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Hans Garbaden
Ein Mordsdreh am Jadebusen
Ein Nordfriesland-Krimi
FUEGO
- Über dieses Buch -
Das Leben des Malers Franz Radziwill wird verfilmt. Als der Hamburger Filmcrew in dessen Wohnort Dangast einfällt, ist es mit einem Mal um die beschauliche Ruhe geschehen. Die Einheimischen blicken argwöhnisch auf die Arbeiten am Deich. Dann verschwinden plötzlich zwei Mitarbeiterinnen am Set. In den eisigen Fluten der Nordsee kann aber nur eine Leiche geborgen werden.
Wer ist der mysteriöse Meuchelmorder? Handelt es sich bei dem Täter womöglich um einen militanten Gegner der Filmproduktion, oder treibt ein Sexualstraftäter sein Unwesen? Die Kommissarin Jeanette Alt und ihr friesischer Kollege Enno Bollmann machen sich auf die Suche nach dem Mörder und treten ein in die illustren Reihen der kapriziösen Filmdiven und gestrandeten Schauspieler.
Meeresstrand
Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämm’rung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein.
Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.
Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen –
So war es immer schon.
Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.
Theodor Storm
Dangast
Wie ein Heuschreckenschwarm fiel die Valentine Production in den kleinen Ort am Jadebusen ein.
Im Vorfeld hatten die Wilhelmshavener Zeitung und die Nordwest-Zeitung aus Oldenburg darüber berichtet, dass eine Hamburger Film-Produktionsgesellschaft vorhatte, das Leben des Malers Franz Radziwill, der den größten Teil seines Lebens in dem kleinen Ort Dangast am Jadebusen zugebracht hatte, als Spielfilm zu realisieren. Die für 28 Drehtage geplanten Aufnahmen sollten jetzt in dieser abgeschiedenen Region mit Außenaufnahmen in der Umgebung von Dangast beginnen.
Staunend sahen Einheimische und ein paar Urlauber, die die letzten schönen Spätsommertage in Friesland verbrachten, wie eine ganze Karawane von Produktionsfahrzeugen in der Nähe des Deiches hielt und dann von schon vorher eingetroffenen Helfern auf einen freigehaltenen Platz eingewiesen wurde.
Der Mann, der alles routiniert dirigierte, war Kai Schmidt, der Set-Aufnahmeleiter, ein ruhiger, besonnener Mann, der von einem Helfer, den alle nur Pille nannten, assistiert wurde. Pille, ein magerer junger Schlacks mit einem bleichen, pickeligen Gesicht, war offiziell als Produktionsfahrer eingestellt worden, fungierte aber als „Mädchen für alles“.
Nachdem das Maskenmobil, die Fahrzeuge für die Kostüme, ein weiteres Fahrzeug für das Kamera-Equipment, die Wagen der Beleuchter, ein Fahrzeug mit eingebauter Küche für das Catering, die Aufenthaltsfahrzeuge für die Darsteller und einige Pkw abgestellt waren, war das Basislager für die vierwöchigen Dreharbeiten in und um Dangast komplett.
Kai Schmidt atmete tief durch und steckte sich gerade eine Zigarette an, als er aus der Reihe mit den Wohnmobilen für die Darsteller lautes Geschrei hörte.
Regina Schönefelder, eine Schauspielerin, war von einem Produktionsfahrer vom Bremer Flughafen abgeholt worden, weil sie heute gleich in den ersten Bildern spielen musste. Statt die als schwierig geltende Schauspielerin zuerst in ihr Hotel in Varel zu fahren, hatte der junge Produktionsfahrer sie an das Set in Dangast gebracht und ihr als Aufenthaltsmöglichkeit für die Drehpausen das letzte Wohnmobil in einer Reihe, die an einem Graben stand, zugewiesen.
Kai Schmidt glättete die Wogen. „Kein Problem, Sie bekommen das erste Wohnmobil gleich oben am Deich; ist das in Ordnung?“ Schmollend willigte die Schauspielerin ein.
Versonnen blickten der Aufnahmeleiter und Pille dem Pkw nach, der die Schauspielerin zum Hotel fuhr.
Endlich war Ruhe eingekehrt, aber eine Bemerkung konnte Kai Schmidt sich doch nicht verkneifen: „Na, das fängt ja gut an. Was uns da wohl noch erwartet, diese überkandidelte Diva und dann der exaltierte Ferdi Schönert. Ich glaube, wir werden in den nächsten vier Wochen viel Spaß haben.“
„Wie meinst du das mit Ferdi Schönert?“ fragte der noch junge und unerfahrene Pille.
Kai Schmidt klärte ihn auf: „Der Ferdi ist ein lieber Kerl. Nur mit den Frauen am Set hat er immer Probleme. Die Maskenbildnerin schmiert ihm angeblich immer zu viel Farbe ins Gesicht, die Kostümbildnerin sucht angeblich immer schlechtsitzende Kleidung für ihn aus, die Continuity-Kollegin weist ihn immer auf angebliche Text- oder Anschlussfehler hin, und bei Dialogen mit seinen Darstellerkolleginnen blasen die ihm angeblich immer intensiven Knoblauchgeruch ins Gesicht. Aber sonst ist er – wie gesagt – ein lieber Kerl und ein ganz toller Schauspieler. Und er wird nichts gegen den Standort des Wohnmobils unten am Graben haben.“
Pille hatte aufmerksam zugehört. „Und wie ist der Hauptdarsteller, der Tim Schumann, so?“
Kai Schmidt erkannte, dass er als loyaler Mitarbeiter der Valentine Production schon zu viel erzählt hatte, und gab seinem neuen Kollegen eine gutgemeinte Empfehlung: „Ach, der ist wie auch alle anderen Darsteller sehr nett. Sei zu allen freundlich und vor allem respektvoll. Dann wirst du mit ihnen gut auskommen. So, und nun los, wir müssen noch über die Tagesdisposition für morgen sprechen.“
Tossens
Es war ein trostloser Spätsommertag, so dass man kaum vom Deich die See erkennen konnte. Den ganzen Tag hatte es unaufhörlich genieselt.
Eine buntzusammengesetzte Gesellschaft von Gästen hatte sich vor dem Wetter in die Gaststätte Butjenter Nachtigall, direkt hinter dem Deich, geflüchtet.
Am Stammtisch saßen Eldert Rescher, der Wattführer mit dem kantigen und groben Gesicht, welches verriet, dass es in seinem Stammbaum einen Slawen gab. Er wurde von allen nur Wattyeti genannt. Flankiert wurde er auf der einen Seite von Focko Daul und Hergen Vesper, zwei Männern mit glatten, nichtssagenden Gesichtern, die beide in einer Hotelverwaltung arbeiteten. Auf der anderen Seite saßen zwei wettergegerbte Krabbenfischer aus Fedderwardersiel.
Alle an diesem Tisch tranken Bier und Korn. Das beherrschende Gesprächsthema waren die Dreharbeiten des Spielfilmes über das Leben von Franz Radziwill in Dangast.
Einer der Krabbenfischer meinte: „Wir haben nichts von den Filmfritzen, mir ist es egal, ob hier ein Film gedreht wird oder nicht.“
Etwas knurrig ergänzte der Wattyeti: „Mir ist es jetzt auch egal. Ich war als Begleiter für Dreharbeiten im Watt vorgesehen. Mit einem Mann von der Produktion war ich draußen, an der Bake vorbei, an den Seehundbänken entlang bis zur Fahrrinne. Alles habe ich ihm gezeigt. Als wir auf einer Sandbank ein paar Seehunde sahen, war er ganz begeistert. Ich habe ihm erzählt, dass sie früher als Nahrungskonkurrenten des Menschen galten und es für ihren Abschuss Prämien gab. Er konnte gar nicht glauben, dass erst ab 1953, als die Art auszusterben drohte, die Jagd nur noch auf Antrag möglich war. Inzwischen sind sie bei uns ja ganz unter Schutz gestellt. Der Mann wollte sich wieder melden. Aber es passierte nichts, bis ich von einem Kollegen aus Varel gehört habe, dass sie sich für ihn entschieden hätten. Er macht es wohl billiger. Der Kerl vom Film hat mir damals seine Visitenkarte gegeben, ich muss sie noch irgendwo haben.“ Er nestelte aus der Gesäßtasche seiner Hose eine Geldbörse und holte eine verknickte Karte daraus hervor. „Hier hab ich sie. Robert Ketzler, Location-Scout. Scheiß-Location-Scout.“ Damit zerknüllte er die Karte und warf sie wütend unter den Tisch.
„Tja, etwas billiger war auch wohl das Hotel in Varel“, meinte der Hotelmann Hergen Vesper. „Wir hatten ein Angebot für die Unterbringung des gesamten Filmteams für die Dauer der Dreharbeiten abgegeben, aber den Zuschlag hat ein anderes Hotel bekommen.“
Die Aufmerksamkeit der Stammtischrunde richtete sich auf zwei Männer, die an der Theke standen und schon reichlich Bier und Korn getrunken hatten und jetzt sehr laut wurden.
Einer der beiden Gröler war groß, breitschultrig und stark übergewichtig. Sein Schädel war zur Glatze rasiert, die konturlos in einen Stiernacken überging. Er trug einen Kapuzenpulli mit runenartigen Schriftzeichen auf dem Rücken. Seine schwarzen Röhrenhosen endeten in Doc-Martens-Stiefeln.
Der andere Mann wirkte wie das Klischee eines pseudolinken Revoluzzers. Er war mager bis auf die Knochen, hatte lange, ungepflegte, mausgraue Haare, die mit einem Gummiband zusammengebunden waren, und einen wie von Motten zerfressenen Fusselbart. Bekleidet war er mit einem löchrigen Strickpullover in undefinierbaren Farben und einer ausgebeulten Jeans, die offensichtlich Monate, wenn nicht Jahre, keine Waschmaschine mehr gesehen hatte. An den Füßen trug er Ledersandalen.
„Was sind das denn für Typen?“ entfuhr es dem Wattyeti.
Der wie geleckt aussehende Hotelmanager Focko Daul konnte ihn und die anderen – die auch fragend schauten – aufklären.
„Mit diesen beiden Vollidioten hatten wir in unserem Hotel bei Bürgerversammlungen auch schon unsere Freude. Der große Kerl mit der Glatze ist Raik Lawitzke. Dieser aus dem Osten hergelaufene Strolch ist ein ganz übler Neonazi. Der langhaarige Affe, der Wirrkopf mit dem Zauselbart neben ihm, ist Lars Poppinga aus Waddens. Dieser Kiffer gehört einer linken Gruppierung an. Beide haben etwas gegen die Verfilmung von Franz Radziwills Leben und bilden dagegen eine unheilige Allianz. Der Maler galt ja auf der einen Seite bei den Nationalsozialisten als Vertreter der entarteten Kunst. Deshalb sind die Glatzköpfe gegen die Verfilmung. Auf der anderen Seite war Radziwill lange Zeit ein glühender Verfechter des Nationalsozialismus. Deshalb befürchten die Linken eine Glorifizierung des Malers in der Verfilmung seines Lebens. Man mag es kaum glauben, aber ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Bei der letzten Bürgerversammlung bei uns im großen Saal, als von den bevorstehenden Filmarbeiten berichtet wurde, protestierten die beiden jeweils gemeinsam mit ihren Gesinnungsgenossen dagegen. Während Raik Lawitzke, diese Dumpfbacke, immer ‚Ausländer raus‘ rief, obwohl Radziwill gar kein Ausländer war, störten diese Pseudolinken die Versammlung mit ihren ‚Radziwill-Naziwill‘-Rufen.“
Hergen Vesper, der andere Hotelmann, ergänzte die Schilderung seines Kollegen. „Diese Burschen sind ja nicht ungefährlich und belassen es bei ihren großspurigen Redensarten. Ich habe es in meinen vorigen Stationen in Rostock und Berlin erlebt. Das Gewaltpotenzial der Rechtsextremen ist größer. Die prügeln doch auf alles ein, was ausländisch aussieht. Die autonomen Linken, die in Berlin und Hamburg Autos anzünden, agieren nicht politisch orientiert, sondern sind Krawallmacher, die nur Randale machen wollen. Das beste Beispiel sind die Vorfälle im Hamburger Schanzenviertel, wo Linksradikale eine Polizeiwache in Brand gesetzt und mehrere Einsatzwagen der Polizei abgefackelt haben. Das politische Weltbild beider Gruppierungen ist doch reichlich verworren. Leider gibt es in der Bevölkerung Sympathisanten für beide.“
„Komisch“, meinte einer der Krabbenfischer, der bisher noch gar nichts gesagt hatte, „früher haben sich solche Leute bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Fresse poliert, und jetzt machen sie gemeinsame Sache gegen diesen Film.“
Er trank sein Bier aus und orderte eine neue Runde für den Stammtisch.
Kalle, der Wirt, hatte einiges von dem Gespräch mitbekommen. Ihn drängte es, etwas zum Thema beizutragen. Als er das Bier brachte, mischte er sich in das Gespräch ein: „Über die Filmerei in Dangast wurde auch auf unserer letzten Gaststätten-Verbandssitzung gesprochen. Die Kollegen in Varel und Dangast versprechen sich für die Dauer der Dreharbeiten einen erhöhten Umsatz. Einer der Kollegen, vielleicht kennt ihr ihn ja, Friedrich Kaupp, er führt die Schifferklause in Dangast, erzählte einen Witz, der aus Schauspielerkreisen stammen soll.“ Kalle nahm die leeren Biergläser an sich.
Hergen Vesper blickte zum Wirt neben sich hoch. „Und wie geht der Witz?“
Der räusperte sich. „Ganz einfach. Gehen zwei Schauspieler an einer Kneipe vorbei.“ Die Männer der Tischrunde blickten den Wirt an.
Der Wattyeti fragte: „Und weiter?“
„Nichts weiter“, antwortete Kalle. „Schauspieler gehen nicht an einer Kneipe vorbei. Das ist der Witz!“
Einige der Stammtischbrüder lachten etwas gequält. Nur Focko Daul, der Hotelmann, hatte den Witz verstanden und lachte aus vollem Hals. Als er sich wieder beruhigt hatte, rief er Kalle, der inzwischen mit den leeren Gläsern zur Theke ging, hinterher: „Prima Witz. Darauf noch eine Runde Korn auf meine Kappe.“
Varel
Abends, nach dem ersten Drehtag, saß das Team der Valentine Production fast komplett im Restaurant Zum Wattwurm im Hotel Vareler Stern zum Essen zusammen.
Mittags war auch der Hauptdarsteller des Films, Tim Schumann, eingetroffen. Er hatte seinen ersten Einsatz als junger Franz Radziwill kurz vor Schluss der heutigen Dreharbeiten, am späten Nachmittag gehabt. Jetzt saß er am Tisch des Regisseurs Hanno Ahrens, um den sich noch der Kameramann Wolfgang Kluge, der Oberbeleuchter Bernd Röbge, die Kostümbildnerin Hella Rahde und Claudia Markus, die Continuity-Verantwortliche wie ein Hofstaat herumgeschart hatten.
Am Nebentisch hatten sich Ferdi Schönert, der exaltierte Nebendarsteller, der Set-Aufnahmeleiter Kai Schmidt, die Regieassistentin Monique Minthorn und Pille, der Produktionsfahrer, platziert.
An vier weiteren Tischen saßen verteilt der Requisiteur mit seinem Assistenten, die Beleuchter, die beiden Tonleute, die Kameraassistenten, der Maskenbildner Andy Lengner mit seiner Kollegin Uta Berling, zwei Praktikanten und drei Schauspieler, darunter Regina Schönefelder, die als Darstellerin von Franz Radziwills erster Frau Johanna Ingeborg verpflichtet worden war. Die divenhafte Schauspielerin war immer noch wegen des Vorfalls mit ihrem Wohnmobil beleidigt.
Tim Schumann, Typ Frauenversteher mit grauen Schläfen, führte am Tisch des Regisseurs das große Wort. Er sprach davon, dass er für die Salzburger Festspiele als nächster Jedermann gehandelt würde und seine künstlerische Heimat eigentlich nur das Theater sei.
„Aber von irgendetwas muss man sich ja seine kleinen Extravaganzen leisten können.“
Damit spielte er auf die deutlich höheren Gagen bei Filmproduktionen gegenüber den gagen an Theatern an. Alle am Tisch wussten, dass seine Frauengeschichten viel Geld kosteten.
„Apropos kleine Extravaganzen“, fuhr er fort und sprach die Kostümbildnerin Hella Rahde an, nachdem er sich mit einer kurzen Drehung umgesehen hatte. „Wo ist denn deine kleine, schnuckelige Assistentin, die ... wie heißt sie noch?“
Hella Rahde antwortete etwas spitz: „Meine kleine, schnuckelige Assistentin heißt Jenni und ist eine tüchtige junge Frau, die mir einen großen Teil meiner umfangreichen Arbeit abnimmt. Ich nehme an, dass sie schon ins Bett gegangen ist, nachdem wir vorhin die Garderobe für morgen vorbereitet haben. Sie war todmüde von der vielen Schlepperei.“
Der Regisseur lenkte ab. Er blickte den Kameramann und den Oberbeleuchter an. „Wir wollen noch mal kurz über unsere Arbeit sprechen. In der Tagesdispo für morgen ist der Drehbeginn für acht Uhr festgelegt. Ich möchte mit Kamera und Beleuchtung eine Stunde früher am Set sein. Ich habe da so eine Idee, die ich mit euch vor Ort besprechen möchte.“
Die beiden Männer nickten zustimmend.
Tim Schumann erhob sich. „Ich muss noch ins Drehbuch schauen und mich mit meinem ellenlangen Monolog für morgen beschäftigen.“ Damit verließ er den Tisch.
Irgendjemand aus der Runde rief ihm nach: „Verlauf dich nicht auf dem Weg in dein Zimmer.“
Schumann blickte sich um. Er verstand, wie es gemeint war. „Keine Angst, ich gehe euch nicht verloren. Ich kenne mich hier aus. Ich habe nach dem Schauspielstudium mein erstes Engagement an der Landesbühne in Wilhelmshaven gehabt.“
Er verschwand durch den inneren Restaurantausgang, der ins Hotel führte. Unbemerkt von den Filmleuten verließ er das Hotel durch den Vorderausgang zur Hauptstraße und winkte ein vorbeifahrendes Taxi heran.
Zehn Minuten später verließ auch Ferdi Schönert, unbemerkt von den anderen, das Hotel.
Wilhelmshaven
Das allein stehende Haus am Stadtrand war am First und ringsherum unter den Dachrinnen von Leuchtstofflampen eingerahmt. Neben der soliden Haustür, in der sich in Augenhöhe eine Klappe mit einem Guckloch befand, leuchtete in rotem Neon die überdimensionierte Hausnummer sechs.
Der großgewachsene Mann drückte die Klingel, die sich unter der Hausnummer befand. Nach kurzer Zeit wurde die Klappe von innen geöffnet und der Mann einer kurzen Überprüfung unterzogen. Die Prüfung schien positiv ausgefallen zu sein, denn während die Klappe wieder geschlossen wurde, öffnete sich gleichzeitig die Haustür.
Der Mann trat ein und kam gleich zur Sache. „Ist Annika heute da?“
Die Frau, eine aufgedonnerte Matrone, schüttelte bedauernd den Kopf. „Du warst wohl schon lange nicht mehr hier. Annika arbeitet seit zwei Monaten nicht mehr bei uns. Wenn du auf diesen Typ Frau stehst, kann ich dir unsere Ludmilla empfehlen, ganz frisch aus dem Osten.“
Der Mann war skeptisch. „Eine osteuropäische Katalogbraut?“
„Ach was. Schau sie dir doch erst einmal an.“
Die Empfehlung der Matrone schien auf den ersten Blick gut zu sein. Die Russin oder Deutschrussin oder Russendeutsche trug ein enges Kleid, welches zeigte, dass sie die Figur einer jungen Frau hatte. Nur das leicht faltige Dekolleté über den üppigen Brüsten ließ vermuten, dass sie mindestens vierzig war. Sie hatte ein etwas breites, slawisch wirkendes Gesicht mit hohen Wangenknochen, die ihr ein exotisches Aussehen verliehen. Ihre wohlgeformten Lippen waren tiefrot geschminkt. Die Deutschkenntnisse der Frau reichten aus, um mit ihrer tiefen, guttural klingenden Stimme ihre Preisvorstellungen zu äußern. Der Mann feilschte nicht. Er akzeptierte die geforderte Summe.
Nachdem das geklärt war, gingen sie die Treppe zu einem der im oberen Stockwerk liegenden Zimmer hoch. Der Mann legte das Geld auf den kleinen Tisch neben der breiten Liege, und die Frau zog sich aus. Der kleine, noch feste Hintern gefiel im besonders gut. Als auch er seine Kleidung abgelegt hatte, holte er aus seiner Jacke eine Weidengerte heraus.
Ludmilla schaute mit großen Augen. „Was soll das denn werden?“
Der Mann fackelte nicht lange. „Los, leg dich mit dem Bauch aufs Bett. Bevor ich es dir besorge, werde ich deinen kleinen Knackarsch versohlen.“
Ludmilla war nicht blöd. „Gut, das kostet einen Hunderter extra, und auch das mit Vorkasse.“
Der Mann brummte etwas Unverständliches, ging aber darauf ein und nestelte aus seiner Jacke einen Hunderteuroschein, den er auf den kleinen Tisch legte.
Er nahm die Weidengerte wieder hoch, schlug damit probehalber einmal leicht in seine Hand und ging zu Ludmilla, die auf dem Bett in Position lag, wobei ihr langes, kastanienbraunes Haar sich wie ein Fächer um ihren Kopf gelegt hatte. Er holte zum ersten Schlag aus und ließ die Weidengerte niedersausen. Die Gerte hinterließ auf dem Gesäß der Frau, die bei dem Schlag leise gestöhnt hatte, einen schwachen Striemen. Der Mann holte zum nächsten Schlag aus.
Das Watt
Eine kalte Nacht hatte die spätsommerliche Tageswärme abgelöst. Dunkelheit und Stille waren eingekehrt. Von See her hatte sich schwerer Nebel über das Watt und den Deich herangeschoben und ließ alle Unebenheiten verschwinden.
Der Mann war groß und kompakt. Er hatte ein Gesicht wie ein Bullterrier kurz vor dem Zupacken. Er trug einen Anorak, hatte einen dicken Wollschal um und sich eine Pudelmütze über die Ohren gezogen. Trotz seiner Stärke hatte er Mühe, die leblose Frau den Deich hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter ins Watt zu tragen.
Er kannte sich aus. Trotzdem kam er ins Stolpern, als er in eine Muschelbank geriet. Die scharfen Ränder der Miesmuscheln schnitten in seine Füße, denn er war barfuß unterwegs war. Fluchend und leicht humpelnd lief er weiter. Seine Last, die er trug, schien immer schwerer zu werden.
Endlich hatte er wieder glatten Wattboden unter den Füßen und konnte etwas kräftiger ausschreiten. Der erste Priel erschien ihm nicht tief genug. Er musste weiter und einen finden, der genügend Wasser führte, um die Frau schnell in die Fahrrinne und dann in die offene Nordsee zu spülen.
Nach etwa zwanzig Minuten hatte er einen Priel erreicht, der ihm für sein Vorhaben geeignet erschien. Er ließ die Frau in das strömende Wasser hineingleiten. Aufatmend sah er schemenhaft in der Dunkelheit, wie der leblose Körper einige Meter davontrieb, bis er in der Nacht verschwand.
Auf dem Rückweg zum Deich umging er die Muschelbank und kam an einer Erhebung vorbei, auf der er die Silhouetten von drei Seehunden erkennen konnte. Er musste sich beeilen, um nicht selbst von der Flut überrascht zu werden.
Als er wieder auf der Deichkrone stand, hatte sich der Nebel mit dem Tidenwechsel unbemerkt verflüchtigt.
Der Mann blickte noch einmal ins Watt, ohne etwas erkennen zu können. Ein Vogel flatterte auf. Dann war wieder Stille. Fröstelnd zog der Mann seinen Anorak enger, denn ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Es rauschte vom Watt her. Ein eisiger Windstoß fuhr über ihn hinweg. Er machte sich schnellstens auf den Heimweg.
Fedderwardersiel
Im kleinen Hafen von Fedderwardersiel wurden die Krabbenkutter zum Auslaufen klargemacht. Auch auf dem nostalgisch anmutenden Ausflugsdampfer wurde die Maschine angelassen. Die ersten Touristen warteten schon am Kai, um mit der Bella einen Törn in die Nordsee zu unternehmen.
Die Sonne war hinter niedrigen Wolken verborgen. Es schien aber trotzdem ein schöner Tag zu werden, denn der aufkommende leichte Südwind trieb die Wolken fort und die Sonne brach durch.
Die BELLA war fast ausgebucht. Als die Flut die nötige Höhe erreicht hatte, verließ das Schiff, begleitet vom Tross der Möwen, den Hafen und nahm Kurs auf den Leuchtturm Roter Sand.
Während die BELLA die Außenweser durchpflügte, erläuterte der Schiffsführer Eilert Harms über an Deck angebrachte Lautsprecher etwas über die Tide, dass die Flut ungefähr sechs Stunden dauert, in der der Wasserspiegel steigt, und dass er dann ebenso lange, bis zur totalen Ebbe wieder abfällt. „Immer im selben Rhythmus der Gezeiten.“
Die überwiegend in der Sonne auf dem Oberdeck sitzenden Passagiere, die fast alle aus Nordrhein-Westfalen stammten, hörten interessiert zu. Unter dem lauten Gekreische der begleitenden Möwen passierte das Ausflugsschiff das an Steuerbord liegende Langwarden und hatte die graue Einöde der Nordsee vor sich.
Ein Krabbenkutter kam von See zurück. Auch hier wurde ein Schwarm Möwen vom Kielwasser des Kutters wie von einem Magneten angezogen.
Inzwischen jagten wieder einige zerrissene Wolken über den Morgenhimmel.
Der Schiffsführer erzählte den aufmerksamen Passagieren, dass der Schifffahrtsweg jetzt nicht mehr gezeitenabhängig sei, aber die Rückfahrt rechtzeitig vonstatten gehen müsse. „Und zwar bevor der Hafen von Fedderwardersiel wieder trockenfällt, denn sonst sitzen wir im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Trockenen. Sie sehen, meine Damen und Herren und liebe Kinder aus dem Binnenland, dass wir hier mit dem Tidenkalender leben, der unseren Tagesablauf bestimmt.“
Gerade erklärte der Kapitän, dass an Bord der BELLA auch der Klabautermann und ein Kielschwein leben, als achtern ein Schrei ertönte.
„Da, ein Mensch im Wasser!“
Eilert Harms unterbrach seinen Vortrag und blickte von der Brücke über seine Schulter. Er nahm sein Fernglas und erkannte, dass die Frau, die den Schrei ausgestoßen hatte, richtig gesehen hatte. An Backbord trieb ein lebloser Körper. Sofort stoppte er die Maschine und manövrierte die BELLA zurück, während sein Bootsmann Hannes Wagner, der als Kartenabreißer und „Mädchen für alles“ an Bord zuständig war, versuchte, den im Wasser treibenden Körper an einen Bootshaken zu bekommen. Der Kapitän kam hinzu, bat die gaffenden Leute zurückzutreten und gemeinsam wurde der Körper über die Reling gehievt und auf Deck auf dem Rücken abgelegt.
Es handelte sich – wie nicht zu übersehen war – um die Leiche einer jungen Frau. Die Tote hatte am Schädel eine schwere Verletzung. Über den Hinterkopf zog sich eine tiefe, klaffende Wunde. Die Augen der Frau waren vielleicht von Seevögeln gefressen worden, denn es waren nur noch leere Höhlen. Trotz dieser Verletzungen war zu erkennen, dass die Frau einmal sehr hübsch gewesen war. Sie hatte lange, blonde Haare und ein zartes Gesicht mit vollen Lippen. Der Hals und die Glieder waren anmutig geformt. Die Leichenstarre war schon von ihr gewichen, dadurch war das Fleisch über den Knochen erschlafft. Die Brüste lagen auf den Rippen, Mund und Kiefer hatten sich gelockert. Die Schamhaare waren zu einem schmalen Strich rasiert.
Eine korpulente Touristin, die sich nicht an die Anweisung des Kapitäns gehalten und sich ganz nach vorn bis an die Leiche gedrängelt hatte, konnte sich bei dem Anblick der toten Frau gerade noch rechtzeitig über die Reling beugen, bevor sie die drei Brötchen mit Käse und Marmelade vom Frühstück in einem würgenden Schwall erbrach. Sofort stürzten sich die immer hungrigen Möwen auf diese unverhoffte Mahlzeit.
„Arme Deern“, murmelte der Bootsmann, während er eine Persenning über die Leiche breitete.
Der Kapitän war inzwischen auf die Brücke geeilt, um die Wasserschutzpolizei zu verständigen.
Während der Aktion hatte sich der Himmel urplötzlich verfinstert, und die schwappenden Wellen waren kabbeliger und bedrohlicher geworden. Ein plötzlich einsetzender Regenschauer ließ die Passagiere unter Deck flüchten. Ein Sturm mit Windstärke neun kam aus Westnordwest. Das Meer toste. Die Nordsee zeigte sich von ihrer brutalen Seite und reagierte so, als ob sie das Opfer nicht gern wieder hergegeben hätte.
Der Kapitän hielt sich nicht lange mit der Meldung an die Wasserschutzpolizei auf, sondern gab nur das Nötigste durch. Die Position des Leichenfundes trug er ins Logbuch ein. Vorrangig setzte er alles daran, die BELLA zurück in den sicheren Hafen zu bringen, denn erste schwere Brecher rollten über das Deck. Bevor die tote Frau von Bord gespült werden konnte, brachte der Bootsmann den Leichnam in eine kleine Kammer unter Deck. Das Schiff stampfte in der aufgewühlten See, und der Sturm war zum Orkan geworden. Fast horizontal peitschte der Regen über die BELLA.
Eilert Harms hatte sein Kapitänspatent vor zwanzig Jahren gemacht. Bis zur Übernahme der BELLA hatte er auf großer Fahrt alle Weltmeere befahren. Ihn konnte nichts mehr erschüttern. Er hatte die heftigsten Stürme in der Biskaya erlebt und Kaventsmänner von vierzig Meter Höhe bei der Fahrt um Kap Hoorn überlebt. Er war ein Ruhe und Autorität ausstrahlender, besonnener Mann. Mit seiner bedächtigen Art versuchte er die verängstigten Passagiere zu beruhigen, während riesige Wellen die BELLA in die Höhe hoben und wieder in die Tiefe fallen ließen. Ein tiefes Dröhnen war in der Ferne zu hören, und plötzlich schlugen Hagelschauer gegen die Fenster des Salons. Einzelne Passagiere fingen angstvoll an zu wimmern. Der Weltuntergang schien nah. Auf den Tischen rutschte klirrend das Geschirr hin und her und wurde nur durch die Sturmkante vor dem Herunterfallen bewahrt. Mehrere Passagiere hatte die Seekrankheit gepackt. Einige saßen mit grauen Gesichtern apathisch auf ihren Stühlen, während andere sich in bereitliegende Tüten übergeben hatten. Zwei Männer bekämpften das Unwohlsein auf ihre Art. Sie ließen sich an der kleinen Bord-Bar vom Bootsmann einen Schnaps nach dem anderen einschenken. Die Therapie schien erfolgreich zu sein. Die Männer wurden nicht seekrank, waren aber stark betrunken.
Einer der beiden, ein typischer Ruhrpott-Kumpel aus Wanne-Eickel konnte nur noch lallen: „Jezz ham wir nichs mehr von dat Kielschwein gehört.“
Die Antwort seines Zechkumpans ließ erkennen, dass er aus Berlin stammte: „Du Orje, vom Klabautermann hatta ooch nüscht mehr jesacht.“
„Denn man prost, Atze“, sagte der Ruhrpottkumpel, und beide hoben zum neunten Mal ihr Glas.
Nachdem die Gläser leer waren, meldete sich noch einmal der Berliner: „Eenen könn wa noch, wat?“
So plötzlich, wie das Unwetter gekommen war, verschwand es wieder. Der Sturm ließ nach, von Westen her rissen die Wolken auseinander, und die Sonne kam durch.
Inzwischen war die BELLA in der Wesermündung und hielt Kurs auf ihren Heimathafen Fedderwardersiel, wo sie von der Wasserschutzpolizei erwartet wurde.
Sinsum
Wenn man von Langwarden die Butjadinger Straße Richtung Burhave fährt, zweigt rechterhand kurz vor Burhave der Sinsumer Weg ab und führt direkt nach Sinsum.
Vor dem Ort stand hinter hochgewachsenen und verwilderten Büschen das verlotterte Anwesen. Es bestand aus einem reetgedeckten Wohnhaus, das einmal sehr repräsentativ gewesen sein musste. Jetzt zeigte es unübersehbare Spuren des Verfalls. Weiter bestand das Anwesen aus einigen kleinen Nebengebäuden, einer Scheune und Stallungen. Überall hatte der Zahn der Zeit genagt. In Scheune und Stallungen, die offensichtlich nicht mehr genutzt wurden, gab es kein Leben mehr, und am Tag schien die Sonne und nachts der Mond durch das zum Teil eingestürzte Dach auf allerlei Gerümpel, das die Besitzer über die Jahre hineingeworfen hatten.
Nicht mehr funktionierendes und verrostetes landwirtschaftliches Gerät wie eine alte Egge, eine ehemals mit der Hand betriebene Häckselmaschine, mehrere Sensen und Sicheln und andere Maschinenteile aus dem vorigen Jahrhundert lagen verstreut auf dem Hof herum.
Es war spätabends, als eine alte, etwas grobknochige Frau, die sich auf jugendlich getrimmt hatte, aus dem Haus trat. Sie war stark geschminkt und hatte die schlecht blondierten, grauen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trug einen kurzen Rock und eine enge, weit geöffnete Bluse, so dass ein Teil ihres welken Busens zu sehen war.
Mathilde Koller-Elberfeld nahm die Zigarette aus dem Mundwinkel und rief ihre Katzen. „Miez, Miez, Miez.“
Aber kein Tier ließ sich auf dem Hof blicken.
Die Frau wollte gerade wieder ins Haus gehen, als sie das Motorgeräusch eines herannahenden Autos hörte. Sie blieb vor ihrer Haustür stehen und beobachtete, wie ein klappriger, älterer VW-Bus auf den Hof gefahren kam. Der Fahrer schlängelte sich durch herumliegende Schrottteile und hielt kurz vor der Frau an. Aus dem Wagen stieg Gunthram Vallay. Sofort wurde er von der Frau mit einem Schwall von Vorwürfen überhäuft.
„Wo warst du den ganzen Abend? Ich weiß nie, wo du dich immer herumtreibst. Bestimmt hast du wieder getrunken und sonst was angestellt. Ich finanziere dein Auto und das Segelboot, lasse dich ohne Kostenbeteiligung in meinem Haus wohnen, und du dankst es mir, indem du dich nie um mich kümmerst. Außerdem wolltest du dich längst um ein Engagement bemühen. Aber das wird wohl auch so ein Windei wie deine hochtrabenden Filmpläne.“
Damit drehte sie sich um und ging ins Haus zurück.
Gunthram Vallay, der noch am Wagen stand, warf die Fahrzeugtür zu und folgte der Frau ins Haus, wo er sah, wie sie sich eine Flasche und ein Glas aus einer Kredenz holte und sich einen dreifachen Scotch einschenkte.
Das verstärkte die Wut, die nach der Tirade der Frau in ihm hochgestiegen war. „Du versoffene alte Vettel wirfst mir vor, dass ich trinke, wo du nur noch an der Flasche hängst und dabei noch rauchst wie ein Schlot. Und was das Boot angeht, das ist doch nur noch ein löchriger, alter Kahn, und bei der Rostlaube von einem Auto zu sprechen, ist ein Witz. Und in deiner Bruchbude, die du Haus nennst, wohne ich doch nur, weil du mich auf Knien darum angefleht hast. Du bist doch froh, dass es in deinem Leben überhaupt noch einen Menschen gibt. Was meine Theater- und Filmpläne angeht, habe ich noch eher eine Chance als du mit deinen Träumen von einem Engagement. Dich kennt doch keine Sau mehr. Dass du vor vierzig Jahren mal eine große Nummer im Filmgeschäft warst und Rekordgagen bekommen hast, weiß heute auch kein Mensch mehr.“
Mathilde Koller-Elberfeld hatte ihr Glas inzwischen ausgetrunken. Tränen liefen über ihre faltigen Wangen. Sie machte zwei Schritte und warf sich dem jüngeren Mann an den Hals. Ihn fest umklammernd, hing sie schluchzend an seiner Schulter.
„Ach Gunthram, entschuldige bitte, ich liebe dich doch und habe nur dich.“
Angeekelt löste der Mann die Hände der Frau und schob sie von sich weg.
„Lass mich zufrieden, du alte Schachtel.“
Jetzt noch lauter schluchzend, ging die Frau wieder zur Kredenz, wo sie sich noch einen großen Schluck Scotch einschenkte. Dann griff sie wieder zur Zigarettenschachtel.
Dangast, die zweite
Dem Set-Aufnahmeleiter Kai Schmidt fiel als Erstem auf, dass Jenni, die Assistentin der Kostümbildnerin, fehlte, als er im Geiste die nacheinander am Set eintreffenden Teammitglieder abhakte.
Auf dem Verteiler der Tagesdispo war sie aufgeführt. Sie hätte pünktlich da sein müssen. Kai Schmidt sprach mit Hella Rahde, die sich die Verspätung ihrer Assistentin nicht erklären konnte. Ein Anruf auf ihrem Mobiltelefon brachte auch keine Klarheit. Es kam keine Verbindung zustande. Der Anruf im Hotel in Varel ergab, dass Jennifer Schorn die Nacht gar nicht in ihrem Bett verbracht hatte. Nach einer Rundumbefragung stellte sich heraus, dass nur die Regieassistentin Monique Minthorn die Assistentin noch kurz vor dem Abendessen gesehen hatte.
„Ich habe, um mir noch etwas Appetit zu holen, einen Spaziergang in Richtung Schleuse gemacht. Dort habe ich Jenni gesehen. Wir haben uns kurz zugewunken, und ich bin dann zurück zum Abendessen gegangen. Gesprochen habe ich mit ihr nicht mehr.“
Inzwischen war der Produktionsleiter Jesko Durke aus seinem Büro aus Hamburg in Dangast eingetroffen. Der Autorität ausstrahlende, bullige Mann ergriff sofort die Initiative und entschied, dass eine Vermisstenmeldung gemacht werden müsse. Dann bat er Hella Rahde, ihre Arbeit bis zur Klärung dieses Falles, wie er sagte, ohne Assistentin zu machen.
Mit einer längeren Verzögerung – inzwischen war die örtliche Polizei über das rätselhafte Verschwinden der jungen Frau informiert worden – begannen die Arbeiten des neuen Drehtages. Laut Tagesdisposition sollten acht Bilder mit unterschiedlich vielen Einstellungen gedreht werden. Es handelte sich um Innenaufnahmen, die alle in einem angemieteten und von der Ausstattungsabteilung und der Außenrequisite hergerichteten Bauernhaus gedreht werden sollten.
Beim Dreh des fünften Bildes, das im Eingangsbereich des Hauses bei geöffneter Haustür spielte, setzte plötzlich heftiger Regen ein. Es wurde abgebrochen und ein totales Innenbild vorgezogen.
Die erste Einstellung des letzten Bildes wurde gedreht. Der Regisseur Hanno Ahrens erklärte seinen beiden Hauptdarstellern gerade seine Auffassung einer Szene, in der die beiden einen längeren Dialog hatten, als die Dreharbeiten abermals unterbrochen werden mussten.
Der Aufnahmeleiter stellte zwei Kripobeamte aus Wilhelmshaven vor: Jeanette Alt, eine gutaussehende, schlanke, etwa fünfunddreißigjährige Frau mit langen, dunklen Haaren. Neben ihrer Attraktivität strahlte sie eine große Selbstsicherheit aus. Ihr Auftreten ließ erkennen, dass sie wusste, was sie wollte. Ihr junger Kollege war Enno Bollmann. Er war von imposanter Statur und sah etwas einfältig aus. In der Hand hatte er ein Notizbuch, in das er offensichtlich Befragungsergebnisse eintragen wollte.
Jeanette Alt erklärte den Grund ihres Besuches am Set. „Wir sind von unseren Kollegen aus Nordenham verständigt worden, dass die Leiche einer jungen Frau gefunden worden ist, auf die die Beschreibung Ihrer vermissten Kollegin zutreffen könnte. Wir müssen jemanden von Ihnen bitten, uns nach Nordenham zu begleiten, um die Tote zu identifizieren. Die Vorschriften besagen zwar, dass ein Angehöriger dabei sein muss, aber wir möchten schon mal Klarheit bekommen. Die Angehörigen der Vermissten sind informiert, werden aber erst morgen aus Süddeutschland hier eintreffen.“
Mehrere Teammitglieder fingen an zu weinen.
„Wie ist das Unglück passiert?“ kam eine Frage vom Oberbeleuchter Bernd Röbge.
„Es war kein Unglück, es war Mord oder Totschlag“, sagte die Kommissarin und ergänzte die Feststellung: „Die Tote, die aus dem Wasser geborgen wurde, hatte erhebliche Verletzungen, die auf Gewalteinwirkung schließen lassen. Ob sie ertrunken ist oder schon vorher diesen Verletzungen erlegen ist, wird die angeordnete Obduktion ergeben. Wenn es sich bei der Toten um Ihre Kollegin handelt, sind wir für die Aufklärung des Falles zuständig und werden uns dann in Kürze wieder bei Ihnen melden. Darf ich Sie jetzt also bitten ...“
Jesko Durke, der Produktionsleiter, der bei der einsetzenden Diskussion einen kühlen Kopf behalten hatte, ergriff das Wort. „Selbstverständlich, ich komme mit Ihnen, und Frau Rahde, unsere Kostümbildnerin, kommt auch mit.“
Er nickte Hella Rahde zu, die sofort versicherte: „Ja klar, ich werde hier im letzten Bild nicht unbedingt benötigt.“
Sie blickte dabei zum Regisseur, der sein Einverständnis gab.
Als die vier das Set verlassen hatten, wurde die Diskussion noch lebhafter, und wilde Spekulationen und Theorien wurden erörtert.
Der Regisseur beendete die ins Kraut schießenden Gespräche. „Schluss jetzt mit dem Gerede. Noch steht gar nicht fest, ob es sich bei der Toten um unsere Jenni handelt. Lasst uns die letzte Einstellung bitte zu Ende bringen; also Ton ab ...“
Das Watt, die zweite
In der Nacht hatte es stark geregnet. Als der Mann gegen sieben Uhr aufgestanden war, hatte er einen dumpfen Schmerz im Kopf gespürt, und die Wut war wieder in ihm hochgekommen. Eine Wut, die er nicht in den Griff bekam. Es musste wieder sein, hatte er schon am Morgen gewusst.
Es war ganz einfach gewesen, die Frau in seine Gewalt zu bekommen. Abends, nach Drehschluss hatte er auf einen günstigen Moment gewartet und die Maskenbildnerin abgepasst, als sie vor ihrem Hotel etwas frische Luft schnappen oder eine Zigarette rauchen wollte. Er hatte sie in ein Gespräch verwickelt, und sie hatte ihm geglaubt, als er sie unter einem Vorwand bat, ihm die paar Schritte zum kleinen Hafen zu folgen.
Wie naiv sie doch gewesen war. Ganz brav war sie mitgekommen.
Jetzt saß sie mit angstverzerrtem Gesicht mit ihm in einem Segelboot, in dem die Segel nicht gesetzt waren. Es wurde von einem alten Außenbordmotor, der hin und wieder Aussetzer hatte, angetrieben. Sie hatte erkannt, dass sie in eine Falle geraten war.
Er hatte ihre Füße zusammengebunden und ihr mit einem Knebel den Mund verschlossen. Er wusste nicht, dass sie selbst bei voller Bewegungsfreiheit nicht über Bord gesprungen wäre, denn schwimmen konnte sie nicht. Auch die Knebelung wäre nicht nötig gewesen, denn in der Weite des Jadebusens, auf dem mit der einbrechenden Nacht kein Schiff mehr war, hätte niemand ihre Schreie gehört.
Ein starker Ostwind hatte den ganzen Tag gezaust und graue Wolkenfetzen vor die Sonne getrieben. Mit dem Tidenwechsel waren die Wolken verschwunden, aber dafür war Nebel aufgetaucht und hatte sich wie ein Ölfilm auf die Wasseroberfläche gelegt. Grau dehnte sich die See, und sie fuhren durch die Wände der dicken Nebelbänke. Es war abfallendes Wasser, und der Mann rechnete aus, dass die Ebbe in einer Stunde ihren tiefsten Stand erreicht haben musste. Noch hatten sie die schwappenden Wellen des Jadebusens vor sich.
Es war das erste Mal, dass der Mann sprach, seit er die Frau gefesselt hatte. „Frauen an Bord bringen Unglück, sagt ein alter Seemannsspruch. Deshalb musst du weg.“
Der Mann spürte, wie eine neue Welle der Beunruhigung durch die Glieder der Frau brandete. „Es wird nicht mehr lange dauern“, fuhr er fort, „wir haben die Fahrrinne für die Tanker nach Wilhelmshaven gleich erreicht, und davor lassen wir uns trockenfallen.“
Inzwischen war das Wasser so weit gesunken, dass das Boot schon einige Male mit dem Kiel Grundberührung hatte. Und dann war es so weit. Das Boot schlingerte und machte keine Fahrt mehr. Der Mann stellte den Motor ab. Es dauerte nicht lange, und es legte sich leicht zur Seite.
Der Mann sah die Frau an. Jetzt, da er sich nicht mehr mit dem Manövrieren des Bootes beschäftigen musste, stieg wieder eine grenzenlose Wut in ihm hoch und staute sich auf. Diese Wut brauchte ein Ventil. Er hatte sich plötzlich nicht mehr unter Kontrolle. Mit beiden Händen umschloss er den Hals der Frau und drückte zu, bis die Augen seines Opfers hervorquollen, der Mund sich schloss und die gurgelnden Laute verstummten. Er ließ die Hände von der Frau, die daraufhin wie ein nasser Sack aufs Schiffsdeck fiel und die Schräge ein Stück herunterrutschte. Als die Frau tot war, gelang es ihm, die Kontrolle über sich selbst wiederzugewinnen. Er packte den Körper unter den Armen und zog ihn schleifend zur Fahrrinne.
Nachdem er sich aufgerichtet und ein paarmal tief durchgeatmet hatte, bückte er sich zur Frau hinunter und stieß sie mit beiden Händen ins Wasser. „Den Rest machen sicher die Schiffsschrauben der Öltanker“, murmelte er, „da bleibt nicht viel von dir übrig.“
Er ging zurück zum Boot und nahm aus dem Werkzeugkasten ein Beil. Mit wuchtigen Hieben schlug er ein Leck in den Schiffsboden. Das Beil schleuderte er dann in hohem Bogen in die Fahrrinne.
Inzwischen hatte ihn wieder die bleierne Schwere seiner Depressionen beschlichen, und er spürte, wie aus dem Watt ein muffiger Geruch nach abgestorbenem Seegras aufkam. Er musste sich schnellstens zurück auf den Weg zum Deich machen, damit es kein Wettlauf mit der aufkommenden Flut würde. Das Durchschwimmen oder Durchwaten einiger Priele würde für ihn kein Hindernis darstellen.
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