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Hans Heidsieck

Das letzte Signal

Roman

Saga Egmont

Das letzte Signal

Copyright © 2017 Hans Heidsieck und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711508626

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Personenverzeichnis:

 Besier senior, Farmbesitzer in Belgisch Kongo

 Viktor Besier, sein Sohn, Lokomotivführer

 Walter Kießling, Verwalter auf der Farm und Freund des Sohnes

 Rolf Stehli, Kießlings Schwager

 Olivier, Besitzer einer Ölfabrik

 Léon, Prokurist bei Olivier

 Ernestine Chabeuf, Zimmervermieterin in Valence

 Gaston Moulin alias Bécourt, ein schwerer Junge

 Lebrun, berühmter französischer Kriminalkommissar

 Willi Seidler, ein junger deutscher Kriminalassistent

 Elliot, ein Landjäger

Erstes Kapitel

Der Zug rast. Die Räder glühen. Funken stieben aus dem gedrungenen Schornstein der schweren Lokomotive.

Ein eisernes Brausen tönt durch die Nacht. Vor zehn Minuten wurde der Bahnhof Valence verlassen. Weiter geht die jagende Fahrt auf Marseille zu. Der Expreßzug Lyon—Marseille, einer der schnellsten Frankreichs, schwebt mit seinen erleuchteten Fenstern wie ein phantastischer Pfeil durch die Ebene hin.

„Was haben wir drauf?“ fragt der Heizer. Unermüdlich schaufelt er in das gähnende Feuerloch. Der Lokomotivführer, magisch beleuchtet vom Widerschein züngelnder Flammen, am Regulator hantierend, steht wie eine Statue da. Sein Blick ist starr durch die Windschutzscheibe nach vorne gerichtet.

„Neunzig erst! Leg noch zu!“ ruft er gegen die Scheibe so laut, daß der Heizer es hören muß.

Der Zug hat Verspätung. Zwar nur Minuten —, aber die müssen eingeholt werden. Normalerweise legt er schon einhundertundzwanzig Kilometer in der Stunde zurück. Jetzt muß man noch zehn höher klettern.

Das Tachometer vibriert nervös hin und her. Viktor Besier, der Lokomotivführer, streift es immer von neuem mit einem flüchtigen Blick. Fünfundneunzig — achtundneunzig — hundert —.

Der Heizer schaufelt. Schweiß rinnt ihm die Stirn herunter; vermischt sich mit Kohlenstaub. Er ist schwarz im Gesicht, über das kleine Bäche laufen. Nur seine Zähne stechen blendend daraus hervor. Er grinst.

„Immer noch?“ fragt er.

„Ja, feste, feste!“ kommt es von der Windschutzscheibe zurück.

105 — — 110 — 118 — — 123

Im Widerschein des offenen Feuers zucken die Telegraphenstangen vorüber. Das sieht gespenstig aus. In Wellenbewegungen glitzern die Drähte, hoch und nieder, hoch und nieder, es ist eine unruhige Gleichförmigkeit.

„Genug!“ ruft Besier und streicht sich über die Stirn. 130!

Ein leises Zittern geht durch den stählernen Körper der Lokomotive. Sie stürmt dahin wie ein edles Pferd. Besier liebt sie. Er fühlt sich verwachsen mit diesem Wesen, das für ihn keine tote Maschine ist.

Gewissenhaft prüft er den Druck der Ventile. Er reißt den Regulator zurück; läßt Dampf ab. Zischend strömt der in einer weißen, milchigen Wolke aus.

Der Führerstand liegt jetzt im Dunkel. Michon, der Heizer, hat die eiserne Tür der Feuerung zugeworfen. Aber nach kurzer Zeit schon beginnt sie zu glühen. Wieder erhellt ein magischer Schimmer den kleinen Raum.

Draußen flattert die Nacht vorüber.

Auch Michon hat sich jetzt, auf der anderen Seite, an die Windschutzscheibe begeben. Auch er starrt dem Zug voraus. Ein Signal taucht auf. Es ist das Vorsignal eines Bahnübergangs. Das grüne Licht huscht vorüber. Schon kommt das Hauptsignal. Auch vorüberI Vorbei —: vorbei!

Der Bahnübergang — die Schranke — — alles nur eine Vision!

Fast hätte der Luftzug des durch die Nacht stürmenden Eisens den Bahnwärter umgerissen …

Besiers Kiefer mahlen. Alles ist Spannung an ihm. Stählern hart ist sein Blick. In solchen Stunden fühlt er seine ganze Verantwortung. Nur ein falscher Griff, e ine Schwäche, ein Übersehen, und der Zug versinkt in ein Chaos splitternder Eisenteile!

Gerade in der vergangenen Nacht hatte er einen furchtbaren Traum gehabt. Daran krankt er noch. Visionär sieht er die Katastrophe, die jeden Augenblick kommen kann. Für ihn und die anderen, die sich ihm ahnungslos anvertrauten.

Sekundenlang fühlte er Michons Blick auf sich ruhen. Ob dem auch schon Bedenken kamen?

Ach was — Bedenken! So etwas gab es nicht! Er ist ein normaler, gesunder Mensch! Drei Jahre lang fährt er die Strecke schon. Wieso sollte heute ausgerechnet etwas passieren!

Der Heizer wendet sich wieder seiner Feuerung zu. Mit einer Riesenstange stochert er in der Glut herum. Die Stange entgleitet der sehnigen, rauhen Hand; Stahl klirrt auf Eisen, — es tönt wie ein warnendes Glockenzeichen.

Besier fährt zusammen. Was war das? Ihn schüttelt etwas. Es verkrampft sich in ihm. Ohne daß er dem wehren kann. Draußen schwirrt ein Signal vorüber — Signal — Signal — — das letzte Signal, geht es ihm durch den Kopf. Weiß der Teufel, wie er auf solche irrsinnigen Gedanken kam!

Der Luxuszug besaß eine Fernsprechkabine. Hier kam ein Ruf an. Irgendwoher. Eine Stimme, trocken, heiser, sehr aufgeregt.

„Hallo! Spreche ich mit dem D-Zug 219 Lyon—Marseille?“

„Ja, bitte, hier ist die Sprechzelle D-Zug 219.

Wen wünschen Sie?“

„Gott sei Dank — Fräulein — oder wer Sie auch seien — ziehen Sie auf der Stelle die Notbremse, hören Sie? Menschenleben sind in Gefahr — folgen Sie meinem Rat, bevor es zu spät ist — —!“

„Wer spricht denn dort?“

„Das kann Ihnen gleichgültig bleiben. Handeln Sie, wie ich sage! Oder Sie sind verloren! Wenn Ihnen Ihr eigenes Leben noch lieb ist“

Die Telephonistin schwankt blaß zur Tür. Sie stürmt in den Gang hinaus. „Schaffner!“ ruft sie mit bebender Stimme, „Schaffner!“

Einige Fahrgäste stürzen aus ihren Abteilen heraus, umringen das Fräulein. Tausend Fragen umschwirren es.

„Ich soll die Notbremse ziehen!“ ruft das Mädchen in seiner Verzweiflung, „es kam ein Anruf — eben — ich weiß nicht — —“

Wachsbleich im Gesicht, starrt sie die drängenden Leute an. Eine Frau stößt einen hysterischen Schrei aus. Dann sinkt sie dem neben ihr stehenden Herrn in die Arme.

Die allgemeine Verwirrung nimmt panikartige Formen an. Da tritt ein junger, sorgfältig gekleideter Mann aus der Menge hervor, schreitet gemessen auf den nächsten Signalgriff zu und zieht die Bremse.

Ein Zittern und Beben geht durch den Zug. Alles purzelt wirr durcheinander. Die Leute werden nach vorne und aufeinander gepreßt. Knirschende Räder hört man — Flüche — Seufzer — — verworrene Schreie.

Und dann kommt ein Stoß, ein furchtbarer, alles durchrüttelnder Stoß, den draußen irgendwo ein splitterndes Krachen begleitet hat …

Im ganzen Zug ist das Licht erloschen. Gepäckstücke sind auf die Menschen heruntergefallen. Größer und größer wird der Tumult. Man hört Hilferufe.

Die Wagen stehen wie angeschraubt.

„Silence! Silence! — Ruhe, Ruhe!“ ertönt eine volle, sympathische Männerstimme, die wirklich etwas Beruhigendes hat, „ich bitte Sie, meine Herrschaften — — es ist doch gar nichts passiert! Man hat nur die Bremse gezogen!“

Draußen laufen zwei Schaffner und der Zugführer mit Laternen am Zuge entlang nach vorne. Überall springen die Fenster auf, erscheinen verzerrte Gesichter.

Ein pfeifendes Zischen kommt von da vorne her. Dazwischen erschallt es wie eine brüllende Menschenstimme. Sollte doch etwas passiert sein?

Die Männer hasten die Böschung entlang. Mehrere Reisende schließen sich ihnen an.

Dann starren sie entsetzt auf den vordersten Wagen, der, in Rauchwolken eingehüllt, halb über einem Abgrund hängt.

Aus der Tiefe kommt ein klägliches Wimmern.

Der Zugführer tritt an den Rand der Brücke, die, ein zerborstenes Eisengewirr, gesprengt und zerstückt in der Tiefe liegt.

Beherzte Männer steigen den Hang hinab.

Eben schiebt sich der Mond zwischen Wolken vor. Sein blasses Licht umgeistert die Schreckenszene.

Dort unten liegt die schwere Schnellzuglokomotive, halb in den steinigen Boden des fast ausgetrockneten Flußbetts gewühlt. Immer noch strömt zischend Dampf von ihr aus, der in weißen, wallenden Schwaden emporsteigt. Das Wimmern ist stärker geworden. Es löst sich bisweilen in heiseren Schreien aus.

Erblassend treten die Schaffner näher. Sie finden den Schreienden, — Michon, der Heizer ist es, der mit zerschmetterten Gliedern neben der Lokomotive liegt. „Schlagt mich tot!“ bittet er, „schlagt mich doch tot, ihr Leute! Das halte ich nicht mehr aus!“

Aber ein Arzt ist zur Stelle. Michon erhält eine Morphiumspritze. Da hört sein furchtbares Wimmern und Schreien auf …

Zehn Meter weiter, auf einem Felsenvorsprung, findet man Besier, den Lokomotivführer, mit zerschmettertem Schädel. Hier ist nichts mehr zu retten. Vorsichtig trägt man die Leiche zum Zuge hinauf.

Inzwischen haben sich alle Reisenden auf die Böschung begeben. Hastig rennen sie hin und her. Namen werden gerufen, geschrien. Antworten kommen. Herzzerreißende Szenen spielen sich ab. Jeder denkt sich das Unglück größer, als es gewesen ist. Endlich haben sich alle wieder zusammengefunden. Erleichtertes Aufatmen. Langsam beruhigt man sich. Nur wenige Reisende haben Hautabschürfungen und kleinere Verletzungen davongetragen. Der Zugschaffner gibt die Parole aus, daß nur der Lokomotivführer und der Heizer ernstlich zu Schaden gekommen sind.

Ein Hilfszug wird telephonisch herbeigerufen.

Während der Schaffner sachlich und ruhig seine Anordnungen traf, um wieder Ordnung herbeizuführen, trat ein Herr auf ihn zu und sagte:

„Ich bin Lebrun von der Pariser Kriminalpolizei. Sie kennen vielleicht meinen Namen!“

Der Zugschaffner leuchtete ihm ins Gesicht. „Haben Sie einen Ausweis?“ fragte er sachlich, während er nebenbei einem Angestellten noch rasch eine Weisung gab.

Lebrun hielt seine Legitimationskarte in den Schein der Laterne. Der andere prüfte sie. Dann reichte er dem Beamten die Hand hin.

„Das ist ja ein glücklicher Zufall, daß Sie gleich da sind, Herr Kommissar!“ sagte er froh bewegt, „Sie waren im Zuge?“

„Jawohl. Mit einem deutschen Kollegen, der zu Studienzwecken im Austausch zu uns gekommen ist. Man erwartet uns in Marseille. Aber nun gibt es wohl hier zu tun. Wollen Sie sich mir freiwillig unterstellen?“

Der Zugschaffner überlegt nicht lange. Unter Lebrun, dem berühmtesten Kriminalisten Frankreichs, zu arbeiten, sei keine Schande, erwidert er mit verhaltenem Lächeln.

„Na schön. Wie heißen Sie eigentlich?“

„Gaston Bois, Herr Kommissar!“

„Wir wollen sofort die Gegend hier absuchen lassen. Es liegt ein Attentat vor. Wieviel Leute haben Sie zur Verfügung?“

„Einen Packwagenschaffner, zwei Postbeamte, zwei weitere Schaffner und die beiden Schlafwagenkontrolleure. Das weibliche Personal zählt wohl nicht mit.“

Lebrun strich sich über das scharfe Kinn. „Hm. Vielleicht beteiligen sich auch einige Passagiere an der Aktion. Kennen Sie diese Gegend?“

„Wenig, Herr Kommissar. Aber man wird schließlich ortskundige Leute finden!“

„Schön. Die Sache nehmen Sie in die Hand!“

„Verzeihen Sie bitte, Herr Kommissar — aber ich darf den Zug nicht verlassen!“

„Richtig! Dann werden wir also — —“

Ein Postschaffner trat herbei. „Verzeihen Sie, Kommissar — ich bin aus der Gegend!“

„Schön, sehr schön. Also organisieren Sie eine Suchaktion! Aber sofort, wenn ich bitten darf!“

Geschäftig hastet der Mann davon. Lebrun wendet sich wieder Bois zu. „Haben Sie übrigens nach der Gegenstation Nachricht gegeben?“

„Jawohl. Ist sofort geschehen. Alle Vorkehrungen sind getroffen, um ein weiteres Unglück unmöglich zu machen.“

Jetzt steht ein jüngerer Herr ehrfurchtsvoll neben dem Kommissar. Es ist sein Begleiter, der mit Spannung in seinen Mienen forscht.

„Nun, Herr Seidler“, fragt er, „haben Sie sich an die Arbeit gemacht? Was meinen Sie, was hier vorliegt?“

Der Deutsche trat einen halben Schritt näher. „Natürlich ein Attentat!“ erwiderte er, „nach dem Anruf zu urteilen — —“

„Was für ein Anruf?“ fragte der Kommissar erstaunt.

„Ah — Sie wissen nicht? Irgendein Warner rief doch den Zug an!“

„Ein Warner? Na — und?“

„Die Telephonistin stürzte daraufhin auf den Gang hinaus, um den Schaffner zu suchen. Ihre augenblickliche Erregung steckte die anderen Reisenden an. Mir kam die Sache gleich höchst verdächtig vor. Da habe ich denn für alle Fälle die Bremse gezogen.“

„Sie haben — —?“

„Jawohl. Und hätte ich‘s nicht getan, dann lägen wir jetzt alle mit mehr oder weniger zerschmetterten Gliedern in dem Flußbett da unten! Hätte ich es zwei Sekunden früher getan, dann wären auch noch der Lokomotivführer und der Heizer verschont geblieben. Aber wie konnte ich ahnen — —“ In diesem Augenblick wurde dem Kommissar ein Mann vorgeführt, der als kleiner Hofbesitzer hier in der Nähe wohnte. Er glaubte eine wichtige Aussage machen zu können. Der Kommissar nahm ihn gleich vor.

„Wie heißen Sie?“

„Jérome Martin!“

„Sie haben das Unglück beobachtet?“

„Nein.“

„Ja, was wollen Sie denn?“

„Ich, Herr — Herr Kommissar — — ich habe aber kurz vorher so einen heftigen Knall gehört, daß ich im Bette auffuhr und gleich auf den Hof lief. Aber da war alles still. Nur der Hund knurrte. Ich beruhigte ihn. Gerade wollte ich wieder ins Haus gehen, als wieder ein Krachen zu mir herüberklang. Ich lief sofort in der Richtung los — — und da bin ich nun.“

„So so — Sie hörten zweimal ein Krachen!“ Lebrun wandte sich den Umstehenden zu. „Das erstemal“, sagte er, „war es die Brückensprengung. Beim zweitenmal handelte es sich dann um den Absturz der Lokomotive. Es war wahrhaftig ein Segen, Herr Seidler, daß Sie im letzten Augenblick noch die Notbremse zogen! Sie haben damit vielen Menschen das Leben gerettet!“

„Bei dieser Geschwindigkeit unbedingt!“ flocht der Zugschaffner ein, „das Tachometer ist auf 126 stehengeblieben!“

Alles starrte den Retter an, der bescheiden zur Seite blickte.

„Ein weiteres großes Glück war es noch“, fuhr Bois fort, „daß die Kuppelung zwischen der Lokomotive und dem Packwagen gerissen ist. Sonst waren die ganzen Wagen noch hinterhergestürzt.“

„Wo ist die Telephonistin?“ fragte Lebrun und löste sich von der Gruppe. Lediglich Seidler, der Deutsche, folgte ihm. Im Zuge brannte wieder das Licht.

Die Telephonzelle war umlagert. Jeder wollte telegraphieren oder telephonieren, daß ihm nichts weiter passiert sei. Aber der Raum war für jeden Privatverkehr abgesperrt. Er wurde für Dienstgespräche reichlich genug in Anspruch genommen.

Lebrun sprach zunächst mit der Präfektur in Paris. Man fragte sofort, ob er den Fall nicht gleich in die Hand nehmen wolle. Er lächelte:

„Ist schon geschehen!“ Im übrigen berichtete er über die Heldentat seines deutschen Kollegen. Man stelle ihm gern anheim, wurde ihm mitgeteilt, diesen mit zuzuziehen, — sein Einverständnis vorausgesetzt.

Dann nahm sich Lebrun die Telephonistin vor. „Erzählen Sie mir von dem Anruf, bitte!“

„Ja — also — — Herr Kommissar —“ begann die immer noch Aufgeregte, „es war eine Männerstimme — — ich sollte die Notbremse ziehen, wenn mir mein Leben lieb sei! Was sollte ich machen? Ich war ganz durcheinander und wollte den Schaffner rufen.“

„Der Fremde gab keinen Namen an?“

„Nein. Als ich fragte, meinte er, daß mir der gleichgültig bleiben könne.“

„Wissen Sie denn, woher dieser Anruf kam?“

„Ich habe es eben festgestellt. Weil ich schon dachte, daß Sie mich danach fragen würden.“

„Sehr brav von Ihnen, mein Kind! Na — und?“

„Der Anruf kam aus Valence. Auch die Nummer hat mir die Kollegin dort auf dem Amt verraten, als ich ihr andeutete, worum es sich handelt. Hier ist sie! Ich habe sie gleich notiert!“

Lebrun starrte den Zettel an. Dann sagte er hastig:

„Verbinden Sie mich mit der Kriminalpolizei in Valence!“ Nun sprach er längere Zeit mit dem Kollegen, der sich dort meldete. Man müsse sofort den Inhaber der fraglichen Nummer feststellen lassen. Außerdem möge man ihn auf dem laufenden halten. Wahrscheinlich komme er selber im Laufe des Tages noch nach Valence.

Dann wandte er sich wieder den näherliegenden Dingen zu.

Der Hilfszug war angekommen. Die Aufräumungsarbeiten wurden in Angriff genommen. Da auch ein Ärztewagen dabei war, konnte man den unglücklichen Heizer nun einer notwendigen Operation unterziehen. Man hoffte, ihn am Leben erhalten zu können.

Lebrun freute sich nicht nur vom rein menschlichen Standpunkt aus über die Tatsache, daß Michon am Leben blieb. Der Heizer würde ihm ganz gewiß auch wichtige Bekundungen über die letzten Augenblicke vor dem Absturz der Lokomotive machen können. — — —

Auf der anderen Seite des Flusses war inzwischen ein Gegenzug angelangt, der die Fahrgäste weiterzubringen hatte. Zwei Boote waren herangeschafft worden, mit denen man bei Fackelschein übersetzte. Das war aber so mit Schwierigkeitern verknüpft, daß es sich bis in den werdenden Morgen hinzog.

Seidler trat an Lebrun heran: „Ein Abgesandter der Suchkolonne möchte Sie sprechen, Herr Kommissar!“

Jetzt erst sah Lebrun einen Mann in der Nähe stehen, der, wie es schien, sich dem berühmten Kriminalbeamten nur zaghaft zu nähern traute.

„Nun, was gibt es, mein Freund?“ fragte Lebrun in seiner leutseligen Art. Der andere trat jetzt vollends heran.

„Ich soll Ihnen melden, Herr Kommissar, daß man von Etoile und von Livron aus dabei ist, alles gewissenhaft einzukreisen, und daß der Landjäger Elliot, der sich an unsere Spitze gestellt hat, bereits zwei verdächtige Handwerksburschen verhaften konnte. Auch auf der Straße nach Livron zu wurde ein Radfahrer festgenommen, der seine nächtliche Tour nicht genügend begründen konnte.“

„Sehr schön. Sehr schön. Wer schickt Sie denn zu mir?“

„Landjäger Elliot. Er meinte, Sie müßten doch orientiert sein. Ob Sie besondere Befehle hätten für ihn?“

„Hm — bestellen Sie ihm einen Gruß von mir, und ich freute mich sehr darüber, daß er mich gleich so tatkräftig unterstütze. Im übrigen lasse ich ihm freie Hand. Wo ist er denn stationiert?“

„In Etoile, Herr Kommissar.“

„Wie weit ist das von hier?“

„Etwa fünfviertel Stunden.“

„Sagen Sie also dem Landjäger Elliot, er möchte so gegen 9 Uhr selbst einmal zu mir kommen.“

Der deutsche Kriminalassistent Willi Seidler befand sich im Gespräch mit der Eisenbahn-Untersuchungskommission, die eben im Auto gekommen war. Seine Angaben wurden eifrig protokolliert. Lebrun trat dazu. Man besprach den Fall hin und her, der eigentlich klar lag. Irgendein Verschulden eines Beamten kam offenbar nicht in Frage. Aber das mußte alles gewissenhaft festgestellt werden.

Es wurde hell. Aus den umliegenden Ortschaften, namentlich aus Etoile, wo sich das Unglück rasch herumsprach, kamen Neugierige in Scharen herbei. In weitem Bogen mußte die Stelle abgesperrt werden.

Lebrun und Seidler mischten sich unauffällig unter die Leute. Man konnte nicht wissen, ob sich nicht einer der Attentäter — sofern es mehrere waren — unter ihnen befand. Jeder mußte auf sein Gehaben hin genau beobachtet werden. Oft genug kam es vor, daß man auf diese Weise schon eine Spur, ja, den Täter fand!

Lebrun nahm auch einen Mann fest, der, in sich hineingrinsend, eifrig Notizen machte. Wie man bei genauem Hinblicken sah, hatte er angefangen, eine Skizze der Unfallstelle zu zeichnen. Gefragt, was das bedeuten solle, zuckte er nur, immer noch grinsend, die Achseln.

Ab mit ihm! Lebrun sorgte dafür, daß man ihn im Packwagen einschloß. Während Seidler weiter die Leute ins Auge faßte, hielt Lebrun erneut mit einem Herrn der Bahnpolizei eine Besprechung ab. „Daß ein Attentat vorliegt“, sagte er, „ist ja unzweifelhaft. Aber nun möchte ich wissen, was das Motiv dazu war! Befand sich im Zuge vielleicht ein größerer Geldtransport, so daß eine Beraubungsabsicht vorliegen könnte?“

Der Bahninspektor strich sich über den kurzen Bart. „Allerdings“, erwiderte er, „befand sich unter den Postsendungen eine von 30 000 Franken in Gold, die für eine Bank in Marseille bestimmt ist. Zu ihrer Obhut wurde sogar ein weiterer Beamter mitgegeben. Aber ich kann mir kaum denken — —“

„— daß davon jemand etwas gewußt haben sollte? Hm — sagen Sie das nur nicht! Gerade solche Rauhzüge werden stets erst nach gründlicher Vorarbeit ausgeführt. Also hier liegt eine Möglichkeit! Denken Sie sich nur aus, wenn der Zug mit voller Geschwindigkeit in den Abgrund hinabgestürzt wäre! Bei der dann entstandenen Not und Verwirrung wäre es wohl ein Leichtes gewesen, den Postwagen auszurauben!“

„Das stimmt schon. Aber —“

„Was, aber?“

„Es könnte auch noch andere Gründe geben.“

Lebrun lächelte. „Selbstverständlich. Ich lege mich auch nicht fest. Ich habe sogar inzwischen für alle Fälle die Namen sämtlicher Passagiere aufschreiben lassen. Allerdings finde ich keinen darunter, dessen Persönlichkeit mir als Objekt eines Attentates wichtig genug erscheint. Wenn Sie nicht etwa den portugiesischen Konsul als eine solche Persönlichkeit ansprechen wollen, der sich in diesem Zuge auf einer Urlaubsreise an die Riviera befand.“

„Hm — das glaube ich allerdings kaum, daß man seinetwegen — —“

„Na also. Es wäre immerhin nachzuprüfen, ob nicht vielleicht eine bedeutende Persönlichkeit die Absicht hatte, diesen Zug zu benutzen — aus irgendeinem Grunde aber im letzten Augenblick noch davon Abstand nahm. Immerhin interessiert uns das erst in zweiter Linie. Wir haben ja schon einen wichtigen Anhaltspunkt, nämlich das Telephongespräch, durch das der Zug gewarnt werden sollte.“

„Auch recht sonderbar!“

„Allerdings! Vielleicht hat einer der Täter, mindestens aber ein Mitwisser, noch im letzten Moment Gewissensbisse bekommen. Anders wäre das Gespräch kaum zu erklären.“

„Oder ein Unbeteiligter hat durch einen Zufall irgendwie Kenntnis davon erhalten. Jedenfalls erscheint mir dies Telephongespräch auch als der wichtigste Anhaltspunkt. Haben Sie schon etwas veranlaßt in dieser Sache?“

„Natürlich. Die Kriminalpolizei in Valence leitet die Forschungen ein. Sobald ich hier fertig, bin, werde ich mich persönlich dorthin begeben. — Was gibt es?“

Er wandte sich einem Schaffner zu, der eben hastig und mit wichtiger Miene herbeikam.

„Herr Kommissar werden am Telephon verlangt!“

Am Apparat war der leitende Kommissar von Valence. Man habe den Inhaber der Telephonnummer zwar feststellen können, doch sei damit nichts erreicht. Man stehe einfach vor einem Rätsel. Es wäre schon angebracht, wenn Lebrun selber kommen wollte.

„Aber, erlauben Sie, Herr Kollege!“ ruft der ärgerlich aus, „wenn Sie doch den Teilnehmer feststellen konnten — — ich verstehe das einfach nicht!“

„Der Teilnehmer ist eine Firma in einem nachts völlig verlassenen Bürohaus.“

„Das ist allerdings sonderbar. Gut. Ich komme. Werde aber erst gegen Mittag hier frei sein. Vielleicht können Sie mich gegen ein Uhr mit dem Kraftwagen abholen lassen. Wird das wohl gehen?“

„Wird gemacht!“

„Möglicherweise sende ich Ihnen jetzt gleich schon einen anderen Herrn dorthin. Es ist ein Kollege aus Deutschland. Er wird sich mit meiner Unterschrift ausweisen können.“

Da der Hilfszug gerade dabei war, den Unglückszug nach Valence zurückzuschleppen, konnte Seidler diese Gelegenheit zum Fahren benutzen. Lebrun beauftragte ihn, sich dort nach Möglichkeit mit dem vorliegenden Material zu beschäftigen.

Zweites Kapitel

Gegen neun kommt der Landjäger Elliot, eine Hopfenstange mit einem Tomatenkopf, diensteifrig auf seinem Motorrad herangebraust. Lebrun begrüßt ihn in seiner gewinnenden Weise und läßt sich Rapport erstatten. Jawohl — drei Verdächtige hat man schon festgenommen. Die Suchaktion geht noch weiter, inzwischen von mehreren Gendarmen auf das Peinlichste organisiert.

Lebrun ist zufrieden, was sich bei ihm in einem schmunzelnden Brummen äußert.

„Einen vierten Verdächtigen habe ich hier selbst festnehmen können!“ bemerkt er, „ich habe ihn nach dem Bahnwärterhäuschen, einen Kilometer von hier auf Valence zu, schaffen lassen. Wir wollen uns gleich mal dorthin begeben, um ihn unter die Lupe zu nehmen. — Wo haben Sie Ihre Verhafteten?“

„In der Haftzelle in Etoile.“

„Getrennt natürlich?“

„Jawohl, Herr Kommissar!“

„Schön. Also wandern wir! Oder kann ich mit auf Ihr Vehikel steigen?“

„Vehikel? Aber, Herr Kommissar! Eine der besten Maschinen, die es überhaupt gibt. Ich bin stolz darauf!“

„Nichts für ungut. War nicht böse gemeint, Elliot! Wo haben Sie denn diese schwere Maschine her?“

„Gelegenheitssache, Herr Kommissar! Natürlich nicht neu gekauft!“

„Hm. — Wird es denn gehen auf dem schmalen Feldweg neben der Böschung?“

„Na selbstverständlich! Es lohnt sich kaum, erst zur Straße hinüberzufahren!“

Unterwegs begegnet ihnen ein Materialzug der Eisenbahn, der auf dem anderen freien Geleise fährt. Die Reparatur der Brücke soll sofort in Angriff genommen werden, damit der Verkehr nicht unnötig lange umgeleitet zu werden braucht.

Der Häftling blickt Lebrun düster entgegen, als der auf ihn zufritt. Er ist ein untersetzter, etwas schwächlich erscheinender Mensch mit einem ausgesprochen spitzen Kinn und dunklen, unruhigen Augen. Lebrun hält ihm die Skizze vor.

„Warum haben Sie das gemacht?“

Der Kleine blickt den Kommissar düster an. Ein Zucken geht über das scharfe Kinn. In seinem Blick liegt etwas Stechendes.

„Das ist schließlich meine Sache!“ erwidert er widerspenstig. Lebrun zieht die Schultern hoch, was er immer tut, wenn er ärgerlich wird. Sonst aber zeigt er eine beherrschte Ruhe.

„So — Ihre Sache! Na schön! Wie heißen Sie überhaupt?“

„Jean Latour.“

„Herr Elliot — bitte, notieren Sie! — — Ihr Beruf, Monsieur Latour?“

„Schriftsetzer. Das heißt, augenblicklich ohne Beschäftigung.“

„Geboren?“

„28. XI. 04 in Montélimar.“

„Adresse?“

„Etoile, Rue de la paix 26.“

„Warum sind Sie nach der Unglücksstelle gekommen?“

„Weil ich mir das auch einmal ansehen wollte.“ „Na ja. Aber Sie brauchten das doch nicht aufzuzeichnen!“

Latour zupfte an seinem Fliegenbart und blickte den Kommissar wieder herausfordernd an.

„Ich kann zeichnen soviel und was ich will!“

„Sie mußten doch aber einen Grund dazu haben!“

„Der geht niemanden etwas an!“

„Hören Sie — wenn Sie aufsässig werden, verschlimmern Sie nur Ihre Lage. Ich muß Sie in Haft behalten!“

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können!“

Lebrun ist wütend. Aber er beherrscht sich auch jetzt noch. Ohne weiter ein Wort an den Mann zu richten, wendet er sich Elliot zu.

„Wir werden den Häftling nach Valence schaffen lassen. Auch die anderen möchte ich dorthin haben. Können Sie das veranlassen, Elliot?“

„Bedaure, dazu reichen meine Befugnisse nicht, Herr Kommissar!“

Richtig! Na schön — — dann fahren wir jetzt gemeinsam nach Etoile. Und Sie —“ er wandte sich dem Bahnwärter und einem weiteren Beamten zu, in deren Obhut Latour Zurückbleiben mußte, „Sie bürgen mir für den Mann! Halten Sie ihn hier so lange fest, bis wir wiederkommen!“

In Etoile, das man bald erreichte, wurden Lebrun die anderen Verhafteten vorgeführt. Er hielt sich aber zunächst nicht mit langen Verhören auf. Es genügte ihm, daß die drei von einem Kollegen als hinreichend verdächtig bezeichnet würden. Man schaffte sie in ein Auto, fuhr zunächst nach dem Bahnwärterhäuschen zurück, nahm dort Latour dazu und fuhr sogleich nach Valence weiter. Feldjäger Elliot blieb zurück, um sich weiterhin an der Suchaktion zu beteiligen. Außerdem sollte er Lebrun auf dem laufenden halten.

Inzwischen hatte Kriminalassistent Seidler bereits vorgearbeitet. Das Ergebnis wurde sofort mit dem französischen Kommissar durchgesprochen.

„Also, wie verhält sich das mit der Stelle, von der aus man den Zug anrief?“ fragte er interessiert.

„Es handelt sich um eine Ölgroßhandlung“, erwiderte Seidler, „die abends bereits um fünf ihre Räume schließt. Während der Anrufzeit, elf Uhr fünfzehn nachts, ist kein Mensch in den Räumen gewesen.“

„Trotzdem soll der Anruf von dort gekommen sein?“

„Jawohl. Das ist auf dem Fernsprechamt einwandfrei festgestellt worden.“

„Na — und was haben Sie für eine Erklärung dafür, Herr Seidler?“

„Es gibt natürlich verschiedene Möglichkeiten. Entweder — was mir am naheliegendsten zu sein scheint, ist doch jemand da gewesen, oder es hat sich jemand irgendwie in die Leitung geschaltet.“

„Was ich kaum ahnehmen möchte, da es der Warner doch unbedingt eilig hatte.. Solch ein Vorgang braucht aber Zeit.“

„Allerdings. Dann gibt es noch zwei weitere Möglichkeiten.“

„Noch zwei? Ich könnte mir nur noch eine denken, nämlich, daß sich trotz allem das Fräulein auf dem Telephonamt geirrt hat.“

„Daran habe ich auch gedacht. Schließlich könnte man auch noch eine Störung im Fernsprechnetz denken, durch die ein Irrtum entstanden wäre.“

Lebrun schien noch ein neuer Gedanke zu kommen. „Wie aber“, meinte er, „wenn der Rufer eine ganz andere Nummer genannt hat?“

„Gerade das scheidet aus, Herr Kommissar. Denn das Amt hat ja unter der Nummer zurückgerufen, als die Verbindung hergestellt war.“

„Richtig! Dann scheidet aber wohl auch die Möglichkeit eines Irrtums seitens des Amtes über die Nummer aus.“

„Ich bin auch der Meinung, daß der Anruf unbedingt aus den Raumen der Firma gekommen ist.“

„Hat man schon mit der Firma gesprochen?“

„Ja. Aber dort steht man offensichtlich vor einem Rätsel.“

Lebrun lief nervös in dem kleinen Raum, in dem man verhandelte, hin und her. „Wirklich, eine sonderbare Geschichte!“ murmelte er, „wie denken Sie nun weiter darüber?“

„Man wird zunächst einmal den Wächter vernehmen müssen, der nachts das Bürohaus zu beobachten hatte. Es ist doch anzunehmen, daß es bewacht war.“

„Da haben Sie recht, Herr Seidler! Haben Sie auch in dieser Richtung schon etwas veranlaßt?“

„Leider hatte ich noch keine Zeit dazu. Rufen wir bei der Firma an!“

Die Bewachungsfirma wird sofort namhaft gemacht. Auch der betreffende Wächter ist ohne weiteres festzustellen. Man läßt ihn bitten, sobald wie möglich auf der Präfektur vorzusprechen.

Aber auch seine Vernehmung ergibt nichts besonderes. Angeblich hatte er nichts bemerkt. Oder ob er bestochen war? Schwerlich anzunehmen! Das sieht Lebrun auf den ersten Blick.

Aufgescheucht durch die verschiedenen Aufragen der Polizei, stellt sich der Inhaber der Ölgroßhandlung persönlich ein und bittet um Aufklärung. Von seiner Firma aus habe man nachts einen D-Zug antelephoniert? Ausgeschlossen!

Der kleine bewegliche Herr fuchtelt nervös mit den Armen. „Die Sache kommt mir geradezu lächerlich vor, meine Herren! Das Haus ist nachts abgeschlossen. Nur drei Leute haben den Schlüssel zu unseren Räumen: außer mir noch der Prokurist und der Wächter. Also, was wollen Sie?“

„Irgendein Zeichen gewaltsamen Eindringens wurde auch nicht bemerkt?“ fragte Lebrun.

„Ach, Unsinn. Ist alles in Ordnung. Was haben Sie überhaupt für Ideen! Von meinen Räumen aus soll ein D-Zug vor einem Attentat gewarnt worden sein! Wirklich komisch, sehr komisch!“ Er lachte meckernd, wobei ihm der Kneifer fast von der etwas höckrigen Nase rutschte, „na — und wenn schon, dann sollte man doch nur froh sein darüber! Ein größeres Unglück ist dadurch vermieden worden. Was wollen Sie mehr, meine Herren?“

„Wir wollen natürlich erfahren, wer angerufen hat. Denn der Betreffende mußte doch etwas wissen!“

Jetzt schien auch der Ölmagnat wieder stutzig zu werden. „Ja ja — — sonderbar bleibt es doch! Wie wollen Sie das nun herausbekommen?“

„Oh — wir bekommen es schon heraus!“ fiel Seidler ein. „Und wenn Sie uns gar noch dabei behilflich sein wollen, Herr — —“

„Olivier ist mein Name!“

Seidler mußte lächeln. Olivier — Ölbaum! Der richtige Name für den Inhaber dieser Firma!

„Ja, also, Herr Olivier — wie ich schon sagte: wenn Sie uns helfen wollen — — Sie würden uns jedenfalls zu großem Dank verpflichten!“

„An sich recht gerne! Warum auch nicht! Aber ich wüßte nicht, wie ich noch helfen soll!“

„Wir werden vielleicht in Ihrer Firmengeschichte ein wenig herumforschen müssen“, begann Seidler von neuem, „das ist es, was ich eben noch sagen wollte.“

Herr Olivier strich sich das spärliche Haar zurück. „Meinetwegen, ich lege Ihnen da keinen Stein in den Weg. Nur ist mir recht unklar, wie

Sie das machen wollen. Und was das überhaupt für einen Zweck haben soll!“

„Zweck? Hm — es handelt sich jedenfalls um den Versuch einer Lösung.“

„Sie trauen sich wirklich viel zu, mein Herr!“

„Gar nicht. Ich habe zuweilen einen guten Sinn für gewisse Dinge — wenn freilich auch lange noch nicht die Erfahrung, wie beispielsweise hier Herr Lebrun!“

Der Kommissar quittierte dies Kompliment mit einem süßsauren Lächeln. Seiner Meinung nach war das vollkommen überflüssig. Aber er würde nun auch dem jungen Deutschen Gelegenheit geben, an diesem Fall zu beweisen, was hinter den Worten steckte. Offenbar war ihm allerhand zuzutrauen. Seidler, zu dem Firmeninhaber gewendet, fuhr ruhig fort:

„Zunächst bitte ich Sie, mein Herr, Ihre Angestellten vernehmen zu dürfen. — Sie sind damit einverstanden, Herr Kommissar?“

Lebrun ließ sein schmunzelndes Brummen vernehmen. „Warum nicht? Natürlich! Das hängt nur noch von Herrn Olivier ab.“

Der gab sein Einverständnis. Doch hatte er noch einen Einwand.

„Schließlich“, meinte er, „werde ich Ihnen als Chef der Firma doch wohl die erschöpfendste Auskunft erteilen können!“

„Gewiß. Schon richtig“, erwiderte Seidler freundlich, „doch alles können auch Sie nicht wissen. Ihr Blick muß auf das große Ganze gerichtet bleiben. Aber hier kommt es auch manchmal auf kleine Nebensächlichkeiten an, die Sie leicht übersehen werden, während sie anderen wieder bedeutungsvoll scheinen können.“

Dieser Einsicht konnte sich auch Olivier nicht verschließen.

So vereinbarte man, daß am nächsten Tage schon die Vernehmung beginnen sollte.

*

Inzwischen nahm sich Lebrun die verhafteten Leute vor. Sie machten alle keinen günstigen Eindruck auf ihn. Die beiden Handwerksburschen sahen verwahrlost aus. Sie stritten entschieden ab, von dem Unglück auch nur das geringste geahnt zu haben. In einem Heuschober wurden sie aufgetrieben, als sie sich gerade hastig davonmachen wollten. Der Schober lag ganz in der Nähe der Unglücksstätte.

„Warum hatten Sie‘s denn so eilig, davonzukommen?“ fragte der Kommissar und sah sie durchdringend an.

Der eine, der den Wortführer spielte, erwiderte, sie hätten gleich Angst gehabt, in Verdacht zu kommen. Sie hätten nur Scherereien vermeiden wollen. Aber nun sei es ja doch so gekommen, wie sie gefürchtet hatten.

Warum sie denn keine Papiere hätten?

„Die sind uns in Montélimar in der Herberge gestohlen worden!“

„Gerade das ist verdächtig!“ entgegnete Lebrun, etwas schärfer werdend, „haben Sie den Verlust denn schon angezeigt?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Wir dachten, das hat noch Zeit.“

Was sollte man mit den Kerlen machen? Laufen lassen konnte man sie keinesfalls. Durch Rückfragen bei den Behörden mußten erst ihre Angaben über Namen und Herkunft nachgeprüft werden. Dann würde man weiter sehen …

Lebrun brach diese Verhandlung ab. Er wandte sich jetzt dem Radfahrer zu, den man ebenfalls festgenommen hatte. Das war ein robuster Bursche mit einem bösen, stechenden Blick und einer auffallend flachen, abgeplatteten Stirn. Dem war ein Verbrechen schon zuzutrauen. In seiner Kleidung sehr abgerissen, mit durchgelaufenen Schuhen, machte er den Eindruck unverbesserlicher Liederlichkeit.

Die Angaben über seine Persönlichkeit kamen nur zögernd zwischen den stumpfen, braunschwarzen Zähnen hervor. Schon damit schien etwas nicht recht zu stimmen. Als Ausweis hatte er lediglich eine durchfettete Meldekarte aus einem kleinen Ort namens Rosans bei sich. Er behauptete, Anstreicher zu sein und nach Paris zu wollen. Das Fahrrad habe er sich von seinem letzten Verdienst alt gekauft. Aber es konnte festgestellt werden, daß es gestohlen war.

Die Nachforschungen hatten sich nun nach zwei Richtungen zu erstrecken. Auf der einen Seite mußte man den Angaben der vier Verhafteten nachgehen, auf der anderen hatte man nach dem geheimnisvollen nächtlichen Anrufer zu forschen.

Lebrun entschied sich für Arbeitsteilung. Er selbst nahm die weiteren Vernehmungen der Häftlinge in die Hand. Dagegen sollte sein jünger deutscher Kollege die Angelegenheit mit dem Anrufer selbständig weiter bearbeiten, wobei ihm jede behördliche Hilfe gesichert war.

Da man aus den Verhafteten zunächst nichts Bedeutendes heraushorchen konnte, beschloß der Kommissar eine Konfrontation dieser Leute. Aber auch diese fruchtete nichts.

Daraufhin ließ er den Schriftsetzer mit dem Radfahrer, der sich Moulin nennte, zusammensperren.

Man behorchte die Zelle und konnte bald eine erstaunliche Feststellung machen, denn zwischen den beiden spielte sich fogende Szene ab:

Kaum hatte die Tür sich geschlossen, als Latour den anderen anzischte: „Mensch — Moulin — wie konntest du dich nur erwischen lassen! Ich hatte dir doch den Feldweg genau beschrieben, den du zu wählen hattest!“

Moulin starrte den Sprecher blöde entgeistert an.

„Was reden Sie da? Wer sind Sie denn überhaupt? Ich kenne Sie gar nicht!“

„Haha! Jetzt kennt er mich nicht mehr! Wo wir doch gerade so schön gemeinsam im Kittchen sitzen! Dabei weiß ich doch alles, mein lieber Freund! Der Lohn wird dir ja nicht entgehen — wenn du auch vorher noch einige Jährchen abbrummen solltest!“

Auf Moulins flacher Stirn erschien eine drohende Falte. Lebrun, der die beiden durch einen Türspalt beobachtete, konnte es deutlich sehen.

„Sie sprechen in Rätseln, Mann! Und überhaupt — unterlassen Sie solche Scherze!“

„Scherze! Haha! Als ob ich zum Scherzen aufgesiegt wäre! Warum willst du mich nicht mehr kennen? Ich weiß ja doch, daß du die Brücke in die Luft gesprengt hast, alter Junge!“

Auf Moulins Stirn schwollen die Adern an. Er bekam ein furchtbares, furchterweckendes Aussehen. Seine Lippen waren aufgeworfen, die schlechten Zähne kamen zum Vorschein.

„Mensch — droht er, „Kerl — noch e i n Wort — und ich erwürge dich!“

Zitternd vor Wut rückt er dem anderen näher, der unwillkürlich zurückweicht. Latour scheint zu merken, daß der da keinen Spaß versteht. Er sackt zusammen, scheint plötzlich kleiner zu werden.

„Ich —, aber — — stotterte er, „lassen Sie mich! Um Gottes willen, lassen Sie mich! Zu Hiiilfe!“

Moulin war ihm an die Kehle gesprungen und würgte ihn. Die Tür flog auf. Lebrun rief den Ringenden ein donnerndes Halt! entgegen. Ein Wärter folgte auf dem Fuße.

Mühsam trennte man die beiden Leute. Latour rang nach Luft. Hals und Kopf waren rot angelaufen.

Lebrun nimmt sich zunächst den Angreifer vor. Der steht da mit düster gesenkter Stirn.

„Moulin!“ sagt der Kommissar ernst und scharf, „ich habe mit angehört, wie Sie von Ihrem Zellengenossen beschuldigt wurden, das Attentat begangen zu haben. Leugnen Sie immer noch?

Der Angeredete hob den Kopf und blickte Lebrun aus seinen stechenden Augen böse und herausfordernd an.

„Sie haben mich mit einem Wahnsinnigen oder mit einem Spitzel zusammengesperrt!“ sagte er ververhältnismäßig gelassen, „solche Tricks kennen wir. Jedenfalls hatte ich mit dem Manne niemals etwas zu tun. Ich kenne ihn überhaupt nicht.“

Er spielt seine Rolle gut — dachte Lebrun, dem der Mann jetzt in höchstem Grade verdächtig war.

„Sie streiten also noch immer ab, mit dem Attentat etwas zu tun zu haben? Trotz dieses Belastungszeugen?“

„Belastungszeuge? Pah — ein Verrückter!“

Es war nichts mehr aus ihm herauszubringen. Er wurde wieder abgeführt. Latour, der sich endlich einigermaßen erholt hatte, wurde dem Kommissar vorgeführt.

„Sie behaupteten in der Zelle, daß Ihr Genosse das Attentat verübt haben soll!“

Der Mann zuckte zusammen. Unwillkürlich griff er nach einem Halt. Lebrun forderte ihn auf, sich zu setzen.

„Woher wissen Sie das?“ stotterte der Gefragte nach einer Pause.

„Man hat Sie belauscht, mein Lieber! Wollen Sie trotzdem auch jetzt noch weiter bestreiten, daß Sie mit diesem Verbrechen irgendwie in Zusammenhang stehen?“

Der Mann schien lange zu überlegen. Lebrun ließ ihm Zeit. Er steckte sich nachlässig eine Zigarre an.

„Also hören Sie“, setzte er dem anderen wieder zu, „wenn Sie gestehen, verbessern Sie Ihre Lage. Sagen Sie mir, was Sie wissen! Hier — stecken Sie sich eine Zigarette an. Dabei läßt sich‘s gemütlicher plaudern. Also!“

„Herr Herr Kommissar — ich — — ich habe das Attentat nicht gemacht!“

„Gewiß, Sie beschuldigten ja den anderen. Woher kennen Sie ihn? Wie sind Sie mit ihm in Verbindung gekommen?“

„Ich war dabei, wie er von dem Fremden mit der Sache beauftragt wurde.“

„Aha! Ein Fremder! Der große Unbekannte! Natürlich!“

„Moulin sollte die Brücke sprengen.“

„Warum?“

„Das wurde uns nicht gesagt.“

„Uns? Damit geben Sie also zu — —“

„Ich habe nichts zuzugeben, Herr Kommissar. Ich bin nur durch einen Zufall in diese Sache hineingekommen.“

„So — Zufall! Na ja! Also wie denn?“

Latour starrte vor sich auf den Tisch, als ob er sich erst wieder besinnen müßte.

„Ich saß da neulich in einer Kneipe — —“, begann er zögernd.

„Wo?“ unterbrach ihn Lebrun.

„In Etoile. Da hörte ich zwei Männer zusammen flüstern. Einer von ihnen war der Moulin, der mich vorhin fast erwürgt hat, als ich ihn an die Sache erinnerte.“

„So. Also was sprachen die beiden Männer zusammen?“

„Moulin sollte die Brücke sprengen. Dafür Wollte der andere ihm fünftausend Franken geben.“

„Und was war der Grund, warum die Brücke gesprengt werden sollte?“

„Danach hatte Moulin auch den Fremden gefragt. Aber der sagte nichts.“

„Hören Sie — Ihre Geschichte kommt mir höchst sonderbar vor. Aber weiter! Wie wurden Sie nun in die Sache hineingezogen?“

„Ich hatte in einer Nische im Dunkeln gesessen. Das hatten sie zuerst nicht bemerkt. Dann aber entdeckten sie mich und waren der Meinung, daß ich alles gehört haben müßte, — was auch tatsächlich der Fall war. Moulin kam zu mir und packte mich mit eisernem Griff beim Arm. „Mann!“ sagte er giftig, und seine Augen stachen wie Dolche auf mich, „Sie sind des Todes, wenn Sie etwas verraten! Wenn Sie aber das Maul halten können — oder uns gar behilflich sind, so soll es Ihr Schade nicht sein.“

Natürlich sträubte ich mich zunächst. Aber was konnte ich machen, als man mir immer offener drohte? Ich würde nicht mehr lebend nach Hause kommen, behauptete dieser Moulin, auf einen Mord mehr oder weniger komme es ihm nicht an. Also, ich solle mich jetzt entscheiden. Und zwar sofort. Da sagte ich denn, völlig verwirrt und in Angst getrieben, daß ich den Mund halten würde. Er nahm mir dafür als Pfand einen goldenen Ring ab.“

„Na und —? Was geschah dann?“

„Ich wollte trotzdem zur Präfektur gehen, um alles anzugeben. Als ich schon ganz in der Nähe war, hörte ich plötzlich hastende Schritte. Moulin stand vor mir und hielt mir einen Revolver gegen die Brust. Schon dachte ich, daß er abdrücken würde. Da tauchte plötzlich ein Polizist auf. Moulin zischelte mir ins Ohr: „Laß dir nicht einfallen, mich zu verraten! Oder du weißt, was dir blüht!“ Und dann war er verschwunden.

Ich wußte aber, daß er mir trotzdem noch weiter folgte, und wagte nun nicht mehr, etwas zu unternehmen. Ich ging nach Hause und ließ die Sache auf sich beruhen.“

Lebrun zerdrückte den Rest seiner Zigarre im Aschenbecher. Er fragte: „Wann spielte sich dieser Vorgang ab?“

„Vorgestern, Herr Kommissar.“

„Und Sie sind dann tatsächlich bedenkenlos still geblieben?“

„Oh ich hatte sehr große Bedenken. Aber ich wagte einfach nichts mehr zu tun. Am folgenden Morgen kam eine Karte an, ohne Unterschrift. Auf dieser standen nur die zwei Worte: „Hüte dich!“

„Haben Sie diese Karte noch?“

„Nein. Ich verbrannte sie.“

„Warum?“

„Weil ich nichts mehr mit der Sache zu tun haben wollte.“

„Sie machten also auch niemandem Mitteilung von dem Vorfall?“

„Nein.“

Ein Gedanke schnellte Lebrun durch den Kopf.

Er fragte weiter: „Machten Sie auch keinen Versuch, etwa im letzten Augenblick noch den Zug zu warnen?“

„Den Zug? Wieso? Wie sollte das denn geschehen?“

„Man kann doch heutzutage mit einem Schnellzug auch telephonieren.“

„Oh — daran dachte ich wirklich nicht.“

„Hm. Also nicht? Das ist sonderbar, denn der Zug wurde tatsächlich angerufen und von einem Unbekannten gewarnt.“

„Ah! So erklärt es sich also auch, daß es nicht schlimmer gekommen ist!“

„Sie haben tatsächlich zu keinem Menschen davon gesprochen?“

„Nein.“

„Mann — das war ja schon ein Verbrechen! —

Aber nun sagen Sie noch: wie sah denn der Fremde aus, von dem Sie erzählten?“

„Er sah ganz gut aus, Herr Kommissar, als ob er den besseren Ständen angehörte.“

„Beschreiben Sie ihn mir bitte!“

„Er war ziemlich groß, dunkelblond, trug einen braunen Jakettanzug.“

„Mehr können Sie mir nicht sagen?“

„Nein. Ich sah ihn nur flüchtig. Er ging noch vor dem anderen wieder.“

„Nun werden Sie mir wohl auch sagen, warum Sie nach dem Unglück die Zeichnung machten?“ „Ich wollte darüber schreiben.“ „Worüber?“

„Über das Unglück natürlich.“

„Schreiben? Wieso denn?“

„Na — für die Zeitung. Man kann doch solche Artikel immer gebrauchen. Ein Lageplan — dachte ich mir — würde ganz angebracht sein.“

„Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt?“ Schweigen.

Der Kommissar wiederholte seine Frage. Endlich erwiderte Latour:

„Ich hoffte, durch meine Verhaftung noch mehr Einblick in die Sache gewinnen zu können. Aber ich sehe jetzt ein, daß es ein Fehler war. Können Sie mich nun entlassen, Herr Kommissar?“

„Tut mir leid — Ihre Aussagen müssen erst nachgeprüft werden. Wo sind Sie zur Zeit des Unfalls gewesen?“

„Zu Hause. Erst morgens erfuhr ich von meiner Wirtin, was sich nachts abgespielt hatte.“

Latour wurde in eine Einzelzelle zurückgebracht. Als gegen Abend Seidler mit Lebrun zu einer Besprechung zusammenkam, überreichte der Franzose dem Deutschen ein Telegramm, der es erstaunt in Empfang nahm und öffnete. Absender Verkehrsministerium?

Seidler liest.

„In Anerkennung Ihres außerordentlich geistesgegenwärtigen und tatkräftigen Handelns, durch das eine unabsehbare Katastrophe verhindert wurde, spreche ich Ihnen meine besten Glückwünsche aus. Gleichzeitig stelle ich Ihnen eine Prämie in Form einer vierwöchigen Reise durch Frankreich, bei freier Fahrt und freier Verpflegung, zur Verfügung. Der Verkehrsminister.“

Seidler reichte das Telegramm wortlos dem Kommissar hin. Der klopfte ihm lächelnd die Schulter.

Sein schmunzelndes Brummen ist deutlich vernehmbar.

„Ich gratuliere Ihnen, mein junger Freund! Aber Sie werden doch nun nicht gleich auf die Reise gehen?“

„Ausgeschlossen, Herr Kommissar!“

„Hm — im Vertrauen gesagt: da ist noch eine Weisung an mich gekommen, und zwar von meiner obersten Vorgesetzten Behörde, daß ich Sie in der Sache des Attentats mit den weitgehehdsten Befugnissen ausstatten soll. Man erinnert sich noch des Falles von Amsterdam, wo Sie damals — es ist ja nun wohl schon über zwei Jahre her — als junger Anfänger den internationalen Verbrecher Lorip zur Strecke brachten! Es war übrigens sehr vernünftig von Ihnen, in den Staatsdienst zu treten. Sie scheinen mir wirklich besonders befähigt zu sein!“

„Nur kein Lob, bitte, Herr Kommissar! Das macht mich immer nervös!“

Lebrun lachte und reichte dem Kollegen die Hand hin. „Na! — und wie sieht es bei der Firma Olivier aus?“

Seidler stocherte mit seinen spitzen Fingern etwas unruhig zwischen einigen auf dem Tisch liegenden Papieren herum.

„Ich habe heute leider den Prokuristen nicht mehr erwischen können, der gerade geschäftlich verreist ist. Morgen früh soll er da sein. Immerhin konnte ich eine ältere Angestellte vernehmen. Sie sagte mir, daß einmal Schlüssel abhanden gekommen wären. Freilich sei das schon lange her — sie könne sich nicht mehr genau besinnen. Aber der Prokurist wüßte sicher Bescheid.“

„Sie halten etwas von dieser Schlüsselgeschichte?“

„Ich glaube, daß man auf alles hier achten muß. Bei den jetzigen Inhabern der Schlüssel scheidet jedenfalls wohl jede mißbräuchliche Benutzung aus. Das habe ich schon ermitteln können. Es gab viele Kleinarbeit. Aber das schadet nichts. Gerade so etwas liegt mir. So habe ich heute zum Beispiel den Leumund des Wachtbeamten genau geprüft. Gegen den Mann ist nichts einzuwenden. Für mich steht jedoch fest, daß jemand nachts in den Räumen gewesen ist. Und diesen Jemand werde ich fassen.“

„Na — dann viel Glück dazu. — Aber nun hören Sie auch, was ich inzwischen herausbekam!“

Gespannt folgte Seidler den Ausführungen des Kommissars.

„Sie halten also Moulin für den Attentäter?“ fragte er schließlich.

Lebrun ließ einen Bleistift durch seine Finger gleiten. „Fest will ich es nicht behaupten. Es hängt von der Glaubwürdigkeit dieses Latour ab. Er selbst — ich meine Moulin! — streitet alles entschieden ab. Irgendein Haken ist noch bei der Sache.“

„Ja ja — ich glaube, auch Ihnen wird sich noch mancherlei Kleinarbeit dabei entgegenstellen. Vielleicht sind morgen schon Nachrichten über die Leute da. Sie haben gewiß gleich überall angefragt?“

„Selbstverständlich. Ich meine auch, daß gerade diese Meldungen wichtig sind. Ein Kollege aus Etoile will morgen zu mir kommen. Dann werden wir hoffentlich Näheres über Latour erfahren.“

„Ich weiß nicht — aber ich halte nicht viel von dem Kerl!“

„In welcher Beziehung?“

„Nach allem, was Sie erzählten, glaube ich, daß er simuliert.“

„Meinen Sie? Aber was sollte er denn für einen Grund dazu haben?“

„Es gibt viele Gründe. Jedenfalls möchte ich Ihnen empfehlen — sofern ich mir eine Meinung erlauben darf — diesem Herrn nicht allzuviel Glauben zu schenkend.“

Lebrun nagte an seiner Unterlippe. „Hm — na ja. Vielleicht haben Sie gar nicht so unrecht.“ „Haben Sie auch die Handwerksburschen noch einmal vorgenommen?“

„Nein, dazu bin ich leider noch nicht gekommen. Im übrigen warte ich auch bei diesen beiden noch die Bestätigung ihrer Angaben ab.“

Drittes Kapitel

Der Prokurist der Firma Olivier empfing Herrn Seidler mit echt französischer Liebenswürdigkeit, „Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Herr Kommissar!“ sagte er und hielt dem Besucher eine Kiste Zigarren hin.

„Ich muß Sie schon gleich berichtigen“, erwiderte Seidler höflich, „ich bin noch nicht Kommissar.“

„Aber das tut ja gar nichts zur Sache. Wenn Sie es jetzt noch nicht sind, werden Sie es vielleicht morgen sein!“

„Oh — so schnell geht das nicht.“

„Sie sind Deutscher!“

„Ja.“

„Und arbeiten hier bei uns?“

„Das ist ein Zufall. — Aber, nun sagen Sie bitte — — mir wurde gestern bereits gesagt, daß hier einmal Schlüssel verlorengegangen sind.“ „Schlüssel? Ja, richtig. Aber das ist verdammt lange her. Ich verstehe nicht, daß Sie diesem Umstande noch Bedeutung beimessen.“

„Oh — monsieur Leon, Bedeutung! Bedeutung gewinnt bei uns unter Umständen schon ein Stecknadelknöpf, ja, ein Haar, so daß manchmal das Ergebnis einer Nachforschung im wahrsten Sinne des Wortes an einem Haare hängt. — Also: wann etwa sind die Schlüssel verlorengegangen — und wie sind sie abhanden gekommen?“

„Das — ja, das wird jetzt schon so an die zwei Jahre her sein. Ich hatte die Schlüssel unserem damaligen Buchhalter gegeben, weil ich am nächsten Morgen erst später kam. Als ich dann eintraf, stand das ganze Personal vor der Tür, der Buchhalter hatte das Bund verloren. Man hatte inzwischen schon nach dem Chef geschickt, um die anderen Schlüssel herbeizuholen.“

„Hm — können Sie sich noch besinnen, was damals der Buchhalter angab — ich meine: wo und wieso er die Schlüssel verloren hatte?“

„Er sagte, bei einer Bierreise seien sie ihm abhanden gekommen. Jedenfalls sind die Schlüssel verschwunden geblieben.“

„Der Buchhalter ist nicht mehr hier bei Ihnen?“

„Nein. Er ist kurze Zeit später entlassen worden. Wir kamen Unregelmäßigkeiten auf die Spur.“

„Unterschlagungen?“

„Wenn Sie es genau wissen wollen: ja! Aber es war keine bedeutende Summe. Um alles Aufsehen zu vermeiden, sahen wir von einer Anzeige ab. Der Mann stellte uns dann auch sein neues Motorrad, das er sich gerade angeschafft hatte, als Entschädigung zur Verfügung, so daß der Schaden für uns so gut wie behöben war.“

„Wie hieß der Mann?“

Herr Léon holte die Personalakten herbei. Er blätterte einen Augenblick. Dann hatte er das Gewünschte gefunden. „Hier“, sagte er, „ist alles genau aufgezeichnet. Er nannte sich Werner Kießling.“

„Ein Deutscher?“

„Nein, ein Schweizer, der sich hier sprachlich weiter ausbilden wollte. Er wies ein Zeugnis von einer Hamburger Firma vor.“

„Wissen Sie zufällig, ob der Mann sich noch hier in Valence befindet?“

„Nein. Keine Ahnung.“

Seidler schrieb sich die einzelnen Daten sowie die damalige Adresse des Mannes auf. Dann fuhr er fort:

„Ist das Schloß damals verändert worden?“

„Ja, natürlich. Herr Olivier ließ es für alle Fälle gleich ändern.“

Seidler rückte etwas nervös hin und her. Dadurch erschien ihm die ganze Schlüsselgeschichte wieder bedeutungslos.

„Seitdem ist kein Schlüssel mehr verlorengegangen?“

„Nein.“

„Können Sie mir vielleicht noch den Schlosser benennen, der damals die Änderung vornahm?“

Dem Prokuristen kam diese Frage wieder recht sonderbar vor. Aber ja — er konnte den Schlosser nennen. Auch dessen Adresse wurde von Seidler gewissenhaft aufgeschrieben.

„Ich danke Ihnen zunächst, Herr Léon!“ sagte er dann verbindlich und verabschiedete sich.

Die Schlosserei lag in der Rue Martin. Seidler mußte einen Hof überschreiten. Aus einem langen, verwahrlosten Schuppen klang ihm lebhaftes Hämmern und das Surren einer Maschine entgegen.

Er trat ein. Der Schlosser, ein breiter, stattlicher Mann in blauer Schürze, kam ihm entgegen.

„Sie wünschen, mein Herr?“

„Ich komme im Auftrage der Firma Olivier“, erwiderte Seidler, den Mann begrüßend, „Sie können sich wohl noch entsinnen, daß Sie vor etwa zwei Jahren die Schlösser erneuern müßten.“

Der Alte wischte sich an der Schürze die Hände ab. „Ja, ja — ich besinne mich wieder“, entgegnete er, „da war doch ein Bund abhanden gekommen!“

Er sprach den Dialekt des Provinzialen und war für Seidler schwer zu verstehen. Der Kriminalassistent faßte ihn scharf ins Auge und fragte weiter:

„Es wurden damals vier neue Schlüssel bestellt, nicht wahr?“

Der Mann besann sich. „Vier? Warten Sie mal — hm — ja, kann stimmen. Richtig! Einer wurde ja dann noch nachbestellt. Erst sind es nur drei gewesen.“

In Seidlers Augen blitzte ein freudiges Leuchten auf. „Darf ich wissen“, fragte er weiter, „wer die Nachbestellung bei Ihnen gemacht hat?“

Der Mann kratzte sich hinter dem Ohr, als ob er dort die Erinnerung herholen müßte. Dann erwiderte er:

„Soviel ich mich noch besinnen kann, war es der Buchhalter, den Sie damals hatten.“

„Wohl ein Herr Kießling?“

„So mag er geheißen haben. Jedenfalls war es ein deutscher Name.“

„Sie haben die Nachbestellung damals ohne weiteres angenommen und ausgeführt?“

Der Schlosser blickte Seidler ein wenig befremdet an. „Ja — warum sollte ich nicht? Er brachte mir einen Brief von der Firma mit.“

„Haben Sie diesen Brief zufällig noch?“

„Ja, lieber Herr — da müßte ich erst alles noch einmal durchsehen. Das weiß ich wahrhaftig nicht. Es ist auch wirklich zu lange her.“

„Der vierte Schlüssel wurde dann von dem Buchhalter abgeholt?“

„Ja. Darauf kann ich mich noch besinnen.“

„Es wäre mir doch sehr lieb, wenn Sie den Brief einmal suchen würden. Ich kann Ihnen ja dabei behilflich sein.“

„Ich verstehe nicht, was das bedeuten soll! Was nützt Ihnen heute der alte Brief? Sie stellen ja ganz komische Fragen!“

„Ich bin beauftragt, darüber Nachforschungen anzustellen. Es war auch sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie mir so freundliche Auskunft gaben. Aber nun kommt es mir noch auf den Brief an.“

„Na schön“, erwiderte der Meister gutmütig, „ich werde mal nachschauen. Nur jetzt habe ich keine Zeit dazu.“

„Das ist verständlich. Aber vielleicht vertrauen Sie mir einmal Ihre Korrespondenz an. Dann kann ich ja nachsehen.“

In dem Mann schien plötzlich irgendein Mißtrauen wach zu werden. „Nein“, sagte er mit veränderter Stimme, „das möchte ich lieber nicht tun. Doch meinetwegen können Sie morgen wiederkommen. Dann suche ich Ihnen den Brief heraus — sofern er überhaupt noch vorhanden ist. Ich pflege allerdings alles Schriftliche aufzuheben.“

„Ganz wie Sie wünschen, Meister. Ich werde mir dann erlauben, morgen wieder hier vorzusprechen.“

Nachdenklich verließ Seidler den Hof. Mit dem bisherigen Resultat war er durchaus zufrieden. Irgend etwas stimmte hier nicht. Das war sicher. Schade, daß er den Brief noch nicht gleich erhielt. Allein schon wegen der Zeitbestimmung erschien er wichtig.

Im übrigen hatte er Glück gehabt, daß der Schlossermeister ihm ohne weiteres so bereitwillig Auskunft gab. Das war wohl seiner Naivität zuzuschreiben. Wenn man nur immer so leichtes Arbeiten hätte!

Er rief noch einmal Herrn Léon an.

„Nur eine Frage, Herr Léon — — Sie haben damals bestimmt nur drei neue Schlüssel anfertigen lassen?“

„Jawohl, nur drei. Wieso fragen Sie?“

„Das werde ich Ihnen morgen erzählen. Dann werden Sie vielleicht noch etwas viel Interessanteres zu hören bekommen.“

Die Witwe Annette Defleur, ein kleines, bewegliches Persönchen, besaß eine für ihre Verhältnisse sehr große Wohnung in der Avenue Romain. Von den sechs Zimmern hatte sie allerdings stets vier vermietet, wodurch sie zu einem recht netten Zuschuß zu ihrer Pension kam. Für ihre Pensionäre sorgte sie mütterlich, nahm Rücksicht auf alle Wünsche und war dadurch sehr beliebt. Ein Leben ohne Sorgen für andere wäre ihr zu einsam und zwecklos erschienen.

Die Mieter wechselten nicht sehr oft. Im Gegenteil, manche blieben, da sie sich wohl fühlten, jahrelang. Nur wenn es einmal einem, trotz der guten Behandlung seitens der Witwe, im Leben zu einsam wurde, so daß er heiraten und sich ein eigenes Heim gründen wollte, verlor sie ihn. Andere Gründe des Fortziehens kamen nur selten vor.

Es klingelte. Behende huschte sie an die Tür.

„Guten Tag, Madame, — entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich wollte mich nur einmal nach einem Ihrer früheren Mieter erkundigen.“

„Bitte, treten Sie näher, mein Herr! Mit wem habe ich denn die Ehre?“

„Mein Name ist Seidler. Es handelt sich um den Schweizer namens Kießling, der einmal bei Ihnen gewohnt haben soll.“

Die Dame fährt überrascht zusammen. Ein verhaltener Ruf des Staunens kommt ihr über die eng zusammengekniffenen Lippen.

„Ja — aber das ist wirklich sonderbar!“ meint sie, „vorgestern ist Herr Kießling noch bei mir gewesen, nachdem ich ihn fast zwei Jahre lang nicht mehr sah!“

Auch Seidler ist überrascht. „Was?“ fragt er, „zwei Jahre lang ist er nicht hier gewesen? Wo steckte er denn in der Zeit?“

„Er war doch damals nach Belgisch-Kongo ausgewandert. Nun ist er wieder mal nach Europa gekommen, weil, wie er sagte, das Heimweh zu sehr an ihm gefressen hat.“

„Das ist mir sehr interessant. War er lange bei Ihnen?“

„Nein. Er hat nur eine Tasse Kaffee bei mir getrunken. Sie sind wohl ein Freund von ihm?“

Seidler besann sich rasch. „Ja“, erwiderte er, einer Eingebung folgend, „wir sind früher einmal in Hamburg zusammen gewesen. Später verlor ich ihn aus den Augen. Leider. Er war ein netter Mensch!“

„O ja!“ erwiderte Frau Defleur, „wir sind immer gut miteinander zurechtgekommen.“

„Hier ist er doch bei der Firma Olivier tätig gewesen, nicht wahr?“

„Ganz richtig. Aber die Stellung hat ihm dort auf die Dauer wohl doch nicht so recht behagt. Auf Grund von Beziehungen ist er daraufhin in die Kolonie gegangen. Es hat mir damals sehr leid getan, daß ich ihn hergeben mußte.“

So sprach sie von ihren Mietern — etwa wie eine Mutter, die eins ihrer Kinder verloren hatte.

Seidler kniff ein wenig die Augen ein, eine Angewohnheit, die man bei ihm stets beobachten konnte, wenn er nachdenklich wurde oder rasch und scharf denken mußte.

„Schade“, begann er nach einer Pause, „ich hätte ihn gerne wiedergesehen. Wissen Sie nicht, wo er wohnt?“

„Nein. Er sagte, daß er nur auf der Durchreise hier sei, und daß er wahrscheinlich bald wieder nach Afrika zurückfahren werde. Er leitet dort eine Farm.“

„Hatte er Ihnen von dort aus einmal geschrieben?“

„Nein. Aber daß er mich nicht vergessen hat, das bewies er ja durch seinen Besuch bei mir. Allerdings muß ich es auch bedauern, daß ich Ihnen keine Adresse angeben kann.“

Seidler bedankte sich für die Auskunft und verabschiedete sich.

Bei Lebrun waren inzwischen verschiedene telegraphische Nachrichten eingegangen. Was die beiden Handwerksburschen betraf, so wurden die Angaben des einen bestätigt. Die des anderen stimmten nicht. Er wurde erneut ins Verhör genommen. Nach einer stundenlangen, zermürbenden Vernehmung bequemte er sich endlich einzugestehen, daß er falsche Angaben machte, und berichtigte sie. Nach einigen telephonischen Rückfragen konnte festgestellt werden, daß es sich bei ihm um einen gesuchten Verbrecher handelte, der an einem Einbruchsdiebstahl in Avignon beteiligt war.

Dadurch verstärkte sich naturgemäß der Verdacht gegen ihn. Aber es war zunächst weiter nichts aus ihm herauszubekommen.

Lebrun nahm sich erneut seinen Begleiter vor. Der wollte ihn erst vor drei Tagen kennengelernt haben. Der Befragte war noch ein jüngerer Mensch, der, was die Art seiner Aussagen betraf, einen nicht ganz unglaubwürdigen Eindruck machte.

„Was hat Ihnen denn Ihr Begleiter erzählt?“ fragte Lebrun, „ich meine über seine Herkunft und das Ziel der Wanderschaft?“

Der junge Mann blickte den Fragenden ängstlich an, gab aber dann seine Antworten mit einer nicht zu verkennenden Sicherheit.

„Von seiner Vergangenheit hat er nicht viel gesprochen,“ erwiderte er, „im übrigen wollte er nach Paris. Ich hatte dasselbe Ziel. Deshalb hatten wir uns ja auch zusammengetan. Zu zweit wandert sich‘s leichter.“

„Sie behaupten also, rein zufällig in der Nähe der Unglücksstelle gewesen zu sein?“

„Ja.“

„Wann kamen Sie in den Schober, in dem Sie genächtigt haben?“

„Es mochte so gegen acht Uhr gewesen sein. Wir waren sehr müde, aßen nur noch die Brote, die wir bei uns hatten, und legten uns schlafen. Bis wir durch das Krachen aufgeschreckt wurden.“

„Ist Ihnen vielleicht aufgefallen, daß Ihr Genosse während des Abends den Schober noch einmal verlassen hat?“

„Nein. Ich schlief fest, glaube aber auch nicht, daß er noch einmal fortging.“

„Also, erzählen Sie weiter — Sie wachten von einem Krachen auf. Was geschah dann?“

„Jaques, mein Begleiter, zerrte mich sofort hoch und sagte, wir müßten auf der Stelle verduften, es schiene etwas passiert zu sein, und es wäre nicht nötig, daß wir uns einem Verdacht aussetzten.“

„Wenn er von einem Verdacht sprach, so mußte er also schon wissen, daß ein Verbrechen geschehen war! Ist Ihnen das denn nicht aufgefallen?“ „Ich habe nicht weiter nachgedacht und bin mit ihm einfach davongelaufen. Kurze Zeit danach wurden wir festgenommen.“

Ein Beamter trat ein. „Verzeihen Sie, Herr Kommissar, daß ich störe. Eben ist eine Meldung gekommen, daß man in einer Herberge in Montélimar die Papiere eines gewissen Pierre Lorrain gefunden habe.“

„Ah — das ist dieser Mann hier. Demnach hat er uns also doch nicht beschwindelt!“

Über die Züge Lorrains ging ein befriedigtes Grinsen. „Nein, Herr Kommissar“, sagte er lebhaft, „Sie können mir wirklich glauben. Ich habe Ihnen nichts vorgemacht.“

Lebrun wandte sich dem Beamten zu. „Nach dieser Feststellung glaube ich, daß wir Herrn Lorrain wieder entlassen können. Allerdings nicht ohne die Versicherung seinerseits, daß er sich bis auf weiteres in den von uns zu bezeichnenden Städten jeweilig bei der Polizei meldet. Auch hat er uns den Weg, den er einschlagen will, genau anzugeben. — Erklären Sie sich damit einverstanden, Lorrain?“

„Jawohl, Herr Kommissar!“ Der Mann strahlte.

„Veranlassen Sie“, wandte sich Lebrun wiederum seinem Untergebenen zu, „daß die Papiere des Mannes so rasch wie möglich hierher gesandt werden. So lange freilich muß er noch bleiben.“

Der Beamte ging mit Lorrain hinaus. Lebrun ließ den leitenden Kommissar zu sich kommen. Er erklärte ihm kurz den Fall und bemerkte:

„Die Bedenken, die ich in Ihren Zügen lese, Kollege, sind unbegründet. Lorrain wird natürlich weiter beobachtet. Einer Ihrer Beamten wird sich gleichfalls als Handwerksbursche verkleiden und wird sich dann unterwegs mit dem Burschen anzubiedern versuchen, verstehen Sie, wie ich das meine?“

„Jawohl. Ein guter Gedanke!“

„Sollte der Mann tatsächlich — was ich übrigens kaum noch glaube — mit dem Verbrechen irgendwie in Verbindung stehen, so wird man ihn erstens auf diese Weise noch einmal ganz harmlos aushorchen können, und zweitens würde man feststeilen, ob er mit irgendwelchen Hintermännern in Verbindung tritt.“

Das Telephon läutete.

„Hier Lebrun!“

„Hier Kommissar André, Paris. Ich komme auf Ihre gestrige Frage zurück, Lebrun. Sie wollten doch wissen, ob irgendeine Persönlichkeit von Bedeutung den Unglückszug benutzt haben könnte. Befindet sich auf der Liste der Passagiere, die Sie dort haben auf stellen lassen, ein gewisser Vicomte de Girard?“

„Jawohl.“

„Das war unser Außenminister. Er reiste inkognito.“

„Ah! Vielen Dank, Kollege! Demnach wäre die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, daß ihm der Anschlag gegolten hat.“

„Richtig. Ich habe hier bereits alles eingeleitet, um auch in dieser Richtung Klarheit zu schaffen. Nachdem erst vor einigen Wochen ein Attentat gerade auf diesen Minister versucht worden ist, erscheint mir der Fall um so verdächtiger.“

Lebrun blätterte in den Akten, als ihm ein Herr aus Etoile gemeldet wurde. Es war ein Inspektor der dortigen Kriminalpolizei, der seinen Besuch bereits angesagt hatte. Er brachte das Ergebnis seiner Erkundigungen über den Schriftsetzer Latour mit.

„Bitte, nehmen Sie Platz, Inspektor!“ lud Lebrun den Besucher ein, „also was können Sie mir über Latour berichten?“

Der Inspektor entwickelte ein anschauliches Bild des Mannes. Latour war als ein äußerst sensibler, neurotisch veranlagter Mensch bekannt. Bei seiner allgemeinen Verworrenheit konnte man ihn beim Ami de peuple nicht länger gebrauchen, wo er zwei Jahre lang tätig war. Vor einigen Monaten wurde er dort entlassen. Er gab sich nun allen möglichen phantastischen Plänen hin. Vor allen Dingen glaubte er plötzlich eine ausgesprochen journalistische Begabung in sich zu entdecken. Er sandte fortgesetzt Artikel an die verschiedensten Blätter ein, freilich ohne damit einen besonderen Erfolg zu haben. Sein Geltungsbedürfnis war jedenfalls außerordentlich ausgeprägt.

Lebrun zog ein wenig die Schultern hoch. Er hatte aufmerksam zugehört. Kein einziges Mal unterbrach er den anderen, bis der zu Ende gekommen war.

„Was halten Sie von der Glaubwürdigkeit dieses Mannes?“ fragte er schließlich, nachdem er noch eine Weile sinnend geschwiegen hatte. Der Inspektor zuckte die Achseln.

„Der Mann scheint mir ein regelrechter Phantast zu sein. Ich persönlich würde ihm nicht zuviel Glauben schenken.“

Lebrun berichtete die Geschichte, die ihm der Verdächtigte vortrug. „Na“, fragte er, „und was halten Sie davon?“

„Nichts, Herr Kommissar!“ war die einfache Antwort.

„So? Und warum nicht?“

„Weil der Mann zu der fraglichen Zeit, als er das Gespräch belauscht haben wollte, gar nicht in Etoile, sondern in Livron war.“

„So? Das haben Sie festgestellt?“

„Jawohl. Meiner Meinung nach dürfte er die ganze Geschichte erfunden haben, nur um sich interessant zu machen.“

Lebrun kritzelte mit dem Bleistift etwas auf ein Stück Papier. „Merkwürdig“, sagte er, „eine ähnliche Vermutung wurde mir gestern schon von unserem jungen deutschen Kollegen Seidler eingeflößt. Sie ist auch nicht von der Hand zu weisen. Aber damit würde auch die Belastung Moulins im wesentlichen wieder in sich zusammenfallen.“

„Ja, ja — eine vertrackte Geschichte, Herr Kommissar!“

„Soll sie der Teufel holen! — Trotzdem — wir dürfen nicht locker lassen.“

„Darf ich fragen, Herr Lebrun, ob man sich wenigstens über das Motiv des Anschlages klar ist?“

Der Kommissar war aufgesprungen und lief nervös hin und her.

„Nein. Eben auch nicht. Im Gegenteil. Durch eine Nachricht, die ich vorhin aus Paris erhielt, erscheint mir alles noch komplizierter. Unser Außenminister — Sie wissen, auf den man kürzlich erst einen Anschlag machte! — ist in dem fraglichen Zuge gewesen. Da man außerdem einen erheblichen Goldtransport mitführte, zu dessen Sicherung ein besonderer Postbeamter kommandiert worden war, können sowohl politische wie auch räuberische Motive maßgebend gewesen sein.“ Der Inspektor wiegte bedächtig seinen massiven Kopf hin und her. Er äußerte sich nicht weiter darüber, sondern sagte nur schmeichlerisch:

„Na — Sie werden trotz allem der Sache bald auf den Grund kommen, Herr Kommissar!“

Lebrun sah auf. „Ja, das werde ich! Darauf können Sie sich verlassen. Aber es wird ein hartes Stück Arbeit sein.“

Kriminalassistent Seidler hielt den Brief in der Hand, den ihm eben der Schlosser gegeben hatte. Das Schreiben bestand nur aus vier, fünf Zeilen und enthielt die Aufforderung, noch ein Schlüsselpaar anzufertigen. Es trug die Unterschrift des Prokuristen Léon.

Seidler ließ sich bei diesem melden. Dann hielt er ihm das Blatt vor die Augen.

„Haben Sie diesen Brief unterzeichnet, Herr Léon?“

Der Prokurist starrte das Blatt an. Dann schweifte sein Blick, nicht sehr geistreich, auf Seidler ab.

„Dieser Brief — — was soll das — —? Ich weiß überhaupt nichts davon.“

„Aber erlauben Sie bitte, er trägt doch als Unterschrift Ihren Namenszug!“

Léon schaute erneut den Brief an. Mißtrauisch prüfte er seine Unterschrift.

Seine Unterschrift? Nein — — das hatte er nicht geschrieben!!

„Der Brief ist gefälscht!“ rief er aus.

Um Seidlers Mund glitt ein triumphierendes Lächeln. „Jawohl!“ erwiderte er, „das wollte ich nur auch von Ihnen noch hören! Und wissen Sie, wer der Fälscher war?“

„Etwa Kießling?“

„Erraten!“

„Hm — ich verstehe das alles nicht!“

Seidler fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. „Auch ich tappe noch ziemlich im Dunkeln“, erwiderte er, „bitte, versuchen Sie sich zu besinnen, ob nicht nach jener Schlüsselaffäre damals aus Ihren Räumen etwas auf mysteriöse Weise verschwunden ist!“

Herr Léon schien einen Augenblick nachzusinnen. Dann sagte er rasch und bestimmt: „Nein. Nicht das Geringste.“

„Bestimmt nicht?“

„Bestimmt nicht. Ich wüßte es doch genau.“

„Das kommt mir allerdings sonderbar vor“, erwiderte Seidler, sich über das Kinn streichend, „aber auch dafür werden wir eine Erklärung finden.“

Der Prokurist betrachtete seine klobigen Hände und meinte:

„Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß Kießling der nächtliche Anrufer war?“

„Doch — das nehme ich sehr stark an.“

„Zu diesem Zweck also soll er sich vor fast zwei Jahren den Schlüssel erschlichen haben? Verzeihen Sie, bitte, Herr Kommissar, aber eine solche Behauptung kommt mir geradezu lächerlich vor. Namentlich noch, wenn man den Grund des Anrufes mit in Betracht zieht.“

„Es ist auch mir klar“, erwiderte Seidler gemessen, „daß es sich hier nur um die Ausnutzung einer Gelegenheit handelte. Wie die Einzelheiten miteinander in Zusammenhang stehen, das herauszubekommert, ist schließlich mein Beruf.“

„Wissen Sie — ich würde dabei viel zu kribbelig werden. Diese Ruhe und Ausdauer hätte ich wirklich nicht!“

„Schließlich ist es kein Schaden, wenn nicht alle Leute gleich Kriminalisten werden!“ erwiderte Seidler ein wenig spitz. „Ich glaube jedenfalls auf dem richtigen Wege zu sein und werde ihm weiter folgen.“

„Werden Sie mich auf dem laufenden halten?“

„So weit es im Interesse der Forschungen notwendig erscheint, natürlich.“

„Ich bin gespannt. ob Ihre Ansicht das Richtige trifft.“

„Daran zweifle ich gar nicht mehr. Was sagen Sie, wenn ich Ihnen berichte, daß Kießling am Unglückstage hier in Valence war?“

„Wirklich? Er ist hier gesehen worden?“ „Jawohl. Das ist er.“

„Dann allerdings — —“

„Also!“

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9788711508626
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