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Hans Hyan
Sündenbabel
Roman
Saga
I. Eine vornehme Hochzeit.
In dem grossen Saal, durch dessen weitgeöffnete, mit feinen Stores verhangene Fenster der Märzabend seinen milden Atem hereinblies, wurde ein glänzendes Fest gefeiert.
Kam man von der Tür herein, so sah man zuerst nichts als ein Gewoge und Geflimmer von blendenden Lichteffekten und buntglänzenden Farben.
Die reichen und verwöhnten Menschen, die sich hier zu einem opulenten Mahl versammelt hatten, liebten es nicht, sich von den eindringlich hellen Flammen des mächtigen Kronleuchters überschütten zu lassen, der an der Decke hing. Nur hohe Ständerlampen warfen ihr von gelben Seidenschleiern gedämpftes Licht über die Tafel. Und dazwischen, ebenso wie an den Wänden, duftende Wachskerzen, die in silbernen Armleuchtern brannten und deren Flammen durch rote Schirmchen geschützt waren.
So lag der in matter Farbe tapezierte Raum in einem goldigen Dämmerlicht, und mit dem Duft der Blumen, die in feinen Glaskelchen vor jedem Gaste standen, mischten sich die teuren Parfüms, die gleich unsichtbaren Wölkchen über den reichen Toiletten der Frauen schwebten.
In allen Altersstufen waren sie vertreten unter den vielleicht fünfzig Personen, die sich lachend und mit von der Glut des Weines belebten Wangen unterhielten.
Aber die Jugend herrschte doch vor, und die Schönheit der einzelnen erschien doppelt reizvoll, weil die kostbarsten Toiletten diese herrlichen Gestalten umschmiegten, weil Samt und Seide hier mit dem Schmelz der weissen Schultern wetteiferten und weil man nicht wusste, ob man das Feuer all der seltenen Edelsteine, die diese Damen schmückten, oder den Glanz und die Glut so vieler schöner Augenpaare mehr bewundern sollte.
In diesem Moment erhob sich ein Herr, der als einziger unter all den schwarzgekleideten Männern einen Frack aus feinem roten Tuch mit goldenen Knöpfen trug.
Es war ein beliebter Humorist und Schriftsteller, ein Bekannter des Hauses, der wohl zu den Intimen gehörte und es daher selbst heute wagen durfte, in einem so aussergewöhnlichen Kostüm zu erscheinen.
Und wie Herr Bruno Siegwart, der Schriftsteller, nun, dar Sektglas erhebend, seine mit witzigen Pointen reich gewürzte Rede begann, wie er, sich ein wenig vorbeugend, zu der ihm gegenübersitzenden Dame, der das heutige Fest galt, sprach, da verstummte das Gläserklingen, das Geräusch der lachenden und flüsternden Lippen allmählich, denn alles hörte gespannt zu, und die schöne Frau selbst stützte den klassisch geformten Arm auf die Lehne ihres Fauteuils und lauschte behaglich auf die Worte des geistvollen Schmeichlers dort drüben.
Seit zwei Stunden hiess sie Maria Anna Gräfin von Berghorst. Ihre kaum mehr als mittelgrosse Gestalt, die den vollen Zauber des reifen Weibes atmete, umschloss ein Kleid aus schwarzer Seiden-Panne, jenem dünnen, geplätteten Samtstoff, dessen Lüstre ohnegleichen ist, dessen weichschimmernder Glanz sich wie Schlangenhaut um blühende Formen spannt. Die Taillenärmel fielen an den Ellenbogen in weisse Crêpe de Chine-Puffen aus, und aus dem, der feierlichen Gelegenheit angepassten sehr diskreten Halsausschnitt erhob sich sinnverwirrend ein Nacken, den grosse, an einer kaum sichtbaren Goldkette aufgereihte Brillanten umstrahlten.
Und jetzt, wie sie ihre grossen, südländisch dunklen Augen zu dem Sprecher aufschlug, da sprühte aus diesem stolzen und doch wieder lieblichen Gesicht eine solche Fülle von Lebensdrang und Genusssucht, dass der feine Spott auf den Lippen des Rotbefrackten erstarb, dass nichts mehr als aufrichtige Bewunderung in seinem Auge lag, als sein und der Gräfin Glas aneinanderklangen.
Alsdann erhoben sich, wie es bei solchen Gelegenheiten üblich, die Gäste aus den weichen Polstern der himbeerfarbenen Fauteuils und kamen herbei, um mit der jungen Gattin und ihrem Gemahl, einem von oben herabblickenden Aristokraten, der ein auffallend grosses Monokel in seinem jungen, blasierten Gesicht trug, anzustossen.
Vor der Gräfin selbst stand in diesem Augenblick ein junger Mann in der Offiziersuniform des Potsdamer Garderegiments von auffallend grosser, kräftiger Figur, der den Worten der Dame mit höflich geneigtem Kopf lauschte.
In den Augen der Frau lag, während sie rein gesellschaftliche Phrasen mit dem jungen Manne wechselte, ein undenklich schmachtender Ausdruck. Und wäre jemand dabei gewesen, der wohl sehen, aber nicht hören konnte, er hätte gewiss nicht anders geglaubt, als dass diese soeben in den heiligen Stand der Ehe getretene Dame ihr Herz und vielleicht noch etwas mehr diesem stattlichen jungen Manne entgegenbrachte, den die Uniform so brillant kleidete.
„Wir werden nach einer kurzen Pariser Reise längere Zeit hier verweilen,“ sagte die Gräfin, in deren Stimme so viel verhaltene Glut und Innigkeit bebte, dass der Leutnant innerlich, wie vor etwas Brennendem, zurückschrak.
Mit Sekundenschnelle trat wieder der Salon vor sein geistiges Auge, der kleine, ganz in Tiefgrün dekorierte Salon, in dem er die junge Frau zum ersten Male gesehen hatte. Graf Berghorst selbst hatte ihn eingeführt, war dann aber, um, wie er sagte, einer wichtigen Verabredung zu folgen, bald fortgegangen und hatte den jungen, im Verkehr mit Frauen stets sehr schüchternen Offizier mit seiner Braut allein gelassen.
Die Gesellschafterin, eine ihrer Herrin augenscheinlich sehr ergebene Person, hatte selbst den Tee serviert, und sich dann wieder zurückgezogen.
Und während von Ballenstedts Blick über die grossen, schlanken Blumenmuster glitt, die sich in zartfarbigen Linien von dem tiefen Oliveton der mit englischem Samt bezogenen Möbel abhoben, war er anfänglich nur schwer imstande gewesen, seine Befangenheit zu verbergen. Das Licht quoll so träumerisch sanft unter den Seidenfransen des merkwürdig geformten Lüstres hervor, ein kleines Seidenäffchen hockte in der grünlichen Dämmerung des Kamins auf seiner Stange und knabberte mit den scharfen Zähnen an einer Nuss.
Wie einmal eine längere Gesprächspause eintrat, glaubte der Leutnant die junge Frau heftiger als sonst atmen zu hören.
Es war still, so still in dem grossen Gemach, an dem allerorten die reichen Stoffe in schweren Falten zu Boden fielen, und ein Duft, ein ganz absonderliches, geradezu berauschendes Parfüm ging von der schönen Braut des Grafen Berghorst aus. Hans von Ballenstedt, der seine sonst laute Stimme diesem diskreten Raum angepasst, hatte plötzlich wieder lauter zu sprechen angefangen.
Er wollte sich mit diesen lauten Worten wehren gegen die Heimlichkeit dieses Beisammenseins und gegen die süsse, sanfte Betäubung, welche aus den Kleidern und den Händen der schönen Frau auf ihn einzuströmen schien.
Gerade wie jetzt hatte er auch damals nicht gewagt, sein Gegenüber lange anzusehen. In den nachtleuchtenden Augen lag etwas, worüber sein naives Gemüt sich nicht klar zu werden getraute. Er fand sie schön und entzückend, aber der Gedanke, dass da ein Liebesbaum sich über ihm wölbte, dessen reife Frucht er nur zu pflücken brauchte — der Gedanke war ihm nicht gekommen ...
„Ich hoffe, dass Sie mir dann Gelegenheit geben werden, unsere zwar noch neue, aber doch so reizend begonnene Bekanntschaft fortzusetzen ... ich lade Sie heute schon ein, uns recht oft zu besuchen! ... Nicht wahr, Herr Leutnant, Sie werden meiner Aufforderung Folge geben?“
Hans von Ballenstedt verneigte sich tief.
Aber wenn er hätte wiederholen sollen, was die Gräfin Berghorst soeben zu ihm gesprochen hatte, so wäre er in Verlegenheit geraten.
Jenes eigentümlich helle, glockenhelle Lachen, das ihm am heutigen Tage schon so oft ins Ohr geklungen, war in diesem Moment wieder laut geworden und, ob er wollte oder nicht, Hans von Ballenstedt musste hinübersehen zu der kleinen Elfe, die so kindlich lachte, deren Augen so rein und unschuldig blickten und die ihrer Tante, der Gräfin Maria Anna von Berghorst, trotzdem so ähnlich sah.
Und sie hatte eine Art, zu sprechen und sich zu geben, wegen deren man sie allein schon lieben musste. So ohne einen Schatten von Falschheit und Arg war jede ihrer Mienen, das ganze Gesicht strahlte bei einer scherzhaften Bemerkung ihres Tischnachbars, und in der unbewussten Koketterie, mit der sie dann ihr Köpfchen wie im leisen Zweifel seitwärts neigte, lag ein Charme, eine Anmut, — selbst ein Zyniker hätte sich dieser lieblichen, unschuldigen Jugend beugen müssen.
Sicherlich war Luzie Petersen ihrem Empfinden nach noch ein Kind. Aber mochte es in der Rasse liegen, oder war der Reichtum und die immer gleich gute Pflege daran schuld, diese Kindesseele steckte in einem Körper, der wie eine kräftig entwickelte Blumenknospe all seine zarten Reize soeben zu enthüllen begann.
Ihr kleiner Erdbeermund stand nicht still, und das Gefühl eines stillen Neides beschlich den Leutnant darüber, dass er nicht an der Stelle des geschniegelten Referendars sass, der die kleine, in seegrüne Seide mit gesticktem Tüllüberwurf gekleidete Schönheit während des Diners unterhalten durfte.
Aber Hans von Ballenstedts Blicke hatten zu lange an dem zarten Profil Luzies, dessen antikes Ebenmass der hochblonde griechische Knoten vervollständigte, gehangen, als dass nicht die vor ihm sitzende Gräfin darauf aufmerksam geworden wäre.
Und indem sie sich über die Richtung seines Blickes klar wurde, ging eine merkwürdige Veränderung in ihrem brünetten Antlitz vor; die Falte zwischen den starkgezeichneten Augenbrauen verstärkte sich, die vollen, purpurroten Lippen pressten sich fest aufeinander und die dunklen Augen flogen wie Wetterstrahlen zu der Blonden hinüber, welche in nichtsahnender Fröhlichkeit mit ihrem Kavalier scherzte.
Alles das ging mit Sekundenschnelle vor sich. Als Hans von Ballenstedt sich wieder auf sich selbst und diejenige, der er gegenüberstand, besonnen hatte, als er ihr mit lächelndem Munde — unter seinem dichten, braunen Schnurrbart blitzten dabei die grossen, weissen Zähne — sagte, wie sehr er sich freue, und wie er die Zeit herbeisehne, wo er sich ihr das nächstemal vorstellen dürfe, da war auch die Gräfin Anna Maria wieder ganz die huldvolle, gütig lächelnde Weltdame, deren Mienen im Glücke der vollsten Zufriedenheit leuchteten.
Dann kamen andere, die ihren Champagnerkelch an den der neu kreierten Gräfin klingen lassen wollten.
Leutnant von Ballenstedt wurde fortgeschoben, aber ehe er wieder auf seinen Platz ging, blieb er einen Augenblick vor dem von rotgoldenen Lichtreflexen überhauchten Wandspiegel stehen, und das trotz seiner Jugend schon so ernste und männliche Gesicht bekam einen tiefzärtlichen Schein, als er im Spiegel das süsse Antlitz derjenigen lachen sah, die er heute hier zum erstenmal erblickt, und die doch sogleich sein Herz in leidenschaftliche Begeisterung hatte hoch auflodern lassen.
Vergeblich sann er, wie er bei diesem Diner, dem ein Tanz oder sonstige Festlichkeit nicht folgte, die Bekanntschaft der jungen Dame machen könnte.
Er war ihr wohl vorgestellt worden, aber bei der langen Reihe von Namen und Personen, die heute an dem jungen Mädchen vorübergezogen waren, hatte Luzie Petersen ihn wohl kaum bemerkt ... Hans von Ballenstedt lächelte über sich selbst; Tor, der er war, zu glauben, dieses schöne, reiche und vielumworbene Mädchen würde, sobald er sich nur etwas eingehender mit ihr beschäftigte, seine Neigung erwidern!
Und er wollte, wütend auf sich selbst, sich eben wieder nach der Tafel umdrehen, als eine Hand leise seine Schulter berührte und jemand flüsternd sagte:
„Ich wollte mich nur von Ihnen verabschieden, Herr Leutnant, ich gehe jetzt ...“
Es war ein Berichterstatter der „Unpolitischen Nachrichten“, ein Dr. jur., der sich der journalistischen Karriere zugewandt und den der Leutnant kannte, da er als Einjähriger bei seinem Regiment gedient hatte während der Zeit, als der jetzige Leutnant noch Fähnrich war.
Hans von Ballenstedt war konservativ erzogen und hatte bisher nicht viel von der Presse und ihren Vertretern gehalten, aber diese Bekanntschaft mit Dr. Otto Pfeiffer, in dem er einen ungewöhnlich intelligenten und gebildeten Menschen kennen lernte, hatte ihn ein wenig von seiner Ansicht abgebracht.
„Wollen Sie mich mitnehmen, lieber Doktor? ... Ich habe auch genug.“
Und indem sie scheinbar auf ihre Plätze zurückgingen, entfernten sich die beiden Herren, ohne dass ihr Weggehen in dem Hin und Her der Gäste viel bemerkt worden wäre.
Wie sie aus dem Portal des Hotels hinaustraten und in dem Dämmer des Frühlingsabends, durch das die Flammen der Laternen so hilflos blinkten, die Linden hinabgingen, schwiegen sie anfangs alle beide.
Dann räusperte sich der Offizier und sagte, wie um eine unangenehme Empfindung loszuwerden:
„Ich weiss nicht, wie ich mir das selbst erklären soll, aber für mich hat die Geschichte trotz aller Vornehmheit der Namen und Toiletten doch etwas Protzenhaftes ... oder nein, das ist nicht der richtige Ausdruck! ... und den finde ich vielleicht auch nicht ... aber ich habe das Gefühl, als sei nicht alles so, wie es sein sollte! ...“
Der Journalist wiegte seinen Kopf, dem der schwarze Henriquatre einen etwas französischen Anstrich lieh, und blies leise die Luft durch die gespitzten Lippen aus.
Der Offizier sah ihn forschend an.
„Seien Sie mal offen zu mir, Doktor, und sagen Sie, was Sie von den Leuten halten ... Ich bin seinerzeit mit dem Grafen bekannt geworden, draussen beim Rennen in Hoppegarten. Ich weiss auch, dass er viel mit Offizieren verkehrt ... und habe eigentlich nie was Ungünstiges über ihn gehört ... er soll spielen, aber das tun die Kameraden ja fast alle ... sagen Sie mal, Herr Doktor, wissen Sie was Genaueres?“
„Darf ich fragen, wie Sie mit der Gräfin bekannt geworden sind?“ fragte der Journalist statt einer Erwiderung.
„Ganz einfach, der Graf hat mich seiner Braut vorgestellt ... vor vierzehn Tagen etwa. Ich bin auf mehrfache Aufforderung zweimal dagewesen und kann nichts anderes sagen, als dass ich mich brillant unterhalten habe ...“
Hans von Ballenstedt stockte und wollte augenscheinlich noch etwas hinzusetzen, ohne dass er sich recht dazu entschliessen konnte.
Otto Pfeiffer überlegte unterdessen mit der ihm eigenen Schnelligkeit im Denken die Situation: gewiss, er wusste so manches über das neuvermählte gräfliche Paar! Aber was doch nur gerüchtweise an sein Ohr gedrungen war, hatte er ein Recht, das weiter zu erzählen? ... Wenn die Fama sich nun irrte und der in der Tat wenig schöne Handel, von dem man ihm berichtet hatte, eine Verleumdung war?
Nein, er wollte vorläufig wenigstens Stillschweigen bewahren! Erfuhr er später Näheres über die Geschichte und bewahrheitete sich das Gehörte, so war es noch immer früh genug, auch dem ihm befreundeten Leutnant, für den er ein entschiedenes Interesse hegte, davon Mitteilung zu machen und ihn vor einem Verkehr zu warnen, der seine Stellung als Offizier gefährden konnte.
Hans von Ballenstedt, der sich ebenfalls mit seinen Gedanken beschäftigte, sagte jetzt mehr von innen heraus, als in der Absicht es auszusprechen:
„Nein, das kann ich mir doch nicht denken, sie macht einen so guten, kindlich reinen Eindruck ... so sehr kann man sich nicht täuschen! ...“
„Wen meinen Sie?“ fragte der Journalist, „die Gräfin Berghorst?“
Hans von Ballenstedt schüttelte energisch den Kopf.
„Nein, nein, ihre Nichte ... das blonde junge Mädchen im grünen Tüllkleide, das links von Ihnen neben dem Referendar Lessen sass.“
Der Journalist war zart genug, den jungen Offizier, der sich in einiger Verlegenheit befand, in diesem Moment nicht anzusehen.
Sie wechselten dann noch einige allgemeine Redensarten; plötzlich aber blieb der Gardeleutnant stehen, drückte seinem Begleiter freundschaftlich die Hand und empfahl sich.
Mit einem feinen Lächeln ging der Journalist nach der entgegengesetzten Richtung zu. Um ein paar nette Bildchen für sein heutiges Feuilleton war ihm nicht bange.
II. Vampyre.
Nicht lange, nachdem Hans von Ballenstedt die Tafel verlassen hatte, empfahlen sich auch Braut und Bräutigam.
Die heut Vermählten hatten sich jede Begleitung zum Bahnhof ausdrücklich verbeten, und als das von zwei raschen Pferden gezogene Kupee davonfuhr, hatten die jungen Eheleute vollkommen Musse, sich ihre Herzen gegenseitig auszuschütten.
Die Gräfin, die im Hotel Zeit gefunden hatte, ihre Toilette zu wechseln, trug jetzt einen seidenen Staubmantel, unter dem ihr Kleid, das aus lichtgrauem Tuch mit dunklen Applikationen gefertigt war, kokett hervorsah.
Dazu an Hals und Armen einen diskreten, altertümlich getriebenen Silberschmuck, zu dessen Inkrustierung man Saphire und Rubinen verwandt hatte, grosse durchsichtige, blau und rot leuchtende Steine von erlesener Schönheit.
Um die vollen Lippen der jungen Frau — denn jung war sie, trotzdem die Spuren raffinierter Toilettenkünste an ihr dem Eingeweihten nicht verborgen blieben —, um den brennendroten Mund schwebte ein Lächeln der Geringschätzung, das sie nicht einmal zu verbergen bestrebt war, als sie jetzt zu ihrem Manne sagte:
„Nachdem Sie Ihre Mission zu meiner vollen Zufriedenheit erfüllt haben, mein Herr, gebe ich Ihnen hiermit gern Ihre Freiheit wieder. Sie werden so gut sein und mich zum Bahnhof begleiten ... Und dann werden Sie, sobald als möglich, in einer anderen Richtung, deren Wahl Ihnen selbstverständlich vollkommen freisteht, Berlin ebenfalls verlassen ... So war es ausgemacht, und, nicht wahr, dabei soll es auch bleiben?“
Graf Berghorst, der während dieser Rede etwas nervös die Schnur seines Monokels zwischen den Fingerspitzen wirbelte, nickte zustimmend.
Dann warf er das Glas ins Auge — ein Auge, in dem, wie häufig bei Nachtschwärmern und Spielern, ein unstetes, scheues Glitzern war, und sah die junge Frau an, als wolle er sie etwas fragen.
Aber die Gräfin kam ihm zuvor.
„Was die Erfüllung unserer sonstigen Bedingungen anlangt, mein lieber Graf, so hatte ich anfänglich die Absicht, die Angelegenheit aus leichtbegreiflichen Gründen durch meinen Anwalt ordnen zu lassen. Da ich jedoch bei näherer Überlegung jedes Hineinziehen einer dritten Person tunlichst zu vermeiden wünschte und mir ausserdem denken kann, dass eine Verzögerung gerade dieses Teiles unserer Abmachungen Sie peinlich berühren würde —“
Die Gräfin hatte währenddem eine kleine Tasche aus rotem Corduan geöffnet und ihr ein Kuvert entnommen.
„So bin ich so frei, Ihnen dies persönlich zu übermitteln ...“
Sie reichte dabei dem Grafen das Kuvert, das dieser mit einer leichten Verbeugung entgegennahm.
„Sie werden finden, lieber Graf, dass ich, ebenso wie Sie, mich meiner Verpflichtungen genau erinnere.“
Der Graf erhob seine grosse, gelbbehandschuhte Hand.
„Aber, ich bitte, meine Allergnädigste ... äh ... ich bin nur traurig, dass ich damit nicht auch wirklich von dieser reizenden Hand Besitz ergreifen darf!“
Sie zog schnell ihre Hand, die in einem silbergrauen Handschuh aus Sämisch-Leder steckte, zurück — so schnell, dass es fast den Anschein hatte, als wolle sie die Rechte des Grafen nicht gern unnötigerweise berühren.
Er übersah das absichtlich, aber seine Stimme hatte einen spitzigen Ton, als er hinzusetzte:
„Nun, Sie werden doch nicht leugnen können, meine Verehrte, dass eine Situation, wie die unsere, jedenfalls sehr ... äh ... hm ... wie soll ich mich denn da ausdrücken? ... na, jedenfalls sehr eigenartig für beide Teile ist!“
Sie fasste ihn darauf abermals scharf ins Auge und ihre schweren, schwarzen Brauen rückten wie in innerlicher Entrüstung dicht zusammen. Aber sie liess seine Bemerkung unerwidert.
Er selbst schwieg auch, und man sah es dem bleichen Gesicht mit der grossen Hakennase deutlich an, wie sein Besitzer sich ärgerte. Dann nahm er den Claque ab uno fuhr sich mit dem weissen Seidentuch über die bedenklich verlängerte Stirn, um schliesslich doch mit der Bemerkung herauszuplatzen:
„Wenn ich mich nun jetzt plötzlich in Sie verliebte, meine Gnädige, und mich zu dem zweiten Teil unserer Abmachungen, wie Sie das so überaus zutreffend ... Äh ... zu nennen belieben — wenn ich mich nun damit jetzt nicht mehr einverständen erklärte, was dann?“
Die Gräfin hatte ihn ruhig ausreden lassen. In die braunen Ripspolster des Kupees lässig zurückgelehnt, betrachtete sie ihn mit ihren dunklen Augen, die hart und voller Verachtung auf seinem von Ärger leicht geröteten Gesicht ruhten.
„Ich habe Sie bis jetzt für einen Mann gehalten, dem sein Kavalierswort heilig ist, mein Herr.“
Sie betonte jedes Wort deutlich und lächelte dabei, ein kaum bemerkbares, aber desto vernichtenderes Lächeln.
„... und ich werde damit fortfahren, bis Sie selbst mir die Beweise vom Gegenteil liefern ... ausserdem aber ...
Sie betrachtete jetzt ihre wohlgeformten, für eine Frau aber auffallend kräftigen Hände.
„... ausserdem bin ich auch ein wenig orientiert über die glänzende Gewandtheit, mit der Sie, Herr Graf, das Geld unter die Leute zu bringen verstehen ... ich glaube, ich kann den Zeitpunkt in aller Ruhe abwarten, wo Sie selbst auf Scheidung unseres heut geschlossenen Ehebündnisses dringen werden, um die zweiten hunderttausend Mark zu bekommen.“
Und sie lachte so herzlich, dass ihre klugen, energischen Züge einen Anflug von entzückender Munterkeit bekamen.
Er sah ein, dass es für ihn nichts Vernünftigeres geben könne, als in dieses Lachen einzustimmen, und da der Wagen inzwischen den Anhalter Bahnhof erreicht hatte, so fragte er galant, ob er ihr noch irgendwie bei der Unterbringung des Gepäcks behilflich sein könne.
Sie verneinte.
Ihre Gesellschafterin sei am Bahnhof. Die Koffer, welche sie in Paris zuerst brauchte, seien der Sicherheit halber schon vor mehreren Tagen vorausgeschickt worden. Das übrige besorge ihr Intendant, dem sie, wie immer, die Regelung ihrer Angelegenheiten in ihrer Abwesenheit anvertraut habe.
Mit einem Seufzer verglich der Graf sein eigenes unstetes Leben und seine nur dem äusseren Schein nach geordneten Verhältnisse mit dem wirklich vornehm arrangierten Haushalt dieser Millionärin.
Aber viel zu wohlerzogen, um sich seinen Neid und Ärger äusserlich auch nur im geringsten anmerken zu lassen, öffnete er den Schlag des jetzt eben am Bahnhofsportal haltenden Wagens und half seiner Gemahlin beim Aussteigen.
Die Nacht war inzwischen hereingebrochen. Der Askanische Platz lag im Flimmer der Laternen, unter denen die dunklen Schatten der Passanten sich bewegten. Auf den Bänken der Anlagen sassen ausruhende Arbeiter und Pärchen; auch die Armen, die weder Geld noch Arbeit haben, lungerten dort in Menge umher. Und manches Auge sah neidisch herüber, wo im hellen Schein der Bahnhofslaternen die reichen Leute dem eleganten Gefährt entstiegen.
In der Wartehalle wurde Gräfin Berghorst von der Gesellschafterin, ihrer langjährigen Vertrauten, empfangen, einer älteren, sehr gemessenen Person von gediegen bürgerlichem Aussehen, die sich ihrer Herrin sofort anschloss, nachdem sie sich auch vor dem Grafen höflich verbeugt hatte.
„Meinen Gatten halten noch einige wichtige Besorgungen hier zurück,“ sagte die Gräfin, die dadurch zu erkennen gab, dass sie den Schein einer wirklichen Ehe in jedem Falle aufrecht zu erhalten strebte.
„Er hofft jedoch, dass er uns bald folgen kann! ... Nicht wahr, mein Freund?“
Etwas, von dem er selbst nicht wusste, was es heissen sollte, in seinen breiten, blonden Schnurrbart hineinmurmelnd, beugte sich der Graf und hauchte einen flüchtigen Kuss auf die Stelle des Handgelenks, die der etwas zurückgeschlagene Handschuh der Dame freiliess.
Dann empfahl er sich, als vollendeter Weltmann, den Zylinder in eleganter Pose etwas seitwärts haltend.
Aber während die Gesellschafterin bereits vorausschritt, beugte sich, schon im Gehen, die Gräfin noch einmal leicht zurück und sagte, nur für ihren Gatten hörbar:
„Wenn ich Ihnen noch einen Rat geben darf, mein Lieber, hüten Sie sich vor den Karten!“
Graf Berghorst schnitt eine Grimasse, als habe jemand sein vornehmstes Hühnerauge mit dem Stiefelabsatz in Berührung gebracht; dann drehte er sich, die rechte Gesichtshälfte zusammenkneifend und so das grosse Monokel ins linke Auge bringend, kurz um und schritt dem Ausgange zu.
Als die Gräfin neben ihrer Gesellschafterin über den Vorplatz schritt, um auf den Bahnsteig des Pariser Zuges zu gelangen, blieb sie einen Augenblick stehen.
Ihre Augen richteten sich auf einen Menschen, der ihr entgegenkam und vor dem sie, da auch sein Blick sie stark fixierte, mit einer instinktiven Gebärde den Schleier ihres Reisehütchens herunterliess.
Die grosse, in schlechter, abgerissener Kleidung steckende Gestalt dieses Mannes hatte wenig Vertrauenerweckendes.
Der finstere, schwarzbärtige Kopf, in dem die Augen so unruhig hin und her flogen, war auffällig klein und trug auf dem dunklen, kurzgeschorenen Haar eine sogenannte Wolkenschiebermütze.
Der Mann hatte eine Reisetasche aus schwarzem, abgerissenen Wachstuch in der Hand und schien auf dem anderen Bahnsteig, auf dem ebenfalls ein Zug hielt, fortfahren zu wollen.
Auch er hatte beim Anblick der Gräfin Berghorst, wie elektrisiert, den Schritt verhalten; als aber Maria Anna, einem leichten Ruck von der Hand der Gesellschafterin nachgebend, schnell weiterging, bewegte sich auch jener Mensch, wenn auch zögernd, vorwärts, und obgleich er sich mehrfach nach ihnen umsah, so hatten doch die beiden Frauen in wenigen Sekunden den Bahnsteig betreten und waren hinter dem dessen rechte Seite flankierenden Zuge verschwunden.
Als die Damen in einem Kupee erster Klasse sassen, das der Schaffner zum Dank für ein gutes Trinkgeld, solange wie es irgend anginge, für sie zu reservieren versprochen hatte, da fragte die Gesellschafterin, in deren erblassten Zügen noch immer ein ungläubiges Staunen und Erschrecken lag:
„War er’s denn wirklich, Marie?“
Die Gräfin nickte.
„Ja, da ist kein Zweifel, das war Fred Hunter!“
„Und glaubst du, dass er uns erkannt hat?“
„Sicherlich.“
Danach versank die Gräfin wieder in das Brüten, das sie in ernsten Lebensmomenten stets überfiel.
Und indem an ihrem umfassenden Geiste die Bilder ihres Lebens schnell vorüberzogen, mass sie die Entfernung zwischen ihnen ab, die Möglichkeiten, die das Einst und Jetzt miteinander zusammenstossen lassen konnten ....
Aber soviel sie sich mühte, die Erinnerungen, die so drohend sich herandrängten, zurückzustossen — sie bannte sie nicht, die schweren, schwarzen Wolken, die aus der Vergangenheit heraufzogen, und die ihre dunklen Schatten über den goldenen Strom warfen, an dem jetzt ihr Dasein blühte.
„Na, Herr Graf, wie ist es denn nun mit dem Provisiönchen?“
Graf Berghorst drehte sich um und sah bei dem ungewissen Licht der Laternen in das finnige und von einer rötlichen Bartfrese umrahmte Gesicht des Herrn Kretschmar, jenes Agenten, der ihm in Gemeinschaft mit noch zwei anderen Personen die Heirat mit Maria Anna Petersen vermittelt hatte.
Und gleichzeitig tauchten hinter diesem Herrn noch zwei andere Personen auf.
Eine etwas korpulente Frau im mit Pelz besetzten Seidenplüschmantel und mit einem schwarzen Federhut auf dem Kopf, dessen herabgelassener, dichter, weisser Schleier ihr Gesicht verdeckte. Und ein Mann im schwarzen Hohenzollernmantel, eine grosse deutsche Reckengestalt, mit langem, blondem Vollbart und den blauen Augen der alten Germanen, die allerdings ein wenig unsicher und vom Trinken gerötet schienen.
Graf Berghorst war förmlich zurückgeprallt bei dem plötzlichen Erscheinen dieser drei Leute, die ihm hier offenbar ebenso unerwartet als unerwünscht kamen.
Aber sofort erwachte in dem Aristokraten der hochmütige Stolz, der seiner Rasse stets zu Gebote steht, wo es sich um einen Konflikt mit niederstehenden Personen handelt.
Er trat einen Schritt zurück und fragte mit eisiger Stimme:
„Weshalb, wenn ich fragen darf, lauern Sie mir hier auf, halten Sie mich am Ende für Ihresgleichen?“
„Wie meinen Sie das, liebster Graf?“ meinte der Rotbärtige, dessen schmallippigen Mund ein höhnisches Lächeln umspielte.
„Wenn es Sie danach verlangt, will ich Ihnen die Erklärung nicht vorenthalten, Herrrr!“
Graf Berghorst erregte sich sichtlich, indem er mit diesem schon seinem Äusseren nach perfiden Menschen sprach.
„Bitte, bitte, genieren Sie sich gar nicht, Verehrter!“ höhnte letzterer weiter.
Aber nun legte sich der grosse, blonde Herr im schwarzen Kragenmantel ins Mittel und sagte:
„Lassen Sie doch Ihre spitzen Redensarten, Kretschmar, der Herr Graf wird es uns gewiss nicht übelnehmen, dass wir ihn hier erwartet haben ... mein Gott, jeder will doch sein Heu so bald wie möglich einbringen ... nicht wahr, Herr Graf?“
Er wandte sich mit einer chevaleresken Verbeugung an den Aristokraten.
„Sie verdenken es uns nicht, dass wir Sie bitten wollten, uns heute noch die Heiratsprovision auszuzahlen?“
„Jawohl,“ fiel jetzt die Dame ein.
„Darum wollten wir alle drei den Herrn Grafen ganz ergebenst gebeten haben. Denn erstens sind da die Vorschüsse, die wir dem Herrn Grafen verschafft haben und für die wir doch auch wieder haften müssen ... und dann hat uns die Zusammenbringung dieser Partie auch wirklich viel Mühe und noch mehr Unkosten gemacht ... schliesslich, nicht wahr, jeder Arbeiter ist doch seines Lohnes wert!“
Dem Grafen stieg der Ekel bis in die Kehle hinauf ... Das waren die Aasgeier, die auf seiner toten Ehre sassen und sich an ihr mästeten ... Er sah den Kretschmar an, der sich jetzt still verhielt, dessen bleiches, argwöhnisches Gesicht aber gespannt an jeder seiner Bewegungen hing, und er sah ein, dass er nichts Besseres tun könne, als so rasch wie möglich die Forderung dieser Leute zu befriedigen und sich ihrer Gesellschaft zu entziehen.
Wenn ihm jetzt einer seiner Bekannten begegnete! ... Welch eine Unvorsichtigkeit war es, sich mit diesen anrüchigen Leuten, die gewiss auch noch anderen ausser ihm bekannt waren, auf offener Strasse in lange Auseinandersetzungen einzulassen! Er suchte und fand eine Kaleschendroschke, die Raum für vier Personen bot.
