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Hannes Hofbauer

Europa. Ein Nachruf


© 2020 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien

ISBN: 978-3-85371-883-4

(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-475-1)

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Europa: Begriff – Mythos – Erdteil

2. Die Vorgeschichte

3. Nach 1945: Westeuropa wird amerikanisch

4. Großraum für Kohle und Stahl: Die Montanunion

5. Vom Kohle-Stahl-Pakt der Sechs zur Wirtschaftsgemeinschaft der Zwölf

6. Neoliberaler Durchstart: Kapitalherrschaft im Binnenmarkt

7. Die Militarisierung der Europäischen Union

Exkurs

8. Gescheiterte (Supra)Staatsbildung

9. Die Osterweiterung

10. Von der Weltwirtschaftskrise zum Brexit

11. Brüssels Todesvirus

Literaturliste

Über den Autor

Hannes Hofbauer, geboren 1955 in Wien, studierte Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Publizist und Verleger. Im Promedia Verlag ist von ihm u.a. erschienen: »EU-Osterweiterung. Historische Basis – ökonomische Treibkräfte – soziale Folgen« (2. Auflage 2007) und »Feindbild Russland. Geschichte einer Dämonisierung« (2016).

Vorwort

Mitte März 2020 saß EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrem Brüsseler Büro und musste tatenlos zusehen, wie ein Mitgliedsland nach dem anderen Verordnungen zu Grenzschließungen erließ, ohne diese zuvor auf EU-Ebene abzustimmen. Am tschechischen Grenzübergang České Velenice fuhren Radpanzer auf, im dänischen Pattburg schleppten Baufahrzeuge Barrikaden heran und überall begann man eifrig damit, Menschen nach ihren Staatsbürgerschaften zu sortieren.

Nicht das auf Sars-CoV-2 getaufte Virus war es, das den Offenbarungseid der EU-europäischen Institutionen bewirkte, sondern die einzelstaatlichen, völlig unkoordinierten Maßnahmen dagegen. Dieses Management der 27 – Großbritannien hatte bereits kurz zuvor die Flucht ergriffen – förderte zutage, was Worthülsen wie »europäische Solidarität« und »Weltoffenheit« wert sind, wenn es auf sie ankommt: nichts.

Doch die EU scheitert nicht bloß am Umgang mit einer Seuche, deren Gefährlichkeit auch ein halbes Jahr nach ihrem Auftauchen umstritten ist. Das europäische Einigungsprojekt war von Anfang an nicht als solidarisches und demokratisches gedacht, sondern folgte immer spezifischen wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen. Es ging um die Herstellung eines Großraumes für ökonomische Protagonisten in einem angeblich alternativlosen weltweiten Konkurrenzkampf. Als ideologische Begleiterscheinung dieses Geschäfts­modells wird das Selbstbild einer Wertegemeinschaft gemalt, deren anhaftendes Beiwort »europäisch« etwas erklären soll, das für die meisten BewohnerInnen dieses Raumes keinen Sinn ergibt. Schon die unhinterfragte, auch militärische Einbettung in die transatlantische Allianz macht die Eigenwahrnehmung ihrer Eliten unglaubwürdig. Die Ablösung dieser amerikanisch-europäischen Achse durch den Aufstieg Chinas auf der einen Seite sowie zunehmende regionale und soziale Ungleichheiten auf der anderen Seite beschleunigen den Niedergang der Brüsseler Union.

Ein Blick zurück zeigt, dass Europa-Ideen eine lange historische Tradition aufweisen. Aus der Verschmelzung von Antike und Christentum entsteht im Hochmittelalter die Grundlage eines Europabildes, das in der Folge in den unterschiedlichsten Varianten auftaucht. Die allermeisten Vorstellungen eines solchen »Europa« waren exklusiv, das heißt, die Feindwahrnehmung bildete die entscheidende Gemeinsamkeit und den Zusammenhalt im Inneren. Neben dem Kampf dynastischer Herrscherhäuser um territoriale Erweiterungen, der mit jeweils unterschiedlichen Vorstellungen von Europa legitimiert wurde, verstanden sich die allermeisten Europa-Ideen als Gegenbilder zur muslimischen und zur russischen Welt. Ausnahmen davon waren selten, dafür umso interessanter.

Der Großteil des Buches beschäftigt sich mit der Entwicklung der europäischen Einigungsbestrebungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei wird deutlich, wie sehr die einzelnen Schritte hin zu einem größeren Europa von einer schmalen Schicht vorangetrieben werden, die ausschließlich wirtschaftlichen Interessen folgt. Vom »Komplott« des Kohle-Stahl-Paktes über die Missachtung einer ganzen Reihe von ablehnenden Volksentscheiden bis zur Konstruktion eines EU-»Parlaments«, das nicht einmal über ein gesetzgeberisches Vorschlagsrecht verfügt, steht die Geschichte der Europäischen Union für eine herrschaftliche Einrichtung von oben ohne demokratische Legitimation von unten.

Die Idee Europa faszinierte gleichwohl Menschen und Mächte in unterschiedlichsten Zeitaltern und Formen. Das wird auch nach dem absehbaren Zusammenbruch dieser aktuellen Europäischen Union so sein, weshalb am Ende dieses Buches ein Ausblick auf ein Europa ohne EU gewagt wird.

Mein spezieller Dank gilt den Menschen in meiner Umgebung, mit denen ich seit Jahren über Sinn und Nutzen der Europäischen Union diskutiere. Insbesondere seit der großen Osterweiterung 2004/2007 habe ich den einen oder die andere mit meiner Beharrlichkeit vielleicht irritiert, wofür ich mich – gerade wegen meiner Beharrlichkeit – aber nicht entschuldigen kann. Ich hoffe, die Debatten dienten der gegenseitigen Bereicherung; für mich war es jedenfalls so. Meiner Erstleserin und Lebensgefährtin Andrea Komlosy sei ein besonderer Dank ausgesprochen. Ohne die Hunderten von Stunden, in denen wir miteinander auf- und abdiskutiert haben, wäre dieses Buch nicht entstanden.

Hannes Hofbauer Wien, im August 2020

1. Europa: Begriff – Mythos – Erdteil

Dunkelland. So könnte man den Begriff »ereb« bzw. »erp« übersetzen, mit dem die unter assyrischer Herrschaft stehenden Phönizier vor 3000 Jahren jenen Landstrich bezeichneten, in dem die Sonne unterging. Damit erklären Altertumsforscher die etymologischen Wurzeln des Wortes »Europa«. Von den BewohnerInnen der phönizischen Städte Kleinasiens aus betrachtet stand »ereb« für das Land der Finsternis, während »asia« den Osten beschrieb, in dem jeden Tag die Sonne aufging. Den Wortsinn übernahm später das Lateinische mit dem Begriffspaar Okzident und Orient. Auch wir sprechen heute noch im Deutschen vom Abendland in Blickrichtung untergehender Sonne und vom Morgenland im Osten. Konträr zu seinen sprachlichen Wurzeln ist es allerdings gelungen, »Europa« einem Bedeutungswandel zu unterziehen. Heute werden mit dem Begriff Helligkeit und Zukunft assoziiert, als ob die Sonne im Westen aufginge und das Dunkel im Asiatischen läge.

In der griechischen Mythologie, also der die Welt erklärenden Erzählung, kommt »Europa« als Frauengestalt vor, die von Göttervater Zeus, der in Gestalt eines Stiers auftritt, geraubt und geschwängert wird. Hier verbinden sich griechische mit phönizischen Gründungsmythen. Denn die von Zeus entführte Europa war die Tochter (oder Schwester) von Phoinix, dem Stammvater der Phönizier. Zeus zeugte mit ihr auf Kreta drei Söhne. Frauenraub war über Jahrtausende eine gängige Praxis, um die Reproduktionskapazitäten eines Stammes zu stärken. Dass der Raub und das anschließende Schwängern der Europa in der Literatur und auf bildlichen Darstellungen (Europa und der Stier) seit der griechischen Antike fast durchwegs als dynamisch und glücksbringend dargestellt wird, zeugt von der seit damals dominanten patriarchalen Gesellschaftsstruktur. Man könnte die mythologische Figur der Europa aber auch als eine von der stärksten Macht, dem Göttervater, verschleppte und vergewaltigte Frau zeichnen. Dies ergäbe – schon von der Altertumserzählung her – ein anderes Europabild.

Wo Europa geographisch zu verorten ist, änderte sich im Zeitenlauf stark. Einem Bericht des Geschichtsschreibers Herodot aus dem 5. Jahrhundert v. u. Z. verdanken wir die vielleicht erste konkrete Territorialisierung. Herodot berichtet über einen Streit zwischen Perserkönig Xerxes und seinem Ratgeber und Onkel Artabanos. Letzterer will im Jahr 480 v. u. Z. einen persischen Feldzug gegen die Griechen verhindern, weil er große Verluste befürchtet, und warnt Xerxes: »Mein König! Es ist billig, daß ich Dir sage, was ich von dem Krieg befürchte. Den Hellespontos willst du überbrücken und das Heer durch Europa nach Hellas führen.«1 In dieser Quelle taucht Europa als Landstrich zwischen den Dardanellen (Hellespontos) und Griechenland (Hellas) auf. Tatsächlich war »Europós« damals als Bezeichnung für zwei Städte in Makedonien sowie einen Fluss in Thessalien in Gebrauch,2 während Herodot nur 30 Jahre später in seiner um 445 v. u. Z. erschienenen Landkarte die Welt in drei großen Blöcken zeichnete: Europa, Asia, Libya, wobei letzteres für damals bekannte afrikanische Gebiete steht.

Als Grenze zwischen Europa und Asia nimmt Herodot den Fluss Tanaïs (Don) sowie das Asowsche Meer an, fragt sich aber zugleich, wozu es überhaupt nötig sei, »drei Erdteile Libya, Asia und Europa zu unterscheiden«.3 Die Frage, wo Europa in Hinblick auf die eurasische Landmasse aufhört und wo Asien beginnt, treibt seit dem Altertum nicht nur Geographen um. Ein Blick auf die heutige Weltkarte könnte einem ob der aktuellen wirtschafts- und geopolitischen Verschiebungen zu der Ansicht verleiten, Europa wäre auch geographisch gesehen nur ein »Vorgebirge des asiatischen Kontinents« bzw. »eine Halbinsel Asiens«, wie der französische Philosoph Paul Valéry anmerkte.

Die Neuzeit hatte der Grenzziehung zwischen Europa und Asien, wie sie von Herodot vorgenommen wurde, nichts Wesentliches hinzuzufügen. Der bekannte kaiserliche Diplomat Sigismund von Herberstein vermerkte zur Mitte des 16. Jahrhunderts: »Tanais oder Don ist ein namhafftiger bekandter fluß, welcher Europam von Asia absünderet.«4 Das Russland östlich davon zählte Herberstein zu Asien. Erst im 18. Jahrhundert einigten sich westeuropäische und russische Experten auf Gebirge und Fluss Ural als Ostgrenze Europas, wobei bis heute der genaue Verlauf nicht zuletzt aufgrund von Achsenverschiebungen des Gebirges umstritten ist. Eine allgemein anerkannte Grenzlinie fehlt auch im Kaukasus zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer. Landvermesser kommen heutzutage auf 10,5 Millionen Quadratkilometer Land, die sie zu Europa rechnen.

Mit seiner Begriffsbestimmung und territorialen Festlegung hat der Erdteil für uns allerdings noch keine Bedeutung gewonnen. Was macht Europa aus? Wer bedient sich seiner? Und warum scheitern Europapläne immer wieder? Solchen Fragen wollen wir uns in diesem Buch widmen und hoffen, damit der vorherrschend apologetischen Debatte ein wenig historische Wirklichkeit und notwendige Nüchternheit entgegensetzen zu können. Denn es ist sicher nicht ausreichend, Europa als Teil des Zivilisationsprozesses zu definieren, wie es Norbert Elias vorgeschlagen hat.5 Eine solche Wahrnehmung läuft auch Gefahr, ein Europabild weiterzutragen, das sich Jahrhunderte lang als ein den Orientalen und den Barbaren zivilisierendes Projekt verstanden hat, um damit seinen expansiven Drang zu legitimieren. Seit der Kolonisierung Amerikas im 16. Jahrhundert hatte sich Europas Präsenz in der Welt in Form von Forts und Stützpunkten manifestiert, mit denen Handelsnetze über ganze Weltregionen gesponnen wurden.6 Europäisierung galt damals als Kontrolle der Schifffahrt und des Handels, Einwanderung weißer Abenteurer und Siedler mit dem nicht seltenen Effekt der Ausrottung einheimischer Bevölkerungen. Zugleich sorgte Kapitalexport aus den europäischen Zentralräumen Spaniens, Portugals, den Niederlanden, Frankreichs und Großbritanniens für Normierungen im wirtschaftlichen, rechtlichen und später kulturellen Bereich.

Vor diesem Hintergrund können wir uns nicht damit zufrieden geben, Europa dort zu sehen, »wo Menschen von Europa reden und schreiben, wo Menschen Europa malen oder in Stein meißeln, oder anders ausgedrückt, wo Menschen Europa imaginieren und visualisieren …«, wie der Historiker Wolfgang Schmale schreibt.7 Derlei postmoderne Zuschreibung hat zwar den Vorteil, dass sich jede und jeder sein Bild von Europa selbst anfertigen kann, einer allgemeinen, kollektiven Erkenntnis ist damit jedoch nicht gedient.

Demgegenüber stellt der Kultursoziologe Wolfgang Geier trocken fest: »Europa war in der Vergangenheit und ist in der Gegenwart als ›Einheit‹, als Ganzes, ein ›imaginärer Kontinent‹, eine Utopie oder Vision, eine in vielen Ausformungen erscheinende Antizipation eines möglicherweise gar nicht erreichbaren Zustandes«.8 Und die Wiener Historikerin Andrea Komlosy beantwortet die Frage, wo Europas Identität geistesgeschichtlich gefunden werden kann, mit der radikalen Feststellung: »Eine (…) Kontinuitätslinie stellt die Tatsache dar, dass Europa niemals eine politische oder kulturelle Einheit dargestellt hatte. Gleichwohl war die Vielfalt von Staaten und Kulturregionen, die sich als europäisch verstanden, stets mit dem Anspruch einzelner Teilregionen konfrontiert, als Pars pro Toto zu definieren, was als ›Europa‹ bzw. ›europäisch‹ zu gelten habe.«9 Im Umkehrschluss wird damit auch klar, was bzw. wer – je nach Zeitpunkt – als nicht-europäisch galt: Barbaren, Heiden, orthodoxe Christen, Muslime, Kommunisten, Nationalisten etc.

In Europa prallen seit alters her unterschiedliche Hemisphären aufeinander, mögen sie religiös, politisch oder ökonomisch inspiriert sein. Wie zu keinem anderen Kontinent gehören zu Europa Trennungen und Teilungen, die über Jahrhunderte in Kriegen, Friedensschlüssen, Verträgen und wieder Kriegen zum Ausdruck kommen. Auch heute wieder scheitert solch ein Vertrag an der Wirklichkeit. Die Europäische Union kann ihren europäischen Anspruch nicht erfüllen.

1 Herodot, Historien, Deutsche Gesamtausgabe, Buch VII. Stuttgart 1971

2 Wolfgang Schmale, Geschichte Europas. Wien-Köln-Weimar 2001, S. 21

3 Herodot, zit. in: Wolfgang Geier, Europabilder. Begriffe, Ideen, Projekte aus 2500 Jahren. Wien 2009, S. 8

4 Sigismund von Herberstein, Rerum moscoviticarum commentarii (erschienen 1567), zit. in: John Hale, Die Kultur der Renaissance in Europa. München 1994, S. 39

5 Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Bern 1969

6 Andrea Komlosy, Europa und seine Grenzen, in: Thomas Ertl/Andrea Komlosy/Hans-Jürgen Puhle (Hg.), Europa als Weltregion. Zentrum, Modell oder Provinz? Wien 2014, S. 18

7 Schmale, S. 14

8 Geier 2009, S. 10

9 Komlosy 2014, S. 30

2. Die Vorgeschichte
Europas ideologisches Substrat: Die Verschmelzung von Antike und Christentum

Griechisches Altertum und Christianisierung sind die beiden Grundpfeiler, auf denen europäisches Sein und Bewusstsein errichtet wurden. Römisches Rechtsempfinden und ein universalistisches Weltbild entpuppten sich als wesentliche Zutaten. Ihr hegemonialer Anspruch begründete den expansiven Charakter des Europäertums.

»Die Griechen erfanden die Freiheit des Einzelnen«, definiert der Historiker Rolf Hellmut Foerster den Ursprung der europäischen Identität und setzt fort: »Der Schritt von verschleiertem Allgefühl zum klaren Weltbewußtsein ließ einen neuen Begriff vom Menschen entstehen. (…) Hier wurzelt unsere Wissenschaft, unsere Philosophie und folglich auch unser Staatsdenken.«10 Der antike griechische (eleutheria) und römische (libertas) Begriff von Freiheit hat mit seiner modernen Verwendung indes wenig zu tun. Im Weltbild von Aristoteles (350 v. u. Z.) war es in philosophischer Hinsicht die Freiheit des Denkens, die gemeint war, und politisch gesehen die Freiheit, »die staatliche Gewalt unter die Bürger des Landes aufzuteilen«, wie es Benjamin Constant schon 1819 beschrieben hat.11 Aus dieser proto-demokratischen Haltung speist sich, rückblickend, die Idee von einer griechisch-europäischen Identität.

Die große Mehrheit der Bevölkerung in der griechischen Antike konnte von Freiheit nicht einmal träumen. Wie das Verhältnis zwischen freien Bürgern und Sklaven war, lässt sich aufgrund fehlender systematischer Volkszählungen schwer schätzen. Einzig in der bevölkerungsreichen Region Attika gab es im 4. Jahrhundert unter Demetrios von Phaleron eine statistische Erhebung. Aus dieser geht hervor, dass dort 21.000 Bürger und 400.000 Sklaven lebten.12 Die antike Gesellschaft der griechischen Stadtstaaten zeichnete sich durch eine extreme soziale Differenz aus, was ihrer Inanspruchnahme als Ursprung europäischer Werte keinen Abbruch tat.

Es war die kulturelle Hegemonie über Küstenstriche, die Götterverehrung beispielsweise im Apollo-Kult, die über ganz Griechenland hinweg gemeinschaftsbildend wirkte. Sie äußerte sich ebenso in Pilgerfahrten nach Delphi. Foerster sieht in diesen kultischen Versammlungen Vorläufer von Bünden wie dem Attischen Seebund oder dem Peloponnesischen Bund, die zwischen den einzelnen Stadtstaaten Verträge schlossen und damit erste »europäische« Verbindungen darstellten.

Im Städtebund der pyläisch-delphischen Amphiktyonie waren seit dem 8. Jahrhundert v. u. Z. nicht zufällig zwölf Stämme zusammengeschlossen, galt doch die Zahl 12 den Griechen als heilig; so existierten zwölf olympische Götter und Herkules musste zwölf Aufgaben erfüllen, um den Mord an seiner Frau und drei Kindern zu sühnen. Im Laufe der Zeit erweiterte sich der Bund auf 30 Mitgliedsstaaten, die sich – dies war der heiligen Zahl geschuldet – die zwölf Stimmen auf gemeinsamen Versammlungen teilen mussten. Ob über 2000 Jahre später in Brüssel der Verantwortliche daran dachte, als er einem Grafikbüro die Aufgabe erteilte, eine Fahne für die Europäische Gemeinschaft zu entwerfen?

Die christlichen Wurzeln haben sich tief ins europäische Sein und Bewusstsein gegraben. Galten den Griechen des Altertums in erster Linie die Perser als Feinde, die sie ihr eigenes, später als europäisch interpretiertes Selbstbild prägen ließen, so betrachtete das christliche Europa die Muslime als entscheidendes Gegenbild. In vorislamischer Zeit dienten noch (germanische) Barbaren bzw. der Kampf gegen diese der christlichen Selbstfindung. Die Zerstörung Roms durch das Gotenheer Alarichs im Jahr 410, dem sich Hundertschaften von entlaufenen Sklaven anschlossen, hinterließ eine traumatisierte frühchristliche Gesellschaft, die sich in Selbstzweifeln aufzugeben drohte. Es war der lateinische Kirchenmann Augustinus (354−430) mit seinem Monumentalwerk »De civitate Dei« (»Über den Gottesstaat«), der der Christenheit wieder Mut einflößte. Augustinus entwickelte einen göttlichen Heilsplan zur Wiedererrichtung eines christlichen Roms und rettete damit – laut Foerster – die Idee Europa, die freilich erst in der Neuzeit als solche auftauchte.13 Augustinus’ Schrift gegen den Untergang, in der er auch den notwendigen, gottgefälligen Krieg preist, gilt seit damals als früh-europäischer Schlüsseltext. Das darin bestimmende christliche Element wurde also erst nachträglich in ein europäisches umgedeutet.

Parallel zu dem seit dem 7. Jahrhundert einsetzenden, wahrlich epochalen christlich-muslimischen Kulturkampf spaltete sich die Christenheit in zwei Lager. Rom und Byzanz/Konstantinopel standen sich bald feindlich gegenüber. Es entstand eine innereuropäische »›Antemurale Christianitatis‹ (Vormauer der Christenheit, d. A.) zwischen dem fränkisch-germanischen, römisch-katholischen ›Westen‹ auf der einen und dem überwiegend süd- und ostslawischen, griechisch-orthodoxen ›Osten‹« auf der anderen Seite.14 Das große Morgenländische Schisma von 1054, das der (west)römische Papst Leo IX. durch die Exkommunikation seines oströmischen Rivalen Michael I. Kerularios in die Wege leitete, vollzog die innerchristliche Scheidelinie formal – sie ist bis heute in Kraft. Nach der Plünderung Konstantinopels durch katholische Kreuzfahrer im Jahr 1204 wartet die Ostkirche bis heute auf eine Entschuldigung Roms. Patriarch Bartolomeos I. forderte eine solche 800 Jahre später anlässlich einer Einladung zum Gedenken an die massenmörderische Tragödie im Festsaal der Wiener Akademie der Wissenschaften. Eine Antwort bekam er nicht, nahm doch sein katholischer Gegenspieler, Papst Johannes Paul II., an der von der kirchlichen Arbeitsgemeinschaft Pro Oriente ausgerichteten Konferenz nicht teil.15

Ein bis in unsere Tage betriebener Europa-Mythos ist mit dem fränkischen König und späterem römisch-deutschen Kaiser Karl (dem Großen) verbunden. In der Geschichtswissenschaft kursiert über seine Wirkungsmacht eine eigene, sogenannte Translationstheorie. Der zufolge ging mit der Krönung Karls zu Weihnachten des Jahres 800 das byzantinische Kaisertum auf den Franken über, womit die Grundlage für das Heilige Römische Reich (später: deutscher Nation) geschaffen worden sei. Dieses bis 1806 bestehende Imperium gilt vielen als historisch bedeutendste Ausprägung einer europäischen Idee, weil seine Staaten-übergreifende Klammer sich als Vorbild für die Europäische Union interpretieren lässt.

Tatsächlich schlitterte der Frankenkönig Karl mitten hinein in eine innerrömische Intrige, von einer Belebung des (römischen) Reichsgedankens oder einer abendländischen Einheit, die ihm Generationen von nachgeborenen Europäern unterstellen, wollte er nichts wissen. Die Geschichte begab sich so: Papst Leo III. hatte Streit mit einem kirchlichen Rivalen, der Rom bürgerkriegsähnliche Zustände bescherte. Um den Rivalen auszuschalten bzw. wegen welcher Delikte auch immer schuldig sprechen zu können, bedurfte es eines kaiserlichen Schiedsspruchs. Doch der Kaiser saß in Byzanz und der Bosporus war weit weg, zudem herrschten winterliche Verhältnisse, die es nicht erlaubten, einen Sendboten in den Osten zu schicken. Also bat Papst Leo III. seinen damaligen Schutzherrn Karl nach Rom, lockte ihn in den Dom und krönte ihn zum Kaiser. Karl versicherte anschließend, dass er nicht in die Kirche eingetreten wäre, hätte er von dem Vorhaben gewusst.16 Papst Leo III. bekam seinen Schiedsspruch und wurde seinen Widersacher los – während Karl nicht zum Schöpfer eines gesamteuropäischen Reiches aufstieg. Im Gegenteil: In weiten Teilen Europas herrschten um das Jahr 800 anarchische Zustände; Spanien, England und Schottland spürten von der Macht des Kaisers ebenso wenig wie Polen, Skandinavien oder Ungarn. Im Jahr 814 erstreckte sich der Fränkische Reich im Westen bis Nantes, im Süden bis Rom und umschloss im Osten Bayern.

Umso verwunderlicher ist es, dass es ausgerechnet jener Karl ist, der dem wichtigsten und renommiertesten Preis »für die europäische Einigung« seinen Namen gibt. Der Karlspreis wird seit 1950 in Aachen vergeben, sein erster Preisträger war der alt-österreichische Adelige Richard Coudenhove-Kalergi (für seine Idee einer paneuropäischen Union; den Adelstitel hatten seine brabantinischen Vorfahren pikanterweise für die Teilnahme am Kreuzzug 1099 erhalten), es folgten u. a. 1952 Alcide De Gasperi (für den italienischen Einsatz zur Gründung der NATO), 1957 Paul Henri Spaak (für das Zustandebringen der Staatengemeinschaft Benelux), 1958 Robert Schuman (für die Gründung der Montanunion), 1963 Edward Heath (für die britischen Beitrittsverhandlungen), 1987 Henry Kissinger (für sein Verdienst um die Entspannungspolitik, zu der die Ausweitung des Vietnam-Krieges und der Putsch gegen Chiles Präsidenten Salvador Allende gehörten), 1988 François Mitterrand und Helmut Kohl (für die deutsch-französische Zusammenarbeit), 1991 Václav Havel (für die Verdienste um das Ende der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei), 1995 Franz Vranitzky (für das Zustandekommen des EU-Beitritts Österreichs), 2000 Bill Clinton (offiziell für das Lancieren der irischen Friedensgespräche, inoffiziell für den Krieg gegen Jugoslawien), 2002 Wim Duisenberg als persönlicher Vertreter des »Euro« (für die Herstellung einer gemeinsamen Währung), 2006 Jean-Claude Juncker (für sein EU-europäisches Engagement), 2018 Emmanuel Macron (für seine Neubegründung des europäischen Projektes, wo immer die Jury ein solches gesehen haben mag).

Karl dem Großen wird jedenfalls bei jeder dieser Verleihungen Unrecht getan, erst seine Instrumentalisierung durch spätere Europabegeisterte auf ihrer Suche nach europäischen Ursprüngen machte ihn zum »Pater Europae«.

Ähnlich erging es den ottonischen Nachfolgern auf dem Kaiserstuhl. Ihre gewaltsam betriebene Christenmission der Slawen und Ungarn verliehen Otto I. (936−973) und Otto III. (980−1002) lange nach deren Tod »europäische« Würden. »Mit dem Sieg am Lechfeld«, schreibt der Historiker Michael Gehler in Anspielung auf die blutige Auseinandersetzung mit dem ungarischen Heer im Jahr 955, »der Slawenmissionierung und der Übernahme der Königsmacht in Oberitalien bekam sein (Ottos, d. A.) Königreich europäische und imperiale Züge.«17 Tatsächlich handelte es sich bei dem für die weitere Geschichte des Kontinents entscheidenden Kriegsgang um eine Konsolidierung Westeuropas, um eine apostolische Mission. Denn der ungarische Heerführer Bulscú war ein christlich getaufter »Patricius« des (ost)römischen Reiches, versehen mit byzantinischen Insignien. Auf dem Lechfeld standen sich also die lateinische und die griechische Welt im Herzen des europäischen Kontinents gegenüber. Otto I. ließ den besiegten Bulcsú unmittelbar nach dem Ende der Schlacht aufhängen, um ihn symbolhaft und weithin sichtbar seiner aus Byzanz mitgebrachten christlichen Heilkraft, die die Taufe mit sich bringt, zu berauben.18 Die Ungarn wechselten daraufhin ins römisch-katholische System. Diese »Heimholung« byzantinisch-orthodox getaufter Christen unter die Fittiche des römischen Papstes wiederholte sich in der späteren Geschichte übrigens immer dann, wenn orthodoxe Gläubige durch territoriale Machtausdehnung in ein weströmisches Umfeld gelangten.19 Die griechisch-katholischen Unierungen seit dem 16. Jahrhundert erfassten weite Teile Osteuropas.

Der bekannte polnische Historiker Oskar Halecki nimmt die Zeitenwende des Jahres 1000 in den europäischen Blick und stellt fest, dass neben der Unabhängigkeit Polens das »neubekehrte Ungarn« sowie die »Bekehrung zum Christentum der drei skandinavischen Königreiche zu selbstständigen Mitgliedern der europäischen Gemeinschaft« die großen Zäsuren jener Tage waren, die als »Enddatum im Aufbau Europas angesehen werden« können.20 Mit dem Begriff des »neubekehrten Ungarn« wird die ausschließliche Anerkennung einer europäischen Identität als eine (west)römische unterstrichen. In Byzanz Getaufte galten schon in der Schlacht am Lechfeld 955 nicht als wahre Christen, wurden 1054 im Zuge des großen Schismas exkommuniziert und während des Kreuzzugs 1204 massakriert. Die Konstruktion des europäischen Selbstverständnisses als ein exklusiv weströmisches, dessen Zentrum sich über die Jahrhunderte von Rom weg oftmals verlagert hatte und aktuell in Brüssel festgemacht werden kann, hat sich seither nicht substanziell verändert. Wir erinnern uns noch an den Fall des Eisernen Vorhanges, der von Politik und Medien im Westen unter dem Stichwort »Rückkehr nach Europa« abgefeiert wurde. Diese euphorisch gebrauchte Wortsentenz, die das Ende der kommunistischen Epoche im Osten des Kontinents beschrieb, stieß sich nicht daran, dass die Rückkehr der osteuropäischen Länder historisch streng genommen eine in die vorkommunistischen Zeiten war, also in die Zeit der Herrschaft von deutschem Nationalsozialismus, italienischem Faschismus und deren osteuropäischen Handlangerregierungen. Dies war mit dem Bild der Rückkehr freilich nicht gemeint, man hatte damit länger Gültiges, Universelles im Sinn, auch wenn dies auf die partikulare Situation in Osteuropa niemals zutraf: die Zugehörigkeit zu einem vom Westen dominierten Europa, dessen Wurzeln in der Verschmelzung von Antike und weströmischem Christentum liegt.

Tätiges Christentum: Die Kreuzzüge

Im mittelalterlichen Kreuzzugsgedanken fand sich eine erste, weite Teile Europas umfassende Bewegung wieder. Kreuzzüge waren, so sieht es die vorherrschende Geschichtswissenschaft, europäische, ja kosmopolitische Unterfangen.21 Zeitgenossen bezeichneten sie als Expeditionen (»expeditio«) oder Pilgerfahrten (»peregrinatio«). Sie waren anfangs sehr beliebt, Zehntausende Christen aus Italien, Frankreich, Spanien und deutschsprachigen Ländern schlossen sich ihnen an. Als Initialzündung für den ersten großen Kreuzzug gilt die Eroberung Jerusalems durch turksprachige Seldschuken im Jahre 1077. Die den Christen heilige Stadt befand sich zwar bereits seit dem 7. Jahrhundert in muslimischen Händen, gegen Ende des 11. Jahrhunderts wurden die Stimmen zur Befreiung Jerusalems allerdings lauter. Dies war auch darauf zurückzuführen, dass mit der Seldschuken-Herrschaft die bis dahin üblichen christlichen Pilgerfahrten immer gefährlicher wurden und Berichte über Schikanen und todbringende Übergriffe zunahmen. Solche Pilgerfahrten nach Jerusalem waren das gesamte Frühmittelalter hindurch ein einträgliches Geschäft für Handelsunternehmen aus Venedig und anderen italienischen Stadtstaaten gewesen. Nun drohten die Seldschuken diesem Wirtschaftszweig den Garaus zu machen.

Der päpstliche Aufruf von Urban II. zur ersten »expeditio«, zum ersten Kreuzzug im Jahr 1095 war also nicht nur gottgewollt, sondern hatte auch wirtschaftliche Hintergründe. Und mehr als das: zunehmende Landknappheit im Westen Europas stellte vor allem die jüngeren Söhne von Adelsfamilien vor das Problem, kein adäquates Einkommen und damit Auskommen erwirtschaften zu können. Im Heiligen Land entlang der Levante erhoffte man sich neuen Besitz und erlangte gleichzeitig per päpstlichem Beschluss Ablass für alle Sünden. Die Rechnung sollte – vorerst – aufgehen. Wirtschaftlich in Europa zu kurz gekommene Adelssprösslinge gründeten eine Reihe von Kreuzfahrerstaaten im moslemischen Morgenland. Keiner von ihnen erlebte seinen 200. Gründungstag.

Was die Kreuzfahrerei als europäische Bewegung auszeichnet, ist neben ihrer »internationalen« Teilnehmerschar und dem ökonomischen Antrieb auch eine besondere postulierte Gemeinsamkeit. Diese kommt in der Losung Papst Urbans II., mit der er zum Sturm auf das Heilige Land rief, zum Ausdruck: »Kein Christ streite mehr wider den anderen«, verkündete Gottes Stimme auf Erden im Jahr 1095, »damit das Christentum selbst nicht untergehe. (…) Es höre auf Mord und Feindschaft und Bedrückung.«22

Zwischen 1096, als das erste Ritterheer den päpstlichen Aufruf in die Tat umsetzte, und 1272 fanden sieben große Kreuzzüge statt, weitere kleinere folgten bis Ende des 14. Jahrhunderts.23 Sie wirkten über weite Strecken einigend auf die zerstrittenen europäischen Fürstenhäuser, konnten Kriegsgänge untereinander gleichwohl nicht verhindern. Kaiserliche, englische und französische Heere ritten gegen die Ungläubigen, konnten sich aber meist nicht auf ein gemeinsames Kommando einigen. Über zwei Jahrhunderte verwüsteten sie immer wieder ganze Landstriche im Nahen Osten, meuchelten die dortige muslimische Bevölkerung und scheuten im 4. Kreuzzug (1202−1204) auch nicht davor zurück, das christliche Konstantinopel in Schutt und Asche zu legen, weil die Glaubensbrüder und -schwestern aus dem Osten dem Papst in Rom als Häretiker galten.

Einzelne Theologen wie der Würzburger Gerhoch von Reichersberg übten schon damals Kritik an den gewalttätigen Vormärschen der Ritterheere, indem sie sich auf Bibelzitate z. B. aus dem Matthäusevangelium beriefen.24 Dort wird demjenigen, der das Schwert zuerst zieht, prophezeit, dass er durch das Schwert sterben werde. Päpste und Kreuzzugsteilnehmer ließen sich davon nicht beirren. Und auch in späterer Zeit mündete die Beschäftigung mit den Kreuzzügen in der westeuropäischen Historiographie kaum je in eine fundamentale Ablehnung. Vielmehr überwog bis ins 19. Jahrhundert die Ansicht, es handelte sich, trotz (oder vielleicht auch wegen) des expansiven Charakters um eine erste gemeinsame »europäische« Angelegenheit: den Kampf gegen den Islam. Einer der bekanntesten Kulturhistoriker des 19. Jahrhunderts, Jacob Burckhardt, brachte 600 Jahre nach all den päpstlich gedeckten Massakern diese Sicht auf den Punkt: »Der Kreuzzug vollendet das Gefühl eines gemeinsamen okzidentalischen Lebens.«25

Die Hochblüte der Kreuzzüge war längst vorüber, als im Jahre 1306 die Schrift »De recuperatione terrae sanctae« (»Über die Wiedergewinnung des Heiligen Landes«) erschien. Verfasser war der engste juristische Berater des französischen Königs Philipp IV. (des Schönen), Pierre Dubois (ca. 1255−1321). In Reaktion auf den 7. Kreuzzug und einem Massaker an muslimischen Händlern hatten die Mameluken zwischen 1289 und 1291 das libanesische Tripoli und das palästinensische Akkon erobert, womit das »europäische«, christliche Abenteuer im Nahen Osten beendet schien. Innenpolitisch stieß man sich in Frankreich Anfang des 14. Jahrhunderts an der Allmacht des Papstes, die sich erst vor wenigen Jahrzehnten herausgebildet hatte; zuvor gab es bischöfliche Versammlungen und Synoden, die eine Art demokratische Grundstruktur für Gottes Vertretung auf Erden darstellten. Pierre Dubois beschrieb beide Ursachen der grassierenden Unzufriedenheit, die Niederlage der katholischen Kreuzfahrer im Nahen Osten und die sich aufplusternde päpstliche Herrschaft, in seiner aus 142 Paragraphen bestehenden Flugschrift. Darin schlug er einen Zusammenschluss der (west)europäischen Reiche und Fürstenstaaten zu einem einzigen Staat vor. »Jede vereinte Kraft«, so der französische Scholastiker, »ist stärker als dieselbe Kraft im Zustand der Zerstreuung. Deshalb wäre es gut, wenn unter allen Katholiken (…) der Friede dadurch gesichert würde, dass sie sich gleichsam zu einem einzigen Staat zusammenschließen.«26 Konkret wandte sich Dubois gegen das Heilige Römische Reich (Sacrum Imperium), dessen Krone zu jener Zeit Albrecht I. von Habsburg trug. Statt des dort üblichen Systems der Königswahl, das Dubois für ineffektiv und untragbar hielt, forderte er die Installierung einer Erbmonarchie. Dubois trat ferner für eine großräumige »Welt«wirtschaft ein und einen stärkeren Handel mit dem Orient. Sein eigentliches Ziel einer geeinten Christenheit – gemeint als Katholiken – verband er mit dem Kreuzzugsgedanken. So sollte jeder am »europäischen Völkerverein« beteiligte Fürst eine ständige Truppenpräsenz in Palästina bereitstellen. Und jeder europäischen Nation wäre nach dem Plan Dubois’ ein ihrer Stärke entsprechendes Gebiet im Heiligen Land zugewiesen worden; wobei sich der Berater des französischen Königs für Jerusalem und Akkon eine gemeinsame Verwaltung vorstellte.27

Pierre Dubois im Wortlaut: »Zur Wiederbelebung und Behauptung des Heiligen Landes muß eine gewaltige Kriegsschar aufgeboten werden. Wenn so viele Menschen dorthin ziehen und dort bleiben wollen, wird es notwendig sein, daß die katholischen Fürsten in Eintracht leben und keine Kriege gegeneinander führen. (…) Um den Frieden zu sichern, soll der Papst ein Konzil sämtlicher Könige und Fürsten einberufen, das die Leitung aller Staatsgeschäfte in Händen hat. Der Krieg zwischen christlichen Staaten ist verboten.«28

Ein Auszug wie dieser lässt unschwer erkennen, warum Dubois bei aktuellen Rezeptionen und Anthologien über Europabilder nicht fehlen darf und was ihm darin einen so prominenten wie beliebten Platz verschafft: Europa als friedliches Projekt nach innen, dessen Einheit durch Aggression nach außen hergestellt wird. Realpolitisch ging es Dubois darum, die vorhandene Macht des französischen Königs weiter zu stärken. Dieser sollte der von ihm angedachten Delegiertenversammlung der Fürsten vorstehen. Den Papst wies er die Rolle als Schiedsrichter bei Meinungsverschiedenheiten zu. Oder anders gesagt: Dubois’ »Europa« war gegen die Institution des »Heiligen Römischen Reiches« gerichtet, in dem die Habsburger noch nicht die spätere Führungsrolle gepachtet hatten, und es sollte die aufsteigende Macht des Papstes bremsen. So gesehen erscheint seine Schrift über die Wiedergewinnung des Heiligen Landes nicht ein Entwurf einer föderativen Verbindung europäischer Mächte, wie er in der einschlägigen Geschichtswissenschaft heute dargestellt wird, sondern ein Werkzeug zur Legitimierung der Macht für Philipp den Schönen gewesen zu sein. Verwirklicht wurde all das nicht. Im Gegenteil: Philipp wurde von Papst Bonifatius VIII. exkommuniziert, worauf sich dieser mit einem Attentatsversuch revanchierte. Auf der Flucht vor Philipps Schergen starb Bonifatius, nachdem er den Habsburger Albrecht I. in dessen Funktion als Reichskönig um Hilfe angefleht hatte. Papst-Nachfolger Benedikt XI. starb nach nur wenigen Monaten im Amt an einer Vergiftung, die ihm mutmaßlich der Franzosenkönig Philipp zufügen ließ. Im Zuge dessen gelang es Philipp auch, die Residenz des nächsten, ihm nun ergebenen Papstes nach Avignon zu verlegen. So sah Europa zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Wirklichkeit aus.

Von einer weltumspannenden Monarchie träumte auch der florentinische Dichter und Denker Dante Alighieri (1265−1321). Eine solche Herrschaftsform konnte damals freilich nur »europäisch« gedacht werden. Anders als sein Zeitgenosse Dubois gründete Dantes Sehnsucht nach der Wiederherstellung des (römischen) Kaiserreichs nicht in der Idee, die stärkste westliche Macht auf dem Kontinent, Frankreich, in den Mittelpunkt zu stellen. Das war verständlich, galten doch zu jener Zeit die französischen Könige aus dem Hause Anjou im südlichen Italien als Fremdherrscher. Dantes Vision eines einheitlichen Staatsgebildes richtete sich dementsprechend gegen den französischen Herrschaftsanspruch. In den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen, die Ende des 13. Jahrhunderts in oberitalienischen Städten tobten, kämpfte er anfangs auf der Seite der eher papsttreuen Guelfen (gegen die kaisertreuen Ghibellinen), um sich bald einer Splittergruppe anzuschließen, die sich immer mehr Fraktionen zum Feind machte. Dantes Flucht aus Florenz folgte die Konfiskation seines Besitzes und 1302 die Verhängung der Todesstrafe, derentwegen er sein restliches Leben im Exil verbrachte.

Für den modernen Europaforscher sind Dantes Schriften insofern von Interesse, als darin erstmals der Konflikt zwischen Kaiser und Papst, der schon seit dem Investiturstreit des 11. Jahrhunderts brodelte, zur politischen Kraftprobe wurde.29 Die Aufgabe des Papstes sah der mittelalterliche Philosoph darin, so viele Menschen wie möglich zum ewigen Leben, zum Paradies, zu führen, während der weltliche Herrscher für das irdische Glück des Menschengeschlechts zuständig sei. Diese Ansätze eines Dualismus, die viel später in der Trennung von Kirche und Staat ihre Erfüllung gefunden haben, werden als konstitutiv für das (westliche) Europabild gesehen. Auf politisch-gesellschaftlicher Ebene setzte sich das System der zweigeteilten Herrschaft von Fürst und Ständen durch und letztlich in der Gewaltentrennung des bürgerlichen Parlamentarismus fort.

Die Eroberung Konstantinopels durch das osmanische Heer Sultan Mehmeds II. im Jahr 1453 löste Schockwellen bis an den Atlantik aus. Sie war zugleich der Auftakt für eine bislang nie dagewesene Europa-Identität unter führenden Intellektuellen. Einer von ihnen, der Priester, Dichter und Historiker Enea Silvio Piccolomini (1405−1464) warf sich diesbezüglich besonders ins Zeug. Mit seiner »Türkenrede« auf dem Frankfurter Reichstag 1454, den er als kaiserlicher Kommissar leitete, nahm er die Bedrohung aus dem Osten zum Anlass, um zum gerechten, europäischen Krieg gegen die Ungläubigen aufzurufen: »Wenn wir die Wahrheit gestehen sollen«, so Piccolomini, »hat die Christenheit seit vielen Jahrhunderten keine größere Schmach erlebt als jetzt. (…) Denn in früheren Zeiten sind wir nur in Asien und Afrika, also in fremden Ländern, geschlagen worden, jetzt aber wurden wir in Europa, also in unserem Vaterland, in unserem eigenen Haus, aufs schwerste getroffen. (…) Niemand dürfte daran zweifeln, wie ihr euch verhalten werdet, ihr edlen Deutschen, wenn ihr diesen Krieg übernehmt, zu dem der Kaiser uns ermahnt, um den der Papst uns bittet, den Christus uns befiehlt, zur Verherrlichung und in der Liebe zu ihm.«30

Es ist ein Aufruf zum Krieg als einer explizit europäischen Angelegenheit, dem Kaiser und dem Papst geschuldet, in der Liebe zu Christus. Piccolomini nutzte die Gunst der Stunde, um sich in Szene zu setzen. Einen neuen Kreuzzug brachte er schlussendlich nicht zustande, für seine Wahl zum Papst im Jahre 1458 reichte sein Engagement gegen die Türken allemal. Als Pius II. trat er in die Fußstapfen von Apostel Petrus. Als Gelehrter hatte er sich schon zuvor einen Namen und um den Europabegriff verdient gemacht. »Europa« hieß das unter seiner Federführung entstandene ethnographisch-kosmographische Hauptwerk, das auf den Band »Asien« folgte. Es war die einzige Schrift des Mittelalters, die mit der Titelzeile »Europa« erschien und es dementsprechend kultur-religiös definierte.31

Der Historiker und Europaforscher Rolf Hellmut Foerster wertet die berühmte Türkenrede Piccolominis als defensiv. »Man muß«, schrieb Foerster 1963, »in diesem Aufruf zum Kreuzzug nicht den Plan einer Aggression, sondern eines Verteidigungsaktes sehen.«32 Dieses im christlichen Westen gängige Narrativ sieht in der Eroberung von Konstantinopel durch die muslimische Soldateska korrekterweise eine die Christenwelt bedrohende Aggression, die es abzuwehren gilt. Ein tiefergehender historischer Rückblick zeigt allerdings, dass die Geschichte der Kreuzzüge ab 1096 einen expansiven Charakter aufweist. Und seit der 4. Kreuzzug 1204 mit der Zerstörung des damals christlichen, allerdings oströmischen Konstantinopels endete, kann eigentlich von einer Verteidigung des Christentums als europäische Aufgabe im Osten nicht mehr gesprochen werden.

Sein antitürkisches Abenteuer endet für Papst Pius II. elendiglich. Mitte Juni 1464 schifft er sich in Ancona ein, um seinen zehn Jahre zuvor gepredigten Kreuzzug zu starten. Allein, außer einer Handvoll heruntergekommener Abenteurer will ihm niemand folgen. Am 15. August 1464 stirbt der verhinderte Kreuzfahrer Piccolomini/Papst Pius II. auf seinem Schiff auf dem Weg zwischen Venedig und Istrien. Zuvor hatte er noch eine zweite »europäische« Front aufgemacht, nämlich jene gegen die tschechischen Hussiten, also eine mitten in Europa als ungläubig definierte frühreformatorische Bewegung. Mit Georg von Podiebrad (1420−1471) erwuchs dem Papst ein mächtiger Gegenspieler, der es ebenfalls verstand, auf die europäische Karte zu setzen.

Podiebrad stammt aus mährischem Adel und wandte sich in jungen Jahren von der katholischen Kirche ab, um dem tschechischen Reformer Jan Hus zu folgen. Als sogenannter Ultraquist gehörte er dem gemäßigten hussitischen Flügel an, der gegen die sozial radikaleren Taboriten zu Felde zog und diese besiegte. Die ultraquistische Ständemehrheit wählte Georg von Podiebrad im Jahr 1458 zum König von Böhmen. Seine religiöse Gesinnung rief sogleich den Papst von Rom, Pius II, auf den Plan. Schon die husstische Symbolik des Kelches, aus dem alle Gläubigen und nicht nur der Priester das Blut Christi in Gestalt des Weines trinken sollten, zeugt von der kirchenreformerischen Idee, die für den römischen Katholizismus mit seiner hierarchischen Struktur inakzeptabel war (und bis heute ist). Folgerichtig drohte Rom mit einem Kirchenbann, dem der Böhmenkönig angeblich mit einer heimlichen Rückkehr in den Schoß der römischen Kirche zuvorkommen wollte.33 Der Order des Papstes, zwecks Abbitte nach Rom zu reisen, entsprach Podiebrad nicht.

Stattdessen entwickelte er seinerseits die Idee eines Kreuzzuges gegen die »furchtbaren Mohammedaner«, um sich als wahrer Christ zu inszenieren. Und diese Idee ergänzte er mit einem europäischen Föderationsplan, der heute als Vorläufer von immer wieder auftauchenden Einigungsprozessen gilt. In 21 Kapiteln entwarf Podiebrad die Idee für einen Bund gleichberechtigter Fürsten, in dem alle fünf Jahre der Vorsitz wechseln, ein gemeinsamer Gerichtshof innereuropäische Streitigkeiten beilegen und ein Finanzierungstopf für föderative Organe aufgelegt werden sollte. Geplant war – wie auch bei seinem Gegenspieler Papst Pius II. – eine christlich-»europäische« Armee. Sein Plan fand anfangs Zuspruch beim polnischen König Wladimir IV., Albrecht von Brandenburg und dem reichsten italienischen Stadtstaat Venedig. Letzterer sprang jedoch bald ab, als sich der finanzschwache Vatikan erholte und seinerseits zu einem Kreuzzug aufrief. Alaun-Funde auf dem Territorium des Gottesstaates waren dafür mitverantwortlich, weil die Gewinnung dieses Rohstoffes zur Färbung von Wolle plötzlich die Kassen Roms füllte.

Podiebrads Vorhaben scheiterte; und nach dem Tod von Papst Pius II. wurde er von dessen Nachfolger exkommuniziert. Für uns ist dabei von Interesse, wie durchsichtig die europäischen Einigungsideen des Mittelalters, in diesem Fall jene parallel von Pius II. und dem Böhmenkönig Podiebrad entwickelten, als Mittel zum Zweck für die Erweiterung des jeweils eigenen Machtbereiches eingesetzt wurden. Dieser Instrumentalisierung werden wir auch in der Neuzeit und bis herauf in unsere Tage begegnen.

Europas Herrscherhäuser im Kampf um die Vorherrschaft

Der von Maximilien de Béthune, genannt Herzog von Sully (1560−1641), um das Jahr 1632 verfasste und vielfach kopierte und veränderte »Große Plan« (»Grand Dessin«) ist so eine Machtvision. Sully war Marschall von Frankreich und enger Berater des französischen Königs Henri IV. Hinter seiner Idee eines europäischen Staatenbundes stand der Wunsch des Hofes im Palais du Louvre, eine Allianz gegen die immer mächtiger werdenden Habsburger, die in Spanien und Österreich herrschten, zu schmieden. Der deutsche Historiker Michael Gehler nennt den »Großen Plan« eine Mystifikation.34

Schon seine Entstehungsgeschichte zeigt, welchem Unbill sich nachgeborene europäische Spurensucher auszusetzen haben. Das »Grand Dessin« erschien 22 Jahre nach dem Tod von Henry IV. und gilt als dessen Vermächtnis an die Welt, an Europa. Für die Veröffentlichung der endgültigen Fassung verstrichen nochmals mehr als 100 Jahre, bis sie ein Abbé de L’Écluse 1745 drucken ließ. Ausgangspunkt für Sullys Vorstellung einer europäischen Zukunft war – wie konnte es anders sein – ein Kriegsprojekt, oder besser gesagt: sogar zwei von Franzosenkönig Henry IV. angedachte Waffengänge: einen gegen die habsburgischen Niederlande und einen gegen das Osmanische Reich. Letzterer wird von der Geschichtswissenschaft als unseriöses Gerücht bezeichnet, stand doch Paris Anfang des 17. Jahrhunderts in gutem Einvernehmen mit dem Sultan. Dies auch deshalb, weil die Hauptstoßrichtung der französischen »Europa«-Pläne gegen Wien und Madrid zielte.

Im »Grand Dessin« wird ein Bündnis aus 15 christlichen Staaten, sogenannten Dominiationen, herbeiphantasiert, in dem u. a. die Erbmonarchien Frankreich, England und Dänemark, der päpstliche Gottesstaat, die Königreiche von Ungarn und Polen sowie die vier Republiken Schweiz, Niederlande, Venedig und Neapel-Sizilien vereint hätten werden sollen. Aus den mitteleuropäischen Besitzungen der Habsburger würden sich die am Projekt Sully beteiligen Staaten territorial bedienen (z. B. hätte die Schweiz Tirol bekommen) bzw. wären drei neue Fürstentümer entstanden. Auch war ein »Europa-Rat« vorgesehen, in den die Teilnehmer je nach eigener Größe zwei bis vier Kommissare entsenden sollten. Sully schreibt in seinem großen Wurf von einer »sehr christlichen Republik«, wobei sein Republikbegriff nicht antimonarchistisch gedacht war.

Sullys mitten im 30-jährigen Krieg verfasster Plan zur Neugestaltung Europas schloss das türkische Osmanenreich definitiv aus und sah auch für das russische Zarenreich keinen Platz vor. Zu Russland ist bei ihm zu lesen: »Dieses ungeheure Land (…) wird z. T. noch von Götzendienern bewohnt, z. T. auch von schismatischen Griechen und Armeniern, deren Gottesdienst mit tausenderlei abergläubischen Gebräuchen vermischt ist, und mit dem unsrigen eben deshalb sehr wenig Ähnlichkeit hat.«35 Die Geschichte ging über diesen französischen Europa-Plan hinweg; am 24. Oktober 1648 wurde in Münster und Osnabrück der Westfälische Friede geschlossen, der das europäische Staatensystem ohne einen »Großen Plan« bis zur Französischen Revolution weitgehend prägte. Dem nach langen Kriegsjahrzehnten in Münster und Osnabrück vereinbarten Frieden lag ein Konsensprinzip zugrunde, das an die Stelle der Berufung auf eine christliche Gemeinsamkeit trat.36

Was Europapläne des 17. Jahrhunderts betrifft, so kann der Philosoph, Mathematiker und Historiker Gottfried Wilhelm Leibniz (1646−1716) in gewisser Weise als das deutsche Gegenstück zu Herzog von Sully gesehen werden. Auch Leibniz stand – als dafür Spätgeborener – noch unter dem Eindruck des weite Teile Europas verheerenden 30-jährigen Krieges. Seine Friedensidee ging von der Zähmung französischer Expansionsgelüste aus und wollte auch die Macht der Habsburger in die Schranken weisen. Europas innere Befriedung sollte durch ein starkes, kraftvolles, vereintes Deutschland erfolgen. Sein Plan trägt den sperrigen Titel »Bedenken, welchergestalt Securitas publica interna et externa und Status praesens im Reich jetzigen Umständen nach auf festen Fuß zu stellen«. Erschienen ist die Schrift 1670 im Auftrag des kurfürstlich-mainzischen Rates. Ihr Ziel war die Überwindung der deutschen Kleinstaaterei zwecks Etablierung eines deutschen Reichsbundes. Und wieder stoßen wir auf aggressive Expansionsstrategien, die Streit und Krieg zwischen den christlich-europäischen Fürsten verhindern sollen. Der vielleicht letzte Universalgelehrte Leibniz schlägt in dankenswerter Offenheit den einzelnen europäischen Herrscherhäusern vor, ihre Energien und Aggressionen nach außen zu wenden; und er wird sehr konkret dabei: der Habsburger Kaiser, Polen und Schweden möchten gegen die Türken kämpfen (was mehr als ein Jahrzehnt später dann tatsächlich passierte); England und Dänemark könnten Erweiterungen in Nordamerika in Angriff nehmen; Spanien dasselbe in Südamerika betreiben; für Holland wäre eine Expansion nach Indien hilfreich und Frankreich könne die Levante und Ägypten »zivilisieren«. »Hierbei würde unsterblicher Ruhm, ruhiges Gewissen, applausus universalis, gewisser Sieg, unaussprechlicher Nutzen sein«,37 lobpreist der Gelehrte seinen Plan.

Das Besondere am Leibniz’schen Europagedanken ist, dass er unbedingt auch das zaristische Russland mit einbinden will. Dieses soll gefälligst seine Kraft gegen die Tataren wenden und Streit und Hader innerhalb der christlichen Welt vermeiden. Hier schwingt eine seltene Akzeptanz der orthodoxen Christenwelt mit, der Leibniz im europäischen Expansionsreigen einen speziellen Platz zuweist. Die Idee der Einheit des Christentums nicht bloß als weströmische zeichnet den Gelehrten aus.

Am ausführlichsten beschrieben hat Leibniz den sogenannten »Ägyptischen Plan«. Damit will er Frankreichs Kriegslust gegen seine Nachbarn, beispielsweise einen bevorstehenden Überfall auf Holland, nach dem osmanisch beherrschten Nordafrika ablenken. Dafür reist der Leipziger Aufklärer extra nach Paris, um König Ludwig XIV. (1683−1715) von seinem Vorhaben gegen Holland abzubringen. Den fertigen Plan für den Feldzug gegen Ägypten hat er in der Tasche, und schreibt, dass es zwischen 30.000 und 50.000 Soldaten brauche, um das Land, das kaum Befestigungen und dafür leicht einnehmbare Häfen habe, zu überrennen. Auch an eine mögliche militärische Hürde dachte Leibniz, nämlich das osmanische Heer. Dies sei aber derzeit, so will er den französischen König beruhigen, mit Angriffsplänen gegen Polen beschäftigt. Frankreich hätte also freie Bahn in Ägypten und, so der schlaue Zusatzgedanke, würde dort auch indirekt holländische Expansionsgelüste in Ostasien behindern können. Denn von Ägypten sei der Weg für Frankreich nach Osten offen.38 Den »Ägyptischen Plan« hat Ludwig XIV. nie zu Gesicht bekommen. Anstatt Ludwig XIV. traf Leibniz mit dem russischen Zaren Peter I. (dem Großen) zusammen. In ihm sah er jenen Mann, der Russland zivilisieren und für die Teilnahme an einem aufgeklärten Europa vorbereiten könne.

Leibniz’ Image als Europa-Vordenker hat darob über die Jahrhunderte allerdings nicht gelitten. Auch deshalb, weil er seinen »Ägyptischen Plan« als den letzten Krieg bezeichnet, nach dem jeder Streit innerhalb Europas zu Ende wäre und ein Tausendjähriges Reich heraufzöge, in dem Maschinen menschliche Fähigkeiten verstärken, Krankheiten besiegt würden und eine christliche Sittenlehre universelle Gültigkeit hätte. Geopolitisch stellte sich Leibniz sein Europa folgendermaßen vor: »Das Reich ist das Hauptglied. Deutschland das Mittel von Europa (…), wie anfangs Griechenland, hernach Italien.«39

Napoleons Europa: Durch Expansion zur Einheit

Die Französische Revolution des Jahres 1789 wurde ihrem Namen gerecht: revolvere, umdrehen, das Untere nach oben spülen, die Verhältnisse auf den Kopf stellen, im sozialen Sinn genauso wie in Fragen der politischen Herrschaft. Sie war die Antithese zu allen vorher erdachten Europavisionen. Von einer herbeigewünschten »christlichen Einheit« konnte keine Rede mehr sein; das Prunkstück der französischen Gotteshäuser, die allerchristlichste Notre Dame de Paris, diente als Lagerhalle für Lebensmittel und Waffen; und selbst den auf Jesu Geburt datierten Kalender ersetzte man durch eine neue Zeitzählung. Der selbstherrliche Sonnenkönig Ludwig XVI. starb unter der Guillotine, die Volkssouveränität trat an seine Stelle. Der Begriff Europa kam in den revolutionären Texten nicht vor, stattdessen berauschte sich das Volk am nationalen Hochgefühl, die absolutistische, ausbeuterische Schreckensherrschaft der Monarchie abgeschüttelt zu haben. Dass man selbst bald daran ging, mit der Guillotine auch Fraktionskämpfe auszutragen, blieb der Nachwelt als Grausamkeit in Erinnerung.

Die revolutionäre Friedensidee unterschied sich entscheidend von der vorrevolutionären, die den inneren Frieden nur durch die Bezwingung eines äußeren Feindes denken konnte. »Ich glaube«, meinte der jakobinische Revolutionär Maximilien de Robespierre in einer seiner Ansprachen an die französische Nationalversammlung am 15. Mai 1790, »daß ihr lieber den Frieden wahrt, als euch in einen Krieg einzulassen, dessen Gründe ihr nicht kennt.«40 Er forderte das Volk auf, sich nicht für fürstliche Erweiterungspläne abschlachten zu lassen, mit welchen Argumenten auch immer sie vorbereitet, ausgerufen und geführt werden.

Demokratie und Menschenrechte – freilich nur gültig für Männer in Frankreich und nicht in den Kolonien – waren die Leitlinien der modernen Verfassung, wie sie 1791 in der Nationalversammlung festgelegt wurden und bis heute als »europäisch« definiert werden, ohne allerdings damals diesen Anspruch gehabt zu haben. Es sollte nicht lange dauern, bis beide nichts mehr wert waren. Postrevolutionäre Fraktionskämpfe nehmen schaurige Ausmaße an. Das sogenannte Direktorium, die letzte Regierungsform der Französischen Revolution, putscht am 27. Juli 1794 gegen die parlamentarische Versammlung, weist die Forderung nach sozialer Gleichheit zurück und beendet damit die radikale Phase der Revolution. Ein 24-jähriger Korse, der kurz zuvor in revolutionären Diensten die von England unterstützten Royalisten in Toulon geschlagen hatte, rückt im Oktober 1795 gegen Aufständische in den Pariser Vororten aus und lässt sie zusammenschießen. Napoléon Bonapartes Aufstieg beginnt.41

In den späten 1790er-Jahren trieb er oft schlecht ausgebildete Soldatenhaufen in Feldzüge gegen Italien und Ägypten; seine Motivationskraft bescherte ihm Ruhm und Ehre in Militärkreisen. Am 9. November 1799 erklärt sich Napoléon zum Ersten Konsul und die Revolution für beendet. Fünf Jahre später krönt er sich selbst in Paris zum Kaiser. In Austerlitz schlägt er 1805 die österreichischen Habsburger (bereits zum zweiten Mal), erleidet allerdings im selben Jahr eine Niederlage gegen die englische Flotte bei Trafalgar. Nun verhängt der Selbstherrscher die Kontinentalsperre gegen England, das erste große Handelsembargo der neuzeitlichen Geschichte. England soll mit wirtschaftlichem Boykott ruiniert werden. Als sich Zar Alexander I. diesem Embargo nicht anschließen will, marschiert Napoléon am 24. Juni 1812 mit einer halben Million Soldaten in Russland ein. Der Rest ist Niederlage: vor Moskau und nahe Waterloo.

Warum uns diese Eroberungszüge des kleinen Korsen, die ihm zwischenzeitlich allerlei Königs- und Fürstentitel eingetragen und im Jahr 1806 auch zum Ende des Heiligen Römischen Reiches geführt hatten, im Zusammenhang mit Europabildern interessiert? Weil Napoléon seine multiplen europäischen Kriegsgänge am Ende seines Lebens, als Gefangener auf St. Helena, als großen Plan zur Föderalisierung Europas dargestellt hat. »Es war unser Ziel«, schrieb er im Nachhinein bzw. ließ er schreiben, »ein großes europäisches Föderationssystem zu schaffen. (…) Um es zu vervollkommnen und ihm die größtmögliche Ausdehnung und Stabilität zu geben, haben wir die Errichtung einiger innenpolitischer Institutionen befohlen, die besonders geeignet waren, die Freiheit der Bürger zu schützen.«42 Und an anderer Stelle liest sich sein Lieblingsplan einer europäischen Föderation folgendermaßen: »Europa (…) würde auf diese Art bald wahrhaft nur ein Volk gebildet haben, und jeder würde auf seinen Reisen überall sich in einem gemeinschaftlichen Vaterland befunden haben.«43 Der Russland-Feldzug, so versicherte Napoléon, würde die letzte militärische Aktion gewesen sein. Dann hätte er gemeinsame Maßeinheiten, ein allgemein gültiges Gesetzbuch, den Code civil, ein europäisches Münzwesen sowie ein einheitliches Steuer- und Finanzwesen eingeführt. Hätte er in Russland gesiegt, so sein heute zynisch anmutender Kommentar aus der Gefangenschaft, dann wäre ein »Europa freier Völker« entstanden. »Einer meiner großen Gedanken«, so spinnt er ihn weiter, »war die Verschmelzung und Konzentration aller Völker, die geografisch zu einer Nation gehören und durch Revolution oder durch die Politik zerstückelt worden waren.«44 Dieser imaginierten europäischen Nation rechnete er 30 Millionen Franzosen, 15 Millionen Spanier, 15 Millionen Italiener und 30 Millionen Deutsche zu. Dazu musste er, wie er ohne jeden Ansatz von Selbstkritik schreibt, »Europa mit den Waffen zähmen (…).« Und weiter: »Ich habe Frankreich und Europa neue Ideen eingepflanzt, die (…) Europa durch unauflösliche Föderativbande wiedervereinen, überall in der Welt, wo heute Barbaren wohnen, wovon Wohltaten des Christentums und der Zivilisation verkünden: darauf müssen alle Gedanken meines Sohnes gerichtet sein, das ist die Sache, für die ich als Märtyrer sterbe.«45

Gestorben sind für Napoléons Europa-Idee jedoch Hunderttausende auf den Schlachtfeldern. Und am Höhepunkt seiner Macht zeigte sich auch, anders als in den Schriften am Ende seines Lebens, wie er sich die Herrschaft über den Kontinent konkret vorstellte. Alle Macht ging von seiner Person aus und er administrierte die in Besitz genommenen Länder nach patriarchalisch-großfamiliärer Art und Weise, nahm zahlreiche Titel wie die Königswürde von Italien selbst an und versorgte seine engsten Familienmitglieder mit satten territorialen Pfründen. Seinen Brüdern streute er Herrscherwürden über ganz Europa: Joseph erhielt Spanien, Louis wurde König von Holland, ein weiterer Bruder, Jerôme, erhielt das Königreich Westfalen und sein Schwager Joachim Murat das Königreich Neapel. Nepotismus paarte sich mit Despotie.

Nichtsdestotrotz gelten seine Versuche, die Verwaltungspraxis in seinem »Europa« zu vereinheitlichen, also zu zentralisieren, manchen Historikern auch heute noch als Vorläufer späterer Europapläne. Wolfgang Schmale z. B. hält ihm zugute, dass er »ein Stück europäische Integration (…) durch die Verbreitung seines Zivilgesetzbuches schaffte«,46 weist aber zugleich auf die hegemoniale Struktur des Unternehmens Napoléon hin, dem eine »wirkliche Europaphilosophie fehlte«;47 und der britisch-italienische Historiker Stuart Woolf48 unterstreicht den napoleonischen Beitrag zur Integration Europas.

Den endgültigen Sieg über den Korsen feierten die drei Monarchen Österreichs, Russlands und Preußens zur Jahreswende 1814/1815 auf dem Wiener Kongress. Die dort von Wien, Moskau und Berlin aus der Taufe gehobene »Heilige Allianz« war ein reaktionäres Bündnis, ein Zurück zum Status quo vor der Französischen Revolution. Kaiser Franz I., Zar Alexander I. und König Friedrich Wilhelm III. stellten die alte europäische Ordnung wieder her, gaben ihr allerdings einen neuen Anstrich. De facto erschöpfte sich diese Allianz in gegenseitiger militärischer Unterstützung im Fall revolutionärer Aufstände im Inneren.

Für das Europabild des 19. Jahrhunderts wichtiger als die »Heilige Allianz« war der ebenfalls auf dem Wiener Kongress gegründete »Deutsche Bund«. Als größter Staatenbund, den der Kontinent bis dato gesehen hatte, umfasste er sämtliche deutschen Fürstentümer, große Teile der Habsburgermonarchie, die bis 1806 zum Heiligen Römischen Reich gehört hatten, die Niederlande und Dänemark. Als eine Art völkerrechtlicher Vertrag sollte er für die innere und äußere Sicherheit der Mitgliedstaaten sorgen. Neben einem Rat der elf größten Staaten und einem Plenum existierte ein ständig tagender Gesandtenkongress in Frankfurt/Main, der sogenannte Bundestag.

Die Kernaufgabe des »Deutschen Bundes« bestand darin, jegliche revolutionäre Strömung im Keim zu ersticken. Das Trauma der Französischen Revolution saß den Fürsten Europas noch in den Knochen. Deshalb wurde der Informationsaustausch im Polizei- und Spitzelwesen großgeschrieben und auch die einzelnen staatlichen Zensurbehörden miteinander verknüpft. Im Bundesbeschluss vom 20. September 1819 über die Maßregelung von Universitäten, die als potenzielle Brutstätten revolutionärer Umtriebe gefürchtet waren, kommt dies anschaulich zum Ausdruck. Darin werden die einzelnen Mitgliedsstaaten des »Deutschen Bundes« aufgefordert, bei jeder Universität entsprechend aufmerksame »Curators«, Spitzel, einzustellen, um über die Vorgänge an den Ausbildungsstätten stets informiert zu sein. »Die Bundesregierungen«, heißt es wörtlich, »verpflichten sich gegeneinander, Universitäts- und andere Lehrer, die durch erweisliche Abweichung von ihrer Pflicht, (…) durch Mißbrauch ihres rechtmäßigen Einflusses auf die Gemüther der Jugend, durch Verbreitung verderblicher, der öffentlichen Ordnung und Ruhe feindseliger oder die Grundlagen der bestehenden Staatseinrichtungen untergrabender Lehren, ihre Unfähigkeit zur Verwaltung des ihnen anvertrauten wichtigen Amtes an den Tag gelegt haben, von den Universitäten und sonstigen Lehranstalten zu entfernen.« Und um sicher zu gehen, dass einmal enttarnte revolutionäre Subjekte nicht anderswo umtriebig werden, heißt es abschließend: »Ein auf solche Weise ausgeschlossener Lehrer darf in keinem anderen Bundesstaate bei irgend einem öffentlichen Lehr-Institut wieder angestellt werden.«49 Die suprastaatliche Einrichtung des »Deutschen Bundes« funktionierte als Repressionsinstrument gegen republikanische Gesinnung bis nach den Revolutionen des Jahres 1848 und zerbrach dann am preußisch-österreichischen Gegensatz um die Führung, der sich 1866 in der Schlacht von Königgrätz entlud.

Nichtsdestotrotz diente der »Deutsche Bund« manch einer weiter gedachten europäischen Idee als Folie. So entwarf der Leiter der dänisch-königlichen Reichsbank, Conrad Friedrich von Schmidt-Phiseldek, ein Projekt eines wirtschaftlich geeinten europäischen Bundes, der auf dem »Deutschen Bund« aufbauen und wie dieser Frankfurt/Main als Zentrum ausweisen könnte. Als Banker fürchtete er um die Konkurrenzfähigkeit Europas gegenüber dem erstarkenden Nordamerika. Der europäische Kontinent sei ökonomisch zersplittert, durch gegenseitige Ein- und Ausfuhrverbote, Hafen- und Flusssperren sowie in einzelnen Staaten monopolistisch agierende Handelskonzerne geschwächt; er müsse sich, so Schmidt-Phiseldek, »endlich als ein Staatsganzes begreifen«.50 Die Vereinigten Staaten von Amerika sieht der Däne im Jahr 1820 durch »Eintracht und gesetzlich freie Entwicklung« geprägt, ein Vorbild für Europa. Die Tatsache, dass sich Amerika in jenen Jahren am Höhepunkt der ethnischen Säuberungen befand, die zur Auslöschung der indianischen Urbevölkerung führten, übersah er – ganz der Idee von der »White Supremacy« verhaftet – nonchalant.

Konkret träumte Schmidt-Phiseldek von einem Europa mit einheitlichem Rechts- und Verkehrswesen, einer gemeinsamen Währung und einer bewaffneten Streitmacht und einem europäischen Kongress, der von allen souveränen Staaten beschickt werden sollte. Nur so könne dem »Weltteil in die Schranken getreten (werden), der mit stets wachsender Riesenkraft dem ganzen Europa die Fehde bietet.«51 Eine Europavision als Überholmanöver gegenüber der USA.

Etwas anders gelagert waren die Ideen des deutschen Nationalökonomen Friedrich List (1789−1846). Ihn trieb die ungleiche Entwicklung europäischer Staaten an, der er mit Schutzmaßnahmen für die deutschen Länder begegnen wollte. Die Niederlage Napoléons brachte im Jahr 1815 auch die Aufhebung der Kontinentalsperre mit sich, die für Kontinentaleuropa einen Schutz vor der Konkurrenz billiger englischer Fabrikprodukte gebracht hatte. Plötzlich überschwemmten englische Waren die wirtschaftlich ungeschützten 39 deutschen Staaten und setzten dort die erst im Aufbau befindlichen Industrien unter Druck. List, der wegen seines Eintretens für kommunale Selbstverwaltung in Württemberg politisch verfolgt wurde und in die USA ging, kam als reicher Kohlengruben- und Eisenbahnbesitzer in seine deutsche Heimat zurück und gründete 1819 den »Allgemeinen Deutschen Handels- und Gewerbeverein«. Dieser trat gleichzeitig für die Aufhebung von Binnenzollgrenzen und die Errichtung von Außenzollmauern ein, wie sie 1834 im Deutschen Zollverein umgesetzt wurden, dem die Habsburgermonarchie jedoch nicht beitrat. Auf diese Art wollte Friedrich List »eine gleichmäßige Stufe von Kultur und Macht erreichen«.52

Protektionismus sah er als notwendiges Mittel für eine nachholende Entwicklung an, weil deutsche Fürstentümer »in der Gewerbeindustrie, in Handel und Kolonien, in Schiffahrt und Seemacht noch so unendlich weit hinter England stehen.« Lists Idee eines ganz Deutschland umgebenden Schutzzolls wird bis in unsere Tage unterschiedlich interpretiert. Die einen sehen darin eine rein defensive Maßnahme zum Ausgleich unterschiedlicher nationaler Entwicklungsniveaus. Andere interpretieren in die versuchte Beseitigung nationaler Rückstände das Ziel eines geeinten imperialistischen Auftretens der westlichen Industrieländer gegenüber Kolonien und abhängigen Gebieten hinein. Es war wohl von beidem etwas. Denn List spricht sowohl von einer »Universalunion, welche der Wohlfahrt des menschlichen Geschlechts nur zuträglich sein kann«53, als auch von zu zivilisierenden Regionen im östlichen Mittelmeer und Nordafrika. Er ist also auf wirtschaftlichen Ausgleich in Europa bedacht und gleichzeitig Stichwortgeber für europäischen Imperialismus, zur Mitte der 19. Jahrhunderts keine ungewöhnliche Kombination.

Geradezu wegweisend für spätere Europaideen war der Orientalist und Mitglied der Académie française, Ernest Renan. Er machte sich vor allem als Nationen-Forscher einen Namen, indem er die Nation als eine historisch sich ändernde Solidargemeinschaft darstellte. Seinem berühmt gewordenen Ausspruch »Die Nation ist ein tägliches Plebiszit« fügte er den Wunsch hinzu, »das Nationalitätsprinzip durch das Prinzip der Föderation (zu) regulieren.«54 Mitten im preußisch/deutsch-französischen Krieg 1870/71 erhob Renan die Forderung nach einer europäischen Konföderation, die er »Vereinigte Staaten von Europa« nannte. Diese sollten multinational aus (dem erst im Entstehen begriffenen) Deutschland, Frankreich und England zusammengesetzt sein. Wie die allermeisten Vorstellungen von Europa verstand sich auch das Renan’sche Projekt in klarer Abgrenzung, wenn nicht Feindschaft zu fremden Integrationsräumen, die als bedrohlich empfunden werden. Die Gegner bzw. Konkurrenten seiner europäischen Einigungsidee sah er in Nordamerika, dem russischen Osten und dem Islam, den er als »vollkommene Negation Europas«55 begriff. Renan träumte vom »endgültigen Siegeszug Europas« und vom »Triumph des indoeuropäischen Geistes« als Zivilisationsprojekt. Das aus England, Frankreich und Deutschland herbeiphantasierte Dreigestirn sollte »die Welt, vor allem Rußland, mit den Mitteln des Geistes auf die Pfade des Fortschritts führen«.56

Utopien und Friedensprojekte

Den bisher besprochenen Europaplänen war – trotz sehr unterschiedlicher geopolitischer Ausrichtungen – eines gemeinsam: sie bauten sich an einem Feindbild auf, das durchgehend anti-osmanisch/türkisch/muslimisch geprägt war und sich bis auf eine Ausnahme (Leibniz) auch gegen Russland wandte. Im Übrigen beruhten die französischen oder deutschen Europaträume auf einem einheitlichen Raum, dessen Erweiterungs- oder Konsolidierungspläne auf Kosten des jeweils anderen umgesetzt werden sollten. Um derlei Europaphantasien ins Werk zu setzen, galt Krieg als zentrales Mittel.

Dass es auch Europaideen ganz anderer Art gab, soll hier nicht verschwiegen werden, wenngleich utopische und pazifistische Projekte von der meisten Literatur mangels Durchsetzungsfähigkeit oft nicht ernst genommen und nicht unter dem Stichwort »Europa« vermerkt werden.

Eine frühe Idee eines friedlichen Zusammenlebens in Europa, für dessen Zustandekommen auch kein Krieg akzeptiert oder gar eingefordert wird, verdanken wir Erasmus von Rotterdam. Der in den späten 1460er-Jahren in den Niederlanden geborene Theologe und Philosoph folgte seinen von ihm selbst postulierten humanistischen Idealen in kompromissloser Art und Weise. Seine Friedensrufe gründen im Bewusstsein, dass alle Menschen gleich sind. »Alle haben denselben Stammvater, denselben Religionsstifter, alle sind sie durch das gleiche Blut erlöst, durch dieselbe Taufe geweiht … alle gehören derselben Kirche an.«57 Dieser Text entstand kurz bevor Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an der Schlosskirche von Wittenberg anschlug, wodurch bald nicht mehr alle in Westeuropa derselben (katholischen) Kirche angehörten.

Auch dem grassierenden Türkenhass setzte Erasmus seine auf Latein verfasste Schrift »Klage des Friedens« entgegen, in der er den Krieg grundsätzlich ablehnt. Erasmus’ unerschütterlicher Pazifismus hielt ihn auch davon ab, Europa groß zu denken. Er wollte ein friedfertiges Europa und wandte sich deshalb dezidiert gegen Erweiterungspläne und Grenzverschiebungen. In seiner heute naiv anmutenden Sprache will er die Fürsten darauf verpflichten, ihrem Land treu zu bleiben und ihre Macht nicht auszudehnen. Er wendet sich auch gegen das in der Hocharistokratie übliche weltweite Heiratskarussell, wenn er schreibt: »Durch solche wechselseitigen Heiraten geschieht es, daß einer, der in Irland geboren ist, jetzt in Indien regiert, oder wer neulich in Syrien herrschte, bald König von Italien ist. So kommt es, daß keines von beiden Ländern einen Fürsten hat; denn er verließ sein früheres Land und wird in dem späteren nicht anerkannt, weil er dort unbekannt ist.«58 Ein solches Bild von Europa würde heute in der Brüsseler Bürokratie wenig Anhänger finden; umso erstaunlicher ist es, dass ausgerechnet Erasmus’ Name im universitären Milieu für das Gegenteil von dem in Gebrauch ist, wofür der niederländische Humanist stand. »Erasmus-Programme« hetzen Generationen junger Studierender von Universitätsstadt zu Universitätsstadt, um ihnen ein »europäisches« Gefühl zu vermitteln, das so gar nicht nach dem Geschmack des Namensgebers war.

Einen Plan zur totalen europäischen Brüderlichkeit legte zur Mitte des 17. Jahrhunderts der tschechische Theologe und Philosoph Jan Amos Komenský vor. Für den 1592 in Mähren geborenen späteren Bischof der Böhmischen Brüder war die Schlacht am Weißen Berg (1620) das einschneidendste Erlebnis seines Lebens. Habsburgs Sieg über die protestantischen Stände löste nach 1620 eine umfassende gegenreformatorische Repressionswelle aus. Komenský selbst verbrachte Jahre auf der Flucht. Unter diesem Eindruck stehend, verfasste er 1645 einen »Allgemeinen Weckruf«, in dem er Europa nicht als ein von Reichen gebildetes Konstrukt sieht, sondern eine gemeinsame politische Kultur ins Zentrum seiner utopischen Vorstellungen stellt. »Da wir alle Mitbürger einer Welt sind, was hindert uns, in einem Gemeinwesen unter gleichen Gesetzen zusammenzufinden«,59 wünscht sich Komenský eine Welt bzw. einen Kontinent ohne religiöse und politische Verfolgung. Für den Historiker Rolf Hellmut Foerster gehören Ideen wie jene von Komenský nicht in die europäische Schublade, er sieht in den Texten des tschechischen Philosophen eine »Mischung aus panchristlicher Gläubigkeit und Naturlehre« und diffamiert sie als »unerträgliche Traktätelei«.60

Wesentlich konkreter als die obigen idealistischen Vorstellungen eines friedlichen Zusammenlebens in Europa äußerte sich der 1644 in London geborene William Penn. Sein 1692 veröffentlichter europäischer Einigungsplan sah einen tatsächlich ganz Europa umfassenden europäischen Staatenbund mit einem Reichsrat vor. Penn stammte aus einer der reichsten Familien Englands. Von seinem Vater erbte er im Alter von 37 Jahren drei Dutzend Schuldtitel gegen König Karl II. Um diese Schuld zu tilgen, vermachte ihm König Karl II. ein riesiges Landstück in Nordamerika, das dieser in Erinnerung an seinen erblassenden Vater Penns Waldland, Pennsylvania, nannte. Zuvor hatte William Penn als Jugendlicher wegen seiner Mitgliedschaft bei den Quäkern zwei Mal Bekanntschaft mit englischen Gefängnissen gemacht, die Religionsfreiheit war auf den britischen Inseln nicht besonders ausgeprägt. Protestantische Ethik und unermesslicher Reichtum paarten sich bei Penn zu einem liberalen, toleranten und auch pazifistischen Weltbild. Seine amerikanischen Besitzungen, die heutigen Bundesstaaten Pennsylvania und Delaware, spiegelten dies modellhaft wider. Anstatt die indianischen Bewohner zu verjagen und zu töten, wie dies an anderen Orten üblich war, handelte Penn mit ihnen Verträge aus, die sowohl zugezogenen Weißen wie Ureinwohnern persönliche Freiheit zusicherten. Penns Credo der Religionsfreiheit machte zudem aus Pennsylvania einen Ort der Zuflucht für in Europa verfolgte religiöse Minderheiten wie Hugenotten, Böhmische Brüder oder Juden, die er auch persönlich zur Emigration ermutigte. Nach Konflikten innerhalb der Verwaltung Pennsylvanias entschloss sich Penn im Jahr 1712, das Land wieder an die englische Krone zu verkaufen.

Schon zuvor hatte William Penn 1692 sein politisches Vermächtnis in Form einer viel gelesenen Schrift hinterlassen: »Essay über den gegenwärtigen und zukünftigen Frieden in Europa«. Und dieser Essay hat es in sich. Erstmals wird Europa nicht mehr von einer religiösen, politischen und Friedensidee aus gedacht, sondern als wirtschaftliche Einheit, wobei explizit auch der sogenannte »gerechte Krieg« abgelehnt wird. Penn will keinen Fürstenbund mehr, sondern ein Parlament. »Die souveränen Fürsten müßten (…) aus dem gleichen Grund, der die Menschen ursprünglich dazu bewog, sich zu einer Gesellschaft zusammenzuschließen, nämlich aus Friedens- und Ordnungsliebe, übereinkommen, durch ihre bevollmächtigten Vertreter einen allgemeinen Reichstag, eine Generalversammlung oder ein Parlament zu bilden.«61 Das Soldatenhandwerk will Penn gänzlich abschaffen, stattdessen soll die Jugend zu Kaufleuten, Ingenieuren und Bauern erzogen werden.

Die Rechtsgleichheit, die Penn schon in Amerika zwischen Weißen und Indianern ausprobiert hatte, will er auch in »seinem« Europa verwirklicht wissen. Dies entsprach auch einer in seinen Kreisen verbreiteten protestantisch-bürgerlichen Ethik. Logischerweise beinhaltete dies auch die Vision einer Reisefreiheit, die jedem Mann einen Pass garantieren müsse, »der durch die Liga des Friedensstaates legitimiert wird«.62

Das sensationell Neue, bislang historisch nie Dagewesene am Penn’schen Europaplan war, dass er den ganzen Kontinent umfassen sollte. Sein Reichstag bzw. sein Parlament sollte sich aus folgenden Vertretern zusammensetzen: Zwölf aus dem Heiligen Römischen Reich (deutscher Nation), je zehn aus Spanien, Frankreich, dem Osmanischen Reich und Russland, acht aus Italien, sechs aus England, je vier aus Schweden, Polen und den Niederlanden, je drei aus Venedig, Dänemark und Portugal und je einem aus Holstein und Kurland. Türken und Russen im 77 Plätze umfassenden Europaparlament! Dieser Gedanke war revolutionär. In den kommenden 330 Jahren bis heute sollte er kaum je wieder auftauchen, wenn von einem Zusammenschluss Europas die Rede war (und ist).

Zumindest mit dem Russland Peters des Großen wollte es auch der französische Sozialphilosoph und Publizist Charles de Saint-Pierre (1658−1743), genannt Abbé de Saint-Pierre, versuchen. Ab 1712 entwickelte er einen Plan für einen »ewigen Frieden in Europa«, der in relativ unlesbaren Traktaten bis 1717 erschien. Wieder wird ein Staatenbund vorgeschlagen, der diesmal 24 Mitglieder inklusive Russland umfassen soll. Ein solcher Bund wäre, so Saint-Pierre, in der Lage, mit den Osmanen ein Schutzbündnis zu schließen. Ein permanent tagendes Schiedsgericht sollte darüber wachen, »den Kriegszustand in einen ewigen Frieden (zu) verwandeln«.63 Als dann in den 1740er-Jahren der preußisch-österreichische Krieg um Schlesien ausbrach, sah sich Saint-Pierre veranlasst, den Preußenkönig Friedrich II. aufzufordern, ein solches Schiedsgericht, das freilich noch nicht existierte, zur Schlichtung anzurufen. Geworden ist daraus nichts. Stattdessen ist ein Brief von Friedrich II. an Voltaire bekannt, in dem sich dieser über Saint-Pierre lustig macht. Der deutsche König schreibt darin: »Der Abbé de Saint-Pierre (…) hat mir ein schönes Werk über die Art und Weise, wie in Europa der Frieden wiederhergestellt und für immer gesichert werden könnte, zugesandt. Die Sache ist sehr praktisch, um sie zustande zu bringen fehlt weiter nichts als die Zustimmung Europas und einige andere Kleinigkeiten dieser Art.«64 Die Friedensidee von Saint-Pierre zerbrach an der Wirklichkeit.

Jean-Jaques Rousseau machte dann die Gedanken Saint-Pierres lesbar, interpretierte sie später neu und erweiterte sie um soziale Aspekte. Im Auftrag seiner Arbeitgeberin Madame Dupin verfasste der große Aufklärer im Jahr 1756 die Schrift »Extrait du project de paix perpetuelle de Monsieur l’Abbé de Saint-Pierre« (Auszug aus dem Plan eines ewigen Friedens von Herrn Abbé de Saint-Pierre). Darin greift er die Idee eines europäischen Fürstenbundes auf, in dem religiöse Toleranz, völkerrechtliche Gleichheit und gemeinsamer Handel die Fundamente einer friedlichen europäischen Zukunft sein sollen.65 Seinem Weltbild entsprechend, das er kurz darauf im »Contract social« (Gesellschaftsvertrag) publizierte, forderte Rousseau eine Rückbesinnung auf den natürlichen Urzustand des Menschen. Der freie Wille des Einzelnen müsse (wieder) in Übereinstimmung mit der Ausgestaltung der Gesellschaft gebracht werden. Für Rousseaus Europaidee bedeutete dies, dass er von den Trägern des Fürstenbundes auch »sittliche Grundsätze« einforderte, wobei ihm klar war, dass »kein Staatsoberhaupt sich freiwillig zur Gerechtigkeit finden« würde.66 Er sah also nicht, wie Saint-Abbé, nur die politischen Machtgelüste einzelner Fürsten als Hindernis für einen europäischen Zusammenschluss, sondern auch ihre »Geldgier«. Mithin stellt Rousseau auch die soziale Frage und denkt darüber hinaus, dass ihre Lösung einer revolutionären Umwälzung bedarf. Während Saint-Pierre also die politische Umgestaltung propagiert, geht Rousseau einen wesentlichen Schritt weiter und spricht von der Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Umwälzung, um eine friedfertige europäische Zukunft zu erlangen. Sein Skeptizismus gebietet es ihm, einem Staatenbund, der sich auf rein politischer Ebene durch Absprache der Fürsten bildet, kritisch bis ablehnend zu begegnen, wenn er meint: »Man sieht, daß sich föderative Bündnisse nur durch Umwälzungen bilden; und wer von uns könnte infolgedessen zu sagen wagen, ob dieser europäische Bund zu wünschen oder zu fürchten ist? Er würde vielleicht mit einem Schlag mehr Unheil anrichten, als er für Jahrhunderte verhindern könnte.«67 Rousseaus Europa war nicht jenes der Fürsten, sondern eines der Völker.

Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant erweiterte 30 Jahre später, immer noch am Vorabend der Französischen Revolution, in seiner »Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht«68 Rousseaus europäisches Gesichtsfeld um das einer Weltfriedensordnung. Ihm ging es ausdrücklich nicht um Europa, sondern um »alle Staaten«. Er sprach von einem »Föderalismus freier Staaten«, die er sich ausschließlich als Republiken vorstellen konnte. Die Menschen, so Kant, müssten bereit sein, »aus dem gesetzlosen Zustand der Wilden hinauszugehen und in einen Völkerbund treten, wo jeder, auch der kleinste Staat, seine Sicherheit und Rechte (…) nach Gesetzen des vereinigten Willens erwarten könnte.«69

Den vielleicht letzten großen Visionär eines vereinten, friedlichen, ja pazifistischen Europa kennt die Welt fast ausschließlich als Schriftsteller. Doch Victor Hugo war mehr. Der 1802 im französischen Beşancon geborene Publizist war auch politisch als Abgeordneter des Senats aktiv und trat mehrfach bei internationalen Kongressen auf. Dort schmetterte er den politischen Herrschern seine Ideen von der Abschaffung der stehenden Heere, der Einführung eines allgemeinen Wahlrechts, der Versammlungs- und Pressefreiheit und »der Freiheit der Arbeiter ohne Ausbeutung«70 entgegen. Dafür und wegen seiner Opposition zu Bonaparte, der sich 1852 als Napoléon III. zum Kaiser ausriefen ließ, wurde er für 20 Jahre aus Frankreich verbannt.

Noch vor seiner Verbannung hatte er auf dem Friedenskongress von Paris im August 1849 von den »Vereinigten Staaten von Europa« gesprochen. In seiner Eröffnungsrede sehnt er jenen Tag herbei, »an dem ein Krieg zwischen Paris und London, zwischen Petersburg und Berlin, zwischen Wien und Turin ebenso absurd und unmöglich erscheinen wird, wie heute bereits ein Krieg zwischen Rouen und Amiens, zwischen Boston und Philadelphia absurd und unmöglich ist.«71 Noch empathischer bekräftigte Hugo sein Bild eines zukünftigen Europa anlässlich der Pariser Weltausstellung 1867, die er vom Londoner Exil aus beobachtete und kommentierte: »Im zwanzigsten Jahrhundert wird es eine außergewöhnliche Nation geben (…), sie wird mehr als eine Nation, sie wird eine Zivilisation, sie wird eine Familie sein. Einheit der Sprache, Einheit der Währung, der Maße, der Zeit, der Gesetze … überall werden Schwerter zu Pflugscharen. (…) Diese Nation wird Paris als Hauptstadt haben, und sie wird nicht Frankreich heißen, sie wird sich Europa nennen.«72 Teile der Hugo’schen Vorstellungen haben sich erfüllt, doch von den zu Pflugscharen umgeschmiedeten Schwertern und der Freiheit der Arbeiter ohne Ausbeutung ist das Brüsseler Europa des 21. Jahrhunderts weit entfernt.

In den 1830er-Jahren gründeten Künstler und Intellektuelle in vielen europäischen Staaten Sammelbewegungen, die Ideen einer nationalen Wiedergeburt mit revolutionären Ansätzen verknüpften, wobei dem Wiedergebären meist eine imaginierte Nation zugrunde lag. So entstanden im Gefolge der französischen Julirevolution 1830 das »Junge Deutschland« als Literatenklub (mit u. a. Heinrich Heine und Heinrich Laube) und das »Junge Italien« (mit Giuseppe Mazzini) als wesentlich politischere Einrichtung als ihr deutsches Pendant. Kurzfristig existierte auch ein Zusammenschluss unterschiedlicher national und/oder bürgerlich revolutionär gesinnter Gruppen, die das Bulletin »Junges Europa« herausgab. Darin erschien im Jahr 1845 ein Aufruf zu einer demokratischen Umgestaltung des Kontinents, beschrieben als »europäische Assoziation, eine Föderation von Völkern auf dem Prinzip der nationalen Souveränität«.73 Die darin enthaltene Losung »Heilige Allianz der Völker« muss als revolutionärer Gegenentwurf zur reaktionären Heiligen Allianz gelesen werden, die 1815 zwischen den Monarchen Russland, Österreichs und Preußens geschlossen wurde.

Gegen den drohenden Hegemonieverlust: Paneuropa

Im Völkerschlachten des Ersten Weltkrieges zerstoben – vorerst – alle Europaideen. Zwischen der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914 und der Waffenstillstandsvereinbarung vom 11. November 2018 starben geschätzte 20 Millionen Menschen unmittelbar an den Folgen des erbarmungslosen Hauens und Stechens. Die Hälfte von ihnen waren Zivilisten, die andere Hälfte Soldaten. Die Entente (Russland, Frankreich, das Vereinigte Königreich und Verbündete) beklagte fünf Millionen getötete Kämpfer, die Mittelmächte (Österreich-Ungarn, Deutsches Reich, Osmanisches Reich und Bulgarien) knapp vier Millionen. Dazu kamen nochmals 21 Millionen Verletzte auf allen Seiten.74 Europa war tot, und mit ihm auch die Idee davon.

Und doch wieder nicht. Denn mitten im blutigsten Jahr der Schlachtengänge, 1915, schrieb der evangelische Theologe und Mitglied des deutschen Reichstages, Friedrich Naumann, ein Programm für eine mitteleuropäische Wirtschaftsgemeinschaft unter dem Titel »Mitteleuropa«.75 Er wollte bewusst einer Nachkriegsordnung vorgreifen: »Während ich dies schreibe, wird im Osten und Westen gekämpft. Absichtlich schreibe ich mitten im Krieg, denn nur im Krieg sind die Gemüter bereit, große umgestaltende Gedanken in sich aufzunehmen.«76 Naumanns Mitteleuropa war ein deutsch geführtes. Er sprach von einem »Zusammenwachsen derjenigen Staaten, die weder zum englisch-französischen Westbunde gehören noch zum russischen Reiche«, vor allem aber vom »Zusammenschluß des Deutschen Reiches mit der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie«.77 »In dieser heraufziehenden Geschichtsperiode (…) ist Preußen zu klein und Deutschland zu klein und Österreich zu klein und Ungarn zu klein.«78 Was Bismarck verabsäumt hatte, die großdeutsche Lösung, Naumann propagierte sie: Zwei Kaiserreiche mit all ihren Rand- und Erweiterungsgebieten sollten bis weit nach Osten die Fahnenstange Mitteleuropas setzen. »Mitteleuropa wird im Kern deutsch sein, wird von selbst die deutsche Welt- und Vermittlungssprache gebrauchen, muß aber vom ersten Tag an Nachgiebigkeit und Biegsamkeit gegenüber allen mitbeteiligten Nachbarsprachen zeigen, weil nur so die große Harmonie emporwachsen kann, die für einen allseitig umkämpften und umdrängten Großstaat nötig ist.«79 So hörte sich mitten im Völkerschlachten die damals vorherrschende Version des Multikulturalismus an.

Schon eine Woche nach dem Waffenstillstand gründete Naumann die »Deutsche Demokratische Partei« (DDP), die sich nach einer Fusion mit einer weiteren liberalen Kleinpartei »Deutsche Staatspartei« nannte. Dem deutschen Staat war Naumann Zeit seines Lebens – so unterschiedlich seine Ausprägungen vor und nach 1918 auch gewesen sein mögen – treu ergeben. In der wilhelminischen Epoche unterstützte er den preußischen Militarismus und die Kolonialpolitik des Kaisers, nach Kriegsende engagierte er sich anfangs, auch finanziell, im Rahmen der sogenannten »Antibolschewistischen Liga« gegen das kommunistische Russland und setzte sich mit seiner Vision eines Mitteleuropa für ein geopolitisches Konstrukt ein, das gerade eben erst unter der Führung dreier Monarchen einen Krieg verloren hatte.

Anfang der 1920er-Jahre betrat dann der promovierte Philosoph Richard Coudenhove-Kalergi die politische Bühne. Der japanisch-österreichische Graf mit tschechoslowakischer und später französischer Staatsbürgerschaft warf den Begriff Paneuropa in die Debatte. Das Präfix »pan« leitet sich vom Griechischen für »alles« bzw. »total« ab. So wollte der in Tokio geborene Kalergi auch sein Europa verstanden wissen, als er 1923 im Alter von 29 Jahren »Das pan-europäische Manifest«80 veröffentlichte. Anders als viele weiter oben beschriebene friedenspolitisch inspirierte Ideen des 19. Jahrhunderts setzte Coudenhove-Kalergi nicht auf Gesellschaftsveränderungen oder gar revolutionäre Kräfte. Sein Paneuropa machte bereits in seiner Symbolik auf dem Umschlag der Broschüre klar, woher die Inspiration kam und wohin das Projekt gehen sollte. Das rote Kreuzritterkreuz auf gelbem Grund wurde auch zum Logo der Paneuropa-Bewegung, deren Flagge heute zusätzlich zwölf goldene (EU)-Sterne zieren.

Christentum und Russlandfeindschaft waren die ideologischen Geburtshelfer der Paneuropa-Bewegung, die vor allem zwei drohenden Gefahren entgegentreten wollte: dem Krieg christlicher Staaten untereinander und einem Russland, gleich ob es nach 1918 unter bolschewistisch-roter oder unter reaktionär-weißer Führung wiedererstarken würde. Noch ganz unter dem Eindruck der verheerenden Waffengänge des Ersten Weltkriegs warnt Kalergi vor einem neuerlichen »europäischen Vernichtungskrieg (…), der unseren Erdteil in einen Friedhof verwandeln würde«.81 Sein Ton ist pathetisch, seine Botschaft »pan«, total: »Europas Schicksalsstunde schlägt«, heißt es im Manifest. »In europäischen Fabriken werden täglich Waffen geschmiedet, um europäische Männer zu zerreißen, in europäischen Laboratorien werden täglich Gifte gebraut, um europäische Frauen und Kinder zu vertilgen. (…) Europas Politik steuert einem neuen Krieg zu. (…) Dieser drohende Krieg bedeutet den gründlichen Untergang Europas, seiner Kultur und Wirtschaft. (…) Die zweite Gefahr, der ein zersplittertes Europa entgegengeht, ist: die Eroberung durch Rußland (…). Unter Führung eines roten oder weißen Diktators könnte Rußland, durch gute Ernten, amerikanisches Kapital und deutsche Organisation sich schneller aufrichten, als Europa ahnt. Dann werden die zersplitterten und uneinigen Kleinstaaten Europas der einigen russischen Weltmacht gegenüberstehen. (…) Vor dieser Gefahr gibt es nur eine Rettung: den europäischen Zusammenschluß. (…) Darum werft, Europäer, die europäische Frage in alle Debatten. Zwingt eure Mitmenschen, sich zu entscheiden für oder gegen den europäischen Gedanken. Macht es allen klar, daß es hier um alles geht.«82

Wie mit Zweiflern oder Gegnern seiner Paneuropa-Idee umzugehen sei, auch da machte Graf Coudenhove-Kalergi klar, dass er aufs Ganze gehen und jeden Widerspruch im Keim ersticken wollte: »Die, welche aus Blindheit Antieuropäer sind – klärt auf! Die es aus Wahnsinn sind – bekämpft! Die es aus Profitsucht und Ehrgeiz sind – vernichtet!«83 Europa, Wahnsinn oder Tod, lautete Kalergis Devise, Alternativen existierten für ihn keine. Er war vom Wettlauf zwischen Europas Einigung und Russlands Wiederaufrichtung überzeugt. Eine Brücke dazwischen sah er nicht und wollte sie, ganz in der Tradition spätmittelalterlicher Europabilder, nicht sehen.

Geographisch durchschnitt das Kalergi’sche Paneuropa den Kontinent in seiner Mitte, die Grenze sollte von Finnland bis zum Schwarzen Meer verlaufen, oder genauer »die Luftlinie, die Königsberg mit Odessa verbindet« darstellen, wie der Paneuropäer es in seinem später erschienen Buch »Weltmacht Europa«84 definierte. Die britischen Inseln und Irland sollten aus der Paneuropa-Idee ausgespart bleiben. Dies entsprach auch der Selbsteinschätzung weiter Kreise in Großbritannien. So fasste der nach 1945 zum »Europäer« mutierte Winston Churchill Anfang 1930 in einem Zeitungskommentar den Zugang der britischen Bourgeoisie zu einem Europa-Projekt folgendermaßen zusammen: »Wir sehen nur Gutes und Hoffnungsvolles in einer reicheren, freieren und zufriedeneren europäischen Gemeinschaft. Aber wir haben unseren eigenen Traum und unsere eigene Aufgabe. Wir sind mit Europa, aber nicht in Europa; mit ihm verbunden, aber nicht eingeschlossen.«85 Damit brachte das liberal-konservative Aushängeschild der herrschenden Klasse im Vereinigten Königreich die Sonderstellung der Inseln perfekt zum Ausdruck.

Zurück zur Paneuropa-Bewegung. Organisatorisch war sie als Verein organisiert, der mit großen Namen auf der Mitgliederliste kokettierte. Ihr Gründungskongress fand im Herbst 1926 in Wien unter der Schirmherrschaft des radikal-katholischen Prälaten und Bundeskanzlers Ignaz Seipel statt, der aus seiner Sympathie für die Militarisierung seiner christlich-sozialen Partei keinen Hehl machte. Unter den 2000 Delegierten fanden sich tatsächlich eine erquickliche Zahl prominenter Namen wie der frühere deutsche Reichskanzler Joseph Wirth, der amtierende tschechoslowakische Außenminister Edvard Beneš und der spätere französische Finanzminister Joseph Caillaux. Anfangs unterstützten auch Persönlichkeiten der politisch linken Reichshälfte die Paneuropa-Idee, so der Franzose Léon Blum, der Portugiese José Ortega y Gasset oder Albert Einstein. Eine Massenbasis blieb der Paneuropa-Union verwehrt, finanziell konnte sie sich hingegen über oft hohe Zuwendungen aus den Beständen des reichen Blut- und Geldadels – wie Coudenhove-Kalergi die alten und neuen Eliten genannt haben würde – nicht beschweren. Die erste Großspende kam in Form von 60.000 Goldmark vom Hamburger Banker Max Warburg.86

Die Paneuropa-Union besteht bis zum heutigen Tag. Mitte 2020 wird sie vom französischen Gaullisten Alain Terrenoire präsidiert, spielt aber politisch keine Rolle. Eine kurze Hochphase hatte sie im August 1989, als sie nahe der Grenze zu Österreich auf der ungarischen Seite ein sogenanntes »paneuropäisches Picknick« abhielt. Der damalige Präsident der Organisation, der CSU-Abgeordnete und Sohn des letzten österreichischen Kaisers Otto Habsburg, richtete diese Demonstration gemeinsam mit der ungarischen »Partei des demokratischen Forums« (MDF) aus. Flugblätter zur Teilnahme am Picknick wurden auf Campingplätzen rund um den Balaton an UrlauberInnen aus der DDR verteilt. Im Gefolge schlüpften 600 Ostdeutsche in den Westen. Die erste Massenflucht aus der DDR fand unter Anleitung der Paneuropa-Union an der ungarisch-österreichischen Grenze statt.

Einer der wenigen hochrangigen Politiker der Linken, die sich dem paneuropäischen Gedanken verpflichtet sahen, war der Franzose Aristide Briand. Als mehrfacher Ministerpräsident führte er die Sozialisten politisch in die Mitte. Als Außenminister unterzeichnete er 1925 mit seinem deutschen Gegenüber, dem nationalliberalen Gustav Stresemann, die Verträge von Locarno, die unmittelbar eine Entmilitarisierung des Rheinlandes bewirkten und mittelfristig eine deutsch-französische Aussöhnung herbeiführten. Diese war nach dem von Berlin als »Schandfrieden« bezeichneten Versailler Vertrag von 1919 keine Selbstverständlichkeit. Briand und Stresemann erhielten dafür im Jahr 1926 den Friedensnobelpreis. Mit der deutsch-französischen Annäherung verfolgte Stresemann allerdings, was in der Rezeption dieses Ausgleichs vielfach vergessen wird, geopolitische Interessen. Er wollte damit eine Verständigung Frankreichs mit Großbritannien auf der einen und/oder mit Russland bzw. der Sowjetunion auf der anderen Seite verhindern.87 Zu sehr stand Berlin noch unter dem Schock der anti-deutschen Allianz von vor dem Ersten Weltkrieg.

Mit seinem Memorandum vom 17. Mai 1930 (»L’organisation d’un régime d’union féderale européenne«) ging Aristide Briand noch einen Schritt weiter. Im Rahmen des 27 Mitglieder umfassenden Völkerbundes wollte er eine »Europäische Konferenz« einrichten, die der »Aufstellung des Grundsatzes zur moralischen Einheit Europas und zur feierlichen Bekräftigung der zwischen europäischen Staaten geschaffenen Solidarität«88 verpflichtet sein sollte. Im Briand’schen Europakonzept blieb die nationale Souveränität oberstes Gebot, es stand »auf der Grundlage des Gedankens der Einigung, nicht der Einheit«89, wie es dazu hieß. Die Mitgliedsstaaten des Völkerbundes zeigten sich höflich daran interessiert, außer der deutschen und der tschechoslowakischen Zustimmung ereilte das Memorandum allerdings das Schicksal vieler gut gemeinter Ratschläge; es landete im Papierkorb. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise 1929–1931, die erst langsam alle Branchen erfasste, sowie die kalte Schulter, die London dem Unterfangen zeigte, hatten dieser wohl wichtigsten Europa-Initiative der Zwischenkriegszeit den Todesstoß versetzt. Als dann am 31. Juli 1932 die NSDAP als Siegerin aus den Reichstagswahlen in Deutschland hervorging, war es mit der Idee einer auf friedlichem Wege hergestellten europäischen Einheit für lange Zeit vorbei.

Tausendjähriges Europa

Der Sieg der Nationalsozialisten 1932 ließ Begriffe wie Mitteleuropa oder Paneuropa aus der Mode kommen. Nun war durchaus parallel von deutsch und europäisch die Rede, wenn es galt, die Expansion nach Osten – und später auch nach Westen – zu rechtfertigen.

In der Frage, ob diese Expansion eine deutsche oder eine europäische Grundlage haben sollte, standen sich grundsätzlich zwei Fraktionen gegenüben. Für die ökonomisch argumentierenden Nazis und mit ihnen eine ganze Reihe von Institutionen war die kriegerische Neuordnung eine »europäische«, während die Ideologie-Fraktion prinzipiell »deutsch« dachte. Je näher die Niederlage gegen die Alliierten rückte, desto fließender wurde der Übergang vom deutsch imaginierten Kontinent zum europäischen.

Bereits seit den Schriften des Volkswirtschaftlers Friedrich List90 im Vormärz der 1840er-Jahre geisterte die Idee vom wirtschaftlichen »Großraum« durch Generationen von Nationalökonomen. Der damalige Kampf um die deutsche Zollunion, von List theoretisch geführt und auch praktisch angeleitet, sollte mit einem merkantilistischen, nach außen die heimische Wirtschaft schützenden Konzept einen solchen, deutsch geführten Großraum schaffen. Der Gedanke des Nachholens gegenüber den kolonialen Weltmächten Großbritannien und Frankreich findet sich in vielen Schriften auch der 1930er-Jahre wie z. B. bei Carl Schmitt. Sein 1938 veröffentlichter Aufsatz »Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte«91 leistete den Nationalsozialisten Vorschub für ihre völkisch argumentierte Expansionsstrategie, obwohl Schmitt diese nicht teilte, sondern von einer völkerrechtlichen Legitimation sprach.92 Seine Großraumordnung sah das Deutsche Reich im Kern, das sich auf die angrenzenden deutschen Siedlungsgebiete erweitern und diese Erweiterung durch Verträge mit den Nachbarstaaten absichern sollte.

Großraumwirtschaft: unter diesem Schlagwort formulierten Geopolitiker und Ökonomen der Nationalsozialisten ihre Visionen. Ihre Idee des deutschen Vormarsches war eine europäische. In Forschungsinstituten und akademischen Einrichtungen wie der »Zentralstelle für europäische Großraumwirtschaft«, der »Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung und Großraumwirtschaft« oder dem »Institut für Großraumwirtschaft« entwickelten sie seit den späten 1930er-Jahren Konzepte einer europäischen Wirtschaftspolitik unter deutscher Führung. In den Worten des Industriellen und Leiters der Abteilung Außenhandel im Außenpolitischen Amt der NSDAP, Werner Daitz, klang das dann 1936 folgendermaßen: »Die Freiheit, die Ehre und die Selbständigkeit jedes Volkes und jeder Volkswirtschaft ist die unerläßliche Voraussetzung einer neuen fruchtbaren europäischen Arbeits- und Kulturgemeinschaft. Eines neuen kontinentaleuropäischen Wirtschaftskreislaufes, der allein den Lebens- und Kulturstandard der europäischen Völker wieder heben kann. Europa den Europäern! (…) Deutschland, in der Mitte des europäischen Kontinents gelegen, ist an erster Stelle verpflichtet, diese Aufgabe der Errichtung einer kontinentaleuropäischen Großraumwirtschaft nicht nur zu verkünden, sondern auch handelspolitisch-praktisch zu betätigen. Deutschland ist in dieser Hinsicht verantwortlich für Europa.«93 Europa den Europäern!, lautete also die Devise in Kreisen nationalsozialistischer Unternehmer.

Werner Daitz war eine der führenden Unternehmerfiguren in der NSDAP und seit dem Jahr 1931 Mitglied in deren Reichsleitung. Immer wieder mahnte er den Blick auf das – europäische – Ganze ein: »Wenn wir den europäischen Kontinent wirtschaftlich führen wollen, wie dies aus Gründen der wirtschaftlichen Stärke des europäischen Kontinents als Kernraum der weissen Rasse unbedingt erforderlich ist und eintreten wird, so dürfen wir aus verständlichen Gründen diese nicht als eine deutsche Großraumwirtschaft öffentlich deklarieren. Wir müssen grundsätzlich immer von Europa sprechen, denn die deutsche Führung ergibt sich ganz von selbst und aus dem politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, technischen Schwergewicht Deutschlands und seiner geografischen Lage.«94

Schon unmittelbar nach Kriegsausbruch im September 1939 waren auch aus dem Reichsaußenministerium ganz ähnliche Töne zu hören gewesen. »Der gegenwärtige Krieg«, hieß es da, »ist auch ein Krieg um die Einheit und Freiheit Europas.« Wie in vielen, weiter oben beschriebenen historischen Europabildern wird der Krieg mit einem zukünftigen, dann endgültigen Frieden legitimiert: »Seine Ziele sind: Herstellung eines dauerhaften, gesicherten Friedens für die europäischen Länder. Sicherheit gegen wirtschaftliche Erdrosselung und raumfremde Einmischung Englands und der Vereinigten Staaten. Europa den Europäern. Gemeinsame Lösung des bolschewistischen Problems. Ohne Vernichtung des Bolschewismus keine Freiheit und Sicherheit für Europa. (…) Überwindung des europäischen Partikularismus durch friedliche und freie Zusammenarbeit der europäischen Völker.«95 Wären da nicht Vokabel wie »raumfremd« und »Vernichtung« und ginge es nicht (auch) gegen das Vereinigte Königreich und die USA, dann könnte eine solche ministerielle Aktennotiz auch 80 Jahre später in einem internen Brüsseler E-Mail stehen.

Auch das damals junge Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, machte auf einem Vortrag im Oktober 1940 vor Bankern klar, dass die Wehrmacht für ihre europäischen Interessen im Einsatz sei: »Heute bietet der europäische Raum unserer politischen Einflußsphäre reiche und lohnende Möglichkeiten, um den Rahmen unserer Leistungsfähigkeit zu füllen. Die Aufgaben, die hier der Lösung harren, sind so groß, daß neben uns auch unsere hochentwickelten Nachbarländer ein weites Feld für ihre Kapitalausfuhr finden werden. Man denke nur an eine den Gesamtbedürfnissen des Großraums Rechnung tragende Ausgestaltung des Verkehrswesens.«96 Abs’ Deutsche Bank, eine der großen Gewinnerinnen des deutschen Vormarsches (allein in der Ostmark übernahm sie nach 1938 die Mehrheit an der größten österreichischen Bank97), exerzierte den Gleichschritt zwischen führender deutscher Nation und Europavision musterhaft vor. Übrigens: Nach der Niederlage Hitlers durfte Hermann Josef Abs im selben führenden Geldinstitut weitermachen, organisierte die Kreditanstalt für Wiederaufbau und war bis 1976 Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank, ab 1976 deren Ehrenvorsitzender.

Auch auf höchster politischer Ebene apportierte man die europäischen Vorgaben der deutschen Industrie. Reichswirtschaftsminister Walther Funk schrieb am 6. August 1940 an den Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches, Hermann Göring:«[B]etreffs: Kontinental- und Grossraumwirtschaft: ich gehe davon aus, dass die Eingliederung der besetzten Gebiete in die grossdeutsche Wirtschaft und der Neuaufbau einer europaeischen Kontinentalwirtschaft unter deutscher Fuehrung (…) durch eine Reihe von Einzelmassnahmen erreicht werden muss. Massgebend muss dabei sein, die europaeischen Volkswirtschaften so vollkommen und eng wie moeglich mit der grossdeutschen Wirtschaft zu verflechten.«98 Direkt prophetisch liest sich aus heutiger Sicht eine Rede des besagten Wirtschaftsministers Funk vom 25. Juli 1940. Darin spricht er die Probleme einer einheitlichen Währung in einem Raum mit unterschiedlichen Entwicklungsniveaus an: »Im Rahmen einer gesunden europäischen Wirtschaft und einer vernünftigen wirtschaftlichen Arbeitsteilung zwischen den europäischen Volkswirtschaften wird sich die Währungsfrage von selbst lösen, weil sie dann nur noch ein Problem der richtigen Geldtechnik ist. Es ist selbstverständlich, daß die Reichsmarkwährung dabei eine dominierende Stellung haben wird. (…) Aber eine Währungsunion bedingt allmählich angeglichenen Lebensstandard (…).«99

Neben der wirtschaftlichen Großraum-Idee war auch die internationale Propaganda der Nazis europäisch gefärbt. So erschien zwischen 1940 und 1945 die eigens für besetzte Gebiete konzipierte Zeitschrift »Signal«. Ihre Auflage betrug fast zwei Millionen Exemplare in 15 Sprachen. Die französische Ausgabe war das Flaggschiff. Von ihr wurden im Jahr 1943, am Höhepunkt der medialen Vorwärtsstrategie, 800.000 Stück gedruckt.100 Wenig verwunderlich argumentierten die Nazis darin nicht mit »deutschem Volk« oder »deutschem Vormarsch«, stattdessen war konsequent von »europäischer Einigung«, »föderalem Europa« oder »Europäischer Wirtschaftsgemeinschaft«101 die Rede.

Auch während grausamster Kriegsverbrechen operierte die Berliner Propagandaabteilung mit dem Europabegriff und ließ Flugschriften entsprechenden Inhalts mit ihren Bombern über feindlichen Städten abwerfen. So z. B. während der eineinhalbjährigen Belagerung Leningrads, bei der über eine Million Menschen, meist am Hungertod, starben. Die Nazis glaubten offenbar, der russischen Zivilbevölkerung den »Endsieg« als gemeinsame europäische Zukunft vorgaukeln zu können.

Oranienbaum liegt eine knappe Autostunde von St. Petersburg entfernt direkt am Finnischen Meerbusen. Die abgewrackten Schiffe im kleinen Hafen zeugen von besseren Zeiten, als der kleine Ort noch Lomonossow hieß, benannt nach dem hier aufgewachsenen Michael Lomonossow, der zum Sinnbild des sozialistischen Aufstiegs geworden war, vom (tatsächlich gar nicht so) armen Bauernjungen zum weltweit bekannten Wissenschaftler. Heute heißt die Siedlung wieder Oranienbaum, sicherheitshalber stehen beide Bezeichnungen auf dem kleinen Bahnhofsgebäude. Touristen verschlägt es hierher wegen des großen Palastes, den Peter der Große Anfang des 18. Jahrhunderts für seinen engsten Vertrauten, Fürst Alexander Menschikow, erbauen ließ. In keinem Reiseführer wird hingegen das interessante städtische Museum in der Innenstadt erwähnt, dessen größtes von drei Zimmern von der Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht erzählt. Diese im sowjetischen wie postsowjetischen Diskurs als Blockade bekannte Aushungerung einer europäischen Großstadt dauerte vom September 1941 bis Anfang 1944 und kostete 1,1 Millionen Menschen das Leben. Auch Oranienbaum war in dieser Zeit von deutschen Truppen eingeschlossen, von der Außenwelt abgeschnitten. In einer Vitrine des Stadtmuseums findet sich ein höchst interessantes kleines Büchlein, mit dem die deutsche Wehrmacht im Jahr 1942 Stimmung für ihren – letztlich gescheiterten – Vormarsch machte. Und dieses wenige Seiten starke Büchlein ist für das Thema unseres Buches bedeutsam. Es ist ein schwarz-weiß gehaltener Volkskalender in russischer Sprache, der offensichtlich in großer Stückzahl Ende 1941 über den eingeschlossenen russischen Gebieten in und um Leningrad abgeworfen wurde. »Nowaja Evropa« (»Neues Europa«) steht in kyrillischen Lettern über der Jahreszahl 1942, das neue Jahr ankündigend. Mit dem Versprechen auf ein »neues Europa« wollten also die Nationalsozialisten die russische Zivilbevölkerung für sich gewinnen, eine angesichts der Hungerblockade zynische Vorstellung.

Die Chefideologen der Nationalsozialisten hatten – entgegen der Wirtschaftsfraktion und dem Außenministerium – mit dem Begriff Europa nichts am Hut. Reichspropagandaleiter Josef Goebbels brachte diesen Zwiespalt zwischen Unternehmern, Ökonomen und Außendarstellern auf der einen Seite und der deutsch-völkischen Ideologie auf der anderen Seite vor einer Schar ausgewählter Journalisten am 5. April 1940 zum Ausdruck: »Wenn heute wer fragt, wie denkt ihr euch das neue Europa, so müssen wir sagen, wir wissen es nicht. Gewiß haben wir eine Vorstellung. Aber wenn wir sie in Worte kleiden, bringt uns das nur Feinde. (…) Heute sagen wir ›Lebensraum‹. Jeder kann sich vorstellen, was er will. Was wir wollen, werden wir zur rechten Zeit schon wissen.«102

Adolf Hitler und Heinrich Himmler bildeten die Speerspitze der Idee vom rein deutschen, germanischen Großraum, den sie sich als Siedlungsgebiet für Arier vorstellten. Tatsächlich war es purer Rassismus, der Menschen und Völker in den eroberten Gebieten Germanisierung oder Ausrottung anheimstellte. Hitler skizziert sein Bild eines zukünftigen Kontinents folgendermaßen: im Süden das faschistische Italien, im Westen ein entmachtetes Frankreich und Osteuropa als deutschen Lebensraum, und das alles geführt vom »Reich aller Deutschen« in der Mitte.103

Gegen Kriegsende hin wurden die Vorstellungen der Nazis über Europas Neuordnung geradezu visionär, nachkriegsvisionär. Angesichts der drohenden Niederlage geriet das NS-Bekenntnis zur Vorherrschaft der deutschen Rasse in den Hintergrund. Schon am 21. März 1943 hatte Hitlers prominentester Außenpolitiker, Joachim von Ribbentrop, die Gründung eines europäischen Staatenbundes vorgeschlagen.104 Und ein Entwurf für eine Denkschrift des Auswärtigen Amtes über die Schaffung eines »Europäischen Staatenbundes«, der ein halbes Jahr später, im September 1943, bereits unter dem Eindruck eines möglicherweise bevorstehenden Zusammenbruchs der Nazi-Diktatur geschrieben worden ist, nimmt die Nachkriegsdiktion für die Schaffung einer europäischen Einigung vorweg: »Die Einigung Europas, die sich in der Geschichte bereits seit längerem abzeichnet, ist eine zwangsläufige Entwicklung. (…) Europa ist zu klein geworden für sich befehdende und sich gegenseitig absperrende Souveränitäten. (…) Die Lösung der europäischen Frage kann nur auf föderativer Basis herbeigeführt werden, indem die europäischen Staaten sich aus freiem, der Einsicht der Notwendigkeit entsprungenem Einschluß zu einer Gemeinschaft souveräner Staaten zusammenschließen. (…) Der europäische Staatenbund muß die Gemeinschaft möglichst aller europäischen Staaten sein. (…) Es war ein schwerer politischer Fehlgriff, daß die Mächte, die nach Beendigung des ersten Weltkrieges die Verantwortung für die Ordnung Europas hatten, den Unterschied zwischen Siegern und Besiegten zu verewigen suchten. Dieser Fehlgriff darf nicht wiederholt werden, vielmehr wird den besiegten Staaten in der neuen Gemeinschaft der europäischen Völker von Anfang an ein gleichberechtigter Platz einzuräumen sein, wenn sie bereit sind, an dem Aufbau des neuen Europa legal und positiv mitzuarbeiten. (…) Die Zeit der europäischen Binnenkriege muß beendet und der europäische Partikularismus überwunden werden.«105

Mit ähnlichen Floskeln hatte Mitte der 1930er-Jahre das deutsch-europäische Abenteuer begonnen. Nun, im Angesicht einer möglichen Niederlage, diktierten NS-Ideologen der nächsten Generation ihre europäischen Neuordnungspläne. Die Kapitulation Berlins am 8. Mai 1945 bedeutete weder in inhaltlicher noch in personeller Hinsicht einen vollständigen Bruch. In Bezug auf nationalsozialistische Europaideen war sogar Kontinuität angesagt. Diese Tatsache können auch aktuelle Interpretationen von nationalsozialistischen Erweiterungsplänen nur schwer kaschieren, die angesichts des seit 1989/91 stattfindenden Vormarsches deutsch-europäischer Unternehmer und Militärs Richtung Osten eine klare Distanz zur NS-Aggression schaffen wollen. In der Wahl der Mittel besteht diese fraglos, ihr strukturelles Ziel weist dennoch Ähnlichkeiten auf. Diese Parallelen klein zu reden oder gänzlich zu verschweigen, damit tut sich die Fachwelt der Historiker schwer. Der in Wien lehrende Historiker Wolfgang Schmale versucht es: »Der Nationalsozialismus hat zwar Europavorstellungen entwickelt, aber gemessen an der Tradition der Europaidee waren diese anti-europäisch.«106 Hier irrt der Professor. Die im Erscheinungsjahr 2001 von Schmales Band »Geschichte Europas« euphorisierte Sicht auf die Osterweiterung der Europäischen Union sollte nicht zu einer voluntaristischen Geschichtsauffassung führen, nach dem Motto: was nicht ins aktuelle Konzept passt, ist anti-europäisch.

10 Rolf Hellmut Foerster, Europa. Geschichte einer politischen Idee. München 1967, S. 11

11 Zit. in: Uwe Walter, Skinners Seitenblick – antike und moderne Freiheit. In: https://blogs.faz.net/antike/2009/02/02/skinners-seitenblick-antike-und-moderne-freiheit/ (30. 3. 20)

12 https://de.wikipedia.org/wiki/Sklaverei_im_antiken_Griechenland#Wirtschaftliche_Bedeutung (13. 8. 2019)

13 Foerster 1967, S. 28

14 Wolfgang Geier, Europabilder. Begriffe, Ideen, Projekte aus 2500 Jahren. Wien 2009, S. 29–30

15 89. Ökumenisches Symposion der Stiftung »Pro Oriente« zum Thema »Orthodoxe und Griechisch-Unierte in der Westukraine«, Mitschrift vom 30. Juni 1998

16 Foerster 1967, S. 37f.

17 Michael Gehler, Europa. Von der Utopie zur Realität. Innsbruck–Wien 2014, S. 18

18 Vgl. Viorel Roman/Hannes Hofbauer, Transsilvanien – Siebenbürgen. Begegnung der Völker am Kreuzweg der Reiche. Wien 1996, S. 31

19 Andrea Komlosy, Europa und seine Grenzen, in: Thomas Ertl/Andrea Komlosy/Hans-Jürgen Puhle (Hg.), Europa als Weltregion. Zentrum, Modell oder Provinz? Wien 2014. S. 28

20 Oskar Halecki, Europa. Grenzen und Gliederung seiner Geschichte. Darmstadt 1957, S. 34

21 Vgl. Foerster 1967, S. 42

22 zit. in: Karl Heinrich Peter (Hg.), Reden, die die Welt bewegten. Stuttgart 1959, S. 14

23 In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts fanden auch Kreuzzüge gegen die elbslawischen Wenden und andere Ostseevölker statt, um sie – in Christi Namen – zu missionieren.

24 https://www.wikizero.com/de/Kreuzzug (19. 9. 2019)

25 Jacob Burckhardt, Historische Fragmente. Aus dem Nachlaß gesammelt von Emil Dürr. Basel 1942, S. 55, zit. in: Foerster 1967, S. 43

26 zit. in: Jürgen Mittag, Kleine Geschichte der Europäischen Union. Von der Europa-Idee bis zur Gegenwart. Münster 2008, S. 38

27 Vgl. Foerster 1967, S. 67

28 zit. in: Rolf Hellmut Foerster, Die Idee Europa 1300−1946. Quellen zur Geschichte der politischen Einigung. München 1963, S. 35f.

29 Der Machtkampf tobte zwischen den Ghibellinen (Kaiserlichen) und den Guelfen (Papst-Anhängern), zu denen auch Dante gehörte.

30 zit. in: Rolf Hellmut Foerster 1963, S. 40

31 Dietmut Majer/Wolfgang Höhne, Europäische Einigungsbestrebungen vom Mittelalter bis zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1957, Band 3 der Schriftenreihe Juris Fontes. Karlsruhe 2014, S. 37

32 Ebd., S. 38

33 Wolfgang Geier 2009, S. 50

34 Gehler 2014, S. 51

35 zit. in: Denkwürdigkeiten, Zürich 1783−1786, S. 470; zit. in: Rolf Hellmut Foerster 1967, S. 141

36 Hans-Heinrich Nolte, Weltgeschichte. Imperien, Religionen und Systeme. 15. bis 19. Jahrhundert. Wien-Köln-Weimar 2005, S. 289f.

37 Leibniz, Sämtliche Schriften und Briefe. Akademieausgabe, 4. Reihe, Politische Schriften, Bd. 1. Darmstadt 1931, S. 167

38 vgl. Foerster 1967, S. 154f.

39 Leibniz, Bedenken, welchergestalt Securitas publica interna et externa et Status praesens im Reich jetzigen Umständen nach auf festen Fuß zu stellen; zit. in: Foerster 1963, S. 73

40 Robespierre, Œuvres, Bd. 4, Discours 1789−1790. Paris 1950, S. 359

41 Vgl. Hans-Heinrich und Christiane Nolte, Vom Jakobiner zum Imperator. In: Wiener Zeitung vom 10./11. August 2019

42 zit. in: Foerster 1963, S. 238

43 zit. in: Emmanuel de Las Cases, Denkwürdigkeiten von Sanct-Helena, Bd. 5, Stuttgart-Tübingen 1826, S. 308f.

44 Ebd., Bd. 7, S. 125f.

45 zit. in: Foerster 1963, S. 167f.

46 Schmale 2001, S. 95

47 Ebd., S. 94

48 Stuart Woolf, Napoleon’s Integration of Europe. London 2015

49 Protokolle der Bundesversammlung 1819, 35. Sitzung, § 220, zit. in: Dietmut Majer/Margarethe Hunzinger (Hg.), Verfassungsstrukturen, Freiheits- und Gleichheitsrechte in Europa seit 1789. Eine Sammlung ausgewählter Verfassungstexte. Karlsruhe 2009, S. 267

50 Conrad Friedrich von Schmidt-Phiseldek, Europa und Amerika. Kopenhagen 1820, S. 125; zit. in: Foerster 1967, S. 266

51 Conrad Friedrich von Schmidt-Phiseldek, Der Europäische Bund. O. O. o. J., S. 146; zit. in: Foerster 1967, S. 266

52 Friedrich List, Das nationale System der politischen Ökonomie. Jena 1904, S. 62

53 Ebd.

54 Brief von Ernest Renan an seinen Schriftstellerkollegen David Friedrich Strauß vom 13. September 1870, zit. in: Ernest Renan, Nation? Und andere politische Schriften, in: Œuvres Renan 1947, Tome 1, S. 446, zit. in: Dieter Langewiesche, Staat, Nation und Föderation in der europäischen Geschichte. Münster 2008, S. 15

55 Der Beitrag der semitischen Völker zur Geschichte der Zivilisation (1862), in Œuvres Renan 1947, Tome 2, S. 333, zit. in Langewiesche 2008, S. 16

56 Der deutsch-französische Krieg (1870), in: Œuvres Renan 1947, Tome 1, S. 421, zit. in: Langewiesche 2008, S. 16

57 Erasmus von Rotterdam, Klage des Friedens, der bei allen Völkern verworfen und niedergeschlagen wurde (1517 auf Lateinisch). Zit. in: Kurt von Raumer, Ewiger Friede. Friedensrufe und Friedenspläne seit der Renaissance. Freiburg 1953, S. 226

58 Ebd., S. 236

59 Comenius (Komenský), Ausgewählte Schriften. Leipzig 1924, Kap. VIII, 14, S. 90

60 Foerster 1967, S. 160

61 William Penn, Essay towards the Present and Future Peace in Europa, zit. in: Rolf Hellmut Foerster (Hg.), Die Idee Europa 1300−1946. Quellen zur Geschichte der politischen Einigung. München 1963, S. 81

62 zit. in: von Raumer 1953, S. 341

63 zit. in: von Raumer 1953, S. 345

64 Abbé de Saint-Pierre, Œuvres, T. XXII., S. 90; zit. in: Foerster 1967, S. 186

65 Vgl. Majer/Höhne 2014, S. 83

66 zit. in: Foerster 1967, S. 203

67 Jean-Jaques Rousseau, Auszug aus dem Plan des Ewigen Friedens des Herrn Abbé de Saint-Pierre. Paris 1756, zit. in: Foerster 1963, S. 101

68 Immanuel Kant, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht. 1784/1795, in: Immanuel Kant, Kleine Schriften, 7. Satz, Leipzig 1871

69 Ebd., S. 11f.

70 Victor Hugo, Œuvres Complètes. Bd. 15. Paris 1985, S. 358f., zit. in: Wolfgang Geier, Europabilder. Begriffe, Ideen, Projekte aus 2500 Jahren. Wien 2009, S. 122

71 Ebd., S. 356f., zit. in: Geier 2009, S. 120

72 Ebd., S. 357f., zit. in: Geier 2009, S. 121

73 Vgl. Geier 2009, S. 116

74 http://www.centre-robert-schuman.org/userfiles/files/REPERES%20-%20Modul%201-1-1%20-%20Notiz%20-%20Bilanz%20in%20Ziffern%20des%20Ersten%20Weltkrieges%20-%20DE.pdf (9. 11. 2019)

75 Friedrich Naumann, Mitteleuropa. Berlin 1915

76 Naumann, zit. aus: Reinhard Opitz (Hg.), Europastrategien des deutschen Kapitals 1900−1945. Bonn 1994, S. 336.

77 Ebd.

78 Ebd., S. 337

79 Ebd., S. 341

80 Richard Coudenhove-Kalergi, Das pan-europäische Manifest. Wien Leipzig 1923

81 Richard Coudenhove-Kalergi, Das pan-europäische Manifest. Wien Leipzig 1923, siehe: https://politik.brunner-architekt.ch/wp-content/uploads/2013/12/coudenhove_europaeische_manifest.pdf (18. 12. 2019), zit. in: Foerster 1963, S: 226f.

82 Coudenhove-Kalergi 1923, zit. auch in: Foerster 1963, S. 227/235

83 Ebd., S. 235

84 Richard Coudenhove-Kalergi, Weltmacht Europa. Stuttgart 1971, S. 11

85 Saturday Evening Post vom 15. Februar 1930, zit. in: Heinrich von Siegler, Dokumentation der europäischen Integration. Bonn 1961, S. XI.

86 Majer/Höhne 2014, S. 144

87 Siehe: Brockhaus Enzyklopädie, Mannheim 1993, Bd. 21, S. 326

88 Briand-Memorandum vom 17. Mai 1930, zit. in: Majer/Höhne 2014, S. 147

89 Ebd., S. 148

90 Friedrich List, Das nationale System der politischen Ökonomie. Stuttgart 1883 (1841).

91 Carl Schmitt, Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte. Berlin 1939

92 Vgl. hierzu Sebastian Liebold, Konzeptionelle Überlegungen. In: Hendrik Thoß (Hg.), Mitteleuropäische Grenzräume (Chemnitzer Europastudien, Bd. 3). Berlin 2006

93 Denkschrift von Werner Daitz über die Errichtung einer Zentralstelle für europäische Großraumwirtschaft. Zit. in: Opitz 1994, S. 630

94 Denkschrift von Werner Daitz betreffend die Errichtung eines Reichskommissariats für Großraumwirtschaft (31. Mai 1940). Zit. in: Opitz (Hg.) 1994, S. 669

95 Anonyme Notiz für das Reichsaußenministerium vom September 1939, siehe: https://archive.org/stream/QuellenZurNeuordnungEuropasTeil1/Neuordnung1_djvu.txt (18. 12. 2019), Teile davon zitiert in: Schmale 2001, S. 122

96 Hermann Josef Abs in einem Vortrag »Aktive Kapitalpolitik« auf einer Veranstaltung des Deutschen Instituts für Bankwissenschaft und Bankwesen. (25. 10. 1940). Zit. in: Opitz (Hg.) 1994, S. 798

97 siehe: Hannes Hofbauer, Westwärts. Österreichs Wirtschaft im Wiederaufbau. Wien 1992, S. 29

98 Aus dem Briefwechsel Funk-Göring. Zentrales Staatsarchiv Potsdam, NP Fall XI, Dokumentenbuch 88 II, Bd. 369. Zit. in: Opitz (Hg.) 1994, S. 755

99 Rede von Walther Funk vom 25.Juli 1940, zit. in: Schmale 2001, S. 122

100 Majer Höhne 2014, S. 159/160

101 Ebd., S. 162

102 Joseph Goebbels am 5. April 1940, zit. in: Mark Mazower, Hitlers Imperium: Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. München 2009, S. 119

103 Adolf Hitler, Mein Kampf. München 1934 (10. Auflage), zit. in: Majer/Höhne 2014, S: 195

104 Schmale 2001, S. 123

105 Entwurf für eine Denkschrift des Auswärtigen Amtes über die Schaffung eines »Europäischen Staatenbundes« (9. 9. 1943) aus: Zentrales Staatsarchiv Potsdam. Filmsammlung, Nr. 5582, Bl. D 514553ff. Zit. in: Opitz (Hg.) 1994, S. 957f.

106 Schmale 2001, S. 116

3. Nach 1945: Westeuropa wird amerikanisch

Bruch oder Kontinuität? Die gängige zeithistorische Forschung weicht der Frage aus, wenn es darum geht, den Übergang von der Großraumpolitik der NS-Zeit zu europäischen Einigungsbestrebungen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu betrachten. Oder sie macht es sich noch einfacher und definiert »Europa« als ein Konstrukt des Neubeginns, ja als Antithese zu den Nationalsozialisten. Bereits am Ende des vorigen Kapitels haben wir gesehen, dass man es sich so leicht nicht machen kann.

Da wäre einmal die Europaidee aus NS-Wirtschaftskreisen rund um Figuren wie Werner Daitz, Großindustrieller und hochrangiger NSDAP-Funktionär, die für ein wirtschaftlich geeintes Europa eintraten, dessen deutsche Führung sie als selbstverständlich erachteten, was jedoch mit Fortdauer des Krieges immer föderalistischer gedacht wurde. Auch die meisten der deutschen »Europäer« der Nachkriegszeit hatten ihr ökonomisches Handwerk unter der NS-Diktatur gelernt, personell gab es in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands diesbezüglich keine Brüche, keine politischen Säuberungen. Banker wie das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank Hermann Josef Abs oder der spätere Bundesbankpräsident Karl Blessing führten das deutsche Projekt der frühen 1940er-Jahre nahtlos in das europäische Projekt nach dem Kriegsende über. Auch Führungskräfte in Politik und Diplomatie wie der Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard oder einer der »Väter des europäischen Gedankens«, Walter Hallstein, konnten ihre Nazi-Karrieren beim Aufbau Europas – sprich: Westeuropas – nutzbringend verwenden.

Mit den Siegern einte sie das Kriegsziel der Großraumwirtschaft, die nun nach dem Ende der NS-Schreckensherrschaft allerdings so nicht mehr genannt wurde. Gänzlich anders geartet war freilich die Art und Weise, wie ein solches Europa zustanden kommen sollte. Die brachiale Eroberungspolitik der Wehrmacht, in deren Schatten Menschen nach Rassen eingeteilt und je nach Zuordnung gebraucht, verbraucht oder vernichtet wurden, fand mit der bedingungslosen Kapitulation ihr Ende. Das neue Europa fußte auf Frieden und Verständigung, zur Wiederbewaffnung Deutschland sollte es noch Jahre dauern und an eine Militarisierung des westeuropäischen Einigungsprojektes war anfangs nicht gedacht.

Eine Konstante überlebte jedoch den Bruch vom Kriegsgang der Nazis zwecks Herstellung eines europäischen Großraums zur vorerst wirtschaftlichen, später politischen und schließlich militärischen Einigung des westlichen Halbkontinents unter blauer Fahne mit goldenen Sternen: das war die Feindschaft zur Sowjetunion bzw. zu Russland. Sie war Hitlers Antrieb, seine Armeen zu einer imaginierten »zivilisatorischen Mission« in den Osten zu schicken. Dieselbe Feindschaft bildete auch die Grundlage einer permanent antikommunistischen Stoßrichtung westeuropäischer Einigungsschritte, wie wir in der Folge sehen werden.

Und noch eine wesentliche geopolitische Änderung fand auf dem europäischen Parkett statt. Die deutsche Führung war perdu, an ihre Stelle trat die US-amerikanische. Auf militärischer Ebene funktionierte der Übergang geradezu bruchlos, im Baltikum und in der Ukraine übernahmen US-Geheimdienst und US-Außenministerium die lokalen Verbündeten Berlins. Und wirtschaftlich zog Washington schon während des Krieges die Fäden, die Westeuropa zusammenhalten sollten.

Es war also beides. Kontinuität und Bruch fanden parallel zueinander statt.

Von den War-and-Peace-Studies zu Bretton Woods

Als die USA am 8. Dezember 1941 als Antwort auf den japanischen Angriff auf Pearl Harbour ihren Eintritt in den Zweiten Weltkrieg erklärten, folgten sie einem Plan, der bereits zuvor in einer Arbeitsgruppe des »Council on Foreign Relations« (CFR) ausgearbeitet worden war. Der CFR bestand seit 1921 als Think-Tank der mächtigsten US-Konzerne. John P. Morgan, Paul M. Warburg und John D. Rockefeller gehörten von Anfang an zu den wichtigsten Finanziers dieses »außenpolitischen Establishments der USA«,107 wie die Zeitschrift Newsweek den Council später einmal definieren sollte. Tatsächlich bildeten Vertreter von Unternehmen der Rockefeller-Gruppe (Chase Manhattan Bank, Bank of New York, Metropolitan Life, Mobil Oil, Standard Oil etc.) und der Morgan-Gruppe (Morgan Stanley, US Steel, General Electric, IBM etc.) den Kern dieses Braintrusts. Seine Vorstandsmitglieder sollten nach dem Zweiten Weltkrieg steile Karrieren machen. So wurde der Industrielle William A. Harriman Botschafter in London, der US-Handelsminister und Sonderbeauftragte für den Marshall-Plan John F. Dulles bekam den Posten des US-Außenministers, sein Bruder Allan W. Dulles leitete während des Krieges den US-Geheimdienst OSS und baute danach die CIA auf, und der ranghohe Außenamtsmitarbeiter George F. Kennan gab in der hauseigenen Postille Foreign Affairs bereits unmittelbar nach Kriegsende die Losung aus, die Sowjetunion sei in die Knie zu zwingen. »Die USA haben es in ihrer Hand, die Belastungen, unter denen die sowjetische Politik operiert, enorm zu verschärfen und auf diese Art und Weise Entwicklungen zu fördern, die mit der Zeit entweder zum Zusammenbruch oder zur Aufweichung der sowjetischen Macht führen müssen«108, schrieb er im Jahr 1947 unter dem Pseudonym »Mr. X«, weil er zu dieser Zeit nach seiner Arbeit als US-Diplomat in Moskau einen führenden Posten an der neu gegründeten Nationalen Kriegsakademie bekleidete und diese Funktion es ihm nicht erlaubte, unter Klarnamen zu publizieren.

Aus diesem unternehmerischen und personellen Umfeld heraus formierte sich im Laufe des Jahres 1939 die CFR-Arbeitsgruppe »War-and-Peace-Studies«. Schnell ging sie daran, die deutsche Großraumidee transatlantisch umzuinterpretieren. Im Bewusstsein, den bevorstehenden Waffengang für sich zu entscheiden, formulierten die Transatlantiker noch vor dem Kriegseintritt der USA ihre Nachkriegsvision. »Während einer Übergangsperiode der Anpassung und des Wiederaufbaus könnte der Großraum ein wichtiger Stabilisator der Weltwirtschaft sein«, heißt es in einem Memorandum; und weiter: »Vielleicht wäre es sogar möglich, die europäische Ökonomie in die des Großraums einzuflechten.«109 Die Geschichte hat gezeigt, dass das Vorhaben gelungen ist.

Noch war es freilich nicht so weit. Die US-amerikanische Öffentlichkeit musste noch vom Kriegsgang in Europa überzeugt werden. Sie war mehrheitlich dagegen, »isolationistisch eingestellt«, wie es jene nannten, die bereits imperialistische Nachkriegspläne schmiedeten. Es war der militärisch-industrielle Komplex, der entsprechenden Druck machte, auch auf Präsident Franklin D. Roosevelt. Dieser hatte sich mehrmals auf die sogenannten »Neutrality Acts« berufen, die den USA Waffenhandel an kriegsführende Staaten verboten und generell einem Kriegseintritt im Wege standen.

Anfang 1939 wurden dann die ersten Lieferverträge für den Verkauf von US-Militärflugzeugen an Frankreich und Großbritannien geschlossen. Einer der größten Waffenhändler, Jean Monnet, der in die Geschichtsschreibung als »Vater Europas« einging, berichtet darüber in seinen Memoiren. Im Auftrag des französischen Ministerpräsidenten Édouard Daladier wurde Monnet am 19. Oktober 1938 bei Roosevelt vorstellig, um abzuklären, welche Kapazitäten die US-Rüstungsindustrie hatte, um Frankreich mit Kampfbombern zu versorgen und was man politisch tun müsse, um die amerikanischen »Isolationisten« auszutricksen. Ein halbes Jahr später konnte Monnet Erfolg melden: »Die Aufträge, die ich schließlich unter Dach und Fach bringen konnte, beliefen sich auf sechshundert moderne Maschinen mit einer festen Option aus fünfzehnhundert weitere für Anfang 1940. Die amerikanische Flugzeugindustrie, die dadurch in Gang gesetzt wurde, lautlos und ohne vorzeitige Debatte im Kongreß, würde nicht mehr aufhören, sich weiterzuentwickeln, und sie würde eines Tages das gewaltige Arsenal der Alliierten bilden. Doch dies konnte Roosevelt noch nicht öffentlich sagen.«110 Geheimdiplomatie rund um gigantische Waffengeschäfte war es also, die der USA den Kriegsgang schmackhaft machten und die Basis für die Amerikanisierung Westeuropas legten.

Die US-Kriegsmaschine war angeworfen. Nun galt es, für die Finanzierung der Lieferungen zu sorgen. Frankreich und – später – England benötigten gegen die deutschen Eroberungszüge nicht bloß waffentechnische Hilfe, sie wussten auch nicht, wie sie die dafür nötigen Summen aufbringen sollten. Während der Pariser Emissär Monnet von Anfang an darauf setzte, seine französisch-amerikanischen Geschäfte zur Grundlage einer geopolitischen transatlantischen Verbindung zu machen, wollte man in London auf die eigene Stärke setzen. So antwortete der britische Premierminister Neville Chamberlain auf ein Schreiben seines französischen Amtskollegen Daladier, dass er sehr wohl von der Notwendigkeit der Lufthoheit überzeugt sei, jedoch glaube, dass »diese auch dank der Fabrikationsmöglichkeiten in England und in den Dominions zu erreichen ist«,111 zudem hätte Großbritannien nicht die notwendigen Devisen, um massenweise Bomber und anderes Kriegsgerät in den USA zu kaufen.

Die Antwort auf die britische Reserviertheit, die Jean Monnet als »halsstarrig und illusionär« bezeichnete, fand sich im Lend-Lease-Verfahren, einem Leih-Pacht-System, das im Februar 1941 zwischen den USA und Großbritannien unterzeichnet wurde. Auch Frankreich – und in geringem Maße die Sowjetunion – nahmen in der Folge an diesem riesigen Geschäft teil. Bis zu seiner Aufhebung nach Kriegsende im Sommer 1945 erreichte das Lend-Lease-System die stolze Summe von 47 Mrd. US-Dollar. Großbritannien allein pachtete, lieh oder kaufte US-Kriegsmaterial um 31,5 Mrd. US-Dollar.112 Wo es nicht gelang, Gegenwert-Geschäfte abzuschließen, machte das Lend-Lease-Verfahren die USA mit einem Schlag zum größten Gläubiger der Nachkriegszeit – und die Käufer oder Pächter der Rüstungsgüter zu deren Schuldnern. So gesehen war dieses Geschäft, das zum Ende der Nazi-Diktatur mit beitrug, auch bereits der Auftakt zur US-Herrschaft in Europa.

Mit der Verschuldung der alliierten Partner war der erste Grundstein für die US-Hegemonie in Europa gelegt. Auch die zukünftig entscheidenden währungs- und finanzpolitischen Eckpfeiler schlug man noch mitten im Krieg ein. Während zwischen Atlantikküste und den weiten russischen Ebenen Soldaten und ZivilistInnen zu Hunderttausenden ihr Leben ließen, trafen sich am 1. Juli 1944 Vertreter von 44 Staaten in einem der feinsten Kurorte der USA an den Abhängen des Mount Rosebrook in Bretton Woods/New Hampshire. Die Gründung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank fand im Rahmen der UN-Währungs- und Finanzkonferenz statt. Die beiden Organisationen spiegelten die wirtschaftlichen Interessen der USA wider, indem sie einen Weltmarkt postulierten und sogleich auch formierten, der nationalstaatliche wirtschaftliche Entscheidungen möglichst einengen sollte, insbesondere keine Konkurrenz durch Währungsabwertungen erlaubte, multiple Wechselkurse unterband und in der Folge den US-Dollar zur Weltleitwährung machte.

Washington ging es darum, für die im Krieg entfachten industriellen Produktionskapazitäten auch nach Kriegsende Absatzmärkte zu finden, mithin einer drohenden Überschussproduktion vorzubeugen. Der deutsche Historiker Rainer Brähler bringt den Zweck der Bretton-Woods-Konferenz auf den Punkt: »Die Errichtung eines neuen Weltwährungssystems stellte eine wichtige Voraussetzung für eine Integration des kapitalistischen Weltmarktes unter die Dominanz der Vereinigen Staaten dar.«113

Weltbank und Währungsfonds sind, anders als die UNO, wie eine Aktiengesellschaft aufgebaut, in der die größten Volkswirtschaften das meiste Stimmrecht haben. Zu den für alle Teilnehmer gleichen 250 Grundstimmen erhielten die USA in Bretton Woods bei der Weltbank noch 31.700 zusätzliche Stimmen, Panama hingegen nur noch 2. Die Stimmrechte entsprachen – und entsprechen in abgewandelter Form bis heute – der Höhe der Einlage. De facto lief es bei der Weltbank auf ein Kartell hinaus, bei dem Washington und London zum Zeitpunkt der Gründung zusammen über 55 % an Kapital hielten.114 Die Sowjetunion war in Bretton Woods vertreten, unterzeichnete das Abkommen aber nicht, Polen und die Tschechoslowakei verließen die Organisationen 1950 bzw. 1954. Deutschland trat 1952 bei, Österreich im August 1948.

Marshallplan für den Westen, Cocom für den Osten

Den politischen Startschuss für einen westeuropäischen Einigungsprozess gab der Führer der britischen Konservativen Winston Churchill im September 1946 in seiner Rolle als Oppositionspolitiker. Zuvor hatte der aus dem Hochadel stammende Churchill am 5. März 1946 bei einer Rede in Fulton im US-Bundesstaat Missouri den von NS-Propaganda-Chef Joseph Goebbels geprägten Begriff des »Eisernen Vorhangs« in die transatlantische Epoche herübergerettet. Damit brandmarkte er den Machtanspruch Moskaus in Osteuropa und steckte zugleich den Einflussbereich der westlichen Interessen ab. Ein halbes Jahr später, am 19. September 1946, meldete sich Churchill an der Universität Zürich zu Wort und plädierte für die »Auferstehung Europas«. Seine »Vereinigten Staaten von Europa« sollten unter Ausschluss Großbritanniens gegründet werden und zur Aussöhnung Frankreichs mit Deutschland dienen. »Der erste Schritt zur Errichtung einer europäischen Familie muss die Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein«, donnerte der gewichtige Tory in den Münsterhof der Universität. »Die Struktur der Vereinigten Staaten von Europa soll so verfasst sein, dass die materiellen Stärken einzelner Staaten weniger von Bedeutung sind.«115 Großbritanniens Zukunft sah Churchill – wie schon seine Vergangenheit – im Commonwealth.

Die Europapläne der USA nahmen noch in den letzten Kriegstagen die Sowjetunion ins Visier. Nur vier Tage nach dem Ende der Potsdamer Konferenz legten »Little Boy« und »Fat Man« am 6. und am 9. August 1945 die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki in Schutt und Asche. Mit dem Einsatz von Atombomben wollten die USA, so die offiziell verbreitete Version, das Kriegsende im Fernen Osten beschleunigen. Tatsächlich hatte Japan bereits am 11. Juli ein erstes Kapitulationsangebot abgegeben. Die Rote Armee ließ sich dadurch von ihrem Vorstoß in Asien nicht abhalten und auch die USA wollten von einer »frühzeitigen« Kapitulation Japans nichts wissen. Die Atombomben dienten unmittelbar dazu, den Vormarsch der Sowjets in der Mandschurei zu stoppen und mittelbar zu ihrer Einschüchterung in Europa. »Mit den beiden Atombomben-Abwürfen«, so der Zeithistoriker Jürgen Bruhn, »wollten die USA dem sowjetischen Alliierten – mit dem man sich zur gleichen Zeit in Potsdam traf, um die Welt neu aufzuteilen – vorrangig die eigene militärische Überlegenheit beweisen.«116

Dass es auch konkrete US-Pläne gab, sowjetische Städte mit Atombomben auszulöschen, wurde der deutschsprachigen Öffentlichkeit erst durch eine Publikation des Historikers Karl Heinz Roth im Jahr 1985 bekannt. Darin ist eine Liste von 20 sowjetischen Industrie- und Verwaltungszentren enthalten, die am 3. November 1945 vom »Joint Intelligence Committee« ausgearbeitet wurde. Sie umfasste Abwurfziele in Moskau, Leningrad, Gorki, Kasan, Tiflis und anderen Städten.117

Parallel zu den militärisch und geheimdienstlich geplanten und teilweise durchgeführten Aktionen gegen den Einfluss Moskaus in Osteuropa befanden sich die USA ja immer noch offiziell in einer antifaschistischen Partnerschaft mit Russland. Diese ging offiziell im März 1947 zu Ende, als der zwei Jahre zuvor ins Amt gewählte US-Präsident Harry Truman den neuen Kurs der Eindämmung (Containment) des kommunistischen Ostens proklamierte. Die sogenannte Truman-Doktrin teilte Europa (und die Welt) in zwei Teile: den der parlamentarisch-repräsentativen Demokratie mit offenen Märkten und den des totalitären Kommunismus. Truman versprach, vor allem auch in Hinblick auf die Bürgerkriegssituation in Griechenland, den »gefährdeten und unterdrückten Völkern« Unterstützung zu gewähren und sie vom kommunistischen Joch zu befreien. Trumans Botschafter bei der UNO, der spätere US-Außenminister John F. Dulles, legte noch ein Schäuflein nach, in dem er die Eindämmungspolitik mit der Staatswerdungsfrage Deutschlands und der europäischen Einigung verknüpfte. Nur eine Vereinigung Westeuropas, so Dulles, könne die (von ihm herbeiphantasierte) sowjetische Expansionspolitik aufhalten.118

Somit steht das Truman’sche Containment in zweifacher Hinsicht an der Wiege eines vereinten Westeuropas. Zum einen als eine Art Garantieerklärung, kommunistische Parteien und Bewegungen im Westen zu bekämpfen, wie es ja in Griechenland erfolgreich praktiziert wurde und auch in Italien und Frankreich gegenüber den dort starken kommunistischen Parteien gelungen ist; und zum anderen als politischer Rahmen für den teuersten Wirtschaftsplan, der bis dahin aufgelegt worden war: das European Recovery Program, vulgo: Marshall-Plan. Mit der Anfang April 1949 gegründeten NATO gesellte sich zum politischen Rahmen und dem wirtschaftlichen Vormarsch noch die militärische Komponente hinzu. Der spätere erste NATO-Generalsekretär Hastings Lionel Ismay erweiterte mit seinem Hang für befehlsartige Sätze den Begriff der Eindämmung, in dem er das Ziel der NATO bereits 1949 kurz und bündig umschrieb: »To keep the Russians out, the Americans in, and the Germans down«.119 In die zeitgeschichtliche Forschung ging diese Charakterisierung als »triple containment« ein.

Am 19. Dezember 1947 nahm US-Präsident Harry Truman in einer Botschaft vor dem US-Kongress erstmals zum geplanten European Recovery Programm Stellung, das bald den Namen seines Verfassers, Außenminister George Marshall, tragen sollte. Truman tat dies mit salbungsvollen Worten: »Es ist von wesentlicher Bedeutung für die Vereinigten Staaten, daß die Gesundung Europas weiter fortschreitet und mit Erfolg abgeschlossen wird. Die traditionelle amerikanische Hilfsbereitschaft gegenüber den Notleidenden, unsere Bemühungen um den Aufbau einer gesunden Wirtschaft (…), all dieses zusammengenommen gibt uns das größte Interesse an der Gesundung Europas. (…) Das Anliegen, das dem Volk der Vereinigten Staaten am meisten am Herzen liegt, ist die Schaffung der Vorbedingungen für einen dauerhaften Frieden in der ganzen Welt.«120 Dem öffentlich mit großem Pomp inszenierten Hilfsprogramm stand ein zeitgleich im Geheimen ausverhandeltes Embargo gegenüber, das vom sogenannten »Coordinating Committee« (Cocom) aufgelegt wurde und die Sowjetunion beschädigen sollte: Marshall-Plan für das kapitalistische Westeuropa, Cocom für den kommunistischen Osten. Wirtschaftliche Gesundung für die einen, Sanktionen für die anderen. Das sind allerdings »Vorbedingungen« nur für einen halben Frieden, und ein halber Friede ist freilich gar kein Friede, weshalb das Duo Marshall-Plan und Cocom-Embargo schließlich zur Vorbedingung für den Kalten Krieg wurde.

Mit 1. April 1948 nahm der Marshall-Plan – für die folgenden vier Jahre bis 1952 – volle Fahrt auf.121 Er pumpte enorme Geldmengen an Krediten und Zuschüssen in die Ökonomien der westeuropäischen Teilnehmerländer (mit der Ausnahme Spanien) und verfolgte damit mehrere Ziele gleichzeitig. Erstens – und das überzeugte die US-Unternehmerkreise – eroberte er mit einem Schlag riesige, vom Krieg zerstörte und im Wiederaufbaufieber steckende Länder, also: Märkte für amerikanisches Kapital. Damit dies funktionierte, musste sowohl Währungskonvertibilität hergestellt als auch Kapitalbildung erleichtert werden. Ersteres erfolgte mit sogenannten Ziehungsrechten, zweites mit Gegenwertkonten.

Die Ziehungsrechte (drawing rights) funktionierten als multilaterales Aufrechnungsinstrumentarium von Defiziten und Überschüssen zwischen den teilnehmenden Staaten. Damit mussten Gläubiger ihren Schuldnern die Möglichkeit einräumen, von ihnen Ausfuhrüberschüsse zu importieren und diese mit den ihnen gleichzeitig in der Währung des Gläubigers zur Verfügung gestellten Summe zu bezahlen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich begleitete die multilateralen Vorgänge, der Marshall-Plan stellte dafür 1,5 Mrd. US-Dollar als »bedingte Hilfe« zur Verfügung.122 In kurzer Frist gelang es, die Hemmnisse bestehender Zahlungsbilanzdefizite zu durchbrechen und Währungskonvertibilität herzustellen. Damit wurde zwischenstaatlicher Handel enorm erleichtert, was vor allem US-amerikanische Exporteure nutzen konnten.

Die Gegenwertkonten (counterpart fonds) wirkten Kapital-bildend. Für alle im Rahmen des Marshall-Plans gelieferten Güter und Dienstleistungen wurden in der Höhe ihres Wertes die entsprechenden Beträge in Landeswährung auf Sonderkonten von dem jeweiligen Einkäufer-Unternehmer hinterlegt. Der Marshall-Plan kreditierte oder bezuschusste den geschäftlichen Vorgang. Auf diese Weise bildeten sich Kapitalvolumen auf besagten Gegenwertkonten für weitere Investitionen, über deren Genehmigung in allen Teilnehmerländern US-Beamte in den entsprechenden Wirtschaftsministerien wachten. So kam es, dass für gewünschte private Investitionen – meist mit US-Bezug – ERP-Gelder locker gemacht wurden, während dies beispielsweise für kommunalen Wohnbau nicht geschah.

Insgesamt stellte Washington für die 16 Marshall-Plan-Teilnehmerländer knapp 13 Mrd. US-Dollar bereit. Das Vorhaben erwies sich betriebswirtschaftlich als ein gutes Geschäft für US-Konzerne, standen ihnen damit doch mit einem Schlag Märkte in Ländern offen, die eben noch gegeneinander Krieg geführt hatten. Und volkswirtschaftlich halfen die ERP-Gelder den USA beim Umstieg von der Kriegs- zur Friedensökonomie. Die Ironie an der Geschichte ist, dass es ausgerechnet ein gigantischer Wirtschaftsplan – der Marshall-Plan – war, mit dem die europäische Marktwirtschaft in die Gänge kam und der die kommunistische Planwirtschaft außen vor hielt.

Zeitgleich mit dem Marshall-Plan wurden auf Drängen der USA umfassende Embargomaßnahmen gegen alle Länder verhängt, die unter dem Einfluss Moskaus standen. Bereits im November 1947 ließ der frühere US-Botschafter in London und langjährige Chefkoordinator des Marschall-Plans, Averell Harriman, mit der Frage aufhorchen, ob nicht die »Lieferung wichtiger Produkte an Rußland einer angemessenen Kontrolle unterworfen werden sollte.«123 Viel mehr drang damals über die Vorbereitung eines veritablen Wirtschaftskrieges nicht an die Öffentlichkeit. Das »Koordinierende Komitee« (Cocom), dem neben den USA auch Vertreter Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und später aller NATO-Staaten (mit Ausnahme Islands) angehörten, hielt nach außen dicht. Dem Cocom ging es um die Schwächung der Sowjetunion und ihrer »Vasallen«, sowohl was die tatsächliche wirtschaftliche Kraft beim Wiederaufbau betraf als auch eine mögliche positive Ausstrahlung kommunistischer Politik insbesondere in die Länder Südeuropas.

Erstmals setzte Washington seine Handelspolitik als politische Waffe ein. Kernstück des umfassenden Ost-Embargos, das im Übrigen während der gesamten Zeit des Kalten Krieges aufrechtblieb, waren sogenannte »Schwarze Listen«, die Produkte und Warengruppen beinhalteten, deren Export in die feindliche kommunistische Welt verboten war. Auf weiteren Listen fanden sich jene Waren, die einer speziellen Genehmigung bedurften, um ausgeführt werden zu dürfen. In sämtlichen US-Botschaften Europas saßen dafür ausgebildete Experten, Wirtschaftsabwehrbeamte, die das Embargo kontrollierten. Um sicherzustellen, dass über den Marshall-Plan nach Westeuropa eingeführte Produkte nicht in den Osten kamen, wurden alle Teilnehmerstaaten zur Umsetzung des Embargos verpflichtet. Im Marshall-Plan-Gesetz, dem »Economic Cooperation Act«, hieß es dazu: »Der Administrator wird angewiesen, gegenüber Teilnehmerländern (…) die Lieferung von Waren abzulehnen, die der Produktion einer Ware zugutekommen, die zur Lieferung an europäische Nichtteilnehmerländer bestimmt ist, wenn es sich um eine Ware handelt, für die von den Vereinigten Staaten die Genehmigung zur Ausfuhr (…) verweigert werden würde.«124 Damit war von US-Seite bereits 1948 ein ökonomischer »Eiserner Vorhang« mitten durch Europa gezogen worden. Der DDR-deutsche Mauerbau folgte im Sommer 1961.

Geschätzte 50 Staaten waren über das Cocom-System zum Embargo gegen die Sowjetunion und die Mitglieder des »Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe« gezwungen. Die »Schwarzen Listen« waren gespickt mit Warengruppen aus allen Branchen. Metallverarbeitende Maschinen gehörten genauso dazu wie chemische Ausrüstung, Elektro- und Kraftwerksprodukte, Präzisionsinstrumente, Plastik, Kautschuk, Gummi und so weiter. Anfang der 1950er-Jahre gab es für 1700 Warengattungen Exportverbote in den politischen Osten.125

Als politischer Ausfluss der großräumigen transatlantischen Wirtschaftsinte­gration überlebte das »Committee for European Economic Cooperation« (CEEC). Es wurde im Juli 1947 von den zukünftigen Marshall-Plan-Teilnehmerstaaten gegründet, im April 1948 in »Organisation for European Economic Cooperation« (OEEC) umbenannt und firmiert heute unter dem Kürzel OECD, hinter dem freilich mehr Mitgliedsstaaten stehen. In Artikel 1 dieses Abkommens steht geschrieben: »Die vertragsschließenden Parteien kommen überein, ihre wirtschaftlichen Beziehungen untereinander in enger Zusammenarbeit zu pflegen.« Artikel 6 beinhaltet dann die »Herabsetzung von Zöllen« und fordert von den Unterzeichnern, »andere Hindernisse für die Ausdehnung des Handels« zu beseitigen.126 Der OEEC gehörten alle ERP-Mitgliedsländer an: Belgien, Dänemark, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Island, Italien, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden, die Schweiz, die Türkei und die drei Westzonen Deutschlands. Die Geschichte der europäischen Einigung sollte zeigen, dass sich nicht alle Marshall-Plan-Empfängerländer in der Folge daran beteiligten.

Die Gründerväter der »Europaidee«

Man kann »Europa« in vielfältiger Hinsicht definieren, wie bereits im einleitenden Kapitel angesprochen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ging es jenen, die sich in der Folge als »Europäer« bezeichneten, nicht um geographische Gesichtspunkte, auch nicht um oft strapazierte kulturelle Gemeinsamkeiten; die Europaidee, die letztlich in den Brüsseler Suprastaat mündete, fußte auf ökonomischen und geopolitischen Vorstellungen. Es ging den Gründervätern im Wesentlichen um drei Dinge: die Herstellung einer dauerhaften deutsch-französischen Achse nach zwei gegeneinander geführten Kriegen; den Kampf gegen die kommunistische Sowjetunion, der nach deren Zusammenbruch als antirussische Allianz weitergeführt wurde; und die Unterstellung dieser beiden Ziele unter ein US-geführtes transatlantisches Kommando, wenngleich letzteres in jüngster Zeit EU-europäischen Eliten zunehmend schwer fällt. Um dieses Projekt umsetzen zu können, kam (und kommt) das gesamte Arsenal an Eingriffsmöglichkeiten zum Einsatz: wirtschaftliche, politische, mediale, juristische und – wenn nötig – militärische.

Wir wollen uns nun jenen Personen zuwenden, die in den Geschichtsbüchern als »Väter Europas« firmieren, Mütter waren – ganz in der Tradition griechisch-patriarchalischer Mythologie – nicht dabei.

Jean Monnet ist die wohl schillerndste Figur, die das Historienkabinett der europäischen Einigung127 zu bieten hat. Geboren 1888 im französischen Cognac, entstammt er einer reichen Schnaps- und Weinbrand-Dynastie, die weltweit im Handel tätig war. Schon als 16-Jähriger schickte ihn sein Vater für zwei Jahre nach London, nicht nur um die Sprache der wichtigsten Kunden zu lernen, sondern auch, um sich in der »City« umzusehen. Das größte europäische Finanzzentrum flößte dem jungen Mann mächtig Respekt ein. »Diese Welt ist ein Viertel aus Büros und Banken, aber sie ist auch ein Milieu, das sozial in sich geschlossen und beruflich zur Welt hin offen ist«, schreibt er später dazu in seinen Memoiren.128 Diese Paarung von sozialer Geschlossenheit im Milieu von Bankern, Händlern und Industriellen mit geschäftlicher Weltoffenheit prägte den jungen Monnet. Sie verkörpert geradezu ein von Kapitalinteressen durchsetztes Weltbild, in dem die Reichen ihre engen Kreise bilden und gleichzeitig eine Ideologie von wirtschaftlichem Großraum und Offenheit propagieren; Liberalismus in Reinkultur. Das, was Monnet als 16-Jähriger in der Londoner »City« milieumäßig verspürt hatte, begleitete ihn sein ganzes Leben.

Zurück aus England, ging er kurz darauf nach Amerika. Auch hier war es die Pflege von Kundenkontakten sowie der Aufbau einer Vertriebsstruktur für den väterlichen Weinbrandhandel, denen Jean Monnet seinen Aufenthalt jenseits des Atlantiks verdankte. Die Entwicklung der Cognac-Marke galt ihm als etwas ganz Natürliches, wie er rückblickend schreibt. »Doch was ich in Amerika vorfand, war etwas anderes und hatte auch einen anderen Namen: Expansion.«129 Daran konnte sich Monnet begeistern. »Ohne Zweifel rührt es aus diesem Kontakt mit dem Amerika der Pionierzeit her«, gesteht er freimütig, »daß ich mir die Freude an den Geschichten der Eroberung des Westens bewahrt habe.«130

In Kanada schloss Monnet dann einen wichtigen Vertrag mit der Firma »Hudson’s Bay Company« ab, die den Trappern Schnaps für die Indianer in großen Mengen verkaufte und umgekehrt den Pelzhandel Nordamerikas in ihren Händen hielt. »Hudson’s Bay« war das älteste Handelshaus Kanadas, sein Gouverneur Robert Kindersley bekleidete auch den Posten des Direktors der Bank of England.131 Monnet nützte all diese Kontakte und gründete selbst die Bank »Monnet, Murname & Co.«, wobei ihm der Präsident der Federal Reserve Bank (FED) zur Seite stand. Monnets persönliches Netzwerk in den USA ging schnell über Geschäftskreise hinaus. Zu seinen Bekannten zählten bald die wichtigsten Figuren der amerikanischen Außenpolitik wie Dean Acheson, John McCloy und John F. Dulles.

Monnets Rolle als Waffenhändler im Weltkrieg wurde weiter oben bereits angesprochen. Sie ließ ihn 1939 US-Bomber für die französische Armee kaufen und 1940 für kurze Zeit auch Präsident des französisch-britischen Koordinierungsausschusses für die Kriegsproduktion werden. Bei Kriegsende ernannte ihn der französische Präsident Charles de Gaulle zum Kommissar für einen französischen Modernisierungsplan. Monnet hingegen sah seine Aufgabe darin, in früheren Jahren gespannte persönliche Netze zu US-amerikanischen Stellen zu stärken und zu nutzen, was ihn bald in fulminanten Gegensatz zu de Gaulle brachte, der für nationale Souveränität stand. Monnet, der keinem Wahlvolk verpflichtet war, ja, der niemals in seinem Leben in irgendein politisches Amt gewählt, sondern immer nur ernannt worden war bzw. sich selbst entsandte, brauchte und wollte auf nationale Befindlichkeiten keine Rücksicht nehmen. »Es war klar«, schreibt er in Bezug auf Charles de Gaulle und Winston Churchill, »daß beide aufgrund ihrer Herkunft und ihres mystischen Glaubens an die nationale Souveränität die Inhalte unseres Projektes als unvorstellbar und unrealisierbar ablehnten.«132 Unser Projekt, wie er es nannte, war zu einem frühen Zeitpunkt die – gescheiterte – Vereinigung von Großbritannien und Frankreich und später der Aufbau einer französisch-deutschen Allianz unter dem wachsamen Auge Washingtons, die zur Gründung der Gemeinschaft für Kohle und Stahl und später zur Europäischen Union führen sollte.

Es war der transatlantische Großraum, wie ihn Monnet vom Handel mit Weinbrand aus Cognac kannte, der ihm politisch vorschwebte und den er wirtschaftlich herstellen wollte. »Es wird keinen Frieden in Europa geben«, schrieb er nach dem großen Völkerschlachten, »wenn die Staaten auf der Basis nationaler Souveränität wiederhergestellt werden (…). Die Länder Europas sind zu klein, um ihren Völkern den Wohlstand zu sichern, (…) dazu braucht man größere Märkte«, mit einem Wort: »eine europäische Entität«. Und in Richtung de Gaulle stichelte er: »Von der Lösung des europäischen Problems hängt die Existenz Frankreichs ab.«133 Peu à peu sollten sich Monnets Vorstellungen durchsetzen, freilich nicht zum Wohle der Völker und – wie sich spätestens seit dem NATO-Angriff auf Jugoslawien im März 1999 zeigte – auch nicht als Friedensgarantie für den Kontinent.

Noch zu Lebzeiten wurde Jean Monnet mit Ehrungen überhäuft, 1953 übergab ihm die Stadt Aachen den Karlspreis, 1976 erhielt er in Anwesenheit sämtlicher Regierungschefs der damaligen Europäischen Gemeinschaft den Titel »Erster Ehrenbürger Europas«. Nach seinem Tod erhöhte ihn die politische und mediale EU-Apologetik zum »Erfinder Europas«. Sein Name fand auch in die universitäre Lehre Einzug, gegenwärtig existieren allein an deutschen Universitäten 27 sogenannte Jean-Monnet-Lehrstühle in den Bereichen Recht, Wirtschaft und Politik, die durch höhere finanzielle Mittel besser als übliche Studieneinrichtungen ausgestattet sind.

Robert Schuman, kongenialer Partner bzw. politisches Sprachrohr Monnets, wurde 1886 als reichsdeutscher Staatsbürger in Luxemburg geboren. Der Elsass und Teile Lothringens waren im Zuge der deutschen Reichsbildung 1871 von Frankreich an Deutschland abgetreten worden. Der junge Schuman, dem zeit seines Lebens sein moselfränkischer deutscher Dialekt sowohl in der deutschen als auch in der französischen Sprache durchschimmerte, studierte in Metz, Bonn und Straßburg. Der Versailler Vertrag von 1919 sprach dann Elsass-Lothringen wieder Frankreich zu, womit Schuman nun die französische Staatsbürgerschaft bekam. Sein kleines Stadtratsmandat in Metz, das er 1918 eingenommen hatte, war nun hinfällig geworden; als Mitglied der lokalen Partei »Union Republicaine Lorraine« zog er als Abgeordneter in die französische Nationalversammlung ein.

Ganz im Gegensatz zu Jean Monnet stammte Schuman nicht aus einem reichen Elternhaus, sondern war mittelständischer Herkunft. Was ihn für politische Ämter prädestinierte, war nicht nur seine Zweisprachigkeit, sondern auch das Verständnis für ein Leben in zwei Kulturen. Als es nach Kriegsende darum ging, die deutsch-französische Feindschaft zu überwinden und durch Kooperation zu ersetzen, war er von seiner Biographie her der perfekte Mann dafür. Zwischen 1946 und 1952 bekleidete Schuman hintereinander das Amt des französischen Finanzministers, des Ministerpräsidenten und ab 1948 des Außenministers.

Seine Erklärung vom 9. Mai 1950 gilt gemeinhin als historischer Startschuss für den (west)europäischen Einigungsprozess. Im Uhrensaal des Pariser Quai d’Orsay verkündete er den sogenannten Schuman-Plan, der nur wenige Tage zuvor von Jean Monnet verfasst worden war. In seinen Memoiren stellt Monnet den Ablauf der Ereignisse folgendermaßen dar: Den Text zur Erklärung begann er mit dem Satz »Die französische Regierung schlägt vor, …«. Doch die Regierung wusste noch nichts davon, sie musste »diesen Vorschlag erst kennen und ihn zu dem ihren machen«, schreibt Monnet. »Und ich musste den Mann suchen, der die Macht und den Mut hatte, ihn durchzuführen, um überraschend eine so große Veränderung hervorzurufen. Robert Schuman schien mir der richtige Mann zu sein (…).«134 So entstand also jenes Papier, das in die Geschichtsbücher als erste Szene des Vielakters der Europäischen Union eingegangen ist.

»Der Schuman-Plan war praktisch das Ergebnis eines Komplotts.«135 Diese Einschätzung kommt nicht aus EU-skeptischen Kreisen, sondern steht so schwarz auf weiß in einer Broschüre des »Amtes für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften« aus dem Jahr 1990. Tatsächlich kam das erste entscheidende Dokument der späteren Gemeinschaft auf abenteuerliche Weise und ohne jede Diskussion zustande. Es sollte dennoch – oder besser: deswegen – wegweisend für die zukünftige Arbeit werden. In den letzten Apriltagen des Jahres 1950 hatte Jean Monnet mit einer kleinen Gruppe von verschworenen Mitarbeitern »ohne herkömmliche Konsultationen der zuständigen Ministerien« und »unter größter Diskretion« jenen Plan ausgeheckt, der Frankreich und Deutschland über wirtschaftliche Bande zusammenführen sollte. »Die unvermeidlichen Einwände und Gegenvorschläge hätten den revolutionären Charakter des Vorschlags verfälscht und den notwendigen Überraschungseffekt beseitigt«,136 heißt es 40 Jahre später dazu in der EG-Postille. Während Schuman ein Wochenende gewährt wurde, um den Text des Planes zu studieren, sandten Emissäre den Vorschlag nach Bonn an den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer, dem nur ein paar Stunden blieben, um sich damit auseinanderzusetzen. Adenauer stimmte zu. Und am selben Tag des 9. Mai 1950 um 16 Uhr machte Schuman als französischer Außenminister den Plan publik. Sein Kernsatz: »Die französische Regierung schlägt vor, die Gesamtheit der französisch-deutschen Kohle- und Stahlproduktion einer gemeinsamen Hohen Behörde zu unterstellen, in einer Organisation, die den anderen europäischen Ländern zum Beitritt offensteht.«137 Die später so genannte Montanunion war auf Schiene gebracht.

Gänzlich andere Biographien und Herkünfte als die französischen »Gründerväter« wies das Personal der deutschen Seite auf. Hier war angesichts der offen zutage liegenden Antwort auf die Kriegsschuld-Frage defensives, ja devotes Verhalten angesagt. Nicht ganz zufällig war es der bei Kriegsende bereits 69 Jahre alte Konrad Adenauer, der sich als idealer Partner für die französische Seite erwies. Sein erstes politisches Leben, als ihn die Kölner Stadtverordnetenversammlung noch im Ersten Weltkrieg zum jüngsten Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt wählte, lag bereits hinter ihm. Während des Hitlerismus vermied es Adenauer, sich die Hände an den Nationalsozialisten schmutzig zu machen, setzte Zeichen des Ungehorsams, als er z. B. die Stadt Köln im Jahr 1933 beim Besuch des »Führers« nicht beflaggen ließ, schreckte aber auch vor jedem tatsächlichen Widerstand zurück, obwohl er mehrmals darauf angesprochen wurde.

Am 4. Mai 1945 ernannten ihn die Amerikaner wieder zum Kölner Bürgermeister. Kurz darauf wurde er jedoch vom britischen Militärgouverneur wieder abgesetzt, woraufhin sich Adenauer der Parteiarbeit widmete, die schließlich in der Gründung der CDU mündete, deren Vorsitz in der britischen Besatzungszone er am 23. Januar 1946 übernahm. In unermüdlicher Kontaktpflege spann er seine Beziehungsnetze insbesondere zu US- und britischen Stellen, die ihre Besatzungszonen 1946 zur sogenannten Bi-Zone verschmolzen. Der SPD-Mann und Mitverfasser des deutschen Grundgesetzes Carlo Schmid nannte Adenauer einmal »den ersten Mann des zu schaffenden Staates, noch ehe es ihn gab.«138

Als geborener Rheinländer fühlte sich Adenauer kulturell einem Lothringer wie Robert Schuman nahe, als Deutscher lag ihm politisch in allererster Linie daran, die Linke nicht hochkommen zu lassen. Dies wurde unter anderem im Jahr 1949 deutlich, als er in seiner Funktion als Bundeskanzler bei seinem französischen Amtskollegen Georges Bidault intervenierte, West-Berlin den Status eines Bundeslandes zu verweigern, »weil sonst die Gefahr eines sozialdemokratischen Übergewichts in Westdeutschland entstünde.«139 Die Eingliederung Westdeutschlands – ohne Westberlin – in die von den westalliierten Besatzungsmächten aufgebauten Strukturen hatte für ihn Vorrang vor allem anderen. Eine deutsche Einheit, wie sie Josef Stalin noch 1952 in Verbindung mit einer Neutralisierung des Landes vorschlug, war für Adenauer undenkbar. Er stand als Garant für die atlantische Ausrichtung Westdeutschlands, was gleichbedeutend war mit der Teilung Deutschlands in einen kapitalistischen Westen und einen kommunistischen Osten. Souveränität, zumal die nationale, war für ihn Verhandlungssache. Das kam bereits in seiner ersten Regierungserklärung vom 20. September 1949 zum Ausdruck. Ab diesem Zeitpunkt stellte er den (west)europäischen Zusammenschluss als alternativlos dar. Sein Ausspruch, wonach die »Wiedererlangung der Souveränität durch die Bereitschaft zur Aufgabe von Souveränitätsrechten«140 zu erfolgen habe, wurde zur Maxime – und mithin zur Identität – der BRD (Bundesrepublik Deutschland).

Aus anderem, braunen Holz geschnitzt war der vierte »Gründervater Europas«, Walter Hallstein. Geboren 1901 in Mainz, legte er in den 1930er- und 1940er-Jahren eine musterhafte Karriere als Universitätsprofessor für Rechtswissenschaften hin. Diese umfasste die Mitgliedschaft beim NS-Rechtswahrerbund, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und des NS-Dozentenbundes.141 Schon unter den Nazis arbeitete er an einem Projekt für ein »Neues Europa«,142 damals noch unter der Ägide der NSDAP, der Hallstein gleichwohl nicht beitrat.

Kurz nach der Verkündung des Schuman-Plans vom Mai 1950 machte Adenauer Hallstein – nachdem er Monnet diesbezüglich personell um Rat gefragt hatte143 – zum Leiter der Delegation für die Vorbereitung zur Gründung der »Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl«, vulgo: Montanunion. Bald darauf wurde der Jurist Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Jahrelang blieb er zuständig für die Verhandlungen zum westeuropäischen Einigungsprozess, in dem seine Karriere Anfang 1958 als erster Präsident der EWG-Kommission gipfelte.

Seinen harten Antikommunismus hatte sich Hallstein über die Jahrzehnte hin bewahrt und schärfte ihn mit einer in seinem Staatssekretariat ausgearbeiteten Doktrin, nach der die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem zweiten deutschen Staat, der DDR, international als unfreundlicher Akt gegenüber der BRD zu werten sei. Die »Hallstein-Doktrin« aus dem Jahr 1955 unterstrich den deutschen Alleinvertretungsanspruch als BRD und führte dazu, dass diplomatische Beziehungen z. B. mit Jugoslawien und Kuba abgebrochen wurden, nachdem diese Länder die DDR anerkannt hatten. Die Doktrin entlarvt auf primitive Weise, was von dem Gerede über eine »europäische Einigung« tatsächlich zu halten war, nämlich der unbändige Wunsch westdeutscher Eliten, im Fahrwasser der USA, die ihrerseits seit 1947 im antikommunistischen McCarthy-Fieber lagen, ihre wirtschaftlichen Interessen durchsetzen zu können.

Dass ausgerechnet Walter Hallstein, nationalsozialistischer Universitätsprofessor und antikommunistischer Nachkriegspolitiker, viele Jahre nach seinem Tod zum Kronzeugen der Idee einer »Republik Europa« aufgerufen wurde, ist verwunderlich. Dass dieser Aufruf von einem sich als links empfindenden »Europäer« kam, irritiert nur mehr. Der österreichische Autor Robert Menasse würzte jahrelang Vorträge und essayistische Beiträge mit einem Walter Hallstein unterschobenen Zitat: »Die Abschaffung der Nation ist eine europäische Idee.«144 Damit wollte Menasse seinem Projekt einer »Republik Europa«, das auf die Zerschlagung von Nationalstaaten zielt, höhere Weihen des ersten Präsidenten der EWG-Kommission angedeihen lassen. Als er dann noch im Dezember 2017 während einer Buchpräsentation behauptete, Hallstein hätte seine für Europa wegweisenden antinationalen Aussagen während seiner EWR-Antrittsrede in Auschwitz gehalten, brach das Lügengebäude zusammen. Das deutsche Feuilleton, das Menasse bis dahin ergeben war, kappte vor der Wirklichkeit seine Sympathien für den Österreicher. Denn es kam heraus, dass Walter Hallstein weder je in Auschwitz gesprochen noch derlei Sätze formuliert hatte. Menasse legte Hallstein schlicht ausgedachte Zitate in den Mund, die der deutsche »Gründervater Europas« nie gesagt hatte.145

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9783853718834
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