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Zum Autor: Hans Hüfner (1926-2009) wurde in der Kleinstadt Groitzsch südlich von Leipzig geboren. Der Krieg unterbrach seine Schulzeit auf St. Augustin zu Grimma/Sachsen, denn die Schüler des Jahrganges 1926 gehörten zu jenen jungen Menschen, welche ab Februar 1943 als Luftwaffenhelfer für den „Flak-Dienst“ der Leuna-Werke eingesetzt wurden. Ein sich anschließender „Reichsarbeitsdienst“ (RAD) führte ihn nach Ostpreußen. Offensichtlich gehörte es zum ungeschriebenen Gesetz, sich als Schüler einer höheren Schule zur Ausbildung als Reserveoffizier zu melden. Mein Vater absolvierte ab Juni 1944 seine Ausbildung beim Regiment der Hoch- und Deutschmeister in Brünn. Nach Marschbefehl verließ er am 2. April 1945 seinen Standort Znaim und kam nach vielen Wegen und Umwegen schließlich am 12. Mai 1945 in seiner Heimatstadt Groitzsch an. Dort erlernte er bei der Firma Sebastian das Maurerhandwerk, welches er mit der Gesellenprüfung im März 1947 abschloss. An Arbeit mangelte es durch die vielen Kriegszerstörungen nicht. Später studierte Hans Hüfner ab dem Wintersemester 1948/49 Architektur an der Technischen Hochschule in Dresden. Nach Beendigung des Studiums 1954 arbeitete er bis 1991 als Architekt in Dresden. Schon von frühester Jugend an schrieb er seine Erlebnisse und Eindrücke auf, so dass seine Studentenerlebnisse überwiegend auf Kalender- und Tagebuchaufzeichnungen sowie zahlreichen Briefen basieren.

Zur Herausgeberin: Claudia Stosik, geb. 1961 in Dresden, Tochter von Hans Hüfner, Studium der Geschichte, Kulturwissenschaften und Literatur an der staatlichen Fernuniversität Hagen. Masterarbeit über die Schulklasse ihres Vaters: „Die Kriegsjahre 1943-1944 und die Fürstenschüler von St. Augustin zu Grimma – Schuljahrgang 1939-1945“

Veröffentlichungen:

• Beitrag beim

Ideenwettbewerb der Deutschen Gesellschaft e.V., Werte und Wertewandel, Berlin 2012

• Schicksale im Ersten Weltkrieg – Erinnerung und Gedenken an Menschen in Dresden-Pieschen, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2016

• (Hg.) Kuriose Grenzgeschichten – Mai 1945 bis November 1989, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2017

• (Hg.) Wir sind im Land unserer Träume…

Eine Reise von Dresden nach Italien im Sommer 1957, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2018

Dresden, Juni 2018

Hans Hüfner

Claudia Stosik (Hg.)

MAN HAT’S NICHT LEICHT, SO ALS STUDENT

ARCHITEKT WOLLTE ER WERDEN

ZEITGESCHICHTE DER JAHRE 1948 BIS 1954

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2018

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Copyright (2018) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei Autor und Herausgeberin

Titelbild:

Der Autor am Strand von Ückeritz/Usedom 1952

Die Technische Hochschule Dresden

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALTSVERZEICHNIS

Cover

Zum Autor

Zur Herausgeberin

Titel

Impressum

Vorbemerkung

Ergänzende Gedanken der Herausgeberin

Die Vorstudienanstalt

Rückkehr in die sowjetische Besatzungszone

Unterricht nach fünfjähriger Pause

Verbotene Zeitschriften

Währungsreform

Studentenzeit 1948 – 1954

Architekturabteilung TH Dresden bis zum Vordiplom

Die Studentenbude

Der Untermieter

Wie man so lebte als Student

Trümmerfelder und Ruinen

Stipendium

Das zweite Semester

Die Vollgummibereifung

Freizeitaktivitäten – Der „King“

Minnedienst und Westmargarine

Freizeitaktivitäten – Theater

Semesterferien – Wildost im Erzgebirge

Grenzgeschichten

Gründung der DDR

Optimistische Tragödie

Das vierte Semester

Kunstgeschichtliche Exkursion

Vordiplom

Die Zweite, die größere Hälfte auf dem Weg zum Diplom

Veredelnde Elemente

Die Architektur in den Fünfziger Jahren

Semesterferien in Ückeritz

Berlin Bauakademie

Abschluss in Wilschdorf

Volksarmee!!!

Himmelfahrt

Luftmatratzen

Sperrzonen und Spione

Sommer 1952

1952 – die zweite Fahrt

Kündigung – die Hundebude

17. Juni 1953 – Volksaufstand

Der letzte Urlaub als Student

Finale

Dies Ater

Nachbemerkung des Autors

Erwähnte Literatur

Zeitungen/Internet

Quellen

persönliche Quellen

Bildnachweise

Abkürzungsverzeichnis

Anmerkungen

VORBEMERKUNG

Drei Jahre lag das Kriegsende zurück, als im Herbstsemester 1948 die Vorlesungen begannen. „Man hat’s nicht leicht, so als Student“, das ist nicht nur ein klangvoller Titel für meine Aufzeichnungen, es war wirklich so. Wir haben gehungert, gefroren, meine Kleidung bestand aus einer dunkelblau eingefärbten englischen Armeeuniform, und der allgemeine Mangel beherrschte unser Leben. Im Mittelpunkt meines Berichtes sollen aber weniger diese zeitbedingten Probleme stehen, sondern die überwiegend positiven Erinnerungen an unsere Studentenzeit.

„Architekt wollte er werden“, 1948 – 1954, das waren die Jahre des Studiums an der Architekturabteilung der Technischen Hochschule Dresden. Schon gemessen an der Zeitdauer, war das ein bedeutsamer Abschnitt meines Lebens.

Wir wussten schon damals unsere relative Freiheit und Unabhängigkeit zu schätzen. Es sind keine allein auf Grund der zeitlichen Distanz von mehr als einem halben Jahrhundert verklärte Erinnerungen. Deshalb habe ich auch nie darüber geklagt, dass ich um meine Jugend betrogen wurde. Wir mussten auf manches verzichten, aber wir haben unsere bescheidenen Möglichkeiten optimal genutzt und gerade das hat uns Erlebnisse beschert, wie sie jetzt nicht mehr denkbar sind. Das hat sicher auch dazu geführt, dass in meinen Betrachtungen weniger die fachlichen Probleme unserer Studentenzeit im Vordergrund stehen. Basis meiner Publikation sind zeitgenössische Aufzeichnungen aus Tagebüchern, Briefen und Kalendern.

Sinngemäß trifft das auch auf die Jahre meiner praktischen Tätigkeit als Hochbaupraktikant, als Architekt in volkseigenen Projektierungsbüros zu. 37 Jahre habe ich damit zugebracht, am laufenden Bande Bauprojekte der verschiedensten Art zu produzieren.

Dresden, Oktober 2007

Hans Hüfner

ERGÄNZENDE GEDANKEN DER HERAUSGEBERIN

Mittelpunkt dieser Publikation sind Erlebnisse und Ereignisse in den 1950er Jahren, die, nach den schweren Kriegszeiten, für den Autor sehr abwechslungsreiche Jahre im positiven Sinne waren. Zum Anfang soll im Kapitel Vorstudienanstalt eine kurze Einführung erklären, warum nicht sofort nach Kriegsende ein Studium aufgenommen werden konnte. Zum Studienbeginn im Oktober 1948 war mein Vater bereits 22 Jahre alt, hatte allerdings schon eine Maurerlehre absolviert. Die Zeit zwischen dem Kriegsende und Studienbeginn, welche in dieser kleinen Publikation nur gestreift wird, war ereignisreich. Sie war nicht nur von Hungerjahren geprägt, sondern stellte auch schon so manche Herausforderung und Mut zu Entscheidungen an den jungen Protagonisten. Vorzeitig aus der Schule in Grimma im Februar 1943 zum Flak-Dienst für die Leunawerke abkommandiert, später Reichsarbeitsdienst und Wehrmachtsausbildung, musste im Sommer 1945 die persönliche und berufliche Situation von Hans Hüfner eine Neuorientierung erfahren.

Viele Episoden beschreiben auf humorvolle Art, wie der nicht immer einfache Alltag gemeistert wurde. Auch zahlreiche Vergnügungen und der Urlaub kamen nicht zu kurz. Mit dem Fahrrad fuhren die Studenten mehrere Jahre in Folge während der Semesterferien an die Ostsee. Die kurzweiligen Reisebeschreibungen geben beiläufig Eindrücke vom Leben im Nachkriegsdeutschland. Unterwegs sahen die Studenten noch vielerorts Ruinen, auch kleine Landstädtchen, welche oftmals zum Ende des Krieges noch sinnlos zerstört wurden. Es ist eine Zeit des Mangels und der Entbehrung, aber wie es mein Vater selbst beschrieb, war es eine interessante Zeit. Vielleicht lag es auch daran, dass die Studenten in seinem Semester alle noch den Krieg in seiner letzten Phase unfreiwillig miterleben mussten, auch die schwierige Zeit zwischen 1945 und 1947 meistern mussten und daher um so hoffnungsvoller einen Neustart begannen.

Von den Zeitzeugen aus jenen Jahren, die man befragen könnte, leben nur noch wenige. Ich greife deshalb auf die stummen Zeugen aus diesen Jahren zurück – Briefe –, die damals geschrieben, gesammelt und sorgfältig aufbewahrt wurden und somit für die Nachgeborenen erhalten blieben. Ergänzend zum Text meines Vaters geben diese Briefe doch persönliche Eindrücke des Schreibenden wieder. Jeder Mensch erlebte Ereignisse wie beispielsweise den 17. Juni 1953 sehr unterschiedlich, doch meist sind die persönlichen Sichtweisen auf das Geschehen nicht auf’s Papier gebracht worden. Dieses Ereignis und andere politische Höhepunkte fanden in jenen Jahren des Studiums meines Vaters statt und sollen deshalb nicht unerwähnt bleiben.

Übergangslos beginnt nach dem Studium der „Ernst des Lebens“, in dem die erworbenen theoretischen Kenntnisse und Fähigkeiten zur praktischen Ausübung in volkseigenen Betrieben angewandt werden konnten. Das Berufsleben wird an dieser Stelle nicht aufgeführt, jedoch schienen die ersten beiden Arbeitsstellen interessant gewesen zu sein und das nicht nur auf Grund der Arbeit, sondern auch auf Grund der gemeinsamen Ausflüge und Veranstaltungen der Arbeitskollegen. Zeigen sie doch einen kleinen Ausschnitt des Lebens im Ostteil Deutschlands zu einer Zeit, die noch lange von den Folgen des Krieges geprägt war. In einer folgenden Publikation könnte dieses Thema ausführlicher zu Wort kommen.

Die Lebensmittelkarten wurden erst Ende der 1950er Jahre für immer abgeschafft. Aber was danach folgte, die Mauer, war noch einschneidender für die Menschen.

Dresden, Juni 2018

DIE VORSTUDIENANSTALT
KREISKOMMISSION LEIPZIG

6. Januar 1948, Rückkehr auf die Schulbank nach fünfjähriger Unterbrechung. Bereits drei Jahre zuvor, Ostern 1945, sollte ich meine Schulzeit an der Fürstenschule St. Augustin zu Grimma mit dem Abitur abschließen. Aber die Verhältnisse ließen das nicht zu im Frühjahr 1945. Immerhin hatte ich die letzten Wochen des Krieges unverletzt überlebt. Dass uns die Russen nach der bedingungslosen Kapitulation nach Hause geschickt hatten und nicht nach Sibirien, grenzte fast an ein Wunder, hat mir Jahre der Gefangenschaft erspart. Dass ich nun hier, an einer „Vorstudienanstalt“, mit einer Verspätung von vier Monaten noch antreten durfte, um die Hochschulreife zu erwerben, war ein weiteres Wunder.

Nach meiner Entlassung aus der Wehrmacht, welche laut amerikanischem „Certificate of Discharge“ am 11. Juni 1945 erfolgte, hatte ich ausreichend Zeit und Muse, darüber nachzudenken, wie es nun mit mir weitergehen sollte. Irgendwie musste ich ja versuchen, meinen Lebensunterhalt durch eigener Hände Arbeit zu verdienen. Die Entscheidung, Maurer zu werden, war kein Zufall. Ein Bauberuf war schon früher einmal in die engere Wahl gezogen worden. Den letzten Anstoß lieferten aber die deutschen Trümmerfelder, die der Krieg hinterlassen hatte, eine Garantie dafür, dass zu meinen Lebzeiten die Arbeit nicht ausgehen würde.

Ich hatte zunächst nun das Nahziel, die Berufsausbildung als Maurer abzuschließen. Am 20. August 1945 begann ich meine Arbeit als Maurerlehrling in der Firma „Baumeister Friedrich Sebastian“ in Groitzsch. Den Lehrvertrag musste mein Vater unterschreiben, weil ich vor dem Gesetz nicht als mündig galt. Kein Mensch wusste, ob und wann die Bauschulen ihren Lehrbetrieb wieder aufnehmen würden.


Arbeit als Maurerlehrling u. a. beim Aufbau des Bahnhofs in Groitzsch bei Leipzig

Auch die Zusage, dass wir eines Tages ohne Prüfungen und sonstige Formalitäten nach der Entlassung aus der Wehrmacht einen „Vorsemestervermerk“ erhalten würden, war mit dem Ende des Dritten Reiches hinfällig geworden.

Wider Erwarten wurde bereits im Oktober 1945 an der Fürstenschule zu Grimma mit der Bildung einer Abiturientenklasse der Unterrichtsbetrieb wieder aufgenommen. Ich hatte auch eine entsprechende Einladung erhalten, mich aber dann doch entschieden, die begonnene Berufsausbildung nicht abzubrechen, auch weil ich das damals als Grundlage für ein Fach- oder Hochschulstudium betrachtete. Einige meiner früheren Klassenkameraden, mein Freund Günther F. gehörte dazu, hatten diese Möglichkeit genutzt, im Mai 1946 das Abitur abgelegt und bereits im Herbst 1946 das Studium an einer Hochschule aufgenommen. Ich konnte meine Berufsausbildung als Maurer erst im Frühjahr 1947 mit der Gesellenprüfung abschließen. Etwa zur gleichen Zeit wurde in der Presse durch eine „Kreiskommission Leipzig zur Förderung des Arbeiterstudiums und minderbemittelter Studenten und Schüler“ für die Teilnahme an einem Vorbereitungslehrgang zum Hochschulstudium geworben. Ohne Zweifel konnte ich als hochgradig minderbemittelt gelten, was meine finanziellen Verhältnisse betraf und sowohl meiner Herkunft als auch meiner beruflichen Tätigkeit nach, betrachtete ich mich als Arbeiter, als was sonst. Deshalb glaubte ich, die erforderlichen Voraussetzungen zur Teilnahme an diesem Vorbereitungslehrgang zu erfüllen. Ich hatte aber nicht bedacht, dass es noch weitere Auswahlkriterien geben könnte.

Mit einer Arbeitsverpflichtung, „bis auf weiteres als Hilfsarbeiter beim Arbeitsamt Aue“, die mir in den Abendstunden des 19. Juli 1947, einem Sonnabend, die Volkspolizei ins Haus brachte, wurde diese Bewerbung praktisch gegenstandslos. „Bis auf weiteres“ konnte im ungünstigsten Falle auch lebenslänglich sein und weil „lebenslänglich als Hilfsarbeiter“ keine besonders attraktive Perspektive für meine Zukunft verhieß, machte ich mich, statt nach Aue, in westlicher Richtung auf den Weg. Um mich dieser unbefristeten Arbeitsverpflichtung in den Uranbergbau zu entziehen, hatte ich im Juli 1947, nicht ganz freiwillig, die sowjetische Besatzungszone verlassen und war in die britische Besatzungszone über gewechselt. Dort erreichte mich, von meinen Eltern nachgesandt, ein Schreiben mit folgender Begründung:


Schreiben der Kreiskommission Leipzig vom 1. September 1947

„Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Sie für den III. Vorbereitungslehrgang zum Hochschulstudium Herbst 1947 nicht zugelassen werden konnten.“

Grund:

„Sie scheinen sich am Neuaufbau nicht aktiv zu beteiligen, da Sie weder der FdJ noch einer der antifaschistischen Parteien angehören.“

Der „Vorbereitungslehrgang zum Hochschulstudium“ war damit für mich kein Thema mehr, was mir schließlich auch durch diese Kreiskommission schriftlich bestätigt wurde. Was mich veranlasste, noch einmal an diese Kreiskommission zu schreiben, war die Begründung der Ablehnung. Ich gehörte ja tatsächlich keiner Partei an, aber was meine Beteiligung am Neuaufbau betraf, da meinte ich, meinen Beitrag unter schwierigsten Bedingungen geleistet zu haben. Offenbar spielte das aber nur eine untergeordnete Rolle und wog das nicht vorhandene Parteibuch nicht auf. Ich verfasste mein Schreiben, kein Gnadengesuch, mit kritischen Betrachtungen zu den Gründen für die Ablehnung, verbunden mit der Bitte um Stellungnahme. Eine Stellungnahme gab und gibt es gewöhnlich in solchen Fällen nicht. Stattdessen wurde ich am 15.11.1947 ganz überraschend durch ein Telegramm informiert, ich solle am 17.11.1947 in Leipzig zur Prüfung erscheinen. Weil ich zu dieser Zeit infolge eines Unfalls im Bett lag und nicht laufen konnte, musste ich absagen, was ich als endgültigen Schlusspunkt betrachtete. Nun dieses Telegramm, das am Heiligen Abend in Ringelstein1, meinem damaligen Aufenthaltsort, eintraf. Sein Inhalt:

„Komme nach Hause, da zugelassen zum Lehrgang der Vorstudienanstalt. Unterrichtsbeginn am 6. Januar. Dein Vater Paul Hüfner“2

***

RÜCKKEHR IN DIE SOWJETISCHE BESATZUNGSZONE

Diese Weihnachtsüberraschung bescherte mir eine unruhige Nacht, Zweifel kamen auf. Aber im Verlauf der nächsten Tage rang ich mich durch, in die SBZ zurückzukehren. Immerhin war damit das Risiko verbunden, dass die angedrohten Strafen wegen Nichtbefolgens der Arbeitsverpflichtung wirksam werden könnten. Am Silvestertag verließ ich mein Domizil in Ringelstein, um in der Neujahrsnacht zwischen Eichenberg und Arenshausen im Eichsfeld über die Grenze zu gehen. Zweifellos war das ein Zeitpunkt, der das Unternehmen außerordentlich begünstigte. Das neue Jahr wurde eingeläutet, als der Zug in Hedemünden an der Werra einlief, und kurz nach Mitternacht stand ich, zunächst ziemlich einsam, in der Schalterhalle des Bahnhofs Eichenberg, mit den besten Vorsätzen für das neue Jahr und in der Hoffnung auf einen glücklichen Grenzübergang. Offenbar war nicht schwer zu erkennen, welches Vorhaben mich zu so außergewöhnlicher Stunde an diesen Ort verschlagen hatte, denn es dauerte nicht lange, da hatten sich ein paar Schicksalsgenossen zusammengefunden, die wie ich, die Gunst der Neujahrsnacht für ihre Zwecke nutzen wollten.

Es war eine ruhige mondhelle Nacht, der Boden war hart gefroren, stellenweise lag noch etwas Schnee, und wir schienen tatsächlich weit und breit die einzigen Menschen zu sein. Bis Hohengandern, bereits in der Ostzone, marschierten wir an einem Bahndamm entlang, der keine Gleise mehr trug, unbehelligt von Grenzwächtern beider Seiten. Von Arenshausen, der ersten Bahnstation jenseits der Grenze, hofften wir, im Laufe des Tages mit der Eisenbahn weiterzukommen. Aber der Fahrplan besagte, dass an Sonn- und Feiertagen der Zugverkehr ruhe, dass wir demzufolge noch über 26 Stunden warten müssten. Am Neujahrsmorgen gegen 3 Uhr mussten wir diese herbe Enttäuschung hinnehmen. Zum Glück war der Schalterraum des kleinen Bahnhofs nicht abgeschlossen. Es gab dort ein paar Bänke, die zur Nachtruhe einluden, in meinem Gepäck hatte ich eine Wolldecke, und ein Gefährte dieser Nacht fand in den Zäunen benachbarter Grundstücke geeignetes Brennmaterial für den eisernen Ofen, der offenbar gemäß Eisenbahnbau- und Betriebsordnung hier zu stehen hatte. Diese gebündelten Maßnahmen brachten nicht das erhoffte Ergebnis. Ich fror jämmerlich. Deshalb packten wir, als der Morgen graute, unser Gepäck zusammen und machten uns auf den Weg in Richtung Heiligenstadt. Bis dahin waren es immerhin zwölf Kilometer, die wegen meiner umfangreichen Habe mit Schweiß aufgewogen werden mussten. Natürlich gab es an diesem Neujahrstag von Heiligenstadt aus keinen Zugverkehr, weshalb es, uns ausgenommen, auch keine weiteren Fahrgäste und damit auch keine Veranlassung gab, den Warteraum zu heizen. Für ein paar Stunden fanden wir etwas Wärme im Kino. Dort wurde in der Kindervorstellung ein Russenfilm gezeigt: „Admiral Nachimow besiegt die Türken“.


Bahnhof Heiligenstadt, wo mein Vater am Neujahrstag 1948 nächtigte.

Wir ließen es über uns ergehen. Anschließend rückten wir in einer Kneipe ein paar Stühle an den Ofen und tranken dazu, weil es nichts anderes gab, heißen Kinderkaffee. Für die Nacht fanden wir in einem Durchgangslager für Kriegsgefangene eine Bleibe. Hier war gerade ein Transport aus Russland eingetroffen, der in die britische Zone weitergeleitet werden sollte. Ihre Entlassung aus der Gefangenschaft hatten sie offenbar ihrem miserablen Gesundheitszustand zu verdanken. Es waren ausnahmslos bleiche, abgemagerte Gestalten in verschlissenen Uniformen, darunter junge Burschen, nicht älter als wir, mit greisenhaften Gesichtszügen, mit dick angeschwollenen Beinen. Relativ gut genährt und gekleidet, deshalb mit zwiespältigen Gefühlen, stand ich diesem Elend gegenüber. Im Überschwang des Sieges hatten mich die Russen im Mai 1945 nach Hause geschickt und nicht nach Sibirien. Hier hatte ich vor Augen, was mir dadurch erspart geblieben ist.

Am 2. Januar 1948 früh 4 Uhr fuhr der erste Zug ab Heiligenstadt in Richtung Sangerhausen. Dort mussten wir bis zur Weiterfahrt wieder neun Stunden warten. Wartezeit war Zeit für Gespräche. Die Warteräume in den Bahnhöfen waren überfüllt mit Reisenden. Es waren keine Vergnügungsreisenden und viele von ihnen hätten Abenteuerliches erzählen können.

Neben mir saß ein ehemaliger Landser. Er kam direkt aus Italien, war dort aus amerikanischer Gefangenschaft geflohen und wollte nun nach Hause. Ich musste wieder an die Gefangenen denken, die aus Russland kamen, mit denen ich gestern in Heiligenstadt gesprochen hatte. Ein junger Mann borgte sich bei mir 20 Mark, um eine Fahrkarte für die Heimfahrt bezahlen zu können. Ich wusste, dass ich das Geld nie wieder sehen würde. In Halle wieder Warten auf den Anschluss, dann in dreistündiger Fahrt in einem hoffnungslos überfüllten Zug nach Leipzig. Etwa 60 Stunden war ich unterwegs, als ich in den Morgenstunden des 3. Januar 1948 wieder zu Hause war.

***

UNTERRICHT NACH FÜNFJÄHRIGER PAUSE

Der Lehrgang hatte bereits im September begonnen. Ich musste also den Unterrichtsstoff von vier Monaten nachholen. Zunächst gab es auch einige Anlaufschwierigkeiten. Nach relativ kurzer Zeit hatte ich aber den Anschluss geschafft. Das war einmal den ausgezeichneten Lehrkräften zu danken, zum anderen erwies sich das Fundament, das vor Jahren auf St. Augustin gelegt wurde, als sehr solide und tragfähig, und drittens war ich ja auch mit dem Vorsatz hier eingestiegen, die Zeit zu nutzen.

Neben den allgemeinen Unterrichtsfächern gab es an der Vorstudienanstalt auch eine Vorlesung „Einführung in die Geschichte und Volkswirtschaft“, durch die ich mit den philosophischen Grundlagen des Marxismus, mit dem Kommunistischen Manifest und der marxistischen Politökonomie bekannt gemacht wurde. Der Dozent, ein gewisser Dr. Sch., hatte die Gabe, diesen Stoff interessant zu gestalten und in einer lockeren Form seinen Zuhörern verständlich zu machen. Ich denke zuweilen heute noch oder wieder daran, nachdem wir in den letzten Jahren Gelegenheit hatten, das Für und Wider der globalen Marktwirtschaft kennen zu lernen.


Bescheinigung über den Beitrag des Autors beim Neuaufbau des Landes

In meiner Klasse strebten mit mir noch etwa 25 weitere, ausnahmslos männliche Personen, das gleiche Ziel an, nach bestandener Prüfung an einer Hochschule zu studieren. Fast alle waren noch Soldat gewesen, und fast alle waren jetzt Mitglied einer Partei, der Partei. Ein paar Scharfmacher waren auch darunter.

Unter dem 2. Juni 1948 findet sich in meinem Kalender eine Notiz: „Man spricht mit mir“. „Man“, das waren jene Scharfmacher, die aus mir unbekannten Gründen irgendetwas gegen mich hatten, wahrscheinlich, weil ich mich nicht entschließen konnte, einer Partei und noch nicht einmal der FDJ beizutreten. Zuvor hatte der als Klassenleiter eingesetzte Dozent, ein gewisser Dr. H., bereits versucht, mich dazu zu bewegen, die Vorstudienanstalt freiwillig zu verlassen. Wahrscheinlich war auch das auf Betreiben der „Scharfmacher“ geschehen. Weil ich aber in allen Fächern gute Leistungen vorweisen konnte, in Mathe hatte ich sogar eine 1, fand sich kein Vorwand, mich von der weiteren Teilnahme am Lehrgang auszuschließen. Als im August die letzten Prüfungen stattfanden, war bereits geklärt, dass ich mit dem Beginn des Wintersemesters 1948/49 ein Studium an der Architektur-Abteilung der Technischen Hochschule Dresden aufnehmen würde. Wegen der nicht befolgten Arbeitsverpflichtung gab es nach meiner Rückkehr aus der britischen Zone keine Schwierigkeiten. Erst später wurde meinem Vater zugetragen, dass mich gewisse Leute ganz gern noch angeschwärzt hätten. Die Namen sind bekannt, aber inzwischen ist das alles längst verjährt.


Die Eintrittskarte zum Abschlussball der Vorstudienanstalt Leipzig in der „Güldenen Aue“ in Leipzig-Sellerhausen.

Nach abgeschlossener Prüfung durften wir uns, sozusagen als Anerkennung, einen FDGB-Ferienplatz aussuchen. Mit meinem Klassenkameraden Klaus Z. hatte ich mich für Rathen in der Sächsischen Schweiz entschieden. Auf der Fahrt dorthin mussten wir in Dresden unser Gepäck von einem Polizeiaufgebot durchsuchen lassen. „Volkskontrolle“ nannte sich das, und nach Schieberware suchten sie. Ein Brot, das ich mir als Zusatzverpflegung für den Urlaub eingepackt hatte, durfte ich behalten. In Rathen kam ich mit einem jungen Mann ins Gespräch. Jahrgang 1926, wie ich. 1946 war er von den Russen verhaftet worden. Als angeblicher Angehöriger des „Werwolf“ hat er zwei Jahre in Buchenwald verbüßt, ohne Verhandlung, ohne Urteil.

„Viele haben sich das Leben genommen, vor ein paar Wochen wurde ich entlassen.“

Die Zeit bis zum Beginn des ersten Semesters in Dresden wurde genutzt, um die immer noch schmale Ernährungsgrundlage etwas aufzubessern. Eine Notiz aus jenen Tagen besagt:

„Wieder von Rathen zurück, beginnt sofort das Kartoffelstoppeln. Zu Hunderten und Tausenden ziehen die Menschen durch die Fluren und überfallen die Felder wie Heuschreckenschwärme. Die Stimmung ist äußerst gereizt.“

***

VERBOTENE ZEITSCHRIFTEN

In diesen Tagen erregten wir, unsere Familie, aus uns unverständlichen Gründen erstmalig die Aufmerksamkeit der Volkspolizei. Am 2. Oktober 1948 erschien ein Volkspolizist in der Wohnung meiner Eltern, in der Hand eine Liste, worauf die Abonnenten von Zeitschriften vermerkt waren, die in den westlichen Besatzungszonen erschienen. Das betraf meine Person mit der Zeitschrift „Die neue Stadt“, einer Fachzeitschrift für Städtebau und meinen Vater mit dem „Polygraf“, der Titel sagt es schon, einer Zeitschrift für das grafische Gewerbe. Beide kamen aus Frankfurt am Main. Am liebsten wollte der junge Mann sämtliche uns vorliegenden Nummern dieser Zeitschriften gleich mitnehmen. Nach Protesten unsererseits beließ er es bei aufklärenden Worten, dass es verboten sei, Zeitschriften westlichen Ursprungs zu abonnieren, was wir, verwundert bis verständnislos, zur Kenntnis zu nehmen hatten. Die bezeichneten Zeitschriften wurden schließlich ganz legal durch die Post angeliefert. Das löste aber auch Betrachtungen über die Befugnisse der Polizei im Allgemeinen und im Besonderen darüber aus, auf welche Weise sich die Polizei Kenntnis über den verdächtigen Personenkreis verschafft hatte. In späteren Jahren haben wir uns über Derartiges nicht mehr gewundert.

Im Gegensatz dazu konnte man noch im Sommer des Jahres 1948 in Leipzig ganz offiziell im Zeitschriftenhandel den Westberliner „Telegraf“ kaufen. An einem Stand vor dem Alten Rathaus in Leipzig hatte ich für 50 Pfennige die Broschüre „Offen gesagt“ des ehemaligen US-Außenministers John F. Byrnes erworben. Darin wurden den Sowjets sehr offen ihre Sünden vorgehalten. Dieser Freizügigkeit war nach der Währungsreform und mit der Berlinblockade ein Ende gesetzt worden. Dass es trotzdem noch Schlupflöcher gab, sollten wir bald erfahren. Der Postverkehr funktionierte noch, und meinen Vater erreichten nun regelmäßig Paketsendungen aus Westberlin, deren Inhalt aus besonders für diesen Zweck in Kleindruck und Miniformat hergestellten Westberliner Tageszeitungen bestand.

Nach welchen Gesichtspunkten gerade mein Vater als Empfänger dieser höchst brisanten Sendungen ausgewählt wurde und von wem, vermochten wir nicht zu ergründen.

***

WÄHRUNGSREFORM

Der Währungsreform in den drei westlichen Besatzungszonen, am 20. Juni 1948, folgte wenige Tage später, am 23. Juni, der Geldumtausch in der sowjetischen Besatzungszone. Das waren wesentliche Voraussetzungen für die ein Jahr später erfolgten Gründungen der beiden deutschen Staaten3 und damit bedeutsame Stationen auf dem Wege zur Teilung Deutschlands. Weil auch heute, zehn Jahre nach der Wiedervereinigung4, der Begriff „Währungsreform“ bei einigen Bürgern der alten Bundesrepublik reflexartig die Vorstellung auslöst, dass sie allein mit 40 DM beginnen mussten, während die im Osten …, will ich hier einfügen, was die meisten Menschen nicht mehr wissen, wie das damals im Osten war.

Während am Tage der westlichen Währungsreform das neue, in den Vereinigten Staaten gedruckte Geld (und so sah es auch aus) bereits zur Verfügung stand und ausgegeben werden konnte, wurden in der SBZ zunächst die alten Reichsmarkscheine beibehalten, durch eine aufgeklebte Marke aufgewertet und so zur neuen DM-Ost umfunktioniert. Jedem Bürger standen 70 Mark der neuen Währung zu, alles Übrige wurde 1:10 abgewertet. Sparguthaben aus der Zeit ab Mai 1945 bis zu einer Höhe von 100 Reichsmark wurden im Verhältnis 1:1 umgewertet, darüber hinausgehende Beträge bis zu 1000 Reichsmark im Verhältnis 1:5 und dann weiter 1:10. Auf diese Weise wurden aus einem Guthaben von 1131,58 Reichsmark, das sich nach 1945 auf meinem Sparkonto angesammelt hatte, 293,00 DM-Ost. Das war der Gegenwert für zwei Jahre Arbeit auf dem Bau. Das Umtauschverhältnis war für die Ostdeutschen zweifellos günstiger als für die Westdeutschen. Aber, was bei dieser Bewertung nicht berücksichtigt ist:

Den Bewohnern der SBZ hatte man gleich 1945 ihre Sparkonten gesperrt. Für sie traf nicht zu, was Autor Hans Riehl in seinem Buch „Requiem für eine Währung“ schreibt:

„Gerade in den Nachkriegsjahren mußten viele Menschen auf Erspartes zurückgreifen. Um einigermaßen über die Runden zu kommen, mußte oft der letzte Pfennig ausgegeben werden – beim Hamstern, und wenn es sein mußte, auch einmal auf dem Schwarzmarkt.“5

Die Ostdeutschen hatten nichts Erspartes mehr, auf das sie zurückgreifen konnten.


Das Sparbuch von Hans Hüfner

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STUDENTENZEIT 1948 – 1954
ARCHITEKTURABTEILUNG TH DRESDEN BIS ZUM
VORDIPLOM

Die Jahre 1948 und 1954 sind Anfang und Ende meiner schließlich erfolgreichen Bemühungen, an der Architekturabteilung der Technischen Hochschule Dresden den akademischen Grad eines Diplomingenieurs zu erlangen. Aber nicht nur davon soll hier die Rede sein, sondern auch vom Alltag jener Jahre, der uns Studenten trotz zeitbedingter Probleme und Schwierigkeiten auch beachtliche Freiräume bot.

Am 11. Oktober 1948 sollten mit dem Beginn des Wintersemesters 1948/49 an der Technischen Hochschule Dresden die Vorlesungen beginnen. In einem Brief vom 12. Oktober 1948 an meine Eltern teilte ich ihnen folgende Eindrücke mit:

„Ich bin gut in Dresden angekommen. Die Bahnfahrt war kein Vergnügen, die Fenster im Abteil nicht verglast. In Riesa ging es nicht weiter, weil die Lokomotive einen Schaden hatte. Ankunft in Dresden mit einer Stunde Verspätung.“

Erst am 25. Oktober war es dann tatsächlich so weit.

***

DIE STUDENTENBUDE

Bereits im August war ich das erste Mal in Dresden, um mir eine Bleibe für die kommenden Jahre zu sichern. Beim Studentenrat gab es einen Zimmernachweis, aber das Angebot bestand fast ausschließlich in möblierten Zimmern, die mehr oder weniger am Stadtrand lagen. Deswegen war ich, als schließlich mein dritter Versuch von Erfolg gekrönt war, bereits zweimal mit der Straßenbahn von einem zum anderen Ende durch Dresden gefahren und auch ein ganzes Stück durch die zerstörte Innenstadt gelaufen.


Blick aus der Münzgasse auf die Ruine der Frauenkirche im Jahr 1962

Drei Jahre nach den Angriffen vom Februar 1945 war hier das Leben noch nicht zurückgekehrt, sieht man einmal von den jungen Birken, der Goldrute und sonstigen Kräutern ab, die sich auf dem Trümmerschutt angesiedelt und hier eine ausreichende Lebensgrundlage gefunden hatten. Die Hauptstraßen waren zwar von Trümmern beräumt, aber ausgebrannte Ruinen säumten die Straßenränder. Es gab keine bewohnbaren Gebäude, es gab keine Geschäfte, und zwangsläufig gab es auch keine Menschen in dieser Trümmerwüste. An Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur der allgemeine Eindruck dieses bis dahin unvorstellbarem Chaos hat sich meinem Gedächtnis für alle Zeiten eingeprägt.


Der Postplatz in Dresden mit Ruine der Sophienkirche Hintergrund der Schlossturm ohne Haube Ende der 1950er Jahre

Mit Vorlesungsbeginn im Oktober bezog ich dann auch meine Studentenbude in einem freistehenden Doppelhaus in der Brunnenstraße in Dresden A 20, Leubnitz-Neuostra, einem Stadtteil mit ländlichem Charakter, in dem es damals noch richtige Bauernhöfe gab, eine stattliche Dorfkirche und nur vereinzelt auch einige Ruinengrundstücke. Meine „Studentenbude“ war ein ziemlich unzweckmäßig möblierter Raum, der nur über das Wohnzimmer meiner Wirtsleute erreichbar war, was die uneingeschränkte Kontrolle meiner Person und der Personen, die bei mir ein- und ausgingen, ermöglichte.


Der Blick aus dem Fenster der „Studentenbude“ in Leubnitz-Neuostra

Aber als Neuling auf diesem Gebiet hatte ich das erst später erkannt. Monatlich waren 25,00 DM (Ost) als Miete zu entrichten. Immerhin lag meine Wohnung im Grünen, abseits vom Verkehrslärm, aber gleichfalls ziemlich weit entfernt von den öffentlichen Verkehrsmitteln, so dass es sich als zweckmäßig erwies, den täglichen Weg zur Hochschule in jeweils 45 Minuten für Hin- und Rückweg zu Fuß zurückzulegen. Das wiederum wertete ich als der Gesundheit dienlichen und auch nötigen Ausgleich, weil ich doch nun in erster Linie geistig tätig sein sollte.

***

DER UNTERMIETER

Meine Wirtin, mit Namen Frau Käte, war ohne Zweifel der Herr im Hause. Sie war ein guter Mensch und hegte mir gegenüber starke mütterliche Gefühle, was sie dadurch zum Ausdruck brachte, dass sie mich in Ermangelung eigener Kinder und ohne meine Einwilligung zu ihrem „Vizesohn“ ernannte.

Daraus leitete sie in der Folgezeit auch mütterliche Rechte ab. Aus ihren angemaßten Rechten wurden für mich schließlich Pflichten, denen ich mich kaum entziehen konnte. Das erstreckte sich über meine Mitwirkung an der Vorbereitung der Mahlzeiten wie Kartoffelstampfen und anderen Hilfsdiensten in der Küche bis zur Schnellreparatur von defekten Schuhen, wenn sich wieder einmal die Sohlen gelöst hatten. Die Hasen waren zu füttern, und einmal, ich mag gar nicht daran denken, wurde ich dazu ausersehen, eines dieser armen Tiere zu schlachten, zu töten. Es war das erste und gleichzeitig das letzte Mal in meinem Leben, dass ich mich zu einer solchen ruchlosen Tat überreden ließ. Diese Aufzählung meiner Pflichten ließe sich beliebig erweitern.

Aus einem Brief an meine Eltern vom 30. Januar 1949:

„Nächste Woche fährt meine Wirtin für drei Wochen zur Erholung. Ihrem „Männelein“ gibt sie nun gute Ratschläge, was und wie er kochen soll, daß er Staub wischen und auch den Keller sauber machen soll. ,Nicht wahr, Herr Hüfner, Sie kümmern sich auch mal ein bißchen mit drum’.“

Ich möchte nur noch erwähnen, dass sie, nämlich Frau Käte und ihr „Männelein“, wie sie ihren Ehemann liebevoll nannte, sich auch meiner noch schlummernden künstlerischer Fähigkeiten bedienten, wenn sie Entbehrliches aus ihrem Haushalt gegen lebenswichtige Naturalien eintauschen wollten. Jeder musste damals zusehen, sich über Wasser und am Leben zu erhalten. Das traf auch und besonders für meine Wirtsleute zu.


Meine Wirtin Frau Käte und ihr „Männelein“

…rastlos tätig in Haus und Hof und Garten und jederzeit besorgt…


um das Wohlergehen des Untermieters und Vizesohns

Er nannte sich noch immer „Obertelegrafeninspektor“, hatte aber diesen klangvollen Titel mit dem Zusatz „a.D.“ versehen müssen, weil er als einstiges Mitglied einer großen Partei nun kein Obertelegrafeninspektor mehr war und überhaupt, weil es nun keine Beamten mehr gab.

Jedes Mal, wenn sie sich zum Verkauf eines weiteren Stückes ihrer gut bürgerlichen Wohnungseinrichtung gezwungen sahen, wurde ich beauftragt, dasselbe zur Veranschaulichung für potenzielle Käufer „abzumalen“, das heißt, eine Bleistiftskizze davon anzufertigen. Mein Können wurde auf eine harte Probe gestellt, als es galt, ein formloses Gebilde aus Hirschgeweihen darzustellen, welches bis dahin die Wohnzimmerleuchte umschlang. Dann erinnere ich mich noch an einen Friedhofsengel aus Marmor in voller Lebensgröße, der offenbar seinen Zweck erfüllt hatte und der nun gegen Kartoffeln aufgewogen werden sollte. In beiden Fällen war mein Werk zur vollen Zufriedenheit der Auftraggeber gelungen. Mit einem Topf voller Pellkartoffeln zum Abendessen wurde ich dafür belohnt. Es war zwar eine brotlose, aber dennoch nahrhafte Kunst.

***

WIE MAN SO LEBTE ALS STUDENT

Das Studium der Architektur brachte zunächst keine außergewöhnlichen Belastungen mit sich. Bestenfalls zu Prüfungszeiten spitzte sich die Situation zu, aber so weit waren wir noch nicht. In meinem Kalender machte ich die Notiz:

„An den Betrieb an der TH haben wir uns bald gewöhnt, der Stoff ist zu bewältigen, bis auf Physik“.

Aber Physik war ohnehin kein Prüfungsfach. Vorläufig bestand für uns der Ernst des Lebens in erster Linie darin, dass wir uns mit den zeitbedingten Schwierigkeiten herumschlagen mussten.

Durch die Vorlesungen wurden wir zunächst nicht überfordert. Herr Diplomingenieur Preis brachte uns bei, wie man mit einem Rechenschieber hantiert. In den Vorlesungen und Übungen für „Werklehre“ beschäftigten wir uns unter der Anleitung von Herrn Diplomingenieur K. mit dem Entwurf, der Gestaltung und der Konstruktion eines Wochenendhauses, auch wie man exakt einen Schatten konstruiert, was offenbar für unser künftiges Berufsleben als außerordentlich bedeutsam angesehen wurde. Nach heutigen Maßstäben war unser Wochenendhaus eine kümmerliche Hütte, die uns allein dadurch einige Probleme bereitete, dass wir unsere neu gewonnenen Erkenntnisse in Form einer bautechnischen Zeichnung auch zu Papier bringen sollten. Das war deshalb so schwierig, weil wir in diesem Handwerk blutige Anfänger waren und unsere Vorhaben mit altertümlichen Werkzeugen realisieren sollten, mit einer Reißfeder, wie sie vermutlich bereits die großen Baumeister der Vergangenheit für ihre Entwürfe verwendet hatten, mit denen sie dann in die Geschichte der Baukunst eingingen.

So hoch gesteckt war unser Ehrgeiz nicht, konnte er nicht sein, weil es die, dem 20. Jahrhundert entsprechenden Zeichengeräte nur im Westen gegen harte Währung gab. Schließlich gelang es uns trotzdem, nach etlichen missratenen Versuchen, eine Zeichnung zu produzieren, die wenigstens als Beleg anerkannt wurde. Was uns noch an Wissen vermittelt wurde, war ganz gut zu bewältigen, und die ersten Prüfungen lagen noch in beruhigender Ferne. Es blieb also genügend Zeit, sich erst einmal mit der neuen Umgebung vertraut zu machen. Meinem Kalender entnehme ich, dass ich die erste Erkundungstour bereits im Oktober des Jahres unserer Ankunft startete, allein und zu Fuß von Leubnitz aus über das Blaue Wunder nach Bühlau.


Dresden. Technische Hochschule. Bauingenieur-Gebäude – Aufnahme vor 1945

Dort habe ich in einer Gaststätte gegessen, es könnte im „Trompeter“ gewesen sein, gegen Abgabe von Fleisch- und Fettmarken und 500 Gramm Kartoffeln, die man stets in einem Beutel mit sich führte. Dann ging es weiter durch die Heide über Klotzsche und Hellerau bis nach Radebeul und erst von dort aus mit der Straßenbahn zurück nach Leubnitz. Das war mit rund 25 bis 30 Kilometern und knurrendem Magen eine Leistung, die sich sehen lassen konnte. Im Oktober 1948 lag das Kriegsende bereits mehr als drei Jahre zurück. An einen Friedensvertrag mit Deutschland war nicht zu denken, weil es dieses Deutschland, mit dem ein derartiger Vertrag abgeschlossen werden könnte, nicht mehr gab und vermutlich in absehbarer Zeit nicht wieder geben würde. Die einstigen Alliierten waren auf Konfrontationskurs gegangen, der um diese Zeit mit der Berlinblockade seinen ersten Höhepunkt erreichte. Die bereits erfolgten Währungsreformen in Ost und West hatten auch uns die D-Mark gebracht, allerdings nicht die harte, und somit blieb zunächst erst einmal, die wirtschaftlichen Probleme des Alltags betreffend, alles wie es war: Kalte Bude, knurrender Magen, Stromsperren, abgetragene Klamotten, der allgemeine Mangel. Wir haben das hingenommen, mit fröhlicher Gelassenheit und in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Immerhin hatten wir die Sicherheit, dass wir jeden Monat unser Stipendium in Empfang nehmen konnten. Und auch meine Eltern haben geholfen, soweit das ihnen möglich war.

Brief an meine Eltern vom 7. November 1948:

„Ich habe natürlich gestaunt, als ich am Donnerstag nach Hause kam und zwei Sack Briketts, Kartoffeln und andere gute Sachen für mich angekommen waren. Ich danke Euch ganz herzlich dafür, dass Ihr Euch so um mich sorgt.“

Angekündigt hatte mir diesen Segen meine Mutter bereits von ein paar Wochen, weil für den Transport dieser Kostbarkeiten doch einiges zu bedenken war.

Aus einem Brief meiner Mutter vom 3. Oktober 1948:

„Gestern abend besuchten uns Tante Lotte und Onkel Otto. Onkel Otto will morgen nach Dresden fahren und Dir gleich etwas mitnehmen. Wir wollten Dir gern zwei Zentner Brikett mitgeben. Wir waren deshalb heute auf dem Rathaus wegen einer Bescheinigung. Diese gibt es aber nur, wenn die Briketts direkt ab Werk geholt werden. Jetzt ist der Papa bei Hessen Otto und berät mit ihm darüber. Wenn er keinen Nachweis hat, kann es bei eventuellen Volkskontrollen möglich sein, daß er die Briketts bei der nächsten Volkssolidarität ausschütten muß. Aus Deinem Brief ersehen wir, daß Du die Feuerung gut gebrauchen kannst. Wir bedauern Dich wirklich, daß Du so frieren mußt.“

In meinem Kalender findet sich unter dem 8. Dezember 1948 diese Notiz:

„Zwei Monate bin ich nun in Dresden. Mir gefällt es hier trotz der Trümmer, trotz kalter Bude, trotz leerem Magen und trotz meiner Wirtin.“

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22 декабря 2023
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189 стр. 82 иллюстрации
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9783961456345
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