Читать книгу: «Himmlisches Feuer»
"Der Himmel hatte die Farbe alter Knochen. Südwind trieb zerfetzte Wolken gegen die Gipfel der Weltenmauer. Der riesenhafte Gott hob seine sechs Arme. Kommt nur her, ihr Wurmtreter!"
Als am Himmel über dem fernen Serkan Katau ein neuer Stern aufgeht, deuten ihn die Mächtigen des Reiches voreilig als ein Zeichen, die von Legenden umrankten Blauen Götter anzugreifen. Einzig die Hohepriesterin Lü hegt Zweifel, doch sie hütet sich, diese offen kundzutun. Während die Schlacht ihren unheilvollen Lauf nimmt, geht himmlisches Feuer nieder. Der Kaiser flieht und läßt ein sterbendes Heer zurück. Zur selben Zeit nähert sich der entflohene Sklave Strolch dem Schlachtfeld. Noch ahnt er nicht, dass das Schicksal ihn an die Seite eines Blauen Gottes zwingt – und einer Frau zuführt, die ebenso leidenschaftlich liebt wie er ...
"Das größte deutsche Fantasy-Epos, das jemals geschrieben wurde." Wolfgang Hohlbein

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E s ist das Wesen weltumspannender und welterschütternder Ereignisse, daß auch ihre Wurzeln sich über die ganze Welt erstrecken. Dies ist mir – in aller Bescheidenheit – als einer der Vier bewußter als jedem anderen. Denn einer von uns stammte von einem Ort, der nicht weiter entfernt liegen könnte: von der anderen Seite dieser Welt, deren Naturgesetze und Grenzen so katastrophal verändert wurden.
Dieser eine war es, der aufgrund seiner Eigenart Zeuge der Ereignisse vom frühen Beginn bis zum Ende war – wiewohl gerade er selbst später in Frage stellte, dergleichen denn wirklich erlebt zu haben. Dieser eine war vielleicht der unbestechlichste Zeuge eines Beginns, der weiter zurückreicht als alles, was von Menschen überhaupt bezeugt werden kann – und zugleich war er denkbar ungeeignet als Zeuge für diese Chronik, die sich der Aufgabe verschrieben hat, Erinnerungen festzuhalten: denn Erinnerungen, die schiere Vorstellung, daß etwas früher gewesen war, waren ihm fremd. Ja, dieser eine ist das beste Beispiel der vorliegenden Chronik für jenes Geheimnis, das Wahrträumer und wahr werdende Träume erzeugte – und zugleich ist seine Geschichte die größte Schwachstelle dieser Chronik, weil seine reine Erwähnung immer die Frage aufwirft, was ein Traum ist und ob er nicht selbst ein Traum war.«
SCHWESTER DOLORES,
CHRONIK EINER VERLORENEN ZEIT,
BD. 11, NIEDERGELEGT ZU CANTAMO
IM 540. JAHR DER ABWESENHEIT GOTTES
Der Blaue Gott
Der Unvollendete Palast, Serkan Katau,
am Morgen des 22. Tages im Vierten Mond im Jahr 472
der Blauen Götter
Der Himmel hatte die Farbe alter Knochen. Ein steifer Südwind trieb die zerfetzten grauen Wolken gegen die fernen Gipfel der Weltenmauer. Zwischen den Wolkenhaufen war der neue Stern zu sehen, eine Faust aus kaltem Licht, die heller als ein zweiter Mond inzwischen auch bei Tag leuchtete.
Der Blaue Gott stand unbeweglich auf dem Ringwall – wie eines jener Standbilder, die in beinahe jedem Tempel des Kontinents zu finden waren. Sein Gesicht war einem Alptraum entsprungen, den Kinder in ganz Serkan Katau geträumt hatten. Die tellergroßen Augen waren wie im Wahn aufgerissenen. Das Maul wirkte riesig genug, einen Unterarm zu verschlingen – und niemand auf der Welt zweifelte daran, daß der Blaue Gott ebendies auch jederzeit täte, wann immer er die Gelegenheit dazu bekäme. Aus dem Unterkiefer ragten, Dolchen gleich, zwei Stoßzähne bis hinauf zu den Nasenlöchern, welche unaufhörliche Tobsucht zu blähen schien.
Es hätte selbstmörderischen Mutes bedurft, dein Blauen Gott so nahe zu kommen, um zu bemerken, wie seine Augen sich bewegten. Aus der Nähe aber war unverkennbar, daß der glotzende Blick über die Ebene unter ihm schweifte. Irrlichternd glitt er über das gewaltige Heer, das den Unvollendeten Palast von allen Seiten umgab.
Der Marschtritt der letzten Aufstellung nehmenden Einheiten war verklungen. Doch das Knattern der roten Fahnen im Wind, das Rumpeln und Quietschen der Belagerungsmaschinen und Geschütze, die zahllosen kleinen Geräusche Hunderttausender Harnische und Waffen und das nervöse Schnauben Zehntausender Streitrösser vereinigten sich zu einem beunruhigenden Rauschen, das so stetig war wie die Stimme des Windes.
Schlagartig ging ein Ruck durch die kolossale Gestalt des Blauen Gottes. Sein metallener Lendenschurz klirrte. Die sechs Arme hoben drohend die monströsen Waffen. Und aus dem grotesken Maul dröhnte eine Stimme mit einer Lautstärke, die in der Tat geeignet schien, bis in die hintersten Reihen des feindlichen Heeres zu dringen: »Kommt nur her, ihr Wurmtreter, wenn ihr eine auf die Fresse haben wollt!«
Am Labyrinth
Grenzfestung Tartang Tung, das Labyrinth, Turga-Busch, nordöstliches Serkan Katau, nach der Großen Regenzeit im Jahr 471der Blauen Götter, zehn Monate vorher
»Sie werden durchbrechen!« Die Stimme des Waffenmeisters unter dem roten Maskenvisier klang erregt.
»Nicht solange du lebst, Waffenmeister!« antwortete Hauptmann Kang streng, ohne den Blick vom Feind zu wenden. Stählerne Gewißheit lag in seiner Stimme. Er haßte es, wenn ein Offizier vor seinen Kriegern Unruhe zeigte. Zu oft hatte er erlebt, wie diese Unruhe in den Kriegern Widerhall fand. Und er wußte, daß es sein Vorbild war, welches wiederum den Wachtmeistern und Waffenmeistern Sicherheit gab.
Aber natürlich hatte der Krieger recht. Wenn ihm nicht bald eine überraschende Lösung einfiele, würden die berittenen Turga durchbrechen. Kang hatte seine Leute ehrgeizig weit auseinandergezogen: fünfhundert Krieger fast über ein Läng verteilt, eine Manneslänge zwischen jedem Ziang.
»Es ist nun einmal schon fast Tradition«, sagte Kang grimmig hinter seinem Visier, »daß sie angreifen, wenn der Boden nach der Regenzeit wieder fest ist.«
Ein Stamm der Turga war auf seinen struppigen kleinen Pferden und schmutzigen Kamelen in das Labyrinth eingedrungen. Fast jedes Jahr beschloß ein Khan, die undurchdringlichen Mauern anzugreifen.
Irgendwann hatten die Buschreiter gemerkt, daß sie in die Falle geritten waren: Was wie eine Lücke zwischen zwei Festungen gewirkt hatte, war nichts anderes als eine Sackgasse innerhalb des Labyrinths. Nun sahen sie die Mauern, die sich dreitausend Götterfuß zur Linken und dreitausend Götterfuß zur Rechten erstreckten; vor ihnen ragte eine weitere Festung auf.
Kangs Faust bekam die gefährlichste Aufgabe zugeteilt: durch ein Tor hinaus zwischen die Mauern stürmen und eine Sperrlinie aus Lanzenträgern bilden. Es ging nicht darum, die Turga einzusperren, sondern sie aufzuhalten, bis die bereits verständigte Barbarenreiterei eintreffen und die Angreifer gegen die Mauern drängen würde, wo die Kreuzbogenschützen und Bambusschleudern die Horde zerschlügen.
»Hauptmann ...« Die Stimme des Ersten Wachtmeisters klang deutlich verunsichert.
Indessen griff die Unruhe von dem Glied auf den Finger über. Der turgische Kriegskhan hatte seine Brüder und Sippenhäuptlinge um sich geschart und beratschlagte – aber Kang wußte, daß die heißblütigen Buschreiter nie lange redeten. Gleich würde der Anführer den Ausbruch befehlen. Er hatte mindestens vierhundert Reiter hinter sich. Sie würden als Keil durch die katauekischen Lanzenträger fegen wie ein Kreuzbogenpfeil durch das Fell eines Kamels.
»Übernimm das Kommando, Erster Wachtmeister!« Kang gab seine Position auf, senkte die Standarte und schritt mit stolzen Kriegerschritten von seiner Linie fort.
»Komm her, Khan!« Kang klappte das Visier hoch und schrie so laut, daß ihn nicht nur die Turga, sondern auch möglichst all seine Leute hörten. »Oder bist du zu feige, allein gegen einen Lanzenkämpfer anzutreten?« Kangs Worte ertönten selbstverständlich in der Sprache des Reiches der Tugend; ein jeder Kataueke erwartete, daß man ihn verstand. Und der Khan hatte in der Tat genug verstanden, um sich mittels einiger Zügelhiebe aus dem Pulk seiner Berater zu befreien. Mit einem schrillen »Turga!« ging er zum Galopp über.
Kang lief ihm entgegen. Ein Zweikampf mußte in ausreichender Distanz zu allen anderen Kämpfern stattfinden. Gleichgültig, wie er ausginge – er würde die Turga eine kostbare achtel Stunde lang beschäftigen. Sie liebten es, ihre Kraft, ihren Mut und ihre Ehre zur Schau zu stellen. Sie haßten es, wenn sie ihre Herausforderungen zu den Mauern des Labyrinths hinauf johlten und die disziplinierten Ziangs des Länder überspannenden Feldes der Krieger nicht einmal antworteten. Diesmal hatten sie ihre Antwort.
»Turga!« Der Khan sprengte heran wie ein gereizter Wasserbüffel – ein Wasserbüffel mit Lederhaube, Tätowierungen und Nasenring. Sein Umhang aus Hundefell flatterte im Wind. Am Zaumzeug des struppigen kleinen Pferdes hingen mindestens vier Skalps. Er hielt die Zügel zwischen den Zähnen und hatte Wurfspeer und Krummsäbel erhoben. Den Hornbogen jedoch hatte er stecken lassen. Er zeigte deutlich, daß er einen ehrbaren Kampf begehrte – soweit es Ehre gab für einen Reiter, der einen Fußkämpfer angriff. Aber der Fußkämpfer war ein Standartenträger im kaum durchdringbaren roten Harnisch der Kataueken.
Der Wurf kam früher als erwartet, aber mit erschreckender Kraft: Beinahe schnurgerade flog der Speer heran. Kang wandte sich aus der Hüfte heraus zur Seite und wehrte den Speer mit dem Schaft ab. Die Spitze schrammte am Kachelpanzer über seine Brust hinweg, und der Schaft dröhnte schmerzhaft gegen das Maskenvisier.
Betäubt schüttelte Kang den Kopf, als der Turga auch schon herankam, den Krummsäbel über seinem Haupt kreisend. Die Zügel in der Linken, riß er das Pferd mit einem brutalen Ruck zur Seite.
Doch die Spitze von Kangs Standarte hatte nicht, wie erwartet, auf die Brust des Pferdes gezielt. Die Turga beschimpften die Kataueken als Feiglinge, weil sie ihre Pferde töteten. Kang aber waren Turga-Ehre und Tierliebe gleichgültig; für ihn galt die Finte.
Der Zusammenprall raubte beiden fast das Bewußtsein. Die Klinge schlitzte dem Khan Oberschenkel und Hüfte auf und riß ihn aus dem Sattel, während der Säbelhieb Kangs Helm sprengte. Der Hauptmann raffte sich auf, in den gepanzerten Fäusten einen gesplitterten Standartenschaft; ein Keil aus Eisenblech riß ihm die Kopfhaut auf, Blut troff ihm in die Augen. Der Khan wand sich am Boden, unfähig, sich zu erheben, aber den schartig geschlagenen Krummsäbel noch immer wie den Stachel eines Skorpions gereckt.
Ohne über einen Waffenwechsel auch nur nachzudenken, sprang Kang hinzu. Das Stück Holz in seiner Hand wehrte den ersten Säbelhieb ab, dann traf sein Tritt den Ellbogen des Turga, und ehe der sich herumwerfen konnte, trieb ihm der Krieger den geborstenen Schaft in den Hals.
»Die acht Künste des Tötens, auch mit Stock, Bein und Faust«, knurrte Kang grimmig, ehe ihm schwarz vor Augen wurde.
Entlassen
Innere Kammer der Grenzfestung Tartang Tung, vier Tage später
»Tugend! Hauptmann Kang lauscht deinem Befehl!« Mit einer einzigen Bewegung riß sich der muskulöse Offizier den rotlackierten Helm mit dem Maskenvisier vom Kopf und warf sich auf die Knie. Hier im Labyrinth, an der Grenze zu den Barbaren, legte man weniger Wert auf Umgangsformen denn auf schnelle Reaktionen. Trotzdem ein bißchen zu heftig, dachte Kang; er fühlte, daß der frisch verbundene Schnitt am Scheitel wieder aufgebrochen war.
Der General betrachtete den vor ihm knienden Offizier mit einem Schweigen, dessen Dauer Kang überraschte. Es wäre gewiß nicht sehr tugendhaft, wenn ihm nun Blut über das Gesicht ränne ...
»Der Edle kennt nicht nur die Tat, sondern auch den rechten Augenblick dafür«, sagte der alte Luchs, wie die Heerschar den General nannte. Kang kannte das Zitat; wie so viele, die einen wahren Krieger beschrieben, stammte auch dieses vom Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste.
Selbstverständlich hatten ihm die Wundärzte gleich nach dem Aufwachen Bericht erstattet: Die Turga hatten nach dem Zweikampf gezögert, besonders beeindruckt davon, daß beide Kontrahenten wie tot dagelegen waren. Schließlich waren sie doch durch die Reihe der Lanzenkämpfer gebrochen, aber sie hatten so viel Zeit verloren, daß die Barbarenreiterei, bestehend aus ihren bereits unterworfenen Vettern aus der Eroberung Turgatan, sie hatte zurückwerfen können. Dem Kessel aus Lanzenkämpfern und Reiterei war höchstens ein Viertel der Feinde entkommen.
»Kang hua Schiang«, sagte der Kommandant, »du bist entlassen.« Die Stimme drang metallisch gellend aus der Mundöffnung seiner Maske, aber ihr Klang war eigentümlich versöhnlich.
Nur ein winziges Zucken, irgendwo zwischen den unergründlich schwarzen Augen und dem dreifach gegabelten Bart, verriet, wie sehr dieser Satz Kang traf. »Und du hast Post aus der Stadt der Mantikoren.« Mit diesen Worten hob der alte Luchs eine scharlachrote Schriftrolle empor.
Kang zögerte kurz: Wie hatte er zu reagieren? Sonst warf man dem Untergebenen die schriftlichen Befehle zu, vom Himmel zur Erde, wie die Macht fließt. Das Scharlachrot jedoch hatte er noch nie anders gesehen als von der Hand eines knienden Boten emporgereicht in die Hand eines kommandierenden Offiziers. Er erhob sich daher ruckartig, hielt den Helm mit der Linken umfangen und streckte die Rechte dem General entgegen.
Als Kangs sehnige Finger die Hülle fühlten, erschauderte er: Seide ... Rote Seide! Ein Schreiben direkt aus Mantikor Leng, wo der Höchste Kriegsherr der Geheimen Kammer das größte Reich der Welt regierte.
Der Plan desGöttergleichen
Hochtempel von Tschöng-Hau Leng, Serkan Katau, Westküste, ebenfalls im Sechsten Mond im Jahr 471 der Blauen Götter
»Was hat er getan?« Lü näng Huangos Stimme war schrill vor Verblüffung, wenn nicht gar Empörung. Ja, es war viel eher Empörung.
Nur einen Atemzug später wurde ihr bewußt, wie sehr ihr Ausbruch der Etikette zuwiderlief. Gefährlich – vor allem wenn man so über den direkten Willen des Göttergleichen sprach.
»Welch überaus überraschende Entscheidung des Herrn der Unwandelbaren Ordnung«, flötete sie, nun wieder gefaßter. Allein die hektischen Bewegungen ihres Fächers verrieten, welche Gefühle sie bedrängten. Nein, wie dumm. Nach all den Jahren des Aufstiegs sich angesichts dieser Nachricht solch eine Blöße zu geben ...
»Und wie gedenkt der Herr der Unwandelbaren Ordnung ...«, sie dehnte die Pause vor dem Zitat ins Unerträgliche, blickte versonnen aus dem Fenster und erkannte, daß dies nun wieder zu geringe Aufmerksamkeit zeitigte. Also schnellte sie herum und bemühte sich, so wenig anzüglich wie möglich zu fragen: »Wie gedenkt der Herr der Unwandelbaren Ordnung die Götter zu verspeisen?«
Fong-Kuoy näng Tschüeng war alles andere als ungefährlich. Und er war nicht bloß ein Bote aus Mantikor Leng, der Stadt der Mantikoren. Er war Lüs Vorgänger als Hohepriester Tschöng-Hau Lengs gewesen. Bis zu jenem gnadenreichen Tag, als ihn die Berufung zum Gesandten der Geheimen Kammer des Himmlischen Willens erreicht hatte.
Lü war heute noch stolz auf ihre Intrige. Ja, sie hatte diesen Mann gehaßt: nicht nur für all die Abartigkeiten, die er ihr während ihrer Ausbildung zugemutet hatte, sondern auch dafür, daß er mit seinem feisten Leib jene Kammer besetzt hatte, nach der sie gestrebt hatte. Aber wie beseitigte man einen Qengtan, der fünfzehn Jahre mehr an Macht, Erfahrung und Verbündeten besaß und sich soeben damit abzufinden begann, daß die Innere Kammer des Hochtempels von Tschöng-Hau Leng Endpunkt seines Beamtenlebens sein würde?
Die Antwort war der Hohe Inspektor der Geheimen Kammer gewesen, der sich auf seiner Suche nach einer geeigneten Berufung dazu herabgelassen hatte, der Meinung einer begabten Herrin der Dritten Kammer Gehör zu schenken. Nun, er hatte mehr getan, als sich nur Lüs Meinung einzuholen. Lü dachte nur ungern an jene anderthalb Tage im Garten der Freuden zurück, wenn es auch der Tugendhafte Weg des Himmlischen Willens gewesen war, was dort geschehen war.
»Mit Macht«, riß Fong-Kuoys Antwort Lü aus ihren Gedanken. Ein gleichmütiges Lächeln lag über seinem rot geschminkten Gesicht. Täuschte sie sich, oder klang auch in seiner Stimme etwas Anzügliches mit? »Mit der überlegenen Macht seiner unbesiegten Heerscharen.« Nein, da war nichts Anzügliches. »Wie sein göttergleicher Ahnherr, der Kriegsherr der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste. Sein Name sei gesungen in jedem Wunsch, der zum Himmel steigt.« Wenn Fong-Kuoy Hintergedanken hatte bei diesem Satz, dann hatte er seine Stimme und seine Miene jedenfalls besser in der Gewalt als Lü.
»Natürlich wird der Herr der Unwandelbaren Ordnung nicht allein gegen die Blauen Götter kämpfen«, führte Fong-Kuoy weiter aus. Seine undurchdringlichen schwarzen Augen schienen Lü zu durchbohren. Bei ihren Ahnen! Er lauerte förmlich darauf, daß sie sich eine weitere Blöße gäbe.
»Die Kriegsherren der Inneren Kammer haben ihm acht mal acht mal acht mal acht Gefährten erwählt. Aus dem Länder überspannenden Feld der Krieger haben sie die würdigsten Helden ausgesucht, den Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer auf diesem Weg zu begleiten, so wie einst die acht Prinzen den Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, begleiteten.«
Wie dumm, wie unsäglich dumm. Lü näng Huango begriff, in welche Falle sie geeilt war. Fong-Kuoy war mit dieser Neuigkeit nur zu einem Zweck nach Tschöng-Hau Leng gekommen: um sie zu prüfen – um zu sehen, wie sie bei dieser gleichermaßen erfreulichen wie unglaublichen Nachricht reagierte. Und sie hatte versagt. Sie hatte die Gewalt über sich verloren, war vom Tugendhaften Weg des Himmlischen Willens abgewichen und hatte gezeigt, daß sie nicht imstande war, eine Entscheidung von reichsweiter Bedeutung zu tragen und mit zu verantworten.
Aus! Fünfundzwanzig Jahre makellosen Aufstiegs umsonst. Vielleicht hatte sie soeben gar eine direkte Berufung in die Stadt der Mantikoren verspielt! Fong-Kuoy war nicht ihr Feind – ebensowenig, wie er ihr Freund war. Aber wenn er eine Verbündete für seinen Aufstieg in der Hauptstadt gesucht hatte, dann wußte er jetzt, daß sie nicht die geeignete wäre.
»Welchen Zeitpunkt«, fragte sie und hörte, wie verräterisch belegt ihre Stimme klang, »haben die Orakel bestimmt?«
Fong-Kuoys Lächeln blieb unverändert, ohne maskenhaft zu wirken. Lü mußte zugeben, daß er mit seinen über fünfzig Jahren eine überaus stattliche Erscheinung besaß: Er war feist wie die meisten Priester; seine runden Wangen unter der roten Schminke verliehen ihm den Ausdruck von Zufriedenheit. Die fleischigen Lippen verrieten Feinsinnigkeit und daß es für ihn nicht leicht war, Befriedigung zu finden. Mit der achtzackigen Schleierbandhaube wirkte er erhaben, dem Himmel ebensosehr verbunden wie der Erde. Lü fühlte erneut, wie tief sie diesen Mann gehaßt hatte.
»Die Orakel haben noch nicht endgültig gesprochen«, meinte Fong-Kuoy beiläufig, doch dann fügte er lauernd hinzu: »Natürlich bekunden sie alle das Wohlwollen des Himmlischen Willens für dieses bedeutende Unterfangen.«
»Das bedeutendste Unterfangen dieser Dynastie«, beeilte sich Lü zu ergänzen, »soweit ich das in aller Bescheidenheit beurteilen kann.«
»Dieser Dynastie – und der nächsten«, sagte Fong-Kuoy näng Tschüeng geheimnisvoll.
Lü hatte das Gefühl, sich wieder gefangen zu haben. Gleichmut, ermahnte sie sich. Nur nicht zu diensteifrig wirken. Aber das hörte sich nach höchster Politik an.
»Zweifellos wird diese Heldentat des Herrn der Unwandelbaren Ordnung auch die Annalen der nächsten Dynastie erleuchten«, bestätigte sie und ließ in den letzten Worten die Andeutung einer Frage erklingen.
Fong-Kuoys feiste Hand mit dem mächtigen Ringsiegel griff beiläufig nach der Teeschale. Vier Finger, vier Ringe, dachte sie. Das Siegel in Gestalt einer gravierten Jadeplatte überspannte die vier Finger der rechten Hand – so wie ihr eigenes. Seit Fong-Kuoy den Hochtempel betreten hatte, versuchte sie herauszufinden, ob er ein Zeichen der Geheimen Kammer trug. Sie streckte die Hand ebenfalls nach dem Tee aus.
»Es wird die Heldentat seiner Dynastie sein«, setzte Fong-Kuoy die Spiegelfechterei fort, »vielleicht sogar die begründende.« Er führte die zweite Hand zur Tasse, aber seine unergründlichen Augen durchbohrten Lü weiter. Diesmal war sie gefaßt. Eine neue Dynastie?
»Ist es das, was man in den Geheimen Kammern der Stadt der Mantikoren sagt?«
»Das ist, was man in den Inneren Kammern der Stadt der Mantikoren sagt.« Fong-Kuoys Lächeln schien um eine Winzigkeit breiter zu werden. Eine Schlag mit dem Fächer, begriff Lü langsam, mitten ins Gesicht. Dummchen, hatte er gesagt, das ist längst beschlossene Sache. Das weiß schon jeder leitende Beamte – außer denen, die so weit ab vom Schuß sind wie du. Er lachte sie aus. Aber das Lächeln hieß auch: Du hast ja mich. Du weißt es noch immer eher als die anderen Provinzpriester. Daher die wartende Teetasse.
Gehorsam umfaßte nun auch sie die Tasse mit beiden Händen. Sie haßte sich dafür. Fong-Kuoy hob seine Tasse und dankte der Erde in allen acht Himmelsrichtungen, bis er Lü zutrank. Ihre Bewegungen folgten seinen ohne erkennbares Zögern. Für einen Moment blitzte etwas in seinen dunklen Augen auf. Erinnerte er sich an die Lektionen, die er ihr erteilt hatte? Ja, darin war sie stets gut gewesen. Gehorsam und Anpassungsfähigkeit. Zuweilen hatten sie ihre Ambitionen so sehr verdeckt, daß Lü selbst sie vergessen geglaubt hatte. Aber die Leidenschaftlichkeit, die am Grund des Meeres ausharrte, hatte sich immer wieder Geltung verschafft.
»Der Himmlische Wille sei unser Wille«, sprach er den Priestersegen – und wie jedesmal gab er der Floskel einen Beiklang von Verheißung.
»Der Himmlische Wille sei unser Wille«, sagte auch Lü.
Gedanken
Innere Kammer des Hochtempels von Tschöng-Hau Leng, zwei Stunden später
»Endlich«, seufzte Lü, während der Pförtner hinter ihr die vier Vorhänge der Inneren Kammer schloß. Sie legte den Fächer beiseite und trat zum Erker. »Ich hatte erwartet, daß das Gelage mit Fong-Kuoy anstrengend sein würde.« Lü näng Huangos Blick schweifte über die Stadt unter ihr: ihre Stadt. Tschöng-Hau Leng mochte nur eine Eroberung am Rande des Reiches der Tugend sein, aber was die Küche anging, hatte sie Unvergleichliches zu bieten. Die Pfauenschiffe brachten die exotischen Waren der Barbaren aus dein fernen Ajuna geradenwegs hierher, in den Hafen von Tschöng-Hau Leng.
»Hattest du den Eindruck, daß der höchstehrwürdige Fong-Kuoy näng Tschüeng zufrieden war?«
»Höchstehrwürdige Lü«, sagte die alte Nühen, als sie hinter dem Wandschirm hervorkam, »was für eine Frage an eine alte Frau! Ist es nicht viel wichtiger, ob du zufrieden warst?«
»Er war gierig nach den bitter-süßen Speisen, mit denen er aufgewachsen ist, und niemand weiß besser als ich, was er am meisten liebt.« Lü verbesserte sich: »... was am meisten geneigt ist, in ihm einen Wunsch zu erzeugen, den er als Priester sofort zu stillen hat.« Die Hohepriesterin sog die würzige Meeresluft ein und dachte an das Gelage zurück. Geschmorter Storch mit Duftreis und Zitronenmus – sein Lieblingsgericht. Ein Tisch mit Früchten, auf dem insbesondere die heimische Ananas und Granatäpfel aus dem Norden nicht fehlen durften. Dazu Wein aus dein Merkantilischen Imperium, verfeinert mit Muskat und Kirschblüten. Und am Ende statt feinster Köstlichkeiten einfache Reiskuchen, mit einer Prise Haschisch bestreut. Eine Erinnerung an seine Mutter, wie er ihr einmal in einem selten offenen Augenblick gestanden hatte, nach einer Nacht, in der sie ihm ... Lü schüttelte unwillig den Kopf und trat vom Erker zurück in die Innere Kammer.
Ihr Blick fiel auf den mannshohen merkantilischen Silberspiegel. Sie betrachtete sich kritisch, drehte den Kopf, ohne ihr Gesicht aus den Augen zu lassen, und wandte ihren Körper ein wenig zur Seite. Die rote Schminke war makellos, und die weiß gemalten Himmelsbrauen verliehen ihrem Gesicht etwas Überirdisches. Das blaue Seidenkleid mit dem ausladenden Kragen ließ erahnen, wo ihr Leib weiblich weich war, ohne seine Schwächen zu offenbaren. Aber es war lange her, daß sie die Schleierbandhaube abgenommen und einem Mann ihr Haar enthüllt hatte.
»Nein«, sagte sie mit jäher Härte, »das Gelage ist nicht wie erwartet verlaufen. Fong-Kuoy machte mir ein Kompliment – weil es nicht tugendhaft gewesen wäre, eine Frau ohne eine Bestätigung ihrer Schönheit zu verlassen. Dann ließ er sich von zwei jungen Priesterinnen aufhelfen und ins Schlafgemach führen.«
Lü erschauderte unter dem Ansturm von Gefühlen: Kränkung, Erleichterung, Abscheu – und Panik. Ja, ein tödlicher Schatten der Angst fiel über ihre Seele – einer Angst, die sie bislang immer bezwungen hatte.
Sie warf sich selbst einen prüfenden Blick zu. Vor ihr lag ihr achtunddreißigster Frühling. Unwillkürlich glitten ihre Fingerspitzen über ihre Wangen. Auch die Ziegenmilchbäder und die mangalische Vulkanerde, die sie nun schon jeden Tag auflegte, konnten nicht länger verbergen, was ihre Finger überdeutlich fühlten. Sie begann alt zu werden.
Ihr Blick fiel auf die Hand mit dem Ringsiegel. Für dieses Zeichen hatte sie viel geopfert. Die Rechte war steif geworden von den vier breiten Ringen, die das Siegel trugen. Aber ebendieses Siegel zeichnete sie als Herrin der Inneren Kammer aus und erlaubte nun ihr, all ihre Wünsche erfüllt zu sehen.
Und was war mit diesem ihren Wunsch: nicht alt zu werden? Eine Priesterin hatte keine unerfüllten Wünsche zu haben. Doch den Wunsch konnte ihr niemand erfüllen: kein Gläubiger, kein Priester, kein Blauer Gott.
Die Blauen Götter!
Lü fühlte, wie ein Schauder ihr Rückgrat hinabfuhr, halb heilig, halb voll Entsetzen. Der Herr der Unwandelbaren Ordnung würde im Frühling ausziehen, um die Fangs, die Blauen Götter, zu erschlagen.
»Ich habe noch nie einen Fang gesehen.« Tschöng-Hau Leng lag durch drei Eroberungen vom Unvollendeten Palast der Blauen Götter getrennt. Lü war nie ausgewählt worden, die Roten Steine der Mangalischen Küste zum Opfer zu bringen. In früheren Jahrhunderten, so hieß es in den Tempelchroniken, war der Hohepriester noch selbst ausgezogen, um dem Befehl der Götter Gehorsam zu leisten. Aber heutzutage wurde jeder rote Edelstein erst nach Mantikor Leng geschickt, der Stadt der Mantikoren.
Es war ein offenes Geheimnis, daß die Kammern der Geomauten, der Nautiker, der Astrologen, der Alchimisten, der Architekten und der Lebensdeuter ihren Anteil erhielten, ehe sie eine Karawane zusammenstellten. Mehrfach, so hieß es in den letzten Jahren, waren einfach nicht genug Rote Steine übrig geblieben, daß sich überhaupt eine Karawane gelohnt hätte.
Und die Blauen Götter hatten geschwiegen! Nein, eigentlich schlimmer: sie hatten geflucht. Sie hatten den Sterblichen üble Drohungen entgegengeschleudert. Doch dabei war es geblieben. Es war Jahrhunderte her, seit die Fangs zuletzt ausgezogen waren, um jeden Sterblichen zu erschlagen, der ihnen die Roten Steine vorenthielt. Das war noch zu Zeiten des ersten Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, gewesen.
»Und nun dieser Auftrag«, stöhnte sie. »Ausgerechnet ich.« Lü blickte nach der silbern durchwirkten Klingelkordel. Sollte sie den Herrn der Kammer der Ordnung rufen und sich die Chronik bringen lassen? Sie unterdrückte ein Gähnen. Nein, nicht nach diesem Festmahl. . Ihre Hände betasteten mißbilligend ihren Bauch. Sie hatte sich mit der Feder erleichtert, aber dennoch fühlte sie sich aufgebläht.
Hatte sie Wünsche? Routiniert erforschte Lü ihr Gemüt. Vielleicht sollte sie sich einen der jungen Priester kommen lassen. Der kleine Giung war niedlich – und respektvoll und leidenschaftlich dazu. Nein, sie wollte keinen Mann. Wie so oft hatte sie keine Wünsche. Alles, was sie fühlte, war diese hungrige Leere an einer Stelle ihrer Seele, die nicht einmal einen Namen hatte.
Die Straße nach Norden
Nördliche Königreiche, jenseits des Qiu, ebenfalls im Herbst
des Jahres 471 der Blauen Götter
»Wasser!« Etwa fünfzig Schritt weiter gab es irgendeinen Aufruhr. Eine Sänfte war angekommen, von vier weißen Pferden getragen. Die Sklaventreiber, die eben noch bäuchlings am Boden gelegen hatten, liefen eilfertig herum und schrien: »Los, ihr nichtswürdigen Tiere! Schafft Wasser her!« Dabei schlugen sie mit den Geißeln auf jeden Sklaven ein, der sich in ihrer Reichweite befand.
Der Stiernackige, der am Abschnitt das Kommando hatte und vor dem auch die Sklaventreiber buckelten, war unvermutet selbst zum Wurm geworden. Das Gefährt war zu breit – oder vielmehr die Straße zu schmal. Die Arbeiter hatten noch Steinplatten auf der Straße gelagert, die in den nächsten Stunden verlegt werden sollten. Der Stiernackige wand sich wie ein Aal vor dem Würdenträger in der Sänfte, von dem lediglich die rechte Hand mit dem beeindruckenden, drei Finger bedeckenden Ringsiegel und eine hochrote Stirn zu sehen waren.
Strolch atmete auf. Wie jedem Sklaven war ihm jegliche Unterbrechung der Arbeit nur recht. Seite an Seite standen sie seit Wochen im Lehm und verbreiterten die Trasse, verlegten die Reismatten und richteten die Steinplatten darauf aus. Einige tausend Sklaven waren es gewiß – jedenfalls so viele, daß die Reihen von Strolchs Arbeitsplatz aus in beiden Richtungen bis zum Horizont reichten. Die Kataueken schienen beinahe alles in unüberblickbaren Scharen anzugehen. Früher hatte Strolch geglaubt, es könne niemals mehr Menschen geben, als sich im stolzen Maganta, der Hauptstadt des Merkantilischen Imperiums, zum Fest der Entrückung Gottes versammelten.
Aber gleichgültig, wie viele Arbeiter die Sklaventreiber zur Verfügung hatten: Strolch blieb immer der Ajunäer. Einen Kopf größer, mit abartig hellem, kurzem Haar und einer langen Nase, die zum Draufschlagen einlud. Was auch immer in seinem Glied falsch lief: Strolch bekam Knute oder Geißel dafür zu schmecken. Und abends, wenn die Aufseher besoffen vom Reisbier durch die Reihen der angepflockten Sklaven wankten, war es einerlei, wie finster es war oder wie sehr es regnete: Strolchs Haar war zwischen den schwarzen Zöpfen weithin zu erkennen und schien unwiderstehlich dazu aufzufordern, ihm mit Tritten, Flüchen und perversen Spielchen klarzumachen, daß er selbst unter Sklaven noch Abschaum war.
»Wasser, ihr Ratten!«
Wahrscheinlich wollten sie zumindest die Pferde tränken, wenn der Bonze schon warten mußte. So nannten die Kataueken ihre rotgesichtigen Schreiber.
Strolch setzte sich in Bewegung und versuchte zu erraten, wo die Aufseher sie hintrieben. Dann erwischten ihn die ersten Schläge. Strolch wurde mit den anderen zum Strom hinunter geprügelt. Sie waren mindestens hundert Mann, die als Kette ins Schilf getrieben wurden. Der Boden wurde sumpfig. Schilfstoppeln zerstachen ihnen die bloßen Füße, Blutegel krochen schleimig an ihren Waden hoch.
»Nimm das, Mißgeburt!« Natürlich war es der Ajunäer, dem sie den Eimer in die Hand drückten und den sie mit einem Geißelhieb über die Schultern zum Wasser jagten. Strolch füllte den Eimer und reichte ihn dem nächsten Sklaven. Dann schlug er um sich in dem Versuch, sich die Stechmücken und die Blutegel vom Leib zu halten. Wenn man schnell genug zugriff, bissen sie nicht. Zuschlagen und klauben, zuschlagen und klauben. Zwischendurch kamen noch einige Eimer.
Dann biß der erste Egel. Strolch ging in die Knie, um ihn sich vom Fuß zu reißen. Während er im schmutzigen Wasser kniete und im Schlamm wühlte, um den Egel an seinem Rist zu packen, wurde ihm klar, daß die Sklaventreiber dieses Problem nicht hatten. Von denen war nämlich keiner im Schilf Mindestens fünfzig Schritt trennten ihn von den Prügelknechten. So weit waren sie sonst nur abends weg, wenn er angepflockt war. Fünfzig Schritt durch kniehohen Schlamm und brusthohes Röhricht und durch mindestens ebenso viele Sklaven.
Strolch ließ sich ins Wasser fallen. Der Sklave hinter ihm kämpfte ebenfalls mit einem Egel. Zwei kräftige Ruderbewegungen mit den Armen. Strolch war in Maganta immer ein guter Taucher gewesen. Schilfstoppeln und Flußmuscheln zerkratzten ihm Bauch und Beine, als er losschwamm.
Dann fühlte er die Strömung. Wenn jetzt bloß nicht einer der anderen Sklaven schrie! Den Ajunäer verpfeifen, damit du nicht selbst den Stock zu spüren bekommst. Aber selbst wenn einer der Sklaven Alarm gegeben hätte, so hätte Strolch es unter Wasser nicht gehört. Und zurück konnte er ohnehin nicht. Ich wurde abgetrieben, Euer Blutrünstigkeit. Ehrlich, ich wollte nicht fliehen. Warum sollte ich? Es geht mir doch gut als Sklave. Nein, Strolchs Hafengaunereien zogen nicht bei dieser dünkelhaften Rasse, deren Sprache er kaum sprach.
Er tauchte erst auf, als Funken vor seinen Augen tanzten. Dann schwamm er mit der trägen Strömung weiter. Mindestens eine Viertelstunde an einförmigen Reihen von Sklaven entlang, die hundertfünfzig Schritt entfernt an der Straße schufteten. Möglichst weit hinaus in die Strömung, um schnell hier wegzukommen, aber nicht so weit, daß man seinen Kopf jenseits des Schilfes gesehen hätte.
Kurz erwog er, den Strom zu überqueren, aber der war so gigantisch wie alles in Serkan Katau. Dabei war es nur ein Zufluß des riesigen Stromes, den sie Qiu nannten. Das andere Ufer war ein verwischter gelber Strich am wolkenverhangenen Horizont.
Endlich war er frei – das erste Mal frei, seit er auf diesen gleichermaßen sagenhaften wie verfluchten Kontinent gekommen war! Der Blutegel an seinem Rist war inzwischen feist wie eine Pflaume. Und dem jungen Ajunäer wurde klar, daß sich ein, zwei Monde Fußmarsch in jede Richtung eine Kultur erstreckte, deren Volk ihn immer hassen, jagen und demütigen würde.
Die Stadt der Mantikoren
Mantikor Leng, zentrales Serkan Katau,
im Achten Mond im Jahr 471 der Blauen Götter
Endlich! Kang gab seinem Pferd die Zügel, als die Silhouette Mantikor Lengs aus dem diesigen Nachmittagslicht auftauchte. Fünf Wochen! Fünf Wochen auf den besten Straßen der Welt, vom Labyrinth zum Qiu und dann den Strom abwärts nach Süden – und nun lag sie vor ihm: die Hauptstadt des Reiches der Tugend. Aus den Augenwinkeln heraus hatte er unwillkürlich nach einem Hügel gesucht, um sich einen Überblick zu verschaffen: eine Gewohnheit aus zwanzig Jahren in fremdem oder feindlichem Land. Doch hier gab es keine Hügel – nur Reisfelder, Obstplantagen, flache Bauernhäuser, Kanäle und Straßen bis zum Horizont.
Die Palaststadt des größten Reiches der Welt benötigte keine Mauern und keinen Schutz. Der Kriegsherr der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, hatte sie dereinst mitten in der Ebene des Qiu und nördlich der undurchdringlichen Regenwälder gegründet. Sie war das sichtbare Zeichen, daß der Göttergleiche und all seine Nachfahren zur Herrschaft bestimmt waren: unangefochten von den Ungeheuern, die er erschlagen hatte, unangefochten von den Göttern, denen er seinen Tribut an Roten Steinen gezollt hatte, unangefochten von jedem anderen Volk Serkan Kataus und erst recht unangefochten von Königen und Häuptlingen, deren Blick nicht über den Rand ihres Stammlandes hinaus reichte.
Vierundzwanzig Jahre! So lange hatte Kang am Labyrinth gekämpft. Vierundzwanzig Jahre lang hatte er diese Stadt verteidigt und nicht begriffen, wie weit entfernt sie lag. Natürlich hatte er wie jeder Offizier gewußt, daß zwischen dem Labyrinth und Mantikor Leng drei Eroberungen lagen. Aber niemand, der nicht anderthalbtausend Lang geritten war, konnte diese Strecke begreifen. Vierundzwanzig Jahre in der Heerschar am Labyrinth – und nun war er entlassen worden.
Es schien, als schwebte die Stadt in einem Licht, das sie selbst hervorbrachte. Umgeben von einem goldenen Dunstschleier, beherrschte die Große Pagode von Gingang Gao das Panorama aus Palästen, Tempeln und Kammern, unzähligen Kasernen, Magazinen und Reisspeichern sowie das weit gefächerte Netz der Kanäle und Gärten.
Wieder trieb der Offizier seinen Schecken an. Aber die Stadt schien nicht näher zu kommen. Er hatte gewußt, daß sie groß war, und er hatte gesehen, welche Heerscharen und welche Mauern sein oberster Herrscher aufbieten konnte. Und er hatte gelernt, daß die Herren der Kammer der Tugendhaften Ordnung eine neue Zahl hatten erfinden müssen, um die Einwohner der Hauptstadt zu zählen. Aber keine seiner Erfahrungen hatte ihm wirklich verdeutlicht, welch unvorstellbare Macht die turmartig bis zu den Wolken aufragende Heimstatt seines Gebieters innehatte.
Kang passierte die erste Garnison. Wie in allen Städten, die er auf dem langen Ritt ins Zentrum durchquert hatte, hatte er die scharlachrote Hüllrolle eben erst gezogen, als sich der Wachtmeister bereits verneigte und ihm eigenhändig die Schranke öffnete. Für einen Moment tauchte am Rande seines Bewußtseins der argwöhnische Gedanke auf, welchen Mißbrauch der Besitz solch einer Botschaft ermöglichte. Aber nein, dachte Kang, wie könnte er je etwas anderes tun, als der Botschaft zu folgen, wie könnte jemand sie tragen, dem sie nicht bestimmt war.
Die neue Heerschar
Festung Gingang Tung, Mantikor Leng,
drei Wochen später
»Ihr seid die Helden des Reiches, welche die Herren der Inneren Kammer des Krieges auserlesen haben.« Die Stimme des grauhaarigen Generals schallte über den gewaltigen Kasernenhof von Gingang Tung. »Acht mal acht mal acht mal acht seid ihr an der Zahl. Ihr wurdet auserwählt, dem Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer selbst als Waffenknechte zur Seite zu stehen.«
Ein Krieg also, dachte Kang – ein Krieg, in dem der Göttergleiche mit eigener Hand streiten würde. Er fühlte, wie sein Mund feucht wurde von Kampfesgier.
Dieser Gedanke war es, der ihn und alle Krieger während der folgenden Tage beflügelte, während sie daran gingen, eine Heerschar zu bilden, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Kang mußte sich an die Gesichter seines Kommandanten und seiner Rangesgefährten gewöhnen. Wenn General Tüfang hua Hidong mit seinen acht Hauptleuten sprach, trug er nie eine Maske, und ebenso hielten sie es untereinander.
Ob der Göttergleiche ebenso unmaskiert focht? War es wahr, daß er unverwundbar war? Daß sein Gesicht im Kampf von göttergleicher Raserei entstellt wurde? Dies jedenfalls berichtete die Historie von seinem Ahnherrn, dem Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste. Und als Kang ein junger Rekrut gewesen war, hatte ihm ein Priester erklärt, daß sie alle Masken trugen, weil ihr Gesicht zugleich das des Herrn der Unwandelbaren Ordnung war und ihr Zorn der des ersten Kriegsherrn, der das weltumspannende Reich von Serkan Katau geschaffen hatte.
Kang fühlte einen heiligen Schauder. Dann mußte der Zorn des Göttergleichen unermeßlich sein ... Kang hatte seine Heerscharen gesehen, ein ums andere Mal, wenn sie im Labyrinth in ihren unerschütterlichen Speerwäldern und treffsicheren Schützenreihen den Barbaren des Turga-Busches entgegengetreten waren. Die Turga waren tapfere Kämpfer auf wilden Pferden, halbe Tiere meist, gehüllt in Pelze und getrieben von den Zaubern ihrer unbekannten Ahnen. Aber kein Volk konnte es mit den Kriegern des Reiches der Tugend aufnehmen – nicht mit der tödlichen Effizienz der acht Künste des Tötens, nicht mit ihren kaum durchdringbaren roten Harnischen, nicht mit dem grausamen Zusammenspiel zwischen Lanzenträgern und Schwertschwingern, Kreuzbogenschützen und Katapulten, schwerer Reiterei und flinker Barbarenreiterei, und schon gar nicht mit der schieren Zahl an Ziangs, die der Höchste Kriegsherr der Geheimen Kammer aufbieten konnte.
Und nun würde das Länder überspannende Feld der Krieger ausziehen, angeführt vom Göttergleichen höchstselbst. Welcher Feind mochte solch gewaltige Aufmerksamkeit verdienen?
Fallobst
Irgendwo in den Nördlichen Königreichen, zu Winterbeginn
im Jahr 471 der Blauen Götter
»Kommt doch, ihr stumpfnasigen Reisfresser. Hugga Hugga!« Strolch hüpfte von einem Bein aufs andere wie ein betrunkener Affe und wedelte dazu mit seinen dünnen Armen. Die Pflückerinnen glotzten von den Leitern herab, einige kicherten. Die Knechte setzten die Weidenkörbe ab und kamen näher.
»Ihr kriegt mich nicht, ihr kriegt mich nicht«, spottete Strolch. Er führte die Hände an die Schläfen, um ihnen Eselsohren zu zeigen, aber als die Grasbüschel knisterten, die er um die Handgelenke gebunden trug, hielt er inne. Nicht nötig, dachte er, du siehst schon lächerlich genug aus. »Hugga Hugga!«
Einer der kräftigsten Knechte in vorderster Reihe rief etwas Kehliges zu seinen Gefährten. Weiter hinten antwortete einer mit wenigen Worten, aus denen sich eines hervorhob: »Gingaling.« Verrückt! Das erste Wort, das Strolch in Serkan Katau gelernt hatte – oder zumindest das, welches er wohl am häufigsten gehört hatte.
»Jaja, ihr Reisfresser, das verrückte Gespenst aus Ajuna ist da.«
Der bullige Obstpflücker in der ersten Reihe zog eine Sichel vom Gürtel und hob sie – eindeutig bedrohlich. Abstand halten, sagte sich Strolch. Er sprang einige Male nach links, dann zurück. Sehr gut, nun kamen auch die Pflückerinnen von den Leitern und folgten den Männern.
»Wung Ling«, rief er nun das Zauberwort. Er hoffte inständig, daß die Bauern ihn tatsächlich für einen Reisgeist hielten – oder zumindest so reagierten, wie sich das seine sauberen Spießgesellen ausgedacht hatten. Sein Blick glitt über die hinteren Reihen, in der Hoffnung, einen der Halunken auftauchen zu sehen. Dort hingen noch einige der fremden, orangefarbenen Früchte mit der harten Schale an den Bäumen.
»Hy’ä!« rief einer der Knechte. Tücke, dachte Strolch grimmig. Nein, das war das Wort, welches er am häufigsten gehört hatte: Hau ab! Hier bist du selbst als Reisgeist Ajunäer, fluchte er. Da flog die erste faulige Mandarine.
Strolch sprang schnell nach rechts und wich weiter zurück. Drei weitere Knechte bückten sich. Er wich erneut aus, aber schon traf ihn klatschend die erste Frucht. Und dann kam ein Stein daher!
»Verreckt doch alle«, kreischte Strolch, eher an seine Kameraden hinter den Obstbäumen als an die Angreifer gerichtet. Als er sich zur Flucht wandte, traf ihn ein Stein an der Schulter. Er schrie auf vor Schmerz und rannte geduckt los. Ein weiterer, tieffliegender Stein verfehlte ihn nur um Haaresbreite.
Nichts wie weg! Strolch schlug einige Haken zwischen den Bäumen. Hinter ihm prallte eine letzte matschige Mandarine auf. Er hörte Gelächter und ärgerliche Rufe. Dann gelangte er an den Rand der Plantage. Er machte einen Schwenk zur Seite und folgte dem Rain. Wie man sich verdrückte, hatte er in seinem miesen kleinen Leben nun wirklich gelernt. Nicht über freies Gelände laufen, solange sie noch so nahe sind. Am besten nicht auf Kontinente reisen, die nur aus freiem Gelände bestehen ...
Hunger
Im einem nahen Wäldchen, in den Abendstunden
Das mußten sie sein! Strolch hörte fröhliche Stimmen im Unterholz. Es roch betäubend stark nach Melisse und Salbei. Sein Magen knurrte so laut, daß er glaubte, einen Tiger hinter sich zu haben. Entgegengehen oder warten? Egal, sie werden dich sowieso wie Abschaum behandeln. Hauptsache, was zu fressen.
Strolch bog die fremdartigen Farnwedel seines Verstecks zur Seite und bewegte sich auf die Gruppe zu, die sich aus der Abenddämmerung schälte. Narbenfresse ging vorneweg, Kudung scherzte gerade mit Schlampe. Keiner würdigte ihn eines Blickes. Sie stapften ins Innere des Wäldchens, wo sie den Buchsbaum ausgeholzt hatten. Einer nach dem anderen ließen sie sich hinfallen. Strolch suchte mit begehrlichen Blicken nach der Beute. Zwei der Strauchdiebe trugen ein zusammengerolltes Tuch schräg über dem Leib, in dem Strolch runde Formen auszumachen glaubte.
Einauge hatte orangefarbenes Fruchtfleisch im Bart hängen. Sie hatten also schon gegessen! Er wandte sich um und besah sich die anderen genauer. Auch Narbenfresse schien satt zu sein.
»Was willst du?« herrschte Kudung ihn auf katauekisch an. Strolch bemerkte, daß er in der Mitte des Lagers stand. Unwillkürlich hatte er sich breitbeinig aufgebaut. Doch jetzt wagte er nicht, Kudung in die Augen zu sehen, daher irrte sein Blick über die bronzegelben Gesichter der anderen.
»Essen«, sagte er, »Obst!«
Kudung gab eine abfällige Antwort, die Strolch nicht ganz verstand. Früh weglaufen? Narbenfresse knurrte irgend etwas wie üblich Unverständliches und deutete vorwurfsvoll auf sein Tragetuch. Zu wenig Beute? Wollten sie ihm jetzt einreden, er sei zu früh geflohen? Strolch fühlte die Schwellung auf seiner Schulter pochen.
»Ich essen«, wiederholte Strolch und riskierte einen Blick auf Kudungs kräftiges Kinn. »Gesetz.« Einauge stimmte ein höhnisches Gelächter an. Klar, falsches Wort bei einem Gesetzlosen. »Bande Gesetz«, verbesserte sich Strolch.
»Hy’ä!« herrschte ihn Kudung mit der Geste eines Gutsbesitzers an, der einen Sklaven entläßt. Dann griff er nach Schlampe, die zu kichern begann. Er vergrub seinen Kopf an ihrer Schulter und tat etwas, das sie quieken ließ. Als er sich umblickte, schien er überrascht, daß Strolch noch immer da stand.
»Narbenfresse!« rief er befehlerisch. Narbenfresse tat kurz so, als ob er bereits eingeschlafen wäre. Als Kudung nichts weiter sagte, hob er vorsichtshalber den Kopf. Kudung nickte in Strolchs Richtung. Grunzend griff der Kataueke in sein schmutziges Tragetuch. Dann warf er Strolch eine bräunliche Mandarine zu, die in seinen Händen sofort zerplatzte.
»Mehr!« rief Strolch. Narbenfresse gab wieder ein Geräusch von sich wie eine Sau am Trog und griff betont widerwillig in das Tuch. Dann überlegte er es sich, warf Strolch den Beutel vor die Füße und drehte sich zur Seite.
Strolch lauschte in seinen Bauch hinein, in diesen dumpfen Knoten aus Hunger, Demütigung, Wut und Verzweiflung. Zwei zermatschte Mandarinen und eine steinhart getrocknete Kante Reisbrot, die Narbenfresse wohl nach dem Einbruch in der Windmühle vor zwei Wochen einfach vergessen hatte – und dafür hatte der junge Abenteurer sich anderthalb Stunden angeschlichen, mit Steinen bewerfen lassen und dann bis zur Dämmerung auf die anderen gewartet. Vor Verzweiflung hatte er angefangen, mit befeuchteten Fingern Ameisen aufzupicken und zu schlucken.
Strolch konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal wirklich satt gegessen hatte. Narbenfresse konnte halbwegs mit Schlingen umgehen und brachte, wenn sie einige Tage verweilten, manchmal ein Kaninchen, ein Moschustier oder eine Springratte mit – aber sie verweilten selten länger als bis zum ersten Überfall. Einauge behauptete, Fische speeren zu können, aber die zwei Mal, da er einen erlegt hatte, hatte er nur Kudung etwas abgegeben.
Wiederholt hatten sie Schlangen mit Steinen erschlagen. Schlampe hatte sie geöffnet, ausgenommen, mit Steinen gefüllt und dann in die Glut eines verlöschenden Feuers geschoben. Irgendwie garten die heißen Steine dann das Fleisch. Aber auch davon hatte Strolch stets nur die Schwanzenden mit Unmengen von Wirbeln abbekommen.
Und nun lag der Winter vor ihnen. Strolch war sich angesichts der fremden Pflanzen und der unbekannten Feldfrüchte nicht sicher, was sie erwartete, aber es war deutlich, daß es kälter und trockener wurde. Jedenfalls kälter als in Maganta um diese Zeit. Die Baumreihen, die die Pflücker an diesem Tag abgeräumt hatten, waren die letzten der Plantage gewesen und die Früchte durchwegs überreif. Nicht, daß es im Herbst so viel einfacher gewesen wäre, an Nahrung zu gelangen: Die Kataueken hatten überall Feldhüter stehen, und ständig waren berittene Aufseher unterwegs, um entlaufene Sklaven aufzuspüren.
Genau das war er: ein entlaufener Sklave. Auch wenn sie ihn auf dem Schiff nicht gebrandmarkt hatten, genügte sein Aussehen, um ihn zu verraten. Seit er bemerkt hatte, wie die Kataueken auf sein straßenköterblondes Stoppelhaar reagierten, versuchte er es morgens stets mit der Kohle des Lagerfeuers zu schwärzen. Aber seine Nase – für hiesige Verhältnisse ein echter Zinken – und sein langes, hageres Gesicht konnte er ebensowenig verbergen wie seine langen Arme und Beine, die selbst für einen Ajunäer schlaksig wirkten. Ganz davon zu schweigen, daß er größer war als Kudung, der in der kleinen Bande durchaus als kräftig gewachsen galt.
Was hast du Esel erwartet? Wie jeden Abend zermarterte Strolch sich den Kopf. Was, bei der Kakerlakenkutsche des Buckligen, hatte ihn dazu gebracht, sich auf die Nauke zu schleichen? Er konnte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Dabei hatte er es über Wochen hinweg geplant. Damals hatte das sagenhafte Serkan Katau in buntesten Bildern vor seinem geistigen Auge gestanden. Aber Strolch konnte die Bilder nicht mehr sehen. Alles, was er sah, wenn er nun die Augen schloß, waren die vertrauten Gassen von Magantas Hafen, die ihm noch vor einem Jahr so unerträglich erschienen waren.
Es war nicht der Schmutz gewesen und nicht einmal der Hunger, dem er hatte entfliehen wollen. Nein, was er nicht ertragen hatte, war der Spott gewesen. Daß die Burger, Handwerker und Soldaten ihn wie einen Straßenhund betrachteten, daran hatte er sich gewöhnt. Aber daß ihn selbst die anderen Tagelöhner und Tagediebe stets nur Strolch genannt hatten ...
Am schlimmsten war sein Vater gewesen. Wenn er überhaupt sein leiblicher Vater war! Das hatte ihm der alte Hurenbock immer wieder hinterhergeschrien, seit Verachtung, Haß und Prügel Strolch keinen Laut mehr hatten entlocken können.
Nun gut, seine Mutter hatte mit anderen Männern geschlafen – bisweilen auch für Brot, Wein oder einige ungelochte Münzen. Meistens war es im Winter gewesen. Er zitterte beim Gedanken an die Kälte ... wie sie ihn mitten in der Nacht aus dem Bett geholt und er sich zu seinen zwei Schwestern ins andere Bett gedrückt hatte. Und während ihn Ellbogen und Knie in eine fügsame Wurst verwandelt hatten, die halb aus dem Bett gehangen und sich halb an die Schwester geklammert hatte, hatte er gelauscht. Seine Schwestern hatten stets behauptet, nichts davon zu wissen, aber er kannte den fremdartigen Klang, den Hunger und Schnaps und eine seltsame Erregung der Stimme seiner Mutter verliehen hatten. Und obwohl die fremden Männer meist nur gegrunzt und gestöhnt hatten, hatte sie leise zu ihnen mit dieser seltsamen Stimme gesprochen.
Nein, die meisten waren gar keine fremden Männer gewesen. Dann und wann hatte sie einen katauekischen Seemann mitgebracht, der stets einige gelochte Münzen dagelassen hatte. Einmal war es auch ein Bürger in feinem Tuch gewesen; aber da hatte es gleich Streit gegeben, weil er der Frau nichts hatte geben wollen. »Ich habe schon den Braten bezahlt«, hatte er immer wiederholt. Doch die anderen Männer waren Schauerleute und Träger wie sein Vater gewesen.
Im Herbst, wenn die Nauken zurück nach Serkan Katau segelten, verödete der große Hafen von Maganta. Die Krämer der Nachbarstädte und die einheimischen Fischer hatten vergleichsweise kaum Ladung und vor allem kein Geld. Dann mußten die Männer losziehen. Manche gingen landeinwärts, um in den Bergwerken und Wäldern zu schuften. Manche hatten zu dritt oder viert ein eigenes Boot, mit dem sie auf das Weiße Meer zum Fischen hinausfuhren. Die anderen lungerten in den Tavernen und Spelunken herum und versuchten sich mit Wein zu betrinken, der so gewässert war, daß nicht einmal die Kinder davon einschliefen, wenn sie vor Hunger weinten. Und manch einer ging dann eben mit einer Frau mit, die noch einsamer war als er – auch wenn es die Frau eines Freundes war.
Und Strolchs Vater – der Hurenbock? Der Junge hatte nie erfahren, wie er diese Winter verbrachte. Die Eltern hatten ständig darüber gestritten. Im Nebelmond hatte der Vater von seinen unfehlbaren Plänen »mit den anderen Jungs« erzählt. Einmal wollten sie einen Wal fangen, dann einen Schatz heben, der nach der Götzenschlacht vergraben worden war. Dann war wieder von einer gescheiterten Nauke die Rede, deren Seidenballen, Gewürzsäcke, Haschischfladen und Zuckerkisten man nur noch am Strand einsammeln mußte. Manchmal sprachen sie darüber, sich mit den Schmugglern und Erpressern der corona einzulassen.
Aber schon im Wolkenmond war er wieder dagewesen, meist mit »guten Freunden«, die er im Vorjahr noch nicht gekannt hatte. Mutter hatte ihn angefleht, etwas zum Essen vorbeizubringen, aber meist hatte der Tag damit geendet, daß er die paar Münzen, die Mutter mit dem Gießen ranziger Talglichter verdient hatte, auch noch mitgenommen hatte. Im Schneemond war er dann wieder wochenlang unterwegs gewesen – aber die »guten Freunde« waren immer häufiger zu Besuch gekommen. Doch die einzigen, die jemals Geld ins Haus gebracht hatten, waren die Kataueken gewesen.
Strolch konnte sich noch genau an den Tag erinnern, als er begriffen hatte, wie unvorstellbar reich die Fremden sein mußten ... Er war elf Jahre alt und stand mit seinen Freunden am Hafen, wo eine Nauke vor Anker lag. Bei ihnen saß der alte Stumpfbein-Mateo, der in der Flotte des Merkantilischen Imperiums als Seesoldat gedient hatte, bis er hei einem Gefecht gegen Galeeren der Ehernen Liga ein Bein verloren hatte.
Mateo erklärte Strolch, wie so eine Nauke gebaut war und wie sie betrieben wurde: der kastenförmige Rumpf mit den Aufbauten in der Mitte, die seltsamen Ausleger, die roten Pfauenfächersegel.
»Und das ist der Kapitän?« fragte Strolch, plötzlich atemlos, als ein Kataueke in weißem Leinen das Fallreep hinaufstieg. Der Junge kannte den Mann. Der schwarze Zopf, das bronzegelbe Gesicht, die schmalen Augen, die weiße Kleidung – all das wäre verwechselbar gewesen. Aber um den Hals trug der Mann ein großes Amulett aus Silber und rotem Edelholz, das ein fremdartiges Ungeheuer darstellte. Dieses Amulett kannte Strolch: Er hatte es vergangene Nacht in der Dunkelheit angestarrt, während der Mann atemlos auf seiner Mutter gelegen hatte.
»Der Kapitän?« Stumpfbein-Mateo schmunzelte. »Ach was, das ist ein einfacher Seemann.« Dabei deutete er auf den Mann, der auch schon am Hauptmast aufenterte, um die Vertäuung der gerefften Pfauensegel zu überprüfen.
Doch Strolch hatte nur das glückliche Lächeln seiner Mutter vor Augen, die in der Früh mit drei achteckigen Silbermünzen gespielt hatte, in der Mitte gelocht wie alle katauekischen Münzen. Und als er mittags nach Hause gekommen war, hatte die ganze Hütte geduftet von dem Eintopf, den seine Mutter gekocht hatte, mit echtem Hammelfleisch und frisch gebackenem Brot ...
Vorzeichen
Hochtempel von Tschöng-Hau Leng,
im Zehnten Mond im Jahr 471 der Blauen Götter,
zu Beginn der Kleinen Regenzeit
Mit dem Vergnügen einer geübten Intrigantin stellte Lü näng Huango fest, daß sie immer deutlicher Veränderungen in Tschöng-Hau Leng wahrnahm, die ihr ohne Fong-Kuoy näng Tschüengs Nachrichten entgangen wären.
Auf den Kais des riesigen Hafens wurde zunehmend darüber gesprochen, daß man nach der Regenzeit keinen Reis zum Handel mit Ajuna laden werde, weil der Reispreis so gestiegen sei, genauer gesagt der Preis für Reismehl – wie man es benötigte, um ein großes Heer zu versorgen.
Da und dort erschienen Viehhändler aus den zentralen Eroberungen, die den großen Schweinemästern die Tiere gleich herdenweise abkauften und diese noch im Koben schlachten ließen. Das Fleisch wurde eingesalzen und auf ihre Karren verladen; die Häute spannten sie darüber. Das ergab nur Sinn, wenn man das Fleisch weiter transportieren wollte, als es sonst üblich und einträglich war, und wenn man mit bereits vorgegerbtem Leder dort ankommen wollte.
Immer häufiger erschienen Offiziere oder stolze Mütter der Kriegerkaste im Hochtempel, weil die Schwertweihe ihres Sohnes ein halbes Jahr vorverlegt worden war. Nervöse junge Männer brachten ihr Erstopfer als Zeichen, daß sie nun ein Mann waren.
Mehrere Male spendeten wohlhabende Tempelbesucher, die um ein Orakel baten, so großzügig, daß Lü beschloß, eigenhändig die Eingeweide des Opfertiers zu deuten.
Der eine war ein Händler. Eigentlich gehörte er zur Kaste der Bonzen, aber er hatte nie ein Amt innegehabt. Schon sein Vater war mit Karawanen an der ganzen Mangalischen Küste zu Reichtum gekommen, und der Erbe hatte nie anderes getan, als die Güter Tschöng-Hau Lengs gegen die der benachbarten Eroberungen zu handeln. Er wollte wissen, ob er im neuen Jahr an Bord einer Nauke gehen sollte, mit einer Ladung Zucker, Seide, Haschisch und Tee, um sie bei den Barbaren Ajunas gegen Wein, Salz, Eisen und Glas zu tauschen.
Im Kreis der brodelnden Kessel, die die Halle der Himmlischen Mächte mit betäubendem Parfümgeruch erfüllten, konnte Lü ihm guten Gewissens raten, statt dessen »Räder zu kaufen« und weit den Tschöng-Strom aufwärts zu schicken, wo hunderttausend Hände des Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer darauf harren würden, genährt zu werden.
»Ist mir im kommenden Jahr der Blauen Götter bestimmt, meine Ehre zu mehren?« fragte Hauptmann Kapaung, dessen Katapulte die Hafenfestungen von Tschöng-Hau Leng verteidigten. »Lauzöng, o Lauzöng, Tugendwächter, weise mir den Tugendhaften Weg des Himmlischen Willens.«
Lü fand auf dem Weg zum weißen Orakelaltar, die heiligen Lorbeerblätter kauend, mit Hilfe weniger Fragen im Plauderton heraus, daß der Krieger einen Versetzungsbefehl zu einer neuen Einheit erhalten hatte. Wahrscheinlich grübelte er nun, ob er die Anzeichen für einen Heerzug richtig deutete und wie er hier, an der seit zwei Menschenleben befriedeten Mangalischen Küste, Heldentaten vollbringen sollte. Daß er in vollem Harnisch erschienen war, bestätigte Lüs Einschätzung.
Und ihre Einschätzung war alles, was sie hatte. Als sie den Himmel anrief, fühlte sie sich einsam und ungehört wie immer. »Der Himmlische Wille sei mein Wille«, deklamierte Lü. Dann setzte sie dem Widder mit der rotgefärbten Wolle die Sichel an die Kehle und durchtrennte sie mit einem Schnitt. Das Tier versuchte entsetzt zu blöken und taumelte, während sein Leben auf den mit Roten Steinen verzierten Altar sprühte.
Lü stellte fest, daß es eine Weile her war, daß sie zuletzt geopfert hatte – zumindest ein Tier; der Schnitt war nicht ganz sauber gewesen. Doch der Hauptmann hatte einen ganzen Gürtel Gold bezahlt, den Sold eines Mondes, und durfte würdige Behandlung erwarten. Auch das Tier war prachtvoll: gehörnt, wie es den oberen Kasten zustand, und die Wolle rot eingefärbt wie der Harnisch, mit dem sich die Krieger bewehrten.
»Gut war der Tod des Tieres«, deklamierte Lü den zweiten Ritualspruch. Dann öffnete sie den Bauchraum des Widders und trennte Herz, Lunge, Magen, Leber, Nieren, Milz, Gedärme und Hoden heraus. Jedes der acht Organe wurde in eine dafür vorgesehene Schale gelegt, begleitet von Lüs traditionellen Lobrufen. Dann nahm sie die acht Kännchen und begoß jedes Organ mit den acht Ölen: Myrrhe, Rose, Zirbel, Moschus, Wal, Safran, Kampfer und Lavendel. Feierlich beugte sie sich über die Schale und starrte in die Schlieren aus Öl und Blut auf dem Fleisch, in denen sich das Licht der Lampions in allen Regenbogenfarben spiegelte und brach.
»Du solltest mit deinen männlichen Säften weniger verschwenderisch umgehen«, begann sie streng. Ein Rat, mit dem sie ihr ganzes Priesterleben jeden Mann getroffen hatte, ob er seinen Samen nun einer Frau überließ, die ihm gerade den Verstand vernebelte, den Wartenden Mädchen oder dem Stroh seines Lagers.
»Verschwende keine Gedanken daran, einen Sohn zu zeugen.« Der Hauptmann war bekannt genug, daß der Hochtempel über ihn eine Schriftrolle angelegt hatte. Daher wußte Lü, daß er eine Gattin und eine Konkubine hatte und von letzterer nur eine Tochter. Und ein Mann, der in den Krieg zog, bestieg seine Weiber unweigerlich mit dem Gedanken, sich Unsterblichkeit in Gestalt eines Sohnes zu verschaffen.
»Die Kraft deines Mannesstammes mündet in dir.« Auch ein Klassiker: er würde sich in jedem Fall geschmeichelt fühlen – und wenn er heimkehrte und sie ihm wider Erwarten doch einen Sohn geboren hatten, würde er diesen als den Ozean betrachten, in den sein Mannesstamm gemündet war. Außerdem erlaubte ihr diese Überleitung, ihn nun wirklich mit Ratschlägen für den Krieg zu beeindrucken.
»Du stehst vor dem größten Gegner deines Lebens.« Lü stellte erstaunt fest, daß tatsächlich in den Falten des Magens – der traditionell für Konflikt stand – zu sehen war, daß der Mann bis ans Lebensende übermächtigen Feinden gegenüberstehen würde. Sie fühlte, wie der Krieger auf der anderen Seite des Altars gespannter verharrte.
»Euer entscheidender Kampf findet auf festem Boden statt.« Die Frage, die ihn letztlich beschäftigte, war die Natur seines Gegners. Jetzt konnte er zumindest davon ausgehen, daß er nicht gegen irgendwelche mangalischen Seeräuber kämpfen würde. »Du wirst viele Gefährten haben. Und die Zahl der Feinde wird überraschend gering sein.« Theatralisch hob sie den Kopf und blickte ihm direkt ins Gesicht. Sie verspürte einen Hauch von Betroffenheit, als sie die kindliche Erwartung in den Augen dieses starken Mannes sah. »Aber unterschätze deinen Feind nicht – nicht für einen einzigen Augenblick.«
Die Stimme des Hauptmanns war rauh, als er sprach. »Werde ich ... bestehen?« Eine gute Frage, dachte Lü und vertiefte sich in den Verlauf der Gedärme. Eine auffällig dicke Ader, ungewöhnlich für ein so rein ernährtes Tier. Eine Prüfung, kein Zweifel.
Lü war beeindruckt, wie sehr jedes Organ dieses Tieres das gleiche besagte: Die bevorstehende Entscheidung war eine absolute – ganz oder gar nicht. Was sollte sie einem Mann sagen, der vermutlich gegen die Blauen Götter kämpfen würde, vielleicht aber auch nur seine Stadt bewachte, während andere Ziangs wirklich in den Krieg zogen?
Sie blickte auf das Walöl, das sich auf Lunge und Hoden am längsten gehalten hatte. Dieser Mann war stark.
»Du wirst alle Kraft brauchen, die du aus deiner Ehre und deiner Pflicht sammeln kannst«, dehnte sie die entscheidende Antwort, »und du wirst sie haben, wenn ...« – urplötzlich war Lü eine wundervolle Formulierung in den Sinn gekommen – »die längste aller Wachen beginnt.« Sie hob den Blick wieder und begegnete dem des Kriegers. Sein Gesicht wirkte entspannt. Er schien sich bekräftigt zu fühlen, aber dennoch hoffte er auf einen deutlicheren Rat.
»Greife nicht als erster an«, sagte Lü. Sie war selbst überrascht, wie fürsorglich ihre Stimme klang. »Warte, bis die Gefahr über deinem Haupt am größten ist – und dann kämpfe wie noch nie!«
»Der Himmlische Wille sei mein Wille«, stieß der Mann erregt hervor und beugte das Haupt, bis seine Stirn den roten Marmorboden berührte. Er erhob sich mit klirrendem Harnisch, machte mit einem zackigen Ausfallschritt kehrt und verließ den Hochtempel. Seine Haltung war die eines Mannes, zu dem die Götter gesprochen hatten.
Lü entzündete an einer blauen Räucherfratze ein Feuerstäbchen, um damit das Fleisch in den Schalen in Brand zu setzen. Dabei fiel ihr sinnender Blick nochmals auf jene dicke Ader. Die Priesterin fühlte sich schuldig. Sie hatte ihm nicht gesagt, daß die Ader, sich ständig verbreiternd, bis zum Ende des Dickdarms führte ...
Götterfresser!
Festung Gingang Tung, Mantikor Leng, im Elften Mond
im Jahr 471 der Blauen Götter
»Tu-gend!« Hauptmann Kangs Befehl hallte über den Paradeplatz. Acht mal acht mal acht Krieger erstarrten zu roten Wächtern.
»Hoi!« dröhnte ihre Antwort und vermengte sich mit dem gehorsamen Brüllen der sieben anderen Menschenblöcke. Kang wandte sich im Ausfallschritt um. Das Bewußtsein, daß die sieben anderen Hauptleute ohne einen Lidschlag Verzögerung das gleiche taten, erfüllte ihn wie immer mit Stolz.
General Tüfang hua Hidong stand kurz unbewegt da, und Kang ahnte, daß sein Blick hinter der Maske ebensolchen Stolz ausdrückte. Dann vollführte auch der General Ausfallschritt und Wendung.
Kang überlief ein Schauer. Es gab nur zwei Situationen im Leben eines Ziang, wo eine ganze Heerschar und ihr General sich in die gleiche Richtung wandten: wenn sie dem Feind gegenüberstanden oder einem Vorgesetzten, für den auch ein General nur ein Krieger war. Und noch waren sie nicht im Feld ...
Der Herr der Unwandelbaren Ordnung! In Kürze würde Kang hua Schiang den Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer erblicken – den Göttergleichen, für den er seit über zwanzig Jahren focht. Kangs Kopf hinter der metallisch roten Maske war unbewegt, sein Blick ruhte auf der Empore am Kopfende des Platzes. Die zwei roten Mantikorenstatuen ließen keinen Zweifel, wem dieser Platz vorbehalten war. Die rot-blau-weißen Fahnen wehten im sanften Ostwind, der die Ebene so fruchtbar machte, und die kunstvoll gestickten Schriftzeichen sangen das Lob des Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, und seiner Nachfahren, die das Reich der Tugend so begnadet regierten. Ja, der Wille des Himmels war ohne Zweifel mit diesem Herrscher und seinem Volk, und selbst die Blauen Götter waren ihm Freund.
Wenn nur die zwei Turga im Vierundsechzigsten Glied still stünden! Kang hätte niemals gewagt, die Entscheidung der Herren der Inneren Kammer des Krieges in Frage zu stellen – aber er fand es kaum annehmbar, daß man ihm die zwei Barbaren mit den Nasenringen zugeteilt hatte. Sie waren außergewöhnliche Helden, daran bestand kein Zweifel; das war jeder Krieger, der zu dieser neuen Heerschar abkommandiert worden war.
Aber Turga waren Barbaren, die nach Senf und Zwiebel, nach Leder und dem Urin ihrer Pferde rochen. Die Haltung und die Disziplin der Krieger des Reiches der Tugend waren ihnen fremd. Kang hatte im Lauf der Jahre an der Grenze mit seinen eigenen Händen und Waffen drei Dutzend von ihnen erschlagen: Ihr furchtloser und unbeherrschter Reitersturm war an den Lanzen seiner Ziangs zerschellt. Sie waren von ihren aufgespießten Pferden gesprungen und hatten mit ihren schnellen Bewegungen, den schrillen Schreien und kurzen Säbelhieben versucht, den acht Künsten des Tötens zu widerstehen. Und mit jedem Turga, den Kang getötet hatte, hatte er wieder erkannt, daß diesen Barbaren fehlte, was das Länder überspannende Feld der Krieger unbesiegbar machte ...
Freilich, diese Turga stammten aus der Eroberung Turgatan. Ihre Sippen hatten sich schon vor fünfzig Jahren dem Herrn der Unwandelbaren Ordnung unterworfen. Ihre Reiterhorden dienten als leichte Reiterei, als Plänkler und als Aufklärer. In so manchem Feldzug gegen ihre ungezähmten Vettern in der Steppe waren es ihre Voraussicht und ihr Mut gewesen, die den nächsten unvermeidlichen Sieg herbeigeführt hatten.
Nein, Kang hatte keinen Grund, am Mut und an der Treue dieser zwei Männer zu zweifeln. Aber sie waren geborene Reiter – und Kang hatte die Aufgabe, bis zum Frühling aus ihnen Krieger einer Fußtruppe zu machen, die keine Macht der Welt verrücken konnte.
»Ihr werdet keine Faser eures gestählten Leibes bewegen«, hatte er den acht mal acht mal acht Mann entgegengerufen, die man ihm unterstellt hatte, »ob der Qiu vor euch über seine Ufer tritt, ob alle Turga der Steppe auf euch zugaloppieren oder ob ein Brutskorpion in euren Harnisch kriecht. Wir sind die Waffenknechte, die an der Seite des Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer kämpfen werden. Auf seinen Befehl werden wir zu Sturm und Steppenfeuer, Donner, Blitz und Tod. Ohne seinen Befehl sind wir Standbilder aus rotem Eisen, vor denen die Enkel unser Enkel noch beten werden.«
Seine Männer waren allesamt Helden; jeder von ihnen hatte ein Dutzend Feinde erschlagen, allein ein Dorf verteidigt oder einem Offizier das Leben gerettet. Jeder seiner Lanzenträger oder Schwertschwinger hatte die Wahl gehabt, Waffenmeister in seiner Stammtruppe zu werden oder seinen gewöhnlichen Rang beizubehalten, um in dieser Heerschar zu dienen; wohl keiner hatte bei seiner Entscheidung auch nur einen Augenblick gezögert.
Die meisten der acht Wachtmeister und der Waffenmeister hatten wie Kang im Labyrinth gedient und gegen die Barbaren des Turga-Busches gekämpft. Und weil sie die Turga kannten, hatte man ihnen die zwei unterstellt.
Während der letzten Wochen auf dem Kasernenhof hatte Kang sie seinen eisernen Willen fühlen lassen – bis zu jener Nacht vorgestern, die sie zu dritt auf dem Hof verbracht hatten, angetreten in vollem Harnisch und unbewegt, bis der Morgentau von ihnen getroffen war.
»Wenn einer von euch nur zuckt«, hatte Kang ihnen versprochen, »während der Höchste Kriegsherr der Geheimen Kammer morgen auf uns herabblickt, werde ich euch beide eigenhändig erschlagen, ehe ich mir selbst mein Säbelschwert durch Eingeweide und Herz stoße.«
Der Schlag eines mächtigen Gongs dröhnte über den Paradeplatz, rollte entlang der Kasernen und Türme und kehrte schwingend zurück. Auf der Empore, hinter den roten Mantikoren, nahmen acht Priester in blauen Gewändern Aufstellung. Paarweise bauten sie übermannslange Schallhörner auf, und während jeweils der eine die Mündung an Seidenbändern anhob, blies der andere darauf, was zweifellos das Lied der Geheimen Kammer der Tugendhaften Ordnung war. Weitere Tugendwächter mit Schleierbandhauben traten würdevoll neben die beiden Statuen.
Leibwächter in rot, blau und weiß lackiertem Harnisch formierten sich. Dahinter erahnte Kang Wedel- und Sänftenträger. Er fragte sich später oft, wie es hatte geschehen können, daß seinem geschärften Kriegerblick das Wichtigste nicht sogleich ins Auge gesprungen war: Denn unvermutet stand zwischen den Mantikoren die Thronsänfte, die seidenen Vorhänge beiseite geschlagen, und auf den seidenen Kissen saß in machtvoller Schönheit der Herr der Unwandelbaren Ordnung. Ein Mantel von strahlendweißem Brokat floß aus der Sänfte. Eine ebenso weiße Hand hielt das Lanzenszepter, eine zweite senkte einen Fächer aus Federn in den Reichsfarben.
Keine Maske! Kang fühlte einen Schauder der Ehrfurcht über seinen Rücken wogen. Dies war das Gesicht, das sie alle trugen. Doch keine göttergleiche Raserei entstellte dieses Antlitz, das leuchtend rot war, blühend jung und von einzigartigem Adel. Herrisch, so ahnte Kang, schwangen sich die Augenbrauen empor.
»Krieger!«
Kang vermochte einen Gegner in kürzerer Zeit zu töten, als er nun brauchte, um zu begreifen, daß die Stimme, die ihn erreichte, zu jenem Mann auf der Empore gehörte. »Ihr Herren Ziang.«Näselnd, dem Singsang eines Weibes gleich, legte sich diese Stimme über das makellose Bild der Herrschaft. Was, fragte sich Kang, hatte ich erwartet?
»Der Himmlische Wille ist unser Wille«, deklamierte die weibische Stimme, »und dem Himmlischen Willen hat es gefallen, dem Reich der Tugend acht mal acht Jahre ohne Kriege zu geben.« Kang hörte Worte und Sätze – aber sein Geist schien nicht zu begreifen.
Keine Kriege? Kang hatte vierundzwanzig Jahre lang geblutet und getötet. Männer, die länger an seiner Seite gewesen waren als sein zu den Ahnen gegangener Vater, waren gefallen – in etwas, das kein Krieg war?
»... so wie einst die acht Prinzen den Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, begleiteten.« Unverzeihlich! Kang waren die weiteren Worte des Herrn der Unwandelbaren Ordnung entgangen. Er befahl seinem Geist, sich gehorsam der Stimme zu öffnen. Doch der Geist war nicht gehorsam wie der Leib, der einer eisernen Statue gleich verharrte.
»Mit der Macht der Unwandelbaren Ordnung, die meine Ahnen mir zu vererben die Gnade hatten, verleihe ich euch hiermit den Namen Götterfresser.«
Wie? Kang fühlte sich, als ob der steinerne Boden unter seinen Stiefeln aufbräche. Was hatte der Höchste Kriegsherr der Geheimen Kammer gesagt? Die Mantikoren, die sein Ahnherr getötet hatte. Und nun ... die Blauen Götter?
Die Schallhörner rissen Kang zurück in die Wirklichkeit. Eine sonore Männerstimme klang nun von der Empore herab: eine Stimme, die zu befehlen gewohnt war. Es war der Priester neben der rechten Mantikore.
»Im Geiste der Acht Elemente!« rief er, »ihr Herren hua Katau, sprecht mir nach.« Der Klang einer Zimbel klirrte über den Paradeplatz.
»Bei meiner Ehre, die die Ehre meiner Ahnen ist ...« Ein Eid! Sie legten einen Kriegereid ab – zum zweiten Mal in ihrem Leben, im Antlitz des Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer!
Kangs Kehle und seine Zunge kannten nichts als Gehorsam. Sie sprachen die heiligen Worte, die aus einem jungen Mann einen Teil des Länderüberspannenden Feldes der Krieger machten. Doch seine Gedanken rasten wie eine Schar Turga, die sich im Labyrinth gefangen sah, eben noch Angreifer und nun von allen Seiten von waffenstarrenden Mauern umzingelt. Die Blauen Götter ...
Ein Plan
Irgendwo in den Nördlichen Königreichen, im Winter des Jahres 471 der Blauen Götter
»Wie viele Finger, sagtest du, Strolk?« Schlampe konnte seinen Namen noch immer nicht richtig aussprechen. Strolch hob als Antwort drei Finger. Dabei hätte er diese Zahl nun wirklich auf katauekisch sagen können. Staunen und Neugier machten ihn stumm.
Die Bande diskutierte nun seit beinahe einer Viertelstunde. Dies war bereits das dritte Mal, daß Schlampe ihm eine Frage stellte. Und was das eigentlich Erstaunliche war: Strolch verstand inzwischen genug, um zu erkennen, daß die Fragen von Kudung kamen, der es nur unter seiner Würde fand, sie selbst an den verrückten Ajunäer zu richten.
Strolch hatte Kudung noch nie so viele zusammenhängende Sätze sprechen hören. Einauge schien geradezu erregt zu sein. Selbst Narbenfresse hatte mehr als seine üblichen Grunzer beigesteuert.
Das Ganze hatte anscheinend damit zu tun, daß Strolch gestern abend Schlampe von dem fetten Schreiber in der Pferdesänfte erzählt hatte. Nun ja – davon gestammelt hatte.
Kudung hatte zunächst übellaunig darauf reagiert, daß Schlampe angefangen hatte, sich abends mit Strolch zu unterhalten. Aber wie alle Männer schien er im Grunde erleichtert zu sein, daß nicht er allein ihr ständiges Geplapper ertragen mußte. Strolch hingegen war froh darum. Er fühlte sich zum ersten Mal seit über einem Jahr so, als ob er wenigstens nur mehr bis zum Hals in Fischabfällen steckte ...
Strolch mußte sich eingestehen, daß er anfing, Schlampe zu mögen. Nicht daß sie ein Mädchen gewesen wäre, nach dem er sich in den Gassen von Maganta umgedreht hätte. Kein Vergleich mit Carmelina. Schlampe war winzig klein wie anscheinend alle Katauekinnen. Ihre Nase war platt. Sie hatte allerdings geheimnisvolle Augen – abgesehen von der Lidfalte, die sie schräg und schmal erscheinen ließen. Auch die verlorenen Finger an der Rechten, die anscheinend ihr Leben ruiniert hatten, machten sie nun wirklich nicht schöner.
Aber sie war da. Sie sprach mit ihm und behandelte ihn nicht wie ein ekliges Geschwür. Und, bei den Locken der heiligen Sarmantha, sie hatte einen wirklich süßen Hintern in ihrem von Mond zu Mond zerschlisseneren Kleid.
Nun gut, Strolch machte sich nichts vor: Selbst wenn Narbenfresse ihn gefragt hätte, hätte er vom Straßenbau zu erzählen begonnen.
Was war nun für Kudungs Halunken an der Straße so interessant? Bei den unflätigen Götzen vom Rand der Welt, was hatte Strolch diese Straße verflucht!
»Gingaling!« Die Limonenschale klatschte in Strolchs Gesicht und riß ihn aus seinen Gedanken. Tücke! Kudung, Einauge und Narbenfresse starrten ihn an.
»Was für Ziang?« wiederholte Schlampe eine Frage, die in Strolchs Nacken echote.
»Lang Waffe«, kauderwelschte er und versuchte, eine Lanze zu zeigen. »Handwerker. Axt?« Mit den Händen imitierte er die Zugbewegung einer Säge.
»Schanzbauer«, brummte Narbenfresse – oder zumindest beschloß Strolch, daß das Wort Schanzbauer heißen mußte.
Drei Finger – das hatte der Bande Eindruck gemacht. Der Bonze hatte einen Siegelring getragen, der drei Finger bedeckte. Und sein Gesicht war rot geschminkt gewesen. Ihren Reaktionen und den paar Worten zufolge, die Strolch verstanden hatte, mußte der Schreiber aus einer ganz wichtigen Stadt kommen, wenn nicht vom legendären Kaiser von Katau selbst. Und die Krieger, für die sie die Straße verbreitert hatten?
Strolch versuchte zu verstehen, was Einauge nun sagte. Großes Heer? Der Bandit machte die Geste des Kopfabschlagens. Kudung antwortete mit seiner Lieblingsgeste: wie er gelochte Münzen auf eine Schnur fädelte. Narbenfresse brummte irgend etwas Selbstbewußtes, worauf die anderen mit dem Gelächter von Männern reagierten, die endlich einen aussichtsreichen Plan hatten. Die Spießgesellen seines Vaters, des alten Hurenbocks, hatten zu Beginn des Winters immer so gelacht, wenn sie in der Taverne davon geredet hatten, einen Wal zu erlegen oder einen Schatz zu finden.
Alte Schriften
Geheime Kammer des Himmlischen Willens, Mantikor Leng,
im Dreizehnten Mond im Jahr 471 der Blauen Götter
»Das ist unbrauchbar, ehrwürdiger Fong-Kuoy!« Hohepriester Hüang näng Lüoging rollte die Schriftrolle zusammen und warf sie routiniert in die Brandschale neben sich. »Prophezeiungen, Aberglauben, seltsame Traditionen, einige bemerkenswerte Vorkommnisse. Amüsant, gewiß – aber nichts, aus dem sich mehr machen ließe, als eine einzelne Eroberung zu beeindrucken.« Mit einem hörbaren Ploppen griffen die Flammen auf das Reispapier über.
»Wie bedauerlich, höchstehrwürdiger Hüang«, antwortete der feiste Priestergesandte. »Die Gesandte Daido hat fast die Hälfte der nasenberingten Häuptlinge der Turga besucht, um diesen Bericht zu erstellen. Damit scheint auch die Idee mit den Nachbarvölkern im Sande zu verlaufen.«
Hüang näng Lüoging blickte angestrengt auf den schwarzen Aschehaufen, der die glühenden Kohlen einen Finger hoch bedeckte. Drei Stunden Lesen hatten nicht einmal einen Ansatzpunkt erbracht. Ganz zu schweigen davon, daß die Berichte die vergeblich gesammelte Arbeit von drei Dutzend Vertrauten, Fachleuten und Spitzeln waren.
»Es ist das gleiche wie mit deinen Berichten«, wechselte der Hohepriester zu einem Unterton, in dem Anerkennung und Tadel einander erwürgten. »Du hast mir von der Mangalischen Küste wertvolle politische Informationen geliefert: Einschätzung der Ambitionen des Statthalters und einiger Präfekten, Schwachpunkte unmoralischer Generäle oder bestechlicher Nautiker und Stimmungsbilder der Bevölkerung der großen Hafenstädte.«
»Ja«, antwortete Fong-Kuoy eine Spur zu eifrig, »aber die mangalische Seefahrerkultur mit ihren teils barbarischen, teils raffinierten Bräuchen und Überlieferungen zeigte keine einzige erhoffte Augenfälligkeit.«
»Jetzt bleiben noch die Expeditionen in den Norden.« Hüang stellte nebenbei fest, daß Fong-Kuoy erstaunt die Augenbrauen hob. Ja, es war wichtig, auch diesen Mann immer wieder darauf hinzuweisen, daß Hüang stets noch einige Pläne auf Vorrat besaß. »Aber weder der Geomant, dessen Expedition in die Weltenmauer vorgedrungen ist, noch der Nautiker, der auf dem östlichen Seeweg über das Rochland versuchen sollte, die Länder jenseits der Weltenmauer zu erreichen, haben seit Monden ein Lebenszeichen von sich gegeben.« Hüang griff nach einem Schürhaken und zerkleinerte die letzten Aschefetzen. »Es mag sein, daß all ihre Brieftauben Raubvögeln zum Opfer gefallen sind – aber wahrscheinlicher ist, daß die Raubvögel bereits an meinen Kundschaftern nagen ...«
Hüang näng Lüoging stellte fest, daß er nervös zu fächeln begonnen hatte. Ja, langsam hatte er Grund, nervös zu werden. Er blickte auf die merkantilische Pendeluhr, eine Kostbarkeit, die Hüangs Zeit in einer Genauigkeit einteilte, die kaum sonst jemand kannte. Aber es waren nicht die Stunden, die ihm davonliefen, es waren die Monde!
»Wir benötigen dringend ein Zeichen des Himmlischen Willens.« Hüang sprach nichts Neues aus – aber er pflegte seine Ziele stets zu formulieren, wenn er ein neues Netz knüpfen mußte, um noch tiefer im Trüben zu fischen. »Es muß zumindest in Mantikor Leng für große Teile der Priester und Bonzen unübersehbar sein. Die Tugendwächter, Lebensdeuter und Astrologen, die Alchimisten und Architekten, die Dammwarte, Kanalmeister und Straßenwarte – sie alle müssen den Eindruck gewinnen, daß die Entscheidung des Herrn der Unwandelbaren Ordnung ein Akt der Offensichtlichkeit ist.«
Fong-Kuoy nickte. »Ja, sie alle müssen erfüllt und begeistert sein von der Erkenntnis, daß das Unglaubliche glaubhaft geworden ist. Daß es nicht nur möglich, sondern vorbestimmt ist ... daß die Menschen ausziehen und die Götter erschlagen.« Selbst das Gesicht dieses rücksichtslosen Karrieristen aus dem Westen zuckte, als er den Plan in Worte faßte.
»Wir haben dem Reich der Tugend befohlen, ein Heer zu versammeln, dessen Stärke sich erstmals in der Geschichte der Unversammelbaren Zahl annähert. Wir haben den Müttern und Frauen befohlen, all ihre Söhne und Männer in den Krieg ziehen zu lassen. Aber wenn das Länder überspannende Feld der Krieger zuschlägt, dann muß jedem Menschen, der Macht über einen anderen hat, klar sein, daß dies ein Akt unbezweifelbarer Weisheit und Wahrheit ist.«
Hüang klatschte mit dem Fächer in die offene Hand. »Bei so einer Angelegenheit, ehrwürdiger Fong-Kuoy, genügt es nicht, wenn ein Adler dem Herrn der Unwandelbaren Ordnung im Garten einen Fisch aus dem tausend Läng entfernten Ozean auf den Tisch wirft oder wenn die Rösser des Höchsten Gestütes blutige Tränen weinen ...«
»Diese Expeditionen in die Weltenmauer«, kam Fong-Kuoy auf die vorige Enthüllung zurück. Hüang sah ihm an, daß er beunruhigt war über die Erkenntnis, daß noch ein weiteres Spitzelnetz für den Hohepriester tätig war. »Ich nehme an, es geht um die Verlorenen Städte? Shaitang mit den Eisernen Türmen und Xang Na Tang?«
»Es geht um die Lehre der Magier der Eisernen Türme von der Acht. Das Geheimnis der Unsterblichkeit ist untrennbar mit der Acht verbunden: nur wer die acht Tugenden, die acht Elemente, die acht Wege meistert, kann die Unsterblichkeit erringen.«
»Ich verstehe«, antwortete Fong-Kuoy mit überaus konzentriertem Blick. »Du bist der Unsterblichkeitsberater des Herrn der Unwandelbaren Ordnung. Und da der Angriff auf die Blauen Götter letztlich seiner Unsterblichkeit dienen soll, sollte auch das Zeichen, das dazu aufruft, mit der Unsterblichkeit in Zusammenhang stehen.«
Fong-Kuoy verstand wie immer. Scharfsinnig hatte er Hüangs erste Maske durchschaut – doch er ahnte nicht einmal, daß dahinter die zweite Maske saß. Hohepriester Hüang näng Lüoging hatte das Amt des Unsterblichkeitsberaters nicht übernommen, weil er, wie so viele seiner Vorgänger, selbst an ein ewiges Leben glaubte.
Dieses Amt, vereint mit dem des Hohepriesters, erhob ihn über die anderen sieben Tugendwächter in der Geheimen Kammer des Himmlischen Willens. Es machte ihn, soweit das Hofzeremoniell das überhaupt zuließ, zum persönlichen Vertrauten des Herrn der Unwandelbaren Ordnung. Und es machte ihn traditionsgemäß auch noch zum Ersten Hüter der Seidenen Bibliothek.
Das Amt hatte nur einen Nachteil: Es gab ebenso traditionsgemäß einen eigenen Henker, dessen Aufgabe es war, den Unsterblichkeitsberater im Augenblick des Todes des Herrn der Unwandelbaren Ordnung hinzurichten.
»Mit der Vollkommenheit der Acht, ehrwürdiger Fong-Kuoy, läßt sich so vieles begründen. Ich wurde in die Geheime Kammer berufen, weil es mir gelang nachzuweisen, daß das Reich der Tugend und damit das älteste Reich der Menschen 4096, also acht mal acht mal acht mal acht Jahre besteht. Damals, Fong-Kuoy, stellte ich fest, daß die alten Seidenschriften den legendären Herren der Ersten Dynastie durchweg übermenschliche Lebensdauer zusprachen – nicht zuletzt um diese magische Arithmetik zu erreichen.
Ich selbst war es, der die Deutung einfügte, der zufolge eine Dynastie acht mal acht mal acht Jahre dauert. Damit steckte ich einen Rahmen, der den legendären Begründer des Reiches der Tugend und unseren Herrn der Unwandelbaren Ordnung als ersten und letzten der achten Dynastie aufzeigt.«
»Was dem Herrn der Unwandelbaren Ordnung die Gelegenheit gibt, durch einen historisch einzigartigen Akt eine neue Dynastie zu begründen.« Fong-Kuoy nickte wieder.
»Womit ich ihm zumindest historische Unsterblichkeit verschaffe.« Hüang näng Lüoging lächelte. Er liebte es, so intelligenten Gefolgsmännern wie Fong-Kuoy zwei Achtel seiner Pläne hinzuwerfen und sie die nächsten zwei Achtel vermeintlich selbst entdecken zu lassen.
»Abgesehen davon«, fügte Hüang mit diabolischem Lächeln hinzu, »daß ich deutliche Indizien dafür entdeckte, die Behauptung, unser Herrscher gehöre zur Blutlinie des Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, sei eine nachträgliche Bereinigung der Geschichte.«
»Ein Bastard?« fragte Fong-Kuoy, der schon immer eine Vorliebe für Frivolitäten gezeigt hatte. »Oder ein Usurpator?«
Hüang lachte, so laut es der Tugendhafte Weg des Himmlischen Willens einem Hohepriester überhaupt erlaubte. »Von den Lenden des Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, ehrwürdiger Fong-Kuoy, trennen ihn mindestens drei Thronräuber und zwei der Untreue bezichtigte Erste Gemahlinnen.«
Fong-Kuoy antwortete mit einem äußerst schlüpfrigen Glucksen.
»Ehrwürdiger Fong-Kuoy«, sagte Hüang nun plötzlich sehr ernst, »die Notwendigkeit eines Zeichens zwingt mich, dir als meinem wichtigsten Spitzel endlich klarzumachen, daß die Informationen, die du sammelst, nicht Teil eines Elfenbeinmosaiks sind, sondern Teil eines ... Eintopfs.«
Die Augen des Priestergesandten verengten sich; unwillkürlich verbarg er seinen Mund hinter dem Fächer.
»Fong-Kuoy, Geschichte ist nicht, was geschehen ist, sondern was die Gegenwart darüber schreibt. Der Tugendhafte Weg des Himmlischen Willens ist denn auch keine reine Offenbarung aus der Vorzeit, sondern eine Aneinanderreihung aufeinander aufbauender Interpretationen, Verzerrungen und ... glatter Fälschungen.«
Hüang erhob sich, trat zu der mit weißem Porzellan gekachelten Wand und drückte einem der zahllosen aufgemalten roten Mantikoren ins Auge. Ein Geheimfach öffnete sich. Hüang holte eine in Seide eingeschlagene Kupferplatte hervor.
»Diese Platte ist über tausend Jahre alt.« Fong-Kuoy sprang auf und nahm sie mit einer Verbeugung entgegen. »Seit dem, was wir heute die Sechste Dynastie nennen, hat niemand mehr in Kupfer graviert – von einer Ausnahme abgesehen, die ich anschließend ausführen werde.«
Der feiste Priestergesandte schlug ehrfürchtig die Seide beiseite.
»Ich habe diese Platte in den Katakomben der Seidenen Bibliothek gefunden. Das Problem, wie du weißt, ist nicht, daß dort Schriften verborgen wären. Das Problem ist, daß dort seit Jahrhunderten alles aufbewahrt wird, was die Geheimen Kammern des Reiches der Tugend irgendwann auslagern. Das Problem, Fong-Kuoy, ist, diese Platte unter einer fast Unversammelbaren Zahl anderer Dokumente zu finden.
Ich nehme an, daß dein Altkatauekisch gut genug ist, um zu erkennen, daß dies eine alte Offenbarung des Himmlischen Willens ist, welche die Welt noch als Garten mit vier Weltgegenden beschreibt. Meine persönliche Theorie, über die ich naturgemäß bisher nie mit jemandem gesprochen habe, besagt, daß die Gestalt der Welt als Kugel des Himmlischen Willens erst im Zuge der Entdeckungsfahrten der Nautiker erkannt wurde. Und wie es mir scheint, hat vor etwa 12O Jahren ein anderer Hohepriester die Anweisung gegeben, alle früheren Beschreibungen der Weltform dieser neuen Erkenntnis anzupassen. Doch haben die Schreiber, denen die buchstäblich weltumspannende Tragweite ihrer Arbeit nicht immer klar war, bisweilen Erwähnungen in älteren Texten übersehen. Und der Himmel allein weiß, welch ketzerische Kartenwerke noch in der Geheimen Kammer der Nautik aufbewahrt werden mögen, aus einer Zeit, als sie ihre Fahrten über die zwei Ozeane antraten in der Annahme, dabei irgendwann das Ende dieser Ozeane zu erreichen.«
Ja, die alten Seidenrollen, Elfenbeintafeln, Stelen und Kupferplatten ließen viel Spielraum für Auslegungen. Dies war Hüang näng Lüogings bevorzugtes Spiel. Manchmal war es so einfach.
Er mußte nur irgendeine alte Quelle ausgraben. Dann konnte er sie bei Hof präsentieren – mit einer Folgerung, die stets eine Forderung war. Mit der Selbstverständlichkeit, mit der man Fliegen mit dem Gazellenschweif verjagte, protestierten die anderen Herren der Geheimen Kammer. Und dann legte Hüang näng Lüoging mit dem kalten Lächeln des Gebildeten die Texte einiger Vorgänger und Staatsphilosophen der letzten zwei bis drei Jahrhunderte auf den Elfenbeintisch des Herrn der Unwandelbaren Ordnung: einen Konservativen mit einem besonders guten Namen, der die alte Quelle erwähnte, ohne sie zu zitieren; einen Fortschrittlichen mit einer aus dem Zusammenhang gerissenen These, die genau Hüang näng Lüogings Forderung darstellte; und eine Wort für Wort perfekte Schrift, die eine Brücke zwischen den beiden schlug – weil Hüang näng Lüoging sie zwei Wochen zuvor hatte schreiben und künstlich altern lassen.
Hüang näng Lüoging war insgeheim stolz auf die Fachleute, die er im Lauf der Jahre versammelt hatte. Zwei Dutzend Schreiber durchforsteten Woche für Woche die Seidene Bibliothek, jeder nur über ein Wort informiert, das ein gesuchter Text zu enthalten hatte. Fünf Schriftenhüter sortierten die Texte aus, die alle gesuchten Begriffe enthielten, ohne zu wissen, worum es ging. Erst seine drei Sekretäre machten sich dann daran, gezielt nach Beweisen für gewisse Thesen zu suchen, sie zusammenzutragen und fehlende zu ergänzen. Der blinde Qungtueng schließlich war ein Meister darin, eine eben erst getrocknete Schriftrolle mit Urin, Schwefel, Hefe, einem Backofen und einem haarfeinen Silberdrahtpinsel so zu behandeln, daß sie unter den Fingern des Lesenden so brüchig war wie eine aus der Fünften Dynastie.
Auch Hüang näng Lüogings andere Handlanger waren Meister ihres jeweiligen Fachs: Er hatte Alchimisten, die Opferfleisch in unlöschbarem Feuer aufgehen, Wände vor blutenden Glyphen triefen und Menschen im Drogenrausch wahrsagen, nachplappern oder lügen lassen konnten. Er hatte Aufrührer, die ganze Städte seine Geschichten weitererzählen ließen oder sie dazu brachten, tobend vor Begeisterung oder Zorn die Einsetzung oder den Tod gewisser Priester und Beamten zu fordern. Er hatte Schauspieler, die dafür sorgten, daß wichtige Persönlichkeiten vor hundert Zeugen gewisse Dinge sagten und taten, ohne davon zu wissen, ehe es ihnen Hüang näng Lüoging mitteilte – meist wenige Stunden vor ihrer Hinrichtung.
Es hatte Jahre gedauert und einigen Vorgängern das Leben gekostet, Leute zu finden, die diese Arbeit intelligent verrichteten, ohne so intelligent zu sein, alle Möglichkeiten und Bedeutungen zu erkennen, und dabei so verschwiegen, daß sie weder im Pfeifenrausch, Fieberwahn, Liebestaumel noch in Lebensgefahr darüber ein Wort verloren.
Dennoch wußte Hüang näng Lüoging: Sobald dieses einzigartige Unternehmen seine akzeptable Begründung gefunden hätte, würde er die meisten Väter dieser Begründung mit durchgehenden Ochsenkarren und besonders gewürzten Gerichten zum Schweigen bringen. Und vermutlich würde Fong-Kuoy einer davon sein. Aber vorher mußten sie erst einmal ein Zeichen setzen, das rechtfertigte, die Blauen Götter anzugreifen!
Unsterbliche Helden
Die Nekropole, Mantikor Leng, am Mantikorentag zwischen den Jahren 471 und 472 der Blauen Götter
Gespenstisch hallte der Marschtritt der Heerschar in ihren neuen Harnischen von den Wänden des unergründlichen Gewölbes wider. Über viertausend Ziangs marschierten in Achterreihen zwischen den roten Säulen einer düsteren Halle, die acht Mal mehr Männern Platz bot. Und diese Männer waren da!
Kang hua Schiang hatte bislang nur Kriegersagen von diesen Männern gehört, aber nun konnte er sie im Schein der Feuertöpfe beiderseits des Säulengangs erahnen. Nichts hätte den Hauptmann dazu bringen können, den Blick zur Seite zu wenden, nicht Neugier und nicht das seltsame Gefühl von Tod und Bestimmung, das dieses Gewölbe erfüllte. Kangs Blick ruhte auf den Kriegern, die vor ihm marschierten.
Der Hauptmann führte wie immer die Dritte Faust. Vor ihm, in angemessenem Abstand von acht Götterfuß, marschierten die letzten acht Krieger der Zweiten Faust. Links und rechts, außerhalb der Formation, außerhalb des Trittes, schritten zwei Priester mit Schleierbandhauben. Beide trugen auf der nach außen gewandten Schulter einen Feuertopf.
Ein eigentümlich metallischer Geruch drang durch sein Maskenvisier. An der Bewegung der Feuertöpfe vor ihm erkannte Kang, daß die ersten tausend Mann zur Seite schwenkten. Acht mal acht Götterfuß nach rechts, dann schwenkten sie wieder geradeaus. Ein Platz ... So bewegte sich eine Heerschar, wenn sie rings um einen Platz Aufstellung nahm. Sie hatten das Herz des Gewölbes erreicht!
Kang hatte keinen Zweifel, daß die Totenpriester, die sie führten, genau bemessen hatten, wie die Heerschar zu stehen hatte, um Platz zu finden. Nein, korrigierte sich Kang, bereits die Architekten des Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, hatten dies bemessen.
Das Grabmal! Kang sah, wie vor ihm die Decke stufenartig anstieg. Die Säulen waren hier mindestens dreimal so hoch wie zuvor. Durch verborgene Schächte drangen trübe Lichtbahnen, in denen rostfarbener Staub tanzte. Gewaltige Statuen von Ungeheuern erhoben sich in diesen Bahnen aus Licht und Dunkelheit. Und in der Mitte stand der Sarkophag. Kang ahnte im Feuerdüster, daß es die Fußsohlen sein mußten, die sich über ihm erhoben.
Dann schwenkte auch er zur Rechten. Aus dem Marschtritt hörte er die leichte Unregelmäßigkeit: das Scharren von Stiefelnägeln, als einige Krieger weiter ausschreiten und einige fast auf der Stelle treten mußten, damit das Glied hinter ihnen den Schwenk vollziehen konnte. Vor sich sah Kang das gleiche Schauspiel: ein Glied aus acht Ziangs, die nach links schwenkten und sich dann wieder, als letzte, an ihre Faust fügten.
Die Stille kam wie ein Schlag. Sie standen rings um den Sarkophag: General Tüfang hua Hidong mit der Ersten Faust am Kopfende, die Zweite bis Vierte Faust zur Linken der gewaltigen Gestalt, die da oben lag, die anderen vier Fäuste wohl spiegelbildlich auf der anderen Seite und am Fußende.
Die Stille – und dann das Atmen! Sie waren nicht allein. Ja, freilich, da war das sanfte Rauschen, das der Atem von viertausend Mann hinter ihren roten Eisenmasken erzeugte. Es mochte etwas heftiger sein in der beklemmenden Staubigkeit, mochte lauter klingen im Echo des Gewölbes. Aber dieses Geräusch war Kang so vertraut, daß er es nicht wahrnahm.
Nein, da draußen in der Finsternis atmeten ... sie! Die Helden der Geschichte. Es war der Atem der Zauberei: selten, quälend selten, aber wenn, dann mit einer noch viel qualvolleren Stärke.
Fünfundzwanzigtausend Helden sogen zugleich die staubige Luft des Gewölbes ein und stießen sie wieder aus. Regelmäßig, im Takt der Unwandelbaren Ordnung, Stunde um Stunde, Tag um Tag, Jahr für Jahr, Jahrhundert für Jahrhundert.
»Zweite Aufstel-lung!« Die Stimme des Generals war gedämpft und klang dennoch wie eine Peitsche durch die atmende Halle. Sie galt auch nur den acht Hauptleuten. Kang hob die Faust und machte eine zirkelnde Geste. Als er sich umwandte, vollendeten auch seine Leute die halbe Drehung. Sie alle blickten nun in die Düsternis des Gewölbes.
»Frei-er Schritt!« kam nun der ungewöhnliche Befehl des Generals, auf den sie alle gewartet hatten. Eine leichte Bewegung ging durch die Helmfederbüsche vor Kang. Es war das vereinte Zögern von Männern, die jeden Befehl gewohnt waren und auch das Handeln außerhalb der Formation – aber nicht, was nun von ihnen erwartet wurde.
Ein Wachtmeister drängte sich vorwärts, zunächst selbst noch zögernd. Langsam kam Bewegung in die Truppe. Dreier- und Vierergruppen, noch immer Schulter an Schulter, schritten langsam in die Dunkelheit – auf die Gestalten zu, die da knieten.
Kang ging ebenfalls los: der über Jahrzehnte gewachsene Impuls eines Offiziers, der wußte, daß nur sein Vorbild Männer bewegen konnte. Er schritt auf die haarige Gestalt vor ihm zu; das war zweifellos der kommandierende Offizier dieser Abteilung der Unsterblichen Heerschar – gewesen.
Kang wußte nicht, was ihn weitergehen ließ. Später redete er sich gern ein, daß seine Männer ebenfalls tiefer in die Reihen der Helden einzudringen hatten – daß es sein Vorbild verlangte. Aber in Wahrheit schauderte er, war noch nicht bereit, einem Helden der Unsterblichen Heerschar ins Antlitz zu blicken.
Mit Fersen, die bei jedem Schritt am Boden festzuwachsen schienen, ging Kang hua Schiang durch die Reihen. Sein Blick schweifte zusehends nach links und rechts, und wegen der Maske blieb ihm nichts anderes übrig, als auch den Kopf zu wenden. Eine schwarze Haarsträhne wellte sich schlangengleich in seinen Weg.
Kangs Blick tastete sich daran entlang, empor. Kopfhaar – unvorstellbar! Das Haar wucherte in mächtigen Wellen über die Schultern des Lederharnisches, struppig, staubig wie ... wie nichts, was Kang je gesehen hatte. Es mußte Jahrhunderte gedauert haben, damit Haar so sehr wuchs.
Respektvoll wandte sich Kang dem knienden Helden zu. Er erahnte das Profil unter den zottigen Strähnen. Instinktiv glitt sein Blick hinab zu den Händen. Wenn ein Krieger die Augen seines Gegenübers nicht sehen kann, dann sieht er die Hände. Es waren kraftvolle Finger, die auf den Oberschenkeln ruhten, bedeckt von braunen Altersflecken.
Doch Kang hatte nur Augen für die Krallen. Sie krümmten sich spiralförmig beiderseits des Beines hinab. Der Nagel des Mittelfingers hatte sich gar durch die Hose gegraben und wühlte unter dem Leder weiter, dem Knie entgegen.
Die Zehen! Bei den Ahnen ... Die schweren braunen Lederstiefel waren mürbe geworden. Die aufgenagelte Sohle war abgeplatzt wie bei einem der einarmigen Veteranen, die vor den Festungen des Labyrinths herumlungerten. Und aus dem klaffenden Schuhmaul krümmten sich die Krallen, lang wie Sicheln.
Unwillkürlich wandte Kang sich ab und ging weiter. Eine seltsame Unruhe hatte ihn erfaßt. Er ging schneller. Sein Blick schweifte suchend über die Reihen der knienden Helden. Wieder ein Atemzug! Wie das Stöhnen eines vieltausendköpfigen Ungeheuers. Kang glaubte kurz, etwas wiederzuerkennen. Er hatte dieses Atmen schon gehört ...
Die Halle mußte doch ein Ende haben! Zur Rechten setzte sich ein Feuertopf in Bewegung. Ein Priester kam mit feierlichen Schritten heran. Er wurde schneller, als der Feuerschein auf die Seidenbänder auf Kangs Helm fiel: drei Bänder in ebenso vielen kupferroten Ringen. Respektvoll trat er hinzu, den Feuertopf an der Stange erhoben.
Im verstärkten Lichtschein schienen die Helden beinahe aufzuspringen. Überall sah Kang Bewegungen, um dann zu erkennen, daß es nur zuckende Schatten waren.
Der letzte! Einem plötzlichen Entschluß folgend, eilte der Hauptmann voran; das Flackern folgte ihm diensteifrig. Kang wollte einen Krieger in der letzten Reihe sehen. Da ... die Wand des Gewölbes! Undeutlich nahm der Offizier Reliefs war, die Krieger, Streitrösser und Streitwagen zeigten und dazwischen reich gewandete Zauberer mit herrischen Gesten.
Links kniete ein Krieger der Vergangenheit, rechts ein anderer. Unschlüssig schweifte Kangs Blick hin und her. Der flackernde Lichtschein streifte ihn, als der Priester zu ihm aufschloß. Kang fühlte sich unangenehm berührt. Er war wortlosen Gehorsam gewohnt, aber die diensteifrige Bereitschaft eines Dieners war ihm als Ziang fremd.
Dann sah er das rote Seidenband am Oberarm des Helden zur Linken. Ein Ehrenzeichen der Verwundung? Kang trug selbst zwei am linken Arm, auf der Höhe des Herzens.
Einem spontanen Impuls folgend, kniete Kang nieder. Er wandte dein Helden Gesicht und Brust zu. Einige Reihen hinter sich hörte er ein Klirren, als kurz nacheinander zwei weitere Krieger auf die Knie fielen. Ja, zwischen diesen fünfundzwanzigtausend Helden verlor sich sogar die Heerschar der Götterfresser.
Sie gehörten jetzt zu den Zwiefach Vereideten – zu den Garden des Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer. Seit Jahrhunderten war es geheimer Brauch, daß die Garden bei ihrer Initiation in die Nekropole geführt wurden, an das kolossale Grab des Mannes, der das Reich der Tugend begründet hatte.
Dies war eines der vier Privilegien, die einen Zwiefach Vereideten über andere Angehörige der Kriegerkaste erhoben: der Besuch des Grabes des Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, dann die Hautbilder mit den Symbolen der Aufgabe, der sich der Krieger geweiht hatte, ferner die Einladung zur jährlichen Mantikorentötung des Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer in den Gärten von Hüanging Gar und dereinst die Bestattung auf dem Heldenfriedhof rings um das Grab ihres Herrn der Unwandelbaren Ordnung.
»Geht in die große Halle der Nekropole und erwählt euch einen der Helden der Unsterblichen Heerschar zum Paten eures Eides«, hatte der Hohepriester bei der Vereidigung in der Festung Gingang Tung gerufen.
Der Hauptmann schauderte beim Anblick des alten Helden. War es nicht vielmehr dieser Mann gewesen, der ihn erwählt hatte? Wie sollte ein Krieger anders als gehorchen und erschaudern angesichts makelloser Ehre und vollendeter Treue!
Dieser Mann kniete hier, um das Grab seines Kriegsherrn zu bewachen. Er kniete hier, während seine Kleidung mürbe und seine Waffen rostig wurden, und er würde hier knien, wenn sie nur mehr Staub wären. Ja, selbst wenn das Undenkbare geschähe und das Reich der Tugend in Trümmer und Asche zerfiele wie die sechzehn eroberten Reiche, auf denen es begründet worden war, würde er hier ausharren.
Kangs Blick fiel wieder auf das rote Ehrenzeichen der Verwundung. Gleich in seinem ersten Jahr hatte ihn der Wurfhaken eines Turga von der Mauer des Labyrinths geholt. Kang hatte den Sturz überlebt, und ehe der Barbar zu dem berüchtigten Schleifritt hatte wenden können, hatte ihn ein Kreuzbogenpfeil von der Mauer getötet. Kang hatte das Pferd erbeutet und sich damit aus dem Kampfgetümmel retten können.
Welche Dummheit hatte wohl dieser Held unter dem Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, überlebt?
Denn man mußte ziemlich dumm sein – jung und unerfahren –, um sich auf einer elf Götterfuß hohen Vormauer vom Wurfhaken eines Reiters treffen zu lassen, und noch dümmer, um sich dann nicht einfach niederzuwerfen und sich von den Kameraden festhalten zu lassen. Aber wer so eine Dummheit überlebte, war ein besserer Krieger: er würde nie wieder dergleichen tun oder zulassen, daß es ein Untergebener täte. Das drückte das Ehrenzeichen aus.
»Ja, ich half; das Reich zu bewahren«, flüsterte Kang unter seiner Maske, »das du aufzubauen halfst.« Der Held der Unsterblichen Heerschar antwortete nicht. Dunkel glommen seine Augen unter dem Schopf aus staubigem, verfilztem Haar, das sein Haupt so stark umwucherte, daß es ihm bis weit in die Stirn hing. War da nicht eben ein Glänzen gewesen?
»Welche Kämpfe«, fragte Kang heiser, »hast du seinerzeit bestanden, damals, als der Göttergleiche gegen den Widerstand von Königen, Göttern und Ungeheuern das Reich erschuf?«
War da nicht doch ein Glitzern in den Augen des alten Unsterblichen? Nein, es mußte wohl eine Spiegelung des Feuertopfes hinter ihnen gewesen. Kang fühlte wieder, daß er sich von dem Totenpriester belästigt fühlte. Solche Feinheiten waren ihm sonst fremd. Er beschloß, den Patenritus zu sprechen.
»O Ziang«, begann er die Formel, die sie alle hatten lernen müssen, »dies ist mein Leben, dies ist mein Leib, dies ist mein Wille, dies ist mein Weg. Ich weihe sie dem Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer und der Aufgabe, die er mir bestimmt hat: ein Götterfresser zu sein.«
Kang verharrte kurz und holte Luft. Sein Herz klopfte heftiger. Er konnte sich an seinen ersten Kriegereid erinnern, den er als Jüngling abgelegt hatte. Damals war er nervös gewesen. Er hätte nicht gedacht, daß ihm das in seinem Alter noch widerfahren könne. Aber auch in der Festung Gingang Tung, beim Eid vor dem Göttergleichen, hatte ihm das Herz bis zum Hals geschlagen.
»O Ziang«, vollendete Kang die Formel, »Held der Unsterblichen Heerschar, sei Zeuge und Pate meines Eides. Sei mir Leitbild. Und wenn ich strauchle auf dem Tugendhaften Weg des Himmlischen Willens, sei dein Geist es, der mich niederstreckt.« Der Hauptmann verbeugte sich und berührte mit der linken Hand – der Hand des Herzens – das rote Amulett über dem Herzpunkt des schweigenden Kriegers. Auf den Fingerspitzen fühlte er fettigen Staub.
Als Kang den Kopf wieder hob, fiel sein Blick erneut auf die Augen seines Gegenübers. Doch, da war Feuchtigkeit! Mehr als zuvor. Diese Augen weinten ...
Im selben Moment erkannte Kang das Geräusch mit der unaufhaltsamen Macht, mit der die Nacht die letzten Strahlen der Sonne verschlingt. Er erinnerte sich, was sein erster Eindruck gewesen war, als sie die große Halle der Nekropole betreten hatten: er hatte an ein Schlachtfeld gedacht, an die Zeit nach der Schlacht, wenn er zwischen den Opfern der Schlacht einherschritt. Und dieses gequälte Atemholen, stockend, mit verzweifelter Kraftanstrengung, war jenes, auf das keines mehr folgte. Was die Helden der Unsterblichen Heerschar von sich gaben, war der letzte Hauch des Sterbenden – aber sie taten es alle, immer wieder, seit Jahrhunderten ...
Auf dem Marsch
Irgendwo in den Nördlichen Königreichen, im Frühling im Jahr 472 der Blauen Götter
»Die Luft ist rein.« Schwer atmend kam Strolch an die Oberfläche. Gleichzeitig versetzte er Narbenfresse, der noch mit geschlossenen Augen unter Wasser lag, einen leichten Hieb. »Gingaling«, gönnte er sich eine katauekische Beleidigung, solange die Bande ihn noch nicht hörte. Sie lagen alle vier unter Wasser, die Bambusstäbe im Mund, und bekamen nichts mit.
Während Narbenfresse langsam reagierte, kletterte Strolch bereits bäuchlings den Damm hinauf. Am Rand der Straße liegend, blickte er den Soldaten nach. Hinter ihm kamen prustend und keuchend die Kataueken aus dem Wasser.
»Wunderbar«, lachte Schlampe. Narbenfresse knurrte etwas Zustimmendes. Doch Kudung war natürlich viel zu arrogant, um etwas zuzugeben. Ja, die Schnorchel funktionierten! Jetzt mußten sie endlich nicht mehr über die Dämme schleichen.
Die katauekischen Dörfer waren meist nur eine halbe Meile voneinander entfernt, und dazwischen lagen die überfluteten Reisfelder. Marschieren hieß für Gesetzlose entweder die kaiserlichen Straßen nehmen, wo jederzeit ein Botenläufer oder eine berittene Patrouille auftauchen konnte, oder aber die Dämme, auf denen die geringste Unregelmäßigkeit von den Bauern im nächsten Dorf bemerkt wurde. Vor Soldaten konnten sie sich mit einem Sprung in die Reisfelder verstecken – die Bauern machte das besonders aufmerksam und wütend. Aber da die Soldaten lebensgefährlich waren, hatten sie sich bislang stets mit den Bauern angelegt.
Seit mindestens zwei Monden ging das nun schon so. Sie waren binnen eines Tages oft nur gerade mal sechs, sieben Meilen weit gekommen, weil sie ständig in Wasserbecken hechten und dann vor kreischenden Bauern Reißaus nehmen mußten. Keiner der Kegelhüte lief weiter als bis zum nächsten Dorf, aber mehrfach waren sie dort gleich in die nächste Horde geraten.
Auf die Idee mit dem Bambus war Strolch schon am zweiten Tag gekommen. Es hatte eine Woche gedauert, bis er ein geeignetes Rohr gefunden und mit einem dünneren Stab gereinigt hatte. Dann aber hatte es Wochen gedauert, bis er Kudung überzeugt hatte.
»Gingaling«, war Einauges ständige Antwort gewesen. Die Verrückten seid ihr, dachte Strolch mit grimmigem Grinsen. Wie kann man Wochen lang im Wasser liegen, japsen, nach Atem ringen und wieder untertauchen und sich fürchten, weil irgendwo am Horizont einige Bauern ihre Ferkel treiben? Aber sie machten ja nicht einmal die Augen auf unter Wasser.
»Wahrscheinlich könnt ihr nicht mal schwimmen, ihr Wassertreter«, kicherte Strolch auf Merkantilo. Er fühlte eine tiefe, bösartige Befriedigung in sich aufsteigen.
Narbenfresse ließ sich wie ein nasser Sack neben ihn fallen. Der junge Ajunäer wandte ihm das Gesicht zu. Der bullige Bandit starrte den Soldaten nach. Seine schwarzen Augen wirkten überraschend hell, ein beinahe sehnsüchtiger Ausdruck lag darin. Dann trafen sie den Blick des Merkantiliers.
»Viele Soldaten«, grunzte der Bandit auf katauekisch und deutete mit dem Kinn in ihre Richtung. Feiertag, dachte Strolch. Narbenfresse hat gerade mehr als ein Wort gesprochen – und zwar mit mir.
»Viele Soldaten«, grinste er und hoffte, daß er es halbwegs richtig aussprach.
Ja, die Soldaten waren überall – und sie marschierten alle in die gleiche Richtung. Natürlich begegneten ihnen dann und wann berittene Patrouillen, die südwärts oder entlang der Seitenstraßen ritten. Aber auch die kamen binnen eines halben Tages wieder zurück. Die Heerscharen zogen allesamt nach Norden.
»Heerschar?« , fragte Strolch nach.
Narbenfresse gab einen zustimmenden Rülpser von sich. Strolch hatte versucht zu zählen, aber weiter als bis hundert kam er nie. Acht Mann nebeneinander, acht Reihen in einer Formation. Das machte ... sechsundfünfzig? Egal, jedenfalls marschierten von den Formationen wieder acht hintereinander und vor jeder Formation zudem die Unteroffiziere.
»Beim Schwert des heiligen Malachias!« flüsterte Strolch. »Diese Einheit muß fast so groß sein wie das, was in unserem Imperium turma heißt. Wird von einem coronel kommandiert.« Unwillkürlich schüttelte er den Kopf. Nein, Strolch hatte in seinem Leben höchstens zweimal einen coronel gesehen. So jemand trat prinzipiell nicht ohne Gefolge auf.
»Soldat Boß«, kauderwelschte Strolch. Boß war das erste Wort, das ihm Kudung eingebleut hatte. »Drei ...?« Er zeichnete mit der Hand drei Seidenbänder, die am Helm wehten.
»Hauptmann«, stieß Narbenfresse ehrfürchtig hervor.
»Hauptmann«, echote Strolch. Wenn er diese Affensprache schon lernen mußte, dann ordentlich. Ordentlich – ja, das waren die Kataueken. Langsam durchschaute er das System. Der Schreiber hatte drei Ringe gehabt – der Bonze. Der Offizier hatte drei Ringe mit Bändern am Helm – der Hauptmann. Je mehr Ringe, desto mächtiger.
Bei der Knute des heiligen Chrysantho! Dieser Bonze in der Pferdesänfte mußte fast schon so etwas wie Bürgermeister gewesen sein. Deswegen war Kudung so angesprungen. Solche mächtigen Herren setzten sich nur in Bewegung, wenn sie der Kaiser von Katau schickte. Und wo auch immer solche Herren vorbeizogen, gingen tausendmal mehr Soldaten und Diener und mit ihnen Nahrung und Geld mit. Und diesen folgten die Ratten – Ratten, wie Kudung und Strolch es waren ...
Waffen
Festung Gingang Tung, Mantikor Leng, im Ersten Mond im Jahr 472 der Blauen Götter
»Ich kann die Weisheit dieses Befehls nicht erkennen«, sagte Kang steif. Die Bemerkung war ihm peinlich, denn er haßte es, wenn Anweisungen hinterfragt wurden – ob er sie nun gab oder zu befolgen hatte. »Ich bin doch von allen acht Hauptleuten zweifellos am wenigsten geeignet, mit einem Gesandten der Geheimen Kammer des Himmlischen Willens zu sprechen. Warum hat der höchstehrwürdige General Tüfang hua Hidong ausgerechnet mir diese Führung übertragen?«
»Hochehrwürdiger Kang, alter Eisenfresser«, antwortete Hauptmann Schiheng hua Tagau, »das ist doch offensichtlich. Es wird Zeit, daß du die Barbarengrenze aus dem Kopf bekommst. Du bist jetzt ein Zwiefach Vereideter. Wir werden neben dem Herrn der Unwandelbaren Ordnung stehen. Dafür brauchst du noch etwas Feinschliff ...«
Kang fühlte sich wie ein treues, aber angerostetes Schwert, als er durch den Torbogen hinaus auf den Kasernenhof schritt.
»Höchstehrwürdiger Fong-Kuoy näng Tschüeng, hochehrwürdige Herren ... und Herrinnen ...« Kang stockte. Es befremdete ihn, ohne Helm und ohne Maske zu sprechen, umso mehr, als die rotgeschminkten Gesichter und die Fächer vor ihm ihrerseits wie Verteidigungswälle waren. »Herren und Herrinnen der Kammer des Himmlischen Willens, der Kammer der Geomantie, der Kammer der Dichtkunst, der Kammer der Metallbildnerei und der Kammer der tugendhaften Musik.«
Die Inspektion war viel größer als erwartet: fast dreißig Priester und Bonzen, etliche davon Frauen. Sie waren ein tuschelnder, lächelnder, Fächer wedelnder Schwarm von Pfauen, von dem ein betörender Duft herüberwehte. Allein die Sänften, die Träger, Leibwächter und Dienstboten füllten beinahe schon den vordersten der Kasernenhöfe von Gingang Tung.
Neben den blau gewandeten Priestern sah Kang zahlreiche Herren der Kammern in Weiß. Er biß die Zähne zusammen und hoffte, daß er keine Kammer zu begrüßen vergessen hatte.
»Ehrwürdiger Hauptmann«, brach der feiste Priestergesandte Fong-Kuoy mit einem unergründlichen Lächeln etwas, das anscheinend peinliche Stille war, »zeig uns doch einfach eure sagenhaften Götterfresser. Wir alle fiebern danach, jene Männer zu sehen, die der Herr der Unwandelbaren Ordnung für diese unerhörte Aufgabe ausgewählt hat. Insbesondere unsere Priesterinnen können kaum mehr erwarten, einen leibhaftigen Götterfresser – darf ich es wagen zu sagen – in die Finger zu bekommen.« Hinter Fong-Kuoy kicherten mehrere rotgeschminkte Schönheiten und fächelten vergnügt. Der Priestergesandte machte eine affektierte Geste, die, wie es Kang schien, ihn zum Geschenk anbot.
Kang hatte sich einige erklärende Sätze zurechtgelegt, aber Fong-Kuoy hatte ihn längst überrannt.
»Folgt mir bitte, höchstehrwürdiger Herr, hochehrwürdige Herren und Herrinnen.« Kang machte auf dem Stiefelabsatz kehrt und schritt dem Zentrum des riesigen Kasernenhofes entgegen. Hinter ihm folgten seidenraschelnd und plaudernd die Priester und Bonzen.
»... gesprächig ist er jedenfalls nicht«, hörte Kang einen halblauten Satz hinter einem Fächer hervorwehen.
»Ja, diese Wildheit«, erklang eine unverkennbar weibliche Stimme. »... wahrscheinlich aus den Nördlichen Königreichen ...«
Waren die Höflinge bei aller Tugend so unverschämt, hörbar über ihn zu sprechen, oder unterschätzten sie einfach das Gehör eines Mannes, der vierundzwanzig Jahre lang Nacht für Nacht Wache gestanden und auf das Schleichen von Spähern vor dem Labyrinth gelauscht hatte? Bei seiner Tugend, sie hatten Heerscharen von Bauern gehabt, die täglich vor den Mauern daran gearbeitet hatten, das Gelände frei von Dornicht zu halten und den Boden zu glätten, damit am Morgen Spuren von Spähern entdeckt werden konnten ...
»Erlaubt eine Frage, hochehrwürdiger Hauptmann, die ich schon immer stellen wollte.« Kang brauchte eine Weile, um in dem Schwarm roter Gesichter den Fragesteller ausfindig zu machen. Es war ein junger Qengtan mit arrogant hochgezogenen Augenbrauen. »Warum stehen die Kämpfer des Länder überspannenden Feldes der Krieger stets so im Zickzack? Das sieht so ... ungeordnet aus.« Er blickte mit einem gekünstelten Lachen zu den Umstehenden und erntete ebensolches.
Kang blickte auf seine Faust, die für die Vorführung angetreten war. Er benötigte noch länger, um die Frage zu verstehen. Zickzack?
»Hochehrwürdiger Herr«, antwortete er schließlich steif, »acht Krieger mit einem Waffenmeister daneben bilden ein Glied. Acht Glieder zu acht Kriegern mit einem Wachtmeister daneben bilden einen Finger. Acht Finger bilden die Dritte Faust, die meinem Kommando untersteht.« Endlich begriff er die Frage. Diese Leute hatten nie in ihrem Leben gekämpft. »Glieder, Finger und Fäuste stehen jeweils in der traditionellen Achterformation: drei vorne, zwei in der Mitte, versetzt, drei in der letzten Reihe. Dadurch bilden sie eine Einheit, können sich aber bewegen und vor allem ihre Waffen einsetzen.«
Das war der ideale Einstieg. Kang fühlte wieder Boden unter den Füßen. Sie wollten seine Männer sehen – er würde sie ihnen zeigen.
»Die ehrwürdigen Herren der Kammer der Ingenieurskunst, die Meisterschmiede, Lanzenschäfter, Bogner und Lederer des Reiches der Tugend haben den Götterfressern acht neue Waffen geschaffen – perfektioniert für den einzigen Zweck, damit Götter zu töten.« Kangs Stimme erstarkte vor Kriegerstolz. »Da sind für den Fernkampf Kreuzbogen der Schmerzen, Bola, Bullenpeitsche und Harpune und für den Nahkampf Feuerlanze, Hellebarde, Schlachterbeil und Pflock.« Ohne nachzudenken, hob Kang die Hand und formte bei jedem Waffennamen mit Faust oder Hand die zugehörige Kommandogeste.
»Jeder Götterfresser wird an einer dieser neuen Waffen ausgebildet. Jedes einzelne Glied ist mit jeweils acht gleichen Waffen ausgestattet, und jeder Finger bildet daher einen eingespielten Stoßtrupp mit allen acht Waffen.«
»Und du, hochehrwürdiger Hauptmann, womit kämpfst du?« War das dieselbe Frauenstimme, die in ihm vorher einen halben Barbaren aus den Nördlichen Königreichen vermutet hatte? Jedenfalls war es eine üppige Priesterin, die deutlich sichtbar ihr dreifaches Ringsiegel trug.
»Die Offiziere«, antwortete Kang, ohne sich auf ihren Unterton einzulassen, »kämpfen traditionsgemäß mit der Standarte, einer besonders langen Hellebarde, an der je nach Größe des Gefolges ein bis vier lange Wimpelbänder flattern, so daß sich die Einheit darum scharen kann.« Kang fühlte sich plötzlich nackt. »Ich habe die Standarte ausnahmsweise abgelegt ...« Weil Schiheng hua Tagau ihm geraten hatte, die Höflinge nicht waffenstarrend zu empfangen. Dann klopfte er an das Gehänge an seiner Seite. »Jeder Krieger führt außerdem das gewohnte Säbelschwert, welches das Länder überspannende Feld der Krieger seit Generationen von Sieg zu Sieg geführt hat.« Kang wandte sich auf dem Absatz um. »Ihr Herren vom Kreuzbogen der Schmerzen, seid ihr bereit?«
»Kreuzbogenschützen bereit. Hoi!« Das achte Glied jedes Fingers trat vor, acht mal acht Mann bezogen im Laufschritt Stellung zur Rechten. In angemessener Entfernung hatten halbwüchsige Jungkrieger übermannsgroße hölzerne Zielschieben errichtet.
»Der Kreuzbogen«, erklärte Kang, während die Schützen im Hintergrund mit Zielschießen begannen, »ist seit Jahrhunderten Quelle des tödlichen Pfeilregens, der dem Reich der Tugend Eroberung um Eroberung einbrachte. Der Kriegsherr der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, so die Sage, hat die Waffe selbst ersonnen.«
Die zwei schräg gekreuzten Bogen aus verdrillten Eibenastkernen schleuderten mit der Doppelsehne handspannenlange Bolzen oder pflaumengroße Steine über vierhundert Götterfuß weit. Die dazu nötige Waffe war von Hand gar nicht zu spannen; vielmehr mußte der Schütze sie auf den Boden richten, an ihrer Spitze in eine Schlaufe treten und dann einen Hebel ansetzen und mit vollem Körpereinsatz umlegen.
»Die Götterfresser beschlossen nach mondelangen Versuchen, auf Reichweite und Durchschlagskraft zu verzichten und dafür eine Waffe zu führen, die mit zwei Händen schnell gespannt und geladen werden kann.« Kang bemerkte, daß einige Bonzen gelangweilt tuschelten.
»Die Bolzen«, fuhr er unbeirrt fort, »sind mit Eisenspitzen versehen, in die Rillen gefräst sind. In diesen lauert das Gift der Kletterviper, wie es die Schlangenkrieger der Königin von Tschang Po Tschar für ihre Blasrohre benutzen.« Kang wandte sich wieder um und gab ein Handzeichen.
»Lauf los, Nichtswürdiger!« rief ein Waffenmeister der Hilfstruppen und ließ eine Peitsche knallen.
»Acht zum Tode verurteilte Deserteure und Befehlsverweigerer«, erklärte Kang. Es war ihm peinlich zuzugeben, daß es in der unüberblickbaren Zahl von Heerscharen immer wieder Krieger gab, denen Disziplin fremd war. Aber er erkannte an den leuchtenden Blicken und dem heftigen Fächeln der Zuschauer, wie gebannt sie beobachteten, was sich hinter seinem Rücken abspielte. »Wenn einer von ihnen den Torbogen erreicht, wird er begnadigt.«
Bei jedem Peitschenknall rannte ein Verurteilter los. Der beste Schütze jedes Fingers lief ebenfalls los und versuchte, die Flucht zu verhindern. Acht Mal schnalzte eine doppelte Sehne, acht Mal stöhnte oder schrie ein Mann auf. Das Viperngift ließ die Adern sich derart erweitern, daß sie an manchen Stellen barsten, und den Hals so zuschwellen, daß die Opfer mit hervorquellenden Augen erstickten. Keinem Flüchtling gelang es, nach dem Treffer mehr als hundert Schritte zu machen.
Viele der Zuschauer falteten die Fächer zusammen und ließen sie mit deutlicher Anerkennung auf die flache Hand klatschen.
»Gut geschossen, achtbare Herren«, rief Kang. »Aber vergessen wir nicht: wir wissen nicht, ob die Blauen Götter überhaupt Blut haben, das wir vergiften können.«
Dann hob er erneut die Hand. »Ihr Herren von der Bola, seid ihr bereit?«
»Bolawerfer bereit. Hoi!«
»Diese erstaunlich einfache Waffe«, erläuterte Kang, »wurde von den Turga übernommen und perfektioniert: eine mannslange Schnur aus gedrehten Büffellederstreifen, mit zwei dunklen Eisenkugeln mit Stacheln und Widerhaken beschwert. Die Reiter des turgischen Busches gebrauchen die Waffe, um auf der Jagd entfliehende Gazellen zum Straucheln zu bringen oder ihre halbwilden Pferde und Kamele wieder einzufangen.«
Kang verzichtete darauf hinzuzufügen, daß die Waffen der Götterfresser so gebaut waren, daß sie Arme und Beine nicht nur fesselten, sondern sich förmlich darin verbissen. Und daß die Männer eine eigene Wurftechnik hatten entwickeln müssen, um die Bola trotz der langen Federn auf ihren Helmen über dem Kopf kreisen lassen zu können.
»Räuber und Diebe, denen der Herr der Unwandelbaren Ordnung die Gnade gewährt, dem Reich der Tugend nützlich zu sein.« Im Hintergrund taten Kangs Leute, was sie seit Wochen getan hatten: sie hetzten die Sträflinge durch die Schaukampfhöfe, bis sie auf vierzig Götterfuß Entfernung ein Opfer als blutig verschnürtes Bündel zu Fall brachten.
»Bei aller Tugend«, rief ein Priester, »man könnte meinen, ihr geht auf die Jagd, hochehrwürdiger Hauptmann!«
»Von Jagd spricht man, hochehrwürdiger Lauzöng, wenn die Beute, mag sie auch wehrhaft wie ein Tiger oder Krokodil sein, stets zu fliehen trachtet«, korrigierte Kang ihn grimmig. »Was wir jagen werden, hat noch nie jemand zu jagen versucht. Und es ist sehr wahrscheinlich, daß sie kämpfen werden.« Nach einer sehr kurzen Pause riß er die Hand hoch. »Ihr Herren von der Bullenpeitsche, seid ihr bereit?«
»Peitschenschwinger bereit. Hoi!« Im Hintergrund traten mit lautem Knallen die nächsten Götterfresser an, ihre Kunst zu zeigen.
»Die Büffelreiter von Karadschurgjia«, berichtete Kang nun, »benutzen bei den Herden und im Kampf lange Peitschen, aber noch nie hat jemand zehn Götterfuß lange Lederriemen geschwungen. An der Spitze sitzt ein Schnäpper aus scharf geschliffenem Kamelknochen.«
Diesmal wurden acht kriegsgefangene Barbaren losgelassen, die allesamt die Hauptwaffe ihrer Kultur führten. Die Könner in der Heerschar, die allesamt Karadschurgjiter waren oder bei ihnen gelernt hatten, sprangen vor. Sie trafen ihre angreifenden Gegner mit dem Schnäpper, der die Haut aufplatzen ließ; wenn dann der Rest der Peitsche aufschlug, fraß er sich bis auf die Knochen durch.
»Niemand, so haben unsere Übungen in Gingang Tung gezeigt, kann eine Waffe festhalten, wenn sein Arm von einer überschweren Bullenpeitsche getroffen wird. Niemand jedenfalls«, so unterbrach Kang den aufkommenden Beifall, »niemand, von dessen Art das Reich der Tugend bereits Gefangene gemacht hat ...«
»Du scheinst mir in diesen historischen Kampf ein wenig ... skeptisch zu gehen, hochehrwürdiger Hauptmann.« Ein Priester mit einem besonders zynischen Unterton in der Stimme hatte sich zu Wort gemeldet. »Glaubst du nicht an euren Sieg?«
Für einen Augenblick war Kang sprachlos. Was dachte dieser vollgefressene Genießer eigentlich, worum es hier ging?
»Es ist nicht meine Aufgabe, an unseren Sieg zu glauben, hochehrwürdiger Tugendwächter.« Kangs Stimme war eiskalt – die einzige Möglichkeit, seine Wut im Zaum zu halten. »Es ist meine Aufgabe, den Sieg zu erkämpfen oder dabei zu sterben. Und das erste, was ein Mann lernt, der auch nur einen Kampf gekämpft und überlebt hat« – die Ohrfeige traf den Zivilisten zwischen atemlos lauschenden Standesgenossen –, »ist, daß den Feind zu unterschätzen der sicherste Weg ist, den Sieg zu gefährden. Die Tugend des Ziangs verlangt, den Gegner wertzuschätzen.«
Von mehreren Zuhörern kamen zustimmende Bemerkungen.
»Ihr Herren von der Harpune, seid ihr bereit?« Kangs Arm schnellte zackig in die Höhe.
»Harpunenwerfer bereit. Hoi!« Im Hintergrund wurden acht muhende Wasserbüffel herangetrieben.
»Die Harpune«, begann der Hauptmann die nächsten Ausführungen, »ist eine Erfindung der Wilden der Jaguarinseln auf der anderen Seite der Welt, welche die ajunäischen Barbaren dann verbesserten. Im Merkantilischen Imperium jagt man Wale mit diesem Wurfspieß mit der langen Metallspitze, deren Widerklingen aus dem Fleisch des Opfers nur mehr herausgeschnitten werden können. Die Schnur aus gedrilltem Hanf daran sorgt dafür, daß die getroffene Kreatur nicht entkommen kann.«
»Unser ehrwürdiger Hauptmann«, ergriff Fong-Kuoy näng Tschüeng das Wort und trat vor sein Gefolge, »liefert uns hier ein weiteres Beispiel der Kriegertugend, auch die Barbarenvölker nicht zu gering zu achten. Wie vielleicht bekannt sein dürfte, gehört es zu meinen Aufgaben, das Wissen der Kammer des Himmlischen Willens über die Barbaren auf dem neuesten Stand zu halten.« Die Enthüllung des feisten Gesandten klang selbstgefällig und lieferte den erwarteten Beifall.
»Was auch der ehrwürdige Hauptmann nicht wissen kann, ist, daß die Kundschafter der Kammer der Nautik erst im Winter mit dieser Waffe zurückgekehrt sind. Katauekische Lochmünzen erkauften den Unterricht bei hungrigen Walfängern, die ihre Bedenken ignorierten, ihr Handwerk den beherrschenden Seefahrern der Welt zu verraten – und eine katauekische Meuchelklinge sorgte dafür, daß keiner der Lehrer erzählen konnte, daß ihre Schüler darauf bestanden hatten, statt Wasserkreaturen durchwegs Rinder und Maultiere zu harpunieren.« Er lachte blasiert und erntete weiteren Beifall. »Ich hoffe, ich habe eurer nächsten Vorführung nicht den Stachel der Überraschung genommen.«
»Keineswegs, höchstehrwürdiger Fong-Kuoy näng Tschüeng«, verneigte sich Kang. »Was wir hier vorführen, sind Übungen, die wir ohnehin zu vollführen haben.« Hinter ihrem Hauptmann zeigten die Götterfresser, daß sie indessen alle gelernt hatten, sich, wenn einer ihrer Harpuniere Erfolg hatte, mit ihm ins Seil zu werfen, um das Opfer aus dem Gleichgewicht zu bringen.
»Die eine Hälfte unserer Waffen dient dazu, Götter zu fangen. Das ist unsere Aufgabe. Aber wir machen uns nichts vor. Unsere Gegner werden fast sicher angreifen, und sie werden fast ebenso sicher durch unsere Jagdwaffen nur in ihrem Tun verlangsamt.
Wir brauchen noch einmal so viele Waffen, um unsere Gegner niederzukämpfen.« Einige der Priesterinnen zeigten deutliche Langeweile. Kang hingegen fühlte das charakteristische Vergnügen eines Kriegers, der eben erst sein halbes Arsenal gezückt hatte.
»Ihr Herren von der Feuerlanze, seid ihr bereit?«
»Feuerlanzenträger bereit. Hoi!« Mit lautem Fauchen wurden acht mal acht Brandsätze gezündet, jeder an einem zehn Götterfuß langen Bambusholm. Die Wände des Kasernenhofes rauschten vom Echo, als die Männer in enger Formation vorrückten.
»Eine Erfindung der Kammer der Alchimie«, versuchte Kang das Fauchen zu überschreien. »Der Brandsatz ist nicht heiß genug, um schweres Gerät zu entzünden. Aber Stichflamme und Funkenregen sind gefährlich genug, um ein Dutzend Angreifer auf einer Belagerungsleiter dazu zu bringen, lieber ins Verderben zu springen, als noch einen Augenblick standzuhalten.« Die Feuerlanzenträger waren inzwischen auf fünfzehn Schritte herangekommen, und selbst Kangs laute Stimme war kaum mehr zu verstehen. Die Bonzen und Priester wurden unruhig. Alle wirkten erleichtert, als Kang die Männer wenden ließ.
»Die Aufgabe der Feuerlanzenträger ist es vor allem, einen heranstürmenden Blauen Gott auf Distanz zu halten oder in die Enge zu treiben, damit die anderen Waffen zum Einsatz kommen können.«
»Überaus beeindruckend, hochehrwürdiger Hauptmann«, meldete sich ein Bonze und lockerte den Kragen seines weißen Brokatmantels. »Wenn ich richtig informiert bin, seid ihr viertausend Götterfresser?«
»Viertausendsechsundneunzig«, verbesserte Kang. »Wie jede Heerschar auf Garnisonsstärke.«
»Ihr seid gewiß nicht wie jede Heerschar. Wie, meine Herren«, wandte er sich an die Umstehenden, »sollten die Blauen Götter diesen Helden widerstehen?« Allgemeiner Beifall brandete auf.
»Hochehrwürdige Herren und Herrinnen«, hob Kang beide Hände, um die Begeisterung zu dämpfen. »Ihr habt bis jetzt keine Waffe gesehen, mit der man vermutlich einen Blauen Gott töten könnte. Offen gesagt habt ihr keine Waffe gesehen, die mit Sicherheit einen Götterfresser aufhalten könnte.«
Überraschtes Schweigen war die Antwort.
»Was ist mit diesen Giftpfeilen?« fragte ein jüngerer Bonze. Kang lächelte und klopfte nur auf Brustplatte, Armschienen und Beinplatten seines roten Harnischs.
»Nun sind wir aber doch gespannt«, meldete sich der zynische Priester, der zuvor Kangs Moral angezweifelt hatte, »wie ihr die Götter zu töten gedenkt.«
»Sehr einfach«, kündigte Kang mit einem grimmigen Lächeln an, »sehr einfach und sehr blutig! – Ihr Herren von der Hellebarde, seid ihr bereit?«
»Hellebardiere bereit. Hoi!« Den Männern, die bislang nicht vorgetreten waren, sah man auch am Harnisch an, daß sie kräftiger gebaut waren.
»Der Fang no Tuheng ist eine eigens für den Götterkampf entworfene Stangenwaffe von etwas mehr als Mannslänge. An der Spitze sitzt eine Stoßklinge mit zwei Widerhaken, die nur mehr die Kraft eines Büffels aus dem Leib des Opfers reißen kann; darunter ist eine Schneide, mit der ein starker Mann auf eine Entfernung von drei Götterfuß mit einem Schwung einen Arm abtrennen kann.«
Auf dem Kasernenhof wurden nun kettenklirrend mehrere wilde Tiere frei gelassen. Die Götterfresser rammten ihre Waffen in das Fleisch von Bären und Büffeln. Zum Abschluß wurde auf den besten Hellebardier ein Riesenaffe aus dem Dschungel von Tschang Po Tschar losgelassen. Noch im Todeskampf war er nicht imstande, sich die Stoßklinge aus dem Leib zu reißen.
»Ihr Herren vom Schlachterbeil, seid ihr bereit?«
»Beilschwinger bereit. Hoi!« Ohne Übergang warfen sich wiederum acht Männer in den Kampf und stürzten sich auf die verwundeten Tiere.
Im Getümmel wurde ein Krieger, das schwere Spaltbeil zum Schlag erhoben, vom Tatzenhieb eines bereits verstümmelten Bären getroffen. Mit klirrender Rüstung ging er zu Boden. Kang beschloß, den Mann später ausgewählt zu bestrafen – aber es gab keinen Grund, ihn vor den Zuschauern zu demütigen.
Die hellen Steinplatten des mächtigen Kasernenhofes waren von zuckenden Tierleibern bedeckt. Es stank nach Blut. Kang und seine Männer waren das gewohnt, aber einigen hektisch fächelnden Priestern und Bonzen schien sehr unwohl zu sein.
»Ihr Herren von Pflock und Hammer, seid ihr bereit?« Es hatte nichts mit Schaustellerei zu tun, daß Kang seine Befehle nun Schlag auf Schlag gab. Im Gegenteil, es war nur logisch, den Schaukampf so zu Ende zu bringen, wie es in Wirklichkeit geschah: schnell und gnadenlos und mit der Ahnung des Blutrausches, den jeder Krieger kennt.
»Pflockträger bereit. Hoi!« Die acht mal acht Mann aus dem ersten Glied jedes Fingers hoben die wohl merkwürdigsten Waffen.
»Der mit Blech beschlagene Pflock aus Eisenholz und der Hammer wurden in dieser Form wohl noch nie im Kampf eingesetzt«, rief Kang über das Röcheln und Keuchen der Kämpfenden hinweg. »Lediglich von den Barbaren aus dem fernen Kurjameos ist bekannt, daß die Reiter der Kriegselefanten dieses Werkzeug mit sich führen. Wenn sich der Elefant, wie es oft geschieht, verwundet oder erschreckt zur Flucht wendet und in den eigenen Reihen Entsetzen und Verwüstung anrichtet, dann treibt ihm der Reiter knapp hinter dem mächtigen Schädel den Pflock in den Nacken und tötet ihn so überraschend schnell.«
Auf Kangs Zeichen traten wiederum acht ausgewählte Krieger zwischen die Kreaturen. Jeder setzte Pflock und Hammer an.
»Ähnlich werden die Pflockträger erst zum Einsatz kommen, wenn ein Blauer Gott, von Gift und Wunden zu Boden geworfen, von Harpunen und Peitschen am Boden gehalten, darnieder liegt, um ihm dem tödlichen Stoß ins Herz zu treiben. Vorausgesetzt, daß so ein Gott ein Herz hat. Sonst, ihre Herren, nehmt die Gurgel, den Nabel, ein Auge, was immer. Jedenfalls nagelt ihm das Leben aus dein Leib!« Fast gleichzeitig krachten acht Hämmer auf die Pflöcke.
Die Inspektion machte sich zum Abschied bereit. Trotz der roten Schminke sah man mancher Priesterin und manchem Bonzen an, daß sie bleich waren. Völlig gleichmütig hingegen lächelte der Priestergesandte Fong-Kuoy näng Tschüeng, als er auf Kang zutrat.
»Ehrwürdiger Hauptmann Kang«, sprach er feierlich. »Es ist uns offensichtlich und eine Freude, daß die Götterfresser wohlüberlegt an ihre einzigartige Aufgabe herangehen. Ehe ich nun in den Hochtempel und die Innere Kammer des Himmlischen Willens zurückkehre, um Bericht zu erstatten, erlaube mir noch eine Frage: Ihr habt überzeugend vorgeführt, wie ihr Räuber und Feiglinge, Büffel und Affen tötet. Was, Hauptmann Kang, werden deine Männer tun, was wirst du tun, wenn ihr vor den Wesen steht, die anzubeten ihr ein Leben lang gelernt habt?«
Kang blickte wortlos in die unergründlichen Augen des Tugendwächters. Schiheng hua Tagau hatte ihn gewarnt, daß Gespräche in Mantikor Leng so gefährlich waren wie die Kämpfe im Labyrinth und daß ein Mann von Rang in dieser Stadt mehr Feinde hatte als ein katauekischer Hauptmann im Turga-Busch. Aber Kang sah keinen Grund, dieser Frage auszuweichen – und auch keine Möglichkeit. Er war kein Mann, der sich einer Herausforderung entzog – und diese Frage, nein, eine Antwort auf diese Frage zu finden war eine Herausforderung.
»Ich weiß es nicht«, gab er schließlich zu. »Das ist eine Frage, die keiner beantworten kann. Keiner kann sagen, was er tut, wenn das Ende seines Lebens vor ihm steht. Ich kann nicht für die anderen Götterfresser sprechen. Ich kann dir nur sagen, höchstehrwürdiger Fong-Kuoy, daß mich persönlich nichts davon abhalten kann, es herauszufinden.«
Strolch im Dorf
Irgendwo in den Nördlichen Königreichen,
im Frühsommer des Jahres 472 der Blauen Götter
»Vorwärts, Sklave!« Einauge riß an dem dünnen Strick, und Strolch folgte ihm widerwillig. Er haßte diesen Teil des Planes. Aber immerhin war er bislang unbehelligt geblieben.
Das hektische Treiben des Marktes rings um sie ließ selbst ihn nicht gar so auffällig erscheinen. Er hatte die blonden Haare mit besonders viel Ruß geschwärzt, aber es gab keine Möglichkeit zu verbergen, daß er Ajunäer war.
»Da drüben«, sagte Kudung und bog seitlich ab. Strolch versuchte vorherzusehen, wie Einauge ihm folgen würde, um den nächsten Ruck des Strickes zu mildern.
Der Strick war es, der den Unterschied machte. Kudungs Bande sah abgerissen aus. Wenn ein entlaufener Sklave zu ihnen gehörte, waren sie vermutlich alle entlaufene Sklaven. Wenn sie jedoch einen Sklaven besaßen, waren sie Sklavenhändler, Diener eines Großgrundbesitzers oder was immer, jedenfalls jemand, den die Bauern nicht gleich mit Schweinemist und Lehmklumpen bewarfen.
»Wieviel?« fragte Kudung und deutete auf ein Ferkel, das mit zusammengebundenen Beinen am Wagen eines Bauern hing. Als er den Preis hörte, blaffte er etwas Abfälliges und ging weiter. Strolch bereitete sich auf den nächsten Ruck vor.
Kudung war offensichtlich bester Laune. Sie alle waren es. Dabei war der Markt nun wirklich nur eine Anhäufung einiger Dutzend Stände und Wagen. Verglichen mit dem Hafen von Maganta eine einzelne, schäbige Seitenstraße. Ganz zu schweigen von dem Sklavenmarkt von Tschöng-Hau Leng ...
Nein, daran wollte Strolch jetzt nicht denken. Sklave, Sklave, Sklave – immer wieder. Eben noch hatte auch er Spaß an dem bunten Treiben gehabt – nach all den Monden in Ginkgowäldern, Bambushainen und Schilfgürteln, in Straßenschmutz und Uferschlamm, in wortlosem Elend und schweigender Einsamkeit.
Rede dir doch nichts ein, Nichtsnutz, dachte er bitter. Du bist ein Sklave! Jetzt bist du eben der Sklave einer Bande aus Strauchdieben, Deserteuren und unverheiratbaren Huren.
»Schöne Dame!« Schlampe lachte affektiert. Sie hatte einen einfachen braunroten Fächer gefunden und spielte nun eine der Frauen, die wohl in den Palästen und Tempeln einer Großstadt wie Tschöng-Hau Leng lebten. Auch sie träumte von einem Leben, das ihr für immer versperrt bleiben würde.
»Tücke!« fluchte Strolch so laut, daß sich Einauge umwandte. Prompt riß er unwirsch an dem Strick an. Einauge genoß das, da war sich Strolch sicher. Er wurde zusehends eifersüchtig. Da Narbenfresse meist seinen Mund hielt, war Einauge immer Kudungs Ratgeber gewesen – soweit sich der gedrungene Anführer überhaupt etwas sagen ließ. Seit Strolch angefangen hatte, über Schlampe als Übersetzerin Vorschläge zu machen, sah Einauge sich wohl bedroht. Nicht daß Kudung dem Ajunäer etwas anderes als wortlose Verachtung entgegengebracht hätte: aber die Bambusschnorchel, der Marsch auf den neuen Straßen, die ganze Idee, den Heerscharen zu folgen – all das war von Strolch ausgegangen.
»Wohin gehen die Heerscharen?« Schlampe hatte noch mehr gesagt, aber das waren die Worte, die Strolch verstanden hatte. Endlich hatte sie Erfolg. Schlampe hatte den Fächer zurückgelegt und kokettierte mit dem Krämer, der dünne Seidenbänder, Haschischpfeifen, Parfüm, Schmuck und Amulette feilbot und etwas, das wohl der getrocknete Penis eines sehr kleinen Norga-Wales war.
Strolch versuchte angestrengt, dem Gespräch zu folgen, aber er verstand bloß immer wieder »Heerscharen« und dieses unglaublich lange Wort, das die Kataueken gebrauchten, wenn sie von ihrem Kaiser sprachen. Die Leute hier pflegten schon wieder einen anderen Dialekt.
Natürlich konnte Strolch, was man an allen Küsten Ajunas Hafen-Katauern nannte. Er beherrschte die Zahlen und wußte, daß man statt bis zehn nur bis acht zählte, ehe man die nächsthöheren Münzen brauchte. Er konnte »wieviel?« , »mehr«, »weniger«, »gut« und »schlecht« sagen. Er kannte die verschlungenen Formeln, mit denen man die auf Höflichkeit erpichten Händler zu begrüßen hatte, mit denen man ein Geschäft besiegelte und sich zum Abschied bedankte. Er wußte, wie man Reis maß, Zucker, Haschisch und Gewürze und kannte die Worte für Fuhre, Sack, Maß und Skrupel – die Maßeinheiten, die die Kataueken den Händlern weltweit vorschrieben. Er kannte die Namen der zwei Ozeane und jener fernen Länder, die nur die Kataueken besuchten: Belabadangbarad, Esanuk, Eulykien, Mangalien, Ekim-P’Par, die Purpurinseln und die Pfefferinseln. Und er kannte jene seltsame Formel der Ehrerbietung, die man als Merkantilier einzuflechten hatte, wann immer man den Unwillen eines Kataueken erregte – wenn man jemals wieder etwas bei einem Kataueken kaufen wollte.
Es gab Städte im Merkantilischen Imperium, die seit 100 Jahren von den Kataueken nicht angelaufen worden waren, weil, so hieß es, dort einmal ein Krämer jene Formel nicht aufgesagt hatte. Und das waren durchweg Städte, die keine mercatoren aufwiesen und die im Imperium nichts mehr zu sagen hatten; Städte am Weißen Meer oder an der Grenze zur Ehernen Liga, Städte, die arm geblieben waren.
Ja, es hatte so einladend und vielversprechend gewirkt, sich auf diese katauekische Nauke zu schleichen. Nach Serkan Katau fahren und reich werden. Zurückkommen und all denen ins Gesicht lachen, die Strolch ausgelacht hatten. Vor allem dem alten Hurenbock ...
Reich! Strolch mußte bitter lachen. Jetzt, dachte er, bist du ein entlaufener Sklave, der sich als Sklave verkleidet, um die Reste irgendeines Feldzuges einzusammeln. Obwohl der Plan tatsächlich der erste Lichtblick war, seit er auf diesem verfluchten Kontinent war.
Seit Strolch von dem Straßenbau erzählt hatte, folgten sie dem Aufmarsch. Ein halbes Dutzend Mal hatten sie aufgelassene Lager vorgefunden, wo wiederholt eine durchziehende katauekische Heerschar genächtigt hatte. Kudung trug seither Stiefel, zwei Einzelstücke mit durchgelaufenen Sohlen, die er binnen drei Tagen aus einem Strauch und einem Graben gezogen hatte. Sie hatten einen kleinen Sack Reis gefunden, bei dem nur die oberste Handbreit schimmelig gewesen war. Und einmal hatten sie ein Faß erbeutet, indem noch genug Reisbier gewesen war, daß sich die drei Männer einen Mund voll genehmigen konnten. Strolch natürlich nicht.
Aber er hatte eine abgerissene Gürtelschnalle gefunden, einige Haken und einen kleinen Bratspieß. Vielleicht konnte er den Schrott bei einem Schmied verkaufen. Inzwischen spielte er mit dem Gedanken, alles zu sammeln, was er als Einbruchswerkzeug gebrauchen konnte. Hier auf dem Land – auch in diesem größeren Dorf – schien es keine versperrten Türen zu geben, aber zumindest in Tschöng-Hau Leng hatte er Villen mit Türschlössern gesehen. Und so viel wußte Strolch aus den Gassen von Maganta: Wer Eisen kaufte, um Türen zu sichern, hatte dahinter Gold liegen ...
DerUnvollendete Palast
Im Bergland nördlich des Reiches der Tugend, im Dritten Mond im Jahr 472 der Blauen Götter
»Worauf, denkst du, warten die Krieger?« murrte der Festungsbauer Tüengtöng in der kehligen Sprache der Berglandbewohner der Nördlichen Königreiche.
»Du willst wohl wieder die Rute spüren?« spottete Dongkök. Sein Akzent verriet ihn als das, was man hier Südländer nannte, obwohl er lediglich aus dem Reich Hüane kam. »So was haben wir nicht zu fragen.«
»Ich will aber wissen, wie oft ich diese Pfähle noch hauen muß«, maulte Tüengtöng und deutete anklagend auf den vier Schritt langen Zedernstamm, dessen Spitze er bearbeitete. »Du bist erst seit einem halben Jahr da. Ich aber habe die ersten Pfähle schon im letzten Herbst eingerammt. Nach der Kleinen Regenzeit mußte ich sie ersetzen, und als die Bäume blühten, schon wieder.«
»Ihr Provinzler«, lachte Dongkök, »ihr hättet eben gleich Bambus nehmen sollen.« Er setzte erneut die Säge an dem fremdartigen Rohr an. Die Kamele brachten es in langen Karawanen aus dem Süden, und die Handwerker, die es bearbeiteten, waren von ebenso weit her angereist.
»Die Belagerung war nicht unsere Idee«, protestierte Tüengtöng. »Der ganze Krieg war nicht unsere Idee. Ihr seid zu uns gekommen mit euren Lauzöngs und Qengtans und Ziangs.« Die Kastennamen kamen ihm schwer über die Zunge. Obwohl die Nördlichen Königreiche seit Generationen Eroberung waren, machte die Bevölkerung nur den Priestern, Beamten und Aufsehern gegenüber vom Katauekischen Gebrauch – oder wenn sie, wie Tüengtöng, unerwartet mit Fremden zusammenarbeiten mußten.
»Und ich hab dir schon acht mal acht Mal gesagt«, seufzte Festungsbauer Dongkök und fing an zu sägen, »daß ich aus dem Reich Hüane stamme. Außerdem hab ich keine Ahnung, wo all die Bonzen herkommen. Mantikor Leng ist, wie mir mal ein alter Leibwächter sagte, von Hüane so weit weg, daß er als junger Mann losging, mit den ersten grauen Haaren dort ankam und als alter Mann zurückkehrte.«
»Und worauf warten wohl ... sie?« Tüengtöng blickte scheu in die Mitte des Belagerungsringes, wo der Unvollendete Palast stand. Er hatte wie alle Festungsbauern versucht, sich an den Anblick zu gewöhnen, und war gescheitert: der fremdartige Ringwall, verkleidet mit rötlichem Gestein und dennoch unregelmäßig wie gewachsener Fels, der Graben und die Altäre davor, das Tor der sechs Knäufe in dem Wall und die bizarren Türme des geheimnisumwitterten roten Bauwerks, die hinter dem Wall aufragten ... und auf dem Ringwall die mächtigen blauen Standbilder, von denen die Priester sagten, daß es keine Standbilder seien ...
»Ich glaube, du willst wirklich Schwierigkeiten bekommen«, zischte Dongkök. »Es sind schon Leute tot umgefallen, die nur hingesehn haben. Das hat mir ein Priester erzählt.«
Aus den umliegenden Wäldern des weitläufigen Tales schallten die Äxte und Sägen der Festungsbauern. Auch wenn das Länder überspannende Feld der Krieger wartete, war es nicht untätig. Die Stellungen wurden seit Monden ausgebaut. Korbflechter und Schaufelträger hatten Körbe aus Weidenruten gefertigt, mit Erde gefüllt und zu Barrikaden aufgetürmt. Steinbrecher und Ziegler hatten sie mit Felsbrocken, Backsteinen und Kies befestigt. Männer wie Tüengtöng und Dongkök waren dafür zuständig, darauf und davor Palisaden aus mörderisch zugespitzten Zedernstämmen und Bambusrohr zu errichten.
»Ich war hier«, beharrte Tüengtöng trotzig, aber dennoch zur Sicherheit nur halblaut, »als die Herren der Kammer der Geomantie die Meßlatten aufstellten. Da ist niemand tot umgefallen. Sie verboten uns nur, näher ranzugehen.«
Der innere Belagerungsring hatte einen Durchmesser von beinahe einem Läng. Alle fünfzig Götterfuß stand ein mächtiger Holzturm und bildete den vorderen Eckpunkt einer Stellung. Dahinter erstreckten sich eine Wegstunde weit andere Bauten: ein befestigtes Heerlager nach dem anderen, dazu die Zeltstädte der Festungsbauern und Troßleute, die Magazine, Stallungen, Garküchen und Feldlager für die Verwundeten, verbunden durch Reiterstraßen und Feldwege, getrennt durch Wassergräben und weitere Mauern.
»Ja, die Priester und die Herren der Kammer«, sinnierte Dongkök. »Ich hab einen Bonzen sagen hören, daß sie acht Tage brauchen, um den ganzen Verhau abzuschreiten.«
»Ja«, höhnte nun Tüengtöng, »in ihren Sänften!«
Aber es stimmte, daß die Befestigungsanlagen unüberblickbar waren.
»Die Festungsbaumeister«, versuchte nun Tüengtöng etwas Kluges zur Unterhaltung beizusteuern, »haben eigens Straßen in die benachbarten Täler angelegt, um Holz, Steine, Erde und Sand herbeischaffen zu können.«
»Ihr Provinzler«, lachte ihn Dongkök wieder aus. »Sie haben neue Straßen bis ins Reich Hüane und nach Turgatan gebaut. Was denkst du denn, wie all die Heerscharen hierhergekommen sind?«
»Ich hab noch nie so viele Menschen auf einem Haufen gesehn, schon gar nicht bewaffnete.«
»Noch nie, so haben die Priester verkündet«, ereiferte sich Dongkök weiter, »noch nie hat der Herr der Unwandelbaren Ordnung ein solch gewaltiges Heer versammelt.«
»Dabei haben die Heerscharen noch lange nicht all ihre Stellungen bezogen. Als wir mit den Holzfällern auf die Hügel hinaufgezogen sind, haben wir noch mal so viele befestigte Lager in den benachbarten Tälern gesehn.« Tüengtöng fragte sich, ob man sie dem Feind noch nicht zeigen wollte oder ob die Einheiten einander einfach im Weg gestanden hätten.
»Außerdem heißt es, daß noch immer Heerscharen aus dem Süden, aus der Hauptstadt, von der Mangalischen Küste und vom Turga-Busch im Anmarsch sind. Das hat mir ein Krieger gesagt«, wußte Dongkök zu berichten.
»Warum sollte ein Krieger mit dir sprechen?« meinte Tüengtöng skeptisch. Der eingeborene Festungsbauer blickte wohl zum tausendsten Mal hinüber zu dem gewaltigen Tor der sechs Knäufe. Es wurde von sechs kupfernen Knäufen geziert, zwei in Kopfhöhe, zwei so hoch, daß Männer zu Pferd sie noch erreicht hätten, und zwei so weit oben, daß Menschen wohl einen halben Holzturm besteigen müßten. Aber dieses Tor war nicht für Menschen bestimmt.
»Ich kann mir einfach nicht vorstellen«, begann Tüengtöng schaudernd ein neues Gespräch, »daß es jemand gibt, der diese sechs Knäufe gleichzeitig drehen kann – egal, was die Priester und Krieger erzählen.«
»Jeder der drei ehernen Riegel dahinter«, wußte Dongkök zu berichten, »wiegt soviel wie ein Wasserbüffel. Das haben die Ingenieure errechnet, hat mir unser Festungsschmiedemeister erzählt.«
»Wie lange braucht ihr zwei da noch?« blaffte der Vorarbeiter herüber.
Tüengtöng nahm sich vor, nicht mehr so viel zu schwatzen. Er dankte dem Himmel, daß er nicht direkt im Abschnitt vor dem Tor arbeiten mußte, wo die Götterfresser auf ihren Einsatz warteten. Die Offiziere hatten keinen Zweifel daran gelassen, daß dort eine Stellung errichtet werden mußte, die einem geradezu unvorstellbaren Ansturm standzuhalten hatte. Die Vorarbeiter hatten die Handwerker dort besonders geschunden; obwohl die Befestigung seit Monden so gut wie vollendet war, wurde täglich daran gearbeitet. Jeden Morgen gingen die Inspektoren der Kammer des Krieges die Stellung ab. Und wenn sie mit ihrem Fächer auf einen Pfahl, einen Erdhaufen oder einen Knoten deuteten, dann wurde dieser ausgetauscht, selbst wenn das Holz noch grün, die Erde noch feucht oder der Knoten noch geschmeidig war.
Die Kriegsherren, so hatte es geheißen, wollten verhindern, daß auch nur ein einziger Feind entkäme ...
»Wie geht die Sage mit der alten Schmiede noch einmal?« flüsterte Tüengtöng. Er spürte Angst aufsteigen – und wenn er Angst verspürte, mußte er sprechen. ›Die alte Schmiede‹ ... so hieß die Ruine unweit des Ringwalls, deren verfallene Mauern als Fundament der Stellung dienten.
Dongkök warf ihm kurz einen verächtlichen Blick zu und schaute dann verstohlen zu dem Vorarbeiter. Aber er konnte der Versuchung nicht widerstehen. »Einst, als ... sie auf die Welt herabgestiegen waren«, raunte er zurück, »entführten sie drei Brüder aus dem Reich des Jadethrones, die die besten Schmiede ihrer Zeit waren.« Er rückte verschwörerisch näher. »Und sie zwangen sie, hier unvergleichliche Waffen für die ... für sie zu fertigen.«
Tüengtöng fühlte sich alles andere als beruhigt von dem Wissen, ausgerechnet an dieser Stelle zu arbeiten. Wieder blickte er scheu über die grasbedeckte Ebene zu dem Ringwall mit dem Graben ringsum. Nahe der Mauer, im Schatten einiger Schirmpinien, standen die Altäre. Generationen von Priestern und Bonzen hatten hier den Tribut der Roten Steine erbracht.
Heute gab es keine Roten Steine mehr. Jedenfalls kannte Tüengtöng niemanden, der je einen gefunden hätte. Aber seine Großmutter hatte ihm noch von dem Korbflechter Füengqo erzählt, der im Lehm des Flußbettes einen Roten Stein von der Größe eines Daumennagels entdeckt hatte und dann die Tochter des Dorfvorstehers geheiratet hatte.
Tüengtöng blickte hinüber zu den Lagern der Bogenschützen, der Schleuderer und der Maschinenbesatzung. Er fragte sich, ob diese Männer Angst hatten. Daß die Krieger mit den roten Masken keine Angst kannten, war klar. Gemeinhin hieß es, die Angehörigen der Kriegerkaste erschlügen alle ihre Kinder, die Angst zeigten. Aber die Hilfstruppen, wie die Ziangs sie abfällig nannten, schienen normale Männer zu sein: kräftiger natürlich als ein Reisbauer und viel erfahrener, hatten sie doch in Eroberungen im ganzen Reich der Tugend gedient. Aber hinter den rotlackierten Lederharnischen steckten Menschen – und Tüengtöng an ihrer Stelle hätte Angst gehabt. Ach was, Tüengtöng hatte Angst.
Ja, dachte er, das alles ist nicht mein Belang. Mein Belang ist es, Zedernstämme anzuspitzen: unten so, daß sie ins Erdreich oder in die mit Erde gefüllten Körbe gerammt werden können; oben so, daß sie dem Ansturm eines Ochsen standhalten können. Die Vorarbeiter sprachen immer von Ochsen. Aber sie alle wußten, wen sie wirklich meinten.
DasLänder Überspannende Feld Der Krieger
In den Hügeln um den Unvollendeten Palast, am Nachmittag des 20. Tages im Vierten Mond im Jahr 472 der Blauen Götter
»Und das? Was ist das?«
Strolch zuckte zusammen, als ihm Narbenfresse mit der flachen Hand auf den Schädel schlug, und ging wieder in Deckung. Das war schon das dritte Mal. Aber auch die rüde Unterbrechung konnte seine Begeisterung nicht dämpfen.
»Was ist das?« , wiederholte er und deutete auf die seltsamen Gerätschaften.
Narbenfresse knurrte ein Wort. Tücke, knurrte Strolch stumm zurück, wieder ein neues Wort statt einer Erklärung. Aber irgendwie hatte Narbenfresse begriffen, daß er Strolch heute antworten mußte, wenn er Ruhe haben wollte. Er drehte sich auf den Rücken und vollführte mit dem rechten Arm eine schleudernde Bewegung. Mit der linken Faust machte er eine Abwärtsgeste, die in Ajuna eher in ein Bordell gepaßt hätte. Aber Strolch begriff:
»Schleudermaschine!« Er pfiff durch die Zähne. Aber wo war das Gegengewicht?
»Was ...?« fragte er und wiederholte die Bewegung mit der Faust.
»Hundert Leute«, brummte Narbenfresse mit einem Ton, der klarmachte, daß er für die nächste Stunde genug gesprochen hatte. Die Männer in den einfachen roten Lederwämsern, die hinter den Maschinen Steine aufschichteten, waren das Gegengewicht? Das wollte Strolch sehen.
»Wann greifen an?« murmelte er, im Satz langsam verstummend. Keiner würde ihm antworten. Keiner von ihnen hatte mehr als eine Ahnung, was hier überhaupt geschah. Strolch war gespannt wie nie zuvor – ja, noch nie in seinem Leben hatte er etwas ähnlich Aufregendes beobachtet. Nicht, als er als Junge nach dem Fest der Segel die ersten Nauken hatte einlaufen sehen. Nicht einmal, als er in jener Nacht im Hafen gelegen und auf die einzige Gelegenheit gewartet hatte, sich an Bord zu schleichen. Und ganz gewiß nicht, als er, gerade das Oberdeck mit einer Strohbürste scheuernd, den Ruf des Ausgucks vernommen hatte: »Serkan Katau!«
Was immer es war, dort draußen auf der Ebene – es war einfach gigantisch. Das war Serkan Katau, wie er es sich vorgestellt hatte. Noch nie hatte der junge Ajunäer so viele Menschen gesehen – und sie waren zudem alle bewaffnet. Strolch konnte nicht einmal die Soldaten einer einzigen katauekischen Einheit errechnen, die Narbenfresse Heerschar nannte; jedenfalls war sie größer als eine turma des Merkantilischen Imperiums, vermutlich eine ganze Armee. Und von diesen Heerscharen standen so viele in der Ebene, daß Strolch wiederum keine Zahl dafür kannte. Er hatte zunächst noch versucht, eine zu finden, wie ein Kind, das mit den Murmeln in seiner Hand prahlt; aber eine größere Zahl als tausend kannte er nicht einmal in seiner Muttersprache.
Die meisten Heerscharen hatten ein klar erkennbares Lager oder eine Stellung. Jedes Lager war so groß wie eines der Dörfer, die wie ein Netz um Maganta lagen und es ernährten. Die Kataueken selbst siedelten viel zerstreuter und befestigten die kleinen Siedlungen nicht. Doch diese Heerlager waren mit Palisaden umgeben, und dazwischen ragten riesenhafte Türme auf. Hölzerne Türme auf Rädern. Jetzt wußte Strolch, wo die Wälder geblieben waren ...
Seit sie sich durch die Wildnis schlugen, hatten sie entlang der Straße die Holzfäller und Rohrschneider gehört und gesehen.
»Was bauen die?« hatte Strolch gefragt, wenn sie unterwegs wieder einen Zug zottiger zweihöckriger Kamele oder Fuhrwerke, beladen mit armdicken Bambusrohren aus dem Süden, gesehen hatten.
»Was bauen die?« , wenn ein halbes Hundert Sklaven, wie er es gewesen war, aus einem Wald eine Eibe geschleppt hatten, die selbst in diesen urtümlichen Bergwäldern in einzigartiger Größe hervorgestochen haben mußte.
Mit dem Holz, das die Kataueken entlang der Strecke fällten, hätte man eine Stadt verbrennen oder einen Scheiterhaufen errichten können, der den Himmel in Brand setzte. Aber Strolch hatte genug Zeit in der großen Werft von Maganta verbracht, um Brennholz von Bauholz unterscheiden zu können. Niemand fällte Bäume und schleppte sie, entastet, aber ungeschält, aus dem Wald, wenn er sie nicht als Schiffskiel, Mast, Säule oder Balken verwenden wollte.
Ein Haus also, ein Tempel? Das war Strolchs zweite Vermutung gewesen. War der Kaiser von Katau so mächtig und so verrückt, tief in der Wildnis einen Palast errichten zu lassen?
Es mußte fast einen Mond her sein, daß sie die letzten Reisfelder hinter sich gelassen hatten. Und auch die waren einfache kleine Becken im Bergland gewesen, primitiv und ärmlich, verglichen mit den endlosen Landschaften aus Dämmen und Feldern am Qiu, durch die Strolch das letzte halbe Jahr gezogen war. Da und dort hatte er geglaubt, Ähnlichkeiten zu seiner Heimat zu finden. Die Bauern im Bergland bauten Kürbisse, Gurken und Erbsen an, und abseits der Flüsse färbte ein fremdartiges Getreide, dessen verzweigte Ähren Strolch an Hirse erinnerten, die Felder sommerlich gelb.
Aber je näher sie den Bergen gekommen waren, desto klarer war dem jungen Weltreisenden geworden, daß er nun noch viel weiter von zu Hause entfernt war. Es wurde kühler. Obwohl Hochsommer war, konnte man in der prallen Sonne marschieren. Es gab nicht einmal mehr Palmen oder Agaven. Die Bäume ähnelten mächtigen Pinien, und die Laubbäume mit den weichen Blättern wuchsen hier höher als jeder Baum, den Strolch je gesehen hatte. Nichts erinnerte an die vertraute Schwüle des Sommers, die ihm in Ajuna wie auch in Serkan Katau den Schweiß aus der Haut getrieben hatte. Hier war es trocken. Abends wehte von Norden her ein sanfter Wind, wie ihn Strolch allenfalls im Sturmmond aus den Bergen am Weißen Meer kommend erlebt hatte.
Die Berge! Schlampe hatte ein Wort verwendet, das Strolch als »die Mauer am Ende der Welt« verstanden hatte. Strolch hatte geschmunzelt. Er kannte die Berge auf der Halbinsel von Maganta. Nun, er war nie dort gewesen. Aber er hatte zugehört, wenn die Männer im Winter darüber gesprochen hatten, in die Minen und Wälder nahe den Bergen zu gehen ... wenn sein Vater wieder einmal von einem Leben als Holzfäller, Schatzsucher oder in den Verstecken der corona geträumt hatte.
Strolch lachte verächtlich. Der alte Hurenbock! Hier hätte er sich in die zerrissene Hose gemacht. Ja, das hier waren echte Berge. In den drei Wochen, die sie gewandert waren, waren sie kaum näher gekommen. Dann und wann hatte sich ein einzelner Gipfel, auf dessen Spitze bereits keine Bäume mehr wuchsen, aus dem Verband gelöst, war näher gekommen und hatte sich als kleiner Wachturm erwiesen.
Da hinten, die echten Berge, die bewegten sich nicht. Ganz oben, das ahnte Strolch mehr, als daß er es sah, leuchteten sie weiß. Ob sie ans Licht des Himmels stießen? War der Fels so nahe an der Sonne, daß er bleichte wie Knochen in der Hitze? Oder war das jenes Salz des Himmels, von dem ihm der alte Seesoldat Stumpfbein-Mateo erzählt hatte?
»Gehen wir weiter!« Eine eigentümliche Unruhe hatte Strolch aus seinen Gedanken hochgepeitscht. Er hob den Kopf und begegnete Kudungs Blick. Strolch fühlte, wie sein Herz raste. Kudung antwortete nicht. Er wirkte lässig, aber sein Blick war bohrend. Schließlich wandte sich Strolch ab. Es war das dritte Mal gewesen, daß sie einander mit Blicken maßen. Im Frühling hätte ihm Kudung noch einfach eine Backpfeife versetzt.
Strolch ärgerte sich. Er wollte näher an diesen Berg heran, den die Kataueken belagerten. Was würde Kudung diesmal tun? Der bullige Räuber war unberechenbar. Einmal hatte er einen Tag lang nicht erlaubt, daß sie weiterzogen, nachdem Strolch es vorgeschlagen hatte. Einmal hatte er genau diesen Befehl gegeben, um den Strolch gebeten hatte – natürlich nach einer würdevollen Pause.
Was ging da vor? Strolch blickte hinüber zu Schlampe. Nein, zuerst hatte sie ihn angesehen – und er hatte ihren Blick erwidert. Ihre schmalen, schwarzen Augen waren unergründlich. Für einen Augenblick verspürte Strolch das unsinnige Bedürfnis, sich auf sie zu stürzen. Er fühlte, wie sich zwischen seinem Bauch und dem bewachsenen Kies, auf dem er lag, etwas rührte. Noch ärgerlicher wandte er sich ab und konzentrierte seinen Blick auf den Berg.
Was hatten die Kataueken vor? Was hatte der Kaiser vor? Sie hatten inzwischen wiederholt mit Dörflern gesprochen. Die Scharade mit dem Sklavenstrick hatte sich bewährt. Im letzten Mond war es ohnehin leichter geworden, sich zwischen den Untertanen des Kaisers zu bewegen. Die Berglandbewohner waren zwar mißtrauischer als die Bauern in der Ebene des Qiu, aber zugleich waren sie nicht so feindselig gegenüber allem, was ihre Ordnung störte. Und derzeit waren ohnehin überall Fremde. Die Soldaten, die Schanzbauer, die Viehtreiber und Krämer, die ihnen folgten – sie alle kamen aus fernen Provinzen. Sie waren seit Monden unterwegs, auf dem Marsch, den der Kaiser befohlen hatte – und der sie alle an diesem dunklen Berg zusammenführte.
Die Nacht vor der Schlacht
Vor dem Unvollendeten Palast, Nacht des 21. Tages im Vierten Mond im Jahr 472 der Blauen Götter
Die Sommernacht war wie die letzten drei von einem Zauber, der einem einfachen Krieger das Herz schwergemacht hätte. Aber Kang war kein gewöhnlicher Krieger, und was in ihm bereit war zu fühlen, sagte ihm, daß der Himmel ihrem Unternehmen lachte. Der Schweifende Stern war fast so groß wie eine Faust, doch sein Licht besaß nicht den Bann des silberhellen Vollmondes. Die Sternschnuppen waren mit jeder Nacht häufiger geworden. Wenn man eine achtel Stunde lang zum Himmel blickte, konnte man drei oder vier zählen. Sie alle kamen aus derselben Richtung, von Nordosten, etwas mehr gegen Osten, aus der unüberblickbaren Weltenmauer. Manche verglühten beim Zusehen, doch die meisten verschwanden am westlichen Horizont. Bisweilen wünschte sich Kang, einer der Hohepriester würde ihm erklären, was die Zeichen besagten. Vielleicht morgen, ehe die Schlacht begann ...
Die neue Heerschar lagerte zwei Läng – eine Viertelstunde Schnellschritt – vor dem Unvollendeten Palast in einer Ruine, einem der letzten dem Verfall ausgesetzten Zeugnisse der sagenhaften Nördlichen Königreiche. Kang versuchte sich zu erinnern, was die Sage von deren Zerstörung berichtete. War es nicht der Kriegsherr der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, selbst gewesen, der diese Reiche zerschlagen hatte? Oder waren es die Blauen Götter gewesen, damals, als sie erstmals die Roten Steine begehrt hatten? Oder war die Vernichtung der Feinde ihr Geschenk an jenen ersten Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer gewesen, nach Abschluß jenes Paktes, den der Höchste Kriegsherr der Geheimen Kammer morgen kündigen würde? Kang fühlte Scham. Die Historie war nie seine Stärke gewesen. Aber ein Ziang, wies er sich selbst zurecht, hatte ohnehin nicht zu fragen, warum er kämpfte.
Aus dem Lager der turgischen Leichten Barbarenreiterei erklangen rhythmische Gesänge, in die sich schrille Rufe aus einem Dutzend Männerkehlen und das kreischende Lachen von Frauen mengten. Die Turgas hatten sich einen Wagenzug voll Wartender Mädchen in ihr Lager geholt, das an die Ruine angrenzte.
In anderen Stellungen grölten Betrunkene, und dort, wo Stille herrschte, kreisten vermutlich die Traumpfeifen. Jeder normalen Heerschar standen vor einer Schlacht acht mal acht Fäßchen Reisbier zu. Aber die Wachtmeister hatten darüber gesprochen, welche Generäle an diesem Abend auch Reisbranntwein, Ginsengschnaps, Arrak oder Palmbrand ausgaben.
Kang hua Schiang schnaubte verächtlich. Sich den Geist zu vernebeln und das Blut zu verderben war die sicherste Art, morgen schwächlich zu sein. Keiner der Götterfresser hatte seit einem halben Jahr eine Frau angerührt. Die Lehre von den Acht Elementen verlangte, daß ein Ziang seine Säfte und Kräfte sammelte, ehe er in die Schlacht zog. Kang wußte, wie er sich fühlte, wenn er bei einer Frau gelegen hatte: erschöpft und zufrieden. Ein Krieger durfte nicht erschöpft sein und auch nicht zufrieden. Und ein Götterfresser hatte über der Gier der sterblichen Säfte und Kräfte zu stehen – wenn er sich daran machte, die überirdischen Säfte und Kräfte eines Blauen Gottes zu bezwingen ...
Ja, sie waren jetzt Götterfresser. Kang fühlte das leichte Spannen über seiner Brust und seinem Bauch. Die Ornamente waren verheilt, aber der Körper hatte sich noch nicht vollständig an die Fäden aus feinstem Silberdraht und blauer Seide gewöhnt.
»Du bist der vierte«, hatte der Herr der Dritten Kammer der Seidenstickerei gesagt. Als dritter Hauptmann nach General Tüfang hua Hidong war er all seinen Offizieren und Kriegern vorangegangen. Die Prozedur hatte selbst Kangs gestählte Vorstellungen von Schmerz zu neuen Grenzen getrieben; daran hatten auch die vielen Traumpfeifen kaum etwas geändert. Zwei Seidenstickerinnen, ein Fadenweber, ein Seidenmaler, ein Heilkundiger und eine Dienerin hatten insgesamt fast drei Wochen lang an seinem Körper gearbeitet. Stich für Stich, Faden für Faden, Linie für Linie war der Blaue Gott auf seinem Körper gewachsen. Zunächst war das Bild rostrot von Blut gewesen; erst nach vielen Heilbädern und Einreibungen mit Balsam und Salböl hatte es seine prachtvoll glänzende blaue Farbe gezeigt.
Nicht alle Krieger hatten die Initiation in die Heerschar der Götterfresser vollbracht. Bei einem Waffenmeister und zwei Kriegern hatten sich die kunstvollen Nähte derart entzündet, daß man die Fäden wieder hatte ziehen müssen. Keiner würde die Gelegenheit in diesem Leben wohl ein zweites Mal bekommen. Der Offizier hatte sich sein Säbelschwert ins Herz gestoßen. Und ein dritter Krieger war dem Wundfieber und Blutverlust erlegen.
Aber alle, die das Bild des Feindes jetzt auf ihrer Haut trugen, waren Götterfresser.
Kang hatte sich erhoben, einem Impuls folgend, der ihn dreißig Götterfuß in die Nacht hinausgeführt hatte, ehe er ihm bewußt wurde. Er war auf das Lager der Turga zugegangen.
Unvermittelt lastete die Fremdheit dieser Nacht auf seinem Gemüt – die Fremdheit seines Lebens. Er blickte zurück auf die Krieger der Dritten Faust, die er ausgebildet hatte. Sie saßen um die Feuer, voller Würde. Wenige sprachen, niemand lachte. Dann und wann stimmte jemand die neue Hymne der Götterfresser an, und die Krieger sangen voll pflichterfüllter Stärke mit.
Seine Wachtmeister und Waffenmeister saßen dazwischen, auch sie von der Würde ihres Ranges von den einfachen Kriegern abgehoben. Kang hätte nicht gewußt, was er mit ihnen hätte reden sollen. Sie hatten ihre Ausbildung und Befehle, sie alle wußten, worum es morgen ging und was zu tun war in acht mal acht undenkbaren Fällen. Seine Unteroffiziere waren Fremde.
Die anderen sieben Hauptleute? Fremde – ebenfalls. Was hätte er mit ihnen zu bereden? Da war nicht einmal die heimliche Rivalität, die im Labyrinth dann und wann ein Wortgefecht voll Witz und Härte hatte entflammen lassen.
Und General Tüfang hua Hidong, der nun in seinem Zelt saß? Kang hätte sich wie ein Knabe mit einer vollen Windel vor seinem Vater gefühlt, wenn er ohne Befehl vor seinen Vorgesetzten getreten wäre.
Wieder hallte der schrille Refrain eines turgischen Stammesliedes herüber. Eine seltsame Klaue griff schmerzhaft nach Kangs Herzen. Er kannte diese Melodien und den Rhythmus, in den die Rufe dazwischengellten. Wie oft hatte er sie von den Mauern des Labyrinths aus gehört – von der südlichen Seite, wo die Söldner ihre Lager hatten, und von der Nordseite, wo in der Weite des turgischen Busches eine weitere, unbezwungene Sippe sich bereit machte, an den verhaßten Mauern zu sterben oder sie zu überwinden.
Kang versuchte den Gedanken nicht wahr werden zu lassen, aber er hatte längst verloren: Seine Feinde, die Feinde des Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer, waren ihm weniger fremd als die Männer, die er morgen in die Schlacht führen würde ...
Die Schrift an der Wand
Hochtempel von Tschöng-Hau Leng, vor dem Morgengrauen des 22. Tages im Vierten Mond im Jahr 472 der Blauen Götter
»O Hohepriesterin!« Das wiederholte Rühren des Gongs vor der Inneren Kammer war zu heftig, um noch als tugendhaft zu gelten. Lü näng Huango knüpfte hastig die Bänder ihres blauen Überkleides. Der Tugendhafte Weg des Himmlischen Willens verbot ihr zu antworten, ohne ihr Gesicht zu zeigen. Und um ihr Gesicht zu zeigen, mußte sie es erst anlegen.
Heute nicht! Sie würde ungeschminkt vor die Untergebenen treten, die so drängend nach ihr verlangten. Das sollte zeigen, welche Bedeutung sie dem Ruf beimaß.
»Sprich!« Ein Zug an der Klingelkordel signalisierte dem Pförtner, nach und nach die vier Vorhänge der Inneren Kammer zu öffnen. Mit der Rechten hielt sie den Fächer, den sie nun huldvoll vom Gesicht senkte.
»Hochehrwürdige Hohepriesterin Lü näng Huango!« Der Sekretär, der bereits kniend gewartet hatte, warf sich bäuchlings zu Boden. »Ich heische Vergebung! Ein Zeichen! Es hat ein Zeichen gegeben! Gestatte mir, dich zu führen!«
Während Lü dem Priester folgte, zupfte sie Ärmel und Kragen zurecht. An den folgenden Toren standen zunächst zwei, dann fünf weitere Priester, dahinter Diener und Leibwächter. Ja, das war dringend! Die Boten, die nach ihr begehrten, hatten stets den Höchstrangigen weitergesandt, wenn einer ihrer Leibdiener und Sekretäre sie in Empfang genommen hatte.
Als Lü die mächtige Halle der Himmlischen Mächte betrat, hatte sie bereits ein Gefolge von zwei Dutzend, von dem ein jeder die gleiche Hast zeigte. Der üppig schwere Duft der Brandöle, des Weihrauchs und der Opfergaben schlug ihr entgegen: die betäubende Würze von Myrrhe und Lavendel, die geile Schwere von Moschus und Safran, das heitere Stechen der Harze, der Hauch der Rose und darüber das unauslöschlich Ranzige vom Wal.
Die Halle der Himmlischen Mächte summte vom erregten Flüstern von etwa siebzig blau gewandeten Priestern, zu denen ständig neue hinzustießen. Für einen Augenblick fühlte sich Lü nackt mit ihrem weißen Gesicht, das sie hinter dem Fächer nur andeutungsweise verbergen konnte. Die Priester drängten sich am Kopfende, vor den Standbildern und Altären, aber schon bildete sich eine Gasse. Lü hätte auch ohne Führer keinen Zweifel gehabt, wo man ihrer bedurfte.
Kein Priester hätte gewagt, mit den Fingern zu deuten und seine Erregung zu verraten. Aber da waren Dutzende von heimlichen, scheelen Blicken – hinauf zur Stirnwand. Lü erahnte die Statue des ersten Blauen Gottes zu ihrer Linken mehr, als daß sie sie sah. Feierlich trat sie vor die drei weißen Hauptaltäre und stellte schließlich die von allen ersehnte Frage:
»Was wollt ihr mir zeigen?«
Drei Hände richteten sich auf die Wand zwischen den zwei Götterstatuen. Welch ein Bruch der Formen! Sie wandte sich langsam um. Kurz wog sie ab, ihr Erstaunen zu verbergen oder aber zu zeigen; schließlich beschränkte sie sich auf ein einziges fingerbreites Zucken des Fächers. Ihre nächsten Untergebenen, die zugleich ihre zukünftigen Feinde waren, sollten ahnen, daß sie überrascht war. Die Masse hinter ihr, die jungen Priester und jene, die die Treppen nie ersteigen würden, sollte hingegen ihre Unerschütterlichkeit bewundern – angesichts des Unvorstellbaren.
Die Glyphen, jede groß wie der Schild eines Kriegers, glänzten im Licht der hastig herbeigetragenen Lampions. Blut troff in fingerbreiten Bahnen über die Alabasterkacheln herab.
Wie von einem spontanen Impuls himmlischer Ehrfurcht überwältigt, warf Lü sich zu Boden. Sie fühlte den kalten Marmor unter ihrem Bauch. Das hatte sie lange nicht mehr machen müssen! Auf der ganzen Welt gab es seit ihrer Berufung zur Hohenpriesterin niemanden mehr, der drei Stufen über ihr stand.
Befriedigt hörte Lü das Geräusch von hundert feisten Leibern, die neben und hinter ihr seidenraschelnd auf den Boden klatschten. Sie verharrte und genoß das Gefühl, in dem sich Macht und ein wenig Ehrfurcht mengten – und fragte sich, wieso da überhaupt noch Ehrfurcht in ihr war. Doch ja, diese Halle, diese Standbilder, das Zeremoniell – all das war ihr insgeheim noch immer heilig. Auch wenn die Hohepriesterin, die sie zu sein hatte, es besser wußte ...
Lauzöng war das erste Schriftzeichen ganz rechts. Tugendwächterin! Sie war angesprochen. Sie alle – da waren die Bei-und Vorstriche für Mehrzahl und höfliche Herablassung. Eine Herablassung, die sie soeben anerkannt hatte. Lü kniete nun und zwang all ihre Untergebenen damit, weiterhin mit dem Gesicht auf dem Boden zu liegen.
O ihr meine Priester«, las sie salbungsvoll, Vorsilbe und Deklination feierlich zelebrierend. »Den Blauen Göttern entreißet ...« Sie machte eine Kunstpause. Natürlich wußte jeder, daß sie den Text längst gelesen haben mußte. Aber ihn auszusprechen hieß, ihn zu verkünden. »... die Macht über (mich) den Tugendhaften Weg des Himmlischen Willens.«Ja, die drei Glyphen, die das heiligste aller Wörter bildeten, trugen den Beistrich, der die erste Person bezeichnete: den Sprecher.
Das Bild war vollkommen. Es gab keinen Zweifel, wer hier sprach und was er befahl. Das Blut aus der Glyphe für Priester troff dem Blauen Gott zur Rechten auf die Schulter, das aus den letzten Wörtern »Himmlischer Wille« besudelte das weiße Brokatkleid des Götzen zur Linken. In der Mitte rann das Blut in breiten Bahnen herab, aber über dem Standbild des Herrn der Unwandelbaren Ordnung, der die zwei Mantikoren in Ketten hielt, wich es sanft zur Seite – als wäre es auf einen unsichtbaren Bogen aus Harz gestoßen.
»Öffnet alle Tore des Hochtempels«, befahl Lü und erhob sich. Sie freute sich darauf, wenn die ehrwürdigen Herren der Kammern und die Krieger das lasen und die niedere Kaste der Bauern Tschöng-Hau Lengs sich die Schriftzeichen buchstabieren ließ. Sie wünschte sich nur, sie selbst hätte diese Ehrfurcht teilen können. Wenn ihr Fong-Kuoy näng Tschüeng wenigstens nicht den genauen Text zugesandt hätte, als er seine mündlichen Anweisungen vom letzten Herbst ergänzt hatte ...
Der Gesang der Priester
Vor dem Unvollendeten Palast, im Morgengrauen des 22. Tages im Vierten Mond im Jahr 472 der Blauen Götter
»Die Götter sind tot!« triumphierte Hohepriester Musang näng Kadeng. »Jetzt herrschen wir. Und die Jahre gehören nicht mehr ihnen.«
»Es ist wenig weise«, antwortete Hüang näng Lüoging mit öliger Stimme, »den Sieg zu feiern, den erst deine Fingerspitzen berühren.« Er gestand sich ein, daß er übellaunig war, und ärgerte sich, daß allein die frühe Stunde seinem Leib dieses Gefühl diktierte. Er war ein disziplinierter Mann, sonst hätte er es zwischen all den vergnügungssüchtigen Priestern nicht zum Hohepriester gebracht. Aber die Stunde, um die die Krieger aufstanden, um einander zu erschlagen, war einfach knochenzermürbend. Das letzte Zupfen der Leibdiener an seinem blauen Ornat war ihm ebenfalls lästig, und das Lorbeerblatt, das er zu kauen hatte, machte seinen Kopf schwer.
»Was, ehrwürdiger Hüang näng Lüoging, sollten sie dem hier entgegensetzen?« Musangs Arm beschrieb eine großartige Geste in Richtung der Truppen, die sich bis zum Horizont erstreckten. Seine feiste Hand, so schien es, strich zärtlich über die Kreuzbogenschützen und Lanzenträger und liebkoste die Geschütze.
»Sie sind nicht mehr als vier mal acht an der Zahl. Wir haben eine Heerschar für jeden einzelnen von ihnen.« Besitz, das drückte die Geste letztendlich aus. »Wir haben die Götterfresser. Und wir wissen, daß sie nicht unverwundbar sind. Wir kennen die alten Elfenbeintafeln und die Schriftrollen aus der Zeit des Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste. Eisen schnitt ihre Haut, Pfeile durchbohrten sie. Wenn sie kamen, die Roten Steine zu holen, konnten wir sie verwunden.«
Er sagt tatsächlich wir, dachte Hüang näng Lüoging. Als hätte er je ein Säbelschwert geführt. Nein, keiner von ihnen wußte, was kämpfen bedeutete. Ihre Macht waren das Wort und das Wissen. Hüang näng Lüoging dachte an all die Schriftrollen, die er hatte umschreiben lassen. Unwillkürlich zog er die Augenbrauen hoch – was die Arbeit der Maskenbildnerin, die sie eben mit geölter Eibenasche nachzog, nicht einfacher machte.
»Der einzige Grund«, setzte Musang näng Kadeng salbungsvoll fort, »warum wir sie damals nicht erschlugen, war, daß sie uns stets überraschend angriffen. Niemals standen wir zusammen, um sie abzuwehren. Doch niemand – niemand und nichts – kann dem Länder überspannenden Feld der Krieger widerstehen.«
Hüang spitzte die Lippen, damit die Maskenbildnerin sie bemalen konnte. Wann waren die Elfenbeintafeln wohl entstanden? Nach den Zusammenstößen mit den Blauen Göttern? Hundert Jahre später, als man begann, die Furcht der Gläubigen zu mindern? Oder – so hätte er, Hüang näng Lüoging, es gemacht – vor den Kämpfen, als es galt, den Kriegern Mut zu machen für einen Kampf, in dem acht mal acht fallen mußten, damit einer siegte?
»Fertig?« Die Maskenbildnerin nickte unterwürfig. Hüang näng Lüogings Blick fiel auf den Schweifenden Stern am Himmel: das unmißverständliche und unübersehbare Zeichen, das er benötigt hatte. Heute, so hatten die Sterndeuter der Inneren Kammer der Astrologie errechnet, würde er größer und heller sein als an jedem anderen Tag. Hüang selbst hatte alte Seidenschriften entdeckt, in denen von solchen Schweifenden Sternen die Rede war, aber ihm blieb ein Rätsel, wie man einen Tag errechnen konnte, an dem sie erstrahlten. Nicht, daß es ihn interessiert hätte ...
Schließlich wandte er sich dem Unvollendeten Palast zu. Sein Blick fiel auf die Götterfresser. Er fühlte einen Schauder, als er die roten Rüstungen sah und den blauen Schimmer darüber, der aus achttausend langen blauen Schmuckfedern entstand.
»Wie, ehrwürdiger Fong-Kuoy«, wandte er sich an seinen Berater, der etwas abseits stand, »war noch einmal dein gelungener Weisspruch über die Götterfresser?«
»Ich sagte, höchstehrwürdiger Hüang«, verneigte sich der feiste Gesandte mit einem selbstzufriedenen Lächeln, »daß ich noch nie eine Gruppe von Menschen getroffen habe, die so grimmig entschlossen sind, eine Waffe zu sein.«
»Ja, hochehrwürdiger Musang«, lächelte nun auch Hüang, »vermutlich hast du recht. Wir haben acht mal acht mal acht mal acht Krieger, die sterben werden für jeden, der einen Gott erschlägt. Ein Heer von Ameisen kann einen Tiger töten – wenn es der Ameisenkönigin gleichgültig ist, wie viele Ameisen zerdrückt werden.«
Hüang kaute ein wenig und spuckte dann den heiligen Lorbeer in die Schale neben sich. »Der Himmlische Wille sei unser Wille«, deklamierte er – und wenn es der Tugendhafte Weg des Himmlischen Willens zugelassen hätte, dann hätte er breit gegrinst.
Mit einem letzten Blick überzeugte sich Hohepriester Tengfu, daß Hüang und die anderen sechs Hohepriester ihre Position eingenommen hatten. Als Ältester würde der hagere Siebenundsiebzigjährige die Zeremonie leiten. Hüang näng Lüoging hätte ihm diese Funktion abjagen können, hatte aber darauf verzichtet. Er bevorzugte die Rolle des Mannes, dessen Rat unverzichtbar und daher Befehl an den Vorgesetzten war. Tengfu würde nicht mehr lange leben, und wenn Hüang ihn in den letzten Monden ausgebootet hätte, so hätte er nur einen zusätzlichen Feind in der Geheimen Kammer des Himmlischen Willens gehabt.
Der Todesschrei eines Menschen erklang: ein turgischer Kriegsgefangener, Symbol für den Nordosten, die erste Himmelsrichtung. Für die Menschenopfer waren acht ausgewählte Priester der Inneren Kammer verantwortlich, die sich alle Hoffnung auf den Aufstieg in die Geheime Kammer machen konnten.
»Ooooy«, stimmte Hohepriester Tengfu den Gesang an; die sieben anderen höchsten Tugendwächter fielen ein. Was sie gleich singen würden, beruhte ohnehin auf seinen Kompilationen. Hohepriester Musang näng Kadeng hatte die endgültige liturgische Komposition der Zeremonie übernommen, die selbst in der Geschichte des Reiches der Tugend einzigartig bleiben würde. Hüang blühten deswegen einige schwierige Passagen: Musangs Ambition war, als größter Komponist von Liturgien in die Geschichte einzugehen.
Deswegen hatte der Hohepriester auch die lauten Instrumente hinzugefügt. Freilich: traditionsgemäß standen vornan der Zeremonialterrasse acht Priester mit den weithin sichtbar glänzenden Zimbeln des lautlosen Klanges. Nur die Lauzöngs, so hieß es, konnten den Klang dieser Instrumente hören und daraus den Tugendhaften Weg des Himmlischen Willens erkennen. Eine äußerst ergiebige Tradition, wie Hüang oft dachte, wobei sich ein süffisantes Lächeln auf seine Lippen stahl.
Doch heute stand die Unversammelbare Zahl von Kriegern und Festungsbauern bereit, die Blauen Götter vom Thron zu werfen – oder vielmehr vom Platz hinter dem Thron, den Hüang begehrte –, und sie alle sollten hören, was die acht Hohepriester gen Himmel riefen und was er ihnen antwortete.
Hüang freute sich auf die Passage im letzten Achtel. Er hatte sich die Textstelle reserviert, die die Antwort des Himmels für jene Sterblichen formulierte, die sie nicht direkt gehört hatten. Der Priester des Feuers würde die Drachenpfeile zünden und himmelwärts schicken. Und während sie die feurigen Blumen an den Himmel malten, die außer den Höflingen Mantikor Lengs und ihren Alchimisten noch kaum ein Mensch gesehen hatte, würde Hüang singen – und dem ganzen Reich der Tugend bis hinauf zum Herrn der Unwandelbaren Ordnung unmißverständlich klarmachen, wer die Worte des Himmels sprach.
»... tugendhaft bescheiden erflehen wir ...«, sang Tengfu. Seine Stimme wurde von den zwei Metallschirmen schaurig verstärkt, so daß sie lauter war als der Todesschrei des ersten Opfers, der zuvor verklungen war. Ein kühler Wind von den Bergen spielte mit den Schleierbändern seiner Haube. Ja, Bescheidenheit wußte der Alte zu beherrschen: Hüang hatte noch nie jemanden getroffen, der so wenig Macht zu begehren behauptete und so viel davon besaß. Gegen ihn zu kämpfen hatte Hüang viel gelehrt.
Vor der Terrasse kreischte das zweite Opfer auf, als der Priester den Ritualdolch in sein Herz stieß. Das mußte der Barbar aus der Nadelwüste gewesen sein – Symbol für den Osten.
Acht mal acht Gongs wurden beiderseits der Zeremonialterrasse gerührt, sanft zunächst, dann immer kraftvoller, bis ihr metallisches Dröhnen durch das Morgengrauen hallte wie das entfesselte Sehnen der gesamten Menschheit.
Das zweite Achtel. Während Hüang Arme und Gesicht wieder himmelwärts hob, sah er aus den Augenwinkeln die Ebene mit den abertausend Wachfeuern, die langsam niederbrannten.
Die Unversammelbare Zahl – sie hatten es beinahe vollbracht. Acht mal acht mal acht mal acht mal acht mal acht mal acht Menschen, bereit, das größte Menschenwerk zu vollbringen, von dem die Geschichte noch in Jahrhunderten künden würde. Zunächst war es gemeinsamer Ehrgeiz der Tugendwächter und Kriegsherren gewesen, die Zahl nur mit Ziangs zu versammeln. Zwei Millionen siebenundneunzigtausend und noch etwas mehr, behaupteten die Mathematiker der Kammer der Tugendhaften Ordnung. Nicht einmal Mantikor Leng, die größte Stadt der Welt, hatte so viele Einwohner – die Zahl galt eben als unversammelbar.
Nach der herrschenden Lehre, so wie Hüang es verstanden hatte, gab es nur noch eine Zahl, die größer war: die Himmlische Zahl, die endgültige Perfektion, die entstand, wenn man die Acht acht Mal mit sich selbst multiplizierte. Deswegen war es auch verboten, alle Einwohner des Reiches der Tugend zu einer Summe zu addieren; jede Eroberung mußte getrennt gezählt werden, weil die Summe sonst noch über der Himmlischen Zahl gelegen hätte.
»Seid nur gewiß, daß ihr das versteht«, hatte Hüang seinerzeit zu dem Mathematiker gesagt. Hüang liebte die Überlegenheit, die in großen Zahlen lag, aber er mußte sich nicht den Kopf darüber zerbrechen. Als sich abgezeichnet hatte, daß nicht einmal das Reich der Tugend imstande war, eine Unversammelbare Zahl von Kriegern aus den Eroberungen anzufordern und von den Grenzen abzuziehen, sie gemeinsam in Marsch zu setzen und mit Reis, Wasser, Stiefeln, Zelten, Wartenden Mädchen und Wundärzten zu versorgen, war es Hüang gewesen, der erklärt hatte, daß die Summe aller Krieger und ihrer Troßleute die Unversammelbare Zahl erreichen konnte.
Ja, es war eine gewaltige Leistung gewesen, das Heer zu versammeln, dem sie nun den endgültigen Befehl des Himmels übermittelten.
Wieder kreischte ein Mensch seinen letzten Schrei: ein Wilder aus dem fernen Rochland im Südosten. Die übermannslangen Schallhörner erklangen, die einen Bläser und einen Träger benötigten. Sie leiteten zum dritten Achtel über. Kurz ließ Hüang seine Augen über die Ebene rings um den Unvollendeten Palast schweifen. Zwei Millionen warteten da draußen, da unten, gehorsam, treu, ehrfürchtig – bereit zu töten, bereit zu sterben.
Die Herren der Geheimen Kammer der Architektur hatten die Zeremonialterrasse ein Läng von den Mauern entfernt angelegt: die nächste tugendhafte Zahl, die garantiert außer Reichweite aller vorstellbaren Katapulte und Drachenpfeile war. Hinter den Hohepriestern lag der Zeltpalast des Herrn der Unwandelbaren Ordnung: sie sprachen für ihn. Und sie sprachen zum Heer, das sich noch vom Feind abwandte. Da unten standen die schweren Geschütze und die Götterfresser mit den jeweils sieben Heerscharen, die sie unterstützten, und im Umkreis um den belagerten Ringberg über zweihundertfünfzig weitere Heerscharen!
Schlagartig stand der Himmel in Flammen. Etwas wie ein plötzlich erblühender Sonnenuntergang loderte über den Himmel, fast senkrecht, ein wenig gen Nordosten und weit über der Weltenmauer – und es bewegte sich sanft. Ein lautlos glühender Schwelbrand ergriff Besitz vom morgendlichen Himmel. Selbst der Schweifende Stern verblaßte inmitten der Flammen, die ihn umloderten.
»Weitersingen!« zischte Hüang. Der dritte Hohepriester war verstummt. Sein feistes Kinn hing herab, seine perfekt umrahmten Augen glotzten aus einem roten Gesicht, auf dessen Ölschminke sich das himmlische Rot spiegelte. Sie glotzten alle ...
»Ooooy«, stimmte Hüang den Gesang erneut an, und Hohepriester Tengfu fiel beinahe sofort ein. Hüangs Gedanken rasten. Für einen kurzen Augenblick hatte er sich an den Gedanken geklammert, die Feuerwerker hätten zu früh gezündet. Aber – Hüang fühlte, wie seine Kehle sich verkrampfte und seine Stimme schrill wurde – das war kein Drachenpfeil acht mal acht Götterfuß über ihnen. Das war hundertmal höher und größer. Das war ... wirklich am Himmel!
»Wir danken dir, ehrfürchtig erschauernd danken wir ...« Hüang sah die leichte Unruhe in der Haltung der anderen Hohepriester, als er den achten Teil vorweg nahm. Aber die Sicherheit, mit der er sang, riß sie mit; schnell fielen sie ein und sangen die sieben Begleitstimmen.
Ja, es war die richtige Entscheidung – und er hatte sie getroffen. Die Passagen vier bis sechs enthielten nur noch zusätzliches unterwürfiges Flehen – völlig unpassend jetzt, wo die Antwort des Himmlischen Willens so unübersehbar war. Und die verbliebenen fünf Menschenopfer? Nein, auch weitere Geschenke waren unangebracht. Hohepriester Tengfu würde vermutlich vorschlagen, sie nach der Zeremonie diskret zu erwürgen; aber Hüang überlegte, ob es nicht besser wäre, sie als heilige Zeugen im Hochtempel von Mantikor Leng leben zu lassen. Schade um das siebte Achtel mit Musangs direkter Frage und der besonders kunstvollen Fistelpassage – aber nur ein Idiot hätte eine Frage gestellt, auf die er bereits ein Ja erhalten hatte, das den halben Himmel in Feuer tauchte.
In diesem Moment fühlte Hüang die Windbö, die sein Gesicht traf – von oben. Der Hohepriester sang weiter, obwohl ihn der Wind zwei Verse lang die eigenen Worte nicht hören ließ. Und er sang sogar weiter, als das grausame Dröhnen vom Himmel herabstürzte wie bleierner Regen und selbst die Erde unter der Antwort des Himmels erzitterte.
Büffelreiter und Panzertürme
In der Stellung der Götterfresser, nur wenig später
»Die Kriegsherren postieren die Büffelreiter schräg vor uns«, erklärte Kang und deutete nach Nordosten und Nordwesten. Seine acht Wachtmeister standen in einer Linie an der Brüstung des mächtigen Holzturmes, Ellbogen an Ellbogen; die Plattform war genau für diese Höchstzahl bemessen. Sogar das Dach war hoch genug für die Helmbüsche. »Wenn es wahr ist, daß die Blauen Götter so groß sind, werden uns die Tiere die nötige Deckung geben, damit wir angreifen können.«
Kein Laut drang aus den acht Helmvisieren. Kang hatte auch keine Fragen erwartet. Sie alle standen noch im Bann des Feuers, das die Täler bis zur fernen Weltenmauer in loderndes Licht getaucht hatte, sowie des unheimlichen Donnerbebens. Sie blickten hinüber zu den mächtigen, fahlgrauen Tieren, die soeben aufgeputzt wurden: bunte Metallbänder und stählerne Spitzen an den Hörnern und schweres Zaumzeug voll schmückender Fratzen.
»Haben ganz schön zu tragen«, bemerkte einer der Wachtmeister. Keiner reagierte, und der Offizier ahnte, daß er gegen eine der neuen, nie ausgesprochenen Regeln der Götterfresser verstoßen hatte.
Die Büffelreiter hingegen schienen sich nur mit Schreien zu verständigen. Es waren gewiß tausend Söldner aus Karadschurgjia dabei, aber die Mehrheit der Reiter kam aus den benachbarten Nördlichen Königreichen und dem Sturmland, wo die Büffelreiterei ebenfalls barbarische Tradition war.
»Was trinken sie da?« fragte der Erste Wachtmeister Zuang-Zu mißtrauisch. Von einigen Fuhrwerken waren Fässer abgeladen worden, die nun eingeschlagen wurden. Ja, merkwürdig, dachte Kang. Die Festungsmauern hatten doch sogar Wassergräben angelegt, als Hindernis, aber auch, damit jede der Heerscharen in ihrem Lager und in ihrer Stellung versorgt war.
»Maulbeersaft«, erklärte ein Wachtmeister, in dessen Stimme der kehlige Klang einer der einheimischen Eroberungen mitschwang. »Vergoren. Das macht die Büffel mutig und kampfgeil.« Zwei oder drei Offiziere schnaubten; vielleicht war es auch ein Lachen. Am Labyrinth, dachte Kang, wären jetzt gewiß einige derbe Scherze gefallen.
»Folgt mir!« Kang hua Schiang wechselte zur Rückseite des Turmes. Ruckartig wandten sich alle acht Männer um und nahmen an der gegenüberliegenden Brüstung Aufstellung. Auf ihren Harnischen glänzten Spangen aus weißem Silber, die für die Tugend standen.
»Die Leitern, meine ehrwürdigen Herren Ziang!« Gleich zweihundert Götterfuß hinter den Götterfressern stand eine Heerschar Ingenieure mit leichten und schweren Sturmleitern. »Haltet eure Männer bereit. Wenn General Tüfang hua Hidong den Befehl gibt, gehen die Götterfresser gemeinsam über die Mauern. Nur gemeinsam!«
Allesamt so bemessen, daß sie bis zum Rand der Mauern reichten, konnten die leichten Leitern von zwei Mann getragen werden, während die schweren Sturmleitern formvollendete Holztreppen auf vierrädrigen Gefährten waren. Sie wurden von je vier Maultieren gezogen und von einem weiteren Fahrzeug begleitet: einem schwenkbaren Kran mit einem schweren Schild von der Größe einer Kammerwand, der die aufsteigenden Krieger gegen den jeweils heftigsten Beschuß decken konnte.
»Was denkst du, ehrwürdiger Hauptmann?« fragte der vierte Wachtmeister. »Wird der Höchste Kriegsherr der Geheimen Kammer es nicht vorziehen, die Mauer mit den gemeinen Heerscharen zu überschwemmen?«
Die Frage war natürlich berechtigt. Die anderen Heerscharen, die um die Götterfresser, die Büffelreiter, die Sturmleitern und die Geschütze standen, ja der überwiegende Großteil des unüberblickbaren Ringes, der um den Unvollendeten Palast lag, waren Lanzenträger und Pikenträger. Die dreifache Schlachtreihe, in der die hintereinander gestaffelten Speerspitzen auch die vorderste Reihe schützten, und die unerschöpfliche Masse des Länder überspannenden Feldes der Krieger waren immer noch die sicherste Waffe: gegen Barbaren, gegen Büffelreiter – gegen Götter.
»Haltet eure Männer bereit«, wiederholte Kang barsch. »Wenn man es uns befiehlt, werden die Götterfresser die Speerspitze sein, die in den Unvollendeten Palast eindringt.«
Ein wenig zu lange herrschte Schweigen auf dem Turm, dann deutete Kang nach Südosten und Südwesten, zwei Großstellungen weiter. »Und schließlich, meine ehrwürdigen Herren Ziang: die überschweren Belagerungswaffen, die hinter den Geschützen warten!« Vierhundert Götterfuß entfernt standen dort die Belagerungstürme, über zwanzig Götterfuß hoch, gepanzert mit glänzenden neuen Kupferplatten. Es brauchte eine ganze Faust von vierundsechzig Ingenieuren, um so ein Ungetüm zu bewegen. Unscheinbar wirkten dazwischen die sechsrädrigen Panzerrammen, die Torbrecher und Sturmböcke, obwohl es Maschinen waren, an denen ebenfalls sechzehn oder zweiunddreißig Mann arbeiteten.
»Wir wissen nicht, oh es gelingen wird, den Graben zuzuschütten, ob diese Waffen jemals den Ringwall erreichen werden und ob sie die Mauern brechen können. Aber wenn es gelingt, dann sind sie der Schlüssel der Götterfresser zum Unvollendeten Palast.«
»Wenn die Turga am Labyrinth so etwas gehabt hätten«, meinte Wachtmeister Pang-So nachdenklich, »dann herrschte im Feldreich jetzt ein Khan.«
»Nun ja, ehrwürdiger Wachtmeister«, stimmte der Hauptmann grimmig zu, »zumindest hätten sie im Busch ein paar tausend feldreichische Skalps mehr.«
Kang fühlte den neuen Harnisch, der wie eine zweite Haut um ihn lag – wie eine dritte, denn wenn er kurz verharrte, konnte er auch die zweite Haut spüren, die man ihm aufgestickt hatte. Wirklich schwer jedoch wog die Verantwortung, sich dieses himmlischen Zeichens als würdig zu erweisen.
»Ehrwürdige Wachtmeister, meine Herren Ziang«, sprach Hauptmann Kang feierlich, »ihr kennt die Doktrin. Jeder von euch wird mit seinen acht mal acht Kriegern einen Gott erwählen und töten. Das gesamte Länder überspannende Feld der Krieger wird uns decken und gegen sie kämpfen. Unsere Aufgabe ist es nur, die Götter zu töten – damit der Höchste Kriegsherr der Geheimen Kammer speisen kann, wie es sein Vorfahre einst tat.«
»Tugend!« riefen die Offiziere.
Kang und die Offiziere machten sich an den Abstieg. Die Wachtmeister würden nun ihre Waffenmeister instruieren. Die Doktrin der Geheimen Kammer des Krieges verlangte, daß jeder Finger der Götterfresser einen Blauen Gott anzugreifen hatte; jeder Wachtmeister hatte sich also einen Gott als Ziel zu erwählen und seine Krieger mit den acht mal acht Waffen gegen ihn zu führen.
Kang hua Schiang fühlte Ehrfurcht bei dem Gedanken, daß die direkten Berater des Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer Monde lang abgewogen hatten, ehe sie diesen Befehl ausgegeben hatten. Aber zugleich wußte der Veteran in ihm, daß diese Doktrin nur Theorie war. Oder, wie General Tüfang gesagt hatte: »Kein Befehl überlebt die Begegnung mit dem Feind.« Mehr als einmal war Kang erstaunt gewesen über die Offenheit seines neuen Generals. So wie er seinen Hauptleuten bei Beratungen stets das Gesicht zeigte, gewährte er ihnen Einblick in die oft schockierenden Wahrheiten seiner Pflichten, die zugleich ihre waren.
Kang war zunächst verwirrt gewesen über diesen Vorgesetzten, der so anders war als der alte Luchs, unter dem er zwölf Jahre im Labyrinth gedient hatte. Er war es gewohnt gewesen, daß Gesicht, Worte und Empfindungen seines Generals Eisen waren – und nun waren sie Feuer: sichtbar, ungreifbar und vermutlich viel gefährlicher. Wenn der General am Labyrinth ein Luchs gewesen war, dann war der General der Götterfresser ein Tiger. Seine Schliche, seine Vorsicht und seine Grausamkeit waren so offensichtlich, daß kein Zweifel daran bestand, wieviel mehr davon hinter der Offenheit des Gesichts lauern mußte. Kang war außerstande zu fühlen, ob er zuversichtlicher war, unter einem Tiger zu kämpfen.
»Tugend!«
Endlich war die gesamte Heerschar angetreten. Die frisch gefetteten Rüstungen glänzten blutrot, auch die Waffen blitzten vom Waffenfett. Mit den aufgebogenen Schulterblechen und den langen Federn am Helm sahen sie wie stolze Echsen oder Vögel aus. Sie würden sich ihrer Farbe würdig erweisen: die Farbe des Krieges; rot wie das Blut, das sie vergießen würden, rot wie der Himmel, der über ihnen gebrannt hatte.
»Götterfresser – bereit!« Für einen Augenblick übertönte ihr entschlossener Ruf den Lärm des größten Heeres, das Menschen jemals versammelt hatten ...
DerHerr Der Unwandelbaren Ordnung
Auf der Zeremonialterrasse vor dem Unvollendeten Palast, etwa zur gleichen Zeit
»Fast wolkenlos«, schwärmte Hohepriester Musang näng Kadeng, »das verspricht wieder ein prachtvoller Sommertag zu werden.«
»Wie bedauerlich«, meinte Hüang näng Lüoging lakonisch, »daß es für so viele Kataueken wohl der letzte sein wird.« Wie oberflächlich war dieser dekadente Hohepriester eigentlich? Hüang hielt sich für einen Mann, der seine Gefühle so vollständig beherrschte wie seine Untergebenen. Aber er brauchte alle Kraft, um nach der Himmelserscheinung die Maske tugendhaften Gleichmuts zu wahren.
»Die Sonne strahlt so ungezähmt.« Musang schien die Bemerkung überhört zu haben. »Man vergißt beinahe, daß das hier im Norden nicht selbstverständlich ist. Nur einige wenige Wochen lang, so haben mir die einheimischen Priester berichtet, hat die Sonne hier jene Kraft, die unsere zentralen Eroberungen um Mantikor Leng das ganze Jahr über, von den zwei Regenzeiten abgesehen, erglühen läßt. Auch das Blau des Himmels ist ein anderes hier: man nennt es Azur und nicht Indigo.«
»Wie gewaltig das Reich der Tugend ist«, meinte Hüang, »daß es Eroberungen umfaßt, in denen selbst die Ordnung des Himmels eine andere ist.«
»Ich denke doch«, antwortete Hüangs Verbündeter und Rivale ölig, »daß diese Sternschnuppen über dem gesamten Reich der Tugend zu sehen sind.« Also doch! Musang näng Kadeng hatte ihn schon wieder mißverstanden; er war offensichtlich selbst in Gedanken, welche die Maske seines genußsüchtigen Gesichts verbarg. Aber er hatte recht. Mittlerweile sah man selbst bei Tag Sternschnuppen, die einen dünnen, weißen Rauchfaden hinter sich herzogen.
»Kinder des Schweifenden Sterns heißen sie auf den alten Elfenbeintafeln der Seidenen Bibliothek«, sagte nun Hüang mit einem Unterton, in dem etwas Genießerisches lag. Ohne Zweifel kamen die Sternschnuppen aus der gleichen Himmelsregion wie der neue Himmelskörper, der, weniger strahlend als die Sonne, aber glanzvoller als der Mond, im Ostnordosten stand.
Das Zeichen, das Hüang gebraucht hatte, übertraf all seine Erwartungen. Selbst er fragte sich im stillen, welches Zeichen der Himmel den Sterblichen da gab.
»Wie auch immer«, fügte er nun wieder forsch hinzu, »es ist an uns, die Bedeutung dessen festzulegen, was das gesamte Reich der Tugend sieht.«
»Ja, es ist höchste Zeit«, pflichtete Musang näng Kadeng zu. »Es wurde zunehmend mühselig, für den Herrn der Unwandelbaren Ordnung einen offiziellen Besuch nach dem anderen zu organisieren. Er hat längst jede Statthalterei und jeden Hochtempel nördlich des Qiu inspiziert.«
Der Herr der Unwandelbaren Ordnung hielt sich – ebenso wie sein Hofstaat und die meisten Herren der Geheimen Kammern – bereits seit nahezu drei Monden in den Eroberungen am oberen Qiu auf. Noch nie hatte ein Herr der Unwandelbaren Ordnung im Rahmen eines Feldzuges so viel Zeit fern der Hauptstadt verbracht. Aber er befand sich letztlich auf einem Feldzug – auch wenn alle bemüht waren, dies zu verhehlen.
Während Hüang näng Lüoging – ebenfalls abgeschnitten von der Seidenen Bibliothek – ein Zeichen nach dem anderen verwarf und auf eines hoffte, das den Angriff auf die Blauen Götter rechtfertigen konnte, mußte er den Herrscher in Reichweite seiner wartenden Truppen halten. Die Herren der Geheimen Kammer der Tugendhaften Ordnung hatten in den Nördlichen Königreichen Einweihungen, Hofbälle und Jagden organisieren und den zunehmend reisemüden Herrn der Unwandelbaren Ordnung bei Laune halten müssen. Auch zwei neue Konkubinen von erlesener Schönheit, Prinzessinnen aus Tamarindien und Tschang Po Tschar, hatten den verwöhnten jungen Mann kaum mehr davon ablenken können, daß er wie ein antechambrierender Höfling zu warten hatte, bis ihm der Himmel ein Zeichen der Tugend gab.
Aber Hüang näng Lüoging hatte geahnt, daß ein geeignetes Zeichen schnelles Handeln erfordern mochte. Es wäre unmöglich gewesen, die hundert Tage abzuwarten, die die Pferdesänfte des Göttergleichen und sein Riesen-Troß aus Sekretären, Dienern, Leibärzten, Sicherheitsbeamten, Leibwachen, Spitzeln und Konkubinen benötigten, um von Mantikor Leng den gesamten Qiu aufwärts bis zum Unvollendeten Palast zu reisen. Und selbst in der schnellsten Reisekutsche hätte der Herrscher dreißig Tage benötigt, nach denen er wohl mehr tot als lebendig angekommen wäre.
Und dann war der Schweifende Stern erschienen und binnen zwei Wochen zur vollen Größe erblüht. Hüangs Sterndeuter hatten nur einige Stunden gebraucht, um anhand alter astronomischer Kupferplatten und Seidengemälde vorhersagen zu können, daß der Himmelskörper deutlicher, ja unübersehbar werden würde. Der Hohepriester selbst hatte einige weitere Stunden benötigt, um gemeinsam mit der Geheimen Kammer des Himmlischen Willens zu erklären, daß dies das Zeichen des Himmels sei, jenen Feldzug zu beginnen, dessen Planung jeder bei Hofe leugnete. Selbst da hatte es noch vier Tage und Nächte gebraucht, den Herrn der Unwandelbaren Ordnung aus seinem nördlichsten Jagdschloß hin zum Unvollendeten Palast zu geleiten.
Dabei war die eigentliche Kriegserklärung bereits vor vier Monden erfolgt, am Mantikorentag, jenem einzigartigen Feiertag, der im katauekischen Kalender ein neues Jahr mit dreizehn Monden zu jeweils 28 Tagen einleitete. Als Herr der Unwandelbaren Ordnung mußte der Nachfolger des Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, jährlich den Vertrag mit den Blauen Göttern erneuern. Und dies war heuer zum ersten Mal nicht erfolgt.
Wie erwartet hatten die Fangs nicht reagiert. So, wie sie in den letzten zwei Jahrhunderten nicht reagiert hatten, wenn die jährlichen Karawanen immer weniger Rote Steine zum Opfer gebracht hatten; wie sie in den letzten Jahrzehnten nicht reagiert hatten, wenn die Karawanen immer häufiger ganz ausgeblieben waren, weil die Roten Steine, ohnehin immer seltener gefunden, in den Geheimen Kammern der Geomantie, der Nautik, der Astrologie, der Alchimie, der Architektur, der Lebensdeutung und der Ingenieurskunst verwahrt wurden.
Damit hatten sie, was Hüang betraf, ihr Todesurteil unterschrieben. Vor fünf Jahren war sein ehrgeiziger Plan geboren worden, den Blauen Göttern die Macht zu entreißen. Drei Jahre hatte er damit verbracht, die Seidenschriften und Kupferplatten der ihm unterstehenden Seidenen Bibliothek zu durchforsten, dann war er sich sicher gewesen.
Hüang erinnerte sich an den entscheidenden Disput in der Geheimen Kammer des Himmlischen Willens. »Aber, o hochehrwürdiger Hüang«, war der erste Einwand der anderen Hohepriester gewesen, »die Blauen Götter haben einst die Nördlichen Königreiche zerschlagen, weil diese den Tribut der Roten Steine verweigerten.«
»Dies, hochehrwürdige Herren der Geheimen Kammer«, hatte Hüang geantwortet, »ist unwahr. Selbst in den ältesten Schriften jener Zeit heißt es nur, daß die Nördlichen Königreiche vom Zorn des Himmels zerschlagen worden seien. Erst später wurden sie von den Blauen Göttern heimgesucht.«
»Aber, hochehrwürdiger Hüang«, hatte sodann Musang näng Kadeng eingewandt, »es heißt, daß die Blauen Götter unverwundbar seien.«
»Dies, hochehrwürdiger Musang«, war Hüangs wohl vorbereitete Antwort gewesen, »ist ebenfalls unwahr. Das altkatauekische Wort in den Seidenschriften ist ›unbesiegbar‹. Die Dokumente berichten lediglich, daß es damals selbst dem Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, unmöglich war, sie zu besiegen.«
»Aber, hochehrwürdiger Hüang«, hatte nun Hohepriester Tengfu das Wort ergriffen, »wie sollte jemandem, der heute lebt, gelingen, was dem nicht gelang, der die beiden Ströme zum Qiu, dem Einen Strom, vereinte, der die gewaltige Pagode von Gingang Gao erbaute und der die Sterne neu erschuf?«
»Es kann keinen Zweifel geben«, hatte Hüang eingeräumt, »daß niemand die riesenhaften Bauwerke im Herzen Mantikor Lengs zu erklären vermag – oder die Nekropole mit der Unsterblichen Heerschar darin. Aber ebensowenig Zweifel kann es geben, daß die Blauen Götter, die heute den Tribut der Roten Steine mit derben Flüchen entgegennehmen und sich dann wieder hinter die Mauern des Unvollendeten Palastes zurückziehen, wenig gemeinsam haben mit jenen überirdisch starken Kriegern, die sich allein ganzen Heerscharen stellen konnten und deren Waffen Feinde bereits am Horizont erschlugen.«
Darauf hatte Hüang von den alten Sagen berichtet und wie wenig sie dem entsprachen, wie die Welt heute war. Keiner der Nautiker, die die Ozeane des Morgens und des Abends durchmessen hatten, hatte jemals die Hydra oder den Vogel Roch erblickt, von denen ihre mangalischen Vorfahren während Sturmfahrten und in düsteren Hafenkaschemmen erzählt hatten. Kein Geomant, der die Weltenmauer erkundet hatte, hatte je auch nur eine Spur der Verlorenen Städte Shaitang und Xang Na Tang gefunden, obwohl die Magier der Eisernen Türme einst durch alle Eroberungen gewandert sein sollten, um den Sterblichen die Lehre von der himmlischen Ordnung und der Heiligkeit der Acht zu predigen. Selbst die Bauern fürchteten sich heute noch vor den Wung Lings und opferten ihnen zweimal jährlich von den ersten Feldfrüchten, obwohl noch nie jemand einen Reisgeist gesehen hatte. Und natürlich hatte noch kein lebender Kataueke jemals eine Mantikore gesehen, deren Statuen in Gingang Gao zu Hunderten standen ...
»Freilich«, war Hüang sich damals mit feinem Lächeln selbst ins Wort gefallen, »denn wir wissen ja, daß der Kriegsherr der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, sie alle eigenhändig erschlagen hat ...«
Dieser Feldzug war, wenn man es streng betrachtete, der Bastardsohn zweier verfeindeter Intrigen. Die Hohepriester hatten dem jungen Herrn der Unwandelbaren Ordnung zu vermitteln versucht, daß er ein Reich des Friedens geerbt hatte und daß die Vorstellungen der Herren der Kammer des Krieges entsprechend untergeordnete Bedeutung hatten. Kriegsherr Kengsau hua Gilang hatte es verstanden, in dem Herrscher den Wunsch zu wecken und zu nähren, sich einen Ehrennamen zu verdienen, der im Krieg geschmiedet worden war: in einem einzigartigen Krieg.
Sowohl den Kriegsherren wie den Hohepriestern war klar, daß ein Krieg fast unvermeidbar war, um die Statthalter und Präfekten in Zaum und Zügel zu halten. Zu groß war das Reich, zu fern lagen die Hauptstädte, um den Provinzherren den Marschtritt nicht mit der Peitsche vorzugeben.
Eifersüchtig hüteten einzelne Eroberungen ihre Geheimnisse wie Purpur, Seide und Porzellan, über die nur der gebieten konnte, den sie fürchteten und ehrten.
Alle zwei Läng standen die Klausen der Botenläufer, die jede Nachricht keuchend in der Stafette weitergaben. Und dennoch brauchten Nachrichten bis zum Labyrinth mehr als zwei Tage und bis zur Grenze von Karadschurgjia beinahe sieben. Das bedeutete zwei Wochen des Wartens, ehe die Qengtan in der Stadt der Mantikoren wußten, ob ein Befehl eingetroffen war, und zumindest weitere fünf Wochen, ehe ein Inspektor aus Mantikor Leng überprüfen konnte, ob der Statthalter und seine Beamten tatsächlich den Anweisungen folgten.
Das hieß auch, daß plündernde Turgas, die das Labyrinth umgangen hatten, oder mordende Karadschurgjiter am Oberlauf des Qiu bereits seit einer Woche durch brennende Dörfer ritten, wenn die Innere Kammer des Krieges das erste Mal davon Kunde erhielt. Und was alles geschehen konnte, während ein Entsatzheer über zwei Monde lang heraneilte, das wollte kein Qengtan wirklich wissen.
Nur ein einzigartiger Krieg würde den Feinden des Reiches der Tugend – sowohl den Barbaren und Kopfjägern an seinen Grenzen als auch den regionalen Bonzen, die von ihren eigenen Reichen träumten – unmißverständlich klarmachen, daß Serkan Katau noch immer kraftvoll war wie vor acht mal acht mal acht Jahren: eine Reich gewordene Urgewalt, geführt von den obersten Dienern des Himmels, verteidigt von den besten und zahlreichsten Kriegern der Welt.
»Der Herr der Unwandelbaren Ordnung erscheint!« Die Zeremonialterrasse bildete nun die freie Fläche, hinter welcher der Herrscher wie auf einer Bühne Hof hielt. Das Palastzelt stand an einem kleinen, künstlichen See. Der Weg vom Palastzelt zum Thron war mit neu geknüpften Seidenteppichen ausgelegt, denn der Göttergleiche durfte in der Öffentlichkeit nichts betreten, worauf schon ein anderer vor ihm den Fuß gesetzt hatte.
Für die Dauer des Aufenthalts des Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer im Feld war das Hofzeremoniell außer Kraft gesetzt durch jenes, das von seinem ersten Vorfahren überliefert war. Herren der Geheimen Kammern durften sprechen, ohne ihr Leben verwirkt zu haben, weil der Göttergleiche sein Lanzenszepter nicht auf sie gerichtet hatte. Niederere Herren der Kammern und höchste Offiziere durften die letzten vier mal acht Götterfuß vor dem Thron auf den Knien zurücklegen und nicht auf dem Bauch, wie es in der Stadt der Mantikoren Brauch war.
Nun erschien der glockenförmige Thronhimmel aus weißer Seide, groß wie eine Trauerweide, an gebogenen Stangen getragen von acht Herren der Kammer der Tugendhaften Ordnung. Der Höchste Kriegsherr der Geheimen Kammer hatte auf die drei Mäntel verzichtet; nur zwei Diener trugen die Schleppe des roten Kriegsmantels, der an das vergossene Blut der sieben Brüder des Mantikorentöters erinnerte. Falls es sieben Brüder gewesen waren, dachte Hüang näng Lüoging.
Das weiße Brokatkleid des Herrschers wurde von einem ebenfalls weißen Bund gehalten, dessen lange Bänder weitere zwei Träger erforderten. Der mächtige Kopfputz aus weißem Filigran ließ den Göttergleichen überlegen groß erscheinen und zugleich wie einen angriffslustigen Zwerg mit riesigem Kopf. Natürlich war sein Antlitz kunstvoll enthaart und bemalt wie immer: die rote Farbe des kraftvoll tobenden Kriegers, die edel geschwungenen Brauen des Herrschers, der gemalte Gabelbart des Edelmannes.
In den Händen hielt er das Lanzenszepter und den Fächer in den drei Reichsfarben. Das Szepter war lediglich ein ellenlanges Geflecht aus feinem Golddraht. Mehr hätte der feingliedrige junge Herrscher auch kaum tragen können. Das traditionelle Szepter, das aus der Stoßlanze des Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, hervorgegangen war, wurde weiter hinten im Zug von einem Herrn der Kammer der Tugendhaften Ordnung getragen; behängt mit den nachgebildeten Köpfen und Kronen all der besiegten Könige, verlangte es einen äußerst kräftigen Träger.
Dem Göttergleichen folgten die Eunuchenprinzen mit den eroberten Herrschaftssymbolen, und dahinter kam der traditionelle Zug der Leibdiener und Leibgarden.
»Rot, weiß, blau«, philosophierte Hüang, noch immer unter dem Eindruck des größten Zeichens, das sich ein Priester erhoffen konnte. »Blut des Leibes, Tugend des Geistes und die Ewigkeit des Himmels. Hochehrwürdiger Musang, verdeutliche dir das: Der Himmel selbst hat uns gezeigt, daß unter dem Rot unserer Krieger seine Farbe ... vergeht.«
Das Ultimatum
Auf der Zeremonialterrasse vor dem Unvollendeten Palast,
eine Dreiviertelstunde später
»O Herr der Unwandelbaren Ordnung, der Unterhändler ist ... zurück.« Der Höchste Schwellenhüter stockte unüberhörbar. Es war klar, daß seine Botschaft unerfreulich war – und vermutlich die des Unterhändlers ebenfalls.
Ein dezentes Fächeln des Göttergleichen ließ den Zeremonienmeister der Kammer der Tugendhaften Ordnung rufen: »Der ehrwürdige Herr möge vortreten.«
»Ich eile, o Herr der Unwandelbaren Ordnung, damit man ihn bringe.«
»Bringen?« flüsterte Hüang näng Lüoging mit einem süffisanten Lächeln hinter seinem Fächer. »Das dürfte unterhaltsam werden.«
Der feiste Fong-Kuoy näng Tschüeng nickte, ein noch dezenteres Lächeln auf den Lippen.
Der Mann lebte anscheinend noch. Vier Sklaven trugen ihn auf einer Sänfte herein, die sein Zustand wie eine Bahre erscheinen ließ. Sein Oberkörper war ein unbegreifliches, blutig rotes Gewirr aus Fetzen des Brokatmantels, verkrümmten Gliedmaßen und hastig aufgelegten Verbänden.
Eine weitere Fächergeste des Herrschers ließ nun den Herrn der Geheimen Kammer der Tugendhaften Gesandtschaften sprechen: »Hast du das Ultimatum vorgetragen, ehrwürdiger Hoher Gesandter?« Der Zustand seines direkten Untergebenen war ihm sichtbar peinlich.
»Wie klug es war«, flüsterte Hüang näng Lüoging dem Hohepriester Musang zu, »diese Aufgabe auf die Kammer der Tugendhaften Gesandtschaften abzuschieben.«
»Es ist immer erfreulich«, wisperte Musang zurück, »zu sehen, wie jemand anders mit einer Aufgabe scheitert, die keinen Ruhm und nur Ärger einbringen kann.« Außenpolitik genoß im Reich der Tugend wenig Ansehen und Einfluß. Nach seinem Selbstverständnis gab es keine ebenbürtigen Herrscher, nur Länder, die noch nicht der Ordnung des Tugendhaften Weges des Himmlischen Willens unterstanden. Die Reiche der Barbaren sahen das naturgemäß anders.
Der Gesandte brauchte einen Arzt, um sich aufzurichten. Allein mit seiner eisernen Disziplin und Ehrfurcht war es zu erklären, daß er laut genug sprach.
»Sie sind von unvorstellbarer Unhöflichkeit, o Herr der Unwandelbaren Ordnung«, preßte der Mann hervor. Die Schweißperlen von seiner Stirn ließen seine rote Schminke in widerlichen Bahnen verrinnen. Oder war das noch mehr Blut? »Ich hatte eben erst die Anrufung deines Namens im Namen der Acht Elemente begonnen, als sie in Wut gerieten. Sie riefen, daß Acht keine Zahl sei. Sie stürzten sich auf uns ...«
»Wie konnte es dazu kommen?« unterbrach ihn Hüang näng Lüoging mit peitschender Schärfe. Selbst Musang neben ihm versteifte sich. Für einen Augenblick herrschte peinlichste Stille. Der Hohepriester und Unsterblichkeitsberater hatte soeben einen direkten Bericht an den Herrn der tausendzweihundertdreiundzwanzig Kammern unterbrochen. Mehr als acht mal acht Augen richteten sich auf den Herrn auf der Thronsänfte zwischen den Mantikorenstatuen. Eine winzige Geste des Fächers zeigte, daß die Frage willkommen war – zumindest von dem Mann, der sich soeben unverkennbar als der Mächtigste neben dem Thron erwiesen hatte.
»Habt ihr denn nicht angemessen Abstand gewahrt?« setzte der Göttergleiche nach, als der Schwerverletzte nicht antwortete.
»Sie sprangen von der Mauer«, stieß der Mann hervor, fassungslos über das Erlebte – oder die Gnadenlosigkeit der Befragung. »Sie sind schnell wie Tiger. Sie ... sie machten meine Ehrengarde nieder.« Er begann zu zittern und krallte sich am Arm des Arztes fest. Dieser gab ihm einen Schluck von etwas zu trinken, was den Verwundeten sich aufbäumen ließ.
»Sprich weiter!« ermunterte ihn der Heilkundige dann, fürsorglich und streng zugleich.
»Ich frage dich erneut«, beharrte der Herr der Geheimen Kammer der Tugendhaften Gesandtschaften. »Hast du das Ultimatum vorgetragen?« Der oberste Diplomat ahnte natürlich, in welchen Schwierigkeiten er war.
»Sie trafen mich mit einem Wurfhaken«, keuchte der Hohe Gesandte. Seine Augen weiteten sich. Verzweifelt suchte er den Blick des Arztes – vergeblich. »Sie holten mich ein wie einen Fisch. Und dann ...« Er röchelte und versuchte einen Arm zu heben – und es war mehr als ein Arm, was sich da bewegte.
»Ich denke, es ist deine Aufgabe, die Antwort unserer Feinde zu erklären, hochehrwürdiger Herr der Geheimen Kammer der Tugendhaften Gesandtschaften!« Hüang hatte absichtlich erst am Ende des Satzes hinzugefügt, wem er die prekäre Verantwortung zuschanzte. »Wie haben die Blauen Götter das Ultimatum des Herrn der Unwandelbaren Ordnung beantwortet?« Hüang hätte den Herrscher in dieser Frage niemals als Höchsten Kriegsherrn tituliert: Dies war kein militärisches Ultimatum und kein Eroberungskrieg. Dies war der Griff nach der Macht über Erde und Himmel zugleich.
Der Herr der Kammer versuchte gleichmütig zu wirken, als er zu seinem Untergebenen auf der Sänfte trat. Aber die Larve, die Barbarenkönige und Häuptlinge täuschen gelernt hatte, konnte vor Hüang nicht verbergen, daß der Mann innerlich bebte. Nach einem langen Blick wandte er sich dem Göttergleichen zu.
»Sie haben die Kapitulationsaufforderung nicht entgegengenommen. Die rüde Unterbrechung der Rede unseres Gesandten soll uns sagen, daß wir keine Forderungen zu stellen haben.« Er fächelte heftig. »Darüber hinaus haben sie unsere Gesandtschaft erschlagen und den überlebenden Sprecher in einer Art zugerichtet, die uns wohl sagen soll, daß Menschen überhaupt nicht zu ihnen zu sprechen haben.«
»Beschreibe uns, was sie getan haben.« Hüang liebte Situationen wie diese: er selbst als unübersehbarer Wortführer vor dem Göttergleichen; ein Konkurrent öffentlich gedemütigt; und eine Antwort, die jedem Zeugen klarmachen würde, wie elementar, gnadenlos und unvermeidlich der Konflikt war, für dessen Eröffnung der Hohepriester stand.
Der Herr der Kammer warf einen letzten Blick auf das Bündel Mensch vor sich. Dann beschrieb er mit belegter Stimme:
»Wie es scheint, haben sie die Arme zweier anderer Gesandter ... mit Lederriemen ... an seinen Leib genäht.« Er fächelte noch heftiger. »Sie haben uns einen Sechsarmigen zurückgeschickt. Das einzige, fürchte ich, was mit ihnen sprechen und das überleben darf.«
»Ehrwürdiger Hüang näng Lüoging, ehrwürdiger Rong hua Zischang!« Die Fistelstimme des Herrn der Unwandelbaren Ordnung klang ratsuchend. Während seine beiden mächtigsten Berater vor die Thronsänfte traten, bildeten acht Herren der Kammer der Tugendhaften Ordnung einen Paravent aus ihren Fächern. Wie schön, dachte Hüang, wir unter uns: mein Herrscher und ich – und der Konkurrent, den ich in den nächsten zwei Jahren beseitigen muß.
»Mein Herr Lauzöng, mein Herr Ziang«, sagte der junge Herrscher halblaut. »Ich nehme an, daß ich jetzt den Angriffsbefehl geben muß?«
»Die Fang«, verneigte sich Hüang, »haben den Kampf eröffnet und damit den alten Pakt des Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, gebrochen. Wir sind der Verpflichtung ledig, ihnen den Tribut der Roten Steine zu entrichten und ihnen zu huldigen. Und neben dir, o Herr der Unwandelbaren Ordnung, hat niemand zu stehen, der den Tugendhaften Weg des Himmlischen Willens verweigert.« Ich habe es vollbracht, dachte Hüang, ich habe es tatsächlich vollbracht zu sagen, daß die Blauen Götter nicht mehr den Willen des Himmels tun.
»Die Blauen Götter«, erklärte Kriegsherr Rong hua Zischang, jedes einzelne Wort betonend, »sind die Verkörperung unstillbarer Kriegswut, wie es die alten Heldensagen berichten. Wir dürfen diesen Feind nicht in Serkan Katau dulden. Jetzt, o Höchster Kriegsherr der Geheimen Kammer, heißt es kämpfen wie noch nie.«
Rings um die Thronsänfte begann ein Zeremoniell abzulaufen, das die Hälfte der Würdenträger gemeinsam aus den Richtlinien des Tugendhaften Weges des Himmlischen Willens und historischen Schriften erstellt hatte; die andere Hälfte des Hofes war dazu da, als Zeugen die Nachricht hinauszutragen, daß die Kriegserklärung des Reiches der Tugend an den Unvollendeten Palast eine Handlung von makelloser Tugend gewesen sei.
Während ringsum Chöre, Gongs und Schallhörner erklangen und aus der Ebene Kriegsposaunen, Pauken und Heerscharen antworteten, schritt Hüang im Kreise der anderen sieben Hohepriester wieder zur Zeremonialterrasse. Auf dem Weg winkte er den Arzt herbei.
»Pflegt den unwürdigen Herrn gesund«, befahl er. »Ich will, daß er ausreichend bei Kräften ist, wenn er dem Schmetterlingstod unterworfen wird.«
Grosse Maschinen
Vor dem Unvollendeten Palast, etwa zur gleichen Zeit
»Da sind sie!« Der Ringwall starrte nun von ungeheuerlichen Gestalten. Alle paar Schritt ragte einer dieser blauen, sechsarmigen Riesen auf.
»Sie bewegen sich tatsächlich«, bemerkte Hauptmann Kapaung beeindruckt.
»Wie groß sind sie?« fragte sein Erster Wachtmeister.
»Schwer zu schätzen!« meinte Kapaung. »Das Tor der sechs Knäufe, sagen die Kundschafter, ist achteinhalb Götterfuß hoch. Die Mauer, siehst du, ist doppelt so hoch. Demnach messen sie – der Himmel steh uns bei – fünf, sechs oder gar sieben Götterfuß.« Schätzen und rechnen konnten die meisten Offiziere der Geschütze.
»Das sind zwei Mannslängen!«
Kapaung schwieg. Aber in seinem Kopf erklangen die Worte der Hohepriesterin von Tschöng-Hau Leng: »Du stehst vor dem größten Gegner deines Lebens.«
Die Kriegsposaunen gellten nun von allen Seiten, und die Pauken grollten wie ein entfesseltes Gewitter.
»Die Sicht ist schlechter als gestern«, stellte der Erste Wachtmeister mit einem Blick zum zunehmend diesigen Himmel fest. »Findest du es nicht beunruhigend, daß wir alle Probewürfe, Plänkeleien und andere Methoden, den Gegner, seine Zahl, seine Befestigung und die Wirkung der eigenen Waffen zu messen, unterbleiben lassen mußten?«
Hauptmann Kapaung sah seinen Offizier nicht an. »Die Hohepriester haben entschieden, daß selbst ein einzelner Wurf gegen den Unvollendeten Palast, um die Reichweite zu prüfen, bereits einen Angriff darstellen würde. Wir haben anzugreifen, wenn es der Wille des Himmels ist.«
»Ich zweifle die Weisheit der Hohepriester nicht an«, sagte der Erste Wachtmeister vorsichtig, aber er war ein schlechter Lügner.
»Immerhin wissen wir, daß wir ... nichts wissen«, brummte Kapaung und kratzte sich am Kinn. »Kundschafter haben sich nächtens bis zu dem eigentümlichen runden Ringwall geschlichen, um den Stein zu untersuchen. Und es heißt, daß man den ersten die Zunge herausreißen ließ, weil ihre Berichte so unbrauchbar waren: ein unbekanntes Gestein, vielleicht auch ein Metall, kalt und glatt, fugenlos. Aber jeder Kundschafter kam mit dem gleichen Bericht zurück.«
»Was«, murmelte der Wachtmeister verschwörerisch leise, »hat es mit der Geschichte mit den Tunneln auf sich?«
Hauptmann Kapaung bleckte die Zähne. »Es scheint, daß die Priester das nicht als Angriff werteten. Die Schanzbauern begannen schon im Frühling, Tunnel auf den Ringwall zuzutreiben. Dann müßte man heute nur die Stützbalken weghauen und ...« Er schüttelte den Kopf. »Hatte aber wohl keinen Erfolg. Die Ingenieure stellten anscheinend fest, daß der Boden rings um den Unvollendeten Palast auf einem seltsamen Fels steht, an dem sogar die besten Meißel aus ajunäischem Eisen zerbersten.«
Wie eine verebbende Welle verstummten die Kriegsposaunen und Pauken. Schweigen pflanzte sich den Ring entlang fort. Dann erklang der riesige Kriegsgong auf der Zeremonialterrasse. Jaulend stieg ein Drachenpfeil auf, ein, zwei, drei Baumhöhen, und zerbarst mit einem weithin hallenden Knall.
»Tu-gend!« erschallte der Befehl von mehr Offizieren, als ihn jemals zuvor gemeinsam gerufen hatten, verwischt, mit scheinbaren Echos von der anderen Seite des Belagerungsrings.
»Hoi!« dröhnte die Antwort aus einer Million Kehlen. Und es war wohl keiner unter den Anwesenden, der nicht erschauderte im Angesicht dieser geballten Kraft.
Von den Mauern des Unvollendeten Palastes kam eine Antwort: ein urtümliches Brüllen, in das sich ein Fauchen wie von entweichendem Dampf mischte. Die Blauen Götter! Ihre Antwort war nicht halb so laut wie der Ruf des Länder überspannenden Feldes der Krieger – aber irgend etwas in diesem Brüllen ließ das heilige Schaudern in eisiger Kälte erstarren.
»Ihr ehrwürdigen und würdigen Herren an den Großen Maschinen!« rief Hauptmann Kapaung seinen Männern zu. Die wohlriechende Hohepriesterin hatte es vorhergesagt: Er stand zweitausend Läng von der Mangalischen Küste entfernt bereit, um mit seinen Schleudergeräten eine Festung anzugreifen. Gewöhnlich war es ihre Aufgabe, die Hafenfestungen Tschöng-Hau Lengs vor Seeräubern zu verteidigen. Doch seit den Überfallen der Mangalier und ihren gewaltsamen Ansiedelungen, die der Küste ihren Namen gegeben hatten, waren mehrere Generationen vergangen. Kapaung hatte vor fünfzehn Jahren ein einziges Mal erlebt, daß er sein Geschütz auf ein Auslegerschiff von den Inseln hatte werfen lassen.
Der General der vereinigten Geschütztruppen gab ein Zeichen mit seinem Fächer, und der Hauptmann gab den Befehl weiter: »Werft eure Lasten – jetzt!«
»WuTeng!« Acht Finger zu acht mal acht Mann warfen sich in die Taue. Ihr gemeinsamer Ruck ließ den langen Wurfarm senkrecht hochschnellen. Krachend schlugen die Balken gegen die Dämmung, knatternd fielen sie zurück. Die acht Salven flogen auf den Ringwall zu. Und sie waren Tropfen eines Regens, der von den anderen Geschützstellungen aufstieg und auf den Unvollendeten Palast niederging.
Gute Ingenieure, dachte Kapaung. Fünf seiner Salven gingen über den Ringwall hinweg und schlugen mit vernehmlichem Knirschen in den Unvollendeten Palast ein. Zwei trafen bereits jetzt die Mauer. Nur eine Salve schlug fünfzehn Götterfuß vor der Mauer in den Graben.
»Erster Wachtmeister, laß Wachtmeister Giö-Piang ausrichten, wenn der nächste Wurf wieder so kurz geht, werde ich ihn auf die übernächste Salve binden.«
»Nicht viel zu sehen«, meinte der Hauptmann wenig später, als sein Adjutant zurückgekehrt war. Die ersten Mauertreffer seiner Einheit hatten so wenig sichtbare Spuren hinterlassen wie die der anderen.
»Nun, höchstehrwürdiger Hauptmann, das war nach dem, was du sagtest, wohl zu vermuten.« Sie hatten alle erwartet, daß die ersten Salven lediglich dazu dienen würden festzustellen, welcher Beschuß die größte Wirkung zeigte. Die Großen Maschinen, deren Baupläne angeblich von den sagenhaften Magiern von Shaitang und Xang Na Tang stammten, hatten noch ganz andere Munition auf Vorrat: Eisenkugeln und Fettbomben, um härtesten Stein zu sprengen, und siedendes Öl und glühende Steine, um die Mauern in weitem Umkreis in ein flammendes Inferno zu verwandeln.
Viele andere Waffen, mit denen das Reich der Tugend die Barbarenvölker bezwungen hatte, blieben ungenutzt. Es erschien den Kriegsherren sinnlos, die Götter mit Knalltöpfen zu erschrecken, mit Weidenkörben voll Giftschlangen zu bewerfen oder betäubenden Rauch aus dem Geist des Senfkorns mittels Blasebälgen auf die Mauern zu treiben.
»Nun, selbst wenn wir ihren Wall nicht so schnell knacken wie ein mangalisches Piratenschiff«, meinte Kapaung etwas lässiger, als er sich fühlte, »werden wir sie auf jeden Fall so beschäftigen, daß die Schützen und Schleuderer vorrücken können.«
Ringsum begannen jetzt die Heerscharen der Fernkämpfer mit ihrem Vormarsch. Da sah man die Schleuderer der Kilang Klan, federgeschmückte Söldner in ihren Lederkilts, die versuchen würden, auf hundert Götterfuß an den Wall heranzukommen, um ihn mit Donnerkugeln und Bleikugeln zu bedecken. Die große Masse machten die Kreuzbogenschützen aus, die nun die Sehnen auf ihre Waffen zogen. Sie griffen vor allem im Süden an, nicht, weil hier das Tor der sechs Knäufe lag, sondern wegen des vorherrschenden Südwindes in ihrem Rücken. Auch sie mußten zumindest auf zweihundert Götterfuß an den Ringwall herankommen.
Dahinter rückten die Bambusschleudern vor. Man sah den Männern in den rotlackierten Lederwämsern der Hilfstruppen nicht an, wie gefährlich die Waffen auf ihren Karren waren. Die senkrecht befestigten Bambusstäbe konnten, wenn sie waagerecht herabgezurrt wurden, ihre Munition vierhundert Götterfuß weit schleudern: große Donnerkugeln, brennende Pechtöpfe, glühender Sand oder scharf geschliffene Steintrümmer.
»Ich bin gespannt«, lachte Hauptmann Kapaung, »was sie jetzt ...« Da stürzte sein Erster Wachtmeister, wie von einer Faust ins Gesicht getroffen, nach hinten und blieb regungslos liegen.
DerGöttergleichetafelt
Auf der Zeremonialterrasse vor dem Unvollendeten Palast, etwa drei Stunden nach Tagesanbruch
»... und schließlich, als vierundsechzigster Gang, werden wir mit dem Willen des Himmels reichen: Fleisch vom Blauen Gott, zubereitet wie angemessen.« Keiner der vielen hundert Höflinge ließ sich die Erregung anmerken, als der Hochküchenmeister der Kammer der Tugendhaften Ordnung den entscheidenden Punkt der heutigen Speisenfolge erreicht hatte – aber dennoch war die Spannung rings um den Thron greifbar.
»Der Himmlische Wille ist unser Wille«, deklamierte der Herr der Unwandelbaren Ordnung formvollendet. Beeindruckend, dachte Hüang näng Lüoging, ihm merkt man wirklich keine Regung an. War der junge Herrscher so naiv, wie Hüang dachte? Oder war doch etwas von dieser überirdischen Kraft in ihm, die Unvorstellbares ungerührt befehlen konnte?
Während sich der Hochküchenmeister auf seinen Knien auf den vier mal acht Götterfuß langen Rückweg machte, begannen die Fachleute der Kammer des Krieges mit dem Aufbau des Fernrohres aus cornischem Glas. Die Barbaren waren den Kataueken in den meisten Künsten unterlegen, aber im Schleifen von Glas war das ferne Monte Flora unübertroffen.
»O Höchster Kriegsherr der Geheimen Kammer, kannst du den Ringwall erkennen?« Kengsau hua Gilang hatte die ehrenvolle Pflicht an sich gerissen, dem Herrscher, während dieser durch das Fernrohr blickte, die einzelnen Elemente des Angriffs zu beschreiben. Bemerkenswert, dachte Hüang, in der Geheimen Kammer tobten unübersehbar dieselben Intrigen. Wieviel geeigneter wäre doch Kriegsherr Rang hua Zischang gewesen; doch der zweifellos beste Stratege, umgeben von Beratern und Botenläufern, war natürlich damit beschäftigt, den Angriff zu leiten, den sein Verbündeter und Rivale nun beschrieb.
»Jetzt sehe ich sie, ehrwürdiger Kengsau«, verkündete der Göttergleiche, im Selbstbewußtsein, für den ganzen Hof zu sprechen. »Sie sind über die Maßen ungestalt!«
»Dahinter, o Höchster Kriegsherr der Geheimen Kammer, kannst du die roten Türme des Unvollendeten Palastes erkennen. Schierer Roter Stein, wie wir vermuten müssen.« Bleib bei deinem Gebiet, Krieger, dachte Hüang finster.
»Wo sind die Götterfresser?« fragte der Herrscher wie ein verwöhnter Knabe.
»Im Zentrum, o Höchster Kriegsherr der Geheimen Kammer«, beeilte sich Kriegsherr Kengsau hua Gilang zu erklären. »Erlaubst du, daß ich das Fernrohr darauf ausrichte?«
»Nicht so einfach für den hochehrwürdigen Kriegsherrn«, wandte sich Hüang mit giftigem Lächeln zu Musang. »Die Götter und die Götterfresser. Was sonst sollte den Herrn der Unwandelbaren Ordnung interessieren?«
»Ein hübsches Detail für die Dokumente über diesen Tag«, murmelte Musang hinter dem Fächer. »Ich werde das gleich einfügen lassen.«
»Du hast, hochehrwürdiger Musang«, hob Hüang überrascht die Augenbrauen, »die Siegesschriften bereits schreiben lassen?« Der Unsterblichkeitsberater mußte feststellen, daß es selten gelang, ihn an Zynismus zu übertreffen.
»Du und Kriegsherr Kengsau sind nicht die einzigen«, lächelte Musang kalt, »die diesen Tag für ihre Selbstdarstellung benutzen. Wenn der Herr der Unwandelbaren Ordnung mit dir die Eßstäbchen ergreift, um den vierundsechzigsten Gang zu beginnen, werde ich das Dokument deklamieren, mit dem wir alle in die Geschichte eingehen.«
Hüang fühlte einen unangenehmen Geschmack im Mund. Das hatte er tatsächlich vergessen. Als Unsterblichkeitsberater war Hüangs Leben mit dem seines Herrschers verbunden, und so hatte er das Privileg, als einziger Mensch mit dem Herrn der Unwandelbaren Ordnung zu speisen, gleichzeitig und ebenfalls alle acht mal acht Gänge.
Fleisch vom Blauen Gott, zubereitet wie angemessen. Der bedauernswerte Hochküchenmeister zermarterte sich also wohl derzeit den Kopf, wie er Fleisch zubereiten sollte, das noch nie zuvor ein Mensch gesehen hatte.
»O Höchster Kriegsherr der Geheimen Kammer, ich erstatte Bericht!« Ein Herr der Dritten Kammer des Krieges warf sich vor den Mantikorenthron nieder. In der Hauptstadt war er ein Mann, der über einige Tausend Beamten gebot und mit einer längeren Seidenschrift einen General zerstören konnte. Aber jetzt zeigte sich die Anspannung in seiner kauernden Gestalt und seinem Gesicht, das er ehrfürchtig dem Herrscher entgegenhob.
»Wir haben von dreiundzwanzig Generälen gleich lautende Meldungen über ...« Der Mann unterbrach sich und räusperte sich betreten, bis er erkannte, daß sein Schweigen die Peinlichkeit seiner Nachricht noch verstärken mußte. »Unerklärliche Verluste, o Herr der Unwandelbaren Ordnung. Die Soldaten fallen tot um. Bisweilen zwei hintereinander Stehende.« Er blickte hilfesuchend in die Reispapiere mit seinen Notizen. »Sie haben Bolzen aus schwarzem Erz im Schädel oder einfach nur Löcher.«
Der Höchste Kriegsherr der Geheimen Kammer gab die Frage mit deutlicher Geste an seine Berater weiter und bemühte sich, durch das neu justierte Fernrohr zu spähen.
»Aber es steht doch keine Heerschar auch nur in Geschützreichweite«, protestierte Kriegsherr Sadong mit dem weinerlichen Ton eines Mannes, der sein Leben lang Verantwortung abgeschoben hatte.
»Wie viele Soldaten?« Die Frage von Kriegsherr Rong hua Zischang war zielsicher wie immer. Ja, er war zweifellos der beste Stratege.
Erneut blickte der Herr der Dritten Kammer in seine Aufzeichnungen: »Dreihundertsiebenundvierzig zuletzt. Besonders bei den Geschützen. Aber es kamen bereits wieder Boten, als ich die Wandernde Kammer verließ.«
»Das sind die Unspannbaren Eisenbogen!« Drei Dutzend Augen richteten sich auf Hüang näng Lüoging. Er stellte befriedigt fest, daß die Kriegsherren instinktiv einem Hohepriester die Antwort zutrauten. Damit hatte er Gelegenheit, das Problem bereits wieder zu seinen Gunsten zu nutzen. »Dann sind die Legenden aus der Seidenen Bibliothek wahr. Zwei Seidenschriften zufolge trugen die Blauen Götter zur Zeit des Kriegsherrn der Geheimen Kammer, der die Mantikoren bezwang und verspeiste, auch Schußwaffen mit drei Bogen aus schwarzem Eisen. Sie konnten, so heißt es, schon von den Hügeln aus auf die Krieger in den Städten schießen. Einer Elfenbeintafel zufolge wurde eine dieser Waffen erbeutet. Man nannte sie die Unspannbaren Eisenbogen. Nach ihrem Vorbild gestalteten die Herren der Kammer der Ingenieurskunst später die ersten Kreuzbogen.«
»Wie konntest du es versäumen, dies dem Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer und seinen Herren der Kammer des Krieges mitzuteilen?« Kengsau hua Gilang war kampfbereit wie immer. Für andere mochte der Krieg draußen auf der Ebene toben – ihm war klar, daß er hier vor dem Thron geschlagen wurde.
»Verzeiht meinen Übermut, daß ich es getan habe«, antwortete Hüang mit einer Verneigung vor den versammelten Kriegsherren, die das amüsierte Blitzen in seinen Augen nicht verbergen konnte. »Ich verlas seinerzeit persönlich die Tafel der Acht Weisheiten der Seidenen Bibliothek zum Kriegsplan des Herrn der Unwandelbaren Ordnung. Die zweite Weisheit riet ausdrücklich, die Soldaten außerhalb der Reichweite von Geschützen aufmarschieren zu lassen.«
Hüang erinnerte sich daran, was ihn diese Expertisen gekostet hatten. Er hatte zwei Herren der Kammern hinrichten lassen müssen, zwölf Gürtel roten Goldes bezahlt und vierzehn Nächte selbst über den endgültigen Formulierungen gebrütet: Formulierungen, die, obwohl nur aus Märchen aus den Archiven und Hausverstand geflochten, vor denn Höchsten Kriegsherrn der Geheimen Kammer und all seinen Ratgebern als gesammelte Weisheit der Ahnen präsentiert werden konnten und die, obwohl in Elfenbein graviert, flüssig waren wie Honig, der im Munde süß schmeckt, aber auf den Kleidern des Unachtsamen haftenbleibt.
»Die Soldaten stehen außerhalb der Reichweite aller bekannten Geschütze, Schleudern und Drachenpfeile!« Kriegsherr Sadong versuchte wieder die Verantwortung abzuschieben. Kengsau hua Gilang neben ihm – das zeigte sein Gesicht – sah die Falle zuschnappen.
»Außerhalb der Reichweite aller euch bekannten Geschütze, Schleudern und Drachenpfeile!« Hüang näng Lüoging ließ den Satz wirken wie ein schleichendes Gift aus Viperzähnen. Zwei Hohepriester legten den Vorwurf genauer dar – damit ihn auch der Herr der Unwandelbaren Ordnung begriff.
Mit solchen Trivialitäten hielt Hüang sich nicht mehr auf. Meine Beute, dachte er, der Tag fängt gut an. Er wandte sich ab und blickte scheinbar interessiert auf das Schlachtfeld. Keiner hier vor dem Mantikorenthron machte sich größere Gedanken über einige Hundert durchschossene Schädel. Die Kriegsherren würden schnell eine Lösung finden. Und da draußen würden heute noch hunderttausend fallen ...
Das letzte Tauchen
Im Ozean des Abends, nördlich von Ajuna,
östlich von Esanuk, zur gleichen Zeit, Vormittag
Der Norga-Wal zog eine blutige Spur hinter sich her. Wie ein Schleierband wehte sie an der schwarz-weißen Flanke entlang, verwirbelte in den heftigen Schlägen der mächtigen Schwanzflosse und verwehte, zwei Leibeslängen weiter hinten, in einem Hauch, der das Meer noch immer färbte.
Der Norga atmete einmal in jeder Minute – ein gehetztes Hecheln für ein Tier, das seinen Atem eine halbe Stunde für sich behielt, wenn es selbst jagte. Ja, er war das machtvollste Raubtier dieser Welt – außer dem, was ihm folgte.
Es war nicht das erste Mal, daß ihn die Luftschatten jagten. Sein verkraterter Rücken zeugte davon, genau wie die Narbe über der Stirn. Drei Wurfzähne staken in verknöcherten Wunden in seinem Rücken und seinen Flanken: schwarzer Obsidian der Abendsonnenhäutigen auf den kleinen Luftschatten und Stahl der Bleichen Schreier auf den großen Luftschatten.
Dreimal hatten sie ihn überrascht und ihm ihre Wurfzähne in den Leib geschleudert. Beim ersten Mal, vor langer, langer Zeit, war er mit dem entkommen, was der Norga konnte wie kein anderes Lebewesen: Schnelltauchen.
Doch beim zweiten Mal hatte ihn der Schmerz gehindert – und das seltsame Tanggeflecht, das den Wurfzahn mit dem großen Luftschatten verband. Damals hatte er zu kämpfen begonnen. Er hatte gekämpft, wie er mit den anderen Bullen seiner Rasse gekämpft hatte, ja wilder noch. Der Rammstoß hatte seine Stirn aufplatzen lassen, aber er hatte festgestellt, daß die Knochen der Luftschatten, hundertfach nebeneinanderliegend, brüchig waren wie alte Korallen.
Der große Luftschatten war wieder näher gekommen. Pfeifend atmete der Norga aus und versuchte, seinen erlahmenden Schwanz in heftigeren Schlägen zu bewegen. Vergeblich!
Denn diesmal hatten ihn nicht die Luftschatten verletzt. Die Wunde in seinem Rücken, die Länge einer Brustflosse von dem kraftvoll pumpenden Herzen entfernt, aber viel zu nahe neben dem riesenhaften Rückgrat – diese Wunde hatten die Sterne geschlagen.
Heute Nacht hatte er an der Wasseroberfläche gelegen und zu den Sternen gesungen, wie es die Norgas in so vielen Nächten taten – und noch viel mehr, seit der neue Stern am Himmel stand. Ein altes Lied war aus dem Urgrund seines Herzens aufgetaucht, ein Lied, das er trotz seines Alters niemals selbst gesungen haben konnte. Aber der Norga wußte, daß ebensosehr, wie die Norgas die Lieder sangen, die Lieder die Norgas singen ließen.
Der große, alte Norga hatte die Sternenblitze gezählt. Jede Nacht waren es mehr geworden. Grellweiße Linien, so perfekt gerade wie nichts, das im Meer wuchs, lag oder sich bewegte. Vor zwei Nächten hatte der Norga einen das Wasser erreichen gefühlt. Seine Augen hatten die aufgischtende Fontäne kaum erahnt. Aber seine Haut hatte die seltsame Welle unter Wasser gespürt: merkwürdig, von einem so winzigen Punkt ausgehend und so kraftvoll wie keine, die er kannte. Sein Gehör schließlich hatte ihn die Gewalt begreifen lassen: ein kochender, zischender Aufschlag, der ihn so viel später erreichte. Der Norga war es gewohnt, daß ihn die Flossenlaute der Beute verzögert erreichten – und die Lieder der Brüder hörte er oft Stunden, nachdem sie gesungen worden waren. Dieser Einschlag war eine halbe Stunde entfernt gewesen – und das war gefährlich nahe für etwas von dieser Kraft.
Die Bleichen Schreier! Sie waren wieder näher gekommen. Anscheinend verständigten sie sich nur mit diesen Möwenschreien; sie hingen in den Flügeln der Luftschatten und schrien. Erschaudernd erinnerte er sich an die früheren Jagden: Sie schrien, wenn er die Richtung änderte, und ihre Schreie hallten aus allen Flügeln wider; sie schrien dumpf, wenn er tauchte. Doch dieser Fluchtweg war ihm verwehrt. Die Wunde am Rückgrat zwang ihn hoch, sie machte schon die Krümmung zum Abtauchen zu siedendem Schmerz. So blieb ihm nichts als die Flucht geradeaus, mit halb versteiftem Oberleib und zunehmend erlahmender Schwanzflosse, halb über Wasser, wo er am schnellsten war – und am verwundbarsten.
Verwundbar! Heute nacht hatte ihn der Himmel verwundet. Andächtig hatte er gesungen und emporgeblickt zu dem neuen Stern, der beinahe so groß wie der Mond geworden war. Und dann war der Blitz gekommen. Einen halben Augenblick zuvor hatte ihn das Allauge, tief eingebettet über seiner Stirn, erahnt. Dann hatte jener grausame Schlag ihn getroffen.
Was immer ihn verwundet hatte, war kleiner als ein Heringsauge. Er konnte es fühlen; viel zu tief war es in sein Fleisch gedrungen, zu tief für etwas, das so klein war. Und nichts von dieser winzigen Größe hätte sein Fleisch so grausam aufreißen dürfen, schlimmer noch als die feindseligen Oktopoden. Die Lunge litt mit jedem Atemzug, aber der Balg war unverletzt; so viel wußte der Norga. Der Blubber, die enorme Fettschicht, die ihn in der Eiseskälte der Tiefsee schützte, hatte den Schlag aufgenommen. Irgend etwas in ihm blutete, etwas, das seinen Magen sich verkrampfen ließ. Und irgend etwas war in ihn eingedrungen – etwas, das nicht lebte und nicht tot war, etwas Fremdes und doch seltsam Vertrautes.
Wieder ein Schrei! Es war der Schrei, der in größeren Abständen wiederkehrte, solange er in gerader Linie floh: zufrieden, gierig, triumphierend. Vier Körperlängen noch!
Ein neuer Schrei, tiefer und bestimmend. Schon begannen sie aus seiner Fluchtlinie auszuscheren. Sie setzten sich neben ihn: rechts, da, wo er bereits blutete. Der Norga mußte nicht zurückblicken, er mußte sich nur erinnern: jetzt standen die Bleichen Schreier an der linken Seite des Luftschattens, die Wurfzähne erhoben, bereit für seinen schwarz-weißen Rücken.
Kämpfen? Wenden und Rammen – das hatte ihn zweimal gerettet. Die Luftschatten schienen eher Vogel als Fisch zu sein, denn wenn ihre geborstenen Leiber das Wasser aufnahmen, versanken sie wie sterbende Albatrosse.
Die Bleichen Schreier hatten damals noch länger gekämpft. Er hatte sie zunächst für die Brut der Luftschatten gehalten, vielleicht auch deren Begleiter, wie die Pilotfische, die manchen seiner Brüder folgten, um ihnen die Hautparasiten abzunagen. Aber sie waren eher wie die Giftfäden der Riesenqualle gewesen, unscheinbar, weithin verteilt – doch tödliche Waffen. Also hatte er weiter gekämpft. Mit Schwanzhieben zunächst. Als er gemerkt hatte, daß sie ohne Wurfzähne fast wehrlos waren, beinahe unbeweglich dazu, da hatte er zu jagen begonnen. Sie hatten genau die richtige Größe: wie Thunas, wie kleine Haie, wie junge zehnarmige Kalmare – wie das, was er fraß, ob in den lichten Obergewässern oder in der Tiefsee, wo nur noch Ohren, Haut und Allauge die Beute entdeckten ...
Nein, er konnte nicht wenden. Sein Rückgrat war steif wie eine Koralle. Und den Aufprall seiner Stirn hätte er nicht ertragen. Aber die Wurfzähne ...
Zwei Längen noch! Die Schreie gellten hin und her. Tauchen – unerträglich. Wenden – unmöglich. Weiterschwimmen – tödlich!
War dies das letzte Tauchen? Er hatte so oft davon gesungen: als seine Mutter, deren Zitze ihn genährt hatte, sich auf den Weg zum Walfriedhof gemacht hatte; als die Muhme, auf deren Rücken er ins Meer gekommen war, die ihn in den ersten Stunden getragen hatte, während seine Mutter und er geblutet hatten, ihrer Schwester gefolgt war, um zu sterben; als das Kind, das er gezeugt und beschützt hatte, gestorben war, fiebrig heiß, mit verklebten Augen; und als – nach und nach – die drei Gefährtinnen, die er in Nächten voll Sternengesang umworben hatte, mit denen er, Bauch an Bauch, das Spiel des Lebens vollzogen hatte, zum Walfriedhof gezogen waren.
Wer würde für ihn singen? Nur noch jene Brüder und Schwestern, die ihn als Stimme kannten, eine besonders kraftvolle Stimme, die irgendwo in den Weiten des Ozeans Lieder sang, welche die jüngeren noch nicht kannten. Wie das Lied vom neuen Stern, das er als einer der ersten angestimmt hatte.
Der große, alte Norga fühlte ein Lied in sich erwachen. Zunächst glaubte er ein Lied des Friedens zu fühlen; etwas, das ihn drängte, der Erschöpfung nachzugeben. »Laß dich sinken. Nimm die Wurfzähne an. Versinke im Schmerz. Finde Frieden!«
Aber da war noch etwas anderes. Etwas flüsterte in ihm. Es flüsterte in dem Allauge in seinem Schädel, das ihn auf der Jagd und auf den Reisen das Weltennetz ahnen ließ – und es flüsterte in der Wunde, tief unten, an der Stelle, wo das saß, was nicht lebte und nicht tot war. Und es flüsterte ein Lied des Erschaffens, der Wiederkehr vergangener Größe – einen Ruf!
»Gib nicht auf! Du mußt mich singen!« flüsterte es. »Wenn du jetzt aufgibst, wirst du mich nie singen.« Ein Schrei entrang sich seiner mächtigen Brust. Aus dem Atemloch drang ein gewaltiger Stoß und ließ das gischtende Fahrtwasser aufsprühen.
Erkennen! Für einen kurzen Augenblick flackerte ein Eindruck von bereits Erlebtem in ihm auf. Sein Allauge schien anzuschwellen, verwandelte sich in einen glühenden Feuerball.
Nicht in seinem Schädel ... Am Himmel! Über dem Meer! Das rechte Auge des Norgas quoll beinahe hervor. Dort am Horizont – unterhalb der Morgensonne!
Dann schrien die Bleichen Schreier ...
Sternenblitz! Was immer ihn heute Nacht getroffen hatte – es war ein Krebsehen neben einem Wal, verglichen mit ...
Der große, alte Norga warf sich herum. Nach rechts, obwohl sein Rückgrat zu brechen schien; obwohl der Luftschatten, dessen Bahn er kreuzte, fast seinen Schwanz berührte.
Der ganze Horizont war eine Wand aus weißem Wasser. Ein Schlot, der sich ins Meer bohrte, eine Wand aus Regen, die emporwuchs, der Sonne entgegen, und rings herum das gequälte Meer, das beiseite gedrängt wurde von einer Macht, die – für diesen Augenblick – selbst ihm hundertfach überlegen war.
Die Welle! Wenn seine Haut diese Welle fühlen würde, in erschreckend kurzer Zeit, dann mußte er viel Wasser um sich haben.
»Tauche!« flüsterte die Stimme nahe seinem Rückgrat. Der Norga zog Luft und krümmte sich – abwärts. Etwas, das ihm während der letzten Stunde, selbst im Angesicht des Endes, unerträglich gewesen war. Der Schmerz war wie ein ferner Traum. Da war nur mehr das vertraute Gefühl der eigenen Macht: die Luft, welche die Lunge bis zum Bersten blähte, der Schwanzschlag, der ihn abwärts trieb, und der Druck in den Luftkammern und Schädelknochen, der stetig anstieg.
Nein – schlagartig! Der Hieb kam von allen Seiten zugleich, es war das Gefühl der Tiefe. Aber sonst brauchte er eine Viertelstunde kraftvollsten Tauchens, um dies zu fühlen! Die Last des Ozeans über ihm! Ein halber Ozean stürzte auf ihn.
»Wach auf!« Luft! Auftauchen. Etwas hatte ihm die Luft aus den Lungen gepreßt – und das Bewußtsein aus der Seele. Hinter ihm war das Nichts des Vergessens, tiefer als jeder Schlaf.
Der Schmerz! Der Norga quälte sich empor, dem Licht entgegen. Sein ganzer Leib war Schmerz; die Wunde, die Wirbelsäule, die geschundenen Muskeln, die eine Stunde lang ihr letztes gegeben hatten, die Lunge, die nun auch noch einen Tauchgang ertragen hatte.
Luft! Fauchend fuhr die verbrauchte Luft aus dem Atemloch. Nein, er war nicht tief getaucht. Der unvorstellbare Druck war nicht die Tiefsee gewesen, sondern die Welle. Aber die Luft hatte er verbraucht, während er bewußtlos getrieben war da unten.
Das Meer war Schaum bis zum Horizont. Die ganze Luft war voll Sprühregen. Der Norga schmeckte Blut unter seiner kolossalen Zunge. Die Stirnhöhlen, die Kieferknochen, die Ohren – alles blutete.
Dann kam das Heulen. Vom Himmel herab drang ein Klang, der mit nichts vergleichbar war. Im Gehirn des Norga fügten sich die Sinneseindrücke zusammen, wie das nur bei ihm möglich war: der Schall – eine Viertelstunde Entfernung. Die Druckwelle im Wasser war als nächstes gekommen. Der Sturm vertoste bereits am Horizont. Beide, Sturm und Welle, würden heute und morgen jeden Bruder und jede Schwester auf dieser Welt erreichen – nicht mit der Gewalt, die nur ein Norga überleben konnte. Aber kein Norga würde Zweifel daran haben, daß heute etwas einzigartig Schreckliches diese Welt getroffen hatte.
Rings um den Norga regneten Sardinen und Heringe herab. Muscheln und Korallenbruchstücke prallten auf seine dicke Haut, die lange nichts mehr fühlen würde.
Instinktiv stimmte der Norga einen kurzen Ruf der Suche an. Dort drüben! Treibholz bedeckte die Fläche eines Tangfeldes. Kaum ein Stück gab mehr Echo wider als eine Makrele.
Zwanzig Norgas, tobsüchtig vor Schmerz und Zorn, hätten den Luftschatten nicht so zurichten können. Wäre die Welle geringer gewesen, hätte sie den Luftschatten fortgerissen. Aber der Einschlag war so nahe gewesen, daß das sich aufbäumende Wasser förmlich über sie hereingebrochen war. Dies war nicht der Schlag der verdrängten Wassermassen gewesen, sondern der Aufprall dessen, was in die Luft gepeitscht worden war.
Fast spielerisch schwamm der Norga durch die Trümmer. Da und dort driftete ein Bleicher Schreier; manche unversehrt, manche verstümmelt, ihre Gliedmaßen, ja selbst Köpfe fortgerissen.
Und sie würden lange so treiben, dessen war sich der große Norga sicher. Heute würden keine Möwen kommen und keine Haie. Im Umkreis eines halblauten Liedes konnte keine Kreatur mehr leben außer einem Norga.
Und selbst er hatte heute nur überlebt, um noch mit letzter Kraft den Walfriedhof zu erreichen. Kurz versenkte er sich in die Empfindungen seines Allauges. Dann wandte er sich nach Südwesten.
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