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Hans-Jürgen Krug lebt als Publizist und Medienwissenschaftler in Hamburg.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-8252-3333-4
ISBN 978-3-846-33333-4 (E-Book)
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
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Reihenkonzept und Umschlagentwurf: Alexandra Brand
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Satz: Claudia Wild, Konstanz
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Inhaltsverzeichnis
Titel Impressum Hinweis zur Zitierfähigkeit Warum Radio? - Das unbekannte Massenmedium Radio im Profil
1 - Geschichte 2 - Ökonomie 3 - Formate 4 - Nachrichten 5 - Politik 6 - Unterhaltung 7 - Kultur 8 - Werbung 9 - Nutzung
Anhang - Abkürzungen Zeittafel Literatur Personenregister Sachregister
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Warum Radio?
Das unbekannte Massenmedium
Das Radio ist ein flächendeckend etabliertes technisches Medium. Fast 100 Prozent aller Deutschen haben mindestens ein Radiogerät zu Hause, rund 75 Prozent besitzen 3 und mehr verschiedene Gerätearten, darunter Kofferradios, Walkman, Autoradios, Handys oder Radiowecker. Das Radio ist eines der meistgenutzten Massenmedien. Täglich mehr als 3 Stunden, genauer: 182 Minuten schaltete 2009 ein durchschnittlicher Nutzer sein Gerät ein. Die »Nutzungsdauer« des »Leitmediums« Fernsehen lag bei 228 Minuten; Presse (40 Minuten), Buch (25 Minuten) Video (4 Minuten) oder Internet (70 Minuten) blieben weit darunter (Eimeren 2009, 348). Und auch die Zahl der Sender ist enorm: In Deutschland strahlen derzeit 58 öffentlich-rechtliche Wellen und 233 Privatsender ihre Programme – vor allem auf Ultrakurzwelle (UKW) – aus; es gibt geschätzt 300 Millionen Radiogeräte und eine eindeutige Bevorzugung des traditionellen UKW-Radios. Mehr als 90 Prozent des Radiokonsums findet über UKW statt. Hinzu kommen seit den 1990er-Jahren (zusätzlich) über Kabel, Satellit oder übers Internet verbreitete Programme. Daneben positionierten sich heute je nach Schätzung zwischen mehr als 10.000 und über 50.000 – herkömmliche Radiodefinitionen sprengende – Internetradios. Hinter dem Einheitlichkeit versprechenden Begriff Radio verbergen sich also sehr vielfältige, heterogene und – was durchgehend übersehen wird – seit den Anfängen 1923 in Deutschland auch weitgehend regionale Radiorealitäten. 2009 etwa hatte die Hörfunkwelle Antenne Brandenburg die größte Reichweite in Brandenburg, in Hessen führte hingegen Hit Radio FFH, in Rheinland-Pfalz RPR 1 und im Saarland Radio Salü; selbst die reichweitenstärksten öffentlich-rechtlichen Wellen waren Regionalwellen: MDR 1 Radio Sachsen führte in Sachsen, Bayern 1 im gleichnamigen Bundesland (Media-Analyse 2009/1). Außerhalb ihrer Regionen blieben die Sender unbedeutend und unbekannt. Und noch eine Besonderheit bildete sich in der deutschen Radionutzung heraus: Die Hörer verhielten sich äußerst sendertreu: Ein durchschnittlicher Hörer nutzt statistisch nur rund 1,5 Programme.
Innerhalb der neueren und boomenden Medien- und Kommunikationswissenschaften nimmt der Hörfunk seit Langem eine Randposition nahe der Nichtbeachtung ein. Zwischen dem riesigen Angebot und der |7◄ ►8| dauerhaften Nutzung einerseits sowie der wissenschaftlichen Wahrnehmung andererseits besteht eine riesige – und keineswegs unbekannte – Kluft. Der Siegener Medienwissenschaftler Helmut Kreuzer nannte das Radio schon 1997 ein »vernachlässigtes Forschungsobjekt«. Der Hamburger Medienwissenschaftler Knut Hickethier hielt 2004 »das Ausblenden des Radios in der Medienwissenschaft … für einen Fehler«. Bis heute hat sich die Forschungssituation kaum geändert.
Radioforschung
Die Geschichte des deutschsprachigen Radios ist weitgehend ungeschrieben. Die frühe Radiogeschichtsschreibung stand lange »unter dem Eindruck eines den Zeitgenossen noch nicht bekannten Endes« (Lersch 2004, 33) und konzentrierte sich auf den jungen Weimarer Hörfunk sowie die nationalsozialistischen Jahre. Doch je länger das Radio sendete, desto rarer wurden die Beschreibungen. Programm- und rezeptionsgeschichtliche Arbeiten etwa gibt es nur »als erste Ansätze« (Dussel 2004, 12). Über Politik, Unterhaltung oder Werbung im Radio, über den Siegeszug der Popwellen, über das duale Hörfunksystem oder die langsame Formatierung (fast) der gesamten Radiolandschaft seit Ende der 1980er-Jahre weiß man nur wenig; eine Ausnahme stellt einzig das Hörspiel dar (Krug 2008). Eine Geschichte des Radiohörens steht aus und die Ökonomie des Hörfunks ist ein Desiderat. Immerhin erlauben jüngst publizierte Jubiläumsschriften (WDR, SR, BR, HR) erstmals langfristige und materialreiche Einsichten in die Selbstbeschreibungen der Sender.
Die Ursache dieser still versandeten Hörfunkforschung dürfte die für Deutschland typische Nähe von Kultur und Radio gewesen sein. Die Gründungsidee vom »Kulturfaktor Hörfunk« wurde über die Jahrzehnte langsam aufgelöst und bestand nur noch in Rudimenten, als sich in den späten 1970er-Jahren aus der Literaturwissenschaft die Medienwissenschaft zu entwickeln begann. Die ersten und meistzitierten ›Radiotheorien‹ stammen nicht zufällig von Schriftstellern (Bertolt Brecht) oder Redakteuren (Rudolf Arnheim, Eugen Kurt Fischer). Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu folgenreichen Neupositionierungen: Die Sender weiteten ihre Hörerforschung aus und unterstellten sie ab Mitte der 1980er-Jahre direkt den Intendanten; Radioforschung wurde weitgehend mit interner, empirischer, demoskopischer und profilschärfender »Begleitforschung« identisch und »nur ein begrenzter Teil der Studien« (Klingler 1993, 479) wurde öffentlich. Da aus den lange Jahrzehnte eher locker aus Einzelsendungen komponierten Hörfunkprogrammen |8◄ ►9| medienerforscht konzipierte, bruchvermeidende Formatradios wurden, entstand ein weiteres Problem: »Ein Formatradio«, so Wolfgang Hagen, könne »von außen – unter Absehung der sie von innen her steuernden Managementfunktionen – sinnvoll überhaupt nicht beschrieben werden« (Hagen 2005, 302).
Eine »eigenständige Radiowissenschaft« (Schanze 2002, 305) konnte sich in der Bundesrepublik nie etablieren. Die wissenschaftlich-akademische Radioforschung blieb auf eine Vielzahl sehr heterogener und zeitlich meist sehr eingegrenzter Arbeiten aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen (Germanistik, Geschichte, Ökonomie, Jura) beschränkt. Die avanciertesten Medientheorien von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Norbert Bolz, Vilém Flusser, Jürgen Habermas, Friedrich Kittler, Niklas Luhmann oder Paul Virilio kommen ohne das (deutschsprachige) Radio aus und die Radioforschung ohne diese Theorieanschlüsse.
Gliederung
Das Grundprinzip des Radios ist eigentlich ganz einfach und erstaunlich stabil: Ein Sender strahlt ein akustisches Angebot aus, das (viele) Empfänger ausschließlich mit einem Empfangsgerät hören können. Ohne Technik (auf der Basis von Elektrizität) gibt es kein Radio. Fast alles andere aber hat sich seit den Anfängen des Hörfunks in Deutschland 1923 dramatisch verändert. Selbst die Bezeichnungen für das neue Medium blieben nicht einheitlich: zunächst sprach man in Deutschland vom Funk oder vom Rundfunk. Dann setzte sich langsam der – das Fernsehen ausschließende – Terminus Hörfunk durch. Er sei erst »neuerdings aufgekommen« heißt es noch 1970 im »Fischer Lexikon Publizistik«. Spätestens mit der Einführung des Privatfunks 1986 wurde der Begriff Hörfunk zurückgedrängt. Es etablierte sich das – alltagssprachlich natürlich erheblich ältere – Wort Radio.
Diese Einführung erzählt nicht die Geschichte der ungezählten Radioprogramme in Deutschland – dazu fehlt es auf fast allen Ebenen an Vorarbeiten. Und sie vertritt keine einzelmediale Radiotheorie (Faulstich 1991). Denn das Radio und seine Entwicklungen sind ohne die Auseinandersetzungen mit anderen Medien (Presse, Fernsehen, Internet) nicht zu verstehen. Schon 1913 zeigte Wolfgang Riepl, dass etablierte Medien durch neue Medien verändert werden und dass stetige Neupositionierungen stattfinden; schließlich werden aus neuen Medien irgendwann alte Medien, und so ist es auch dem Radio ergangen. 1923 war der Hörfunk das neue, unbekannte, sich selbst ungewisse akustische Medium, spätestens|9◄ ►10| in den 1960er-Jahren war das bereits ganz anders. Kapitel 1 erzählt von der Etablierung des Hörfunks auf einem von Papiermedien dominierten Informations-, Kultur-, Werbungs- und Unterhaltungsmarkt, den Möglichkeiten eines nur auf Stimmen, Töne und Geräusche setzenden, flüchtigen, aktuellen und zeitlich strukturierten Mediums und seinen Veränderungen bis in die Gegenwart. Ein wesentlicher Bestandteil ist, wie sich das Radio (gegen Presse, Fernsehen, Internet) stetig neu positionieren und durch technische (und programmliche) Innovationen neue Terrains erobern und neue Selbstdefinitionen entwickeln musste. Da der Hörfunk in Deutschland vor allem ein regionales Medium war und ist, sind diese Entwicklungen räumlich und zeitlich sehr unterschiedlich abgelaufen; allgemeingültigere Zäsuren lassen sich in der Radiogeschichte oft nur auf sehr hohem Abstraktionsniveau feststellen.
Kapitel 2 widmet sich den ökonomischen Grundlagen des Hörfunks in Deutschland. Da der Hörfunk vor allem durch eine von 1924 bis 1970 konstante Gebühr von 2,00 Mark finanziert wurde, geriet dieser Themenbereich weitgehend aus dem Blickfeld von Medien- und Kommunikationswissenschaft. Dabei produzierte die Rundfunkwirtschaft schon 1929 durch Gebühren, Geräte, Löhne oder Radiozeitungen einen Produktionswert von der Größe der deutschen Braunkohlenwirtschaft. Seit den Anfängen spielte Werbung auch zur Finanzierung des Programms eine Rolle, ihre finanzielle Bedeutung nahm sogar stetig zu. Und seit Mitte der 1980er-Jahre hat sich neben dem öffentlich-rechtlichen Hörfunk ein privater Radiomarkt (mit vielen Verbindungsgliedern) herausgebildet. Der Hörfunk musste schon immer auch finanziert werden. Dieses Primat der Ökonomie hatte vielfältige Folgen.
Traditionellerweise widmete sich die (literaturwissenschaftliche) Hörfunkforschung einzelnen Werken, vor allem Hörspielen. Die Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten haben die Bedeutung einzelner Sendungen deutlich reduziert, nicht mehr das einzelne Werk, die Welle ist die neueste Botschaft geworden. Kapitel 3 beschreibt, wie aus dem Einschaltmedium Hörfunk das Begleitmedium Radio und dann das allgegenwärtige Formatradio geworden ist. Seit den Anfängen mussten die Hörfunkproduzenten ihre Inhalte zeitlich ordnen und spezifische Programme herausbilden. Die historische Entwicklung ging vom relativ einfach erstellten »Kästchenprogramm« zu präzise geplanten, computergestützten und mehr oder weniger deutlich voneinander unterscheidbaren Wellen und Radiotypen. In diesen modernen Programmen ist nichts mehr dem Zufall oder der Abweichung überlassen: Die einzelne »Sendung« ist nicht mehr autonom; sie ist Teil des »durchhörbaren« Gesamtprogramms, der Welle, der Marke.
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Ohne Inhalte, ohne Themen freilich gäbe es kein Radio – die Strukturen blieben leer. Die Inhalte kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen, sie sind mal Unterhaltung, Kultur, Politik oder Information, mal Werbung. Alle werden vom Hörfunk gesendet und alle folgen ihren eigenen Logiken. Die Information will Neuigkeit und Überraschung, die Werbung Lockung und Verkauf, die Unterhaltung Vergnügen, die Kultur Ästhetik und Besserung, die Musik Emotionen, und diese Elemente wurden zunächst nacheinander angeboten (Programm) und für »alle« gesendet. Der Hörfunk der Mittelwellenjahre bildete also nicht nur, er unterhielt nicht nur und er warb nicht nur: seine Einheit lag in der ständigen akustischen Irritation der Hörer und im ständigen Training des Umgangs mit Irritation. Mit der Zunahme der Programme, der Ausdifferenzierung der Wellenstrukturen und der gegenseitigen Beeinflussung und Durchdringung der Elemente (etwa Infotainment, Public Relations) veränderten sich auch der Sound und die Leistungen der verschiedenen Wellen. Anders als bei Fernsehen oder Internet waren diese Entwicklungen regionale und nur sehr vermittelt (etwa bei der Technik, den Frequenzen, den Kooperationen (ARD, EBU) oder dem Werbungsverkauf) nationale oder gar internationale.
Die Geschichte der Radiokultur, der Radionachrichten, der Funkwerbung, der Radiounterhaltung, der politischen Angebote und der Hörfunkmusik sind weitgehend ungeschrieben; systematischere Analysen fehlen. Kapitel 4 bis 8 skizzieren, wie sich die einzelnen einst zusammengehörenden Teilbereiche professionalisiert, separiert und dann neu definiert haben. Das moderne Radio bietet die verschiedenen Hörfunkelemente (Nachrichten, Politik, Unterhaltung, Kultur, Werbung und Musik) nicht mehr auf einem Programm; sie sind heute auf verschiedene Programme verteilt und zugleich gegeneinander durchlässig geworden: Kultur ist auch Unterhaltung, Politik auch Werbung, Unterhaltung auch Kultur. Im abschließenden Kapitel 9 geht es schließlich um unser – sehr einseitiges – Wissen über die Nutzung des Radios
Diese Einführung kann das Thema »Radio« natürlich nicht vollständig abdecken, und sie will dies auch nicht. Sie versucht, neue Fragen an das Radio, seine Geschichte und seine Funktionen zu stellen. Darüber hinaus berücksichtigt der Text erstmals die verschiedenen Programmbereiche des Radios und beschreibt Nachrichten und Kultur, Unterhaltung und Musik, Werbung und Politik als Bestandteile des Hörfunks. Aus ihrem Zusammenwirken entsteht die Einheit, die Realität des Radios.
Die Zitatnachweise wurden der besseren Lesbarkeit wegen auf ein Minimum reduziert.
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Radio im Profil
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Geschichte
Das Radio ist das erste elektronische Massenmedium. Es ist ein eindimensionales, rein akustisches Medium; das Radio übermittelt ausschließlich Stimmen, Geräusche und Töne. Es kann nur gehört werden. Der frühe Funk orientierte sich an der schriftgeprägten Gutenberg-Galaxis; er leitete eine erste Auflösung der Schriftorientierung und die Gründung regionaler, technisch-akustischer Welten ein. Das Radio richtet sich »an alle«, ist aber im Wesentlichen ein Regionalmedium. Für das Radiohören war keine Alphabetisierung mehr nötig. Es reichten ein Programm und ein spezifisches Empfangsgerät, ein Radioapparat.
Akustisches und regionales Massenmedium
Der Rundfunk startete in Deutschland am 29. Oktober 1923 im Berliner Vox-Haus. Er war das erste elektronische und – nach einer Unterscheidung von Harry Pross – tertiäre, d.h. ausschließlich mit einem Empfangsgerät nutzbare Massenmedium. Darin unterschied sich das Radio elementar von primären (dem menschlichen Körper verbundenen, technikfreien) und sekundären Medien, bei denen Technik – wie etwa bei der Zeitung – nur zur Produktion nötig ist.
Die ersten Funksendungen waren nur im Berliner Umland zu hören, Ende 1923 gab es rund 1.000 (registrierte) Hörer. Auch die bald gegründeten Sender in Hamburg, Frankfurt, Köln, Stuttgart, München, Leipzig, Breslau oder Königsberg waren (über Mittelwelle) kaum mehr als 150 Kilometer weit zu empfangen. Der Hörfunk startete als ein regionales Medium, er erweiterte den Klangraum der Kirchenglocken durch den der Sender. München oder Hamburg erhielten eigenständige Programme, und die waren nur nahe Hamburg und München zu hören. Die Empfangsqualität war – technikbedingt – schlecht. Die Programme waren zunächst reine Abendprogramme und der legale Zugang war teuer; |13◄ ►14| zwei Mark Rundfunkgebühr kostete der Hörfunkempfang – dieser Betrag sollte sich bis 1970 nicht mehr ändern. Als Ende 1926 die erste deutsche Rundfunkordnung abgeschlossen wurde, gab es – »strukturell gesehen« – einen »Staatsrundfunk« (Dussel 2004, 38). Die Funktion des neuen Mediums aber war unklar. Wie sollte es sich positionieren? Als zusätzlicher Realitätsvermittler ähnlich der Zeitung, als neues Medium der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung oder gar als Produzent von akustischem »Synchron-Stress« (Sloterdijk 1998, 42)?
1923 bestand in Deutschland eine prinzipiell funktionierende Medienlandschaft; sie war seit Langem Teil der typographischen, schriftorientierten Gutenberg-Galaxis und vielleicht noch ein wenig »earthy« (Marshall McLuhan). Für die Öffentlichkeit war das sekundäre Massenmedium Zeitung (Presse) zuständig (Habermas 1965); es gab Theater und Kinos (Film), Bücher, Fotografie, Schallplatten. Niemand hatte 1923 auf den Rundfunk gewartet, »der Rundfunk«, so Bertolt Brecht (1967), »wartete auf die Öffentlichkeit«. Der »unvorhersehbare Zufall« Rundfunk positionierte sich zu diesen anderen, vor allem privat organisierten Medien (konfliktreich) neu. Er ersetzte weder die Presse (Neuigkeit) noch die Schallplatte (Musik), die Livekultur, das Buch, die Oper oder das Theater (Kultur) – er wurde von den anderen Medien beeinflusst und beeinflusste sie wieder.
Der Hörfunk setzte als erstes Massenmedium ausschließlich auf das Akustische und auf die Mündlichkeit. Er befreite die »Zauberkraft der Oralität« aus »einem langen Dornröschenschlaf« (Havelock 2007, 22), Brechts Wort von der »vorsintflutlichen Erfindung« (Brecht 1967, 119) nimmt gerade diese reine Mündlichkeit wieder auf. Denn fürs Radiohören brauchte man – anders als fürs Zeitunglesen – keine Alphabetisierung, sondern nur einen Empfänger. Die Mündlichkeit des Radios, diese sekundäre, technisch übermittelte Oralität, war zunächst nicht speicherbar und – ob Nachricht, Werbung oder Kunstwerk – so extrem flüchtig wie jedes gesprochene Wort. Kein Wunder also, dass Autoren, Journalisten, Schauspieler und Musiker zunächst recht zurückhaltend reagierten.
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Merksatz
Das Radio ist in Deutschland (vor allem) ein regionales Massenmedium. Es ist ein rein akustisches und orales Medium, das ausschließlich auf Mündlichkeit, auf »Sprech- oder Singbarem« (Brecht 1967, 128) beruht. Zur Rezeption bedarf es spezifischer Empfangsgeräte und damit der Technik. Ohne Elektrizität ist Radio nicht hörbar, ohne Aufnahmegeräte nicht speicherbar. Hörfunk ist ein eindimensionales, asymmetrisches Medium: Viele können Radio hören, aber nur wenige können senden.
Kulturmedium Hörfunk
Der Funk begann als elektronisches Monopolmedium und behielt diesen Status bis weit in die 1950er-Jahre. 1923 existierte keinerlei akustische Konkurrenz. Das Radio wurde – in bewusster Anlehnung an Gutenbergs Buchdruck – als neuer »Kulturfaktor« positioniert. Ein Kulturfaktor freilich, der einen »Querschnitt durch den gegenwärtigen Stand unserer Kultur« (Krug 2008, 18) ermöglichen sollte. Das frühe Radio begriff sich als Fortsetzung und Erweiterung traditioneller Kultur im rein Akustischen. Deshalb übertrug man stundenlange Radiofassungen etablierter Dramen, sendete Vorträge oder gelesene Klassiker der Literatur. Der Hörfunk schloss sich an die etablierte (Schrift-)Kultur an und bemühte sich um etablierte Schriftsteller, Komponisten, Schauspieler. 1924 hatte – als erstes originäres Kunstwerk des Radios – das Hörspiel Premiere. Es wurde die »Krönung des Funks« (Richard Kolb).
Das neue Medium Hörfunk unterschied sich essentiell von Buch, Theater, Oper, Kino oder Schallplatte. Er gab kein alleinstehendes Einzelwerk mehr, sondern ein laufendes, aus Einzelsendungen bestehendes flüchtiges Programm. Im Radio folgte Musik auf Vortrag, Meldung auf Musik, Erhabenes auf Komisches, »Kästchen« auf »Kästchen« – schon die Zeitgenossen sprachen vom »akustischen Warenhaus« (Brecht 1967, 128) Hörfunk. Und das Angebot wuchs beständig: Anfang der 1930er-Jahre gab es in Deutschland bereits 17- bis 18-stündige Sendetage. Das Radio war zeitlich (zunehmend) immer präsent und räumlich ein Regionalmedium. Ein Zweiröhren-Netzempfänger mit Lautsprecher konnte kaum mehr als den Ortssender empfangen und kostete (mit 100 bis 120 Mark) für die meisten Hörer einen Monatslohn. Radio wurde vor allem zu Hause gehört, kaum ein Haushalt verfügte über mehr als ein Empfangsgerät. |15◄ ►16| Zum frühen Radio gehörte das gemeinsame – und damit sehr interessenverschiedene – Hören. Dennoch schuf das neue akustische Medium auf Dauer »im Hause selber eine Öffentlichkeit, wie Zeitung und Bücher es niemals vermocht haben« (Plessner 1985, 216). Trotz der Kosten gab es rasch einen Radioboom, Radio wurde nachgerade zur Mode. Ende 1924 gab es bereits 550.000 zahlende Teilnehmer, Ende 1925 über eine Million, Ende 1927 über zwei und Anfang 1932 schon über vier Millionen.
Das frühe Radio war vor allem Liveradio; es wurde live produziert und »grundsätzlich« (Dussel 2004, 41) auf Mittelwelle (MW) gesendet. Nach der Ausstrahlung war das Programm – noch fehlte es an akustischen Speichermöglichkeiten – unwiderruflich versendet. In den Anfangsjahren war das Wort-Musik-Verhältnis etwa eins zu eins, 1932 bestand die Hälfte des Programms aus Musik – Oper, Operette, Schlager, Unterhaltungsmusik. Zunächst wurden vor allem Eigenproduktionen gesendet, Livestücke aus dem Studio. Der Schallplattenanteil lag bei etwa zehn Prozent – für das Grammophon war das Radio keine direkte Konkurrenz. Für die Literaturangebote spielte – fürs Radio gekürzt und dramatisiert – Theaterdichtung eine große Rolle; zumal sie bis 1926 weitgehend honorarfrei gesendet werden konnte. Einige Theater sperrten anfänglich ihre Schauspieler für Radiorollen oder verhinderten Übertragungen – erst langsam entwickelten sich Erfahrungswerte, wann das Radio für die anderen Kulturbereiche hilfreich oder schädlich war. Und die Nachrichten nahm man dorther, wo sie einfach und vor allem billig zu bekommen waren. Man kaufte die Zeitungen am nächsten Kiosk und nahm sie als Grundlage der anfänglich etwa drei Nachrichtensendungen täglich; Aktualität gab es – entgegen dem »Ohrenschein« – eigentlich nicht. Nachrichten hatten im frühen Kulturmedium Hörfunk einen Sonderstatus: Nach 1926 mussten die überregionalen Nachrichtentexte zentral (und widerwillig) von der Drahtloser Dienst AG (Dradag) in Berlin übernommen werden. Die technischen Möglichkeiten waren einfachster Art – selbst eine einfache Blende wurde erst langsam möglich. Aktuelle Berichterstattung war rar und konzentrierte sich auf den Sport, Radrennen vor allem. Zum frühen Radio gehörte schließlich auch die Werbung. Sie brachte unter 0,3 Prozent der Gesamteinnahmen ein, ihr Programmanteil lag 1927 in Berlin bei 14,1 Prozent, in Breslau sogar bei 15,3 Prozent, sank dann aber wieder rapide.
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Die Macht der Stimme
Die Wortsendungen beruhten auf Mündlichkeit und Stimme und waren doch zutiefst der Schriftlichkeit verbunden. Denn das Radio sendete zwar live, aber die gesprochenen Texte wurden zunächst geschrieben (und natürlich kontrolliert) und dann erst verlesen. Die sekundäre Oralität des frühen Radios beruhte also auf einer spezifischen, dem Medium sanft angepassten, einer »maskierten« (Gethmann 2006, 116) Schriftlichkeit. Ihre Bestandteile waren in Stilfibeln festgeschrieben: »kurze Sätze«, »natürliche Sprache« oder »keine Schachtelsätze«. Vor allem die Nachrichtensprecher setzten auf Nüchternheit und entwickelten einen eigenen Sicherheitston (der bis in die 1970er-Jahre stilbildend blieb). Das Sprechen im Radio wurde normiert und wirkte bei den Hörern normierend.
Merksatz
Der Hörfunk begann am Abend und der Abend war über Jahrzehnte die wichtigste Radiozeit. Hier fanden die großen Radioangebote statt: Kultur, Unterhaltung, Musik, Vorträge.
Das frühe Radio mit seinen »Kästchenprogrammen« wandte sich »an alle« (in der Region). In den ersten Jahren wurden die Sendungen von den Programmverantwortlichen eher intuitiv in den Programmtag, die Programmwoche und das Jahr eingebaut. Der Rundfunk reagierte auf die Rhythmen der Jahres- und Tageszeiten oder den Wechsel zwischen Werk-und Feiertagen. Sehr rasch und dauerhaft setzte sich (bis in die 1960er-Jahre) die Zeit zwischen 18 und 22 Uhr als die wichtigste Sendezeit, die Hauptsendezeit durch. Radiozeit war Abendzeit. Jetzt gab es die meisten Hörer und die ambitioniertesten Sendungen. Das bürgerliche Kulturleben prägte die Programmstruktur des Hörfunks und konkurrierte insofern mit Kino, Theater oder Oper.
Moderne Informiertheit
Das frühe Radio galt keineswegs als hörerfreundlich, aber es etablierte sich außerordentlich rasch. Dazu trug nicht nur sein akustisches Monopol bei. Das ›permanente‹ Programm befriedigte ein neues »lebensweltliches Interesse am Wissen«; es tat dies nebenbei, ersparte den Hörern die gezielte Auswahl und bot ihnen – so Kaspar Maase – eine »moderne Informiertheit« (Lersch 2004, 68). Das Radio brachte den Hörern|17◄ ►18| statt ihrer primären Milieus oder sekundären (über Parteizeitungen vermittelten) »Klassenkulturen« eine neue, akustisch homogenisierte (tertiäre) »Massenkultur«; es kombinierte bisher einzigartig Kultur, Musik, Unterhaltung, Nachrichten und Werbung in professionell ausgewählten und erstellten Programmen. Arnold Gehlen hat für das neue, massenmedial vermittelte Wissen später die Formel der »reich unterrichteten Weltfremdheit« geprägt.
Rapide technische Innovationen veränderten das Radio bis in die 1950er-Jahre nicht mehr. Am 26. August 1929 wurde in Deutschland der Kurzwellenrundfunk eingeführt und vor allem vom Auslandsfunk genutzt. Der Mittelwellenempfang wurde verbessert; nach den (Groß-)Städten wurde langsam auch das Land erschlossen; 1933 gab es im Deutschen Reich 4,5 Millionen Hörer, 1939 waren es 9,5 Millionen – doch auch der populäre »Volksempfänger VE 301« ließ gerade mal den Empfang des Deutschlandsenders auf Langwelle und eines Regionalsenders zu.
Merksatz
Die erste Hörfunkperiode war in Deutschland durch das Mittelwellenradio geprägt. Diese technische Gegebenheit beeinflusste das Programm zutiefst: Von der großen Bedeutung des Wortes bis zum – durch die mäßige Übertragungsqualität nötig gewordenen – »rufenden« Sprechgestus. Das frühe Radio definierte sich als Kulturmedium, seine Programmstrukturen waren schwach. Es war ein Livemedium, in dem Aktualität, Nachrichten und Politik eine untergeordnete Rolle spielten.
Es waren politische Veränderungen, die die junge Medienlandschaft rapide veränderten: Spätestens 1933 wurde der Hörfunk endgültig zum Staatsrundfunk, die regionalen Gesellschaften wurden 1934 zu »Reichssendern«. Der Anteil der Eigenproduktionen sank, das Regionale wurde reduziert. Am 22. März 1935 startete – für ein ganz kleines Publikum – das visuell-akustische und später große Konkurrenzmedium Fernsehen; der »Siegeszug der Kurzwelle verlieht dem Auslandsrundfunk neue Dimensionen« (Boelcke 1977, 28). Doch in Deutschland war Radio weiterhin bevorzugt Mittelwellenradio; der Abend blieb die wichtigste Radiozeit; der Musikanteil stieg (etwa in Köln) phasenweise auf bis zu 60 Prozent. Nach dem Kriegsausbruch 1939 wurden Wehrmachts- und Frontberichte im Wortprogramm immer wichtiger. Seit dem 9. Juli 1940 sendete nur noch der »Großdeutsche Rundfunk« mit einem Sendernetz, |18◄ ►19| das bis Wien, Luxemburg, Oslo oder Belgrad reichte, der Musikanteil erreichte bis zu 85 Prozent. 1944/45 wurden die Luftwarnungen zur wichtigsten und Leib und Leben sichernden Serviceleistung des Hörfunks. Die Jahre zwischen 1933 und 1945 waren eine Sonderphase: Der Rundfunk wurde national und dann international (Auslandsrundfunk, besetzte Gebiete, Soldatensender). Nicht zufällig pointierten frühe kommunikationswissenschaftliche Arbeiten die Allmacht des Hörfunks, die Passivität, ja das Ausgeliefertsein der Empfänger sowie die Bedeutung der Propaganda. Erst viel später setzte sich die Einsicht durch, »dass das Gemeinschaftsleben gegen Massenmedien resistent« (Hondrich 2001, 158) sein kann.
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das Radio (vor allem) ein Mittelwellenmedium und wurde wieder ein Regionalangebot – darüber dürfen alle Metaphern vom »Ohr der Welt« oder vom »Ohr zur Welt« nicht hinwegtäuschen. Nach 1945 gab es sechs (westliche) »Besatzungssender« in München, Baden-Baden, Frankfurt, Bremen, Hamburg und Stuttgart; sie traten zunächst unter Namen wie Radio München oder Radio Hamburg auf; aus Berlin sendete – sowjetkontrolliert – der Berliner Rundfunk. Die neuen Hörfunkprogramme waren improvisierte Programme inmitten brachliegender Medienlandschaften: Theater waren zerstört, die Kinos lagen brach, die neuen Tageszeitungen erschienen zwei- bis dreimal pro Woche und nicht mehr mehrmals am Tag (wie bis in den Zweiten Weltkrieg praktiziert), der Umfang der Presse war gering. 42 Prozent der Haushalte besaßen 1946 noch einen Radioapparat, 1950 waren es 89 Prozent.
In dieser Situation begann der selbst für die Programmverantwortlichen überraschende Aufstieg des Radios oder besser: der Radios. Diese hießen mal Nordwestdeutscher Rundfunk (NWDR), mal Bayerischer Rundfunk (BR), Hessischer Rundfunk (HR), Radio Bremen (RB), Südwestfunk (SWF) oder Süddeutscher Rundfunk (SDR).
Die knappen Sendefrequenzen führten nach 1945 dazu, dass der Nachkriegshörfunk als öffentlich-rechtliches Medium (in Länderverantwortung) entstand. Während Zeitungen und Zeitschriften auf dem Markt um Käufer und Leser konkurrieren mussten, war der Hörfunk marktunabhängig gesichert: Er brauchte Gebührenzahler – Hörer waren erst in zweiter Linie wichtig. Auch das Nachkriegsradio war im elektrischen Bereich konkurrenzlos, Akustik ein ausreichendes Alleinstellungsmerkmal. Und wieder standen die »Kulturwerte«, die »Kulturwerte der einzelnen Landschaften« (Halefeldt 1999, 213) im Zentrum der Programmphilosophien; hinzu kamen Information, Unterhaltung und Bildung als neue Hörfunkaufgaben.
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Merksatz
Das Radio war auch nach 1945 ein Monopolmedium, doch nun lagen die Kulturlandschaften brach. In dieser Situation wurde der neue öffentlich-rechtliche Hörfunk zum viel gehörten kulturellen Leitmedium. Bis dann der Wirtschaftsboom, die neuentwickelten Zeitschriften und das Fernsehen die Prioritäten der Hörer verschoben.
Kulturelles Leitmedium
Wie in den Vorkriegsjahren gab es (für den durchschnittlichen Hörer) auch nach 1945 nur einen »Heimatsender« oder Haussender und der entwickelte sich (anders als noch in den Weimarer Jahren) rasch und selbst für die Programmverantwortlichen überraschend auch zu einem kulturellen Leitmedium. Man sprach von der »Blütezeit des Hörfunks«, den »fünfzehn großen Radio-Jahren von 1947 bis 1962« (Jenke 1997, 109). Der Hörfunk wurde ein »Kulturfaktor«, ein »kultureller Hausaltar« (Adolf Grimme), er schien in der Gutenberg-Galaxis angekommen zu sein. Dort, wo die »Dichter und Denker herrschen« (Bolz 2007, 13). Die legendären Hörspiele von Wolfgang Borchert (Drauβen vor der Tür, 1947) oder Günter Eich leiteten diese Periode der Radiokultur ein. Das Hörspiel hatte seine Blütezeit; die Nachtprogramme und Abendstudios brachten kulturelle (und vor allem vom Papier verlesene) Weltdeutungen und erreichten fünf bis zehn Prozent der Hörer. Und der SWF ließ seit 1947 in seiner Professoren- und Vortragssendung Aula die geistige Elite zu Wort kommen.
Doch noch populärer als die Philosophen und Dichter waren die Krimis und die – nach amerikanischem Vorbild serialisierten – wöchentlichen Familienserien (Die Familie Hesselbach), die Fußballübertragungen (Weltmeisterschaft 1954), die »Bunten Abende«, die Quizshows mit Peter Frankenfeld oder Hans-Joachim Kulenkampff. Seit 1945 wurde etwa in der Rundschau aus dem Hessenland (HR) über regionale Entwicklungen berichtet – die Informationssendung entwickelte sich rasch zu einer der populärsten Reihensendungen; das Echo des Tages (NWDR) informierte seit 1946 im Westen und Norden über aktuelles Zeitgeschehen. Auch die Nachrichtennutzung wuchs: Während unmittelbar nach dem Krieg fast 40 Prozent der Hörer politische Sendungen grundsätzlich ausschalteten, vertrauten bald zwei Drittel der Hörer den Hörfunknachrichten eher als denen der privat organisierten Presse. Nachrichten und Kommentar waren nach angelsächsischer Tradition getrennt. 1948 führte |20◄ ►21| Radio Bremen als erster Sender wieder die Funkwerbung ein, andere Anstalten folgten rasch – um kulturelle Aufgaben zu erfüllen. 1950 gründeten die öffentlich-rechtlichen Sender mit der »Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands« (ARD) eine Art Dachverband und etablierten 1959 mit der Musik bis zum frühen Morgen ein erstes, reguläres gemeinsames Nachtprogramm. 1952 gab es über zehn Millionen angemeldete Radiogeräte, 1959 waren es schon über 15,5 Millionen Die Radionutzungszeiten waren enorm: In den 1950er-Jahren wurde – mit den damaligen empirischen Möglichkeiten gemessen – durchschnittlich zwei bis drei Stunden Radio täglich gehört, »Dauerhören« aber war die Ausnahme.
Merksatz
Das Mittelwellenradio war bis 1949 ein Monopolmedium. Die technische Neuentwicklung Ultrakurzwelle führte zu neuartigen Hörfunkprogrammen und ermöglichte den Hörern erstmals, zwischen verschiedenen Programmen zu wählen. Langsam entstand eine dezente öffentlich-rechtliche Binnenkonkurrenz.
Mittelwelle und Ultrakurzwelle
Es war die technologische Innovation Ultrakurzwelle, die erstmals wirkliche akustische Auswahl möglich machte. Die UKW-Ära begann 1949 und führte dazu, dass aus dem einen Mittelwellenprogramm für lange Zeit das Leitprogramm, das »erste Programm« wurde, neben dem sich langsam neue UKW-Programme positionieren konnten. 1951 ermöglichten erst acht Prozent der Geräte überhaupt den UKW-Empfang, 1959 waren es 79 Prozent – und es dauerte noch bis in die 1960er-Jahre, bis etwa der WDR auch sein »Erstes« auf UKW umstellte. Die Umstellung auf UKW verlief je nach Region und Sender unterschiedlich schnell.
UKW ermöglichte nicht nur neue Angebote; die UKW-Reichweiten waren geringer als die MW-Reichweiten und führten deshalb zur Verstärkung der Regionalität. Da die Übertragungsqualität aber besser war, machten sie auch eine Musikalisierung der Programme sinnvoll. Welche einschneidenden Folgen die neue Technik (auf Dauer) hatte, lässt sich deutlich am Norden Deutschlands illustrieren: hier sendeten Hamburg und Köln ein gemeinsames Mittelwellenprogramm. Die Einführung von UKW machte zwei weitere Angebote möglich. 1950 entstanden UKW-West sowie die »Welle der Freude« UKW-Nord. Mit diesen »zweiten Programmen«|21◄ ►22| begann die quasi interne akustische und rein öffentlich-rechtliche (Binnen-)Konkurrenz um die Hörer. Die Hörer konnten erstmals bewusst auswählen. Dabei entwickelten sich spezifische – bis heute sichtbare – Nord-Süd-Besonderheiten: Im Norden wurden die »zweiten« Programme musikalisch-populär, im Süden hingegen »kulturell anspruchsvoll« (Kursawe 2004, 33) ausgerichtet. 1958 gab es bundesweit etwa zwei Programme – theoretisch wenigstens, denn bis zum flächendeckenden Empfang beider Programme dauerte es noch Jahre. Und im Norden gab es seit 1956 sogar ein »Drittes«, ein rein kulturelles (Abend-)Programm. Auch diese neu gegründeten Programme waren formal vor allem Fortschreibungen der traditionellen »Kästchen«- oder Mischprogramme: »Weder in der Programmkonzeption noch in der Ausgestaltung der einzelnen Sendungen brachten die Fünfziger Jahre viel Neues oder gar Umwälzendes« (Halefeldt 1999, 216). Dennoch lag die Hördauer während der 1950er-Jahre zwischen zwei und drei Stunden. 1956 beschrieb der Wiener Philosoph Günther Anders den modernen Rundfunknutzer als »Massen-Eremiten«, der, räumlich getrennt, millionenfach »das gleiche Ohrenfutter« erhielt (Anders 1980, 102).
Das Neue brachte wiederum die Technik: 1956 kamen erste mobile Kofferradios auf den Markt und verbreiteten sich rapide, parallel eroberten die Autoradios (nicht zuletzt japanischer Herkunft) den Markt. Hören war nicht mehr auf einzelne (Wohn-)Räume beschränkt, es wurde entgrenzt und war – prinzipiell – überall möglich. Radiohören sollte sich nach 1960 deutlich vom Radiohören der 1950er-Jahre unterscheiden.
Als wirkliche Konkurrenz entwickelte sich seit den 1950er-Jahren ein neues, ebenso flüchtiges, monopolistisches, öffentlich-rechtliches, aber nun akustisch-visuelles Medium: das Fernsehen. Es begann am 25. Dezember 1952 in Hamburg mit einem zweistündigen Programm und positionierte sich dort, wo das Radio traditionell besonders stark war: am Abend. Auch der TV-Auftrag war als »Dienst an der deutschen und an der europäischen Kultur« (Eckert 1961, 239) kulturorientiert definiert, was Folgen hatte: Während in den reinen Mittelwellenzeiten zwischen 19 und 21 Uhr noch bis zu 50 Prozent der Hörer ihre MW-Radiogeräte einschalteten, Konzerte, Bunte Abende, Hörspiele, Musik, Serien oder die neuen Quizsendungen hörten, erreichte der Hörfunk schon 1963 – das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) war gerade erst gestartet – samstags die 20-Prozent-Marke nicht mehr. Die Hörer bevorzugten das Fernsehen, zumal hier auch Radiohits adaptiert wurden. Schon 1957 hatte SDR-Hörfunkdirektor Peter Kehm für zwei »gegensätzliche« Hörfunkprogramme am Abend plädiert, ein »Bildungsprogramm« und ein Unterhaltungsprogramm – erfolglos.
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Merksatz
1952 startete mit dem Fernsehen die wirkliche Konkurrenz für den kulturorientierten und konkurrenzfreien Hörfunk. Das zweisinnige, audiovisuelle Fernsehen konzentrierte sich gerade auf die Zeiten, in denen das Radio traditionell am erfolgreichsten war: auf den Abend. Schleichend beendete es um 1960 ein Hörfunkzeitalter.
ARD (TV) und ZDF entführten den öffentlich-rechtlichen Radioprogrammen ihre Hörer eher beiläufig und still: Als die noch neue Medienforschung erstmals die Hörerentwicklung präsentierte, führte das im alten »Leitmedium« Hörfunk zu einem »Schock« (Halefeldt 1999, 217) und dann zu langwierigen Neuorientierungsprozessen. Zumal die Militärsender AFN und BFBS, dann Radio Luxemburg (seit 1957) und diverse Piratensender (1960er-Jahre) mit musikorientierten, internationalen Rock-, Pop- und Schlagerangeboten gerade die – erstmals als eigene Zielgruppe auftretenden – jüngeren Hörer ansprachen und in die öffentlich-rechtliche Hörfunklandschaft regelrecht »einbrachen« (Henning Wicht); freilich ohne deren Dominanz ernsthaft zu gefährden.
Vom Kulturträger zum Dienstleistungsbetrieb
Der regionale Charakter des Hörfunks macht jahresgenaue Periodisierungen schwierig. Die meisten Programme sendeten auch in den 1960er-Jahren strukturell unverändert weiter, doch inselartig etablierten sich neue Radioformen. Um 1960 endete das alte »Hörfunkzeitalter« (Kursawe 2004, 31). Die Medienangebote explodierten zwischen 1960 und 1990 um den Faktor 40 (= 4.000 Prozent) (Merten 1994, 154), allein der HR steigerte sein Radioangebot von 9.000 Stunden (1960) auf 17.500 Stunden (1971). Auf dem Pressemarkt entwickelten sich Spiegel und Stern zu trendprägenden (investigativen) Qualitätsmedien, die Jugendzeitschrift Bravo erreichte riesige Auflagen, Bild (1952 gegründet), Quick, Bunte oder die Radiozeitschrift Hör Zu boomten, eine einzigartige »Mediatisierung der Wahrnehmung« (Knut Hickethier) begann. Und im kleinen Saarland setzte der – erst seit 1957 zur ARD gehörende – Saarländische Rundfunk mit seinem Mittelwellenprogramm Europawelle Saar 1964 erstmals in Deutschland neue, nichtkulturelle Radiostandards: 70 Prozent Musik, Autofahrersendungen, magazinisierte Information, fast ganztägige Streuwerbung.
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Spätestens seit Mitte der 1960er-Jahre wurde aus dem »Kulturträger der Nation« langsam ein »Dienstleistungsbetrieb mit kulturellen Aufgaben« (Jäger 1982, 63). Einige Sender strahlten inzwischen drei Programme aus (Durchschnitt 1968: 1,8), aber diese waren nur dezent gegeneinander differenziert; sie waren nach dem »Kästchenprinzip« aufgebaut und wurden von einheitlichen Fachredaktionen beliefert; die Nachrichtenredaktion etwa lieferte die Nachrichten für verschiedene Wellen.
Merksatz
1965 wurden die ersten Magazine ausgestrahlt. Sie waren Singularitäten in »Kästchenprogrammen« – doch mit ihrer Mischung aus »informieren, aufklären, unterhalten« (La Roche 1993, 183) enorm erfolgreich. Bald wurden Magazine zur prägenden, vor allem unterhaltenden Sendeform.
Unter den Stichworten »Aktualisierung, Typisierung, Personalisierung und Spezialisierung« (Henning Wicht) wurde in den 1960er-Jahren das Profil der einzelnen Wellen stärker betont und gegeneinander abgegrenzt. Das erste Programm (auf MW) galt etwa beim WDR als »politisches Leitprogramm« und blieb formal ein traditionelles Misch- oder »Kästchenprogramm«; das zweite Programm (auf UKW) setzte nun stärker auf Musik, definierte sich neu als »Informationsprogramm« und begründete neue, großflächige und mehrstündige Magazine. 1965 wurde das Mittagsmagazin (12:00 bis 15:30 Uhr) eingeführt, 1967 folgte das Morgenmagazin – WDR 2 setzte also gerade auf die noch nicht vom Fernsehen besetzten Zeiten. Beide Magazine waren nicht nur enorm erfolgreich, sie veränderten auch den Sprechstil der Informationssendungen vom gelesenen Wort hin zur frei gesprochenen Sprache. Moderatoren »präsentierten« nun die Themen und die konnten aus Politik, Wirtschaft, Kultur oder Musik kommen. Für Kulturinteressierte gründete der WDR 1963 das neue dritte Programm – ein Zielgruppenprogramm.
Die Neupositionierungen des Hörfunks waren von Sender zu Sender, von Region zu Region verschieden. In Süddeutschland blieben die ersten Programme Leitprogramme, die zweiten Programme (UKW) wurden zu Kulturwellen positioniert, der HR startete 1964 ein Programm für Gastarbeiter. Nachrichten wurden langsam deutschlandweit zu einem annähernd stündlichen Angebot ausgebaut. Mauerbau, Kuba-Krise und Kennedy steigerten das Interesse an politischen Informationen. Und im Fernsehen wurde 1967 die Farbe eingeführt.
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Stereophonie, Musik, Jugend
Seit 1963 verbesserte sich die technische Qualität des Radios enorm: In Berlin wurde vom Sender Freies Berlin (SFB) die erste Stereosendung ausgestrahlt und fortan wurden in langjährigen Prozessen (fast) alle Wellen umgestellt: 1978 sendete der gesamte WDR-Hörfunk stereophon; andere folgten erst in den 1980er-Jahren. Die Stereophonie führte in der Hörspielszene zu einer rapiden Neuorientierung, sie erst machte das »Neue Hörspiel« möglich. Vor allem aber erlangte der Hörfunk durch Stereo die Qualität der industriell hergestellten Schallplatten und so die (subkulturell) Platten kaufende und nutzende Jugend. Popsendungen wurden nun auch für die bisher auf Schlager, Oper, Operette und Orchester fixierten öffentlich-rechtlichen Sender ein »Must«. Seit Mitte der 1960er-Jahre stieg die Zahl der Jugend- und Popsendungen: Für junge Leute (WDR 1964), Hallo Twens (SR 1965), Teens-Twens-Top-Time (HR 1966), Panoptikum (WDR 1968), Der 5-Uhr-Club (NDR 1969), Pop Shop (SWF 1970). Eine musikalische Angloamerikanisierung des Programms begann; und eine neue Mischung von Pop und Politik wurde populär, die – jenseits der tradierten Zeitfunkangebote wie Echo des Tages oder Umschau am Abend (NDR) – zu heftigen Konflikten führen sollte.
In den 1970er-Jahren entstanden erstmals eigenständige Service- und Begleitprogramme, die sich nicht mehr primär an den bewusst zuhörenden, häuslichen Hörer richteten. Die technischen Voraussetzungen für diese neuen Programmformen bildeten die boomenden Auto- und Kofferradios. Den Anfang machten die Autofahrer- und Servicewellen Bayern 3 (1971) und hr3 (1972) – teilweise in Kooperation mit dem österreichischen Ö3. Diese neuen Wellen waren Neugründungen, sie setzten auf Nachrichten jede Stunde, Verkehrsmeldungen und Service, auf Industrietonträger und auf Werbung. »Unsere Servicewelle hr3 trägt sich durch die eingebaute Werbung selber«, so HR-Hörfunkdirektor Henning Wicht 1974 – und damit zu öffentlich-rechtlichen Monopolzeiten. Der Anteil der Information stieg seit der Etablierung der Servicewellen, die Definition von Information freilich war »spektakulär« (Kursawe 353) erweitert. Die neuen Programme waren durchlässig konzipiert, aktuelle Informationen konnten jederzeit eingebaut werden und die Moderationen waren live. Parallel zu den neuen Wellen entstand 1972 mit der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (ag.ma) eine neue demoskopische Institution zur Messung des Radiokonsums – zunächst vor allem für die Werbetreibenden.
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Merksatz
Seit den 1960er-Jahren stieg der Stellenwert von Jugendsendungen, Popmusik, Service und Zielgruppenprogrammen (Autofahrer). Angloamerikanische Radioformen und Musiken wurden in die öffentlich-rechtlichen Angebote eingebaut und konnten rasch Zuschauermehrheiten binden. Autofahrer-, Service- und Popwellen drängten tradiertere Radiowellen und -formen in den Hintergrund.
Siegeszug der Servicewellen
Die Servicewellen veränderten die Situation in den Sendern rapide, weil sie den traditionellen »ersten Programmen« mit ihrem engen (politischen) Informationsbegriff rapide die Hörer entzogen. 1975 startete der Südwestfunk mit SWF 3 erstmals ein neues Vollprogramm, das ganz gezielt auf Rock- und Popmusik setzte, umgangssprachlichere Moderationsstile bevorzugte, das neue Radiogenre Comedy etablierte und Berichte, Reportagen oder Statements zwar jederzeit sendete, aber auf fünf Minuten beschränkte; zur Programmphilosophie gehörten die Orientierung am nebenbei hörenden Gebührenzahler, der ständige Wandel und die bewusste Distanz zum herkömmlichen politischen Journalismus. SWF 3 setzte einen »völlig neuen Trend« (Hans-Peter Stockinger), dem bald auch Südfunk 3 (1979), Bayern 3 oder hr3 (1981) folgen sollten; in abgewandelter Form entwickelten sich dann auch NDR 2 oder – die inzwischen populärste und auf Magazine setzende WDR-Welle – WDR 2 (1980) in Rock- und Popwellen. Die frühen Magazinprogramme gaben noch nicht an, wann Interessantes, Wichtiges oder Sensationelles gesendet wurde, die Magazinstrukturen waren zunächst offen und der Hörer musste entsprechend lange – und zeitökonomisch sinnvoll, d.h. nebenbei – »zuhören«.
Die Radionutzung stieg in den 1970er-Jahren durch die Servicewellen wieder an, nach der Blütezeit des Radios in den 1950er-Jahren kam es nun zu einer – vielfach als »trügerisch« wahrgenommenen – »Renaissance des Hörfunks« als dauergenutztes Begleitmedium. Anfang der 1980er-Jahre lag das Radio als »Faktor der öffentlichen Meinungsbildung« weit hinter Tageszeitungen, Zeitschriften und Fernsehen; er sei »nur noch gering zu veranschlagen«, so Hansjörg Bessler 1981.
Die öffentlich-rechtlichen Radioangebote wurden seit 1923 durch Rundfunkgebühren finanziert, die seit 1924 konstant bei zwei Mark monatlich lagen. Die Finanzgeschichte des Hörfunks ist noch nicht |26◄ ►27| geschrieben: Doch seit Mitte der 1960er-Jahre war der Radiomarkt gesättigt, die Ausgaben überstiegen die Einnahmen der Sender, die Werbung wurde zur Finanzierung der Programme immer wichtiger. 1970 entschied dann die Politik erstmals, die Gebühren auf 2,50 DM anzuheben. Rasch folgten 1974 (3,00 DM), 1979 (3,80 DM) und 1983 (5,05 DM) weitere Erhöhungen. Parallel versuchte die (genehmigende) Politik ihren Einfluss in den Sendern auszuweiten.
Bereits Ende der 1940er-Jahre gab es »Rotfunk«-Vorwürfe gegen öffentlich-rechtliche Sender, die wegen ihrer Monopolstellung (politische) Meinungsvielfalt binnenplural, d.h. in den Redaktionen und im Programm herstellen mussten. In den 1970er-Jahren verstärkte sich dieser politische Druck; 1981 wurde die ehemalige »Leitwelle« NDR 1 in eine Hamburger, eine schleswig-holsteinische sowie ein niedersächsische Landeswelle aufgespaltet und damit die Macht der Abteilung »Politik« radikal reduziert (Krug 2009).
Die Zahl der Programme stieg seit Anfang der 1980er-Jahre durch Regionalisierung; der Hörfunk betrat ein Terrain, auf dem die Presse dominierte. Den Trend hatte 1980 der Saarländische Rundfunk mit der Saarlandwelle ausgelöst, einer Kombination aus regionaler Berichterstattung und (Schlager-)Musik für die ältere Generation. Dann folgten der NDR mit seinen Landeswellen (1981), WDR 4 (1984), hr4 (1986), S 4 Baden-Württemberg (1991) oder der MDR (1992) mit zunächst sehr unterschiedlichen Ausrichtungen und folgereichen Konsequenzen: Die Mischprogramme (erste Programme) verloren Hörer, die Service- und Popwellen (zweite bzw. dritte Programme), die neuen, schlagernahen und musikreichen Regionalwellen (vierte Programme) wurden die publikumsstärksten öffentlich-rechtlichen Radios. Beim HR etwa schalteten »gegenwärtig« 300.000 Hörer täglich hr1 ein, 80.000 die Kulturwelle hr2, aber jeweils knapp eine Million hr3 und hr4 (Dussel 2004, 226).
Das Fernsehen führte in den 1960er-Jahren zum Umbau des öffentlich-rechtlichen Hörfunks und zur Stärkung von Begleitwellen. Um 1985 schwächelte auch das Fernsehen: Die TV-Nutzung lag bei 2 Stunden und 10 Minuten täglich, das Radio aber blieb 2 Stunden und 34 Minuten eingeschaltet. Die Zahl der ARD-Sender erhöhte sich von 23 (1971) auf 28 (1985), aber die Situation war regional sehr unterschiedlich.
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Merksatz
Seit Mitte der 1980er-Jahre veränderte sich die deutsche Radiolandschaft tiefgreifend. Aus dem rein öffentlich-rechtlichen Hörfunksystem wurde ein duales, länderspezifisch geprägtes System, in dem primär gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche und werbefinanzierte private Hörfunkanbieter agieren konnten. Die Zahl neuer Sender explodierte. Und sogar eine dritte Säule kam hinzu: die nichtkommerziellen Sender und Offenen Kanäle.
Das duale System
Es war ein Neubeginn in Etappen. Während das duale System beim Fernsehen 1984 sehr breit startete, ging es beim Hörfunk langsam und regional zu. Seit 1985 sendeten in München zwar einige private Anbieter »Stadtradios« und seit April 1986 sendeten in Rheinland-Pfalz vier Vorgänger von RPR, doch die öffentlich-rechtliche Monopolperiode im Hörfunk wurde erst am 1. Juli 1986 mit dem ersten landesweiten Privatprogramm Radio Schleswig-Holstein (RSH) beendet. Die technische Voraussetzung für diesen Systemwechsel war, dass das UKW-Frequenzband jenseits der »100« frei wurde und neue Nutzungen erzwang. Bis 1986 hatte es zwar binnenstrukturelle Konkurrenzen zwischen einzelnen ARD-Sendern (etwa WDR 2 und WDR 1) und zwischen ARD-Wellen (etwa SWF 3 und hr3) gegeben, nun gab es Konkurrenz zwischen zwei Rundfunkkonzeptionen, der öffentlich-rechtlichen und der privat-kommerziellen. Wobei öffentlich-rechtlich inzwischen für die Hörer mehrheitlich vor allem hieß: Service- und Rock- und Popwellen sowie schlagernahe Landeswellen. Und dann juristisch: »Grundversorgung«.
Radio Schleswig-Holstein (RSH) folgten in kurzen Abständen Radio Hamburg (1986), radio ffn (1987), Radio Hundert,6 (1987), Antenne Bayern (1988), OK Radio (1988), Radio FFH (1989), Radio Salü (1989) oder PSR (1992). Die neuen Privatwellen wurden von großen Verlagshäusern wie Axel Springer, Heinrich Bauer, Georg von Holtzbrinck, Bertelsmann, Hubert Burda Media, Oschmann, WAZ oder von Verlegerzusammenschlüssen wie »Funk & Fernsehen Nordwestdeutschland« veranstaltet. Die lange währende, durch rare Frequenzen verursachte Arbeitsteilung zwischen Hörfunk und Printmedien wurde beim Radio hinfällig, ökonomisch hinfällig. Denn die Verleger wollten im Hörfunk nicht publizistisch tätig werden wie in ihren Zeitungen, sondern Werbung verkaufen. Ihr Paradigma war: auch Radioprogramme sind Waren, und so kam es zwischen|28◄ ►29| öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern gerade dort zu heftigen Konkurrenzen, wo Werbung geschaltet wurde. NDR 2, WDR 2, Bayern 3, hr3, SWF 3 waren von den Privatradios am stärksten betroffen. 6,3 Millionen Hörer hatte WDR 2 1978, 1998 waren es noch 2,8 Millionen; NDR 2 rutschte von 5,3 Millionen auf 1,9 Millionen.
Die Einführung des dualen Systems verstärkte die regionalen Strukturen des Radios. In Bayern und Nordrhein-Westfalen (NRW) wurden neben landesweiten auch (bzw. nur) lokale Wellen zugelassen und so stieg hier das numerische Angebot rapide. In NRW gab es bald 46 Lokalstationen, in Bayern 53 Lokalsender. Die Geschichten der Privatradios sind weitgehend ungeschrieben: Man distanzierte sich von den Nachrichten zur vollen Stunde (RSH) und den Magazinformen, baute auf populäre Musik zwischen Pop und Schlager, auf Werbung und lockere Ansprache. Erst langsam setzten die privaten Sender bewusst auf Formatierung und Marktforschung. Formatierung hieß hier vor allem: Ausrichtung des Programms an der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen und an einem möglichst populären Musikformat, in Deutschland vor allem an Adult Contemporary (AC) und Contemporary Hit Radio (CHR). Bis 1998 erreichten diese privaten Programme einen sensationellen Marktanteil von 44 Prozent.
Kaum zählbar blieb dagegen die Resonanz der alternativen, nichtkommerziellen Radios (wie etwa das Freiburger Radio Dreyeckland, 1988) und der heute etwa 60 Offenen Kanäle (z. B. OK Berlin, 1985) und Bürgerradios mit ihrem »Schlangenprinzip«, d.h. der Ausstrahlung von Sendungen nach der Reihenfolge ihrer Anmeldung durch die (gesellschaftlichen) Macher. Doch trotz der neuen Angebote und trotz der Ausweitung des zerstreuten, zappenden Fernsehkonsums mittels Fernbedienung in den 1980er-Jahren: Der – einmal gefundene und geliebte – akustische Hintergrund wurde nur selten gewechselt. Rund 1,3 Programme, mehr nutzte ein durchschnittlicher Hörer auch im neuen dualen System nicht, zappen, switschen, Channel-Hopping gehörte nicht zum Radiokonsum.
Ausweitung nach Osten
1989 fiel die Mauer, das DDR-Hörfunksystem wurde abgewickelt. 1992 wurden der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) und der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB) nach westlichen Vorbildern gegründet, Mecklenburg-Vorpommern schloss sich als viertes Bundesland 1992 dem NDR an. 1994 entstand mit dem Deutschlandradio ein neues nationales Radioangebot. Es wurde dem ZDF zugeordnet, das damit erstmals Fernsehen und Hörfunk verbinden und bimedial agieren konnte. Die beiden |29◄ ►30| Wellen Deutschlandfunk und Deutschlandradio Berlin waren ausdrücklich für die deutsch-deutsche Integration, für Information und Kultur zuständig. Seit 1994 existieren also quasi zwei öffentlich-rechtliche Hörfunksysteme in Deutschland. Und auch die Privaten expandierten in den neuen Ländern mit dem überdurchschnittlichen Radiokonsum: Radio PSR (1992), Radio Brocken (1992), Radio SAW (1992), Antenne Thüringen (1992), Antenne MV (1993) oder BB Radio (1993).
Merksatz
Jugendradios waren die Neuentdeckung der 1990er-Jahre. Formatierte Musikwellen mit geringem Wortanteil sollten die Jugend wieder ansprechen und zum öffentlich-rechtlichen Radio zurückführen. Diese Programme entstanden außerhalb der öffentlich-rechtlichen Sendekomplexe, ohne deren Namenskennung und erstmals mehrmedial.
Seit Ende der 1980er-Jahre wandte sich die Jugend rapide vom öffentlich-rechtlichen Radio ab und den neuen Privatsendern zu. Was AFN oder Radio Luxemburg in den 1950er- und 1960er-Jahren bewirkten, übernahmen nun die TV-Angebote MTV oder VIVA (1993) sowie private Jugendradios wie OK Radio in Hamburg: sie zogen die 14- bis 19-jährigen Hörer an und führten innerhalb der ARD zu Gegenbewegungen: Anfang der 1990er-Jahre gab es eine neue Gründungswelle. Die Jugendlichen erhielten mit Sputnik (1993), Fritz (1993), N-Joy Radio (1994), Eins Live (1995) oder DASDING (1997) eigene Wellen oder »Fachgeschäfte« (Krug 2000, 47). Die Namen der Mutterhäuser waren aus den Wellennamen verschwunden, der Musikanteil lag um die 80 Prozent und der Trend ging zu Infotainment-Nachrichten. Die Jugendangebote wurden sogar außerhalb der etablierten Häuser angesiedelt und neu strukturiert. Reine Wellenredaktionen, keine Fachredaktionen für Politik oder Kultur, machten die mehr oder weniger digital produzierten Jugendprogramme. Dieses Modell wurde später auch auf die anderen Wellen ausgeweitet. Parallel wurde über die Konvergenz, die Annäherung von öffentlich-rechtlichem und privatem System auf Programmebene diskutiert.
Eigenständige Wort- und Infowellen
Ursprünglich wurden alle Inhalte von einem einzigen Programm ausgestrahlt, dann wurden die (gestiegenen) Inhalte auf mehrere Radioprogramme aufgeteilt und zielgruppengenauer ausgestrahlt. Die immer stärkere|30◄ ►31| musikalische Profilierung einzelner Wellen gegeneinander und die Orientierung an Durchhörbarkeit und Dauerhören führten Ende der 1980er-Jahre dazu, die Inhalte als »Stopset«, ja als Ausschaltfaktor zu interpretieren und auf separate, »gehobene« Programme zu konzentrieren. 1989 startete der NDR das gehobene Wort- und Einschaltprogramm NDR 4, wenig später folgte der WDR mit WDR 5 (1991). Parallel dazu entstanden die ersten wort- und nachrichtenformatierten, nicht mehr magazinorientierten Infowellen: 1991 wurde mit einem Etat von etwa zehn Millionen D-Mark B5 aktuell gegründet, dann folgten MDR Info (1992), Info Radio (1995), NDR Info (1998) oder hr info (2004). Bei den neuen Infowellen waren ganze Sendetage durch Stundenuhren formatiert und in 15- oder 20-Minuten-Einheiten getaktet. Diese Inforadios orientierten sich an der Berichterstattung des Fernsehsenders CNN über den Golfkrieg (1990) und waren vor allem in Großstädten erfolgreich. Sie erreichten etwa in Hamburg oder Berlin Marktanteile zwischen fünf und acht Prozent (2007). Die Inforadios gehörten zu den ersten Hörfunkwellen, die nicht nur über UKW ausgestrahlt wurden. SWR.cont.ra – die Abkürzung steht für Content Radio – wurde 2002 gegründet, um die Akzeptanz für digitales Radio zu verbessern; die Welle war vor allem übers Internet zu hören. Die redaktionellen, noch rein auditiven Strukturen der Nachrichtenradios werden gegenwärtig umgestellt. Das Berliner Inforadio produziert sein Programm in einem Newsroom mit mehrmedialer Ausrichtung; bei NDR Info wurde ein mehrmedial anbietender Reporterpool angesiedelt, der ausschließlich neue Themen recherchieren soll. Der Trend geht zur trimedialen Nachrichten- und »News«-Arbeit. Die reine UKW-Zeit geht ihrem Ende entgegen. Radio, Internet und Fernsehen wachsen auch in den Produktionsstrukturen zusammen.
Merksatz
Der Hörfunk startete 1923 als Einschalt- und Kulturradio. 80 Jahre später waren aus dem Kulturradio regionale Kultur- und vor allem Klassikwellen geworden, die weniger als fünf Prozent der Hörer erreichten. Sie begriffen sich als Begleitwellen und waren formatiert.
Seit 1956 gibt es in Deutschland eigenständige Kulturprogramme. Spätestens seit den 1990er-Jahren wurden diese Einschaltprogramme – als letzter Programmtyp – mehr und mehr formatiert und in musikorientierte Klassikwellen umgewandelt. Die Kulturwellen definierten sich am entschiedensten als Einschaltprogramme in der alten Werk- und »Kästchentradition«|31◄ ►32| und profitierten am längsten von einer »fürsorglichen Vernachlässigung« (Paul Nolte), die sie quotenfrei und gut finanziert wirken ließ. Die Formatierung der Kulturwellen war deshalb ein »besonders schwieriges Unterfangen« (Halefeldt 1999, 224) und führte bei Bayern 2, hr2 kultur, SR 2 Kulturradio, SWR 2 oder WDR 3 zu beständigen Neupositionierungen und zu heftigen Auseinandersetzungen um die am forciertesten formatierten Klassikwellen MDR Figaro, kulturradio vom rbb oder NDR Kultur. Hier wurde Klassik im Stil der »Top 40« eingesetzt. Nur die abendlichen Sendestrecken blieben – wie in den Anfängen – von Formatierung weitgehend frei. Eine kulturaffinere Formatierung des Kulturprogramms wählte 2005 das nationale Deutschlandradio Kultur. Es positionierte ein Radiofeuilleton, das Kultur und Stundenuhr, Wort und musikalische Neuheiten stundenweise zusammenband.
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