Читать книгу: «Schwein gehabt»
Hans Christ
Schwein gehabt
Neue heitere Erlebnisse
aus der Praxis
eines Landtierarztes

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Titelbild: iStock.com/artisteer
Illustrationen: Hans Christ
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ISBN 978-3-85365-306-7
eISBN 978-3-85365-319-7
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© Copyright V. F. SAMMLER, Graz 2020
Layout: Ecotext-Verlag Mag. G. Schneeweiß-Arnoldstein, 1010 Wien
Inhalt
Als Kurpfuscher unterwegs
Der Stier mit Sodbrennen
Liebe geht unter die Haut
Auch Du, mein Sohn Brutus
Tierarzt al dente
Sauer macht nicht lustig
Katz und Maus
Einfach zum Vergessen
Vogelprobleme
Max
Amor ist ein Wettergott
Geiz ist geil
Beweis mit Biss
Pechsträhnen
Immer was Neues
Die letzte Hilfe ist manchmal die erste
Nicht mehr ganz so Flex-ibel
Das böse Anführungszeichen!
Money makes the World go round
Der springende Punkt
Ostern
Höhen und Tiefen
„Schwein“ gehabt!
Als Kurpfuscher unterwegs
Als Kurpfuscher, früher hatte man diese Leute auch Quacksalber genannt, werden nach dem Strafgesetzbuch jene Personen bezeichnet, die ohne entsprechende Ausbildung und Zulassung Patienten behandeln. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist der Höller Hans, ein Bauer aus dem Steiermärkischen, der in der Volkslegende einen geradezu legendären Ruf genoss. Er stellte seine Diagnosen aus der Urinbeschau der jeweiligen Kranken und traf nicht selten das Richtige. Noch heute verkehrt als Touristenattraktion der so genannte „Flascherlzug“ mit seinen bunten Waggons zwischen den Ortschaften Stainz und Preding. Der Name des Zuges rührt von der ursprünglichen Tatsache her, dass die Hilfesuchenden damit von weit und breit mit ihren in Fläschchen abgefüllten Harnproben angereist kamen.
Es existiert sogar ein populäres Lied darüber:
Auf ’n Bergl drob’n,
gar net weit von Stanz,
wohnt a Wunderdoktor,
der hoasst Höller Hans.
Waun’s Euch int’ressiert,
wia der die Leut kuriert,
schauts Euch den Hansl an
was der all’s kann.
Zeitig in da Fruah
kumman von weit und breit
mit’n Flascherlzug
die alt und jungen Leut,
trag’n in Säck’ und Taschen
eahn’re Brunzlflasch’n
auf den Berg hinauf
in vollem Lauf.
usw.
Seine Beliebtheit in der Bevölkerung verhinderte jedoch nicht, dass er sich aufgrund von Anzeigen, hauptsächlich aus Kreisen der Ärzteschaft, mehrere Male wegen Kurpfuscherei und Scharlatanerie verantworten musste. Natürlich hatte der gute Höller Hans manchmal mit seiner Diagnose danebengehauen. Aber das soll ja in der Schulmedizin bekanntlich auch schon vorgekommen sein.

Mir ist bekannt, dass etliche Tierärzte meiner Vorgängergeneration, streng nach dem Buchstaben des Gesetzes, ebenfalls Kurpfuscherei betrieben haben. Waren doch früher viele Höfe nur mühsam zu Fuß erreichbar, sodass die Bauern am Sonntagmorgen entweder vor oder nach der Kirche – meistens Ersteres, weil nach der Messe das Wirtshaus angesagt war –, mit einem Rucksack bewaffnet, beim Tierarzt vorbeischauten, um Medikamente mitzunehmen. Meistens waren es nur harmlose Sachen, wie Scharfeinreibungen, zum Beispiel Pferdefluid, oder Hustensaft oder ein Durchfallpulver aus gemahlener Eichenrinde für Kälber. Und ich bin mir sicher, dass es vielen Kollegen klar war, dass das Pferdefluid nicht beim Pferd gelandet ist, sondern auf den schmerzenden Knien des Bauern und der Hustensaft im Hals der Bäuerin. Geholfen haben diese Mittel zwar häufig, aber es ist lustig, dass diese Tierärzte sich unheimlich darüber alteriert hatten, wenn ein heilkundiger Laie, wie es damals Senner oder Kräuterweiblein waren, gewagt hatte, eine Kuh aus dem Schatzkästlein der Natur selbst zu behandeln, ohne den teuren Veterinär zu rufen, und noch dazu Erfolge verzeichnet hatte.
Solche „Bauerndoktor“ gibt es heutzutage kaum mehr, obwohl der Trend dazu geht, dass die in Kursen vermittelte, vielgeschmähte Homöopathie in den Ställen vermehrt Einzug hält.
Und wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, auch schon hie und da als Kurpfuscher aufgetreten zu sein. Eine Mutter hatte einmal am Abschluss einer Visite ihrer siebzehnjährigen Tochter resolut den Kittel in die Höhe gehoben, sodass ich neben einer nicht mehr ganz taufrischen Unterhose ein entzückendes Steißbein zu Gesicht bekam.
„Schau’n Sie sich das an, Herr Doktor! Drei Mal waren wir mit der Anni schon beim Arzt und der Fleck wird immer größer!“
Eigentlich hatte ich erwartet, dass Anni diese spontane Entblößung peinlich sein würde, aber offensichtlich war ein Tierarzt für sie so etwas Ähnliches wie ein gestiefelter Gynäkologe, weil sie mir ohne Scheu das Hinterteil entgegenreckte. Oder der Juckreiz war wirklich sehr stark!
Deshalb traute ich mich, über den Brillenrand hinweg die betroffene Stelle aus der Nähe zu inspizieren. Kein Zweifel, es handelte sich hier um eine ausgeprägte Form von Trichophytie oder, wie man landläufig sagt, Kälbergrind, eine hartnäckige Pilzerkrankung.
Erstaunlicherweise steht die moderne Humanmedizin dieser Infektion meistens hilflos gegenüber, weil sich herkömmliche Pilzmittel dagegen als wirkungslos erweisen.
Zum Glück besaß ich für solche Fälle eine Salbe nach einem uralten Rezept, welche mir eine befreundete Apothekerin je nach Bedarf zusammenmischte.
Ich drückte der Mama eine Dose in die Hand, murmelte: „Einmal täglich auftragen, mehrere Tage lang“, und ließ über Annis Kehrseite wieder den Vorhang fallen.
Nach ungefähr einer Woche hatte ich wieder auf dem Hof zu tun und die Bäuerin präsentierte mir voller Freude bei der Gelegenheit erneut die Hinteransicht ihrer Tochter.
„Es beißt auch nicht mehr“, bestätigte Anni ebenfalls den Fortschritt.
Man sah es deutlich: Der Fleck hatte deutlich seine Rötung und Schuppigkeit eingebüßt. Nur die Unterhose, so mutmaßte ich, war noch immer dieselbe!
Ein anderes Mal pflanzte sich eine junge Bäuerin neben meinem Auto auf und gestikulierte hilfeheischend wild um sich. An ihrem fast tonlosen Krächzen erkannte ich die virale Kehlkopfentzündung und überließ ihr homöopathische Tropfen. Am nächsten Morgen, so gegen halb acht, rief sie mit fast normaler Stimme an, bedankte sich und fragte, ob sie nochmals dasselbe haben könnte, jetzt hat es nämlich ihren Mann erwischt.
Auch dem Lechnerbauern konnte geholfen werden. Der stand eines Tages in der Ordination mit zwei Augen, die mit ihren zugeschwollenen Lidern an eine aufgeschnittene Handsemmel erinnerten. Dazu wies er einen starken Tränenfluss auf.
„Waren Sie schon beim Arzt damit?“, fragte ich.
„Ja“, sagte er, ohne mit der Wimper zu zucken. Das wäre hier aber auch nicht gut möglich gewesen.
Trotzdem glaubte ich ihm kein Wort.
Da aber der Lechner einer von den Hartgesottenen war, der höchstens weinte, wenn ihn der Viehhändler angeschmiert hatte, war ich mir sicher, dass er an einer starken Bindehautentzündung litt. Wahrscheinlich durch den Heustaub verursacht, weil das Futter, das der Lechner seinen Rindern vorsetzte, immer knochentrocken war.
„Hat das eine Ihrer Kühe auch?“, fragte ich pro forma.
„Ja“, antwortete er.
Ich glaubte ihm noch immer kein Wort.
„Na schön. Für Ihre Kühe kann ich Ihnen etwas herrichten!“
Ich komponierte, wie es einst auch Mozart mit seinen Noten getan hatte, wieder homöopathische Tropfen in eine Pipettenflasche und gab sie ihm:
„Nur für die Kühe“, schärfte ich ihm ein.
„Geht klar, Herr Doktor!“, grinste er.
Ich glaubte ihm kein Wort.
Einige Tage später stand eine Flasche mit selbstgebranntem Schnaps auf dem Tischchen im Warteraum. Daneben lag ein Zettel, auf dem mit ungelenker Handschrift stand: „Besten Dank, Straberger.“ Das war der Lechner!
Als ich einen Schluck kostete, kamen mir selbst die Tränen.
Aber meine größte Leistung auf dem Gebiet der Kurpfuscherei war die Geschichte mit dem Filzer Kilian. Wenn es ihn nicht gäbe, erfinden könnte man ihn nicht.
Er hatte bereits die Siebzig weit überschritten, war aber immer noch zwei Meter groß und von ausladender Statur.
In seiner Aktivzeit beim Bauhof hatte man gemunkelt, dass er in der Adventszeit die Weihnachtsbeleuchtung über den Straßen ohne Leiter hatte anbringen können.
Jetzt war er längst schon in Pension und machte, weil er nie einen Führerschein besessen hatte, das Gasteinertal auf dem Sitz seines uralten Steyr-Traktors aus den Fünfzigerjahren unsicher. Unsicher ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber wenn Du hinter ihm mit einem heißen Zwanziger kilometerlang herzuckelst und wegen der Gegenverkehrskolonnen nicht überholen kannst, schmeißt Du schon ein wenig die Nerven weg.
Diesen Zustand kannte der Kilian von seiner Natur aus nicht. In einer stoischen Gelassenheit steuerte er sein historisches Gefährt über die Bundesstraße und ignorierte sämtliches Gehupe und Blinksignale mit dem Fernlicht hinter ihm, frei nach dem Motto „Die Straße ist für alle da, die Vorfahrt aber nicht“.
Beim Traxlerbauern war ich ihm zum ersten Mal persönlich begegnet. Ich hatte dort einer Kuh mit Gebärmutterentzündung den Uterus gespült und gerade, als ich ihr als Zusatz eine antibiotische Injektion verpassen wollte, verfinsterte sich der Stalleingang. Der Kilian musste sich beim Eintritt halb bücken, dann baute er sich neben uns auf und beobachtete mich wortlos bei meinem Tun.
Der Traxler nahm seine plötzliche Anwesenheit ebenso kommentarlos zur Kenntnis. Die einzige, die eine unwillige Lautäußerung von sich gab, war die Kuh, als sie die Nadel im Oberarm spürte.
Das schien den Kilian zu animieren.
„Servus, Herr Doktor! Hast Du nicht auch eine Spritze für mich?“, war seine Begrüßung. „Ich bring’ die Schulter nicht weiter als so.“
Zum Beweis hob er den rechten Arm in die Waagrechte und begann zu stöhnen: „Zwei Mal war ich schon im Spital, aber die wissen dort auch nichts. Nach der Arthroskopie ist es sogar noch ärger geworden mit den Schmerzen.“
Der Traxler feixte: „Die sind halt nicht auf Elefanten wie Dich spezialisiert. Da musst Du freilich den Tierarzt fragen.“
„Genau“, meinte der Kilian, „weil was für eine Kuh gut ist, kann auch den Leuten nicht schaden.“
Prinzipiell gab ich ihm Recht. Zwischen Mensch und Rindvieh besteht gar kein so großer Unterschied, wie ihn sich manche wünschen mögen. Trotzdem erklärte ich kategorisch: „Also eine Spritze kriegen Sie von mir nicht!“
„Na geh! Ihr Viechbader habt doch so manches Wundermittel.“
Die Bezeichnung „Viechbader“ war jetzt nicht gerade der Schlüssel zu meinem Herzen.
Um ihn loszuwerden, förderte ich aus den Tiefen meiner Medikamentenkiste eine bewährte Lahmheiten- & Wundsalbe hervor. „Probieren Sie das! Zwei Mal täglich einschmieren!“
Er drehte die Dose mehrmals in seinen Pranken: „Was bin ich schuldig?“
„Die schenk’ ich Ihnen“, erklärte ich, „in diesem Fall Geld dafür zu kassieren, würde nämlich unter den Kurpfuscherparagraphen fallen.“ Außerdem erwartete ich mir, ehrlich gestanden, keine „Wunder“-Wirkung für seine Schulterprobleme.
Aber ich sollte mich noch wundern!
Einige Wochen danach rief die Bergerhub-Bäuerin an und wollte zweiundzwanzig Dosen Lahmheiten- & Wundsalbe.
Ich war wie vom Donner gerührt: „Ja wollen Sie damit ein Vollbad nehmen?“
„Nein, aber der Kilian hat über die Salbe so gefoppt (regionaler Ausdruck für loben), dass ich gleich für die ganze Nachbarschaft und meine Verwandten eine besorgen soll.“
Mir war gar nicht bewusst, dass es im Gasteinertal von Schulterproblemen nur so wimmelte.
„So viele habe ich nicht auf Lager“, gestand ich, „diese Menge müsste ich erst bestellen.“
„Na, dann bestellen Sie am besten gleich dreißig!“
Langsam beschlich mich das Gefühl, die Bergerhuberin beabsichtigte, die Salbe ihren Hausgästen aufs Frühstücksbrot zu schmieren, um deren Aufenthalt in einen Wellness-Urlaub zu verwandeln.
Als ich das nächste Mal an der Tankstelle stand, passte mich der Kilian, dem ich diesen Großauftrag verdankte, freudestrahlend ab. „Na, was sagen Sie, was ich schon zusammenbring?“, röhrte er von seinem Traktor herunter, dabei hob er scheinbar mühelos den Arm über den Kopf. „Ich hab’ ja gewusst, ihr Viechbader habt’s Tricks auf Lager, dass sich die Ärzte davon eine Scheibe herunterschneiden können!“
„Freut mich, freut mich“, murmelte ich. Noch mehr hätte mich aber gefreut, wenn er mich nicht dauernd Viechbader nennen würde.
Seither riss er, wenn wir uns auf der Straße begegneten, schon von Weitem triumphierend den Arm zum Gruß in die Höhe. Weil er dabei auch die flache Hand ausstreckte, hoffte ich für ihn, dass ihn niemand wegen Wiederbetätigung anzeigte.
Die nächste Episode lieferte er ein Jahr darauf ab. Eines schönen Tages läutete es so gegen halb neun am Morgen an unserer Haustüre.
Ich war natürlich schon längst unterwegs, nur Karin, die gerade ihre sieben Zwetschken für die Schule zusammenzupacken im Begriff war, war noch daheim.
Sie drückte auf die Gegensprechanlage, konnte aber auf dem Bildschirm außer ein paar unidentifizierbaren Hemdknöpfen nichts erkennen. Kein Wunder, das Gesicht vom Kilian befand sich oberhalb des Kamerawinkels.
„Ja bitte?“
„Ist der Doktor da?“, kam es aus dem Lautsprecher.
„Leider nein. Mein Mann ist um diese Uhrzeit auf Visite.“
„Ich brauch ihn aber!“
„Da müssen Sie vorher anrufen!“
„Ich hab kein Handy!“
„Na, dann von Zuhause!“
„Ich bin aber nicht zuhause. Ich bin jetzt da!“
Der Dialog nahm einen etwas mühsamen Charakter an. Karin versuchte es anders: „Worum geht es denn? Kann ich ihm was ausrichten?“
„Sagen Sie ihm, ich hab’ ganz blaue Füße und kalte Zehen!“
Karin schluckte: „Sie wissen aber schon, dass Sie beim Tierarzt sind?“
„Natürlich“, tönte es ungeduldig aus der Gegensprechanlage, „aber er hat mir letztes Jahr mit meiner Schulter auch so geholfen!“
„Ja also, da muss ich ihn erst einmal fragen!“
„Fragen Sie ihn, fragen Sie ihn! Ich melde mich wieder!“ Damit verschwanden die Hemdknöpfe aus Karins Blick.
Obwohl sie es schon eilig hatte, rief sie mich an. „Du, da war so ein komischer Mann, der wegen seiner blauen Füße unbedingt zu Dir wollte …“
Ich dachte kurz nach: „So ein großer Loder?“ (Regionaler Begriff für einen kräftigen hochgewachsenen Kerl.)
„Offensichtlich. Weil außer seiner Hemdbrust habe ich nichts von ihm erkennen können.“
Ich grinste: „Der Kilian! Das ist typisch für ihn!“
„Was machst Du jetzt mit ihm?“
„Keine Ahnung! Aber wie ich ihn kenne, gibt er nicht so schnell auf.“
Da ich die Sache höchst lustig fand, wählte ich die Nummer seines ehemaligen Hausarztes, der ein guter Bekannter war, weil seine Frau und Karin dieselbe Klasse in der Linzer Körnerschule besucht hatten, und der ganz in unserer Nähe wohnte. So klein ist die Welt.
„Du“, begann ich, „jetzt muss ich Dir was erzählen. Ihr Ärzte habt ja ein schönes Image, wenn Eure Patienten lieber zum Tierarzt pilgern.“ Ich schilderte ihm genüsslich den Vorfall.
Er lachte etwas gequält: „Die Geschichte kenn’ ich schon!“
„Wieso kannst Du sie kennen? Das war vor zehn Minuten?“
„Weil der Kilian sich auf seinen Traktor geschwungen hat, zu mir heraufgefahren ist und sich beschwert hat, dass Du nicht zuhause warst.“
„So ein Depp! Was glaubst Du denn, was er hat?“
„Ein postthrombotisches Syndrom! Hat er schon länger. Scheint aber wieder ärger geworden sein.“
„Und? Hast Du ihm was gegeben?“
„Mein Lieber! Ich bin seit vier Jahren in Pension. Außer einem doppelten Marillenbrand habe ich ihm nichts anbieten können!“
Am nächsten Tag in der Früh verstaute ich noch schnell ein paar Medikamente im Wagen. Dabei hatte ich schon das Garagentor geöffnet, was sich als Fehler entpuppte, weil das sich nähernde Tuckern eines Traktors signalisierte, dass der Kilian seine Drohung, sich wieder zu melden, in die Tat umsetzte. Gottergeben wartete ich, bis sein Gefährt um die Ecke bog.
„Ah, Herr Dokter! Jetzt erwisch’ ich Sie. Schau’n Sie sich meine Füße an!“
Er stellte sich vor mich hin, zog die Schuhe samt den Socken aus und lüftete die Hosenbeine. Barfuß stand er auf dem nicht ganz sauberen Garagenboden.
Da schaute ich wirklich. Bis zur halben Wade hatte sein Gehwerkzeug eine blauviolette Verfärbung.
„Und eiskalte Zehen!“, ergänzte er, „wollen Sie einmal fühlen?“
„Ich glaube es Ihnen auch so“, wehrte ich ab. „Das sind offenbar massive Durchblutungsstörungen. Damit sollten Sie schleunigst zum Arzt gehen!“
„Sie sind ja einer!“
„Ja, aber ein Viechbader, wie Sie sich auszudrücken pflegen!“
Der Kilian feixte: „Na und? Manche behaupten ja sowieso, ich bin ein Urviech!“
Das war nicht ganz von der Hand zu weisen. Und weil ich wusste, dass er zuerst eine Behandlung von mir erwartete, drückte ich ihm eine Salbe aus Rosskastanienextrakt in die Pfoten. Rosskastanie ist bekanntlich gut gegen alle Arten venöser Stauungen. „Und heiße Heublumenbäder schlage ich vor!“
„Na also!“ Der Kilian strahlte: „Was kostet die Paste?“
„Nichts!“ Angesichts der dreißig Lahmheiten- & Wundsalben glaubte ich, mir das Defizit leisten zu können.
Während der Kilian seine Adjustierung wieder in Ordnung brachte, sah ich zu, dass ich weiterkam.
Nach ein paar Wochen läutete es erneut an der Haustüre. Als Karin die Gegensprechanlage einschaltete, waren wiederum nur die bekannten Hemdknöpfe zu sehen.
„Ich will mich nur beim Doktor bedanken! Die Füße sind nicht mehr so blau und die Zehen so kalt! Ich habe ihm einen Käse in den Warteraum gelegt.“
„Fein“, sagte Karin. Hoffentlich stammt der nicht von seinen Füßen, hoffte sie insgeheim.
Als ich das nächste Mal dem Kilian auf dem Traktor begegnete, riss er wie gewohnt die Hand zum Gruß empor. Zum Glück ließ er zumindest die Beine unten. Vielleicht aber auch nur, weil hinter mir die Polizei fuhr.
Der Stier mit Sodbrennen
Ich hatte schon die Autoschlüssel in der Hand, als das Telefon läutete. Natürlich genau zu Mittag.
„Lass nur, ich gehe noch schnell ran!“, rief ich Richtung Küche, wo Karin sich gerade im Schweiße ihres Angesichts abmühte, ein leicht exotisches Gericht nach einem neuen Rezept zuzubereiten, das offenbar ziemlich aus der Pfanne prasselte und spritzte. Sie war ohnehin schon leicht genervt, weil vor fünf Minuten der Hintersteinerbauer angerufen hatte, er hätte einen Notfall, der keinen Aufschub duldete. Dem Stier ginge es gar nicht gut, präzisierte er.
„Keine Ahnung, was aus dem Essen wird, wenn Du wieder zurückkommst“, hatte sie bekrittelt, „weil ich um eins in der Schule sein muss.“
Da ich es war, der ihr dieses neue Rezept vorgeschlagen hatte, empfand ich leichte Gewissensbisse und fühlte mich um des lieben Friedens willen bemüßigt, meine ebenso liebe Frau, die sonst die Telefonate, soferne sie konnte, für mich in Empfang nahm, im Moment zu entlasten.
„Ja?“, fragte ich gedehnt in das Telefon.
Ein Mann, unzweifelhaft bundesdeutscher Herkunft, meldete sich: „Ich hab’ da ’ne Englische Bulldogge, die sich am Stacheldraht einen tollen Riss im Fell geholt hat. Er blutet zwar nicht, aber die Wunde muss genäht werden. Kann ich mal eben mit ihr bei Ihnen vorbeischauen?“
„Leider, ich bin auf dem Weg zu einem Notfall. Bitte fahren Sie zum Nachbarkollegen, der ist Kleintierpraktiker.“
„Ach nee! Der ist aber toll weit weg!“
Toll, offenbar sein Lieblingswort, weit weg bedeuteten nicht ganz vierundzwanzig Kilometer! Solche Tierbesitzer, die es nicht der Mühe wert fanden, im Interesse ihrer Vierbeiner eine kurze Strecke in Kauf zu nehmen, hatte ich schon gefressen. „Also wenn es mein Hund wäre, würde ich noch viel weiter fahren“, schnappte ich, „und wenn Ihnen das zu weit ist, schaffen Sie sich einen Teddybären an. Wenn der ein Loch im Pelz hat, kann man ihn zur Reparatur einschicken!“
Wütend feuerte ich den Hörer auf die Gabel oder wie das Ding auf den modernen Geräten halt heißt. Wahrscheinlich hielt er mich jetzt für einen tollen Flegel, ging mir durch den Kopf.
Karin, die ihren Brandherd offenbar gelöscht hatte, kam kopfschüttelnd aus der Küche: „Also weißt Du, Du warst schon immer sarkastisch. Aber mit dem Alter hat das eindeutig zugenommen.“
„Sarkasmus, meine Liebe“, erklärte ich triumphierend, „ist die Pumpgun des Intellektuellen!“
Um einer weiteren Diskussion vorzubeugen, stürmte ich in die Garage und ließ den Motor an.
Der Hintersteiner erwartete mich vor dem Stall und trat dabei ungeduldig nach Tanzbärenart von einem Bein auf das andere. Nur der Nasenring fehlte.
„Was ist das Problem?“ Ich sprang aus dem Wagen, schnappte mir einen Rektalhandschuh und das Stethoskop, klopfte an meine linke Seitentasche der Hose, um mich zu vergewissern, dass das Fieberthermometer am gewohnten Platz war, und marschierte hinter dem Bauern her in den Stall.
„Da“, sagte der Hintersteiner und zeigte auf einen Jungstier, der in halbrechter Seitenposition auf dem Boden lag, den Kopf komatös zur Schulter hin gebeugt, und leise vor sich hin stöhnte.
Die Hungergrube, das ist jene Stelle, wo sich der Pansen zwischen der letzten Rippe und dem Hüfthöcker befindet, wölbte sich ziemlich hervor. Der Tierkörper fühlte sich relativ kalt an, die Aftertemperatur zeigte siebenunddreißigkommavier Grad, also deutlich unter der Norm, und hinter dem Stier hatte sich eine breite Lache dünnflüssigen Kotes auf der Gummimatte ausgebreitet, die eine gelbgrüne Farbe und einen scharfen säuerlichen Geruch aufwies.
Was mir überhaupt nicht gefiel, waren die bereits tiefliegenden Augäpfel.
„Seit wann hat er denn das?“
„Seit gestern. Der Kerl hat sich vorgestern von der Anbindung losgerissen und über einen Sack Hendlfutter hergemacht.“
„Dann ist alles klar! Es handelt sich um schwere Pansenacidose!“
„Was ist eine Pansendose?“, fragte der Hintersteiner, für den Fremdwörter reine Fremdwörter waren.
„Eine Übersäuerung des Magens! So eine Art Sodbrennen!“
Der Hintersteiner nickte: „Sodbrennen habe ich öfter. Das ist zwar unangenehm, aber doch nicht so schlimm?“
„Bei Wiederkäuern liegt die Sache ein bisschen anders. Die übermäßigen Kohlenhydrate, wie sie im Hühnerfutter mit seinem hohen Mais- und Getreideanteil vorkommen, fangen zu gären an und senken den pH-Wert im Pansen. Dadurch wird auch das Blut sauer und schädigt die Organe. Warum haben Sie nicht schon gestern angerufen? Dann wäre noch genug Zeit gewesen, die Übersäuerung einzudämmen.“
„Weil er zuerst nicht so schlecht beieinander war. Zur Jaus’n (regionale Bezeichnung für alles Mögliche zur späteren Nachmittagszeit, zum Beispiel Besamungen, Heimkehr des Bauern von der Arbeit, Fütterung usw.) hat er nichts mehr gefressen, aber da habe ich mir gedacht, wenn ich drei Mal zu Mittag esse, habe ich am Abend auch keinen rechten Hunger mehr.“
Oh heilige Einfalt! Dass manche Bauern noch immer von sich auf ihre Tiere schließen!
„Wird er sterben?“
„Das kann ich Ihnen noch nicht beantworten. Jedenfalls ist der Zustand ernst. Manchmal löst sich sogar die gesamte Pansenschleimhaut ab und dann ist finito.“
„Der arme Poldi. Mein bester Jungstier! Hätte mein nächster Zuchtstier werden sollen!“
„Na, noch ist Hopfen und Malz nicht gänzlich verloren“, bemühte ich eine alte Bierbrauerweisheit. „Einen Versuch ist es immer noch wert!“
Ich kniete mich neben Poldi auf die Gummimatte und legte ihm die Staukette um die Halsvene. Dazu mussten wir ihn gar nicht groß fixieren, er ließ es einfach apathisch über sich ergehen. Der Hintersteiner hatte am Telefon Recht gehabt. Es ging dem Stier nicht gut. Nach der Traubenzuckerinfusion, die reichlich Bicarbonat enthielt, um den pH-Wert des Körpers wieder zu stabilisieren, drückte ich dem Bauern zwei Päckchen Pulver, die das Gleiche im Pansen bewirken würden, zum Eingeben in die Hand und versorgte ihn noch nebenbei mit einem guten Rat: „Lassen Sie nie offen Futter im selben Raum stehen, wo sich die Tiere befinden. Morgen schaue ich nochmals nach Poldi!“
Als ich heimkam, war die Garage leer, Karin in der Schule und die indische Reispfanne sehr exotisch, weil mittlerweile ziemlich trocken.
Obwohl ich noch andere dringende Visiten hatte, drängte es mich am nächsten Tag zuallererst auf den Hintersteinerhof.
Zu meiner großen Erleichterung empfing mich der Bauer mit einem Gesichtsausdruck, der zur Hoffnung Anlass bot. Und tatsächlich, dem Stier ging es eindeutig besser. Der Kot roch zwar noch immer etwas säuerlich, hatte aber schon eine breiige Konsistenz angenommen, die Körpertemperatur war auch schon gestiegen und, das Beste, Poldis Augen lagen nicht mehr tief und trüb in den Höhlen, sondern besaßen wieder Glanz.
Er zeigte sich gegenüber gestern auch schon wesentlich lebhafter, sprich wehrhafter, als ich die Behandlung vom Vortag wiederholte.
„So, ein paar Tage lang gutes Heu, dann ist er wieder der Alte!“, beschloss ich meine Visite.
Ich sollte Recht behalten. Poldi entwickelte sich in der Folge zum prächtigen Zuchtstier und bescherte dem Hintersteiner eine Menge hübscher Kälber.
Eines Tages musste ich aber doch wegen einer künstlichen Besamung auf den Hof, weil es sich bei der Kuh diesmal um Poldis Mutter handelte – und mit Inzucht machst Du Dir beim Zuchtverband keine Freunde.
Der Hintersteiner hatte mittlerweile den Stall erweitert und einen Laufstall daraus gemacht.
„Ich werde nicht da sein“, hatte er am Telefon gemeint, „weil ich einen Termin auf der Bauernkammer habe. Förderungsansuchen, Sie wissen schon. Aber ich habe Ihnen alles aufgeschrieben, die Kuh ist markiert und im Fressgitter eingesperrt.“
Was er nicht gesagt hatte und ich bei meinem Eintreffen feststellen musste, war, dass das Türchen, durch welches man die Kuhabteilung betrat, dermaßen verbogen war, dass es sich nicht öffnen ließ. Zumindest nicht mit einer Hand, in der anderen hatte ich ja die Besamungspistole samt Samenröhrchen, Plastikhülle und Schere. Also blieb nur der Weg durch die Laufbox von Poldi, was mich jetzt nicht sonderlich störte, denn der Stier steckte offensichtlich ebenfalls mit dem Kopf im Fressgitter. Aber man soll nichts auf den Augenschein geben.
Sobald ich zwei Schritte in sein Arreal getan hatte, grummelte er und zerrte den Schädel heftig aus der Absperrung. Wahrscheinlich war die Arretierung wegen seines dicken Halses nicht vollständig eingerastet gewesen. Er drehte sich in meine Richtung und musterte mich aus nachdenklichen Augen, wobei seine Gedanken, soweit ich sie lesen konnte, nicht unbedingt freundlich waren.
„Hallo Poldi. Du hast Dich ja bestens herausgemausert, alter Bursche“, versuchte ich, ein bisschen Spannung aus der Atmosphäre zu nehmen, aber Poldi hatte offenbar keinen Bock auf Komplimente. Endlich schien er zu einem Entschluss gekommen zu sein, denn er senkte den Kopf und begann, mit dem Vorderfuß zu scharren. Das war kein gutes Zeichen! Was sollte ich tun? Mich an ihm vorbei zu den Kühen hinüberzuretten, ging nicht, weil er mir den Weg versperrte. Also blieb nur die Richtung, aus der ich gekommen war. Der Rückzug erinnerte ein bisschen an den der Napoleonischen Armee aus Russland, nur ging er bei mir wesentlich schneller.
Allerdings nicht schnell genug. Bevor ich die Box wieder schließen konnte, immerhin hatte ich ja noch immer das vermaledeite Besamungszeug in der Hand, war Poldi bereits zur Stelle. Ein wuchtiger Kopfstoß riss mir die Türe aus der Hand und der Stier war bereits halb auf dem Gang, den ich nun nach Leibeskräften entlangrannte.
An sich ist es ja ein Blödsinn, einem Stier durch Laufen entkommen zu wollen, nicht einmal mit den besten Sportschuhen von Olympiasprintern und schon gar nicht in Gummistiefeln. Aber vielleicht, und vor allem hoffentlich, gelang es mir, vor ihm den schmalen Stiegenaufgang zum Heuboden hinauf zu erwischen. Dorthin konnte er mir nicht folgen, dazu war er zu dick.
Aber soweit musste ich gar nicht kommen, weil Poldi plötzlich abbremste. Er hatte den Sack mit Hühnerfutter, der schon wieder an der Stallwand lehnte, erspäht oder gewittert, jedenfalls brach er die Verfolgung ab, weil irgendetwas in seiner Erinnerung ihm sagte, dass das damals ganz prima geschmeckt hatte. Er tauchte seine Nase in die Mais-Getreidemischung und begann genüsslich, sich das unerwartete Angebot einzuverleiben.
Himmelarschundzwirn! Ich stand dieser Völlerei vollkommen hilflos gegenüber und musste zusehen, wie sich das Vieh die nächste Pansenacidose anfraß. Oder hat schon wer einmal versucht, einen ohnehin nicht leutselig aufgelegten Stier von der Futterquelle zu vertreiben? Mundraub gilt auch im Tierreich als Verbrechen und Poldi war ganz und gar in der Stimmung, dafür die Todesstrafe zu verhängen.
Das Einzige, das mir übrigblieb, war, dem Hintersteiner erneut zwei Päckchen mit dem Acidosepulver in einem zusammengebundenen Rektalhandschuh außen an die Stalltüre zu hängen mit dem Vermerk: „Sobald wie möglich eingeben, sonst ist morgen der Stier schwer krank.“
Am nächsten Tag rief der Hintersteiner an, ich möchte doch bitte nach Poldi sehen, er frisst nichts.

Wie ich erwartet hatte, war das Rindvieh, im wahrsten Sinne des Wortes, von einer Pansenacidose verschont geblieben, hatte aber natürlich trotzdem eine veritable Verdauungsstörung. Aber diesmal war die Geschichte nicht dramatisch. Ich gab ihm eine Spritze, verordnete ein Mittel zur Magenstimulanz und eine Drei-Tages-Heudiät.
Aus Ärger, dass der Hintersteiner meine Warnung, Futter im Stall aufzubewahren, in den Wind geschlagen hatte, hielt ich den Mund und verzichtete auf eine Aufklärung. Das sollte sich auszahlen, ganz nach dem Sprichwort: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!
Weil mir der Wagnerbauer in der darauffolgenden Woche breitgrinsend mitteilte: „Na, mit dem Hintersteiner haben Sie sich ja einen Fan aufgerissen!“
„Wieso?“
Der Wagner lachte: „Der Mensch hat am Sonntag im Wirtshaus jedem, den er erwischt hat, vorgeschwärmt: ‚So einen Tierarzt muss man einmal finden! Weiß schon im Voraus, dass der Stier am nächsten Tag was hat!‘“
Liebe geht unter die Haut
Haus und Stallgebäude vom Strampflgut hätten für jeden Historienfilm eine authentische Kulisse abgegeben. Das Haus stammte aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert, wenn man der in den Türbalken eingeschnitzten Jahreszahl trauen durfte. Der Stall war zwar zwischenzeitlich einmal abgebrannt, hatte aber auch schon mehr als zweihundert Jahre auf dem Buckel, will sagen, den Dachschindeln.
Und der Strampflbauer selbst, der Letzte seiner Sippschaft, weil unbeweibt und daher auch kinderlos, zumindest wusste er von keiner Vaterschaft, passte haargenau in diese Idylle, um den hätte sich ebenfalls jeder Regisseur für eine Komparsenrolle gerissen. Weil original!
Sein Alter ließ sich nicht einschätzen, und als ich ihn einmal danach fragte, erklärte er, er wüsste es selbst nicht genau. So achtzig oder mehr, um Formalitäten hätte er sich zeitlebens nie gekümmert.
Er war ein dürrer Mann von mittlerer Größe, kein Gramm Fett auf den Rippen und unter der scharfen Hakennase wucherte ein grauer Vollbart, mit dem man eine Seegrasmatratze neu hätte stopfen können.
Sommers wie winters trug er eine ausgeschossene Lodenweste und eine Lederhose, deren ursprüngliche Farbe nicht mehr zu erkennen war, die jedoch infolge der beständigen Stallarbeit von selbst starr in der Ecke stehen würde, täte sie der Strampfl in der Nacht ausziehen, woran ich beträchtliche Zweifel hegte.
Graue Kniestrümpfe und ein speckiger Filzhut mit einem räudigen Gamsbart vervollständigten sein tägliches Erscheinungsbild. Als unerlässliches Attribut hielt er eine Gesteckpfeife aus Holz zwischen den gelben Zähnen, was seiner Redeweise einiges an Verständlichkeit raubte.
Ein Tierarzt, der lauter solche Kunden hätte, würde binnen Kürze genauso daherkommen, weil eine Visite am Strampflgut ein Ereignis war, das vielleicht nur alle Schaltjahre einmal passierte.
Diesmal aber musste es sein.
„Servus Doktor“, nuschelte der Strampfl und kratzte sich zur Begrüßung ungeniert am Hosenboden.
„Was gibt es für ein Problem“, fragte ich und war heilfroh, dass er mir nicht die Hand gegeben hatte, weil ich auf den ersten Blick den hässlichen Ausschlag an seinen Händen und teilweise Unterarmen erkennen konnte.
„Ein Kalb! Gestern auf die Welt gekommen. Trinkt nicht!“ Mit den Worten ging er ebenso sparsam um, wie mit allen anderen Dingen, vor allem der Hygiene.
„Schlecht“, antwortete ich. Wenn er mundfaul war, stand mir auch nicht der Sinn nach Volksreden.
Das Kalb lag in seinem Kobel und atmete schwer. Obwohl ich vermutete, was die Ursache war, steckte ich ihm der Vollständigkeit halber das Thermometer in den Hintern. Genau wie ich dachte, normale Temperatur.
„Lungenentzündung?“, blies der Strampfl in einer Rauchwolke heraus.
„Weißfleischigkeit!“
„Sie können sein Fleisch doch gar nicht sehen?“ Offenbar fand er, ein wenig Skepsis konnte nicht schaden.
Jetzt musste ich doch etwas weiter ausholen: „Das ist auch nicht nötig. Weißfleischigkeit nennt man einen Selen- und Vitamin-E-Mangel. Die Muskeln können nicht richtig funktionieren. Die Zwerchfellmuskulatur ebenso wenig wie die Schlundmuskulatur. Kann es aufstehen?“
„Mit Mühe. Und nicht lange.“
„Na, da haben wir es ja. Aber keine Sorge, eine Spritze und in vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden ist alles in Ordnung.“
Während ich zum Wagen marschierte, um das Medikament zu holen, musterte ich im Vorübergehen die kleine Kuhherde.
Nachdem ich dem Kalb die Injektion verpasst hatte, fragte der Strampfl. „Was kostet das?“
Ich nannte ihm den Preis, worauf er nuschelte: „Auch schon einmal billiger gewesen“, worauf ich lachte: „Ja, vor acht Jahren, als ich das letzte Mal hier war. Damals war alles billiger!“
Der Strampfl förderte aus der Brusttasche einige zerknüllte Geldscheine zutage und wollte sie mir geben.
Angesichts seines Hautzustandes machte ich jedoch keinen Gebrauch davon und sagte: „Ich schicke Ihnen in den nächsten Tagen einen Erlagschein!“
„Wie Sie wollen“, zuckte er die Schultern und ließ den Mammon wieder verschwinden.
„Was tun Sie eigentlich gegen Ihren Ausschlag?“, wollte ich wissen.
„Schnaps und Lärchpech!“, nuschelte er und ließ mich im Ungewissen, was er davon innerlich anwendete.
„Nicht gut“, sagte ich.
„Wissen Sie denn, was das ist?“
„Ich habe mir vorher Ihre Kühe angeschaut. Die mittlere hat Euterpocken, an der haben Sie sich angesteckt.“
„Ich hab’ die Pocken?“, fragte er entgeistert und schaute entsetzt auf die kreisrunden Geschwüre.
„Nur die Kuhpocken“, beruhigte ich ihn.
Kuhpocken oder falsche Pocken, auch Pseudopocken genannt, werden durch ein Paraboxvirus verursacht, welches jedoch, im Gegensatz zu den oft tödlich verlaufenden echten Pocken, unangenehme, aber harmlose Hautveränderungen hervorruft, die binnen sechs bis acht Wochen ohne Narbenbildung wieder abheilen. Sie kommen vor allem auf den Zitzen von Kühen, Schafen sowie Ziegen vor und werden durch Kontakt auch auf den Menschen übertragen.
Der englische Arzt Edward Jenner hatte beobachtet, dass jemand, der die Kuhpocken bereits gehabt hatte, nicht mehr an den echten Pocken erkranken konnte. Es musste sich um eine Verwandtschaft handeln. Von Erregern wusste man damals noch nichts, aber so kam er auf die Idee, mit der harmlosen Variante eine künstliche Infektion als Schutz gegen die bösartige Form zu erzielen.
Die Impfung war geboren. Und da das Serum aus der Lymphe kranker Kühe stammte und die Kuh auf Latein, der damaligen Gelehrtensprache, vacca heißt, spricht man bis heute bei allen möglichen Impfungen von Vaccinationen. 1796 wandte Jenner zum ersten Mal diese neue Methode bei einem Knaben an.
Selbst im alten Studentenlied „Ich bin der Doktor Eisenbarth“ findet die Vaccination gegen Kuhpocken ihren Niederschlag:
Zu Ulm kurierte ich einen Mann,
wiwide witt, bumm bumm,
dass ihm das Blut vom Beine rann,
widewide witt, bumm bumm.
Er wollte gern gekuhpockt sein,
widewide witt juchheiraßa,
ich impft’ ’s ihm mit dem Bratspieß ein,
widewidewitt, bumm bumm!
Wegen der Ansteckung durch Melken nannte man die Hautveränderungen Melkerknoten. Heutzutage sind diese fast vollständig von der Bildfläche verschwunden, weil das Handmelken ebenfalls der Vergangenheit angehört.
Der Strampfl, natürlich, bildete eine Ausnahme. Er tat sich mit seinen drei Kühen dabei aber auch leicht. Vor zwanzig Jahren hatte ihm ein Nachbar eine alte mobile Melkmaschine geschenkt, weil er selbst auf eine damals moderne Rohrmelkanlage umgesattelt hatte. Das Trumm sah aus wie ein umgebauter Rasenmäher und machte auch so einen Krawall.
Ich bin mir sicher, der Strampfl hatte das Präsent kein einziges Mal benutzt. Er hatte es lieber, während des Melkens dem Fressen seiner Kühe, die sich an duftendem Heu gütlich taten, und dem Vogelgezwitscher im Apfelbaum vor dem Stallfenster zuzuhören.
Nachdem ich ihn aufgeklärt hatte, meinte er: „Und, haben Sie was dagegen?“
„Gegen das Virus gibt es nichts. Damit muss das Immunsystem selbst fertig werden. Aber ich habe was, mit dem die Heilung schneller geht.“
Ich übergab ihm mit spitzen Fingern eine Dose Zinkspray und eine Tube Propolis-Salbe.
„Zuerst einsprühen, damit die nässenden Stellen austrocknen, und nachher die Salbe auftragen.“
„Tausend Dank, Doktor“, sagte der Strampfl und eh ich mich versah, drückte er mir doch die Hand. „Aber kommen Sie erst in acht Jahren wieder!“
„Gern, dann wird es aber wieder teurer“, lautete meine trockene Antwort auf seine freundliche Einladung.
Ehe ich in das Auto stieg, rubbelte ich mir die Hände mit reichlich Desinfektionsmittel ab. Ich wusste, was ich tat. Weil, wenn jemand bezweifeln sollte, dass Kuhpocken nicht von Mensch zu Mensch übertragbar waren, ich den schlagenden Gegenbeweis hatte.
Der begann am Lahnerhof.
Zuvor hatte ich im Zuge einer spätabendlichen Visite in der Dämmerung abseits auf einem selten befahrenen Waldweg das Auto vom jungen Lahnerbauern registriert. Jeder im Ort wusste, dass der Lahner junior, trotz seines noch jungfräulichen Führerscheins, ein rasanter Fahrer war, der seinen tiefergelegten Golf in der kurzen Zeit schon mehrmals an ein Hindernis gelehnt hatte, das stabiler war als das Karosserieblech. Weil aber das Geld für die Reparaturen fehlte, ähnelte der Silbermetallic-Wagen mittlerweile einer zerknitterten Alu-Folie. Jetzt parkte der ramponierte Bolide an einer an sich sehr abgelegenen Stelle, aber den Tierarzt auf seinen Schleichwegen hatte das Pärchen nicht auf der Rechnung.
Gleichzeitig erkannte ich nämlich die Umrisse zweier Personen, die sich gemeinsam auf dem Fahrersitz befanden. Etwas unbequem, wie ich fand, aber für bestimmte Vorhaben unerlässlich und die tierärztliche Schweigepflicht galt für mich auch in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen. Ich konnte nur hoffen, dass der Lahner dort nicht wieder einen unvorhersehbaren Unfall baute, diesmal mehr biologischer Natur.
Als ich nun auf dem Kohlhauserhof eine zahnende Kalbin von ihrem störenden Backenzahn befreit hatte, musste mir die siebzehnjährige Tochter des Hauses, die Hanni, assistieren.
Der Kohlhauser hatte sich nämlich bei der Holzarbeit eine Quetschung an beiden Vorderpfoten zugezogen und trug für einige Wochen Gips.
Die Handleiden schienen zur Zeit dort Einzug gehalten zu haben, weil auch die Hanni, ein hübsches brünettes Mädel, Handschuhe anhatte.
„Nanu“, flachste ich, „schon die Ballhandschuhe für das Jägerkränzchen übergestreift?“
„Nein“, sagte sie und wurde verlegen, „ich habe so einen scheußlichen Ausschlag bekommen.“ Sie zog die Handschuhe aus und präsentierte mir das typische Erscheinungsbild von Kuhpocken.
Das allerdings verwunderte mich ein wenig, war doch der Kohlhauser einer der ersten im Tal gewesen, der sich einen automatischen und computergesteuerten Melkstand zugelegt hatte.
„Wir haben eine Kuh, die so grausliche Pletzen (regionaler Ausdruck für fleckenhafte Hautveränderungen) auf den Tutten (regionaler Ausdruck, aber ohne Bedarf der näheren Erklärung) hat. Weil ich meine Pratzen nicht gebrauchen kann, habe ich Hanni angewiesen, die Zitzen zwei Mal täglich mit einer Heilsalbe einzuschmieren. Dabei muss sie sich infiziert haben. Es schaut aber so aus, als wenn der Schmarrn einfach nicht weggeht.“
Eine weitere Dose Zinkspray wechselte den Besitzer.
Erst auf dem Lahnerhof wurden mir die Zusammenhänge klar. Ich sollte dort im Auftrag der Amtstierärztin eine Blutprobe von einer Kalbin, die vor wenigen Tagen verworfen hatte, ziehen. Weil das Mistvieh gerne ausschlug, wählte ich statt der Schwanzvenenmethode lieber die traditionelle Variante aus der Halsvene. Dazu musste das Tier gut im Schwitzkasten gehalten werden und diese Aufgabe übernahm der muskulöse Jungbauer. Auf seinen sehnigen Armen und Händen befanden sich die eindeutigen Anzeichen von Melkerknoten.
„Jö, schau, Sie haben ja die Kuhpocken!“, rief ich aus.
„Unsere Kühe haben keine Kuhpocken“, erwiderte der alte Lahner scharf, während der junge nur verlegen grinste.
Ich zwinkerte ihm verschwörerisch zu.
Als ich nach Hause kam, gab ich Karin einen herzlichen Kuss, wie es vielleicht auch Sherlock Holmes bei Doktor Watson getan hätte, wenn ihm die Lösung des Rätsels gelungen wäre. Anschließend stürmte ich hinauf in mein Büro im zweiten Stock und vertiefte ich mich in mein altes Lehrbuch über Infektionskrankheiten bei Wiederkäuern. Dort stand im betreffenden Kapitel: Pseudopocken werden durch den Kontakt mit erkrankten Tieren übertragen, besonders betroffen sind Landwirte, Almhirten und Tierärzte.
Von Verliebten wusste der Verfasser offenbar nichts.
Auch Du, mein Sohn Brutus
Am frühen Morgen, ich hatte mir nach einer Nachtschicht bei einem Kolikpferd noch eine verlängerte Mütze Schlaf gegönnt, überraschte mich Karin, die schon aufgestanden war, um sich für die Schule fertig zu machen, mit der Nachricht: „Eine alte Freundin von Dir hat angerufen!“
„So?“, gähnte ich, „ich war der Meinung, nur junge Freundinnen zu haben.“
„Und ich habe gehofft, Du hättest gar keine!“
„Also, los, spuck’s schon aus. Wer war es?“ Es heißt zwar, Morgenstund hat Gold im Mund, aber Geplänkel zählt nicht zu den Edelmetallen.
„Die Gräfin Waldenfels!“
Das war tatsächlich eine Überraschung! Ich hatte schon eine Ewigkeit nichts mehr vom Waldenfelsgut gehört. Man wird sich vielleicht an mein erstes Buch erinnern, in dem die Geschichte mit Farah, der inkontinenten Rottweilerhündin, die noch dazu ein leicht giftiges Wesen besaß und die ich mit homöopathischen Tropfen von beiden Übeln befreien konnte. Und da das eine Medikament so eine günstige Wirkung auf ihr Verhalten ausgeübt hatte, hatte die Gräfin, die manchmal unter dem herrischen Charakter des nicht nur blau- sondern auch heißblütigen Göttergatten litt, jenem die Tropfen in den Kaffee geschmuggelt. Und siehe da, auch in diesem Fall bewirkte die vielgeschmähte Homöopathie eine deutliche Besserung der Situation.
Die Waldenfels stammten ursprünglich aus Ostpreußen. Nach der Flucht im Zweiten Weltkrieg erwarb der Graf hier den heruntergekommenen Gutshof, setzte ihn instand und begann, nach alter Familientradition, eine Trakehnerzucht erster Güte. Ich hatte mit den Pferden kaum etwas zu tun, dafür holte er einen Fachtierarzt aus dem Bayerischen Grenzgebiet. Als der eines Tages wegen einer Dopingaffäre auf der Rennbahn verhaftet wurde, hoffte ich, in die Bresche springen zu dürfen, aber Waldenfels setzte offenbar kein allzu großes Vertrauen in meine hippologischen Fähigkeiten, weil er kurz danach einen anderen Spezialisten fand.
Ich war daher einigermaßen gespannt, was die Gräfin von mir wollte. Um Farah und ihren Mann konnte es sich diesmal nicht handeln, die Hündin hatte schon längst das Zeitliche gesegnet und auch der Graf war vor etwas mehr als zwei Jahren gestorben. Die Pferde hatte man nach seinem Tod verkauft.
Als ich nun durch das imposante Tor mit den zwei Pferdeköpfen aus Untersberger Marmor einfuhr, herrschte am Hof nicht die übliche Betriebsamkeit, die ich von früher kannte. Auch das Dienstmädchen, welches mir auf mein Läuten öffnete, war ein anderes als bei meinem letzten Besuch.
„Die Frau Gräfin erwartet Sie!“ Sie führte mich nach links in den Salon.
Als ich die Gräfin auf dem Sofa sitzend sah, war ich innerlich erschüttert. Kein Zweifel, sie war alt geworden. Aber vermutlich dachte sie das auch von mir. Ihre feinen Gesichtszüge, die mich immer ein bisschen an Catherine Deneuve erinnert hatten, waren schärfer geworden und unzählige Fältchen hatten sich um Augen und Mund gegraben. Meinem tierärztlich geschulten Blick, beim Betreten eines Stalles auch auf Dinge ringsumher zu achten, entgingen auch nicht die leicht deformierten Finger. Offenbar litt sie an Gicht.
„Fein, dass Sie Zeit gefunden haben, Herr Doktor!“ Sie bedeutete mir, mich zu setzen. „Darf ich Ihnen etwas anbieten? Tee, Kaffee oder vielleicht einen Cognac?“
Ich verneinte.
„Aber Rauchen müssen Sie unbedingt! Ich liebe den Geruch von edlem Pfeifentabak. Der Graf hat es leider nie dazu gebracht, er ist bei seinen Zigarren hängengeblieben.“
Befehl ist Befehl. „Mit Verlaub.“ Ich zog die Pfeife aus der Tasche und begann, sie zu stopfen. Erfreulich, dass es noch Leute gab, die nicht jeden Tabakliebhaber gleich in die Kategorie „Massenmörder“ einordneten.
„Ja“, begann sie erneut, „es ist schon eine Weile her seit unserer letzten Begegnung.“
„Naja, nachdem Sie keinen Hund und keine Pferde mehr haben, nur logisch.“ Ich überging diskret die Tatsache, dass ihr Mann mich an seine Trakehner nie herangelassen hatte.
Sie seufzte: „Das mit den Pferden musste sein, ich verstehe davon zu wenig und mein Sohn lebt in Graz, wo er eine große Anwaltskanzlei leitet und praktisch nie Zeit findet, mich wenigstens zu besuchen.“
„Und Ihre Tochter?“, erkundigte ich mich höflich. „Die war doch immer so eine Pferdenärrin und hat sogar Turniere bestritten.“
„Ach, die hat doch diesen Diplomaten geheiratet, der vor allem Angst hat, was vier Beine besitzt, und wenn es der Esszimmertisch ist.“ Sie drehte den Kopf, damit ich ihre feuchten Augen nicht sah, gegen das Fenster: „So sitze ich nun allein auf dem Riesenbesitz. Ganz bestimmt werden die Kinder nach meinem Ableben alles sofort verkaufen!“
Obwohl sie sicher das x-fache Bankkonto im Vergleich zu meinem besaß, was allerdings nicht schwer war, tat sie mir unendlich leid.
„Und womit kann ich Ihnen dienen?“
Sie drehte den Kopf wieder zu mir: „Sie müssen Brutus einschläfern!“
„Ihren Zuchthengst?“
Jetzt lächelte sie sogar: „Das war er einmal. Auch an männlichen Wesen geht die Zeit nicht spurlos vorüber. Seit Jahren erhält er sein Gnadenbrot.“
„Wie alt ist er denn?“
„Neunundzwanzig.“
Donnerwetter! Ein stattliches Alter!
„Und warum?“
„Er hat überhaupt keine Energie mehr. Sein Appetit lässt zu wünschen übrig, das Fell ist struppig und glanzlos und er bekommt überall Schwellungen, besonders an den Beinen. Ich will nicht, dass er leidet.“
„Natürlich nicht. Hat ihn denn Ihr Tierarzt noch nicht untersucht?“
„Der hat gesagt, wegen einem einzigen alten Zossen, so hat er sich ausgedrückt, kommt er nicht mehr. Und mein Stallmeister hat gemeint, für Brutus noch Geld auszugeben, sei nicht sinnvoll. Der gehört erlöst.“
Angesichts dieser Aussage des Kollegen aus den bundesdeutschen Landen hätte ich jetzt doch einen doppelstöckigen Cognac gebraucht.
„Also einschläfern kann ich Brutus heute unter Garantie nicht, weil ich das Tötungsmittel nicht an Bord habe.“ Ich bin überdies der Meinung, dass man Großtiere nicht medikamentell töten solle, sondern mittels Schuss. Auch wenn jetzt manche Tierfreunde aufheulen, die Methode ist, vorausgesetzt, dass sie jemand beherrscht, für das Tier wesentlich stressfreier.
Ich wollte die Gräfin aber nicht schocken. „Darf ich mir den Hengst einmal anschauen?“
„Selbstverständlich!“
Der Stallmeister, stilvoll in Kniebundhose und kariertem Jackett gekleidet, war sich offenbar zu gut dazu, Brutus persönlich aus der Box zu holen, deshalb brüllte er nach einem Gutsarbeiter.
Wie der ehemalige Paradehengst jetzt so vor mir stand, bot er tatsächlich einen jämmerlichen Anblick. Die Augen trübe, das Haarkleid, wie es die Gräfin beschrieben hatte, stumpf und die Beine geschwollen.
Ich tastete seinen Puls und bemerkte eine beidseitige Verdickung an der Luftröhre und zwar im Bereich des zweiten und dritten Trachealringes.
Kommentarlos holte ich aus dem Wagen ein Blutröhrchen samt Nadel. Der Stallmeister runzelte zwar die Stirne, wagte aber zu seinem Glück keinen Widerspruch. Nachdem ich die Probe gezogen hatte, bat ich die Gräfin wieder ins Haus.
Ich wusch mir die Hände im marmorgefliesten Bad und erklärte: „Ihr Tierarzt hat eine seltsame Berufsauffassung und der Stallmeister ist auch nicht besser. Weil ihm die deutliche Vergrößerung der Schilddrüse längst hätte auffallen müssen. Der gute Brutus hat einen ausgewachsenen Kropf. Ich schicke die Blutprobe an ein Labor, das mir die Diagnose bestätigen wird. Dann machen wir die Therapie!“
„Sind Sie sicher, Herr Doktor?“
„Ziemlich! Von Einschläfern ist noch keine Rede!“
Einige Tage später kam der Befund per Fax. Hypothyreose! Meine Diagnose war goldrichtig!
Ich bestellte das entsprechende Medikament und fuhr hinaus zum Waldenfelsgut. Dort erklärte ich der Gräfin, wie das Mittel anzuwenden wäre.
Den doppelten Cognac, den sie mir aus Freude aufdrängte, nahm ich diesmal als Siegespalme an.
Schade, dass außer Brutus keine Pferde mehr da waren, ich war mir sicher, dass ich ab nun der Pferdespezialist gewesen wäre.
Tierarzt al dente
Tierarzt zu sein, ist einer der schönsten Berufe, die es gibt, aber man darf nicht wehleidig sein. Immer wieder setzt es untertags kleinere, manchmal auch größere Verletzungen ab, die man am Abend versucht, so weit zu kurieren, dass sie am nächsten Morgen nicht mehr bei der Arbeit behindern, was aber nicht immer gelingt.
Von harmlosen blauen Flecken und Schrammen über Prellungen, Quetschungen, Zerrungen bis zu ärgeren Bisswunden und Knochenbrüchen habe ich alles schon bei weiblichen oder männlichen Kollegen gesehen oder davon gehört. Einer jungen Nachbarkollegin wurde von einer durchgehenden Kuh das Ultraschallgerät auf ihren Körper geschleudert. Diese Apparate waren damals noch keineswegs so komfortabel und klein wie heute, sondern ganz schön schwere Brocken. Als sie im Spital mit einem Nasen- und Knöchelbruch lag, stattete ich ihr einen Besuch ab und brachte, zur Erheiterung, ein paar ziemlich lustige Comic-Hefte mit. Das stellte sich als Fehler heraus. Was ich nämlich nicht wusste, war, dass sie auch noch drei gebrochene Rippen hatte, welche die Lust am Lachen gehörig dämpften.
„Hättest Du die Hefte halt nicht gelesen“, verteidigte ich mich, als sie, wieder genesen, mir hinterher nicht ganz ernstgemeinte Vorwürfe deswegen machte.
„Du bist gut“, sagte sie, „was glaubst Du, wie stinklangweilig es in so einem Krankenhaus sein kann.“
„Na schön, das nächste Mal bringe ich Dir als Lektüre halt ‚Krieg und Frieden‘ oder das Pongauer Telefonbuch mit!“
Das Repertoire unserer Vierbeiner, ihren Unwillen gegen eine gutgemeinte medizinische Behandlung auszudrücken, ist eigentlich ein ziemlich überschaubares: Kühe schlagen, Pferde schlagen und beißen, Hunde und Schweine beißen nur und Katzen beißen und kratzen.
Wenn man diese Möglichkeiten kennt, hat man schon halb gewonnen.
Vielleicht hatte ich deshalb in meiner bisherigen Praxis Glück gehabt, drei Mal auf das Holzbein geklopft, dass ich von ernstlichen Blessuren verschont geblieben bin.
Lediglich zwei Mal hätte die Sache schief gehen und mir eine längere Arbeitsunfähigkeit bescheren können.
Beim ersten Mal handelte es sich um „Jonny“. Eigentlich ein blöder Name für einen Hund, so heißen höchstens Matrosen oder Filterzigaretten.
Es war an einem frühen Nachmittag im anbrechenden Frühling, ich wollte gerade die Ordination schließen, als ich ein helles Kläffen vor der Tür zum Warteraum hörte. Ich öffnete und sah mich einem ziemlich fetten Welsh Corgi, der Lieblingsrasse der Queen, gegenüber. Ich war mir aber sicher, dass es nicht Madame war, die auf einen Sprung beim Hofgasteiner Tierarzt vorbeischaute. Ich sollte Recht behalten. Eine ebenso korpulente wie künstlich erblondete Dame mit reichlich Perlen um den Hals und aufdringlichem Lidschatten schob sich ächzend durch die Warteraumtür: „Jonny hat was mit den Ohren. Dauernd beutelt er den Kopf!“
Dagegen musste was unternommen werden. Abgesehen, dass eine Otitis externa, eine Entzündung des äußeren Gehörganges, für das Tier äußerst unangenehm ist, besteht die Gefahr, durch das ewige Kopfschütteln eine Blutung in die Schichten der Ohrmuschel zu provozieren, was eine nicht unerhebliche Komplikation bedeuten würde.
„Hereinspaziert“, sagte ich, „setzen Sie bitte den Kandidaten auf den Tisch.“
„Er beißt aber.“
„Sie auch?“
„Mich nicht. Aber Sie!“
„Haben Sie denn keinen Beißkorb?“
„Schon. Aber daheim in Wien. Ich habe ja nicht gewusst, dass ich im Urlaub zum Tierarzt muss.“
Ich kramte in meinem Vorrat an Beißkörben. Aber da ich kein ausgesprochener Kleintierpraktiker war, hatte ich nichts auf Lager, was Jonnys grimmiger Physiognomie entsprochen hätte.
Ich griff daher zu einer Rolle Köperband, das sind Baumwollbänder, die es in verschiedenen Breiten gibt und die für alles Mögliche zu gebrauchen sind. Ich nehme sie zum Beispiel, wenn ich einen Kater kastriere, zur Fixation der gespreizten Hinterbeine am OP-Tisch.
Davon schnitt ich eine entsprechende Länge ab und fabrizierte eine Mundschlinge.
„Halten Sie ihn bitte gut fest, während ich ihm die Schlinge überstreife.“
Die Dame drückte Jonny zwischen ihr Dekolleté und ich versuchte, die Schlinge um seine Schnauze zu legen. Das erwies sich jedoch als unmöglich. Vor allem wegen des Busens. Er wehrte sich aus Leibeskräften, Jonny, nicht der Busen, strampelte wie wild um sich und schnappte nach allen Seiten, ohne dabei sein enervierendes Kläffen einzustellen. Keine schlechte Koordinationsleistung.
„Fester halten“, schrie ich, um Jonny zu übertönen.
Endlich hatte ich die Schlinge richtig platziert, aber bevor ich sie festziehen konnte, lockerte die Besitzerin den Griff, Jonny drehte blitzartig den Kopf und schlug knurrend seine Zähne in mein Handgelenk.
„Fix noch einmal“, brüllte ich, „ich hab’ doch gesagt, Sie sollen ihn fester halten!“
„Ich hab’ gefürchtet, ich tu ihm weh!“
„Schön, dass Sie wenigstens um einen besorgt sind!“ Mein Blut versaute inzwischen den Ordinationstisch.
„So, Du Gangster, jetzt ist Schluss mit Lustig!“ Ich packte den keifenden Jonny mit der Rechten am Genick oder, wie man so schön sagt, am Krawattl, drückte seinen Kopf gegen die Tischplatte und steckte ihm mit der anderen Hand das Othoskop in die Ohrwaschln. Eine hochgradige Entzündung leuchtete mir entgegen. Ich setzte den behaarten Piranha auf den Boden, übergab seiner Besitzerin ein Fläschchen Ohrmedikament mit der Anweisung „Zweimal täglich, eine Woche lang“ und kassierte, diesmal auch Schmerzensgeld.
Während ich mir die tiefe Fleischwunde mit Desinfektionsmittel ausspülte, welches höllisch brannte, hegte ich finstere Gedanken. Dergestalt nämlich, denjenigen, der das idiotische Sprichwort „Bellende Hunde beißen nicht“ in die Welt gesetzt hatte, mit Jonny bekannt zu machen.
Zum Glück waren Jonnys Beißerchen nicht bis in das Gelenk vorgedrungen, eine infektiöse Arthritis war das Letzte, was man als Tierarzt brauchen konnte.
Das zweite Mal bekam ich es mit einem noch ganz anderen Kaliber als Jonny zu tun. Am Telefon hatte der Winklbauer ein wenig kryptisch geklungen. Irgendetwas sei mit Bert nicht in Ordnung.
Dass es sich bei Bert um den Zuchteber am Hof handelte, wusste ich. Da es aber ungewöhnlich war, selbst in unseren Breiten, wo Tiere noch als Individuen betrachtet werden und jede Kuh ihren Namen trägt, bei Schweinen ebenfalls so zu verfahren, fragte ich einmal den Bauern nach dem Grund dafür. Er hatte nur gegrinst und gemeint, der Saubär hätte eine frappante Ähnlichkeit mit seinem Schwager Rupert. Ob das auf einer optischen oder vermehrungstechnischen Analogie beruhte, ließen wir dahingestellt.
„Er hat so komische Flecken am Körper“, sagte der Winkler, während er mich in den Schweinestall führte. Und fressen tut er praktisch so gut wie gar nicht.“
Ein kurzer Blick genügte: „Bert hat Rotlauf.“
„Rotlauf? Das habe ich am Anfang auch geglaubt, aber der tritt doch nur im Sommer auf!“
„Das war früher einmal.“ Ich konnte mich noch erinnern, als in den heißen Jahreszeiten manchmal durch das Fieber sowieso überhitzte Schweine infolge des zusätzlichen Stresses zu krampfen und blau anzulaufen begannen. Ein Kübel kaltes Wasser schwungvoll über den Rücken gegossen, verhinderte den drohenden Kreislaufkollaps.
„Mittlerweile handelt es sich um eine Ganzjahreskrankheit, obwohl die meisten Fälle noch immer, wie Sie richtig sagen, im Sommer auftreten!“
„Na, wenn es weiter nichts ist, eine Spritze und die Sache ist erledigt“, meinte der Winkler aufgeräumt. Mit Rotlauf hatte er genügend Erfahrung.
Ich zweifelte, ob Bert die Sache mit der Spritze auch so gelassen aufnehmen würde.
Er war immerhin ein über zweihundert Kilo schweres Bröckerl und Eber sind im Allgemeinen ziemlich wehrhaft. Als ich das Penicillin aus dem Auto holte, nahm ich zur Sicherheit die Rüsselbremse mit. Das ist eine Schlinge aus massiv gedrehtem Stahldraht, die man zwischen Mundhöhle und Oberkiefer einfädelte und mittels Griff nach oben hin zuzog. Es ist dabei aber wichtig, wenn das Tier Abwehrbewegungen macht, den Zug ja nicht zu lockern, sonst kommt der Kopf wieder frei.
Aber zuerst wollte ich es erstmals ohne das Zwangsinstrument versuchen. Es gibt da bei Schweinen den Trick, die Nadel ganz langsam unter die Haut zu schieben, nur nicht schnell zustechen. Wenn man den Patienten dann noch ablenkt, entweder mit Futter oder Streicheln, kann man in vielen Fällen so ein Medikament hinter den Ohrgrund injizieren.
Bei Bert funktionierte das nicht. Kaum hatte ich ihn nur mit der Hand berührt, von der Nadel war noch keine Rede gewesen, fuhr er hoch und ließ ein aggressives Grunzen hören.
Also doch die Rüsselschlinge!
„Sie müssen mir helfen“, sagte ich zum Winkler. Bert war über den doppelten Besuch in seinem Pferch überhaupt nicht amüsiert, aber ich konnte ihm nicht helfen, wenn ich ihm helfen wollte. Mit der Schlinge war es wie mit dem Lasso. Der erste Versuch sollte sitzen! Zu meiner großen Freude gelang mir das auch. Blitzschnell drückte ich dem Winkler den Griff in die Hand: „Ziehen!“
Bert protestierte schreiend, dass uns fast die Trommelfelle platzten. Ich kenne ein paar alte Schweinepraktiker, die immer ohne Gehörschutz gearbeitet hatten und im Alter dann auf die Frage nach der Uhrzeit geantwortet haben: „Ja, ich glaube, es wird Regen geben.“
Der Winkler schwitzte vor Anstrengung, um das tobende Biest an der Angel zu halten: „Beeilen Sie sich, Herr Doktor“, schnaufte er.
„Tu ich ja!“ Jetzt war die Einstichgeschwindigkeit egal, ich bohrte Bert die Nadel ins Fleisch und drückte ab.
„So, Sie können ihn loslassen.“ Dazu gab es am anderen Ende der Rüsselbremse einen Ring, wenn man daran zog, öffnete sich die Schlinge.
Der Winkler tat, wie ihm geheißen, und hechtete anschließend über die Plankenwand.
Mein Fehler war es, Bert den Rücken zugedreht zu haben, als mir die Spritze hinunterfiel. Instinktiv bückte ich mich, ich hörte den Winkler noch schreien: „Achtung!“, da war der rachsüchtige Saubär schon da und biss zu. Ein brennender Schmerz an meiner rechten Gesäßbacke trieb mir die Tränen in die Augen.
Eber haben normalerweise meißelscharfe Hauer, mit denen sie einen mühelos aufschlitzen können. Zum Glück hatte Berts seinerzeitiger Züchter ihm die Eckzähne schon im Ferkelalter entfernt, aber es blieben ihm, wenn mich meine Anatomiekenntnisse nicht trogen, noch immer zweiundvierzig andere.
Ich machte es dem Winkler nach und setzte im Flugsprung aus dem Gehege.
Der Winkler starrte auf die Kehrseite meiner Medaille: „Er hat Sie erwischt!“
„Das habe ich gemerkt.“ Ich griff nach hinten und das Erste, was ich in die Finger bekam, war ein loser, nasser Fetzen Hosenstoff. Als ich die Hand zurückzog, war sie voller Blut.
Der Winkler verlor einen Gutteil seiner infolge der Heuarbeit erworbenen Sonnenbräune und stotterte: „Sie bluten ja wie ein Schwein, Entschuldigung. Sie müssen sofort ins Krankenhaus, ich rufe die Rettung!“
Krankenhaus! Das hätte mir gerade noch gefehlt!
„Ich weiß was Besseres“, stöhnte ich, „ich fahr’ schnell zum alten Lamprechter in die Praxis, der ist noch ein Landarzt von altem Schrot und Korn, der näht so was in Nullkömmanix.“
„Dann bringe ich wenigstens was zum Verbinden! Sie schauen ja aus, furchtbar!“
Da ich hinten keine Augen hatte, versetzte mich die Schilderung vom Winkler doch in einige Sorge: „Danke, aber ich habe mehr Verbandszeug an Bord als eine ägyptische Mumie im Sarkophag.“
Ich hinkte zum Auto. Unterwegs spürte ich, dass das gesamte Hosenbein immer feuchter wurde. Die Blutung musste wirklich erheblich sein.
Ich stopfte mir einen Ballen Zellstoff in das Hosenloch, dabei ertasteten meine Finger ein großes Stück Sitzfleisch, das aus dem Zusammenhang gerissen schien. Damit der Autositz nicht auch noch etwas abbekam, breitete ich etliche Lagen Rektalhandschuhe darauf, ehe ich Platz nahm und den Motor startete. Man sagt mir in unserer Gegend gerne nach, dass ich mehr auf dem Gaspedal stehe, als auf dem Sitz zu sitzen, in diesem Fall hielt ich es für gerechtfertigt. Ebenso das Blaulicht einzuschalten, warum sollte es nicht einmal mir zugutekommen?
Unterwegs wählte ich die Nummer vom Lamprechter. Keine Ahnung, ob er gerade Ordination hatte, ich probierte es einfach. Zu meiner riesigen Erleichterung hob er ab.
„Nein, ich habe zur Zeit keine Sprechstunde“, erklärte er, „um was geht es?“
Als ich ihm mein Problem geschildert hatte, kam ein Lachen aus dem Lautsprecher: „Ich habe bisher immer geglaubt, der einzige Unterschied zwischen Human- und Veterinärmedizin ist der, dass Ihr fallweise Eure Patienten esst. Dass es auch umgekehrt sein kann, ist mir neu. Also, dann schauen wir uns die Sache halt an.“ Das war noch das Prinzip dieser hippokratischen Generation, allzeit bereit, wie die Pfadfinder.
Lamprechter zählte tatsächlich noch zu der aussterbenden Spezies universeller Landärzte. In der heutigen Gesellschaft kam sein rustikales Wesen nicht so gut an, deshalb waren viele seiner möglichen Patienten zu anderen Ärzten gewechselt.
Aber die, die geblieben waren, konnten auf eine verlässliche Diagnose und eine erfolgversprechende Behandlung, auch mit aus der Mode gekommenen Hausmitteln, vertrauen. Und da er kurz vor der Pension stand, waren ihm die Abtrünnigen schnurzegal, um es vornehm auszudrücken.
Er war hochgewachsen und trug die buschigsten Augenbrauen, die ich je gesehen hatte.
Als er meinen Hintern begutachtet hatte, zuckten sie mit einer Heiterkeit, die ich im Moment für nicht ganz angebracht hielt.
„Ganz schöne Schweinerei in Ihrer Stelze! Da ist eine Vene ordentlich erwischt worden. Los rauf auf die Ordinationsliege.“
Bevor er den ersten Stich setzte, fragte er über den Brillenrand hinweg: „Wollen Sie eine Narkose?“
„Ich habe Mensuren gefochten und neunundsechzig Nähte am Kopf, ohne Betäubung. Ich glaube, ich werde das am Gegenpol auch aushalten.“, erklärte ich trotzig.
„Wunderbar,“ grinste er, „ich liebe Helden!“
„So, eine Tetanusspritze noch und ein Antibiotikum und Tabletten gegen die Schmerzen“, sagte er, nachdem er die Arbeit beendet hatte.
Er besah sein Werk wie eine Brautmutter, die soeben mit der Näherei der Aussteuer für das Töchterlein fertig geworden war. „Jetzt haben Sie einen weiteren Schmiss, aber an einer Stelle, die zum Renommieren wenig taugt.“
Weil er kein Frisör war, hielt er mir keinen Spiegel vor, dass ich mich von hinten betrachten konnte, dafür kam er mit zwei Schnapsgläsern und einer Flasche Birnenbrand: „Gegen den Flüssigkeitsverlust“, meinte er schmunzelnd.
„Vielen Dank. Was bin ich schuldig?“
„Aber Herr Kollege. Doch nicht unter uns Medizinern!“ Das war auch so ein überkommenes Prinzip. Ärzte, auch Tierärzte, pflogen für gewöhnlich keine Honorare von Standesgenossen zu nehmen. „Wenn mich einmal einer meiner Patienten beißen sollte, komme ich bestimmt zu Ihnen!“
Nachdem mein Allerwertester gut versorgt schien, erledigte ich weitere Visiten. Nur beim Gehen piekste es noch ordentlich, weshalb ich das rechte Bein vorsichtig aufsetzte und mich jeder Bauer fragte: „Was haben Sie denn?“
Dem Ederbauer sagte ich noch die Wahrheit, worauf er grinsend erwiderte: „Na, der Bursche hat auch einmal wissen wollen, wie so ein Schinken allgemein schmeckt.“
Da ich diesbezüglich keine Witze mehr hören mochte, erzählte ich den restlichen Bauern, ich hätte Ischias. Das akzeptierten sie, denn Kreuzschmerzen kannte jeder.
Nur Karin hatte, nachdem sie sich nach dem ersten Schreck vergewissert hatte, dass keine edleren Teile in Mitleidenschaft gezogen worden waren, noch eine Bemerkung auf Lager: „Wildfremde Leute in den Hintern beißen! So einem Schwein graust doch vor gar nichts!“
Ich fand das äußerst verletzend und ließ es mir auch anmerken: „Aber wenn ich früher oft gesagt habe, Du hättest einen Po zum Anbeißen, hat es Dir schon gefallen, oder?“
Jetzt musste sie lächeln: „Ich hoffe doch sehr, dass Du damals andere Gefühle gehabt hast als Dein Eber heute.“
Später im Bett hielt ich es nicht lange aus. Auf dem Bauch konnte ich nicht schlafen und die Wunde begann wieder zu pochen. Das Schmerzmittel hatte seine Wirkung verloren. Ich warf mir noch eine Tablette ein und goss ein Glas Whisky voll, das ich im Stehen vor dem Fernseher, in welchem ein öder Nachtfilm lief, mit kleinen Schlucken austrank.
Himmelarschundzwirn! Mein Lieblingsfluch traf, bis auf den Himmel, momentan auf mich zu. Ich konnte nur darauf vertrauen, dass der Lamprechter ein zeitgemäßes Nahtmaterial gewählt hatte.
Sauer macht nicht lustig
Karin beobachtete mich skeptisch, wie ich um acht Uhr morgens hastig, eine halbe Banane im Mund als Frühstück, in meine kurze Hose schlüpfte.
„Das erinnert mich wieder daran“, meinte sie, „dass ich Dir schon x-mal gesagt habe, Du brauchst dringend ein neues Gewand für den Herbst und den Winter!“
„Na und? Jetzt sind wir mitten im Sommer!“
„Eben! Bis Du Dich einmal zum Einkaufen aufraffst, sind die besten Stücke schon ausverkauft oder in Deiner Größe nicht mehr vorhanden!“
„Na hör mal! Ich habe mindestens ein Dutzend Sakkos in der Garderobe hängen.“ Genaugenommen wären es sogar zwei Dutzend, hätten nicht einige liebe Motten den Weg in unsere Kleiderschränke gefunden.
„Ja, aber die Sakkos stammen allesamt aus dem Jahre Schnee! Wer trägt denn heutzutage noch Salz und Pfeffer?“ Karin schüttelte sich bei dem bloßen Gedanken. Für diejenigen, die zu jung sind, um die damalige Haute Couture miterlebt zu haben: Unter „Salz und Pfeffer“ versteht man einen grau-braun gesprenkelten Stoff, der heute als hoffnungslos veraltet gilt. Der „Bulle von Tölz“ zum Beispiel trägt in allen Folgen so ein Jackett, was aber kein Wunder ist, teilen wir doch in vielen Belangen eine ähnliche Lebenseinstellung.
„Mir gefällt es. Außerdem ist es wahnsinnig bequem!“
„Und die Revers! Völlig unmodern!“
„Darum hebe ich sie ja auf. In ein paar Jahren sind sie wieder der letzte Schrei, Du wirst sehen!“ Schon der alte Rabbi Ben Akiba sagte bekanntlich im Jahr hundert nach Christus: „Es ist alles schon dagewesen!“
„Nicht gerade überraschend“, murmelte Karin, „der hat auch nur Kaftan getragen!“
Ich gestehe, dass Gewandkaufen jene Sache ist, die ich nach der Bürokratie und verlogenen politischen Diskussionen am meisten hasse. Wenn das Verkaufspersonal um einen herumschwänzelt und jedes Mal, sobald man die Umkleidekabine verlässt, in Entzückensschreie ausbricht, obwohl man sich in den Klamotten höchst unwohl fühlt, da ziehe ich doch den ehrlichen Tritt einer Kuh vor. Die drückt damit wenigstens ihre ungeschminkte Meinung aus.
Aber in punkto Mode ist mit einem Eheweib, das sich ständig Kleider, Mäntel, Schuhe und Handtaschen kauft, manche dann nach zwei Jahren ungetragen an eine gute Freundin verschenkt, nicht zu reden.
Deshalb nuschelte ich hinter der Banane hervor: „Ich hab’ jetzt keine Zeit, ich muss dringend weg. Beim Walkner ist schon wieder eines seiner besten Kälber krank!“
Die Jungtiere auf dem Walknerhof hatten schon seit jeher ein Aufzuchtproblem. Fast jedes war in der ersten Lebenswoche an heftigem Durchfall erkrankt und bis der Bauer, trotz eindringlicher Ermahnung, kapiert hatte, dass Kälber, auch wenn sie vierzig oder mehr Kilo wogen, im Prinzip Säuglinge darstellten und ein sofortiges Eingreifen dringend geboten war, nicht erst am nächsten oder übernächsten Tag, hatte ich schon etliche verloren.
Meist handelt es sich bei diesen Durchfällen um eine Infektion mit dem Rota- bzw. Coronavirus, welche an sich noch nicht das Problem wären, käme da nicht das Bakterium E. Coli ins Spiel. Ein natürlicher Darmbewohner, der in einer gesunden und ausbalancierten Darmflora keine Schwierigkeiten bereitet. Aber in einem entzündeten Darm entgleist die Bakterienpopulation und die Coli-Keime explodieren. Dazu kommt der Umstand, dass gegen Ende der Neunzigerjahre vermehrt Bakterienstämme aufgetreten sind, die von der Wissenschaft als EHEC oder EPEC bezeichnet werden und Toxine bilden. Diese Bakteriengifte schädigen die Organe des Tieres. Die Bakterien selbst kann der Tierarzt auch noch nach achtundvierzig Stunden medikamentell erschlagen, die inzwischen im Körper gebildeten Toxine jedoch nicht neutralisieren. So ist es nach dieser Zeitspanne immer ein Glücksspiel, abhängig von der vorhandenen Giftmenge, ob das Kalb eine Überlebenschance besitzt oder nicht. Oft genug verliert man dieses Vabanque.
Ich fahre immer aus der Haut, wenn ich vor so einem festliegenden Kalb mit Untertemperatur und tiefliegenden Augen stehe und der Bauer erklärt: „Aber gestern hat es noch seine Milch getrunken!“
„Himmelarschundzwirn! Natürlich sauft es noch, solange der Körper funktioniert. Wenn es nicht mehr trinkt, heißt das, dass sich die Organe verabschieden, vorzugsweise die Nieren!“
Eigenartigerweise hatte der Walkner seit gut einem Jahr keine derartigen Durchfälle zu vermelden gehabt und da ich nicht, weil ich sonst alles bei ihm machte, davon ausging, dass er diesbezüglich tierärztlich fremdging, war mir die Sache, offen gestanden, ein, wenn auch erfreuliches Rätsel.
Allerdings hatten sich in letzter Zeit bei ihm die Fälle gehäuft, in denen Kälber an Aufblähungen litten.
Beim ersten Mal hatte es am nachmittäglichen Telefon geheißen, ein Tier sei in der Früh „voll“ geworden, woraufhin ihm der Stallknecht ein Verdauungsöl eingegeben hatte. Solche Verdauungsöle beinhalten meist Zutaten, wie Fenchel, Anis, Kümmel und Kamille, und werden von diversen Händlern angeboten. Ich kannte einen älteren Kollegen, der jedes Mal explodiert war, wenn ihm der Tierbesitzer gestanden hatte, dass er zuvor das Mittel eingegeben hatte. Ich kann bis heute nichts Verwerfliches daran finden, nützt es nicht, schaden kann es auf keinen Fall, da die Inhaltsstoffe absolut verdauungsfördernd wirken.
Die Walknerbäuerin führte des Weiteren aus, die Aufblähung wäre im Laufe des Tages auch wieder verschwunden, allerdings zeigte sich das Kalb nicht ganz von der gesunden Seite.
Als ich am Hof eintraf, kam mir das Kalb entgegen, zwar nicht übermäßig lebhaft, aber in keiner Weise krank. Nach einer eingehenden Untersuchung kam ich zu dem Schluss, dass das Verdauungsöl wohl seine Schuldigkeit getan hatte, ich konnte absolut nichts Pathologisches finden. Obwohl ich nicht der Typ war, der, nur weil er sich schon im Stall befand, aus pekuniären Gründen eine Behandlung durchführte, entschloss ich mich zur Sicherheit, doch eine harmlose, aber krampflösende Spritze zu geben. Ich hatte damals gerade meine Praxis begonnen und wollte nicht, dass es bei einem etwaigen Rückfall hieße: „Der Doktor war da, hat aber nix getan!“
Um sechs in der Früh des nächsten Morgen läutete das Telefon! Die Walknerbäuerin klang höchst aufgeregt: „Sie müssen sofort kommen, das Kalb ist viel schlechter beieinander als gestern!“
Eine halbe Stunde später kam ich in den Stall gestürmt: Das Kalb war tot!
Einigermaßen konsterniert, veranlasste ich eine Sektion. Wie sagen es doch alle Gerichtsmediziner in den diversen Kriminalfilmen immer so schön? „Wenn ich ihn bzw. sie auf dem Tisch habe, weiß ich mehr!“ Und mit dem Obduktionsbefund in der Hand nach zwei Tagen war auch mir die Sache klar: Das Tier hatte an einem Labmagengeschwür laboriert, welches durchgebrochen war. Das Verdauungsöl hatte mit allem nichts zu tun gehabt. Zum Zeitpunkt meines Eintreffens war der Mageninhalt bereits in die Bauchhöhle geflossen, was einerseits eine Erleichterung für das Tier bedeutet hatte, andererseits infolge einer septischen Peritonitis über Nacht zum unweigerlichen Tod führen musste.
Seither war ich jedes Mal nervös, wenn mir der Walkner, zwar rechtzeitig, ein weiteres Kalb mit Aufblähung servierte. Ich therapierte zwar immer in Richtung Labmagengeschwür und hatte auch Erfolg damit, nur war mir völlig schleierhaft, wieso plötzlich die Mehrzahl der Kälber diese Erkrankung entwickelte.
Ab dem besagten Morgen mit der vorausgegangen Modediskussion fand ich erneut ein Kalb vor, dass eindeutig die Anzeichen eines Labmagengeschwüres aufwies. Der Walkner schüttelte verzweifelt den Kopf!
Ich behandelte das Tier wie die vorhergegangenen, indem ich etwas Novalgin zur Beruhigung des Verdauungstraktes spritzte und für einige Tage, zusätzlich zur Milchmahlzeit, Reisschleimsuppe verordnete. Das ist ein bewährtes Mittel zur Abdeckung von Schleimhautdefekten.
Ich hatte zwar in letzter Zeit, auf Bestreben von Karin, ein wenig abgenommen, aber mein Bauchgefühl war noch immer überproportional entwickelt. Das verriet mir, dass ein kurzer Blick in die Stallapotheke, die in einem wurmstichigen Wandschrank untergebracht war, nicht schaden konnte. Ich musterte die Ansammlung von Flaschen und Dosen mit diversen Zaubertränken, Salben und Pülverchen. Neben dem Verdauungsöl fand ich auch ein längst abgelaufenes Vitaminpräparat, eine Eutercreme auf Pfefferminzbasis, eine steinhart gewordene Phlegmonesalbe, eine Dose Holzteer und andere verstaubte Behälter mit undefinierbarem Inhalt. Aber dann stach mir der Kanister mit sechsundachtzigprozentiger Ameisensäure ins Auge! Wozu brauchte der Walkner Ameisensäure? So viel ich wusste, besaß er keine Bienenstöcke, wo Ameisensäure ein beliebtes Mittel gegen die Varroamilbe darstellte.
„Damit säuere ich den Kälbern die Milch an! Mir hat einer dazu geraten, der auch dauernd mit Kälberdurchfall zu kämpfen gehabt hat. Und wirklich, seither kein dünnscheißendes Kalb mehr!“
In mir stieg ein furchtbarer Verdacht auf: „Wieviel hauen Sie denn davon in die Milchportion rein?“
Der Walkner blies die Backen auf und zuckte die Schultern: „So nach Gefühl halt! Aber jedenfalls ordentlich!“
Ich strich mir über den Bart und nickte: „Dann ist die Sache wohl klar. Sie haben die Kälber innerlich verätzt. So eine junge Labmagenschleimhaut ist äußerst zart und empfindlich. Die Säure hat Löcher hineingebrannt und daraus sind dann die Geschwüre entstanden.“
Der Walkner starrte mich an wie einen Flaschengeist: „Donnerwetter, ich glaube, Sie haben Recht. Das Ganze hat angefangen, als ich die Ameisensäure hergenommen habe! Verflucht, ich bin doch ein Trottel!“
„Na, nachdem wir jetzt wissen, woran es liegt, können wir ja was dagegen unternehmen, was?“
Ich rechnete dem Walkner eine verträglichere Konzentration aus. Er war begeistert und schlug mir zum Abschied auf die Schulter: „Großartig! Wenn Sie nicht Viehdoktor geworden wären, hätten Sie bestimmt einen prima Detektiv abgegeben!“
Ich grinste: „Vielleicht in der Pension!“
Meine nächste Station war die Scherstein-Alm, wo eine kranke Ziege auf mich wartete. Oder zumindest der Besitzer.
Unterwegs überlegte ich beschwingt, dass in jedem Tierarzt ein kleiner Sherlock Holmes stecken sollte.
Die Ziege hatte eine Euterentzündung und war schnell behandelt.
Weil ich langsam Durst verspürte, umrundete ich die Almhütte, wo fast sämtliche Tische mit ebenso durstigen Wanderern dicht besetzt waren.
Nur ganz hinten war einer frei. Ich bestellte im Schankraum einen schnellen Radler und ließ mich gemütlich nieder. Als der Wirt das Getränk brachte, rief er entsetzt: „Da können Sie sich nicht hinsetzen, Herr Doktor!“
„Warum? Es sitzt ja sonst keiner da.“
„Ameisen!! Lautete die Antwort. „Unten an einem Tischfuß ist ein Loch in der Erde, von wo die Biester hervorkriechen und jeden beißen. Ich habe das Loch schon zugeschüttet, aber die Luder buddeln sich wieder heraus! Morgen muss ich was besorgen und reinschütten!“
Ehe ich mich noch versah, spürte ich das große Krabbeln über meine nackten Oberschenkel
Ich versuchte, die Viecher abzustreifen, aber ein paar hatten sich schon unter meine kurzen Hosenbeine geflüchtet und von dem Rest fielen einige in die Stiefelschächte. Beide Partien begannen, ihre Zangen zu benutzen und dabei Säure zu versprühen. Ameisensäure war ja ein altes Hausmittel gegen Rheuma und ich konnte mir gut vorstellen, dass, wenn man die Unterhose voll mit diesen Krabbeltieren hatte, man für eine Weile sein Rheuma vergaß.
Die Stiefel konnte ich ja vor allen Leuten zur Not noch ausziehen, bei der Hose war das schon ein wenig schwieriger. Während ich in Socken aufs Klo stürmte, wo ich mich auch der unteren Hälfte der Klamotten entledigen konnte, wurde mir klar, was die Kälber vom Walkner innerlich mitgemacht hatten.
Und dass der alte Spruch „Sauer macht lustig“ ein absoluter Schmarrn war.
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