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Hans-Henning Paetzke

ANDERSFREMD

Roman

mitteldeutscher verlag

Für Inspiration, Informationen und Worte schulde ich folgenden Personen, Autoren und Texten Dank: Altes Testament, Dieter Arndt, Walter Batzdorf, Johann Wolfgang Goethe, Heinrich Heine, György Konrád, Reiner Kunze.


Für Gabriella und Rachel

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Augensprache und Abschied

Schwermut

Paukenschlag

Frömmigkeit

Lichte Berggipfel und finstere Abgründe

Knastologenaristokratie

Schmierenkomödie

Vertreibung aus dem Paradies

Heimat

Gemeinsamkeit

Vieles liegt im Dunkel

Ein Schnippchen geschlagen

Der Bestrafung entzogen

Gummigeruch

Hassliebe

Opfer

Anderssein

Gespaltensein

Zungenbrecher

Lotterhaftigkeit

Einmütigkeit

Verstummt

Entschluss

Abschied von der Kindheit

Warten auf jemanden oder etwas

Neugier

Harmlos

Grenzenlose Neugier

Käuflichkeit

Hang zum Besonderen

Vaterersatz

Enge Fesseln

Lächeln

Triebhaftigkeit

Schoßhündchen

Verlierer

HaHe

Ein grausam schönes Märchen

Frühaufsteher

Fantasiebegabt

Hohl und verlogen

Rausch

Ganz nach Belieben

Schande

Wehmut

Heiterkeitsausbruch

Abschied

Exempel

Wein für Weihnachten

Vom Regen in die Traufe

Einer von ihnen

Im Kellerverlies

Beziehungen

Trügerische Hoffnungen

Eigenartige Existenzen

Zwielichtige Gestalten

Mulle und Karli

Chance

Fest der Liebe und des Friedens

Geistige Handlanger

Mangelnde Sensibilität

Orpheus

Ratschläge

Fanatismus

Konfrontation

Maulwürfe

Polyphonie

Auge in Auge

Geheimnisse

Allzu viel Lob

Überwältigt

Stein des Anstoßes

Funkstille

Verlegenheit

Omi Mordhorst

Zerstörerisches Auf und Ab

Verstrickt in Lügengespinste

Ein verzweifelt Suchender

Das Spiel ist aus oder vielleicht doch noch nicht

Prägende Lebensbilder

Was tun?

Schonungslose Offenheit

Tauschhandel

Wie zwei Orientalen

Sprichwörtlich

Der Sozialismus siegt!

Enttäuschung

Flöhe

Begeisterungsstürme

Eine auffällige Ungarin

Spurensuche

Betonierung

Vorbehalte

Unverzeihliches

Incipit vita nova

Augensprache und Abschied

Am 26. September 1963 ging es auf Transport. Im Hof bestieg ich zusammen mit mehreren anderen Strafgefangenen eine grüne Minna. Rechts und links des Mittelgangs winzige Einzelzellen mit einer noch winzigeren löchrigen Rosette zwecks Luftzufuhr. Kerzengerade saß ich mit angezogenen Knien, die an die Tür stießen, in einem rollenden Verlies. Draußen herrschte die sengende Hitze eines wunderschönen Altweibersommers. Die Fahrt zum Haftarbeitslager Rüdersdorf bei Berlin dauerte eine Ewigkeit. Ich glaubte, ersticken zu müssen. Kurz vor einer sich ankündigenden Ohnmacht wurde ich im Kalkwerk Rüdersdorf aus meiner Folterzelle befreit. Ich atmete auf. Wir Strafgefangenen bekamen etwas zu essen und zu trinken. Aber alsbald erfuhren wir, dass wir noch nicht am Ziel angekommen waren. Unsere mit Maschinenpistolen bewaffneten Bewacher befahlen uns zurück ins Auto. Gegen Abend trafen wir im Zuchthaus Cottbus ein. Das Tempo hier war ein anderes als in Eberswalde, meiner ersten Haftstation. Auf dem Flur hieß es Aufstellung nehmen, die Hosen herunterlassen, sich bücken, damit dir ein Hauptwachtmeister, nachdem du bereitwillig die Gesäßbacken auseinandergezogen hast, von hinten in den Magen gucken kann, denn dort könntest du ja verbotene Feilen, Messer, Scheren, Pistolen oder sonstiges Gerät, Dollarnoten, Westmark, Whisky, Zigaretten, westliche Zeitungserzeugnisse, gar einen Rundfunk- oder Fernsehempfänger versteckt haben, alles geeignete Hilfen, einen Ausbruch aus der Haft zu wagen. Im Gefängnis kursierten immer wieder die abenteuerlichsten Gerüchte von gelungenen Fluchtversuchen direkt über die Berliner Mauer in den Westen. Wachsamkeit war angebracht. Das sozialistische Vaterland musste gleichermaßen vor inneren wie äußeren Feinden geschützt werden.

Noch trug ich Zivilkleidung. In der Zelle klärte mich der eine der beiden Mitgefangenen darüber auf, dass diese Tatsache ein deutlicher Hinweis darauf sei, dass Cottbus nicht mein Endziel sei. Sieben Tage und sieben Nächte brachte ich in dieser Zelle zu. Im Vergleich zu Eberswalde fühlte ich mich wie auf einem Betriebsausflug. Mit beiden Leidensgenossen verstand ich mich ausgesprochen gut. Und das, obwohl der eine, ein Italiener, nach dem Krieg als Achtzehnjähriger in Deutschland hängengeblieben, Deutsch nur radebrechen konnte und nach eigenem Beteuern Italienisch vergessen hatte. Auch seine gemeinschaftlich mit einem Kumpan begangene Tat hinderte mich nicht daran, Mitleid mit ihm zu empfinden. Nach einer Zechtour hatten die beiden Hilfsarbeiter auf dem Heimweg ein junges Mädchen, das ihnen auf der Landstraße entgegengekommen war, im Straßengraben vergewaltigt. Ich glaubte, das Unverstehbare und Unverzeihliche zu verstehen.

Sprachlosigkeit macht dich zum Tier. Stell dir einen gesunden jungen Mann vor, der es wegen seiner Außenseiterrolle noch nie geschafft hat, eine Frau zu erobern, der die entsprechenden Mechanismen nie erlernt hat, den sein nicht ausgelebter Trieb zur Bestie hat werden lassen! Ohne Sprache keine Moral, keine geregelten Verhaltensnormen? Oft erwecken die Lebensabläufe eines Tiers in der Wildnis einen geordneteren Eindruck als das Verhalten der Menschen. Raubtiere töten nur selten ihresgleichen, es sei denn die Nachkommen des Nebenbuhlers, morden ansonsten nur, um den lebensnotwendigen Bedarf an Futter zu decken. Von Vergewaltigungen ihrer Artgenossinnen ist nichts zu hören. Einzig seine an die Sprache gekoppelte Denkfähigkeit, so glaube ich, hindert den Menschen daran, sich über die naturgegebenen Triebe hinwegzusetzen und Dinge zu tun, die von der Natur eigentlich nicht vorgesehen sind.

Vermutlich war der Italiener angesichts der sprachlichen Entwurzelung in seiner Schuldfähigkeit eingeschränkt. Armut und Kriege, Machtgier und Unterdrückung werfen menschliches Leben aus der Bahn, entmenschlichen es.

Hübsch sei das vergewaltigte Mädchen gewesen, beteuerte er. Groß gewehrt habe es sich nicht. Stumm habe es das Unerwartete über sich ergehen lassen. Was sonst hätte es tun sollen? Sich wehren, schreien und sich am Ende gar ermorden lassen, damit es nicht reden könnte? Da war es vielleicht sogar klug, sich auf das manchmal tödlich ausgehende Spiel einzulassen. Hätten die beiden Vergewaltiger sich nicht auf die Befriedigung der eigenen Geilheit konzentriert, hätten sie Augen für die des Mädchens gehabt, dann hätten sie sehen können, wie neben der Todesangst für den Bruchteil einer Sekunde so etwas wie Lust darin aufleuchtete.

Ich versuchte, mir die Augen des Mädchens vorzustellen, die der beiden Männer. Aber am Ende war ich ja auch nur naiv, und der Italiener mit seiner Unschuldsmiene band mir einen Bären auf, hatte gar schon mehrere Mädchen vergewaltigt, nur eben das Glück gehabt, bisher nie erwischt worden zu sein. Beim Damespiel suchte ich seine Augen. Dunkelbraun, fast schwarz, kam ihr Strahlen aus einer unergründlichen Tiefe, in der ich wie in einem schwarzen Loch hätte spurlos verschwinden können. Sie machten mir Angst. Der Italiener sprach mit den Augen, vor allem damit verständigte er sich. Diese Sprache beherrschte ich nicht. Akustische Sprache schafft Abstand, Augensprache will das Gegenüber aufsaugen, und wenn es sich nicht sogleich hingibt, wenn es nicht willig ist, dann eben mit Gewalt. Was, so ging es mir durch den Kopf, würde sein, wenn ich in der Bodenlosigkeit seiner Augen versänke?

Der andere Zellenkumpan beruhigte mich. Er sei schon seit Wochen mit dem Vergewaltiger zusammen in einer Zelle. Der sei gutmütig und harmlos.

Schon möglich. Dennoch glaubte ich, gutmütig und harmlos, das traf vor allem für den anderen zu: Dunkelbraunes Haar, treue, blaue Augen, sommersprossiges Gesicht, Nase und Kinn bildeten als Ausdruck physiognomisch sich artikulierender Gutmütigkeit einen rechten Winkel, die Arme hingen ein wenig kraftlos herab, die hagere Erscheinung wirkte schlaksig, die Füße schienen drei Nummern zu groß geraten zu sein.

Seine Bodenständigkeit hatte ihm mehrere Jahre Gefängnis beschert. Sein Vater war bei Stalingrad gefallen, die Mutter hatte den einzigen Sohn allein großgezogen, sich für ihn aufgeopfert. Dieses Opfer lastete auf ihm wie ein lebenslang nicht abzutragender Schuldenberg. Gern wäre er in den Westen gegangen. Gelegenheiten zum Gehen hatten sich ihm mehr als genug geboten. Aber seine Mutter im Osten allein zurücklassen, das hätte er ihr nie angetan. Als einer, der dem Ruf des Vaterlands gefolgt war, hatte er sich freiwillig zur Nationalen Volksarmee gemeldet. Freiwillig ganz im Gegensatz zu den vielen Tausenden, die sich dem Druck der ausschwärmenden Werber aus Angst vor nachteiligen Folgen gebeugt hatten. Die Armee, die nach dem Berliner Mauerbau einen kaum zu stillenden Bedarf an Freiwilligen hatte, um die sozialistische Friedensgrenze gegen den überall lauernden imperialistischen Feind aus dem In- und Ausland zu sichern, wusste dessen als sozialistisch einzustufende Haltung zu würdigen und schickte ihn zu einem Grenzbataillon in der Nähe von Friedrich Schillers Bauerbach. Dort schob er an einem besonders heiklen Grenzabschnitt Dienst. Heikel deshalb, weil er nach Aufforderung seiner Vorgesetzten den Posten in unregelmäßigen Abständen räumen und unbewacht lassen musste, damit sich zwischen Ost und West eine Schleuse öffnen konnte, um unbemerkt Kundschafter für den Frieden in den Westen zu schicken.

Heikel war die Gegend aber auch deshalb zu nennen, weil zwei guten Freunden von ihm eines Tages die Idee kam, dass sie diese Schleuse für kleine Ausflüge in eine andere Welt auch selbst aktivieren und nutzen könnten. Wenn sie gemeinsam Wache schoben, begab sich von nun an regelmäßig einer in voller Montur auf die andere Seite der Grenze. Eigentlich war es nur ein kleiner Spaziergang. Unweit ihres damals noch unverminten Kontrollabschnitts lag im Westen eine Dorfkneipe, deren Lärmen bis zu ihnen in den Osten herüberdrang. Dort tauchten sie gelegentlich auf, um sich zu einem kühlen Bier einladen zu lassen. Nachdem die Bauern an der Theke ihre erste Überraschung überwunden und begriffen hatten, dass nicht etwa der dritte Weltkrieg ausgebrochen war, sondern lediglich etwas geschah, was durchaus als normal hätte gelten können, dass nämlich einer aus der Nähe kam, um seinen Durst zu stillen, wurde jeweils einer der drei Freunde beim nächsten Kneipengang fast schon wie ein alter Bekannter begrüßt und zu ein bis zwei Gläsern Bier und Schnaps eingeladen.

Die nicht alltäglichen Ausflüge hätten sie durchaus noch eine Weile fortsetzen können, ohne dass die jugendliche Gedankenlosigkeit Folgen gehabt hätte, wäre nicht einem der drei Freunde eines Tages eine neue und gleichfalls naheliegende Idee gekommen, nämlich dem sozialistischen Vaterland endgültig den Rücken zu kehren, um fortan täglich, ohne Uniform und Maschinenpistole, gemütlich sein Bier etwas tiefer im Landesinneren genießen zu können. Er leistete gute Überzeugungsarbeit, führte als schlagendes Argument an, dass sie sich als Grenzer auf lange Sicht nicht darum drücken könnten, zu Mördern zu werden. Hatte ihnen doch ihr Politoffizier unverhohlen erklärt, ein toter Republikflüchtling sei besser als einer, der verwundet oder gar unversehrt in den Westen gelangen würde. Jemand, der versuche, die Grenze illegal zu überschreiten, habe sich aus der sozialistischen Menschengemeinschaft selbst ausgeschlossen und verdiene, wie ein Hase abgeknallt zu werden.

Der schlaksige Zellengenosse konnte sich nicht entschließen, seine Mutter zu verraten. Die beiden Freunde schlichen sich über die ihnen bekannten Pfade in den anderen Teil Deutschlands. Rührend nahmen sie Abschied, schrieben an ihre Eltern einen Brief, in dem sie diese von ihrem Weggang unterrichteten, und dass der zurückgebliebene Freund Bescheid wisse, falls ihnen etwas zustoßen sollte.

Es stieß ihnen nichts zu. Dafür aber wurde die Post aus dem Postsack gefischt und der treue Freund als Mitwisser zu dreieinhalb Jahren verurteilt. Das niedrige Strafmaß verdankte er einzig dem Umstand, dass er selbst nicht hatte mitgehen wollen.

Die Verhaftung erlebte er wie eine Art Befreiung. Endlich schuldete er keinen Befehlen mehr Gehorsam, endlich musste er keine Angst mehr haben, dass er vielleicht einen Menschen erschießen würde. Im Gefängnis fühlte er sich frei. Hier würde er nicht mehr Gefahr laufen, ein Täter zu werden, die Opferrolle bewahrte ihn davor.

Schwermut

Nach einer Woche geht es wieder auf Transport. In der neuen Zelle, die eher an eine Fabrikhalle als an eine Zelle erinnert, wimmelt es von Unmassen Häftlingen. Achtzig bis hundertzwanzig mögen es sein. Neben der Eingangstür stehen fünf Kübel, die Tag und Nacht benutzt werden. Das Nächtigen erfolgt in dreistöckigen Eisenbetten. Der Gestank von Fäkalien und Schweiß ist kaum zu ertragen. Wie mir ein Student versichert, befinden wir uns in Heinrich von Kleists Geburtsstadt. In Gedanken an Kleists Ende am Wannsee befällt mich Schwermut. Wehmütig versuche ich mir vorzustellen, wo sich Regina aufhalten mag, die nach ihrer Heirat hierher gezogen ist, hierher nach Frankfurt an der Oder. Noch kann ich nicht wissen, dass sie sich vier Jahre später einer Krebsoperation unterziehen muss und mit vierzig aussehen wird, als sei sie achtzig. Mein Denken und Fühlen während des einwöchigen Aufenthalts in Frankfurt an der Oder gilt nur Regina. Ich kann mich nicht freimachen von ihr. Das könnte der Grund dafür sein, dass konkrete Erinnerungen an die Tage im dortigen Gefängnis nahezu aus meinem Gedächtnis gelöscht sind. Auch später, als ich von jemandem höre, dass dessen Freund ausgerechnet in den Tagen meines Zwangsbesuchs dort hingerichtet worden ist, kann ich mir den Ort des Grauens nicht in die Erinnerung zurückrufen.

Paukenschlag

Aus unerklärlichen Gründen hatte mich Kriemhild auserkoren, als Vater für das in ihrem Leib entstehende Leben herzuhalten. Von einer Heirat allerdings wollte sie trotz unsäglicher Angst vor ihrem Vater nichts wissen. Im Gegenteil, sie erklärte, ihre Liebe sei verrauscht, und sie wolle nun wieder allein leben. So zog ich nach einer nur wenige Wochen dauernden Liaison zurück in mein spärlich möbliertes Zimmer in der Puschkinstraße 38, wo ich zur Untermiete wohnte. Nicht nur Kriemhild, auch ich empfand die Trennung als befreiend. Dabei wüsste ich nicht viel Schlechtes über die Beziehung zu sagen, es sei denn, die nachlässige Haushaltsführung, die Berge still vor sich hinschimmelnden, nicht abgewaschenen Geschirrs hätten mich gestört. Kriemhild störte der Schmutz, in dem wir fast umkamen, nicht. Mich dagegen schon. Allerdings nicht so sehr, dass ich es für nötig befunden hätte, mich selbst der, wie ich damals meinte, eines Mannes unwürdigen Beschäftigung anzunehmen. Von Zeit zu Zeit bat ich die Nachbarsfrau, sich gegen Bezahlung der lästigen Arbeit anzunehmen. Spät in der Nacht kehrten wir von den Abstechern zurück, die uns auf die Bühnen der noch tieferen Provinz geführt hatten, wo ich manchmal in langen Unterhosen in der Garderobe stand und von eindringenden kleinen Mädchen um ein Autogramm gebeten wurde.

Bei Kerzenschimmer philosophierten Kriemhild und ich über das Mysterium unseres Seins, um unmerklich in der tosenden Brandung der Körper zu versinken. Erst am nächsten Morgen bei Tageslicht trübte der Schmutz den Blick des Verliebten.

Wieder allein, bemächtigte sich meiner Fantasie das Verlangen nach hinsinkender Weiblichkeit. In der Kleinstadt als junger Schauspieler bekannt wie ein bunter Hund, hatte ich es nicht schwer, als Trophäenjäger erfolgreich zu sein. In einer Bar spannte ich einem sowjetischen Offizier aus lauter Jux die bereits sicher gewähnte nächtliche Braut aus. Später hörte ich, dass ein ähnliches Abenteuer für den deutschen Rivalen tödlich geendet hatte.

Beim Schwof machte ich die Bekanntschaft einer jungen Lehrerin aus Pasewalk, die schon von mir gehört und mich im Weihnachtsmärchen auf der Bühne gesehen hatte.

Mit ihr waren meine Aussichten auf schnelles und kurzes Glück weniger gut. Zwar besuchte sie mich an einem Wochenende, Bedingung dafür aber war ein Hotelzimmer, das ich ihr besorgen müsste. Das versuchte ich auch, allerdings ohne Erfolg. Unter Aufwendung all meiner Überredungskunst brachte ich sie dazu, bei mir zu übernachten. Sie schlief in meinem Bett, ich auf dem Fußboden. Ich spürte, dass es besser sein würde, sich ihr nicht zu nähern, denn als ich versucht hatte, sie zu streicheln, zitterte sie wie Espenlaub und bat mich, ihr Zeit zu lassen. Eines Tages werde sie mir erzählen, weshalb sie das, was zwischen Mann und Frau normal sei, vielleicht nie werde tun können.

Beim nächsten Tanzvergnügen hatte ich mehr Glück, lernte ein Mädchen kennen, das als Bankangestellte arbeitete, ein Jahr älter war als ich und, wie sie mir erklärte, nur darauf gewartet habe, sich mir hinzugeben. Schon als Zuschauerin habe sie mich auf der Bühne bewundert und mir ihr Herz geschenkt. So viel Bewunderung zu erfahren, war mir peinlich, wusste ich doch, dass ich in der Schauspielerei ein blutiger Anfänger war und meine zukünftigen beruflichen Erfolge in den Sternen standen.

Zwei- oder dreimal forderte ich meine Bewunderin noch auf, mich zu besuchen, um ihre Liebesdienste abgeklärt und fast gelangweilt in Anspruch zu nehmen. Mit so viel Hingabe wusste ich nichts anzufangen. Es fehlte ihr an jeglicher Raffinesse. Und wozu leugnen, die Tatsache, dass ich mich mit ihr außer über persönliche Dinge über sonst nichts unterhalten konnte, befremdete mich zusehends.

Wie sie da vor mir lag wie ein Lamm, brachte ich es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass unsere Beziehung nur ein kleines Abenteuer gewesen sei. Weiteren Treffen wich ich aus, schützte Proben- und Abstechertermine vor.

Als sie einige Wochen später kam und mir eröffnete, dass sie schwanger sei, verfehlte das seine Wirkung nicht. Auf meinen Schädel fühlte ich einen Paukenschlag niedersausen. Meine Aufforderung, dem Problem nach bewährtem Rezept zu begegnen, lehnte sie ab, erklärte, ich sei ihre große Liebe, und an ihrem Entschluss wolle sie selbst dann festhalten, sollte ich sie verlassen. Es stimme zwar, dass sie schon einmal erfolgreich eine Abtreibung mit Heißwasserkuren und Seifenlauge vorgenommen habe, aber den Jungen, der damals ihr Verlobter gewesen sei, habe sie nicht geliebt. Ich hätte sie von ihm befreit.

Eine schöne Bescherung. Nun sah ich, gerade erst neunzehn geworden, doppelten Vaterfreuden entgegen. Das Blut wich mir aus dem Kopf. Mich beschlich ein Gefühl der Ohnmacht; das Schicksal nahm seinen Lauf. Die armen Kinder, Fluch der bösen Triebe, die mir unbeherrschbar zu sein schienen. Irgendwie war ich ihnen – fast hilflos schon – ausgeliefert. Sie überlagerten mein klares Denken.

Vergebens war ich mir meines schändlichen Vorgehens bewusst. Es drängte mich Tag für Tag zu etwas, wovon ich wusste, dass ich ein verlogenes Subjekt war, mich zurückhalten müsste, um nicht andere Menschen, genauer gesagt: andere Frauen, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu etwas zu verleiten, von dem sie sich anderes erwarteten und versprachen als ich.

Don Giovanni könnte ein Seelenverwandter von mir gewesen sein. Auch ich hetzte von einem Abenteuer zum nächsten, wollte mich immer wieder aufs Neue beweisen. Mehr nicht.

Ich schämte mich des entstehenden Lebens.

Als Kriemhild von der Sache erfuhr, schäumte sie vor Wut und verbreitete, ich würde sämtliche Mädchen der Stadt verführen. Diese Behauptung war weit übertrieben, eher nur eine überzogene Vermutung. Doch ich strengte mich nicht an, die Vorwürfe zu entkräften. Es schmeichelte meiner Eigenliebe, solcher Chancen bei den Frauen verdächtigt zu werden.

In stillen Momenten aber, und die kamen trotz des Durcheinanders von Gefühlen, Denken und Handeln gelegentlich über mich, stellte ich mir die Frage, wie so eine gelebte Bewusstseinsspaltung zwischen Anspruch und Wirklichkeit möglich sein kann.

Frömmigkeit

Noch vor Prozessbeginn hatte ich per Anhalter eine Rundreise quer durch die DDR unternommen, mit vielen Menschen gesprochen, ihnen von meinen ethischen Vorstellungen erzählt. Viele schüttelten verwundert und ungläubig den Kopf, andere hörten mir, dem gerade erst den Kinderschuhen Entwachsenen, interessiert zu und erklärten, wenn sie in meinem Alter wären, würden sie das Gleiche tun und nicht noch einmal in den Krieg ziehen.

Warum muss ich immer etwas tun, was Anderen imponiert oder missfällt? Entspringt dieses Verhalten nicht gar einem an Krankheit grenzenden Geltungsbedürfnis?

Warum setzen sich Menschen feindlichem Kugelhagel aus? Um den Feind zu töten, zu sagen, hier bin ich, erschießt mich, ich bin ein Held? Doch vielleicht bin ich unverwundbar und gelange vom Schlachtfeld als strahlender Held zurück in die Heimat?

Eigenartig, dass ich auf diesen Fahrten nie Männer traf, die sich dazu bekannt hätten, durch ihre Schüsse Feinde erfolgreich ins Jenseits befördert zu haben. Wie aber hatte es zu den Millionen von Kriegstoten kommen können, wenn doch niemand getroffen haben wollte? Diese mir perfekt vorkommende Verdrängung der Schuld an den Kriegsschrecken, der persönlichen Verantwortung am massenhaften Morden bestärkte mich in der Überzeugung, mich unter gar keinen Umständen im Handwerk des Tötens ausbilden zu lassen.

Oder war ich einfach nur ein Drückeberger, ein Angsthase, der auf keinem Feld der Ehre sterben wollte? Oder waren es die als Kleinkind erfahrenen Gräuel des Krieges, die sich in mein Unterbewusstes geschossen und für spätere Kriegsspiele untauglich gemacht hatten?

Ein hoher Offizier, der mich in seinem Wolga von Berlin nach Dresden mitnahm, hörte aufmerksam zu und sagte zum Abschied, mein Denken sei sehr wahr und schön, in die Tat umsetzen allerdings dürfte ich diese Gedanken nicht, denn sie widersprächen den Gesetzen der DDR. Sollte ich mich nicht in letzter Minute eines Besseren besinnen, müsste ich eben die Konsequenzen zu spüren bekommen. Früher oder später würde ich schon noch vernünftig werden und dem Staat geben, was des Staates sei. Ich entgegnete darauf, er werde sich wundern, aber Denken und Tun seien für mich eins.

In Dresden suchte ich die Adventisten auf. Von ihnen versprach ich mir psychische Unterstützung. Sie waren nett, aber erstaunlich zurückhaltend.

Vielleicht dachten sie ja, ich sei ein Spitzel, ein Provokateur. Daran musste man in solchen Zeiten denken. Besonders im kirchlichen Raum. Die Spitzel schlüpften in verschiedene Gewänder. Zu erkennen waren sie nur selten. Wie der Pudel, den Faust heraufbeschwört, so konnten auch sie jede beliebige Gestalt annehmen. Trotz des hinter einem freundlichen Gesicht gut verborgenen Misstrauens hörte mir der Geistliche zu und verwies mich an einen Prediger in Bautzen, der befasse sich mit dem Problem der Wehrdienstverweigerung. Ihn solle ich aufsuchen. Er könne mir mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auch wenn ich ins Predigerseminar aufgenommen werden wolle, sei der Prediger der richtige Ansprechpartner.

Dem Prediger in Bautzen gefiel mein Vegetariersein. Allerdings machte er mich darauf aufmerksam, dass ich die Verweigerung nur halbherzig betriebe, eigentlich dürfte ich auch keinen Fisch, keine Eier und keinen Käse essen und auch keine Milch trinken.

Der Prediger, dessen Frau und fünf kleine Kinder einen Rahmen bildeten, wie er einst in der protestantischen Kirche mit dem Pfarrhaus als Lebens- und Kulturzentrum der Gemeinde heimisch gemacht worden war, führte, so hätte man vor hundert Jahren gesagt, ein gottgefälliges Leben. Er war ein ruhiger und angenehmer Mensch, ein aufmerksamer Zuhörer.

Als Autoschlosser war er sehr beliebt gewesen. Sein Problem hatte darin bestanden, dass er als Adventist nicht bereit war, am Sabbat zu arbeiten. So führte ihn, der alles andere als der Typ eines Intellektuellen, eines Theologen oder Wissenschaftlers war, sein Weg fast zwangsläufig ins Predigerseminar.

Einzig das Pfarrhaus fehlte. Stattdessen gab es eine beengte Wohnung, in der nicht nur ich als Besucher willkommen war. Abends nahm mich der bärenstark wirkende Prediger auf seinem Motorrad mit nach Löbau, wo er in einem Saal seiner Gemeinde eine Bibelstunde hielt.

Während ich in den Beiwagen kletterte, stülpte er sich eine russische Fliegermütze über und setzte eine Motorradbrille auf. Auch im Winter bei spiegelglatter Straße fuhr der Prediger in diesem Gespann über die Dörfer, um seine Schäfchen zu betreuen.

Der Besuch bei den Adventisten verleitete mich zum Heucheln. Alle waren so schrecklich nett. Obwohl ich die naiv anmutende Bibelbetrachtung nicht verinnerlichen konnte, täuschte ich tiefe Frömmigkeit vor. Dabei überzeugten mich die vermittelten Glaubensinhalte keineswegs. Vielmehr hatte mich die Atmosphäre des Zusammengehörigkeitsgefühls, wie ich sie nie zuvor erlebt hatte, in ihren Bann gezogen.

Der Prediger lud mich ein, ihn bald wieder zu besuchen. Dann werde man sehen, ob ich geeignet sei, in seine Fußstapfen zu treten.

Noch wusste ich nicht, weshalb ich mich mit dieser christlichen Sekte nicht anfreunden konnte. Wahrscheinlich war es die geistige Enge, die mich nicht nur bei den Adventisten befremdete, sondern bei den anderen christlichen Glaubensgemeinschaften ebenso wie an der Weltkirche des Marxismus.

Im Laufe der folgenden Jahre, in denen ich mich auf dem nie enden wollenden Weg zur Wahrheit befand, entdeckte ich das Alte Testament als eine abendländische Glaubensquelle, die ich in ihren Grundzügen anzunehmen bereit war. Von der christlichen Kirche fühlte ich mich betrogen, hatte sie mir doch vorgemacht, dass Altes und Neues Testament eine Einheit bildeten und, so meinte ich, verschwiegen, dass das Neue Testament ein Werk begabter Epigonen sei.

Lichte Berggipfel und finstere Abgründe

Anfang Oktober 1963 etwa darf ich erneut mein Bündel schnüren und es mir in einer grünen Minna zusammen mit siebzehn weiteren Strafgefangenen auf Holzbänken bequem machen. Handschellen werden uns keine angelegt. An den beiden Bankenden vor der hinteren Tür sitzen zwei Vopos mit Maschinenpistolen, wie um zu unterstreichen, dass Fluchtgedanken besser in das Reich der Träume zu verbannen seien.

In der Mitte der Ladefläche befindet sich ein Loch, das ins Visier zu nehmen ist, um die Notdurft zu verrichten. Trotz höchsten Dranges bin ich unfähig, mich während der Fahrt über schadhafte Landstraßen zu erleichtern. Als vor dem Senftenberger Gefängnis endlich ein Zwischenstopp eingelegt wird, kann ich das Wasser fast nicht mehr halten. Die Wut über die Erniedrigung macht mich rasend. Ich schreie die Bewacher an, ich bestünde darauf, sofort eine Toilette aufsuchen zu dürfen. Sollten sie meiner Aufforderung nicht nachkommen, würde ich einen Riesenskandal machen und mich beschweren.

Zu meiner großen Überraschung fragen mich die Bewacher, weshalb ich einsäße. Meine Antwort, die darauf schließen lässt, dass ich ein Politischer bin, verfehlt ihre Wirkung nicht, auch wenn jeder Gefängniswärter in Seminaren gelernt hat, dass es in seinem Staat keine politischen Gefangenen gibt, Kriminelle leider ja, aber auch das sei nach offizieller Meinung ein Problem, das nach Abschluss des sozialistischen Aufbaus nicht mehr existieren werde.

In Begleitung eines Bewachers, der seine Maschinenpistole über die Schulter gehängt trägt, wohl um mich nicht auf dumme Gedanken kommen zu lassen, darf ich als einziger Häftling des Transports eine Toilette aufsuchen.

Mein hysterischer Wutausbruch hat sich gelohnt. Ein wenig peinlich aber ist es mir schon, denn die Drohungen, die internationale Öffentlichkeit auf die Verhältnisse im DDR-Strafvollzug aufmerksam zu machen, hätte ich schwerlich einlösen können.

Die Fahrt ins Ungewisse geht weiter. Ich habe keine Ahnung, welche die vorläufige Endstation sein wird. Jemand, der schon mehrere Strafen abgesessen hat, meint, wir steuerten das Haftarbeitslager Schwarze Pumpe an, das bei Spremberg gelegene sorbische Čorna Pumpa, mit 14.000 Beschäftigten das größte Braunkohlenkombinat der DDR. Im Tagebau wird hier Braunkohle abgebaut. Um das Schienennetz des Kombinats in Schuss zu halten und zu erweitern und überhaupt, um die Industrialisierung des Sozialismus voranzutreiben, braucht es viele Arbeitskräfte. Um Planung und Lenkung des Arbeitskräfteflusses zu erleichtern, sind die Reserven der kriminellen Heerscharen eine nicht zu unterschätzende Hilfe.

Überall im Land wird der Archipel Gulag ausgebaut, eine, mit der Verbannung nach Sibirien, zaristische Erfindung, die unter der genialen Führung des weisesten aller Führer, eines ehemaligen Klosterschülers und Posträubers, eines Massenmörders, weiterentwickelt worden ist und ihre wirkliche Blütezeit erlebt hat.

Von all dem aber weiß ich damals nichts, höchstens spüre ich die mit dem Eingesperrtsein verbundene Ohnmacht, die Ohnmacht des im Käfig allmählich wahnsinnig werdenden Tigers.

Jawohl, wir fahren tatsächlich nach Čorna Pumpa. Werden von einem feisten Lagerältesten empfangen, der Sträflingskleidung trägt und sich aufspielt, als sei er der Lagerkommandant persönlich. Dabei ist er nur ein Kapo mit weitgehenden Befugnissen. Mir aber flößt er Angst und Respekt zugleich ein. Seine rundliche Gestalt und das rötlich aufgedunsene Gesicht deuten darauf hin, dass der ehemalige Major der Nationalen Volksarmee schon bessere Zeiten gesehen hat.

Ohne dass er angesichts seiner Immunität gegenüber literarischen Werken jemals gefährdet gewesen wäre, Figuren eines verlockenden Offizierslebens aus einschlägigen Romanen der Weltliteratur zu kopieren, hatte er nach dem Dienst einem Leben gefrönt, wie es der sozialistischen Moral keineswegs entsprach. Zusammen mit anderen kampferprobten Genossen ließ er junge Mädchen nackt auf Tischen tanzen, um sich anschließend an ihnen zu vergehen.

Als gutem Soldaten und Genossen hätte ihm die Partei diese feudalistisch-bürgerlichen Ausschweifungen vielleicht nachgesehen oder gar verziehen, hätte er nicht die Dummheit begangen, die fünfzehnjährige Tochter eines Parteisekretärs aus der Stadt betrunken zu machen und zur allgemeinen Freude seiner Kampfgefährten gleichfalls auf dem Tisch tanzen zu lassen.

Präziser formuliert, die mit derartigen Verfehlungen befassten Organe hätten aus Kameraderie vielleicht so getan, als wüssten sie nichts vom wüsten Leben ihres Genossen. Aber die Empörung des in Mitleidenschaft gezogenen Parteisekretärs ließ eine diskrete Regelung der Angelegenheit nicht zu.

Viele Jahre später ging er, der nach verbüßter Haftstrafe wieder ein nützliches Mitglied der sozialistischen Gesellschaft geworden und sogar zum Studium delegiert worden war, als diplomierter Psychologe ganz in seinem Beruf und in seiner Familie auf. Beim MfS, dem Ministerium für Staatssicherheit, bildete er Stasinachwuchs in der Kunst aus, Informanten anzuwerben. Nach der Wende verstand es sich von selbst, dass er nach eigenen Angaben seinen hehren Dienst im Interesse der Menschheit einzig zwecks Verhinderung von Schlimmerem geleistet hatte.

Jetzt nun hält der Respekt einflößende Lagerälteste im Namen der Lagerleitung eine kurze Ansprache, in der er die Neuzugänge auffordert, durch gute Arbeit im Tagebau unter Beweis zu stellen, dass sie wieder nützliche Glieder der Gesellschaft werden und auf diese Weise dem Umerziehungsprozess zu vollem Erfolg verhelfen wollen. Wer sich einer Umerziehung in den Weg stelle, dem könne es widerfahren, dass er sich nach seiner Entlassung aus der Haft bald wieder hier einfinde. Und wer gar an Flucht denke, den könnten die scharfen Hunde, die Tag und Nacht zusätzlich zu den Posten auf den Wachtürmen in den Laufkorridoren patrouillierten und nur auf eine zusätzliche Fleischration warteten, leicht zerfetzen.

Nach einem Duschbad verlieren die Strafgefangenen ihre bürgerliche Identität. Kleidung und Namen sind in der Effektenkammer abzugeben. Stattdessen erhalte ich Sträflingskleidung mit gelben Streifen, worin ich mich fast wie ein General fühle, und eine Nummer, die ich von nun an sein werde: 724/3, genauer: 724/63.

Wenn ich von einem Erzieher, so nennen sich die Bewacher, etwas will, dann habe ich militärisch strammzustehen und Meldung zu erstatten: „Strafgefangener 724 aus 3 meldet!“

Die Häftlinge sind in fünf Schlafbaracken mit jeweils etwa siebzig dreistöckigen Betten untergebracht. Haftarbeitslager wird das Freiluftgefängnis genannt, dessen Ähnlichkeit mit Buchenwald mich verblüfft, auch wenn die Inschrift „Jedem das Seine“ fehlt und es nicht als Konzentrationslager bezeichnet wird, was es ja eigentlich durchaus ist. Allerdings verbindet sich mit letzterem Begriff der in allen Ecken lauernde Tod. Der Tod in Schwarze Pumpe ist keineswegs allgegenwärtig. Ein nicht zu übersehender Unterschied! Aber der Lagergrundriss erinnert an die „Frommen in der Hölle“, wie einer ihrer Leidensgenossen die nach Buchenwald verbrachte Geistlichkeit nannte, die sich bei Hitler unbeliebt gemacht hatte.

So ein Frommer, der sich einem Diktator widersetzt, will auch ich sein, weshalb ich kein Fleisch esse und zu den manchmal kargen Mahlzeiten inbrünstig bete und Gott für all das, was er mir Gutes getan, danke, aber auch für die Heimsuchungen, die ich zu ertragen habe.

Im riesigen Speisesaal, in dem es Platz für tausend Gefangene gibt, befindet sich auch ein Kiosk. Wöchentlich einmal darf man für ein paar lumpige Mark, die einem für seine Arbeit gezahlt werden, einkaufen. Angeboten werden Zigaretten, Seife, Florena-Creme, in Anlehnung an die westdeutsche Niveacreme in einer blau-weißen Dose, Zahnpasta und Kekse. An Zigaretten steht dem Strafgefangenen pro Einkauf nur eine Schachtel zu. Aber wenn du Walter, den Chef des Einkaufs kennst, verlieren die restriktiven Anordnungen der Knastoberen ihre Wirkung.

Walter ist neben dem Lagerältesten der mächtigste Mann unter den Gefangenen. Außer dem Kiosk verwaltet er, gemeinsam mit einem in Ungnade gefallenen Stasimann, die gesamte Gefangenenkartei.

Die Bewacher, die mit dem Schreiben schon in ihrer Schulzeit Schwierigkeiten hatten, delegieren gern all den schriftlichen Kram, der ihnen wenig Freude bereitet und höchstens Kopfschmerzen macht. So kommt es, dass Walter in der Schreibstube sitzt und über die Neuzugänge genauestens informiert ist, vor allem über das Strafmaß. Meist weiß er sogar, wer unter den Häftlingen ein Politischer und wer ein Krimineller ist. Selbst Wühlmäuse, die als Politische eingeschleust werden und als Spitzel fungieren sollen, erkennt er an verdächtigen Lebensläufen und warnt vor ihnen.

Walter, dessen blaugraue Augen immer strahlen und alles zu durchschauen scheinen, dessen blondes Haar glatt nach hinten gekämmt ist und der selbst in seiner stets akkurat sitzenden Sträflingskleidung, die vom Maßschneider kommen könnte, wie ein Erbe aus reichem Haus wirkt, hüllt sich in einen dichten, aus Geheimnissen gewebten Schleier. Es heißt, er habe Menschen von Ost nach West geschleust und stecke familiär in Schwierigkeiten.

Neunzehn Jahre älter als ich, könnte er fast schon Enkel haben, zumindest dann, wenn er ähnlich früh wie ich einem süßen Leben gefrönt hätte. Allein schon wegen des erheblichen Altersunterschieds besteht zwischen uns ein gewisser Abstand, der Fremdheit bei gleichzeitigem Zutrauen und Respekt bewirkt.

Das Verbindende zwischen uns mag darin bestehen, dass wir beide eine Rolle zu spielen versuchen, der wir nicht in allen Punkten gewachsen sind. Die Rollen – er die des Partisanen, der der sozialistischen Staatsmacht unter den wachsamen Blicken der Stasi die Stirn bietet, ich die des Frommen – spielen wir mit wechselndem Erfolg. Doch wir führen ein Doppelleben, bekennen uns nur zu der einen Seite unseres Lebens.

Noch weiß ich kaum etwas von Walter. Lichte Berggipfel und finstere Abgründe liegen dicht beieinander.

Seit drei Monaten bin ich Vater einer Tochter, und die Geburt des zweiten Kindes soll in einem Monat erfolgen.

Ich habe das Gefühl, gute Gründe zu haben, mit meinen Erfolgen beim schwachen Geschlecht nicht zu prahlen. Der kaum beherrschbare Geschlechtstrieb will mit dem Drängen nach Gottes Nähe nicht zusammenpassen. Ich trage eine Maske, spiele den romantisch verklärten Jüngling, der reinen Gewissens über den Dingen steht. Mein in Wirklichkeit schlechtes Gewissen ist offensichtlich das protestantische Element in mir, der Anspruch, mit all meinen Taten vor Gott bestehen zu wollen, für all mein Tun verantwortlich zu sein. Ein unerfüllbarer und deshalb unmenschlicher Anspruch, der bei vielen zu Verlogenheit, seelischen Erkrankungen und Selbstmord führt. Walter schanzt mir entgegen den Vorschriften erhöhte Zigarettenrationen zu. Binnen weniger Tage bringt er mich mit einer kleinen Gruppe von politischen Strafgefangenen zusammen. Die acht Stunden Gleisbau in einer Brigade, der ich zugeteilt worden bin, erscheinen mir plötzlich weniger schlimm als in den ersten Tagen, als ich dachte, die Last der Schwellen und Schienen würde meine Kraft übersteigen.

Im Bericht eines Freundes über ein KZ der Nazis steht zu lesen, dass die Schwellen von einem Erwachsenen und einem Halbwüchsigen zu zweit geschleppt werden mussten. Die beiden seien unter der Last schier zusammengebrochen und hätten Übermenschliches geleistet. Der Lehrer hat die Strapazen und Schikanen der SS nicht überlebt, der Vierzehnjährige dagegen, der 1945 von den Amerikanern befreit worden ist und mehr als drei Jahrzehnte später, nachdem er der kommunistischen Partei wegen einer allmählich sich einstellenden Gottgläubigkeit den Rücken gekehrt hat und nach Israel gegangen ist, hat in einem bewegenden Buch versucht, seine schreckliche Vergangenheit aufzuarbeiten.

Die sozialistischen Strafgefangenen tragen die Schwellen, die um die vier Zentner wiegen mögen, zu viert. Vorn und hinten werden die Tragezangen zu beiden Seiten von je einem Gefangenen umklammert. Auf Kommando wird die Schwelle angehoben. Gewitzte Kriminelle, seit Jahren Profis im Gleisbau, wissen genau, wie sie sich im welligen Gelände zu bewegen haben, damit sich die Last überwiegend auf nur zwei der Träger verteilt. So manches Mal, wenn ich unter dem plötzlichen Gewicht die Zähne zusammenbeiße, spüre ich, dass die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit erreicht sind.

Todesangst habe ich keine. Nur das Gefühl der Ohnmacht, das Gefühl des Ausgeliefertseins, erinnert mich an die Schilderung des Freundes. Zwei Posten, bewaffnet mit Maschinenpistolen, stehen auf einem Hügel und bewachen die Verbrecher. Sollte sich einer von ihnen zur Flucht entschließen, würde er nicht weit kommen. Die Kugeln aus den MPs oder die Wachhunde würden ihn schnell einholen und stoppen.

Zur Arbeit werden wir nicht von den Posten angetrieben, das besorgen die Brigadiers. Mein Brigadier, ein rothaariger, sommersprossiger Wichtigtuer, ein ehemaliger Leutnant der NVA, etwa vier bis fünf Jahre älter als ich, hat es auf mich besonders abgesehen, schikaniert mich, wo er nur kann, teilt mich zu den schwersten Arbeiten und zum unangenehmsten Trupp ein.

Als ich mich über die Schikanen des rothaarigen Ex-Leutnants bei meinen neuen Freunden beklage, holen die Erkundigungen ein, um zu überlegen, wie sie den Brigadier dazu bewegen könnten, sich anständiger zu verhalten.

Wie ich von Walter erfahre, muss er auch bei der Armee für seine Brutalität berüchtigt gewesen sein. Aber in Ungnade gefallen ist er nicht deshalb, sondern wegen seiner schrägen Neigungen, die er gelegentlich ausgelebt haben soll. Jedenfalls soll er sich an einem Muschkoten, den er sich zuvor durch unmenschlichen Drill gefügig gemacht hatte, vergangen haben. Derartiges duldete die Moral der Truppe nicht, und der Paragraf 175 schrieb eine Ahndung solcher Verirrungen zwingend vor.

Der freundliche Hinweis, dass die Hintergründe, die zu seiner Verhaftung geführt hätten, genauestens bekannt seien, und dass es ihm sicher nicht angenehm sein würde, im Lager als Hinterlader enttarnt zu werden, führt dazu, dass ich von nun an dessen Menschlichkeit zu spüren bekomme. Wunschgemäß verhilft er mir sogar dazu, einer anderen Brigade zugeteilt zu werden.

Ähnlich wie der Lagerälteste genießt auch der Rothaarige das Vertrauen der Erzieher, für die er nur ein verirrtes Schaf ist, einer der Ihren, der sich lediglich ungebührlich benommen hat und nun eine Weile in der Ecke auf Erbsen knien muss, von wo er bald wieder hervorgeholt werden wird, um erneut mit allen Rechten, Pflichten und Privilegien der sozialistischen Menschengemeinschaft ausgestattet zu werden. Für seinesgleichen sind die Erzieher im Grunde genommen gar nicht zuständig. Im Gegenteil, die vorübergehend in Ungnade Gefallenen sind Bestandteil des pädagogischen Gebäudes, sie sind die Klammer zwischen Strafgefangenen und Strafvollzug, sie verfassen Berichte und Einschätzungen über die Entwicklung, die einer im Umerziehungslager nimmt. Beliebt sind sie nur bei der Obrigkeit, denn die Sträflinge haben von ihnen nichts Gutes zu erwarten. Trotzdem sind sie keine Spitzel im eigentlichen Wortsinn, denn ihre Horchposten haben sie nicht im Verborgenen errichtet. Die echten Spitzel sind gut getarnt. Erst eine Akte, die mir durch die Irrungen und Wirrungen der Geschichte Jahrzehnte später in die Hand fällt, klärt mich darüber auf, dass gute Spitzel zum Freundeskreis gehören müssen.

Vor Schikanen brauche ich in der anderen Brigade, der ich bald darauf zugeteilt werde, keine Angst zu haben, auch wenn die Zwänge hier, denen man sich um einer guten Atmosphäre und Kameradschaft willen zu unterwerfen hat, keineswegs angenehm sind. Der Brigadier pflegt beste deutsche Tugenden und versucht, die ohnehin schon hohe Arbeitsnorm um wenigstens fünfzig Prozent überzuerfüllen.

Die Leistung wirkt sich auf die Höhe des Eigengeldes aus und verspricht höhere Zuteilungen an Zigaretten.

Der Brigadier ist ein schweigsamer, beharrlicher Bauernjunge aus Sachsen. Als er sich nach dem Tod seiner Eltern und dem erzwungenen Eintritt in die LPG entschlossen hatte, dem Land seiner Väter den Rücken zu kehren, kaufte er sich ein Fernglas der Marke Zeiss und eine Bahnkarte nach Magdeburg. Von da aus begab er sich über einsame Wege in Richtung Grenze. Im Reisegepäck Proviant und Wasser für eine Woche, Toilettenpapier, fein säuberlich aus dem Neuen Deutschland auf ein handliches Format zurechtgeschnitten, und eine alte Militärkarte von der Gegend zwischen den beiden deutschen Staaten.

Nachdem er die gefährlichen und kaum sichtbaren Hindernisse auf dem Weg zur Grenze überwunden hatte, befand er sich mitten im Sperrgebiet, wo es von Grenzern, Stasi, freiwilligen Grenzhelfern und Spitzeln aus Überzeugung, auch halbwüchsigen, nur so wimmelte.

Die Gefahr, die von ihnen ausging, war ihm bewusst. Deshalb robbte er nur nachts voran, tagsüber versteckte er sich unter einem Busch, in einem Graben oder hinter einem Baum. Meter um Meter näherte er sich den Grenzsicherungsanlagen. Als er diese am fünften Tag fast schon überwunden hatte, wurde er von einer Patrouille entdeckt, gerade als er sich ein letztes Mal in der alten Heimat zu entleeren gedachte.

Alles andere, was dann kam, kommen musste, Verhaftung, Verhöre, Prozess, Verurteilung, darin unterscheidet sich hier kaum einer vom anderen. Abgesehen von kleinen Abweichungen, die für den einzelnen manchmal von großer Bedeutung sein können, ähneln sich die Fälle erschreckend. Einmal in die Mühlen der sozialistischen Umerziehungsjustiz geraten, spielt es nur noch eine untergeordnete Rolle, ob du ein Krimineller oder ein Politischer bist.

Nach der Verurteilung bist du nur noch eine Nummer, und nach der Entlassung, die möglichst vor der Verbüßung der Gesamtstrafe erfolgen sollte, damit du wegen der Bewährung, zu der die Reststrafe ausgesetzt wird, besser erpressbar und kontrollierbar sein wirst, erhältst du deinen Namen zwar zurück, aber deine Sträflingsnummer wird dich von nun an ein Leben lang begleiten, wird ein fester Bestandteil deiner Kaderakte sein, die den Behörden bei einem eventuellen Wohnortwechsel hinterhergeschickt wird.

Zur neuen Brigade gehört auch Kurt, an den ich mich fortan klammere. Kurt, Jahrgang 1933, stammt aus einer schlesischen Kleinstadt. Die Schuld der Väter, die Schuld der Mütter, die dem Wahnsinn nicht Einhalt geboten haben, stattdessen stolz waren auf die Heldentaten ihrer Söhne, die auf den Schlachtfeldern Europas die Menschlichkeit niedermähten, die Verbrechen eines einzelnen, eines schnauzbärtigen Gefreiten aus der k.u.k. Monarchie, der sich diabolisch für die ihm widerfahrenen Verfehlungen eines vermeintlich jüdischen Großvaters an einem ganzen Volk, ja, an der ganzen Welt rächte und sich dabei auf die Mordlust mehrerer Millionen Helfershelfer verlassen konnte, haben ihn als Zwölfjährigen dazu gezwungen, seine Heimat mit einem kleinen Bündel in der Hand für immer zu verlassen.

Die Verhaftung hat Kurt Ende 1961 in Greifswald ereilt, wo er als Student der Germanistik kurz vor dem Staatsexamen stand.

Ein Verbrechen im herkömmlichen Sinne, etwas als Straftat zu Würdigendes, begangen hatte er nicht, es sei denn sein loses Mundwerk, seine überschäumende Fantasie, die in Worten hervorsprudelte und sich witzig der Umwelt mitteilte, und seine Graphomanie, die in einer reichen Korrespondenz mit Schriftstellern, Philosophen und Theologen aus aller Herren Länder sowie Politikern der schlesischen Landsmannschaft ihren Niederschlag fand, wären etwas gewesen, was die Kriminalpolizei hätte beschäftigen müssen.

Als kriminell eingestuft wurde vor allem der Tatbestand des grenzüberschreitenden Briefverkehrs, nicht etwa in Richtung Bruderländer, nein, vorwiegend in Richtung kapitalistisches Ausland. Auch war es der Wachsamkeit der Behörden keineswegs entgangen, dass Kurt, bevor die Errichtung des sozialistischen Schutzwalls in Berlin verschiedensten feindlichen Umtrieben ein Ende gesetzt hatte, mit Vorliebe zu Veranstaltungen der Vertriebenenverbände ins westliche Ausland gereist war und dort anrüchige Kontakte mit dem Klassen- und Friedensfeind, mit den ewig Gestrigen, den ewigen Kriegstreibern und Revanchisten geknüpft hatte. Aber auch Briefkontakte zu den bei der Mutter Partei in Ungnade gefallenen marxistischen Philosophen Georg Lukács und Ernst Fischer, zu dem suspekten Existenzphilosophen Jean-Paul Sartre, zu, gemessen an weltliterarisch bedeutenden und humanistisch integren DDR-Autoren, belanglosen Schriftstellern wie Heinrich Böll, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Friedrich Thorberg, zum katholischen Theologen Hans Küng, und die Aufzählung berühmter Namen ließe sich noch lange fortsetzen, wurden dem Studenten der Germanistik verübelt.

Das Verleihen von im Ausland erschienenen Büchern an Professoren, Freunde und Kommilitonen war den Genossen der Staatssicherheit ein Dorn im Auge. Aber am meisten schmerzten die Scherze, Witze, Anekdoten und kabarettistischen Einlagen, in denen der vom Klassenfeind gesteuerte Student die real existierende DDR verächtlich machte. Das ging an die Substanz. Der schwarzhaarige Brillenträger, der das Selbstverständnis der DDR nach dem 13. August 1961, dem Tag, an dem dank den weisen Beschlüssen in den Politbüros von Moskau und Ostberlin der Weltfrieden gerettet, die Gefahr eines dritten Weltkrieges gebannt worden war, in seinen Grundfesten erschüttert hatte, musste dringend gemaßregelt werden.

Kurts Straftaten wurden vom Gericht in Greifswald mit sieben Jahren Zuchthaus geahndet. In Bautzen, wo er den ersten Teil seiner gerechten Strafe verbüßte, machte er Bekanntschaft mit Mördern und schloss Freundschaft mit Georg Dertinger, dem ersten Außenminister der DDR, der schon lange aus dem Verkehr gezogen worden war. In der Festung Torgau freundete er sich mit einer Gruppe aus Ilmenau an, deren Mitglieder sich um einen ehemaligen Staatsanwalt geschart hatten. Der Staatsanwalt, wegen seiner roten Nase Schnupprich genannt, ein Fabrikant, der bis zur Verhaftung in seinem Betrieb fünfhundert Arbeiter beschäftigt hatte, und ein Diplomingenieur hatten sich das abenteuerliche Ziel gesetzt, die Pankower Regierung zu stürzen und die Macht zu übernehmen, um der Demokratie zum Sieg zu verhelfen.

Nach ihren Vorstellungen wäre es schon in den fünfziger Jahren zu einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten gekommen, und vielleicht würden die Deutschen auch heute noch Johannes R. Bechers Nationalhymne singen, in der schon damals von einem „Deutschland einig Vaterland“ die Rede gewesen ist. Die Dreierbande aus Ilmenau hatte Glück gehabt. Denn wären sie ob der ins Reich der Märchenwelt zu verbannenden Fantasien von der Staatsmacht nicht insgeheim belächelt worden, hätten sie den Mauerbau sicher nicht mehr erleben dürfen.

Nachdem sich mehrere evangelische Bischöfe für Kurt eingesetzt hatten, wurde das auch für das Rechtsempfinden der DDR weit überzogene Urteil kassiert und in eine dreieinhalbjährige Gefängnisstrafe umgewandelt. Entsprechend einer Umrechnungsformel von Zuchthaus in Gefängnis muss Kurt für seine Unbotmäßigkeit nur mit insgesamt zweieinhalb Jahren Haft bezahlen. Als ich ihm begegne, hat er noch etwa acht Monate vor sich, meine Gesamtstrafe.

Die bisherige Umerziehung ist für den Dreißigjährigen nicht ohne Folgen geblieben. Depressionen quälen ihn, Zukunftsängste. Was wird er tun, wenn er aus dem Lager entlassen wird? Ein Studienabschluss gelangt in unerreichbare Ferne.

Ich glaube, eine leise Ahnung davon zu haben, was die DDR-Oberen an meinem Freund so sehr gestört haben könnte, dass sie meinten, sich an ihm rächen zu müssen. Er, der Schlesier, ist eine deutsche Schwejkkopie, der mit seinen verbalen Schelmenstreichen oft den Nagel auf den Kopf trifft und damit die Oberen verunsichert. Die kleinen Oberen begreifen die Ironie seiner Schwänke nicht und sind zwar irritiert, weil sie spüren, dass sie verulkt werden, trotzdem aber finden sie daran nichts auszusetzen, schließlich ist sein Verhalten, wenn auch ungewöhnlich, so doch durchaus korrekt. Die großen Oberen indes sind klug genug gewesen, um die Schwejkiaden richtig zu interpretieren, die Kritik am System zu verstehen und sich in ihrem Selbstverständnis, in ihrem Selbstbewusstsein verspottet zu sehen, ja, die eigene Lächerlichkeit im vorgehaltenen Spiegel zu erkennen, weshalb sie ihm den Spiegel aus der Hand reißen und auf dem Boden zerschmettern, was ihm sieben Jahre Pech bescheren soll. Was sie nicht wissen, sein Spiegel ist ein Zauberspiegel, und das Versprechen der Scherben setzt die zeitlichen Grenzen außer Kraft. Das Pech soll nicht sieben Jahre, sondern ein Leben lang andauern.

Der schlesische Schwejk ist unter seiner Bärenhaut verletzbar. Und äußerlich ist er tatsächlich ein Bär, wenn auch einer, der anlässlich einer Kulturveranstaltung tapsig und im Stechschritt auf die Bühne marschiert und der vor Behagen grölenden Masse seiner Mitgefangenen in Goebbels-Manier zuschreit: „Majakowski: Der Fortschritt siegt!“ Oder auf der Lagerstraße, als sich die Sträflinge nicht mehr einzeln, sondern nur noch in Gruppen, aus mindestens drei Gefangenen bestehend, von der Speisebaracke zur Schlafbaracke und umgekehrt begeben dürfen. Aus Sicherheitsgründen, denn gegen die Oberen hat es eine Revolte gegeben: Der stellvertretende Lagerkommandant ist auf offener Lagerstraße im Dunkeln von jemandem geohrfeigt worden. Die Erzieher kennen den Übeltäter nicht, aber sie kennen die Drahtzieher, die zu den haltlosen Zuständen im Lager geführt haben, zur Auflösung von Ordnung und Disziplin. Mit den Drahtziehern könnte das kleine Häuflein der Politischen gemeint sein. Fortan steht hinter den zum Fahnenappell Angetretenen alle fünf Meter ein Erzieher, die Maschinenpistole geschultert und den Deutschen Schäferhund an der Leine, was mir und meinesgleichen ein mulmiges Gefühl vermittelt.

Wenn ich mit Schwejk über die Lagerstraße ziehe und einem Erzieher begegne, reißen wir uns die Mützen vom Kopf, stehen stramm, und Kurt erstattet im schneidenden Kommandoton, die Hände an der Hosennaht, Meldung: „Herr Hauptwachtmeister, Strafgefangener 371 aus 3 meldet gehorsamst, drei Strafgefangene auf dem Weg vom Speisesaal zur Baracke Nummer fünf!“

Verdattert ob solch militärischen Gebarens entlässt uns der Hauptwachtmeister gnädig. Wir, die Strafgefangenen, amüsieren uns königlich. Fast gieren wir danach, wir, die anderen, die wir Akteure und Zuschauer des Sträflingstheaters geworden sind, möglichst oft Meldung erstatten zu müssen, es unserem Schwejk gleichzutun.

Ein kleines Häuflein Politischer schart sich um Kurt und Walter. Etwa zwölf an der Zahl. Zu unserem Kreis gehören auch zwei, die sich ominöser Verbrechen gegen die sozialistische Wirtschaft schuldig gemacht haben. Hungerkiepe – ein zweiundzwanzigjähriges Geschäftsgenie, dem alle Reste zugeschoben werden, denn er kann nie genug bekommen, dabei ist er nur Haut und Knochen – ist sein fünfundachtzig Jahre alter Vater zum Verhängnis geworden, der aus Neid auf die Erfolge des Sohns, der es bereits zu einem eigenen Haus und einem Wartburg Sport gebracht hat, zur Polizei gegangen ist und ihn wegen Unregelmäßigkeiten in der Buchführung angezeigt hat.

Nicht ohne Erfolg, denn ein Genosse aus der Kreisleitung der Partei hatte schon ein Auge auf die kleine Villa geworfen, die er nach der Verurteilung des jungen Mannes wegen Vergehen gegen Volkseigentum und sozialistische Wirtschaftsinteressen zu drei Jahren bei gleichzeitiger Enteignung des unrechtmäßig erworbenen Privatbesitzes für einen Vorzugspreis erstehen konnte.

Hungerkiepe sitzt zu den Mahlzeiten meist neben mir, da ihm meine Fleischrationen sicher sind. Aber in der Regel finden auch die Reste von mehreren anderen Mitgefangenen den Weg durch sein stets weit geöffnetes Scheunentor. Er ist wie ein hungriger Ackergaul, der unentwegt fressen kann, wenn entsprechende Futtermengen nachgereicht werden.

Ein Bauernsohn aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Rostock, der auf der ABF, der Arbeiter- und Bauernfakultät, sein Abitur abgelegt hatte, hat sich mit einigen Freunden aus dieser Kaderschmiede den Rütlischwur zu eigen gemacht, sie wollten sein ein einig Volk von Brüdern und das Regime mit Waffengewalt hinwegfegen, sie wollten bewaffnete Zellen aufbauen und mittels wirkungsvoller Terroraktionen den Kampf gegen die ihnen verhassten Kommunisten aufnehmen, bis die die Macht freiwillig aus der Hand geben und sich zurückziehen würden, um den Weg freizumachen für ein einiges und demokratisches Deutschland.

Für diesen ungeheuerlichen Plan, denn es war nur bei einer im Freundeskreis ausgeheckten Fantasie geblieben, hatte er, zwei oder drei Jahre älter als ich, als einer der Rädelsführer nur dreißig Monate aufgebrummt bekommen. Die Stasi braucht ihn noch. Zwar will sie ihn kirremachen, nicht aber psychisch oder gar physisch zugrunde richten.

Nach seiner vorzeitigen Haftentlassung darf er sogar Physik studieren und zu konspirativen Treffs mit der Vorhut der Arbeiterfaust erscheinen. Das alles erfahre ich von ihm persönlich. Aber ob er tatsächlich zu dem geworden ist, wozu man ihn kneten wollte, ist ungewiss, seine Spur verliert sich 1969, als ich schon seit einem Jahr in Budapest lebe.

Die Politischen sind eine verschworene Gemeinschaft, Freunde. Spitzel in unseren Kreis einzuschleusen, so glauben wir, sei ein Ding der Unmöglichkeit. Nach endlosen Gesprächen unter jeweils vier Augen meinen wir, selbst in die geheimsten und dunkelsten Winkel des anderen vorgedrungen zu sein. Spitzel, davon sind wir überzeugt, gibt es nur unter den Kriminellen und denen, die nach wie vor am Rockzipfel der Mutter Partei hängen.

Kriminelle und Hundertfünfzigprozentige haben keine Chance, in unseren illustren Kreis aufgenommen zu werden, zu dem auch ein Kapellmeister aus Neustrelitz, und ein Fabrikantensohn aus dem Westen gehören, der vor der Bundeswehr in den Osten geflüchtet ist.

Ich ertappe mich dabei, den elegant wirkenden Brillenträger mit den glatt nach hinten gekämmten dunkelblonden Haaren, der irgendwie ein besonderes Fluidum ausstrahlt, das eines weit gereisten Westlers aus reichem und vornehmem Hause, ein wenig um seine Kindheit und Jugend zu beneiden, nicht zuletzt auch darum, dass ihn sein Vater nach Verbüßung der Haftstrafe nicht länger in der Russenzone schmoren lassen werde. So wenigstens sei es ihm in einem verklausulierten Brief versprochen worden. Das werde seinen Alten eine schöne Stange Geld kosten, fünfzig- bis hunderttausend würden sicher über den Tresen gehen, doch das störe ihn, den Sohn, wenig, das müsse er seinem Vater schon wert sein. Schließlich hätte der ihm, nachdem er die Nase vom Osten gestrichen voll gehabt habe, einen falschen Pass besorgen können, dann wäre er nicht erwischt worden, als er versucht habe, über die Mauer zu klettern, um sein Ingenieurstudium in Darmstadt fortzusetzen.

So einen Vater hätte ich auch gern gehabt.

Insgeheim mache ich mir Hoffnungen, mit Hilfe von Walter einen Weg in den Westen zu finden, um dem ungeliebten Land den Rücken zu kehren. Der geforderte Kadavergehorsam und die Kriminalisierung des Denkens machen mir das Leben in der DDR unerträglich. Dennoch weiß ich nicht wirklich, ob ich tatsächlich in den Westen will, ob ich mich in einer Welt der Freiheit und Belanglosigkeiten wohlfühlen würde.

Als ich mir wenige Monate vor der Inhaftierung am Deutschen Theater in Berlin den Don Carlos ansehe, gibt es an der Stelle, als Marquis Posa von König Philipp in stürmisch romantischer Verklärung fordert: Sire, geben Sie Gedankenfreiheit, nicht enden wollenden Szenenapplaus. Die da geklatscht haben, das sind meine Leute, zu ihnen fühle ich mich hingezogen. Im Westen, wo es Gedankenfreiheit gibt, würde man diese Stelle vielleicht gar nicht als einen der Höhepunkte in Schillers Drama begreifen.

Die wenigen Westler, die ich kenne, kommen mir alle überheblich vor. Bei Licht besehen, verhält es sich auch mit dem Fabrikantensohn nicht anders. Der Geruch des Geldes und die Weltgewandtheit machen ihre Überlegenheit aus, während Mauer und Stacheldraht die Ostler nicht nur hier im Lager zu Tölpeln abstempeln, denen von einem Stiefvater mit Zuckerbrot und Peitsche der nötige kindliche Respekt eingeflößt wird.

Aber Stiefkinder verbünden sich insgeheim gegen den Stiefvater, kapseln sich ab, werden aufmüpfig, führen ein Doppelleben. Die hier im Osten sind hochsensibel und trotz allem eigentlich reicher als ihre Brüder und Schwestern im Westen. Manch einen Ostler macht die Schizophrenie kaputt. Andere entziehen sich ihr, indem sie sich unwillig zeigen, zwischen Denken und Handeln, zwischen Fühlen und Sprechen einen Unterschied zu machen.

Gleich wie man es dreht und wendet, die Ostler sind extreme Persönlichkeiten. Viele von ihnen haben sich in eine anheimelnde Innerlichkeit zurückgezogen, in ein Glück im Winkel. Diese Nestwärme könnte es sein, die mich daran gehindert hat, ein Abenteurer zu werden und wegzugehen, als es noch möglich gewesen wäre.

Eines Tages aber wirst du flügge und willst das Nest verlassen, verzichtest auf die Nestwärme, möchtest den Rahmen deines Schicksals nicht mehr fremdbestimmen lassen. Der eine bahnt sich mit Waffengewalt den Weg in die vermeintliche Freiheit, scheut selbst vor einem Mord nicht zurück, oder geht mit bloßen Händen gegen brutale Waffengewalt vor, der andere versucht, auf verschlungenen Pfaden ans Ziel zu gelangen oder meint, es müssten auch ein paar Anständige im Land bleiben, und wieder ein anderer glaubt gar, er und der Arbeiter- und Bauernstaat seien eins, die Demokratien des Westens seien des Teufels, oder aber ihm fehlt die Kraft, Veränderungen anzustreben, weshalb er sich zum Mitläufer hat machen lassen, der leicht Täter oder Opfer werden kann.

Ich will weder Mitläufer noch Wegläufer sein, weder Opfer noch Täter, ich kann mich von der Erinnerung an meinen Großvater und meine arische Großmutter mit dem polnisch-jüdisch klingenden Namen nicht befreien. Selbst als das Leben des einen Sohnes an der Front durch einen Kopfschuss endet, loben sie den Herrn, der für sie Hitler heißt. Diesen Tod verklären sie und nehmen ihn als Opfer auf dem Altar des Deutschtums an. Er macht sie nicht bitter. Fast könnten sie in den Verdacht geraten, ähnlich gottesfürchtig wie Abraham zu sein, der bereit ist, Gott seinen Sohn Isaak zu opfern, oder Hiob, der die über ihn gekommenen Plagen klaglos erträgt, wäre da nicht das ihrer Meinung nach unwerte Leben Andersrassischer, wären da nicht die Täterrolle des Großvaters und das Hurragebrüll der Großmutter.

Die Erinnerung an die Scheußlichkeiten, deren sich meine Großeltern begeistert schuldig gemacht haben, kann ich nur ertragen, indem ich keinem einzigen Ismus eine Chance gebe, mich zu besetzen.

Weder für den Sozialismus noch für den Kapitalismus, weder für den Katholizismus noch für den Judaismus, für nichts und niemanden bin ich bereit, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Will ich ein höheres Lebewesen sein als ein Tier, dann kann ich die Anforderungen an mich selbst nicht niedriger ansetzen.

Knastologenaristokratie

Der Kapellmeister mag den Fabrikantensohn nicht so recht. Warum, weiß er selbst nicht. Vielleicht mag er Grenzgänger nicht, die mal auf der einen und mal auf der anderen Seite der Grenze ihren idealen Lebensmittelpunkt gefunden zu haben glauben.

Er kennt Leute aus den fünfziger Jahren, die ihr Mobiliar kurz und klein geschlagen haben, um dann darauf ihre Notdurft zu verrichten, bevor sie sich in den Westen abgesetzt haben. Nachdem sie im Goldenen Westen überrascht feststellen mussten, dass sie weitestgehend auf sich selbst gestellt waren, dass Eigeninitiative gefragt war, um sich im Überlebenskampf zu behaupten, kamen sie nach wenigen Monaten reumütig in ihre Heimatstadt zurück, um sich eine Wohnung zuweisen und in der Zeitung als vom Kapitalismus enttäuschte Helden feiern zu lassen.

Der Kapellmeister hat es versucht, er wollte in dem Land bleiben, in dessen Städten der Geist Goethes und Schillers, Bachs und Händels wehte. Aber die Zeiten hatten sich gewandelt, der Geist schien wie Schnee weggeschmolzen zu sein. Die Kunst in der DDR wurde gegängelt, an einer Hundeleine gehalten, die sich mal auf zwanzig Meter abspulen ließ, mal die kalte Hand des Hundehalters im Genick zu spüren bekam. Obwohl die Freiheit in der Musik, im Musiktheater unverhältnismäßig größer zu nennen war als im Sprechtheater oder in der Literatur, wollte er kein Teil eines geknebelten Kulturbetriebs sein. Dass eine steile Karriere auch für ihn ohne Parteibuch nur schwer vorstellbar war, spielte bei seinem Entschluss, die DDR zu verlassen, fast schon eine untergeordnete Rolle. Es war einfach das Unbehagen, das er bei der ihn umgebenden eigenartigen Mischung von Begabung und Nicht-Begabung empfand, wenn die Begabten in ihrer Entwicklung behindert wurden, weil die Minderbegabten, denen die Partei den Rücken stärkte, den Wettbewerb zu ihren Gunsten zu entscheiden vermochten. Das Unbehagen war eines, das sich vordergründig zwar aus der ihm unsympathischen Politik herleitete, allein schon beim Anblick der Funktionsträger die Nackenhaare sträuben ließ, in Wirklichkeit aber ging es tiefer, rief einen Schmerz in ihm wach, den er auch beim Hören eines verstimmten Klaviers empfand. Die ständig falschen Töne waren es, die sein Gehör beleidigten, ihn nach dem Klavierstimmer, dem Menschenstimmer riefen ließen. Doch die waren der Taubstummheit verfallen, in Gefängnissen verschwunden oder rechtzeitig außer Landes gegangen.

Seine Flucht in den Westen war längst schon gescheitert, noch bevor er sie überhaupt angetreten hatte. Der Fluchthelfer hatte zweimal kassiert, einmal von den Verwandten des Kapellmeisters im Westen und ein zweites Mal von der Stasi in Ostberlin. Ein halbes Jahr lang hatte die mit ihm Katz und Maus gespielt. Wohl im Glauben daran, dass das Fleisch mit zunehmender Todesangst schmackhafter sei. Falsche Kuriere bestellten ihn nach Ostberlin, um die Einzelheiten zu besprechen. Als es dann so weit war, musste er zweimal die Autos wechseln, die sich über holprige Landstraßen und Feldwege der Autobahn näherten. Der Rhythmus des Holperns kam ihm vor wie Erlkönigs hastender Reiter mit dem sich in Fieberfantasien schüttelnden Kind in seinem Arm. Er versuchte, die Angst zu verdrängen, stattdessen den dahinjagenden Klängen des Liedes nachzulauschen. Im dritten Wagen dann, einem umgebauten alten Buick, verkroch er sich hinter den Rücksitz, fühlte sich wie der fieberkranke Knabe, der in den Armen des Vaters schließlich gestorben war. Würde es am Ende auch ihm so ergehen? Würden ihn gar die Abgase töten wie einen Juden, dessen Leben die Nazis für überflüssig erklärt hatten? Nein, nein, schoss es ihm in seiner pränatalen Körperstellung durch den Kopf, die zweite Hälfte der besprochenen Summe würden die Schleuser ja nur für den lebenden Flüchtling bekommen.

An der Grenze in Marienborn wurde das Automobil gründlich unter die Lupe genommen. Aber entdeckt wurde sein Versteck vorerst nicht.

Doch da er erwartet worden war, wurde der Fahrer in aller sozialistischen Form und Höflichkeit gebeten, einem Fahrzeug der Staatssicherheit hinterherzufahren. In der nahegelegenen Kaserne dann wurde der Kapellmeister von Kfz-Spezialisten aus seinem Verlies befreit.

Eine Befreiung freilich hatte er sich einige Kilometer weiter erhofft, nicht hier und nicht so, auch wenn ihm die endlich wieder möglich gewordene Bewegung der steifen Glieder wie eine Wohltat vorkam, die ihn fast die Angst vor dem, was nun unweigerlich kommen würde, vergessen ließ. Er konnte kaum vernünftige Gedanken fassen, dirigierte in Gedanken Beethovens Fünfte. Das Schicksal hatte sich Eintritt in sein Leben verschafft.

Während er fröstelnd und zitternd darauf wartete, abgeführt zu werden, wurde er auf einen 300er Mercedes aufmerksam, dessen Nummernschilder sich nach dem Rolltreppenprinzip veränderten. Verwundert registrierte er verschiedenste westliche Kennzeichen, die er sich sogar hatte merken können, besaß er doch als Dirigent ein fotografisches Gedächtnis.

Der Ansporn, Partituren auswendig zu lernen und die Technik, sie quasi zu fotografieren und als jederzeit aktivierbare Negative zu speichern, kam von seinem großen Vorbild, dem rumänischen Wunderdirigenten Sergiu Celibidache, den er noch zwischen 1945 und 1952 an der Spitze der Berliner Philharmoniker erlebt hatte.

In der Schwarzen Pumpe gibt es ein verstimmtes Klavier, auf dem der Kapellmeister in den Abendstunden, wenn die Kulturgruppe zusammenkommt, um einen Tucholsky-Abend einzustudieren, klassische Musik erklingen lässt.

Chopin macht mich sentimental. Ich versinke in der Welt berauschender Klänge, ein hauchdünner Tränenschleier versperrt mir die Sicht. Von unserem Klavierspieler höre ich zum ersten Mal im Leben den Namen Béla Bartók. Auch er sei aus seiner Heimat weggeekelt worden und noch schlimmer, er sei im amerikanischen Exil gestorben, ohne die geliebte Heimat je wiedergesehen zu haben.

Bartóks Mikrokosmos ist ein ungewohntes und frappierendes Hörerlebnis. Wie elektrisiert lausche ich dem melodisch hämmernden Rhythmus, einer Musik, die mir eine geniale Verschmelzung von Klassik und Moderne zu sein scheint, ohne dass ich freilich in der Lage wäre, meinen Eindruck durch musiktheoretische Kenntnisse zu belegen, denn auf dem Gebiet der Musik bin ich ein blutiger Laie, zumal ich es bei meinen Klavierstudien nicht allzu weit gebracht habe. Hänschenklein und Ähnliches sind die Höhepunkte meines Repertoires. Noch schlimmer, die Struktur der Musik verschließt sich meinem Blick, höchstens nehme ich die metaphysische Ebene wahr. Die mathematischen Strukturen des Klanggefüges geben sich mir nicht zu erkennen. In ihrer strengen Klarheit bleiben sie mir unklar, ich stehe ihnen hilflos gegenüber wie jener Junge, den Kurt Tucholsky am Ende seines Familiendramas Wo kommen die Löcher im Käse her? mit gen Himmel ausgestreckten Armen ausrufen lässt: Aber ich möchte doch wissen, wo kommen die Löcher im Käse her?

In der Kulturbaracke zwischen Kommandozentrale und Speisesaal kommen wir an zwei Abenden in der Woche zusammen, wir, die Kulturträger des Lagers, wir, die wir gelegentlich ein Buch gelesen haben, ich sogar viele, wenn auch kunterbunt durcheinander, ohne inneren Bildungszusammenhang, fast wie Pawel aus Gorkis Mutter, der ohne Sinn und Verstand versucht, ein Lexikon auswendig zu lernen. In der Straßenbahn zwischen Dresden und Radebeul hatte ich damals tagtäglich ein bis zwei Dramen gelesen.

Eine wirklich fundierte Bildung besitzen aus dem Kreis nur drei: der Kapellmeister, Kurt und unser gemeinsamer Freund, der Bücherdieb, ein Libro-Kleptomane, der seinen Unterhalt aus dem Verkauf von gestohlenen Büchern bestritt, nachdem sich seine Eltern kurz nach dem Mauerbau, die Mutter im Rollstuhl, auf der Schwedenfähre von Saßnitz aus über den Umweg Schweden nach Westberlin abgesetzt hatten. Seit zwölf Jahren war die Mutter, die an Multipler Sklerose litt, nicht aus der Wohnung gekommen. Nun unternahm sie eine Reise übers Meer, um aus der Ostberliner Schonenschen Straße ein paar Straßen weiter nach Westberlin zu ziehen. Unseren Freund hatten sie zurücklassen müssen, hatten ihn aber später nachholen wollen. Doch dieses Vorhaben war fehlgeschlagen, so dass er sich auf intellektuell-kriminelle Abwege begeben musste, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Da er nichts gelernt, auch die Oberschule nicht beendet hatte und von körperlicher Arbeit nicht viel hielt, war ihm nichts anderes eingefallen, als seine Leidenschaft, unauffällig und unentgeltlich Bücher zu sammeln, in existenzsichernde Bahnen zu lenken. Von nun an stahl er von jedem Titel wenigstens zwei Exemplare, eines für seine ständig wachsende Privatbibliothek und eines, um es zu verhökern.

Wenige Augenblicke genügen ihm, um den Standort der lohnendsten Objekte festzustellen, denen er dann, um nicht aufzufallen, den Rücken zukehrt. Er, schwarz gelocktes Haar, bräunlicher Teint, Grübchen in den Wangen, immer ein Lächeln auf den Lippen, schlank, schlaksige Bewegungen, mit einem Wort, ein netter Junge von nebenan, mit dem über Bücher sich zu unterhalten ein Genuss ist, denn er ist belesen wie selten jemand in seinem Alter, er, der zwei oder drei Jahre älter ist als ich, verwickelt die freundlichen Buchhändlerinnen in ein Gespräch, um schließlich in einem günstigen Moment die ausgespähten Trophäen an sich zu nehmen und freundlich grüßend das Geschäft zu verlassen.

Kurt, der tapsige Bär, der schlesische Schwejk, der traurige Clown, er ist meine Universität, füttert mich mit Büchern und Namen bekannter Autoren, von denen ich aus seinem Mund zum ersten Mal höre. Kurt ist mein Lehrer, mein Freund, mein Vater und mein Beichtvater. Mit ihm philosophiere ich über Gott und die Welt, über Politik, Literatur, die menschliche Existenz, das Sein in Gott, über das eigene klägliche Versagen in der Beherrschung meines triebhaften Wesens. In Kurts Gegenwart komme ich mir recht klein vor. Dennoch brauche ich jemanden, dem ich mich anvertrauen kann, die Last der Verantwortung gegenüber zwei kleinen Kindern ist zu schwer, als dass ich sie allein tragen könnte.

Einen Tag nach John F. Kennedys Ermordung, von der wir aus den Nachrichten des Lagerfunks erfahren, vertraue ich mich im Vorraum der Baracke 3 Kurt an. Das Rätselraten über die Hintergründe des Mordes an Kennedy lässt eine Stimmung aufkommen, in der ich das Bedürfnis verspüre, mein Gewissen zu erleichtern. Wir tappen im Dunkeln. Wer steckt hinter dem Attentat? Sicher werden die Geheimdienste der Welt jetzt ein Lügengebäude errichten, um so die unabhängigen Medien in die Irre zu führen. Ich bin verwirrt. Wild schwirren die Spekulationen durch meinen Kopf. Ich sinne über die Verantwortung für Leben und Tod der anderen nach, über die eigene Verantwortung für gerade entstandenes Leben.

Kurt versichert mir, mich sehr gut zu verstehen. Ich aber glaube, dass Kurt in Wahrheit entsetzt darüber ist, dass sich hinter meiner vorgegebenen Frömmigkeit abgrundtiefer Leichtsinn verbirgt. Kurt behauptet, gleichfalls schon so manches Abenteuer bestanden zu haben. Seine Geschichte mit einer Pfarrerstochter, die er auf dem Schreibtisch des Superintendenten vernascht habe, der inzwischen Bischof geworden sei und sich für die Kassation des Urteils eingesetzt habe, scheint mir unglaubwürdig zu sein. Manchmal denke ich, Kurt habe die Geschichte nur erfunden, um aufzuschneiden oder dem Gespräch eine komische Wende zu geben, um meine quälenden Schuldgefühle zu lindern. Und natürlich entbehrt die Vorstellung vom korpulenten und nicht gerade sportlich zu nennenden Kurt mit der Pfarrerstochter auf dem Schreibtisch liegend nicht der Komik.

Als ich mein Gewissen bereits erleichtert habe und versuche, mich aus den Verstrickungen selbstanklagender Beichte durch Themenwechsel zu lösen, entdecke ich vor dem Fenster die neugierigen Blicke unseres Spezialfreundes, des Oberwachtmeisters Fensterschreck, wie wir ihn nennen, weil er die Gabe besitzt, immer dann am Fenster aufzutauchen, wenn sich in der Baracke Dinge abspielen, die gegen die Lagerordnung verstoßen. Angst haben wir keine vor ihm, obwohl der Aufenthalt in einer anderen Wohnbaracke als der eigenen strengstens verboten ist.

Wir können uns des Verdachts nicht erwehren, dass er um die Freundschaft der ihm anvertrauten Strafgefangenen buhlt oder aber, dass ihm zumindest daran liegt, von der Knastologenaristokratie, zu der die Politischen seines Erachtens gehören, Anerkennung zu ernten. Nachdem er sich in langen Tiraden über meine laxe Haltung gegenüber der Lagerordnung ergeht, gipfeln die Vorhaltungen des Erziehers darin, dass er betont, mich, den Strafgefangenen 724 aus 3, um nichts sonst als um meine Redegabe zu beneiden. Und im Übrigen studiere nicht nur er, der Genosse Erzieher, Pädagogik, sondern auch seine Frau habe sich dem Studium der Pädagogik gewidmet. Besonders einprägsam ist seine ungewöhnliche Betonung des Wortes Pädagogik auf der letzten Silbe. Es will scheinen, als wolle er den Eindruck erwecken, dass er des Griechischen mächtig sei und dies durch die Betonung auf der letzten, der deutschen, Silbe unterstreichen wolle.

Die gute und angenehme Gesellschaft, in der ich mich hier befinde, kann dennoch nicht vergessen machen, dass ich eingesperrt bin, kann nicht die scharfen Hunde im Laufgang zwischen den beiden Zäunen vergessen machen, wovon einer unter Strom stehen soll, kann nicht die Wachtürme vergessen machen, die Tag und Nacht von Posten mit Maschinenpistolen besetzt sind, kann nicht die Wachen mit Maschinenpistolen über der Schulter und Hunden an der Leine vergessen machen, die beim Appell hinter den Strafgefangenen stehen, um die militärische Einhaltung der Ordnung zu sichern, kann nicht die vielen kleinen und größeren Unannehmlichkeiten vergessen machen, denen ich durch die Feindseligkeiten der Kriminellen ausgesetzt bin, mit denen ich Tisch und Etagenbett teile, kann nicht vergessen machen, dass, wenn auch mit geringem Erfolg, versucht wird, uns einer Gehirnwäsche zu unterziehen.

Als sich ein schlecht vorbereiteter und stotternder Redner im Speisesaal erkühnt, die Strafgefangenen in Marxismus-Leninismus zu unterweisen, verlasse ich empört und angewidert den Saal. Als Einziger. Der Redner hört auf zu stottern, starrt entsetzt in den Saal, hat Angst, dass sich weitere Strafgefangene von ihren Plätzen erheben und das Ungeheuerliche wagen, meinem Beispiel folgen könnten. Die Mitgefangenen triumphieren innerlich, dass einer von ihnen sozusagen symbolisch für alle das tut, was auch sie gern tun würden.

Draußen werde ich von einem Erzieher, der in kluger Voraussicht vor dem Saal Posten bezogen hat, nach meinen Beweggründen für das vorzeitige Verlassen der Religionsstunde befragt und ob ich nicht bereit sei zurückzugehen. Bin ich nicht. Mein aufmüpfiges Verhalten, das schon meine Mutter zu Beanstandungen veranlasst hat, verschafft mir im Lager den Ruf von Unerschrockenheit. Auch meine ungewöhnliche Eingabe, in der ich beantrage, mir das Lateinlehrbuch und die Bibel aus meinen Effekten auszuhändigen und dafür Sorge zu tragen, dass ich im Zuge der verfassungsmäßig garantierten Freiheit der Religionsausübung die Möglichkeit erhalte, einem sonntäglichen Gottesdienst beizuwohnen, nötigt den Mitgefangenen Respekt ab, auch wenn sich dem gelegentlich ein Anflug von Lächeln beimengt.

Die Lagerleitung hüllt sich in Schweigen.

Bei einer Gelegenheit, als meine Brigade am Wochenende unter scharfer Bewachung zu einem Ernteeinsatz auf ein Feld in der Umgebung gefahren wird, habe ich einen Brief bei mir, in dem ich meinem väterlichen Freund, einem Pfarrer aus Löcknitz, ausführlich über das Lagerleben Bericht erstatte. In einem Moment, da ich mich unbeobachtet fühle, drücke ich den Brief einem gutmütig wirkenden Traktoristen in die Hand. Dessen ehrlich dreinblickende Augen scheinen mir zuzuraunen, dass das beidseitig eng beschriebene Blatt Papier seinen Adressaten erreichen wird. Sprechen können wir nicht miteinander, das ist verboten.

Schmierenkomödie

Weihnachten steht vor der Tür. Die Tage werden kälter, Kohle in der DDR ist knapp, im Kohlerevier Schwarze Pumpe werden Sonderschichten gefahren, um dem Mangel abzuhelfen. Am Sonntag soll auch meine Brigade zu einer Sonderschicht herangezogen werden. Zusammen mit zwei Mithäftlingen rücke ich nicht aus, weigere mich, am Tag des Herrn zu arbeiten.

Die Bewacher wirken nervös, wir, die drei Häftlinge, werden zum Lagertor beordert, wo wir von einem Leutnant, der, wie später zu hören ist, als ruhig und besonnen gilt, aufgefordert werden, uns der Arbeitskolonne anzuschließen. Für den Fall, dass wir unsere Weigerung nicht umgehend aufgeben sollten, droht er uns Arrest und andere haftverschärfende Maßnahmen an. Die Mitgefangenen, ein Zeuge Jehovas und ein junger sympathischer Kellner aus Potsdam, der wegen RF, das heißt versuchter Republikflucht, einsitzt und, ebenso wie ich, wenig Lust verspürt, eine Sonderschicht zu fahren, weichen dem Druck. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, aber ich bleibe bei meinem Nein. Warum? Sicher nicht, weil ich so schrecklich mutig wäre. Im Gegenteil: Die Angst schnürt mir die Kehle zu. Die Energie meines Handelns erinnert an das Gesetz von der Trägheit der Masse. Einmal in Schwung geraten, lässt die sich einfach nicht bremsen.

Der besonnene Erzieher und Leutnant ist fassungslos vor Wut. Schaum tritt ihm vor den Mund. Seinen herbeieilenden Genossen schreit er zu, sie sollten die Hunde loslassen und auf mich hetzen. Der bewaffnete Leutnant packt mich, den wehrlosen Häftling, am Schlafittchen und drückt mich gegen das Lagertor, wie um den pädagogischen Ausführungen Nachdruck zu verleihen. Ich kann nicht mehr denken. Ein Rausch des Widerstands hat sich meiner bemächtigt. Klein beigeben, das kommt mir nicht in den Sinn. Es ist, als wäre eine solche Möglichkeit des Denkens und rationalen Handelns aus meinem Gedächtnis gelöscht worden. Dabei steht mir der Angstschweiß auf der Stirn. Ich muss an irgendeinem Defekt leiden: Wenn ich der Meinung bin, im Recht zu sein, kann ich keine Kehrtwende vollziehen, klammere mich an die einmal eingenommene Position. Ein böswilliger Außenstehender könnte versucht sein, von einer behandlungsbedürftigen Zwangsneurose zu sprechen und nach dem Psychiater zu rufen.

Den unangenehmen, heißen Atem des schwer keuchenden Leutnants spürend, seine Hand an meiner Gurgel, das Tor im Rücken nutze ich die Situation, nicht zuletzt aus Angst vor den Hunden, schamlos aus: knalle mit dem Kopf gegen das Tor, erwecke den Eindruck, als sei es durch Fremdeinwirkung dazu gekommen, und sinke zu Boden. Die Mitgefangenen werden später im Lager verbreiten, dass ich brutal zusammengeschlagen worden sei.

Ich spürte die einmalige Chance, mich wirkungsvoll in Szene zu setzen und mich aus der drohenden Gefahr davonzustehlen. Am Boden liegend überlege ich, was zu tun sei. Mir fällt nichts Besseres ein, als mich in Weinkrämpfen zu schütteln. Da hilft noch so gutes Zureden des inzwischen von einer in die nächste Panik geratenen Leutnants nichts, der gegenüber den herbeigeeilten Lagergewaltigen vergebens beteuert, dem am Boden liegenden Strafgefangenen 724 aus 3 nichts angetan zu haben. Auf einer Trage befördern sie mich in die Krankenbaracke, wo meine Weinkrämpfe einfach nicht aufhören wollen. Es ist mir, als würde sich all die Spannung, der ich in den letzten Jahren ausgesetzt gewesen bin, nun in einem Meer von Tränen lösen wollen. Nichts um mich her nehme ich wahr, die Augen sind geschlossen, nur der Mund, aus dem gellendes Schreien quillt, ist weit geöffnet. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Schmierenkomödie verwischen sich. Schon weiß ich selbst nicht mehr, ob ich all den Schmerz, der sich lautstark artikuliert, nicht tatsächlich spüre, ob ich nicht tatsächlich zu Boden geschlagen worden bin. Auch denke ich immer wieder, jetzt in meiner sichtbar und hörbar gemachten Schmerzintensität auf gar keinen Fall nachlassen zu dürfen, sonst könnten mir die Vopos am Ende noch Widerstand gegen die Staatsgewalt anhängen.

Vertreibung aus dem Paradies

Dass ich dem Samen meines Vaters entsprießen durfte, ist nach freundlicher Auskunft eines meiner Brüder einzig dem egoistischen Wunsch unserer rassisch verdächtigen Mutter zuzuschreiben, sich für die Zeit ihres höheren Alters eine weitere, eine dritte, Option für spätere Besuchsreisen zu sichern. Ich, der heranwachsende Fötus, verdanke mein Dasein demnach nicht nur der weihnachtlichen Heilsbotschaft, der Sehnsucht nach Frieden, Liebe und dem schier unstillbaren Verlangen nach einem flüchtigen Gefühl körperlichen und seelischen Glücks, sondern auch dem mir zugedachten Auftrag, als Mittel gegen drohende Vereinsamung zu wirken. Meine Mutter war von der fixen Idee beherrscht, ihr Ehemann könnte aus dem Krieg nicht zurückkehren, in den er hatte ziehen müssen, weil er, der anfangs selbst ein kleiner Führer in der Reichsfilmkammer gewesen war, den anderen hohen Bonzen in ihrem selbst an nationalsozialistischen Maßstäben gemessen nicht immer ehrenhaften Tun Einhalt zu gebieten versucht hatte.

Sieben Jahre alt war ich, als es meine Eltern, vermutlich um deutschen Patriotismus gegen russische Fremdherrschaft zu demonstrieren, für gut und richtig befanden, ihre drei Söhne, Jahrgang 1938, 1940 und 1943, in der Weißen Kirche zu Leipzig taufen zu lassen. Außer der Taufe, die fast nicht vollzogen worden wäre, weil uns Kinder die Wasserspritzer zum Lachen reizten, den Repräsentanten Gottes auf Erden aber angesichts solch unangebrachter Albernheit unwillig werden ließen, verbinden sich mit der Weißen Kirche auch andere Erinnerungen. Nicht zuletzt an Weihnachten 1949 oder 1950, als wir drei Jungen wegen des lauen Winterabends in Kniestrümpfen den Weg zur Krippe des Jesuskindes antraten. Und an Einbrüche meines mittleren Bruders, der heute in Vorpommern als praktizierender Arzt und Christ seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat. Im Keller der Weißen Kirche übte sich mein Bruder als Einbrecher. Von dort ließ er gemeinsam mit einem später bei seiner katholischen Jugend beliebten Priester, den das schreckliche Ende einer rasenden Fahrt in seiner Trabi-Pappkartätsche, um einem Siebenundneunzigjährigen die Letzte Ölung zu spenden, schon längst vor seinen Herrn hat treten lassen, Kirchengerät mitgehen, während ich, ein Sechsjähriger, draußen Schmiere stehen musste.

Das plötzliche Ende von meines Vaters Reichskarriere hatte diesen vor einer schmutzigen Weste und unsere Familie vor der Scham bewahrt. Nach der Einnahme Sachsens durch die Amerikaner im April 1945 logierten einige amerikanische Offiziere in unserer Villa in der Hannoverschen Straße, einem aus drei Villen bestehenden Teilstück, dem Paradies einer Kindheit. Als die Amerikaner dann, wie von den Alliierten zuvor vertraglich geregelt, aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen abgezogen waren, um diese Provinzen den Russen zu überlassen und in Berlin einzumarschieren, quartierten sich bei uns sowjetische Offiziere ein, ein Journalist und ein Arzt aus Moskau, die sich sehr menschlich verhielten, ganz im Gegensatz zu den Gräuelgeschichten, die damals zu hören waren. Gelegentlich versorgten sie unsere Familie mit Butter, Mehl, Fleisch und Brot, meine beiden Brüder mit Fasanenfleisch und mich, den Fünfjährigen, der gerade erst sprechen gelernt hatte, mit Milch und meiner ersten Papirossa, einer schrecklich stinkenden Zigarette, die sich am besten aus einem Papierfetzen der Prawda oder Iswestija drehen ließ, die linke Hand während der Autofahrt am Steuer, die rechte in der Uniformjackentasche, um die Tabakkrümel in die Zeitung zu befördern.

Meine Großmutter mütterlicherseits, eine Nichtschwimmerin, hatte die Ungewissheit über das Schicksal der Familie ihrer Tochter nicht mehr ertragen und sich in der Kleinen Luppe hinter der Klingerschen Villa ertränkt. Mich hatten Eindrücke, an die ich mich zwar nicht, zumindest nicht bewusst, erinnern kann, trotz erster Sprecherfolge für einige Jahre verstummen lassen.

Großmutters Schmuck und andere Wertsachen aus der verwaisten Wohnung befinden sich vielleicht auch heute noch in Leipzig im Besitz der Nachkommen guter Nachbarn, die der vom Familienerbe ausgehenden Versuchung nicht hatten widerstehen können. Einzig den guten alten Volksempfänger hatten die Nachbarn auf Drängen meiner Mutter zurückgegeben. Bis Ende der fünfziger Jahre leistete er mit seinen krachenden und krächzenden Sendungen aus London und dem amerikanischen Sektor von Berlin gute Dienste, bis Mitsche, mein mittlerer Bruder, das Radio an sich nahm; dank einem unbeherrschbaren Forschertrieb, der es in seine nicht wieder auffindbaren Einzelteile zerlegte, verschwand es für immer.

Das Leipzig meiner Kindheit, das Leipzig meiner Erinnerung, das sind Ruinen in der Landsberger Straße, im Viertelsweg, in denen sich angeblich Mörder verschanzt hatten, vielleicht auch nur wahnsinnig gewordene Heimkehrer, die unter den Trümmern nach Angehörigen suchten. Leipzig, das sind aus der Kriegsgefangenschaft Zurückgekehrte, die sich aus Verzweiflung darüber, dass sie ihre Wohnung und ihre Familie nicht mehr ausfindig machen konnten, von einer Brücke vor einen anrollenden Zug stürzten. Leipzig, das sind Bettler, bettelnde Nachbarskinder, vor allem eine bettelnde Frau, die ihre Lebensmittelkarten verloren (damals der sichere Hungertod), daheim sich und ihren bettlägerigen alten Mann zu versorgen hatte, weshalb sie gegen zwei karge Essensrationen uns drei Kinder und den Haushalt versorgte, sich manchmal wie ein Musikclown die Augen verband, um uns auf dem Klavier Chopin und Liszt zu Gehör zu bringen. Leipzig, das heißt Anschreibenlassen in Frau Lademanns Krämerladen in der Landsberger/Ecke Jägerstraße, um auch am kommenden Tag über die nötigsten Grundlebensmittel zu verfügen. Leipzig, das ist Böhlen, wo mein Vater als einst in Königsberg akademisch geprüfter Schwimmlehrer Kindern beibringt, sich über Wasser zu halten, ein Bombentrichter, in dem er Kürbis anbaut, den meine Mutter zu wohlschmeckendem Kompott verarbeitet, Leipzig, das heißt 1. September 1950, mein erster Schultag, Leipzig, das ist eine Schlittenpartie mit Mitsche im Wackerstadion, die an einem Betonpfosten mit einem Nasenbeinbruch endet und damit, dass mich mein Bruder auf dem Schlitten durch die schneelosen Straßen nach Hause zieht.

Leipzig bedeutet aber auch, dass ich besagten Bruder, der in seinem Tatendrang sehr zum Ärger und Leidwesen unserer Eltern in der Nachbarschaft gelegentlich materiellen Schaden größeren Ausmaßes anrichtet, dass ich also Mitsche oder Süß, so nenne ich ihn, totenblass vor Angst über die Terrasse rasen sehe, meinen Vater mit dem Rohrstock in der Hand ihm hinterher. Leipzig, das ist mein etwa gleichaltriger Freund Ralf, mein Dolmetscher in den Jahren der Stummheit, als mein verbales Vermögen darin besteht, „i-i“ zu sagen, und Ralf der Außenwelt erklärt, was I-I haben oder sagen will, denn nur sein gutes Herz ist imstande, I-I’s-Sprache in die der Erwachsenen zu übersetzen.

Dann, im Januar 1951, ziehen wir von Leipzig weg. Unser Vater unterrichtet an einem Gymnasium in einer anderen Stadt, in Querfurt. Seither habe ich an circa zwanzig verschiedenen Orten Deutschlands versucht, heimisch zu werden.

In meinen Träumen atme ich gierig den Geruch von Rübensirup ein, spiele mit den Kindern aus der Nachbarschaft Verstecken. Den Wegzug aus der Hannoverschen Straße erlebe ich in meinen allnächtlich wiederkehrenden Träumen wie eine Vertreibung aus dem Paradies. Die Hannoversche Straße ist stets die Endstation meiner Sehnsucht. Der Verlust der kindlichen Wurzeln schmerzt. Nirgendwo sonst habe ich mich so zu Hause gefühlt wie gerade dort. Erst in Budapest, wo ich zwischen 1968 und 1973 gelebt habe und wohin ich 1994 zurückgekehrt bin, ist es mir gelungen, wieder Wurzeln zu schlagen, mich heimisch zu fühlen. Überall sonst fühlte ich mich wie Ahasver.

Für kurze Zeit kehrt so etwas wie Leipzig noch einmal in mein Leben zurück, als Ralfs Mutter 1952 nach Hamburg verschwindet und deshalb den Sohn, meinen Freund, für vier Monate unserer Familie anvertraut, um in der westlichen Fremde erst einmal selbst Fuß zu fassen. Da mein Vater es nicht für nötig und ratsam hält, seine Umgebung am neuen Wohnort über die Herkunft des Jungen aufzuklären, gilt er in den Klatschgeschichten der Leute als der Kegel des alten Paukers, der damals noch nicht einmal seinen vierundvierzigsten Geburtstag gefeiert hat.

Dann aber verschwindet Ralf für immer. Erst in einer Jahrzehnte später aufgefundenen Akte, geführt von verantwortungsvollen Chronisten eines Landes, das mein Land nicht sein wollte, kommen meine nie beantworteten Briefe wieder zum Vorschein.

Heimat

Andreas, mit dem zusammen ich an der Martin-Luther-Universität in Halle in den obligatorischen Marxismusseminaren so manchen Ulk getrieben habe, ist in den siebziger Jahren als Dozent an einer Leipziger Hochschule tätig. Ein sensibel und zerbrechlich wirkender junger Mann, den vor allem sein ironisches Lächeln und seine ironischen Geschichten auszeichnen, die so gar nicht zu seinem späteren Schicksal passen wollen. Aber vielleicht war die für ihn typisch scheinende Ironie auch nur ein Überbleibsel aus der Schizophrenie seiner Kindheit, als sein Vater einen Vertrauensposten bei den Sowjets innehatte, den eines Direktors bei einer SAG, einer Sowjetischen Aktiengesellschaft, und seine Mutter vom Katholizismus nicht lassen wollte.

Andreas, die Inkarnation der Treue, heiratete gegen den Willen seiner Eltern, denen die Nazis immer ein Gräuel gewesen sind, ein Mädchen, dessen Vater, ein SS-General, nach dem Krieg zum Tode verurteilt und hingerichtet worden war. Andreas, praktizierender Katholik, hat sich in der Zeit real-sozialistischer Schikanen und unter dem Eindruck des Ausreisebazillus entschlossen, Leipzig die Treue zu wahren. Er will seine Heimat unter gar keinen Umständen verlassen; Staaten und Regime kommen und gehen, aber die Städte und Landschaften bleiben; die Menschen sollten es ebenso tun.

Er ist ein hochsensibler Romantiker; als sich seine Frau in einen anderen Mann verliebt und sich scheiden lässt, tritt er die einzige Flucht seines Lebens an. Nicht Leipzig kehrt er den Rücken, nein, dem Leben, er flüchtet sich in die geistige Umnachtung, in den Wahnsinn, worin er nun schon fast so lange wie einst Hölderlin, seit etwa zwanzig Jahren, verharrt.

Denke ich an Leipzig in der Nacht, bin ich nicht um den Schlaf gebracht, nein, aber ich denke an all meine Freunde dort, an meine Kindheit, an das verlorene Paradies, das beinahe ein Inferno geworden wäre.

Mir fällt eine Geschichte ein, die mir Andreas’ Schwester erzählt hat, aus der Zeit, als sie im Messebau tätig gewesen ist und für die Frau eines in Mexiko seiner Krebskrankheit erlegenen Führers der DDR und ehemaligen Bergmanns ein Büro eingerichtet hat. Durch einen Zufall war sie in die Leipziger Schaltzentrale der Macht gelangt, wohin ihr ein ehemaliger Kommilitone aus Prahlerei und Geltungsbedürfnis Zugang verschafft hatte. Dort zauberte der Prahlhans über die Betätigung verschiedener Knöpfe unterschiedlichste Plätze, Lokalitäten und Gebäude der Stadt auf den Bildschirm, so dass intime Einsichten in das Treiben der Leipziger Mitmenschen zu gewinnen waren.

Die Plätze, Straßen und Häuser existieren nicht mehr, zumindest nicht mehr so, wie sie in meiner Erinnerung leben. Hochhäuser haben die Gärten meiner Kindheit verdrängt, haben dem Boden, auf dem wir in einem verwunschenen Garten ein Lagerfeuer entfacht haben, um darin Kartoffeln garen zu lassen, die Unschuld geraubt. Auch die Landsberger Straße, wo ich meine Mutter nach ihren Hamstertouren an der Haltestelle Viertelsweg von der Straßenbahn abholte, erkenne ich kaum wieder. In der Erinnerung sehe ich eine junge, bildhübsche und wunderbare Frau aus der Straßenbahn steigen, zwei volle Eimer mit Kartoffeln und Gemüse in den Händen, auf dem Rücken einen schweren Rucksack. Ich spüre die Düfte aus der Waschküche in meine Nase steigen. Im Waschkessel rühren die Frauen – Verwandte, unsere auf dem Klavier Clownerien produzierende Kinderfrau und meine Mutter – abwechselnd die im eigenen Saft brodelnden Zuckerrüben um, aus denen, mit Kürbis gestreckt, wohlschmeckender Sirup entsteht. Von den ausgelaugten Rübenschnitzeln darf ich essen. Ich blicke hinüber zur Terrasse des Nachbarhauses, wo der Sohn des einstigen Chefarchitekten der Stadt, die Fotos von Tauchschern und der Einschulung geschossen hat. Das eine Bild zeigt mich in einer weißen Schürze, auf dem Kopf eine Kochmütze, Tränen in den Augen, weil ich doch so gern ein Trapper gewesen wäre. Ein anderes Bild legt Zeugnis von meiner Einschulung ab: weiße gehäkelte Kniestrümpfe aus Baumwolle und im Arm eine Zuckertüte. Auf zwei weiteren Bildern bin ich in roten Samthosen mit roten Samthosenträgern zu sehen, weißem Hemd, den beschriebenen weißen Kniestrümpfen und an den Füßen Igelit-Sandalen, deren oft reißende Riemen sich mit Hilfe eines über der Gasflamme zum Glühen gebrachten Messers wieder befestigen, anschweißen ließen, auf dem zweiten Bild in gleicher Ausstattung, diesmal aber in einer weißen kurzen Hose aus einem Baumwoll-Leinen-Gemisch, dem Stoff, der die riesengroßen Pakete umhüllte, die jährlich zweimal aus dem texanischen Brookshire von den um 1900 aus Galizien ausgewanderten und nie gesehenen Verwandten eintrafen.

Mein Fotograf darf 1963 als einer der ersten nach dem Mauerbau als Tennis-As zu einem Wettkampf in den Westen, nach Kiel, reisen und lässt, indem er das Vertrauen des ersten Arbeiter- und Bauernstaats in der deutschen Geschichte schamlos ausnutzt, die Rückfahrkarte nach Leipzig verfallen und nimmt sogar in Kauf, dass seine überempfindliche Mutter, die den Schritt des Sohnes zwar rational billigt, auf ihre letzten Tage in die Nervenheilanstalt umziehen muss, nach Dösen in die Klapsmühle, wo sie, die aus einer großbürgerlichen Familie stammt und teils in England zur Schule gegangen ist, mit ihrer Bettnachbarin französisch und englisch parliert.

In Gedanken suche ich den Südfriedhof am Fuße des Völkerschlachtdenkmals auf, das längst eingeebnete Grab meiner Großmutter Meta Pietraszewski, die mir viel von ihren Eltern hätte erzählen können und von ihren Großeltern, meinen Ururgroßeltern, die sich nach der von Hardenberg 1812 auf den Weg gebrachten Judenemanzipation nicht hatten entschließen können, sich taufen zu lassen. Und noch mehr hätte sie mir vermutlich von ihrem Mann, dem galizischen Großvater, erzählen können.

Unsere Toten leben in uns weiter. Meta Pietraszewski hat sich vor drei Jahren aus ihrer längst eingeebneten letzten Ruhestätte auf eine zweitletzte Reise nach Budapest begeben, um in ihrer Urenkelin Rachel Meta fortzuleben. Pest-Gohlis, eine Zusammensetzung aus Budapest und Leipzig, so heißt die Stadt meiner Geburt. Ihr bin ich in meinem Sein, das von der Vergangenheit über die Gegenwart zur Zukunft eine Brücke schlägt, auf der meine Fantasie hin und her wandelt, engstens verbunden, sie ist meine Heimat.

Was ist Heimat? Ist Heimat nicht auch all das an Erlebtem, was dich belastet, was du gern verdrängen würdest? Sind nicht auch all die Orte deiner Kindheit, deiner Jugend Heimat, nicht all die Menschen, an die du dich gern erinnerst, weniger gern oder eigentlich höchst ungern? Ist Heimat nicht auch das, was du abgelehnt, worunter du gelitten hast? Und die Sprache? Sie setzt sich über alle erlittene Schmach hinweg. Lässt sich nicht abschütteln, ist deine Seelenhaut. Und wenn die Risse bekommt, setzen Atemstörungen ein, die zu Krankheit und Tod führen. Oder zu Seelenlosigkeit.

Gemeinsamkeit

Hager, blond oder vielleicht doch nicht wirklich blond: Marlene. IM Paris. Ausgerechnet dieses der Chemie zu verdankende Blond war mir aufgefallen. Ich war neunzehn und kannte mich in den Raffinessen, derer das weibliche Geschlecht fähig ist, noch nicht aus. Marlene sprach deutsch mit leichtem französischem Akzent. Dabei konnte sie gar kein Französisch. Noch acht Jahre zuvor war Deutsch für sie eine Fremdsprache gewesen. Französisch war so etwas wie ihre Muttersprache, die sie aber in den letzten Jahren vergessen hatte. 1940 in Paris geboren, im Exil der Eltern, die 1933 als Zwanzigjährige Deutschland den Rücken gekehrt hatten, war sie aufgewachsen wie eine Französin. Selbst zu Hause wurde französisch gesprochen. Deutsch, die Sprache der verhassten Nazis, war verpönt. Auch ihr Charme machte einer Französin alle Ehre. Nichts an ihr schien einer Deutschen, genauer gesagt einer Ostdeutschen, zu ähneln. Mit vierzehn kehrte sie in die Heimatstadt der Eltern zurück, um Französisch zu vergessen und lediglich den Akzent beizubehalten, Deutsch allerdings nie ganz fehlerfrei zu erlernen. Mit sympathisch hilflosem Lächeln versagte ihr die Zunge den Gehorsam, wenn es niemand vermutete. Gute Voraussetzungen für eine Bühnenkarriere, könnte einer meinen.

Marlene und ich sind hier, in einer Provinzstadt, als Schauspielanfänger engagiert. Aber Marlene schafft es, ihre schauspielerische Begabung auch anderweitig unter Beweis zu stellen, nicht nur an diesem kleinen Theater der Deutschen Demokratischen Republik.

Tag für Tag stehen wir auf der Bühne, allerdings ohne die dafür nötige Spielgenehmigung zu besitzen. Die gilt es zu erwerben, denn sonst könnten wir von heute auf morgen trotz bestehenden Vertrags gefeuert werden. Vom ersten Tag an sind wir durch dieses Damoklesschwert, das über uns schwebt, eng miteinander verbunden.

Mich Marlene, von der ich mich, wie von so vielen anderen weiblichen Wesen auch, unwiderstehlich angezogen fühle, als Mann zu nähern, wage ich nicht. Sie hat einen Freund, der zwar selten auftaucht, da er sich mit seinem Volkswagen wochenlang im Westen aufhält, wo er beruflich als Bergbauingenieur zu tun hat. Aber die Beziehung scheint trotzdem stabil zu sein. Ich wundere mich, dass ein so junger Mann (er ist siebenundzwanzig) frei reisen darf, was den meisten seiner Mitbürger, so natürlich auch Marlene und mir, verwehrt ist. Sich wundern ist nicht weit weg von Bewundern.

Marlene gibt keineswegs zu erkennen, dass sie an mehr als Freundschaft mit mir interessiert wäre. Was uns an Gemeinsamkeit bleibt, das sind wunderbare Spaziergänge über die Friedhöfe der Umgebung. Hier philosophieren wir über Gott und den Tod, über Sinn und Unsinn des Lebens. Wirklich Privates fließt kaum in unsere Unterhaltungen ein, es sei denn, dass die beruflichen Träume privat zu nennen wären. Ich fühle mich glücklich, in Marlene eine wahre Freundin gefunden zu haben, mit der mich eine rein menschliche Zuneigung verbindet. Sonst nichts. Nichts von dem, was die Begegnung mit dem anderen Geschlecht so schnell in eine Bahn lenkt, von der sich zu befreien manchmal einfach nicht gelingen will.

Außer ihrem Freund tauchen noch zwei weitere Männer auf, zu denen sie Kontakte unterhält, ohne dass ich mir Klarheit darüber zu verschaffen wüsste, welcher Natur diese Beziehungen sind. Der eine ist ein sechzigjähriger evangelischer Pfarrer, der seit vierzig Jahren mit einer zehn Jahre älteren Frau verheiratet ist. Hat Marlene mit ihm ein Verhältnis? Die Frau des Pfarrers befindet sich gerade mit einem Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus. Sollten der Pfarrer und Marlene etwa miteinander schlafen? Das kann ich mir kaum vorstellen, obwohl ich ein Jahr zuvor schon mit einer ähnlich eigenartigen Geschichte Bekanntschaft gemacht habe. Marlene ist jedenfalls stets sehr nett zu ihm, und schließlich ist sie es, die unbedingt will, dass ich den Pfarrer kennenlerne. Einen Grund zur Eifersucht gibt es nicht.

Der andere Mann, den sie ständig aufsucht, ist ein ehemaliger NVA-Offizier, der aus dem aktiven Dienst ausgestiegen ist und sich nun als Schauspieler versucht. Versuch und Irrtum. In den zurückliegenden drei Jahren meiner Schauspielerei habe ich verschiedenste Künstler erlebt, von denen mir nur einer vielleicht noch schwächer vorgekommen ist als ausgerechnet Marlenes zweiter Verehrer. Laut Marlene kennt er Leute, die ihr helfen könnten, eine staatliche Spielerlaubnis zu erlangen.

Marlene meint es gut mit mir, dessen bin ich mir sicher. Denn warum sonst sollte sie versuchen, den ehemaligen Offizier für mich einzunehmen? Einmal nimmt sie mich sogar zu ihm mit. Obwohl wir eigentlich fast Nachbarn sind, wäre es mir nie eingefallen, ihn aufzusuchen. Das verbot allein schon der Altersunterschied. Und etwas Unerklärliches, Fremdes.

Wir treten durch das große Tor in der Puschkinstraße: Auf dem Hof liegt, nur mit einer Badehose bekleidet, braungebrannt, der Kollege. Es will scheinen, als hätte der für mich nur ein mitleidsvoll ironisches Lächeln übrig. Die Unterhaltung gestaltet sich schleppend. Zwischen uns steht eine unsichtbare Mauer. Sollte er in mir einen Rivalen wittern? Oder weshalb sonst kann ich die unsichtbare Mauer trotz Marlenes liebevollen Bemühens nicht überwinden? Vielleicht ist ja auch dem Offizier bereits zu Ohren gekommen, dass ich im Falle einer Musterung vorhabe, den Wehrdienst zu verweigern?

Gewiss ist meine Offenheit bodenlos naiv, aber in wichtigen Dingen spiele ich immer mit offenen Karten. Sollte mir, Jahrgang 1943, der Hass auf alles Militaristische mit dem Dröhnen der Flugzeuge über und den explodierenden Bomben vor und hinter mir eingebrannt worden sein?

Vieles liegt im Dunkel

Mein Vater, den Fußstapfen seines Vaters folgend, gleichfalls ein Nazi der ersten Stunde, hatte unter Hitler eine führende Funktion in der Kulturpolitik inne. 1936 zur Olympiade in Berlin hielt er sich in unmittelbarer Nähe von Leni Riefenstahl auf. Was ihn mit ihr verband, womit er ihr zu Diensten sein konnte, darüber hat er ebenso wenig gesprochen wie über seine guten Kontakte zu fast allen damaligen Filmgrößen der Ufa. Dank seiner Zuverlässigkeit und Unbescholtenheit, dank seines in Königsberg, Berlin und Jena absolvierten Studiums der Geschichte, abgeschlossen mit einer nationalistisch orientierten bravourösen Dissertation, wie es hieß, zum Thema des Deutschen Ritterordens, winkte ihm eine Reichskarriere, das um so mehr, als der Existenz meines Großvaters der Rang eines erstklassigen Leumundszeugnisses zukam.

Vordamm, wo mein Vater geboren worden ist, war der äußerste, nach Osten vorgeschobene Posten der Provinz Brandenburg. In diesem Grenzbewusstsein ist mein Vater aufgewachsen. Der Weg zum Deutschen Ritterorden mag so zu erklären sein. Sein Doktorvater, Erich Caspar, den sparsamen väterlichen Informationen zufolge Halbjude, hat sich 1935 das Leben genommen. Als mein Vater 1949 in Halle ein Diplom als Gymnasiallehrer erwarb, reichte er, was einer gewissen Dreistigkeit nicht entbehrte, die Dissertation, die von seinem Professor, der sich später gleichfalls das Leben nahm, hoch bewertet wurde, als Examensarbeit ein.

Die zehner, dreißiger und vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts sind gepflastert mit zig Millionen von Kriegstoten, Vergasten und Selbstmördern. Fast hätte sich auch mein Vater direkt oder indirekt am wahnsinnigen Massenmorden beteiligt. 1939 erhielt er einen Ruf ins Reichssicherheitshauptamt, wo er als Historiker die nationalsozialistischen Ordensburgen für den Nachwuchs der Reichselite ideologisch stärken sollte. Meine Mutter, die Ehestreit nicht kannte, beschwor ihn, sich nicht vor den Karren der SS spannen zu lassen. Die rassistischen Parolen der SS waren ihr verdächtig. Sie machte ihren Mann darauf aufmerksam, dass sich der Speer eines Tages auch gegen sie richten könnte, schließlich sei die eigene arische Abstammung als geborene Pietraszewski, zu deutsch: die Ängstliche, allein schon wegen ihres Namens nicht unangreifbar, aber auch die Herkunft seiner Mutter, einer geborenen Wroblewski, könnte bei arischen Rassenfanatikern Anlass zu Stirnrunzeln geben. Wroblewski, zu deutsch der Sperlinghafte, was für ein deutscher Name!

Meine Mutter, die ein Jahr zuvor in Berlin ihren ersten Sohn zur Welt gebracht hatte, war in ihrer unerschütterlichen Liebe stark genug, ihren Mann vor einer törichten Entscheidung, die sich zu einem grandiosen Verbrechen entwickelt hätte, zu bewahren.

Großvater, dem der Entschluss seines Sohnes, sich dem Ruf der Reichselite zu versagen, missfiel, hatte einen Grund mehr, der ungeliebten Schwiegertochter zu misstrauen. Solcher Einfluss, wie ihn meine Mutter, stets ein sanftes Lächeln auf den Lippen, als ruhender Pol und emotionales familiäres Machtzentrum ausübte, sei Deutschen fremd. So etwas gebe es nur in semitischen Verbänden. So etwa könnte mein Großvater gedacht haben.

Großvater Friedrich, stechender, beobachtender Blick, wie er auch einem seiner Enkel eignet, von nicht eben arischem Wuchs, war als ehemaliger Deutschnationaler und Prokurist eines in den zwanziger Jahren in Konkurs gegangenen Betriebs, der seine Bautätigkeit im ganzen Deutschen Reich ausübte, erst bei der Zollbehörde und schließlich bei der Gestapo gelandet, um dort Karriere zu machen. Dieser eines Deutschen, wie er meinte, würdige Weg, erfüllte ihn mit Stolz.

Im Laufe von Generationen gibt es im Leben einer Familie Entwicklungen, deren intime Kenntnis nicht für die Außenwelt bestimmt ist. Einen Teil unserer Familiengeschichte habe bisher nicht nur ich wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Ich fühle mich schuldig, obwohl keiner persönlichen Schuld bewusst, weil ich genetisch, zu einem Teil zumindest, das Leben von Menschen fortsetze, mit deren Handeln ich nicht einverstanden bin, schlimmer, das ich verabscheue. Besonders die Taten eines Menschen, meines Großvaters, den ich verachte, vor dem ich schon als Kind eine unbestimmte Angst hatte.

Dass mein Vater als Sohn eines Gestapo-Offiziers glänzende Voraussetzungen gehabt hätte, in die Führungsclique der SS aufzusteigen, ist unstreitig. Dass er diesen Weg nicht gegangen ist, hatte er vor allem dem seiner Frau angeborenen sicheren Instinkt für Unrecht zu verdanken, aber auch dem eigenen inneren Anstand.

Nach dem Kriegsende 1945 brach mein Vater physisch und psychisch zusammen. Von seinem verheerenden Irrtum hat er sich nie mehr erholt. Geredet über seinen Irrtum und den einer ganzen Generation hat er in den ihm verbleibenden sechsunddreißig Jahren kein einziges Wort. Jedenfalls nicht im Kreis seiner Familie. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass er an einem Gymnasium Geschichte, Geografie, Deutsch und Gegenwartskunde unterrichtete. Auch nicht sein Aufstieg zum Hochschullehrer und auch nicht seine Blindheit, die ein Symbol dafür gewesen sein könnte, dass er von all dem um ihn her nichts mehr sehen wollte, auch nichts von der Inhaftierung seines Sohnes, die er ebenfalls wort- und klaglos ertrug.

Warum wohl mag ich so renitent geworden sein, wie meine Mutter zu sagen pflegte? Ist es das väterliche oder das mütterliche Erbteil? Vermutlich keines von beiden. Es muss etwas anderes sein. Etwas, das mich innerlich treibt.

Väterlicherseits fühlten sich mehrere Vorfahren sowohl dem Deutschtum als auch Polen besonders verbunden. Zwei meiner damals in Warschau lebenden Tanten unterrichteten an einem Gymnasium Polnisch. Zwar sprachen sie auch deutsch wie ihre Schwester, meine Großmutter, aber sie begriffen sich ebenso als Polinnen wie die Großmutter als Deutsche. Obwohl ich von ihrem blutrünstigen Deutschtum noch gar nichts wusste, fühlte ich mich als Kind auch in ihrer Nähe stets unbehaglich.

Als die beiden Tanten nach Auschwitz deportiert wurden, empfand es Großvater als seine Pflicht, sie vor dem fast sicheren Tod zu bewahren und sie aus dieser Hölle herauszuholen, indem er nachwies, dass es sich hier um ein Versehen der deutschen Behörden handeln müsste, da seine Schwägerinnen weder Polen noch Juden sein könnten. Schließlich war seine Frau mit dem polnischen Mädchennamen nachgewiesenermaßen Deutsche, also Arierin. Und arisches Recht blieb arisches Recht. Tatsächlich.

Dass polnische Männer auf seinen Befehl hin an den Füßen aufgehängt wurden, weil man sie der Rassenschande überführt hatte, war ihm eine derartige Genugtuung, dass er sich voller Stolz angesichts des Vollbrachten unter den sterbenden Körpern fotografieren ließ. Wie schaffte er es, die familiären Widersprüche und seine Rolle als Hüter arischer Moral in seinem Kopf zu ordnen? Hatte er eine Ahnung von der Abstammung der Schwiegertochter, deren Ahnentafel nicht nur väterlicherseits, sondern auch mütterlicherseits verdächtige Namen aufwies? Bis hin zu ihren Ururgroßeltern kam nur ein einziger echter deutscher Name vor: Utecht. Die Ururgroßmutter Martha Hauer hatte einen Herrn Ignaz Katz geheiratet. Die Tochter Rachel Katz, geboren 1857 in Galizien, ließ sich taufen, um den Milchhändler Utecht heiraten zu können. Aus Katz wurde im Kirchenbuch Kaatz. So wurde aus altem mosaischem Adel eine unverdächtige Deutsche. Tochter Utecht aber, meine Großmutter mütterlicherseits, heiratete einen Herrn Pietraszewski, einen Kantor und Volksschullehrer in Neubrück, einem deutschen Dorf, das bereits 1917 an Polen gefallen war. Das aber hat mein Großvater mütterlicherseits mit dem gleichfalls wenig deutsch klingenden Namen Leo Pietraszewski nicht mehr erlebt. Wohl ein Gegner von Impfungen, hatte er 1915 bei Verdun sein junges Leben nicht einmal auf dem Feld der Ehre sinnlos opfern müssen, nein, eine Typhusepidemie hatte ihn dahingerafft. Für seine Familie vielleicht etwas, was ein Tod zur rechten Zeit genannt werden könnte, auch wenn seine dreieinhalbjährige Tochter und die junge Witwe das anders empfunden haben mochten. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte Großvater Pietraszewski zwei Wochen zuvor seinen neunundzwanzigsten Geburtstag gefeiert, befand sich auf der bescheidenen Höhe seiner beruflichen Laufbahn und der weniger bescheidenen Höhe seiner privaten Karriere, die ihn als erfolgreichen Schürzenjäger ausgewiesen hatte.

Die Rolle der Großmutter als einer bis an ihr Lebensende treuen Witwe erwies sich für die seelische Entwicklung der Tochter als wohltuend. Jedenfalls erzählte die uns Kindern später, kein Mann habe eine Chance gehabt, sich ihrer Mutter in zweifelhafter Absicht zu nähern, weil sie unmissverständlich signalisiert habe, dass sie einem ernsthaften Bewerber die Augen ausgekratzt haben würde. Was sie später zutiefst bedauerte, zumal mit einem Mann an Großmutters Seite, deren Tragödie vielleicht hätte verhindert werden können. Bis an ihr Lebensende quälten meine Mutter Schuldgefühle. Hätte sie sich nicht auf den Weg nach Hartha gemacht, in dessen Nähe sie unseren Vater vermutete, der sich in Wirklichkeit in einem amerikanischen Gefangenenlager bei Fulda befand, wäre der frühe Tod meiner Großmutter Meta zu verhindern gewesen. Und auch mir hätte sie nicht ein Leben lang verschweigen müssen, dass ich nach einem amerikanischen Granatwerferangriff von den Wirtsleuten unter den Trümmern halbtot hervorgezogen werden musste. Vieles liegt im Dunkel.

Ein Schnippchen geschlagen

Die Bindungen an meine Geburtsstadt haben sich zu verschiedensten Zeiten und aus verschiedensten Gründen immer wieder erneuert. Als ich 1968 jenes Land, das DDR geheißen hat, verließ und ihm voller Glücksgefühle keine einzige Träne nachweinte, nahm ich in Leipzig Abschied vom Grab Georg Dertingers, vom früheren Generalsekretär der christlichen Blockpartei CDU und ersten Außenminister der DDR, der Anfang 1953 verhaftet, 1954 als angeblicher Spion zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt und 1964 begnadigt worden war. Sein dorniger Weg hatte ihn ebenso in den Hafen eines katholischen Leipziger Verlags einlaufen lassen wie mich. Abschied nahm ich auch von Inge, Assistentin von Ernst Bloch, auf Anraten der Organe gefeuert, als Lektorin in einem katholischen Verlag untergekommen, bis zu Ernst Blochs Tod 1977 immer wieder von der Stasi vorgeladen, um nach dem Philosophen befragt zu werden, Abschied von einer mütterlichen Freundin also, die mir zwei Dinge mit auf den Weg gab: Zum einen solle ich viel deutsch lesen, um das muttersprachliche Gespür für die Sprache nicht zu verlieren, und zum anderen solle ich ihr ein ungarisches Buch vorschlagen und ins Deutsche übersetzen.

Schnell hatte ich mit Hilfe ungarischer Freunde einen hervorragenden ungarischen Autor und dessen neuesten Roman entdeckt: Saulus. Ein gewagtes Buch, für die DDR ein trojanisches Pferd, geht es doch in Miklós Mészölys Roman um nichts weniger als um die Frage, ob aus einem Verfolger, sprich: einem Staatssicherheitsdienstler, wenn er auf der Suche nach der absoluten Wahrheit seinen Irrtum erkannt habe, ein Verfolgter werden könne. Inge, die Miklós in Budapest kennenlernt und sowohl vom Autor als auch von dessen Buch, von dessen Format ihr andeutungsweise eine Vorstellung vermittelt wird, begeistert ist, erkennt die Chance, unter dem Aushängeschild eines religiösen Romans in Leipzig brisante Literatur verlegen, der Zensurbehörde ein Schnippchen schlagen zu können.

1970 erscheint der Roman auf Deutsch. Das Ostberliner Büro für Urheberrechte hat die Attacke gegen die sozialistische Literatur verstanden, wenn auch verspätet, und mich davon in Kenntnis gesetzt, dass ich als Übersetzer von nun an in der DDR unerwünscht sei. 20.000 in Kirchen und kirchlichen Buchhandlungen verkaufte Exemplare und das Erlernen der ungarischen Sprache während der Arbeit an dem Buch haben sich gelohnt.

Der Bestrafung entzogen

Als Väterchen, Großvater Friedrich, 1959 starb, fuhren meine Eltern zur Beerdigung in den Westen. Wir Kinder hatten auf der Beerdigung nichts zu suchen. Oder gab es Probleme mit der Reisegenehmigung für die ganze Familie? Mussten wir drei Geschwister als Faustpfand zurückbleiben?

Nach seiner Rückkehr brachte mein Vater an der Wand neben dem Schreibtisch ein Bild seines Vaters an. Nach wenigen Wochen entfernte er es ebenso kommentarlos, wie er es kommentarlos aufgehängt hatte. Väterchen war einen zweiten Tod gestorben.

Hatte die Gefahr bestanden, dass Fliege, der Direktor der Oberschule, der uns gelegentlich besuchte, genauer gesagt, seinen Besuch ankündigte und realisierte, denn außer Verwandten luden wir so gut wie nie jemanden ein? Hatte die Gefahr bestanden, dass Fliege den Großvater erkennen könnte? Fliege war Jude. Aber das erfuhr ich erst Jahre später, ebenso wie davon, dass er in seiner Zeit als Direktor zu einem ganzen männlichen Abiturientenjahrgang recht ungewöhnliche Beziehungen unterhalten haben soll, bevor er bei Nacht und Nebel verschwand, um sich der drohenden Bestrafung durch die Faust des Proletariats zu entziehen, indem er kurzerhand „vom sozialistischen Friedenslager ins imperialistische Lager der Kriegstreiber“ überwechselte.

Gummigeruch

Mit meiner für die DDR ungewöhnlichen Künstlermähne und den Jesuslatschen, in denen ich sommers wie winters barfuß ging, hatte ich keine Chance gehabt, die Sympathie des ehemaligen Offiziers der NVA zu erringen. Marlene schon eher. Dafür aber stand das Kennenlernen mit dem Pfarrer unter einem glücklicheren Stern. Auf Rädern fuhren Marlene und ich in das etwa acht Kilometer entfernte Löcknitz. Der Pfarrer, eine imposante Erscheinung, grauhaarig, stattlich wie ein nordischer Kleiderschrank, umarmte Marlene und auch mich, wobei er die Zigarre kurz aus dem Mund nahm. Bequem in den Sessel zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen, in eine dichte Rauchwolke gehüllt, unterhielt er sich mit mir, dem Neunzehnjährigen, als wären wir gleichaltrig.

Sein Sohn und seine Schwiegertochter waren kurz vor dem Mauerbau in den Westen gegangen, wo beide journalistisch tätig waren, er als Musikkritiker und sie als Sprecherin beim Deutschlandfunk. Täglich hörte der Pfarrer die Stimme der geliebten Schwiegertochter und des Öfteren auch die seines einzigen Sohnes im Radio. Besuchen durfte er sie nicht. Allerdings war ihm vom Rat des Kreises mehrfach nahegelegt worden, einen Ausreiseantrag zu stellen. Die Behörden wären den unbequemen Pastor, der kein Blatt vor den Mund nahm, gern losgeworden. Auch von der Kanzel herunter wetterte er gegen das materialistische Weltbild der ostdeutschen Kommunisten.

Er besaß Narrenfreiheit, durfte aussprechen, wofür andere wegen staatsfeindlicher Hetze längst ins Gefängnis gewandert wären. Ihn zu verhaften, das wagte man nicht. Man scheute sich, gegen jemanden vorzugehen, der zu den Verfolgten des Naziregimes gehörte, ja, sogar eine entsprechende Rente bezog.

Als Diakon einer kirchlichen ‚Anstalt für Schwachsinnige‘ hatte er sich aktiv der Euthanasie widersetzt, hatte eine Weile erfolgreich gegen den Abtransport seiner Schützlinge nach Hadamar gekämpft. Ein katholischer Bischof hatte 1941 von der Kanzel gegen die praktizierte Euthanasie protestiert. Erfolgreich. Drei Wochen später wurde dieses Programm zur Vernichtung unwerten Lebens eingestellt, zumal der Predigttext sich auch unter den Soldaten verbreitete, die offensichtlich Angst hatten, als Verwundete gleichfalls in die Kategorie des Unwerten zu geraten. Zu einem Protest gegen die Judenvernichtung allerdings ließ sich Bischof Graf von Galen nicht bewegen.

Den Fall des rebellischen Diakons löste die Gestapo schließlich, indem sie ihn wegen Abhörens von Feindsendern kurzerhand vor Gericht stellte und ins KZ Buchenwald verfrachtete. Nach der Befreiung belohnte ihn seine Kirche für die bewiesene Zivilcourage mit einer Pfarre, obwohl er kein Theologiestudium absolviert hatte. Mit der Jungen Gemeinde hatte er viele junge Leute um sich versammelt. Jung und Alt vergötterten ihn gleichermaßen. Mit seiner rheinländischen Art verströmte er Lebensfreude und -kraft, etwas, das im protestantischen Osten fremd und anziehend zugleich wirkte. Nie schien er genug Menschen um sich haben zu können. Auch außerhalb seiner Gemeinde knüpfte er Kontakte. Vor allem die Welt des Theaters hatte es ihm angetan.

Bevor er Anfang der zwanziger Jahre in den kirchlichen Dienst getreten war, hatte er sich als Schauspieler versucht. Allerdings, wie er bereitwillig zugab, mit mäßigem Erfolg. Marlene, die er auf der Bühne in einer kleinen Rolle gesehen hatte, hatte er im Hotel Uckermark im Restaurant angesprochen und ihr sein Leid geklagt, dass seine zehn Jahre ältere Frau im Krankenhaus lag. Waren sich Seelenhirt und Schäfchen begegnet oder ein alternder Mann und eine junge Blondine?

Vom Gummigeruch in meiner Nase werde ich mich wohl nie befreien können. Er ist unlöslich verbunden mit Marlenes Körper. Warum sie sich mir ohne jede Vorankündigung hingegeben hatte, verstand ich nicht. Wollte sie einfach wissen, ob ich tatsächlich so ein toller Liebhaber war wie der mir vorauseilende Ruf? Jedenfalls kam es keineswegs, wie es hatte kommen müssen, sondern vielmehr überraschend und unerklärlich. Nach einem anregenden Gespräch über meine beabsichtigte Wehrdienstverweigerung lehnte sie sich auf dem Bett in ihrem Untermieterzimmer zurück und gab mir zu verstehen, dass die Unterhaltung jetzt beendet sei und sie mich für die vielen schönen Gespräche belohnen wolle. Sich mit den Händen auf dem Bett abstützend, den Oberkörper nach hinten neigend, die gespreizten Beine von der Bettkante herabhängen lassend, warf sie den Kopf in den Nacken und ließ mich gewähren. Es ging alles mehr als schnell vonstatten. Ebenso unvermittelt, wie es begonnen hatte, war es auch zu Ende gegangen. Sehr geschickt hatte ich mich nicht angestellt. Sie fragte mich nur noch, ob ich sie heiraten würde, sollte sie ein Kind von mir bekommen.

Gesehen haben wir uns danach nur noch selten. Geblieben ist die Erinnerung an eine intensive Unterhaltung, an eine eigenartige Liebesaffäre und an den muffigen Gummigeruch, der sich von ihrem Büstenhalter auf den ganzen Körper übertragen hatte.

Hassliebe

Am 26. März 1963, einem Dienstag, sollte ich auf dem Wehrkreiskommando zur Musterung erscheinen. Nun galt es, unter Beweis zu stellen, dass ich nicht nur gefaselt hatte und tatsächlich den Wehrdienst verweigern würde. Was war mir nicht alles durch den Kopf gegangen, wie die Sache in Angriff zu nehmen sei! Nie wieder sollte ein Krieg von deutschem Boden ausgehen, so hatte ich im Geschichtsunterricht gehört. Der Gedanke gefiel mir, auch wenn ich ihn sicher anders verstand als der Geschichtslehrer, ein junger Lehrer, der gerade die Pädagogische Hochschule absolviert hatte und voller Elan war, die Kinder für den Sozialismus zu gewinnen.

Er war ausgesprochen sympathisch, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass seine Fragen stets nur eine einzige richtige Antwort zuließen. Ein Philosophieren über Geschichte, über die Entstehung von Kriegen war nicht möglich. Dabei glaubte ich schon als Elfjähriger nicht an die Unvermeidbarkeit militärischer Auseinandersetzungen, deren Minimuster ich meinte, in den Konflikten der Klassengemeinschaft zu erkennen. Eher schon war ich davon überzeugt, dass eine schmale Herrschaftselite die Bauern auf dem Schachbrett nicht unbedingt einsetzen müsste. Trugen doch die Möchtegernfeldherren in der Schulklasse den Machtkampf immer unter sich aus. Blutige Nasen entschieden darüber, wer als Klassenstärkster anzuerkennen sei. Die verfeinerten Methoden setzten erst mit der Pubertät ein.

Politisch durfte ich vor der Kommission nicht argumentieren. Meine mangelnde Bereitschaft, gegen den kapitalistischen Feind in Westdeutschland die Waffe in die Hand nehmen zu wollen, wäre einer Selbstanzeige wegen staatsfeindlicher Hetze gleichgekommen. Eine solche Begründung hätte mich zu einem Antikommunisten abgestempelt, was von der Wahrheit nicht weit entfernt, jedoch ziemlich gefährlich gewesen wäre. Stattdessen wälzte ich die Bibel, bemühte die alttestamentarischen Gebote und rechtfertigte meine Haltung mit einer vegetarischen Lebensweise. Auf der Suche nach glaubwürdigen Erklärungen vertraute ich mich wildfremden Menschen an. Gelegenheiten ergaben sich auf meinen Anhalterfahrten quer durch die Republik reichlich. In meinem Mitteilungsbedürfnis lag etwas Zwanghaftes. Denn mein Entschluss stand ohnehin fest. Vielleicht war es nur ein Kampf gegen das Ungewisse, gegen die eigene Angst vor den Konsequenzen. Was würde an dem Tag, da ich vor der Musterungskommission stehen würde, passieren? Würden sie mich verhaften oder aber Verständnis für meine pazifistische Haltung zeigen? Schließlich war in der Verfassung das Recht auf Gewissensfreiheit verankert. Und darauf wollte ich mich berufen.

In Ostberlin suchte ich den Direktor des Sprachenkonvikts auf, einen jungen Pfarrer, der nach dem Mauerbau den im Osten verbliebenen Teil der KIHO, der Kirchlichen Hochschule, leitete, wo Theologen ausgebildet werden sollten. Der Pfarrer, dessen Frau gerade ihr zweites Kind erwartete, brachte mich mit seinen Studenten zusammen, von denen die meisten den Wehrdienst bereits verweigert hatten. Passiert war ihnen nichts. Die Behörden taten einfach so, als sei nichts geschehen. Die Narrenfreiheit, die vielen DDR-Pfarrern gewährt wurde, übertrug man offensichtlich auch auf Theologiestudenten. Die Atmosphäre in diesem Kreis war beeindruckend. Hier wehte ein freier Geist. Und Mut schienen diese jungen Männer auch zu haben. Sie gingen zur Musterung und legten der Kommission einen Brief auf den Tisch, worin sie ankündigten, dass sie im Fall einer Einberufung unter Berufung auf ihre Gewissensfreiheit den Dienst mit der Waffe verweigern würden.

Der Staat verhielt sich abwartend, berief die Querulanten einfach nicht ein. Vielleicht dachten die Verantwortlichen, die würden ohnehin nur Wehrzersetzung betreiben.

Ich aber empfand bereits die Musterung selbst als entwürdigend und inakzeptabel. Denn damit, so meinte ich, indirekt das Recht des Staates anzuerkennen, mich für einen eventuellen Krieg ausbilden zu dürfen. Welchen Sinn sollte es haben, mich mustern zu lassen, wenn ich einer Einberufung ohnehin nicht Folge leisten wollte? Im Neuen Testament ist davon die Rede, dass man dem Staat geben solle, was des Staates sei. Aber was ist das: Staat? Wer ist der Staat? Ich? Und kalt kriecht die Lüge aus seinem Mund: Ich, der Staat, bin das Volk? Zweifellos bin ich ein Teil dieses Organisationsgebildes. Dennoch bin ich vor allem ich selbst. Ein Teil meiner Familie. Und die ein Teil der nächstgrößeren Gemeinschaft, ein Teil des Dorfes, ein Teil der Stadt, des Landes, der Nation, der Sprachgemeinschaft, der Menschheit, des Universums, des ewigen Geheimnisses, das man Leben heißt, Gott. Das Leben, Gott, steht also an oberster Stelle, was bedeutet, dass sich alles andere dem Leben unterzuordnen hat, nicht aber ich mich dem Staat. Nicht ich habe dem Staat zu dienen, sondern der Staat mir. Also kann es auch nicht rechtens sein, dass ich mich als Einzelner im Kriegsfall dem Staat, dem Vaterland, der Heimat aufzuopfern habe. Der Teufelskreis zwischenstaatlicher Gewalt muss durchbrochen werden. Die Gewalt dient nicht dem Interesse der Menschheit, vielmehr ist sie geeignet, dem Interesse Einzelner zu dienen, individueller Machtgier, andere zu beherrschen, in ihre Gewalt zu bekommen.

Mit der DDR hat mich, ohne dass ich mir dessen damals bewusstgeworden wäre, stets eine Art Hassliebe verbunden. Geglaubt habe ich den marxistischen Religionslehrern so gut wie nichts. Trotzdem haben sie mich stark beeinflusst. Die von ihnen propagierte Friedensliebe ist ein Teil meiner selbst geworden, ich habe sie verinnerlicht, wörtlich genommen. Sie freilich versuchten, Friedensliebe und Friedenssehnsucht mit der Idee eines gerechten Krieges zu verbinden. Darin konnte ich ihnen nicht folgen. Meine kindliche Seele mochte gedankliche Geradlinigkeit. Sie konnte und wollte nicht um die Ecke denken. Zu viel Leid hatten die Deutschen, denen ich mich gezwungenermaßen zugehörig fühlte, über andere Menschen gebracht. Menschen, denen ich durch verwandtschaftliche Bindungen nahestand, waren auf die eine oder andere Weise an unvorstellbaren Gräueltaten beteiligt gewesen. Diese Verflechtungen waren nicht, wie ein gordischer Knoten, durch das Schwert zu durchtrennen, nein, ein Neubeginn war nur durch ein absolutes Nein zu allem Vorangegangenen vorstellbar. Eine Fortsetzung, eine Kontinuität durfte es nicht geben, es sei denn, Kontinuität wäre im totalen Anderssein zu begreifen, das sich dem Samen des Hasses widersetzen und aus dem mit Blut gedüngten Boden wie eine Saat aufgehen würde.

Opfer

Jossif Wissarjonowitsch Stalin war am 5. März 1953 gestorben. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als uns die Klassenlehrerin darüber informierte, was der Menschheit Schreckliches widerfahren sei. Noch vermochte ich das Mysterium dieses Weisesten aller Weisen nicht zu fassen, weshalb auch ich angesichts dieses schrecklichen Verlustes Trauer empfand, bis sich herausstellte, dass der Generalissimus von Weisheit weit entfernt gewesen sein muss, dafür aber einer der größten Massenmörder des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen war.

Der Genosse Direktor, dessen in mich verliebte Tochter mir, dem Siebenjährigen, die Schultasche trug, sehr zur Empörung der Eltern, mir später dann, dem Neunjährigen, hinter einem Busch einen Kuss gegeben haben soll, weshalb uns anderentags die Klassenkameraden anlässlich unserer Verlobung Blumensträuße brachten, machte sich im Januar 1954 in Richtung Westberlin aus dem Staub, weil er die Angriffe gegen die Menschenwürde, an denen er selbst mitgewirkt hatte, nicht mehr ertragen konnte.

Mein Vater, der ehemalige Nazi, der sich von seinem ideologisch belasteten Doktortitel getrennt hatte, vielleicht auch von seinen völkischen Überzeugungen, seinen Vorbehalten gegenüber der semitischen Rasse, woran sowohl die jüdischen Blutsbande seiner Frau, meiner Mutter, als auch die Schrecken des Dritten Reichs ihren Anteil gehabt haben mochten, schwang sich zu menschlichen Höhen einer Zivilcourage auf, wie sie im menschlichen Miteinander nur selten zu beobachten ist, als er 1952 seine sechzehnjährigen Schüler zu sich nach Hause bestellte und eindringlich um Verständnis dafür warb, dass er im Gegenwartskunde- und Geschichtsunterricht oft Meinungen vertreten müsse, die sich mit den seinen nicht deckten. Seine Schüler lohnten ihm das Vertrauen mit einer weit über seinen Tod hinausreichenden dankbaren Zuneigung.

Als er wieder einmal wegen seiner sich mehrenden Asthmaanfälle in ein zwanzig Kilometer entferntes Krankenhaus eingewiesen wurde, unternahm die ganze Klasse einen Fahrradausflug, um ihn dort zu besuchen. Mich, den Neunjährigen, den sie als ihren Jungen vergötterten, nahmen sie mit. Im Wechsel saß ich auf verschiedenen Fahrradstangen und Gepäckträgern.

Ein halbes Jahr später schon blies den Jugendlichen ein anderer Wind ins Gesicht. Menschen, die gerade erst das eine tausendjährige Reich zu Grabe getragen hatten, machten im Angesicht des Todes die mörderische Hysterie des Weisesten aller Führer zu ihrer eigenen. So konnte der sich noch ein letztes Mal aufbäumen, um kurz vor seiner Höllenfahrt als Vater aller Menschen in seiner ersehnten Unsterblichkeit zu erstrahlen.

Vorauseilender Gehorsam als nordisches Ideal hatte Hitlers Schreckensherrschaft überlebt. Die Menschen des Sozialismus sollten zum Aufbau eines vermeintlichen Paradieses gezwungen werden. Alles, was sich außerhalb der materialistischen Weltanschauung bewegte, hatte darin keinen Platz. Christen, Sozialdemokraten, Liberale, Demokraten, mit einem Wort: Andersgläubige, Andersdenkende konnten nicht überzeugend nachweisen, keine Feinde des Humanismus zu sein.

Die Kunde von Stalins Tod veranlasste den Direktor zur Organisation einer Trauerfeier mit vielen Tränen und rührseligen Worten. Nur ein Schüler, der Sohn eines betuchten Bauunternehmers, störte die tiefempfundene Erhabenheit der Trauer durch sein nicht zu übersehendes Grinsen, das so vieles bedeuten konnte, nur keine aufrichtige Trauer. Der Direktor war als Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, vor allem aber als jemand, der seine nazistische Vergangenheit zutiefst bereut hatte, als aufrechter sozialistischer Demokrat und Mensch derart empört, dass er erfolgreich die Entfernung des Unwürdigen von der Oberschule betrieb. Das Grinsen während der Trauerfeier führte zur Vernichtung einer Existenz. Mein Vater soll sich noch vorsichtig für den Schüler eingesetzt haben. Erfolglos.

Als neugebackener Westbürger beteuerte der Direktor später unablässig, wie furchtbar er unter seinem von Angst bestimmtem Handeln und unter der kommunistischen Diktatur gelitten habe. Sein glühender Antikommunismus nach der Flucht in den Westen war ein hilfloser Versuch, sich vor dem eigenen Gewissen zu rehabilitieren.

Im Herbst 1953 hielten wir uns, das heißt er, seine Frau, der sich meine Mutter freundschaftlich verbunden fühlte, und die Tochter, meine Klassenkameradin, meine Mutter, mein Vater und ich in einem kleinen Landhaus im Unstruttal zur Weinlese auf.

Mein Vater, so die Familienlegende, hatte vor der Hundertfünfzigprozentigkeit seines Chefs Angst und suchte gerade deshalb dessen Nähe. So glaubte und hoffte er, politische Attacken gegen sich am besten parieren, beziehungsweise verhindern zu können. Meine Klassenkameradin und ich übernachteten auf dem stark nach Wiese duftenden Heuboden und flüsterten uns Zärtlichkeiten ins Ohr, wie es die Erwachsenen zu tun pflegen. Die nächtlichen Stunden kindlichen Verliebtseins vergingen wie im Fluge. Auch unsere Liebe verflog alsbald, nachdem sich der Direktor mit seiner Familie einige Monate nach der trauten Zweisamkeit in den Westen abgesetzt hatte. Sie erhielten im gleichen Auffanglager wie der von der Schule verwiesene Schüler, den Stalins Tod derart beeindruckt haben musste, dass er den Tod zu seinem Beruf machte und seither in einer westdeutschen Großstadt ein florierendes Beerdigungsinstitut betreibt, politisches Asyl. Meine erste große und wahre Liebe wurde ein Opfer der politischen Verhältnisse und Grenzen mitten durch Deutschland.

Anderssein

Stalins Tod lag zehn Jahre zurück, als ich in leichtsinniger Pedanterie meinen Taschenkalender in die Hand nahm, um exakt darauf zu antworten, was ich an einem bestimmten Tag gemacht hatte. Schon als ich in die Jackentasche griff, um das kleine Büchlein hervorzuholen, war ich mir dessen bewusst, einen großen Fehler begangen zu haben. Die Augen der beiden Hauptvernehmer leuchteten auf. Endlich ein Beweisstück! Sie forderten mich auf, ihnen das Notizbuch auszuhändigen. Als ich mich weigerte, erwirkten sie mittels eines kurzen Telefongesprächs mit Kreisstaatsanwalt Effenberger eine Verfügung, wonach ich den Kalender rauszurücken hätte. Als ich mich störrisch gebärdete, drohten sie mir damit, zwei Zeugen von der Straße heraufzubitten, um die Beschlagnahmung dann eben offiziell und rechtmäßig vorzunehmen.

Aus Furcht davor, so vielleicht von einem Bekannten in meiner misslichen Lage gesehen zu werden, von der ich dachte, irrtümlich für einen Kriminellen gehalten werden zu können, gab ich mich geschlagen und händigte denen das Verlangte aus. Scham und Angst vermischten sich zu etwas, das mir das Heft selbstbestimmten Handelns aus der Hand nahm. Mich befiel ein inneres Zittern. Worauf hatte ich mich da eingelassen?

Schon immer hatte ich wissen wollen, wie sich ein Mensch fühlen mochte, der in die Fänge diktatorisch gelenkter Staatsorgane geriet. Nun wusste ich es: einsam. Der Stolz auf das Anderssein war erst einmal einer Angst vor dem Ungewissen gewichen.

Nun begannen sie, mich über sämtliche im Taschenkalender festgehaltenen Namen und Adressen peinlich genau auszufragen. Die westlichen hatten es ihnen besonders angetan. Trotz gestiegenen Blutdrucks, Herzrasens und zunehmenden Kopfschmerzes gelang es mir manchmal, mich dumm zu stellen und einfach zu erklären, mit gewissen Leuten aus dem Adressenverzeichnis wüsste ich nichts anzufangen, da ich sie auf meinen zahlreichen Anhalterfahrten kennengelernt hätte.

Besonders unangenehm wurde es, als sie auf Christines Namen stießen. Der eine Stasimann sagte, er wohne neben ihr, sie sei ein anständiges Mädchen, schlimm genug, dass ich ihr ein Kind gemacht hätte, wo doch auch Kriemhild von mir schwanger sei. Dazu äußerte ich mich nicht, schwieg nur betreten. In meinem Kopf hämmerte es. Sie hatten mich erwischt. Mit meiner Moral war es nicht weit her. Wie konnte ich mich erdreisten, unter Berufung auf die Bibel den Wehrdienst zu verweigern, wo ich es ansonsten mit den Geboten keineswegs so genau nahm?

Ein halbes Jahr zuvor, im September 1962, hatte ich schon einmal auf dem Polizeipräsidium erscheinen müssen. Mitten in der Nacht. Ich war gerade von einem Abstecher zurückgekommen. In meinem Untermieterzimmer wartete eine entsprechende Aufforderung. Was die von mir damals wollten, konnte ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Ein Mädchen war verschwunden. Vor sechs Wochen war sie das letzte Mal gesehen worden. Zusammen mit mir. Ich hatte sie beim Tanzen kennengelernt. Einen Tag zuvor hatte ich mit meiner Freundin Regina Schluss gemacht (sie war meine erste richtige Freundin), weil die mir plötzlich erklärte, sie wolle mich zwar nicht verlassen, dennoch aber wolle sie es auch mit einem anderen versuchen, um Erfahrungen zu sammeln. Maßlose Enttäuschung und eine Art ohnmächtigen Rachegefühls beflügelten mich, in den Armen einer anderen die Unwiderstehlichkeit meiner gerade erst erwachten Männlichkeit bestätigen zu lassen. Obwohl mir das Mädchen nicht sonderlich gefiel, auch hatte sie einen festen Freund, warb ich zwei Tage lang um sie, bevor sie bereit war, in der Wohnung meiner Eltern, die gerade verreist waren, über Nacht zu bleiben. Ich legte klassische Musik auf dem Plattenspieler auf und hielt Vorträge über Musik, von der ich kaum mehr verstand als das arme Mädchen. Nur eines hatte ich ihr voraus, nämlich dass ich solche Musik gelegentlich hörte und freilich aus dem Theater schon viele Opern kannte. Meine Faseleien über Musik müssen ihr imponiert haben. Unsere Seelen schwebten eng umschlungen durch die Wohnung. Das Eigentliche aber durfte – vorläufig – noch nicht sein. Ihr Freund, ein Student der Elektrotechnik, stand zwischen uns.

Vielleicht aber lag die Chance, die Mädchenfestung ohne nennenswerten Widerstand zu nehmen, gerade in einer unwägbaren Unzufriedenheit mit diesem und in meinem jugendlichen Künstlertum, im Anderssein. Anderssein? Ja, ich war tatsächlich anders. Das zumindest wurde mir auf Schritt und Tritt durch die Reaktionen der anderen auf mich signalisiert. Worin mein Anderssein bestand, wüsste ich kaum zu sagen, es sei denn darin, dass meine Meinungen und mein Lebensgefühl von dem abwichen, was mehrheitlich vertreten und empfunden wurde. Ich konnte und wollte mich nicht unterordnen, wenn etwas nicht meiner Sicht der Dinge entsprach, konnte mich nicht anpassen, hatte Angst, aufgesaugt zu werden, zu verschwinden. Ich wollte ein Einzelner sein, keine Masse, auch wenn die als schön und richtig, ich dagegen als hässlich und falsch begriffen wurde.

Nachdem ich dem Mädchen das Versprechen gegeben hatte, dass sie allein schlafen könne und ich ihr nichts tun würde, kroch ich ohne weitere Vorankündigung einfach zu ihr unter die Bettdecke. Alles andere war nicht wie sonst. Kein Kampf, keine Beschwörungen, keine Liebeserklärungen, einfach nur die Erfüllung dessen, wovon wir beide wie besessen waren. Ich weiß nicht mehr, wie oft sich in dieser Nacht das stumme Rasen wiederholt haben mag. Ich weiß nur, dass sich die Neunzehnjährige mir in allen Fasern ihres Seins unterworfen hatte, ich aber nur diese eine Nacht ihr gehören wollte.

Auf dem Hangeberg verabschiedeten wir uns am nächsten Morgen. Ich ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass meine Liebe zu ihr gestorben war, noch bevor sie begonnen hatte, dass sie höchstens eine Eintagsfliege gewesen sei.

Die Diskrepanz zwischen der wunderbaren Nacht und der fühllosen Wirklichkeit muss die in mich Verliebte so sehr erschüttert haben, dass sie wochenlang im Wald umherirrte, allerdings ohne den Mut zu finden, nach der Flucht aus ihrer Stadt auch aus dem Leben zu fliehen.

Sogar mein Vater war befragt worden. Meine Mutter erfuhr nichts von alledem. Dann tauchte die Verschwundene wieder auf, so dass sich ein schrecklicher Verdacht als Seifenblase erwies. Ein Glück, denn vor meiner Mutter, nur vor ihr, wäre ich vor Scham in den Boden versunken. Schon eigenartig, dass Halunken wie ich immer vor den Müttern Angst haben. Alles, was eine Frau durch mich zu erleiden hat, das tue ich auch meiner Mutter an? Schon möglich. Der Gedanke jedenfalls, etwas Schlechtes getan zu haben, wollte mir nicht aus dem Kopf gehen.

Auch jetzt, obwohl ich sehr wohl wusste, weshalb ich vorgeladen worden war, beschlich mich ein ungutes Gefühl. Mein Fall war diesmal nichts für die Kriminalpolizei. Die Stasi befasste sich mit mir. Zwölf lange Stunden wurde ich vernommen. Sieben Männer verhörten mich im Wechsel. Zwei aber besonders intensiv. Eine Frau an der Schreibmaschine protokollierte alles, was ich sagte. Meine Begründungen, weshalb ich den Wehrdienst verweigerte, mussten ihnen sehr konfus vorgekommen sein.

Natürlich hatten sie recht. Trotz meiner klaren Haltung gegen jeglichen Krieg beherrschte ich noch nicht die Kunst des ungefährlichen, dennoch aber unmissverständlichen Argumentierens, kannte nicht die verbalen Grenzen, in denen ich mich bewegen durfte, ohne den Organen etwas gegen mich in die Hand zu geben.

Deshalb betrieben sie eifrig Ursachenforschung. Vor allem interessierte sie, welche Kräfte hinter mir standen. Denn dass ein Neunzehnjähriger sich so etwas allein ausgedacht haben sollte, das konnten und wollten sie sich nicht vorstellen. Beharrlich suchten sie nach den vermuteten Hintermännern. Aber ich hatte keine. Diejenigen, die ich kontaktiert hatte, erfüllten lediglich die Aufgabe, mich in meiner Überzeugung zu bestärken. Trotzdem durfte ich ihre Namen nicht preisgeben. Ich befürchtete, Fremde in meine Geschichte hineinzuziehen, wodurch sich automatisch eine politische Dimension ergeben würde. Auch war ich damals sicher noch nicht wirklich politisiert. Im Gegenteil, obwohl ich in die DDR nicht gerade verliebt war, hatte ich doch Bedenken, meine Ablehnung klar zu formulieren und mich dazu zu bekennen. Meine Strategie war die, mich zum idealen Kommunismus zu bekennen, nicht aber zum real existierenden Sozialismus.

Ich war innerlich nicht frei und wusste auch nur sehr vage, welcher mein Weg sein würde. Gegen das kapitalistische Westdeutschland hatte ich aus Gründen, die ich nicht näher zu benennen wusste, Vorbehalte. Meine Ablehnung gegenüber der DDR mag am ehesten dem Aufruhr eines pubertierenden Knaben gegenüber einem autoritären Vater vergleichbar gewesen sein.

Mein Vater war unnahbar. Obwohl ich ihn als Erwachsener achten lernte, dürfte dieser der einzige mir nahestehende Mensch gewesen sein, mit dem ich nie ein privates Wort gewechselt habe. Der Rohrstock hinter dem stets wie ein Giftschrank verschlossenen Bücherschrank, sein lexikalisches Wissen, das er sich dank Studium und seiner Bücherfestung erworben hatte, und sein unermüdlicher Einsatz für die Familie verschafften ihm jenen Respekt, den er brauchte, um davon überzeugt zu sein, ein liebender und treusorgender Vater zu sein.

Politik spielte in den familiären vier Wänden keine Rolle. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, dass mein Vater auch nur den kleinsten Versuch unternommen hätte, auf die politische Formung seiner Söhne Einfluss zu nehmen. Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass ich schon als kleiner Junge meinen eigenen Weg gegangen bin. Aber auch die Unfähigkeit meines Vaters, der Familie gegenüber seine Liebe sichtbar und fühlbar zu machen, könnte dazu beigetragen haben. In seiner Nähe wehte mir ein kalter Wind entgegen, ließ das Gefühl von Einsamkeit entstehen.

Nach zwölf Stunden intensiver Vernehmung durfte ich gehen. Als ich die Treppe hinunterging, rief mir der eine Vernehmer hinterher, er hoffe, dass ich mir die Geschichte noch einmal gut überlegen würde, damit wir uns nicht erneut sehen müssten, woraufhin ich entgegnete, das läge ganz bei ihm. Meine Dreistigkeit brachte den von der Stasi aus der Fassung.

Ich entdeckte einen Zug an mir, der mich auch in den folgenden Jahren begleitete: Je länger ich mich in einer widrigen Lage befand, desto mehr gewann ich meine Selbstsicherheit zurück, desto mehr wich meine Angst, die bis zum Erbrechen gehen konnte, ironischem und arrogantem Auftreten.

Im Haftarbeitslager Schwarze Pumpe in der Niederlausitz, nahe Senftenberg, als ich vor meinem Abtransport nach Cottbus wegen eines Briefes, den ich hinauszuschmuggeln versucht und worin ich das Lager mit der Architektur eines KZs verglichen hatte, drohte mein Kreislauf zusammenzubrechen, so schlecht ging es mir, doch nach Überwindung der Übelkeit gewann ich meine Selbstsicherheit zurück und fühlte mich den Vernehmern überlegen.

In einer schlaflosen Nacht hatte ich die Erklärung abgefasst, weshalb ich nicht bereit sei, mich an der Waffe ausbilden zu lassen. In der Argumentation, pathetisch verschwommen, war ich darauf bedacht, mich zu keiner einzigen politischen Äußerung hinreißen zu lassen. Als gäbe es in diesem Zusammenhang etwas Nicht-Politisches! Meine vegetarische Lebensweise und die Verinnerlichung des Tötungsverbots, das mir schon im Alten Testament imponiert hatte, auf den Gesetzestafeln, die der Herr dem Moses auf dem Berg übergeben hatte, mussten für all das herhalten, was sich an argumentativer Ablehnung jeden Krieges in mir angesammelt hatte.

Die Reaktion der Musterungskommission kann ich nicht beschreiben, da ich mich darauf beschränkte, ihnen einen Brief zu überreichen, ohne mich der obligatorischen ärztlichen Untersuchung zu unterziehen. Dank meinem losen Mundwerk und der gewissenhaften Arbeit der Stasi waren sie rechtzeitig vorgewarnt worden, waren gefasst auf etwas, womit sie bisher keine Erfahrungen hatten machen müssen. Mit der Auflage, mir die Sache noch einmal zu überlegen, wurde ich entlassen, um fünf Stunden später von zwei uniformierten Polizisten in einem schwarzen Auto der Marke EMW abgeholt zu werden, damit ich einknicken oder aber meine Ungeheuerlichkeit vor der Kommission wiederholen sollte. Ich tat, was von mir erwartet wurde. Ein wenig weich in den Knien wartete ich darauf, verhaftet zu werden. Mir war klar, als junger Kulturschaffender würde mein Handeln anders bewertet werden als das eines Theologiestudenten. Die Angehörigen der Musterungskommission, obschon vorab über meine verwerfliche Absicht unterrichtet, schienen angesichts der Unverfrorenheit trotz allem verblüfft zu sein.

Gespaltensein

Im Restaurant des Hotels Uckermark warteten drei Frauen auf mich: Marlene, Kriemhild und eine mütterliche Freundin. Alle drei waren sie meine Kolleginnen am Staatlichen Dorftheater Prenzlau. Letztere, Jahrgang 1900, war ein fideles Haus. In ihrer Gesellschaft fühlte ich mich wohl. In den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren hatte sie in Königsberg, Breslau, Posen und Danzig auf der Bühne gestanden, nach dem verlorenen Krieg dann in Meiningen und Nordhausen, Sie hatte etwas verschmitzt Freundliches, Ehrliches an sich. 1973 wollte sie mich in Frankfurt am Main besuchen. Mir ging es damals nicht sonderlich gut, so dass ich auf ihren Brief einfach nicht reagierte, obwohl ich sie gern gesehen hätte. Aber wo hätte ich sie im Goldenen Westen in meiner kleinen Bude empfangen und unterbringen sollen? Wie hätte ich ihr erklären sollen, dass und warum ich an den Segnungen des Wohlstands keinen Anteil hatte?

In jenem Mai 1963 überschütteten mich die drei Frauen mit Fragen. Ich hatte einseitig hämmernde Kopfschmerzen. Nach qualvollem Entleeren des nicht allzu vollen Magens, zwei Gläsern Rotwein und einer Tablette ging es mir allmählich wieder besser. Der Druck war gewichen. Fester denn je war ich entschlossen, den einmal eingeschlagenen Weg zu Ende zu gehen.

Kriemhilds und mein Kind sollte im Juli zur Welt kommen. Christines Niederkunft stand im November bevor. Ich fühlte mich gespalten. Einerseits war ich bereit, für mein Ideal der Gewaltfreiheit ins Gefängnis zu gehen, andererseits hatte ich zwei Frauen unglücklich gemacht, auch wenn nur die eine, die jüngere, meine Frau werden wollte, die andere, die zehn Jahre ältere, hatte mich bereits verlassen und wünschte einzig meine Freundschaft. Das wenigstens behauptete sie. Ich meinerseits glaubte nicht an eine solche Möglichkeit zwischen Mann und Frau, tat aber so, als täte ich es.

Der Weg zur Hölle ist mit unseren Alltagslügen gepflastert, mit den Illusionen von Freundschaft und Liebe, Versprechen und Täuschungen, Sagen und Versagen, Gesinnungen und Gesinnungswandel, Untreue und Verrat.

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Дата выхода на Литрес:
25 мая 2021
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391 стр. 3 иллюстрации
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9783954628599
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