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Hans Leip
Aber die Liebe
Aus der Westwindkartei des Herrn Toppendrall
Roman
Saga
Dat du min Leevsten büst
dat du woll weest ...
Friesisches Volkslied
L’amour, l’amour, belle oiseau
chante, chante toujours!
Yvette Guilbert
Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei.
Am größten aber unter diesen ist die Liebe.
Paulus,
Erster Korintherbrief
Bis auf die bekannten Ereignisse,
Personen und Schauplätze
ist alles in diesem Roman erfunden.
Erstes Kapitel
Als die beiden einige Tage aneinander vorbei geschwiegen, begann Herr Toppendrall unversehens zu reden. Ob nur für sich, das mag er selber wissen, er, ein wohlhabend angesehener Exportkaufmann, über die Höhe des Lebens hinaus an jenem Abhang, den die Neigungen der erfüllten Jahre hinuntergepurzelt sind bis auf die eine, behaglich einmal Bilanz zu ziehen in der Gewißheit, trotzdem noch eine Weile liquide zu bleiben.
Auf diesem Schiff, sagte er, auf diesem soliden Untersatz die einzigen Fahrgäste zu sein, das sollte uns nicht langweilen, Mister Bit. Wie ich eben höre, haben Sie sich die gleiche Marke Rotspon bestellt, die beste, die sich aus Bordmitteln beschaffen läßt. Wenn Sie erlauben, enttanken wir erst mal meine Flasche. Zum Wohl denn! Auf das, was hinter und vor uns liegt. Was wird schon sein? Wir gleiten mitten dazwischen voran oder davon. Sind beide von der Küste, London Sie, Hamburg ich. Das Wasser lag zwischen uns. Jetzt kreist es uns ein. Der reichliche Wind hat uns früh die Hand auf den Mund gelegt. Außerdem wurde uns klar, Gesagtes ist keine Ware, die man zurücknehmen kann, und nichts ist leichter verderblich. Wir haben gelernt, entgegenzunehmen und anzuweisen ohne Geschrei. Das unterscheidet uns vom Orient. Sich darauf etwas einzubilden, hat wenig Sinn. Wir schlucken hinunter, indes andre sich erleichtern. Werden wir deswegen fett? Oder besser? Es liegt nicht daran, Mister Bit. Es liegt am Umsatz und an der Verwertung. Ja, zum Wohl denn!
Zum Wohl, das sagt man wohl,
doch meistens klingt es hohl.
Das Glas ist bald geleert,
das Gute bald verzehrt.
So denn gehen wir unsern Gedanken nach, denn hier an Deck ist nichts, dem man sonst mit Gewinn nachgehen könnte. Den Betrieb kennen wir. Und die See? Sie ist uns vertraut seit mancher Begegnung, ohne daß wir uns getrauen, ihr zu trauen. Wir lassen sie kühl, wir sind ihr weniger als nichts, wir sind Entstiegene und haben die Flossen verloren, und machen wir sie uns künstlich und Kiemen dazu, um dem mütterlichen Urschoße wieder ein bißchen näher zu rücken, so mag das dem Vergnügen dienen und der Forschung und dem Fisch-, Perlen-, Muschel- und Algenhandel und der Öl- und Erzgewinnung und der Marine und der Polizei. Mir genügt die Oberfläche; diese zu betrachten und nicht nur zu nutzen, ihre bewegten malerischen Reize, ihre Himmelsspiegelungen, ihre Spannungen, Erstarrungen und Erschütterungen, ihre Stimme, ihre Düfte, ihre Einsamkeit und ihre Gewalt zu erfahren, das war immer ein Teil meines Daseins und mehr als ein bloßer Genuß.
Schon darum hab’ ich diesen Container-Frachter gewählt. Die Musik- und Luxusdampfer sind etwas für mittlere Jahrgänge, wo man zu Anbändeleien neigt und man dem Obersteward nicht dreinredet, mit wem er einen an den Tisch setzt. Sind Sie etwa neugierig auf die wahrscheinlich letzte der Passagegigantinnen, die Queen Elizabeth II, Mister Bit? Wie jeder Verein wird sie schon als Abkürzung geführt, als Qu E two, was den üblichen Schandmäulchen wie eine halbwegs vollzogene Vergewaltigung klingt und nicht nur, weil die Docker sie ihres Inventars schon vor der Jungfernfahrt ziemlich entkleidet hatten. Und dann streikten die Turbinen, und sie lag hilflos da, dem Westwind preisgegeben, diese neueste Königin der Meere.
Das müht sich hin auf schwankem Kiel,
so schön und groß ein Wellenspiel,
so weit auf See, so fern von Land,
kaum mehr als eine Unze Sand.
Mag sein, Mister Bit, wir haben unsere neue »Hamburg«, obschon kleiner, noch solider und eleganter gebaut, ein berechtigter Ausweis und ein hübscher Schöpflöffel in der weithin duftenden Suppe westlichen Wohlstandes und üppiger Touristik.
Sehen nicht alle Seeleute aus wie ewige Hochzeiter, die nie ans Ziel gelangen? Käptn Schratt, mir gut bekannt, meinte, je älter er wurde, desto unwahrscheinlicher dünkte ihm, jemals über den Ozean gelangt zu sein. Und er war, weiß Neptun, ein Navigator von Rang. Würde es mit der Fliegerei sicherer sein? Mir liegt es nicht. Es ist mir zu eingepreßt und zu entfremdet der menschlichen Natur. Lassen Sie mir den unverbauten Horizont aus erdnaher Sicht! Gern zitiere ich etwas Nietzsche vom Bug aus, was auf Unendlichkeit endet, und falle doch alsbald gnadenlos auf mich selbst zurück. Aber es belastet mich nicht. Was denn wiegt es schon? Es ist die einzige verläßliche Heimkehr. Bei sich selber zu Haus. Wer das sagen kann, ist gefeit gegen jede Rempelei und vermag Tür und Fenster zu schließen ohne Bedauern. Und wo immer es sei. Knistert und lauert doch ein Irgendwas aus Irgendwoher, das lieber draußen zu bleiben hat. Wie behäbig doch, wie gutmütig poltert draußen der Wind, und wir sitzen gemütlich da und sprechen ihm zu: zum Wohl denn! Western Wind. Unser alter Liebling, so Themse als Elbe, und unser alter Verdruß, als wir noch unter Segel gingen outward bound und auf ein bißchen Schwenkung gen Ost warteten. Aber heimwärts war’s gut, so weidlich es blies und uns von oben und unten durchnäßte, daß wir meinten, die ganze Welt sei ein vollgesogener Schwamm, und wir blind von Salz und Nebel ins kaum noch Kompaßgewisse taumelten. Aber wir kamen voran, homeward bound. Hafenzu nach Haus. Dahin, wo wir meinten, es sei alles Ruhe, Glück und Stetigkeit, der Unendlichkeit entflohn, im Endlichen geborgen. Und war doch selten. Warum nur, Mister Bit, warum?
Das tut des Meeres Nichtunendlichkeit dir kund.
Dringst du nur tief genug,
verbirgt sich dir kein Grund.
Westwind, so ungeheuerlich er sich manchmal betrug, nur er war unter allen Winden mir zuträglich. Wie oft schon als Kind lag ich wach unter den bestürmten Dachziegeln, wenn es fauchte und röhrte wie hundert Riesenbestien und dann donnernd polterte, als rase ein Schnellzug drüber hin. Da spürte ich keine Angst, da war mir’s wohl ums Herz, sosehr ich mitschwang im Reigen der geplagten Schiffe auf See und auch ahnte, was ihnen zugemutet war. Westwind, das war die gute Luft von See, die atlantische Narrenpritsche und der sanfte Fächer, Hieb und Streicheln zugleich und ein Füllhorn voller Fernwehseufzer. Wir kennen unsere hohen Breitengrade, Mister Bit, wir haben gesiedelt, wo von Rechts wegen statt der Rosen der duftlose Farbenschiller urzeitlicher Bruchsteine wie auf der Paulsinsel vor Labrador blühen müßte. Oder wie auf der andern Seite des Nordpols zu Petropavolovs auf Kamtschatka die Mairübchen höchstens unter Glas gedeihen und die Mädchen wohl kaum je Appetit auf Minirock und Bikini bekommen. O ja, wir wissen die Gnade zu schätzen, den Golfstromatem, west hergehaucht, der uns aus Dauereis und Tundra erlöst hat, und wissen wohl, Mister Bit, daß wir hier Geborenen alle ein bißchen wie Treibhauspflanzen sind, üppig und anfällig wie die gesamte westwindbestrichene europäische Kultur.
Dieser Westwind, pendelnd zwischen Nord und Süd wie ein erregter Katerschweif. Immer war er das richtige Gebläse für Hamburgs Arbeitsturbinen, er fegte das Hirn klar und machte die Hände rege, da bewegte Hein Tüt die Sackkarre, den Kran oder Stapler ohne Gebrumm, da flutschten die Hieven wie selbstverständlich aus den Ladeluken oder hinunter in Schiffsbäuche; kein Tallymann verzählte sich. Auf den Werften packte Nieter Fiedje Kohrs muskelfroh zu, ohne von Lohnerhöhung zu träumen, und die Bürostifte lümmelten nicht herum, sondern waren auf Laufbahn bedacht. In den Kontoren floß das Diktat emsig und fehlerfrei, die Tippmädchen saßen gereckt und nicht wie welkende Vergißmeinnicht, die man besser hätte im Garten gelassen. Und bei Chef und Direktor funkte die Kalkulation, die Berechnungen und Rechnungen stimmten. Die Maschinen der Industrie rasselten und surrten wie im Tänzertakt, und in den Apotheken und Labors und Kliniken geschah kein Mißgriff, soviel ich gehört, oder aber es geschah zu dienlicher Warnung. Selbst auf den Kasernenhöfen Bundesstraße, Lockstedter Lager und zu Wandsbek erschollen trotz aufgeweichtem Gelände und Dreck und Quälkram die Kommandos zahmer und die Flüche erfrischender als bei trockenem und eisigem Ost. Ich behaupte, alle bedeutenden Ereignisse in dieser Hansestadt – und möchte Bremen gleich einbeziehen und fast auch Lübeck – geschahen bei Westwind; die Einweihung des Freihafens und die des Steubenhöfts zu Cuxhaven, der Stapellauf der Ozeaner und der Besuch der britischen Königin. Und auch das Schlimme Hochwasser anno 64, das klarmachte, wo man zu sparsam gewesen war. Und die Kinder kommen leichter zur Welt.
Western Wind, der Wecker und Mahner zu Einsicht und Anstrengung, Versäumtes nachzuholen, Zustände zu bessern und Großartiges zu planen. Bei Ostwind schrumpfen die Nerven, da sickert Blei in die Arterien, da dunsten die Fabriken, da trübt sich das Gemüt unversehens bei heiterstem Himmel, und die Beine wandeln schwer selbst durch die Blankeneser Parks. Bei solch dürrem und in sich frostigem Gewehe gingen vormals die Segler ankerauf und nahmen die Trossen von den Duckdalben und prangten unter vollgeblähten Lappen elbab, gefolgt von Liebchentränen und von der Dumpfheit keimender Ungeborener. Bei allzu starkem Westwind runksten die Seegefäße träge an Kai und Pfählen und wären lieber weit weg gewesen, draußen, wo Raum genug war, den Pustern von See gegenan zu kreuzen. War es nicht törichte Ungeduld? War doch nur barmherziger Aufschub ungeahnter Strapazen, vergängliche Bewahrung vor Orkan oder Flaute, vor Skorbut, Strandung, Kapseisen, Kap Hoorn und den Hyänen der fremden Häfen und Lues und Gelbfieber und weiß der Teufel, der gar nichts weiß.
Ist heute alles harmloser? Als wenn’s damals trotzdem keine Lockung gewesen wäre für den Unverstand junger Leute und die Unruhe, die hier den Empfindsamen heimsucht und unverschämte Versprechungen säuselt und, bevor er sich auf Näheres einläßt, lächelnd davonpirscht zur Ostsee hin und ins russische Tief und Nirgendwo. Da wachsen denn bei uns die Abenteurer, die unausrottbaren westwindgesäugten Wikinger, die schnuppern begehrlich ins Wo-kommst-du-her und knurren: Na denn will ich mal hin! So erging es mir oft mit dem großen Verführer und Ihnen, Mister Bit, genauso.
Wind von Osten
schlecht auf dem Posten.
Wind von Süden
rasch zum Ermüden.
Wind von Norden –
nichts gut geworden.
Wind von Westen –
immer am besten.
Von Westwind trunken, da brauchte es kaum des Grogs und des beschwichtigenden Behagens in den Tavernen hafenlängs.
Und immer war Westwind, wenn ich mich verliebte, sanfter feuchter West, der den Augen wohltat und den Knospen an den Büschen und in den Blusen und dem Saftstrom der Bäume, der die Siele spülte und die Ströme des Daseins förderte. Aber man frage an der Küste keinen danach! Nach der versponnenen behenden Klarsicht in Niesel und Dunst. Da versagen die Worte, alles ist nur Gefühl, und darüber läßt sich bei uns schwer etwas vernehmen. Viel eher redet man über nasse Füße, übergeklappten Schirm, weggewehten Hut und drohende Mandelentzündung. Und auf See? O Mann, o Meter, auf See im Atlantik! Die südwest grau heranschwellenden Einschnürungen, firmamenthohe Rotunden aus rasenden Lassos oder die schwarze Zerstörungswut nordwestlicher Zyklone. Und wir sitzen hier soweit geborgen über den ruhsam surrenden Turbo-Aggregaten, erträglich gewiegt, kaum daß unser Glas zu entrutschen wagt.
Gischt
zischelt
bedrohlich
am Bug, peitscht über
entwetzt, melusinisch spielend.
Melusinisch wie die Mädchenaugen küstenlängs, in Southampton wie in Cuxhaven, Passataugen, im Passat gaukelnd, in der Verhaltenheit des Südost und Nordost, heitere Beständigkeit, Zuversicht, Zutraulichkeit, Gelassenheit, Janmaats freundlicher Seesalon, wo die federnde Anspannung sich lockert und die mißtrauische Wachsamkeit sich ein inneres Nickerchen gönnt, auch Zeit hat, dem gelinden Heimweh ausgeliefert zu sein nach Haus und Gärten und den blaßblauen Augen und dem verführerischen unaufdringlichen Liebchenlachen zwischen Amsterdam und Kopenhagen und Stockholm, Kap Landsend und Nordkap. Aber seien wir nicht engherzig, Mister Bit! Das Melusinische taucht an allen Küsten aus der See und schweift weit in die Lande. Und wie die Farbe der See nur in den Schnulzen festgelegt ist, sind in Wahrheit auch die Melusinenaugen an keine Farbskala gebunden. Da wird jeder das Seine erlebt haben. Ich für meinen Teil bin’s dankbar zufrieden.
Doch noch waren wir beim Wind. Bringt nicht der Ost oft gutes Wetter? Aber Joseph Conrad, der große Schriftsteller der See, der Pole, der auf französischen Seglern lernte und britischer Kapitän wurde und wissend und willens zum Engländer, der sagte: »Ostwind, das ist ein Eindringling in unsere Breiten, kalt, verschlagen und undurchschaubar.« Dieser euer östlicher Wahllandsmann, Mister Bit, hat sowieso alles gesagt, was über Wind und See zu sagen ist. Er sprach aus, was schon damals galt und wohl immer gelten wird und nicht nur für »Wolken, Luft und Winde«: »Der Gegensatz heißt nicht Nord und Süd, sondern vielmehr West und Ost.« Nahost, Nahwest, Fernost, Fernwest in zügigem Wechsel. Noch war des zwielichtig ungeschickt gottgnadenbetonten letzten Hohenzollern verlachtes und doch so merkwürdig prophetisches Panier gegen die gelbe Gefahr nicht gehißt. Noch bauschte sich kein vergänglich Ludendorffscher Germanenkult, da sah jener Ukrainer Theodor Joseph Conrad Korczeniowski den Ostwind als schwarzäugigen Fremdling, der lächelnd, den Dolch hinterm Rücken, darauf aus ist, mörderisch zuzustoßen.
Den Westwind aber sah er als einen wikingschen König blauäugig und blondbärtig thronen, das blanke Schwert der Gerechtigkeit auf den Knien.
Nun gut! Wir halten nicht mehr viel von thronenden Monarchen und blanken Schwertern, Mister Bit. Aber horchen Sie, was da draußen braust, klingt nicht heimtückisch, sondern offen und ehrlich, so, wie es zu sein hätte zumindest in Europa. Und hier war wahres Heldentum, hier auf See, als es noch durch Want und Rahen pfiff, West zu Süd dreiviertel West oder so, und gegenan geknüppelt wurde, auf Gedeih und Verderb um jeden Preis ein paar Seemeilen voraus zu tun. Da ging’s mit zerfetztem Shanty ans Brassenreißen und über Stag auf den anderen Bug, da schwappten die Brecher um die Knie, möbelwagengroß preschten die Seen herein, gezackt von den verblichenen Kronen aller Zeiten, weiß von wirbelnden Leichentüchern. Holl di fast, Jung! Und wenn es steifer wurde als zehn hanseatische Senatoren vor der Bewilligung eines Kulturetats, dann drückte sich noch eben vernehmlich ein Gebrüll durch den Lärm der Natur: Mok de Royals fast! Oder: Dohl mit de Oberbrams! oder so.
Ist lange her, daß ich’s gehört. Und dann klommen sie hinauf, hin und her geschwungen, die glitschigen Wanten hoch und über die Saling, als sollten sie, den Rücken nach unten, eben an der Kante zur nächsten Strickleiter noch abgeschnippt werden. Aber wann wurde es nicht geschafft mit heraustretenden Sehnen und krallenden Gelenken, links und rechts nichts als sausende Luft, die an ihnen zerrt mit Untierhauern. Sie haben Fäuste wie Stahlklammern, diese wunderlichen Überwinder, sie ließen nicht nach, und ihre Füße ertasten die Peerllien unter der ihnen zugewiesenen Rah durch die dicksten Seestiefelsohlen selbst in stockdusterster Nacht, ihre Körper schmiegen sich über das glatte trommeldicke Rundholz, ihre Bauchmuskeln werden zu Saugnäpfen oder möchten es wohl, sie schieben sich an ihren Platz, die starren Finger in das triefnasse brettige Segeltuch ...
Eine elende Schinderei, jahrhundertelang fluchend und begeistert erduldet, heute in ein paar Ausbildungsfahrzeugen der Marinen dieser Erde nachhallend und verhallend, dieserweise »eiserne Männer« zu erziehen, wie sie auf den Windjammern erzogen waren, als es anders nicht ging. Heute wird der körperliche Einsatz von erstaunlichen Mechanismen menschenfreundlich zurückgedrängt. Es ist heute leichter, Seemann zu sein.
Mit Romantik hat der Beruf sowieso weniger zu tun, als wir uns eingebildet haben, da unsere Windeln eben trocken waren. Wir haben sogar die Marine gepriesen und haben Seeschlachten gespielt, und Körbe und Schemel waren Panzerkreuzer und erfochten glorreiche Siege.
Saß ich später mal bei einer Senatsmahlzeit, die zu Matthäi oder Mathias dem Datum gemäß, ich hab’s vergessen, seit alters honorige Leute an den Tisch bringt, gegenüber Kapitän Wiehr von der Hapag. Neben ihm saß ein Konteradmiral. Gleich nach der Suppe, die von einem Glas Portwein vorgewürzt war, warf der Mariner einen Blick auf den Ärmel seines Nachbarn, den über den vier Goldlitzen kein pentagrammatischer Stern zierte, und sagte, so gewinnend es bei dem nicht ganz unterdrückbaren schnarrenden Kasinoton möglich war: Kapitän, Sie haben nicht gedient?
Doch, Exzellenz! entgegnete Wiehr in seiner unwiderlegbar sachten Art, aber nicht in Ihrem Kriegerverein, sondern runde 45 Jahre bei der Handelsflotte. Und das ist nu mal so, Ihre Leute und Sie kosten nur was, und es muß das mit unsern Steuern bezahlt werden. Wir indes haben immer nur was eingebracht. Sie arbeiten auf Vernichtung hin, wir auf Versorgung, das steht allerdings unter einem unsichtbaren Stern.
Der Admiral war mächtig verdutzt über soviel Offenheit und lief rot an. Er besann sich aber, wie es einem an Disziplin Gewöhnten zusteht, und schnarrte nur: Na, na! Das ham Se woll aus’m Simplicissimus!
Hob dann aber das Glas eben eingeschenkten Mosels über den aufgetragenen Steinbutt: Prösterchen, Käptn! Und neigte sich zu ihm und stieß mit ihm an und sagte unter zuckender Braue smart undurchsichtig: Auf das Bessere denn, Kollege von der Seefahrt!
Und wir sagen das gleiche, Mister Bit. Ganz recht, unser Kapitän trägt diesen kleinen goldenen Drudenfuß auf dem Unterärmel. Er hat sogar ein Unterseebot gehabt und ist davongekommen und möchte nicht noch einmal und sagte mir kurz angebunden: Herr Toppendrall, alles Schweinerei!
Sie glaubten hoch an Ehr und Zier,
an Ruhm und Majestät.
Das Gold der Litzen kündet dir,
um was es wirklich geht.
Diese Poesie hätte ich ihm kaum und so entlarvend keineswegs zugetraut. Ihre Ansichten, Mister Bit, ergeben sicherlich ganz andere Perspektiven. Den wackeren Bekenner aber zur Rede zu stellen, wollen wir uns verkneifen. Er hat anderes zu tun, um mehr als ein höfliches Wort im Vorbeigehn an uns zu verlieren. Nehmen wir es flüchtig auf, bewahren es im Safe unserer Eigenbrötelei und präsentieren es den Ereignissen nach Bedarf. Und die Besatzung ist beschäftigt wie er. Für sie ist das Wetter weniger Promenadenkonzert als für uns. Der Wind frischt auf auf striktem Gegenkurs, und der Fahrplan muß eingehalten werden.
Ah! Ein Schmollis dem Reeder? Sehr gut, Mister Bit, Sie können soweit Deutsch. Haben in Heidelberg studiert wie der alte Globetrotter Somerset Maugham. Er wußte einiges sehr abseitig Ungetümliche an den Markt zu liefern, an den der Literatur, dem wir nicht viel zu bieten haben außer unserer Geneigtheit in einsamen Stunden. Of human bondage, von des Menschen Abhängigkeit hat er seinen Teil Erfahrung mitgeteilt, hat den brutal bunten Schleier ein wenig gehoben, der uns von Brot und Wein und Kuß und der allereigensten Erkenntnis aller Dinge trennt und vom Zittern eines Ahornblattes und vom Stiefel, der es in den Dreck tritt. Im übrigen war er ein praktischer Lebemeister.
Ich begegnete ihm, als er im Gepäck eine Tür mitführte, wie man sie in den Tropen kunstlos zimmert, wenn man europäische Vorstellungen von Privatbesitz mitschleift und unterm Feldbett ein paar Flaschen versteckt hält, die man keinem ungebetenen Schlunde gönnt. Auf eine solche Scheidewand hatte Paul Gauguin etwas hinterlassen, so flüchtig als deutbar, eine Scène érotique im genußreichen Aufbau zweier brauner Gestalten, eine grobe und dennoch delikate Malerei vielleicht zur Begleichung einer Bananenschuld oder eines Beischlafs, wer weiß das noch.
Maugham erwarb diesen schon leicht verrottenden Kunstmarktwert im Tausch gegen ein paar Dosen Exportbier und eine Pyjamahose, hörte ich. Legenden sind nicht kleinlich im Erfinden. Der Brauchbarkeit nach mochte es ein annehmbarer Preis sein in Gefilden, wo weder ein echter Gauguin noch eine Tür so begehrt waren wie die genannten Artikel. Die Nachfrage macht’s, nicht das Angebot. Maugham, der geborene Pariser, ehemaliger Arzt und erfolgreicher englischer Schriftsteller, äußerte damals am Kapitänstisch den Grundsatz seiner Daseinsbewältigung: Ärger frißt mehr, als wir Gutes zu uns nehmen können.
Später hat er es publiker gefaßt: Jede Minute Ärger raubt sechzig Sekunden die Möglichkeit, dich glücklich zu stimmen. Er scheint sich trotz aller späten Brummigkeit diesem Rezept mit Wirkung verschrieben zu haben. Er wurde sehr alt. Und alt zu werden ist gut, wenn der Verstand durchhält.
Ziehen wir unsere Lehre daraus. Nehmen wir die Sachlagen in gelassener Einschätzung. Wie dieses Containerschiff, das uns die Weile beherbergt. Wir sitzen auf geronnenem Transportwillen, auf geschickter Nutzung. Hier ist die Fracht ökonomisch gepackt wie eine Schachtel Würfelzucker, eine wohltuende Vorstellung von genormter Handlichkeit. Auch Sie, Mister Bit, haben etwas darunter, unter unseren wachsamen Füßen, jedes Kolli ein Würfel, groß wie ein Wochenendhaus, wasserdicht und stabil wie eine Munitionskiste, verladegünstig, unmittelbar für Bahn und Schwergutlaster passend ab Hafenrampe und umgekehrt. Vier Kolli Sie, sechs ich, Sie Elektrogeräte, ich Schaufensterpuppen.
Unsere Vertreter haben drüben ein paar Abschlüsse gemeldet, die erquicklich genug scheinen, die Abnehmer Auge in Auge zu begutachten. Geschäft ist Geschäft, sagte Emil Jannings, der seinerzeit in einem Stück dieses Titels sich selber spielte und gerade im Deutschen Schauspielhaus zu Hamburg des Beifalls sicher sein durfte. Und er schenkte einer jungen Dame, die aus purer Verehrung ihn zu einer Tasse Tee bat und ihm überdies zu Gefallen zu sein nicht zögerte, zehn Mark. Und sie wies es nicht ab.
Sind wir ebenso? Wir an der Küste sind so. Wer weiß, wann die Springflut oder ein Devisensturz uns die Existenz unterwühlen. Jede Einnahme eine Dämpfung gegen unvorhergesehenen Anprall. Das Woher und Warum schweigt, wenn die Kasse sich füllt. Und wir sind im Umgang wählerisch nur mit Rücksicht auf unsern Bestand.
Er prüfte in der Runde
jedes Gesicht.
Konkurrent oder Kunde,
andres gilt hier nicht.
Ja, ein Schmollis dem Reeder! Er hat dem Trakt der Offizierskammern zwei Sonderkabinen mit Bad und Zubehör anfügen lassen, weil er gelegentlich mitzureisen gedenkt nebst Sekretärin. Darum auch der winzige Sonderraum für Mahlzeit, Geplausche und Diktat. Uns kommt es zugute.
Sein und nun unser Steward ist dreifarbig gemischt, dreeklörig wie die besten Hamburger Katzen, und versteht nicht viel mehr als unsere Tafelwünsche. Wir sind auf unser eignes Geschwätz angewiesen und brauchen uns keine Zurückhaltung aufzuerlegen. Das Angestaute darf überkämmen und ins Leere fließen. Die Zeit hat uns gehabt. Jetzt haben wir Zeit. Der Stopper ist los, das Kabel rollt ab, die Kette rauscht aus. Es stäubt ein bißchen Rost, es sprühen ein paar Funken. Es quietscht, rasselt, poltert, knirscht, zischt ein wenig, beruhigt sich, der Anker ist zu Grund, faßt oder faßt nicht, hält seine Weile oder nicht, wir stehn bei uns selber, als stünden wir auf sicherer Mole. Und betrachten das Unsere, als sei es ein Film zu Bangkok.
Zweites Kapitel
Wann gliche das Unsere jemals etwas anderem? Sie hatten viele Schwestern, Mister Bit, und haben diese alle geliebt und fragen mich, ob ich meine einzige Schwester auch geliebt habe. Sie war fünf Jahre älter als ich. Ich liebte sie nicht wie euer Lord Byron die seine, Mister Bit. Ich vermochte nicht einmal, aus einer Tasse zu trinken, die sie benutzt, mit keinem Löffel zu essen, mit dem sie gegessen, geschweige denn von anderen.
Ich muß sehr benommen gewesen sein, als ich eines Tages, der ich sonst ablehnte, in den Familien meiner Freunde je etwas zu mir zu nehmen, zögernd beflissen in ein Butterbrot biß, das mir ein Mädchen hinhielt, das mir bis dahin unbekannt gewesen. Ich war zur Geburtstagsfeier bei meinem Schulfreund Muggi Wimp eingeladen. Er hatte zwei hübsche Schwestern, hübscher als meine, glaube ich, aber dieses Mädchen mit der dicken Stulle war mir fremd, und ich biß hinein, obwohl keine Butter, sondern Margarine drauf war und dazu rohes Beefsteakhack mit Zwiebeln, was ich bislang nicht kannte und zu Hause auch schaudernd abgelehnt hätte.
Aber hier überwältigte mich etwas, ohne daß sich ein Widerstand in mir regte. Ich war verwandelt unter den aufmerksam mich musternden grauen Augen dieses Mädchens, das Telke hieß und aus Altona zu Besuch war.
Eine Kusine, sagte mein Schulfreund.
Sie sah überdies einem Engelpaar ähnlich; mein Vater hatte es für eine Kirchenorgel geschnitzt, für irgendwo in Holstein, wo man keinen richtigen Bildhauer bezahlen konnte, ich weiß den kleinen Ort nicht mehr, und der Pastor lehnte dann ab; die Engel, behauptete er, seien zu weltlich geraten im Gesichtsausdruck und ohne Flügel. Die Flügel waren aber auf dem Transport abhanden gekommen, und so gelangten die beiden flügellos an uns zurück. Sie zierten bald darauf eine der damals noch gängigen Karussellorgeln.
Ob die sich dort wohl gefühlt haben? Mister Bit, wenn Engel allgemeiner Auffassung nach nicht nur zum Lobsingen, sondern zu Schutz und Wächteramt auserlesen sind, so waren sie bestimmt in ihrer Anstellung bei einem ambulanten Gewerbe notwendiger als auf der Empore einer Dorfgemeinde. Mein Vater hatte damals noch die sichere Hand, die ihm nach seinem Unfall nicht mehr so gehorchte. Nie wieder ist ihm solche Lieblichkeit gelungen.
Und diese Telke sah aus, als sei einer dieser Engel lebendig geworden, und der Eindruck schwand auch kaum, als sie die blutig belegte Schnitte leicht schmatzend vertilgte und noch eine weitere zu sich nahm, diesmal, ohne mich zu beteiligen oder mich noch eines weiteren Blickes zu würdigen.
Meine Mutter war übrigens keineswegs erbaut von meiner Bekanntschaft mit gerade diesem Spielgefährten und seiner Familie, die auf der Gegenseite unserer Straße in einer sogenannten Terrasse hauste. Man mußte durch das untertunnelte Mietshaus wie durch ein geteertes Ausflußrohr, wo es immer nach Wasserlassen und Katzendreck roch, und auch dahinter roch es selten besser auf dem Kopfpflaster und aus den grauen Kellereingängen.
Darüber gab es hinter grauen kahlen Mauern billige Wohnungen, durch enge Treppenschluchten erreichbar. Hier war in den Gründerjahren nach 1870 auf übermäßigen Gewinn gebaut worden, der sich aber verrechnete, weil aus diesen Grüften keine Mieten von Belang zu pressen waren. Und Muggi Wimps Vater war nun Nachtkellner mit viel Kindern und starkem Eigenverbrauch an Alkohol, da war jeder Groschen wie eine Mark. Aber Muggi hatte denselben Schulweg, daher unsere nähere Bekanntschaft.
Er war in allem ein braver Junge, ging später freiwillig zu den Lüneburger Dragonern und wurde schließlich Polizeioffizier in seiner und meiner Vaterstadt. An jenem Beefsteakbrotabend wurde übrigens sein Geburtstag gefeiert. Ich hatte ihm drei Bleisoldaten und eine Kanone aus Eigenbestand geschenkt.
Aber den Abend kamen wir zu keiner Kriegshandlung mit Erbsen als Granaten. Seine Schwestern veranstalteten Pfänderspiele. Manchmal schon hatte ich hier dicke Luft erlebt, wenn sein Vater verkatert und fettbäuchig in Hemd und Hose dasaß, das übermäßig genossene Bier ausschwitzend und mit Rülpsern jonglierend wie Rastelli mit den Bällen. Und jählings unsere Schlachtordnung vom Tische fegte.
Jetzt waren wir unter uns. Denn die Mutter hatte einen Posten als Garderobenfrau angenommen. Das Pfänderspiel ging so vor sich: Emmy, die Älteste, tänzelte vor der Stuhlreihe, auf der wir saßen, hin und her und trällerte: Ich bin die Frau von Hechtlepecht, hab’ lauter schöne Sachen, Samt, Seide, Rips, Kattun. Was woll’n Sie davon haben?
Dann kniete sie der Reihe nach vor jeden, und jeder mußte sagen, was er haben wollte. Sagte einer zum Beispiel Rips, dann kam er gelinder davon als jener, der Samt oder Seide verlangte. Denn je nach Kostbarkeit wurde ihm an den Beinen gekitzelt unter dem perfiden Hinweis: Lache nicht, spreche nicht/zeig mir deine Zähne nicht! – Das konnte natürlich keiner auf die Dauer einhalten und mußte dann ein Pfand ’rausrücken, irgendwas aus seiner Tasche oder eine Haarschleife, einen Gürtel, einen Bleistiftstummel, die dünne Geldbörse, ein Taschentuch oder sogar einen Schuh. Emmy tat das alles in ein Körbchen. Ich kam ziemlich zuletzt dran und hatte schon erspitzt, bei der Wahl von Kattun am glimpflichsten davonzukommen, hielt aber dennoch nicht lange durch unter den gewitzten Emmy-Fingern. Mußte also ein Pfand geben. Ich durchstöberte meine Taschen und fand nichts Rechtes außer einer kleinen Meerschnecke, die ich als Amulett bei mir trug und die noch von Willy Molten stammte, der jetzt als Bootsmann fuhr. Ich gab sie nur zögernd aus der Hand. Emmy, noch kniend, betrachtete sie verkniffenen Auges. Dann zischte sie vergnügt: So einer bist du? So was tragen doch nur die Chinesen bei sich, um ... Hier stockte sie und errötete. Aber da vollendete Telke mit feierlich getiefter Stimme: um es besser zu können.
Ihr Lachen, Mister Bit, vereinigte sich mit dem Gelächter, das damals über mich herfiel. Ich war vierzehn und ziemlich ahnungslos, was da gemeint sei. Es schwante mir nur so eben, es müsse etwas Anrüchiges, aber hinwieder auch mächtig Kitzliges sein. Und dann sagte dieser Engel Telke auch noch: Und jetzt ist er so rot wie ein Insche.
Als nun alle dran gewesen waren, wurde Muggi bestimmt, anzugeben, was mit den Pfandgebern zu geschehen habe. Sodenn mußte er vor einem Stuhl hinknien und, die Hände vorm Gesicht, seinen Kopf darauflegen. Sein Entscheid mußte wie durch die Göttin Justitia ohne Ansehen der Person erfolgen. Und Emmy nahm eins nach dem andern die Pfänder aus dem Korb, wobei sie jedesmal fragte: Tickticktack, was soll der tun, dem dies Pfand gehört?
Worauf Muggi aus einer üblichen Liste zu wählen hatte zwischen Ofenanbeten, drei Fragen hinter der Tür, Gedichtaufsagen, Liedsingen und Kuß im Dunkeln. Als Emmy nun mein Pfandstück als allerletztes emporhob, konnte sie sich ein gelindes Gnickern nicht verbeißen, und in einem öffentlichen Rechtsfalle hätte man wohl von Befangenheit und Einflußnahme sprechen dürfen. Ihr Bruder, mein Freund, verfügte denn auch, wie sie erwarten mochte: Kuß im Dunkeln. Und da derartiges nicht solo zu tätigen ist, setzte er hinzu: mit Telke.
Na schön, mir war nicht ganz gut und dennoch, wer kennt das nicht, dieses unmündige Gefühl, schwebend süß und bedrohlich, was man viel später ein Befinden etwa zwischen Zahnarzt und Brautbett nennen möchte.
Die beflissen grienende Runde beschloß, Telke und mich zur Ausführung in die Besenkammer zu sperren. Da war es stockdunkel und roch abscheulich nach nassen Feudeln und Stiefelwichse. Was nun? Ich wagte mich nicht zu rühren. Und Telke hielt sich von mir ab. Ich hörte, wie die Gesellschaft draußen vor der Tür sich drängte und die Ohren daranlegte. Da denn wagte ich, eine Hand auszustrecken, aber ich ertastete nur einen glitschig feuchten Lappen, und ein Leuwagen oder Schrubber fiel um, was außerhalb ein zufriedenes Gekicher auslöste.
Dann hörte ich Telke flüstern: Faß mir bloß nicht untern Rock, heute ist freitag, ich krieg erst morgen reine Wäsche.
Und dann wurde die Tür aufgerissen, und wir konnten heraus und wurden begierig gemustert, und man wünschte sichtlich, daß etwas Besonderes geschehen sei, und es war doch nichts geschehen, nicht mal der befohlene Kuß. Und wir lachten beide laut mit, weil alle lachten, als Emmy fast mütterlich fragte: Seid ihr nun glücklich?
Und sie tanzten um uns herum, und wir hampelten mit, trotz aller Ahnungen noch unbeschwert. Wir waren alle erst um die vierzehn. Und wenn ich bekenne, ich ging dann plötzlich fremd und wie in Eis gegossen davon, kaum ein Gutenacht! herauswürgend, mitten im nächsten Spiel, das da hieß: Eine blanke Dose, was liegt darin verborgen? Drei junge Herren, drei junge Damen ... wird man mir’s als überempfindlich anrechnen.
Gut denn, ich hab’ wie fast jeder später das Geeignete nachgeholt, um hinreichend abgebrüht zu werden. Das nennt man dann Lebenskunst.
Weint
Kindheit
in dir nach,
nimm’s so gelinde,
als sei ein Enkel zu hätscheln.
An einem regnerischen Sonntagabend, als ich von der Abendandacht kam, wo ich in St. Katharinen bis zur Konfirmation im Chor mitwirkte – meine Mutter hatte es so gewollt – da traf ich Telke. Sie stand im Eingang des Torwegs in jener Haltung, die dem Orgelengel in behutsamer Windung die Fähigkeit zu verleihen schien, sich sachte in den Himmel hinauf zu schrauben, auch ohne Flügel. Als ich unschlüssig vor unserer Haustür stehenblieb, kam sie herüber, nicht so schwebend, wie ich hätte meinen mögen, sondern mehr wie leicht hin und her geweht. Ich wollte grad absegeln, erklärte sie, und bloß noch den Guß abwarten. Aber es regnet gar nicht mehr.
Gehst du zu Fuß nach Altona? fragte ich, bereit, sie bis nach Skagen zu begleiten.
Ich fahre mit der Pferdebahn, bis zur Haltestelle kannst du mich längsbringen.
Wir gingen ein Stück Hafen entlang. Bei Blohm & Voss wurde wild gehämmert. Die Nietenwärmer machen sogar sonntags Überstunden, sagte ich schließlich.
Sie erfaßte meinen Arm: Die arbeiten für Ballin, der bezahlt das Tempo.
Die bauen die »Deutschland«, mein Vater weiß den Taufnamen im voraus, erklärte ich.
Telke lachte spitzfindig: Ballin ist ein Jude, der und »Deutschland« und taufen! Weißt du, was die bauen? Ein Panzerschiff, das schenkt er Kaiser Wilhelm, und dann geht’s los. Gegen England.
Warum denn das? fragte ich besorgt.
Weil das ... Sie dachte eine Weile nach, blieb unter einer Laterne stehn, nahm ihre Pomponmütze ab und schüttelte ihr rosablondes Haar: Das ist so ähnlich wie mit dem Kuß im Dunkeln. Alle lauern darauf, daß was passiert. Und dann passiert nichts. Und schließlich ... doch.
Und indem sie das »doch!« mit einem Mützenklaps gegen meine Schulter betonte, lief sie davon, hin und her wehend, gespiegelt in den nassen Platten des Trottoirs.
War’s
gestern,
war’s vor Ewigkeit?
Am Ponton entlang
sprachen wir ins trübe Wasser.
Von Muggi erfuhr ich, wo sie wohnte. Lange getraute ich mich nicht, hatte auch wenig Zeit, war inzwischen konfirmiert und arbeitete nun, von keiner Schulaufgabe mehr behindert, in meines Vaters Werkstatt. Eines Samstags stand ich hinter der Ecke der Planke, um die herum ihre Hausnummer nicht weit weg lag. Ich sah sie mit andern Kindern Abo Bibo spielen. An die Mauer war mit Kreide ein eingeteiltes Feld gezeichnet. In den Abteilungen stand dem Alphabet nach Abo, Bibo, Citronenjett, Dodenkopp, Eierliesch kräftig hingeschrieben, hinunter bis Sirupskringel. Und jedes Kind hatte einen Namen aus dieser Reihe erhalten.
Telke nun nahm einen Ball und warf ihn aus zehn Schritt Entfernung gegen die Mauer und rief: Poppensnut!
Denn in das Feld mit P hatte der Ball getroffen. Alle Kinder und auch sie rannten davon bis auf jenes, das den Namen Poppensnut bekommen hatte. Es ergriff den Ball, jagte hinter den andern her und mußte eines zu treffen suchen, das dann hinwieder gegen die Mauer zu werfen hatte. So ging es ein ums andere Mal. Dann hörte man aus einem Fenster schrill hervortönen: Erna, Mieke, raufkommen, Ahmbrot!
Die Kinder liefen auseinander. Und Telke kam geradeswegs an meine Plankenecke. Hab’ dich da längst gesehn, Bojer, sagte sie.
Es klang sonderbar herausfordernd. Ich wußte nichts darauf zu sagen. Sie erfaßte meinen Arm wie schon einmal, und mir war damals schon gewesen, als binde sie mich mit Strick und Kette, so war’s diesmal nicht minder. Sie blickte sich um in der hereinsickernden Dämmerung. Und sagte dann hart, als entgegne sie einem Widerspruch: Komm!
Ein paar Schritte weiter stieß sie eine Brettertür auf, zog mich hinein und schloß mit einem Riegel. Es war ein Abstellplatz für leere Kisten und Fässer, dazwischen wuchs spärlich Gras und Franzosenkraut. Und nun plärrte sie mit einer zephirsäuselnden Stimmlage einen der Hinterhof-Kinderreigen: Trauer über Trauer, hab’ verloren meinen Ring ... Der ländlich Holsteiner Beiklang darin war mir schon von den beiden anderen Begegnungen her als höchst beunruhigende Musik in meine Träume geflossen. Und dann zog sie das Stück Kreide aus ihrer Schürze, sagte auch, sie habe es aus dem Wandtafelkasten in der Schule, und dann schrieb sie mit sehr deutlichen Buchstaben an die Planke: K ..., P ..., D ..., Schw ... ist der beste Rosenkranz.
Ich starrte erschrocken darauf hin. Und dann zeichnete sie auch noch, indem sie die Lippen verkniff und die Brauen zusammenzog, ungeschickt daneben, was gemeint war. Danach sagte sie mit einem himmlischen Lächeln: Das ist die Rache.
Die Rache? stotterte ich benommen: Was hab’ ich dir denn getan?
Lächerlich! Du doch nicht! Ihre Stimme war nun wie matte Seide. Ich raffte mein Bewußtsein zusammen: Muggi sagt, du bist katholisch.
Eben darum! erwiderte sie und wickelte Silber in die Seide ihres Tonfalls.
Dann mußt du diesen Schweinkram doch beichten. Sie kam dicht an mich heran und flüsterte wie Westwind: Ich hab’ dem Pfarrer hinter seinem Gitter im Beichtstuhl gesagt, als er mit unanständigen Fragen nicht aufhörte: Ja, ich hab’ mit der Hand dran gespielt bei mir. Und dann hat er gefragt, ob ich das mit Lust getan hab’. Und dann hab’ ich geantwortet: Ja, es hat süß gekitzelt. Und dann ist er böse geworden und hat mir aufgegeben, täglich zwanzig Rosenkränze zu beten. Du hast keine Ahnung, wieviel das ist, und das hab’ ich Hugo erzählt, der ist hier vom Krämer nebenan, und da hat er mir den Vers gesagt, und den hab’ ich hier angeschrieben.
Sie blickte mich durch das halbe Dunkel hellfeucht an wie der Himmel im Frühling, wenn es von See her weht. Und sie legte mir einen Arm um den Nacken und küßte mich und nahm meine Hand und führte sie, und mir wirbelte alles durcheinander, der Platz und die Dampferschreie vom Hafen und das freche Mädchen und das Lied, das wir zu den Trauungen sangen und das ein Lieblingslied meiner Mutter war: So nimm denn meine Hände ... Unser Kantor hatte uns erzählt, daß die Dichterin dieser Verse dieser Tage gestorben war, eine arme alte fromme Lehrerin mit Julie als Vornamen. Den Nachnamen hatte ich nicht behalten. Wir sanken auf ein paar Kisten hin. Es krachte und rumpelte, aber Telke ließ sich nicht stören. Für mich war es das erste Mal.
Sie hauchte mich an: Stell dich doch nicht so dumm! Da nahm ich mich zusammen. Es ist in diesen Dingen ja mehr Natur im Menschen, als es klarer Verstand zuwege bringt. Sie nicken, Mister Bit. Es ist überall dasselbe.
Draußen ging der Laternenanzünder vorbei. Man hörte, wie er mit seiner langen Hakenstange den Gashahn aufdrehte. Pff! sagte es; das Licht ging an. Telke hielt mir den Mund zu, weil ich in diesem Augenblick laut hätte losbrüllen mögen, ich wußte nicht mehr, wie mir war. Der Mann schlurfte aber schon weiter, indes über die Plankenkante die Mauer erleuchtet war, uns aber der Schatten ziemlich einhüllte. Ich erkannte das Engelsgesicht unter mir. Es sah mich ruhig an. So ist das, sagte sie mit einem kleinen Seufzernachhall: Nun weißt du es. Und jetzt gib mir dein Taschentuch.
Sie ließ mich an der Planke zurück. Ich sah sie davonwehen auf ihren langen dünnen Beinen, für die der Rock zu kurz geworden war, als die Kürze noch nicht zur Mode rechnete. Telke. Ihre Eltern waren früh vom Lande in die Stadt gelangt. Der Vater war das, was man ungelernt werden konnte, Hafenarbeiter, ihre Brüder fuhren alle zur See. Was ist aus ihr geworden? Wo bleibt solche Freimütigkeit?
Nein, Mister Bit, es endet nicht immer im Asyl für flüchtigen Matrosenbedarf. Ich traf meine Exerzitin nach Jahren erst wieder, da war sie Stewardeß auf der Aquitania, noch immer hübsch und sehr zurückhaltend und resolut bei unverwelkt liebreichem Sprechklang. Sie erkannte mich nicht gleich, ich hatte mich mehr verändert als sie, war füllig und bärtig, sie hatte in meiner Kabine auch nichts verloren, ersah dann meinen Namen in der Passageliste, wie sie zugab. Wir erwähnten beide nichts von unserer frühen Begegnung. Sie kam mit einem Tablett Tee den Gang entlang, als ich gerade die Klinke zur Offiziersmesse niederdrücken wollte. Da sagte sie sanft und klar: Für Passagiere verboten, Herr Toppendrall.
Tatsächlich war ich verwirrt und hatte die erste beste Tür gewählt, obwohl ich dort nichts zu suchen hatte. Und mußte über mich selber lachen, faßte mich und sagte so souverän, wie ich meinte, es mir gestatten zu dürfen: Ganz recht, Fräulein Telke. Es gibt Gelegenheiten, die das Übertreten von Geboten sicherlich entschuldigen. Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mich rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht haben.
Sie nickte, sie lächelte. Sie war kaum gealtert. Es ist fast ein Vierteljahrhundert her, sagte sie: Sie haben sich damals wohl geschämt und sind nicht wiedergekommen. Da hab’ ich mir gemerkt, was ich nachher auf meine Offenheit zur Antwort gekriegt: Mein ist die Rache, spricht der Herr. Und hab’ es mir für mich ausgelegt. Und hab’ mir meine Freunde ausgesucht, ohne das Gewissen geistlicher Herren nochmals zu belasten. Und hab’ mich nicht gebunden, wenn die Sklaverei der Ehe in Aussicht stand. Nein. Ich hab’ einen Sohn, das reicht mir. Und ich lasse ihn studieren. Er wird Arzt. Wir werden eines Tages eine Klinik einrichten, darauf spare ich. Und wo ginge das Sparen besser als an Bord mit den guten Tips der christlichen Seefahrt und mit Obersteward und Zahlmeister in gutem Einvernehmen? Je nach Linie. Und bei dem reichen Kundendienst, wo jeder meint, endlich mal ausschweifen zu können, falls ihn die Seekrankheit verschont, da ist es wie in der Politik. Da macht sich die hinhaltende Verheißung besser bezahlt als das platte Entgegenkommen. – Mag sein, sie hat das nicht alles auf einmal hervorgesprudelt. Sie vermied lange Aufenthalte. Sie galt, wie mir mein Kammersteward sagte, als tüchtig und gewitzt. In zehn Tagen läßt sich schon hier und da ein Wort erhaschen. Ich schlug ihr vor, in New York irgendwo einander zu treffen. Ich würde im Commodore wohnen. Mir war so beklommen wie mit vierzehn. Sie antwortete nicht. Ich sah sie dann auch an Bord nicht, dachte betreten, sie liebt keine übermalten Bilder, und ich betrachtete mich im Spiegel und rasierte mir ärgerlich den Bart herunter.
Sie fragen: Was dann? Mister Bit. Es kommt immer darauf an, was drübergemalt wird. Das war auch Telkes Meinung, als sie ins Commodore kam. Und sie lachte darüber am Morgen danach und wehte zurück an Bord.
Da stand ich wieder allein. Was war’s denn? Hatte ich mich nicht längst innerst anderweitig verankert? Aber Rischa – Rischa? Davon bald mehr, Mister Bit. Rischa schien mir damals ins Unwahrscheinliche entrückt. So war’s denn aus Verzweiflung geschehen, war Trotz, Vereinsamung, Flucht und auch so etwas wohl wie Wiedergutmachung oder Ergänzung, ein reifer Apfel statt eines grünen und alles in allem ein vollkommener Genuß.
Nach Jahren bekam ich eine Karte aus Vancouver, hübsche Ansicht drauf, modernes weißes Gebäude in schönstem Parkgefilde. Quer drüber hin geschrieben in der steilen Art ihrer Buchstaben, die sich seit der Planke nicht geändert hatten, nichts als: Es ist gelungen! Telke. Weiter nichts. Auch auf meinen Glückwunsch und längeren Brief nichts mehr.
Kürzlich las ich im Wartezimmer von Dr. Möllby in einer medizinischen Zeitschrift den Namen ihres Sohnes. Er schrieb da über die anscheinend gelungene Züchtung von Getreidesorten, die den dringlichen farbigen Bevölkerungsstau unkomplizierter erreichen würden als jede sonstige Maßnahme. Wird das mehr nützen als die übliche Massenvernichtung?
Ich sah mich um, sie schacherten wie je
begierig nur auf Mehrung ihrer Konten,
und lieferten die Waffen Übersee
bar gegen Scheck zugleich an alle Fronten.
Ich fürchte, Mister Bit, aber was kratzt es mich, Sie werden einwenden, Ihre verkappten Lieferungen ändern nichts an der Aussicht, für den weißen Mann so oder so eines Tages von der gelben Welle überspült zu werden. Unser Willem zwo hatte doch schon mal die Vision, und wie hat man ihn deswegen veruzt. Völker Europas, wahret eure heiligsten Güter! Es ist mißlich, Parolen auszugeben, ohne zu erläutern, was genau gemeint ist. Aber gerade das ist Sinn und Wirkung der Parolen? Was waren denn die heiligsten Güter Europas? Worauf beruhte denn die Vorherrschaft des weißen Mannes? Worauf denn war der Hohenzoller so selbstsicher stolz? Auf seine schimmernde Wehr? Auf seine Industrie? Auf sein Christentum? Auf seine Flotte? Oder gar auf sein Geistesleben? Er kam nicht weit damit. Selbst England nicht. Und alle übrigen machten die gleiche Erfahrung oder werden sie machen, ganz gleich, welchen Parolen sie sich ausliefern. Sprechen Sie nicht von weißer Kultur, Mister Bit. Die farbige war in mancher Hinsicht unserer weit überlegen. Und hätten die neuen Machthaber des Ostens sich besser von westlichen Errungenschaften abschirmen können, hätten wir ein erneutes Rokoko und jene nicht unsern Jugendstil und was danach kam. Und jeder bliebe in seinen Grenzen. So aber übernehmen jene anderen unsere schlechtesten Eigenschaften, nämlich die Mordlust und die Angst, was beides sich zu den Erfindungen der Rüstungsindustrie verdichtet. Sie gingen bei uns in die Lehre wie Hermann der Cherusker bei den Römern. Sie wurden von Abnehmern zu Übernehmern und wurden zu Unternehmern auf gleicher schiefer Ebene.
Was bleibt eines Tages von der Flickenkiste Europa übrig, ehe noch die Stoffreste sich zu einem gemeinsamen Narrenkleid oder Totenhemd hätten zusammensteppen lassen? Ein paar weiße Flitter im Ostwind, die noch ein paar Spiralen drehn, ehe sie von den farbig heranrollenden Brandungen verschluckt werden.
Ganz recht, Mister Bit, spülen wir solche trüben Ahnungen mit einer Rotsponwelle hinunter. Koordinieren wir unsere Entwicklungshilfe mit der günstigen Abstoßung unseres Schrotts an Kriegsmaterial und mit den rührenden Bemühungen des Roten Kreuzes, dann haben immer alle etwas zu tun, und wir werden unsere schwellenden Läger an Milchpulver und Medikamenten und Textilien und unsere Ärzte und Krankenschwestern an den Mann bringen und einen goldenen Stuhl im Himmel erben. Zum Wohl denn!
Sie weichen aus, Mister Bit. Auf die rosablonde Haarwelle Telkes anzustoßen erweckt nochmals, was lieber schlafen sollte. Erwähnte ich die Yvette Guilbert? Ich sah sie in der Moulin Rouge, so, wie der Zwerg Toulouse-Lautrec sie gemalt hat, wie auf den alten Steindruckplakaten, kraß grün zu rotem Haar und langen schwarzen Handschuhen. Sie hatte einen Deutschen namens Schiller geheiratet, ohne sich dadurch ins Klassische zu verirren. Ich hörte sie das berühmte Muttermörderlied vortragen: C’était une fois un pauvre gas ..., darin es dann heißt: Und hast du mich lieb, so bringe zur Stund / das Herz deiner Mutter für meinen Hund!... Ich vermochte diesem armen Burschen die blöde Willfährigkeit so fürchterlich nachzuempfinden, daß ich fast erstickte und von dem Saaldiener aus dem Kabarett geführt wurde. Es ist nicht freundlich eingerichtet, daß der Mensch auch aus Liebe zu jeder Schandtat fähig ist. Der Mann, der jene grausige Ballade verfaßte, paßt sonst nicht schlecht in unsern Streifen, meine ich. Kennen Sie seinen Gedichtband La mer? Oder sein Bühnenstück Le Flibustier? – Ich auch nicht. Aber Telke hatte diese Bücher an Bord, auch eines über bizarre Todesarten. Ein greiser Herr sei mal mitgefahren, der habe die Bücher dagelassen und habe ausgesehen wie Joseph Conrad, den habe sie auch gekannt, der sei auch mal mitgereist, habe aber keine Bücher verschenkt, sei viel zu berühmt gewesen; aber der Franzose, wie hieß er noch, Jean Richepin, der fühlte sich vergessen; darum also. O ling long laire, o ling long la ...
Vergessen zu Unrecht, möchte ich anfügen, Mister Bit. Zu Recht aber hat er seine Bücher einer Stewardeß geschenkt, die bis dahin wenig mehr als Zeitungen gelesen hatte. Er besaß den Spürsinn für Aufgeschlossenheit, er erwischte den Spalt Licht, die Tür tat sich ihm eine Handbreit auf, und er reichte ihr eine Widmung hinein; sie zeigte es mir mit dem Lächeln eines Eisvogels: Flamme d’amour glacial, eine hin und her huschende Eisflamme der Liebe. So war sie. Und gab seinen Namen eisgekühlt weiter, so vermoderte er nicht ganz. Ihr habe er erzählt, er sei für seine erste Veröffentlichung, für nichts als ein paar offenherzige Bettlergedichte, monatelang eingesperrt gewesen. Warum? Weil er so ehrlich war, wie heute jeder Teenager sein darf. Damals nannte man es schamlos. Zwanzig Jahre nach seinem Fiasko versuchten der Kölner Playboy Albert Langen im Verein mit dem dänischen Defraudanten Gretor und dem genialen Zeichner Thomas Theodor Heine in Richepins geschlagene Bresche einzusteigen mit ihrer illustrierten Wochenschrift à la Gil Blas, dem Simplicissimus, und machten gleich ihm deswegen hin und wieder Bekanntschaft mit den schwedischen Gardinen. Der nie ausgestorbene Picaro, der Landstreicher und Landstörzer, hatte sich von Spanien rund um die westliche Welt geheckt, Grimmelshausen, Verlaine, Richepin und so weiter, und heute als irrlichternder Widerschein in den Gammlern und Hippies. Es ist immer nur um ein Haar, wie weit es mit uns kommen kann.
Was man liebt oder haßt,
alles hat seine Weile,
das Etmal und die Meile,
die Eile und die Rast.
Es ist alles dein Gast.
Drittes Kapitel
Ich merke, Mister Bit, Sie horchen nach draußen. Nein? Nur zugleich?
So geht es mir auch. Alles Gesagte ist nur zugleich. Und sollten alle Stricke reißen, die uns mit gehabten Ereignissen zu einem Bündel Vergangenheit machen, sollte unsere eigene Mumie sich jählings auswickeln und unsere Gegenwart beschlagnahmen, was tut’s. Wir sprechen: Guten Tag! Und lassen es hingehen.
Was bleibt uns denn viel als die betagte Funkverbindung zur Ewigkeit, die schon war, bevor sich unser erster höherer Primat auf die Hinterbeine stellte und nicht mehr herunterwollte, weil seine Handteller und Fingerknöchel verweichlichten und er erkannte, wie sehr Selbsterhöhung die Rassegenossen einschüchterte. Bis er in der Olduvaischlucht ins Gras biß. Immerhin ins Gras. Das ist seltener geworden. Und an die sechshunderttausend Generationen her gerechnet vom Miozän, soviel ich noch weiß, bis zur direkten Mondbelästigung. Nur für einen Computer übersehbar.
Ich kannte einen Badewärter, der konnte wie ein Bär auf allen vieren gehen und nicht nur im Paßgang, und er äußerte, es sei viel angenehmer auf die Dauer, und er würde immer nur so sich bewegen, wenn es der Anstand nicht verböte.
Wir haben die alten Antennen, die unsichtbar sind wie bei einem guten Transistor, nur ein bißchen verkalken lassen. Mit Stalagmiten ist schlecht senden und empfangen. Darum hat sich unsere Sprache entwickelt und verkalkt nun auch schon wieder. Wir berieseln und werden berieselt und beachten es noch kaum. Was bleibt, ist ein bißchen Gekrächze. Die Musik ist schon soweit. Der Urwald nimmt uns auf, der Urwald der Hochhäuser und Industrie. Nur das eine hat Bestand, die Neigung, sich in Szene zu setzen, Huldigungen einzuheimsen und jede Schuld von sich abzuschieben.
Als ich in jenen Tagen, wo jedes Tischmesser wie ein Seitengewehr aussah, in der Tafelrunde Zum minnigen Seil – oder war’s am Stammtisch der Duftenden Kompaßrose? – egal, und sodann sogar in der Bürgerschaft meine Ansicht also über einen ernsthaft friedlich gewillten Weltvölkerbund darlegte, da fühlte ich eine törichte Vorstellung aus Angelesenem in mir, als sei ich der von Dante so herzlich begrüßte Heinrich der Siebente, begrüßt vom besten aller Italiener als der Herrscher eines freundlich geeinten, kirchlich unabhängigen Europa. Er kam zu Schiff nach Rom wie später mal Ihr Admiral Horatio Nelson, dem ähnliches vorschwebte, von Great Britain aus. Doch der deutsche Heinrich wollte sich alsbald zum Kaiser krönen lassen. Und weil der Weg zum Petersdom versperrt war, begnügte er sich mit dem Lateran. Das war ein Zugeständnis wie von Ost-Berlin anstatt von Moskau. Der Dante-Traum blieb ein Hirngespinst. Heinrich starb unter dem Turm von Pisa. So schief war es gegangen. Er starb jung.
Wir aber leben noch, Mister Bit. Und es hat sich nichts geändert in siebenhundert Jahren. Die alte Bestie bleckt noch immer die Zähne, so falsch sie auch sind. Wir weinen nicht? Sehr zum Wohl, Mister Bit! Versuchen wir zu lachen, solange unser Zwerchfell nicht gänzlich zum Trommelfell hinauf- und herabgewürdigt ist und, von Doktrinen und Parolen gewalkt, nur noch die paar Begriffe und Zustände weitergibt, die schon lange auf uns lauern und die da lauten: vermummt, verdummt, verstummt.
Als ich die jetzige Firma aufmachte, mit Eintragung ins Handelsregister, versteht sich, und mit Börsenstand, da schrieb ich nach hansischer Sitte auf die erste Seite meines Hauptbuches: Mit Gott! Wir haben trotz aller Eigenständigkeit nie ganz auf Verbündete verzichtet. Ich war mir allerdings klar, welche Verantwortung ich damit einem imaginären Vorgesetzten zuschob, ohne doch geneigt zu sein, mir viel dreinreden zu lassen. Es war ein Verhältnis, wie wir es in Hamburg zum deutschen Reiche pflegten. Wir erwarteten Schutz und Beistand und taten, was allein wir für löblich erachteten. Die weite Welt vor uns, das Vaterland im Rücken, manchmal tiefer.
Kalkül und Macht und Recht,
wer damit handelt frei
und hat noch Glück dabei,
dem geht es niemals schlecht.
Manchmal blieb das Glück aus. Derlei passiert überall mit und ohne Reich. Bei uns vorübergehend. Denn wir liegen günstig an einem Fährweg zwischen gutem Hinterland und allen Kontinenten. Und wir dachten nicht kleinlich, nachdem wir die großen Entdeckungen verpaßt hatten und uns Freie und Hansestadt nannten, wir lernten, in Kontinenten zu denken. Gen West, woher aller Zonen Dunst und Duft wehte, gen West, wo der Abendhimmel sich in Farbspielen gefiel, gemischt aus Polarlicht und Tropenzauber, und so unsere Reichweite spiegelte, dahin ging unser Kalkül und fand sich auf die Dauer gesegnet.
Das menschliche Wohlbefinden als belanglos hinzustellen, mag einer Abendmahlspredigt zum Thema dienen, einem hansischen Kaufmann steht es nicht zu Gesicht. Auch die These, niemand soll mehr haben als der andere, mag für den Mond gelten, wo sowieso keiner etwas hat. Auf Erden regiert der Tüchtige. Und der Tüchtigere löst ihn ab. Und der weniger Tüchtige hat sich anzupassen. Wer klug genug ist, macht auch aus der Anpassung einen schicklichen Unterschlupf. Wer dumm ist, hilft sich auch mit Pöbelei auf keinen grünen Zweig. Er entblättert ihn höchstens. Selbstredend gehn wir an unsern klimamilden Küsten nicht so weit wie unsere südamerikanischen Abnehmer, die da sprechen: Der Kluge lebt von den Dummen. Und die Dummen? Von der Arbeit.
Wir sind fleißig von Natur. Angeheizt vom Atem der alten Midgardschlange, dem Golfstrom. Das sagte ich schon. Insgeheime Treibhausblüten sind wir, aber wir haben gelernt, uns einigermaßen auch im Freiland zu behaupten. Dazu eben bedarf es der ständigen Umsicht und Fürsorge. Das braucht uns niemand beizubringen, immer auf dem Kiwiev zu sein. Das turbint sich unaufhörlich über West herein, kleine dienliche abseitige Wirbelschleife, uns sowenig bewußt wie die sausende Drehung des Erdballs
Wir sitzen auf golfischem Teufelsrad,
wo jeder sich mühsam zu halten hat.
Das hangelt und rangelt zur Mitte juchhe
oder wird abgeschnippt gen Übersee.
Gibt wohl keinen von uns, der einiges geworden ist, ohne mal draußen und drüben gewesen zu sein, quer übern Atlantik, Nord oder Süd, und um Kap Hoorn herum oder um die Gute Hoffnung oder durch den Panama oder – solange euer England noch Grips und Bizeps besaß, die Fellachen in Zügel zu halten, und Rußland noch nicht deren Steigbügelhalter und Raketenlieferant war – durch den Suez in die indische See und übern Pazifik und rund um die Welt.
Heute geht’s einfacher per Avion. Ohne mich. Ich erobere mir die Breiten- und Längengrade noch immer lieber im Seefahrtstempo, wie Sie, Mister Bit. Veraltet sein und Unvernunft ist nicht immer dasselbe. Man muß es sich nur erlauben können.
Traf ich auf Hawaii oberhalb der Region, wo einem Hula-Hula-Kränze um den Hals gehängt werden, einen, der als Stift bei hiesiger Maklerfirma mir nicht sonderlich aufgefallen war. Hallo! sagte er und blickte auf von seiner Ananasplantage.
Hallo! sagte auch ich: Und was machen Sie denn hier?
Er erwiderte sachlich: Ich lege den Grundstock für ein Häuschen an der Elbchaussee. Und Sie?
Ich? So ähnlich.
Tatsächlich war ich damals drauf und dran, in Honolulu eine Art Rummelplatz aufzubauen, nachdem ich außer Restbeständen aus eigner Werkstatt über eine Menge solider Karussellfiguren aus dem Konkurs der Junopark AG verfügte. Mir schwebte eine Alterszuflucht in Blankenese vor. Ich habe sie erreicht. Auch ohne die Südsee mit meinem Ringelspiel zu beglücken.
Lassen Sie mich zurückrutschen ins Jahr 1893. Wir hatten die fürchterliche Cholerakatastrophe hinter uns. Der Ostwind hatte sie begünstigt, der Westwind schließlich zum Teufel geblasen. Das brauche ich Ihnen nicht zu schildern, Mister Bit, dergleichen hat Ihr Robinson-Defoe aus Londoner Erfahrung schon schaurig deutlich berichtet. Aber seitdem wurde in Hamburg das Trinkwasser besser. Und es war ein Landsmann von Ihnen, der uns dazu verhalf. Er lebe!
Also gegen Jahresende kam Professor Lichtwark zu meinem Vater. Alfred Lichtwark, Direktor unserer Kunsthalle, einer der wenigen Weltleute von kulturellem Rang, die Hamburg hervorgebracht. Wer hat sonst auch viel Zeit dafür. Also dieser elegante Herr stand plötzlich wie ein auftraggebender Reeder in unserer Werkstatt, füllig und selbstbewußt.
Ich war erst fünf, aber ich habe die Erscheinung ziemlich klar im Gedächtnis. Seinen Zylinderhut hatte er der »Galatea« aufgesetzt, sah dann meinen betroffenen Blick, nahm ihn herunter und stülpte ihn mir sachte über den struppigen Schädel. Er sackte mir auf Ohren und Nase. Denn mit dem strammen Bauernschädel des Müllersohnes aus den Vierlanden konnte ich mich noch nicht messen. Des weiteren stak der Besucher in einem schwarzen Mantel, darunter sah man eine gestreifte Hose und militärische Offiziersstiefeletten. Es ging auch ein guter Duft von ihm aus, ich nehme an, es war seiner anglophilen Neigung gemäß ein Lavendel von Dobb’s. Sein steifer weißer Kragen hatte die Oberkante dreieckig heruntergebogen. Darunter war ein breites schwarzes Plastron, leicht geblümt, und es stak eine große Perle darin. Ein Gentleman fürwahr. Aber das hab’ ich erst später summieren können.
Damals fiel mir besonders das Spiel seiner Glacéhandschuhe auf. Er begleitete hin und wieder ein Wort damit, unterstrich, strich aus, kreiste ein. Er gab der Galione Galatea einen zärtlichen Klaps auf den wohlgerundeten Arm und strich dann über die holzgewellte Mähne eines Karussellpferdes.
Hier wurden vormals doch nur Galionsfiguren geschnitzt, Meister! sagte er und blickte meinen Vater aus etwas verkniffenen, stets visierenden blaß blitzenden Augen an, als sei der selber ein altes Holzbild. Und in der Tat, mein Vater hatte den Ausdruck eines verwetterten ducknackig vorweg spähenden Meergottes, schwerfällig in Bewegung und Sprache, aber immer zielsicher und von feinster Fähigkeit der Hand. Er, und das fiel mir damals schon auf, trug seinen Schnurrbart dem des Galerieprofessors ähnlich, nur ergraut, an den Ecken gestutzt, sogenannt fußfrei, und nicht wie der des Staatsoberhauptes mit aufgerichteten Bajonettspitzen, sondern mehr auf englische und amerikanische Manier, und erst später den patriarchalischen Vollbart.
Mein Vater fragte so bedächtig, wie es bei erwartbarer Bestellung geraten ist: Wollen der Herr erst bauen oder haben schon?
Aber Lichtwark fragte weiter: Seit wann arbeiten Sie denn für den Jahrmarkt, Meister?
Seit Eisen Holz verdrängt, da braucht die Schiffahrt kein Schnitzwerk mehr, murrte mein Vater: Da muß man sich anderweitig umsehn. Und der Herr wollen trotzdem?
Der Herr, von dem wir, mein Herr und ich, damals keine nähere Ahnung hatten, fuhr in seiner geschmeidigen, doch wie eben aus Urgrund geborenen Sprechweise fort: Bester Meister, in der Kunst kommt keine Auferstehung zu spät. Unser Kaiser hat seine Luxusjacht soweit fertig, die »Hohenzollern«. Was fehlt, ist doch wohl eine zünftige Galione. Reeder Ballin möchte ihm eine stiften, ich soll es fachlich vermitteln, und wer könnte uns da das Rechte fertigen wenn nicht, Meister, Sie, der Letzte aus der ehrwürdigen Dynastie der Abdenas und Toppendralls.
Dabei denn streifte aber sein Handschuh und Blick mich, der ich gespannt mich nicht zu rühren wagte. Und ich hörte, wie ich als womöglicher Erbe eines aussterbenden Gewerbes weniger bedauert als angespornt wurde. Und ich reckte mich, nahm den großen Hut ab, wies auf die vorgebeugt hingelehnte und abgestützte Nymphe und äußerte kühn: Bei der hab’ ich schon mitgeholfen. Sie heißt Galatea, ihr Vater war ein Seekönig, und sie hatte neunundvierzig Schwestern. Und ist nicht abgeholt worden. Die können Sie kriegen.
Mein Vater gebot mir zu schweigen. Indes der Fremde mir übers Haar strich und lächelnd meine Kenntnis lobte und meine handwerkliche Neigung. Jedoch die schöne Galatea sei nicht das, was ihm vorschwebe oder vielmehr der Hohenzollern voranschweben solle. Er denke allerdings auch an eine weibliche Figur, diese hier sei nun freilich zu nackt für die strengen Auffassungen des Monarchen und vor allem seiner Gattin. Darum denke er mehr an ein Porträt Ihrer Majestät höchstselber in gewachsenster Volkskunst und also Volkstümlichkeit. Mein Vater kratzte sich hörbar den sturen Schnurrbart, nickte verhalten und erwog: Machen könnten wir das. Und man sollte preußisch Holz dafür nehmen, das hält aber den Wogenprall nicht lange aus, es müßte schon Pitchpine sein oder Teak, polnische Föhre geht auch, da haben wir unser Rathaus mit unterpfählt wie manches hier, damit wir nicht im Schlick versacken.
Nein, nein, es wird das Heimische zu bevorzugen sein! versetzte Lichtwark: Ulme, Rüster, Ahorn, Linde, Eiche. Eiche natürlich, deutsche Eiche, die zugleich der britische Baum ist, das wird den Beifall des Hofes und dessen prüder Verwandtschaft finden. Aber halt! Die Hapag baut sowieso eine »Auguste Viktoria«. Was machen wir denn da? Eine strotzende Germania an sich? Da könnten wir schließlich sogar diese »Galatea« ...
Ich schlage vor, sagte da mein Vater, wir nehmen Frau Petersen. Wenn Herr Petersen, unser guter Bürgermeister, so scheußlich von einem Berliner gemalt worden ist, dann ist das vielleicht ein Ausgleich.
Ob das nun ernst gemeint war oder nicht, unser eleganter Besuch verfinsterte sich und verabschiedete sich gewinnend, aber kurz. Keine Rede mehr von Auftrag. Zu spät erfuhren wir, daß er es gewesen war, Max Liebermann mit dem lebensgroßen Ölbildnis unseres regierenden Stadtstaatlenkers zu beauftragen und das nun niemand leiden mochte. Es sollte erst viel später zu Ehren gelangen, als man sich selbst in der Hansestadt an die ungewohnt unglatte Art solcher Moderne, genannt Impressionismus, gewöhnt und vor allem davon gehört hatte, welch Geschäft solches sehr bald dem Kunsthandel und dem Liebhaber und Sammler bedeutete.
Der Maler hat’s gemalt,
ein Liebhaber hat’s bezahlt,
er zahlte nicht viel,
weil’s eben nur ihm gefiel.
Als aber der Kunsthandel das Bild entdeckt,
da hat es goldene Eier geheckt.
Ich glaube, die »Hohenzollern« hat sich dann mit einem Reichsadler begnügt, natürlich in Bronze vergoldet. Aus Untertanenschweißgold, nannte es der kleine Maler Fred von Hörschelmann, der aus dem Baltikum stammte und in Bayern lebte und eine spöttische Zunge hatte. Er lachte über die entgangene Wotansgöttin so, wie er später im Old Commercial Room, der Kapitänstaverne an der Hafenrampe, lachte, als er das Horst-Wessel-Lied mit dem, wie er behauptete, eigentlichen, einem alten Räubertext, lauthals sang, obwohl er Gast war des hansischen Landesgerichtspräsidenten R. Johannes Meyer. Dieser war ein Kunstfreund und war kein Freund eines alten oder neuen Potsdamer Geistes. Und ich war dabei, denn der Gnom Hörschelmann sammelte Zirkusplakate, wie sie so plankengroß anscheinend nur in Hamburg hergestellt wurden, mit Indianerschlachten darauf und Bajaderenorgien, die alles in den Vorstellungen Gebotene weit übertrafen. Ich hatte solche Riesenaffichen auch mal gesammelt und gab sie dann gern dem eifrigen Liebhaber, der unter der Rolle von dannen wippte wie ein Eichhörnchen mit dem Ofenrohr.
Ganz recht, Mister Bit, dieser Rotspon stammt aus Gefilden, die noch keinem Vertreter chemischer Spritzmittel zum Opfer gefallen sind und keine Pantscherei kennen. Und ist sicherlich hinreichend wogengeschaukelt, vielleicht sogar noch zu Zeiten des Laeiszdirektors Ganzauge einmal um die Erde gelangt, mit den letzten unvergeßlich malerischen Weizenseglern. Unser Container-Reeder wußte, was er uns an Bord vorzusetzen wagen durfte. Und es müssen Holzgebinde sein, darin solch Tropfen sich lagert und heranreift. Das ist die zweite Traubenreife, die innere, nach der sommerkurzen der ersten, die lange lange Zeit. Bis dann die dritte Reife und die allerfeinste sich gelegentlich vollzieht, die hohe Vergeistigung in jenen, die danach sind.
Sind wir danach, Mister Bit? Wer kennt sich und den Nächsten. Lassen wir es beruhen! Wir müssen einander die Weile ertragen. Wollen nicht von Vergeistigung schwatzen. Wollen den alltäglichen Dingen abgewinnen, was uns die Langeweile verkürzt. Sie nicken mir zu. Uns! bekräftigen Sie. Uns! Ob auch andern, soll uns Mausespeck sein.
Whisky? Ganz recht, Mister Bit, er dämpft das feine Empfinden. Und was auch immer, ein guter Tee ist besser als jedes sonstige Stimulans, und das beste ist und bleibt ein treffliches Wasser. Dennoch, nicht wahr? Zum Wohl denn!
Hoppla! Ihr Glas! Es tänzelt wie so manches, das an uns vorbeiglitt und uns verheißungsvoll gelächelt. Wir hielten es, es war unsere Freude, wir hielten es für unser ein und alles, und es wehte davon wie eine Flocke Gischt, indes das große Orchester der Welt weiterspielte, ungerührt wie die See.
Da fällt mir Kapitän Menck ein, Freund meines Urgroßvaters Justus Toppendrall. Er war zugleich Eigner einer stattlichen Brigg, Großvater hatte ihm die Galione geschnitzt, eine Löwin mit dem hübschen Gesicht von Käptns Braut. Die nämlich hatte eine Löwin gewünscht, er aber das Abbild seiner Felissa. So hatten sie sich auf eine Mischung geeinigt. Die Hochzeitsfeier fand statt auf dem fertig bei den Kajen liegenden Segler.
Felissa war aus gutem Pöseldorfer Hause und hoch musikalisch und für jene Tage ungewöhnlich abenteuerdurstig, sonst wäre sie Jonny Menck wohl kaum gefolgt. Und wollte auch die Jungfernreise seiner Brigg Felissa mitmachen.
Menck, ihr zu gefallen, sorgte auch für ein Instrument. Ein Klavier wäre zu sperrig gewesen in der kleinen Messe. Aber er trieb ein zierliches altes Spinett auf, was damals aus der Mode war und billig, ließ es herrichten und an Bord schaffen.
Um mit seiner Erwählten gehörig tanzen zu können, sah er sich nach einem Tastenkenner um und entdeckte einen solchen bald in einer der Hafenkneipen, einen schmächtigen jungen Menschen mit schlicht herabhängendem, blondem Haar, der dort den Matrosenverkehr mit Gassenhauern für »twee Dollar un duhn« bereicherte und nebenbei seine Schularbeiten zu erledigen schien. Er war noch fast ein Knabe, noch nicht fünfzehn und hatte statt der Noten ein Buch vor sich liegen, bißchen Goethe oder so was, spielte also alles Gewünschte so nebenher und auswendig. Dabei auch manches, was niemand bislang je gehört hatte und das wohl aus der Phantasie stammte.
Dieser tüchtige Jüngling, Sohn eines Hornisten bei der Bürgergarde und Baßgeigers beim Operntheater, wurde nun für Mencks Hochzeitsrummel herbeigezogen und stellte die Geduld der Gäste anfangs höchst eigensinnig auf Kohlen, indem er das Spinett erst mal genau stimmte, bevor er mit der Polonaise begann und zu jedermanns Beifall spielte.
Doch die Messe erwies sich rasch zu eng, zumal für den Walzer, und so wurde das Instrument auf Deck getragen. Der Musikant half bereitwillig mit, dann aber betrachtete er kritisch seine Hände, bewegte sie wie auffliegende Tauben und erklärte, er könne nicht sofort weiterspielen. So denn füllte die bräutliche Schöne die Pause. Es fand sich auch gleich eine ältliche Verwandte für einen Gesangsvortrag. Und es erklang das Lied »Wenn ich ein Vöglein wär und auch zwei Flügel hätt’/flög ich zu dir ...«
Die alte brave Dame sang gern, aber nicht gut. Dem jungen Musiker schmerzten die empfindsamen Ohren. Er flüsterte meinem Großvater zu, der neben ihm auf der Reling saß: Wenn ich ein Kater wär und auch vier Tatzen hätt’, schlich ich zu ihr.
In jenen Tagen war der Hafen noch von keinem Motor und Schneidbrenner und Preßbohrer durchtobt, und die Abende pflegten noch Arbeitsruhe zu kennen. Somit war sogar ein zartes Spinett, vorm Großmast aufgestellt, zum Tanz vernehmlich genug. Der junge Virtuose war auch bald wieder dabei, das Beste herauszuholen an Polka, Schottischem, Hornpipe und Green Sleeves und was alles damals in Mode stand. Zwischendurch flocht er – wie gesagt – Eigenes hinein, ohne daß es auffiel. Er hieß übrigens Johannes Brahms, wohnhaft in der Speckstraße beim Bäckerbreitengang. Heute steht da der Wolkenkratzer eines Margarinekonzerns, nachdem eure Bomben, Mister Bit, die Gegend in Schutt gelegt. Pietät? sagen Sie. Oh, so etwas ist selten, im Kriege wie in Hamburg.
Meinem Großvater, der zu Hause manchmal Flöte blies, war immerhin eines im Gedächtnis geblieben, und ich weiß noch, wie er das Motiv zur Unterstreichung seines Berichtes herzuzaubern versuchte, dieses dodade de dideida ... Es ist aus Opus 119; soviel ich weiß, das zweite Stück; es ist eins seiner rührendsten Einfälle, diese kleine Melodie, ein Stück Westwind mit aller Süße, Wehmut und Sehnsucht. Er kannte die See nur aus den Schnacks und Aufschneidereien, aus dem Seemannsgarn der Tavernen, und das mag ihn früh und gründlich bewahrt haben, seine Seele verledern zu lassen – wie es dem Feinfühligen bei dem härtesten aller Gewerbe, der Seefahrt, wohl geschehen kann.
Aber wir an der Wasserkante sind nun mal nicht frei von der Anfälligkeit, nach dem Glück und dem Unheil der Ferne uns zu verzehren. Er ging gen Ost denn auch davon, sozusagen rückwärts, mit dem Blick zur See. Aber trotz späterem Vollbart mit Zigarre spürt man doch in all seiner Schöpfung dieses sonderbare Ziehen und Säuseln aus West, den ungesättigten Horizont, die unbehauste Dünung, den grauen, spärlich durchsonnten Heimathimmel.
Sie sollten mal eine Reise mitmachen, junger Mann, mal die Nächte im Passat erleben, hatte damals Kapitän Menck gesagt, als er ihm drei blanke Taler Honorar zahlte: Kost und Logis frei, wenn Sie meiner Frau ein bißchen Noten umblättern und mal vierhändig oder wie und sonst hier und da mit anfassen, wie es so hinkömmt ...
Aber der junge Johannes hatte abgelehnt. Er hat ja auch nicht mal die Einladungen zu euch angenommen, Mister Bit, wie sein Landsmann Mendelssohn. Es ging ihm ja auch gut auf dem lieben Festland. Wollen zum Beispiel der Schweiz dankbar sein, wo er in Zürich und Winterthur sein Deutsches Requiem sorglos hat fertig vertonen können, betreut vom Verleger Rieter. Wer wohl in seiner Vaterstadt wäre auf solche Idee gekommen? Man hat ihm ja nicht mal – sogar zweimal nicht – den freigewordenen hiesigen Dirigentenposten gegönnt. Er war eben nicht weit genug her. Erst der dickste Weltruhm mußte ihm bescheinigen, daß ein geborener Hanseat auch etwas Rechtes mit den Musen zu tun haben könne.
Brahms ward hier geboren
und ging uns verloren
und starb in Wien.
Aber dennoch sind wir mächtig stolz auf ihn.
Das gibt es auch bei Ihnen, Mister Bit? Na ja, Cromwell war unmusikalisch. Und Händel und Haydn waren als Ausländer so geschätzt wie gewissermaßen bei uns Rolf Liebermann, der unsere Staatsoper leitete, aus der Schweiz stammt und nach Paris ging.
Johann Sebastian Bach aber ließen wir entgleiten, obwohl er geblieben wäre. An der Wasserkante sagt man übrigens auch so, wenn einer bei der Seefahrt umkommt. Händel hatte es sowieso nicht lange ausgehalten, wohl aber der Magdeburger Telemann. Und warum? Er hatte nicht nur ein breiteres Sitzfleisch, sondern viel inneren Humor und ein dickes Fell. Damit kommt in Hamburg selbst ein Künstler nicht unter die Räder und überzeugt sogar Senatoren, Oberalte nebst allhier geborenen Ehehälften.
Und Theater? Hier gab es immer bedeutende Ansätze. Den Gaukler läßt man sich nach Büroschluß selbst hier gelegentlich gefallen. Sie sagen Lessing, und ich verhülle mein Haupt. Sie sagen Klopstock, und ich gebe zu, er verzehrte hier eine dänische Rente und eine aus Süddeutschland, sonst wäre er nicht an die Achtzig gelangt. Sie sagen Hebbel, und er ging wie Brahms davon. Und Sie kannten sogar Alexander Zinn? Und fragen, ob er wirklich ein Dichter gewesen sei und Senatsdirektor und Pressechef nur als Gnadenbrotnehmer? Er war ein umgänglicher Herr und ein Schriftsteller von Rang wie mancher andere auch. Was wiegt das schon, Mister Bit?
Klopstock und Lessing
hatten Großes mit Hamburg im Sinn,
aber Gold wird hier gern zu Messing
und Silber zu Zinn.
Wollen doch gleich anerkennen: Was Repräsentation ist, das läßt man sich hier nicht entgehen, das ist wie andernorts, nur deutlicher, wie die zwei, drei aufgestauten Alsterbecken, die doch einen enorm teuren Baugrund aus purem Luxus zu Wasser werden lassen. Aber wo sollen die jungen Leute sonst segeln lernen; auf der Elbe ist es mit Flut und Ebbe nicht immer so bequem und nett vor der Tür. Und irgendwas Besonderes wollen die Fremden ja bestaunen, da man Sehenswürdigkeiten, die man in Bremen etwa oder in Lübeck hegt, alte Stadttore und Klostergebäude und so was, in Hamburg schon vor dem großen Brand umgelegt hat oder auch nachher noch. Eure Bomber brauchten in dieser Hinsicht nicht viel nachzuroden.
Die wir mit der großen Schiffahrt zu tun hatten, wo alles rauh, sachlich, grob und unaufhaltsam ist, wir liebten die stillen Alstergewässer wie eine Unwahrscheinlichkeit, die zu hübsch ist, als daß man sich laut zu ihr bekennen dürfte. Es war etwas Insgeheimes, das eigentlich hier nicht zu sein hatte, das womöglich zerrann, wenn man es als Besitz anzusprechen sich getraute.
Längs Gurlittstraße, Alstertwiete und um die Ecke Koppel und die Straße neben der Reihe Linden an der Alster hin, wie war das bedrängend fröhlich in meiner Kindheit. Der gute Butterduft aus den Kellerküchen der Villen war noch von keinem Autodunst überstunken, und die hervortönenden Schmachtlieder der Kökschen und Dienstmädchen wurden durch etwas Hufgetrappel nur herausfordernder. Heute vernimmt man dort keinen Gesang mehr – und nicht nur wegen des Verkehrslärms nicht. Doch damals wie heute gehört zum guten Ton der guten Familie, die ich damals höchstens durch die Hintertür erspähte, sich als musikliebend auszuweisen, wozu ein Dauerplatz bei den behördlichen Konzert- und Opernaufführungen beliebt war. Wenn auch der Gatte von Börse, Büro und Handesgeschäft abends müde war und vor sich hin dämmerte und mehr an die überseeischen Märkte als an die Darbietungen der Bühne dachte, auch das lästige Umziehen nicht so liebte, wie zum Abend bei euch üblich, Mister Bit, damals noch, und seinen Frack oder Smoking jahrelang trug, falls die Statur nicht zu sehr schwoll, so war es den Damen ein Sonderlabsal, das Hauswesen zu vergessen und in festlichem Kreise zu sehen und gesehen zu werden. Und jedesmal möglichst in anderer staunenswerter, wenn auch, wie hier üblich, trotzdem dezenter Aufmachung.
Wenn wir in unserer ständigen Loge sitzen,
sagte Madame Smit,
lassen wir unsere Brillanten glitzen.
Das verdeckt erstens unsere Bildungsritzen,
und zweitens glitzen wir ein büschen mit.
Je klüger, desto verhaltener. Aber das vergißt sich leicht. Lassen Sie mich dessenungeachtet nicht verhehlen, daß Weltruhm ungemeine Summen verschlingt. Um das Niveau über Null zu halten, bewilligt der Senat der Oper wie dem Philharmonischen Orchester jeden gewünschten Auftrieb, natürlich nicht betreffs heimischer Kräfte. Der Dirigent des Ballettmanagers Diaghilew, Ernest Ansermet, leitete hier Debussys Pelléas und Mélisande und dirigierte ein Jahr darauf, er wurde gerade achtzig, die Philharmoniker. Auch den greisen Polen Strawinskij erlebte ich am Pult der Staatsoper, aber seine Kompositionen erschreckten mich teils, teils verschlief ich sie. Es war ein biblischer Stoff, soviel ich mich entsinne.
Ich schäme mich meiner Bildungsritzen keineswegs, so hab’ ich doch Platz, sie mit eigenem Hanf auszufüllen, ohne Rücksicht, ob jemand außer mir sich daran gütlich tut. Was der Österreicher Alban Berg sich an Georg Büchners Woyzeck erklettert oder an Frank Wedekinds Lulu, gefällt mir besser. Das ist handfeste Auslegung und glanzvolle Erleuchtung, das ist beste musikalische Illustration, zu einem Text von Rang und Format, dem Gemüt wie dem Hirn noch faßbar und genehm.
Begehren Sie mehr? Sind wir nicht alt genug, äußern zu dürfen: Krach, elektronischer Geräuschsalat und bemühte Verrenkung entzücken uns nicht? Möge sich die Jugend daran austoben! Wir sind mit unserem altbackenen Geschmack zufrieden. Und glauben denn doch, nicht ganz ohne Maßstab zu sein für das, was gut ist und sein wird immerdar.
Lassen Sie mich meiner Mutter gedenken. Sie besaß keine Brillanten, aber ihre Herzensbildung war lückenlos. Nur ein einziges Mal ist sie im Theater gewesen, zu einem Weihnachtsmärchen im Deutschen Schauspielhaus mit mir und meiner großen Schwester, die es bezahlte, da sie schon etwas verdiente, nämlich als Aufwaschmädchen bei Dabelsteins, Südseeimport. Senator wurde er erst später. Es war die Zeit, als mein Vater einen Unfall gehabt beim Anbringen der reparierten Lady Pontomac an jenem Vollschiff, das gerade umgetauft worden war in Oleandra. Das schien dieser üppigen Figur zu widerstreben, sie löste sich unversehens vom Bug und hätte meinen Vater fast erschlagen. Er war damals schon selbständig, und keine Kasse zahlte ihm etwas und keine Versicherung; man warf ihm eigenes Verschulden vor, ohne Ahnung, welche Fähigkeiten solche Galionen in sich tragen. Man war in der sozialen Fürsorge damals noch nicht soweit wie heute. Und – alas – wäre er angestellt gewesen, und sei es als ungelernter Arbeiter, wäre ihm wohl geholfen worden.
Es ging uns also recht dreckig. Darum war das Weihnachtsmärchen auch nur ein schwacher Trost und dennoch ein kleiner Lichtblick. Bei den eingestreuten Liedern weinte meine Mutter, ich weinte mit, obwohl ich schon zwölf war. Meine Schwester weinte nicht. Sie war so hart gesotten wie mein Vater, war schon konfirmiert und hatte dem Pastor beim vorgeschriebenen Unterricht eines Tages erklärt, sie glaube an das alles nicht. Sie glaube, die Menschen sollten auch ohne all das anständig sein.
Wie sie darauf komme? hatte der Herr Pastor da gefragt.
Mein Vater hat das gesagt, und dem glaube ich! Das war ihre Antwort gewesen. Und der Seelenhirte hatte dann weniger erbost als verächtlich geäußert: Dein Vater ist wohl Sozialdemokrat.
Na ja, das war damals noch als sehr gefährlich erachtet. Aber mein Vater war in gar keiner Partei. Er war nur erfahren und gescheit. Und er hinderte meine Mutter nicht, auf ihre eigene Art fromm zu bleiben und Gefallen zu finden an rührenden Kirchenliedern. Und sie hinwieder suchte ihn nicht zu bekehren. Darum kamen die beiden gut miteinander aus. Und ich mit beiden.
Denn mir war früh klar, man kann das eine wie das andere, kann Glauben und Nichtglauben gut miteinander vereinigen und je nach Bedarf verwenden. Im Täglichen, im Gang der Arbeit und des Geschäftes, da soll man nüchtern und gegenwärtig die Dinge an sich und sich selber einsetzen und damit rechnen. Wird es schwierig, soll man auch nicht gleich nach höherer Polizei rufen, sondern das Seine nach Möglichkeit tun. Aber wenn es verzweifelt wird, da ist eine Hinwendung zur Unerforschlichkeit keine Schwäche, da gibt es sicherlich geheime Kräfte, die dem Flehenden sich nicht verschließen, sofern er nichts Unbescheidenes verlangt und sich seiner Einfalt bewußt bleibt und auch schleunigst sich selber aufrafft und anstrengt, solange es nur eben möglich ist. Dafür denn braucht man keinen Geistlichen, darin muß ich meinem Vater beipflichten und auch meiner Schwester, das macht man mit sich allein ab. Gottes Wort kann als Trost, doch nie als Sprungbrett dienen.
Und ich sehe, Mister Bit, Sie halten es ebenso. Nein? Sie lieben gewisse Zeremonien aus dekorativem Genuß? Bei Trauungen und bei Bestattungen? Gewiß, auch das.
Als Emil Jannings, der saftige Mime, trotz aller Beschwichtigungen seiner Ärzte und seiner lieben Auguste merkte, daß die Stunde des endgültigen Abtretens nicht fern sei, überlegte er, welch magere Vorstellung er als Protestant am Wolfgangsee mit seiner Beerdigung bieten würde, und wurde darum noch schnell katholisch. Und es wurde ein rechtes Gepränge. Sogar der Bischof oder gar Erzbischof aus Salzburg war dabei.
Zum Wohl denn, Mister Bit! Er lebe! Denn er war wirklich ein großer Schauspieler. Ich kannte ihn nicht nur aus seinen Filmen, wo er mir am besten gefallen hatte in The Way of all Flesh, obschon das noch ein Stummfilm war. Und er spielte da in den USA einen deutschblütigen Kassierer und Familienvater, der, unversehens von der Gier nach prächtigem Dasein gepackt, mit einem hohen Betrag von seiner Bank verschwand, aber wie der Mann in Georg Kaisers »Von Morgen bis Mitternacht« und wie in allen ähnlichen tatsächlichen Fällen nicht glücklich wird und im Film schließlich als Landstreicher heimlich ins Fenster des alten Hauses blickt, seine verlassene Familie getröstet und fröhlich unterm Weihnachtsbaum sieht und daraufhin still im Schneetreiben davongeht.
Ich hab’s Jannings hoch angerechnet, den Schluß so entgegen dem von der Hollywood-Produktion gewünschten Happy-End durchgesetzt zu haben. Er erzählte mir davon. Und sollte oder wollte nun eine gewisse Rummelplatzgestalt spielen, wohl einen Luftschaukelbesitzer namens Liliom, und gedachte bei mir Näheres über solchen Typ zu erfahren und die entsprechende Atmosphäre, die meinem Landsmann Hans Albers allerdings eher lag.
Das war, als ich schon mein Karussell auf dem Spielbudenplatz hatte, da kam Jannings vorbei mit seiner zierlichen hübschen blonden Gussy – ich nehme an, sie war geborene Bremerin, indes er bald aus der Schweiz, bald aus Schlesien und bald aus Hoboken zu stammen vorgab, je wie es die geschäftliche Sachlage oder Laune ergab. Denn bei einem Schauspieler von Rang wird das Wandelbare zur Natur, und was er jeweils darstellt ist tatsächlicher als die karge Wirklichkeit.
Mit den beiden damals war auch die noch kleine Tochter Ruth, die ihm sehr ähnlich sah, obschon sie, wie ich hörte, aus anderer Ehe der Mutter herrührte und einen echten Fürsten zum Vater hatte. Die drei setzten sich munter auf meine Karussellviecher, er auf den grauen rotbesattelten Elefanten, seiner Statur gemäß, seine Gattin auf meinen gelben Löwen mit der blauen Schabracke, und saß da im Damensitz wie auf einem Zelter, indes Ruth mein liebstes Pferd wie ein Junge bestieg. Und sie fuhren ein paar Runden zu der Platte, die ich gerade aufgelegt und die ihnen sichtlich behagte.
Und zu Hamburg, da stehn
schon die Mädchen an der Pier,
und was bringst du mit nach Haus,
und was schenkst du mir?
Eine Perle aus Samoa,
eine Muschel aus Balboa,
Gruß und Kuß von allerwärts
und dazu mein Herz.
Und dann sollte ich St. Pauli zeigen, ohne die kleine Ruth natürlich. Denn St. Pauli Reeperbahn, das hatten sie selbst in San Francisco aufgetischt bekommen, das überträfe alle ähnliche Gelegenheit sonstiger Hafenstädte. Sie meinten vor allem Striptease und dergleichen, aber ich zeigte ihnen anderes, das mir besonderer zu sein schien, also Papa Haases Museum für Kolonie und Heimat, wie jener ulkige seemannsbärtige Aufschneider seinen Trödelladen in der Erichstraße benamste. Und auch Woinkes Museum und Schauerkabinett tief im Keller Ecke Kleine Freiheit und die beiden Tätowierer Finke und Wahrlich und was sonst zwischen Panoptikum und Hippodrom sehenswert war und auch die Damenboxkämpfe. Mal durch die Marien- und Petersstraße zu schlendern, verzichteten sie. Die Huren dort hätten wohl auch einigen Tamtam gemacht wegen solcher nicht unauffälligen Zaungäste. Und auch in die Grabgewölbe unter der schönen Barockkirche Große Freiheit, die so weise erhaben sich und unbeachtet in das Gewursel der irdischen Lichtreklamen und Bumsorchester fügt, wollten sie auch nicht, obschon man da den Sargdeckel von der eingetrockneten Hülle eines weiland k.u.k. Gesandten und auch des einstigen Oberpostdirektors zu Thurn und Taxis, Grafen von Kurzrock, zu heben vermochte, und es gab da dreihundert Särge mehr.
Indes hatte Gussy, geborene Holl, schon genug von den gelblichen Kinderleichen bei Woinke, und somit gingen wir ins Alkazar, wo sich das Tanzparkett gerade in eine Eisfläche verwandelte und ein Schlittschuhballett auftrat, das war angenehmer.
Sie erwähnen die Finkenbude, Mister Bit. Aber dahin hätten wir ohne kriminalbeamtlichen Schutz die Füße kaum lenken dürfen.
Ich hatte diese wenig romantische Umwelt mit der vorsorglich zwei Meter breiten Theke und dem griffbereiten Gummiknüppel des Wirtes und wo man billig übernachten konnte (mit einem tiefgespannten Schiffstau als Kopfkissen oder vielmehr Nackenstütze, was beim Wecken einfach gelockert wurde) nicht in bester Erinnerung. Nicht daß ich belästigt wurde, als ich wegen einer vom Werftgelände verschwundenen Galione dort vorsprach. Von den unterschiedlichsten Anwesenden dort wurde mir mit ehrbarstem Grinsen ein solches Bündel von Fingerzeigen unterbreitet – und manche Gesichter hätten in jedes Pastorat gepaßt –, daß ich wohl einsehen mußte, durch den Kakao gezogen zu sein. Ich zahlte dann in gemessener Dankbarkeit eine große Runde kleiner Gläser, an der ich mich beteiligte, und achtete auf mein Portemonnaie, mußte aber, wieder an der frischen Luft, feststellen, daß es dennoch nicht mehr in meiner Hosentasche stak.
Ich zog dann vor, keinen Lärm zu schlagen, ging auch wegen der gemopsten Figur nicht auf die Davidswache und entdeckte dann immerhin anderntags unser schon abgebuchtes Bildwerk unbeschädigt auf der Werft, und die Arbeiter waren schon dabei, es vor den Bug der Brigantine Tondelaia zu hissen. Und es stellte eine Südsee-Insulanerin vor, die wir noch von meines Vaters Hand auf Lager gehabt. Und war eine der letzten Bestellungen dieser Art, die uns erreichten.
Wir hatten uns schon auf Belieferung von Jahrmärkten, sei es Karussell, sei es Orgeldekor, umgestellt. Ohne die väterliche Hilfe kam ich damals noch sowieso nicht gebührend mit der menschlichen Figur zurecht, zumal die gehörige Lieblichkeit der Nymphengesichter wollte mir nicht gelingen. So verlegte ich mich erstmals mehr aufs Tierreich, und die Kirmesbelieferung machte mir Spaß, und wir konnten manchmal drei Gesellen mitbeschäftigen.
Besonders die Löwen gerieten mir furchterregend, waren sie doch auch früher an Schiffssteven beliebt gewesen, und schon als ich eben zwölf war, hatte ich mein erstes Leuenhaupt nach Vorlage sauber gefertigt. Ich hab’ wohl an die vier Dutzend auf Meerfahrt geschickt. Sollten von diesen fletschenden Mähnenträgern noch heute welche im Antikenhandel auftauchen, so tut der erwerbende Liebhaber gut daran, mit schmeckender Zunge den Salzgehalt zu erkunden, damit die ozeanische Getränktheit nicht nur in der Phantasie des Sammlers... aber nein, er unterlasse die mißtrauische Probe und bleibe lieber unenttäuscht, falls es sich zufällig doch um den abgesägten Kopf eines Karussellöwen handeln sollte.
Was heißt denn echt,
was heißt denn schlecht?
Wenn man’s nur lieb hat,
ist es recht.
Besagtes Unternehmen blühte eine Weile ganz erträglich. Und das trotz der niederländischen Konkurrenz, wo ähnliche Zimmereien wie meine von der Seebelieferung aufs Trockene geraten waren. Namentlich die Drehorgeln der dortigen Hafenstädte übertrafen einander an Ausschmückung, und auch mich erreichten solche Aufträge, und wir lieferten manchen Satz bemalter Najaden und Odalisken kleineren Formats, an das ich mich eher getraute und wobei ich schließlich auch an Fertigkeit gewann, hatte zudem meine Lust, etwas Beweglichkeit in die Püppchen zu bringen, so daß solch starre Schöne einen nackten Arm zu schwingen wußte und der zierliche Klöppel in ihrer Hand im Takte, gekoppelt mit der metallischen Lochscheibe der Musik, zur Unterstreichung besonderer Stellen gegen einen Triangel, ein Tamburin oder ein Glöckchen schlug. Das geschah oft zittrig genug im Geschepper der Mechanik und sah wenig vollkommen aus, mich aber rührte es, als stiege da eine bängliche Lebendigkeit aus meinem Schnitzwerk. Von dort zur Marionette wäre nur ein Sprung gewesen. Doch bald scheute ich mich, den Puppen ihr feierliches Insichberuhen zu stören und ihnen eine Nachäffung der menschlichen Tragikomödie aufzuzwingen.
Und ich gab mir desto mehr Mühe, meine Sache reizvoll abzuliefern, blieb aber immer im Gesitteten bis auf jenen umfangreichen Aufbau für ein Bordell in Antwerpen. Ich konnte es nicht ablehnen, es wurde blendend bezahlt und machte mir naturgemäß auch Vergnügen, eine Art Bacchanal paradiesischer Gestalten, bevor der Sündenfall die Modesalons begründete, alle an die vierzig Zentimeter hoch. Es war jedoch wie zur Strafe die letzte große Summe, die mir das Handwerk einbrachte.
Die Karussels alten Stils hatten sich überlebt. Selbst Kinder zogen sachlich nüchterne Auto- oder Flugzeugattrappen aller noch so ansprechend gestalteten Naturromantik vor. Die großen Achterbahnen insbesondere bedurften keines Schmucks. Der größere Kitzel abenteuerlicher Kurven und Geschwindigkeit genügte. Man war seiner Augen überdrüssig geworden. Und seines Vergnügens an stillen Reizen. Man suchte das immer Aufregendere, das Tempo, den raschen Schwindel, den kreisenden Wirbel, das sausende Tanzrad. Selbst die sogenannten amerikanischen Schiffsschaukeln, die sich bis über den Halbkreis hinaus zu schleudern wußten, verloren an Kundschaft, da es kaum noch jemanden gab, der sich vor oder nach der Bekanntschaft mit orkanbedrängten Segelschiffsrahen seiner Seefestigkeit versichern wollte und es nötig hatte.
Hier nun, auf diesem sicheren Metallbau unseres Containerfrachters, scheint mir bei diesem Wetter die Erinnerung an die bunten dürftigen Blechkähne vormaliger Jahrmarktsherrlichkeit nicht zufällig, Mister Bit. Und die Geräusche vor den dicken Bordfenstern wecken in mir das Gebrüll, das ich in meine stummen Bestien mit hineinschnitzte.
Woher ich überhaupt die Beziehung dazu hatte? Ich sah in meiner Kindheit aus dem vierten Stock eines Mietshauses, wo wir vorübergehend wohnten – tief unten eine verlotterte Ansammlung von Gebüsch, und darin versteckten sich einige Käfige, die angeblich Hagenbeck gehörten und zur Unterbringung von allerlei Exoten dienten, die von seiner Tierhandlung in St. Pauli nicht alsbald abgesetzt werden konnten.
Dieses geheimnisvolle Gartenstück hatte es mir angetan und beschäftigte meine Träume. Gärten, in Großstädten eingeklemmt, gemahnen wohl mehr als alle menschlichen Schandtaten an das verlorene Paradies, das allerdings nie verloren war, sondern immer nur erfunden und selten gefunden wurde.
Ihr John Milton, Mister Bit, dem wir immerhin den ersten Anstoß zur Pressefreiheit verdanken, erblindete, ehe er’s zu schauen vermeinte. Ich nun gelangte niemals in jenes aus der Vogelperspektive betrachtete Eden meiner Kindheit. Hingegen drang mit dem Wind oft ein scharfer Geruch bis in unsere Zimmer.
Es sind Hyänen, sagte mein Vater und krauste die Nase.
Mich bedrängte es nicht, sondern malte mir Tropenwälder und Gedschungel auf die blaßgeblümten Tapeten der Schlafkammer, und was ich in einem Bilderbuch an Löwen und fremdem Getier gesehn, ging darin aus und ein.
Auf Safari? War ich nie, Mister Bit, aber der Zoo und ab 1907 Hagenbecks Park in Stellingen, das war mein Studiengefilde, hab’ aber nie gezeichnet, um nicht der vereinfachenden und gesteigerten Schnitzform, die sich aus Vorstellung und Handarbeit zusammenknüppelt, Hemmungen zu bieten.
So ist’s mit der inneren Figur, sie ist da, sie muß nur äußerlich Gestalt erringen. Das Wie war mir vordem niemals klar, es ergab sich mit dem Schaffen. Und gewiß will ich mich mit meinen Gebrauchserzeugnissen, dem Karussellbestiarium und den Drehorgelengeln und späterem Terrakotta und den grausigen Kriegserinnerungen nicht den rechten Künstlern an die Seite wagen. Das war nur vorübergehend mein Ehrgeiz. Aber der Vorgang zwischen Idee und Ausführung ist überall ähnlich.
Der nordischen Sehnsucht nach südlichen Breiten bin ich später ohne Hast gefolgt und bin immer gern wieder heimgekehrt in unsere gemäßigten Verhältnisse aller Sparten vom Klima bis zur Postbeförderung. Und die Gärten von Rio oder Portofino, von Weltevreden oder Auckland oder die botanische Anlage oberhalb Algier wird bei Ihnen, Mister Bit, von Kew Gardens ersetzt oder so und bei mir durch mein bescheidenes Rosarium oder selbst durch das Gedenken an die Geranienstöcke auf dem Fensterbrett, die mal unser ganzer Hausgarten waren. Sie ergaben in ihren Ablegern billige Geschenke, wenn meine Mutter, was selten vorkam, zu Kaffee und Kuchen bei einer alten Krankenpflegerin eingeladen war, die früher bei uns gewohnt, weil wir die Zimmermiete nötig gebrauchten.
Wer fragt, was Blumen denken,
die Menschen einander schenken?
Das Rot jener Geranienblüten finde ich wieder in den Knospen der Super Star, und in deren Himbeerduft meine ich den staubig erdigen der Vergangenheit mitzuriechen. Und fand es auch im Katastrophenschutt anno 43 (davon später, Mister Bit!). Meine Schwester lächelte über die wohlfeilen Angebinde, und sie fügte eine Schachtel Konfekt hinzu; sie konnte es sich wegen Dabelsteins leisten und sollte mit und erklärte mit gepreßtem Atem, bei Tante Maria gebe es immer nur eine einzige Schnecke aus Hefeteig mit Zuckerguß, und die läge da in sechs Teile zerschnitten, für jeden zwei armselige Happen, darum das Konfekt.
Meine Mutter schnürte ihr die Wespentaille, daher der gepreßte Atem. Und das Korsett war grüner Damast, so nannte sie es, und mit Fischbeinstäben. Und ihre weiße Leinenhose reichte bis unters Knie und hatte um jedes Bein eine Spitzenkrause, und darunter waren wollene schwarze Strümpfe.
Es müßten seidene sein, seufzte sie; sie hieß Ella und wollte lieber Elfriede heißen. Und ihre hohen Schnürstiefel hatten weiße Senkel, und ihr Sonntagskleid hatte schinkengroße Puffärmel, es war rot wie die Geranien, doch mit schwarzen Punkten und reichte bis auf den Boden.
Ich bewunderte alles stillschweigend, auch die langen schwarzen Handschuhe. Und Ella nahm ein aufgerolltes Meterband aus dem Nähkasten, und dann maß sie ihre dünnste Stelle über den Hüften und rief beglückt: Ich bin so schlank wie die Guilbert. Denn die Pariser Chansonette war damals ein Idol wie später mal Marlene Dietrich oder die Bardot oder so.
Wer ist denn das? fragte ich. Nichts für dich, Bojer, kicherte sie: Sie kann sechzigtausend unanständige französische Lieder und kriegt dafür pro Abend tausend Frank.
Viertes Kapitel
Wie kommen Sie grad darauf, Mister Bit? Keine Galione? Nein, dieses Boot hat keine Galione, keinen magischen Voranreiter, keine malerische Bugzier. Die Galionsfiguren verschwanden, als Holz zu Eisen wurde. Sie wurden allemal geschnitzt. Sie zu gießen war man kaum gewillt. So starben die bunten Götter der See.
Ich aber, Mister Bit, ich wuchs noch mit ihnen auf, mit den Najaden und Neptunen, den Abbildern von Admiralen, Heroen und Olympiern. Mein Vater war Schiffszimmermann. Die Schiffszimmerer aller guten Künste waren bis fast in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts fähig und gewohnt, unterschiedlichste Werkstücke, Kielschwein, Spanten, Stringer und Stevenholz nach »Mul un Snut«, also rein nach Augenmaß, zuzuhauen, oft ohne Rißzeichnung, und so ein ganzes hölzernes Schiff. Meister und Gesellen solchen Ranges erwiesen sich durchweg auch geschickt, gewünschte Dekorationen zu fertigen, die Ornamentik an Rauten, Medaillons, Heckvoluten und Ruderknäufen.
So nebenbei nutzte die Werft auch das Talent meines Vaters, Poppen to snieden, Puppen zu schnitzen und sich auf große Maße zu versuchen und also nach Bestellung oder Schiffsnamen den Schutzgeist zu fertigen, der sich in hölzerner Gestalt verbirgt. Das wurde als Tara mit in Kauf genommen, das wurde nach Feierabend nebenbei erledigt und mit etwas Brot und Wurst belohnt und mit ’ner Buddel Braunbier. Es war meines Vaters Lust und Spaß, bis er sich selbständig machte. Und da wuchs ich hinein und half ihm nach Kräften und stieg auf vom Spänesammeln bis zur Handhabung von Knüppel, Gutsche, Flacheisen, Beißer, Kröpfel und Geißfuß.
Tat mich aber auch hervor mit Pinsel und Anstrich. Da bedurfte es keiner anderen Unterweisung, Lehrzeit oder Akademie, da war vorhanden, was bei den Toppendralls seit Jahrhunderten im Erbgut lag, den Heiligen aller Grade bis hinab zu Kapitäns Hausfrau oder Liebchen Gestalt und Antlitz zu geben und ein bißchen Geringel und Gekrulle dazu, den Übergang zu finden und den nahtlosen Ansatz auf der mehr oder weniger geschweiften Wölbung und Schneide des Schiffsbugs unterm Klüverbaum, diesem Spieß in die Unsäglichkeit der Horizonte. Darunter denn geborgen und segnend die gestaltgewordene Seele des Schiffes die Augen in die Ferne richtete, dahin man sollte, sein Glück zu machen.
Meine Gedanken schwalkten oft mit, und ich starrte ihnen nach, die schon vom Achtersteven und Aufbau der Briggs und Barks verdeckt waren, wenn sie ausreisten gen See. Dann traf mich die dröhnige Vaterstimme: Holl die fuchtig! Denn die Arbeit mußte Tempo haben, da gab’s nichts zu träumen.
Und keine Hoffärtigkeit wollte bei uns höher hinaus, als schlecht und recht ein gutes Handwerk auszuüben. Uns kam nicht in den Sinn, nach dem Ruhm derer zu schielen, die als Steinmetz oder Gießer sich emporgerangelt zum sogenannten freien Künstlertum und sich Bildhauer nannten und Kriegerdenkmäler machten, auch Karyatiden an üppigen Bürgermietshäusern und plastischen Giebelschmuck an Kirchen, Rathäusern und wo immer sich ein prangendes Bedürfnis regte und Mittel dazu aufbrachte. Manches in Marmor, Granit oder Bronze gelangt wohl in Parks und Grünanlagen und steht herum, vom Publikum flüchtig begafft, unwichtig wie die Nippes auf der Kommode, oder schiebt sich in die Museen und Galerien, gestiftet für teures Geld oder angekauft aus staatlichem Zufluß.
Wer aber konnte ahnen, daß eines Tages unsere hölzernen knallbemalten Galionsfiguren ebenfalls museumsreif würden, wenn auch nur, weil sie selten geworden waren? Oder war von Anfang an mehr dahinter?
Sie verziehen den rechten Mundwinkel nach oben, Mister Bit, Ihr Schägbrösel aus Rosenholz beschreibt eine Kurve, die das Zeichen Unendlichkeit bedeuten könnte. Und Sie verstehen so viel Deutsch, um hervorzukauen: Das Meer war dahinter.
Sie sah der Meere Wunder,
sah aller Küsten Plunder.
Nordkap bis Feuerland
ist alles ihr bekannt.
Und da reihen sie sich nun an den Wänden der Museen unter Dach und starren mit aufgerissenem Blick ins Namenlose, abgesalzen, gischtgeschunden und aufgefrischt, eng beieinander, enger als je im engsten Hafenrevier, Göttinnen und Insulaner, Putten, Helden und Getier. Aufgereckt, vorgebogen, verlangend, aus dieser Windstille heraus und wieder in Fahrt zu kommen, erschrocken erstarrt, verharrend, lauernd, unverstandene Unheimlichkeit.
Wie kamen die an Land? Von gescheiterten Betreuungen angetrieben? Abgewrackt? Nicht abgenommen und desto schlimmer ohne Erfahrung hier gestrandet? Nächtens von den weitgereisten Nachbarn verlacht?
Nur auf Zehenspitzen wage ich an ihren erzwungenen Versammlungen vorbeizugehen.
Anno 1663 – obgleich Zahlen hier weniger bedeuten als die in unseren Kontokorrenten – gab es unter den Hamburger Schiffszimmerern einen der Toppendralls, der Bojer Abdena als seinen Vorfahren erachtete. Abdena? Der war Besitzer einer Schnitzerwerkstatt noch hundert Jahre zuvor. Der Fischeraltar zu St. Jakobi ist ihm vielleicht zuzuschreiben. Aber der Meister blieb ohne Signum, blieb namenlos, verwehte, verging. Daß er außer seiner Tochter Gisela, genannt Gischt, ein paar Kinder abseits hinterlassen, wer will dem heute nachforschen? Mein Urahn Alf Toppendrall mochte sich beglaubigt finden, und mir soll’s recht sein, obschon er es zu keinen Altären brachte.
Er lebte, als noch purer Wald sich zu Seefahrtsgehäusen verwandelte. Und er leistete viel in der Ausschmückung jener schwimmenden Paläste des Barock, dieser dickbauchigen Ungetüme, deren Flanken, mit Kanonen gespickt, sich nach oben zu birnenförmig verjüngten, deren Hinterteil, wie ein Wappenschild geformt, mit Fensterreihen und Galerien prahlte und reich besetzt war mit statuarem Schnitzwerk und Emblem, Gesimse, Rauten, Rosetten, Girlanden und knaufigem Geländer. Von dem Verfertiger wurde wenig Aufhebens gemacht, an unserer Küste schon gar nicht. Diese Kunst setzte sich mit unbenannten Meistern fort, großartig im Schweigen und nicht wie in Frankreich, wo mit Königsgunst geschmeichelt sich die Namen von Schiffsschnitzern gelegentlich hervorhoben und sich fast in die Gilde der Dombaumeister gehimmelt fanden.
Eine der Ausnahmen bei uns ist der Schnitzer Christian Precht. Er stattete die beiden Orlogschiffe »Wappen von Hamburg« von 1668 und 1686 zu großer Zufriedenheit des Rates aus und auch das dritte 1688, das aber den Namen des Kaisers erhielt, »Leopold Primus«. Denn man hatte trotz des gewaltigen Festungswalls, der im Dreißigjährigen Krieg sich wohlbewährt, nunmehr die Hilfe des Reiches gegen dänische Gelüste und Tätlichkeiten nicht entbehren mögen. Auch sonst war der genußfrohe und kunstliebende Potentat zu Wien den Hanseaten recht genehm, obschon er wegen der protestantischen Bilderstürmer sich mächtig katholisch gab und die Reformation in Ungarn vernichtete, aber auch den hereinschwärmenden Türken Stopp gebot und sie weit zurückwarf und die sarazenische Piraterie ins Magere traf und somit dem hansischen Levantehandel sich nützlich erzeigte. Sein barock-bombastisches Abbild zierte das Heck der kräftig bestückten Fregatte und wird heute im Museum für Hamburgische Geschichte aufbewahrt.
Im allgemeinen aber überlieferte sich nur der Name des Schiffes, und es war zumeist der Name, der sich aus der Galionsfigur ablesen lassen konnte, solange nicht ein neuer Eigner eine Umtaufe verfügte. Da konnte geschehen, daß ein Schiff, dem eine vollbusige Ariadne den Weg über die Ozeane vorausdeutete, später der Reihe nach Orion, Herkules, Elefant und Esperanza hieß.
Dennoch sind mir einige Kollegen dieses verwehten Kunsthandwerks zu Ohren gekommen: Johann Christoffer von der Heyde in Hamburg, Hein Köster in Neuenfelde, Robert Rüsch in Cuxhaven, auch Willem Wittland in Bremerhaven, der unter andern die Galionen für die beiden großen Flying-P-Liner des Hamburger Reeders Laeisz, die Fünfmaster »Potosi« und »Preußen« geliefert hat. Das war schon nach 1900, und nichts ist davon nachgeblieben.
Und was ist das, was der Däne Magnus Petersen geleistet und Schnitzer Chapman in Stockholm oder der Holländer Gibbons für die britische Flotte (und nicht nur für die Königsschlösser und die St.-Pauls-Kathedrale) und Vater Thorwaldsen, dessen berühmter Sohn Bertel in der Galionswerkstatt begann, und die beiden Anderson, Jakob und James zu New York und Boston? Diese allein sollen an die zweihundert prächtige Wind- und Wogenpirscher aus harzigem Mainer Föhrenholz herausgeholt haben, und wie wenig ist davon geblieben und ziert heute etwa einen verfallenen Seemannsfriedhof, einen Wirtshausgarten, einen Liebhaberpark oder hat pflegliche Aufnahme gefunden in einem Museumssaal, dem Seemansaltenheim der Galionen.
Der Australier Alan Villiers, dieser vielleicht letzte große See-Abenteurer aus Leidenschaft, erstand 1934 in Kopenhagen das Dreimastvollschiff George Stage, das seit 1882 als Schulschiff gedient. Er taufte es um in Joseph Conrad, und der amerikanische Illustrator Bruce Rogers, als Freund und Gast mit an Bord, beschaffte sich von der Witwe des verehrten Paten einige Kaltnadelporträts, die noch zu Lebzeiten entstanden waren. In einem New Yorker Hotelzimmer schnitzte er danach den Kopf des unsterblichen Erzählers und überreichte ihn Kapitän Villiers, als der mit dem Schiff bei der Freiheitsstatue eintraf, befestigte das gelungene Werk auch eigenhändig trotz ekligen Dezemberwetters, auf einer Schwebeplanke balancierend, unter dem Bugspriet. So denn segelte Conrads Bildnis und Geist noch einmal um die Welt, barhäuptig vorauf, dem unruhigen Element näher denn je, bis diese vielleicht als Sonderfall erhabenste aller Galionen ihre Ruhe fand im Seaman’s Church Institute zu New York. Ob sie sogar seine Bücher überdauern wird?
Der Segler diente später wieder als Schulschiff vor Florida und im Seehafen Mystik, Connecticut. Und dort findet sich auch die Galione eines deutschen Schulschiffes der Neuzeit, der Bark Horst Wessel, ein riesiger Adler in Mahagoni und Kiefer, entstanden auf der Werft von Blohm & Voss in Hamburg 1937, restauriert und vergoldet 1960 als ein Wahrzeichen der nordamerikanischen Küstenwache auf einen hohen Sockel gesetzt, und man hat ihm sogar das Hakenkreuz in seinen Klauen belassen.
Symbol und Banner welken hin.
Trotz aller Müh des Ruhms
bleibt nur der wandelbare Sinn
jeglichen Heiligtums.
Ganz meine Meinung, Mister Bit. Ihr Thornton Wilder hat sich in seinen Dreiminutenspielen, die so schaurig übersetzt sind, auch mal mit einer Galione beschäftigt. Drei auf einem treibenden Seglerwrack halb Verdurstende, darunter die Frau des Kapitäns, die ihren Mann hat verrecken lassen, lösen die Engelsfigur vom Bug und stellen sie so auf, daß sie angebetet werden kann. Sie wird zum neuen Gott des Atlantiks ernannt und Lilli getauft. Tatsächlich naht die Rettung. Aber man schämt sich und bringt die Galione an ihren gehörigen Platz zurück.
Als ein Schweizer Kaufmann seinem jugendlichen Sohne die West- und Ostindia-Hafenbecken Londons zeigte, wurde es ihm etwas peinlich, es war anno 1830, weil das Schiff »Die schöne Katharina« und andere an der Spitze (wie er es nannte) eine große weibliche Figur von Holz trugen mit natürlichen Farben angestrichen, »mit frechem Gesicht und ganz entblößtem vollen Busen, was ich (sagte er), da die Nacktheit des Körpers bei uns nicht üblich ist und für höchst unanständig gehalten wird, mit dem Zart- und Sittlichkeitsgefühl des Engländers eben nicht wohl vereinigen konnte und daher vermute, diese schamlosen Figuren von frechen nackten Weibsbildern seien vielleicht berechnet, den Matrosen, die auf ihren Seereisen oft lange kein weißes weibliches Wesen zu Gesicht bekommen, Stoff zur Unterhaltung und zu ihren Matrosenscherzen zu geben«.
Dieser Herr Dalwig aus St. Gallen wußte nicht, wie verpönt jede unlautere Bemerkung über die Schutzgöttin an Bord war. Und daß die den Meerdämonen preisgegebene Entblößtheit schon seit der Antike zur Beschwichtigung der Stürme diente. Weshalb sich Tine Bockelhanft aus Twielenfleth, als sie in jungen Jahren manche Reise mit ihrem angeheirateten Kapitän gemacht, wenn’s nottat, an den Bug schlich, natürlich nur im Dustern, so erzählte sie, und dann schnell den Mantel mal öffnete und dem Taifun gezeigt, wie hübsch sie gebaut – damals noch – war. Und dann war der Taifun so dankbar oder erschrocken, daß er das fürchterliche Gepuste bald unterließ. Sie hatten nämlich als Galione nur einen dicken muschelblasenden Triton vorn an ihrem Rahsegelschoner. Der nützte in solchem Fall nichts.
Ich denke, Mister Bit, wir sind den Luftströmungen aller Breiten verwandt genug, um das zu verstehen. Zum Wohl denn!
Als ich so um zehn herum war, verkehrten noch eine Menge Rahsegler im Hamburger Hafen, und wir hatten in meines Vaters Werkstatt, die er sich eingerichtet, noch immer Aufträge für Galionsfiguren. Langweilt es Sie? Nein? Es ist eins Ihrer Lieblingsthemen? Dann lassen Sie mich weiter erzählen, begleitet von der Orgelmusik, die Wind und See uns kostenlos spendieren.
Einmal hatten wir eine kräftig gebaute Nixe für die Brigg »Meermaid« gefertigt, auf der Willy Molten als Vollmatrose fuhr. Und als sein Schiff nach Jahresfrist wieder mal Hamburg anlief, besuchte er uns. Und da hörte ich wieder einmal all die fernen Ziele nennen, die er schon kannte, abseitige Orte, die damals noch kein Dampfer des Anlaufens für wert hielt, Namen, klangvoll, fremd, von Seewind und Düften durchfiebert: Baranquilla, Paysandu, Swan River, Samarang, Surabaya, Torterallillo, Yalapa ...
Willy Molten zählte das alles auf wie die Gerichte einer Speisekarte, die man einer Freundin zur Auswahl vorliest ohne Rücksicht auf die Preise. Plötzlich sagte er: Jetzt aber los! Er zog seinen Hosenriemen strammer, schulterte den Seesack, den er im Flur abgesetzt, gab meinem Vater die Hand, lächelte meiner Mutter zu, als sei sie jung wie er, und dann begleitete ich ihn zum Baumwall, wo die Jollenführer ihrer Kunden warteten.
Und Muggi Wimp ging auch mit, weil er grad von mir eine Rechenaufgabe abschreiben wollte.
Wollen die auch mit auf See und so lütt all? griente der Schiffer. Ich sprang ins Boot.
Ja, ich! versetzte ich. Die Kehle war mir eng wie die Welt weit war.
Nur bis ans Fallreep! knurrte Willy.
Der Jollenführer pullte uns, Motor gab’s damals noch nicht, zum Jonashafen. Da lag die Brigg »Meermaid«. Ihr scharfer Steven ragte hinter den Pfahlbündeln hervor, daran sie noch vertäut lag. Ich konnte die hellen Buchstaben auf dem schwarzen Rumpf schon von weitem lesen. Und unter dem schrägen Bugspriet da sah ich sie wieder, die schöne Meerfee, und es war, als wolle sie grad ins Wasser jumpen.
Will die baden? fragte Muggi.
Dösbattel! entgegnete Willy: Das ist doch uns Galjon!
Und ich fügte stolz hinzu: Und mein Vater hat die geschnitzt, und ich hab’ sie angemalt.
Muggi war ahnungslos und von Haus aus völlig unbekannt mit solchem Bildwerk, für das wir Lindenholz genommen hatten, was sich weich und glatt verarbeiten läßt und auch die Farben schön hält, himmelblau mit goldener Krone und um die Mitte einen Kranz grüner Blätter, wo aber keine richtigen Beine anfingen, sondern lange Fischschwänze, und die waren fest an die Stevenwand hingeringelt; damit hielt sich die hübsche Dame. Sie blickte aber gar nicht ins Wasser und dachte an keinen Kopfsprung, obschon die Flut noch auflief und der übliche Hafendreck sich in Grenzen hielt. Sie blickte starr vorweg gen West, wo hinter Blankenese irgendwo die See liegt und die Unsäglichkeit und all das, wovon Willy so geheimnisvoll zu berichten wußte, obschon er tat, als sei das bloß für fünf Pfennig in der Tüte.
Und ihrer Augen Sterne
sind blauer als die Ferne,
und ihre Brüstelein
berauschen wie Branntwein.
Jene schöne Nixe war noch nicht die letzte gewesen, die mein Vater in Auftrag gemacht hatte, und dennoch bald eine der letzten der unzählbaren Heerschar, die in Jahrhunderten den Seglern aller Sorte voraufgeeilt, Sinnbild und Talismann, kristallisiertes »Gode Reis!« und »Kiek mol wedder in!«, zugleich auch Dämonenschreck und Windbeschmeichler, Wetterbeschwörer, Heros und Heilige, Herold und unberührtes Matrosenliebchen und was alles sonst.
Alter Zauber, ich weiß, Mister Bit. Ich sah wie Sie noch die Nachklänge in Londons Südhäfen, wie sie in der leisen Wasserregung vor den Trossen zu atmen schienen, und sah sie noch im alten Hafen zu Kopenhagen von Finnland hereingleiten. Sie haben recht, es war nicht Ihre, es war die weit nüchternere amerikanische Marineleitung, die bald nach der Jahrhundertwende anno 1906 in ihrem Befehlsbereich derlei »Schmuck ohne praktischen Wert« verbot.
Indes, als der geniale Zeichner Rockwell Kent 1914 auf Neufundland wohnte, fischte er eine Galione aus dem Abfallhaufen einer Schiffshandlung. Er wusch ihr den Schmutz herunter, schabte sie sauber und glättete sie mit Sandpapier. Den letzten Hauch ihrer Farbreste beachtend, malte er ihre Haut weiß, ihre Wangen rosa, ihr Haar glänzend schwarz, ihre Ohrringe und ihr Halsband golden. Und gab ihr einen Platz zu Schmuck und Wachsamkeit seines Häuschens am Türpfosten. Als er die Insel verließ, wollte er sie mitnehmen. Der Schiffshändler aber, der kaum wußte, wie und wann sie in seinen Schrott gelangte, verlangte nun, da sie so schön geworden, eine Bezahlung, und die war dem Künstler unerschwinglich.
Zehn Jahre später sah er sie wieder, in New York in einem teuren Antiquitätenladen. Sie war unverändert. Inmitten der hochfeinen Möbel, Uhren und anderer Überreste vermotteter Vornehmheiten blickte sie verloren durchs Ladenfenster, als sei draußen die Stadt und die Welt nichts als ein Stück der weiten See, für die sie geboren war. Er fragte den Verkäufer beinah flüsternd nach ihrer Herkunft.
Von Boston, antwortete der ebenso verhalten.
Und der Preis? flüsterte Kent.
Es war ein Vielfaches dessen, was der Schiffshändler gefordert, unerschwinglicher denn je für ihn, der sie gefunden, aufgefrischt und eine Weile besessen hatte.
Wenn wir nach den alten Tagen fragen,
wollen wir Verlornes nicht beklagen.
Bleibt es doch, wie’s war, in uns bestehn,
braucht nicht morsch und abgewrackt vergehn.
Je seltener, desto wertvoller, so heutzutage die Galionsfiguren, die da in ihren musealen Versorgungsstätten gelandet sind zu Greenwich, Karlskrona, Amsterdam, Helsingör, Paris, Annapolis, Berlin, zu Lübeck, Stralsund, Flensburg, Husum, Eiderstedt, Insel Föhr, Insel Juist, Vegesack, Bremerhaven, Cuxhaven, Stockholm, Toulon, Boston, Salem, Newport, New Haven, Mystik Seaport und vor allem bei uns zu Hamburg-Altona. Sie sind manchmal höher versichert als vormals das gesamte Schiff.
Wer aber will auch heute leugnen, daß, was wir schon immer gewußt, es sich um unwägbare Köstlichkeiten handelt? Diese durchgesalzenen Allegorien, alle diese Götter und Göttinnen, Könige, Königinnen, Helden, Najaden, Poeten, Staatsmänner, Kapitänsgattinnen, Marien, Erzväter, Muschelhornbläser, Blumenmädchen, Exoten, Einhörner, Drachen, Greifen, Löwen und Delphine? Die gesamte Kreatur, Mythologie und Gesellschaftsliste ward beliehen, Sage, Legende, Geschichte und lokalste Gewärtigkeit. Sogar ein Pierrot war dabei. Aber den Teufel malten sich selbst die Freibeuter nicht an die Schiffswand. Auch sie trauten mehr den rechtschaffenen Genien. Sogar die gekrönte Aufgeschwemmtheit der Potentatenbüste am Bug vor Nelsons »Victory« war ehrfurchtheischend gemeint samt den Huldinnen, Kolonialsklaven und Amoretten drum herum. Wie dieses Spektakulum Trafalgar hat überstehen können, ist schleierhaft. Die Tatsache scheint hundertundneun Jahre danach einen Draufgänger wie den alten Lanzenreiter und Reporter Churchill allzusehr überzeugt zu haben, auch er werde, mit Zeige- und Mittelfinger im Zeichen V gleich »Victory«, den Sieg beschwören und, mehr als das, dem Empire die Weltgeltung erhalten und mehren.
Wann wird das Schicksal geruhn,
uns wieder so günstig zu sein
wie damals: Ein Meter Kattun
gegen ein Meter Elfenbein?
Noch auf der gloriosen Empire Exhibition zu Wembley konnte man glauben, er habe recht behalten. Und wenn auch weitere drei Jahrzehnte nach 1914 das V der V-Waffen sein V nicht auslöschen konnte, so bedeutete es hier wie dort keineswegs Sieg, sondern nur noch Verderben, Vernichtung und Verlust.
Wohl wurde dem Riesendampfer »Imperator« noch eben vorm Ersten Weltkrieg ein mächtiger Adler vor den Bug gesetzt, aus Bronze, versteht sich. Die See zerschlug ihm auf der Jungfernfahrt einen Flügel. Der Kaiser grollte. Mußte ein Hamburger Schiff des Reiches Sinnbild so schnöde verletzen? Sein als freundschaftlich bezeichnetes Verhältnis zum Reeder Albert Ballin soll seitdem getrübt gewesen sein. Man hielt in der Hapag für geraten, das ahnungsvolle Galionsgeschöpf zu entfernen.
Anno 39 sah ich in Kiel das Artillerieschiff Aviso »Grille« mit einer Expression des Namens in Gold als Galione. Und immerhin haben die Segelschulschiffe als letzte Windjammer noch durchweg ihre Amulettfigur vorgeschnallt. Aber metallische Galionen? Wahrscheinlich sind sie stofflich zu gewichtig und mystisch zu unergiebig. Magnetismus ist eine allzu einsehbare Magie. Sowieso müßte bei modernen Überseern die Galione ein gigantisches Gebilde sein, um zu wirken. Holz würde nicht reichen.
Aber Holz muß es sein, Holz ist in sich nicht tot wie Metall, es lebt, bis zum letzten Wurm, es lebt wie das hölzerne Schiff lebte. Und die Baumgeister darin, ich weiß nicht, Mister Bit, wieweit Sie abergläubisch sind und ob Sie mitunter an Holz klopfen – es braucht nicht die Stirn und Hirnholz zu sein – und ob Sie wissen, damit die Dryaden und Elfen zu Hilfe zu rufen, die auch im gehauenen Holz unsterblich sind.
Mit Eisen geht das nicht. Birgt nicht alles, was mit Holz zu tun hat, einen Hang zur Zärtlichkeit? Und sei es unter rauher Rinde. Noch die ungeschlachteste Galione in Holz besitzt die anmutige Sicherheit, die jeder Baum aufweist und die auch dem Zimmermann eignet, der in schwindelnder Höhe sich über ein Balkengerüst bewegt, wie eben auch dem Seemann, der noch ganz anders in den stürmischen Wipfeln der Masten zu balancieren hat.
Gegossene Galionen? Hephästos war nie ein Gott der See, es sei denn, er wurde es bei Gründung der Stettiner Werft. Gewiß, seine vulkanische Gattin war Aphrodite, die Schaumgeborene. So entstand aus Feuer und Wasser das Zeitalter der Dampfschiffe. Und so vermochte man der Natur unnatürlich entgegenzutreten. Man überwand Wind und Wetter mit geringerer Anstrengung. Man bedurfte der übersinnlichen Hilfe nicht mehr so sehr.
Die karg sich äußernde Gefühlsbindung des Seemannes – so tatsächlich drückte sich ein Hamburger Senator aus – besaß in der Galione sozusagen einen Knotenpunkt, eine geradezu kultische Verstrickung, so wenig je darüber gesprochen wurde. In jener hölzernen Armadaschar ballte sich alles, was im Seemannsgarn spinnt und in den Shanties sich tarnt und was noch in kitschigsten Ahoi-Schlagern knistert: Der Abglanz der ewig fliehenden Kimm, die Gottverlassenheit in gnadenloser Beengung, die Unausweichlichkeit inmitten elementarer Gewalten und das scheue Vertrauen in die Barmherzigkeit unerforschlicher Mächte und selbstverständlich auch Abenteuerlust, das übliche Ungenügen, pralle Sehnsucht, brennende Erotik, gedämpft durch Mühsal und Entbehrung, Fernweh, Wagemut, Verbissenheit, Brutalität, Angst, Überdruß, Trotz, Heimweh und würgende Ergebung ins Schicksal.
Man blickt aufmerksam in die seegebeizten Puppengesichter! Das ozeanische Konzert ist in sie eingespielt, die Harfe der Riggen, die Orgel der Böen, die Donner der Brecher, die ganze unerbittliche Partitur der Weltmeere mitsamt dem heiseren Schrei der Möwen, dem Abschlag der Glasen, dem Gebelfer der Nebelsignale, dem Geknatter der Segel, dem Ächzen der Blöcke, dem Singsang vom Atoll, den Gangspillshanties, dem prickelnden Wimmern des Matrosenklaviers, dem Knall der Notraketen, dem Gebrüll der Schlachten und der Sphärenmusik der Sterne.
Uns Galjon! hatte Willy gesagt. Nicht nur des Kapitäns ungeküßte Braut zur Linken oder sein Blutsbruder, sondern Liebchen, Genius und für jeden an Bord bis zum Moses, der französisch viel netter mousse heißt, das Schaumflöckchen, das bißchen Nichts, und daher kommt die deutsche Bezeichnung. Eine Galione, die das robuste Teerjackengemüt ansprach, vermochte das Betriebsklima auf und unter Deck, die notgedrungene Kameradschaft selbst bei dürftiger Unterkunft und kläglicher Verpflegung freundlich zu beeinflussen, wachte sie doch unweit des im Vorschiff gelegenen Mannschaftslogis. Es ging eine geheime Verpflichtung von ihr aus, zumal wenn sie sich als Glücksbringer erwies zu raschen Reisen bei zügigem Wetter und wenn sich auch Achterdeck und Kombüse, Schiffsleitung und Koch ihrer gerechten Strahlung einordneten.
Hoch von den Planken dringen
Matrosenfluch und Singen.
Ihr folgt bei Tag und Nacht
der Bau voll Mensch und Fracht.
Wo es am gröbsten hergeht, ist das Sentimentale nicht fern. Besonders schöne Galionen besaßen darum die Walfänger. Dieser barbarischste aller Berufszweige zur See, abgesehen von dem der Sklavenjäger, bedurfte eines sanften Ausgleichs. Oft zierten den Bug Bildnisse der Kommandeursfrauen. Denen ein Miterlebnis der Eismeerstrapazen und das grausige Gemetzel der Wal- und Robbenjagd zuzumuten, war eine hilflose Roheit. Aber man bedurfte ihrer wie der Pflegerinnen im Lazarett.
Der Einwand, männliche Galionen seien nur den Uberquerern des Äquators gestattet gewesen und sei deren Ausweis, ist nicht stichhaltig. Der Dampfsegler »Saxonia« der Hapag 1875 wie auch die Laeisz-Segler noch nach 1900 besaßen weibliche Galionen. Sie sind mit ihren Schiffen dahin. Aber der Schutzengel des holländischen Grönlandfahrers »De Flora« von 1753 blieb erhalten, eine nördliche Blumenfee von handfestem Liebreiz, die ein paar Centifolien ans Herz drückt. Es könnte ein Hochzeitskonterfei sein von Marrien Hayen, der zweiten Frau des Föhrer Kommandeurs Nahmen Arfsten. Sie schenkte ihm zehn Kinder. Er verstand sich selber aufs Schnitzen und hat dem flandrischen Meister seiner Galione wohl zur Seite gestanden. Nicht alle Talente sind auf Ruhm erpicht.
Im Städtchen Buxtehude gegenüber Blankenese fand sich als Kapitänsvermächtnis eine »Leda«, geschnitzt als ein Bauernmädchen, das, den Rock raffend, entschlossen dem Andrang der Wogen und des Schwanes entgegensieht.
Die Nymphe des berühmten britischen Teeklippers »Cutty Sark«, also die des zu kurzen Hemdes, anno 1869 auf schottischer Werft geboren, die Urahne des Minirocks, stammte aus einem Hexengedicht des im Rausche jung gestorbenen Dichters Eures weiteren Heimatlandes, Robert Burns.
Eine ähnliche Ehrung aus deutscher Literatur, Mister Bit, ist mir nicht geläufig.
Aus dem Reigen der Meerfrauen hat sich meine Vaterstadt die schöne »Kybele« übereignet, die der Besteller nicht abgeholt. Wahrscheinlich hat niemals ein Spritzer Gischt sie bereift, und vielleicht stammt sie aus der Hand meines Urgroßvaters eben nach anno 1800. Ihre Patin ist die kleinasiatische Frühlingsmutter, eine Waldnymphe, dem Holze hold. Als Galione war sie bei puritanischen Reedern beliebt, hatte sie doch dem Jüngling Attis Keuschheit auferlegt. Er brach das Versprechen. Ihre Vorwürfe trieben ihn zur Selbstentmannung. Welche Warnung für den Seefahrer und – betreffs der Vorwürfe – für die Seemannsfrauen und Bräute!
Besagte Göttin reitet gewöhnlich auf einem Löwen. Diese Hamburgerin trägt ihn als Schoßpudel im Arm. Und ihr phallisches Zepter des Altertums mildert sich ebenfalls und wird zum stützenden Speer. Dem Ausdruck und dem Kostüm nach könnte es eine Erinnerung sein, Mister Bit, an Eure Lady Hamilton, die anno 1800 zu Hamburg im Hotel König von England, wo sie mit Lord Nelson und ihrem Gatten William abgestiegen war, ihre klassischen Attitüden vorführte. Den so schmächtigen als großen Seehelden wie auch den alternden Sir William überragte sie an Höhe und Fülle und hatte aus beiden rechte Korybanten gemacht, wie unser Domherr Meyer andächtig augenzwinkernd notierte.
Den Helden und den Heroinen
wird Lob gezollt, solang sie nicht
sich abseits der Moral bedienen,
obschon es menschlich für sie spricht.
Da wir beim Klassischen waren, will ich doch gleich noch die männliche Galione erwähnen, die auf der Ulrichswerft zu Vegesack der eisernen Bark »Schiller« 1879 vorgeheftet wurde. Der gute Segler gehörte dem Bremer Reeder Wätjen und fuhr sozusagen unter dem geheimen Motto aus dem Gedicht »Der Spaziergang«: Unübersehbar ergißt sich vor meinen Augen die Ferne ... Dabei ist das Meer nicht gemeint, aber in der Originalschreibung »ergißt« statt »ergießt« fließt ungewollt merkwürdig das seemännische »gissen« hinein, die Vokabel für Entfernungsschätzung auf See.
Und schließlich brandet es doch etwas, wenn auch nur im Gemüt des Dichters, der weder Tells Alpen noch den Schauplatz der Taucherballade persönlich gekannt hat und dennoch, eben dennoch mehr davon wußte und aussagen konnte als die meisten der Lokalkenner: Ins Unendliche reißt es ihn hin, die Küste entschwindet ...
Die wackere Bark machte viele flotte Reisen, aber auf Kurs von Tönning gen Melbourne in Charter von Sloman & Co, Hamburg, geriet sie anno 1906 bei schwerem Novembersturm vor Kap Dungeneß auf die Klippen, konnte aber zehn Tage darauf nach London abgeschleppt werden, kam dann an den Norddeutschen Lloyd und wurde 1912 bei Ritscher in Hamburg-Moorburg zum Kohlenleichter umgebaut, der in Bremerhaven bis in die dreißiger Jahre Dienste tat. Die Galione war auf der Umbauwerft verblieben. Der Sportsegler Tietgen kaufte sie 1915 und ließ sie 1919 im Hamburger Jachthafen aufstellen.
Von dort geriet sie in Erbschaft nach Oevelgönne. Das war 1941. Die Farben zur Auffrischung waren knapp, deshalb wurde sie erst mal völlig in Kalkweiß gehüllt und bei sonstigem Platzmangel in dem soweit geräumigen »stillen Örtchen« untergebracht. Als ich dort gelegentlich ahnungslos die Tür öffnete – es war zudem schon dämmerig –, durchfuhr mich ein gelinder Schreck; ich glaubte wahrhaftig an ein Gespenst. Großer Schiller! Dir blieb nichts erspart.
Und die Mithüterin und Lotsentochter, die kühne Seglerin Hanna Meyer, war ungehemmt genug, aus dem »Venuswagen« des Meisters zu zitieren: Wo noch kein Europasegler brauste/kein Kolumb noch steuerte, kein/Kortez siegte, kein Pizarro hauste ...
Gemeint hatte der Poet natürlich das verlorene Paradies, die Insel eines unzerstörbaren Friedens. Und ich meine, es ist diese nie erreichte Küste, nach der alle die tausend Galionen, die je den Salzschaum geschmeckt, auch die, denen ich mit zum Leben verholfen, auf Ausguck standen. Gönnen wir ihnen ein sanftes Verständnis, wo immer wir ihnen noch begegnen in ihren Altersheimen und Snug Harbors. Wir waren betrübt, als der schmucke Rahsegler »Seute Deern« mit seiner Galione von der Hamburger Hafenkante auf anscheinend Nimmerwiedersehen verschwand. Er hatte eine Weile sich als phantastische Jugendherberge bewährt. Aber eines Tages lief er über Holland still in Bremerhaven ein und wird dort bleiben, gehegt und bewundert als ein antiquares Museumsstück.
Fünftes Kapitel
Eine andere Lehr- und Gesellenzeit als bei meinem Vater hab’ ich nicht genossen. Er hielt für ausreichend, was ich zu leisten wußte, und ich war auch zu scheu und spröde, um mir von anderen als ihm Weisungen geben zu lassen oder im Kreise von Mitschülern einer von vielen oder gar der Letzte zu sein. Dennoch hatte ich seit der leider nur einmaligen Erscheinung des Kunsthallendirektors dessen wohlwollende weltmännische leicht knarrende Stimme im Ohr. Und als ich Verstand genug in mir fühlte, ging ich in die Sonntagsvorlesungen des Professors.
Da saß man im großen Saale zwischen Gemälden lokaler Prägnanz, Landschaften, Innenräumen und Bildnissen der Maler Arthur Siebelist, Ernst Eitner, Julius von Ehren, Leopold Graf Kalckreuth, saß da im ehrenvollen Abglanz heimischer Belange. Da denn begann nebenbei meine zweite Verliebtheit, und ich wußte nicht, daß es mehr sein würde als ein Nebenbei.
Man saß ziemlich dicht gedrängt; die künstlerische Geneigtheit namentlich älterer Hamburger Damen war durch die berückenden Umgangsformen des jovialen Galeriedirektors aufs schönste angeregt, indem er den Dilettantismus, die Eigenbastelei, das private Skizzen- und Tagebuch und einen selbstgefertigten Buchschmuck als für jedermann möglich empfohlen hatte.
Der Vortrag an jenem Morgen gehörte zur Reihe über Städtebau. Aus einem Waschkorb wurde eine gedruckte Grundlage verteilt, und ich vertiefte mich alsbald darein, ohne von meiner Umgebung Notiz zu nehmen. Diesmal war Bremen an der Reihe. Alfred Lichtwark kam verspätet, streifte die Handschuhe ab und erklärte scharmant, er komme gerade von London, und es sei doch bemerkenswert, wie reibungslos sich der bedeutende Fahrzeugverkehr in der engen Bond Street abwickle. Disziplin sei alles, namentlich außerhalb des Militärs. Und sei überall von Vorteil und müßte es endlich auch sein in der so überbreit angelegten neuen Mönckebergstraße.
Und er verfinsterte sich über den Hamburger Rathausmarkt und über die Straßenbahnunglücksgalgen auf dem immerhin gutgelegenen Jungfernstieg und pries den Londoner Strand, die Pall Mall und den Trafalgar Square. Wo in Hamburg wäre dem etwas Gleichwertiges entgegenzuhalten? Man könne es nicht. Man müßte dann schon nach Bremen.
Und so war er bei seinem Thema. Und schilderte den Domshof und die Domsheide, und letztere sei nicht etwa wie dem Namen nach zu vermuten der größere Platz, und es war ein Vergnügen mitzuerleben, wie der Vortragende mit leichter Handgebärde besonders beredte Vokabeln aus dem Urgrund der Anschaulichkeit ans Licht drehte.
Ich konnte einen Laut des Beifalls nicht unterdrücken, als er sagte, die Art, wie Bremen seine Statuen anzubringen wüßte, sei so vorbildlich wie die aus natürlichster Empfindung der Schiffszimmerer erfolgende Anbringung einer Galionsfigur.
Meine Nachbarin zur Rechten, eine vornehme Uralte mit Kapotthütchen, räusperte sich ungehalten, und mich traf ein leichter Verwesungshauch aus scharf umfältetem gelbem Zahngefüge.
Ich wandte mich ab und prallte auf den erstaunt gestörten Blick meiner Nachbarin zur Linken. Es war ein Blick wie hellgraue Panzerplatte; das übrige aber sah milde frühlingsfrisch aus wie die junge Frau auf Eitners großem Gartenlaubenbild.
Unterdes zog mich der Vortrag weiter in den Bann. Mit welchem Hochgefühl durfte ich da die Äußerung vernehmen, die sich aus formender Wortsuche so zu bilden verstand, wie ich selber es nie hätte gewagt: Ein Künstler ist in zehntausend Fällen kaum ein einziges Mal der Ausnahmemensch, für den er sich hält. Am besten ist, er betrachtet sich als Handwerker, der seine Sache gut und ansprechend zu machen hat, wenn er bestehen soll. Und nur so auch entstanden die guten Marktplätze in aller Welt und auch der Bremer Roland, und keine Kunsthandelsbetriebsamkeit hat in jenen soliden Zeiten nach Namen der großen und schlicht gebliebenen Meister gefragt.
Das war Wasser auf mein abseitiges Beet. Das war eine Lobrede nicht nur auf das Gewerbe meines Vaters, der in keiner der wohl mehr als dreihundert Galionen seiner Fertigung ein Signum gestanzt oder seinen Namen groß zu Buch gegeben hatte. Sein Ehrgeiz war allzeit gewesen, den Auftrag anständig zu erfüllen. Waren Reeder und Kapitän zufrieden, war er’s auch und strich den gemäßen Lohn als Entgelt, nicht als Anerkennung ein. Daß er überdies eine innere Beziehung zu den Gestalt verliehenen Schutzgeistern, Genien und Dämonen der Schiffe pflog, behielt er für sich und machte kein Wesens daraus, und ich hab’ nie erfahren, ob es bei ihm mehr kindlich gebliebene Phantasie oder bewußt gehuldigter Aberglaube war. Bei mir ist es entschieden das letztere.
Wer weiß, was sich in Amuletten
an ungehobner Kraft verbirgt?
Wer weiß sich unversehrt zu retten,
wenn jäh geheime Strahlung wirkt?
Nach Ende der Vorlesung saß ich noch ein paar Minuten, blätterte in dem Kompendium und suchte die Abbildungen mit dem Gehörten zu vergleichen, war aber zu benommen, sprang auf, warf das Heft in den bereiten Wäschekorb und eilte zwischen den leeren Stuhlreihen hinaus. Im Vorsaal trafen mich die grauen Augen wiederum, diesmal mit einem Glitz Neugier. Mein Schritt verhielt, ob ich wollte oder nicht. Ich zog den Hut, den ich schon aufgesetzt, und brachte hervor: Verzeihung, ich ...
Weiter kam ich nicht – aus purer Verlegenheit und weil das Fräulein alsbald fragte: War das Zustimmung oder Ablehnung, was Sie da so störend ...?
Auch sie kam nicht mit dem Satz zu Ende, denn ich beeilte mich – mit dem gleichen spitzen wasserkantlich st – zu beteuern: Selbstverständlich Zustimmung, gnädiges Fräulein.
Dann ist es ja gut! erwiderte sie und wandte sich den hohen Glastüren des Ausgangs zu.
Sollte ich folgen oder nicht? Da blieb sie nochmals stehen, drehte den Kopf und wies auf das Kolossalgemälde, das die Rückwand bedeckte und den Einzug Kaiser Karls des Fünften in Antwerpen verherrlicht, so wie sich’s der Salzburger Hans Makart vorgestellt. Es weist eine Menge hübscher nackter Mädchen auf und ist eine großartig gebaute Dekoration, was heute auch nicht jeder mehr kann. Heute entscheidet nicht das Können, sondern der Zerfall.
Mögen Sie das? fragte die Grauäugige.
Ich bin für angenehme Stimmen immer dankbar gewesen. In dieser war so etwas von dem Geläute sehr ferner Schiffsglocken, wenn die Glasen geschlagen werden. Das lag mir natürlich und stammte aus meiner Einbildung und mit so einem Beiklang von »Die Stunde hat geschlagen«. Ich nickte und schüttelte dann den Kopf: Nicht was drauf ist, aber wie es gemalt ist.
Das war etwas geflunkert; denn damals mochte ich auch, was drauf war. Aber vielleicht war sie, wie alle feinen Hamburgerinnen, prüde.
Malen Sie etwa? fragte sie.
Nein, ich schnitze.
Kerbschnitt? Ein Teebrett für die Großmama? Einen Kaffeekannenuntersatz für die liebe Tante zu Weihnachten?
Schnippisch fängt gern an, was ernsthaft endet, sagte ich mir, und darum entgegnete ich nachsichtig: Nein, Karussellpferde und so was.
Ihre Augen wurden grünlich vor Enttäuschung: Ach, und ich hatte schon gemeint, Sie sind Künstler.
Nun hätte ich mir Lichtwarks humane Einstellung zum Handwerk wohl kräftig beispringen lassen sollen, aber ich schwieg belämmert. Hatte nicht dieser erfahrene Kenner nachlässig erwähnt, über Kunst und Geschmack dürfe man nur mit Frauen reden? Darum hätten hervorragende Meister den Umgang mit Frauen bevorzugt.
Wir gingen die Schrägung hinab, die beiderseits statt einer Freitreppe, backsteingepflastert, festlichen Kaleschen als Auffahrt gedacht war. Im Ebenen drunten fand sich inmitten der Grünanlage ein Teppichbeet, die Sternzacken mit Stiefmütterchen besetzt, blau und gelb, die Mitte kreisrund mit rosa Begonien, die Nabe mit einem Tuff Silberkraut, daraus eine dürftige niedrige Fächerpalme ragte. Es sah nicht nach Lichtwark aus. Man raunte, die Stadtgärtnerei habe sich hier, anders als im Stadtpark, dem Kunstgewaltigen zum Trotz durchgesetzt.
Wir blickten darüber hin auf den bronzenen Friedrich von Schiller, der auf seinem Denkmalsockel stand, bevor sich vor ihm ein Autoparkplatz auftat und Bundespräsident Heuss bei einem Besuch nicht statthaft fand, der beachtlichen Nase des Dichterfürsten solchen Dauerdunst zuzumuten. Und dann, nicht viel glücklicher, den Platz vorm Hofbräuhaus beim Dammtor wählte für den Dichter des Dramas Wilhelm Tell, das zum Bildungsgut der Hamburger Schulen gehörte. Da steht er heute noch vor diesem königlich bayrischen Abklatsch in der Freien und Hansestadt.
Er hatte kaum Beziehung zu beiden gehabt, anders als Goethe, der Hamburg immerhin eine ausgezeichnete, eigenartige Stadt genannt und ein reiches Feld für die speziellsten Schilderungen, wenn man das Objekt nur gehörig zu ergreifen wage. Er hat das seinem Eckermann erklärt. Dessen beiden Stiefbrüder waren ja zur See gefahren, der eine verschollen.
Das alles wußte meine holde Dame?
Ein Zug klapperte, die Lokomotive leistete sich einen degenspitzen Pfiff, ihre Dampfwolke puffte sich mit einigen gefälligen rosaweißen Rundungen über noch kahle Baumkronen hin. Mir war dürr und kahl wie dem schwarzen Geäst, und was neben mir sich damenhaft gezügelt bewegte, glich dem technischen Gewölk, unhaltbar vergänglich. Es war darum keine Zeit zu verlieren, es unauffällig zu betrachten. Fast so groß wie ich, ovales bräunliches Gesicht unter ausladend wippendem Stoffhut, schmaler Jackenkragen mit Pelzwerk, beides kaffeebraun, darunter weiße Bluse, hoch geschlossen. Weiter unten ...
Da tönte die Stimme wieder. Und meinte das Stiefmütterchenbeet: Das sind Karussellfarben, nicht?
Möglich, brummte ich. Das Thema schien mir ungeeignet.
Gräßlich! sagte sie. Aber dann bewahrte sie Takt und meinte: Es muß schwer sein, solche Dinger aus so hartem Holz herauszukriegen, die werden doch nachher furchtbar strapaziert, solche Viecher!
Nicht so schlimm wie auf See, entgegnete ich.
Was haben denn Karusselltiere auf See zu tun?
Die nicht. Aber früher haben wir Galionsfiguren gemacht.
Sie sah mich brüsk an: Das ist etwas anderes! versetzte sie, es klang beinahe hochachtungsvoll: Solche Riesenpuppen werden sogar schon manchmal gesammelt, in Annapolis im Marinemuseum, mein Bruder hat davon erzählt. Aber Jahrmarkt und Seefahrt, das ist doch wohl zweierlei. Viel Ruhm ist bei beiden für die Kunst nicht zu gewinnen.
Mein Handwerkerstolz bäumte sich. Ruhm? Was ist das schon? Dies ernährt seinen Mann.
Das tut Käse und Petroleum auch.
Aber es dient zum Vergnügen. Ist das nichts?
Und zum Schwindel, fügte sie hinzu: Nicht bös gemeint, man schwindelt sich vor, auf einem lebendigen Roß zu sitzen und wird obendrein schwindelig, wenigstens ich, als ich noch klein genug war. Da hab’ ich mal auf einem Rappen gesessen mit knallrotem Sattel und Zügel, das paßte zu meinem weißen Kleid, und Onkel Max sagte gerührt, wie die deutsche Flagge. Vielleicht war jenes Kunstwerk auch von Ihnen.
Eher von meinem Vater, sagte ich. War ihr das Wort Kunstwerk entschlüpft? Und nicht mal spöttisch. Und um ihr keine Gelegenheit zur Rücknahme ihrer tröstlichen Bezeichnung zu geben, setzte ich rasch hinzu: Schon mein Großvater und Urgroßvater haben Figuren und Tiere geschnitzt für Schiffe und auch für Karussells und Ringelspiele, sogar auch Schwäne, zwischen deren Flügel man Platz nehmen konnte, auch kleine Karossen, Schaukelkähne und Gondeln dafür gebaut und ausgeschmückt, sogar für Lustgärten von Fürstenhäusern, auch Tritonen und Najaden für große Drehorgeln, selbst für eine Kirche hatten wir mal einen Auftrag, Engel zu liefern.
Engel zu liefern, allerdings, das macht dem lieben Gott Konkurrenz und der Engelmacherin, wie hieß sie noch, Frau Wiese, nicht wahr? Die haben sie mit der Guillotine geköpft. So macht man das in Hamburg.
Sie scherzte. Das sah ich. Und sah nun auch ihren weiten Faltenrock, in dessen Kaffeebraun viel Milch gerührt war, und darunter zeigte sich Schritt um Schritt eine Spitze brauner Knöpfstiefel. Wir stiegen ein paar Stufen nieder und kamen an den Fahrweg, der längs der Außenalster gen Uhlenhorst führt. Gerade trabte ein Schimmelgespann von der Lombardsbrücke durch die Bahnunterführung und an uns vorüber.
Meine Vortragsnachbarin spuckte dreimal sachte aus. Und sagte dann: Haben Sie die gesehen? Das sind Modelle, nicht? Ich hab’ dreimal ausgespuckt.
Warum das? fragte ich, obwohl ich wußte, warum. Weil es Glück bringen soll. Weiße Pferde, das sind Wotans Lieblinge, und die können weissagen. Und sein Nachfolger, Knecht Ruprecht oder Niklas oder der Weihnachtsmann, reitet manchmal auch auf einem Schimmel vom Walde her und nicht nur, weil sich in Kindergedichten Himmel darauf reimt. Und wenn man ausspuckt, bringt man sozusagen ein Opfer dar. Spucke ist wertvoll. Und immer gleich zur Verfügung, ehe das Glück vorbeigeflitzt ist. Und drei ist eine alte heilige Zahl. Das hätte ich gern alles vorgebracht, aber vielleicht wußte das ranke Fräulein besser als ich darüber Bescheid. Und dann aber antwortete sie sehr ernst und geheimnisvoll: Weiße Pferde bedeuten den Tod. Den verscheucht man, indem man ihm auf die Füße spuckt, auch wenn sie unsichtbar sind. Dreimal, einmal für sich, einmal für dich, einmal für Bruder Heinerich.
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