt sind sie noch mehr wert! Und das Vergnügen dran haben wir dazu!‹

Sie luden mich denn auch ein in ihre Wohnung – Kurfürstendammgegend – Marmortreppe – Fahrstuhl – fingerdicke, echte Teppiche, 'ne Masse Silber und Kristall. Ja – wenn ich jetzt hier den Fahrstuhl im Hause hätte! ...«

Und er sah traurig auf seine Beine herab, die ihn nur selten die vier schmalen Holztreppen hinab und herauf tragen wollten. – Dann winkte er abwärts, wie wenn das versinken müsse und fuhr fort:

»Ja, und dann führten sie mich zu Tisch und sagten, heute gäb's mal was Besonderes. Saubohnen mit Fleisch.

Es war noch in der Zeit, als wir andern überhaupt nischt hatten, als so 'n Happen auf Marken zugeteilt wurde.

Na, ich sah mir denn das feingestickte Leinen, das echte Porzellan, die silbernen Löffel und Gabeln und Schüsseln an und sagte so 'n bißchen ironisch:

›Bloß – weil ich hier bin!‹

Und ich dachte mir: ›Sonst gibt's Fleisch und Geflügel und Wild und Schnitzel in Butter ...

Ja, ja, se wollen uns immer für dumm verkaufen – aber wir wissen ja doch, wie's gekocht wird ...‹«

*

Ein Verlag wollte seinen Lesern auch Zillezeichnungen bieten. Zille war populär, war so behebt geworden, dass jede an ein größeres Publikum sich wendende Zeitung und Zeitschrift seine Berliner Zeichnungen bringen musste. Die Inhaber hatten aber die Tendenz, nicht das soziale Elend zu Worte kommen zu lassen. Sie verlangten auch von Zille, er solle in seinen Abbildungen keine Gebrechen zeigen, keine schwangeren Frauen, keine Kranken, kein Elendsmilieu.


24. Westermeier und Lotte Werkmeister im Zille-Akt der Revue »Das hat die Welt noch nicht gesehn!«

Da antwortete ihnen Zille:

»Dann kann ich Ihnen Berlin nicht zeichnen!«

Und der Verlag hat schließlich auch gern »die echten Zilles« genommen und veröffentlicht.

*

Zu dem Echtesten und Persönlichsten gehört das, was Zille bei seiner Einführung in die Akademie der Künste erlebte. In der ersten Sitzung, an der die neuen Mitglieder teilnehmen, müssen sie, wie das seit langem Gewohnheit ist, ihren eigenhändig geschriebenen Lebenslauf überreichen. Max Liebermann, der Präsident der Akademie, nahm aus Zilles Hand dessen Selbstbiographie – sah auf das eng beschriebene Blatt – las einige Zeilen und meinte lächelnd:

»Det is ja janz ulkig! Aber sagen Se mal – warum ham Se denn det so kleen jeschriem?«

Zille antwortete schlagfertig: »Erstens sollte das alles uff eene Seite jehn – und denn braucht es ja doch ooch keener zu lesen!«

»So – o – nu lesen Se't man selber vor?« sagte Liebermann.

Zille nahm das Blatt und las seinen Lebenslauf. Solche echten volkstümlichen Worte hatte die hochmögende Kameradschaft der Akademie wohl noch nie an dieser Stelle gehört. Aber die Professoren schüttelten nicht entrüstet den Kopf. Ihre Gesichter hellten sich auf. Stilles Lächeln glänzte in den Augen, in den Mundwinkeln. Das stille Vergnügen an dem »Frischen Ton«, wie er in dem feierlichen Sitzungssaal bisher unbekannt gewesen war, explodierte schließlich in einem laut schallenden Gelächter.

Aber Zille blieb ernst und las die letzten Sätze vor:

»– Jetzt bin ich sogar Mitglied der Akademie geworden. Dazu schreibe ich, was das Blatt ›Fridericus‹ sagt: ›Der Berliner Abortzeichner Heinrich Zille ist zum Mitglied der Akademie der Künste gewählt und als solches vom Kultusminister bestätigt worden. Verhülle, o Muse, dein Haupt!« (Siehe Bild 10.)


25. »Komm man, Kleene!« Westermeier und Lotte Werkmeister in einem Zille-Akt.

Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.

Diese Worte zündeten derart, dass die Mitglieder in stürmischem Beifall Zille umringten.

So unakademisch war wohl selten ein neues Mitglied begrüßt worden. Dann aber musste er als jüngster Akademiker, trotz seiner sechsundsechzig Jahre, die Blechbüchse in die Hand nehmen und die Stimmen für seine Wahl von Mitglied zu Mitglied einsammeln. Bei dieser Arbeit meinte er:

»Na, det jeht ja noch. Aber muss ick als Lehrling nu ooch den Schnaps for de andern holen?«

Die Sitzung wurde schleunigst aufgehoben – und woanders weitergetagt, wo es gemütlicher war als in der Akademie.

*

Viel Freude hatte Zille durch andere Folgen seiner Berühmtheit. Die Pfefferkuchen, die nach seinen Bildern hergestellt wurden (siehe Bild i und die diesem Kapitel beigefügten Abbildungen), brachten gewisse heimatliche Schwingungen ins Berliner Weihnachtsfest. Und die vielen Filmstücke, die unter Berufung auf Heinrich Zille über die Flimmer-Leinwand gingen, haben seinen Ruf ebenso ausgenutzt wie gefördert. Bei einigen hat er mit geholfen durch Szenenentwürfe und Figurinen. So z.bsp; B. beim Film vom fünften Stand. Das reizte ihn sogar zu einer Zeichnung, auf der viele seiner Typen vor einem Kintopp erschienen und sagten:

»Das sind wir ja alle!«

Manchen Schauspielern gaben diese Zillefilme auch Gelegenheit, sich erst richtig zu entfalten, mehr auf der Leinwand als auf der offenen Bühne zu zeigen. Heinrich George bewies eine tragische Wucht in dem von Carl Boese ausgezeichnet gestellten Film: »Kinder der Straße«, die man ihm bisher nicht zugetraut – und die man auch den Gestalten Zilles, dem Berliner Volk nicht zugetraut hatte. Aber es hat ganz gewiss auch seine tragische Größe in sich ...

So ist es auch zu verstehen, dass Zille in einem Bildchen (siehe Bild 3) einmal indirekt gegen die Filme sich äußerte – zugleich aber auch eine Anerkennung jenen Schauspielern aussprach, die seine Gestalten auf der Flimmerwand »geschoben« hatten.

Der Erfolg dieser Filme – sie mussten meist viele Wochen lang gespielt werden und waren in allen Filmtheatern Berlins und von ganz Norddeutschland zu sehen – bewies, wie echt die Zillekinder und -mädchens gespielt wurden – und wie berühmt Zille ist ....

*

Hat nun die Berühmtheit auch Zille manches von dem gebracht, was eben jeder Berühmte über sich ergehen lassen muss: Belästigung durch die Organe der Öffentlichkeit, Hineinströmen aller möglichen und unmöglichen Menschen in sein eigenes Heim, neugieriges Hineinstarren in sein Leben, in sein alltägliches Gehaben, in sein Tun und Lassen, Hineindrängen in sein innerstes Wollen und Nichtwollen – und nicht zum wenigsten auch das Hereinzerren seiner Persönlichkeit in die Öffentlichkeit und in den Vergnügungsrummel von Groß-Berlin (siehe den Zilleball und die herben Worte, die er im Kapitel von den Zillefesten über ihn sagt) – er hat sich gewiß mit diesen Unannehmlichkeiten abgefunden und ist gewiß froh darüber, dass er auch dort berühmt geworden ist, wohin ihn seine menschlich stets mitempfindende Künstlerseele gezogen hat:

Beim Volk, bei den Schichten, die in den dumpfen Winkeln und Mietskasernen wohnen. Von den Auswirkungen in diesen Kreisen mögen die Abschnitte »Zille in der Liebe des Volkes« und »Zille und seine Modelle« künden.

Aber nicht nur bei ihnen, denen er durch seine ungeschminkten Schilderungen gedient und geholfen hat, ist er berühmt geworden. Er wird auch weiter berühmt bleiben als jener Meister, der das Volk unserer Tage mit der größten Liebe dargestellt hat.

Zille-Feste.

Der allgemeinen Beliebtheit, der Zille und seine Gestalten sich erfreuen konnten, verdankte er auch einige Anerkennungen, die nicht jedem Künstler dargebracht werden. Nicht nur in allen guten humoristischen Zeitschriften erschienen seine Blätter. Nicht nur wurden seine Bücher und Alben in vielen zehntausend Exemplaren verkauft – ja, manche Zillealben brachten es bis jetzt fast auf eine Auflage von nahezu einhunderttausend Stück. Die Popularität seiner Gestalten führte schließlich zur Einrichtung von Festen, die unter seinem Namen viele Tausende von Menschen in fröhlicher Ungebundenheit versammelten. Zuerst wurde Zille gebeten, sich an dem Karikaturistenball zu beteiligen. Groß war der Erfolg dieser Bälle, die bereits vor'm Kriege ihren Höhepunkt erreichten und die meistens in den Sälen des Admiralspalastes am Bahnhof Friedrichstraße ihren lustigen und bunten Balltrubel austoben ließen. Was Zille für diesen Ball bedeutete, möge ein Auszug aus der satirischen Festzeitung vom Karikaturistenball vom 17. Februar des Jahres 1912 erläutern:

»Der Kaiser bei Zille. Das große Interesse des höchsten Schutzherrn deutscher Kunst an modernen Karikaturen veranlasste eine Anfrage des Hofmarschallamtes bei dem Präservator deutscher Zeichenkunst Moritz Furunkel, von der ›L'Illustration Berlinoise‹, der einen Besuch bei dem mit dem Menzel-Preis ausgezeichneten Illustrator H. Zille vorschlug. Diesen Besuch hat der Kaiser vor einigen Tagen ausgeführt und wir geben nachstehend eine Schilderung unseres Hofberichterstatters Alfred Holzkopp über das historische Ereignis:

Punkt 5 Uhr rollte das Hofauto in der Mulackstraße vor das primitive Kelleratelier, in dem der Meister hauste. Der Kaiser wurde zunächst von zwölf weißgescheuerten Ehrenjungfrauen empfangen, die ihm ein Bukett überreichten. Nachdem er hierauf mit Taucherhelm und Sauerstoffapparat ausgerüstet worden war, betrat er die mit Zillescher Eleganz ausgestatteten Kellerräume und besichtigte eingehend die ausliegenden Zeichnungen. Der Kaiser bestellte nun noch einige Entwürfe zu Kadiner Kacheln, und nachdem er aus der Hand des Meister Zille noch eine echte Berliner ›Weiße mit Strippe‹ kredenzt erhalten hatte, fuhr er hochbefriedigt ins Schloß zurück.«


26. Venus im Pelz. Parodie nach dem gleichnamigen Bild von Rubens.

Aus einer Einladung zum Karikaturistenball 1925.

In der Wintertanzzeit 1924–1925 wurde dann im Großen Schauspielhaus der ›Hofball bei Zille‹ veranstaltet. Ein kleines Stück von Hans Brennert unter gleichem Namen brachte sehr hübsch und eindringlich einen Teil vom Zillemilljöh und von Zillegestalten auf die Bühne. Die Dekoration gab ein echtes Stück Alt-Berlin wieder. Die Szenenbeschreibung sei deshalb hier nach dem Entwurf von Brennert mitgeteilt:

Hof im »Gelben Anton« in Berlin O.

Rechts und links: Seitenflügel mit Eingängen zum Hintertreppenhaus.

Hintergrund: Hofseite des Vorderhauses mit Hausflur zur Straße.

Stallung. Müllkasten. Retirade.

Fenster mit Wäsche und Blumenkasten.

Über den rechten Seitenflügel sieht eine benachbarte Fabrik.

Rohgezimmertes Podium für die Musikkapelle mit altem Klavier.

Girlanden mit Lampions quer über den Hof von Flurfenster zu Flurfenster.

Bierausschank in improvisierter Bude an der einen Hofseite. (Siehe Bild Nr. 24 und 25.)

Um einen kleinen Überblick über die eigenartigen Personen des Stückes zu haben, möge auch das Personenverzeichnis folgen:


Matrosenkarl Rosenfrieda Pyjamajule Radieschen Pinselheinrich Schrammelfredy Bollenjuste Honiglene Mieter im »Gelben Anton«


27. »Milchflaschen! Ersatz für Muttermilch!« Studie vom Weihnachtsmarkt.

Nach dem Original.

Menke, Verwalter des »Gelben Anton«

Frau Menke, seine Frau.

Mieter, Mieterinnen, Kinder,

Musikkapelle, Schutzleute.

Das Stückchen schildert ein Volksfest auf einem Hof im Volksviertel, mit Musikkapelle, Männerquartett, Kinderreigen, Polonäse usw. Inhalt: Matrosenkarl ist aus Plötzensee gekommen, wo er zwei Jahre »gesessen« hat. Seine Freundin hat sich unterdessen einem andern Manne angeschlossen – Matrosenkarl ist niedergeschlagen – eine andere will ihn aufrichten – aber seine frühere Freundin verrät ihn und Matrosenkarl wird wieder abgeführt: nach Plötzensee.

Diese einfache Handlung ist mit mehreren reizenden und auch einigen echten Gesängen durchzogen, von denen hier zuerst das Auftrittslied vom Matrosenkarl mitgeteilt sei:

Zwee Jahre saß ick widder in de Plötze!

Ach detse ickse nie jesehen hättse!

Zwee Jahre Einzelhaft uf Flüjel C –

Und täglich blauen Heinrich – na nu nee!

Ihr werdet mein Jefiel ja leicht ermessen.

Ihr habt ja alle ooch darin jesessen!

O welch Jefiel voll Unbeschreiblichkeit –:

Zwee Jahre ohne holde Weiblichkeit!

Radieschen, eine Siebzehnjährige mit Kind, singt dann ein etwas wehmütiges Lied von der Singuhr von Parochial (der Parochialkirche), dessen erster Vers das Leben vieler Kinder jener alten Berliner Gegend recht anschaulich malt:

Ick habe ooch jespielt als Kind!

Der Hof war jrau und kahl,

So wie die Höfe alle sind

Um Sankt Parochial.

De Mutter, die jing abends aus –

Ick weeß et nich, wohin – –

Ick saß de Nacht alleen zu Haus,

Alleen im Stübeken.

Ick jraulte mir – de Nacht war lang,

Im Ofen jing der Sturm,

Und stindlich bloß de Singuhr sang

Vom Parochialkirchturm:


28. Nach einer Originalzeichnung.

(Mit leisem Glockenspiel im Orchester und im Ton der Singuhr)

Ȇb' immer Treu und Redlichkeit

Bis an dein kiehles Jrab,

Und weiche keenen Finger breit

Von Jottes Weje ab –!«

Das Hauptlied schildert den Hofball selbst. Der erste Vers lautet:

Wo im Osten von Berlin

Uf der Spree die Zillen zieh'n,

Wo man jroße Weißen leert

Und den jrünen Aal verzehrt –

Da – da steht een Hinterhaus,

Da – da sehn viel Meechens raus,

Mit Jeschrei von Stock zu Stock:

Uff 'n Hof is Feifohklock ...!

»Mensch, heerst du den Jrammophong

Hinten uff'n Hof?

Da is heite Reünjong –

Da is heite Schwoof!

Brauchst dir nich jroß anzuziehn,

Lacktöppe dabei –:

Heite jeht's uff Holzpantin!

Bis de Nacht um drei! –!«

Der zweite Vers gibt die Höhe des Festes:

Mutta tanzt wie wild sich warm,

Mit det Jüngste uff'n Arm!

Vater spielt im Hausflur Skat

Mit die Herrn vom Mieterrat!

Maxe rechts am Stall vahaut

Eenen wejen seine Braut!

Alles schiebt und tanzt mit Dampf –

Else hat schon Wadenkrampf!


29. Rechtfertigung. –

»und vorige Woche sollste auf der Radio-Diele die Nackttänzerin jemacht hab'n?«

»Sache! – aber gestatte Emil – immer mit dem Brautschleier!«

Nach dem Original.

Und im vierten und letzten Vers wird der Nachklang des Festes umschrieben:

Um halb viere jeht's zu Bett –

Mit de Lackschuh – mit's Korsett!

Else träumt von die Musik –

Bald ja pfeift schon die Fabrik!

Träumt vom Hofball Berlin 0. –

Träumt von ihrem Max und so:

»Knutsch mir! Heute is Ausverkoof!

Küß' ooch orntlich –! Nich so dof ...!«

Von den andern Liedern sei hier nur der letzte Vers des Liedes vom Nußbaum mitgeteilt. Das gibt recht hübsch die Stimmung dieser alten, jetzt vom Magistrat der Stadt Berlin angekauften und als Denkmal bestimmten, aus dem 16. Jahrhundert stammenden Gastwirtschaft: »Zum Nußbaum« wieder. Sie liegt in dem alten Berliner Viertel zwischen Friedrichsgracht, Gertraudenstraße und An der Fischerbrücke. (Bild Nr. 110.) Im letzten Vers des Liedes wird sie geschildert:

Im Nußbaum links vom Molkenmarcht –

Die ihr so oft eich dort verbarcht,

Jrießt mir die Prachtdestille!

Durch meine Zelle zieht een Traum –

Jrießt mir det Haus – den jrienen Baum

Und ooch den Vater Zille!

Aus den Figuren des Stückes darf man aber nicht den Schluß ziehen, als habe Zille ganz Berlin nur mit fragwürdigen Gestalten bevölkern wollen. Er sah als Künstler eben nicht nur Glanz und Sonnenschein, sondern auch die Tiefen des menschlichen Lebens. Aber deswegen ist er auch empört über die Manie, ihn zum Heiligen der Apachen machen zu wollen und als Zillegestalten nur Kaschemmenbrüder darzustellen.

Schon der Hofball bei Zille hatte vieles von diesem Unechten und gar zu Aufdringlichen gebracht. Die elegantesten Damen hatten sich zurechtgemacht als Fischerliese oder Bollenjuste. Der Name stammt nicht von einer Händlerin mit Bollen, d. h. Zwiebeln, sondern war Spitzname eines Straßenmädchens, das mit »Bollen«, mit Löchern in den Strümpfen auf den Strich im alten Scheunenviertel ging. Die Herren kamen als Apachenjüngling, als Patentlude und Saloneinbrecher. Die Haare dick mit Pomade verschmiert und 'ne kesse Sechse in die Stirn gezogen. Viele hatten sich eine künstliche Tätowierung auf Hände und Arme malen lassen. Die meisten aber glaubten, mit einem »blauen« Auge den größten Eindruck zu schinden.

Fast die gleichen Kostüme tauchen in jedem Jahr zu Hunderten auf dem Zilleball im Sportpalast auf. Manche Mädchen kommen auch in allen möglichen und unmöglichen Hosenkostümen: als Matrose, als Strolch, als Badeengel aus dem Freibad. Allerdings finden sich unter den Tausenden, die den Zilleball mit fröhlichem Karnevalulk, unverwüstlicher Tanzlust und mit derber Faschingslust erfüllen, auch recht viele wirklich gut und echt nach Zille »Angezogene«, Harfenjulen, die unbedenklich sich häßlich machen, alte Jungfern, die »über den Mann hinaus sind«, Budiker in Hemdsärmeln und blauer Schürze, alte Penner, »Damen« aus dem Scheunenviertel und aus der Parochialritze, Brüder aus dem »Nussbaum« und »Immertreu«-Leute aus der Koppenstraße, Kinder aus der Ackerstraße, vierter Hof, und noch mancherlei Volk vom Rummelplatz und Weihnachtsmarkt: Ringkämpfer, Ausschreier und die dickste Frau der Welt, Wandervögel und liebliche Zillemädchen. Sie alle sind hereingekommen mit der Polizeianmeldung, die umstehend wiedergegeben ist.

Sie alle wandern unentwegt an dem Tisch vorbei, an dem Zille mit einigen Freunden sitzt. Und dann Paukenschläge – Tusch – und alles ruft »Hoch Zille! Hoch Vater Zille!«


Und er erhebt sich und dankt mit freundlichem Lächeln und immerwährenden Verbeugungen.

Dann aber drängen sie zu Hunderten an die Balustrade und reichen ihm Postkarten, ja selbst feuchte Bierfilze, Notizblätter und auch Papierfetzen hin, die sonst zu geheimen Zwecken gebraucht werden. Unentwegt muss er unterschreiben. Immer wieder strecken sich ihre bittenden Hände hin und verlangen seinen Namenszug. Er, der schon schwach und müde auf seinem Stuhl lehnt, muss stundenlang seinen Namen malen und malen ... Immer wieder halten sie ihm


30. »Annekin, Annekin, drück doch mal, drück doch mal aufs Knöppkin!«

Studie aus einem »Ballsalon«.

Nach dem Original.

Papierwische hin. Und wenn seine Freunde die unvernünftig Bittenden abweisen wollen und schreien: »Nun ist's genug!« Dann nimmt er immer wieder seinen Bleistift und schreibt geduldig: Heinrich Zille ...

Die Kapelle spielt brausend den Rixdorfer: »Uff den Sonntag freu ick mir!« Und dann: »Im Grunewald, im Grunewald is Holzauktion«. Und: »Durch Berlin fließt immer noch die Spree!«

*

In einer Tanzpause – der große Mittelraum ist fast leer – kommt ein Mann in Arbeiterkleidung, eine emaillierte Kaffeekanne und einen Frühstückspacken in Zeitungspapier in der Hand. Aufatmend lässt er sich auf den Rand des Podiums nieder, wickelt das Päckchen aus – nimmt eine Stulle und isst – und nimmt einen Schluck aus der Kaffeekanne: ganz wie ein Straßen- oder Bauarbeiter, der seine Frühstückspause macht.

Einige Herumstehende aber durchschauen, dass er auch nur ein Ballbesucher ist, der seine Frühstückspause mimt. Im Nu haben sie sein Päckchen geplündert – einer bricht dem andern ein Stück von dem Butterbrot ab – die Kanne wandert von Mund zu Mund: eine große vergnügte Menge umgibt den frühstückenden Arbeiter, mit dem auch sie gemeinsame Sache machen.

Alle die Besucher des Zilleballes machen gemeinsame Sache, sind einig in dem Willen und in dem Bewusstsein, sich harmonisch und auf dem Boden eines gemütvollen, lustigen und verständigen Berlinertums zu unterhalten und ein ungezwungenes Fest zu genießen. Wer glaubt, das Berlinertum müsse sich hier roh und ordinär äußern, der irrt im Wesentlichen. Hier offenbart sich der Berliner als durchaus gar nicht übelnehmerisch, als Liebhaber eines freudigen familiären Humors, als vielleicht nicht immer hoffähig aber »hof«-lustig. Ab und zu ist er auch mal derb. An der Rutschbahn freut er sich juchzend über das, was Mädchen sonst nicht zeigen, aber was sie hier nicht verstecken. Wer auf den Treppen hübschen Mädchen begegnet oder an dem sie vorbeigehen, während er mit fideler Gesellschaft am Tisch sitzt, beweist ihnen eine handgreifliche Huldigung, indem er sie auf den Teil des Rückens klatscht, wo er »anfängt schön zu werden«.

Der Begleiter des schönen Mädchens rächt sich sofort, indem er bei der Frau dessen, der zuerst »klatschte«, den Klatsch wiederholt oder auch nur drohend-gutmütig sagt:

»Det mach man in Zukunft bloß bei deiner Ollen! Sonst fühlt sich die zurückgesetzt!«

Und damit ist alles ausgeglichen. Der Krach, wegen dessen der Berliner so verschrien ist, wird vergeblich auf solchen Festen gesucht. Die Weltstadt hat längst den Berliner, und besonders die mittleren Schichten, die den Zilleball bevölkern, zur Toleranz und Nachsicht erzogen. Eine gemeinsame Fröhlichkeit überbrückt alles.

Und Frauen, denen man ansieht, dass sie keine handgreiflichen Späße verstehen, werden nicht angetastet. Der Berliner hat dafür einen feinen Geruch. Er fragt wohl eine einzelne Herumschweifende:

»Na, Kleene – suchste mir oder mich?«

»Nee, meinen Bruder suche ich!«

»Wird ein schöner Bruder sein!« meint er lächelnd. »Soll ich suchen helfen?«

Wenn sie aber ihn merken lässt, dass sie allein bleiben will, biegt er abseits – fragt vielleicht eine andere »Zillejöhre«.

»Biste schon vergeben?«


31. Berlinerin in der Knospe.

Studie aus den neunziger Jahren.

Nach dem bunten Original zum 1. Mal veröffentlicht.

Und ist dann froh, wenn sie ihm nach einem prüfenden Blick mit zum Tisch seiner »Klique« folgt und ärgert sich höchstens, dass sie zuwenig Wein trinkt, die Hand aufs Glas hält, wenn er zugießen will, sich heimlich Essen bestellt und es selbst bezahlt – – wie das jetzt die Berlinerinnen machen, die »sich nicht verpflichten wollen« – und die schließlich auch meistens allein nach Hause gehen – und unterwegs in der Untergrund- oder in der Stadtbahn dann auf die echten Zillefamilien stoßen, die von ihren Vereinsfesten nach Hause kommen: mit gewonnenen Aluminiumkochtöpfen und anderen Töpfen für nächtliche Zwecke, mit Porzellankannen, Würsten, Kaffeemühlen und anderen nützlichen Gegenständen, die ihr ganzes Glück auszumachen scheinen ...

Бесплатный фрагмент закончился.

447,40 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
384 стр. 225 иллюстраций
ISBN:
9783961183098
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги