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Hans Christian Andersen
Die schönsten Märchen von Hans Christian Andersen (Illustrierte Ausgabe)

Books
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musaicumbooks@okpublishing.info
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-0814-2
Inhaltsverzeichnis
Die kleine Seejungfrau
Ole Lukøje (Der Sandmann)
Die Nachbar-Familien
Die Kröte
Der Vogel des Volksliedes
Die Geschichte von einer Mutter
Zwei Brüder
Wie's der Alte macht, ist's immer recht
Das hässliche Entlein
Der Schneemann
Das Metallschwein
Der standhafte Zinnsoldat
Suppe auf einem Wurstspeiler
Zwölf mit der Post
Die Prinzessin auf der Erbse
Der Marionettenspieler
Ein Blatt vom Himmel
Der fliegende Koffer
Der alte Grabstein
Der Garten des Paradieses
Die Schneekönigin
Fliedermütterchen
Das Schwanennest
Des Kaisers neue Kleider
Holger Danske
Der Flaschenhals
Der Schweinehirt
Die Blumen der kleinen Ida
Der Reisekamerad
Die wilden Schwäne
Die glückliche Familie
Der Mistkäfer
Der Tannenbaum
Der silberne Schilling
Der Kleine Tuk
Däumelinchen
Ein Bild vom Festungswalle
Am äußersten Meere
Der große Klaus und der Kleine Klaus
Tölpel-Hans
Der letzte Traum der alten Eiche
Die Nachtigall
Der Halskragen
In Jahrtausenden
Das Kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen
Das stumme Buch
Das Geldschwein
Die roten Schuhe
Die Schnellläufer
Das Judenmädchen
Der Kobold und der Höker
Das Feuerzeug
Der böse Fürst
Vogel Phönix
Der Engel
Der Sturm bewegt das Schild
Das Mädchen, welches auf das Brod trat
Der Schatten
Eine Rose vom Grabe Homers
Die Psyche
Des Schlammkönigs Tochter
»Ein Unterschied ist da.«
Die lieblichste Rose der Welt
Ib und Christinchen
Der Dornenpfad der Ehre
Der Schmetterling
Der Rosen-Elf
Die Störche
Das Liebespaar
Die Geschichte des Jahres
Erlenhügel
Der Buchweizen
Am letzten Tage
Eine gute Laune
Der unartige Knabe
»Es ist ganz gewiß!«
Das Gänseblümchen
Die Gallochen des Glücks
Fünfe aus einer Hülse
Unter dem Weidenbaume
Die Hirtin und der Schornsteinfeger
Ein Herzeleid
Alles am rechten Platze
Der Springer
Eine Geschichte
Die alte Straßenlaterne
Der Freundschaftsbund
»Der Freundschaftsbund«
Das alte Haus
Zwei Jungfern
Der Flachs
Der Wassertropfen
Die Schweine
Das Schneeglöckchen
Die Glockentiefe
Am Spittelfenster
Der Goldschatz
Die Windmühle
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben
Die alte Thurmglocke
Die Schnecke und der Rosenstock
Die letzte Perle
Sie taugte nichts
Die Eisjungfer
Im Entenhofe
Kinderschnack
Hofhahn und Wetterhahn
Feder und Dintenfaß
Die Stopfnadel
Die Großmutter
Das Kind im Grabe
Die Glocke
Etwas
Die kleine Seejungfrau
Inhaltsverzeichnis
Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau, wie die Blätter der schönsten Kornblume, und so klar, wie das reinste Glas. Aber es ist sehr tief, tiefer, als irgend ein Ankertau reicht; viele Kirchthürme müßten aufeinander gestellt werden, um vom Boden bis über das Wasser zu reichen. Dort unten wohnt das Meervolk.
Nun muß man aber nicht glauben, daß da nur der nackte, weiße Sandboden sei; nein, da wachsen die sonderbarsten Baume und Pflanzen, die so geschmeidig im Stiele und in den Blättern sind, daß sie sich bei der geringsten Bewegung des Wassers rühren, als ob sie lebten. Alle kleinen und großen Fische schlüpfen zwischen den Zweigen hindurch, wie hier oben die Vögel durch die Bäume. An der tiefsten Stelle liegt des Meerkönigs Schloß; die Mauern sind von Korallen und die langen Spitzbogenfenster vom klarsten Bernstein; aber das Dach bilden Muschelschalen, die sich öffnen und schließen, jenachdem das Wasser strömt. Es sieht herrlich aus, denn in jeder liegen strahlende Perlen; eine einzige davon würde großen Werth in der Krone einer Königin haben.
Der Meerkönig dort unten war seit vielen Jahren Witwer, während seine alte Mutter bei ihm wirthschaftete. Sie war eine kluge Frau, aber stolz auf ihren Adel; deshalb trug sie zwölf Austern auf dem Schwanze, die andern Vornehmen aber durften nur sechs tragen. – Sonst verdiente sie großes Lob, besonders weil sie viel auf die kleinen Meerprinzessinnen, ihre Enkelinnen, hielt. Es waren sechs schöne Kinder, aber die jüngste war die Schönste von allen, ihre Haut so klar und so fein wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie die tiefste See; aber ebenso, wie die Andern, hatte sie keine Füße; der Körper endete in einen Fischschwanz.
Den ganzen Tag konnten sie unten im Schlosse, in den großen Sälen, wo lebendige Blumen aus den Wanden hervorwuchsen, spielen. Die großen Bernsteinfenster wurden aufgemacht, und dann schwammen die Fische zu ihnen herein, wie bei uns die Schwalben hereinfliegen, wenn wir die Fenster aufmachen; doch die Fische schwammen zu den Prinzessinnen hin, fraßen aus ihren Händen und ließen sich streicheln.
Draußen vor dem Schlosse war ein großer Garten mit feuerrothen und dunkelblauen Blumen; die Früchte strahlten wie Gold und die Blumen wie brennendes Feuer, indem sie fortwährend Stengel und Blätter bewegten. Die Erde selbst war der feinste Sand, aber blau, wie die Schwefelflamme. Ueber dem Ganzen lag ein eigenthümlich blauer Schein; man hätte eher glauben mögen, daß man hoch in der Luft stehe und nur Himmel über und unter sich habe, als daß man auf dem Grunde des Meeres sei. Während der Windstille konnte man die Sonne erblicken; sie erschien wie eine Purpurblume, aus deren Kelche alles Licht strömte.
Eine jede der kleinen Prinzessinnen hatte ihren kleinen Platz im Garten, wo sie graben und pflanzen konnte, wie es ihr gefiel. Die Eine gab ihrem Blumenfleck die Gestalt eines Walfisches; einer Andern gefiel es besser, daß der ihrige einem kleinen Meerweibe gleiche; aber die Jüngste machte den ihrigen rund, der Sonne gleich, und hatte Blumen, die roth wie diese schienen. Sie war ein sonderbares Kind, still und nachdenkend; und wenn die andern Schwestern mit den merkwürdigsten Sachen, welche sie von gestrandeten Schiffen erhalten hatten, prunkten, wollte sie außer den rosenrothen Blumen, die der Sonne dort oben glichen, nur eine hübsche Marmorstatue haben. Dies war ein herrlicher Knabe, aus weißem, klarem Steine gehauen, der beim Stranden auf den Meeresgrund gekommen war. Sie pflanzte bei der Statue eine rosenrothe Trauerweide; die wuchs herrlich und hing mit ihren frischen Zweigen über derselben, gegen den blauen Sandboden herunter, wo der Schatten sich violet zeigte und gleich den Zweigen in Bewegung war; es sah aus, als ob die Spitze und die Wurzeln mit einander spielten, als wollten sie sich küssen.
Es gab keine größere Freude für sie, als von der Menschenwelt zu hören; die Großmutter mußte Alles, was sie von Schiffen und Städten, Menschen und Thieren wußte, erzählen; hauptsächlich erschien ihr besonders schön, daß oben auf der Erde die Blumen dufteten, denn das thaten sie auf dem Grunde des Meeres nicht, und daß die Wälder grün wären, und daß die Fische, die man dort zwischen den Bäumen erblickte, laut und herrlich singen könnten, daß es eine Lust sei. Es waren die kleinen Vogel, welche die Großmutter Fische nannte, denn sonst konnten sie sie nicht verstehen, da sie noch keinen Vogel gesehen hatten.
»Wenn Ihr Euer fünfzehntes Jahr erreicht habt,« sagte die Großmutter, »dann sollt Ihr die Erlaubniß erhalten, aus dem Meer emporzutauchen, im Mondscheine auf der Klippe zu sitzen und die großen Schiffe vorbeisegeln zu sehen. Wälder und Städte werdet Ihr dann erblicken!« In dem kommenden Jahre war die eine der Schwestern fünfzehn Jahre alt, aber von den andern war die eine immer ein Jahr jünger als die andere; die jüngste von ihnen hatte demnach noch volle fünf Jahre zu warten, bevor sie von dem Grunde des Meeres hinaufkommen und sehen konnte, wie es bei uns aussehe. Aber die Eine versprach der Andern, zu erzählen, was sie erblickt und was sie am ersten Tage am Schönsten gefunden habe; denn ihre Großmutter erzählte ihnen nicht genug; da war so Vieles, worüber sie Auskunft haben wollten.
Keine war sehnsüchtiger, als die Jüngste, gerade sie, die noch die längste Zeit zu warten hatte und die stets still und gedankenvoll war. Manche Nacht stand sie am offenen Fenster und sah durch das dunkelblaue Wasser empor, wie die Fische mit ihren Flossen und Schwänzen plätscherten. Mond und Sterne konnten sie sehen; freilich schienen diese ganz bleich, aber durch das Wasser sahen sie größer aus, als vor unsern Augen. Zog dann etwas, einer schwarzen Wolke gleich, unter ihnen hin: so wußte sie, daß es entweder ein Walfisch sei, der über ihr schwamm, oder ein Schiff mit vielen Menschen; die dachten sicher nicht daran, daß eine liebliche, kleine Seejungfer unten stehe und ihre weißen Hände gegen den Kiel emporstrecke.
Nun war die älteste Prinzessin fünfzehn Jahre alt und durfte über die Meeresfläche emporsteigen.
Als sie zurückkam, hatte sie Hunderterlei zu erzählen, aber das Schönste, sagte sie, sei, im Mondschein auf einer Sandbank in der ruhigen See zu liegen und die nahgelegene Küste mit der großen Stadt zu betrachten, wo die Lichter gleich hundert Sternen blinken, die Musik, das Lärmen und Toben von Wagen und Menschen zu hören, die vielen Kirchthürme zu sehen und das Läuten der Glocken zu vernehmen.
O! wie horchte die jüngste Schwester auf, und wenn sie später Abends am offenen Fenster stand und durch das dunkelblaue Wasser emporblickte, gedachte sie der großen Stadt mit dem Lärmen und Toben; dann glaubte sie die Kirchenglocken bis zu sich herunter läuten hören zu können.
Im folgenden Jahre erhielt die zweite Schwester die Erlaubniß aus dem Wasser emporzusteigen und zu schwimmen, wohin sie wolle. Sie tauchte auf, als die Sonne unterging, und dieser Anblick, fand sie, sei das Schönste. Der ganze Himmel habe wie Gold ausgesehen, und die Schönheit der Wolken konnte sie nicht genug beschreiben! Roth und violet waren sie über ihr dahingesegelt, aber weit schneller, als diese, flog, einem langen weißen Schleier gleich, ein Schwärm wilder Schwäne über das Wasser hin, wo die Sonne stand, Sie schwamm derselben entgegen, aber die Sonne sank und der Rosenschein erlosch auf der Meeresfläche und in den Wolken.
Das Jahr darauf kam die dritte Schwester hinauf. Sie war die Dreisteste von allen, deshalb schwamm sie einen breiten Fluß, der in das Meer mündete, aufwärts. Herrliche, grüne Hügel mit Weinranken erblickte sie; Schlösser und Burgen schimmerten aus prächtigen Wäldern hervor; sie hörte, wie alle Vögel sangen; und die Sonne schien so warm, daß sie oft unter das Wasser tauchen mußte, um ihr brennendes Antlitz abzukühlen. In einer kleinen Bucht traf sie einen Schwärm kleiner Menschenkinder. Diese waren völlig nackt und plätscherten im Wasser; sie wollte mit ihnen spielen, aber die flohen erschrocken davon, und es kam ein kleines, schwarzes Thier, ein Hund – aber sie hatte nie einen Hund gesehen – der bellte sie so schrecklich an, daß sie ängstlich die offene See zu erreichen suchte. Doch nie konnte sie die prächtigen Wälder, die grünen Hügel und niedlichen Kinder vergessen, die im Wasser schwimmen konnten, obgleich sie keinen Fischschwanz hatten.
Die vierte Schwester war nicht so dreist; sie blieb draußen im wilden Meere und erzählte, daß es dort am Schönsten sei! Man sehe ringsumher viele Meilen weit, und der Himmel stehe wie eine Glasglocke darüber. Schiffe hatte sie gesehen, aber nur aus weiter Ferne, die sahen wie Möven aus; die possirlichen Delphine hatten Purzelbäume geschlagen, und die großen Walfische aus ihren Nasenlöchern Wasser emporgespritzt, so daß es ausgesehen hatte, wie Hunderte von Springbrunnen rings umher.
Nun kam die Reihe an die fünfte Schwester; ihr Geburtstag war im Winter, und deshalb erblickte sie, was die Andern das erste Mal nicht gesehen hatten. Die See sah ganz grün aus, und rings umher schwammen große Eisberge; ein jeder erschien wie eine Perle, sagte sie, und war doch weit größer, als die Kirchthürme, welche die Menschen bauen. Sie zeigten sich in den sonderbarsten Gestalten und glänzten wie Diamanten, Sie hatte sich auf einen der größten gesetzt, und alle Segler kreuzten erschrocken draußen herum, wo sie saß und den Wind mit ihrem langen Haare spielen ließ; aber gegen Abend wurde der Himmel mit Wolken überzogen; es blitzte und donnerte, während die schwarze See die großen Eisblöcke hoch emporhob und sie im rothen Blitze erglänzen ließ. Auf allen Schiffen reffte man die Segel ein; da war eine Angst und ein Grauen. Aber sie saß ruhig auf ihrem schwimmenden Eisberge und sah die blauen Blitzstrahlen im Zickzack in die schimmernde See fahren.
Das erste Mal, wenn eine der Schwestern über das Wasser emporkam, war eine jede entzückt über das Neue und Schöne, was sie erblickte; aber da sie nun, als erwachsene Mädchen, die Erlaubniß hatten, hinaufzusteigen, wann sie wollten, wurde es ihnen gleichgültig. Sie sehnten sich wieder zurück, und nach Verlauf eines Monats sagten sie, daß es unten bei ihnen am schönsten sei; da sei man so hübsch zu Haufe.
In mancher Abendstunde faßten die fünf Schwestern einander an den Armen und stiegen in einer Reihe über das Wasser auf; herrliche Stimmen hatten sie, schöner, denn irgend ein Mensch; und wenn dann ein Sturm im Anzüge war, so daß sie vermuthen konnten, es würden Schiffe untergehen, schwammen sie vor den Schiffen her und sangen so lieblich, wie schön es auf dem Grunde des Meeres sei; und baten die Seeleute, sich nicht zu fürchten, da hinunterzukommen. Aber die konnten die Worte nicht verstehen und glaubten, es sei der Sturm; sie bekamen auch die Herrlichkeit dort unten nicht zu sehen, denn wenn das Schiff sank, ertranken die Menschen und kamen als Leichen zu des Meerkönigs Schlosse.
Wenn die Schwestern so des Abends, Arm in Arm, hoch durch das Wasser hinaufstiegen, dann stand die kleinste Schwester allein und sah ihnen nach; und es war ihr, als ob sie weinen müßte; aber die Seejungfer hat keine Thränen, und darum leidet sie weit mehr.
»Ach, wäre ich doch fünfzehn Jahre alt!« sagte sie. »Ich weiß, daß ich die Welt dort oben und die Menschen, die darauf wohnen und hausen, recht lieben werde.«
Endlich war sie denn fünfzehn Jahre alt.
»Sieh, nun bist Du erwachsen!« sagte die Großmutter, die alte Königswitwe. »Komm nun, laß mich Dich schmücken, gleich Deinen andern Schwestern!« Sie setzte ihr einen Kranz weißer Lilien auf das Haar; aber jedes Blatt in der Blume war die Hälfte einer Perle; und die Alte ließ acht große Austern im Schweife der Prinzessin sich festklemmen, um ihren hohen Rang zu zeigen.
»Das thut so weh!« sagte die kleine Seejungfer.
»Ja, Hoffart muß Zwang leiden!« sagte die Alte.
O, sie hätte so gern alle diese Pracht abschütteln und den schweren Kranz ablegen mögen: ihre rothen Blumen im Garten kleideten sie besser; aber sie konnte es nun nicht andern. »Lebt wohl!« sprach sie; und sie stieg dann leicht und klar, gleich einer Blase, aus dem Wasser auf.
Die Sonne war eben untergegangen, als sie den Kopf über das Wasser erhob; aber alle Wolken glänzten noch wie Rosen und Gold; und inmitten der bleichrothen Luft strahlte der Abendstern so hell und schön; die Luft war mild und frisch und das Meer ruhig. Da lag ein großes Schiff mit drei Masten; nur ein einziges Segel war aufgezogen, denn es regte sich kein Lüftchen; und rings umher im Tauwerk und auf den Raaen saßen die Matrosen. Da war Musik und Gesang, und als es dunkelte, wurden Hunderte von bunten Laternen angezündet, die sahen aus, als ob aller Nationen Flaggen in der Luft wehten. Die kleine Seejungfer schwamm bis zum Kajütenfenster und jedes Mal, wenn das Wasser sie emporhob, konnte sie durch die spiegelhellen Fensterscheiben hineinblicken, wo viele geputzte Menschen standen. Aber der Schönste war doch der junge Prinz mit den großen, schwarzen Augen; er war sicher nicht viel über sechzehn Jahre alt; es war sein Geburtstag, und deshalb herrschte all diese Pracht. Die Matrosen tanzten auf dem Verdecke; und als der junge Prinz hinaustrat, stiegen über hundert Raketen in die Luft; die leuchteten, wie der helle Tag, so daß die kleine Seejungfer sehr erschrak und unter das Wasser tauchte; aber sie streckte bald den Kopf wieder hervor, und da war es, als ob alle Sterne des Himmels zu ihr herunterfielen. Nie hatte sie solche Feuerkünste gesehen! Große Sonnen sprühten umher, prächtige Feuerfische flogen in die blaue Luft, und Alles spiegelte sich in der klaren, stillen See. Auf dem Schiffe selbst war es so hell, daß man jedes kleine Tau, wie viel mehr also die Menschen sehen konnte. O, wie schön war doch der junge Prinz; er drückte den Leuten die Hand und lächelte, während die Musik in der herrlichen Nacht erklang.
Es wurde spät, aber die kleine Seejungfer konnte ihre Augen nicht von dem Schiffe und vom schönen Prinzen wegwenden. Die bunten Laternen wurden ausgelöscht, Raketen stiegen nicht mehr in die Höhe, es ertönten auch keine Kanonenschüsse mehr; aber tief unten im Meere summte und brummte es, inzwischen saß sie auf dem Wasser und schaukelte auf und nieder, so daß sie in die Kajüte hineinblicken konnte. Aber das Schiff bekam mehr Fahrt; ein Segel nach dem andern breitete sich aus; nun gingen die Wogen stärker; große Wollen zogen auf; es blitzte in der Ferne. O, es wird ein böses Wetter werden! Deshalb zogen die Matrosen die Segel ein. Das große Schiff schaukelte in fliegender Fahrt auf der wilden See; das Wasser erhob sich wie große, schwarze Berge, die über die Masten rollen wollten; aber das Schiff tauchte wie ein Schwan zwischen den hohen Wogen nieder und ließ sich wieder auf die hochgethürmten Wasser heben. Der kleinen Seejungfer dünkte es eine recht lustige Fahrt zu sein, aber so erschien es den Seeleuten nicht; das Schiff knackte und krachte; die dicken Planken bogen sich bei den starken Stößen; die See stürzte in das Schiff hinein; der Mast brach mitten durch, als ob es ein Rohr wäre, und das Schiff legte sich auf die Seite, während das Wasser in den Raum eindrang. Nun sah die kleine Seejungfer, daß sie in Gefahr waren; sie mußte sich selbst vor den Balken und Stücken vom Schiffe, die auf dem Wasser trieben, in Acht nehmen. Einen Augenblick war es so finster, daß sie nicht das Mindeste sah; aber wenn es dann blitzte, wurde es wieder so hell, daß sie Alle auf dem Schiffe erkennen konnte; besonders suchte sie den jungen Prinzen, und sie sah ihn, als das Schiff sich theilte, in das tiefe Meer versinken. Sogleich wurde sie ganz vergnügt, denn nun kam er zu ihr hinunter. Aber da gedachte sie, daß die Menschen nicht im Wasser leben können, und daß er nicht anders als todt zum Schlosse ihres Vaters hinunter gelangen könnte. Nein, sterben durfte er nicht; deshalb schwamm sie hin zwischen Balken und Planken, die auf der See trieben, und vergaß völlig, daß diese sie hätten zerquetschen können. Sie tauchte tief unter das Wasser und stieg wieder hoch zwischen den Wogen empor, und gelangte am Ende so zu dem Prinzen hin, der nicht länger in der stürmischen See schwimmen konnte. Seine Arme und Beine begannen zu ermatten; die schönen Augen schlossen sich, er hätte sterben müssen, wäre die kleine Seejungfer nicht herzugekommen. Sie hielt seinen Kopf über das Wasser empor, und ließ sich dann mit ihm von den Wogen treiben, wohin sie wollten.

Am Morgen war das böse Wetter vorüber; von dem Schiffe war kein Span zu erblicken; die Sonne stieg roth und glänzend aus dem Wasser empor; es war, als ob des Prinzen Wangen Leben dadurch erhielten; aber die Augen blieben geschlossen. Die Seejungfer küßte seine hohe, schöne Stirn und strich sein nasses Haar zurück, er kam ihr vor, wie die Marmorstatue in ihrem kleinen Garten; sie küßte ihn wieder und wünschte, daß er lebte.
Nun erblickte sie vor sich das feste Land, hohe, blaue Berge, auf deren Gipfeln der weiße Schnee glänzte, als wären es Schwäne, die dort lägen. Unten an der Küste waren herrliche, grüne Wälder, und vorn lag eine Kirche oder ein Kloster, das wußte sie nicht recht, aber ein Gebäude war es. Citronen- und Apfelsinenbäume wuchsen im Garten, und vor dem Thore standen hohe Palmbäume. Die See bildete hier eine kleine Bucht; da war sie still, aber sehr tief; gerade auf die Klippe zu, wo der weiße, feine Sand aufgespült war, schwamm sie mit dem schönen Prinzen, legte ihn in den Sand, sorgte aber besonders dafür, daß der Kopf hoch im warmen Sonnenscheine lag.
Nun läuteten alle Glocken in dem großen, weißen Gebäude, und es kamen viele junge Mädchen durch den Garten. Da schwamm die kleine Seejungfer weiter hinaus hinter einige hohe Steine, die aus dem Wasser hervorragten, legte Seeschaum auf ihr Haar und ihre Brust, so daß Niemand ihr kleines Gesicht sehen konnte, und dann paßte sie auf, wer zu dem armen Prinzen kommen würde.
Es währte nicht lange, da kam ein junges Mädchen dorthin; sie schien sehr zu erschrecken; aber nur einen Augenblick; dann holte sie mehrere Menschen, und die Seejungfer sah, daß der Prinz zum Leben zurückkam, und daß er Alle anlächelte. Aber ihr lächelte er nicht zu; er wußte ja auch nicht, daß sie ihn gerettet hatte, sie war sehr betrübt, und als er in das große Gebäude hineingeführt wurde, tauchte sie traurig unter das Wasser und kehrte zum Schlosse ihres Vaters zurück.
Immer war sie still und nachdenkend gewesen, aber nun wurde sie es noch weit mehr. Die Schwestern fragten sie, was sie das erste Mal dort oben gesehen habe; aber sie erzählte nichts.
Manchen Abend und Morgen stieg sie hinauf, wo sie den Prinzen verlassen hatte. Sie sah, wie die Früchte des Gartens reisten und abgepflückt wurden; sie sah, wie der Schnee auf den hohen Bergen schmolz; aber den Prinzen erblickte sie nicht, und deshalb kehrte sie immer betrübter heim. Da war es ihr einziger Trost, in ihrem kleinen Garten zu sitzen und die Arme um die schöne Marmorstatue zu schlingen, die dem Prinzen glich; aber ihre Blumen pflegte sie nicht, die wuchsen wie in einer Wildniß über die Gänge hinaus und flochten ihre langen Stiele und Blätter in die Zweige der Bäume hinein, so daß es dort dunkel war.
Zuletzt konnte sie es nicht länger aushalten, sondern sagte es einer ihrer Schwestern; und gleich erfuhren es die andern, aber Niemand weiter als diese und einige andere Seejungfern, die es nur ihren nächsten Freundinnen weiter sagten. Eine von ihnen wußte, wer der Prinz war; sie hatte auch das Fest auf dem Schiffe gesehen und gab an, woher er war und wo sein Königreich lag.
»Komm, kleine Schwester!« sagten die andern Prinzessinnen und, sich umschlungen haltend, stiegen sie in einer langen Reihe aus dem Meere empor, wo sie wußten, daß des Prinzen Schloß lag.
Dieses war aus einer hellgelben, glänzenden Steinart aufgeführt, mit großen Marmortreppen, deren eine in das Meer hinunterreichte. Prächtig vergoldete Kuppeln erhoben sich über das Dach, und zwischen den Säulen, um das ganze Gebäude herum, standen Marmorbilder, die aussahen, als lebten sie. Durch das klare Glas in den hohen Fenstern blickte man in die prächtigen Säle hinein, wo köstliche Seidengardinen und Teppiche ausgehängt und alle Wände mit großen Gemälden verziert waren, so daß es ein wahres Vergnügen war, es zu betrachten. Mitten in dem größten Saale plätscherte ein großer Springbrunnen; seine Strahlen reichten hoch hinauf gegen die Glaskuppel in der Decke, durch welche die Sonne auf das Wasser und die schönen Pflanzen schien, die im großen Bassin wuchsen.
Nun wußte sie, wo er wohnte, und dort war sie manchen Abend und manche Nacht auf dem Wasser. Sie schwamm dem Lande weit näher als eine der andern es gewagt hätte; ja, sie ging den schmalen Canal hinauf, unter den prächtigen Marmoraltan, welcher einen großen Schatten über das Wasser warf. Hier saß sie und betrachtete den jungen Prinzen, der da glaubte, er sei ganz allein in dem hellen Mondscheine.
Sie sah ihn manchen Abend mit Musik in seinem prächtigen Boote segeln, auf dem Flaggen wehten; sie lauschte durch das grüne Schilf hervor, und ergriff der Wind ihren langen silberweißen Schleier, und Jemand sah ihn, so glaubte er, es sei ein Schwan, der die Flügel ausbreite.
Sie hörte in mancher Nacht, wenn die Fischer mit Fackeln auf der See waren, viel Gutes von dem jungen Prinzen erzählen; und es freute sie, daß sie sein Leben gerettet hatte, als er halbtodt auf den Wogen umhertrieb; sie dachte daran, wie fest sein Haupt an ihrem Busen geruht, und wie herzlich sie ihn da geküßt hatte; er aber wußte nichts davon und konnte nicht einmal von ihr träumen.
Mehr und mehr fing sie an, die Menschen zu lieben; mehr und mehr wünschte sie, unter ihnen umherwandeln zu können, deren Welt ihr weit großer zu sein schien, als die ihrige. Sie konnten ja auf Schiffen über das Meer fliegen, auf den hohen Bergen über die Wolken emporsteigen; und die Länder, die sie besaßen, erstreckten sich mit Wäldern und Feldern, weiter, als ihre Blicke reichten. Da war so Vieles, was sie zu wissen wünschte; aber die Schwestern wußten ihr nicht Alles zu beantworten, deshalb fragte sie die Großmutter; diese kannte die höhere Welt recht gut, die sie sehr richtig die Länder über dem Meere nannte.
»Wenn die Menschen nicht ertrinken,« fragte die kleine Seejungfer, »können sie dann ewig leben? Sterben sie nicht, wie wir hier unten im Meere?«
»Ja,« sagte die Alte; »sie müssen auch sterben, und ihre Lebenszeit ist sogar noch kürzer, als die unsere. Wir können dreihundert Jahre alt werden, aber wenn wir dann aufhören, hier zu sein, so werden wir nur in Schaum auf dem Wasser verwandelt, haben nicht einmal ein Grab hier unten unter unsern Lieben. Wir haben keine unsterbliche Seele; wir erhalten nie wieder Leben; wir sind gleich dem grünen Schilfe; ist das einmal durchgeschnitten, so kann es nicht wieder grünen! Die Menschen hingegen haben ein Seele, die ewig lebt, die noch lebt, nachdem der Körper zu Erde geworden ist; sie steigt durch die klare Luft empor, hinauf zu den glänzenden Sternen! So wie wir aus dem Wasser auftauchen und die Länder der Welt erblicken, so steigen sie zu unbekannten herrlichen Orten auf, die wir nie zu sehen bekommen.«
»Weshalb bekamen wir keine unsterbliche Seele?« fragte die kleine Seejungfer betrübt. »Ich möchte meine hunderte von Jahren, die ich zu leben habe, dafür geben, um nur einen Tag Mensch zu sein und dann hoffen zu können, Antheil an der himmlischen Welt zu haben.«
»Daran darfst Du nicht denken!« sagte die Alte. »Wir fühlen uns weit glücklicher und besser, wie die Menschen dort oben!«
»Ich werde also sterben und als Schaum auf dem Meere treiben, nicht die Musik der Wogen hören, die schönen Blumen und die rothe Sonne sehen? Kann ich denn gar nichts thun, um eine unsterbliche Seele zu gewinnen?« –
»Nein!« sagte die Alte. »Nur wenn ein Mensch Dich so lieben würde, daß Du ihm mehr als Vater und Mutter wärest; wenn er mit all seinem Denken und all seiner Liebe an Dir hinge und den Prediger seine rechte Hand in die Deinige, mit dem Versprechen der Treue hier und in alle Ewigkeit, legen ließe, dann flösse seine Seele in Deinen Körper über, und auch Du erhieltest Antheil an der Glückseligkeit der Menschen. Er gäbe Dir Seele und behielte doch seine eigene. Aber das kann nie geschehen! Was hier im Meere schön ist, Dein Fischschwanz, finden sie dort auf der Erde häßlich; sie verstehen es eben nicht besser; man muß dort zwei plumpe Stützen haben, die sie Beine nennen, um schön zu sein!«
Da seufzte die kleine Seejungfer, und sah betrübt auf ihren Fischschwanz.
»Laß uns froh sein,« sagte die Alte; »hüpfen und springen wollen wir in den dreihundert Jahren, die wir zu leben haben; das ist wahrlich lang genug; später kann man sich um so besser ausruhen. Heute Abend werden wir Hofball haben!«
Das war auch eine Pracht, wie man sie nie auf Erden erblickt. Die Wände und die Decke des großen Tanzsaals waren von dickem, aber durchsichtigem Glase, Mehrere hundert kolossale Muschelschalen, rosenrothe und grasgrüne, standen zu jeder Seite in Reihen mit einem blau brennenden Feuer, welches den ganzen Saal erleuchtete und durch die Wände hindurchschien, so daß die See draußen erleuchtet war,; man konnte die unzähligen Fische sehen, große und kleine, die gegen die Glasmauern schwammen; auf einigen glänzten die Schuppen purpurroth, auf andern erschienen sie wie Silber und Gold. – Mitten durch den Saal floß ein breiter Strom, und auf diesem tanzten die Meermänner und Meerweibchen zu ihrem eigenen, lieblichen Gesänge. So schöne Stimmen haben die Menschen auf der Erde nicht. Die kleine Seejungfer sang am Schönsten von ihnen Allen, und der ganze Hof applaudirte mit Händen und Schwänzen; und einen Augenblick fühlte sie eine Freude in ihrem Herzen, denn sie wußte, daß sie die schönste Stimme von Allen auf der Erde und im Meere hatte! Aber bald gedachte sie wieder der Welt über sich; sie konnte den hübschen Prinzen und ihren Kummer, daß sie keine unsterbliche Seele, wie er sie besitze, nicht vergessen.
Deshalb schlich sie sich aus ihres Vaters Schlosse hinaus, und während Alles drinnen Gesang und Frohsinn war, saß sie betrübt in ihrem kleinen Garten. Da hörte sie das Waldhorn durch das Wasser ertönen und dachte: Nun segelt er sicher dort oben, er, an dem meine Sinne hangen und in dessen Hand ich meines Lebens Glück legen möchte. Alles will ich wagen, um ihn und eine unsterbliche Seele zu gewinnen! Während meine Schwestern dort in meines Vaters Schlosse tanzen, will ich zur Meerhexe gehen, vor der mir immer so bange gewesen ist; aber sie kann vielleicht rathen und helfen!«

Nun ging die kleine Seejungfer aus ihrem Garten hinaus nach den brausenden Strudeln, hinter denen die Hexe wohnte. Den Weg hatte sie früher nie zurückgelegt; da wuchsen keine Blumen, kein Seegras; nur der nackte, graue Sandboden erstreckte sich gegen die Strudel hin, wo das Wasser gleich brausenden Mühlrädern herumwirbelte und Alles, was er erfaßte, mit sich in die Tiefe riß. Mitten zwischen diesen zermalmenden Wirbeln mußte sie hindurch, um in den Bereich der Meerhexe zu gelangen; und hier war eine lange Strecke kein anderer Weg, als über warmen, sprudelnden Schlamm; diesen nannte die Hexe ihren Torfmoor. Dahinter lag ihr Haus mitten in einem seltsamen Walde, alle Bäume und Büsche waren Polypen, halb Thier und halb Pflanze; sie sahen aus wie hundertköpfige Schlangen, die aus der Erde hervorwuchsen; alle Zweige waren lange, schleimige Arme mit Fingern wie geschmeidige Würmer; und Glied vor Glied bewegte sich, von der Wurzel bis zur äußersten Spitze. Alles, was sie im Meere erfassen konnten, umschlangen sie fest und ließen es nie wieder fahren. Die kleine Seejungfer blieb vor demselben ganz erschrocken stehen; ihr Herz pochte vor Furcht; fast wäre sie umgekehrt; aber da dachte sie an den Prinzen und an die Seele der Menschen, und nun bekam sie Muth, Ihr langes, fliegendes Haar band sie fest um das Haupt, damit die Polypen sie nicht daran ergreifen möchten; beide Hände legte sie über ihre Brust zusammen, und schoß so dahin, wie der Fisch durch das Wasser schießen kann, immer zwischen den häßlichen Polypen hindurch, die ihre geschmeidigen Arme und Finger hinter ihr her streckten. Sie sah, wie jeder von ihnen Etwas, was er ergriffen hatte, mit Hunderten von kleinen Armen hielt, Menschen, die auf der See umgekommen und tief hinunter gesunken waren, sahen wie weiße Gerippe aus der Polypen Armen hervor. Schiffsruder und Kisten hielten sie fest, auch Skelette von Landthieren und ein kleines Meerweib, welches sie gefangen und erstickt hatten: das war ihr das Schrecklichste.
Nun kam sie zu einem großen, sumpfigen Platze im Walde, wo große, fette Wasserschlangen sich wälzten und ihren häßlichen weißgelben Bauch zeigten. Mitten auf dem Platze war ein Haus, von weißen Knochen ertrunkener Menschen errichtet; da saß die Meerhexe und ließ eine Kröte aus ihrem Munde fressen, wie die Menschen einen kleinen Kanarienvogel Zucker zu essen geben. Die häßlichen, fetten Wasserschlangen nannte sie ihre kleinen Küchlein und ließ sie sich auf ihrer großen, schwammigen Brust wälzen.
»Ich weiß schon was Du willst!« sagte die Meerhexe. »Es ist zwar dumm von Dir, doch sollst Du Deinen Willen haben; denn er wird Dich ins Unglück stürzen, meine schöne Prinzessin. Du willst gern Deinen Fischschwanz los sein und statt dessen zwei Stützen, wie die Menschen zum Gehen haben, damit der junge Prinz sich in Dich verliebt und Du ihn und eine unsterbliche Seele erhalten kannst!« Dabei lachte die Hexe laut und widerlich, so daß die Kröte und die Schlangen auf die Erde fielen, wo sie sich wälzten. »Du kommst gerade zur rechten Zeit,« sagte die Hexe; »morgen, wenn die Sonne aufgeht, könnte ich Dir nicht helfen, bis wieder ein Jahr um wäre. Ich werde Dir einen Trank bereiten, mit dem mußt Du, bevor die Sonne aufgeht, nach dem Lande schwimmen, Dich dort an das Ufer setzen und ihn trinken: dann verschwindet Dein Schwanz und schrumpft zu dem, was die Menschen niedliche Beine nennen, zusammen, aber es thut weh; es ist, als ob ein scharfes Schwert Dich durchdränge. Alle, die Dich sehen, werden sagen, Du seiest das schönste Menschenkind, das sie gesehen hätten. Du behältst Deinen schwebenden Gang; keine Tänzerin kann sich so leicht bewegen wie Du; aber jeder Schritt, den Du machst, ist, als ob Du auf scharfe Messer trätest, als ob Dein Blut fließen müßte. Willst Du alles Dieses leiden, so werde ich Dir helfen!«
»Ha!« sagte die kleine Seejungfer mit bebender Stimme, und gedachte des Prinzen und der unsterblichen Seele.
»Aber bedenke« sagte die Hexe; »hast Du erst menschliche Gestalt bekommen, so kannst Du nie wieder eine Seejungfer werden! Du kannst nie durch das Wasser zu Deinen Schwestern und zum Schlosse Deines Vaters zurück, und gewinnst Du des Prinzen Liebe nicht so, daß er um Deinetwillen Vater und Mutter vergißt, an Dir mit Leib und Seele hängt und den Priester Eure Hände in einander legen läßt, daß Ihr Mann und Frau werdet, so bekommst Du keine unsterbliche Seele! Am ersten Morgen, nachdem er mit einer Andern verheirathet ist, wird Dein Herz brechen, und Du wirst zu Schaum auf dem Wasser.«
»Ich will es,« sagte die kleine Seejungfer und war bleich wie der Tod.
»Aber mich mußt Du auch bezahlen!« sagte die Hexe; »und es ist nicht wenig, was ich verlange. Du hast die schönste Stimme von Allen hier auf dem Grunde des Meeres; damit glaubst Du wohl, ihn bezaubern zu können; aber diese Stimme mußt Du mir geben. Das Beste, was Du besitzest, will ich für meinen köstlichen Trank haben! Mein eigen Blut muß ich Dir ja geben, damit der Trank scharf wird, wie ein zweischneidig Schwert!«
»Aber wenn Du meine Stimme nimmst,« sagte die kleine Seejungfer, »was bleibt mir dann übrig?«
»Deine schone Gestalt,« sagte die Hexe, »Dein schwebender Gang und Deine sprechenden Augen; damit kannst Du schon ein Menschenherz bethören. Nun, hast Du den Muth verloren? Strecke Deine kleine Zunge hervor, dann schneide ich sie an Zahlungsstatt ab, und Du erhältst den kräftigen Trank!«
»Es geschehe!« sagte die kleine Seejungfer; und die Hexe setzte ihren Kessel auf, um den Zaubertrank zu kochen. »Reinlichkeit ist eine schöne Sache!« sagte sie und scheuerte den Kessel mit den Schlangen ab, die sie zu einem langen Knoten band; dann ritzte sie sich selbst die Brust und ließ ihr schwarzes Blut hineintröpfeln. Der Dampf bildete die sonderbarsten Gestalten, so daß Einem angst und bange werden mußte. Jeden Augenblick warf die Hexe neue Sachen in den Kessel, und als er kochte, war es, als ob ein Krokodil weinte. Endlich war der Trank fertig; er sah wie das klarste Wasser aus.
»Da hast Du ihn!« sagte die Hexe und schnitt der kleinen Seejungfer die Zunge ab, die nun stumm war, weder singen, noch sprechen konnte.
»Sollten die Polypen Dich ergreifen, wenn Du durch meinen Wald zurückgehst,« sagte die Hexe, »so wirf nur einen einzigen Tropfen dieses Getränkes auf sie: davon zerspringen ihre Arme und Finger in tausend Stücke!« Aber das brauchte die kleine Seejungfer nicht zu thun; die Polypen zogen sich erschrocken zurück, da sie den glänzenden Trank erblickten, der in ihrer Hand leuchtete, als sei er ein funkelnder Stern. So kam sie schnell durch den Wald, das Moor und die brausenden Strudel.
Sie konnte ihres Vaters Schloß sehen; die Fackeln waren in dem großen Tanzsaale erloschen; sie schliefen sicher Alle drinnen; aber sie wagte doch nicht, sie aufzusuchen, jetzt da sie stumm war und sie auf immer verlassen wollte. Es war, als ob ihr Herz vor Trauer zerspringen sollte. Sie schlich in den Garten, nahm eine Blume von jedem Blumenbeete ihrer Schwestern, warf Tausende von Kußhändchen dem Schlosse zu und stieg durch die dunkelblaue See hinauf.
Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie des Prinzen Schloß erblickte und die prächtige Marmortreppe hinaufstieg. Der Mond schien herrlich klar. Die kleine Seejungfer trank den brennenden, scharfen Trank, und es war, als ginge ein zweischneidiges Schwert durch ihren feinen Körper; sie fiel dabei in Ohnmacht und lag wie todt da. Als die Sonne über die See schien, erwachte sie und fühlte einen schneidenden Schmerz; aber gerade vor ihr stand der schöne, junge Prinz; er heftete seine schwarzen Augen auf sie, so daß sie die ihrigen niederschlug und wahrnahm, daß ihr Fischschwanz fort war und sie die niedlichsten, weißen Beine hatte, die nur ein Mädchen haben kann. Aber sie war nackt, deshalb hüllte sie sich in ihr langes Haar ein. Der Prinz fragte, wer sie sei und wie sie hierher gekommen wäre; und sie sah ihn mild und doch gar betrübt mit ihren dunkelblauen Augen an; sprechen konnte sie ja nicht. Da nahm er sie bei der Hand und führte sie in das Schloß hinein. Jeder Schritt, den sie that, war, wie die Hexe im Voraus gesagt hatte, als trete sie auf spitze Nadeln und Messer; aber das ertrug sie gern; an des Prinzen Hand schritt sie so leicht einher wie eine Seifenblase, und er, sowie Alle, wunderten sich über ihren lieblichen, schwebenden Gang.
Sie bekam nun herrliche Kleider von Seide und Musselin anzuziehen; im Schlosse war sie die Schönste von Allen; aber sie war stumm, konnte weder singen noch sprechen. Herrliche Sklavinnen, in Seide und Gold gekleidet, traten auf und sangen vor dem Prinzen und seinen königlichen Eltern; die Eine sang schöner als alle Andern, und der Prinz klatschte in die Hände und lächelte sie an. Da wurde die kleine Seejungfer betrübt; sie wußte, daß sie selbst weit schöner gesungen hatte und dachte: »O, er sollte nur wissen, daß ich, um bei ihm zu sein, meine Stimme für alle Ewigkeit hingegeben habe.«
Nun tanzten die Sklavinnen niedliche, schwebende Tänze zur herrlichsten Musik; da erhob die kleine Seejungfer ihre schönen, weißen Arme, richtete sich auf den Fußspitzen auf und schwebte tanzend über den Fußboden hin, wie noch keine getanzt hatte; bei jeder Bewegung wurde ihre Schönheit noch sichtbarer, und ihre Augen sprachen tiefer zum Herzen, als der Gesang der Sklavinnen.
Alle waren entzückt davon, besonders der Prinz, der sie sein kleines Findelkind nannte; und sie tanzte mehr und mehr, obwohl es ihr jedesmal, wenn ihr Fuß die Erde berührte, war, als ob sie auf scharfe Messer träte. Der Prinz sagte, daß sie immer bei ihm bleiben solle, und sie erhielt die Erlaubniß, vor seiner Thür auf einem Sammetkissen zu schlafen.
Er ließ ihr eine Männertracht machen, damit sie ihn zu Pferde begleiten könne. Sie ritten durch die duftenden Wälder, wo die grünen Zweige ihre Schultern berührten und die Vögel hinter den frischen Blättern sangen. Sie kletterte mit dem Prinzen auf die hohen Berge hinauf, und obgleich ihre zarten Füße bluteten, daß selbst die Andern es sehen konnten, lachte sie doch darüber und folgte ihm, bis sie die Wolken unter sich segeln sahen, als wäre es ein Schwarm Vögel, die nach fremden Ländern ziehen.
Daheim in des Prinzen Schlosse, wenn Nachts die Andern schliefen, gingen sie auf die breite Marmortreppe hinaus; es kühlte ihre brennenden Füße, im kalten Seewasser zu stehen, und dann gedachte sie Derer dort unten in der Tiefe.
Einmal des Nachts kamen ihre Schwestern Arm in Arm; traurig sangen sie, indem sie über dem Wasser schwammen; sie winkte ihnen und sie erkannten sie und erzählten ihr, wie sehr sie alle betrübt seien. Darauf besuchte sie dieselben in jeder Nacht, und einmal erblickte sie weit draußen ihre alte Großmutter, die in vielen Jahren nicht über der Meeresfläche gewesen war, und den Meerkönig mit seiner Krone auf dem Haupte; sie streckten die Hände nach ihr aus, wagten sich aber dem Lande nicht so nahe, wie die Schwestern.
Tag für Tag wurde sie dem Prinzen lieber; er liebte sie, wie man ein gutes, liebes Kind liebt; aber sie zu seiner Königin zu machen, kam ihm nicht in den Sinn; und seine Frau mußte sie doch werden, sonst erhielt sie keine unsterbliche Seele und mußte an seinem Hochzeitsmorgen zu Schaum auf dem Meere werden.
»Liebst Du mich nicht am meisten von ihnen Allen?« schienen der kleinen Seejungfer Augen zu sagen, wenn er sie in seine Arme nahm und ihre schöne Stirn küßte.
»Ja, Du bist mir die Liebste,« sagte der Prinz, »denn Du hast das beste Herz von Allen. Du bist mir am meisten ergeben, und gleichst einem jungen Mädchen, das ich einmal sah, aber sicher nie wiederfinde. Ich war auf einem Schiffe, welches strandete; die Wellen warfen mich bei einem heiligen Tempel an das Land, wo mehrere junge Mädchen den Dienst verrichteten; die jüngste dort fand mich am Ufer und rettete mein Leben; ich sah sie nur zweimal, sie wäre die Einzige, die ich in dieser Welt lieben könnte; aber Du gleichst ihr und Du verdrängst fast ihr Bild aus meiner Seele; sie gehört dem heiligen Tempel an, und deshalb hat mein gutes Glück Dich mir gesendet; nie wollen wir uns trennen!« –
»Ach er weiß nicht, daß ich sein Leben gerettet habe!« dachte die kleine Seejungfer; »ich trug ihn über das Meer zum Walde hin, wo der Tempel steht; ich saß hier hinter dem Stamme und sah, ob keine Menschen kommen würden. Ich sah das hübsche Mädchen, die er mehr liebt, als mich!« sie seufzte tief: weinen konnte sie nicht, »Das Mädchen gehört dem heiligen Tempel an, hat er gesagt; sie kommt nie in die Welt hinaus; sie begegnen sich nicht mehr, ich bin bei ihm, sehe ihn jeden Tag; ich will ihn pflegen, lieben, ihm mein Leben opfern!«
Aber nun sollte der Prinz sich verheirathen und des Nachbarkönigs schöne Tochter zur Frau bekommen, erzählte man; deshalb rüstete er ein so prächtiges Schiff aus. Der Prinz reist, um des Nachbarkönigs Länder zu besichtigen, so heißt es wohl; aber es geschieht, um des Nachbarkönigs Tochter zu sehen. Ein großes Gefolge soll ihn begleiten. Die kleine Seejungfer schüttelte das Haupt und lächelte; sie kannte des Prinzen Gedanken weit besser, als alle Andern. »Ich muß reisen!« hatte er zu ihr gesagt; »ich muß die schöne Prinzessin sehen; meine Eltern verlangen es; aber sie wollen mich nicht zwingen, sie als meine Braut heimzuführen. Ich kann sie nicht lieben! Sie gleicht nicht dem schönen Mädchen im Tempel, dem Du ähnelst; sollte ich einst eine Braut wählen, so würdest Du es eher sein, mein stummes Findelkind mit den sprechenden Augen!« Und er küßte ihren rothen Mund, spielte mit ihrem langen Haare und legte sein Haupt an ihr Herz, so daß dieses von Menschenglück und einer unsterblichen Seele träumte.
»Du fürchtest doch das Meer nicht, mein stummes Kind?« sagte er, als sie auf dem prächtigen Schiffe standen, welches ihn nach den Ländern des Nachbarkönigs führen sollte; er erzählte ihr vom Sturme und von der Windstille, von seltsamen Fischen in der Tiefe und von Dem, was die Taucher dort gesehen; und sie lächelte bei seiner Erzählung; sie wußte ja besser, als sonst Jemand, was auf dem Grunde des Meeres vorging.
In der mondhellen Nacht, wenn Alle schliefen, bis auf den Steuermann, der am Steuerruder stand, saß sie am Bord des Schiffes und starrte durch das klare Wasser hinunter; sie glaubte ihres Vaters Schloß zu erblicken; hoch oben stand die Großmutter mit der Silberkrone auf dem Haupte und starrte durch die reißenden Ströme zu des Schiffes Kiel empor. Da kamen ihre Schwestern über das Wasser hervor und schauten sie traurig an und rangen ihre weißen Hände; sie winkte ihnen, lächelte und wollte erzählen, daß es ihr gut und glücklich ginge; aber der Schiffsjunge näherte sich ihr und die Schwestern tauchten unter, so daß er glaubte, das Weiße, was er gesehen, sei Schaum auf der See gewesen.
Am nächsten Morgen segelte das Schiff in den Hafen von des Nachbarkönigs prächtiger Stadt, Alle Kirchenglocken läuteten, und von den hohen Thürmen wurden die Posaunen geblasen, während die Soldaten mit fliegenden Fahnen und blitzenden Bayonetten dastanden. Jeder Tag führte ein Fest mit sich. Bälle und Gesellschaften folgten einander: aber die Prinzessin war noch nicht da; sie werde, weit von hier entfernt, in einem heiligen Tempel erzogen, sagten sie; dort lerne sie alle königlichen Tugenden. Endlich traf sie ein.
Die kleine Seejungfer war begierig, ihre Schönheit zu sehen, und sie mußte solche anerkennen: eine lieblichere Erscheinung hatte sie noch nie gesehen. Die Haut war fein und klar, und hinter den langen dunklen Augenwimpern lächelten ein paar schwarzblaue, treue Augen.
»Du bist Die!« sagte der Prinz, »die mich gerettet hat, als ich, einer Leiche gleich, an der Küste lag!« Und er drückte seine erröthende Braut in seine Arme. »O, ich bin allzu glücklich!« sagte er zur kleinen Seejungfer. »Das Beste, was ich je hoffen durfte, ist mir in Erfüllung gegangen. Du wirst Dich über mein Glück freuen, denn Du meinst es am Besten mit mir von ihnen allen!« Und die kleine Seejungfer küßte seine Hand, und es kam ihr schon vor, als fühle sie ihr Herz brechen. Sein Hochzeitsmorgen würde ihr ja den Tod geben und sie in Schaum auf dem Meere verwandeln.
Alle Kirchenglocken läuteten; die Herolde ritten in den Straßen umher und verkündeten die Verlobung. Auf allen Altären brannte duftendes Oel in köstlichen Silberlampen. Die Priester schwangen die Rauchfässer, und Braut und Bräutigam reichten einander die Hand und erhielten den Segen des Bischofs. Die kleine Seejungfer war in Seide und Gold gekleidet und hielt die Schleppe der Braut; aber ihre Ohren hörten die festliche Musik nicht, ihr Auge sah die heilige Ceremonie nicht; sie gedachte ihrer Todesnacht und alles Dessen, was sie in dieser Welt verloren hatte.
Noch an demselben Abende gingen die Braut und der Bräutigam an Bord des Schiffes; die Kanonen donnerten, alle Flaggen wehten, und mitten auf dem Schiffe war ein köstliches Zelt von Gold und Purpur und mit den schönsten Kissen errichtet: da sollte das Brautpaar in der kühlen, stillen Nacht schlafen!
Die Segel schwellten im Winde, und das Schiff glitt leicht und ohne große Bewegung über die klare See dahin.
Als es dunkelte wurden bunte Lampen angezündet, und die Seeleute tanzten lustig auf dem Verdecke. Die kleine Seejungfer mußte ihres ersten Auftauchens aus dem Meere gedenken, wo sie dieselbe Pracht und Freude erblickt hatte; und sie wirbelte sich mit im Tanze, schwebte, wie die Schwalbe schwebt, wenn sie verfolgt wird; und Alle jubelten ihr Bewunderung zu: nie hatte sie so herrlich getanzt. Es schnitt ihr wie scharfe Messer in die zarten Füße, aber sie fühlte es nicht; es schnitt ihr noch schmerzlicher durch das Herz. Sie wußte, es sei der letzte Abend, an dem sie ihn erblickte, für den sie ihre Verwandten und ihre Heimath verlassen, ihre schöne Stimme dahingegeben und täglich unendliche Qualen ertragen hatte, ohne daß er es mit einem Gedanken ahnte. Es war die letzte Nacht, daß sie dieselbe Luft mit ihm einathmete, das tiefe Meer und den sternenhellen Himmel erblickte; eine ewige Nacht ohne Gedanken und Traum harrte ihrer, die keine Seele hatte, keine Seele gewinnen konnte. Und Alles war Freude und Heiterkeit auf dem Schiffe bis über Mitternacht hinaus; sie lachte und tanzte mit Todesgedanken im Herzen. Der Prinz küßte seine schöne Braut, und sie spielte mit seinem schwarzen Haare, und Arm in Arm gingen sie zur Ruhe in das prächtige Zelt.
Es wurde still auf dem Schiffe, nur der Steuermann stand am Steuerruder, die kleine Seejungfer legte ihre weißen Arme auf den Schiffsbord und blickte gegen Osten nach der Morgenröthe; der erste Sonnenstrahl, wußte sie, würde sie tödten. Da sah sie ihre Schwestern der Fluch entsteigen; die waren bleich, wie sie; ihr langes schönes Haar wehte nicht mehr im Winde; es war abgeschnitten.
»Wir haben es der Hexe gegeben um Dir Hilfe bringen zu können, damit Du diese Nacht nicht stirbst! Sie hat uns ein Messer gegeben, hier ist es! Siehst Du, wie scharf? Bevor die Sonne aufgeht, mußt Du es in das Herz des Prinzen stoßen, und wenn dann das warme Blut auf Deine Füße spritzt, so wachsen diese in einen Fischschwanz zusammen und Du wirst wieder eine Seejungfer, kannst zu uns herabsteigen und lebst Deine dreihundert Jahre, bevor Du zu todtem, salzigem Seeschaume wirst. Beeile Dich! Er oder Du mußt sterben, bevor die Sonne aufgeht! Unsere Großmutter trauert so, daß ihr weißes Haar, wie das unsrige, unter der Scheere der Hexe gefallen ist. Tödte den Prinzen und komm zurück! Beeile Dich! Siehst Du den rothen Streifen am Himmel? In wenigen Minuten steigt die Sonne auf, dann mußt Du sterben!« Und sie stießen einen tiefen Seufzer aus und versanken in den Wogen.
Die kleine Seejungfer zog den Purpurteppich vom Zelte und sah die schöne Braut mit ihrem Haupte an des Prinzen Brust ruhen; und sie bog sich nieder, küßte ihn auf seine schöne Stirn, blickte gen Himmel, wo die Morgenröthe mehr und mehr leuchtete; betrachtete das scharfe Messer und heftete die Augen wieder auf den Prinzen, der im Traume seine Braut bei Namen nannte. Nur sie war in seinen Gedanken, und das Messer zitterte in der Hand der Seejungfer. – Aber da warf sie es weit hinaus in die Wogen; sie glänzten roth, wo es hinfiel; es sah aus, als keimten Blutstropfen aus dem Wasser auf. Noch einmal sah sie mit halbgebrochenen Blicken auf den Prinzen, stürzte sich vom Schiffe in das Meer hinab und fühlte, wie ihr Körper sich im Schaum auflöste.
Nun stieg die Sonne aus dem Meere auf: die Strahlen fielen so mild und warm auf den kalten Meeresschaum und die kleine Seejungfer fühlte nichts vom Tode. Sie sah die helle Sonne, und über ihr schwebten Hunderte von durchsichtigen, herrlichen Geschöpfen, sie konnte durch dieselben des Schiffes weiße Segel und des Himmels rothe Wolken erblicken; die Sprache derselben war melodisch, aber so geisterhaft, daß kein menschliches Ohr sie vernehmen, ebenso wie kein irdisches Auge sie erblicken konnte, ohne Schwingen schwebten sie vermittelst ihrer eigenen Leichtigkeit durch die Luft. Die kleine Seejungfer sah, daß sie einen Körper hatte, wie diese, der sich mehr und mehr aus dem Schaume erhob.
»Wo komme ich hin?« fragte sie, und ihre Stimme klang wie die der andern Wesen, so geisterhaft, daß keine irdische Musik sie wiederzugeben vermag.
»Zu den Töchtern der Luft!« erwiderten die Andern. »Die Seejungfer hat keine unsterbliche Seele und kann sie nie erhalten, wenn sie nicht eines Menschen Liebe gewinnt; von einer fremden Macht hängt ihr ewiges Dasein ab. Die Töchter der Luft haben auch keine unsterbliche Seele, aber sie können durch gute Handlungen sich selbst eine schaffen. Wir fliegen nach den warmen Ländern, wo die schwüle Pestluft den Menschen tödtet; dort fächeln wir Kühlung. Wir breiten den Duft der Blumen durch die Luft aus und senden Erquickung und Heilung. Wenn wir dreihundert Jahre lang gestrebt haben, alles Gute, was wir vermögen, zu vollbringen, so erhalten wir eine unsterbliche Seele und nehmen Theil am ewigen Glücke der Menschen. Du arme, kleine Seejungfer hast mit ganzem Herzen nach demselben, wie wir, gestrebt; Du hast gelitten und geduldet, hast Dich zur Luftgeisterwelt erhoben und kannst nun Dir selbst durch gute Werke nach drei Jahrhunderten eine unsterbliche Seele schaffen.«
Und die kleine Seejungfer erhob ihre verklärten Augen gegen Gottes Sonne, und zum ersten Male fühlte sie Thränen in ihren Augen, – Auf dem Schiffe war wieder Lärm und Leben; sie sah den Prinzen mit seiner schönen Braut nach ihr suchen; wehmüthig starrten sie den perlenden Schaum an, als ob sie wüßten, daß sie sich in die Fluthen gestürzt habe. Unsichtbar küßte sie die Stirn der Braut, fächelte den Prinzen an und stieg mit den übrigen Kindern der Luft auf die rosenrothe Wolke hinauf, welche den Aether durchschiffte.
»Nach dreihundert Jahren schweben wir so in das Reich Gottes hinein!«
»Auch können wir noch früher dahin gelangen!« flüsterte eine Tochter der Luft. »Unsichtbar schweben wir in die Häuser der Menschen hinein, wo Kinder sind, und für jeden Tag, an dem wir ein gutes Kind finden, welches seinen Eltern Freude bereitet und deren Liebe verdient, verkürzt Gott unsere Prüfungszeit. Das Kind weiß nicht, wann wir durch die Stube stiegen, und müssen wir aus Freude über dasselbe lächeln, so wird ein Jahr von den dreihundert Jahren abgerechnet; sehen wir aber ein unartiges und böses Kind, so müssen wir Thränen der Trauer vergießen, und jede Thräne legt unserer Prüfungszeit einen Tag zu!«
Ole Lukøje (Der Sandmann)
Inhaltsverzeichnis
Es giebt Niemanden in der Welt, der so viele Geschichten weiß, als Ole Luk-Oie. – Der kann gehörig erzählen!

So gegen Abend hin, wenn die Kinder noch nett am Tische oder auf ihrem Schemel sitzen, kommt Ole Luk-Oie. Er kommt leise die Treppe herauf, denn er geht auf Socken; er macht leise die Thüren auf und husch! da spritzt er den Kindern süße Milch in die Augen hinein, und das so sein, so sein, aber doch immer genug, daß sie die Augen nicht aufhalten und ihn deshalb auch nicht sehen können. Er schleicht sich hinter sie, bläst ihnen sanft in den Nacken, und davon wird ihnen schwer in dem Kopfe. O ja! aber es thut nicht weh, denn Ole Luk-Oie meint es gut mit den Kindern; er will nur, daß sie ruhig sein sollen, und das sind sie am ersten, wenn man sie zu Bette gebracht hat; sie sollen still sein, damit er ihnen Geschichten erzählen kann. –
Wenn die Kinder dann schlafen, setzt sich Ole Luk-Oie auf ihr Bett. Er ist gut gekleidet; sein Rock ist von Seide, aber es ist unmöglich, zu sagen, von welcher Farbe, denn er glänzt grün, roth und blau, je nachdem er sich wendet. Unter jedem Arme hält er einen Regenschirm; den einen, mit Bildern darauf, spannt er über die guten Kinder aus, und dann träumen sie die ganze Nacht die herrlichsten Geschichten; aber den andern Schirm, auf welchem durchaus nichts ist, stellt er über die unartigen Kinder, dann schlafen sie wie dumm und haben am Morgen, wenn sie erwachen, nicht das Geringste geträumt.

Nun werden wir hören, wie Ole Luk-Oie an jedem Abende in einer Woche zu einem kleinen Knaben kam, welcher Hjalmar hieß, und was er ihm erzählte. Es sind sieben Geschichten; denn es sind sieben Tage in der Woche.
Montag.
»Höre mal!« sagte Ole Luk-Oie am Abend, als er Hjalmar zu Bette gebracht hatte; »nun werde ich aufputzen!« Und da wurden alle Blumen in den Blumentöpfen zu großen Bäumen, welche ihre langen Zweige unter der Zimmerdecke und längs den Wänden ausstreckten, sodaß die Stube wie ein prächtiges Lusthaus aussah; und alle Zweige waren voll Blumen, und jede Blume war schöner, als eine Rose, duftete lieblich, und wollte man sie essen, so war sie noch süßer, als Eingemachtes! Die Früchte glänzten wie Gold, und Kuchen war da, der vor lauter Rosinen platzte. Es war unvergleichlich schön! Aber zu gleicher Zeit ertönte ein schreckliches Jammern aus dem Tischkasten her, wo Hjalmar's Schulbücher lagen.
»Was ist nur das?« sagte Ole Luk-Oie und ging nach dem Tische und zog den Kasten auf. Es war die Schiefertafel, auf der es riß und wühlte, denn es war eine falsche Zahl in das Rechenexempel gekommen, sodaß es nahe dran war, auseinander zu fallen; der Griffel hüpfte und sprang an seinem Bande, als ob er ein kleiner Hund wäre, der dem Rechenexempel helfen möchte; aber er konnte es nicht. – Und dann jammerte es auch in Hjalmar's Schreibebuche; o, es war häßlich anzuhören! Auf jedem Blatte standen der Länge nach herunter die großen Buchstaben, einem jeden ein kleiner zur Seite: das war eine Vorschrift; und neben diesen standen wieder einige Buchstaben, welche eben so auszusehen glaubten, und diese hatte Hjalmar geschrieben; sie lagen aber fast so, als ob sie über die Bleistiftlinien gefallen waren, auf denen sie stehen sollten.
»Seht, so sollt Ihr Euch halten!« sagte die Vorschrift. »Seht, so schräg geneigt, mit einem kräftigen Schwunge!«
»O, wir möchten gern,« sagten Hjalmar's Buchstaben; »aber wir können nicht; wir sind zu schwächlich!«
»Dann müßt Ihr einnehmen!« sagte Ole Luk-Oie.
»O nein!« riefen sie, und da standen sie so schlank, daß es eine Lust war.
»Ja, nun können wir keine Geschichten erzählen!« sagte Ole Luk-Oie; »nun muß ich sie exerciren! Eins, zwei! Eins, zwei!« und so exercirte er die Buchstaben; und sie standen ganz schlank und so schön, wie nur eine Vorschrift stehen kann. Aber als Ole Luk-Oie ging und Hjalmar sie am Morgen besah, da waren sie ebenso schwächlich und jämmerlich wie früher.
Dienstag.
Sobald Hjalmar zu Bette gegangen war, berührte Ole Luk-Oie mit seiner kleinen Zauberspritze alle Möbeln in der Stube und zugleich fingen sie an zu plaudern, und sprachen allesammt von sich selbst, mit Ausnahme des Spucknapfes, welcher stumm dastand und sich darüber ärgerte, daß sie so eitel sein könnten, nur von sich selbst zu sprechen, nur an sich selbst zu denken und durchaus keine Rücksicht auf den zu nehmen, der bescheiden in der Ecke stand und sich bespucken ließ.
Ueber der Kommode hing ein großes Gemälde in einem vergoldeten Rahmen, das war eine Landschaft; man sah darauf große, alte Bäume, Blumen im Grase und einen breiten Fluß, welcher um den Wald herumfloß, an vielen Schlössern vorbei, und weit hinaus in das wilde Meer.
Ole Luk-Oie berührte mit seiner Zauberspritze das Gemälde, und da begannen die Vögel darauf zu singen, die Baumzweige bewegten sich, und die Wolken zogen weiter; man konnte ihren Schatten über die Landschaft hingleiten sehen.
Nun hob Ole Luk-Oie den kleinen Hjalmar zu dem Rahmen empor, und stellte seine Füße in das Gemälde, gerade in das hohe Gras; da stand er. Die Sonne beschien ihn durch die Zweige der Bäume. Er lief hin zum Wasser und setzte sich in ein kleines Boot, welches dort lag; es war roth und weiß angestrichen, die Segel glänzten wie Silber, und sechs Schwäne, mit Goldkronen um den Hals und einem strahlenden blauen Sterne auf dem Kopfe, zogen das Boot an dem grünen Walde vorüber, wo die Bäume von Räubern und Hexen, und die Blumen von den niedlichen kleinen Elfen und von Dem, was die Schmetterlinge ihnen gesagt haben, erzählen.

Die herrlichsten Fische, mit Schuppen wie Silber und Gold, schwammen dem Boote nach; mitunter machten sie einen Sprung, daß es im Wasser plätscherte, und Vögel, roth und blau, klein und groß, flogen in zwei langen Reihen hinterher; die Mücken tanzten und die Maikäfer sagten: Bum! Bum! Sie wollten Hjalmar Alle folgen, und Jeder hatte eine Geschichte zu erzählen.
Das war eine Lustfahrt! Bald waren die Wälder dicht und dunkel, bald waren sie wie der herrlichste Garten voll Sonnen und Blumen; da lagen große Schlösser von Glas und von Marmor: auf den Altanen standen Prinzessinnen, und diese waren alle kleine Mädchen, die Hjalmar gut kannte; er hatte früher mit ihnen gespielt. Jede streckte die Hände aus und hielt das niedlichste Zuckerherz hin, welches je eine Kuchenfrau verkaufen konnte; und Hjalmar faßte die eine Seite des Zuckerherzens an, indem er vorüberfuhr, und die Prinzessin hielt recht fest, und so bekam Jeder ein Stück: sie das kleinste, Hjalmar das größte. Bei jedem Schlosse standen kleine Prinzen Schildwache, sie schulterten mit Goldsäbeln und ließen Rosinen und Zinnsoldaten regnen; man sah es ihnen an, daß es echte Prinzen waren.
Bald segelte Hjalmar durch Wälder, bald durch große Säle, oder mitten durch eine Stadt, er kam auch durch die, in welchem sein Kindermädchen wohnte, welche ihn getragen hatte, da er noch ein kleiner Knabe war, und die ihm immer so gut gewesen; sie nickte und winkte und sang den niedlichen kleinen Vers, den sie selbst gedichtet und Hjalmar gesendet hatte:
Ich denke Deiner so manches Mal,
Mein theurer Hjalmar, Du Lieber!
Ich gab Dir Küsse ohne Zahl
Auf Stirne, Mund und Augenlider.
Ich hörte Dich lallen das erste Wort,
Doch mußt' ich Dir Abschied sagen;
Es segne der Herr Dich an jedem Ort,
Du Engel, den ich getragen.
Und alle Vögel sangen mit, die Blumen tanzten auf den Stielen und die alten Bäume nickten, als ob Ole Luk-Oie ihnen auch Geschichten erzähle.
Mittwoch.
Nein, wie strömte der Regen draußen hernieder! Hjalmar konnte es im Schlafe hören; und da Ole Luk-Oie ein Fenster öffnete, stand das Wasser herauf bis an das Fensterbrett; es war ein ganzer See da draußen, aber das prächtigste Schiff lag dicht am Hause.

»Willst Du mitsegeln, kleiner Hjalmar,« sagte Ole Luk-Oie, »so kannst Du diese Nacht nach fremden Ländern gelangen und morgen wieder hier sein!« –
Da stand Hjalmar plötzlich in seinen Sonntagskleidern mitten auf dem prächtigen Schiffe; sogleich wurde das Wetter schön, und sie segelten durch die Straßen, kreuzten um die Kirche und nun war Alles eine große wilde See. Sie segelten so lange, bis kein Land mehr zu erblicken war, und sie sahen einen Flug Störche, die kamen auch aus der Heimath und wollten nach den warmen Ländern; ein Storch flog immer hinter dem andern, und sie waren schon weit, weit geflogen! Einer von ihnen war so ermüdet, daß seine Flügel ihn kaum noch zu tragen vermochten; er war der Letzte in der Reihe, und bald blieb er ein großes Stück zurück; zuletzt sank er mit ausgebreiteten Flügeln tiefer und tiefer; er machte noch wenige Schläge mit den Schwingen, aber es half nichts; nun berührte er mit seinen Füßen das Tauwerk des Schiffes, dann glitt er vom Segel herab, und bums! da stand er auf dem Verdecke.
Jetzt nahm ihn der Schiffsjunge und setzte ihn in das Hühnerhaus zu den Hühnern, Enten und Truthähnen; der arme Storch stand befangen mitten unter ihnen.
»Sieh den Kerl an!« sagten alle Hühner.
Und der calcutttische Hahn blies sich so dick auf, wie er konnte und fragte, wer er wäre; die Enten gingen rückwärts und pufften einander: »Rappel Dich! Rappel Dich!« Und der Storch erzählte vom warmen Afrika, von den Pyramiden und vom Strauße, der, einem wilden Pferde gleich, die Wüste durchlaufe; aber die Enten verstanden nicht, was er sagte, und dann pufften sie einander: »Wir sind doch wohl alle derselben Meinung, nämlich, daß er dumm ist!«
»Ja, sicher ist er dumm!« sagte der Truthahn, und dann kollerte er. Da schwieg der Storch und dachte an sein Afrika.
»Das sind herrlich dünne Beine, die Ihr habt!« sagte der Calcuttaer. »Was kostet die Elle davon?«
»Skrat, skrat, skrat!« grinsten alle Enten; aber der Storch that, als ob er es nicht höre.
»Ihr könnt immer mitlachen,« sagte der Calcuttaer zu ihm: »denn es war sehr witzig gesagt! Oder war es Euch vielleicht zu hoch? Ach, ach, er ist nicht vielseitig! Wir wollen interessant unter uns selbst bleiben!« Und dann gluckte er, und die Enten schnatterten: »Gik, gak! Gik gak!« Es war schrecklich, wie sie sich selbst belustigten.
Aber Hjalmar ging nach dem Hühnerhause, öffnete die Thüre, rief den Storch, und der hüpfte zu ihm heraus auf das Verdeck. Nun hatte er ja ausgeruht, und es war als ob er Hjalmar zunickte, ihm zu danken. Darauf entfaltete er seine Schwingen und flog nach den warmen Ländern; aber die Hühner gluckten, die Enten schnatterten, und der calcuttische Hahn wurde feuerroth am Kopfe.
»Morgen werden wir Suppe von Euch kochen!« sagte Hjalmar, und damit erwachte er und lag in seinem leinenen Bette. Es war doch eine sonderbare Reise, die Ole Luk-Oie ihn diese Nacht hatte machen lassen.
Donnerstag.
»Weißt Du was?« sagte Ole Luk-Oie, »werde nur nicht furchtsam! Hier wirst Du eine kleine Maus sehen!« Und dann hielt er seine Hand her mit dem leichten, niedlichen Thiere. »Sie ist gekommen, um Dich zur Hochzeit einzuladen. Hier sind in dieser Nacht zwei kleine Mäuse, die in den Stand der Ehe treten wollen. Sie wohnen unter Deiner Mutter Speisekammerfußboden: das soll eine schöne Wohnung sein!«
»Aber wie kann ich durch das kleine Mauseloch im Fußboden hindurch kommen?« fragte Hjalmar.
»Da laß mich nur sorgen!« sagte Ole Luk-Oie. »Ich werde Dich schon klein machen!« Und nun berührte er Hjalmar mit seiner Zauberspritze, worauf dieser sogleich kleiner und kleiner wurde! zuletzt war er keinen Finger lang. »Nun kannst Du Dir die Kleider des Zinnsoldaten leihen; ich denke, sie werden Dir passen, und es sieht gut aus, Uniform anzuhaben, wenn man in Gesellschaft ist!«
»Ja freilich!« sagte Hjalmar, und war im Augenblick wie der niedlichste Zinnsoldat angekleidet.
»Wollen Sie nicht so gut sein, sich in Ihrer Mutter Fingerhut zu setzen?« sagte die kleine Maus; »dann werde ich die Ehre haben, Sie zu ziehen!«
»Gott, wollen sich das Fräulein selbst bemühen!« sagte Hjalmar; und so fuhren sie zur Mausehochzeit.
Zuerst kamen sie unter dem Fußboden in einen langen Gang, der aber nicht höher war, als daß sie gerade mit dem Fingerhut dort fahren konnten, und der ganze Gang war mit faulem Holze illuminirt.
»Riecht es hier nicht herrlich?« fragte die Maus, die ihn zog. »Der Gang ist mit Speckschwarten geschmiert! Es kann nichts Schöneres geben!«
Nun kamen sie in den Brautsaal hinein. Hier standen zur Rechten alle kleinen Mäuse-Damen; die wisperten und pisperten, als ob sie einander zum Besten hätten. Zur Linken standen alle Mäuse-Herren und strichen sich mit der Pfote den Schnauzbart; mitten in dem Saale aber sah man das Brautpaar; es stand in einer ausgehöhlten Käserinde und küßte sich gar schrecklich viel vor Aller Augen, denn es war Verlobung und es sollte auch gleich Hochzeit sein.

Es kamen immer mehr und mehr Fremde; die eine Maus war nahe daran, die andere todt zu treten, und das Brautpaar hatte sich mitten in die Thüre gestellt, so daß man weder hinaus noch herein gelangen konnte. Die Stube war ebenso wie der Gang mit Speckschwarten eingeschmiert, das war die ganze Bewirthung; aber zum Dessert wurde eine Erbse vorgezeigt, in die eine Maus aus der Familie den Namen des Brautpaares eingebissen hatte, das heißt: den ersten Buchstaben. Das war etwas Außerordentliches!
Alle Mäuse sagten, daß es eine schöne Hochzeit sei, und daß die Unterhaltung sehr angenehm gewesen wäre.
Dann fuhr Hjalmar wieder nach Hause; er war wahrlich in vornehmer Gesellschaft gewesen, aber er hatte auch sehr zusammenkriechen, sich klein machen und Zinnsoldatenuniform anziehen müssen.
Freitag.
»Es ist unglaublich, wie viele ältere Leute es giebt, die mich gar zu gern haben möchten!« sagte Ole Luk-Oie. »Es sind besonders Die, welche etwas Böses verübt haben.« »»Guter, kleiner Ole,«« sagten sie zu mir, »»wir können die Augen nicht schließen, und so liegen wir die ganze Nacht und sehen alle unsere bösen Thaten, die wie kleine häßliche Kobolde auf der Bettstelle sitzen, und uns mit heißem Wasser bespritzen; möchtest Du doch kommen und sie fortjagen, damit wir einen guten Schlaf bekämen;«« dann seufzten sie tief; »»wir möchten es wahrlich gern bezahlen; gute Nacht, Ole! das Geld liegt im Fenster!«« »Aber ich thue es nicht für Geld!« sagte Ole Luk-Oie.
»Was wollen wir nun diese Nacht vornehmen?« fragte Hjalmar.
»Ja, ich weiß nicht, ob Du diese Nacht wieder Lust hast, zur Hochzeit zu gehen; es ist eine andere Art, als die gestrige war. Deiner Schwester große Puppe, die, welche wie ein Mann aussieht und Hermann genannt wird, will sich mit der Puppe Bertha verheirathen. Es ist obendrein der Puppe Geburtstag, und deshalb werden sie sehr viele Geschenke bekommen!«
»Ja, das kenne ich schon,« sagte Hjalmar. »Immer, wenn die Puppen neue Kleider nöthig haben, läßt meine Schwester sie ihren Geburtstag feiern oder Hochzeit halten; das ist sicher schon hundert Mal geschehen!«
»Ja, aber in dieser Nacht ist es die hundertunderste Hochzeit, und wenn Hundertundeins aus ist, dann ist Alles vorbei! Deshalb wird diese so beispiellos schön. Sieh nur einmal!«
Und Hjalmar sah nach dem Tische. Da stand das kleine Papphaus mit Licht in den Fenstern, und draußen davor präsentirten alle Zinnsoldaten das Gewehr. Das Brautpaar saß gedankenvoll, wozu es wohl Ursache hatte, auf dein Fußboden, und lehnte sich gegen das Tischbein. Aber Ole Luk-Oie, in der Großmutter schwarzen Rock gekleidet, traute sie. Als die Trauung vorbei war, stimmten alle Möbeln in der Stube folgenden schönen Gesang an, welcher von dem Bleistift geschrieben war; er ging nach der Melodie des Zapfenstreiches:
Das Lied ertöne wie der Wind;
Dem Brautpaar hoch! das sich verbind't:
Sie prangen Beide steif und blind,
Da sie von Handschuhleder sind!
:,: Hurrah, Hurrah! ob taub und blind,
Wir singen es in Wetter und Wind!«
Und nun bekamen sie Geschenke, aber sie hatten sich alle Speisewaaren verbeten, denn sie hatten an ihrer Liebe genug.
»Wollen wir nun eine Sommerwohnung beziehen oder auf Reisen gehen?« fragte der Bräutigam. Und da wurde die Schwalbe, die viel gereist war, und die alte Hofhenne, welche fünfmal Küchlein ausgebrütet hatte, zu Rathe gezogen. Die Schwalbe erzählte von den herrlichen warmen Ländern, wo die Weintrauben so groß und schwer hingen, wo die Luft so mild sei und die Berge Farben hätten, wie man sie hier nicht an ihnen kenne!
»Aber unsern Braunkohl haben sie doch nicht!« sagte die Henne. »Ich war einen Sommer lang mit allen meinen Küchlein auf dem Lande; da war eine Sandgrube, in der wir umhergehen und kratzen konnten; und dann hatten wir Zutritt zu einem Garten mit Braunkohl! O, wie herrlich war der! Ich kann mir nichts Schöneres denken.«
»Aber der eine Kohlstrunk sieht ebenso aus, wie der andere,« sagte die Schwalbe; »und dann ist hier gar oft schlechtes Wetter.«
»Ja, daran ist man gewöhnt!« sagte die Henne.
»Aber hier ist es kalt, und es friert!«
»Das ist gut für den Kohl!« sagte die Henne. »Uebrigens können wir es auch warm haben! Hatten wir nicht vor vier Jahren einen Sommer, der fünf Wochen lang währte? es war hier so heiß, man konnte nicht athmen! Und dann haben wir nicht alle die giftigen Thiere die sie dort haben! Und wir sind von Räubern frei: Der ist ein Bösewicht, der nicht findet, daß unser Land das schönste ist! Er verdient wahrlich nicht, hier zu sein!« Und dann weinte die Henne und fuhr fort: »Ich bin auch gereist! Ich bin in einer Bütte über zwölf Meilen gefahren! Es ist durchaus kein Vergnügen beim Reisen!«
»Ja, die Henne ist eine vernünftige Frau!« sagte die Puppe Bertha. »Ich halte auch nichts davon, Berge zu bereisen, denn das geht nur hinauf und dann wieder herunter! Nein, wir wollen hinaus vor's Thor in die Sandgrube ziehen und im Kohlgarten umherspazieren!«
Und dabei blieb es.
Sonnabend.
»Bekomme ich nun Geschichten zu hören?« fragte der kleine Hjalmar, sobald Ole Luk-Oie ihn in den Schlaf gebracht hatte.
»Diesen Abend haben wir nicht Zeit dazu,« sagte Ole Luk-Oie und spannte seinen schönen Regenschirm über ihm auf. »Betrachte nur diese Chinesen!« Und der Regenschirm sah aus, wie eine große chinesische Schale mit blauen Bäumen und spitzen Brücken und mit kleinen Chinesen darauf, die dastanden und mit dem Kopfe nickten. »Wir müssen die ganze Welt zu morgen schön aufgeputzt haben,« sagte Ole Luk-Oie; »es ist ja dann ein Feiertag, es ist Sonntag. Ich will nach den Kirchenthürmen hin, um zu sehen, ob die kleinen Kirchenkobolde die Glocken poliren, damit sie hübsch klingen! ich will hinaus auf das Feld und sehen, ob die Winde den Staub von Gras und Blättern blasen; und was die größte Arbeit ist, ich will alle Sterne herunter holen, um sie zu poliren. Ich nehme sie in meine Schürze; aber erst muß ein jeder numerirt werden, und die Löcher, worin sie da oben sitzen, müssen auch numerirt werden, damit sie wieder auf den rechten Fleck kommen, sonst würden sie nicht festsitzen, und wir bekämen zu viele Sternschnuppen, indem der eine nach dem andern herunterpurzeln würde!«

»Hören Sie, wissen Sie was, Herr Ole Luk-Oie?« sagte ein altes Portrait, welches an der Wand hing, wo Hjalmar schlief, »ich bin Hjalmar's Urgroßvater, ich danke Ihnen, daß Sie dem Knaben Geschichten erzählen, aber Sie müssen seine Begriffe nicht verwirren. Die Sterne können nicht heruntergenommen werden! Die Sterne sind Weltkugeln, ebenso wie unsere Erde, und gerade das ist das Gute an ihnen.«
»Ich danke Dir, Du alter Großvater!« sagte Ole Luk-Oie; »ich danke Dir! Du bist ja das Haupt der Familie; Du bist das Urhaupt: aber ich bin doch älter als Du! Ich bin ein alter Heide, Römer und Griechen nannten mich den Traumgott! Ich bin in die vornehmsten Häuser gekommen und komme noch dahin! Ich weiß sowohl mit Geringen, wie mit Großen umzugehen! Nun kannst Du erzählen.« – Und da ging Ole Luk-Oie und nahm seinen Regenschirm mit.
»Nun, nun! Man darf seine Meinung wohl gar nicht mehr sagen!« brummte das alte Portrait.
Da erwachte Hjalmar.
Sonntag.
»Guten Abend!« sagte Ole Luk-Oie, und Hjalmar nickte und sprang dann hin und kehrte das Portrait des Urgroßvaters gegen die Wand um, damit es nicht, wie gestern, mit hineinsprechen möchte.
»Nun mußt Du mir Geschichten erzählen: von den fünf grünen Erbsen, die in einer Schote wohnten; von dem Hahnenfuße, der dem Hühnerfuße den Hof machte, und von der Stopfnadel, die so vornehm that, daß sie sich einbildete, eine Nähnadel zu sein!«
»Man kann auch des Guten zu viel bekommen!« sagte Ole Luk-Oie. »Du weißt doch wohl, daß ich Dir am liebsten Etwas zeige! Ich will Dir meinen Bruder zeigen. Er heißt auch Ole Luk-Oie, aber er kommt zu Niemand öfter, als einmal, und zu wem er kommt, den nimmt er mit auf sein Pferd und erzählt ihm Geschichten. Er kennt nur zwei; die eine ist so außerordentlich schön, daß sie Niemand in der Welt sich denken kann, und die andere ist so häßlich und gräßlich – es ist gar nicht zu beschreiben!« Dann hob Ole Luk-Oie den kleinen Hjalmar zum Fenster hinauf und sagte: »Da wirst Du meinen Bruder sehen, den andern Ole Luk-Oie! Sie nennen ihn den Tod! Siehst Du, er sieht nicht so schlimm aus, wie in den Bilderbüchern, wo er ein Knochengerippe ist! Nein, das ist Silberstickerei, die er auf dem Kleide hat, das ist die schönste Husaren-Uniform; ein Mantel von schwarzem Sammt fliegt hinten über das Pferd! Sieh, wie er in Galopp reitet.«
Und Hjalmar sah, wie dieser Ole Luk-Oie davonritt und sowohl junge, wie alte Leute auf sein Pferd nahm. Einige setzte er vorn, Andere hinten auf, aber immer fragte er erst: »Wie steht es mit dem Censurbuche?« – »Gut!« sagten sie allesammt. »Ja, laßt sie mich selbst sehen!« sagte er; und dann mußte ihm Jeder das Buch zeigen, und alle Die, welche »Sehr gut« und »Ausgezeichnet« hatten, setzte er vorn auf das Pferd und bekamen die herrliche Geschichte. Die aber, welche »Ziemlich gut« und »Mittelmäßig« hatten, mußten hinten auf, und bekamen die gräßliche Geschichte zu hören; sie zitterten und weinten, sie wollten vom Pferde springen, konnten es aber nicht, denn sie waren sogleich darauf festgewachsen.
»Aber der Tod ist ja der prächtigste Ole Luk-Oie!« sagte Hjalmar. »Vor ihm ist mir nicht bange!«
»Das sollst Du auch nicht sein!« sagte Ole Luk-Oie, »sieh nur zu, daß Du ein gutes Censurbuch hast!«
»Ja, das ist lehrreich!« murmelte des Urgroßvaters Portrait. »Es hilft doch, wenn man seine Meinung sagt!«
Und nun gab er sich zufrieden.
Sieh, das ist die Geschichte von Ole Luk-Oie; nun mag er Dir selbst diesen Abend mehr erzählen!
Die Nachbar-Familien
Inhaltsverzeichnis
Man hätte glauben sollen, daß in dem Ententeiche etwas Wichtiges vorgehe; aber es ging nichts vor. Alle Enten, die in ihrer Ruhe auf dem Wasser lagen oder auf dem Kopfe darin standen – denn das konnten sie – schwammen auf einmal nach dem Ufer; man sah in der nassen Erde die Spuren ihrer Füße und hörte weit und breit ihr Geschnatter. Das Wasser, vor Kurzem blank und glatt wie ein Spiegel, kam sehr in Bewegung. Zuvor hatte man darin jeden Baum, jeden Busch in der Nähe, das alte Bauernhaus mit den Löchern im Dache und dem Schwalbennest, besonders aber den großen, mit Blumen gleichsam besäeten Rosenstrauch gesehen; er bedeckte die Mauer und hing über das Wasser hinaus, in welchem man das Ganze wie auf einem Gemälde erblickte, nur daß Alles auf dem Kopfe stand; als aber das Wasser in Bewegung kam, schwamm Alles in einander und das Bild war fort. Zwei Federn, welche die aufflatternden Enten verloren hatten, schaukelten hin und her; auf einmal nahmen sie einen Anlauf, als ob der Wind käme; der kam aber nicht; sie mußten daher liegen bleiben, und das Wasser wurde wieder ruhig und glatt. Die Rosen spiegelten sich wieder ab; sie waren wunderschön, wußten es aber selbst nicht, denn Niemand hatte es ihnen gesagt; die Sonne schien zwischen den zarten Blättern hindurch; Alles athmete den schönsten Duft; es war Allen zu Muthe wie uns, wenn wir von dem Gedanken unsers Glücks recht freudig erfüllt sind.
»Wie schön doch das Dasein ist!« sagte jede Rose. »Nur Eins wünschte ich: die Sonne küssen zu können, weil sie so warm und so hell ist. Auch die Rosen da unten im Wasser, unsere Ebenbilder, möchte ich küssen, und die niedlichen Vöglein unten im Neste. Auch oben giebt's welche; sie stecken die Köpfe heraus und piepen leise; sie haben keine Federn, wie ihr Vater und ihre Mutter. Es sind gute Nachbarn, sowohl die unten, als die oben. – Wie schön doch das Dasein ist!«
Die Jungen oben und unten – die unten sind freilich nur der Widerschein im Wasser – waren Sperlinge; ihre Eltern waren ebenfalls Sperlinge; sie hatten das leere Schwalbennest vom vergangenen Jahre in Besitz genommen und hausten nun darin als wäre es ihr Eigenthum.
»Sind das Entenkleider, die dort schwimmen?« fragten die Sperlingsjungen, als sie die Federn auf dem Wasser entdeckten.
»Wenn Ihr einmal fragen wollt, so fragt wenigstens vernünftig!« sagte die Mutter. »Seht Ihr denn nicht, daß es Federn sind, lebendiger Kleiderstoff, wie ich ihn trage und wie Ihr ihn tragen werdet! Unserer ist aber feiner. Ich möchte übrigens, wir hätten sie oben im Neste, denn sie halten warm. Ich bin doch neugierig, worüber wohl die Enten so erschraken; über uns aber gewiß nicht; freilich sagte ich ziemlich laut zu Euch: »Piep.« Die dickköpfigen Rosen müßten es eigentlich wissen; aber die wissen gar nichts, betrachten nur sich und riechen; ich bin dieser Nachbarn herzlich überdrüssig!«
»Höre die allerliebsten Vöglein oben,« sagten die Rosen; »die fangen nun auch an, singen zu wollen, können es aber noch nicht. Es wird sich indeß schon machen; welches Vergnügen das gewahren muß; es ist hübsch, solche lustige Nachbarn zu haben.«
Plötzlich kamen zwei Pferde daher gesprengt, um getränkt zu werden; ein Bauernbursche ritt das eine; er hatte alle seine Kleider abgelegt bis auf seinen großen und breiten, schwarzen Hut. Der Bursche pfiff wie ein Vogel und ritt in den Teich hinein, wo er am tiefsten war; und als er an dem Rosenstrauche vorüberkam, brach er eine Rose ab und steckte sie auf seinen Hut, und nun kam er schon geputzt vor und ritt weiter. Die andern Rosen blickten ihrer Schwester nach und fragten sich: »Wohin reist sie wohl!« Niemand aber wußte es.
»Ich möchte wohl einmal in die Welt hinaus,« meinte eine; »doch hier zu Hause in unserem Grün ist es auch schön. Den Tag über scheint die Sonne hell und warm und in der Nacht glänzt der Himmel noch schöner: das können wir durch alle die kleinen Löcher darin sehen.« Sie meinten die Sterne; sie wußten es nicht besser.
»Wir machen es lebhaft um das Haus herum,« sagte die Sperlingsmutter, »und das Schwalbennest bringt Glück, sagen die Leute, deshalb freut man sich unser. Aber die Nachbarn! So ein Rosenstrauch an der Mauer hinauf verursacht Feuchtigkeit. Er wird wohl weggeschafft werden; dann wächst vielleicht hier wenigstens Korn. Die Rosen taugen zu nichts, als sie anzusehen und anzuriechen und höchstens auf den Hut zu stecken.«
»Jedes Jahr, das weiß ich von meiner Mutter, fallen sie ab. Die Frau des Bauern legt sie ein und streut Salz dazwischen; dann erhalten sie einen französischen Namen, den ich weder aussprechen kann noch mag; sie werden aufs Feuer gestreut, wenn sie gut riechen sollen. Seht, so ist ihr Lebenslauf; sie sind nur für das Auge und die Nase da. Nun wißt Ihr es!«
Als der Abend einbrach, und die Mücken in der warmen Luft und in den rothen Wolken spielten, kam die Nachtigall und sang den Rosen vor: daß das Schöne sich verhalte, wie der Sonnenschein in dieser Welt, und daß das Schöne ewig lebe. Die Rosen aber dachten, daß die Nachtigall sich selbst besänge, was man wohl hätte glauben können; denn daß der Gesang ihnen gelte, daran dachten sie nicht. Sie freuten sich aber darüber und sannen nach, ob wohl alle die kleinen Sperlinge auch Nachtigallen werden könnten. »Ich verstand recht gut den Gesang dieses Vogels,« sagten die jungen Sperlinge. »Nur ein Wort war mir nicht klar. Was heißt »»das Schöne?««
»Das ist nichts,« versetzte die Sperlingsmutter; »das ist nur etwas Aeußerliches. Oben auf dem Edelhofe, wo die Tauben ihr eigenes Haus haben und ihnen jeden Tag Erbsen und Korn vorgestreut wird – ich habe selbst mit ihnen gegessen, und das sollt Ihr mit der Zeit auch, denn: sage mir, mit wem Du umgehst, und ich werde Dir sagen, wer Du bist – oben auf dem Edelhofe haben sie zwei Vögel mit grünen Hälsen und einem Kamm auf dem Kopfe; die können den Schweif ausbreiten wie ein großes Rad, und der spielt in allen Farben, daß der Anblick den Augen weh thut. Diese Vögel werden Pfauen genannt, und das ist das Schöne. Sie sollten nur ein wenig gerupft werden, dann würden sie nicht anders aussehen, als wir andern alle. Ich würde sie schon gerupft haben, wenn sie nur nicht so groß wären.«
»Ich will sie rupfen,« piepte der kleine Sperling, der noch keine Federn hatte.
Im Bauernhause wohnten zwei junge Eheleute; sie liebten sich sehr, waren fleißig und flink, es sah Alles sehr hübsch bei ihnen aus. Des Sonntags früh kam die junge Frau heraus, pflückte eine Hand voll der schönsten Rosen und that sie in ein Glas mit Wasser, welches sie auf den Schrank stellte.
»Jetzt sehe ich, daß es Sonntag ist,« sagte der Mann und küßte seine kleine Frau. Sie setzten sich, lasen im Gesangbuche und hielten sich bei den Händen; die Sonne beschien die frischen Rosen und das junge Ehepaar.
»Dieser Anblick ist wirklich zu langweilig;« sagte die Sperlingsmutter, die von dem Neste aus in die Stube hineinblicken konnte, und flog davon.
So ging es auch den nächsten Sonntag, denn jeden Sonntag wurden frische Rosen in das Glas gesteckt; doch der Rosenstrauch blühte stets gleich schön. Die jungen Sperlinge hatten jetzt Federn und wollten gern mitfliegen; die Mutter aber erlaubte es nicht, und sie mußten daheim bleiben. Sie flog, doch, wie es auch geschehen mochte: ehe sie es sich versah, war sie in eine Schlinge von Pferdehaaren gerathen, welche Knaben an einem Zweige angebracht hatten. Die Pferdehaare zogen sich fest um das Bein zusammen, so fest, als füllte es durchgeschnitten werden; das war eine Pein, ein Schrecken! Die Knaben sprangen hinzu und ergriffen den Vogel und zwar auf unsanfte Art.
»Es ist nur ein Sperling!« sagten sie; aber sie ließen ihn doch nicht fliegen, sondern nahmen ihn mit nach Hause; und jedesmal, wenn er schrie, schlugen sie ihn auf den Schnabel.
Im Bauernhause stand ein alter Mann, der es verstand, Bart- und Waschseife sowohl in Stücken, als in Kugeln zu verfertigen. Es war ein umherwandernder, lustiger Alter. Als er den Sperling sah, den die Jungen gebracht hatten und aus dem sie sich, wie sie sagten, nichts machten, meinte er: »Wollen wir ihn recht schön machen?« Es überlief die Sperlingsmutter eiskalt. Aus dem Kasten, worin die schönsten Farben lagen, nahm der Alte eine Menge glänzenden Schaumgoldes und die Jungen mußten Eiweiß holen, womit der Sperling über und über bestrichen wurde; darauf wurde das Gold geklebt, und die Sperlingsmutter war nun über und über vergoldet. Sie aber dachte nicht an den Putz und zitterte an allen Gliedern. Und der Seifenmann riß von dem rothen Futter seiner alten Jacke ein Läppchen, schnitt Zacken hinein, daß es wie ein Hahnenkamm aussah, und klebte es dem Vogel auf den Kopf.
»Nun sollt Ihr den Goldrock fliegen sehen,« sagte der Alte und ließ den Sperling los, der in der tödtlichsten Angst davonflog, von der strahlenden Sonne beschienen. Wie er glänzte! Alle die Sperlinge, selbst eine Krähe, obwohl ein alter Knabe, erschraken sehr über diesen Anblick; sie flogen aber doch hinterdrein, um zu erfahren, was er für ein fremder Vogel sei.
Von Angst und Entsetzen getrieben, flog er heimwärts; er war nahe daran, kraftlos zur Erde zu sinken; die Schaar der verfolgenden Vögel wuchs, ja einige versuchten sogar auf ihn loszuhacken.
»Sieh Mal Den! Sieh mal Den!« schrieen sie alle.
»Sieh mal Den! Sieh mal Den!« schrieen ihre Jungen, als er sich dem Neste näherte. »Das ist bestimmt ein junger Pfau, er spielt in allen Farben; er thut den Augen weh, wie die Mutter es erzählte. Piep! Das ist das Schöne! Und nun hackten sie mit ihren kleinen Schnäbeln auf den Vogel ein, daß es ihm unmöglich wurde, in das Nest zu gelangen; er war so mitgenommen, daß er nicht einmal »Piep!« sagen konnte, viel weniger: »Ich bin ja Eure Mutter!« Auch die andern Vögel fielen nun über den Sperling her und rupften ihm Feder für Feder aus, bis er blutend in den Rosenstrauch fiel.
»Du armes Thier!« sagten alle Rosen; »sei nur ruhig, wir wollen Dich verbergen! Lehne Dein Köpfchen an uns an!«
Der Sperling breitete noch einmal die Flügel aus, dann zog er sie fest an sich und lag todt bei der Nachbarfamilie, den schönen, frischen Rosen.
»Piep!« tönte es aus dem Neste. »Wo nur die Mutter bleibt; das ist unbegreiflich. Es soll doch nicht ein Pfiff von ihr sein und soviel heißen, daß wir jetzt für uns selbst sorgen sollen! Das Haus hat sie uns als Erbtheil hinterlassen: wem von uns soll es nun aber allein gehören, wenn auch wir Familie haben werden?«
»Ja, das geht nicht, daß Ihr bei mir bleibt, wenn ich meine Wirthschaft durch Frau und Kinder erweitere!« meinte der Kleinste.
»Ich werde wohl mehr Frauen und Kinder haben, als Du!« sagte der Zweite.
»Ich bin aber der Aelteste!« erwiderte der Dritte. Alle wurden nun hitzig; sie schlugen mit den Flügeln, hackten mit den Schnäbeln, und plauz! wurde einer nach dem andern aus dem Neste gepufft. Da lagen sie mit ihrem Zorn. Den Kopf hielten sie auf der Seite und blinzelten mit den nach oben gekehrten Augen. Das war so ihre Manier, dumm zu thun!
Ein wenig konnten sie fliegen, durch Uebung lernten sie es noch besser, und zuletzt wurden sie über ein Zeichen einig, um sich, wenn sie einander in der Welt später begegnen sollten, wieder zu erkennen. Es sollte in einem »Piep!« bestehen und in einem dreimaligen Kratzen auf der Erde mit dem linken Fuß.
Das Junge, welches im Neste zurückgeblieben war, machte sich so breit, wie es nur konnte: es war ja Hausbesitzer. Doch die Herrlichkeit dauerte nicht lange; in der Nacht brach das rothe Feuer durch das Fenster, die Flammen ergriffen das Dach, das trockene Stroh loderte hoch empor, das ganze Haus verbrannte und der junge Sperling mit; die beiden anderen Ehelustigen aber kamen glücklich mit dem Leben davon.
Als die Sonne wieder aufging und Alles so erquickt aussah, wie nach einen ruhigen Schlafe, waren von den Bauernhause nur noch einige verkohlte, schwarze Balken übrig, die sich an den Schornstein lehnten, der nun sein eigener Herr war. Es rauchte noch stark aus dem Schutt; draußen aber stand frisch und blühend der Rosenstrauch, unversehrt, und spiegelte jede Blume, jeden Zweig in dem klaren Wasser ab.
»Nein! wie schön doch die Rosen vor dem niedergebrannten Hause blühen!« rief ein Vorübergehender aus. »Ein anmuthigeres Bild kann man sich nicht denken. Das muß ich haben.«
Und der Mann nahm aus der Mappe ein kleines Buch mit weißen Blättern hervor: er war ein Maler; und mit dem Bleistift zeichnete er das rauchende Haus, die verkohlten Balken und den überhängenden Schornstein, und dieser neigte sich mehr und mehr; im Vordergrunde aber den großen, blühenden Rosenstrauch; der gewährte einen herrlichen Anblick. Seinetwegen war ja auch das ganze Bild entstanden.
Später am Tage kamen die zwei hier gebornen Sperlinge vorbei. »Wo ist das Haus?« fragten sie. »Wo ist das Nest? Piep! Alles ist verbrannt und unser starker Bruder mit. Das hat er nun davon, daß er das Nest behielt. Die Rosen sind gut davon gekommen; da stehen sie noch mit rothen Wangen. Die trauern freilich nicht über das Unglück der Nachbarn. Ich mag sie nicht anreden, und häßlich ist es hier, das ist meine Ansicht!« Und auf und davon ging es.
An einem schönen, sonnenhellen Herbsttage, man hätte beinahe glauben können, es sei noch mitten im Sommer, hüpften in dem trockenen und reingekehrten Herrenhofe vor der großen Treppe die Tauben, sowohl schwarze, als auch weiße und bunte; sie glänzten im Sonnenscheine. Die Taubenmütter sagten zu den Jungen: »Stellt Euch in Gruppen! Stellt Euch in Gruppen! Denn das nimmt sich viel besser aus.«
»Was sind das für graue Thierchen, die hinter uns umherlaufen?« fragte eine alte Taube, mit Roth und Grün in den Augen. »Kleine Graue! Kleine Graue!« rief sie.
»Es sind Sperlinge, gute Thiere. Wir haben stets in dem Rufe gestanden, fromm zu sein: deshalb wollen wir ihnen gestatten, die Körner mit aufzupicken; sie reden nicht hinein und machen solche hübsche Kratzfüße.«
Ja, sie kratzten dreimal mit dem Fuße und zwar mit dem linken Fuße und sagten auch »Piep!« Daran erkannten sie sich, denn es waren die Sperlinge aus dem Neste in dem abgebrannten Hause.
»Hier ist sehr gut essen!« sagten die Sperlinge. Die Tauben stolzirten um einander herum, brüsteten sich gewaltig und hatten innerlich ihre Ansicht und Meinung.
»Siehst Du die Kropftaube?« sprach eine von den andern. »Siehst Du die, wie sie die Erbsen verschluckt? Sie nimmt zu viele und noch dazu die besten! Kurre! Kurre! Wie sie den Kamm hebt, das häßliche, das boshafte Thier! Kurre! Kurre!«
Und alle Augen funkelten vor Bosheit! »Stellt Euch in Gruppen! Stellt Euch in Gruppen! Kleine Graue! Kleine Graue! Kurre! Kurre! Kurre!« so gingen die Schnäbel in Einem fort, und so werden sie nach tausend Jahren noch gehen.
Die Sperlinge aßen wacker; sie horchten aufmerksam zu und stellten sich sogar mit in die Reihen; es stand ihnen aber nicht gut. Satt waren sie und verließen daher die Tauben, tauschten gegenseitig ihr Urtheil über sie aus, huschten unter das Gartenstacket, und als sie die Thüre des Gartens offen fanden, hüpfte einer, der übersatt und deshalb muthig war, auf die Schwelle. »Piep!« sagte er, »das darf ich wagen!«
»Piep!« sagte der Andere; »das darf ich auch und noch etwas dazu!« Und er hüpfte in die Stube hinein. Es war Niemand zugegen; das sah der Dritte, flog noch tiefer in die Stube und rief: »Entweder ganz oder gar nicht! Es ist übrigens ein sonderbares Menschennest; und was haben sie hier aufgestellt! Was ist denn das?«
Dicht vor den Sperlingen blühten ja die Rosen; sie spiegelten sich im Wasser ab, und die verkohlten Balken lehnten an dem überhängenden Schornsteine! »Nein? was ist denn das? Wie kommt dies in das Zimmer auf den Edelhof?«
Und alle drei Sperlinge wollten über die Rosen und den Schornstein wegfliegen, sie flogen aber gegen eine flache Wand an. Alles war ein Gemälde, ein großes prächtiges Bild, welches der Maler nach einer Skizze ausgeführt hatte.
»Piep!« sagten die Sperlinge, »es ist nicht! Es sieht nur nach etwas aus. Piep! das ist das Schöne. Kannst Du es begreifen? Ich nicht!« Und sie flogen davon, denn Menschen traten in die Stube.
Jahre und Tage vergingen; die Tauben hatten oft gekurrt, um nicht zu sagen: geknurrt, die boshaften Thiere: die Sperlinge hatten im Winter gefroren und im Sommer flott gelebt; sie waren alle verlobt oder verheirathet oder wie man es nennen will. Sie hatten Junge, und Jeder hielt natürlich seine für die schönsten und klügsten; einer flog hier hin, einer dort hin, und begegneten sie sich, so erkannten sie einander an ihrem »Piep« und dem dreimaligen Kratzen mit dem linken Fuße. Das Aelteste war ein Sperlingsfräulein geblieben, welches kein Nest und keine Jungen hatte; seine Lieblingsidee war, eine große Stadt zu sehen; es flog daher nach Kopenhagen.
Ein großes Haus erblickte man da mit vielen bunten Farben dicht am Schloß und am Canal, worin viele mit Aepfeln und Töpfen beladene Schiffe schwammen. Die Fenster waren unten breiter, als oben, und wenn die Sperlinge hindurch guckten, so kam ihnen jede Stube wie eine Tulpe mit den buntesten Farben und Schattirungen vor. Mitten in der Tulpe aber standen weiße Menschen, die waren aus Marmor; einige auch aus Gyps; doch mit Sperlingsaugen betrachtet, bleibt sich das gleich. Oben auf dem Dache stand ein Metallwagen mit Metallpferden bespannt, und die Siegesgöttin, ebenfalls aus Metall, lenkte sie. Es war Thorwaldsen's Museum.
»Wie es glänzt, wie es glänzt!« sagte das Sperlingsfräulein. »Das wird wohl das Schöne sein. Piep! Hier ist es aber größer als ein Pfau!« Es erinnerte sich noch aus seinen Kinderjahren an Das, was seine Mutter als das Größte unter dem Schönen erkannt hatte. Es flog in den Hof hinunter; da war Alles außerordentlich prächtig; an die Mauern waren Palmen und Zweige gemalt; mitten im Hofe stand ein großer, blühender Rosenstrauch; er breitete seine frischen Zweige mit den vielen Rosen über ein Grab hin. Dahin flog das Sperlingsfräulein, denn es sah dort mehrere, seines Schlages. Piep und drei Kratzfüße – so hatte es das Jahr hindurch oft gegrüßt und Niemand hier hatte geantwortet; denn die einmal getrennt sind, treffen sich nicht alle Tage: der Gruß war ihm zur Gewohnheit geworden. – Heute aber antworteten zwei alte Sperlinge und ein junger mit »Piep!« und dreimaligem Kratzen mit dem linken Fuße.
»Ah! Guten Tag! Guten Tag!« Es waren zwei Alte aus dem Neste und noch ein Kleiner aus der Familie. »Treffen wir uns hier? Es ist ein vornehmer Ort, aber es giebt nicht viel zu essen. Das ist das Schöne! Piep!«
Und viele Menschen traten aus den Seitengemächern heraus, wo die prächtigen Marmorgestalten standen, und näherten sich dem Grabe, das den großen Meister barg, der die Marmorgestalten gebildet hatte. Alle standen mit verklärten Gesichtern um Thorwaldsen's Grab, und Einzelne lasen die abgefallenen Rosenblätter auf und bewahrten sie auf. Sie waren weit hergekommen: Einer aus dem mächtigen England, Andere aus Deutschland und Frankreich. Die schönste Dame pflückte eine der Rosen und barg sie in ihrem Busen. Da glaubten die Sperlinge, daß die Rosen hier regierten, und daß das Haus ihretwegen gebaut sei; das schien ihnen nun allerdings zu viel, indeß, da die Menschen alle ihre Liebe für die Rosen zeigten, wollten sie nicht zurückbleiben. »Piep!« sagten sie und kehrten den Fußboden mit ihren Schwänzen und blinzelten mit einem Auge nach den Rosen; sie hatten sie nicht lange betrachtet, da überzeugten sie sich, daß es die alten Nachbarn waren. Und sie waren es wirklich. Der Maler, welcher den Rosenbusch bei dem abgebrannten Hause gezeichnet, hatte später Erlaubniß erhalten, ihn auszugraben, und hatte ihn dem Baumeister gegeben, denn schönere Rosen hatte man nie gesehen; und der Baumeister hatte ihn auf Thorwaldsen's Grab gepflanzt, wo er als Bild des Schönen blühte und feine rothen, duftenden Rosenblätter hingab, um nach fernen Landen als Erinnerung getragen zu werden.
»Habt ihr hier in der Stadt Anstellung gefunden?« fragten die Sperlinge.
Die Rosen nickten; sie erkannten die grauen Nachbarn, und freuten sich, sie wiederzusehen. »Wie es doch herrlich ist, zu leben und zu blühen, alte Freunde wiederzusehen und jeden Tag fröhliche Gesichter! Es ist, als wäre jeder ein Festtag.« »Piep!« sagten die Sperlinge. »Ja, es sind wahrlich die alten Nachbarn; ihre Abstammung vom Teiche her ist uns erinnerlich. Piep! Wie die zu Ansehen gekommen sind. Ja, Manchem gelingt es im Schlafe! – – Ah! da sitzt ein verwelktes Blatt, das sehe ich ganz deutlich!« Und sie pickten so lange daran, bis das Blatt abfiel. Aber frischer und grüner stand der Busch da; die Rosen dufteten im Sonnenschein auf Thorwaldsen's Grabe, an dessen unsterblichen Namen sie sich anschlossen.
Die Kröte
Inhaltsverzeichnis
Der Brunnen war tief, deshalb war das Seil lang; die Winde drehte sich schwer, wenn man den Eimer mit Wasser gefüllt über die Brunnenkante hinauf heben mußte. So klar das Wasser auch war, so reichte die Sonne doch niemals so weit in den Brunnen hinab, daß sie sich im Wasser spiegeln konnte, aber so weit sie zu scheinen reichte, wuchs Grünes zwischen den Steinen der Brunnenwände hervor.
Es wohnte dort unten eine Familie vom Krötengeschlechte; sie war eigentlich kopflings hinunter gerathen durch die alte Krötenmutter, die noch lebte. Die grünen Frösche, die weit früher hier zu Hause waren und im Wasser umherschwammen, erkannten die Vetterschaft an und nannten sie die »Brunnengäste«. Diese mochten aber im Sinne haben dort zu bleiben; sie lebten hier sehr angenehm auf dem Trockenen, wie sie die nassen Steine nannten.
Die Froschmutter war einmal gereist, war im Wassereimer gewesen, als dieser aufwärts ging, aber es wurde ihr zu licht, sie bekam Augenschmerzen, glücklicher Weise gelangte sie aus dem Eimer heraus; sie fiel mit einem entsetzlichen Plump in's Wasser und lag drei Tage darauf krank an Rückenschmerzen. Von der Welt oberhalb sollte sie freilich nicht viel erzählen können, aber das wußte sie, und das wußten sie alle, daß der Brunnen nicht die ganze Welt sei. Die Krötenmutter hätte zwar Dieses und Jenes erzählen können, aber sie antwortete niemals, wenn man sie fragte, und so fragte man nicht.
»Dick, fett und häßlich ist sie,« sagten die jungen grünen Frösche. »Ihre Jungen werden ebenso häßlich sein!«
»Das mag sein!« sagte die Krötenmutter, »aber eins von ihnen hat einen Edelstein im Kopfe oder ich habe ihn!«
Die grünen Frösche horchten und glotzten, und weil ihnen das nicht gefiel, so machten sie Grimassen und gingen in die Tiefe. Aber die Krötenjungen streckten die Hinterbeine aus vor lauter Stolz, jedes von ihnen glaubte, den Edelstein zu haben; und darauf saßen sie ganz still mit dem Kopfe, aber endlich fragten sie, was es wäre, worauf sie stolz wären und was so ein Edelstein eigentlich für ein Ding sei.
»Das ist etwas so Herrliches und Köstliches, daß ich es gar nicht beschreiben kann!« sagte die Krötenmutter. »Es ist Etwas, womit man zu seinem eigenen Vergnügen umhergeht und über welches die Andern sich ärgern. Aber fragt nicht, ich antworte nicht!«
»Ja, ich habe den Edelstein nicht!« sagte die kleinste Kröte; sie war so häßlich wie nur eine sein kann. »Weshalb sollte auch ich eine solche Herrlichkeit haben? Und wenn sie Andere ärgert, kann sie mich ja nicht erfreuen! Nein, ich wünsche nur, daß ich einmal bis an den Brunnenrand hinaufkommen und hinausschauen könnte; dort muß es reizend sein!«
»Bleibe Du am liebsten, wo Du bist!« sagte die Alte, »hier kennst Du Alles und weißt was Du hast! Nimm Dich in Acht vor dem Eimer, der zerdrückt Dich; und kommst Du auch wohlbehalten hinein, so könntest Du herausfallen; nicht Alle fallen so glücklich wie ich und kommen mit ganzen Gliedmaßen und ganzen Eiern davon!«
»Quak!« sagte die Kleine, und es war grade als wenn wir Menschen »Ach!« sagen.
Sie hatte ein zu großes Verlangen bis zur Brunnenkante hinauf zu gelangen und dort auszuschauen; sie fühlte eine zu große Sehnsucht nach dem Grünen dort oben; und als am nächsten Morgen zufällig der mit Wasser gefüllte Eimer aufgewunden wurde und einen Augenblick unterwegs grade vor dem Steine anhielt, auf welchem die Kröte saß, bebte es im Innern des kleinen Thieres, es sprang in den gefüllten Eimer, der nun vollends hinaufgewunden und ausgegossen wurde.
»Pfui Teufel!« sagte der Knecht, der den Eimer ausgoß und die Kröte erblickte. »So was Häßliches habe ich lange nicht gesehen!« Und mit seinem holzbeschuhten Fuße stieß er nach der Kröte, die beinahe verstümmelt worden wäre, sich aber doch in die hohen Nesseln hinein rettete, die am Brunnen standen. Hier sah sie Stiel an Stiel stehen, sie schaute aber auch aufwärts! Die Sonne schien auf die Blätter, die ganz transparent waren; ihr war zu Muthe wie uns Menschen, wenn wir plötzlich in einen großen Wald treten, wo die Sonne zwischen Zweige und Blätter hinein scheint.
»Hier ist es viel schöner wie unten im Brunnen! Hier möchte man sein Leben lang bleiben!« sagte die kleine Kröte. Sie blieb deshalb eine Stunde, ja zwei Stunden liegen. »Was wohl draußen sein mag? Bin ich so weit gekommen, muß ich auch versuchen weiter zu kommen!« Sie kroch so schnell als sie kriechen konnte, und gelangte auf die Landstraße hinaus, wo die Sonne sie beschien und wo der Staub sie puderte, als sie quer über die Straße marschirte.
»Hier ist man richtig auf's Trockene gelangt!« sagte die Kröte, »es ist beinahe zu viel des Guten, es kribbelt in mir!«
Sie erreichte den Graben; hier wuchsen Vergißmeinnicht und Spiräen, ganz in der Nähe war eine Hecke von Weißdorn und auch Hollunder wuchs da und Schlingpflanzen mit weißen Blüthen; hier waren Couleurs zu sehen; auch ein Schmetterling flog da umher; die Kröte meinte, es sei eine Blume, die sich losgerissen habe, damit sie sich besser in der Welt umschauen könne, das wäre ja ganz natürlich.
»Wenn man solche Fahrt machen könnte wie die,« sagte die Kröte. »Quak! Ach! welche Herrlichkeit!«
Sie blieb acht Nächte und Tage am Graben und hatte keinen Mangel an Eßwaaren. Am neunten Tage dachte sie: »vorwärts, weiter!« – Aber was könnte sie Herrlicheres und Schöneres finden? Vielleicht eine kleine Kröte oder einige grüne Frösche. Es hatte die letzte Nacht grade so im Winde gelautet, als seien »Vettern« in der Nähe.
»Es ist herrlich zu leben! Herrlich aus dem Brunnen heraus zu kommen, in Brennnesseln zu liegen, auf dem staubigen Wege zu kriechen! Aber weiter, vorwärts! um Frösche oder eine kleine Kröte zu finden, das ist nicht gut zu entbehren, die Natur ist Einem nicht genug!« Damit ging sie wieder auf die Wanderung.
Sie gelangte auf's Feld an einen großen Teich, der mit Schilf umwachsen war; sie spazierte hinein.
»Hier wird's Ihnen wohl zu naß sein!« sagten die Frösche; »aber Sie sind sehr willkommen! Sind Sie ein Er oder eine Sie? Es thut nichts zur Sache, Sie sind gleich willkommen!«
Und nun wurde sie Abends zum Concert, zum Familienconcert eingeladen: große Begeisterung und dünne Stimmen; das kennen wir. Bewirthung fand nicht statt, nur freies Getränk gab es, den ganzen Teich.
»Jetzt reise ich weiter!« sagte die kleine Kröte; sie fühlte immer einen Drang zu etwas Besserem.
Sie sah die Sterne blitzen, so groß, so hell, sah den Neumond leuchten, sah die Sonne aufgehen, immer höher und höher steigen.
»Ich bin am Ende noch im Brunnen, in einem größeren Brunnen, ich muß höher hinauf! Ich habe eine große Unruhe und Sehnsucht!« Und als der Mond voll und rund wurde, dachte das arme Thier: »Ob das wohl der Eimer ist, der herabgelassen wird, und in den ich hineinspringen muß, um höher hinauf zu gelangen? Oder ist die Sonne der große Eimer? Wie der groß ist, wie der strahlend ist, der kann uns Alle aufnehmen! Ich muß aufpassen, daß ich die Gelegenheit nicht versäume! O, wie es in meinem Kopfe leuchtet! Ich glaube, der Edelstein kann nicht besser leuchten! Aber den habe ich nicht, und darum weine ich auch nicht, nein, höher hinauf in Glanz und Freude! Ich habe eine Zuversicht, und doch eine Angst, – es ist ein schwerer Schritt zu thun, aber man muß ihn thun! Vorwärts! Immer gerade aus!«
Sie that einige Schritte, wie sie ein Kriechthier eben schreiten kann, und befand sich bald auf einem Wege, an welchem Menschen wohnten; hier waren sowohl Blumengärten als Kohlgärten. Sie ruhte aus an einem Kohlgarten.
»Wie gibt es doch so viele verschiedene Geschöpfe, die ich nie gekannt habe! Und wie ist die Welt so groß und schön! Aber man muß sich auch umsehen in ihr und nicht an einem Orte sitzen bleiben.« Und sie hüpfte in den Kohlgarten hinein. »Wie ist es hier grün, wie ist es hier schön!«
»Das weiß ich schon!« sagte die Kohlraupe auf dem Blatte. »Mein Blatt ist das größte hier! Es verdeckt die halbe Welt, aber ich kann sie entbehren!«
»Gluck! Gluck!« sagte es, es kamen Hühner heran; sie trippelten im Kohlgarten umher. Das Huhn, welches an der Spitze ging, war fernsichtig, es erblickte die Raupe auf dem krausen Blatte und schnappte nach ihr, daß sie auf die Erde fiel, wo sie sich krümmte und wand. Das Huhn betrachtete sie erst mit dem einen Auge, dann mit dem andern, denn es wußte nicht, was aus dem Krümmen herauskommen könnte.
»Sie thut es nicht gutwillig!« dachte das Huhn und hob den Kopf, um nach ihr zu schnappen. Die Kröte entsetzte sich so sehr dabei, daß sie gerade auf das Huhn zukroch.
»Also, die hat Hilfstruppen!« sagte das Huhn. »Sieh mal das Gekrieche an!« Und so kehrte das Huhn um. »Ich mache mir nichts aus dem kleinen grünen Bissen, er könnte höchstens den Hals kitzeln!« Die anderen Hühner waren derselben Ansicht und sie kehrten nun Alle um.
»Ich wand mich von ihm los!« sagte die Raupe; »es ist gut, wenn man Geistesgegenwart besitzt; aber das Schwerste bleibt noch übrig: auf mein Kohlblatt wieder zu kommen. Wo ist das?«
Und die kleine Kröte kam heran und äußerte ihre Theilnahme. Sie freute sich, daß sie in ihrer Häßlichkeit den Hühnern einen Schreck eingejagt hatte.
»Was meinen Sie damit?« fragte die Raupe. »Ich wand mich ja selbst von dem Huhne los. Sie sind sehr unangenehm anzusehen! Darf ich wohl auf meinem Eigenthume in Ruhe sein? Jetzt rieche ich Kohl! Jetzt bin ich bei meinem Blatte! Nichts ist so schön als Eigenthum. Aber ich muß höher hinauf!«
»Ja, höher hinauf!« sagte die kleine Kröte, »höher hinauf! Sie fühlt grade wie ich! Aber sie ist heute nicht guter Laune, das kommt von dem Schrecken. Alle wollen wir höher hinauf!« Und sie sah so hoch hinauf als sie konnte.
Der Storch saß in seinem Neste auf dem Dache des Bauernhauses; er klapperte und die Storchmutter klapperte.
»Wie die hoch wohnen!« dachte die Kröte. »Wer dort hinauf könnte!«
In dem Bauernhause wohnten zwei junge Studenten; der Eine war Poet, der Andere Naturforscher; der Eine sang und schrieb in Freude von Allem, was Gott geschaffen hatte und wie es sich in seinem Herzen spiegelte; er sang es aus, kurz, klar und reich in klangvollen Versen; der Andere griff das Ding selbst an, ja schnitt es auf, wenn es sein mußte. Er betrachtete die Schöpfung Gottes als ein großes Rechen-Exempel, subtrahirte, multiplicirte, wollte es in- und auswendig kennen, mit Verstand darüber sprechen, und das war ganzer Verstand, und er sprach in Freude und mit Klugheit davon. Es waren gute, fröhliche Menschen, die Beiden.
»Da sitzt ja ein gutes Exemplar von einer Kröte!« sagte der Naturforscher; »das muß ich in Spiritus haben!«
»Du hast ja schon zwei Andere!« sagte der Poet; »laß die in Ruhe sitzen und sich des Lebens freuen!«
»Aber sie ist so wunderbar häßlich!« sagte der Andere.
»Ja, wenn wir den Edelstein in ihrem Kopfe finden könnten,« sagte der Poet, »dann würde ich selbst mit dabei sein sie aufzuschneiden.«
»Edelstein!« sagte der Andere, »Du scheinst viel von der Naturgeschichte zu wissen!«
»Aber ist nicht grade etwas Schönes an dem Volksglauben, daß die Kröte, das häßlichste Thier, oft den köstlichsten Edelstein in ihrem Kopfe trägt?! Geht es nicht grade so mit dem Menschen? Welchen Edelstein hatte nicht Aesop, und vollends Sokrates? –«
Mehr hörte die Kröte nicht, und sie begriff nicht die Hälfte davon. Die beiden Freunde schritten weiter und sie entging dem Schicksale, in Spiritus zu kommen.
»Die Beiden sprachen auch von dem Edelsteine!« sagte die Kröte, »Wie gut, daß ich ihn nicht habe! Ich hätte sonst Unannehmlichkeiten haben können.«
Nun klapperte es auf dem Dache des Bauernhauses; Storchvater hielt Vortrag für die Familie, und diese schielte auf die zwei jungen Menschen im Kohlgarten hinab. »Der Mensch ist die eingebildetste Kreatur!« sagte der Storch. »Hört, wie das Maulwerk ihnen geht, und dabei können sie doch nicht ordentlich klappern. Sie brüsten sich mit ihren Rednergaben, mit ihrer Sprache! Das ist mir eine schöne Sprache: sie geht in's Unverständliche über bei jeder Tagereise, die wir machen; der Eine versteht den Andern nicht. Unsere Sprache können wir überall auf der ganzen Erde sprechen, im hohen Norden und in Egypten. Fliegen können die Menschen auch nicht! Sie schießen dahin durch eine Erfindung, die sie »Eisenbahn« nennen, aber sie brechen auch oft den Hals dabei. Es läuft mir kalt über den Schnabel, wenn ich daran denke! Die Welt kann ohne Menschen bestehen. Wir können sie entbehren! Wenn wir nur Frösche und Regenwürmer behalten!«
»Das war denn eine gewaltige Rede!« dachte die kleine Kröte. »Ein wie großer Mann ist der, und wie sitzt er hoch, so hoch wie ich noch Niemand sitzen sah! Und wie kann er schwimmen!« rief sie, als der Storch mit ausgebreiteten Flügeln durch die Luft dahinfuhr.
Und Storchmutter sprach im Neste, erzählte von Egypten, von den Gewässern des Nils und von dem Schlamme sonder Gleichen, der im fremden Lande war; es klang der kleinen Kröte ganz neu und reizend.
»Ich muß nach Egypten!« sagte sie. »Wenn nur der Storch oder eins seiner Jungen mich mitnehmen wollte. Ich würde ihm wieder gefällig sein. Ja, ich werde nach Egypten kommen, denn ich bin so glücklich! All' die Sehnsucht und all' die Lust, die ich habe, ist freilich besser als einen Edelstein im Kopfe zu haben!«
Und dabei hatte sie grade den Edelstein: die ewige Sehnsucht und Lust nach aufwärts, immer aufwärts! Es leuchtete drinnen im Kopfe, leuchtete in Freude, strahlte in Lust.
Da kam plötzlich der Storch heran, der hatte die Kröte im Grase gesehen, fuhr nieder und faßte das kleine Thier eben nicht sanft an. Der Schnabel klemmte, der Wind sauste, es war nicht angenehm, aber aufwärts ging es, aufwärts nach Egypten, das wußte sie; und deshalb blitzten die Augen, es war als flöge ein Funken aus ihnen heraus.
»Quak: Ach!«
Der Körper war todt, die Kröte getödtet. Aber der Funken aus ihren Augen, wo blieb der?
Der Sonnenstrahl nahm ihn, der Sonnenstrahl trug den Edelstein vom Kopfe der Kröte. Wohin?
Frage nicht den Naturforscher, frage lieber den Poeten; er erzählt es Dir wie ein Märchen; und die Kohlraupe und die Storchfamilie ist mit in dem Märchen. Denke! die Kohlraupe wird verwandelt und aus ihr wird ein schöner Schmetterling! Die Storchfamilie fliegt über Berge und Meere nach dem fernen Afrika, und findet doch den kürzesten Weg zurück nach Hause, nach demselben Lande, demselben Dache! Ja, das ist freilich fast gar zu abenteuerlich, und doch ist es wahr; Du kannst sogar den Naturforscher fragen, er muß es zugestehen; und Du selbst weißt es auch, denn Du hast es gesehen.
– Aber der Edelstein im Kopfe der Kröte?
Suche ihn in der Sonne! Sieh' ihn, wenn Du kannst!
Der Glanz dort ist zu stark. Wir haben noch die Augen nicht, um in die Herrlichkeit hineinsehen zu können, die Gott geschaffen hat, aber wir werden sie schon bekommen, und das wird das schönste Märchen sein, denn wir sind selbst mit in dem Märchen.
Der Vogel des Volksliedes
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Es ist Winterzeit; die Erde hat eine Schneedecke, als wäre sie von Marmor, aus dem Felsen gehauen; die Luft ist hell und klar, der Wind ist scharf wie ein hart geschmiedetes Schwert, die Bäume stehen da wie weiße Korallen, wie blühende Mandelzweige, hier ist es frisch wie auf den hohen Alpen.
Die Nacht ist prächtig im Nordlichtscheine, im Glänze unzähliger funkelnder Sterne.
Es kommen die Stürme, die Wolken erheben sich und schütteln Schwanendaunen herab; die Schneeflocken jagen, decken Hohlweg und Haus, das offene Feld und die eingeschlossenen Straßen.
Aber wir sitzen in der warmen Stube, am glühenden Ofen und erzählen uns von alten Zeiten; wir hören eine Sage:
An dem offenen Meere lag ein Riesengrab, auf dem saß zur Mitternachtszeit der Geist des begrabenen Helden, der ein König gewesen war; der Goldreif leuchtete von seiner Stirn, das Haar flatterte im Winde, er war in Stahl und Eisen gekleidet; er beugte sorgenvoll sein Haupt und seufzte in tiefem Schmerze, wie ein unseliger Geist.
Da segelte ein Schiff vorbei. Die Matrosen warfen den Anker aus und stiegen an's Land. Unter ihnen war ein Sänger; der trat zum Königs-Geiste und fragte: »Warum trauerst Du und warum leidest Du?«
Da antwortete der Todte: »Niemand hat die Thaten meines Lebens besungen; sie sind todt und vergessen; der Gesang trägt sie nicht über die Länder hinaus und in die Herzen der Menschen; darum habe ich keine Ruhe; keinen Frieden!«
Und er sprach von seinen Werken und Großthaten, die seine Zeitgenossen gekannt, aber nicht besungen, denn unter ihnen war kein Sänger.
Da griff der alte Barde in die Saiten der Harfe und sang von dem Jugendmuthe des Helden, von der Kraft des Mannes und der Größe der guten Thaten. Dabei leuchtete des Todten Angesicht wie der Wolkensaum im Mondenscheine: froh und hochselig erhob sich die Gestalt in Glanz und Strahlen, sie entschwand wie ein Nordlichtschein; man sah nur noch den grünen Rasenhügel mit den runenlosen Steinen; aber darüber hin schwang sich, beim letzten Klange der Saiten, so recht, als wenn er aus der Harfe käme, ein kleiner Vogel, der reizendste Singvogel, mit dem klangvollen Schlage der Drossel, mit dem seelenvollen Schlage des Menschenherzens, dem Klange des Heimathlandes, wie der Zugvogel ihn hört. Der Singvogel flog über die Berge, über Thal, über Feld und Wald, – das war der Vogel des Volksliedes, der niemals stirbt.
Wir hören den Gesang; wir hören ihn jetzt hier in der Stube, während die weißen Bienen draußen schwärmen und der Sturm starke Griffe thut. Der Vogel singt uns nicht blos die Trauerklage der Helden, er singt auch fuße, sanfte Liebesgesänge, so warme und so viele, von der Treue im Norden; er hat Märchen in Worten und Tönen; er hat Sprüchwörter und Liedersprüche, die, gleich Runen unter des Todten Zunge gelegt, – ihn zum Sprechen nöthigen, und so weiß das Volkslied von seinem Heimathlande!
In der alten Heidenzeit, in der Vikingerzeit, hing seine Rede in des Barden Harfe.
In den Tagen der Ritterburgen, als die Faust die Wagschale der Gerechtigkeit hielt, nur die Macht das Recht war, ein Bauer und ein Hund von gleicher Bedeutung, – wo fand da der Vogel des Gesanges Obdach und Schutz? Weder Rohheit noch Dummheit dachten an ihn.
Aber, in dem Erker der Ritterburg, wo die Burgfrau vor dem Pergamente saß und die alten Erinnerungen in Gesängen und Sagen niederschrieb, und das alte Mütterchen aus dem Walde und der Tabulettkrämer, der immer herumwandernde, bei ihr saßen und erzählten, da flog er über sie hin, da flatterte, zwitscherte und sang der Vogel, der niemals stirbt, so lange die Erde einen Hügel für seinen Fuß hat, für den Vogel des Volksliedes.
Nun singt er zu uns herein. Draußen ist der Schneesturm und die Nacht; er legt die Runen unter unsere Zunge, wir kennen unser Heimathland; Gott spricht zu uns in unserer Muttersprache, in den Tönen des Vogels vom Volksliede. Die alten Erinnerungen tauchen auf, die erblichenen Farben frischen sich auf, die Sage und der Gesang geben einen Segenstrunk, der Sinn und Gedanken erhebt, so daß der Abend ein Weihnachtsfest wird.
Die Schneeflocken jagen, das Eis kracht, der Sturm herrscht, denn er hat die Macht, er ist der Herr, – aber doch nicht unser Herr-Gott!
Es ist Winterzeit, der Wind ist scharf wie ein hartgeschmiedetes Schwert; die Schneeflocken jagen, – es schneite, so schien es uns, Tage und Wochen, und der Schnee liegt wie ein ungeheurer Schneeberg über der großen Stadt; ein schwerer Traum in der Winternacht. Alles ist auf der Erde verborgen und fort, nur das goldene Kreuz der Kirche, das Symbol des Glaubens, erhebt sich über dem Schneegrabe und leuchtet in der blauen Luft, in dem klaren Sonnenscheine.
Und über der begrabenen Stadt stiegen die Vögel des Himmels, die kleinen und die großen; sie zwitschern und singen, wie sie es grade können, jeder Vogel mit seinem Schnabel.
Zuerst kommt die Schaar der Sperlinge; sie piepen bei allen Kleinigkeiten in der Straße und in der Gasse, im Neste und im Hause; die wissen Geschichten vom Vorder- und Hinterhause. »Wir kennen die begrabene Stadt,« sagen sie. »Alles Lebendige darin hat Pip! Pip! Pip!«
Die schwarzen Raben und Krähen stiegen über den weißen Schnee. »Grab! grab!« schreien sie. »Da unten ist noch Etwas zu bekommen, Etwas für den Schlund, das ist das Wichtigste; das ist die Meinung der Meisten da unten im Grunde, und die Meinung ist bra', bra', brav!« Die wilden Schwäne kommen auf sausenden Flügeln und singen von dem Herrlichen und dem Großen, das noch aus den Gedanken und Herzen der Menschen hervorsprossen wird dort unten, in der unter der Schneedecke ruhenden Stadt.
Da ist kein Tod, da waltet das Leben; wir vernehmen es in den Tönen, die gleich der Kirchenorgel brausen, die uns ergreifen wie der Klang von der Elfenhöhe, wie die Gesänge Ossian's, wie der brausende Flügelschlag der Walkyren. Welcher Einklang! der spricht in unserm Herzen, erhebt unfern Gedanken, – das ist der Vogel des Volksliedes, den wir hören!
Und in diesem Augenblicke weht der warme Hauch Gottes vom Himmel herunter, die Schneeberge bekommen Spalten, die Sonne scheint hinein, der Frühling kommt, die Vogel kommen, neue Geschlechter, mit den heimathlichen, denselben Tonen.
Höre die Geschichte des Jahres: »Die Macht des Schneesturmes, der schwere Traum der Winternacht – Alles löst sich, Alles erhebt sich, im herrlichen Gesänge des Vogels des Volksliedes, der Niemals stirbt!«
Die Geschichte von einer Mutter
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Eine Mutter saß bei ihrem kleinen Kinde: sie war sehr betrübt und fürchtete, daß es sterben möchte. Sein Gesichtchen war bleich, die kleinen Augen hatten sich geschlossen. Das Kind holte schwer und zuweilen so tief Athem, als wenn es seufzte; und die Mutter sah noch trauriger auf das kleine Wesen.

Da klopfte es an die Thüre, und ein armer, alter Mann trat ein, der in eine große Pferdedecke gehüllt war, denn die hält warm, und das hatte er nöthig; es war ja kalter Winter. Draußen war Alles mit Eis und Schnee bedeckt, und der Wind blies so scharf, daß er in's Gesicht schnitt.
Da der alte Mann vor Kälte zitterte und das kleine Kind einen Augenblick schlief, ging die Mutter und setzte Bier in einem kleinen Topfe in den Ofen, um es für ihn zu wärmen. Der alte Mann setzte sich und wiegte, und die Mutter setzte sich auf einen alten Stuhl neben ihn, sah auf ihr krankes Kind, das so tief Athem holte, und erfaßte die kleine Hand.
»Nicht wahr, Du glaubst doch auch, daß ich es behalten werde?« fragte sie. »Der liebe Gott wird es nicht von mir nehmen!«
Der alte Mann – er war der Tod – nickte so sonderbar, daß es ebenso gut Ja, wie Nein bedeuten konnte. Die Mutter aber schlug die Augen nieder, und Thränen rollten ihr die Wangen herab. – Der Kopf wurde ihr schwer; in drei Tagen und drei Nächten hatte sie kein Auge geschlossen; und nun schlief sie, aber nur eine Minute; dann fuhr sie auf und bebte vor Kälte. Was ist das? fragte sie und sah sich nach allen Seiten um: Aber der alte Mann war fort, und ihr kleines Kind war fort: er hatte es mit sich genommen. Dort in der Ecke schnurrte und surrte die alte Uhr; das schwere Bleigewicht lief bis auf den Fußboden herab – plumps! – da stand die Uhr still.
Die arme Mutter stürzte zum Hause hinaus und rief nach ihrem Kinde.
Draußen, mitten im Schnee, saß eine Frau in langen, schwarzen Kleidern und sprach: »Der Tod ist bei Dir in Deiner Stube gewesen; ich sah ihn mit Deinem kleinen Kinde davon eilen; er schreitet schneller als der Wind, und bringt niemals zurück, was er genommen hat!«
»Sage mir blos, welchen Weg er gegangen ist!« sagte die Mutter. »Sage mir den Weg, und ich werde ihn finden.«
»Ich kenne ihn,« sagte die Frau in den schwarzen Kleidern; »aber bevor ich ihn Dir sage, mußt Du mir erst alle die Lieder vorsingen, die Du Deinem Kinde vorgesungen hast. Ich liebe diese Lieder; ich habe sie früher gehört; ich bin die Nacht und sah Deine Thränen, als Du sie sangst.«
»Ich will sie alle, alle singen!« sagte die Mutter. »Aber halte mich nicht auf, damit ich ihn einholen, damit ich mein Kind wiederfinden kann!«
Aber die Nacht saß stumm und still. Da rang die Mutter die Hände, sang und weinte. Und es gab viele Lieder, aber noch mehr Thränen! Dann sagte die Nacht: »Geh' rechts in den düstern Fichtenwald hinein; dahin sah ich den Tod mit dem kleinen Kinde den Weg nehmen.«
Tief drinnen im Walde kreuzte sich der Weg, und sie wußte nicht mehr, welche Richtung sie einschlagen sollte. Da stand ein Schwarzdornbusch, der hatte weder Blätter noch Blumen; aber es war ja auch um die kalte Winterzeit, und Eiszapfen hingen an den Zweigen.
»Hast Du den Tod mit meinem kleinen Kinde vorbeigehen sehen?«
»Ja!« sagte der Schwarzdornbusch; »aber ich sage Dir nicht, welchen Weg er genommen hat, wenn Du mich nicht zuvor an Deinem Busen erwärmen willst! Ich friere hier todt, ich werde zu lauter Eis!«
Und sie drückte den Schwarzdornbusch fest an ihre Brust, damit er recht aufthauen könne. Die Dornen drangen in ihr Fleisch ein und ihr Blut floß in großen Tropfen. Aber der Schwarzdornbusch schoß frische, grüne Blätter und bekam Blüthen in der kalten Winternacht; so warm ist es an dem Herzen einer betrübten Mutter! Der Schwarzdornbusch sagte ihr darauf den Weg, den sie gehen sollte.
Da kam sie an einen großen See, auf dem sich weder Schiff noch Kahn befand. Der See war nicht genug gefroren, um sie tragen, und auch nicht offen und flach genug, um durchwatet werden zu können – und doch mußte sie über denselben, wollte sie ihr Kind finden. Da legte sie sich nieder, um den See auszutrinken; das war ja unmöglich für einen Menschen. Aber die betrübte Mutter dachte, daß vielleicht ein Wunder geschehen könnte.
»Nein, das wird niemals gehen!« sagte der See. »Laß uns Beide lieber sehen, daß wir einig werden! Ich liebe es, Perlen zu sammeln, und Deine Augen sind zwei der klarsten, die ich je gesehen: willst Du sie in mich ausweinen, dann will ich Dich nach dem großen Treibhause hinüber tragen, wo der Tod wohnt und Blumen und Bäume pflegt; jeder von diesen ist ein Menschenleben.«
»O, was gebe ich nicht, um zu meinem Kinde zu kommen!« sagte die verweinte Mutter. Sie weinte noch mehr, und ihre Augen fielen auf den Grund des Sees hinab und wurden zwei kostbare Perlen. Aber der See hob sie in die Höhe, als säße sie in einer Schaukel, und in einer Schwingung flog sie an das jenseitige Ufer, wo ein meilenlanges wunderbares Haus stand. Man wußte nicht, ob es ein Berg mit Wäldern und Höhlen, oder ob es gezimmert war. Aber die arme Mutter konnte es nicht sehen: sie hatte ja ihre Augen ausgeweint.
»Wo werde ich den Tod finden, der mit meinem kleinen Kinde davon ging?« fragte sie.
»Hier ist er noch nicht angekommen!« sagte ein altes graues Weib, das dort umherging und auf das Treibhaus des Todes Achtung geben mußte. »Wie hast Du Dich denn hierher gefunden, und wer hat Dir geholfen?«
»Der liebe Gott hat mir geholfen!« antwortete sie. »Er ist barmherzig, und das wirst Du auch sein. Wo werde ich mein kleines Kind finden?«
»Ich kenne es nicht,« sagte das alte Weib, »und Du kannst ja nicht sehen! – Viele Blumen und Bäume sind diese Nacht verwelkt, der Tod wird bald kommen, um sie umzupflanzen. Du weißt es wohl, daß jeder Mensch seinen Lebensbaum oder seine Lebensblume hat, wie gerade ein jeder eingerichtet ist. Sie sehen aus, wie andere Gewächse, aber ihre Herzen schlagen. Kinderherzen können auch schlagen! Darnach richte Dich, vielleicht erkennst Du den Herzschlag Deines Kindes. Aber was giebst Du mir, wenn ich Dir sage, was Du noch mehr thun mußt?«
»Ich habe nichts zu geben,« sagte die betrübte Mutter. »Aber ich will für Dich bis ans Ende der Welt gehen.«
»Da habe ich nichts zu besorgen,« sagte das alte Weib; »aber Du kannst mir Dein langes, schwarzes Haar geben; Du weißt wohl selbst, daß es schon ist; das gefällt mir! Du kannst mein weißes dafür bekommen; das ist doch immer etwas!«
»Verlangst Du weiter nichts!« sagte sie. »Das gebe ich Dir mit. Freuden!« Und sie gab ihr ihr schönes Haar und erhielt dafür das schneeweiße des alten Weibes.
Dann gingen sie in das große Treibhaus des Todes, wo Blumen und Bäume wunderbar durcheinander wuchsen. Da standen seine Hyacinthen unter Glasglocken, und große, baumstarke Pfingstrosen. Da wuchsen Wasserpflanzen, einige ganz frisch, andere halb krank; Wasserschlangen legten sich auf sie, und schwarze Krebse klemmten sich am Stengel fest. Da standen prächtige Palmenbäume, Eichen und Platanen, Petersilie und blühender Thymian. Alle Bäume und Blumen hatten ihre Namen; sie waren Jeder ein Menschenleben; die Menschen lebten noch, der eine in China, der andere in Grönland, rund umher in der Welt. Da waren große Bäume in kleinen Töpfen, sodaß sie beengt dastanden und nahe daran waren, den Topf zu sprengen; es war auch manche kleine schwächliche Blume da in fetter Erde, mit Moos ringsum, und gewartet und gepflegt. Aber die betrübte Mutter beugte sich über alle die kleinsten Pflanzen hin, sie hörte in jeder das Menschenherz schlagen, und aus Millionen erkannte sie das ihres Kindes heraus.
»Da ist es!« rief sie und streckte die Hand über eine kleine Krokusblume aus, die krank nach einer Seite hinüber hing.
»Rühre die Blume nicht an!« sagte das alte Weib. »Aber stelle Dich hierher, und wenn dann der Tod kommt – ich erwarte ihn jeden Augenblick – da laß ihn die Pflanze nicht herausreißen, sondern drohe ihm, daß Du dasselbe mit den andern Blumen thun würdest: dann wird ihm bange! Er muß dem lieben Gotte dafür einstehen; keine darf herausgerissen werden, bevor der die Erlaubniß dazu giebt!«
Da sauste es mit einem Male eiskalt durch den Saal, und die blinde Mutter fühlte, daß es der Tod war, der nun ankam.
»Wie hast Du den Weg hierher finden können?« fragte er. »Wie hast Du schneller hierher kommen können, wie ich?«
»Ich bin eine Mutter!« antwortete sie.
Der Tod streckte seine lange Hand nach der kleinen feinen Blume aus; aber sie hielt ihre Hände fest um dieselbe, hielt sie dicht umschlossen, und dennoch voll ängstlicher Sorgfalt, daß sie keins der Blätter berühre. Da hauchte der Tod auf ihre Hände, und sie fühlte, daß dies kälter war, als der kalte Wind; da sanken ihre Hände matt herab.
»Gegen mich kannst Du doch nichts ausrichten!« sagte der Tod.
»Aber der liebe Gott kann es!« sagte sie.
»Ich thue nur, was er will!« sagte der Tod. »Ich bin sein Gärtner. Ich nehme alle seine Blumen und Bäume und verpflanze sie in den großen Paradiesgarten, in das unbekannte Land. Wie sie aber dort gedeihen, und wie es dort ist: das darf ich Dir nicht sagen!«
»Gieb mir mein Kind zurück!« sagte die Mutter und weinte und flehte. Mit einem Male faßte sie mit den Händen zwei hübsche Blumen fest an und rief dem Tod zu: »Ich reiße alle Deine Blumen ab, denn ich bin in Verzweiflung!«
»Rühre sie nicht an!« sagte der Tod. »Du sagst, daß Du so unglücklich bist, und nun wolltest Du eine andere Mutter ebenso unglücklich machen?«
»Eine andere Mutter!« sagte die arme Frau und ließ sogleich beide Blumen los.
»Da hast Du Deine Augen,« sagte der Tod. »Ich habe sie aus dem See aufgefischt; sie glänzten hell herauf; ich wußte nicht, daß es die Deinigen waren. Nimm sie zurück, sie sind jetzt noch, klarer, wie früher; dann sieh hinab in den tiefen Brunnen hier nebenan. Ich will die Namen der zwei Blumen nennen, die Du ausreißen wolltest, und Du wirst sehen, was Du zerstören und zu Grunde richten wolltest!«
Und sie sah in den Brunnen hinab; und es war eine Glückseligkeit zu sehen, wie die Eine ein Segen für die Welt ward, zu sehen, wie viel Glück und Freude sich um dieselbe verbreitete; sie sah das Leben der Andern, das bestand aus Sorgen und Noth, Jammer und Elend.
»Beides ist Gottes Wille!« sagte der Tod.
»Welche von ihnen ist die Blume des Unglücks und welche die Gesegnete?« fragte sie.
»Das sage ich Dir nicht,« antwortete der Tod: »aber das sollst Du von mir erfahren, daß eine der Blumen die Deines eigenen Kindes ist. Es war das Schicksal Deines Kindes, was Du sahst, die Zukunft Deines eigenen Kindes!«
Da schrie die Mutter vor Schrecken laut auf. »Welche von ihnen ist die meines Kindes? Sag mir das! Befreie das unschuldige Kind! Erlöse mein Kind von allem Elende! Trag' es lieber fort! Trag' es in Gottes Reich! Vergiß meine Thränen, vergiß mein Flehen und Alles, was ich gethan habe!«
»Ich verstehe Dich nicht,« sagte der Tod. »Willst Du Dein Kind zurück haben, oder soll ich mit ihm nach jenem Orte gehen, den Du nicht kennst?«
Da rang die Mutter die Hände, fiel auf die Kniee und bat den lieben Gott: »Erhöre mich nicht, wenn ich gegen Deinen Willen bitte, der allezeit der beste ist! Erhöre mich nicht! Erhöre mich nicht!«
Da ließ sie ihr Haupt auf die Brust hinabsinken.
Und der Tod ging mit ihrem Kinde nach dem unbekannten Lande.
Zwei Brüder
Inhaltsverzeichnis
Auf einer der dänischen Inseln, wo alte Thingsteine, der Urvorväter Gerichtssitze, sich in den Kornfeldern und große Bäume in den Buchenwäldern erheben, liegt ein kleines Städtchen, dessen niedrige Häuser mit rothen Ziegeln gedeckt sind. In einem dieser Häuser wurden über glühenden Kohlen auf dem offenen Herde wunderliche Dinge gebraut, es wurde in Gläsern gekocht, wurde gemischt und destillirt, und Kräuter zerhackt und in Mörsern zerstoßen; ein älterer Mann stand dem Allem vor.
»Man muß nur das Rechte thun« sprach er, »ja das Rechte, das Richtige, die Wahrheit in jedem geschaffenen Theile muß man kennen und sich an dieselbe halten!«
In der Stube bei der armen Hausfrau saßen ihre zwei Söhne, noch klein, aber mit großen Gedanken. Auch die Mutter hatte ihnen stets von Recht und Gerechtigkeit gesprochen, sie ermahnt, die Wahrheit fest zu halten, dieselbe sei das Antlitz Gottes in dieser Welt.
Der älteste der Knaben sah schelmisch und unternehmend aus, seine Lust war von den Naturkräften, von Sonne und Sterne zu lesen, kein Märchen liebte er so. O, wie schön müsse es sein, auf Reise-Entdeckungen zu gehen, oder es herauszufinden, wie die Flügel der Vögel nachzumachen seien und dann stiegen zu können; ja, das herauszufinden, sei das Rechte, Vater hatte Recht und Mutter hatte Recht; die Wahrheit hält die Welt zusammen.
Der jüngere Bruder war stiller und vertiefte sich ganz in die Bücher. Las er von Jacob, der sich in Schaafsfelle kleidete, um Esau zu ähneln und sich dadurch das Erstgeburtsrecht zu erschleichen, so ballte sich seine kleine Faust im Zorne gegen den Betrüger; las er von Tyrannen, dem Unrechte und der Bosheit der Welt, so standen ihm Thränen in den Augen der Gedanke von dem Rechte, von der Wahrheit, die siegen solle und müsse erfüllte ihn ganz – Eines Abends, er lag schon im Bette, aber die Vorhänge waren noch nicht ganz um dasselbe zusammengezogen, das Licht strahlte zu ihm hinein, er hatte sein Buch mit ins Bett genommen, er wollte durchaus die Geschichte von Solon zu Ende lesen
Die Gedanken hoben und trugen ihn gar wunderbar weit, es war ihm, als würde das Bettein Schiff, das mit vollen Segeln dahinjagte. Träumte ihm, oder was ging mit ihm vor? Es glitt dahin über rollende Gewässer, die großen Seen der Zeit, er vernahm die Stimme Solons; ihm verständlich und doch in fremder Zunge vernahm er den dänischen Wahlspruch: »Mit Gesetz regiert man das Land!«
Der Genius des Menschengeschlechts stand in der ärmlichen Stube, beugte sich über das Bett und drückte dem Knaben einen Kuß auf die Stirn: »Werde stark in Ruhm und stark im Kampfe des Lebens' Die Wahrheit im Busen fliege dem Lande der Wahrheit entgegen!«
Der ältere Bruder war noch nicht zu Bett, er stand am Fenster, schaute auf die Nebel hinaus, die sich von den Wiesen erhoben; es seien nicht die Elfen, die dort tanzten, wie die alte Kindermuhme ihm gesagt, sondern er wisse es besser, es seien Dämpfe, wärmer als die Luft und deshalb stiegen sie. Eine Sternschnuppe leuchtet, und die Gedanken des Knaben waren in demselben Nu von den Dünsten der Erde oben bei dem leuchtenden Meteor. Die Sterne des Himmels blitzten, es war als hingen lange, goldene Fäden von ihnen herab bis zur Erde.
»Fliege mit mir,« sang und klang es in das Herz des Knaben hinein; der mächtige Genius der Geschlechter, schneller als der Vogel, als der Pfeil, als Alles, was irdischen Ursprungs zu fliegen vermag, trug ihn hinaus in den Raum, wo der Strahl von Stern zu Stern die Himmelskörper an einander band; unsere Erde kreiste in der dünnen Luft; die eine Stadt schien ganz in der Nähe der andern zu liegen. Durch die Sphären klang es:
»Was ist nah, was ist fern, wenn der mächtige Genius des Geistes Dich erhebt!«
Und wiederum stand der Kleine am Fenster und schaute hinaus der jüngere Bruder lag in seinem Bette; die Mutter rief sie bei Namen: » Anders Sandöe« und » Hans Christian!«
Dänemark kennt sie, die Welt kennt sie: die beiden Brüder Oersted. –
Wie's der Alte macht, ist's immer recht
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Eine Geschichte werde ich Dir erzählen, die ich hörte, als ich noch ein kleiner Knabe war; jedesmal wenn ich an die Geschichte dachte, kam es mir vor, als werde sie immer schöner; denn es geht mit Geschichten wie mit vielen Menschen – sie werden mit zunehmendem Alter schöner.
Auf dem Lande warst Du doch gewiß schon gewesen, Du wirst wohl auch so ein recht altes Bauernhaus mit Strohdach gesehen haben. Moos und Kräuter wachsen von selbst auf dem Dache; ein Storchnest befindet sich auf dem Firste desselben, – der Storch ist unvermeidlich! Die Wände des Hauses sind schief; die Fenster niedrig, und nur ein einziges Fenster ist so eingerichtet, daß es geöffnet werden kann; der Backofen springt aus der Wand hervor, gerade wie ein kleiner, dicker Bauch; der Fliederbaum hängt über den Zaun hinaus und unter seinen Zweigen, am Fuße des Zaunes, ist eine Wasserlache, in welcher einige Enten liegen. Ein Kettenhund, der Alle und Jeden anbellt, ist auch da.
Gerade so ein Bauernhaus stand draußen auf dem Lande, und in diesem Hause wohnten ein paar alte Leute, ein Bauer und seine Frau. Wie wenig sie auch hatten, ein Stück war doch darunter, das entbehrlich war – ein Pferd, das sich von dem Grase nährte, welches es an den Einzäunungen der Landstraße vorfand. Der alte Bauer ritt zur Stadt auf diesem Pferde, oft liehen es auch seine Nachbarn von ihm, und erwiesen den alten Leuten manchen andern Dienst dafür. Allein am gerathesten würde es doch wohl sein, wenn sie das Pferd verkauften, oder es gegen irgend etwas Anderes, was ihnen mehr nützen könnte, weggäben. Aber was könnte dies wohl sein?
»Das wirst Du, Alter, am Besten wissen!« sagte ihm die Frau. »Heute ist gerade Jahrmarkt, reite zur Stadt, gieb das Pferd für Geld hin, oder mache einen guten Tausch; wie Du es auch machst, mir ist's immer recht. Reite zum Jahrmarkte!«
Sie knüpfte ihm sein Halstuch um, denn das verstand sie besser als er; sie knüpfte es ihm mit einer Doppelschleife um: das machte sich sehr hübsch! Sie strich seinen Hut glatt mit ihrer flachen Hand und küßte ihn dann auf seinen warmen Mund. Darauf ritt er fort auf dem Pferde, welches verkauft, oder in Tausch gegeben werden sollte. Ja, der Alte versteht dies schon!
Die Sonne brannte heiß, keine Wolke war am Himmel zu sehen. Auf dem Wege staubte es sehr, viele Leute, die den Jahrmarkt besuchen wollten, fuhren, ritten, oder legten den Weg zu Fuße zurück. Nirgend gab es Schatten gegen den Sonnenbrand.
Unter Andern ging auch Einer des Weges dahin, der eine Kuh zu Markte trieb. Die Kuh war so schön wie eine Kuh nur sein kann. »Die giebt gewiß auch schöne Milch!« dachte der Bauer, »das wäre ein ganz guter Tausch: die Kuh für das Pferd!«
»Heda, Du da mit der Kuh!« sagte er, »weißt Du was? Ein Pferd sollte ich meinen, kostet mehr als eine Kuh; aber mir ist das gleichgiltig, ich habe mehr Nutzen von der Kuh; hast Du Lust, so tauschen wir!«
»Freilich will ich das,« sagte der Mann mit der Kuh – und nun tauschten sie.
Das war also abgemacht und der Bauer hätte nun füglich wieder umkehren können, denn er hatte ja Das nun abgemacht, um was es ihm zu thun war; allein da er sich einmal auf den Jahrmarkt gespitzt hatte, so wollte er auch hin, blos um sich ihn anzusehen, und deshalb ging er mit seiner Kuh nach der Stadt.
Die Kuh führend schritt er mit ihr rasch zu, und nach kurzer Zeit waren sie einem Manne zur Seite, der ein Schaaf trieb. Es war ein gutes Schaaf, fett, und hatte gute Wolle.
»Das möchte ich haben,« dachte unser Bauersmann, »es würde an unserm Zaune vollauf Gras finden und während des Winters könnten wir es bei uns in der Stube haben. Eigentlich wäre es angemessener ein Schaaf statt einer Kuh zu besitzen.« – »Wollen wir tauschen?«
Dazu war der Mann mit dem Schaafe sogleich bereit, und der Tausch fand statt. Unser Bauer ging nun mit seinem Schaafe auf der Landstraße weiter.
Bald gewahrte er abermals einen Mann, der vom Felde her die Landstraße betrat und eine große Gans unter dem Arme trug.
»Das ist ein schweres Ding, das Du da hast; es hat Federn und Fett, daß es eine Lust ist; die würde sich erst gut ausnehmen, wenn sie bei uns daheim an einer Leine am Wasser ginge. Das wäre etwas für meine Alte, für die könnte sie allerlei Abfall sammeln. Wie oft hat sie nicht gesagt, wenn wir nur eine Gans hätten. Jetzt kann sie vielleicht eine bekommen – und geht's, soll sie sie haben!« – »Wollen wir tauschen? Ich gebe Dir das Schaaf für die Gans und schönen Dank dazu.«
Dagegen hatte der Andere nichts einzuwenden, und so tauschten sie denn. Unser Bauer bekam die Gans.
Jetzt war er schon nahe bei der Stadt; das Gedränge auf der Landstraße nahm immer mehr zu; Menschen und Vieh drängten sich; sie gingen auf der Straße und längs der Zäune, ja am Schlagbaume gingen sie sogar in des Einnehmers Kartoffelfeld hinein, wo sein einziges Huhn an einer Schnur einherspazierte, damit es über den Gedrang nicht erschrecken, sich nicht verirren und verlaufen sollte. Das Huhn hatte kurze Schwanzfedern, es blinzelte mit einem Auge und sah sehr klug aus. »Kluck, Kluck!« sagte das Huhn. Was es sich dabei dachte, weiß ich nicht zu sagen, aber als unser Bauersmann es zu Gesicht bekam, dachte er sogleich: »Das ist das schönste Huhn, das ich je gesehen habe, es ist sogar schöner als des Pfarrers Bruthenne. Potztausend! das Huhn möcht' ich haben! Ein Huhn findet immer ein Körnchen, es kann sich fast selbst ernähren, ich glaube, es würde ein guter Tausch sein, wenn ich es für die Gans kriegen könnte.« – »Wollen wir tauschen?« fragte er den Einnehmer. »Tauschen?« fragte dieser, »ja, das wäre gar nicht übel!« – und so tauschten sie. Der Einnehmer am Schlagbaume bekam die Gans, der Bauer das Huhn.
Das war gar viel, was er auf der Reise zur Stadt abgemacht hatte; heiß war es auch und er war müde. Ein Schnaps und ein Imbiß that ihm Noth; bald befand er sich im Wirthshause. Er wollte eben hineingehen, als der Hausknecht heraustrat, sie begegneten sich daher in der Thüre. Der Knecht trug einen gefüllten Sack.
»Was hast Du denn in dem Sacke?« fragte der Bauer.
»Verkrüppelte Aepfel!« antwortete der Knecht, »einen ganzen Sack voll, genug für die Schweine.«
»Das ist doch eine zu große Verschwendung. Den Anblick gönnte ich meiner Alten daheim. Voriges Jahr trug der alte Baum am Torfstall nur einen einzigen Apfel; der wurde aufgehoben und stand auf dem Schranke, bis er ganz verdarb und zerfiel. »Das ist doch immerhin Wohlstand,« sagte meine Alte, »hier könnte sie aber erst Wohlstand sehen, einen ganzen Sack voll! Ja, den Anblick gönnte ich ihr!«
»Was würdet Ihr für den Sack voll geben?« fragte der Knecht.
»Was ich gebe? Ich gebe mein Huhn in den Tausch,« und er gab das Huhn in den Tausch, bekam die Aepfel und trat mit diesen in die Gaststube. Den Sack lehnte er behutsam an den Ofen, er selbst trat an den Schenktisch. Aber im Ofen war eingeheizt, das bedachte er nicht. – Es waren viele Gäste anwesend: Pferdehändler, Ochsentreiber und zwei Engländer, und die Engländer waren so reich, daß ihre Taschen von Goldstücken strotzten und fast platzten, – und wetten thun sie, das sollst Du erfahren.
»Susss! Susss!« – »Was war denn das am Ofen?« – Die Aepfel begannen zu braten.
»Was ist denn das?«
»Ja, wissen Se,« sagte unser Bauersmann; – und nun erzählte er die ganze Geschichte von dem Pferde, das er gegen eine Kuh vertauscht und so weiter herunter bis zu den Aepfeln.
»Na, da wird Dich Deine Alte derb knuffen, wenn Du nach Hause kommst, da setzt es was!« sagten die Engländer.
»Was? Knuffen?« sagte der Alte, »küssen wird sie mich und sagen: Wie's der Alte macht, ist's immer recht.« »Wollen wir wetten?« sagten die Engländer, »gemünztes Gold tonnenweise? Hundert Pfund macht ein Schiffspfund!«
»Ein Scheffel genügt schon,« entgegnete der Bauer, »ich kann nur den Scheffel mit Aepfeln dagegen setzen, und mich selbst und meine alte Frau dazu, das, dächte ich, wäre doch auch gehäuftes Maas!«
»Topp! Angenommen!« und die Wette war gemacht. –
Der Wagen des Wirths fuhr vor, die Engländer und der Bauersmann stiegen ein; vorwärts ging es und bald hielten sie vor dem Häuschen des Bauers an.
»Guten Abend, Alte!«
»Guten Abend, Alter!«
»Der Tausch wäre gemacht!«
»Ja, Du verstehst schon Deine Sache!« sagte die Frau, ihn umarmend, und beachtete weder den Sack, noch die fremden Gäste.
»Ich habe eine Kuh für das Pferd ertauscht.«
»Gott sei Lob! Die schöne Milch, die wir nun haben werden, und Butter und Käse auf dem Tische! Das war ein herrlicher Tausch!«
»Ja! aber die Kuh tauschte ich wieder gegen ein Schaaf um.«
»Ach, das ist um so besser!« erwiderte die Frau, »Du denkst immer an Alles; für ein Schaaf haben wir Grasweide genug; Schaafmilch und Schaafkäse und wollene Strümpfe und wollene Jacken! Das giebt die Kuh nicht, sie verliert ja die Haare! Wie Du doch Alles bedenkst!«
»Aber das Schaaf habe ich wieder gegen eine Gans vertauscht!«
»Also dieses Jahr werden wir wirklich Gänsebraten haben, mein lieber Alter? Du denkst immer daran mir eine Freude zu machen. Wie herrlich ist das! Die Gans kann man an einer Leine gehen und sie noch fetter werden lassen, bevor wir sie braten!«
»Aber die Gans habe ich gegen ein Huhn vertauscht!« sagte der Mann.
»Ein Huhn! Das war ein guter Tausch!« entgegnete die Frau. »Das Huhn legt Eier, die brütet es aus, wir kriegen Küchlein, wir kriegen nun einen ganzen Hühnerhof! Ei, den habe ich mir erst recht gewünscht!«
»Ja! aber das Huhn gab ich wieder für einen Sack voll verkrüppelter Aepfel hin!«
»Was? Nein jetzt muß ich Dich erst recht küssen!« versetzte die Frau. »Mein liebes, gutes Männchen! Ich werde Dir etwas erzählen. Siehst Du, als Du kaum fort warst heute Morgen, dachte ich darüber nach, wie ich Dir heut Abend einen recht guten Bissen machen könnte. Speckeierkuchen mit Schnittlauch, dachte ich dann. Die Eier hatte ich, den Speck auch der Schnittlauch fehlte mir nur. So ging ich denn hinüber zu Schulmeisters, die haben Schnittlauch, das weiß ich, aber die Schulmeistersfrau ist geizig, so süß sie auch thut. Ich bat sie, mir eine Handvoll Schnittlauch zu leihen. »»Leihen?«« gab sie zur Antwort. »»Nichts, gar nichts wächst in unserm Garten, nicht einmal ein verkrüppelter Apfel: nicht einmal einen solchen kann ich Ihr leihen, liebe Frau!«« Jetzt kann ich aber ihr zehn, ja einen ganzen Sack voll leihen. Das freut mich zu sehr, das ist zum Todtlachen!« – Und dabei küßte sie ihn, daß es schmatzte.
»Das gefällt mir!« riefen die Engländer wie aus Einem Munde. »Immer bergabwärts und immer lustig. Das ist schon das Geld werth!«
Und nun zahlten sie ein Schiffspfund Goldmünzen an den Bauersmann, der nicht geknufft, sondern geküßt wurde.
Ja, das lohnt sich immer, wenn die Frau es einsieht und es auch immer sagt, daß der Mann der Klügste und sein Thun das Richtige ist.
»Seht, das ist meine Geschichte. Ich habe sie schon als Kind gehört und jetzt hast Du sie auch gehört und weißt jetzt, daß »wie's der Alte macht, ist's immer recht!«
Das hässliche Entlein
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Es war herrlich draußen auf dem Lande. Es war Sommer, das Korn stand gelb, der Hafer grün, das Heu war unten auf den grünen Wiesen in Schobern aufgesetzt, und der Storch ging auf seinen langen, rothen Beinen und plapperte ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von seiner Frau Mutter gelernt. Rings um die Aecker und Wiesen waren große Wälder, und mitten in den Wäldern tiefe Seen. Ja, es war wirklich herrlich draußen auf dem Lande! Mitten im Sonnenscheine lag dort ein altes Landgut, von tiefen Canälen umgeben, und von der Mauer bis zum Wasser herunter wuchsen große Klettenblätter, die so hoch waren, daß kleine Kinder unter den höchsten aufrecht stehen konnten; es war eben so wild darin, wie im tiefsten Walde. Hier saß auf ihrem Neste eine Ente, welche ihre Jungen ausbrüten mußte; aber es wurde ihr fast zu langweilig, ehe die Jungen kamen; dazu erhielt sie selten Besuch; die andern Enten schwammen lieber in den Canälen umher, als daß sie hinauf liefen, sich unter ein Klettenblatt zu setzen, um mit ihr zu schnattern.
Endlich platzte ein Ei nach dem andern: »Piep! piep!« sagte es, und alle Eidotter waren lebendig geworden und steckten den Kopf heraus.
»Rapp! rapp!« sagte sie; und so rappelten sich Alle, was sie konnten, und sahen nach allen Seiten unter den grünen Blättern; und die Mutter ließ sie sehen, so viel sie wollten, denn das Grüne ist gut für die Augen. »Wie groß ist doch die Welt!« sagten alle Jungen; denn nun hatten sie freilich viel mehr Platz, als wie im Ei.
»Glaubt Ihr, daß dies die ganze Welt sei?« sagte die Mutter; »die erstreckt sich noch weit über die andere Seite des Gartens, gerade hinein in des Pfarrers Feld; aber da bin ich noch nie gewesen!« – »Ihr seid doch Alle beisammen?« fuhr sie fort und stand auf. »Nein, ich habe nicht alle; das größte Ei liegt noch da; wie lange soll denn das dauern! Jetzt bin ich es bald überdrüßig!« und so setzte sie sich wieder.
»Nun, wie geht es?« sagte eine alte Ente, welche gekommen war, um ihr einen Besuch abzustatten.
»Es währt recht lange mit dem einen Ei!« sagte die Ente, die da saß; »es will nicht platzen; doch sieh nur die andern an: sind es nicht die niedlichsten Entlein, die man je gesehen? Sie gleichen allesammt ihrem Vater; der Bösewicht kommt nicht, mich zu besuchen.«
»Laß mich das Ei sehen, welches nicht platzen will!« sagte die Alte. »Glaube mir, es ist ein Kalkutten-Ei! Ich bin auch einmal so angeführt worden und hatte meine große Sorge und Noth mit den Jungen, denn ihnen ist bange vor dem Wasser! Ich konnte sie nicht hineinbringen; ich rappte und schnappte, aber es half nichts. – Laß mich das Ei sehen! Ja, das ist ein Kalkutten-Ei! Laß das liegen und lehre lieber die andern Kinder schwimmen!«
»Ich will doch noch ein Bischen darauf sitzen,« sagte die Ente; »habe ich nun so lange gesessen, so kann ich auch noch einige Tage sitzen.«
»Nach Belieben,« sagte die alte Ente und ging von dannen.
Endlich platzte das große Ei. »Piep! piep!« sagte das Junge und kroch heraus. Es war sehr groß und häßlich! Die Ente betrachtete es: »Es ist doch ein gewaltig großes Entlein das,« sagte sie; »keins von den andern sieht so aus; sollte es wohl ein kalkuttisches Küchlein sein? Nun wir wollen bald dahinter kommen; in das Wasser muß es, sollte ich es auch selbst hineinstoßen.«
Am nächsten Tage war schönes, herrliches Wetter; die Sonne schien auf alle grünen Kletten. Die Entleinmutter ging mit ihrer ganzen Familie zu dem Canale hinunter. Platsch! da sprang sie in das Wasser. »Rapp! rapp!« sagte sie, und ein Entlein nach dem andern plumpte hinein; das Wasser schlug ihnen über dem Kopfe zusammen, aber sie kamen gleich wieder empor und schwammen ganz prächtig; die Beine gingen von selbst, und alle waren sie im Wasser; selbst das häßliche, graue Junge schwamm mit. »Nein, es ist kein Kalkutt,« sagte sie; »sieh, wie herrlich es die Beine gebraucht, wie gerade es sich hält; es ist mein eigenes Kind! Im Grunde ist es doch hübsch, wenn man es nur recht betrachtet. Rapp! rapp! – Kommt nur mit mir, ich werde Euch in die große Welt führen, Euch im Entenhofe präsentiren; aber haltet Euch immer nahe zu mir, damit Euch Niemand trete und nehmt Euch vor den Katzen in Acht!«

Und so kamen sie in den Entenhof hinein. Drinnen war ein schrecklicher Lärm, denn da waren zwei Familien, die sich um einen Aalkopf bissen, und am Ende bekam ihn doch die Katze.
»Seht, so geht es in der Welt zu!« sagte die Entleinmutter und wetzte ihren Schnabel, denn sie wollte auch den Aalkopf haben. »Braucht nun die Beine!« sagte sie; »seht, daß Ihr Euch rappeln könnt, und neigt Euern Hals vor der alten Ente dort; die ist die vornehmste von allen hier; sie ist aus spanischem Geblüt, deshalb ist sie so dick, und seht Ihr: sie hat einen rothen Lappen um das Bein; das ist etwas außerordentlich Schönes und die größte Auszeichnung, welche einer Ente zu Theil werden kann; das bedeutet so viel, daß man sie nicht verlieren will und daß sie von Thier und Menschen erkannt werden soll! – Rappelt Euch! – setzt die Füße nicht einwärts: ein wohlerzogenes Entlein setzt die Füße weit auswärts, gerade wie Vater und Mutter; seht: so! Nun neigt Euern Hals und sagt: Rapp!«
Und das thaten sie; aber die andern Enten rings umher betrachteten sie und sagten ganz laut: »Siehe da! Nun sollen wir noch den Anhang haben; als ob wir nicht schon so genug wären! Und pfui! wie das eine Entlein aussieht, das wollen wir nicht dulden!« – Und sogleich flog eine Ente hin und biß es in den Nacken.
»Laß es gehen!« sagte die Mutter; »es thut ja Niemandem etwas.«
»Ja, aber es ist zu groß und ungewöhnlich,« sagte die beißende Ente, »und deshalb muß es gepufft werden.«
»Es sind hübsche Kinder, welche die Mutter hat,« sagte die alte Ente mit dem Lappen um das Bein, »alle schön, bis auf das eine; das ist nicht geglückt; ich möchte, daß sie es umarbeitete.«
»Das geht nicht, Ihro Gnaden,« sagte die Entleinmutter; »es ist nicht hübsch, aber es hat ein innerlich gutes Gemüth und schwimmt so herrlich wie jedes andere, ja, ich darf sagen, noch etwas besser; ich denke, es wird hübsch heranwachsen und mit der Zeit etwas kleiner werden; es hat zu lange in dem Ei gelegen und deshalb nicht die rechte Gestalt bekommen!« Und so zupfte sie es im Nacken und glättete das Gefieder. »Es ist überdies ein Entrich,« sagte sie; »und darum macht es nicht so viel aus. Ich denke, er wird gute Kräfte bekommen; er schlägt sich schon durch.«
»Die andern Entlein sind niedlich,« sagte die Alte; »thut nun, als ob Ihr zu Hause wäret, und findet Ihr einen Aalkopf, so könnt Ihr mir ihn bringen.«
Und nun waren sie zu Hause.
Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen war und so häßlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und zum Besten gehabt, und das sowohl von den Enten, wie von den Hühnern. »Es ist zu groß!« sagten Alle, und der kalkuttische Hahn, welcher mit Sporen zur Welt gekommen war und deshalb glaubte, daß er Kaiser sei, blies sich auf wie ein Fahrzeug mit vollen Segeln und ging auf dasselbe los; dann kollerte er und wurde ganz roth am Kopfe. Das arme Entlein wußte nicht, wo es stehen oder gehen sollte; es war betrübt, weil es häßlich aussah und vom ganzen Entenhofe verspottet wurde.
So ging es den ersten Tag, und später wurde es schlimmer und schlimmer. Das arme Entlein wurde von Allen gejagt: selbst seine Schwestern waren böse gegen dasselbe und sagten immer: »Wenn die Katze Dich nur fangen möchte, Du häßliches Geschöpf!« Und die Mutter sagte: »Wenn Du nur weit fort wärst!« Die Enten bissen es, und die Hühner schlugen es, und das Mädchen, welches die Thiere füttern sollte, stieß mit den Füßen nach ihm.
Da lief es und flog über den Zaun; die kleinen Vögel in den Büschen flogen erschrocken auf. »Das geschieht, weil ich so häßlich bin,« dachte das Entlein und schloß die Augen, lief aber gleichwohl weiter; so kam es hinaus zu dem großen Moor, wo die wilden Enten wohnten. Hier lag es die ganze Nacht; es war müde und kummervoll.
Gegen Morgen flogen die wilden Enten auf und betrachteten den neuen Kameraden. »Was bist Du für Einer?« fragten sie; und das Entlein wendete sich nach allen Seiten und grüßte, so gut es konnte.
»Du bist außerordentlich häßlich!« sagten die wilden Enten; »aber das kann uns gleich sein, wenn Du nur nicht in unsere Familie hinein heirathest.« – Das Arme! Es dachte wahrlich nicht daran, sich zu verheirathen, wenn es nur die Erlaubniß erhalten konnte, im Schilfe zu liegen und etwas Moorwasser zu trinken.
So lag es zwei ganze Tage; da kamen zwei wilde Gänse oder richtiger wilde Gänseriche dorthin; es war noch nicht lange her, daß sie aus dem Ei gekrochen waren, und deshalb waren sie auch so keck.
»Höre, Kamerad!« sagten sie; »Du bist so häßlich, daß wir Dich gut leiden können; willst Du mitziehen und Zugvogel werden? Hier nahebei in einem andern Moor gibt es einige süße, liebliche, wilde Gänse, sämmtlich Fräulein, die alle »Rapp!« sagen können. Du bist im Stande Dein Glück dort zu machen, so häßlich Du auch bist!« –
»Piff! Paff!« ertönte es eben, und beide wilden Gänseriche fielen todt in das Schilf nieder, und das Wasser wurde blutroth. – »Piff! Paff!« erscholl es wieder, und ganze Schaaren wilder Gänse flogen aus dem Schilfe auf. Und dann knallte es abermals. Es war große Jagd; die Jäger lagen rings um das Moos herum; ja, einige saßen oben in den Baumzweigen, welche sich weit über das Schilfrohr hinstreckten. Der blaue Dampf zog gleich Wolken in die dunkeln Bäume hinein und weit über das Wasser hin; zum Moore kamen die Jagdhunde: Platsch, Platsch; das Schilf und das Rohr neigte sich nach allen Seiten. Das war ein Schreck für das arme Entlein! Es wendete den Kopf, um ihn unter den Flügel zu stecken, aber in demselben Augenblicke stand ein fürchterlich großer Hund dicht bei dem Entlein; die Junge hing ihm lang aus dem Halse heraus, und die Augen leuchteten greulich, häßlich; er streckte seine Schnauze den Entlein gerade entgegen, zeigte ihm die scharfen Zähne und – – Platsch, Platsch! ging er wieder, ohne es zu packen.
»O, Gott sei Dank!« seufzte das Entlein; »ich bin so häßlich, daß mich selbst der Hund nicht beißen mag!«
Und so lag es still, während die Schrote durch das Schilf sausten und Schuß auf Schuß knallte.
Erst spät am Tage wurde es ruhig: aber das arme Junge wagte noch nicht, sich zu erheben; es wartete noch mehrere Stunden, bevor es sich umsah, und dann eilte es fort aus dem Moore, so schnell es konnte. Es lief über Feld und Wiese: da tobte ein solcher Sturm, daß es ihm schwer wurde, von der Stelle zu kommen.
Gegen Abend erreichte es eine kleine, armselige Bauernhütte; die war so baufällig, daß sie selbst nicht wußte, nach welcher Seite sie fallen sollte; und darum blieb sie stehen. Der Sturm umsauste das Entlein so, daß es sich niedersetzen mußte, um sich dagegen zu stemmen, und es wurde schlimmer und schlimmer. Da bemerkte es, daß die Thüre aus dem einen Angel gegangen war, und so schief hing, daß es durch die Spalte in die Stube hineinschlüpfen konnte, und das that es.
Hier wohnte eine Frau mit ihrem Kater und ihrer Henne. Und der Kater, welchen sie Söhnchen nannte, konnte einen Buckel machen und schnurren; er sprühte sogar Funken, aber dann mußte man ihn gegen das Haar streicheln. Die Henne hatte ganz kleine, niedrige Beine, und deshalb wurde sie Küchelchen-Kurzbein genannt; sie legte gute Eier, und die Frau liebte sie wie ihr Kind.
Am Morgen bemerkte man sogleich das fremde Entlein; und der Kater begann zu schnurren und die Henne zu glucken.
»Was ist das?« sagte die Frau und sah sich ringsum; aber sie sah nicht gut, und so glaubte sie, daß das Entlein eine fette Ente sei, die sich verirrt habe. »Das ist ja ein seltener Fang!« sagte sie. »Nun kann ich Enteneier bekommen. Wenn es nur kein Entrich ist! Das müssen wir erproben.«
Und so wurde das Entlein für drei Wochen auf Probe angenommen; aber es kamen keine Eier. Und der Kater war Herr im Hause, und die Henne war die Dame, und immer sagte sie: »Wir und die Welt!« Denn sie glaubte, daß sie die Hälfte seien, und zwar die bei Weitem beste Hälfte. Das Entlein glaubte, daß man auch eine andere Meinung haben könne; aber das litt die Henne nicht.
»Kannst Du Eier legen?« fragte sie.
»Nein!«
»Nun, da wirst Du die Güte haben zu schweigen!«
Und der Kater sagte: »Kannst du einen krummen Buckel machen, schnurren und Funken sprühen?«
»Nein!«
»So darfst Du auch keine Meinung haben, wenn vernünftige Leute sprechen!«
Und das Entlein saß im Winkel und war bei schlechter Laune; da fiel die frische Luft und der Sonnenschein herein; es bekam solche sonderbare Lust, auf dem Wasser zu schwimmen, daß es nicht unterlassen konnte, dies der Henne zu sagen.
»Was fällt Dir ein?« fragte die. »Du hast nichts zu thun, deshalb fängst Du Grillen! Lege Eier oder schnurre, so gehen sie vorüber.«
»Aber es ist so schön, auf dem Wasser zu schwimmen!« sagte das Entlein; »so herrlich, es über dem Kopfe zusammenschlagen zu lassen und auf den Grund zu tauchen!«
»Ja, das ist ein großes Vergnügen!« sagte die Henne. »Du bist wohl verrückt geworden! Frage den Kater darnach – er ist das klügste Geschöpf, das ich kenne – ob er es liebt, auf dem Wasser zu schwimmen oder unterzutauchen? Ich will nicht von mir sprechen. – Frage selbst unsere Herrschaft, die alte Frau; klüger als sie ist Niemand auf der Welt! Glaubst Du, daß die Lust hat, zu schwimmen und das Wasser über dem, Kopfe zusammenschlagen zu lassen?«
»Ihr versteht mich nicht!« sagte das Entlein.
»Wir verstehen Dich nicht? Wer soll Dich denn verstehen können! Du wirst doch wohl nicht klüger sein wollen, als der Kater und die Frau; – von mir will ich nicht reden! Bilde Dir nichts ein, Kind! und danke Deinem Schöpfer für all' das Gute, was man Dir erwiesen! Bist Du nicht in eine warme Stube gekommen und hast Du nicht eine Gesellschaft, von der Du Etwas profitiren kannst? Aber Du bist ein Schwätzer und es ist nicht erfreulich, mit Dir umzugehen! Mir kannst Du glauben! Ich meine es gut mit Dir. Ich sage Dir Unannehmlichkeiten, und daran kann man seine wahren Freunde erkennen! Sieh nur zu, daß Du Eier legst oder schnurren und Funken sprühen lernst!«
»Ich glaube, ich gehe hinaus in die weite Welt!« sagte das Entlein
»Ja, thue das!« sagte die Henne.
Und das Entlein ging; es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter, aber von allen Thieren wurde es wegen seiner Häßlichkeit übersehen.
Nun trat der Herbst ein; die Blätter im Walde wurden gelb und braun; der Wind faßte sie, sodaß sie umher tanzten; und oben in der Luft war es sehr kalt; die Wolken hingen schwer von Hagel und Schneeflocken; und auf dem Zaune stand der Rabe und schrie: »Au! Au!« vor Kälte; ja, es fror Einen schon, wenn man nur daran dachte. Das arme Entlein hatte es wahrlich nicht gut! Eines Abends – die Sonne ging so schön unter! – kam ein Schwarm herrlicher, großer Vögel aus dem Busche; das Entlein hatte nie so schöne gesehen; sie waren blendend weiß, mit langen, geschmeidigen Hälsen: es waren Schwäne. Sie stießen einen eigenthümlichen Ton aus, breiteten ihre prächtigen, langen Flügel aus und flogen aus der kalten Gegend fort nach wärmeren Ländern, nach offenen Seen! Sie stiegen so hoch, so hoch, und dem häßlichen, jungen Entlein wurde gar sonderbar zu Muthe. Es drehte sich im Wasser, wie ein Rad, rund herum, streckte den Hals hoch in die Luft nach ihnen und stieß einen so lauten und sonderbaren Schrei aus, daß es sich selbst davor fürchtete. O, es konnte die schönen, glücklichen Vögel nicht vergessen; und sobald es sie nicht mehr erblickte, tauchte es unter bis auf den Grund; und als es wieder heraufkam, war es wie außer sich. Es wußte nicht, wie die Vögel hießen, auch nicht, wohin sie flögen; aber doch war es ihnen gut, wie es nie Jemandem gewesen. Es beneidete sie durchaus nicht. Wie konnte es ihm einfallen, sich solche Lieblichkeit zu wünschen? Es wäre schon froh gewesen, wenn die Enten es nur unter sich geduldet hätten – das arme, häßliche Thier!
Der Winter wurde kalt, sehr kalt! Das Entlein mußte im Wasser umherschwimmen, um das völlige Zufrieren desselben zu verhindern; aber in jeder Nacht wurde das Loch, in dem es schwamm, kleiner und kleiner. Es fror so, daß es in der Eisdecke knackte; das Entlein mußte fortwährend die Beine gebrauchen, damit das Loch sich nicht schloß. Zuletzt wurde es matt, lag ganz stille und fror so im Eise fest.
Des Morgens früh kam ein Bauer; da er dies sah, ging er hin, schlug mit seinem Holzschuh das Eis in Stücke und trug das Entlein heim zu seiner Frau. Da kam es wieder zu sich.
Die Kinder wollten mit ihm spielen; aber das Entlein glaubte, sie wollten ihm etwas zu Leide thun, und fuhr in der Angst gerade in den Milchnapf hinein, sodaß die Milch in die Stube spritzte. Die Frau schlug die Hände zusammen, worauf es in das Butterfaß, dann hinunter in die Mehltonne und wieder heraus flog. Wie sah es da aus! Die Frau schrie und schlug mit der Feuerzange danach; die Kinder rannten einander über den Haufen, um das Entlein zu fangen; sie lachten und schrieen! – Gut war es, daß die Thür aufstand und es zwischen die Reiser in den frischgefallenen Schnee schlüpfen konnte; – da lag es ganz ermattet.
Aber all' die Noth und das Elend, welche das Entlein in dem harten Winter erdulden mußte, zu erzählen, würde zu trübe sein. – – Es lag im Moore zwischen dem Schilfe, als die Sonne wieder warm zu scheinen begann. Die Lerchen sangen; es war herrlicher Frühling.
Da konnte auf einmal das Entlein seine Flügel schwingen; sie brausten stärker, als früher und trugen es kräftig davon; und ehe es dasselbe recht wußte, befand es sich in einem großen Garten, wo der Flieder duftete und seine langen, grünen Zweige bis zu den geschlängelten Canälen hinunter neigte. O, hier war es so schön, so frühlingsfrisch! Und vorn aus dem Dickichte kamen drei prächtige, weiße Schwäne; sie brausten mit den Federn und schwammen leicht auf dem Wasser. Das Entlein kannte die prächtigen Thiere und wurde von einer eigenthümlichen Traurigkeit befangen.
»Ich will zu ihnen hinfliegen, zu den königlichen Vögeln! Und sie werden mich todtschlagen, weil ich, der ich so häßlich bin, mich ihnen zu nähern wage. Aber das ist Einerlei! Besser, von ihnen getödtet, als von den Enten gezwackt, von den Hühnern geschlagen, von dem Mädchen, welches den Hühnerhof hütet, gestoßen zu werden und im Winter Mangel zu leiden!« Und es flog hinaus in das Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen; diese erblickten es und schossen mit brausenden Federn auf dasselbe los. »Tödtet mich nur!« sagte das arme Thier, neigte seinen Kopf der Wasserfläche zu und erwartete den Tod. – Aber was erblickte es in dem klaren Wasser? Es sah sein eigenes Bild unter sich, das kein plumper, schwarzgrauer Vogel mehr, häßlich und garstig, sondern selbst ein Schwan war.
Es schadet nichts, in einem Entenhofe geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat!
Es fühlte sich erfreut über all' die Noth und das Drangsal, welche es erduldet. Nun erkannte es erst recht sein Glück an der Herrlichkeit, die es begrüßte. – Und die großen Schwäne umschwammen es und streichelten es mit, den Schnäbeln.
In den Garten kamen einige kleine Kinder, die warfen Brot und Korn in das Wasser: und das kleinste rief: »Da ist ein neuer!« Und die andern Kinder jubelten mit: »Ja es ist ein neuer angekommen!« Und sie klatschten mit den Händen und tanzten umher, liefen zu dem Vater und der Mutter, und es wurde Brot und Kuchen in das Wasser geworfen, und sie sagten Alle: »Der neue ist der schönste! So jung und prächtig!« Und die alten Schwäne neigten sich vor ihm.

Da fühlte er sich ganz beschämt und steckte den Kopf unter seine Flügel; er wußte selbst nicht, was er beginnen sollte; er war allzuglücklich, aber durchaus nicht stolz! Er dachte daran, wie er verfolgt und verhöhnt worden war, und hörte nun Alle sagen, daß er der schönste aller schönen Vögel sei. Selbst der Flieder bog sich mit den Zweigen zu ihm in das Wasser hinunter, und die Sonne schien warm und mild! Da brausten seine Federn; der schlanke Hals hob sich, und aus vollem Herzen jubelte er: »So viel Glück habe ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das häßliche Entlein war!«
Der Schneemann
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»Eine so wunderbare Kälte ist es, daß mir der ganze Körper knackt!« sagte der Schneemann. »Der Wind kann Einem freilich Leben einbeißen. Und wie die Glühende dort glotzt!« – er meinte die Sonne, die eben im Untergehen begriffen war. »Mich soll sie nicht zum Blinzeln bringen, ich werde schon die Stückchen festhalten.«
Er hatte nämlich statt der Augen zwei große, dreieckige Stückchen von einem Dachziegel im Kopfe; sein Mund bestand aus einem alten Rechen, folglich hatte sein Mund auch Zähne.
Geboren war er unter dem Jubelrufe der Knaben, begrüßt vom Schellengeläute und Peitschengeknalle der Schlittenfahrten.
Die Sonne ging unter, der Vollmond ging auf, rund, groß, klar und schön in der blauen Luft.
»Da ist sie wieder von einer andern Seite!« sagte der Schneemann. Damit wollte er sagen: die Sonne zeigt sich wieder. »Ich habe ihr doch das Glotzen abgewöhnt! Mag sie jetzt dort hängen und leuchten, damit ich mich selbst sehen kann. Wüßte ich nur, wie man es macht, um von der Stelle zu kommen! – Ich möchte mich gar zu gern bewegen! – Wenn ich es könnte, würde ich jetzt dort unten auf dem Eise hingleiten, wie ich die Knaben gleiten sehe; allein ich verstehe mich nicht darauf, weiß nicht wie man läuft.«
»Weg! Weg!« bellte der alte Kettenhund; er war etwas heiser und konnte nicht mehr das echte »Wau! Wau!« aussprechen; die Heiserkeit hatte er sich geholt als er noch Stubenhund war und unter dem Ofen lag. »Die Sonne wird Dich schon laufen lehren! Das habe ich vorigen Winter an Deinem Vorgänger und noch früher an dessen Vorgänger gesehen. Weg! Weg! und weg sind sie alle!«
»Ich verstehe Dich nicht, Kamerad,« sagte der Schneemann. »Die dort oben soll mich laufen lehren?« Er meinte den Mond; »ja, laufen that sie freilich vorhin, als ich sie fest ansah, jetzt schleicht sie heran von einer andern Seite.«
»Du weißt gar nichts!« entgegnete der Kettenhund; »Du bist aber auch eben erst aufgekleckst. Der, den Du da siehst, ist der Mond; die, welche vorhin davonging, war die Sonne; die kommt morgen wieder, sie wird Dich schon lehren, in den Wallgraben hinabzulaufen. Wir kriegen bald anderes Wetter; ich fühle das schon in meinem linken Hinterbeine; es sticht und schmerzt: – das Wetter wird sich ändern!«
»Ich verstehe ihn nicht,« sagte der Schneemann, »aber ich habe es im Gefühle, daß es Unangenehmes ist, das er spricht. Sie, die so glotzte und sich alsdann davon machte, die Sonne, wie er sie nennt, ist auch nicht mein Freund: – das habe ich im Gefühle!«
»Weg! Weg!« bellte der Kettenhund, ging dreimal um sich selbst herum, und kroch dann in seine Hütte, um zu schlafen.
Das Wetter änderte sich wirklich. Gegen Morgen lag ein dicker, feuchter Nebel über der ganzen Gegend; später kam der eisige Wind: das Frostwetter packte Einen recht; aber als die Sonne aufging, welche Pracht! Bäume und Gebüsch waren mit Reif überzogen, sie glichen einem Walde von Korallen, alle Zweige schienen mit strahlend weißen Blüthen über und über belegt. Die vielen und feinen Verzweigungen, die während der Sommerzeit der Blätterreichthum verbirgt, kommen jetzt alle zum Vorscheine. Es war wie ein Spitzengewebe, glänzend weiß; aus jedem Zweige strömte ein weißer Glanz. Die Hängebirke bewegte sich im Winde; sie hatte Leben, wie alle Bäume im Sommer: es war wunderbar schön! Und als die Sonne schien, nein, wie flimmerte und funkelte das Ganze, als läge Demantstaub auf Allem und als flimmerten über den Schneeteppich des Erdbodens die großen Diamanten, oder man konnte sich auch vorstellen, daß unzählige kleine Lichter leuchteten, weißer selbst als der weiße Schnee.
»Das ist wunderbar!« sagte ein junges Mädchen, das mit einem jungen Manne in den Garten trat. Beide blieben in der Nähe des Schneemannes stehen und betrachteten von hier aus die flimmernden Bäume. »Einen schöneren Anblick gewährt der Sommer nicht!« sprach sie, und ihre Augen strahlten.
»Und so einen Kerl, wie dieser hier, hat man im Sommer erst recht nicht,« erwiderte der junge Mann, und zeigte auf den Schneemann. »Er ist ausgezeichnet!«
Das junge Mädchen lachte, nickte dem Schneemanne zu und tanzte darauf mit ihrem Freunde über den Schnee dahin, der unter ihren Schritten knarrte und pfiff, als wenn sie auf Stärkemehl gingen.
»Wer waren die Beiden?« fragte der Schneemann den Kettenhund; »Du bist längere Zeit hier im Hofe wie ich, kennst Du sie?«
»Ob ich sie kenne!« antwortete der Kettenhund. »Sie hat mich gestreichelt und Er hat mir einen Fleischknochen zugeworfen. Die Beiden beiße ich nicht!«
»Aber was stellen die vor?« fragte der Schneemann.
»Liebesleute!« gab der Kettenhund zur Antwort. »Sie werden in eine Hütte ziehen und zusammen an Knochen nagen. Weg! Weg!«
»Sind denn die Beiden auch solche Wesen wie Du und ich?« fragte der Schneemann.
»Sie gehören ja zur Herrschaft!« versetzte der Kettenhund; »freilich weiß man sehr wenig, wenn man den Tag zuvor erst zur Welt gekommen ist. Ich merke es an Dir! Ich habe das Alter, auch die Kenntnisse; ich kenne Alle hier im Hause, und auch eine Zeit habe ich gekannt, wo ich nicht hier in der Kälte an der Kette lag. Weg! Weg!«
»Die Kälte ist herrlich,« sprach der Schneemann. »Erzähle, erzähle! Aber Du darfst nicht mit der Kette lärmen; es knackt in mir, wenn Du das thust.«
»Weg! Weg!« bellte der Kettenhund. »Ein kleiner Junge sei ich gewesen, klein und niedlich, sagten sie; damals lag ich in einem mit Sammet überzogenen Stuhle dort oben im Herrenhause im Schooße der obersten Herrschaft; mir wurde die Schnauze geküßt und die Pfoten wurden mir mit gesticktem Taschentuch abgewischt, ich hieß: Ami! lieber, süßer Ami! Aber später wurde ich ihnen dort oben zu groß und sie schenkten mich der Haushälterin. Ich kam in die Kellerwohnung! Du kannst in sie hineinsehen von dort aus, wo Du stehst; Du kannst in die Kammer hinabsehen, wo ich Herrschaft gewesen bin, denn das war ich bei der Haushälterin. Es war zwar ein geringerer Ort als oben, aber er war gemüthlicher, ich wurde nicht in Einem fort von Kindern angefaßt und gezerrt wie oben. Ich bekam ebenso gutes Futter wie früher, ja besseres noch! Ich hatte mein eigenes Kissen, und ein Ofen war da, der ist um diese Zeit das Schönste von der Welt! Ich ging unter den Ofen, konnte mich darunter ganz verkriechen. Ach, von dem Ofen träumt mir noch. Weg! Weg!«
»Sieht denn ein Ofen so schön aus?« fragte der Schneemann. »Hat er Aehnlichkeit mit mir?«
»Der ist gerade das Gegentheil von Dir! Rabenschwarz ist er, hat einen langen Hals mit Messingtrommel. Er frißt Brennholz, daß ihm das Feuer aus dem Munde sprüht. Man muß sich an der Seite von ihm halten, nahe dabei, ganz unter ihm, ist es sehr angenehm. Durch das Fenster wirst Du ihn sehen können, von dort aus, wo Du stehst.«
Und der Schneemann schaute danach und gewahrte einen blank polirten Gegenstand mit messingener Trommel; das Feuer leuchtete daraus von unten her. Dem Schneemann« wurde ganz wunderlich zu Muthe, es überkam ihn ein Gefühl, er wußte selbst nicht welches, er konnte sich keine Rechenschaft von ihm geben; aber alle Menschen, wenn sie nicht Schneemänner sind, kennen es.
»Warum verließest Du sie?« fragte der Schneemann. Er hatte es im Gefühle, daß es ein weibliches Wesen sein mußte. »Wie konntest Du nur einen solchen Ort verlassen?«
»Ich mußte wohl!« sagte der Kettenhund. »Man warf mich zur Thür hinaus und legte mich hier an die Kette. Ich hatte den jüngsten Junker ins Bein gebissen, weil er mir den Knochen wegstieß, an dem ich nagte; Knochen um Knochen, so denke ich! Das nahm man mir aber sehr übel, und von dieser Zeit an bin ich an die Kette gelegt und habe meine Stimme verloren, hörst Du nicht, daß ich heiser bin: Weg! Weg! Ich kann nicht mehr so sprechen wie die andern Hunde. Weg! Weg! Das war das Ende vom Liede!«
Der Schneemann hörte ihm aber nicht mehr zu; er sah immerfort in die Kellerwohnung der Haushälterin, in ihre Stube hinein, wo der Ofen auf seinen vier eisernen Beinen stand und sich in derselben Größe zeigte wie der Schneemann.
»Wie das sonderbar in mir knackt!« sagte er. »Werde ich nie dort hinein kommen? Es ist doch ein unschuldiger Wunsch, und unsere unschuldigen Wünsche werden gewiß in Erfüllung gehen. Ich muß dort hinein, ich muß mich an sie anlehnen, und wenn ich auch das Fenster eindrücken sollte!«
»Dort hinein wirst Du nie gelangen,« sagte der Kettenhund, »und kommst Du an den Ofen hinan, so vergehst Du. Weg! Weg!«
»Ich bin schon so gut wie weg!« erwiderte der Schneemann, »ich breche zusammen, glaube ich.«
Den ganzen Tag guckte der Schneemann durch's Fenster hinein; in der Dämmerstunde wurde die Stube noch einladender; vom Ofen her leuchtete es mild, gar nicht wie der Mond, nicht wie die Sonne; nein, wie nur der Ofen leuchten kann, wenn er etwas zu verspeisen hat. Wenn die Stubenthüre aufging, stand ihm die Flamme zum Munde heraus – diese Gewohnheit hatte der Ofen; es flammte deutlich roth auf um das weiße Gesicht des Schneemannes, es leuchtete roth seine ganze Brust herauf.
»Ich halte es nicht mehr aus!« sagte er. »Wie schön es ihm steht, die Zunge so herauszustrecken!«
Die Nacht war lang; dem Schneemanne wurde sie aber nicht lang, er stand da in seine eigenen, schönen Gedanken vertieft, und die froren, daß es knackte.
Am Morgen waren die Fensterscheiben der Kellerwohnung mit Eis bedeckt; sie trugen die schönsten Eisblumen, die nur ein Schneemann verlangen konnte, allein sie verbargen den Ofen. Die Fensterscheiben wollten nicht aufthauen; er konnte den Ofen nicht sehen, den er sich als ein so liebliches weibliches Wesen dachte. Es knackte und knickte in ihm und rings um ihn her; es war gerade so ein Frostwetter, an dem ein Schneemann seine Freude haben muß. Er aber freute sich nicht – wie hatte er sich auch glücklich fühlen können: er hatte Ofensehnsucht.
»Das ist eine schlimme Krankheit für einen Schneemann,« sagte der Kettenhund, »ich habe auch an der Krankheit gelitten, aber ich habe sie überstanden. Weg! Weg!« bellte er. – »Wir werden anderes Wetter bekommen!« fügte er hinzu.
Das Wetter änderte sich; es wurde Thauwetter. Dieses nahm zu; der Schneemann nahm ab. Er sagte nichts, er klagte nicht, und das ist das richtige Zeichen.
Eines Morgens brach er zusammen. Und siehe, es ragte Etwas wie ein Besenstiel, da, wo er gestanden hatte, empor; um den Stiel herum hatten die Knaben ihn aufgebaut.
»Ja, jetzt begreife ich es, jetzt verstehe ich es, daß er die große Sehnsucht hatte!« sagte der Kettenhund. »Da ist ja ein Eisen zum Ofenreinigen an dem Stiele, – der Schneemann hat einen Ofenkratzer im Leibe gehabt! Das ist es was sich in ihm geregt hat; jetzt ist das überstanden: Weg! Weg!«
Und bald darauf war auch der Winter überstanden. »Weg! Weg!« bellte der heisere Kettenhund; aber die Mädchen aus dem Hause sangen:
»Waldmeister grün! Hervor aus dem Haus;
Weide! die wollenen Handschuhe aus;
Lerche und Kuckuk! singt fröhlich drein, –
Frühling mit Februar wird es sein!
Ich singe mit: Kuckuk! Quivit!
Komm, liebe Sonne, komm oft – quivit!«
Und dann denkt Niemand an den Schneemann.
Das Metallschwein
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In der Stadt Florenz, nicht weit von der piazza del granduca, zieht sich eine kleine Querstraße hin, ich glaube, sie wird porta rosa genannt. In dieser, vor einer Art von Markthalle, wo Gemüse verkauft wird, liegt ein aus Metall künstlich gearbeitetes Schwein. Das frische klare Wasser rieselt aus dem Maule des Thieres, welches vom Alter schwärzlich grün geworden ist, nur der Rüssel glänzt, als sei er polirt, und das ist er auch von vielen hundert Kindern und Lazzaronis (Bettler), die ihn mit den Händen anfassen und ihren Mund an den Rüssel des Thieres legen, um zu trinken. Es ist ein vollständiges Gemälde, das wohlgestaltete Thier von einem hübschen, halbnackten Knaben umfaßt zu sehen, der seine frischen Lippen an dessen Rüssel legt.
Jeder, der nach Florenz kommt, findet leicht die Stelle, er darf nur den ersten besten Bettler nach dem Metallschweine fragen, und er wird es finden.
Es war ein später Winterabend; die Berge waren mit Schnee bedeckt, aber es war Mondschein, und der Mondschein in Italien giebt eine Beleuchtung, die eben so gut ist wie ein trüber nördlicher Wintertag, ja besser; denn die Luft glänzt und erhebt uns, während im Norden die kalte graue Bleidecke uns zur Erde drückt, zur kalten, nassen Erde, die einst auch unsern Sarg drücken wird.
In des Großherzogs Schloßgarten, unter einem Piniendach, wo tausend Rosen zur Winterszeit blühen, hatte ein kleiner zerlumpter Knabe den ganzen Tag gesessen, ein Knabe, der ein Bild Italiens abgeben konnte, hübsch, lächelnd und dabei doch leidend. Es hungerte und durstete ihn, aber Niemand reichte ihm eine Gabe, und als es dunkelte und der Garten geschlossen werden sollte, jagte der Pförtner ihn hinaus. Lange stand er träumend auf der Brücke, die über den Arno führt, und blickte die Sterne an, die im Wasser zwischen ihm und der prächtigen Marmorbrücke della Trinità erglänzten.
Er schlug den Weg zum Metallschweine ein, kniete halb nieder, schlang seine Arme um dasselbe, legte seinen Mund an dessen glänzenden Rüssel und trank das frische Wasser in großen Zügen. Dicht daneben lagen einige Salatblätter und ein Paar Kastanien; sie wurden seine Abendmahlzeit. Kein Mensch außer ihm war auf der Straße; sie gehörte ihm allein, und getrost setzte er sich auf des Metallschweins Rücken, bog sich vorn über, so daß sein lockiges Haupt auf dem des Thieres ruhte, und ehe er sich dessen bewußt war, umfing ihn der Schlaf.
Es war Mitternacht, das Metallschwein regte sich, er hörte es deutlich sagen: »Du kleiner Knabe halte dich fest, denn nun laufe ich,« und fort lief es mit ihm; es war ein wunderbarer Ritt. – Zuerst gelangten sie auf die Piazza del granduca, und das metallene Pferd, welches des Herzogs Statue trägt, wieherte laut auf, die bunten Wappen auf dem alten Rathhause erschienen wie transparente Bilder, und Michael Angelo's David schwang seine Schleuder; es regte sich ein seltsames Leben! Die Metallgruppen, welche Perseus und den Raub der Sabinerinnen darstellen, standen da, als seien sie lebendig; ein Schrei der Todesangst entströmte ihnen und scholl über den prachtvollen Platz dahin.
Beim Palazzo degli Uffizi im Bogengänge, wo der Adel sich zur Carnevalsfreude versammelt, hielt das Metallschwein an.
»Halte Dich fest,« sagte das Thier, »halte Dich fest, denn nun geht es die Treppe hinan!« Der Kleine sagte noch kein Wort, halb zitterte er, halb war er glücklich.
Sie betraten eine lange Galerie, er war schon früher hier gewesen; die Wände prangten mit Malereien: hier standen Statuen und Büsten, alles im schönsten Lichte, als sei es heller Tag; aber am prächtigsten war es, als die Thüre eines der Seitengemächer sich öffnete; ja der Herrlichkeit dort erinnerte sich der Kleine; doch in dieser Nacht war Alles in seinem höchsten Glänze.
Hier stand ein nacktes, schönes Weib, so schön, wie nur Natur und des Marmors größter Meister es formen konnten; es bewegte die schönen Glieder, Delphine sprangen zu seinen Füßen, Unsterblichkeit leuchtete aus seinen Augen. Die Welt nennt es die mediceische Venus. An ihren Seiten prangen Marmorbilder, bei welchen des Geistes Leben den Stein durchdrungen hat; es sind nackte, schöne Männer, der eine wetzte das Schwert, der Schleifer wurde er genannt; die ringenden Gladiatoren bildeten eine andere Gruppe; das Schwert wurde gewetzt, es wurde gekämpft für die Göttin der Schönheit.
Der Knabe war von diesem Glänze wie geblendet; die Wände strahlten von Farben, Alles war dort Leben und Bewegung. Das Bild der Venus zeigte sich verdoppelt, die irdische Venus so hingebend, so feurig, wie Titian sie an sein Herz gedrückt. Es war wunderbar zu schauen. Sie waren zwei schöne Weiber; ihre herrlichen, unverhüllten Glieder streckten sich auf den weichen Polstern, ihre Brüste hoben und ihre Köpfe bewegten sich, so daß die reichen Locken auf die runden Schultern herabfielen, während die dunkeln Augen des Blutes glühende Gedanken aussprachen; aber keins der Bilder wagte doch ganz aus dem Rahmen herauszutreten. Die Schönheitsgöttin selbst, die Gladiatoren und der Schleifer blieben an ihrem Platze, denn die Glorie, welche von Madonna, Jesus und Johannes ausstrahlte, bannte sie. Die heiligen Bilder waren keine Bilder mehr, sie waren die Heiligen selbst.
Welcher Glanz und welche Schönheit von Saal zu Saal! Der Kleine sah sie alle; das Metallschwein ging ja Schritt vor Schritt durch all' diese Pracht und Herrlichkeit. Ein Anblick verdrängte den andern; nur ein Bild prägte sich tief in seine Seele ein, und das besonders durch die frohen, glücklichen Kinder, welche es zeigte, – der Kleine hatte sie einst im Tageslichte begrüßt.
Viele gehen gewiß achtlos an dem Bilde vorüber, und doch umschließt es einen Schatz von Poesie, es ist Christus, der hinabsteigt in die Unterwelt; aber es sind nicht die Verdammten, welche man um ihn her sieht, nein, es sind Heiden. Der Florentiner Angiolo Bronzino hat dieses Bild gemalt! Am herrlichsten ist der Gesichtsausdruck der Kinder, das volle Vertrauen, daß sie in den Himmel kommen werden; zwei Kleine umarmen sich schon, ein Kleiner streckt die Hand nach einem andern, tiefer stehenden aus und zeigt auf sich, als sage er: »Ich werde in den Himmel kommen!« Die älteren stehen ungewiß, hoffend, oder beugen sich demüthig anbetend vor dem Herrn Jesus. Länger als auf einem der andern weilte des Knaben Blick auf diesem, das Metallschwein stand davor still; ein leiser Seufzer wurde gehört; kam er vom Bilde oder aus des Thieres Brust? Der Knabe erhob seine Hände zu den lächelnden Kindern; – da lief das Thier mit ihm fort, fort durch den offenen Vorsaal. »Dank und Segen Dir, Du herrliches Thier!« sagte der kleine Knabe und liebkoste das Metallschwein, welches die Treppen mit ihm hinabsprang.
»Dank und Segen Dir selbst!« sagte das Metallschwein. »Ich habe Dir, und Du hast mir geholfen, denn nur mit einem unschuldigen Kinde auf dem Rücken erhalte ich die Kraft zum Laufen! Ja, siehst Du, ich darf sogar unter die Strahlen der Lampe vor das Madonnenbild treten, nur nicht in die Kirche! Aber von außen, wenn Du bei mir bist, kann ich durch die offene Thür hineinsehen. Steige nicht von meinem Rücken herunter; thust Du es, dann liege ich todt, wie Du mich am Tage siehst, in der porta rosa!«
»Ich bleibe bei Dir, mein theures Thier!« sagte der Kleine, und so ging es in sausender Eile durch die Straßen von Florenz, hinaus auf den Platz vor der Kirche Santa Croce.
Die Flügelthüre sprang auf, Lichter strahlten von dem Altare durch die Kirche hinauf auf den einsamen Platz.
Ein wunderbarer Lichtglanz entströmte dem einen Grabmonumente in dem linken Seitengange, tausend bewegliche Sterne bilden gleichsam eine Glorie um dasselbe. Ein Wappenzeichen prangt auf dem Grabe, eine rothe Leiter im blauen Grunde, die wie Feuer zu glühen scheint, es war Galilei's Grab. Das Monument ist einfach, aber die rothe Leiter in dem Grunde ist ein bedeutungsvolles Zeichen, es ist, als sei es das der Kunst, denn hier führt der Weg immer eine glühende Leiter hinan, aber zum Himmel. Alle Propheten des Geistes eilen zum Himmel, wie der Prophet Elias.
Rechts im Gange der Kirche schien jede Bildsäule auf den reichen Sarkophagen Leben erhalten zu haben. Hier stand Michael Angelo, dort Dante mit dem Lorberkranze um die Schläfen, Alfieri, Macchiavelli, Seite an Seite ruhen hier die großen Männer, Italiens Stolz. Es ist eine prächtige Kirche, weit schöner, wenngleich nicht so groß, als der Marmordom zu Florenz.
Er war, als regten sich die marmornen Gewänder, als erhöben die großen Gestalten ihre Häupter höher und schauten, unter Gesang und Tönen, hinauf zu dem bunten, strahlenden Altar, wo weißgekleidete Knaben goldene Rauchfässer schwingen; der starke Duft strömte aus der Kirche auf den freien Platz.
Der Knabe streckte seine Hand nach dem Lichtglanz aus, und im Nu eilte das Metallschwein fort; er mußte sich fest anklammern, der Wind sauste ihm um die Ohren, er hörte die Kirchthüre in den Angeln kreischen, indem sie sich schloß, aber in dem Augenblicke schien ihn das Bewußtsein zu verlassen, er fühlte eine eisige Kälte – und schlug die Augen auf.
Es war Morgen, er saß, halb hinabgeglitten vom Metallschweine, welches da stand, wo es immer in der Straße porta rosa zu stehen pflegte, noch auf dem Rücken desselben.
Furcht und Angst erfüllte den Knaben bei dem Gedanken an die, welche er Mutter nannte, und die ihn gestern ausgesandt hatte, um Geld herbeizuschaffen; er hatte nichts, ihn hungerte und dürstete. Noch einmal umfaßte er des Metallschweins Hals, küßte es auf den Rüssel, nickte ihm zu, wanderte dann fort in eine der engsten Gassen, kaum breit genug für einen bepackten Esel. Eine große eisenbeschlagene Thür war halb angelehnt, hier stieg er eine gemauerte Treppe mit schmutzigen Wänden und einem Seile, das als Geländer diente, hinan, und gelangte in eine offene Galerie, mit Lumpen behängt; von hier führte eine Treppe in den Hof hinab, wo vom Brunnen große Eisendräthe nach allen Etagen des Hauses gezogen waren und ein Wassereimer neben dem andern schwebte, während die Rolle knarrte und der Eimer in der Luft tanzte, daß das Wasser in den Hof hinunter plätscherte. Wieder führte eine verfallene, gemauerte Treppe aufwärts; – zwei Matrosen, es waren Russen, sprangen munter herab und hätten den armen Knaben fast umgestoßen. Sie kamen von ihrem nächtlichen Bacchanal. Eine nicht junge, aber üppige Weibergestalt, mit vollem schwarzen Haar, folgte ihnen. »Was bringst Du nach Hause?« sagte sie zum Knaben.
»Sei nicht böse!« bat dieser, »ich erhielt nichts, gar nichts!« – und ergriff der Mutter Kleid, als wollte er es küssen. Sie traten in das Stübchen; das will ich nicht beschreiben, nur so viel sei gesagt, daß dort ein Henkeltopf mit Kohlenfeuer stand, marito, wie er genannt wird. Diesen nahm sie in den Arm, wärmte sich die Finger und stieß den Knaben mit dem Ellnbogen. »Ja, gewiß hast Du Geld!« sagte sie.
Das Kind weinte, sie stieß es mit dem Fuße; es jammerte laut. – »Wirst Du schweigen, oder ich zerschlage Deinen schreienden Kopf!« und sie schwang den Feuertopf, den sie in der Hand hielt; der Knabe bückte sich mit einem Schrei zur Erde. Du trat die Nachbarin zur Thür herein, auch sie hatte ihren marito im Arme. »Felicita! Was thust Du dem Kinde?«
»Das Kind ist mein!« antwortete Felicita. »Ich kann es ermorden, wenn ich will, und Dich mit, Giannina,« und sie schwang ihren Feuertopf; die andere erhob den ihrigen zur Abwehr, und beide Töpfe schlugen so heftig gegen einander, daß Scherben, Feuer und Asche im Zimmer umherflogen; – – aber in demselben Augenblicke war der Knabe aus der Thür, über den Hof und aus dem Hause. Das arme Kind lief, daß es zuletzt nicht mehr athmen konnte; es hielt an bei der Kirche, deren große Thüre sich in voriger Nacht vor ihm aufgeschlossen, und ging hinein. Alles strahlte, der Knabe kniete an dem ersten Grabe zur Rechten nieder, es war das Grab Michael Angelo's, und bald schluchzte er laut. – Leute kamen und gingen, die Messe wurde gelesen, Keiner bemerkte den Knaben; nur ein ältlicher Bürger stand still, blickte ihn an – und ging dann fort wie die Andern.
Hunger und Durst plagten den Kleinen, er war ganz ohnmächtig und krank; er kroch in einen Winkel zwischen den Marmormonumenten und schlief ein. Es war gegen Abend, als er durch ein Zupfen geweckt wurde; er fuhr auf, und derselbe alte Bürger stand vor ihm.
»Bist Du krank? Wo bist Du zu Hause? Bist Du den ganzen Tag hier gewesen?« waren einige der vielen Fragen, die der Alte an ihn richtete. Sie wurden beantwortet, und der alte Mann nahm ihn mit sich in sein kleines Haus, dicht neben an in einer Seitenstraße. Sie traten in eine Schuhmacher-Werkstatt, die Frau saß eifrig nähend, als sie kamen. Ein kleiner weißer Spitz, so kurz geschoren, daß man seine rosenfarbene Haut sehen konnte, hüpfte auf den Tisch und machte vor dem kleinen Knaben seine Sprünge.
»Die unschuldigen Seelen kennen sich,« sagte die Frau und liebkoste Hund und Knaben. Letzterer erhielt Speise und Trank von den guten Leuten, und sie sagten, es solle ihm erlaubt sein, die Nacht bei ihnen zu verweilen; am nächsten Tage würde Vater Giuseppe mit seiner Mutter sprechen. Er erhielt ein kleines ärmliches Bett; für ihn aber, der oft auf dem harten, steinernen Fußboden hatte schlafen müssen, war es königlich prächtig; wie süß schlief er, träumend von den reichen Bildern und dem Metallschweine.
Vater Giuseppe ging am nächsten Morgen aus; das arme Kind war darüber nicht froh, denn es wußte, daß dieser Ausgang deshalb stattfinde, um es seiner Mutter wieder zuzuführen. Der Knabe küßte den kleinen muntern Hund, und die Frau nickte Beiden zu. –
Welchen Bescheid brachte Vater Giuseppe? Er sprach viel mit seiner Frau, und diese nickte und streichelte den Knaben. »Es ist ein herrliches Kind!« sagte sie. »Er kann ein hübscher Handschuhmacher werden, wie Du warst, und Finger hat er, wie fein und biegsam! Madonna hat ihn zum Handschuhmacher bestimmt!«
Und der Knabe blieb im Hause, die Frau lehrte ihn selbst nähen; er aß gut, schlief gut, wurde munter und begann Belissima zu necken, so hieß der kleine Hund; die Frau drohte mit dem Finger, schalt und wurde böse. – Das ging dem Knaben zu Herzen, gedankenvoll saß er in seiner kleinen Kammer. Diese hatte die Aussicht nach der Straße, in der Felle getrocknet wurden; dicke Eisenstangen waren vor den Fenstern, er konnte nicht schlafen; das Metallschwein erschien ihm stets in Gedanken, und plötzlich hörte er draußen: Klatsch, Klatsch. Das war gewiß ein Schwein! Er sprang an's Fenster, aber Nichts war zu sehen, es war schon vorüber.
»Hilf dem Signor seinen Farbekasten tragen!« sagte Madame am folgenden Morgen zum Knaben, als der junge Nachbar, der Maler, diesen und eine große, zusammengerollte Leinwand tragend, vorüberschritt. Der Knabe nahm den Kasten und folgte dem Maler, sie schlugen den Weg nach der Galerie ein und dieselbe Treppe hinan, die ihm seit jener Nacht, als er auf dem Metallschweine ritt, wohl bekannt war. Er kannte die Statuen und Bilder, die schöne Marmor-Venus und die, welche in Farben lebte; er sah die Mutter Gottes, Jesus und Johannes wieder.
Nun blieben sie vor dem Gemälde von Bronzino stehen, wo Christus in die Unterwelt hinabsteigt und die Kinder um ihn her lächeln in süßer Erwartung des Himmels – das arme Kind lächelte auch, denn hier war es in seinem Himmel! –
»Geh nun nach Hause!« sagte der Maler, als der Knabe schon so lange gestanden, bis jener während dessen seine Staffelei aufgerichtet hatte. –
»Darf ich Euch malen sehen?« fragte der Knabe, »darf ich zusehen, wie Ihr das Bild auf diese weiße Leinwand bringt?«
»Noch male ich nicht!« antwortete der Mann und nahm seine schwarze Kreide hervor. Schnell bewegte sich die Hand, das Auge maß das große Bild, und obgleich nur ein seiner Strich sichtbar wurde, stand Christus doch schwebend da, wie auf dem farbigen Bilde.
»Aber so gehe doch!« sagte der Maler, und still wanderte der Knabe heim, setzte sich auf den Tisch und – lernte Handschuhe nähen.
Aber den ganzen Tag waren seine Gedanken im Bildersaale, und daher stach er sich in die Finger, betrug sich linkisch, neckte aber dafür Bellissima nicht. Als es Abend wurde und die Hausthüre gerade offen stand, schlich er sich hinaus; es war noch kalt, aber sternenhell, gar schön und heiter. Fort wanderte er durch die schon öden Straßen, und stand bald vor dem Metallschweine, über welches er sich beugte, seinen blanken Rüssel küßte und sich auf dessen Rücken setzte. – »Du gesegnetes Thier,« sagte er, »wie habe ich mich nach Dir gesehnt! Wir müssen in dieser Nacht einen Ritt machen!«
Das Metallschwein lag unbeweglich, und die frische Quelle sprudelte ihm aus dem Rüssel. Der Kleine saß als Reiter auf ihm, da zupfte ihn Etwas an den Kleidern; er blickte zur Seite, Bellissima, die kleine kahlgeschorene Bellissima bellte, als wollte sie sagen: Siehst Du, ich bin auch da, weshalb setzest Du Dich hier her? – Kein feuriger Drache hätte den Knaben so erschrecken können als der kleine Hund an diesem Orte. Bellissima auf der Straße, und zwar ohne angekleidet zu sein, wie die alte Mutter es nannte! Was sollte daraus werden? Der Hund kam im Winter nur heraus, nachdem ihm zuvor ein kleines Lammfell übergezogen worden, welches für ihn zugeschnitten und genähet war. Das Fell, mit Schleifen und Schellen geschmückt, konnte mit einem rothen Bande um den Hals und unter dem Bauche festgebunden werden. Der Hund sah aus wie ein Zicklein, wenn er zur Winterzeit in diesem Anzüge Erlaubniß erhielt, mit Signora auszutrippeln. Bellissima war draußen und nicht angekleidet; was sollte daraus werden! Alle Phantasien waren verschwunden, doch küßte der Knabe das Metallschwein und nahm Bellissima auf den Arm; das Thier zitterte vor Kälte, daher lief der Knabe so schnell er vermochte.
»Mit was läufst Du da?« riefen zwei Polizeisoldaten, denen er begegnete und welche Belissima anbellte. »Wo hast Du den hübschen Hund gestohlen?« fragten sie, und nahmen ihm denselben weg.
»O, gebt mir ihn wieder!« jammerte der Knabe.
»Hast Du ihn nicht gestohlen, so magst Du zu Hause sagen, daß der Hund auf der Wache abgeholt werden könne!« Sie nannten den Ort und gingen mit Belissima fort.
Das war ein großer Jammer. Der Knabe wußte nicht, ob er in den Arno springen, oder nach Hause gehen und Alles gestehen sollte; sie würden ihn gewiß todtschlagen, dachte er. – »Aber ich will gern todtgeschlagen sein, ich will sterben, so gelange ich zu Jesus und der Madonna!« Und er ging heim, hauptsächlich um todtgeschlagen zu werden.
Die Thür war verschlossen, er konnte den Klopfer nicht erreichen, Niemand war auf der Straße, aber ein Stein lag da, und mit diesem donnerte er gegen die Thür. »Wer ist da?« rief es drinnen. –
»Ich bin's!« sagte er. » Belissima ist fort! Macht mir auf und schlagt mich dann todt!«
Es verbreitete sich ein Schrecken, besonders bei der Madame wegen der armen Belissima. Sie blickte sogleich auf die Wand, wo des Hundes Anzug zu hängen pflegte, das kleine Lammfell hing dort.
» Belissima auf der Wache!« rief sie ganz laut. »Du böses Kind! Wie hast Du sie hinausgelockt? Sie erfriert! Das zarte Thier bei den rohen Soldaten!« –
Der Vater mußte sogleich fort, – die Frau jammerte, der Knabe weinte. – Alle Hausgenossen kamen zusammen, unter diesen der Maler; er nahm den Knaben zwischen seine Kniee, fragte ihn aus, und in Bruchstücken erhielt er die ganze Geschichte von dem Metallschweine und der Galerie – sie war ziemlich unverständlich. Der Maler tröstete den Kleinen, versuchte die Alte zu besänftigen, aber sie gab sich nicht zufrieden, bis der Vater mit Belissima ankam, welche unter den Soldaten gewesen; das war eine Freude, der Maler liebkoste den Knaben und gab ihm eine Handvoll Bilder.
O, das waren herrliche Stücke, komische Köpfe! Und wahrlich – das Metallschwein war leibhaftig selbst darunter. O, nichts konnte herrlicher sein! Durch ein Paar Striche stand es auf dem Papiere, und selbst das dahinter stehende Haus war angegeben.
Wer doch zeichnen und malen könnte, der könnte die ganze Welt um sich versammeln!
In dem ersten einsamen Augenblicke des folgenden Tages ergriff der Kleine den Bleistift, und auf der weißen Seite eines der Bilder versuchte er die Zeichnung des Metallschweines wiederzugeben; sie gelang; – etwas schief zwar, etwas auf und ab, ein Bein dick, ein anderes dünn, aber es war doch zu erkennen, er jubelte selbst darüber. – Der Bleistift wollte nur nicht so recht gerade gehen wie er sollte, das bemerkte er wohl; am folgenden Tage stand wieder ein Metallschwein an der Seite des andern, und das war hundert Mal besser; das dritte war schon so gut, daß Jeder es erkennen konnte.
Aber es ging schlecht mit dem Handschuhnähen, langsam mit den Bestellungen in der Stadt, denn das Metallschwein hatte ihn gelehrt, daß alle Bilder auf das Papier gebracht werden können, und die Stadt Florenz, ist ein Bilderbuch, wenn man darin blättern will. Auf der piazza del Trinità steht eine schlanke Säule und oben darauf die Göttin der Gerechtigkeit, mit verbundenen Augen und der Wagschale in der Hand. Bald stand sie auf dem Papiere, und es war der kleine Bursche des Handschuhmachers, der sie dahingestellt. Die Bildersammlung wuchs, aber noch enthielt sie nur Zeichnungen von leblosen Gegenständen; da hüpfte eines Tages Bellissima vor ihm her. »Steh still!« sagte er, »dann sollst Du schon werden und in meine Bildersammlung kommen!« Aber Bellissima wollte nicht still stehen, sie mußte festgebunden werden; Kopf und Schwanz wurden gebunden, sie bellte und machte Sprünge, die Schnur mußte straff gespannt werden; da kam Signora.
»Du gottloser Knabe! Das arme Thier!« war Alles, was sie hervorbringen konnte, sie stieß den Knaben zur Seite, stieß ihn mit dem Fuße, verwies ihn aus ihrem Hause, ihn, der der undankbarste Taugenichts, das gottloseste Kind war, und weinend küßte sie ihre kleine halberwürgte Bellissima.
In demselben Augenblicke kam der Maler die Treppe herauf und – hier ist der Wendepunkt der Geschichte.
Im Jahre 1834 war in Florenz in der Academia delle arti eine Ausstellung. Zwei neben einander aufgestellte Gemälde versammelten eine Menge Zuschauer. Auf dem kleinsten war ein kleiner lustiger Knabe vorgestellt, welcher saß und zeichnete, zum Modell hatte er einen kleinen, weißen, eigenthümlich geschornen Spitz; aber das Thier wollte nicht still stehen und war daher mit Bindfaden sowohl am Kopfe wie am Schwanze festgebunden; es war Leben darin und eine Wahrheit, die Jeden ansprechen mußte. Der Maler, erzählte man, sei ein junger Florentiner, der als Kind auf der Straße gefunden, von einem alten Handschuhmacher erzogen worden sei und durch sich selbst das Zeichnen gelernt habe. Ein jetzt berühmter Maler habe dieses Talent entdeckt, als der Knabe einmal fortgejagt werden sollte, weil er der Madame Liebling, den kleinen Spitz, gebunden und zum Modell genommen hatte.
Der Handschuhmacherbursche war ein großer Maler geworden, das zeigte dieses Bild, das zeigte besonders das größere daneben. Hier war nur eine einzige Figur, ein in Lumpen gekleideter, aber schöner Knabe, welcher schlafend auf der Straße saß, er lehnte sich an das Metallschwein in der Straße porta rosa. Alle Beschauer kannten die Stelle. Des Kindes Arme ruhten auf dem Kopfe des Schweines; der Kleine schlief so fest, die Lampe vor dem Madonnenbilde warf ein starkes, effectvolles Licht auf das blasse, herrliche Gesicht des Kindes. – Es war ein wunderschönes Gemälde; ein großer, vergoldeter Rahmen umgab es, an die Ecken desselben war ein Lorbeerkranz gehängt, aber zwischen den grünen Blättern schlängelte sich ein schwarzes Band, ein langer Trauerflor hing davon herab. – Der junge Künstler war in diesen Tagen – gestorben!
Der standhafte Zinnsoldat
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Es waren einmal fünfundzwanzig Zinnsoldaten alle Brüder, denn sie waren von einem alten zinnernen Löffel geboren. Das Gewehr hielten sie im Arme und das Gesicht gerade aus; roth und blau war ihre Uniform. Das Erste, was sie in dieser Welt hörten, als der Deckel von der Schachtel genommen wurde, in der sie lagen, war das Wort: »Zinnsoldaten!« Das rief ein kleiner Knabe und klatschte in die Hände; er hatte sie bekommen, denn es war sein Geburtstag, und stellte sie nun auf dem Tische auf. Der eine Soldat glich dem andern leibhaftig, nur ein einziger war zuletzt gegossen und da hatte das Zinn nicht ausgereicht; doch stand er eben so fest auf seinem einen Beine, als die andern auf ihren zweien, und grade er ist es, der merkwürdig wurde.
Auf dem Tische, auf welchem sie aufgestellt wurden, stand viel anderes Spielzeug; aber das, was am meisten in die Augen fiel, war ein niedliches Schloß von Papier. Durch die kleinen Fenster konnte man in die Säle hineinsehen. Vor dem Schlosse standen kleine Bäume rings um einen kleinen Spiegel, der wie ein klarer See aussah. Schwäne von Wachs schwammen darauf und spiegelten sich. Das war Alles niedlich, aber das Niedlichste war doch eine kleine Dame, die mitten in der offenen Schloßthüre stand; sie war auch aus Papier geschnitten, aber sie hatte einen Rock vom klarsten Linnen an und ein kleines, schmales, blaues Band über die Schultern, ähnlich einem Gewande; mitten in diesem saß eine glänzende Flitterrose, so groß wie ihr ganzes Gesicht. Die kleine Dame streckte ihre beiden Arme aus, denn sie war Tänzerin; und dann hob sie das eine Bein so hoch empor, daß der Zinnsoldat es durchaus nicht finden konnte und glaubte, daß sie, wie er, nur ein Bein habe.
»Das wäre eine Frau für mich!« dachte er; »aber sie ist sehr vornehm; sie wohnt in einem Schlosse; ich habe nur eine Schachtel, und da sind wir fünfundzwanzig drin; das ist kein Ort für sie! Doch ich muß mit ihr Bekanntschaft machen!« dann legte er sich, so lang er war, hinter eine Schnupftabaksdose, welche auf dem Tische stand; da konnte er die kleine, feine Dame recht betrachten, die fortfuhr, auf einem Beine zu stehen, ohne aus dem Gleichgewichte zu kommen.

Als es Abend wurde, kamen alle die andern Zinnsoldaten in ihre Schachtel, und die Leute im Hause gingen zu Bette. Nun fing das Spielzeug an zu spielen, sowohl »Es kommt Besuch«, als auch »Krieg führen und Ball geben«. Die Zinnsoldaten rasselten in der Schachtel, denn sie wollten mit dabei sein, aber sie konnten den Deckel nicht abheben. Der Nußknacker machte Purzelbäume, und der Griffel belustigte sich auf der Tafel; es war ein Lärm, daß der Kanarienvogel davon erwachte und anfing mitzusprechen, und zwar in Versen. Die beiden Einzigen, die sich nicht von der Stelle bewegten, waren der Zinnsoldat und die Tänzerin; sie hielt sich gerade auf einer Fußzehenspitze und hatte beide Arme ausgestreckt; er war eben so standhaft auf seinem einen Beine; seine Augen wandte er keinen Augenblick von ihr.

Jetzt schlug die Uhr Zwölf und klatsch! da sprang der Deckel von der Schnupftabaksdose; aber es war kein Tabak drin, sondern ein kleiner schwarzer Kobold; das war ein Kunststück.
»Zinnsoldat!« sagte der Kobold; »sieh doch nicht nach Dem, was Dich Nichts angeht!«
Aber der Zinnsoldat that, als ob er es nicht hörte. »Ja, warte nur bis morgen!« sagte der Kobold.
Als es nun Morgen wurde und die Kinder aufstanden, wurde der Zinnsoldat in das Fenster gestellt und, war es nun der Kobold oder der Zugwind, auf einmal flog das Fenster auf und der Soldat fiel Hals über Kopf aus dem dritten Stockwerke hinunter. Das war eine schreckliche Fahrt! Er streckte das Bein gerade in die Höhe und blieb auf dem Tschako mit dem Bayonnet zwischen den Pflastersteinen stecken.
Das Dienstmädchen und der kleine Knabe kamen sogleich herunter, ihn zu suchen; obgleich sie nun nahe daran waren, auf ihn zu treten, sahen sie ihn doch nicht. Hätte der Zinnsoldat gerufen: Hier bin ich! so hätten sie ihn wohl gefunden; aber er fand es nicht für passend, laut zu schreien, weil er in Uniform war.
Nun fing es an zu regnen; bald fielen die Tropfen dichter; endlich wurde es ein Platzregen. Als er vorüber war, kamen zwei Straßenbuben.
»Sieh einmal!« sagte der eine, »da liegt ein Zinnsoldat! Der muß hinaus und auf dem Kahne fahren!«
Da machten sie einen Kahn von einer Zeitung, setzten den Soldaten mitten in denselben, und nun segelte er den Rinnstein hinunter; beide Knaben liefen nebenher und klatschten in die Hände. Gott bewahre uns! was für Wellen schlugen in dem Rinnsteine, und welch' ein Strom war da; ja der Regen hatte aber auch gefluthet! Das Papierboot schaukelte auf und nieder, und mitunter drehte es sich so geschwind, daß der Zinnsoldat bebte; aber er blieb standhaft, verzog keine Miene, sah gerade aus und hielt das Gewehr im Arme. Mit einem Male trieb der Kahn unter eine lange Rinnsteinbrücke, da wurde es so dunkel, als wäre er in seiner Schachtel.

»Wohin mag ich nun kommen?« dachte er. »Ja, ja, daran ist der Kobold schuld! Ach säße doch die kleine Dame hier im Kahne, da möchte es hier meinetwegen noch einmal so dunkel sein!«
Da kam plötzlich eine große Wasserratte, welche unter der Rinnsteinbrücke wohnte.
»Hast Du einen Paß?« fragte die Ratte. »Her mit dem Passe!«
Aber der Zinnsoldat schwieg und hielt das Gewehr noch fester.
Der Kahn fuhr fort und die Ratte hinterher. Hu! wie fletschte sie die Zähne, und rief den Holzspänen und dem Stroh zu:
»Haltet ihn! Haltet ihn! Er hat keinen Zoll bezahlt! Er hat den Paß nicht gezeigt!« Aber die Strömung wurde stärker und stärker; der Zinnsoldat konnte schon da, wo die Brücke aufhörte, den hellen Tag erblicken; allein er hörte auch einen brausenden Ton, der wohl einen tapfern Mann erschrecken konnte. Man denke nur: die Gosse mündete da, wo die Brücke endete, in einen großen Canal ein: das wäre für ihn eben so gefährlich gewesen, als für uns, einen großen Wasserfall hinunterzufahren.
Nun war er schon so nahe daran, daß er nicht mehr anhalten konnte. Der Kahn fuhr hinaus, der arme Zinnsoldat hielt sich so steif, wie er konnte; Niemand sollte ihm nachsagen, daß er mit den Augen blinke. Der Kahn schnurrte drei, vier Mal herum, und war bis zum Rande mit Wasser gefüllt: er mußte sinken! Der Zinnsoldat stand bis an den Hals im Wasser, und tiefer und tiefer sank der Kahn, mehr und mehr löste das Papier sich auf; nun ging das Wasser über des Soldaten Kopf. – Da dachte er an die kleine, niedliche Tänzerin, die er nie mehr zu Gesicht bekommen sollte; und es klang vor seinen Ohren:
»Fahre hin, o Kriegesmann!
Den Tod mußt Du erleiden!«
Nun ging das Papier entzwei, und der Zinnsoldat stürzte hinab – wurde aber augenblicklich von einem großen Fische verschlungen.
O, wie dunkel war es im Fischleibe! Da war es noch finsterer, als unter der Rinnsteinbrücke; und dann war es da sehr enge. Aber der Zinnsoldat blieb standhaft und lag, so lang er war, mit dem Gewehr im Arme. –
Der Fisch schwamm hin und her; er machte die schrecklichsten Bewegungen; endlich wurde er ganz still; es durchfuhr ihn wie ein Blitzstrahl; das Licht schien klar, und eine Stimme rief laut: »Der Zinnsoldat!«

Der Fisch war gefangen, auf den Markt gebracht, verkauft und in die Küche hinaufgekommen, wo die Köchin ihn mit einem großen Messer aufschnitt. Sie faßte mit ihren beiden Fingern den Soldaten mitten um den Leib und trug ihn in die Stube hinein, wo alle einen solchen merkwürdigen Mann sehen wollten, der im Magen eines Fisches herumgereist war; aber der Zinnsoldat war nicht stolz. Sie stellten ihn auf den Tisch, und da – nein, wie sonderbar kann es doch in der Welt zugehen! Der Zinnsoldat war in derselben Stube, in der er früher gewesen war; er sah dieselben Kinder und dasselbe Spielzeug stand auf dem Tische: das herrliche Schloß mit der niedlichen, kleinen Tänzerin. Sie hielt sich noch auf dem einen Beine und hatte das andere hoch in der Luft: sie war auch standhaft. Das rührte den Zinnsoldaten; er war nahe daran, Zinn zu weinen, aber es paßte sich nicht. Er sah sie an, aber sie sagte nichts.
Da nahm der eine der kleinen Knaben den Soldaten und warf ihn in den Ofen und gab keinen Grund dafür an; es war sicher der Kobold in der Dose, der Schuld daran war.
Der Zinnsoldat stand beleuchtet da und fühlte eine Hitze, die schrecklich war; aber ob sie von dem wirklichen Feuer oder von der Liebe herrührte, wußte er nicht. Die Farben waren von ihm abgegangen; ob das auf der Reise geschehen, oder ob der Kummer daran Schuld war, konnte Niemand sagen. Er sah die kleine Dame an, sie blickte ihn an, und er fühlte, daß er schmolz; aber noch stand er standhaft mit dem Gewehr im Arme. Da ging plötzlich eine Thür auf, der Wind ergriff die Tänzerin, und sie flog, einer Sylphide gleich, in den Ofen zum Zinnsoldaten, loderte in Flammen auf und fort war sie. Da schmolz der Zinnsoldat zu einem Klumpen, und als das Mädchen am folgenden Tage die Asche herausnahm, fand sie ihn als ein kleines Herz. Von der Tänzerin hingegen war nur die Flitterrose da, welche kohlschwarz gebrannt war.
Suppe auf einem Wurstspeiler
Inhaltsverzeichnis
I.
II.
III.
IV.
V.
I.
Inhaltsverzeichnis
»Das war gestern ein ausgezeichneter Mittag!« sagte eine alte Maus weiblichen Geschlechts zu Einer, die nicht bei der Festmahlzeit gewesen war. »Ich saß Nummer Einundzwanzig von dem alten Mausekönig abwärts; das war eben nicht schlecht placirt! – Wollen Sie jetzt die Anrichtung hören, die Gänge waren sehr gut geordnet: schimmeliges Brot, Speckschwarte, Talglicht und Wurst, – und dann wiederum dasselbe von vorn an; es war so gut als hätten wir zwei Festmahlzeiten gehabt. Angenehme Stimmung und gemüthlicher Unsinn wie in einem Familienkreise; nicht das Allergeringste außer den Wurstspeilern blieb übrig; aus diese kam dann das Gespräch, und es wurde schließlich auch der Redensart: »Suppe auf Wurstschalen«, oder wie es im Nachbarlande sprichwörtlich heißt: »Suppe auf einem Wurstspeiler« erwähnt; gehört hiervon hatte nun Jedermann, aber Niemand hatte die Suppe gekostet, geschweige sie jemals zubereitet. Es wurde ein allerliebster Toast dem Erfinder dafür ausgebracht. Derselbe verdiene Armendirector zu sein! Nicht wahr, das war witzig? – Und der alte Mausekönig erhob sich und versprach derjenigen der jungen Mäuse, welche die mehrerwähnte Suppe am wohlschmeckendsten zubereiten könne, sie solle seine Königin sein; Jahr und Tag gäbe er ihr Frist dazu.«
»Das war nicht übel!« sagte die andere Maus; »aber wie bereitet man denn die Suppe zu?«
»Ja, wie bereitet man sie zu!« – das fragen auch die andern weiblichen jungen und alten Mäuse. Alle möchten sie gar gern Königin sein, aber ungern wollen sie die Mühe haben, sich in die weite Welt hinauszubegeben, um die Suppe zubereiten zu lernen, und das würde denn doch nothwendig geschehen müssen! Aber es ist auch nicht Jedem gegeben, die Familie und die alten Winkel zu verlassen; draußen geht es nicht alle Tage an Käserinde und nicht alle Tage riecht man Speckschwarte; nein, Hunger muß man leiden, ja vielleicht wird man gar von einer Katze lebendig aufgefressen!
Solche Gedanken waren es wohl auch, durch welche die Mehrzahl sich abschrecken ließ, nicht in die weite Welt zu gehen und Kenntnisse zu sammeln. Es stellten sich nur vier Mäuse ein, die zur Abreise bereit waren; sie waren jung und flink, aber arm; jede von ihnen wollte sich nach einer der vier Weltgegenden begeben, es würde sich dann herausstellen, welcher von ihnen das Glück günstig sei. Jede von ihnen nahm einen Wurstspeiler mit, damit sie eingedenk sei, weshalb sie reise; der Wurstspeiler sei ihr Wanderstab.
Anfangs Mai zogen sie aus, und erst im Mai des folgenden Jahres kamen sie zurück, jedoch nur Drei, die Vierte meldete sich nicht, ließ gar nichts von sich hören, trotzdem daß der Tag der Entscheidung da war.
»Ja, dem besten Vergnügen hängt sich stets irgend ein Kummer an,« sagte der Mausekönig; allein er gab Befehl, sämmtliche Mäuse im Umkreise vieler Meilen einzuladen; sie sollten sich in der Küche versammeln; die drei Reisemäuse standen in einer Reihe für sich; für die Vierte, die fehlte, war ein Wurstspeiler, mit schwarzein Trauerflor behangen, aufgerichtet. Niemand durfte seine Ansicht äußern, bevor nicht der Mausekönig gesagt hatte, was weiter gesagt werden solle.
Wir werden hören!
II.
Inhaltsverzeichnis
Was die eiste kleine Maus auf Reisen gesehen und gelernt hatte.
»Als ich in die weite Welt hinauszog,« – sagte die kleine Maus – »wähnte ich, wie es in meinem Alter gar Viele thun, ich hätte schon alles Wissen verschlungen; allein das hat man nicht, es vergeht Jahr und Tag, bis man so weit gelangt. – Ich ging sogleich zur See; ich ging mit einem Schiffe welches gen Norden steuerte, ich hatte mir sagen lassen, daß der Schiffskoch sich auf dem Meere zu helfen wissen müsse, allein es ist ein Leichtes sich zu helfen wissen, wenn man vollauf hat von Speckseiten von großen Tonnen mit Pökelfleisch, und milbigem Mehl; man lebt delicat aber man lernt nicht, wie man eine Suppe auf einem Wurstspeiler kochen kann. – Wir segelten viele Nächte und Tage hindurch, das Schiff schaukelte entsetzlich, und ohne Nässe lief es auch nicht ab. Als wir endlich dorthin gelangten, wohin wir sollten, verließ ich das Fahrzeug, es war oben im hohen Norden.
Es ist gar wunderlich, aus seinem eigenen Winkel zu Hause herauszukommen, mit einem Schiffe gehen, das gewissermaßen auch so eine Art Winkel ist, und dann plötzlich über hundert Meilen weit sein und in einem fremden Lande stehen. Ich sah große unwegsame Wälder mit Tannen und Birken, sie dufteten gar stark, ich nießte, ich dachte an Wurst. Es waren auch große Seen dort; die Gewässer waren in der Nähe gesehen, ganz klar, aber von der Ferne sahen sie wie schwarze Tinte aus; weiße Schwäne lagen da, ich glaubte es sei Schaum, so still lagen sie, aber ich sah sie fliegen, sah sie gehen und nun erkannte ich sie; sie gehören dem Geschlechte der Gänse an, das sieht man wohl am Gange. Niemand vermag seine Abstammung abzuleugnen! – Ich hielt mich an meine Art, ich schloß mich den Wald- und Feldmäusen an, die übrigens sehr wenig wissen, besonders was Tractament anbetrifft, und das war es ja gerade, weshalb ich in's Ausland reiste. Der Gedanke, daß eine Suppe auf einem Wurstspeiler gekocht werden könne, war ihnen ein so außerordentlicher Gedanke, daß er sofort durch den ganzen Wald von Munde zu Munde ging; daß die Aufgabe gelöst werden könne, sei ein Ding der Unmöglichkeit, und am wenigsten dachte ich, daß ich dort, und zwar in der ersten Nacht, in die Zubereitung eingeweiht werden sollte. Es war im Hochsommer, und deshalb sagten die Mäuse, dufte auch der Wald so stark, seien die Kräuter so würzig die Seen so klar und doch so dunkel mit ihren weißen schwimmenden Schwänen.
Am Saume des Waldes, zwischen drei oder vier Häusern war eine Stange, so hoch wie der Großmast eines Schiffes errichtet, und an der obersten Spitze derselben hingen Kränze und flatternde Bänder, es war der Maibaum. Knechte und Mägde tanzten um den Baum herum und sangen dazu um die Wette nach der Violine des Spielmannes. Es ging lustig her bei Sonnenuntergang und im Mondenscheine, aber ich nahm keinen Antheil, – was soll eine kleine Maus beim Maitanze! Ich saß in dem weichen Moose und hielt meinen Wurstspeiler fest. Der Mond warf seine Strahlen namentlich auf einen Fleck, wo ein Baum mit einem so außerordentlich seinen Moose stand, ja, ich darf fast sagen, so sein und weich, wie das Fell des Mausekönigs, aber es war von grüner Farbe, und die ist eine Wohlthat für die Augen.
Auf einmal marschirten nun die wunderlieblichsten kleinen Leute auf, nicht größer als daß sie mir bis an's Kniee reichten; sie sahen aus wie die Menschen, aber sie waren besser proportionirt, sie nannten sich Elfen und hatten seine Kleider an von Blumenblättern mit Fliegen- und Mücken-Flügeln-Besatz; was nicht übel aussah. Es war gleich bei ihrem Erscheinen, als wenn sie etwas suchten, ich wußte nicht was, aber endlich kamen einige auf mich zu, der Vornehmste deutete auf meinen Wurstspeiler und sagte: »So einer ist es gerade, wie wir ihn gebrauchen! der ist zugespitzt, der ist ausgezeichnet!« und je länger er meinen Wanderstab betrachtete, desto entzückter ward er.
»Leihen, ja, aber nicht behalten!« sagte ich.
»Nicht behalten!« riefen sie Alle, erfaßten nun den Wurstspeiler, den ich fahren ließ, und tanzten mit ihm nach dem Flecke mit dem seinen Moose, wo sie den Wurstspeiler inmitten des Grünen aufrichteten. Sie wollten auch einen Maibaum haben, und der, welchen sie nun hatten, war denn auch als sei er für sie zugeschnitten. Nun wurde er ausgeschmückt; ja, das war erst ein Anblick!
Kleine Spinnen bespannen ihn mit Golddrath, behingen ihn mit flatternden Schleiern und Fahnen, so sein gewebt, so schneeweiß im Mondenscheine gebleicht, daß es mir die Augen blendete; sie nahmen Farben von den Flügeln des Schmetterlings und streuten diese über das weiße Linnen, und Blumen und Diamanten flimmerten darauf, ich kannte meinen Wurstspeiler nicht wieder; einen solchen Maibaum, wie der geworden, gab es gewiß in der ganzen Welt nicht mehr. Und jetzt erst kam die richtige große Elfengesellschaft, die war ohne alle Bekleidung, seiner konnte es nicht sein; und mich lud man ein, das Fest mit anzusehen, doch nur von einer gewissen Entfernung, denn ich war ihnen zu groß.
Nun begann aber eine Musik! Es war als klängen tausende von Glasglocken, so voll, so stark, daß ich glaubte, es seien die Schwäne, die da sängen, ja, es schien mir, als vernähme ich auch die Stimme des Kukuks und der Amsel, es war zuletzt, als klinge der ganze Wald mit; da waren Kinderstimmen, Glockenklang und Vogelsang; die wunderherrlichsten Melodien, und all' die Herrlichkeit klang aus dem Maibaume der Elfen, der war ein ganzes Glockenspiel und war mein Wurstspeiler. Daß so viel aus ihm hätte herauskommen können, hatte ich nie geglaubt, aber das hängt denn wohl davon ab, in welche Hände er kommt. Ich war gerührt; ich weinte wie eine kleine Maus weinen kann, vor lauter Vergnügen.
Die Nacht war gar zu kurz, allein sie ist nun einmal um die Zeit nicht länger dort oben. In der Morgendämmerung kamen die wehenden Lüfte, der Wasserspiegel des Waldsees kräuselte sich, alle die seinen schwebenden Schleier und Fahnen flatterten dahin in der Lust; die schaukelnden Guirlanden von Spinnengeweben, die hängenden Brücken und Balustraden, wie sie nun alle heißen, flatterten davon, als seien sie Nichts; sechs Elfen trugen mir wieder meinen Wurstspeiler zu, indem sie mich zugleich fragten, ob ich irgend einen Wunsch hege, den sie zu erfüllen vermöchten; da bat ich sie, mir sagen zu wollen, wie man Suppe auf einem Wurstspeiler koche.
»Wie wir es thun?« sagte der Vornehmste unter den Elfen und lächelte, »das hast Du ja doch so eben gesehen! Du kanntest ja kaum Deinen Wurstspeiler wieder!«
»Sie meinen es nun so in der Weise!« dachte ich, und erzählte ihnen einfach, weshalb ich mich auf der Reise befände und was man sich in der Heimath von dieser Küche verspräche. »Welcher Nutzen,« fragte ich, »erwächst dem Mausekönig und unserem ganzen mächtigen Reiche dadurch, daß ich diese Herrlichkeit mit angesehen habe? ich vermag es doch nicht, sie aus dem Wurstspeiler zu schütteln und zu sagen: Seht, hier ist der Wurstspeiler, jetzt kommt die Suppe! das wäre höchstens eine Art Hinrichtung – wenn man satt wäre!«
Da senkte der Elf seinen kleinen Finger in den Kelch eines blauen Veilchens und sprach zu mir: »Gieb Acht! Hier bestreiche ich Deinen Wanderstab, und wenn Du in Deiner Heimath in das Schloß des Mausekönigs trittst, dann berühre mit dem Stäbchen die warme Brust Deines Königs, und es werden Veilchen sprießen, die den ganzen Stab bedecken, selbst zur kältesten Winterzeit. Und damit habe ich Dir denn doch wohl etwas mit nach Hause gegeben und noch ein wenig mehr!« – Allein bevor die kleine Maus sagte, was dieses »ein wenig mehr« sei, richtete sie ihren Stab auf die Brust des Königs, und in der That, das schönste Veilchensträußchen sproß hervor, und duftete so stark, daß der Mausekönig den Mäusen, welche dem Schornsteine am nächsten standen, befahl, ihre Schwänze sofort ins Feuer zu stecken, damit man einen brandigen Geruch verspüre, denn der Veilchenduft sei nicht auszuhalten, der sei nicht die Sorte, die man liebe.
»Aber was war das »Mehr«, von dem Du sprachst?« fragte der Mausekönig.
»Ja,« sagte die kleine Maus, »das ist, glaube ich, Das, was man den Effekt nennt!« Und darauf kehrte sie den Wurstspeiler um, und siehe, keine einzige Blume war mehr an demselben zu erblicken, sie hielt nur den nackten Speiler, und diesen hob sie, wie man den Taktstock hebt.
»Veilchen,« – sagte mir der Elf, »sind für den Anblick, für den Geruch und das Gefühl, es bleibt demnach noch übrig, auch auf das Gehör und den Geschmack Bedacht zu nehmen!« – Nun schlug das Mäuschen den Takt; das war eine Musik, nicht wie sie im Walde beim Feste der Elfen erklang, nein, wie sie in der Küche zu vernehmen ist. Das war ein Gekoche und Gebrate! Es kam plötzlich, als wenn der Wind durch alle Essen brause, als wenn Kessel und Töpfe überkochten. Die Feuerschaufel hämmerte auf den messingenen Kessel, und dann, – plötzlich wurde es wieder still: man vernahm das leise, gedämpfte Gesinge des Theekessels, und wunderlich war das anzuhören, man konnte nicht recht unterscheiden, ob der Kessel zu kochen beginne, oder aufhöre; der kleine Topf brodelte und der große Topf brodelte, einer kümmerte sich nicht um den andern, es war, als sei keine Vernunft im Topfe. Und die kleine Maus schwang ihren Taktstock immer wilder, – die Töpfe schäumten, warfen große Blasen, kochten über, der Wind brauste und pfiff durch den Schornstein – huha! es ward dermaßen entsetzlich, daß die kleine Maus selbst den Stock verlor.
»Das war eine schwere Suppe!« sagte der Mausekönig; »kommt nun nicht bald die Anrichtung?«
»Das war das Ganze!« erwiderte die kleine Maus und verneigte sich.
»Das Ganze! – Nun dann möchten Wir vernehmen, was die Nächste zu berichten hat!« sprach der König.
III.
Inhaltsverzeichnis
Was die zweite kleine Maus zu erzählen wußte.
»Ich bin in der Schloßbibliothek geboren,« sagte die andere Maus; »ich und mehrere unserer Familienglieder haben nie das Glück gekannt, in den Speisesaal, geschweige in die Speisekammer zu gelangen; erst auf meiner Reise und heut hier erblickte ich eine Küche. Wir mußten in der That oft Hunger leiden in der Bibliothek, aber wir bekamen viele Kenntnisse. Zu uns hinauf gelangte das Gerücht von dem königlichen Preise, ausgesetzt für Denjenigen, der Suppe auf einem Wurstspeiler zu kochen verstehe, und da war es denn meine alte Großmutter, die ein Manuscript hervorsuchte, das sie zwar nicht lesen konnte, das sie jedoch hatte vorlesen hören, und in welchem geschrieben stand: »»ist man ein Dichter, so kann man Suppe auf einem Wurstspeiler kochen.«« Sie fragte mich, ob ich Dichter sei. Ich fühlte mich in der Beziehung unschuldig, und sie sagte, alsdann müsse ich hinaus und machen, daß ich es werde; ich fragte wiederum, was wohl dazu erforderlich sei, denn es hatte für mich gerade so viel Schwierigkeit das herauszufinden, als die Suppe zuzubereiten; doch die Großmutter hatte Vieles vorlesen hören, sie sagte, es seien drei Haupttheile erforderlich; »»Verstand, Phantasie, Gefühl, – kannst Du machen, daß Du diese drei für Dich kriegst, so bist Du Dichter, und dann wird es Dir schon ein Leichtes mit dem Wurstspeiler sein.««
Ich ging ab und schritt gegen Westen in die weite Welt hinaus, damit ich ein Dichter werde.
Verstand ist in jedem Dinge das Wichtigste, das wußte ich, die beiden anderen Theile genießen lange nicht die Achtung! und ich ging demnach zuerst nach dem Verstande aus. Ja, wo wohnt der wohl? Geh' zur Ameise und lerne Weisheit! hat ein großer König der Juden gesagt, das wußte ich von der Bibliothek her, und ich hielt nicht an bis ich an den ersten großen Ameisenhaufen gelangte, dort legte ich mich auf die Lauer, um weise zu werden.
Die Ameisen sind ein sehr respectables Völkchen, sie sind lauter Verstand. Alles bei ihnen ist wie ein richtiges Rechenexempel, welches aufgeht. Arbeiten und Eier legen, sagen sie, heißt in der Zeit leben und für die Nachwelt sorgen, und das thun sie denn auch. Sie theilten sich in die reinen Ameisen und die schmutzigen; der Rang wird durch eine Nummer bezeichnet; die Ameisenkönigin ist Nummer Eins und ihre Ansicht die allein richtige, sie hat aller Welt Weisheit inne, und das war für mich zu wissen von Wichtigkeit! Sie sprach so Vieles und es war so klug, daß es mir wie dumm vorkam. Sie sagte, ihr Ameisenhaufen sei das Höchste in der Welt, aber dicht neben dem Haufen stand nichtsdestoweniger ein Baum, welcher höher, viel höher war, das konnte nicht abgeleugnet werden, – und so sprach man nicht davon. Eines Abends hatte sich eine Ameise auf den Baum verirrt, war den Stamm hinangekrochen, nicht einmal bis zur Krone, aber doch höher, als irgend eine Ameise bis dahin gelangt war, und als sie umkehrte und wieder nach Hause kam, erzählte sie nun von etwas weit Höherem, welches sie draußen gefunden habe, aber das fanden alle Ameisen beleidigend gegen die Gesellschaft, und die Ameise wurde deshalb zum Maulkorbe und zu immerwährender Einsamkeit verurtheilt. Allein kurze Zeit darauf gelangte eine andere Ameise an den Baum und machte dieselbe Reise und dieselbe Entdeckung; sie sprach davon mit Bedacht und Undeutlichkeit, wie es hieß, und da sie außerdem eine geachtete Ameise und eine der reinen war, so glaubte man ihr, und als sie starb, errichtete man ihr eine Eierschale als Denkmal, denn man hegte große Achtung vor den Wissenschaften. »Ich sah,« sagte die kleine Maus, »daß die Ameisen immer mit ihren Eiern auf dem Rücken umherliefen; eine verlor einmal ihr Ei, sie gab sich viele Mühe es wieder aufzuheben, allein es wollte ihr nicht gelingen, da kamen zwei andere hinzu, die halfen ihr aus Leibeskräften, so daß sie beinahe ihre eigenen Eier dabei verloren hätten, alsdann ließen sie aber auch augenblicklich in ihrer Hilfe nach, denn man ist sich selbst am nächsten, und die Ameisenkönigin sagte hiervon, es sei so Herz und Verstand an den Tag gelegt worden. »Diese Beiden stellen uns Ameisen auf die höchste Stufe unter allen Vernunftwesen; der Verstand muß durchaus in hervorragender Weise in uns zugegen sein, und ich habe den größten Verstand!« und dabei richtete sie sich auf den Hinterbeinen empor, sie war nicht zu verkennen, – ich konnte mich nicht irren: ich verschlang sie. Geht zu den Ameisen, um Weisheit zu lernen: – ich hatte jetzt die Königin!«
Ich begab mich nun näher an den schon mehrerwähnten großen Baum heran; derselbe war eine Eiche, hatte einen hohen Stamm, eine volle, weit ausgebreitete Krone und war sehr alt; ich wußte, daß hier ein lebendes Geschöpf wohne, ein Weib, Dryade wird es genannt, wird mit dem Baume geboren und stirbt auch mit demselben; ich hatte davon auf der Bibliothek gehört; nun sah ich einen solchen Baum, ein solches Eichenmädchen. Es stieß einen entsetzlichen Schrei aus, als es mich so in der Nähe erblickte; es fürchtete sich wie alle Frauen sehr vor Mäusen; und es hatte denn auch mehr Grund dazu als alle andern, denn ich hätte den Baum durchnagen können, an welchem ja sein Leben hing. Ich sprach dem Mädchen freundlich und innig zu, flößte ihm Muth ein, und es nahm mich in seine zarte Hand, und als ich ihm erzählt, weshalb ich in die weite Welt gegangen sei, versprach es mir, ich sollte vielleicht noch an demselben Abende einen der zwei Schätze haben, die ich noch suchte. Es erzählte mir, daß Phantasus sein sehr guter Freund, daß er so schon wie der Liebesgott sei, und daß er manche Stunde unter den belaubten Zweigen des Baumes ruhe, die dann noch kräftiger über die Beiden rauschten. Er nenne es seine Dryade, sagte es, den Baum seinen Baum, die knorrige schöne Eiche sei gerade nach seinem Sinne, die Wurzel breite sich tief und fest in der Erde aus, der Stamm und die Krone heben sich hoch empor in die frische Luft und kennten den stöbernden Schnee, die scharfen Winde und den warmen Sonnenschein, wie diese gekannt sein müssen. »Ja,« fuhr die Dryade fort und sagte, »die Vögel singen dort oben in der Krone und erzählen von fremden Gefilden, die sie besuchten, und auf dem einzigen dürren Zweige hat der Storch sein Nest gebaut, das putzt schön aus und man bekommt auch ein wenig aus dem Lande der Pyramiden zu hören. Das Alles gefällt dem Phantasus, es genügt ihm aber doch nicht, ich selbst muß ihm erzählen von dem Leben im Walde, und muß zurückgreifen in meine Kindheit, als ich klein und der Baum zart war, so zart, daß eine Brennnessel ihn überschattete, und Alles erzählen bis jetzt, wo der Baum nun groß und stark geworden ist. Setze Du Dich nun dort unter den grünen Waldmeister und gieb wohl Acht, ich werde, wenn Phantasus kommt, schon Gelegenheit finden, ihn in den Flügel zu kneifen und eine kleine Feder auszurupfen; nimm die Feder – eine bessere wird keinem Dichter gegeben – dann hast Du genug!«
Und Phantasus kam, die Feder wurde ausgerupft und »ich begriff sie«, sagte die kleine Maus, »ich steckte sie in Wasser und hielt sie darin, bis sie erweichte, – sie war noch sehr schwer verdaulich, aber ich habe sie doch endlich aufgenagt! Es ist sehr leicht, sich zum Dichter heranzunagen, es giebt gar Vieles, das man inne haben muß. Nun hatte ich denn die zwei, den Verstand und die Phantasie, und durch diese wußte ich nun, daß das Dritte in der Bibliothek zu finden sei, denn ein großer Mann hat gesagt und geschrieben, daß es Romane giebt, die einzig und allein dazu da sind, um die Menschen von ihrem Ueberflusse an Thränen zu befreien, demnach eine Art Schwämme sind, um die Gefühle aufzusaugen. Ich erinnerte mich an einige dieser Bücher, die immer besonders appetitlich ausgesehen hatten, recht abgelesen und fettig waren; sie müssen einen unendlichen Schwall in sich aufgenommen haben.
Ich begab mich zurück in die Bibliothek, fraß gleichsam einen ganzen Roman, d. h. das Weiche, das Eigentliche; die Kruste dagegen, den Einband, ließ ich liegen. Als ich ihn verdaut hatte, und noch einen dazu, vernahm ich schon, wie es sich in meinem Innern regte, ich fraß noch ein Stückchen von einem dritten Roman, und alsdann war ich Dichter, das sagte ich mir selbst und sagte es auch den Andern! Ich hatte Kopfschmerzen und Leibschmerzen und – ich weiß nicht, was ich alles für Schmerzen hatte; ich dachte nun darüber nach, welche Geschichten wohl in Beziehung zu einem Wurstspeiler gebracht werden könnten, und gar viele Speiler und Stecken und Stäbe und Hölzchen kamen mir in den Gedanken, die Ameisenkönigin hatte einen außergewöhnlichen Verstand gehabt; ich erinnerte mich des Mannes, der einen weißen Stecken in den Mund nahm, wodurch er sowohl sich wie den Stecken unsichtbar machen konnte; ich dachte an Steckenpferde, an Stabreime, an »den Stab über Einen brechen« und Gott weiß, wie viele Redensarten der Art von Stäben, Stecken und Speilern. Alle meine Gedanken gingen in Speilern, Hölzchen und Stäben auf! und von diesen müsse, wenn man ein Dichter ist, und der bin ich, ich habe mich abgeäschert, daß ich es endlich geworden bin, auch gedichtet werden können. Ich werde somit an jedem Tage der Woche Ihnen mit einem Speiler, einer Historie aufwarten können, – ja, das ist meine Suppe!«
»Hören wir, was die Dritte zu sagen hat!« befahl der Mausekönig.
»Pi, pi!« sagte es in der Küchenthüre, und eine kleine Maus, – es war die vierte von den Mäusen, die sich um den Preis bewarben, die, welche die andern schon todt wähnten, schoß herein wie ein Pfeil. Sie rannte den Wurstpfeiler mit dem Trauerflor um und um, sie war Tag und Nacht gelaufen, war auf der Eisenbahn mit dem Güterzuge gefahren, wozu sie die Gelegenheit erspäht hatte, und doch war sie fast zu spät gekommen; sie drängte sich hervor, sah gar zerzaust aus, hatte ihren Wurstspeiler verloren, aber nicht die Sprache, sie nahm sofort das Wort, als wenn man nur ihrer harre, nur sie anhören wolle, als wenn alles Andere in der Welt die Welt nichts anginge; sie sprach sofort, sprach sich aus; sie trat so unerwartet auf, daß Niemand Zeit gewann, sich über sie und über ihre Rede aufzuhalten, während sie redete. Hören wir zu, was sie sprach:
IV.
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Was die vierte Maus, bevor die dritte gesprochen hatte, zu erzählen wußte.
»Ich begab mich sogleich nach der größten Stadt,« sagte sie, »der Name ist mir entfallen, ich habe ein schlechtes Gedächtniß für Namen. Von der Eisenbahn kam ich mit confiscirten Gütern aufs Rathhaus und dort angekommen, lief ich in die Wohnung des Schließers. Der Schließer sprach von seinen Gefangenen, namentlich von einem derselben, der unüberlegte Worte gesprochen hatte; von diesen Worten waren wieder und wieder Worte gesprochen, und diese wieder niedergeschrieben und einregistrirt worden; »das Ganze sei Suppe auf einem Wurstspeiler!« sagte der Schließer, »allein die Suppe kann ihm seinen Hals kosten!« Das flößte mir nun Interesse für den Gefangenen ein,« sagte die kleine Maus, »ich benutzte die Gelegenheit und huschte zu ihm hinein; ein Mauseloch findet sich hinter jeder verschlossenen Thür! Der Gefangene sah blaß aus, hatte einen großen Bart und große, funkelnde Augen. Die Lampe flackerte und dampfte, und die Wände waren das so gewohnt, sie wurden deshalb nicht schwärzer. Der Gefangene ritzte Bilder und Verse mit Weiß auf Schwarz, ich las sie nicht. Ich glaube, er hatte Langeweile; ich war ein willkommener Gast. Er lockte mich mit Brotkrümelchen, mit Pfeifen und mit milden Worten, er freute sich meiner sehr, ich faßte allmälig Vertrauen zu ihm, und wir wurden Freunde. Er theilte Brot und Wasser mit mir, gab mir Käse und Wurst, ich lebte flott; allein es war doch, das muß ich sagen, namentlich der gute Umgang, der mich hielt. Er ließ mich auf seiner Hand, auf seinem Arm, ganz in den Aermel hinauf laufen; er ließ mich in seinem Barte umherkriechen, nannte mich seinen kleinen Freund; ich gewann ihn in der That lieb; so etwas ist wohl gegenseitig! Ich vergaß, was ich in der weiten Welt wollte, vergaß meinen Wurstspeiler in einer Ritze im Fußboden; dort liegt er noch. Ich wollte bleiben, wo ich war, ginge ich erst fort, dann hätte ja der arme Gefangene gar Niemand, und das ist zu wenig in dieser Welt! – Ich blieb, er blieb nicht! Er redete recht traurig zu mir das letzte Mal, gab mir doppelt so viel Brot und Käse wie sonst, und warf mir darauf Kußhände zu; er ging und kehrte nicht wieder. Ich kenne seine Geschichte nicht. »Suppe auf einem Wurstspeiler!« sagte der Schließer, und zu diesem ging ich nun hinein; doch ihm hätte ich nicht trauen sollen; er nahm mich zwar auf seine Hand, aber er steckte mich in einen Käfig ein, in eine Tretmühle; das ist entsetzlich! man läuft und läuft und kommt doch nicht weiter, und ist nur zum Gelächter!
Die Enkelin des Schließers war eine allerliebste Kleine, ein Lockenkopf, wie das schönste Gold, Augen, wie freudig! und einen Mund, wie lächelnd! »Du arme kleine Maus!« sagte sie, guckte in meinen häßlichen Käfig hinein, zog den eisernen Stecken herab – und ich sprang aufs Fensterbrett herab, von dort hinaus auf die Dachrinne. Frei! Frei! nur das allein dachte ich, nicht an das Ziel der Reise!
Es war finster, die Nacht zog herauf; ich logirte mich in einem alten Thurme ein, dort wohnte ein Wächter und eine Eule; ich traute Keinem von Beiden, am wenigsten der Eule; sie gleicht einer Katze und hat den großen Fehler, daß sie Mäuse frißt; allein man kann sich irren und das that ich; sie war eine respektable, außerordentlich gebildete, alte Eule; sie wußte mehr als der Wächter und eben soviel wie ich; die Eulenkinder machten Aufhebens von allen Dingen; »kocht nur keine Suppe auf einem Wurstspeiler!« sagte die Alte; das waren die härtesten Worte, die sie übers Herz bringen konnte, sie hegte eine zu innige Liebe zu ihrer eigenen Familie. Mir flößte ihr Betragen ein solches Vertrauen ein, daß ich aus der Ritze, wo ich saß, ihr ein »Pi« zurief; dieses Vertrauen gefiel ihr sehr, und sie versicherte mich, daß ich unter ihrem Schutze stehen solle, keinem Thiere sollte es erlaubt sein, mir Böses anzuthun, das wolle sie selbst zum Winter thun, wenn es schmale Bissen setze.
Sie war in Allem eine kluge Frau; sie bewies mir, daß der Wächter nur mit dem Horn, welches lose an seiner Seite hing, heulen könne; »er bildet sich entsetzlich viel darauf ein, glaubt, er sei eine Eule im Thurme. Groß hinaus will es, aber gar winzig ist es! Suppe auf einem Wurstspeiler!« – Ich bat die Eule, mir das Recept zu der Suppe zu geben, und nun erklärte sie es mir: »Suppe auf einem Wurstspeiler« – sagte sie, »»sei nur eine menschliche Redensart, und sei in verschiedener Weise zu verstehen, ein Jeder glaube, seine Weise sei die richtigste; allein das Ganze sei eigentlich Nichts!««
»Nichts!« rief ich aus. Das schlug mich. Die Wahrheit ist nicht immer angenehm, aber die Wahrheit geht über Alles! und das sagte auch die alte Eule. Ich dachte nun darüber nach, und sah wohl ein, daß ich, wenn ich das brächte, was über Alles geht, so brächte ich weit mehr als Suppe auf einem Wurstspeiler. Und darauf beeilte ich mich, weiter zu kommen, damit ich noch zu rechter Zeit nach Hause käme und das Höchste und Beste, das, was über Alles geht, – die Wahrheit bringen könnte. Die Mäuse sind ein aufgeklärtes Völkchen und der Mausekönig ist über sie Alle insgesammt. Er ist capable, mich zur Königin zu machen – um der Wahrheit willen!«
»Deine Wahrheit ist eine Lüge!« sagte die Maus, der das Wort noch nicht gegeben war; »ich kann die Suppe zubereiten, und ich werde sie auch zubereiten.«
V.
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Wie sie zubereitet wurde.
»Ich bin nicht gereist,« sagte die dritte Maus, »ich blieb im Lande, das ist das Richtige! Man braucht nicht zu reisen, man kann hier Alles ebenso gut bekommen. Ich blieb; ich habe meins nicht von übernatürlichen Wesen gelernt, habe es mir nicht erfressen oder gar mit Eulen erredet. Ich habe das meinige durch selbsteigenes Denken. Wollt Ihr nun machen, daß Ihr den Kessel über das Feuer setzt! – So! – nun Wasser hineingegossen! – ganz voll – bis an den Rand herauf, so! – jetzt mehr gefeuert! – immer brennen lassen, damit das Wasser kocht, – es muß über und über kochen! – So! – jetzt werft den Speiler hinein! – Wolle nun der König geruhen, seinen Schwanz in das sprudelnd Kochende hinein zu tauchen und mit diesem Schwanz umrühren; je länger der König umrührt, um so kräftiger wird die Suppe werden; es kostet nichts! Zuthaten sind nicht erforderlich, – nur umrühren!«
»Kann das ein andrer nicht thun?« fragte der König.
»Nein,« sagte die Maus, »nur in des Königs Schwanz ist die Kraft enthalten!«
Und das Wasser kochte und sprudelte, und der Mäusekönig stellte sich dicht neben den Kessel, – es war fast mit Gefahr verknüpft, – er steckte den Schwanz aus, so wie es die Mäuse in der Milchkammer thun, wenn sie einen Napf Milch abrahmen, und sich den rahmigen Schwanz hinterher ablecken, aber er kam mit seinem Schwanz nur bis in die heißen Wasserdämpfe hinein, dann sprang er sofort vom Herde herunter.
»Das versteht sich, natürlicherweise, Du bist meine Königin!« rief er; »mit der Suppe wollen wir es bewenden lassen, bis zu unserer goldenen Hochzeit, denn so haben die Armen meines Reiches, die da gespeist werden sollen, Etwas, worauf sie sich freuen können, und haben eine lange Freude!«
Darauf machten sie Hochzeit; aber mehrere der Mäuse sagten, als sie nach Hause zurückkamen: »Suppe auf einem Wurstspeiler sei das eigentlich doch nicht zu nennen, es sei eher Suppe auf einem Mauseschwanze!« – Dieses und Jenes von Dem, was erzählt war, fanden sie gut gegeben; das Ganze aber hätte anders sein können! »ich würde es nun so erzählt haben, und so – – und so – –!«
Das war die Kritik, und die ist immer so klug – hinterdrein.
Diese Geschichte ging in die weite Welt überall hinaus, die Meinungen von ihr waren getheilt, allein die Historie selbst blieb wie sie war; das ist das Richtigste, im Großen wie im Kleinen, so auch in Betreff der Suppe auf einem Wurstspeiler, man erwarte nur keinen Dank dafür.
Zwölf mit der Post
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Es war eine schneidende Kälte, sternenheller Himmel, kein Lüftchen regte sich.
»Bums!« da wurde ein alter Topf an die Hausthüre des Nachbars geworfen. »Puff, paff!« dort knallte die Büchse; man begrüßte das neue Jahr. Es war Neujahrsnacht! Jetzt schlug die Thurmuhr Zwölf!
»Trateratra!« Die Post kam angefahren. Der große Postwagen hielt vor dem Stadtthore an. Er brachte zwölf Personen mit, alle Plätze waren besetzt.
»Hurrah! Hurrah hoch!« sangen die Leute in den Häusern der Stadt, wo die Neujahrsnacht gefeiert wurde und man sich beim Schlage Zwölf mit dem gefüllten Glase erhob, um das neue Jahr leben zu lassen.
»Prost Neujahr!« hieß es, »ein schönes Weib! viel Geld! keinen Aerger und Verdruß!«
Das wünschte man sich gegenseitig, und darauf stieß man mit den Gläsern an, daß es klang und sang – und vor dem Stadtthore hielt der Postwagen mit den fremden Gästen, den zwölf Reisenden.
Und wer waren diese Fremden? Jeder von ihnen führte seinen Reisepaß und sein Gepäck bei sich; ja sie brachten sogar Geschenke für mich und Dich und alle Menschen des Städtchens mit. Wer waren sie, was wollten sie und was brachten sie?
»Guten Morgen!« riefen sie der Schildwache am Eingänge des Stadtthores zu.
»Guten Morgen!« antwortete diese, denn die Uhr hatte ja Zwölf geschlagen.
»Ihr Name? Ihr Stand?« fragte die Schildwache den von ihnen, der zuerst aus dem Wagen stieg.
»Sehen Sie selbst im Passe nach,« antwortete der Mann. »Ich bin ich!« Und es war auch ein ganzer Kerl, angethan mit Bärenpelz und Pelzstiefeln. »Ich bin der Mann, in Den sehr viele Leute ihre Hoffnung setzen. Komm' morgen zu mir; ich gebe Dir ein Neujahrsgeschenk! Ich werfe Groschen und Thaler unter die Leute, ja ich gebe auch Bälle, volle einunddreißig Bälle, mehr Nächte kann ich aber nicht daraufgehen lassen. Meine Schiffe sind eingefroren, aber in meinem Comptoir ist es warm und gemüthlich. Ich bin Kaufmann, heiße Januar und führe nur Rechnungen bei mir.«
Nun stieg der Zweite aus, der war ein Bruder Lustig; er war Schauspieldirector, Director der Maskenbälle und aller Vergnügungen, die man sich nur denken kann. Sein Gepäck bestand aus einer großen Tonne.
»Aus der Tonne,« sagte er, »wollen wir zur Fastnachtszeit die Katze herausjagen. Ich werde Euch schon Vergnügen bereiten und mir auch; alle Tage lustig! Ich habe nicht gerade lange zu leben; von der ganzen Familie die kürzeste Zeit; ich werde nämlich nur achtundzwanzig Tage alt. Beisweilen schalten sie mir zwar noch einen Tag ein – aber das kümmert mich wenig, Hurrah!«
»Sie dürfen nicht so schreien!« sagte die Schildwache.
»Ei was, freilich darf ich schreien,« rief der Mann, »ich bin Prinz Carneval und reise unter dem Namen Februarius.«
Jetzt stieg der Dritte aus; er sah wie das leibhaftige Fasten aus, aber er trug die Nase hoch, denn er war verwandt mit den »vierzig Rittern« und war Wetterprophet. Allein das ist kein fettes Amt, und deshalb pries er auch die Fasten. In einem Knopfloche trug er ein Sträußchen Veilchen, aber diese waren sehr klein.
» März! März!« rief der Vierte ihm nach und schlug ihn auf die Schulter; »riechst Du nichts? Geschwind in die Wachtstube hinein, dort trinken sie Punsch, Deinen Leib- und Labetrunk; ich rieche es schon hier außen. Marsch, Herr Martius! – Aber es war nicht wahr, der wollte ihn nur den Einfluß seines Namens fühlen lassen, ihn in den April schicken; denn damit begann der Vierte seinen Lebenslauf in der Stadt. Er sah überhaupt sehr flott aus; arbeiten that er nur sehr wenig; desto mehr aber machte er Feiertage. »Wenn es nur etwas beständiger in der Welt wäre,« sagte er; »aber bald ist man gut, bald schlecht gelaunt, je nach Verhältnissen; bald Regen, bald Sonnenschein; Ein- und Ausziehen! Ich bin auch so eine Art Localvermiethungscomptoiragent, auch Leichenbitter; ich kann lachen und weinen, je nach Umstanden! Im Koffer hier habe ich Sommergarderobe, aber es würde sehr thöricht sein, sie anzuziehen. Hier bin ich nun! Sonntags geh' ich in Schuhen und weißseidenen Strümpfen und mit Muff spazieren.«
Nach ihm stieg eine Dame aus dem Wagen. Fräulein Mai nannte sie sich. Sie trug einen Sommeranzug und Gallochen, ein lindenblattgrünes Kleid, Anemonen im Haare und dazu duftete sie dermaßen von Waldmeister, daß die Schildwache nießen mußte. »Zur Gesundheit und Gottes Segen!« sagte sie, das war ihr Gruß. Wie sie niedlich war! Und Sängerin war sie, nicht Theatersängerin, auch nicht Bänkelsängerin, nein, Sängerin des Waldes; – den frischen grünen Wald durchstreifte sie und sang dort zu ihrem eigenen Vergnügen.
»Jetzt kommt die junge Frau!« riefen sie drinnen im Wagen, und ausstieg die junge Frau, sein, stolz und niedlich. Man sah es ihr an, daß sie, Frau Juni, von faulen Siebenschläfern bedient zu werden gewohnt war. Am längsten Tage des Jahres gab sie große Gesellschaft, damit die Gäste Zeit haben möchten, die vielen Gerichte der Tafel zu verzehren. Sie hatte zwar ihre eigene Equipage; allein sie reiste dennoch mit der Post wie die Andern, weil sie zeigen wollte, daß sie nicht hochmüthig sei. Aber ohne Begleitung war sie nicht; ihr jüngerer Bruder Julius war bei ihr.
Er war ein wohlgenährter Bursche, sommerlich angekleidet und mit Panamahut. Er führte nur wenig Gepäck bei sich, weil dies bei großer Hitze zu beschwerlich sei: deshalb hatte er sich nur mit einer Schwimmhose versehen, und dies ist nicht viel.
Darauf kam die Mutter selbst, Madame August, Obsthändlerin en gros, Besitzerin einer Menge Fischteiche, Landökonom in großer Crinoline; sie war dick und heiß, faßte selbst überall an, trug eigenhändig den Arbeitern Bier auf das Feld hinaus. »Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot essen!« sagte sie, »das steht in der Bibel. Hinterdrein kommen die Spazierfahrten, Tanz und Spiel im Grünen und die Erntefeste!« Sie war eine tüchtige Hausfrau.
Nach ihr stieg wieder ein Mann aus der Kutsche, ein Maler, Herr Colorirmeister September; den mußte der Wald bekommen; die Blätter mußten Farbe wechseln; aber wie schön, wenn er es wollte; bald schillerte der Wald in Roth, Gelb oder Braun. Der Meister pfiff wie der schwarze Staar, war ein flinker Arbeiter und wand die braungrüne Hopfenranke um seinen Bierkrug. Das putzte den Krug, und für Ausputz hatte er gerade Sinn. Da stand er nun mit seinem Farbentopfe: der war sein ganzes Gepäck!
Ihm folgte der Gutsbesitzer, der an den Saatmonat, an das Pflügen und Beackern des Bodens, auch an die Jagdvergnügungen dachte; Herr October führte Hund und Büchse mit sich, hatte Nüsse in seiner Jagdtasche: »knick, knack!« Er hatte viel Reisegut bei sich, sogar einen englischen Pflug; er sprach von der Landwirthschaft; aber vor lauter Husten und Stöhnen seines Nachbars vernahm man nicht viel davon. –
Der November war es, der so hustete, während er ausstieg. Derselbe war sehr mit Schnupfen behaftet; er putzte sich fortwährend die Nase und doch, sagte er, müsse er die Dienstmädchen begleiten und sie in ihre neuen Winterdienste einführen; die Erkältung meinte er, verliere sich schon wieder, wenn er ans Holzmachen ginge, und Holz müsse er sägen und spalten; denn er sei Sägemeister der Holzmacherinnung. Die Abende brächte er mit Schneiden von Schlittschuhhölzern zu, denn er wisse wohl, sagte er, daß man in wenigen Wochen Bedarf für diese Art vergnüglichen Schuhwerks haben werde.
Endlich kam der letzte Passagier zum Vorschein, das alte Mütterchen December mit der Feuerkiepe; die Alte fror, aber ihre Augen strahlten wie zwei helle Sterne. Sie trug einen Blumentopf auf dem Arme, in welchen ein kleiner Tannenbaum eingepflanzt war. »Den Baum will ich hegen und Pflegen, damit er gedeihe und groß werde bis zum Weihnachtsabende, vom Fußboden bis hoch an die Decke reiche und emporschieße mit flammenden Lichtern, goldenen Aepfeln und ausgeschnittenen Figürchen. Die Feuerkiepe wärmt wie ein Ofen; ich hole das Märchenbuch aus der Tasche und lese laut aus demselben vor, daß alle Kinder im Zimmer still, die Figürchen an dem Baume aber lebendig werden, und der kleine Engel von Wachs auf der äußersten Spitze die Flittergoldflügel ausbreitet, herabfliegt vom grünen Sitze und Klein und Groß im Zimmer küßt, ja auch die armen Kinder küßt, die draußen auf dem Flure und auf der Straße stehen und das Weihnachtslied von dem Bethlehemgestirne singen.
»So! Jetzt kann die Kutsche abfahren,« sagte die Schildwache, »wir haben sie alle Zwölf. Der Beiwagen mag vorfahren!«
»Laß doch erst die Zwölf zu mir herein!« sprach der wachhabende Capitain, »Einen nach dem Andern! Die Pässe behalte ich hier; sie gelten jeder einen Monat; wenn der verstrichen ist, werde ich das Verhalten auf dem Passe bescheinigen. Herr Januar, belieben Sie näher zu treten.«
Und Herr Januar trat näher.
– – Wenn ein Jahr verstrichen ist, werde ich Dir sagen, was die Zwölf Dir, mir und uns Allen gebracht haben. Jetzt weiß ich es nicht, und sie wissen es wohl selbst nicht, – denn es ist eine curiose Zeit, in der wir leben.
Die Prinzessin auf der Erbse
Inhaltsverzeichnis
Es war einmal ein Prinz, der wollte eine Prinzessin heirathen; aber es sollte eine wirkliche Prinzessin sein. Da reiste er in der ganzen Welt umher, um eine solche zu finden, aber überall stand dem etwas entgegen. Prinzessinnen gab es genug, aber ob es wirkliche Prinzessinnen waren, konnte er nicht herausbringen. Immer gab es etwas, was nicht in der Ordnung war. Da kam er denn wieder nach Hause und war traurig, denn er wollte doch gar zu gern eine wirkliche Prinzessin haben.
Eines Abends zog ein schreckliches Gewitter auf; es blitzte und donnerte, der Regen strömte herunter, es war entsetzlich! Da klopfte es an das Stadtthor, und der alte König ging hin, um aufzumachen.

Es war eine Prinzessin, die draußen vor dem Thore stand. Aber, o Gott! wie sah die von dem Regen und dem bösen Wetter aus! Das Wasser lief ihr von dem Haare und den Kleidern herunter; es lief in die Schnäbel der Schuhe hinein und an den Hacken wieder heraus. Und doch sagte sie, daß sie eine wirkliche Prinzessin sei.
»Ja, das werden wir schon erfahren!« dachte die alte Königin. Aber sie sagte nichts, ging in die Schlafkammer hinein, nahm alle Betten ab und legte eine Erbse auf den Boden der Bettstelle, darauf nahm sie zwanzig Matratzen und legte sie auf die Erbse, und dann noch zwanzig Eiderdunenbetten auf die Matratzen.

Darauf mußte nun die Prinzessin die ganze Nacht liegen. Am Morgen würde sie gefragt, wie sie geschlafen habe.
»O, schrecklich schlecht!« sagte die Prinzessin. »Ich habe meine Augen fast die ganze Nacht nicht geschlossen! Gott weiß, was da im Bette gewesen ist! Ich habe auf etwas Hartem gelegen, so daß ich ganz braun und blau über meinen ganzen Körper bin! Es ist entsetzlich!«

Nun sahen sie ein, daß sie eine wirkliche Prinzessin war, weil sie durch die zwanzig Matratzen und die zwanzig Eiderdunenbetten hindurch die Erbse verspürt hatte. So empfindlich konnte Niemand sein, als eine wirkliche Prinzessin.
Da nahm der Prinz sie zur Frau, denn nun wußte er, daß er eine wirkliche Prinzessin besitze; und die Erbse kam auf die Kunstkammer, wo sie noch zu sehen ist, wenn Niemand sie gestohlen hat.
Sieh, das ist eine wahre Geschichte.
Der Marionettenspieler
Inhaltsverzeichnis
Am Bord des Dampfschiffes befand sich ein ältlicher Mann mit einem so vergnügten Gesicht, daß, wenn es ihn nicht Lügen strafte, er der glücklichste Mensch von der Welt sein mußte. Das sei er auch, sagte er, und ich selbst hörte es aus seinem eigenen Munde. »Er war ein Däne, ein reisender Theaterdirektor. Er hatte das ganze Personal mit, es lag in einem großen Kasten; er war Marionettenspieler. Sein angeborener guter Humor, sagte er, sei von einem polytechnischen Kandidaten geläutert, und bei diesem Experimente sei er vollständig glücklich geworden. Ich begriff dies Alles nicht sogleich, aber dann setzte er mir die ganze Geschichte klar auseinander, und hier ist sie:
Es war im Städtchen Slagelse – sagte er –; ich gab eine Vorstellung im Saale der Posthalterei, hatte brillantes Publicum, ganz und gar unconfirmirtes, mit Ausnahme von einem Paare alter Matronen; auf einmal kommt so eine schwarz gekleidete Person vom Studentenschlage in den Saal, setzt sich, lacht laut an den passendsten Stellen, klatscht ganz und gar richtig; das war ein ungewöhnlicher Zuschauer! Ich mußte wissen, wer der sei, und ich erfuhr dann, es sei ein Kandidat des polytechnischen Institutes zu Kopenhagen, der ausgesandt wäre, um die Leute in den Provinzen zu belehren. Punkt acht Uhr war meine Vorstellung aus, Kinder müssen ja früh zu Bette, und man muß an die Bequemlichkeit des Publikums denken. Um neun Uhr begann der Candidat seine Vorlesungen und Experimente, und nun war ich sein Zuhörer. Das war merkwürdig zu hören und zu sehen. Das Meiste ging mir über meinen Horizont, aber so viel dachte ich mir doch dabei, können wir Menschen so was ausfindig machen, so müssen wir auch länger aushalten können, als bis man uns in die Erde verscharrt. Es waren lauter kleine Mirakel, die er machte, und doch Alles wie Wasser, ganz natürlich! Um die Zeit Moses und der Propheten wäre ein solcher polytechnischer Candidat einer der Weisen des Landes geworden; im Mittelalter hätte man ihn auf den Scheiterhaufen gebracht. Ich schlief die ganze Nacht nicht; und als ich am andern Abend Vorstellung gab und der Candidat sich wiederum einfand, sprudelte mein Humor. Ich habe von einem Schauspieler gehört, daß er in Liebhaberrollen immer nur an eine einzige der Zuschauerinnen dachte; für sie spielte er und vergaß das ganze übrige Haus; der polytechnische Candidat war meine »sie«, mein einziger Zuschauer, für den ich allein spielte. Als die Vorstellung zu Ende war, wurden sämmtliche Marionetten hervorgerufen, und ich von dem polytechnischen Canditaten auf sein Zimmer auf ein Glas Wein eingeladen; er sprach von meinen Komödien und ich von seiner Wissenschaft, und ich glaube, wir fanden gleich große Freude daran. Aber ich bereue das Wort, denn in seinem Kram war nun einmal Vieles, worüber er nicht allemal Wort und Rede stehen konnte: z. B. das Ding, daß ein Stück Eisen, das durch einen Spiral fällt, magnetisch wird, ja! was ist das?! – Der Geist kommt über dasselbe, aber woher kommt er; es ist damit wie mit den Menschen dieser Welt, denk' ich: Unser lieber Herrgott läßt sie durch den Spiral der Zeit purzeln, und der Geist kommt über sie, und so steht da ein Napoleon, ein Luther, oder irgend eine ähnliche Person! »»Die ganze Welt ist eine Reihe von Wunderwerken,«« sagte der Candidat, »»aber wir sind so an dieselben gewöhnt, daß wir sie Alltagsgeschichten nennen.«« – Er sprach und erklärte; es war mir zuletzt, als hebe man mir den Hirnschädel in die Höhe, und ich gestand ehrlich, daß wenn ich nicht schon so ein alter Knabe wäre, so würde ich sofort die polytechnische Anstalt beziehen und lernen, die Welt so recht in den Nähten nachzusehen, – ungeachtet ich einer der glücklichsten Menschen bin! »»Einer der glücklichsten,«« – sagte er, und es war mir, als kostete er davon. »»Sind Sie glücklich?«« – »Ja!« sagte ich, »glücklich bin ich, und willkommen heißt man mich in allen Städten, wo ich mit meiner Gesellschaft eintreffe! Zwar – ich habe allerdings einen Wunsch, derselbe liegt nicht selten wie Blei, wie ein Alp, auf meinem guten Humor: ich möchte Theaterdirektor einer lebendigen Truppe, einer richtigen Menschengesellschaft sein.« »»Sie wünschen ihren Marionetten Leben eingehaucht, daß sie wirkliche Schauspieler – und Sie selbst Director würden!«« – sagte er. »»Dann würden Sie vollkommen glücklich sein? Glauben Sie?«« – Er glaubte es nicht, und wir sprachen hin und her, in die Kreuz und Quer und blieben doch gleich weit aus einander; doch mit den Gläsern stießen wir an, und der Wein war excellent, aber Zauberei war dabei, sonst würde ich bestimmt einen Rausch bekommen haben. Aber das war nicht der Fall, ich blieb klarsehend, in der Stube war Sonnenschein, und Sonnenschein strahlte aus den Augen des polytechnischen Candidaten; ich mußte an die alten Götter in ihrer ewigen Jugend denken, als sie noch auf der Erde umherspazierten und uns Menschen Besuche machten; und das sagte ich ihm auch, dann lächelte er, und ich hätte darauf schwören dürfen, er sei ein verkappter Gott, oder doch wenigstens aus der Familie! – das war er auch: Mein höchster Wunsch sollte in Erfüllung gehen, die Marionetten lebendig und ich Direktor einer Menschentruppe werden. Wir stießen darauf an und leerten die Gläser! Er packte alle meine Puppen in den Kasten, band ihn auf den Rücken, und dann ließ er mich durch einen Spiral fallen; – ich höre noch, wie ich purzelte, ich lag auf dem Fußboden, das weiß ich gewiß, und die ganze Gesellschaft sprang aus dem Kasten heraus, – der Geist war über uns Alle insgesammt gekommen, alle Marionetten waren ausgezeichnete Künstler geworden, das sagten sie selbst, und ich war Direktor! Alles war zur ersten Vorstellung bereit, die ganze Gesellschaft wollte mit mir reden, und das Publicum auch; die Tänzerin sagte, das Haus müsse fallen, wenn ich nicht auf einem Beine stände, sie sei die Meisterin des Ganzen, und bäte sich aus, darnach behandelt zu werden; Diejenige, welche die Königin spielte, wollte auch außerhalb der Scene als Königin behandelt sein – sie käme sonst aus der Uebung; Der, welcher nur dazu gebraucht wurde, einen Brief abzugeben, machte sich ebenso wichtig wie der erste Liebhaber, denn die Kleinen seien wie die Großen, sie seien von gleicher Wichtigkeit in einem künstlerischen Ganzen, sagte er; der Held wollte nur Rollen aus lauter Abgangs-Repliken bestehend, denn dabei werde geklatscht; die Primadonna wollte nur in rothem Lichte spielen, denn das stünde ihr, blaues leide sie nicht: – es war wie Fliegen in einer Flasche, und ich war mitten in der Flasche, ich war Direktor! Der Athem verließ mich, der Kopf verließ mich: ich war so elend, wie ein Mensch es werden kann; es war ein neues Menschengeschlecht, unter welches ich gerathen, ich wünschte nur, ich hätte sie alle wieder in dem Kasten, daß ich niemals Direktor geworden; ich sagte ihnen rund heraus, sie seien doch im Grunde Marionetten; dann schlugen sie mich todt. Ich lag auf dem Bette in meinem Zimmer, wie ich dorthin und überhaupt vom polytechnischen Candidaten weggekommen bin, das muß er wissen, ich weiß es nicht. Der Mond schien auf den Fußboden herein, wo der Puppenkasten umgeworfen und alle Puppen bunt durch einander lagen – Groß und Klein, die ganze Geschichte; aber ich war nicht faul: aus dem Bette fuhr ich heraus, in den Kasten kamen sie alle insgesammt, einige auf den Kopf, andere auf die Beine, ich warf den Deckel zu und setzte mich selbst oben auf den Kasten. »Jetzt werdet ihr schon drinnen bleiben!« sagte ich, »und ich werde mich hüten, euch wieder Blut und Fleisch zu wünschen.« Mir war ganz leicht geworden, meinen Humor hatte ich wieder, ich war der glücklichste Mensch; der polytechnische Candidat hatte mich förmlich geläutert. Ich saß in lauter Glückseligkeit und schlief auf dem Kasten ein. An nächsten Morgen – eigentlich war es Mittag, aber ich schlief diesen Morgen wunderbar lange – saß ich noch immer da, glücklich und belehrt, daß mein früherer einziger Wunsch dumm gewesen. Ich fragte nach dem polytechnischen Candidaten, aber er war fort, wie die griechischen und römischen Götter. Von der Zeit an bin ich der glücklichste Mensch gewesen. Ich bin ein glücklicher Direktor, mein Personal raisonnirt nicht, mein Publicum auch nicht, es ist herzensvergnügt. Meine Stücke kann ich zusammenflicken wie ich will; ich nehme aus allen Komödien das Beste heraus, das mir ansteht, und Niemand ärgert sich darüber. Stücke, die jetzt bei den großen Bühnen verachtet sind, nach welchen aber das Publicum vor dreißig Jahren wie besessen lief, und wobei es heulte, daß ihm die Thränen über's Gesicht rollten, deren nehme ich mich jetzt an; jetzt setze ich sie den Kleinen vor, und die Kleinen, die weinen wie Papa und Mama geweint haben; ich verkürze sie aber, denn die Kleinen lieben das lange Liebesgewäsch nicht, sie wollen: »Unglücklich, aber rasch!«
Ein Blatt vom Himmel
Inhaltsverzeichnis
Hoch oben in der dünnen, klaren Luft flog ein Engel mit einer Blume aus dem Garten des Himmels. Indem er die Blume küßte, fiel ein ganz kleines Blättchen herab, in den erweichten Boden, mitten im Walde, und schlug sogleich Wurzel und trieb Wurzel und Schößlinge mitten zwischen andern Gewächsen.
»Das ist ein possirlicher Steckling, der da,« sagten sie. Und Niemand wollte ihn anerkennen, weder Disteln noch Brennesseln.
»Das wird wohl eine Art Gartenpflanze sein,« sagten sie, und nun wurde die Pflanze als Gartengewächs verhöhnt.
»Wo willst du hin?« sagten die hohen Disteln, deren Blätter alle mit Stacheln bewaffnet sind.
»Du lässest die Zügel gar weit schießen, das ist dummes Zeug! Wir stehen nicht hier, um Dich zu tragen!«
Der Winter kam, der Schnee bedeckte die Pflanze; von ihr aber bekam die Schneedecke einen Glanz, als werde sie auch von unten vom Sonnenlicht durchströmt. Als das Frühjahr kam, zeigte sich ein blühendes Gewächs, herrlich wie kein anderes im Walde.
Nun machte der botanische Professor sich auf, welcher es Schwarz auf Weiß hatte, daß er Das war, was er eben war. Er besah die Pflanze, er kostete sie, aber sie stand nicht in seiner Pflanzenlehre; es war ihm nicht möglich herauszufinden, in welche Classe sie gehöre.
»Das ist eine Abart!« sagte er. »Ich kenne sie nicht. Sie ist nicht in das System aufgenommen.«
»Nicht in das System aufgenommen?« sagten Disteln und Brennnesseln. Die großen Bäume, die ringsum standen, sahen und hörten es, aber sagten nichts – weder Böses noch Gutes, und das ist immer das Klügste, wenn man dumm ist.
Da kam durch den Wald ein armes, unschuldiges Mädchen; ihr Herz war rein, ihr Verstand groß durch den Glauben; ihr ganzes Erbtheil, war eine alte Bibel; aber aus ihren Blättern sprach Gottes Stimme zu ihr: Wenn die Menschen uns Böses zufügen wollen, da heißt es ja von Joseph: »Sie dachten Böses in ihren Herzen, doch Gott lenkte es zum Guten.« Leiden wir unrecht, werden wir verkannt und verhöhnt, da tönt es von ihm, dem Reinsten, dem Besten, von ihm, den sie verspotteten und an das Kreuz nagelten, wo er betete: »»Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!«« Das Mädchen blieb vor der wunderbaren Pflanze stehen, deren grüne Blätter süß und erquickend dufteten; deren Blumen m dem klaren Sonnenscheine wie ein Farbenfeuerwerk strahlten, und aus jeder klang es heraus, als verberge sie den tiefen Born der Melodien, den Jahrtausende nicht zu erschöpfen vermögen. Mit frommer Andacht erblickte es all diese Herrlichkeit Gottes, es bog einen der Zweige zu sich herab, um recht die Blume beschauen und ihren Duft einathmen zu können. Es wurde hell m ihrem Sinne; es that ihrem Herzen wohl; gerne hätte es eine Blume gepflückt; es konnte es aber nicht über sich gewinnen, sie abzubrechen: sie würde ja bald bei ihr verwelken; das Mädchen nahm nur ein einziges der grünen Blätter, legte dasselbe daheim in ihre Bibel; da lag es frisch, immer grün und unverwelkt.
Zwischen den Blättern der Bibel lag es aufgehoben; mit der Bibel wurde es unter den Kopf des jungen Mädchens gelegt, als es nach einigen Wochen in seinem Sarge lag mit dem heiligen Ernste des Todes auf dem frommen Gesichte, als ob es sich in dem irdischen Staube abpräge, daß es letzt vor seinem Gotte stehe!
Aber draußen im Walde blühte die wunderbare Pflanze; sie war fast wie ein Baum anzusehen, und alle Zugvögel beugten sich vor ihr. »Das ist nun wieder so eine Ausländischthuerei,« sagten die Disteln und die Kletten, »so können wir uns hier zu Lande doch nie betragen.«
Die schwarzen Waldschnecken spuckten vor der Blume aus.
Dann kam der Schweinehirt. Er sammelte Disteln und Gesträuche, um Asche daraus zu brennen. Die ganze wunderbare Pflanze sammt allen Wurzeln kam mit in sein Bündel: »Sie soll auch nutzbar werden,« sagte er, und gesagt, gethan!
Doch seit Jahr und Tag litt der König des Landes an der tiefsten Schwermuth, er war fleißig und arbeitsam, es half ihm nichts; man las ihm sinnige gelehrte Schriften vor, man las die oberflächlichsten, die leichtesten, die man finden konnte, – es half nichts! Da sandte einer der Weisesten der Welt, an die man sich gewendet hatte, einen Boten ab und ließ sagen, daß es doch ein Mittel gebe, ihm Linderung zu verschaffen und ihn zu heilen: »In dem eigenen Reiche des Königs wüchse im Walde eine Pflanze himmlischen Ursprungs; so und so sähe sie aus, man könne sich nicht irren.«
»Sie ist wohl mit in mein Bündel gekommen,« sagte der Schweinehirt, »und ist schon lange zu Asche geworden, aber ich wußte es nicht besser.«
»Wußtest es nicht besser? Unwissenheit über Unwissenheit!« Und diese Worte konnte sich der Schweinehirt zu Herzen nehmen; ihm und keinem Andern galten sie.
Kein Blatt war mehr zu finden, das einzige lag in dem Sarge der Todten, und davon wußte Niemand etwas.
Und der König selbst wanderte in seinem Mismuthe in den Wald nach dem Orte hinaus.
»Hier hat die Pflanze gestanden!« sagte er, »es ist eine heilige Stätte!«
Und der Platz wurde mit einem goldenen Gitter eingezäunt, und eine Schildwache dort aufgestellt!
Der botanische Professor schrieb eine große Abhandlung über die himmlische Pflanze; für diese wurde er vergoldet, und diese Vergoldung stand ihm und seiner Familie sehr gut; und das ist das Erfreulichste bei der ganzen Geschichte; denn die Pflanze war verschwunden und der König blieb mismuthig und betrübt – aber das war er auch vorher, sagte die Schildwache.
Der fliegende Koffer
Inhaltsverzeichnis
Es war einmal ein Kaufmann, der war so reich, daß er die ganze Straße und fast noch eine kleine Gasse dazu mit Silbergeld pflastern konnte; aber das that er nicht: er wußte sein Geld anders anzuwenden. Gab er einen Schilling aus, so bekam er einen Thaler wieder; ein so guter Kaufmann war er – bis er starb.
Der Sohn bekam nun all dieses Geld. Lebte lustig, ging jede Nacht zur Maskerade, machte Papierdrachen aus Thalerscheinen und warf Fitschen auf der See mit Goldstücken, anstatt mit Steinen. Auf diese Weise konnte das Geld schon zu Ende gehen, und das that es. Zuletzt besaß er nicht mehr, als vier Schillinge, und hatte keine andern Kleider, als ein Paar Pantoffeln und einen alten Schlafrock. Nun kümmerten sich seine Freunde nicht mehr um ihn, da sie ja nicht zusammen auf die Straße gehen konnten; aber einer von ihnen, der gutmüthig war, sandte ihm einen alten Koffer, mit der Bemerkung: »Packe ein!« Ja, das war nun recht schön, aber er hatte nichts einzupacken; darum setzte er sich selbst in den Koffer.
Das war ein merkwürdiger Koffer, Sobald man an das Schloß drückte, konnte der Koffer fliegen. Er drückte und wips! flog er mit ihm durch den Schornstein hoch über die Wolken hinauf, weiter und weiter fort. So oft aber der Boden ein wenig knackte, war er gar sehr in Angst, daß der Koffer in Stücke gehen könnte; alsdann hätte er einen tüchtigen Purzelbaum gemacht. – Gott bewahre uns! Auf solche Weise kam er nach dem Lande der Türken. Den Koffer verbarg er im Walde unter den dürren Blättern und ging dann in die Stadt hinein. Das konnte er auch gut, denn bei den Türken gingen ja Alle so wie er: in Schlafrock und Pantoffeln. Da begegnete er einer Amme mit einem kleinen Kinde. »Höre, Du Türkenamme,« sagte er, »was ist das für ein großes Schloß hier dicht bei der Stadt, wo die Fenster so hoch oben sind?«
»Da wohnt die Tochter des Sultans!« erwiderte sie. »Es ist prophezeit, daß sie über einen Geliebten sehr unglücklich werden würde, und deshalb darf Niemand zu ihr kommen, wenn nicht der Sultan und die Sultanin dabei sind!«
»Ich danke!« sagte der Kaufmannssohn, und ging hinaus in den Wald, setzte sich in seinen Koffer, flog auf das Dach und kroch durch das Fenster zur Prinzessin hinein.
Sie lag auf dem Sopha und schlief; sie war so schön, daß der Kaufmannssohn sie küssen mußte. Da erwachte sie und erschrak gewaltig; aber er sagte, er sei der Türkengott, der durch die Luft zu ihr herab gekommen wäre, und das gefiel ihr.

Sie setzten sich nebeneinander, und er erzählte ihr Geschichtchen von ihren Augen: das wären die herrlichsten, dunklen Seen, da schwämmen die Gedanken gleich Meerweibchen drin. Und er erzählte von ihrer Stirn: die wäre ein Schneeberg mit den prächtigsten Sälen und Bildern.
Ja das waren schöne Geschichten! Dann freiete er um die Prinzessin, und sie sagte gleich ja!
»Aber Sie müssen den Sonnabend herkommen!« sagte sie. »Da sind der Sultan und die Sultanin bei mir zum Thee! Sie werden sehr stolz darauf sein, daß ich den Türkengott bekomme. Aber sehen Sie zu, daß Sie ein recht hübsches Märchen wissen, denn das lieben meine Eltern außerordentlich. Meine Mutter will es moralisch und vornehm, und mein Vater belustigend haben, so daß man lachen kann!«
»Ja, ich bringe keine andere Morgengabe, als ein Märchen!« sagte er, und so schieden sie. Aber die Prinzessin gab ihm einen Säbel, der war mit Goldstücken besetzt, die konnte er gebrauchen.
Nun flog er fort, kaufte sich einen neuen Schlafrock und saß dann draußen im Walde und dichtete ein Märchen: das füllte bis zum Sonnabend fertig sein, und das ist doch nicht leicht.
Als er damit fertig wurde, war es Sonnabend.
Der Sultan, die Sultanin und der ganze Hof waren zum Thee bei der Prinzessin. Er wurde sehr gnädig empfangen!
»Wollen Sie uns ein Märchen erzählen?« sagte die Sultanin, »eins, das tiefsinnig und belehrend ist?«
»Aber worüber man doch lachen kann!« sagte der Sultan.
»Ja wohl!« erwiderte er und erzählte. Und nun gut aufgepaßt!
»Es war einmal ein Bund Schwefelhölzchen, die waren sehr stolz auf ihre hohe Herkunft! Ihr Stammbaum, das heißt die große Fichte, von der ein jedes von ihnen ein kleines Hölzchen war, hatte als großer, alter Baum im Walde gestanden. Die Schwefelhölzchen lagen nun in der Mitte zwischen einem Feuerzeuge und einem alten, eisernen Topfe, und diese erzählten von ihrer Jugend. »Ja, als wir auf den grünen Zweigen waren,« sagten sie, »da waren wir wirklich auf den grünen Zweigen! Jeden Morgen und Abend gab es Diamantthee, das war der Thau; den ganzen Tag hatten wir Sonnenschein, wenn die Sonne schien, und die kleinen Vögel mußten Geschichten erzählen. Wir konnten wohl merken, daß wir auch reich waren, denn die Laubbäume waren nur im Sommer bekleidet, aber unsere Familie hatte Mittel zu grünen Kleidern sowohl im Sommer, wie im Winter. Doch da kam der Holzhauer, das war die große Revolution, und unsere Familie wurde zersplittert. Der Stammherr erhielt eine Stelle als Hauptmast auf einem prächtigen Schiffe, welches die Welt umsegeln konnte, wenn es wollte; die andern Zweige kamen nach andern Orten und wir haben nun das Amt, der niedrigen Menge das Licht anzuzünden. Deshalb sind wir vornehme Leute hierher in die Küche gekommen.«
»Mein Schicksal gestaltete sich auf eine andere Weise!« sagte der eiserne Topf, neben welchem die Schwefelhölzchen lagen. »Von Anfang an, seit ich in die Welt kam, ist in mir viele Mal gescheuert und viele Male gekocht! Ich sorge für das Solide und bin der Erste hier im Hause. Meine einzige Freude ist, nach Tisch recht rein und nett an meinem Platze zu liegen und ein vernünftiges Gespräch mit meinen Kameraden zu führen. Doch wenn ich den Wassereimer ausnehme, der hin und wieder einmal in den Hof hinunter kommt, so leben wir immer innerhalb unserer vier Wände. Unser einziger Neuigkeitsbote ist der Marktkorb, aber der spricht sehr unruhig über die Regierung und das Volk; ja, neulich war da ein alter Topf, der vor Schreck darüber niederfiel und in Stücke zersprang. Der ist liberal, sage ich Euch!« – »Nun sprichst Du zu viel!« fiel das Feuer ein, und der Stahl schlug gegen den Feuerstein, daß er sprühte. »Wollen wir uns nicht einen lustigen Abend machen?«
»Ja, laßt uns davon sprechen, wer der Vornehmste ist!« sagten die Schwefelhölzchen.
»Nein, ich liebe es nicht, von mir selbst zu reden,« wendete der Topf ein. »Laßt uns eine Abendunterhaltung veranstalten! Ich will anfangen und eine Geschichte aus dem Leben, so Etwas, was Jeder erlebt hat, erzählen, da kann man sich leicht hineinversetzen und hat auch Freude daran. An der Ostsee bei den dänischen Buchen –«
»Das ist ein hübscher Anfang!« sagten alle Teller. »Das wird eine Geschichte werden, die uns gefällt.«
»Ja, da verlebte ich meine Jugend bei einer stillen Familie; die Möbel wurden gebohnt, der Fußboden gescheuert, und alle vierzehn Tage wurden reine Gardinen aufgehängt!«
»Wie Sie doch interessant erzählen!« sagte der Kehrbesen. »Man kann gleich hören, daß ein Mann erzählt, der viel mit Frauen in Berührung gekommen ist; es geht so etwas Reines hindurch!«
»Ja, das fühlt man!« sagte der Wassereimer und machte vor Freuden einen kleinen Sprung, so daß es auf dem Fußboden platschte.
Und der Topf fuhr fort, zu erzählen und das Ende war eben so gut, wie der Anfang.
Alle Teller klapperten vor Freude, und der Kehrbesen zog grüne Petersilie aus dem Sandloche und bekränzte den Topf, denn er wußte, daß es die Andern ärgern würde. »Bekränze ich ihn heute,« dachte er, »so bekränzt er mich morgen.«
»Nun will ich tanzen!« sagte die Feuerzange und tanzte. Gott bewahre uns, wie konnte sie das eine Bein in die Höhe strecken! Der alte Stuhlüberzug dort im Winkel platzte, als er es sah! »Werde ich nun auch bekränzt?« fragte die Feuerzange, und sie wurde es.
»Das ist doch nur Pöbel!« dachten die Schwefelhölzchen.
Nun sollte die Theemaschine singen; aber die sagte, sie habe sich erkältet, sie könne nicht singen, wenn es nicht in ihr koche. Allein das war blos Vornehmthuerei: sie wollte nicht singen, wenn sie nicht drinnen bei der Herrschaft auf dem Tische stand.
Im Fenster stak eine alte Gänsefeder, mit der das Mädchen zu schreiben pflegte. Es war nichts Bemerkenswerthes an ihr; außer daß sie gar zu tief in die Tinte getaucht worden. Aber darauf war sie stolz. »Will die Theemaschine nicht singen,« sagte sie, »so kann sie es bleiben lassen! Draußen hängt eine Nachtigall im Käfig, die kann singen. Die hat zwar nichts gelernt, aber das wollen wir diesen Abend dahin gestellt sein lassen!«
»Ich finde es höchst unpassend, sagte der Theekessel, – er war Küchensänger und Halbbruder der Theemaschine, – »daß ein solcher fremder Vogel gehört werden soll!« Ist das patriotisch? Der Marktkorb mag darüber entscheiden!«
»Ich ärgere mich nur!« sagte der Marktkorb; »ich ärgere mich innerlich so sehr, wie Niemand es sich denken kann! Ist das eine passende Art, den Abend hinzubringen? Würde es nicht vernünftiger sein, das Haus zurecht zu setzen? Ein Jeder müßte auf seinen Platz kommen, und ich würde das Spiel leiten. Das würde etwas Anderes werden!«
»Ja, laßt uns Spectakel machen!« sagten Alle. Da ging die Thüre auf. Das Dienstmädchen kam, da standen sie still. Keiner muckste! Aber da war nicht ein einziger Topf, der nicht gewußt hatte, was er zu thun vermöge und wie vornehm er sei. »Ja, wenn ich gewollt hätte,« dachte Jeder, »so hätte es ein recht lustiger Abend werden sollen!«
Das Dienstmädchen nahm die Schwefelhölzchen und machte Feuer damit an. – Gott bewahre uns, wie die sprühten und in Flammen geriethen!
»Nun kann doch Jeder sehen,« dachten sie, »daß wir die Ersten sind! Welchen Glanz haben wir! Welches Licht!« –
Und damit waren sie verbrannt.
»Das war ein herrliches Märchen!« sagte die Sultanin. »Ich fühle mich ganz und gar in die Küche versetzt zu den Schwefelhölzchen. Ja, nun sollst Du unsere Tochter haben.«
»Ja, wohl!« sagte der Sultan; »Du sollst unsere Tochter den Montag haben!« Denn nun sagten sie »Du« zu ihm, da er zur Familie gehören sollte.
Die Hochzeit wurde bestimmt, und am Abend vorher die ganze Stadt illuminirt. Zwieback und Brezeln wurden unter das Volk geworfen; die Straßenbuben standen auf den Zehen, riefen Hurrah und pfiffen auf den Fingern; es war außerordentlich prachtvoll.
»Ja, ich werde wohl auch Etwas zum Besten geben müssen!« dachte der Kaufmannssohn. Und so kaufte er Raketen, Knallerbsen und alles Feuerwerk, was man nur erdenken kann, legte es in seinen Koffer und flog damit in die Luft.
Rutsch, wie das ging und wie das puffte!
Alle Türken hüpften dabei in die Höhe, daß ihnen die Pantoffeln um die Ohren flogen; eine solche Lufterscheinung hatten sie noch nie gesehen. Nun konnten sie begreifen, daß es der Türkengott selbst war, der die Prinzessin haben sollte.
Sobald der Kaufmannssohn wieder mit seinem Koffer herunter in den Wald kam, dachte er: »Ich will doch in die Stadt hinein gehen, um zu erfahren, wie es sich ausgenommen hat!« Und es war natürlich, daß er Lust dazu hatte.
Nein, was doch die Leute erzählten! Ein Jeder, den er darnach fragte, hatte es auf seine Weise gesehen; aber schön hatten es Alle gefunden.
»Ich sah den Türkengott selbst,« sagte der Eine. »Er hatte Augen wie glänzende Sterne, und einen Bart, wie schäumende Wasser!«
»Er flog in einem Feuermantel,« sagte ein Anderer. »Die lieblichsten Engelskinder blickten aus den Falten hervor!«
Ja, das waren herrliche Sachen, die er hörte, und am folgenden Tage sollte er Hochzeit machen.
Nun ging er in den Wald zurück, um sich in seinen Koffer zu setzen – aber wo war der geblieben? Der Koffer war verbrannt. Ein Funken des Feuerwerks war zurückgeblieben, der hatte Feuer gefangen, und der Koffer lag in Asche. Er konnte nicht mehr fliegen, nicht mehr zu seiner Braut gelangen.
Sie stand den ganzen Tag auf dem Dache und wartete; sie wartet wahrscheinlich noch. Er aber durchwandert die Welt und erzählt Märchen, doch sind sie nicht mehr so lustig, wie das, welches er von den Schwefelhölzchen erzählte.
Der alte Grabstein
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In einem der kleinen Provinzialstädtchen bei einem Manne, der sein eigen Haus und Hof hatte, war eines Abends um die Jahreszeit, wo es heißt »der Abend wird länger« der ganze Familienkreis versammelt; es war noch mild und warm; die Lampe flammte auf dem Tische, die langen Vorhänge wallten herab hinter den offenen Fenstern, an welchen viele Blumentöpfe standen, und draußen unter freiem Himmel war der herrlichste Mondschein; – doch davon sprachen sie nun freilich nicht, sie sprachen von einem alten großen Steine, welcher unten im Hofraume hart an der Küchenthüre lag, auf welchen die Mägde oft das blank geputzte kupferne Küchengeschirr hinstellten, damit es in der Sonne trockene, und wo die Kinder gern herumspielten, – es war eigentlich ein alter Grabstein.
»Ja,« sagte der Hausherr, »ich glaube der Stein ist von dem alten Klosterkirchhofe; von dort und aus der Kirche wurden die Kanzel, die Epitaphien und die Grabsteine verkauft! Mein Vater erstand die letzteren, sie wurden zu Pflastersteinen entzweigehauen, diesen Stein aber behielt man zurück und seitdem liegt er unten im Hofe.«
»Man sieht's ihm wohl an, daß er ein Grabstein ist,« fiel das älteste der Kinder ein; »man erblickt noch daran ein Stundenglas und ein Stückchen von einem Engel, aber die Inschrift, die darunter gestanden, ist fast ganz verwischt, nur der Name Preben und ein großes S. dicht hinter demselben, und etwas weiter unten Martha sind noch zu lesen, aber mehr ist nicht herauszubringen, und auch das ist nur deutlich, wenn es geregnet hat, oder wenn wir den Stein gewaschen haben.«
»Du lieber Gott, das ist der Grabstein von Preben Schwane und seiner Frau!« – nahm ein alter Mann das Wort, so alt, daß er sehr wohl der Großvater aller im Zimmer Anwesenden hätte sein können. »Ja dies war eins der letzten Ehepaare, die auf dem alten Friedhofe des Klosters beerdigt wurden! Es war ein altes, ehrwürdiges Paar, ich erinnere mich seiner noch aus meinen Knabenjahren her. – Alle kannten es, und Alle hatten es lieb, es war das Alterskönigspaar hier im Städtchen; die Leute sagten, es besäße über eine Tonne Goldes, und doch ging es sehr einfach gekleidet, in den gröbsten Stoffen, aber die Wäsche war immer glänzend weiß; – es war ein schönes, altes Paar, Preben und Martha! – Wann Beide auf der Bank dort oben auf der hohen steinernen Treppe des Hauses saßen, über welche hinaus die alte Linde ihre Zweige breitet, und wem sie dann freundlich und mild zunickten, dem wurde wohl dabei. Sie waren sehr gut gegen die Armen; sie speisten sie, sie kleideten sie, und in ihrer Wohltätigkeit war Vernunft und wahres Christenthum. Die alte Frau starb zuerst; mir steht der Tag noch lebhaft vor Augen! Ich war ein kleiner Knabe und hatte meinen Vater zu dem alten Preben ins Haus begleitet, und wir waren eben dort, als sie hinübergeschlummert war; der alte Mann war tief bewegt und weinte wie ein Kind. – Die Leiche lag noch in der Schlafstube nebenan wo wir saßen, – er sprach zu meinem Vater und einigen Nachbarn, die dort waren, und sprach davon, wie einsam es nun bei ihm werden würde, wie gut und treu sie, die Entschlafene, gewesen, wie viele Jahre sie miteinander durchs Leben gewandelt und wie es gekommen, daß sie sich hatten kennen lernen und sich lieb gewonnen; ich war wie gesagt, ein Knabe, und stand nur dabei und hörte Dem zu, was die Andern sprachen, aber es erfüllte mich in wunderbarer Weise, den Worten des alten Mannes zu lauschen und Zeuge zu sein, wie er allmälig lebhaft wurde und seine Wangen sich färbten, als er von den Tagen des Brautstandes und davon sprach, wie schön sie gewesen, wie viele kleine unschuldige Umwege er gegangen sei, um ihr zu begegnen, und er erzählte von dem Hochzeitstage, seine Augen leuchteten, er lebte sich gleichsam zurück in jene Zeit der Freude, und nebenan lag sie in dem Kämmerchen, todt, eine alte Frau, und er war ein alter Mann und sprach von der Zeit der Hoffnung! – – ja, ja, so geht es! Damals war ich ein Kind nur, und jetzt bin ich alt, alt wie Preben Schwane. Die Zeit verstreicht und Alles wechselt! – Ich entsinne mich gar wohl des Tages ihrer Bestattung, der alte Preben ging dicht hinter dem Sarge einher. Wenige Jahre vorher hatte das Ehepaar seinen Grabstein zurecht machen lassen mit Inschrift und Namen bis auf das Todesjahr; der Stein wurde Abends nach dem Friedhofe gefahren und über das Grab gelegt, – und ein Jahr später ward er wieder abgewälzt und der alte Preben stieg zu seiner Ehegattin hinab. – Sie hinterließen bei weitem nicht den Reichthum, den die Leute geglaubt; was da war, kam an Familien weitläufiger Verwandtschaft, an Solche, von denen man bis dahin nichts gewußt hatte. Das alte Haus von Fachwerk, mit der Bank auf der hohen steinernen Treppe unter der Linde, wurde von der Behörde niedergerissen: es war zu alt und morsch, als daß man es hätte stehen lassen dürfen. Später als dasselbe Schicksal die Klosterkirche traf und als der Friedhof einging, kam der Grabstein Prebens und Martha's wie alles Andere von dort an Denjenigen, der es kaufen wollte, und nun trifft es sich doch so, daß der Grabstein nicht entzweigehauen und verwendet worden ist wie mancher andere, sondern daß er noch unten im Hofraume liegt, eine Scheuerbank der Mägde, eine Spielstätte der Kinder. – Die gepflasterte Straße führt jetzt über die Ruhestätte des alten Preben und seiner Gattin hin. »Niemand denkt mehr an sie!«
Und der alte Mann, der dieses Alles erzählte, schüttelte wehmüthig den Kopf. »Vergessen! – Alles soll vergessen werden!« sprach er.
Darauf sprachen sie im Zimmer von anderen Dingen; aber das jüngste Kind drinnen, ein Knabe mit großen ernsten Augen, stieg auf einen Stuhl hinter den Fenstervorhangen, und blickte in den Hofraum hinaus, woselbst der Mond den alten Stein mit seinem hellen Scheine übergoß, den alten Stein, der ihm sonst leer und flach erschienen war, jetzt aber da lag, ein großes Blatt aus einem Chronikbuche. Alles, was der Knabe von dem alten Preben und dessen Gattin vernommen, wohnte hier dem Steine inne: er blickte diesen an, und blickte in den klaren lichten Mond, schaute in die reine Luft hinein, es war als leuchte das Antlitz Gottes über die Erde hinaus.
»Vergessen! – Alles soll vergessen werden!« tönte es drinnen im Zimmer, und in demselben Augenblicke küßte ein unsichtbarer Engel dem Knaben die Brust und die Stirn und flüsterte ihm leise zu: Bewahre Du das anvertraute Samenkorn, damit es gedeihe und reife, bewahre es wohl! Durch Dich, mein Kind, soll die verwischte Inschrift, der verwittert Grabstein in klaren, goldenen Zügen künftigen Geschlechtern vorgeführt werden! Das alte Ehepaar soll wieder Arm in Arm durch die alten Straßen wandeln und lächeln, mit frischen gesunden Wangen auf der hohen Bank unter der Linde sitzen, und Arm und Reich zunicken. Das Samenkorn dieser Stunde wird durch Jahre zu einer blühenden Dichtung gedeihen. Das Gute, das Schöne wird nicht vergessen, es lebt im Liede, es lebt in der Sage.
Der Garten des Paradieses
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Es war einmal ein Königssohn; Niemand hatte so viele schöne Bücher, wie er; Alles, was in dieser Welt geschehen, konnte er darin lesen und die Abbildungen in prächtigen Kupferstichen erblicken. Von jedem Volke und jedem Lande konnte er Auskunft erhalten; aber wo der Garten des Paradieses zu finden sei, davon stand kein Wort darin; und der, gerade der war es, woran er am Meisten dachte.
Seine Großmutter hatte ihm erzählt, als er noch klein war, aber anfangen sollte, in die Schule zu gehen, daß jede Blume im Garten dieses Paradieses der süßeste Kuchen und die Staubfäden die feinsten Weine wären; auf der einen stände Geschichte, auf der andern Geographie oder Tabelle; man brauche nur Kuchen zu essen, so könne man seine Lection; je mehr man speise, um so mehr Geschichte, Geographie und Tabellen lerne man.
Das glaubte er damals. Aber schon, als er ein größerer Knabe wurde, mehr lernte und klüger ward, begriff er wohl, daß eine ganz andere Herrlichkeit im Garten des Paradieses vorhanden sein müsse.
»O, weshalb pflückte doch Eva vom Baume der Erkenntniß? Weshalb aß Adam von der verbotenen Frucht? Das sollte ich gewesen sein, so wäre es nicht geschehen! Nie würde die Sünde in die Welt gekommen sein!«
Das sagte er damals, und das sagte er noch, als er siebzehn Jahre alt war. Der Garten des Paradieses erfüllte alle seine Sinne.
Eines Tages ging er im Walde allein, denn das war sein größtes Vergnügen.
Der Abend brach an, die Wolken zogen sich zusammen; es fiel ein Regen, als ob der ganze Himmel eine einzige Schleuse sei, aus der Wasser stürze; es war so dunkel, wie es sonst des Nachts nur im tiefsten Brunnen ist. Bald glitt er in dem nassen Grase aus, bald fiel er über die glatten Steine, welche aus dem nassen Felsengrunde hervorragten. Alles triefte von Wasser; es war nicht ein trockner Faden an dem armen Prinzen. Er mußte über große Steinblöcke klettern, wo das Wasser aus dem hohen Moose quoll. Er war nahe daran, ohnmächtig zu werden. Da hörte er ein sonderbares Sausen, und vor sich sah er eine große, erleuchtete Höhle. Mitten in derselben brannte ein solches Feuer, daß man einen Hirsch daran braten konnte. Und das geschah auch. Der prächtigste Hirsch mit seinem hohen Geweihe war auf einen Spieß gesteckt und wurde langsam zwischen zwei abgehauenen Fichtenstämmen herumgedreht. Eine ältliche Frau, groß und stark, als wäre sie eine verkleidete Mannsperson, saß am Feuer und warf ein Stück Holz nach dem andern hinein.
»Komm nur näher!« sagte sie; »setze Dich an das Feuer, damit Deine Kleider trocken werden.«
»Hier zieht es sehr!« sagte der Prinz und setzte sich auf den Fußboden nieder.
»Das wird noch ärger werden, wenn meine Söhne nach Hause kommen!« erwiderte die Frau. »Du bist hier in der Höhle der Winde: meine Söhne sind die vier Winde der Welt; kannst Du das verstehen?«
»Wo sind Deine Söhne?« fragte der Prinz.
»Ja, es ist schwer zu antworten, wenn man dumm gefragt wird,« sagte die Frau. »Meine Sühne treiben es auf eigene Hand; sie spielen Federball mit den Wolken dort oben im Königssaale!« Und dabei zeigte sie in die Höhe.
»Ach so!« sagte der Prinz. »Ihr sprecht übrigens ziemlich barsch und seid nicht so mild, wie die Frauenzimmer, die ich sonst um mich habe!«
»Ja, die haben wohl nichts Anderes zu thun! Ich muß hart sein, wenn ich meine Knaben in Respekt erhalten will; aber das kann ich, obgleich sie Trotzköpfe sind. Siehst Du die vier Säcke hier an der Wand hängen? Vor denen fürchten sie sich eben so, wie Du früher vor der Ruthe hinterm Spiegel. Ich kann die Knaben zusammenbiegen, sag' ich Dir, und dann stecke ich sie in den Sack; da machen wir keine Umstände! Da sitzen sie und dürfen nicht eher wieder umherstreifen, bis ich es für gut erachte. Aber da haben wir den Einen!«
Es war der Nordwind, der mit einer eisigen Kälte hereintrat; große Hagelkörner hüpften auf dem Fußboden hin, und Schneeflocken stöberten umher. Er war in Bärenfellbeinkleidern und Jacke; eine Mütze von Seehundsfell ging bis über die Ohren; lange Eiszapfen hingen ihm am Barte; und ein Hagelkorn nach dem andern glitt ihm vom Kragen der Jacke herunter.
»Gehen Sie nicht gleich an das Feuer!« sagte der Prinz. »Es könnten sonst leicht Gesicht und Hände erfrieren!«
»Erfrieren?« sagte der Nordwind und lachte laut auf. »Kälte ist mein größtes Vergnügen! Was bist Du übrigens für ein Schneiderlein? Wie kommst Du in die Höhle der Winde?«
»Er ist mein Gast,« sagte die Alte; »und bist Du mit dieser Erklärung nicht zufrieden, so kannst Du in den Sack kommen! – Verstehst Du mich nun?«
Sieh, das half; und der Nordwind erzählte von wannen er kam und wo er fast einen ganzen Monat gewesen.
»Vom Polarmeere komme ich,« sagte er; »ich bin auf dem Bäreneilande mit den russischen Walroßjägern gewesen. Ich saß und schlief auf dem Steuer, als sie vom Nordcap wegsegelten; wenn ich mitunter erwachte, flog mir der Sturmvogel um die Beine. Das ist ein komischer Vogel! Der macht einen raschen Schlag mit den Flügeln, hält sie darauf unbeweglich ausgestreckt und hat dann volle Fahrt.«
»Mache es nur nicht zu weitschweifig!« sagte die Mutter der Winde. »Du kamst also nach dem Bäreneilande?«
»Dort ist es schön! Da ist ein Fußboden zum Tanzen, flach wie ein Teller! Halbaufgethauter Schnee mit ein wenig Moos, scharfe Steine und Gerippe von Walrossen und Eisbären lagen umher, sowie auch Riesenarme und Beine mit verschimmeltem Grün. Man möchte glauben, daß die Sonne nie darauf geschienen hätte. Ich blies ein wenig in den Nebel, damit man den Schuppen sehen konnte: das war ein Haus, von Wrackholz erbaut und mit Walroßhäuten überzogen; die Fleischseite war nach außen gekehrt; auf dem Dache saß ein lebendiger Eisbär und brummte. Ich ging nach dem Strande, sah nach den Vogelnestern, erblickte die nackten Jungen, die schrieen und sperrten den Schnabel auf; da blies ich in die tausend Kehlen hinab, und sie lernten den Schnabel schließen. Weiterhin wälzten sich die Walrosse, wie lebendige Eingeweide oder Riesenmaden mit Schweineköpfen und ellenlangen Zähnen!« –
»Du erzählst gut, mein Sohn!« sagte die Mutter. »Das Wasser läuft mir im Munde zusammen, wenn ich Dich anhöre!«
»Dann ging das Jagen an! Die Harpune wurde in die Brust des Walrosses geworfen, sodaß der dampfende Blutstrahl, einem Springbrunnen gleich, über das Eis spritzte. Da gedachte ich auch meines Spieles! Ich blies auf und ließ meine Segler, die thurmhohen Eisberge, die Boote einklemmen. Hui! wie man pfiff und wie man schrie; aber ich pfiff lauter! Die todten Walroßkörper; Kisten und Tauwerk mußten sie auf das Eis auswerfen; ich schüttelte die Schneeflocken über sie und ließ sie in den eingeklemmten Fahrzeugen mit ihrem Fange nach Süden treiben, um dort Salzwasser zu kosten. Sie kommen nie mehr nach dem Bäreneilande!«
»So hast Du ja Böses gethan!« sagte die Mutter der Winde.
»Was ich Gutes gethan habe, mögen die Andern erzählen!« sagte er. »Aber da haben wir meinen Bruder aus Westen; ihn mag ich von Allen am Besten leiden; er schmeckt nach der See und führt eine herrliche Kälte mit sich!«
»Ist das der kleine Zephyr?« fragte der Prinz.
»Jawohl ist das Zephyr!« sagte die Alte. »Aber er ist doch nicht klein. Vor Jahren war er ein hübscher Knabe, aber das ist nun vorbei!«
Er sah aus, wie ein wilder Mann, aber er hatte einen Fallhut auf, um nicht zu Schaden zu kommen. In der Hand hielt er eine Mahagonikeule, in den amerikanischen Mahagoniwäldern gehauen. Das war gar nichts Geringes!
»Wo kommst Du her?« fragte die Mutter.
»Aus den Waldwüsten,« sagte er, »wo die Wasserschlange in dem nassen Grase liegt und die Menschen unnöthig zu sein scheinen!«
»Was triebst Du dort?«
»Ich sah in den tiefsten Fluß, sah, wie er von den Felsen herabstürzte, Staub wurde und gegen die Wolken flog, um den Regenbogen zu tragen. Ich sah den wilden Büffel im Fluße schwimmen, aber der Strom riß ihn mit sich fort. Er trieb mit dem Schwärme der wilden Enten, welche in die Höhe flogen, wo das Wasser stürzte. Der Büffel mußte hinunter; das gefiel mir, und ich blies einen Sturm, daß uralte Bäume splitterten und zu Spänen wurden.«
»Und weiter hast Du nichts gethan?« fragte die Alte.
»Ich habe in den Savannen Purzelbäume geschossen; ich habe die wilden Pferde gestreichelt und Kokosnüsse geschüttelt. Ja, ja, ich habe Geschichten zu erzählen! Aber man muß nicht Alles sagen, was man weiß. Das weißt Du wohl, Alte!« und er küßte seine Mutter so, daß sie fast hintenüber gefallen wäre. Es war ein schrecklich wilder Bube!
Nun kam der Südwind mit einem Turban und einem fliegenden Beduinenmantel.
»Hier ist es recht kalt, hier draußen!« sagte er und warf noch Holz ms Feuer. »Man merkt, daß der Nordwind zuerst gekommen ist!«
»Es ist hier so heiß, daß man einen Eisbären braten kann!« sagte der Nordwind.
»Du bist selbst ein Eisbär!« antwortete der Südwind.
»Wollt ihr in den Sack gesteckt sein?« fragte die Alte. – »Setze Dich auf den Stein dort und erzähle wo Du gewesen bist.«
»In Afrika, Mutter!« erwiderte er. »Ich war mit den Hottentotten auf der Löwenjagd im Lande der Kaffern. Da wächst Gras in den Ebenen, grün wie eine Olive! Da lief der Straus mit mir um die Wette; aber ich bin doch noch schneller. Ich kam nach der Wüste zu dem gelben Sande; da sieht es aus, wie auf dem Grunde des Meeres. Ich traf eine Karavane; man schlachtete das letzte Kameel, um Trinkwasser zu erhalten; aber es war nur wenig, was man bekam. Die Sonne brannte von oben und der Sand von unten. Die ausgedehnte Wüste hatte keine Grenze. Da wälzte ich mich in dem feinen, losen Sande und wirbelte ihn zu großen Säulen auf. Das war ein Tanz! Du hättest sehen sollen, wie muthlos das Dromedar dastand, und der Kaufmann den Kaftan über den Kopf zog. Er warf sich vor mir nieder, wie vor Allah, seinem Gotte. Nun sind sie begraben; es steht eine Pyramide von Sand über ihnen allen. Wenn ich die einmal fortblase, dann wird die Sonne die weißen Knochen bleichen; da können die Reisenden sehen, daß dort früher Menschen gewesen sind. Sonst wird man das in der Wüste nicht glauben!«
»Du hast also nur Böses gethan!« sagte die Mutter. »Marsch in den Sack!« und ehe er es sich versah, hatte sie den Südwind um den Leib gefaßt und in den Sack gesteckt. Er wälzte sich umher auf dem Fußboden, aber sie setzte sich darauf und da mußte er ruhig liegen.
»Das sind muntere Knaben, die Du hast!« sagte der Prinz.
»Ja wohl,« antwortete sie, »und ich weiß sie zu züchtigen! Da haben wir den vierten!«
Das war der Ostwind, der war wie ein Chinese gekleidet.
»Ach! kommst Du von jener Gegend?« sagte die Mutter. »Ich glaubte, Du wärest im Garten des Paradieses gewesen.«
»Dahin fliege ich erst morgen!« sagte der Ostwind. »Morgen sind es hundert Jahre, seitdem ich dort war! Ich komme jetzt aus China, wo ich um den Porzellanthurm tanzte, daß alle Glocken klingelten. Auf der Straße bekamen die Beamten Prügel; das Bambusrohr wurde auf ihren Schultern zerschlagen, und das waren Leute vom ersten bis zum neunten Grade, Sie schrieen: »»Vielen Dank, mein väterlicher Wohlthäter!«« Aber es kam ihnen nicht vom Herzen, und ich klingelte mit den Glocken und sang: Tsing, tsang, tsu!«
»Du bist muthwillig!« sagte die Alte. »Es ist gut, daß Du morgen in den Garten des Paradieses kommst; das trägt immer zu Deiner Bildung bei. Trinke dann tüchtig aus der Weisheitsquelle und bringe eine Flasche voll für mich mit nach Hause!«
»Das werde ich thun!« sagte der Ostwind. »Aber weshalb hast Du meinen Bruder vom Süden in den Sack gesteckt? Heraus mit ihm! Er soll mir vom Vogel Phönix erzählen; von ihm will die Prinzessin im Garten des Paradieses stets hören, wenn ich jedes hundertste Jahr meinen Besuch abstatte. Mache den Sack auf, dann bist Du meine süßeste Mutter, und ich schenke Dir zwei Taschen voll Thee, so grün und frisch, wie ich ihn an Ort und Stelle gepflückt habe!«
»Nun, des Thee's wegen und weil Du mein Herzensjunge bist, will ich den Sack öffnen!« Das that sie, und der Südwind kroch heraus; aber er sah ganz niedergeschlagen aus, weil der fremde Prinz es gesehen hatte.
»Da hast Du ein Palmblatt für die Prinzessin!« sagte der Südwind. »Dieses Blatt hat der Vogel Phönix, der einzige, der in der Welt war, mir gegeben! Er hat mit seinem Schnabel seine ganze Lebensbeschreibung, die hundert Jahre, die er lebte, hineingeritzt. Nun kann sie es selbst lesen, wie der Vogel Phönix sein Nest in Brand steckte und darin saß und verbrannte, gleich der Frau eines Hindu. Wie knisterten die trockenen Zweige! Es war ein Rauch und ein Dampf! Zuletzt schlug Alles in Flammen auf; der alte Vogel Phönix wurde zu Asche; aber sein Ei lag glühend roth im Feuer; es barst mit einem großen Knalle, und das Junge flog heraus; nun ist Dieses Regent über alle Vögel und der einzige Vogel Phönix in der Welt. Er hat in das Palmblatt, welches ich Dir gab, ein Loch gebissen: das ist sein Gruß an die Prinzessin!«
»Laßt uns etwas essen!« sagte die Mutter der Winde. Und nun setzen sie sich alle zusammen, um von dem gebratenen Hirsche zu speisen; der junge Prinz saß zur Seite des Ostwindes; deshalb wurden sie bald gute Freunde.
»Höre, sag' mir einmal,« sagte der Prinz, »was ist das für eine Prinzessin, von der hier so viel die Rede ist, und wo liegt der Garten des Paradieses?«
»Ho, ho!« sagte der Ostwind; »willst Du dahin? Ja, dann stiege morgen mit mir! Aber das muß ich Dir übrigens sagen: dort ist kein Mensch seit Adam's und Eva's Zeit gewesen. Die kennst Du ja wohl aus Deiner biblischen Geschichte?«
»Ja wohl!« sagte der Prinz.
»Damals, als sie verjagt wurden, versank der Garten des Paradieses in die Erde; aber er behielt seinen warmen Sonnenschein, seine milde Luft und all seine Herrlichkeit. Die Feenkönigin wohnt darin; da liegt die Insel der Glückseligkeit, wohin der Tod nie kommt, wo es herrlich ist! Setze Dich morgen auf meinen Rücken, dann werde ich Dich mitnehmen; ich denke, es wird sich wohl thun lassen. Aber nun höre auf zu sprechen, denn ich will schlafen!«
Und dann schliefen sie allesammt.
In früher Morgenstunde erwachte der Prinz und war nicht wenig erstaunt, sich schon hoch über den Wolken zu finden. Er saß auf dem Rücken des Ostwindes, der ihn noch treulich hielt; sie waren so hoch in der Luft, daß Wälder und Felder, Flüsse und Seen sich wie auf einer Landkarte ausnahmen.
»Guten Morgen!« sagte der Ostwind. »Du könntest übrigens füglich noch ein Bischen schlafen, denn es ist nicht viel auf dem stachen Lande unter uns zu sehen, ausgenommen Du hättest Lust, die Kirchen zu zählen! Die stehen gleich Kreidepunkten auf dem grünen Breite.« Das waren Felder und Wiesen, was er das grüne Brett nannte.
»Es war unartig, daß ich Deiner Mutter und Deinen Brüdern nicht Lebewohl gesagt habe!« meinte der Prinz.
»Wenn man schläft, ist man entschuldigt!« sagte der Ostwind. Und darauf flogen sie noch rascher von dannen. Man konnte es in den Gipfeln der Bäume hören, denn wenn sie darüber hinfuhren, rasselten alle Zweige und Blätter; man konnte es auf dem Meere und auf den Seen hören, denn wo sie flogen, stiegen die Wogen höher, und die großen Schiffe neigten sich tief in das Wasser, gleich schwimmenden Schwänen.
Gegen Abend, als es dunkel wurde, sahen die großen Städte ergötzlich aus; die Lichter brannten dort unten, bald hier, bald da; es war, als wenn man ein Stück Papier angebrannt hat und alle die kleinen Feuerfunken sieht, wie einer nach dem andern verschwindet. Und der Prinz klatschte in die Hände: aber der Ostwind bat ihn, das zu unterlassen und sich lieber festzuhalten; sonst konnte er leicht hinunterfallen und an einer Kirchthurmspitze hängen bleiben.
Der Adler in den dunklen Wäldern flog zwar leicht, doch der Ostwind flog noch leichter. Der Kosak jagte auf seinem kleinen Pferde schnell über die Ebene dahin, doch der Prinz jagte noch schneller.
»Jetzt kannst du den Himalaya sehen!« sagte der Ostwind. »Das ist der höchste Berg in Asien; nun werden wir bald nach dem Garten des Paradieses gelangen!« Dann wendeten sie sich mehr südlich, und bald duftete es dort von Gewürzen und Blumen; Feigen und Granatäpfel wuchsen wild, und die wilde Weinranke hatte blaue und rothe Trauben. Hier ließen sich Beide nieder und streckten sich in das weiche Gras, wo die Blumen dem Winde zunickten, als wollten sie sagen: »Willkommen!«
»Sind wir nun im Garten des Paradieses?« fragte der Prinz.
»Nein, bewahre!« erwiderte der Ostwind. »Aber wir werden bald dorthin kommen. Siehst du die Felsenmauer dort und die weite Höhle, wo die Weinranken gleich einer großen, grünen Gardine hängen? Da hindurch werden wir hineingelangen! Wickele Dich in Deinen Mantel; hier brennt die Sonne, aber einen Schritt weiter, und es ist eisig kalt. Der Vogel, welcher an der Höhle vorbeistreift, hat den einen Flügel draußen in dem warmen Sommer, und den andern drinnen in dem kalten Winter!«
»So! Das ist also der Weg zum Garten des Paradieses?« fragte der Prinz.
Nun gingen sie in die Höhle hinein. Hu, wie war es dort eisig kalt! Aber es währte doch nicht lange. Der Ostwind breitete seine Flügel aus, und sie leuchteten gleich dem hellsten Feuer. Nein, welch eine Höhle! Die großen Steinblöcke, von denen das Wasser träufelte, hingen über ihnen in den wunderbarsten Gestalten; bald war es da so enge, daß sie auf Händen und Füßen kriechen mußten, bald so hoch und ausgedehnt, wie in der freien Luft. Es sah aus wie Grabeskapellen mit stummen Orgelpfeifen und versteinerten Orgeln.
»Wir gehen wohl den Weg des Todes zum Garten des Paradieses?« fragte der Prinz. Aber der Ostwind antwortete keine Silbe, zeigte nur vorwärts, und das schönste, blaue Licht strahlte ihnen entgegen. Die Steinblöcke über ihnen wurden mehr und mehr ein Nebel, der zuletzt wie eine weiße Wolke im Mondscheine aussah. Nun waren sie in der herrlichen, milden Luft; so frisch, wie auf den Bergen, so duftend, wie bei den Rosen des Thales. Da strömte ein Fluß, so klar, wie die Luft selbst; und die Fische waren wie Silber und Gold; purpurrote Aale, die bei jeder Bewegung blaue Feuerfunken sprühten, spielten unten im Wasser; und die breiten Nixenblumenblätter hatten des Regenbogens Farben; die Blume selbst war eine rothgelb brennende Flamme, der das Wasser Nahrung gab, gleichwie das Oel die Lampe beständig im Brennen erhalt; eine feste Brücke von Marmor, aber so künstlich und sein ausgeschnitten, als wäre sie von Spitzen und Glasperlen gemacht, führte über das Wasser zur Insel der Glückseligkeit, wo der Garten des Paradieses blühte.
Der Ostwind nahm den Prinzen auf seine Arme und trug ihn hinüber. Da sangen die Blumen und Blätter die schönsten Lieder aus seiner Kindheit, aber so lieblich schwellend, wie keine menschliche Stimme hier singen kann.
Waren es Palmbäume oder riesengroße Wasserpflanzen, die hier wuchsen? So saftige und große Bäume hatte der Prinz früher nie gesehen; in langen Guirlanden hingen da die wunderbarsten Schlingpflanzen, wie man sie nur mit Farben und Gold auf dem Rande alter Heiligenbücher, oder durch die Anfangsbuchstaben geschlungen, abgebildet findet. Das waren die seltsamsten Zusammensetzungen von Vögeln, Blumen und Ranken. Dicht daneben im Grase stand ein Schwarm Pfauen mit entfalteten, strahlenden Schweifen. Ja das war wirklich so! Als aber der Prinz daran rührte, merkte er, daß es keine Thiere, sondern Pflanzen waren; es waren die großen Kletten, die hier wie des Pfaues herrlicher Schweif strahlten. Der Löwe und der Tiger sprangen wie geschmeidige Katzen zwischen den grünen Hecken hin, die wie die Blumen des Olivenbaumes dufteten; und der Löwe und der Tiger waren zahm. Die wilde Waldtaube glänzte wie die schönste Perle und schlug mit ihren Flügeln den Löwen an die Mähne; und die Antilope, die sonst so scheu ist, stand daneben und nickte mit dem Kopfe, als ob sie auch mitspielen wollte.
Nun kam die Fee des Paradieses; ihre Kleider strahlten wie die Sonne, und ihr Antlitz war heiter wie das einer frohen Mutter, wenn sie recht glücklich über ihr Kind ist. Sie war jung und schön, und die hübschesten Mädchen, jede mit einem leuchtenden Sterne im Haare, folgten ihr. Der Ostwind gab ihr das beschriebene Blatt vom Vogel Phönix und ihre Augen funkelten vor Freude. Sie nahm den Prinzen bei der Hand und führte ihn in ihr Schloß hinein, wo die Wände Farben hatten wie das prächtigste Tulpenblatt, wenn es gegen die Sonne gehalten wird. Die Decke selbst war eine große, strahlende Blume, und je mehr man zu derselben hinaufsah, desto tiefer erschien ihr Kelch. Der Prinz trat an das Fenster und blickte durch eine der Scheiben: da sah er den Baum der Erkenntniß mit der Schlange, und Adam und Eva standen dicht dabei. »Sind die nicht verjagt?« fragte er. Und die Fee lächelte und erklärte ihm, daß die Zeit auf jeder Scheibe ihr Bild eingebrannt habe; aber nicht, wie man es zu sehen gewohnt: nein, es war Leben darin; die Blätter der Bäume bewegten sich; die Menschen kamen und gingen, wie in einem Spiegelbilde. Und er sah durch eine andere Scheibe, da war Jakob's Traum, wo die Leiter bis in den Himmel reichte; und die Engel mit großen Schwingen schwebten auf und nieder. Ja, Alles, was in dieser Welt geschehen war, lebte und bewegte sich in den Glasscheiben; so künstliche Gemälde konnte nur die Zeit einbrennen.
Die Fee lächelte und führte ihn in einen großen, hohen Saal, dessen Wände transparent erschienen. Hier waren Portraits, das eine Gesicht schöner, als das andere. Man sah Millionen Glückliche, die lächelten und sangen, so daß es in eine Melodie zusammenfloß: die Obersten waren so klein, daß sie kleiner erschienen, wie die kleinste Rosenknospe, wenn sie wie ein Punkt auf das Papier gezeichnet wird. Mitten im Saale stand ein großer Baum mit hängenden, üppigen Zweigen; goldene Aepfel hingen wie Apfelsinen zwischen den grünen Blättern. Das war der Baum der Erkenntniß, von dessen Frucht Adam und Ella gegessen hatten. Von jedem Blatte tröpfelte ein glänzender, rother Thautropfen: es war, als ob der Baum blutige Thränen weinte.
»Laß uns nun in das Boot steigen!« sagte die Fee, »da wollen wir Erfrischungen auf dem schwellenden Wasser genießen! Das Boot schaukelt und kommt nicht von der Stelle, aber alle Länder der Welt gleiten an unsern Augen vorüber.« Und es war wunderbar anzusehen wie sich die ganze Küste bewegte. Da kamen die hohen, schneebedeckten Alpen mit Wolken und schwarzen Tannen; das Horn erklang tief wehmüthig, und der Hirt jodelte lustig im Thale. Dann bogen die Bananenbäume ihre langen, hängenden Zweige über das Boot nieder; schwarze Schwäne schwammen auf dem Wasser, und die seltsamsten Thiere und Blumen zeigten sich am Ufer; das war Neu-Holland, der fünfte Welttheil, der, mit einer Aussicht auf die blauen Berge, vorbeiglitt. Man hörte den Gesang der Priester und sah den Tanz der Wilden zum Schalle der Trommeln und der knöchernen Trompeten. Aegyptens Pyramiden, die bis in die Wolken ragten, umgestürzte Säulen und Sphinxe, halb im Sande begraben, segelten ebenfalls vorbei. Die Nordlichter leuchteten über ausgebrannten Vulkanen des Nordens: das war ein Feuerwerk, was Niemand nachmachen konnte. Der Prinz war sehr glücklich; ja, er sah noch hundert Mal mehr, als was wir hier erzählen.
»Und ich kann immer hier bleiben?« fragte er.
»Das kommt auf Dich selbst an!« erwiderte die Fee. »Wenn Du nicht, wie Adam, dich gelüsten lassest, das Verbotene zu thun, so kannst Du immer hier bleiben.«
»Ich werde die Aepfel auf dem Erkenntnißbaume nicht anrühren!« sagte der Prinz. »Hier sind ja Tausende von Früchten, eben so schön, wie die!«
»Prüfe Dich selbst, und bist Du nicht stark genug, so gehe mit dem Ostwinde, der Dich herbrachte. Er fliegt nun zurück und läßt sich in hundert Jahren hier nicht wieder blicken; die Zeit wird an diesem Orte für Dich vergehen, als wären es hundert Stunden, aber es ist eine lange Zeit für die Versuchung. Jeden Abend, wenn ich von Dir gehe, muß ich Dir zurufen: Komm mit! Ich muß Dir mit der Hand winken – aber bleibe zurück! Gehe nicht mit, denn sonst wird mit jedem Schritte Deine Sehnsucht größer werden. Du kommst dann in den Saal, wo der Baum der Erkenntniß wächst; ich schlafe unter seinen duftenden, hängenden Zweigen; Du wirst Dich über mich beugen, und ich muß lächeln; drückst Du aber einen Kuß auf meinen Mund, so sinkt das Paradies tief in die Erde, und es ist für Dich verloren. Der Wüste scharfer Wind wird Dich umsausen, der kalte Regen von Deinem Haupte träufeln. Kummer und Drangsal wird Dein Erbtheil.«
»Ich bleibe hier!« sagte der Prinz. Und der Ostwind küßte ihn auf die Stirn und sagte: »Sei stark, dann treffen wir uns hier nach hundert Jahren wieder! Lebe wohl! Lebe wohl!« Und der Ostwind breitete seine großen Flügel aus; sie glänzten, wie das Wetterleuchten in der Erntezeit oder wie das Nordlicht im Winter.
»Lebe wohl! Lebe wohl!« ertönte es von Blumen und Bäumen. Störche und Pelikane zogen wie flatternde Bänder in Reihen und geleiteten ihn bis zur Grenze des Gartens
»Nun beginnen wir unsere Tänze!« sagte die Fee. »Zum Schlusse, wo ich mit Dir tanze, wirst Du, indem die Sonne sinkt, sehen, daß ich Dir winke; Du wirst mich Dir zurufen hören: Komm mit! Aber thue es nicht! Hundert Jahre lang muß ich es jeden Abend wiederholen; jedes Mal, wenn die Zeit vorbei ist, gewinnst Du mehr Kraft; zuletzt denkst Du gar nicht mehr daran. Heute Abend ist es zum ersten Male; nun habe ich Dich gewarnt!«
Und die Fee führte ihn in einen großen Saal von weißen, durchsichtigen Lilien; die gelben Staubfäden in jeder Blume bildeten eine kleine Goldharfe, die mit Saitenlaut und Flötenton erklang. Die schönsten Mädchen, schwebend und schlank, in wallenden Flor gekleidet, so daß man die reizenden Glieder sah, schwebten im Tanze und sangen, wie herrlich es sei, zu leben, und daß sie nie sterben würden, und daß der Garten des Paradieses ewig blühen würde.
Und die Sonne ging unter; der ganze Himmel wurde ein Gold, welches den Lilien den Schein der herrlichsten Rosen gab; und der Prinz trank von dem schäumenden Weine, welchen die Mädchen ihm reichten, und fühlte eine Glückseligkeit, wie nie zuvor. Er sah, wie der Hintergrund des Saales sich öffnete, und der Baum der Erkenntniß stand in einem Glanze, der seine Augen blendete; der Gesang dort war weich und lieblich, wie seiner Mutter Stimme, und es war, als ob sie sänge: »Mein Kind! mein geliebtes Kind!«
Da winkte die Fee und rief so liebevoll: »Komm mit! Komm mit!« Und er stürzte ihr entgegen, vergaß sein Versprechen, vergaß es schon dm ersten Abend, und sie winkte und lächelte. Der Duft, der gewürzige Duft rings umher wurde stärker; die Harfen ertönten weit lieblicher, und es war, als ob die Millionen lächelnder Köpfe im Saale, wo der Baum wuchs, nickten und sängen: »Alles muß man kennen! Der Mensch ist der Herr der Erde.« Und es waren keine blutigen Thränen mehr, welche von den Blättern des Erkenntnißbaumes fielen: es waren rothe, funkelnde Sterne, die er zu erblicken glaubte. »Komm mit, komm mit!« lauteten die bebenden Töne, und bei jedem Schritte brannten des Prinzen Wangen heißer, bewegte sein Blut sich rascher. »Ich muß!« sagte er. »Es ist ja keine Sünde, kann keine sein! Weshalb nicht der Schönheit und der Freude folgen? Ich will sie schlafen sehen; es ist ja nichts verloren, wenn ich es nur unterlasse, sie zu küssen; und küssen werde ich sie nicht: ich bin stark, ich habe einen festen Willen!«
Und die Fee warf ihren strahlenden Anzug ab, bog die Zweige zurück, und nach einem Augenblicke war sie darin verborgen.
»Noch habe ich nicht gesündigt!« sagte der Prinz, »und will es auch nicht!« Und dann bog er die Zweige zur Seite: da schlief sie bereits, schön, wie nur die Fee im Garten des Paradieses sein kann. Sie lächelte im Traume, er bog sich über sie nieder und sah zwischen ihren Augenlidern Thränen beben!
»Weinst Du über mich?« flüsterte er. »Weine nicht, Du herrliches Weib! Nun begreife ich erst des Paradieses Glück! Es durchströmt mein Blut, meine Gedanken; die Kraft des Cherubs und des ewigen Lebens fühle ich in meinem irdischen Körper! Möge es ewig Nacht für mich werden: eine Minute, wie diese, ist Reichthum genug!« Und er küßte die Thränen aus ihren Augen; sein Mund berührte den ihrigen. –
Da krachte ein Donnerschlag, so tief und schrecklich, wie Niemand ihn je gehört. Und Alles stürzte zusammen; die schöne Fee, das blühende Paradies sank, sank tiefer und tiefer. Der Prinz sah es in die schwarze Nacht versinken; wie ein kleiner, leuchtender Stern strahlte es aus weiter Ferne; Todeskälte durchschauerte seinen Körper; er schloß seine Augen und lag lange wie todt.
Der kalte Regen fiel ihm in das Gesicht, der scharfe Wind blies um sein Haupt; da kehrten seine Sinne zurück. »Was habe ich gethan!« seufzte er. »Ich habe gesündigt, wie Adam – gesündigt, so daß das Paradies tief versunken ist!« Und er öffnete seine Augen; den Stern in der Ferne, den Stern, der wie das gesunkene Paradies funkelte, sah er noch – es war der Morgenstern am Himmel.
Er erhob sich und war in dem großen Walde dicht bei der Höhle der Winde: und die Mutter der Winde saß an einer Seite: sie sah böse aus und erhob ihren Arm in die Luft.
Schon den ersten Abend!« sagte sie. »Das dachte ich wohl! Ja, wärest Du mein Sohn, so müßtest Du in den Sack!«
»Da soll er hinein!« sagte der Tod. Das war ein starker, alter Mann mit einer Sense in der Hand und mit großen, schwarzen Schwingen. »In den Sarg soll er gelegt werden; aber jetzt noch nicht; ich zeichne ihn nur auf, lasse ihn dann noch eine Weile in der Welt umherwandern, seine Sünde sühnen, gut und besser werden. Ich komme aber einmal. Wenn er es gerade am Wenigsten erwartet, stecke ich ihn in den schwarzen Sarg, setze ihn auf meinen Kopf und fliege gegen den Stern empor. Auch dort blüht des Paradieses Garten, und ist er gut und fromm, so wird er hineintreten; sind aber seine Gedanken böse und ist das Herz noch voll Sünde, so sinkt er mit dem Sarge tiefer, als das Paradies gesunken, und nur jedes tausendste Jahr hole ich ihn wieder, damit er noch tiefer sinke oder auf den Stern gelange, den funkelnden Stern dort oben!«
Die Schneekönigin
In sieben Geschichten.
Inhaltsverzeichnis
Erste Geschichte.
Zweite Geschichte.
Dritte Geschichte.
Vierte Geschichte.
Fünfte Geschichte.
Sechste Geschichte.
Siebente Geschichte.
Erste Geschichte.
Inhaltsverzeichnis
welche von dem Spiegel und den Scherben handelt. Seht! nun fangen wir an. Wenn wir am Ende der Geschichte sind, wissen wir mehr, als jetzt, denn es war ein böser Kobold! Er war einer der allerärgsten, er war der Teufel! Eines Tags war er recht bei Laune, denn er hatte einen Spiegel gemacht, welcher die Eigenschaft besaß, daß alles Gute und Schöne, was sich darin spiegelte, fast zu Nichts zusammenschwand, aber Das, was nichts taugte und sich schlecht ausnahm, hervortrat und noch ärger wurde. Die herrlichsten Landschaften sahen wie gekochter Spinat darin aus, und die besten Menschen wurden widerlich oder standen auf dem Kopfe ohne Rumpf; die Gesichter wurden so verdreht, daß sie nicht zu erkennen waren, und hatte man eine Sommersprosse, so konnte man überzeugt sein, daß sie sich über Nase und Mund ausbreitete. Das sei äußerst belustigend, sagte der Teufel. Fuhr nun ein guter frommer Gedanke durch einen Menschen, dann zeigte sich ein Grinsen im Spiegel, sodaß der Teufel über seine künstliche Erfindung lachen mußte. Die, welche die Koboldschule besuchten, – denn er hielt Koboldschule – erzählten überall, daß ein Wunder geschehen sei; nun könnte man erst sehen, meinten sie, wie die Welt und die Menschen wirklich aussähen. Sie liefen mit dem Spiegel umher, und zuletzt gab es kein Land und keinen Menschen mehr, welcher nicht verdreht darin gesehen wäre. Nun wollten sie auch zum Himmel selbst auffliegen, um sich über die Engel und den lieben Gott lustig zu machen. Je höher sie mit dem Spiegel flogen, um so mehr grinste er; sie konnten ihn kaum festhalten; sie flogen höher und höher, Gott und den Engeln näher; da erzitterte der Spiegel so fürchterlich in seinem Grinsen, daß er ihren Händen entfiel und zur Erde fiel, wo er in hundert Millionen, Billionen und noch mehr Stücke zersprang. Und nun gerade verursachte er weit größeres Unglück, als zuvor, denn einige Stücke waren kaum so groß als ein Sandkorn; diese flogen nun in die weite Welt, und wo Jemand sie in das Auge bekam, da blieben sie sitzen, und da sahen die Menschen Alles verkehrt, oder hatten nur Augen für das Verkehrte bei einer Sache; denn jede kleine Spiegelscherbe behielt dieselben Kräfte, welche der ganze Spiegel besessen hatte. Einige Menschen bekamen sogar eine Spiegelscherbe in das Herz, dann aber war es ganz entsetzlich; das Herz wurde einem Klumpen Eis gleich. Einige Spiegelscherben waren so groß, daß sie zu Fensterscheiben verbraucht wurden; aber durch diese Scheiben taugte es nicht, seine Freunde zu betrachten; andere Stücke kamen in Brillen, und dann ging es schlecht, wenn die Leute diese Brillen aufsetzten, um recht zu sehen und gerecht zu sein; der Böse lachte, daß ihm der Bauch wackelte und das kitzelte ihn so angenehm. Aber draußen flogen noch kleine Glasscherben in der Luft umher. Nun, wir werden's hören!
Zweite Geschichte.
Inhaltsverzeichnis
Ein kleiner Knabe und ein kleines Mädchen.
Drinnen in der großen Stadt, wo so viele Menschen und Häuser sind, daß dort nicht Platz genug ist, damit alle Leute einen kleinen Garten besitzen können, und wo sich deshalb die Meisten mit Blumen in Blumentöpfen begnügen müssen, waren zwei arme Kinder, die einen etwas größeren Garten, als einen Blumentopf, besaßen. Sie waren nicht Bruder und Schwester, aber sie waren sich eben so gut, als wenn sie es wären. Die Eltern wohnten einander gerade gegenüber in zwei Dachkammern. Da, wo das Dach des einen Nachbarhauses gegen das andere stieß, und die Wasserrinne zwischen den Dächern entlang lief, war in jedem Hause ein kleines Fenster; man brauchte nur über die Rinne zu schreiten, so konnte man von dem einen Fenster zu dem andern gelangen.
Beider Eltern hatten draußen einen großen hölzernen Kasten, und darin wuchsen Küchenkräuter, die sie gebrauchten, und ein kleiner Rosenstock; in jedem Kasten stand einer; die wuchsen herrlich! Nun fiel es den Eltern ein, die Kasten quer über die Rinne zu stellen, sodaß sie fast von dem einen Fenster zum andern reichten und zwei Blumenwällen ganz ähnlich sahen. Erbsenranken hingen über die Kasten herab, und die Rosenstücke schössen lange Zweige, die sich um die Fenster rankten und einander entgegen bogen; es war fast einer Ehrenpforte von Blättern und Blumen gleich. Da die Kasten sehr hoch waren und die Kinder wußten, daß sie nicht hinauf kriechen durften, so erhielten sie oft die Erlaubniß, zu einander hinaus zu steigen und auf ihren kleinen Schemeln unter den Rosen zu sitzen; da spielten sie dann prächtig.
Im Winter hatte dieses Vergnügen ein Ende. Die Fenster waren oft ganz zugefroren; aber dann wärmten sie Kupferschillinge auf dem Ofen und legten den warmen Schilling gegen die gefrorene Scheibe; dadurch entstand ein schönes Guckloch, so rund, so rund; dahinter blitzte ein lieblich mildes Auge, eins vor jedem Fenster; das war der kleine Knabe und das kleine Mädchen. Er hieß Kay und sie hieß Gerda. Im Sommer konnten sie mit einem Sprunge zu einander gelangen, im Winter mußten sie erst die vielen Treppen herunter und die Treppen hinauf; draußen stob der Schnee.
»Das sind die weißen Bienen, die schwärmen,« sagte die alte Großmutter.
»Haben sie auch eine Bienenkönigin?« fragte der kleine Knabe, denn er wußte, daß unter den wirklichen Bienen eine solche ist.
»Die haben sie!« sagte die Großmutter. »Sie fliegt dort, wo sie am dichtesten schwärmen! Es ist die größte von allen, und nie bleibt sie still auf der Erde; sie fliegt wieder in die schwarze Wolke hinauf. Manche Mitternacht fliegt sie durch die Straßen der Stadt und blickt zu den Fenstern hinein, und dann frieren diese so sonderbar und sehen wie Blumen aus.«
»Ja, das haben wir gesehen!« sagten beide Kinder und wußten nun, daß es wahr sei.
»Kann die Schneekönigin hier hereinkommen?« fragte das kleine Mädchen.
»Laß sie nur kommen!« sagte der Knabe; »dann setze ich sie auf den warmen Ofen und sie schmilzt.«
Aber die Großmutter glättete sein Haar und erzählte andere Geschichten.
Am Abend als der kleine Kay zu Hause und halb entkleidet war, kletterte er auf den Stuhl am Fenster und guckte durch das kleine Loch; einige Schneeflocken fielen draußen, und eine derselben, die größte, blieb auf dem Rande des einen Blumenkastens liegen; die Schneeflocke wuchs mehr und mehr und wurde zuletzt wie eine ganze Jungfrau, in den feinsten weißen Flor gekleidet, der aus Millionen sternartigen Flocken zusammengesetzt war. Sie war so schön und fein, aber von Eis, von blendendem, blinkendem Eise. Doch sie war lebendig; die Augen blitzten, wie zwei klare Sterne; aber es war keine Ruhe oder Rast in ihnen. Sie nickte dem Fenster zu und winkte mit der Hand. Der kleine Knabe erschrak und sprang vom Stuhle herunter; da war es, als ob draußen vor dem Fenster ein großer Vogel vorbeiflöge.
Am nächsten Tage wurde es klarer Frost – und dann kam das Frühjahr; die Sonne schien, das Grün keimte hervor, die Schwalben bauten Nester, die Fenster wurden geöffnet, und die kleinen Kinder saßen wieder in ihrem kleinen Garten hoch oben in der Dachrinne über allen Stockwerken.
Wie prachtvoll blühten die Rosen diesen Sommer! Das kleine Mädchen hatte einen Psalm gelernt, in welchem auch von Rosen die Rede war; und bei den Rosen dachte sie an ihre eigenen; und sie sang ihn dem kleinen Knaben vor, und er sang mit:
»Die Rosen, sie verblüh'n und verwehen,
Wir werden das Christ-Kindlein sehen!«
Und die Kleinen hielten einander bei den Händen, küßten die Rosen, blickten in Gottes hellen Sonnenschein hinein und sprachen zu demselben, als ob das Jesuskind da wäre. Was waren das für herrliche Sommertage; wie schön war es draußen bei den frischen Rosenstöcken, welche zu blühen nie aufhören zu wollen schienen! Kay und Gerda sahen in das Bilderbuch mit Thieren und Vögeln, da war es – die Uhr schlug gerade Fünf auf dem großen Kirchthurme, – als Kay sagte: »Au! es stach mich in das Herz, und mir flog etwas in das Auge!«
Das kleine Mädchen fiel ihm um den Hals; er blinzelte mit den Augen; nein, es war nichts zu sehen.
»Ich glaube, es ist weg!« sagte er; aber weg war es doch nicht. Es war gerade so eins von jenen Glaskörnern, welche vom Spiegel gesprungen waren, dem Zauberspiegel, – wir entsinnen uns seiner wohl – dem häßlichen Glase, welches alles Große und Gute, das sich darin abspiegelte, klein und häßlich machte; aber das Böse und Schlechte trat recht hervor und jeder Fehler an einer Sache war gleich zu bemerken. Der arme Kay hatte auch ein Körnchen gerade in das Herz hinein bekommen. Das wird nun bald wie ein Eisklumpen werden. Nun that es nicht mehr weh, aber das Körnchen war da.
»Weshalb weinst Du?« fragte er. »So siehst Du häßlich aus!« »Mir fehlt ja nichts!« »Pfui!« rief er auf einmal, »die Rose dort hat einen Wurmstich! Und sieh, diese da ist ganz schief! Im Grunde sind es häßliche Rosen! Sie gleichen dem Kasten, in welchem sie stehen!« Und dann stieß er mit dem Fuße gegen den Kasten und riß die beiden Rosen ab.
» Kay, was machst Du?« rief das kleine Mädchen; und als er ihren Schrecken gewahrte, riß er noch eine Rose ab und sprang dann in sein Fenster hinein von der kleinen, lieblichen Gerda fort.
Wenn sie später mit dem Bilderbuche kam, sagte er, daß das für Wickelkinder wäre; und erzählte die Großmutter Geschichten, so kam er immer mit einem aber: – konnte er dazu gelangen, dann ging er hinter ihr her, setzte eine Brille auf und sprach ebenso, wie sie; das machte er ganz treffend, und die Leute lachten über ihn. Bald konnte er die Sprache und den Gang aller Menschen in der ganzen Straße nachahmen. Alles, was an ihnen eigenthümlich und unschön war, das wußte Kay nachzuahmen; und die Leute sagten: »Das ist sicher ein ausgezeichneter Kopf, den der Knabe hat!« Aber es war das Glas, welches ihm in dem Herzen saß; daher kam es auch, daß er selbst die kleine Gerda neckte, die ihm von ganzem Herzen gut war.
Seine Spiele wurden nun anders, als früher; sie wurden ganz verständig. – An einem Wintertage, wo es schneite, kam er mit einem großen Brennglase, hielt seinen blauen Rockzipfel heraus und ließ die Schneeflocken darauf fallen.
»Sieh nun in das Glas, Gerda!« sagte er; und jede Schneeflocke wurde viel größer und sah aus wie eine prächtige Blume oder ein zehneckiger Stern; es war schön anzusehen. »Siehst Du, wie künstlich!« sagte Kay. »Das ist weit interessanter, als die wirklichen Blumen! Und es ist kein einziger Fehler daran; sie sind ganz regelmäßig. Wenn sie nur nicht schmelzen!«
Bald darauf kam Kay mit großen Handschuhen und seinem Schlitten auf dem Rücken; er rief Gerda in die Ohren: »Ich habe Erlaubniß erhalten, auf dem großen Platze zu fahren, wo die anderen Knaben spielen!« und weg war er.
Dort auf dem Platze banden die kecksten Knaben oft ihre Schlitten an den Wagen der Landleute fest, und dann fuhren sie ein gutes Stück Wegs mit. Das ging recht schön. Als sie im besten Spielen waren, kam ein großer Schlitten; der war ganz weiß angestrichen, und darin saß Jemand, in einen rauhen, weißen Pelz gehüllt und mit einer rauhen, weißen Mütze auf dem Kopfe; der Schlitten fuhr zwei Mal um den Platz herum, und Kay band seinen kleinen Schlitten schnell daran fest, und nun fuhr er mit. Es ging rascher und rascher, gerade hinein in die nächste Straße. Der, welcher fuhr, drehte sich um, nickte dem Kay freundlich zu; es war, als ob sie einander kannten; jedesmal, wenn Kay seinen kleinen Schlitten abbinden wollte, nickte der Fahrende wieder, und dann blieb Kay sitzen; sie fuhren zum Stadtthore hinaus. Da begann der Schnee so dicht niederzufallen, daß der kleine Knabe keine Hand vor sich erblicken konnte; aber er fuhr weiter; nun ließ er schnell die Schnur fahren, um von dem großen Schlitten loszukommen, doch das half nichts, sein kleines Fuhrwerk hing fest, und es ging mit Windeseile vorwärts. Da rief er ganz laut, aber Niemand hörte ihn, und der Schnee stob, und der Schlitten flog von dannen; mitunter gab es einen Sprung; es war, als führe er über Gräben und Hecken. Der Knabe war ganz erschrocken; er wollte sein Vater unser beten, aber er konnte sich nur des großen Ein-Mal-Eins entsinnen.

Die Schneeflocken wurden größer und größer; zuletzt sahen sie aus wie große, weiße Hühner; auf einmal sprangen sie zur Seite, der große Schlitten hielt, und die Person, die ihn fuhr, erhob sich; der Pelz und die Mütze waren ganz und gar von Schnee; es war eine Dame, hoch und schlank, glänzend weiß; es war die Schneekönigin. »Wir sind gut gefahren!« sagte sie; »aber wer wird wohl frieren! Krieche in meinen Pelz!« Und sie setzte ihn neben sich in den Schlitten und schlug den Pelz um ihn; es war als versänke er in einem Schneetreiben.
»Friert Dich noch?« fragte sie und küßte ihn auf die Stirn. O! das war kälter, als Eis; das ging ihm gerade hinein bis ins Herz, welches ja schon zur Hälfte ein Eisklumpen war; es war als sollte er sterben; aber nur einen Augenblick, dann that es ihm recht wohl; er spürte nichts mehr von der Kälte rings umher.
»Meinen Schlitten! Vergiß nicht meinen Schlitten!« Daran dachte er zuerst, und der wurde an einem der weißen Hühnchen festgebunden, und dieses flog hinterher mit dem Schlitten auf dem Rücken. Die Schneekönigin küßte Kay nochmals, und da hatte er die kleine Gerda, die Großmutter und Alle daheim vergessen.
»Nun bekommst Du keine Küsse mehr!« sagte sie; »denn sonst küßte ich Dich todt!«
Kay sah sie an; sie war so schön! ein klügeres, lieblicheres Antlitz konnte er sich nicht denken; nun erschien sie ihm nicht von Eis, wie damals, als sie draußen vor dem Fenster saß und ihm winkte; in seinen Augen war sie vollkommen; er fühlte gar keine Furcht. Er erzählte ihr, daß er kopfrechnen könne, und zwar mit Brüchen; er wisse des Landes Quadratmeilen und die Einwohnerzahl; und sie lächelte immer. Da kam es ihm vor, als wäre es doch nicht genug, was er wisse; und er blickte hinauf in den großen Luftraum; und sie flog mit ihm hoch hinauf auf die schwarze Wolke, und der Sturm sauste und brauste; es war, als sänge er alte Lieder. Sie flogen über Wälder und Seen, über Meer und Länder; unter ihnen sauste der kalte Wind, die Wölfe heulten, der Schnee knisterte; über ihnen flogen die schwarzen, schreienden Krähen; aber hoch oben schien der Mond groß und klar, und dort betrachtete Kay die lange, lange Winternacht; am Tage schlief er zu den Füßen der Schneekönigin.
Dritte Geschichte.
Inhaltsverzeichnis
Der Blumengarten bei der Frau, welche zaubern konnte.
Aber wie erging es der kleinen Gerda, als Kay nicht zurückkehrte? Wo war er geblieben? – Niemand wußte es, Niemand konnte Bescheid geben. Die Knaben erzählten nur, daß sie ihn seinen Schlitten an einen andern großen hätten binden sehen, der in die Straße hinein und aus dem Stadtthore gefahren wäre. Niemand wußte, wo er geblieben; viele Thränen flossen, und besonders die kleine Gerda weinte sehr viel und lange; – dann sagte sie, er sei todt; er wäre im Fluß ertrunken, der nahe bei der Schule vorbei floß; o, das waren recht lange, finstere Wintertage!
Nun kam der Frühling mit wärmerem Sonnenschein.
» Kay ist todt und fort!« sagte die kleine Gerda.
»Das glaube ich nicht!« antwortete der Sonnenschein.
»Er ist todt und fort!« sagte sie zu den Schwalben.
»Das glauben wir nicht!« erwiderten diese, und am Ende glaubte die kleine Gerda auch nicht.
»Ich will meine neuen, rothen Schuhe anziehen,« sagte sie eines Morgens, »die, welche Kay nie gesehen hat, und dann will ich zum Flusse hinunter gehen und den nach ihm fragen!«
Und es war noch sehr früh; sie küßte die alte Großmutter, die noch schlief, zog die rothen Schuhe an und ging ganz allein aus dem Stadtthore nach dem Flusse.
»Ist es wahr, daß Du mir meinen kleinen Spielkameraden genommen hast? Ich will Dir meine rothen Schuhe schenken, wenn Du ihn mir wiedergeben willst!«
Und es war ihr, als nickten die Wellen ganz sonderbar; da nahm sie ihre rothen Schuhe, die sie am liebsten hatte, und warf sie beide in den Fluß hinein; aber sie fielen dicht an das Ufer, und die kleinen Wellen trugen sie ihr wieder an das Land; es war gerade als wollte der Fluß das Liebste, was sie hatte, nicht, weil er den kleinen Kay nicht hatte; aber sie glaubte nun, daß sie die Schuhe nicht weit genug hinausgeworfen habe; und so kroch sie in ein Boot, welches im Schilfe lag; sie ging bis an das äußerste Ende desselben und warf die Schuhe von da in das Wasser; aber das Boot war nicht festgebunden, und bei der Bewegung, welche sie verursachte, glitt es vom Lande ab; sie bemerkte es und beeilte sich, herauszukommen; doch ehe sie zurückkam, war das Boot über eine Elle vom Lande, und nun trieb es schneller von dannen.
Da erschrak die kleine Gerda sehr und sing an zu weinen; allein Niemand außer den Sperlingen hörte sie, und die konnten sie nicht an das Land tragen; aber sie flogen längs des Ufers und sangen, gleichsam um sie zu trösten: »Hier sind wir, hier sind wir!« Das Boot trieb mit dem Strome; die kleine Gerda saß ganz still, nur mit Strümpfen an den Füßen; ihre kleinen rothen Schuhe trieben hinter ihr her; aber sie konnten das Boot nicht erreichen; das hatte schnellere Fahrt.
Hübsch war es an beiden Ufern; schöne Blumen, alte Bäume und Abhänge mit Schafen und Kühen; aber nicht ein Mensch war zu erblicken.
»Vielleicht trägt mich der Fluß zu dem kleinen Kay hin,« dachte Gerda, und da wurde sie heiterer, erhob sich und betrachtete viele Stunden die grünen, schönen Ufer; dann gelangte sie zu einem großen Kirschgarten, in welchem ein kleines Haus mit sonderbaren, rothen und blauen Fenstern war übrigens hatte es ein Strohdach, und draußen waren zwei hölzerne Soldaten, die vor der Vorbeisegelnden das Gewehr schulterten.
Gerda rief nach ihnen; sie glaubte, daß sie lebendig wären; aber sie antworteten natürlich nicht; sie kam ihnen ganz nahe; der Fluß trieb das Boot gerade auf das Land zu.
Gerda rief noch lauter, und da kam eine alte, alte Frau aus dem Hause, die sich auf einen Krückstock stützte; sie hatte einen großen Sonnenhut auf, und der war mit den schönsten Blumen bemalt.
»Du armes, kleines Kind!« sagte die alte Frau; »wie bist Du doch auf den großen, reißenden Strom gekommen, und weit in die Welt hinausgetrieben!« Und dann ging die alte Frau in das Wasser hinein, erfaßte mit ihrem Krückstucke das Boot, zog es an das Land und hob die kleine Gerda heraus.
Und Gerda war froh, wieder auf das Trockene zu gelangen, obgleich sie sich vor der fremden alten Frau ein wenig fürchtete.
»Komm doch und erzähle mir, wer Du bist, und wie Du hierher kommst!« sagte sie.
Und Gerda erzählte ihr Alles; und die Alte schüttelte mit dem Kopfe und sagte: »Hm! Hm!« Und als ihr Gerda Alles gesagt und sie gefragt hatte, ob sie nicht den kleinen Kay gesehen, habe, sagte die Frau, daß er nicht vorbeigekommen sei; aber er komme wohl noch; sie solle nur nicht betrübt sein, sondern ihre Kirschen kosten und ihre Blumen betrachten; die wären schöner, als irgend ein Bilderbuch; eine jede könne eine Geschichte erzählen. Dann nahm sie Gerda bei der Hand, führte sie in das kleine Haus hinein und schloß die Thüre zu.
Die Fenster lagen sehr hoch, und die Scheiben waren roth, blau und gelb; das Tageslicht schien mit allen Farben gar sonderbar herein; auf dem Tische standen die schönsten Kirschen, und Gerda aß davon, so viel sie wollte, denn das war ihr erlaubt. Wahrend sie aß, kämmte die alte Frau ihr das Haar mit einem goldenen Kamme, und das Haar ringelte sich und glänzte herrlich gelb rings um das kleine, freundliche Antlitz, welches so rund war und wie eine Rose aussah.
»Nach einem so lieben, kleinen Mädchen habe ich mich schon lange gesehnt,« sagte die Alte. »Nun wirst Du sehen, wie gut wir mit einander leben werden!« Und so wie sie der kleinen Gerda Haar kämmte, vergaß Gerda mehr und mehr ihren Pflegebruder Kay; denn die alte Frau konnte zaubern; aber eine böse Zauberin war sie nicht; sie zauberte nur ein Wenig zu ihrem Vergnügen und wollte gern die kleine Gerda behalten. Deshalb ging sie in den Garten, streckte ihren Krückstock gegen alle Rosensträuche aus, und wie schön sie auch blühten, so sanken sie doch alle in die schwarze Erde hinunter, und man konnte nicht sehen, wo sie gestanden hatten. Die Alte fürchtete, wenn Gerda die Rosen erblickte, möchte sie an ihre eigenen denken, sich dann des kleinen Kay erinnern und davonlaufen.

Nun führte sie Gerda hinaus in den Blumengarten. Was war da für ein Duft und eine Herrlichkeit! Alle nur denkbaren Blumen, und zwar für jede Jahreszeit, standen hier im prächtigsten Flor; kein Bilderbuch, konnte bunter und schöner sein. Gerda sprang vor Freuden Hochauf und spielte, bis die Sonne hinter den hohen Kirschbäumen unterging; da bekam sie ein schönes Bett mit rothen Seidenkissen, die waren mit Veilchen gestopft; und sie schlief und träumte da so herrlich, wie nur eine Königin an ihrem Hochzeitstage.
Am nächsten Tage konnte sie wieder mit den Blumen im warmen Sonnenscheine spielen, und so verflossen viele Tage. Gerda kannte jede Blume; aber wie viele deren auch waren, so war es ihr doch, als ob eine fehlte, allein welche, das wußte sie nicht. Da sitzt sie eines Tages und betrachtet den Sonnenhut der alten Frau mit den gemalten Blumen, und gerade die schönste war eine Rose. Die Alte hatte vergessen, diese vom Hute wegzuwischen, als sie die andern in die Erde zauberte. Aber so ist es, wenn man die Gedanken nicht beisammen hat! »Was! sind hier keine Rosen?« sagte Gerda und sprang zwischen die Beete, suchte und suchte; ach, da war keine zu finden. Da setzte sie sich hin und weinte, aber ihre Thränen fielen gerade auf eine Stelle, wo ein Rosenstrauch versunken war, und als die warmen Thränen die Erde benetzten, schoß der Strauch auf einmal empor, so blühend, wie er versunken war, und Gerda umarmte ihn, küßte die Rosen und gedachte der herrlichen Rosen daheim und mit ihnen auch des kleinen Kay.
»O, wie bin ich aufgehalten worden!« sagte das kleine Mädchen. »Ich wollte ja den kleinen Kay suchen! – Wißt Ihr nicht, wo er ist?« fragte sie die Rosen. »Glaubt Ihr, er sei todt?«
»Todt ist er nicht,« antworteten die Rosen. »Wir sind ja in der Erde gewesen; dort sind alle Todten, aber Kay war nicht da.«
»Ich danke Euch!« sagte die kleine Gerda und ging zu den andern Blumen hin, sah in deren Kelch hinein und fragte: »Wißt Ihr nicht, wo der kleine Kay ist?«
Aber jede Blume stand in der Sonne und träumte ihr eigenes Märchen oder Geschichtchen; davon hörte Gerda so viele, viele; aber keine wußte etwas von Kay.
Und was sagte denn die Feuerlilie?
»Hörst Du die Trommel: bum! dum! Es sind nur zwei Töne; immer: bum! bum! Höre der Frauen Trauergesang, höre den Ruf der Priester. – In ihrem langen rothen Mantel steht das Hinduweib auf dem Scheiterhaufen; die Flammen lodern um sie und ihren todten Mann empor; aber das Hinduweib denkt an den Lebenden hier im Kreise, an ihn, dessen Augen heißer als die Flammen brennen, an ihn, dessen Augenfeuer ihr Herz stärker berührt, als die Flammen, welche bald ihren Körper zu Asche verbrennen. Kann die Flamme des Herzens in der Flamme des Scheiterhaufens ersterben?«
»Das verstehe ich durchaus nicht,« sagte die kleine Gerda.
»Das ist mein Märchen!« sagte die Feuerlilie.
Was sagt die Winde?
»Ueber den schmalen Fußweg herüber hängt eine alte Ritterburg; das dichte Immergrün wächst um die morschen, rothen Mauern empor, Blatt an Blatt, um den Altan herum, und da steht ein schönes Mädchen; sie beugt sich über das Geländer hinaus und sieht den Weg entlang. Keine Rose hängt frischer an den Zweigen, als sie; keine Apfelblüthe, wenn der Wind sie dem Baume entführt, schwebt leichter dahin, als sie; wie rauschte das prächtige Seidengewand! »»Kommt er noch nicht?««
»Ist es Kay, den Du meinst?« fragte die kleine Gerda.
»Ich spreche nur von meinem Märchen, meinem Traume,« erwiderte die Winde.
Was sagt die kleine Schneeblume?
»Zwischen den Bäumen hängt an Seilen das lange Brett; das ist eine Schaukel; zwei niedliche, kleine Mädchen – die Kleider sind weiß wie der Schnee; lange grüne Seidenbänder flatterten von den Hüten – sitzen darauf und schaukeln sich; der Bruder, welcher größer ist, als sie, steht in der Schaukel; er hat den Arm um das Seil geschlungen, um sich zu halten, denn in der einen Hand hat er eine kleine Schale, in der andern eine Thonpfeife; er bläst Seifenblasen; die Schaukel stiegt, und die Blasen steigen mit schönen, wechselnden Farben; die letzte hängt noch am Pfeifenstiele und wiegt sich im Winde. Die Schaukel schwebt; der kleine schwarze Hund, leicht wie die Blasen, erhebt sich auf den Hinterfüßen und will mit in die Schaukel; sie stiegt; der Hund fällt, bellt, und ist böse; er wird geneckt, die Blasen platzen. – Ein schaukelndes Brett, ein zerspringendes Schaumbild ist mein Gesang!«
»Es ist möglich, daß es hübsch ist, was Du erzählst; aber Du sagst es so traurig und erwähnst den kleinen Kay nicht.«
Was sagen die Hyacinthen?
»Es waren drei schöne Schwestern, durchsichtig und fein; der Einen Kleid war roth, der Andern Kleid blau, der Dritten Kleid weiß; Hand in Hand tanzten sie beim stillen See im hellen Mondscheine. Es waren keine Elfen, es waren Menschenkinder. Dort duftete es so süß, und die Mädchen verschwanden im Walde; der Duft wurde stärker; drei Särge, dann lagen die schönen Mädchen, glitten von des Waldes Dickicht über den See dahin; die Johanniswürmchen flogen leuchtend rings umher, wie kleine schwebende Lichter. Schlafen die tanzenden Mädchen oder sind sie todt? – Der Blumenduft sagt, sie sind Leichen; die Abendglocke läutet den Grabgesang!«
»Du machst mich ganz betrübt,« sagte die kleine Gerda. »Du duftest so stark; ich muß an die todten Mädchen denken! Ach, ist denn der kleine Kay wirklich todt? Die Rosen sind unten in der Erde gewesen und sagen: »Nein!«
»Kling, Klang!« läuteten die Hyacinthenglocken. »Wir läuten nicht für den kleinen Kay, wir kennen ihn nicht; wir singen nur unser Lied, das einzige, welches wir wissen.«
Und Gerda ging zur Butterblume, die aus den glänzenden, grünen Blättern hervorschien.
»Du bist eine kleine, helle Sonne!« sagte Gerda. Sage mir, weißt Du, wo ich meinen Gespielen finden kann?«
Und die Butterblume glänzte so schön und sah wieder auf Gerda. Welches Lied konnte wohl die Butterblume singen!« Es handelte auch nicht von Kay.
»In einem kleinen Hofe schien die liebe Gottessonne am ersten Frühlingstage so warm; die Strahlen glitten an des Nachbarhauses weißen Wänden herab; dicht dabei wuchs die erste gelbe Blume und glänzte golden in den warmen Sonnenstrahlen; die alte Großmutter saß draußen in ihrem Stuhle; die Enkelin, ein armes, schönes Dienstmädchen, kehrte von einem kurzen Besuche heim: sie küßte die Großmutter; es war Gold, Herzensgold in dem gesegneten Kusse. Gold im Munde, Gold im Grunde, Gold in der Morgenstunde! Sieh, das ist meine kleine Geschichte!« sagte die Butterblume.
»Meine arme, alte Großmutter!« seufzte Gerda. »Ja, sie sehnt sich gewiß nach mir und grämt sich um mich, ebenso wie sie es um den kleinen Kay that. Aber ich komme bald wieder nach Hause, und dann bringe ich Kay mit. – Es nützt nichts, daß ich die Blumen frage, die wissen nur ihr eigenes Lied; sie geben mir keinen Bescheid!« Und dann band sie ihr kleines Kleid auf, damit sie rascher laufen könne; aber die Pfingstlilie schlug an ihr Bein, indem sie darüber hinsprang; da blieb sie stehen, betrachtete die lange gelbe Blume und fragte: »Weißt Du vielleicht etwas?« Und sie bog sich ganz zur Pfingstlilie hinab; und was sagte die?
»Ich kann mich selbst erblicken! Ich kann mich selbst sehen!« sagte die Pfingstlilie, »O, o, wie ich rieche! – Oben in dem kleinen Erkerzimmer steht, halb angekleidet, eine kleine Tänzerin; sie steht bald auf einem Beine, bald auf beiden; sie tritt die ganze Welt mit Füßen; sie ist nichts als Augentäuschung. Sie gießt Wasser aus dem Theetopfe auf ein Stück Zeug aus, welches sie halt; es ist der Schnürleib; – Reinlichkeit ist eine schöne Sache; das weiße Kleid hängt am Haken; das ist auch im Theetopf gewaschen und auf dem Dache getrocknet; sie zieht es an und schlägt das safrangelbe Tuch um den Hals; nun scheint das Kleid noch weißer. Das Bein ausgestreckt! Sieh, wie sie auf einem Stiele prangt! Ich kann mich selbst erblicken! Ich kann mich selbst sehen!«
»Darum kümmere ich mich gar nicht!« sagte Gerda. »Das brauchst Du mir nicht zu erzählen;« und dann lief sie bis an das Ende des Gartens.
Die Thüre war verschlossen, aber sie drückte auf die verrostete Klinke, sodaß diese losbrach; die Thüre ging auf und die kleine Gerda sprang mit nackten Füßen in die weite Welt hinaus. Sie blickte dreimal zurück, aber Niemand war da, der sie verfolgte; zuletzt konnte sie nicht mehr laufen und setzte sich auf einen großen Stein; und als sie sich umsah, war es mit dem Sommer vorbei; es war Spätherbst; das konnte man in dem schönen Garten gar nicht bemerken, wo immer Sonnenschein und Blumen aller Jahreszeiten waren.
»Gott, wie habe ich mich verspätet!« sagte die kleine Gerda. »Es ist ja Herbst geworden! Da darf ich nicht ruhen!« Und sie erhob sich, um zu gehen.
O, wie waren ihre kleinen Füße so wund und müde! Rings umher sah es kalt und rauh aus; die langen Weidenblätter waren ganz gelb, und der Thau tröpfelte als Wasser nieder; ein Blatt fiel nach dem andern ab; nur der Schlehendorn trug noch Früchte, die waren aber herbe und zogen den Mund zusammen. O, wie war es grau und schwer in der weiten Welt!
Vierte Geschichte.
Inhaltsverzeichnis
Prinz und Prinzessin.
Gerda mußte wieder ausruhen; da hüpfte dort auf dem Schnee, der Stelle, wo sie saß, gerade gegenüber, eine große Krähe; die hatte lange gesessen, sie betrachtet und mit dem Kopfe gewackelt; nun sagte sie: »Krah! Krah! – Gu'Tag! Gu'Tag!« Besser konnte sie es nicht herausbringen, aber sie meinte es gut mit dem kleinen Mädchen und fragte, wohin sie so allein in die weite Welt hinausginge. Das Wort allein verstand Gerda sehr wohl und fühlte recht, wie viel darin lag; und sie erzählte der Krähe ihr ganzes Leben und Schicksal und fragte, ob sie Kay nicht gesehen habe.
Und die Krähe nickte ganz bedächtig und sagte: »Das könnte sein! Das könnte sein!«
»Wie? Glaubst Du?« rief das kleine Mädchen und hätte fast die Krähe todt gedrückt, so küßte sie diese.
»Vernünftig, vernünftig!« sagte die Krähe. »Ich glaube, ich weiß; – ich glaube; es kann sein; der kleine Kay – aber nun hat er Dich sicher über der Prinzessin vergessen!«
»Wohnt er bei einer Prinzessin?« fragte Gerda.
»Ja, höre!« sagte die Krähe. »Aber es fällt mir so schwer, Deine Sprache zu sprechen. Verstehst Du die Krähensprache? dann will ich besser erzählen.«
»Nein, die habe ich nicht gelernt,« sagte Gerda, »aber die Großmutter verstand sie, und auch sprechen konnte sie diese Sprache. Hätte ich sie nur gelernt!«
»Thut gar nichts!« sagte die Krähe. »Ich werde erzählen, so gut ich kann; aber schlecht wird es gehen.« Dann erzählte sie, was sie wußte.
»In dem Königreiche, in welchem wir jetzt sitzen, wohnt eine Prinzessin, die ist ganz unbändig klug; aber sie hat auch alle Zeitungen, die es in der Welt giebt, gelesen und wieder vergessen, so klug ist sie. Neulich saß sie auf dem Throne, und das ist doch nicht so angenehm, wie man sagt; da fing sie an, ein Lied zu singen, und das war dieses: »Weshalb sollt' ich mich nicht verheirathen?« »Höre, da ist etwas daran,« sagte die Krähe, »und so wollte sie sich verheirathen; aber sie wollte einen Mann haben, der zu antworten verstehe, wenn man mit ihm spreche; einen, der nicht blos da stehe und vornehm aussehe, denn das sei zu langweilig. Nun ließ sie alle Hofdamen zusammentrommeln, und als diese hörten, was sie wollte, wurden sie sehr vergnügt. »Das mag ich leiden!« sagte sie; »daran dachte ich neulich auch!« – »Du kannst glauben, daß jedes Wort, was ich sage, wahr ist!« fügte die Krähe hinzu. »Ich habe eine zahme Geliebte, die geht frei im Schlosse umher, und die hat mir Alles erzählt!«
Die Geliebte war natürlich auch eine Krähe. Denn eine Krähe sucht die andere, und es bleibt immer eine Krähe.

»Die Zeitungen kamen sogleich mit einem Rande von Herzen und der Prinzessin Namenszug heraus; man konnte darin lesen, daß es einem jeden jungen Manne, der gut aussehe, freistehe, auf das Schloß zu kommen und mit der Prinzessin zu sprechen; und Derjenige, welcher so spreche, daß man hören könne, er sei dort zu Hause, und der am Besten spräche, den wolle die Prinzessin zum Manne nehmen. – Ja, ja,« sprach die Krähe, »Du kannst mir es glauben; es ist so gewiß wahr, als ich hier sitze. Junge Männer strömten herzu; es war ein Gedränge und ein Laufen; aber es glückte weder am ersten, noch am zweiten Tage. Sie konnten alle gut sprechen, wenn sie auf der Straße waren, aber wenn sie in das Schloßthor traten und die Gardisten in Silber sahen und die Treppen hinauf die Lakaien in Gold und die großen erleuchteten Säle – dann wurden sie verwirrt. Und standen sie gar vor dem Throne, wo die Prinzessin saß, dann wußten sie nichts zu sagen, als das letzte Wort, was sie gesprochen hatte; und das noch einmal zu hören, dazu hatte sie keine Lust. Es war als ob die Leute drinnen Schnupftabak auf den Magen bekommen hätten und in den Schlaf gefallen wären, bis sie wieder auf die Straße kamen, dann erst konnten sie wieder sprechen. Da stand eine Reihe vom Stadtthore an bis zum Schlosse. – Ich war selbst drinnen, um es zu sehen!« sagte die Krähe. »Sie wurden hungrig und durstig, aber auf dem Schlosse erhielten sie nicht einmal ein Glas Wasser. Zwar hatten einige der Klügsten Butterbrot mitgenommen, aber sie theilten nicht mit ihrem Nachbar; sie dachten so: Laß ihn hungrig aussehen, dann nimmt ihn die Prinzessin nicht!«
»Aber Kay, der kleine Kay!« fragte Gerda. »Wann kam der? War er unter der Menge?«
»Warte! warte! Jetzt sind wir bei ihm! Es war am dritten Tage, da kam eine kleine Person, ohne Pferd und Wagen, fröhlich gerade auf das Schloß zu marschirt; seine Augen glänzten wie Deine; er hatte schönes langes Haar, aber sonst ärmliche Kleider.«
»Das war Kay!« jubelte Gerda. »O, dann habe ich ihn gefunden!« und sie klatschte in die Hände. »Er hatte ein kleines Ränzel auf dem Rücken!« sagte die Krähe.
»Nein, das war sicher sein Schlitten!« sagte Gerda; »denn mit dem Schlitten ging er fort!«

»Das kann wohl sein,« sagte die Krähe; »ich sah nicht so genau darnach! Aber das weiß ich von meiner zahmen Geliebten, daß er, als er in das Schloßthor kam und die Leibgardisten in Silber sah und die Treppe hinauf die Lakaien in Gold, nicht im mindesten verlegen wurde; er nickte und sagte zu ihnen: »Das muß langweilig sein, auf der Treppe zu stehen; ich gehe lieber hinein!« Da glänzten die Säle von Lichtern; Geheimräthe und Excellenzen gingen mit entblößten Füßen und trugen Goldgefäße; man konnte wohl andächtig werden! Seine Stiefel knarrten gar gewaltig laut, aber ihm wurde doch nicht bange.«
»Das ist ganz gewiß Kay!« sagte Gerda. »Ich weiß, er hat neue Stiefel an; ich habe sie in der Großmutter Stube knarren hören!«
»Ja freilich knarrten sie!« sagte die Krähe. »Und frischen Muths ging er gerade zur Prinzessin hinein, die auf einer großen Perle saß, die so groß wie ein Spinnrad war; und alle Hofdamen mit ihren Jungfern und den Jungfern der Jungfern, und alle Cavaliere mit ihren Dienern und den Dienern der Diener, die wieder einen Burschen hielten, standen rings herum aufgestellt; und je näher sie der Thür standen, desto stolzer sahen sie aus. Des Dieners Burschen, der immer in Pantoffeln geht, darf man kaum anzusehen wagen; so stolz steht er in der Thüre!«

»Das muß gräulich sein!« sagte die kleine Gerda. »Und Kay hat doch die Prinzessin erhalten?«
»Wäre ich nicht eine Krähe gewesen, so hätte ich sie genommen, und dessen ungeachtet daß ich verlobt bin. Er soll eben so gut gesprochen haben, wie ich, wenn ich die Krähensprache spreche: das habe ich von meiner zahmen Geliebten gehört. Er war fröhlich und niedlich; er war nicht gekommen zum Freien, sondern nur, um der Prinzessin Klugheit zu hören; und die fand er gut, und sie fand ihn wieder gut.«
»Ja, sicher! das war Kay!« sagte Gerda. »Er war so klug; er konnte die Kopfrechnung mit Brüchen. – O, willst Du mich nicht auf dem Schlosse einführen?«
»Ja, das ist leicht gesagt!« antwortete die Krähe. »Aber wie machen wir das? Ich werde es mit meiner zahmen Geliebten besprechen; sie kann uns wohl Rath ertheilen; denn das muß ich Dir sagen: so ein kleines Mädchen, wie Du bist, bekommt nie die Erlaubniß, hinein zu kommen!« »Ja, die erhalte ich!« sagte Gerda. »Wenn Kay hört, daß ich da bin, kommt er gleich heraus und holt mich!«
»Erwarte mich dort am Gitter!« sagte die Krähe, wackelte mit dem Kopfe und flog davon.
Erst als es spät am Abend war, kehrte die Krähe wieder zurück. »Rar! Rar!« sagte sie. »Ich soll Dich vielmals von ihr grüßen, und hier ist ein kleines Brot für Dich, sie nahm es aus der Küche, dort ist Brot genug, und Du bist gewiß hungrig. – Es ist nicht möglich, daß Du in das Schloß hineinkommen kannst: Du bist ja barfuß. Die Gardisten in Silber und die Lakaien in Gold würden es nicht erlauben. Aber weine nicht! Du sollst schon hinaufkommen. Meine Geliebte kennt eine schmale Hintertreppe, die zum Schlafgemach führt, und sie weiß, wie sie den Schlüssel erhalten kann.«
Sie gingen in den Garten hinein, in die große Allee, wo ein Blatt nach dem andern abfiel: und als auf dem Schlosse die Lichter ausgelöscht wurden, das eine nach dem andern, führte die Krähe die kleine Gerda zu einer Hinterthür, die nur angelehnt war.
O, wie Gerda's Herz vor Angst und Sehnsucht pochte! Es war als ob sie etwas Böses thun wollte; und sie wollte ja doch nur wissen, ob es der kleine Kay sei. Ja, er mußte es sein; sie gedachte so lebendig seiner klugen Augen, seines langen Haares; sie konnte sehen, wie er lächelte, wie damals, als sie daheim unter den Rosen saßen. Er würde sicher froh sein, sie zu erblicken; zu hören, welchen langen Weg sie um seinetwillen zurückgelegt; zu wissen, wie betrübt sie Alle daheim gewesen, als er nicht wiedergekommen. O, das war eine Furcht und eine Freude!
Nun waren sie auf der Treppe; da brannte eine kleine Lampe auf dem Schranke; mitten auf dem Fußboden stand die zahme Krähe und wendete den Kopf nach allen Seiten und betrachtete Gerda, die sich verneigte, wie die Großmutter sie gelehrt hatte.
»Mein Verlobter hat mir so viel Gutes von Ihnen gesagt, mein kleines Fräulein,« sagte die zahme Krähe; »Ihr Lebenslauf, wie man es nennt, ist auch sehr rührend. – Wollen Sie die Lampe nehmen, dann werde ich vorangehen. Wir gehen hier den geraden Weg, denn da begegnen wir Niemand.«
»Es ist mir, als käme Jemand hinter uns her,« sagte Gerda; und es sauste an ihr vorbei; es war, wie Schatten an der Wand: Pferde mit fliegenden Mähnen und dünnen Beinen, Jägerburschen, Herren und Damen zu Pferde.
»Das sind nur Träume« sagte die Krähe; »die kommen und holen der hohen Herrschaften Gedanken zur Jagd ab. Das ist recht gut, dann können Sie sie besser im Bette betrachten. Aber ich hoffe, wenn Sie zu Ehren und Würden gelangen, werden Sie ein dankbares Herz zeigen.«
»Das versteht sich von selbst!« sagte die Krähe vom Walde.
Nun kamen sie in den ersten Saal; der war von rosenrothem Atlas mit künstlichen Blumen an den Wänden hinauf, hier sausten an ihnen schon die Träume vorbei; aber sie fuhren so schnell, daß Gerda die hohen Herrschaften nicht zu sehen bekam. Ein Saal war immer prächtiger als der andere; ja, man konnte wohl verdutzt werden. Nun waren sie im Schlafgemache. Hier glich die Decke einer großen Palme mit Blättern von kostbarem Glas, und mitten auf dem Fußboden hingen an einem dicken Stengel von Gold zwei Betten, von denen jedes wie eine Lilie aussah; die eine war weiß, in der lag die Prinzessin; die andere war roth, und in dieser sollte Gerda den kleinen Kay suchen. Sie bog eins der rothen Blätter zur Seite, da sah sie einen braunen Nacken. – O, das war Kay! – Sie rief laut seinen Namen, hielt die Lampe nach ihm hin – die Träume sausten zu Pferde wieder in die Stube herein – er erwachte, drehte den Kopf um und – es war nicht der kleine Kay.
Der Prinz glich ihm nur im Nacken; aber jung und hübsch war er. Und aus dem weißen Lilienblatte blinzelte die Prinzessin hervor und fragte, wer da wäre. Da weinte die kleine Gerda und erzählte ihre ganze Geschichte und Alles, was die Krähen für sie gethan hatten.
»Du armes Kind!« sagte der Prinz und die Prinzessin; und sie lobten die Krähen und sagten, daß sie nicht böse auf sie seien; aber sie sollten es ja nicht öfter thun. Uebrigens sollten sie eine Belohnung erhalten.
»Wollt Ihr frei fliegen?« sagte die Prinzessin. »Oder wollt Ihr feste Anstellung als Hofkrähen haben, mit Allem, was in der Küche abfällt?«
Und beide Krähen verneigten sich und baten um feste Anstellung, denn sie gedachten des Alters und sagten: »Es wäre schön, etwas für die alten Tage zu haben,« wie sie es nannten.
Und der Prinz stand aus seinem Bette aus und ließ Gerda darin schlafen, mehr konnte er nicht thun. Sie faltete ihre kleinen Hände und dachte: »Wie gut sind nicht die Menschen und die Thiere!« – Dann schloß sie ihre Augen und schlief sanft. Alle Träume kamen wieder herein geflogen, sie sahen wie Engel Gottes aus und zogen einen kleinen Schlitten, auf welchem Kay saß und nickte; aber das Ganze war nur ein Traum, und deshalb war es auch wieder fort, sobald sie erwachte.
Am folgenden Tage wurde sie vom Kopfe bis zum Fuße in Seide und Sammt gekleidet; es wurde ihr angeboten, auf dem Schlosse zu bleiben und gute Tage zu genießen; aber sie bat nur um einen kleinen Wagen mit einem Pferde und um ein Paar Stiefelchen; dann wollte sie wieder in die weite Welt hinausfahren und Kay suchen.
Und sie erhielt sowohl Stiefelchen als Muff; sie wurde niedlich gekleidet; als sie fort wollte, hielt vor der Thür eine neue Kutsche aus reinem Golde; des Prinzen und der Prinzessin Wappen glänzte an derselben wie ein Stern; Kutscher, Diener und Vorreiter, – denn es waren auch Vorreiter da, – saßen mit Goldkronen auf dem Kopfe zu Pferde. Der Prinz und die Prinzessin halfen ihr selbst in den Wagen und wünschten ihr alles Glück. Die Waldkrähe, welche nun verheirathet war, begleitete sie die ersten drei Meilen; sie saß ihr zur Seite, denn sie konnte nicht vertragen, rückwärts zu fahren; die andere Krähe stand in der Thüre und schlug mit den Flügeln; sie kam nicht mit, denn sie litt an Kopfschmerzen, seitdem sie eine feste Anstellung und zu viel zu essen erhalten hatte. Inwendig war die Kutsche mit Zuckerbrezeln gefüttert, und im Sitze waren Früchte und Pfeffernüsse.
»Lebewohl! Lebewohl!« rief der Prinz und die Prinzessin; und die kleine Gerda weinte, und die Krähe weinte. – So ging es die ersten drei Meilen; da sagte auch die Krähe Lebewohl, und das war der schwerste Abschied; sie flog auf einen Baum und schlug mit ihren schwarzen Flügeln, so lange sie den Wagen, welcher wie der helle Sonnenschein glänzte, erblicken konnte.
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